Archiv für Sozialgeschichte| 63 . Band| 2023 223 MAIK TÄNDLER Schönhubers Fanpost NS-Vergangenheit, populistische Wut und antisemitisches Ressentiment vor den Republikanern Im Juni 1985 übernahm Franz Schönhuber den Bundesvorsitz der Republikaner. 1 Er brachte die bis dahin eher nationalkonservative Partei, die zwei Jahre zuvor als Abspaltung von der CSU von ihm mitgegründet worden war, auf einen radikaleren Kurs nach dem Vorbild des zeitgleich in Frankreich aufsteigenden»Front National« Jean-Marie Le Pens. Als»populistisch-rechtsradikale Protestpartei«, die in der Grau‐ zone zum Rechtsextremismus auf die»Mobilisierung von Stimmungen, Affekten und Ressentiments« setzte, konnten sich die Republikaner in den späten 1980erJahren für einige Zeit als dominierende Kraft am rechten Rand des Parteienspek‐ trums der Bundesrepublik etablieren. 2 1986 gelang ihnen bei der Landtagswahl in ihrem Stammland Bayern mit 3% ein erster Achtungserfolg, drei Jahre später sorgten dann ihr Einzug in das Westberliner Abgeordnetenhaus mit 7,5% und ihr 1 Nach wie vor einschlägig zu den Republikanern in den 1980er-Jahren sind die politikwis‐ senschaftlichen Untersuchungen, die zeitgenössisch in Reaktion auf den Aufstieg der Partei zum Ende des Jahrzehnts entstanden sind: Hajo Funke,»Republikaner«. Rassismus, Judenfeind‐ schaft, nationaler Größenwahn. Zu den Potentialen der Rechtsextremen am Beispiel der»Re‐ publikaner«, 2., erw. Aufl., Berlin 1989; Hans-Gerd Jaschke, Die»Republikaner«. Profile einer Rechtsaußen-Partei, Bonn 1990; Claus Leggewie, Die Republikaner. Ein Phantom nimmt Gestalt an, Berlin 1990; Richard Stöss, Die»Republikaner«. Woher sie kommen, was sie wollen, wer sie wählt, was zu tun ist, Köln 1990; vgl. auch die journalistischen Darstellungen von Michael Stiller, Die Republikaner. Franz Schönhuber und seine rechtsradikale Partei, München 1989, und Kurt Hirsch/Hans Sarkowicz, Schönhuber. Der Politiker und seine Kreise. Mit einem Bei‐ trag von Thomas Assheuer über die ›Ideologischen Brücken nach rechts‹, Frankfurt am Main 1989; zum Richtungsstreit in der Frühphase der Partei vgl. Moritz Fischer, Die»Parteienkrise« und die Identität des Konservativen. Die Gründung der Republikaner 1983–1985, in: Thorsten Holzhauser/Felix Lieb(Hrsg.), Parteien in der»Krise«. Wandel der Parteiendemokratie in den 1980er- und 1990er-Jahren, Berlin 2021, S. 70–83. 2 Die zitierte politische Charakterisierung nach Norbert Lepszy, Die Republikaner. Ideologie – Programm – Organisation, in: APuZ 49, 1989, H. 41–42, S. 3–9, hier: S. 8. Die Republikaner, die sich rhetorisch stets vom Rechtsextremismus distanzierten und zur demokratischen Ordnung der Bundesrepublik bekannten, wurden erst seit Dezember 1992 als rechtsextremistischer Verdachtsfall vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet. Ausschlaggebend dafür war vor allem ihre hetzerische Agitation gegen eine vermeintliche»planmäßige Überfremdung« durch»Ausländer« und»Asylanten«, aber auch die auf Verharmlosung der NS-Zeit zielende Propaganda gegen die»Umerziehung«; vgl. Bundesministerium des Innern(Hrsg.), Verfas‐ sungsschutzbericht 1993, Bonn 1994, S. 137–141. All das kennzeichnete die Partei allerdings schon in den Jahren zuvor. Sie lässt sich insofern auch einer extremen Rechten zuordnen, wobei dafür zu klären ist, welche der konkurrierenden Definitionen von Rechtsextremismus dabei zur Anwendung kommt; vgl. dazu mit Blick auf die längere Geschichte der Republikaner etwa Richard Stöss, Rechtsextremismus im Wandel, Berlin 2010(zuerst 2005), S. 14 f. und S. 80 f., sowie allgemein Fabian Virchow, ›Rechtsextremismus‹: Begriffe – Forschungsfelder – Kontro‐ versen, in: ders./Martin Langebach/Alexander Häusler(Hrsg.), Handbuch Rechtsextremismus, Wiesbaden 2016, S. 5–41. 224 Maik Tändler ähnlich gutes Abschneiden bei der Europawahl mit 7,1% für Aufsehen. 3 Die Partei war dabei ganz auf ihr medial und rhetorisch versiertes Zugpferd Schönhuber zugeschnitten, dessen Fähigkeit, sich als Volkstribun zu inszenieren, entscheidend zu ihrem Aufstieg beitrug. Der vorliegende Beitrag befasst sich jedoch nicht mit Schönhuber als Politiker, sondern mit der Zeit unmittelbar vor Beginn seiner politischen Laufbahn. Er be‐ ruht auf der Durchsicht von 16 prall gefüllten Ordnern mit Zuschriften an Schön‐ huber in dessen Nachlass im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München, die ganz überwiegend in den zwei Jahren vor der Gründung der Republikaner verfasst worden sind. 4 Auslöser der Briefeflut war der Skandal um die 1981 veröffentlich‐ te Autobiografie»Ich war dabei«, in der Schönhuber, zu dieser Zeit prominenter Fernsehjournalist beim Bayerischen Rundfunk(BR), apologetisch seine Erlebnisse in der Waffen-SS ausbreitete, zu der er sich 1942 als 19-Jähriger freiwillig gemeldet hatte. 5 Die anhaltende Debatte um das Buch führte 1982 dazu, dass der BR sei‐ nen Arbeitsvertrag kündigte. Zugleich brachten ihm die öffentliche Kritik und die anschließende Entlassung ebenjene im Nachlass erhaltene Masse an schriftlichen Sympathiebekundungen ein, die, so die These, prägenden Einfluss auf Schönhubers späteren politischen Auftritt hatten. Dem Anlass entsprechend thematisierten die meisten Briefe die NS-Vergangen‐ heit – diejenige Schönhubers und der Schreibenden wie auch der Deutschen als Volk. Die Wahrnehmungen und Gefühle, die sich in ihnen artikulierten, waren jedoch weit über eine historische Diskussion hinaus auf ganz gegenwärtige Fragen bezogen: So manifestierte sich in den Zuschriften das Erregungspotenzial eines Teils der westdeutschen Bevölkerung, der sich selbst als tragende Mitte der Ge‐ sellschaft, zugleich aber öffentlich nicht repräsentiert und von den politisch und medial Herrschenden missachtet fühlte. Sie können damit als Quellen für eine zu‐ mindest partielle Rekonstruktion der emotionalen Dynamik auf der Nachfrageseite (rechts-)populistischer Politik unter den spezifischen Diskursbedingungen der spä‐ ten Bonner Republik dienen. 6 Schönhuber, der in der Auseinandersetzung um sein Buch immer wieder stolz auf den großen Zuspruch in Form der Briefe hinwies, 3 Zu den gesellschaftlichen und politischen Reaktionen auf die Erfolge der Republikaner vgl. den Beitrag von Moritz Fischer in diesem Band. 4 Bayerisches Hauptstaatsarchiv(BayHStA), NL Schönhuber 47–62. 5 Im Folgenden zitiert nach der 1983 bei Bastei Lübbe erschienenen Taschenbuchausgabe: Franz Schönhuber. Ich war dabei. Das meistdiskutierte Werk zur Zeitgeschichte, Bergisch Gladbach 1983. Die Originalausgabe erschien 1981, noch ohne Untertitel, in München im Langen Müller Verlag. Zu dessen Chef Herbert Fleissner, der seine Verlegerkarriere auf der Veröffentlichung ehemaliger NS-Autoren aufgebaut hatte, aber auch Stammverleger von Ephraim Kishon war und Bücher von Simon Wiesenthal und Willy Brandt veröffentlichte, vgl. Hans Sarkowicz, Rechte Geschäfte. Der unaufhaltsame Aufstieg des deutschen Verlegers Herbert Fleissner, Frankfurt am Main 1994, zu den insgesamt fünf bei Langen Müller veröffentlichten Büchern Schönhubers ebd., S. 40–48. 6 Allgemein mangelt es in der Populismusforschung trotz der gängigen Hervorhebung emotio‐ naler Aspekte populistischer Mobilisierung an Mikrostudien, die konkrete Gefühle unter kon‐ kreten politischen und gesellschaftlichen Bedingungen analysieren; Nicolas Demertzis, The Political Sociology of Emotions. Essays on Trauma and Ressentiment, London/New York 2020, S. 152. Schönhubers Fanpost 225 brachte deren wutbürgerliche Gestimmtheit dann als Chef der Republikaner auf der Angebotsseite in die Politik ein. Im Folgenden sollen zunächst die Hintergründe, der Inhalt und die Auswirkun‐ gen der schönhuberschen Buchveröffentlichung skizziert werden(I.). Die weiteren Abschnitte widmen sich der Analyse der Briefe anhand einer Auswahl, an der sich exemplarisch zentrale Argumentations- und Gefühlsmuster ablesen lassen. Der Fokus liegt dabei erstens auf den biografisch geprägten Deutungen der NS-Zeit und der Konstruktion eines kollektiven Generationsschicksals als historisch Diffamier‐ te(II.), zweitens auf dem Versuch der historisch-moralischen Rehabilitierung in Form der Selbstdeutung als demokratische Aufbaugeneration(III.), drittens auf den damit verwobenen Gegenwartsdeutungen als Ausdruck einer populistischen»Zorn‐ politik« 7 (IV.) und viertens auf der Artikulation antisemitischer Ressentiments im Zusammenhang geschichtsrevisionistischer Schuldabwehr(V.). Ausführliche Zitate dienen dabei auch dem Zweck, den die emotionale Stimmung sinnlich vermitteln‐ den sound der Quellen nachvollziehbar zu machen. 8 Dass sich quellentheoretische Überlegungen zu den auf eigentümliche Weise zwischen Fanpost, Bürgerbrief und Ego-Dokument changierenden Zuschriften erst im Schlussteil finden, liegt daran, dass ihre Plausibilität auf der inhaltlichen Analyse beruht. I.»Ich war dabei« – Schönhubers Ehrenrettung der Waffen-SS Als»Ich war dabei« 1981 erschien, war Franz Schönhuber beim bayerischen Fern‐ sehpublikum als hemdsärmelig-jovialer Moderator der BR-Sendung»Jetzt red i« be‐ kannt und beliebt. 9 Die bis heute produzierte»erste Bürgersendung« Deutschlands, so die Eigenwerbung, wurde damals monatlich in wechselnden Orten in einem Wirtshaus aufgezeichnet. Dort konnte die lokale Einwohnerschaft ihre konkreten Probleme und Sorgen vortragen, mit denen einige Tage später wiederum Politiker live im Fernsehstudio konfrontiert wurden. 10 In seiner Rolle als Kümmerer und Anwalt der ›kleinen Leute‹ konnte Schönhuber also bereits vor seinem Einstieg in die Politik populistisches Charisma erwerben.»Was uns so sehr an Ihrer Sendung 7 Uffa Jensen, Zornpolitik, Berlin 2017. Zorn lässt sich mit Jensen von Wut insofern unterschei‐ den, als er stärker moralisch aufgeladen und stets auf ein konkretes Objekt gerichtet ist(ebd., S. 113 f.). In gewisser Weise markiert Abschnitt IV den emotionalen Übergang von der Wut über bestimmte Zustände zum Zorn auf die dafür Verantwortlichen. 8 Dabei wird aus Gründen der Lesbarkeit auf die Kennzeichnung der häufigen und im Original wiedergegebenen Rechtschreib- und Grammatikfehler verzichtet. Die Anonymisierung der Ab‐ sender erfolgt in der Regel durch Abkürzung des Nachnamens. Liegt der Vorname nur als Initiale vor, wird davon abweichend ebenfalls der Lesbarkeit wegen der Nachname genannt, der jedoch in keinem der betreffenden Fälle eine Identifizierung ermöglicht. Personen des öffentlichen Lebens werden mit vollständigem Namen zitiert. 9 Vgl. neben den mehr oder weniger ausführlichen biografischen Angaben zu Schönhuber in der unter Anm. 1 angegebenen Literatur den zeitlich weiterreichenden, der Selbstdarstellung Schönhubers allerdings stellenweise etwas unkritisch folgenden Überblick von Uwe Backes, Biographisches Porträt: Franz Schönhuber, in: Jahrbuch Extremismus& Demokratie 12, 2000, S. 268–282, hier: S. 270. 10 Vgl. die Pressemitteilung»›jetzt red i‹: Deutschlands erste Bürgersendung wird 50«, URL: [14.1.2023]. 226 Maik Tändler gefällt«, so schrieb ihm etwa Johanna B. aus München im Januar 1982,»ist, daß Sie die Sprache des einfachen Mannes sprechen, sich um seine Belange kümmern und alles frei von Politik ist.« 11 Der 1923 als Sohn eines Metzgers in der oberbayerischen Kleinstadt Trostberg geborene Schönhuber pflegte dieses Image auch dadurch, dass er gerne auf seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen hinwies. Nach dem Krieg mehr oder weniger zufällig zum Journalismus gekommen, stand er 1979/80 vor dem Höhepunkt seiner Berufslaufbahn: Er hatte es beim BR, bei dem er seit 1972 angestellt war, zum stell‐ vertretenden Chefredakteur und Leiter der Hauptabteilung»Bayern-Information« gebracht und galt nun als chancenreicher Anwärter auf den Chefredakteursposten. Seit Ende 1979 jedoch gingen beim Sender, beim Rundfunkrat und bei einigen Zeitungsredaktionen anonyme Briefe ein, die auf Schönhubers Vergangenheit in der Waffen-SS hinwiesen. Dessen Vermutung, es habe sich dabei um eine Intrige im senderinternen Postenkampf gehandelt, ist nicht ganz abwegig. 12 Schönhubers berufliche Stellung nahm an der Briefkampagne noch keinen Schaden. Er sah sich durch sie jedoch nicht nur veranlasst, sich in Form eines Rundbriefs an das BR-Kol‐ legium zu verteidigen und die»Vergangenheitsbewältigung«, wie sie von Teilen der Medien betrieben werde, zur verfehlten deutschen Selbstkasteiung zu erklären 13 ; er betrachtete sie auch als»Wink des Schicksals«, seine Autobiografie zu schreiben und damit seine privilegierte Position zu nutzen, um ebenso»für diejenigen der ehemaligen Kameraden zu sprechen, die dazu nicht in der Lage waren und sind«. 14 Die Veröffentlichung von Schönhubers Buch fiel in die Zeit einer anschwellenden Debatte um die»nationale Identität« der Deutschen. Sie ging mit der»Rückkehr der Geschichte« einher, einer historischen Selbstvergewisserungssehnsucht, die seit den späten 1970er-Jahren vor dem Hintergrund multipler Krisenwahrnehmungen und eines versiegenden Fortschrittsoptimismus um sich griff. 15 Dieses neue Interes‐ se an Geschichte als Identitätsressource war höchst ambivalent: Es brachte sowohl das vor allem von konservativer Seite forcierte Bestreben einer»Normalisierung« des nationalen Selbstverständnisses als auch neue Impulse zu einer kritischen Vergegenwärtigung der NS-Vergangenheit mit sich. Die darin angelegte Spannung 11 Johanna B. an Schönhuber, 31.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. 12 Schönhuber, Ich war dabei, S. 13. Als sich 1991 ein Antiquitätenhändler aus dem oberbaye‐ rischen Icking als Absender offenbarte und den seinerzeitigen BR-Fernsehdirektor Helmut Oeller der Anstiftung bezichtigte, stritt dieser jedoch ab; Klaus Ott, Anonymer Briefeschreiber ist enttarnt, in: Süddeutsche Zeitung, 18.1.1991. 13 Schönhuber an die Kolleginnen und Kollegen beim BR, 25.1.1980, BayHStA, NL Schönhuber 41. 14 Schönhuber, Ich war dabei, S. 14. 15 Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, 2., durchges. Aufl., München 2017, S. 1010–1022; Axel Schildt, Die Renaissance der Nationalen Frage in den 1980er Jahren, in: APuZ 65, 2015, H. 46, S. 19–25; Eckart Conze, Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart, München 2009, S. 654–664; Edgar Wolfrum, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, München 2007(zuerst 2006), S. 391–400; Andreas Wirsching, Abschied vom Provisorium. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1982–1990, München 2006, S. 466–491; vgl. zeitgenössisch auch die kritische Analyse von Arno Klönne, Zurück zur Nation? Kontroversen zur deutschen Frage, Köln 1984, sowie die Beiträge zur Wiederkehr der »nationalen Frage« in Jürgen Habermas(Hrsg.), Stichworte zur ›Geistigen Situation der Zeit‹, Bd. 2: Politik und Kultur, Frankfurt am Main 1979. Schönhubers Fanpost 227 entlud sich Mitte der 1980er-Jahre in den bekannten vergangenheitspolitischen Auseinandersetzungen – hier seien als Schlagwörter nur Bitburg, Weizsäcker-Rede und Historikerstreit genannt. Die verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit für die NS-Zeit und vor allem ihre Verbrechen, deren empirische historische Aufarbeitung nach 1968 in der Bundes‐ republik gerade nicht forciert wurde, sondern erlahmte 16 , setzte um 1978/79 ein. Eine besondere Rolle spielte dabei die auch begriffsprägende amerikanische Fern‐ sehserie»Holocaust« über die Verfolgung und Ermordung einer jüdischen Familie aus Berlin im Nationalsozialismus, die im Januar 1979 in den Dritten Programmen des westdeutschen Fernsehens ausgestrahlt wurde. Sie löste massenhaft Zuschau‐ erreaktionen in Form von Anrufen und Zuschriften an die Fernsehsender aus, die überwiegend Erschütterung und den Wunsch nach geschichtlicher Aufklärung, zum Teil aber auch eine aggressive, mehr oder weniger offen antisemitische Ab‐ wehrhaltung zum Ausdruck brachten. 17 Unter den Anrufern beim WDR, der zu»Holocaust« eine Telefonhotline freige‐ schaltet hatte, waren auch ehemalige Mitglieder der Waffen-SS, die familiären Nachfragen ausgesetzt waren und klargestellt haben wollten, dass sie weder zu den Einsatzgruppen noch zur Konzentrationslager-SS gehört hatten. 18 Schönhuber machte sich zum prominenten Sprachrohr dieser Männer, war sein Buch doch nicht nur ein persönlicher Erfahrungsbericht, sondern der Versuch einer histo‐ risch-moralischen Rehabilitierung der Waffen-SS als Ganzes. 19 Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er sich darin rückblickend explizit sowohl vom»System« 16 Ulrich Herbert hat in diesem Zusammenhang bekanntlich von einer»zweiten Verdrängung« gesprochen, Ulrich Herbert, Vernichtungspolitik. Neue Antworten und Fragen zur Geschichte des»Holocaust«, in: ders.(Hrsg.), Nationalsozialistische Vernichtungspolitik. Neue Forschungen und Kontroversen, Frankfurt am Main 1998, S. 9–66, hier: S. 19. 17 Frank Bösch, Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann, München 2019, S. 363–395, zu den Zuschauerreaktionen vor allem S. 382–386; in längerer film- und historiografiegeschichtli‐ cher Perspektive: ders., Film, NS-Vergangenheit und Geschichtswissenschaft. Von»Holocaust« zu»Der Untergang«, in: VfZ 55, 2007, S. 1–32; vgl. auch die zeitgenössische Dokumentation von Peter Märthesheimer/Ivo Frenzel(Hrsg.), Im Kreuzfeuer: Holocaust. Eine Nation ist betrof‐ fen, Frankfurt am Main 1979, sowie die medienwissenschaftliche Auswertung von rund 9.000 Zuschriften in Friedrich Knilli/Siegfried Zielinski(Hrsg.), Betrifft:»Holocaust«. Zuschauer schrei‐ ben an den WDR. Ein Projektbericht unter Mitarbeit von Erwin Gundelsheimer, Frank Oster‐ mann und Heino Mass, Berlin 1983. Der quantitative Ansatz dieser mit fast 300 statistischen Tabellen angefüllten Untersuchung geht jedoch merklich auf Kosten einer tiefer gehenden qualitativen Analyse. 18 Bösch, Zeitenwende 1979, S. 384; ähnliche Hinweise auch bei Julius H. Schoeps, Angst vor der Vergangenheit? Notizen zu den Reaktionen auf ›HOLOCAUST‹, in: Märthesheimer/Frenzel, Im Kreuzfeuer: Holocaust, S. 225–230, hier: S. 228. 19 Vgl. für eine ausführliche kritische Inhaltsanalyse unter Einbezug des damaligen Forschungs‐ stands zur Waffen-SS Rolf Düsterberg, Ich war dabei. Franz Schönhuber und die Waffen-SS, in: Krieg und Literatur 1, 1989, H. 2, S. 9–46. Zur Geschichte der Waffen-SS vgl. sonst hier nur Jo‐ chen Böhler/Robert Gerwarth(Hrsg.), The Waffen-SS. A European History, Oxford 2017; Jan Erik Schulte/Peter Lieb/Bernd Wegner(Hrsg.), Die Waffen-SS. Neue Forschungen, Paderborn 2014; Bernd Wegner, Hitlers Politische Soldaten: Die Waffen-SS 1933–1945. Leitbild, Struktur und Funktion einer nationalsozialistischen Elite, Paderborn 2010(zuerst 1982); Martin Cüppers, Wegbereiter der Shoah. Die Waffen-SS, der Kommandostab Reichsführer-SS und die Judenver‐ nichtung, Darmstadt 2005. 228 Maik Tändler des Nationalsozialismus als auch von der»Organisation der Waffen-SS und ihrer ideologischen Zielsetzung« distanzierte. 20 Denn erstens schienen Schönhubers ehe‐ malige Kameraden – alles»gläubige, tapfere und anständige Menschen« – in seiner Beschreibung überhaupt nichts mit der»Organisation« der Waffen-SS und dem »System« des Nationalsozialismus zu tun gehabt zu haben, und zweitens schimmer‐ te doch immer wieder Schönhubers nachhaltige Faszination für bestimmte Aspekte der»ideologischen Zielsetzung« durch. Wenngleich selbst niemals Mitglied in einem Veteranenverband wie der»Hilfsge‐ meinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS«(HIAG), vertrat Schönhuber deren Darstellung der Waffen-SSler als»Soldaten wie andere auch«, die man nach 1945 fälschlich mit der allein für die NS-Verbrechen verant‐ wortlichen Konzentrationslager-SS gleichgesetzt und zum Sündenbock gemacht ha‐ be. 21 Das einzige Kriegsverbrechen, das in»Ich war dabei« ausführlich thematisiert wird, ist bezeichnenderweise die Erschießung von französischen Angehörigen der Waffen-SS-Division»Charlemagne« nach ihrer Gefangennahme durch die französi‐ sche Armee im Mai 1945. Dass die Waffen-SS selbst, wie in Oradour-sur-Glane, Kriegsverbrechen begangen hatte, räumte Schönhuber zwar ein, doch sei ihr»Eh‐ renschild« in dieser Hinsicht nicht stärker befleckt als der anderer Armeen ein‐ schließlich der Wehrmacht. 22 Gegen letztere, vor allem ihr Offizierkorps, finden sich immer wieder Seitenhie‐ be in Schönhubers Buch. Das war auch Ausdruck der unter Waffen-SS-Veteranen verbreiteten Eifersucht auf die Legende von der»sauberen« Wehrmacht, die deren ehemalige Führung nach 1945 auch in dezidierter Abgrenzung zu Waffen-SS und HIAG etablieren konnte. 23 In Schönhubers Darstellung des»einfachen« Soldaten, dessen unpolitisches Pflichtbewusstsein auf tragische Weise von der NS-Elite miss‐ braucht worden sei, lassen sich zudem Motive der populären Landserliteratur der 1950er-Jahre wiedererkennen. 24 Gleichzeitig perpetuierte Schönhuber, der selbst nur einmal 1943 auf Korsika kurz im Gefecht stand, zum einen das Selbstbild der Waffen-SS als einer besonders kampfesmutigen und opferbereiten»Elite« von »Prätorianern«, die zumindest in dieser Hinsicht doch nicht wie andere Soldaten 20 Schönhuber, Ich war dabei, S. 337 f.; dort auch das folgende Zitat. 21 Vgl. Jens Westemeier,»Soldaten wie andere auch!« Der Einfluss von SS-Veteranen auf die öffent‐ liche Wahrnehmung der Waffen-SS, in: Erik Schulte/Michael Wildt(Hrsg.), Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse, Göttingen 2018, S. 269–288; zur HIAG: Karsten Wilke, Die»Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit«(HIAG) 1950– 1990. Veteranen der Waffen-SS in der Bundesrepublik, Paderborn/Wien 2011. 22 Schönhuber, Ich war dabei, S. 325–329 und 335. Schönhuber sprach in Bezug auf das Massaker von Oradour, bei dem 642 Bewohner des französischen Dorfes – darunter 245 Frauen und 207 Kinder – einer»Vergeltungsmaßnahme« der Waffen-SS zum Opfer fielen, euphemistisch vage von der»Ermordung von Geiseln«, die er auf die»fiebernde Erregung des Kriegers« angesichts der»Entführung eines beliebten Frontoffiziers« durch den Feind zurückführte. 23 Bert-Oliver Manig, Die Politik der Ehre. Die Rehabilitierung der Berufssoldaten in der frühen Bundesrepublik, Göttingen 2004; Wolfram Wette, Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungs‐ krieg, Legenden, Frankfurt am Main 2005(zuerst 2002). 24 Habbo Knoch, Die lange Dauer der Propaganda. Populäre Kriegsdarstellung in der frühen Bun‐ desrepublik, in: Wolfgang Hardtwig/Erhard Schütz(Hrsg.), Geschichte für Leser. Populäre Ge‐ schichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2005, S. 205–223, hier: S. 220. Schönhubers Fanpost 229 waren. 25 Zum anderen lobte er immer wieder die egalitären Züge der Waffen-SS: Im Unterschied zum dünkelhaften, hierarchieversessenen Regiment der alten gesell‐ schaftlichen Eliten in der Wehrmacht habe in der Waffen-SS zwischen Mannschaft und Offizieren ein kameradschaftliches Verhältnis geherrscht, und beim Aufstieg in die Führungsränge habe dort nicht die soziale Herkunft, sondern allein die indivi‐ duelle Leistung gezählt. 26 In dieser Darstellung steckte auch die – von der auf die Verbrechen der WaffenSS fokussierten zeitgenössischen Kritik weitgehend übersehene – geschichtspoliti‐ sche Pointe des Schönhuber-Buches. Zur patriotischen, die Klassenschranken über‐ windenden Leistungsgemeinschaft stilisiert, erschien der Männerbund der WaffenSS als Ort der eigentlichen Verwirklichung der ›Volksgemeinschaft‹ und zugleich als Opfer der»Nazi-Bonzen« und»korrupten braunen Heimatkrieger«, denn diese »desavouierten ja die Idee, für die wir bereit waren, unser Leben einzusetzen«. 27 Wie genau die Idee eines»wahren idealistischen Nationalsozialismus« ausgesehen hat, die mancher in der Waffen-SS nach dem gewonnenen Krieg in einer»Zweiten Revolution« gegen die NS-Nomenklatura durchzusetzen trachtete, ließ Schönhuber offen. 28 Doch ist offensichtlich, dass er den Topos vom ›Guten im Nationalsozialis‐ mus‹ variierte, das er mit dem nationalen und sozialen»Idealismus« einer vom NS-Regime verratenen Waffen-SS identifizierte. Einige Jahre später – Schönhuber hatte inzwischen als Chef der Republikaner einige Wahlerfolge einfahren können – erklärte er ganz offen:»Und ich habe nie vergessen, woher ich komme, und mich fasziniert nach wie vor der Begriff ›Volksgemeinschaft‹, das Zusammenstehen von Menschen aus verschiedenen Klassen.« 29 Auf apologetischen Pfaden wandelte Schönhuber auch bei der Beschreibung der in der Waffen-SS dienenden französischen Freiwilligen, die er 1944 als Dol‐ metscher und Ausbilder bei der bereits erwähnten 33. Waffen-Grenadier-Division »Charlemagne« kennenlernte und besonders schätzte. Bei ihnen habe es sich um geistreiche»Rebellen gegen das in Frankreich starke Spießertum« gehandelt, anti‐ kommunistische Vorkämpfer eines»neuen Europas«, ehrenhafte»Faschisten mit menschlichem Antlitz«. Beeindruckt zeigte sich Schönhuber auch von den Schriften des Eurofaschisten Pierre Drieu la Rochelle, die ihm seine französischen Kamera‐ den zu lesen gaben, und er legte Wert auf die Feststellung, dass deren europäischer Faschismus etwas ganz anderes als der Nationalsozialismus gewesen und durch diesen mehr oder weniger zu Unrecht diskreditiert worden sei. Vorsichtshalber betonte er aber, selbst»kein faschistisches Europa« zu wollen. 30 25 Schönhuber, Ich war dabei, S. 42 und 335. 26 Ebd., S. 39, 51 f. und 201. 27 Ebd., S. 110. 28 Ebd., S. 337. 29 Schönhuber im Gespräch mit Claus Leggewie, in: Leggewie, Die Republikaner, S. 119. 30 Schönhuber, Ich war dabei, S. 117 f. und 147 f. Schönhuber erhielt dann auch ein freudi‐ ges Schreiben der in München ansässigen deutschen Delegation des neofaschistischen»Mo‐ vimento Sociale Italiano«(MSI). Pressereferent Dell’Olio übermittelte»auch im Namen mei‐ ner Kameraden« – Schönhuber wurde ebenfalls als»Geschätzter Kamerad« angesprochen – »Glückwunsch, Dank und Anerkennung« anlässlich»Ihres großartigen Sieges über Meinungs‐ terror, Berufsverbot und Fremdbestimmung«; A. Dell’Olio an Schönhuber, o. D.[Januar 1982], BayHStA, NL Schönhuber 50. 230 Maik Tändler Mit seiner politischen Radikalisierung in den folgenden Jahren brachte Schön‐ huber seine Sympathien für den historischen Faschismus dann immer unverblüm‐ ter zum Ausdruck. 31 Vor den 1980er-Jahren hingegen hatte er sich politisch noch nicht am rechten Rand positioniert. Bis in die 1970er-Jahre hinein galt er als eher SPD-nah, und seine Frau, die Anwältin Ingrid Schönhuber, wurde 1972 als Vertre‐ terin des linken Parteiflügels für die Sozialdemokraten in den Münchner Stadtrat gewählt. Ende 1973 trat sie jedoch aus Protest gegen eine von ihr diagnostizierte Ideologisierung aus der Partei aus und legte ihr Mandat nieder. 32 Franz Schönhu‐ ber integrierte diesen Entschluss in seine eigene politische Konversionserzählung: Seine Frau sei an der»Kälte und Arroganz« verzweifelt,»mit der nicht wenige sozialdemokratische Studenten und Akademiker, die ihre marxistische Weisheit mit dem Löffel gefressen hatten, über den Genossen Arbeiter sprachen«. 33 Freilich war es auch seiner Karriere beim Bayerischen Rundfunk nicht abträg‐ lich, dass er sich seit Mitte der 1970er-Jahre als»Liberal-Konservativer« mit Affi‐ nität zur CSU gerierte und Aufnahme in den»Franzens-Club« fand, eine private Runde einflussreicher Männer aus Politik und Wirtschaft um Brathendl-Mogul Friedrich Jahn(Gründer der»Wienerwald«-Kette) und den bayerischen Minister‐ präsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß. 34 Letzterer zeigte dann aller‐ dings keine Neigung, sich in der Kontroverse um»Ich war dabei« als Verteidiger Schönhubers zu exponieren oder beim BR zu dessen Gunsten zu intervenieren. 35 Dafür revanchierte sich der gekränkte Schönhuber später mit Enthüllungen über die straußsche Cliquen- und Vergnügungswirtschaft. 36 Hinsichtlich der medialen Rezeption ist es nicht verwunderlich, dass sich Ger‐ hard Freys rechtsradikale»Deutsche National-Zeitung« begeistert zeigte und»Ich war dabei« zum»Buch des Jahres« erklärte, da es»der Waffen-SS im besonderen und dem deutschen Soldaten im allgemeinen Gerechtigkeit angedeihen« lasse. 37 Frey bestellte zudem bei Schönhubers Verleger Herbert Fleissner insgesamt 3.700 31 Backes, Biographisches Porträt: Franz Schönhuber, S. 277. 32 Ludwig Maaßen, Vom Freund zum Feind der Linken, in: Die ZEIT, 7.12.1973. 33 Schönhuber, Ich war dabei, S. 40. 34 Jaschke, Die»Republikaner«, S. 82; Stöss, Die»Republikaner«, S. 27. 35 Im Januar 1982 bedankte sich Strauß noch herzlich bei Schönhuber dafür, ihm das»sturm‐ umwitterte Buch« zugesandt zu haben(Strauß an Schönhuber, 16.1.1982, BayHStA, NL Schön‐ huber 50). Als ihn einige Monate später jedoch der bayerische Landtagsabgeordnete Josef Grünbeck von der FDP aufforderte, sich beim BR für die Wiedereinstellung Schönhubers ein‐ zusetzen, lehnte Strauß mit Verweis auf die personelle Autonomie des Senders ab(Grünbeck an Strauß, 1.6.1982; Strauß an Grünbeck, 12.7.1982; Kopien in BayHStA, NL Schönhuber 55). Im Dezember schließlich beschwerte sich Strauß über den von Schönhuber öffentlich erhobenen Vorwurf, er sei entlassen worden, um einem CSU-Kandidaten Platz zu machen. Die Entlassung sei allein auf sein eigenes Verhalten zurückzuführen; im Übrigen habe Schönhuber, wie Strauß an dessen Frau Ingrid schrieb,»zu heftig« auf die Kritik an seinem Buch reagiert, und es sei »ungut, wenn er dauernd mit dunklen Andeutungen und Drohungen im Zusammenhang mit seinem neuen Buch arbeitet«(Strauß an Ingrid Schönhuber, 27.12.1982, BayHStA, NL Schönhu‐ ber 57). 36 Vgl. die ausführliche Darstellung der Aktivitäten des Franzens-Clubs in Franz Schönhuber, Freunde in der Not, München/Wien 1983, S. 264–294. 37 Zit. nach: Jaschke, Die»Republikaner«, S. 83. Schönhubers Fanpost 231 Exemplare zum Verkauf über den Buchdienst seiner Zeitung. 38 Auch der Buchdienst der NPD-nahen»Deutschen Wochenzeitung« bot Schönhubers Werk an. Deren Re‐ zensent musste zwar mit Bedauern feststellen, dass sich Schönhuber an einer Stelle seines Buches von der NPD als»Neo-Nazis« distanzierte, alles Übrige las er jedoch mit»Beglückung«. 39 Weitere Organe des rechtsextremen Spektrums, die Gefallen an»Ich war dabei« fanden, waren die»Deutschen Monatshefte« und»Nation Euro‐ pa«. 40 Aber auch einige regionale Zeitungen, die konservative»Die Welt« und die Illustrierte»Bunte« veröffentlichten wohlwollende Besprechungen, die vor allem auf die Ehrlichkeit von Schönhubers Erinnerungen abhoben. 41 Die liberalen Leitmedien»Die ZEIT«,»Süddeutsche Zeitung« und»Der SPIEGEL« fanden hingegen keine freundlichen Worte für Schönhubers verklärenden Blick auf die Waffen-SS. 42 Im BR wurde die Kritik am Kollegen ebenfalls lauter und Ende April 1982 erfolgte Schönhubers fristlose Kündigung wegen senderschädigen‐ den Verhaltens; eine erfolgreiche Klage vor dem Arbeitsgericht bescherte ihm freilich eine hohe Abfindung und lebenslange Ruhestandsbezüge. 43 Hinzu kamen die Einnahmen aus dem Buchverkauf, der wohl gerade auch durch die negativen medialen Reaktionen und Schönhubers Entlassung befeuert wurde. Innerhalb ei‐ nes Jahres erschien die neunte Auflage, vier weitere folgten bis 1992, daneben Ta‐ schenbuchausgaben bei Bastei Lübbe und Ullstein. 44 Insgesamt sollen über 200.000 Exemplare von»Ich war dabei« abgesetzt worden sein. 45 Während sich die CSU-Führung in der Auseinandersetzung um das Buch bedeckt hielt, um Schönhuber am Ende geräuschlos fallenzulassen, kam auf unterer Ebe‐ ne aus der Partei auch Zuspruch. 46 Der Wehrpolitische Arbeitskreis der CSU Augs‐ 38 Gerhard Frey an Franz Schönhuber, 4.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 42. 39 H. J. R.,»Ich war dabei«, in: Deutsche Wochenzeitung, 16.10.1981. Die inkriminierte Stelle findet sich in Schönhuber, Ich war dabei, S. 323. 40 G. G., Mut zur zeitgeschichtlichen Wahrheit. Franz Schönhubers Bekenntnis»Ich war dabei«, in: Deutsche Monatshefte, Februar 1982, S. 46–48; Gerd Knabe, Der»Fall Schönhuber«: Die Geister scheiden sich … , in: Nation Europa, Februar 1982, S. 32 f. 41 Paul Pucher, Der Wut freien Lauf gelassen, in: Münchner Merkur, 21.10.1981; Das Recht auf Irrtum, in: Die Welt, 27.11.1981(gezeichnet:»sta«); Spritzig, in: Bunte[der in BayHStA, NL Schönhuber 45 erhaltene Ausschnitt ist nicht datiert; es handelt sich vermutlich um die Ausga‐ be vom 26.11.1981]. 42 Haug von Kuenheim, Steppenwolf aus Traunstein, in: Die ZEIT, 6.11.1981; Peter Diehl-Thiele, Naßforscher Rückblick auf die NS-Zeit, in: Süddeutsche Zeitung, 14./15.11.1981; Good boy Fran‐ cis, in: Der SPIEGEL, 15.11.1981. 43 Leggewie, Die Republikaner, S. 112 f., spricht von einer Abfindung in Höhe von 290.000 DM und Pensionszahlungen in Höhe von monatlich 7.000 DM. 44 Schönhubers Verleger Herbert Fleissner war 1985 mit dem Zusammenschluss seiner Verlags‐ gruppe mit der zum Axel-Springer-Konzern gehörenden Verlagsgruppe Ullstein/Propyläen zu dessen Geschäftsführer aufgestiegen und hatte in dieser Funktion»Ich war dabei« 1988 in das Ullstein-Programm aufgenommen. Nach Protesten aus der Verlagsbelegschaft bei der SpringerFührung wurde es ein Jahr später wieder zurückgezogen. Es erschien dann im Herbig Verlag, der zu Fleissners Verlagsgruppe und damit ebenfalls zu Springer gehörte; Sarkowicz, Rechte Geschäfte, S. 58 f. 45 Backes, Biographisches Porträt: Franz Schönhuber, S. 279. 46 Der Ortsverband Karlsfeld brachte nach Schönhubers Entlassung seinen Unmut darüber zum Ausdruck, dass sich die Parteiführung nicht für ihn eingesetzt habe. Man habe deshalb bereits einen Parteiaustritt zu verzeichnen; Karl Blaschke, Vorsitzender CSU-Ortsverband Karlsfeld, an 232 Maik Tändler burg etwa, der sich zur»militärischen Traditionspflege« bekannte, begrüßte Schön‐ hubers»mutiges Buch« und bestellte acht – nach Möglichkeit signierte – Exempla‐ re. 47 Die Wehrpolitischen Arbeitskreise der CSU mit ihren rund 7.000 Mitgliedern sollten dann auch ein wichtiges Rekrutierungsfeld für die Republikaner in ihrer Gründungsphase werden. 48 Daneben war es interessanterweise die Junge Union (JU), die aus dem organisatorischen Umfeld der CSU bezüglich Schönhuber die ge‐ ringsten Berührungsängste zeigte und ihn – den Ärger der Parteiführung offenbar rebellisch einkalkulierend – häufiger zu Vorträgen einlud. 49 Im Mai 1982 sagte der Ring Christlich-Demokratischer Studenten(RCDS) Regens‐ burg eine Veranstaltung mit Schönhuber ab, da er angesichts der bevorstehenden universitären Gremienwahlen befürchtete, von der linken Konkurrenz als»neo-fa‐ schistische Gruppe« verunglimpft zu werden – die Ortsgruppe der Jungen Union werde den frei gewordenen Termin aber»gerne übernehmen«. 50 Im Januar 1983 veranstaltete auch der Kreisverband Regensburg-Land der Jungen Union einen Gesprächsabend mit Schönhuber. Das bezeugt nicht notwendig eine affirmative Haltung, aber es ist doch bemerkenswert, dass es sich hierbei um den Auftakt einer Veranstaltungsreihe handelte, mit der die Regensburger Jungunionisten dem lückenhaften Wissen junger Menschen über die NS-Diktatur entgegenwirken woll‐ ten. 51 Dass sich ein Teil der Jugend derart verständnisvoll zeigte, mag Schönhuber in seinem Ziel bestärkt haben,»den weiten Generationsbogen zwischen Opas und Enkeln im Zeichen deutscher Normalität gegen die ›verrückten‹ 68er zu spannen«. 52 Generalsekretär Dr. Edmund Stoiber, CSU-Landesleitung, 14.5.1982, BayHStA, NL Schönhuber 54. 47 CSU-Bezirksverband Augsburg, Wehrpolitischer Arbeitskreis, an Schönhuber, 3.12.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. Die Zusendung der Bücher wurde an die Prinz-Karl-Kaserne in Augsburg gewünscht, zu Händen des unterzeichnenden stellvertretenden Vorsitzenden des Ar‐ beitskreises, Oberstabsfeldwebel Wolfgang Steier. Die Buchbestellungen seitens der Mitglieder der bayerischen HIAG gingen allerdings in die Hunderte; Wilhelm Rentsch, Landessprecher HIAG Landesverband Bayern, an Schönhuber, 12.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. Ob Schönhuber der Bitte von Rentsch um eine Signierstunde für seine Kameraden nachgekommen ist, ließ sich nicht überprüfen. 48 Stöss, Die»Republikaner«, S. 20. Die CSU-Bundestagsabgeordneten Franz Handlos und Ekke‐ hard Voigt, die später mit Schönhuber die Führungstroika der frühen Republikaner bildeten, waren zuvor nacheinander langjährige Landesvorsitzende des Wehrpolitischen Arbeitskreises. Beide waren Jahrgang 1939, also zu jung, um wie Schönhuber noch zur Erlebnisgeneration der Kriegsteilnehmer zugehören. 49 Schönhuber, Freunde in der Not, S. 261–263. Schönhuber weist hier vergnügt darauf hin, dass sich die wenigsten örtlichen JU-Vorsitzenden von ihrem bayerischen Landeschef Alfred Sauter, der in Übereinstimmung mit der CSU-Spitze ein Ende der Schönhuber-Auftritte forderte, hätten beeindrucken lassen. 50 Jesko Baller, Vorsitzender RCDS Regensburg, an Schönhuber, 11.5.1982, BayHStA, NL Schönhu‐ ber 54. 51 Junge Union Bayern, Kreisverband Regensburg-Land, an Mittelbayerische Zeitung, 4.1.1983 (Kopie), BayHStA, NL Schönhuber 58. 52 So Leggewie, Die Republikaner, S. 18, mit Bezug auf das Phänomen, dass rechtsextreme Partei‐ en in den späten 1980er-Jahren einen relativ großen, zuvor in der Bundesrepublik so nicht beobachtbaren Zuspruch von jungen Menschen erlebten, insbesondere von männlichen Erst‐ wählern. Schönhubers Fanpost 233 Solidaritätsgesten dieser Art änderten allerdings nichts an der Kränkung Schön‐ hubers darüber, nach seinem Aufstieg in die mediale und politische High Society von dieser – wie er es empfand – wegen nichts anderem als seiner Aufrichtigkeit wieder verstoßen worden zu sein. Seine populistische Anti-Establishment-Attitüde war insofern nicht bloß inszeniert, sondern auch Ausdruck eines ganz persönlichen Grolls. Sein Buch brachte ihm dafür die Aufmerksamkeit und den Zuspruch eines Zirkels von rechten Intellektuellen ein, die der neu auflebenden»Vergangenheitsbe‐ wältigung« ebenfalls den Kampf angesagt hatten, da sie in ihr ein Instrument der vaterlandsfeindlichen»Umerziehung« und moralischen Erpressung der Deutschen sahen. An erster Stelle zu nennen sind hier der aus der Schweiz stammende Pub‐ lizist und Geschäftsführer der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München Armin Mohler, zugleich Erbwahrer der»Konservativen Revolution« und Vordenker der»Neuen Rechten« 53 , der Erlanger Historiker Hellmut Diwald, der seit den spä‐ ten 1970er-Jahren an der historiografischen Marginalisierung des Nationalsozialis‐ mus und seiner Verbrechen arbeitete 54 , und der in Bochum lehrende Politikwissen‐ schaftler Bernard Willms, der sich seit Anfang der 1980er-Jahre einen Namen als Propagandist eines»neuen Nationalismus« zur Restaurierung deutscher»Identität« machte. 55 Auch Alain de Benoist, intellektueller Kopf der französischen Nouvelle Droite, lobte Schönhubers»bemerkenswertes Werk« und den Mut, es veröffentlicht zu haben. 56 Schönhuber, Mohler, Diwald und Willms gründeten 1983 mit den ebenso rechts‐ stehenden Professoren Hans-Joachim Arndt, Robert Hepp und Wolfgang Seiffert 53 Axel Schildt, Armin Mohler und die konservativen Revolutionäre, in: Jörg Später/Thomas Zim‐ mer(Hrsg.), Lebensläufe im 20. Jahrhundert, Göttingen 2019, S. 187–204; Volker Weiß, Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017, S. 39– 63; Florian Finkbeiner, Armin Mohler und die Frühgeschichte der»Neuen Rechten« in der Bun‐ desrepublik Deutschland. Zum Wandel von Konservatismus, Nationalismus und Rechtsextre‐ mismus, in: Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung, 2015/16, Bd. 1, S. 209–233. Apologetisch, in Detailfragen gleichwohl informativ ist die Biografie Mohlers aus der Feder seines Adepten Karlheinz Weißmann, Armin Mohler. Eine politische Biographie, Schnellroda 2011. 54 Hellmut Diwald, Geschichte der Deutschen, Frankfurt am Main/Berlin etc. 1978. Karlheinz Weißmann, selbst neurechter Historiker, hat Diwald das Verdienst zugeschrieben, mit dieser Veröffentlichung das»Signal für ein lawinenartiges Anwachsen der konservativen Literatur zur deutschen Frage und zur deutschen Identität« gegeben zu haben; Karlheinz Weißmann, Neo-Konservatismus in der Bundesrepublik? Eine Bestandsaufnahme, in: Criticón 96, Juli/Au‐ gust 1986, S. 176–179, hier: S. 177. 55 Panagiotis Koulaxidis, Reaktionäre Erbschaften und restaurative Sehnsüchte. Bernard Willms’ letztes Aufgebot zur Renationalisierung Deutschlands, in: Vojin Saša Vukadinović(Hrsg.), Rand‐ gänge der Neuen Rechten. Philosophie, Minderheiten, Transnationalität, Bielefeld 2022, S. 75– 98; Mark Schweda, Joachim Ritter und die Ritter-Schule zur Einführung, Hamburg 2015, S. 92– 102. 56 Benoist an Schönhuber, 23.9.1982, BayHStA, NL Schönhuber 56(»Je trouve que c’est un ouvrage remarquable, et j’admire surtout le courage que vous avez eu pour l’écrire et le publier«). Der Kontakt zu Benoist wurde vermutlich durch dessen langjährigen Freund Mohler vermittelt. Wie eng er in der Folgezeit war, lässt sich dem Briefwechsel allerdings nicht entnehmen. 234 Maik Tändler den»Deutschlandrat«. 57 Als eine Art intellektuelle Interventionsgemeinschaft woll‐ te der Deutschlandrat die virulente Debatte um die deutsche»Identität«, aber auch die von der neuen Friedensbewegung wieder auf die öffentliche Agenda gesetzte, antiamerikanisch gefärbte Frage nach der nationalen Souveränität als Ansatz für gesellschaftliche Breitenwirkung nutzen. 58 Im Dezember desselben Jahres unter‐ zeichneten seine Mitglieder ihre erste und auch letzte»Erklärung«. Darin hieß es, dass Deutschland»Teilung und Fremdbestimmung« überwinden und wieder eine»normale Nation« werden müsse, wozu auch»die Entkriminalisierung unserer Geschichte als Voraussetzung für ein selbstverständliches Nationalbewußtsein« ge‐ höre. 59 Die Resonanz blieb jedoch verhalten: Hatte man sich Breitenwirkung etwa durch eine Veröffentlichung in der»Frankfurter Allgemeinen Zeitung« gewünscht, so musste man sich damit begnügen, dass die Erklärung in der von Mohlers Freund Caspar von Schrenck-Notzing herausgegebenen rechtskonservativen Zeit‐ schrift»Criticón« und in rechtsradikalen Organen wie der»Nation Europa« abge‐ druckt wurde. 60 Der Deutschlandrat löste sich kurze Zeit später wieder auf, doch immerhin gingen einige Formulierungen aus seiner Erklärung in das»Siegburger Manifest« ein, das im Juni 1985 nach der Wahl Schönhubers zum Parteivorsitzen‐ den verabschiedete Programm der Republikaner. 61 Im Kreis der rechten Intellektuellen blieb Schönhuber allerdings ohnehin ein Exot. Letztlich erhob er auch nicht den Anspruch, Politik für Promovierte zu ma‐ chen, sondern für jene, um die es im Folgenden gehen wird: die der eigenen Wahrnehmung nach ›kleinen Leute‹, die Schönhuber während der Auseinanderset‐ zungen um sein Buch schrieben, um ihre Zustimmung zum Ausdruck zu bringen und ihn der Unterstützung zu versichern. Trug der Deutschlandrat in intellektueller Hinsicht zu Schönhubers politischer Radikalisierung bei, so die Briefe auf einer identifikatorischen emotionalen Ebene. 57 Moritz Fischer, Die Neue Rechte im letzten Jahrzehnt der Bonner Republik. Armin Mohler, Franz Schönhuber, Hellmut Diwald und die Gründung des»Deutschlandrats« 1983, in: VfZ 71, 2023, S. 111–153. 58 Zur Rolle der Friedensbewegung als»Transmissionsriemen« für die Aktualisierung nationa‐ ler Souveränitätsfragen in der politischen Öffentlichkeit der Bundesrepublik in den frühen 1980er-Jahren vgl. Dan Diner, Die»nationale Frage« in der Friedensbewegung. Ursprünge und Tendenzen, in: Reiner Steinweg(Hrsg.), Die neue Friedensbewegung. Analysen aus der Friedensforschung, Frankfurt am Main 1982, S. 86–112, sowie zu den Hoffnungen der nationa‐ listischen Rechten auf die»nationale Schubkraft« der Friedensbewegung Klönne, Zurück zur Nation?, S. 110–112. 59 Erklärung des Deutschlandrats vom Dezember 1983, Deutsches Literaturarchiv Marbach (DLA), A:Mohler, Armin, Konvolut Deutschlandrat 1983/1984; abgedr. u. a. in: Criticón 81, Janu‐ ar/Februar 1984, S. 48. 60 Mohler an Arndt, Diwald, Hepp, Seiffert, Schönhuber und Willms, 21.1.1984, DLA, A:Mohler, Armin, Konvolut Deutschlandrat 1983/1984. 61 Fischer, Die Neue Rechte im letzten Jahrzehnt der Bonner Republik, S. 151 f. Schönhubers Fanpost 235 II.»Mut zur Wahrheit« – die diffamierte Generation und die Sehnsucht nach biografischer Anerkennung Schönhuber prahlte gegenüber Dritten damit, dass ihn als Reaktion auf sein Buch und die daran anschließende Debatte»etwa 10.000 Briefe mit einer ca. 98 %igen Zu‐ stimmungsquote« von»Menschen aller Schichten und Berufe« erreicht hätten, was die große Kluft»zwischen der öffentlichen und veröffentlichten Meinung« belege. 62 Die Zahlen waren vielleicht großzügig aufgerundet, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen, gehen die in seinem Nachlass erhaltenen Zuschriften doch tatsächlich in die Tausende. Auch der Hinweis auf die breite soziale Streuung war nicht unzutref‐ fend, wie ein Blick auf jene Briefe zeigt, denen sich ein Beruf entnehmen lässt: Der Arzt und der Bankdirektor schrieben Schönhuber ebenso wie der Fernfahrer und die Krankenschwester, der Schlossermeister und die Bäuerin, der Lehrer und die Hausfrau, der Bauunternehmer und der Angestellte einer Gemeindeverwaltung. Insgesamt dominierte aus naheliegenden Gründen aber doch ein sozialer Hin‐ tergrund, der eine gewisse Vertrautheit mit schriftlicher Kommunikation begünstig‐ te. 63 War dies nicht der Fall, entschuldigten sich die Verfasserinnen und Verfasser mitunter für ihre fehlerhafte Rechtschreibung. Afra K. etwa, die sich als»einfa‐ che Bauersfrau einer kleinen Landwirtschaft« vorstellte,»die alle Tage ihre Kühe milkt«, bat um Nachsicht,»wenn mir einige Fehler unterlaufen sind, aber ich habe nur die Volksschule besucht und nicht bis zum 30. Lebensjahr dem Staat wertvolle Steuergelder gekostet, wie diejenigen die heute Deutschlands Straßen in den Städ‐ ten unsicher machen«. Frau K. gehörte zur Minderheit der weiblichen Briefschrei‐ ber, deren Anteil grob geschätzt bei einem Zehntel oder etwas höher lag. Sie schrieb wie viele andere Frauen als Angehörige – in diesem Fall, wie meistens, als Ehefrau – eines ehemaligen Waffen-SS-Soldaten und bedankte sich dafür, dass sich Schön‐ huber als Mann»in führender Position« getraut habe,»über diejenigen Männer die schon 36 Jahre in schamloser Weise durch den Schmutz gezogen werden die Wahrheit zu sagen«. 64 Aus dem gleichen Grund bedankte sich Elisabeth W., Gattin eines HIAG-Funktionärs, bei Schönhuber für den»Mut zu Ihrem Buch«, denn»uns Frauen tut die Diffamierung gegen unsere Männer seit Jahren weh«. 65 Stark geschönt war jedoch die Behauptung Schönhubers, dass»Alte und Junge, Verführte und Verfolgte« ihm geschrieben hätten. 66 Zuschriften kamen zwar auch von Nachgeborenen der NS-Zeit, aber die Alten im Sinne der Erlebnisgeneration waren deutlich in der Mehrheit, und die wenigen Verfolgten des Nationalsozialis‐ mus, von denen Schönhuber Post erhielt, brachten vor allem ihre Ablehnung zum Ausdruck. Für H. Meyer aus Nürnberg, der sich als NS-Opfer und altes CSU-Mitglied vorstellte, war Schönhuber ein»Nazischwein« und sein Buch eine»Beleidigung 62 Schönhuber an Landtagspräsident Franz Heubl, 5.4.1982, BayHStA, NL Schönhuber 53. 63 Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass der größere Teil der Briefe maschinenschriftlich verfasst ist. 64 Afra K. an Schönhuber, 20.10.1981, BayHStA, NL Schönhuber 47. Frau K. schrieb dabei nicht in Bezug auf Schönhubers Buch, sondern auf die Fernsehsendung»Samstagsclub«, in der Schön‐ huber offenbar apologetisch die hohen Verluste der Waffen-SS erwähnt hatte. 65 Elisabeth W. an Schönhuber, 23.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 66 Schönhuber an Landtagspräsident Franz Heubl, 5.4.1982, BayHStA, NL Schönhuber 53. 236 Maik Tändler für jeden anständigen Menschen der diese Zeit mit offenen Augen und all die Schrecken vor und während des Krieges erlebt hat«. 67 Auch dem pensionierten Münchener Polizeibeamten Wilhelm B. drängte sich der Verdacht auf, dass Schön‐ huber»Nazi geblieben« sei. B. war 1934 als 19-Jähriger in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert worden und schilderte die Misshandlungen, die er dort zwei Jahre lang durch Schönhubers spätere Kameraden erfahren hatte. 68 Josef Felder hatte ebenfalls Dachauer KZ-Haft erleiden müssen. Der ehemalige Reichstags- und Bundestagsabgeordnete der SPD hatte Schönhubers Buch»mit wachsender Empö‐ rung« gelesen und fand es»bedrückend, was Sie in grenzenloser Arroganz vor unserer Jugend angerichtet haben«. 69 Vereinzelt erhielt Schönhuber zudem Briefe von ehemaligen Wehrmachtsolda‐ ten, die seine verharmlosende Darstellung des deutschen Vernichtungskriegs nicht teilen mochten. Karl D. hielt ihm vor, dass er im Krieg nicht an den eigentlichen Orten der»Schreckensherrschaft der SS« eingesetzt gewesen sei, nämlich in Polen und Russland, wo D. selbst»eine ganze Reihe von Erschießungen von Juden« durch die Waffen-SS mitbekommen habe. 70 Helmut F. war vier Jahre an der Ostfront ein‐ gesetzt und hatte dort die»schweren Leiden und Nöte der russischen Bevölkerung« beobachtet. Er bekundete sein»Erstaunen«, dass die»furchtbaren Tatsachen der Menschen-Massenvernichtung« und die von»Einsatzkommandos, SS, Polizei, Waf‐ fen-SS, Wehrmacht« begangenen»Massaker« Schönhuber anscheinend kaltließen. 71 Kritik kam aber auch aus einer ganz anderen Richtung. So störten sich manche deshalb an Schönhubers Behauptung, er habe nichts von Gräueln in den Konzen‐ trationslagern, geschweige denn von Vergasungen gewusst und erst nach dem Krieg zum ersten Mal von Auschwitz gehört 72 , weil er damit die NS-Verbrechen selbst nicht infrage stellte. Ein Dr. rer. nat. S., ehemaliges SA- und NSDAP-Mitglied und »Hobbyhistoriker«, empfahl diesbezüglich die Lektüre der»Standardwerke« des französischen Holocaustleugners Paul Rassinier. Es seien zwar»leider Verbrechen an Juden begangen worden«, aber kein Genozid, und bei der Zahl von sechs Milli‐ onen Opfern handle es sich um»Greuelpropaganda«. 73 Auch Anton M., 1932 als Arbeitsloser ebenfalls in SA und NSDAP eingetreten, verwies auf Rassinier, da er daran Anstoß nahm, dass Schönhuber von»Gaskammern« gesprochen habe. Er meinte außerdem zu wissen, dass das»Weltjudentum(die Zionisten)« Deutschland schon 1933 den Krieg erklärt und damit eine»menschenunwürdige Hetze gegen das Deutsche Volk« begonnen habe. 74 Erwin K., dessen Vater als Hauptsturmführer in der Waffen-SS gedient hatte, glaubte, das»internationale Judentum« habe»eine 67 H. Meyer an Schönhuber, o. D., BayHStA, NL Schönhuber 48. 68 Wilhelm B. an Schönhuber, 1.12.1981, BayHStA, NL Schönhuber 49. 69 Josef Felder an Schönhuber, 9.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. Zu Felder vgl. Josef Felder, Warum ich Nein sagte. Erinnerungen an ein langes Leben für die Politik, Zürich 2000. 70 Karl D. an Schönhuber, 7.12.1981, BayHStA, NL Schönhuber 49. 71 Helmut F. an Schönhuber, 2.4.1982, BayHStA, NL Schönhuber 53. 72 Schönhuber, Ich war dabei, S. 175. 73 Dr. rer. nat. S. an Schönhuber, Januar 1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. Zu Rassinier vgl. Christian Mentel, Rassinier, Paul, in: Wolfgang Benz(Hrsg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Bd. 2/1, Personen A–K, S. 669 f. 74 Anton M. an Schönhuber, 27.5.1982, BayHStA, NL Schönhuber 54. Schönhubers Fanpost 237 Null zuviel« an die Zahl der jüdischen Opfer gehängt, damit»die Westdeutschen noch heute dafür zu zahlen haben«. 75 Edith F., die sich als»überzeugte Nationalsozialistin« vorstellte, deren gesamte Familie»aus Überzeugung« bei der SS gewesen sei, kritisierte ganz allgemein, dass Schönhuber nur auf den damaligen»Fehlern« herumreite, ohne jedoch»die irreparablen Fehler in der heutigen Demokratie« zu erwähnen. Erbost zeigte sie sich zudem wegen der»gehässigen Bemerkungen« Schönhubers über die NPD. 76 Daran störten sich auch andere Freundinnen und Freunde der Nationaldemokra‐ ten, die im Übrigen mit Schönhubers Ansichten übereinstimmten. Ruthild N. etwa, die ihren Brief mit»treudeutschem Gruß« schloss, zeigte sich mit vielen anderen »Menschen im nationalen Lager« darüber erfreut,»daß Sie sich in Ihrem Buch ›Ich war dabei‹ so vorbehaltlos zu den Idealen Ihrer Jugend im nationalsozialistischen Deutschland bekannt haben und auch die Ehre der Waffen-SS mutig zu verteidi‐ gen wagten«. Um so enttäuschender empfand sie es, dass Schönhuber zugleich ausgerechnet jene Menschen herabwürdige,»die heute nach Kräften das gesunde Nationalbewußtsein im deutschen Volk wachhalten wollen im Rahmen der verfas‐ sungsrechtlich zugelassenen NPD«. 77 Gerhard G. betonte,»viele Anhänger dieser Partei« zu kennen,»die als anstän‐ dige Menschen zu Volk und Heimat stehen und sich für die Wiederherstellung verlorener Werte einsetzen«, dafür jedoch»als Neonazis verdammt« würden. 78 Der bereits zitierte Dr. rer. nat. S. gab an, einige Jahre NPD-Mitglied gewesen zu sein, »weil keine der anderen Parteien die Alleinschuld am Kriegsausbruch und die 6 Millionen-Legende zurückwies«. Er habe in dieser Zeit»keine Rechtsradikalen in der NPD erlebt, aber ganz prachtvolle Charaktere, so einen Hauptsturmführer der Division Wiking mit Ritterkreuz«. 79 Karl W. schließlich vermutete, Schönhuber habe die NPD»der ›linken Meute‹ zum Fraße vorgeworfen«, um den aus dieser Richtung zu erwartenden Angriffen zuvorzukommen. 80 Letztlich aber machte Kritik, welcher Art auch immer, nur einen sehr kleinen Teil der Zuschriften aus. 81 Will man den sonstigen Tenor auf eine rhetorische For‐ mel bringen, so ist es der»Mut zur Wahrheit«, für den Schönhuber in der Mehrzahl der Briefe auf die ein oder andere Weise stereotyp gepriesen wurde. Besonders kreativ zeigte sich dabei Hans E., der ein achtstrophiges Gedicht für Schönhuber verfasste, in dem es unter anderem hieß: 75 Erwin K. an Schönhuber, o. D.[Juni/Juli 1982], BayHStA, NL Schönhuber 55. 76 Edith F. an Schönhuber, 21.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. 77 Ruthild N. an Schönhuber, 19.8.1982, BayHStA, NL Schönhuber 56. 78 Gerhard G. an Schönhuber, 2.12.1981, BayHStA, NL Schönhuber 49. 79 Dr. rer. nat. S. an Schönhuber, Januar 1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. S. war dennoch wieder aus der NPD ausgetreten, um seine berufliche Stellung als Leiter einer»Versuchs- und Forschungsanstalt« nicht zu gefährden. 80 Karl W. an Schönhuber, 24.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. 81 Damit ist der untersuchte Quellenbestand inhaltlich sehr viel homogener als jener der Zu‐ schriften an den WDR zur Sendung»Holocaust«. Die ablehnenden Briefe in letzterem Zusam‐ menhang reproduzierten allerdings all jene etablierten Muster der Leugnung oder Relativie‐ rung der NS-Verbrechen beziehungsweise des Abstreitens der Mitwisserschaft, die sich auch in vielen Briefen an Schönhuber finden; vgl. die in Knilli/Zielinski, Betrifft:»Holocaust«, S. 283– 365, faksimilierten Zuschriften. 238 Maik Tändler »Sie bewiesen wirklich Mut/ die Wahrheit zu schreiben/ bei undeutschen Kesseltreiben/ ein selten anzutreffendes Gut[…] Das Volk verspürt es am eignem Leibe/ dient es jahr‐ zehntelang als Verdammungszielscheibe/ Sie sind ein aufrichtiger Verfechter/ der Wahr‐ heit noch für kommende Geschlechter«. 82 Dass Schönhuber ein Mann war,»der den Mut hat – die Wahrheit zu schreiben«, wusste Mina B. sogar, obwohl sie – wie auch manche andere Briefschreiber – dessen Buch noch gar nicht gelesen hatte, sondern nur Berichte darüber. 83 Verallge‐ meinernd ließe sich sagen, dass es bei der viel beschworenen»Wahrheit« weniger um die korrekte Schilderung dieses oder jenes historischen Sachverhalts in Schön‐ hubers Buch ging, sondern vielmehr darum, dass eine prominente Persönlichkeit zu bestätigen schien, dass man trotz der NS-Vergangenheit einer individual- wie kollektivbiografisch zum Stolz berechtigten Nation angehörte. Das zeigt auch die häufige Aneignung des Buchtitels»Ich war dabei«. Er fungier‐ te als gemeinschaftsstiftende Bekenntnisformel, die sich auch deshalb als kongeni‐ al erwies, weil durch sie ein Anspruch auf epistemische Überlegenheit bei der Beurteilung der NS-Zeit zum Ausdruck gebracht werden konnte. Daraus erklärt sich, dass viele der Schreibenden ihr Geburtsjahr nannten und oft auch – mal stichpunktartig, mal seitenlang erzählend – Auskunft zu ihrer Biografie vor 1945 gaben, vor allem zur Kriegsteilnahme. 84 »War auch dabei«, so etwa militärisch knapp Armin G., Jahrgang 1924, und zwar als Unterscharführer bei der SS-Divisi‐ on Wiking an der Ostfront. Er zeigte sich»tief bewegt« von Schönhubers Buch, das endlich ausspreche, dass die Kameraden der Waffen-SS»einfach nur Frontsol‐ daten« gewesen und»nicht für Hitler, Himmler und Konsorten«, sondern»allein für Deutschland« gefallen seien. 85 Leonhard E. schrieb:»Ich, als einer, der auch dabei war, gestehe, dass Sie einer bisher verlorenen Generation aus dem Herzen sprechen.« Die»Liebe« der deutschen und europäischen Mitglieder der Waffen-SS habe allein»der Heimat« gegolten und nichts anderem. 86 Es ist kaum verwunderlich, dass zahllose ehemalige SS-Kameraden Schönhubers, die eine historisch-moralische Rehabilitierung herbeisehnten, die»Wahrheit« sei‐ ner Erinnerungen als ebenfalls»Dabeigewesene« bestätigten. Die Apologie einer »verführten« Generation, die in ihrem»Idealismus« von einer kleinen verbrecheri‐ schen Führungsclique des NS-Regimes missbraucht worden sei, aber nichts mit de‐ ren Verbrechen zu tun hatte, war jedoch weit über diesen Kreis hinaus anschluss‐ fähig: Galt Schönhubers Entlastungserzählung für die Mitglieder der verfemten Waffen-SS, dann erst recht auch für die ›normalen‹ Soldaten und all jene anderen, die sich in der ein oder anderen Weise für den Nationalsozialismus hatten begeis‐ 82 Hans E. an Schönhuber, 17.2.1982, BayHStA, NL Schönhuber 51. 83 Mina B. an Schönhuber, 30.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 84 So auch Heinz S., der Schönhuber jedoch das Anrecht auf den Buchtitel absprach. S. hatte als Offizier bei einer Panzereinheit der Wehrmacht an der Schlacht von Stalingrad teilgenommen und stellte mit Bezug auf Schönhubers spärlichen Gefechtseinsatz empört fest:»Wo waren Sie denn dabei!?«; viele der»wirklichen Frontsoldaten« würden wie er»beschämt über Ihr ›Engagement‹ lachen«; Heinz S. an Schönhuber, 25.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 85 Armin G. an Schönhuber, 18.10.1981, BayHStA, NL Schönhuber 47. 86 Leonhard E. an Schönhuber, 23.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. Schönhubers Fanpost 239 tern können. Man kann darin, wenngleich in kleinerem Maßstab, eine Wiederbe‐ lebung jenes die Nachkriegsgesellschaft integrierenden Mythos von der»Volksge‐ meinschaft der Opfer« erkennen, der in den 1950er-Jahren in den massenhaft aufgelegten populären Kriegsdarstellungen von der Figur des Landsers verkörpert wurde. 87 Der häufig bemühte Generationenbegriff erlaubte es dabei, durchaus unter‐ schiedliche Biografien und Erfahrungen zu überbrücken und eine Art Kollektiv‐ subjekt der historisch Diffamierten zu konstruieren. Ursula B. war mit einem ehemaligen General der Waffen-SS verschwägert, zählte aber auch sich selbst zur »betrogenen Generation«, die sich nur für das»Vaterland eingesetzt« habe. 88 Der 1918 geborene Justiz-Amtsrat a. D. Werner W., der in der Wehrmacht gedient hatte, brachte seine Freude darüber zum Ausdruck, dass Schönhuber gegen die Lügen der »Umerzieher« an den Universitäten und in den Medien»wahrheitsgemäß über die Situation unserer Kriegsgeneration geschrieben« habe. 89 Paul G., einst Fallschirmjä‐ ger bei der Luftwaffe, sah ebenfalls die gesamte»Kriegsgeneration durch die stetige Wiedraufreissung alter Wunden an den Kz-malen« diffamiert, und dann werde auch noch»der Jugend eine Kollektivschuld aufoktroiert«. 90 Noch allgemeiner war die Interpretation, die Margarete H. sich zu eigen machte. Die 1920 geborene»ein‐ fache Hausfrau« und»treue Anhängerin« Schönhubers glaubte, dieser habe nur schreiben wollen,»daß man auch in der Nazizeit, auch Mensch sein konnte, wenn man es verstand sich ein wenig anzupassen«. 91 Eine vergleichbar weitreichende Deutung vertrat der Ortsverband Germering der Jungen Union, der Schönhuber Ende Juni 1982 zu einem öffentlichen Vortrag eingeladen hatte. In der anschließenden Diskussion am»hoffnungslos überfüllten« Veranstaltungsort, so hieß es in einem anscheinend als Pressemitteilung verfassten Bericht, habe sich gezeigt, dass »gerade ältere Mitbürger, die erst nach Kriegsende von den Greueln der Nazizeit erfahren hatten, diese Verbrechen zutiefst verabscheuen, andererseits aber von der Welt eine ge‐ rechte Betrachtungsweise des gesamten Geschehens der damaligen Zeit erwarten«. 92 In eine ähnliche Richtung zielte das Bekenntnis von Johanna B., sie und ihr Mann – beide etwa im gleichen Alter wie Schönhuber – seien»auch für Hitler begeistert« gewesen und»sicher würden auch heute die Menschen der Partei zujubeln, der es gelingen würde allen Menschen Arbeit und Brot zu geben«. 93 Die Resonanz der geschilderten Art ermutigte Schönhuber offenbar, sich nicht mehr nur als Fürsprecher seiner ehemaligen Kameraden zu fühlen. So präsentierte er sich in seinem zweiten Buch»Freunde in der Not«, das im März 1983 erschien 87 Knoch, Die lange Dauer der Propaganda, S. 210. 88 Ursula B. an Schönhuber, 22.10.1981, BayHStA, NL Schönhuber 47. 89 Werner W. an Schönhuber, 6.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. 90 Paul G. an Schönhuber, 29.11.1982, BayHStA, NL Schönhuber 48. 91 Margarete H. an Schönhuber, 8.5.1982, BayHStA, NL Schönhuber 54. 92 Junge Union, Ortsverband Germering, Franz Schönhuber in Germering, 4.7.1982, BayHStA, NL Schönhuber 52. 93 Johanna B. an Schönhuber, 31.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. 240 Maik Tändler und das er auch als Antwort auf die»Flut von Briefen« verstand, die ihn erreicht hatte, als Verteidiger der gesamten»Erlebnisgeneration« des Nationalsozialismus. Gerade sie dürfe nicht schweigen,»denn sonst tritt sich ein Geschichtsbild fest, das unter den Stiefeln der Sieger entstanden« sei und von einer»Umerziehungslobby« aufrechterhalten werde. 94 Zugleich konkretisierte er jetzt auch seine politischen Vorstellungen: So fehle es in Deutschland an einer»Gruppierung, die sowohl nati‐ onal-konservative wie soziale Belange vertritt«. Schuld daran sei die»spezifisch deutsche Tragödie«, dass nämlich »politische Begriffe, die in nahezu jedem Land normal und ohne Hemmungen ausgespro‐ chen werden, bei uns durch die verhängnisvolle Epoche des Nationalsozialismus so negativ besetzt sind, daß sie nur schwer eine Chance haben, ins politische Spiel gebracht zu wer‐ den«. 95 III.»Gegner Linker und Rechter in unserem demokratischen einmaligen Deutschland« – die Abwehr des Radikalismusvorwurfs Das Verlangen nach Anerkennung der Lebensleistung der»Kriegsgeneration« be‐ schränkte sich nicht auf das ›Dritte Reich‹, sondern erstreckte sich auch auf die Zeit nach 1945. In diesem Zusammenhang gingen viele Briefe auf die ein oder andere Weise auf das Thema Demokratie ein. Nur selten findet sich darunter grundsätz‐ liche Ablehnung wie im Fall von Reinhard H., der die»BRD« als»Besetztes-RestDeutschland« verachtete und die westdeutsche»Demokratie made im Ausland und ausgeführt von deren Vasallen« für die»Wurzel allen Übels« hielt. Für ihn, den 1945 Geborenen, war und blieb der»nationale Sozialismus« die einzige Ideologie, die mit dem»Naturgesetz« übereinstimme. 96 Den meisten Älteren ging es jedoch um etwas anderes, nämlich darum, dass ihr Anteil an der demokratischen Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik trotz oder gerade wegen ihrer NS-Biografie anerkannt werde. Das Gefühl, dass einem dies ver‐ wehrt wurde, stand dabei in direktem Zusammenhang mit dem gekränkten Behar‐ ren der Dabeigewesenen auf überlegener historischer Urteilsfähigkeit. Zwar erlebte Zeitzeugenschaft vor dem Hintergrund des neuen Interesses an der NS-Geschichte, der Etablierung von Oral History und Alltagsgeschichte und der fortschreitenden Audiovisualisierung populärer Geschichtsvermittlung in den 1980er-Jahren einen enormen Aufschwung als historische»Beglaubigungsinstanz«. Doch wurde dabei jenen, die ungebrochen affirmativ auf die NS-Zeit im Allgemeinen oder ihr eigenes Mitmachen im Besonderen zurückblickten, im Rahmen des demokratischen Erinne‐ rungskonsenses aus naheliegenden Gründen keine Redemöglichkeit gewährt. 97 Viele Schönhuber-Fans reagierten darauf zum einen mit der Einforderung ihres demokratischen Rechts auf Meinungsfreiheit, dessen Beschneidung durch die»Um‐ 94 Schönhuber, Freunde in der Not, S. 8 und 20. 95 Ebd., S. 339. 96 Reinhard H. an Schönhuber, 27.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 97 Martin Sabrow, Der Zeitzeuge als Wanderer zwischen zwei Welten, in: ders./Norbert Frei (Hrsg.), Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012, S. 13–32, hier: S. 25 und 31. Schönhubers Fanpost 241 erzieher« und»Vergangenheitsbewältiger« sie durch den Fall Schönhuber bestätigt sahen. Zum anderen präsentierten sie sich als Verteidiger der Demokratie und reklamierten den Aufbau eines demokratischen Staats als generationelle Leistung für sich. Das lag auf der argumentativen Linie, die Schönhuber in seinem Buch vorgezeichnet hatte. Dort gab er sich überzeugt, dass die»übergroße Mehrheit« sei‐ ner ehemaligen Kameraden politisch geläutert sei, und»gerade höchste Offiziere« hätten immer wieder ihre»Bereitschaft zur Mitarbeit im demokratischen Deutsch‐ land« gezeigt. Viele»aus dem Arbeiterstand kommende ehemalige Soldaten und Offiziere der Waffen-SS« seien jedoch darüber verbittert, dass die»jungen Genos‐ sen« in der SPD sie zurückgewiesen hätten, als sie nach dem Krieg ihre»sozialisti‐ schen Vorstellungen« in der Demokratie verwirklichen wollten: »Dieses demokratische Deutschland ist heute von Ultras auf der rechten und der linken Seite bedroht. Vielleicht eignen sich gerade jene besonders zur Verteidigung der Demokra‐ tie, die das Gegenteil davon, nämlich Diktatur in ihrer härtesten Form, kennengelernt haben?« 98 Schönhubers Ex-Kamerad Armin G. fand es wichtig, mitzuteilen, dass er ein»Geg‐ ner Linker und Rechter in unserem demokratischen einmaligen Deutschland« sei. 99 Elisabeth W. kannte viele ehemalige Soldaten der Waffen-SS und meinte deshalb zu wissen, dass deren Leitspruch»Meine Ehre heißt Treue« auch dem»demokrati‐ schen Vaterland« gelte. 100 Heinrich R., der als Ungarndeutscher bei der Waffen-SS gedient hatte, dankte Schönhuber für sein Buch, das»Hunderttausenden, die am Wiederaufbau unseres Landes und unserer Demokratie beispielhaft« beteiligt ge‐ wesen seien, endlich»Gerechtigkeit« widerfahren lasse. 101 Kurt D., Jahrgang 1930, erklärte, dass er im Rückblick auf die NS-Zeit»immer noch für vieles schwärme«, aber dennoch»heute ein Demokrat« sei(wenngleich»nicht grenzenlos«). 102 Und Hermann B., Jahrgang 1916 und Bürgermeister einer Gemeinde in Oberbayern, fragte rhetorisch: »Wenn das deutsche Volk von 1945 so schlecht gewesen wäre, wie es die damaligen Sieger‐ mächte hinstellten, wer hätte dann diesen einmaligen Wiederaufbau zustande gebracht? Sicher nicht die Chaoten und aufbereiteten ›Friedensapostel‹ des Ostens von heute. Ist es nicht unsere Generation, die sich am ehrlichsten und intensivsten nach Frieden sehnt?!« 103 Warfen viele Kritiker Schönhuber vor, mit seinem Buch dem Rechtsextremismus Vorschub zu leisten, so empörten sich seine Anhänger darüber, dass man als Demo‐ krat dafür, die»Wahrheit« über die NS-Zeit auszusprechen oder für»nationale« 98 Schönhuber, Ich war dabei, S. 40 und 337 f. 99 Armin G. an Schönhuber, 18.10.1981, BayHStA, NL Schönhuber 47. 100 Elisabeth W. an Schönhuber, 23.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 101 Heinrich R. an Schönhuber, 5.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. 102 Kurt D. an Schönhuber, 4.4.1982, BayHStA, NL Schönhuber 53. 103 Hermann B. an Schönhuber, 27.10.1981, BayHStA, NL Schönhuber 47. 242 Maik Tändler Interessen einzutreten, als»rechtsradikal« oder als»Nazi« abgestempelt werde. 104 Überlegungen dazu, was tatsächlich als rechtsradikal oder rechtsextrem zu gelten hätte, finden sich in den Zuschriften allerdings nicht. Nur zwischen den Zeilen lässt sich die vage Vorstellung herauslesen, dass damit die Befürwortung einer neuen NS-Diktatur oder eines ähnlichen politischen Systems verbunden wurde, also ein harter Neonazismus, von dem man sich leicht distanzieren konnte. Wurden Gefahren für die Demokratie durch einen politischen Extremismus be‐ schworen, dann in erster Linie solche aus der entgegengesetzten Richtung. Otto Würschinger etwa forderte, dass»endlich mit der fortdauernden Diffamierung un‐ serer Generation Schluß gemacht werden« müsse, denn ein»zweitesmal darf die Demokratie in Deutschland nicht – diesmal durch linke Chaoten – kaputt gemacht werden«. 105 Der ehemalige Hitler-Jugend-Führer Würschinger war Mitverfasser eines 1979 im rechtsradikalen Druffel-Verlag erschienenen Buchs über die HitlerJugend, in dessen Vorwort die Kontinuität patriotischen Einsatzwillens von der »völkischen Glaubensgemeinschaft« in die»offene Gesellschaft der Demokratie« beschworen wurde:»Kriegsgeneration und Hitler-Jugend-Generation haben 1945 nicht kapituliert. Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Weltgeltung der Bundes‐ republik Deutschland sind ihr Werk.« 106 Ähnlich sah es ein Briefschreiber aus Starnberg, Jahrgang 1917, mit nicht entzif‐ ferbarer Unterschrift: »Die Kriegsgeneration hat Leben, Gesundheit und Jugend geopfert; sie hat das verwüstete Land und den bankrotten Staat wieder aufgebaut und muß sich von bestimmten Leuten seit Jahrzehnten beschimpfen lassen.[…] Und was ist heute aus der von der Kriegsgenera‐ tion aufgebauten Republik geworden? Eine entartete Freiheit macht sich breit: Wirtschafts‐ delikte, Drogen- und Alkoholsucht, haßschürende Presseberichte, Schwarzarbeit, Auslän‐ derhaß, aber auch Großzügigkeit für Scheinasylanten, Genußsucht, Aufrührertum eines kl. Teils unserer sog. erwachsenen Kinder und Chaoten, die sich auf das Recht berufen, daß sie brechen wollen.« 107 Der 1906 geborene Karl G. wiederum betonte, dass er dazu stehe, wegen seiner Arbeitslosigkeit, der»Erfüllungspolitik unserer Regierungen« und der Bedrohung durch den Kommunismus NSDAP gewählt zu haben und dann auch Parteigenosse geworden zu sein. Für die Gegenwart befürchtete er jedoch, dass»nicht wir, die angebl. Faschisten, sondern die sog. Liberalen und Sozialen solange sozialisieren und liberalisieren, bis auch diese Demokratie kaputt sozialisiert und liberalisiert ist, und der abermalige Schrei nach einem ›Starken Mann‹ ertönt«, der dann vielleicht ein Kommunist sein werde. 108 104 Der Begriff»rechtsextrem« war in den Briefen nicht geläufig. Allgemein verdrängte»Rechts‐ extremismus« im politischen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch erst seit Mitte der 1970er-Jahre schrittweise den zuvor gebräuchlichen Terminus»Rechtsradikalismus«; Virchow, ›Rechtsextremismus‹, S. 14. 105 Otto Würschinger an Schönhuber, 18.10.1981, BayHStA, NL Schönhuber 47. 106 Gottfried Griesmayr/Otto Würschinger, Idee und Gestalt der Hitler-Jugend, 3. Aufl., Leoni am Starnberger See 1980, S. 7. 107 Brief an Schönhuber, 17.10.1981, BayHStA, NL Schönhuber 47. 108 Dipl. Ing. Karl G. an Schönhuber, 27.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. Schönhubers Fanpost 243 IV.»Schweigende Mehrheit« gegen»Meinungsmacher« – populistische Deutungsmuster Zu den definitorischen Eigenschaften des Populismus zählt die Reduktion politi‐ scher und gesellschaftlicher Konflikte auf den Antagonismus zwischen einer abge‐ hobenen, korrupten»Elite« und einem tugendhaften»wahren Volk«. 109 Populisti‐ sche Parteien und Bewegungen erheben den sich als demokratisch ausgebenden Anspruch, als einzige die Interessen dieses als homogene Einheit imaginierten Vol‐ kes zu vertreten. Er gewinnt an Überzeugungskraft, wenn die jeweilige Führungs‐ figur – wie es Schönhuber unablässig tat – auf eine soziale Herkunft verweisen kann, die ihre»Zugehörigkeit zur silent oder moral majority« der mittleren und unteren sozialen Schichten beglaubigt. 110 Schon die Masse der Zuschriften bestä‐ tigte Schönhubers Selbstbild, stellvertretend für diese schweigende oder, besser gesagt, von den medialen»Umerziehern« und»Meinungsmachern« zum Schweigen gebrachte Mehrheit zu sprechen. Darüber hinaus erklärte nicht nur der Rezensent des NPD-Blatts»Deutsche Wochenzeitung« Schönhuber zur mutigen»Stimme der schweigenden Mehrheit« 111 , sondern auch viele Briefschreiber. Damit war das iden‐ tifikatorische Kollektiv, zu dessen Fürsprecher Schönhuber erklärt wurde, weites‐ tmöglich ausgedehnt und zugleich der demokratische Anspruch bekräftigt. Schönhuber solle sich»durch das Geschrei einer kleinen, leider Gottes sehr einflußreichen, Gruppe nicht beirren und entmutigen« lassen, so schrieb etwa der Archivreferendar Rudolf B.:»Die große Mehrheit des deutschen Volkes denkt wie Sie, wenn es auch von seinen Politikern allzu gründlich gelernt hat, feige zu kuschen und selbst gegen seine berechtigten Interessen zu handeln.« 112 »Sie haben den Rückhalt und die Sympathie der ganzen Bevölkerung und natürlich aller Frontsoldaten!«, meinte Josef D. 113 , und auch Hermann L. war sich sicher, dass die »Mehrheit unserer Bürgerinnen und Bürger« hinter Schönhuber stehe, weshalb dieser sich»nicht kleinkriegen« lassen dürfe. 114 Hannsjörg S. zählte sich selbst»zur schweigenden Mehrheit und manchmal schäme ich mich wegen meines Schwei‐ gens«. Für ihn, Jahrgang 1915, war die NS-Zeit»eine schöne Zeit, bei aller Kritik, die im Nachhinein sicher angebracht ist«, und mit seinem Buch habe Schönhuber zwar »einige Sympathien verspielt«, dafür aber»hunderttausende Gesinnungsfreunde gewonnen«. 115 Julius B. nahm»mit Bedauern und mit Zorn« davon Kenntnis, dass der Bayeri‐ sche Journalisten-Verband(BJV) Schönhuber im März 1982 wegen seines Buchs per 109 Cas Mudde/Cristóbal Rovira Kaltwasser, Populism. A Very Short Introduction, Oxford 2017, S. 5 f.; Jan-Werner Müller, Was ist Populismus? Ein Essay, Berlin 2016, S. 42 f.; für einen Überblick über die in der Forschung kursierenden Populismusdefinitionen, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, vgl. auch Karin Priester, Rechter und linker Populismus. Annäherung an ein Chamäleon, Frankfurt am Main/New York 2012, S. 32–50. 110 Ebd., S. 49. Zur Geschichte der politischen Mobilisierungsformel der»schweigenden Mehrheit« vgl. Anna von der Goltz/Britta Waldschmidt-Nelson(Hrsg.), Inventing the Silent Majority in Western Europe and the United States. Conservatism in the 1960s and 1970s, Cambridge 2017. 111 H. J. R.,»Ich war dabei«, in: Deutsche Wochenzeitung, 16.10.1981. 112 Rudolf B. an Schönhuber, 4.4.1982, BayHStA, NL Schönhuber 53. 113 Josef D. an Schönhuber, 17.3.1982, BayHStA, NL Schönhuber 52. 114 Hermann L. an Schönhuber, 28.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 115 Hannsjörg S. an Schönhuber, 29.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 244 Maik Tändler Mehrheitsbeschluss den Ehrenvorsitz entzogen hatte. Schönhuber, dessen»männli‐ che Haltung« B. wie andere auch bewunderte, solle sich von den»Pseudo-Weltbe‐ glückern« nicht von seinem Kampf»für Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit« abbrin‐ gen lassen, denn»die schweigende Mehrheit ist bestimmt auf Ihrer Seite und die nächste Generation wird Ihnen für Ihre Haltung dankbar sein«. 116 Aus gleichem An‐ lass schrieb die Gemeinde- und Kreisrätin und Kreisvorsitzende Landshut-Land der FDP Josephin Nagy an den Vorsitzenden des BJV. Dessen Entscheidung habe»nichts mehr mit Demokratie viel jedoch mit Fehlen von Anstand, Erziehung und Herzens‐ takt zu tun«. Schönhubers Buch sei»für jene geschrieben, die als die schweigende Mehrheit bis heute unbeachtet, ja verachtet, wieder in das Berufsleben eingetaucht sind und schon wieder schweigen müssen«. 117 Auch Armin Mohler witterte Schönhubers politisches Potenzial als Volkstribun. Hatte er ihm zunächst noch davon abgeraten, in die Politik zu gehen, so hegte er nach Schönhubers Entlassung vom BR die Hoffnung, dieser könne»zum Sprecher einer Volksbewegung gegen die diversen Mafias, jenseits der veralteten RechtsLinks-Unterscheidungen, werden«. 118 Mohler hob zudem die große Bedeutung der Tatsache hervor, dass mit Schönhuber gerade ein – politisch gewissermaßen unver‐ dächtiges –»prominentes Mitglied des Establishments der Bundesrepublik« mit der üblichen»Vergangenheitsbewältigung« gebrochen habe. 119 Darin kam zum einen die Hoffnung zum Ausdruck, Schönhuber könne als Türöffner für geschichtsrevi‐ sionistische Thesen, die sonst in die mehr oder weniger abgeschlossene Sphäre nationalistischer Publizistik abgedrängt waren, zur gesellschaftlichen Mitte wirken. Zum anderen spielte Mohler damit auf die von Rechtsintellektuellen immer schon gepflegte Ansicht an, dass die liberale westdeutsche Medienelite von ehemaligen Nazis bevölkert sei, die nach 1945 ihre Vergangenheit unter den Teppich gekehrt hätten, um sich den Siegermächten anzudienen und als opportunistische Handlan‐ ger der Reeducation beruflich aufzusteigen. Gleichzeitig diene den betreffenden Personen der Verweis auf die NS-Zeit als Instrument zur Diskreditierung der politi‐ schen Rechten. 120 116 Dipl. Ing. Julius B. an Schönhuber, 16.3.1982, BayHStA, NL Schönhuber 52. 117 Josephin Nagy an Dr. Erich Geiersberger, 1. Vorsitzender des Bayer. Journalistenverbands, 19.4.1982(Kopie für Schönhuber, zugleich als Leserbrief zur Veröffentlichung an die Landshu‐ ter Zeitung versandt), BayHStA, NL Schönhuber 53. 118 Mohler an Schönhuber, 1.5.1982, BayHStA, NL Schönhuber 54. 119 Armin Mohler,»Jetzt red’ i«, in: Criticón 68, November/Dezember 1981, S. 284. 120 Maßstäbe setze in diesem Zusammenhang der publizistische Entlarvungsfeldzug des vormali‐ gen NS-Schriftstellers Kurt Ziesel in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren; vgl. Axel Schildt, Im Visier: Die NS-Vergangenheit westdeutscher Intellektueller. Die Enthüllungskam‐ pagne von Kurt Ziesel in der Ära Adenauer, in: VfZ 64, 2016, S. 37–68. Charakteristisch für Mohlers Behandlung des Themas war, dass er sich auf konservative Journalisten konzentrierte, deren Opportunismus in seinen Augen schuld an der liberalen Aufweichung des Konservatis‐ mus war: Armin Mohler, Deutsche Nachkriegspresse und Vergangenheitsbewältigung. Erinne‐ rungen an Giselher Wirsing(15.4.1907–23.9.1975), in: Criticón 32, November/Dezember 1975, S. 245–250; ders., Vergangenheitsbewältigung ist Gegenwartsmanipulation. Am Beispiel des Falles Karl Korn, in: Criticón 34, März/April 1976, S. 57–62; beide Beiträge sind gekürzt wieder‐ abgedruckt in: ders., Tendenzwende für Fortgeschrittene, München 1978, S. 146–155 bzw. S. 156–163. Schönhubers Fanpost 245 Dieses Ressentiment konnte freilich auch auf Schönhuber zurückfallen. Landwirt Franz P. beispielsweise hielt ihm vor, im Interesse seiner Karriere im Medienbe‐ trieb selbst jahrzehntelang über seine Biografie geschwiegen zu haben:»Sie haben auf sicheren Posten zugesehen, wie der kleine SS-Mann und auch andere bis ins hohe Alter wegen Ausführung von Befehlen, vor Gericht gestellt wurden und noch werden!« 121 Das war allerdings die Ausnahme – der Regel entsprachen die Zuschrif‐ ten wie die von Karl B., ehemals Hauptsturmführer bei der SS-Division»Das Reich«, der sich freute, dass mit Schönhuber endlich jemand,»der bereits bekannt und anerkannt ist«, mutig»der Wahrheit die Ehre« gebe. 122 Auch Otto S. fand es»ein‐ malig«, dass»ein Mann in einer solchen Position ein derartiges Buch schreibt«. Damit unterscheide sich Schönhuber von»Herrschaften« wie Henri Nannen, deren NS-Vergangenheit bekannt sei, die sich aber dennoch als»non plus ultra-Demokra‐ ten gebärden« und deren»Arroganz aus jedem ihrer Artikel spricht«. 123 Allgemein wurde»Stern«-Herausgeber Nannen am häufigsten genannt, wenn es darum ging, der verhassten Medien-Elite ein prominentes Gesicht zu geben. Der historisch interessierte Fernfahrer Arnd P. dankte Schönhuber für sein Buch, das ebenso wie die Bücher von Rassinier, Diwald und David Irving Geschichte so zeige, »wie sie wirklich war und nicht so, wie sie in den Medien von Gesinnungslumpen wie vom Schlage eines Nannen dargestellt wird«. 124 »Was für erbärmliche Wichtig‐ tuer« seien doch im Vergleich zu Schönhuber»die Diehl-Thiele, Hübner, Höfner, Sell und Nannen«, wie Albin E. meinte. 125 Hans E. schrieb:»Ich bestätige Ihnen, die von Ihnen so hervorgekehrte Heuchelei der Meinungsmacher. An der Spitze die Nannens, Höfers, Augsteins und natürlich auch die vielen Politiker einschließlich der Emigranten, die heute das Sagen haben.« 126 Josef R. freute sich besonders da‐ rüber,»daß Sie Nachkriegsschreiberlingen mit der bekannten 180° Kehrtwendung wie Nannen, Springer usw. die Meinung sagen«. 127 Und auch der ehemalige Kriegs‐ berichter der Wehrmacht Josef H. zeigte sich beeindruckt von Schönhubers»Ab‐ rechnung mit den Umerzogenen«:»Aus meiner Gilde gehörten zu ihnen 150 %ige wie Nannen, Werner Höfer, Müller-Mahrein. Die Type Nannen ist hier besonders zu nennen.« 128 Das letzte Zitat gibt einen Hinweis darauf, weshalb Empörung und Zorn der Briefschreiber in Nannen ein ideales Objekt fanden, obwohl der»Stern« Schön‐ hubers Buch unter der Rubrik»Absteiger der Woche« nur mit einer kurzen spöt‐ tischen Notiz bedacht hatte. 129 Denn die Biografie des Publizisten, der den»Stern« als langjähriger Chefredakteur zu einer der erfolgreichsten Illustrierten der Bun‐ 121 Franz P. an Schönhuber, 25.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. P. selbst hatte nicht in der Waf‐ fen-SS, sondern in der Wehrmacht gedient; er habe aber so viele»anständige und wirkliche idealistische, tapfere SS-Männer kennen gelernt, das es für mich immer selbstverständlich war in aller Öffentlichkeit diesen Männern die Ehre zu geben!« 122 Karl B. an Schönhuber, 17.2.1982, BayHStA, NL Schönhuber 51. 123 Otto S. an Schönhuber, 13.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 124 Arnd P. an Schönhuber, 29.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 125 Albin E. an Schönhuber, 16.12.1981, BayHStA, NL Schönhuber 49. 126 Hans E. an Schönhuber, 18.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. 127 Josef R. an Schönhuber, 25.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 128 Josef H. an Schönhuber, 28.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 129 Absteiger der Woche, in: Stern, 5.11.1981. 246 Maik Tändler desrepublik gemacht hatte 130 , schien auf besonders eindrückliche Weise die Wahr‐ nehmung zu belegen, dass man die ›kleinen Leute‹ wegen ihrer NS-Vergangenheit auf ewig stigmatisierte, während ›die da oben‹ mit allem davonkamen und sich gleichzeitig als moralische Autorität aufspielten. Nannen, Jahrgang 1913, war im Zweiten Weltkrieg Kriegsberichter der Luftwaffe und wurde im letzten Kriegsjahr zur der unter Kommando der Waffen-SS stehenden Propaganda-Einheit»Südstern II« abgeordnet, wo er mutmaßlich auch die Gestaltung antisemitischer Flugblätter mitverantwortet hat. Diese jüngst noch einmal neu skandalisierte NS-Belastung 131 war schon im Untersuchungszeitraum kein Geheimnis und einem größeren Publi‐ kum deshalb bekannt, weil sie konservativen Medien Anfang der 1970er-Jahre als willkommene Munition gegen Nannen als entschiedenen Unterstützer der Ostpoli‐ tik Willy Brandts diente. 132 Erwin R., ehemaliger Reserveoffizier der Wehrmacht, behauptete in seinem Brief an Schönhuber gar, er habe einige Jahre zuvor jene »Pornoflugblätter mit antisemitischen Texten«, die Nannen bei»Südstern« heraus‐ gegeben habe, in Hamburg an die»BILD« geschickt, die eines davon auch veröffent‐ licht habe. 133 V.»… daß diese Leute nie versöhnt werden können« – das Ressentiment gegen die Juden Antisemitismus war freilich auch etlichen Schönhuber-Fans nicht fremd. Ihr Res‐ sentiment, das sich vom Gefühl der individuellen wie nationalen Kränkung durch die»Vergangenheitsbewältigung« nährte, fand in den Juden ein naheliegendes 130 Vgl. Hermann Schreiber, Henri Nannen. Der Herr vom stern, München 2001, sowie zu den konzeptionellen Kontinuitäten zwischen Nannens»Stern« und der gleichnamigen NS-Illustrier‐ ten Nils Minkmar, Die doppelte Wundertüte. Wie Henri Nannen den»Stern« erfand, in: Lutz Hachmeister/Friedemann Siering(Hrsg.), Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Pres‐ se nach 1945, München 2002, S. 185–195. Ironischerweise bediente Nannen mit dem frühen »Stern« eine populistische»Ideologie vom kleinen Mann und Lieschen Müller«(ebd., S. 194), die nun von den Schönhuber-Fans gegen ihn gewendet wurde. 131 STRG_F, Verleger-Legende Henri Nannen: Antisemitische Propaganda, URL:[19.2.2023]; vgl. zu den personellen NS-Kontinuitäten im Journalis‐ mus der frühen Bundesrepublik Hachmeister/Siering, Die Herren Journalisten, und Matthias Weiß, Journalisten: Worte als Taten, in: Norbert Frei(Hrsg.), Hitlers Eliten nach 1945, München 2003, S. 218–265. 132 1970 hatten Mitarbeiter von Springers»Die Welt« begonnen, Material für eine entsprechende Kampagne gegen Nannen zu sammeln, für die dann auch der konservative ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal gewonnen werden konnte. Sie fiel jedoch in sich zusammen, nachdem Löwenthal im Fernsehen Nannen und dessen damaligen Vorgesetzten bei»Südstern«, Hans Weidemann, fälschlich mit der Erschießung italienischer Partisanen in Verbindung gebracht hatte. Hängen blieb dann an Nannen vor allem die Tatsache, dass er den mit ihm befreun‐ deten ehemaligen SS-Obersturmführer Weidemann jahrelang beim»Stern« beschäftigt und zum Leiter des von ihm ins Leben gerufenen Wettbewerbs»Jugend forscht« gemacht hatte; vgl. Schreiber, Henri Nannen, S. 366–378, sowie zeitgenössisch auch die Berichte im SPIEGEL: Derart belastet, in: Der SPIEGEL, 13.12.1970; Dann knallt’s, in: Der SPIEGEL, 10.1.1971. 133 Erwin R. an Schönhuber, 8.12.1981, BayHStA, NL Schönhuber 49. Schönhubers Fanpost 247 und bewährtes Objekt. 134 In einigen Briefzitaten im Zusammenhang mit der Rela‐ tivierung oder Leugnung des Holocaust ist das bereits angeklungen. Unter den Absendern gaben sich dabei vereinzelt auch härteste, eliminatorisch gestimmte Judenhasser zu erkennen. 135 Häufiger waren jedoch Zuschriften wie jene von Fritz L., der von den»Absichten gewisser Kreise« raunte,»das Schuldgefühl auch noch in der nächsten Generation in unserem Volke« zu erhalten,»um daraus im wahrsten Sinne des Wortes ›Kapital schlagen‹ zu können«. 136 Das uralte Stereotyp von den rachsüchtigen und gierigen Juden, die nun auch noch von Auschwitz profitierten, verband sich hier mit einem in Deutschland nach 1945 neu entstandenen Ressen‐ timent, das auf der Imagination eines von den überlebenden Juden verkörperten Kollektivschuldvorwurfs beruhte. 137 Es richtete sich in der Auseinandersetzung um Schönhubers Buch vor allem gegen zwei Repräsentanten jüdischen Lebens in der Bundesrepublik: Arno Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde und SPD-Stadtrat in Nürnberg, und Hans Lamm, Präsident der Israelitischen Kultus‐ gemeinde München und Oberbayern. Sowohl Hamburger, 1923 in Nürnberg als Altersgenosse Schönhubers und eben‐ falls als Metzgersohn auf die Welt gekommen, als auch der 1913 in München gebo‐ rene Lamm waren Ende der 1930er-Jahre wegen der antisemitischen Repressionen aus Deutschland emigriert; beide verloren Angehörige im Holocaust, und beide zählten zu den wenigen geflohenen deutschen Juden, die sich nach 1945 für eine Rückkehr in ihr Geburtsland entschieden. Den Zorn der Schönhuber-Fans zogen sie auf sich, weil sie es wagten, deren Idol öffentlich zu kritisieren und zum Rückzug aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufzufordern – nicht, weil Schönhuber sich als Jugendlicher zur Waffen-SS gemeldet hatte, sondern wegen der Verharmlo‐ sung der NS-Zeit, die er, wie Hamburger in einem offenen Brief schrieb,»heute, als gestandener Mann, als Mitarbeiter eines Massenmediums, als Journalist, in voller Erkenntnis der Verbrechen jenes Regimes« betrieb. 138 Lamm handelte sich mit sei‐ 134 In modernen Gesellschaften lässt sich das Ressentiment, das sich häufig zugleich gegen»die da oben« und die als nicht zugehörig erachteten»Anderen« richtet, als emotionale Reaktion auf die Kluft zwischen politischem Partizipationsversprechen und subjektiv empfundener Ohnmacht verstehen. Vgl. hierzu ausführlich Jensen, Zornpolitik, S. 27–54, der zugleich die Verbreitung antijüdischer Ressentiments in Deutschland im 19. Jahrhundert behandelt; vgl. zu Letzterem auch ders./Stefanie Schüler-Springorum, Einführung: Gefühle gegen Juden. Die Emotionsgeschichte des modernen Antisemitismus, in: GG 39, 2013, S. 413–442. 135 Die wohl heftigste Zuschrift kam von Friedrich F.:»Wenn auch Deutschland am Ende den Krieg doch verloren hat, die Genugtuung kann jeder Deutsche haben: unsere glorreiche Ar‐ mee hat es dem Judengeschmeiß, den alliierten Schweinen und Verbrechern gezeigt, wie hart das Deutsche Eichenholz zuschlägt. Aber das Lied ist noch nicht aus, nur unterbrochen«; Friedrich F. an Schönhuber, 19.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. An zweiter Stelle rangiert ein Herr Christiansen, der die NS-Rassenpolitik zwar für»etwas überhitzt« hielt, aber auf »gesunde Volksinstinkte der Selbsterhaltung« zurückführte, und die»Judenfrage« im Sinne der hitlerschen Warnung vor der jüdischen Weltherrschaft für nach wie vor ungelöst hielt; K. H. Christiansen an Schönhuber, 2.1.1982, ebd. 136 Fritz L. an Schönhuber, 30.11.1981, BayHStA, NL Schönhuber 48. 137 Vgl. Jensen, Zornpolitik, S. 126–129, der dieses Ressentiment am Beispiel von Martin Walsers berüchtigter Paulskirchenrede von 1998 analysiert. 138 Hamburger an Schönhuber, 17.12.1981, BayHStA, NL Schönhuber 49. Der Brief wurde in den »Nürnberger Nachrichten« vom 19.12.1981 abgedruckt und von Lamm zustimmend und in voller Länge in den»Neuen Jüdischen Nachrichten« zitiert: Hans Lamm, Er war dabei(bei 248 Maik Tändler nem Engagement Angriffe der rechtsradikalen Presse und private Morddrohungen ein 139 und Hamburger erging es vermutlich nicht besser. Hans E., der bereits als Verächter der»Nannens, Höfers, Augsteins« und der angeblich politisch tonangebenden»Emigranten« zitiert worden ist, echauffierte sich auch über den»Nürnberger Stadtrat«, also Arno Hamburger. Dieser sei wie die anderen»Vergangenheitsbewältiger[…] nicht totzukriegen«, denn leider hätten die Millionen Kriegsveteranen im Unterschied zu den Juden»keine Lobby«. 140 Eine mit»wir sind echte Deutsche« gezeichnete anonyme Zuschrift geiferte in Bezug auf Hamburger:»Trotz großen Leid, hetzen die Juden weiter!! Wir fragen, ist es schon wieder soweit das ein Jude oder Judenknecht sich wagt einen Deutschen zum Rücktritt auf zu fordern, wir sind empört darüber.« 141 Alfred T. erklärte Lamms Kritik schlicht für gegenstandslos, denn Schönhubers Buch habe»mit den Leiden der Juden überhaupt nichts zu tun«(was in gewisser Weise zutraf); außerdem werde auf dem Thema schon so lange herumgeritten,»dass es einem buchstäblich zum Halse raus hängt!!« 142 Hugo H. besann sich auf den klassischen antisemitischen Trick, den Juden selbst die Schuld an der Judenfeindlichkeit zu geben: Sollten sich die»Herren Lamm, Hamburger und Galinski« – Heinz Galinski war der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin – weiter»aufplustern«, würden sie einen Antisemi‐ tismus provozieren,»den wir alle nicht haben wollen«. 143 In anderen Briefen wurde der antisemitische Schuldabwehraffekt in Form von ›Israelkritik‹ kanalisiert. 144 Ar‐ no V. schimpfte, dass sich »schon wieder eine ganz kleine jüdische Minderheit mit einer Keckheit aufführt, dass es jedem Deutschen die Schamröte ins Gesicht treiben muss, während im gleichen Augenblick der Waffen-SS). Schönhubers Autobiographie, in: Neue Jüdische Nachrichten, 15.1.1982. Dem Brief sind auch die biografischen Angaben zu Hamburger zu entnehmen; vgl. zu Lamm Andrea Sinn,»Und ich lebe wieder an der Isar«. Exil und Rückkehr des Münchner Juden Hans Lamm, München 2008, zum Konflikt mit Schönhuber ebd., S. 168–170. 139 Sarkowicz, Rechte Geschäfte, S. 44. 140 Hans E. an Schönhuber, 18.1.1982, BayHStA, NL Schönhuber 50. 141 Zuschrift ohne Absender und Datum[Eingangsstempel BR: 12.1.1982], BayHStA, NL Schönhu‐ ber 50. 142 Alfred T. an den Intendanten des Bayerischen Rundfunks, 17.12.1981(Durchschlag), BayHStA, NL Schönhuber 49. Der Verfasser hatte von einem Aufruf Lamms gelesen, beim BR gegen Schönhuber zu protestieren, und dies zum Anlass genommen, stattdessen gegen Lamm zu protestieren. 143 Hugo H. an Schönhuber, 18.2.1982, BayHStA, NL Schönhuber 51. 144 Die immer wieder hitzig debattierte Frage, wo die legitime Kritik an der Politik der israeli‐ schen Regierung aufhört und der israelbezogene Antisemitismus anfängt, kann hier zum Glück ausgeklammert werden, da die antisemitische Stoßrichtung der Israelbezüge in den zitierten Quellen eindeutig ist. Es sei jedoch angemerkt, dass verstärkt seit der Amtszeit des im Folgen‐ den erwähnten Likud-Politikers Menachem Begin, der von 1977 bis 1983 als Ministerpräsident die erste israelische Rechtsregierung führte und ein äußerst angespanntes Verhältnis zu Bun‐ deskanzler Helmut Schmidt pflegte, auch in der von den Schönhuber-Anhängern verachteten liberalen Presse antisemitische Stereotype in der Israelberichterstattung durchschlugen; vgl. Monika Halbinger, Das Jüdische in den Wochenzeitungen ZEIT, SPIEGEL und STERN(1946– 1989). Berichterstattung zwischen Popularisierungsbemühung, Vereinnahmung und Abwehr, München 2010, S. 356–363. Schönhubers Fanpost 249 ihr Glaubensgenosse[Menachem] Begin mitten im Frieden syrisches Gebiet annektiert, 2,2 Millionen Palästinenser in erbärmlichsten Lagern seit zig Jahren leben«. Anstatt in»urdeutsche Belange einzugreifen«, sollten sich Lamm und Galinski, die offenbar nicht als Deutsche zählten, lieber um diese Dinge kümmern oder gleich nach Israel auswandern. 145 Walter K. wiederum schrieb direkt an Arno Hamburger, wenn er Probleme mit der»Einverleibung fremden Staatsgebietes mit dem Recht des Stärkeren« habe, dann solle er nicht auf die deutsche Geschichte, sondern auf den israelischen Staat schauen,»dem Sie sich auf natürliche Art verbunden fühlen müssen«. 146 Nach der Entlassung Schönhubers durch den BR nahmen die antisemitischen Briefe, die Fama vom jüdischen Strippenzieher fortschreibend, stärker verschwö‐ rungstheoretische Züge an. Hans U. beließ es in seinem Brief an BR-Intendanten Reinhold Vöth bei der Andeutung, dass man ja wisse,»wer hinter Ihrem Entschluß steckt«. 147 Konkreter wurde der Internist Ewald S., der den Bayerischen Rundfunk »im Schlepptau der in Kultur und Publizistik maßgeblichen in- und ausländischen Hintermänner« sah. Dabei müsse Vöth doch wissen,»daß diese Leute nie versöhnt werden können, auch nicht etwa dadurch, wenn sich noch heute das ganze deut‐ sche Volk vom Säugling bis zum Greis zur Sühne wegen Auschwitz beide Hände abhacken ließe«. 148 Alfred M. bediente sich eines christlich-antisemitischen Motivs, durch das er zugleich Schönhuber zum Märtyrer stilisierte, indem er Vöth mit Pontius Pilatus verglich, der Jesus zum Tod am Kreuz verurteilt hatte – auch damals hätten»die ›Lamms‹ einen nicht unmaßgeblichen Part gespielt«. 149 Ein anderer, anonym bleibender Verfasser hingegen zog es vor, den Mythos vom ›jüdischen Bolschewismus‹ zu aktualisieren, und klagte, dass es»den vereinten Linken von Moses bis Marx« wieder einmal gelungen sei,»einen aufrechten Deutschen abzu‐ schiessen«:»Schmach und Schande über diejenigen, die dieses marxistisch-jüdische Komplott ermöglicht haben.« 150 Als Chef der Republikaner gehörte es zu Schönhubers festem rhetorischen Re‐ pertoire, sich vom Antisemitismus zu distanzieren, um im Anschluss jenes antise‐ mitische Ressentiment der Schuldabwehr – genauer: der Abwehr eines imaginären Schuldvorwurfs – zu bedienen, das ihm ein Teil seiner vorpolitischen Anhänger‐ schaft zu Beginn des Jahrzehnts offenbart hatte. In einem Leitartikel, den er 1986 als Herausgeber für das Parteiblatt»Republikaner« verfasste, hieß es etwa: »Und deshalb weigern wir uns, jeden jüdischen Funktionär mögen zu müssen. Und wir meinen, manche wären gut beraten, ihre permanenten Demütigungsversuche an unserem 145 Arno A. K. V. an Schönhuber, 16.12.1981, BayHStA, NL Schönhuber 49. 146 Walter K. an Arno Hamburger, 4.1.1982(Kopie), BayHStA, NL Schönhuber 50. 147 Hans U. an Reinhold Vöth, 1.5.1982(Durchschlag), BayHStA, NL Schönhuber 54. 148 Ewald S. an Schönhuber, 5.5.1982, BayHStA, NL Schönhuber 54. 149 Alfred M. an Reinhold Vöth, 21.5.1982(Durchschlag), BayHStA, NL Schönhuber 54. 150 Zuschrift ohne Absender und Datum, BayHStA, NL Schönhuber 54. 250 Maik Tändler Volk aufzugeben, damit sie nicht zu Schrittmachern eines Antisemitismus werden, den wir REPUBLIKANER mit allen Mitteln zu verhindern suchen.« 151 Schluss Die Briefe an Schönhuber lassen sich nicht eindeutig einem bestimmten Genre zu‐ ordnen, vermischen sich in ihnen doch Merkmale verschiedener Gattungen schrift‐ licher Kommunikation. Zunächst einmal tragen sie klare Züge von Fanpost. Zum emotionalen»Genuss« des Fans gehört es, so der Filmwissenschaftler Vinzenz He‐ dinger,»dem Idol auch in schwierigen Phasen emotional zur Seite zu stehen, ihm das Geschenk der anhaltenden Loyalität zu machen« und es»dadurch vielleicht sogar wieder auf die Beine zu bringen«. 152 Diese Bemerkung ist auf die jedes politi‐ sche Versagen ignorierende und jede moralische Transgression goutierende Treue der Anhängerschaft Donald Trumps bezogen, der vor seiner Präsidentschaftskan‐ didatur in den Vereinigten Staaten Prominenz als langjähriger Gastgeber der Un‐ ternehmens-Castingshow»The Apprentice« erlangt hatte. Sie lässt sich aber auch auf die Post an Schönhuber übertragen, zumal dieser im betreffenden Zeitraum noch nicht als Politiker, sondern als populäre Medienpersönlichkeit angeschrieben wurde, die man bewunderte und gegen Anfeindungen in Schutz nahm. Zugleich verweist die spezifische Transgression, für die Schönhuber(wiederum ähnlich wie Trump) von seinen Fans nicht verurteilt, sondern geschätzt wurde, nämlich die selbstbewusste Überschreitung der vom liberalen»Establishment« definierten Sag‐ barkeitsgrenzen, bereits auf seine spätere politische Profilierung. Was den Schönhuber-Fans im Unterschied zur Trump-Gefolgschaft jedoch fehl‐ te, war die Möglichkeit, in den Echokammern der sozialen Medien spontane Er‐ regungsgemeinschaften zu bilden. Selbstbestätigende emotionale Vergemeinschaf‐ tung fand in größerem Maßstab allenfalls auf den gut besuchten Buchvorstellun‐ gen und Diskussionsveranstaltungen mit Schönhuber statt, später dann bei seinen Wahlkampfauftritten für die Republikaner. Die Frage, ob Schönhuber unter den panoptischen und feedbackverstärkenden Bedingungen digitaler Medialisierung noch größeren Erfolg gehabt hätte, muss allerdings spekulativ bleiben. Was den ihm Schreibenden blieb, war die imaginierte Zugehörigkeit zur Mehrheit einer Ge‐ neration oder gar des Volkes, was gleichzeitig eine implizite(Selbst-)Versicherung darstellte, politisch keinesfalls extreme Überzeugungen zu teilen. Die mehr oder weniger ausführlichen biografischen Selbstauskünfte dienten auch der Beglaubigung dieses Anspruchs, zugleich verliehen sie vielen Briefen 151 Franz Schönhuber, Wen sollen wir wählen?, in: Republikaner 12/1986, zitiert nach dem Faksi‐ mile in Funke,»Republikaner«, S. 40–42. 152 Vinzenz Hediger, Warum lieben ihn so viele?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.10.2020, S. 11. Vgl. zur Anwendung analytischer Ansätze der kulturwissenschaftlichen fan studies auf politische Emotionalisierungsprozesse, die im Zeitalter digitaler Kommunikation zusehends fankulturelle Züge anzunehmen scheinen, etwa Cornel Sandvoss, Toward an Understanding of Political Enthusiasm as Media Fandom: Blogging, Fan Productivity and Affect in American Politics, in: Participations 10, 2013, H. 1, S. 252–296; ders./Jonathan Gray/C. Lee Harrington, Introduction: Why Still Study Fans?, in: dies.(Hrsg.), Fandom. Identities and Communities in a Mediated World. Second Edition, New York 2017, S. 1–26, hier: S. 20 f. Schönhubers Fanpost 251 den Charakter von Ego-Dokumenten. Weit über den Kreis der ehemaligen WaffenSS-Kameraden hinaus identifizierten sich Angehörige der NS-Erlebnisgeneration mit Schönhubers Selbstdarstellung, als einfacher Mensch im Nationalsozialismus ein anständiges Leben geführt und anschließend zum demokratischen Wiederauf‐ bau beigetragen zu haben. Schönhuber fungierte insofern auch als eine Art thera‐ peutische Projektionsfläche zur Bearbeitung eines erinnerungskulturellen Wutsyn‐ droms, das aus dem Gefühl der individuellen wie kollektiven Zurücksetzung und der fehlenden Anerkennung der eigenen Lebensleistung resultierte. Es muss hier bei dem kurzen Hinweis bleiben, dass sich nach 1990 bei einem Teil der ostdeut‐ schen Bevölkerung ein nicht unähnliches identitätspolitisches»Narrativ der Demü‐ tigung« festsetzen konnte, das den»Stolz aufs eigene Leben« auch unter einem diskreditierten politischen System verteidigt und in jüngerer Zeit eine Affinität zur AfD zu begünstigen scheint. 153 Das Gefühl, bei der Deutung der eigenen Vergangenheit nicht mitreden zu dür‐ fen, hatte wiederum eine eminent politische Dimension, trug es doch zum populisti‐ schen, auch auf andere Politikfelder übertragbaren Ressentiment bei, dass sich die politische und besonders die mediale Elite zwar demokratisch gebärde, in Wahrheit aber dem»Volk« die Mitsprache verwehre. Mit Blick auf diesen partizipatorischen Anspruch lassen sich die Zuschriften auch als eine spezielle Form von»Bürgerbrie‐ fen« interpretieren, die als Medium politischer Kommunikation gegenwärtig auf größeres geschichtswissenschaftliches Interesse stoßen. 154 Dabei handelt es sich um Briefe aus der Bevölkerung an politische Amts- und Entscheidungsträger, in denen jenseits der formalen Vorgaben einer Petition Wünsche, Beschwerden und Kritik vorgebracht werden, mitunter aber auch persönliche Verehrung ausgedrückt wird. 155 Bürgerbriefe zielen, so Claudia Gatzka, auf die Beeinflussung politischer Entscheidungen, indem sie Auskunft über einen»verborgenen, nicht repräsentier‐ ten Bereich des Gemeinwesens« zu geben beanspruchen. 156 Letzteres trifft auch auf die Briefe an Schönhuber zu. Dieser war im Untersuchungszeitraum zwar noch kein Politiker, wurde aber zumindest vom bayerischen Publikum als Moderator einer»Bürgersendung« dafür geschätzt, dass er den ›kleinen Leuten ‹ in der Politik Gehör verschaffte. Als Republikaner-Chef verankerte Schönhuber die Forderung nach einer»Entkri‐ minalisierung« der deutschen Geschichte im Parteiprogramm und präsentierte sei‐ ne Partei als»politische Speerspitze des historischen Revisionismus« gegen den von 153 Ute Frevert, Das Narrativ der Demütigung und die Gefühle der Ostdeutschen, in: Alexander Leistner/Monika Wohlrab-Sahr(Hrsg.), Das umstrittene Erbe von 1989. Zur Gegenwart eines Gesellschaftszusammenbruchs, Wien/Köln 2022, S. 257–278, hier: S. 274 f. Es sei betont, dass es bei diesem Hinweis nicht um einen Systemvergleich zwischen DDR und ›Drittem Reich‹ geht, sondern um die Ähnlichkeit bestimmter sozialpsychologischer Mechanismen. 154 Valentin Grundler, Tagungsbericht Theodor-Heuss-Kolloquium 2022: Vom Bittbrief zur Hass‐ mail? Bürgerbriefe als politische Kommunikationsform. 19.–20.5.2022, Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 25.8.2022, URL:[24.8.2023]. 155 Michaele Fenske, Bürgerbrief, in: Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Bd. 1: Interdisziplinarität – Systematische Perspektiven – Briefgenres, hrsg. v. Marie Isabel Matthews-Schlinzig/Jörg Schuster/Gesa Steinbrink u. a., Berlin/Boston 2020, S. 497–504. 156 Claudia Gatzka, Geschichtskolumne: Post vom Volk, in: Merkur, September 2022, H. 880, S. 55– 64, hier: S. 62. 252 Maik Tändler den»Intellektuellen« praktizierten deutschen»Nationalmasochismus«. 157 Welche Rolle dieses Thema in den späten 1980er-Jahren bei der konkreten Wahlentschei‐ dung für die Republikaner gespielt hat, lässt sich freilich kaum sagen. Geschichts‐ revisionistisch gestimmter Nationalstolz war unter deren zu rund zwei Dritteln männlichen Wählern jedenfalls deutlich stärker verbreitet als in der Durchschnitts‐ bevölkerung. Für die politische Mobilisierung mussten allerdings weitere situative Faktoren hinzutreten, in erster Linie die auf die stark steigende Zahl von Asyl‐ suchenden reagierende Einwanderungsdebatte, die von den Republikanern aggres‐ siv fremdenfeindlich angeheizt wurde, und die hohe Arbeitslosigkeit, die vermut‐ lich auch den überdurchschnittlichen Zuspruch aus der Arbeiterschaft begünstigt hat. Das von der Schönhuber-Partei gepflegte soziale Kümmerer-Image schien hier durchaus zu verfangen. 158 Davon abgesehen zählt der Kampf gegen die als(Selbst-)Diffamierung der Deut‐ schen empfundene Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus zum festen ideologischen Bestand noch jeder weit rechts stehenden Partei in der Ge‐ schichte der Bundesrepublik, von der»nationalen Opposition« der 1950er-Jahre bis zur AfD. 159 Dabei spielt das Gefühl der kollektiven nationalen Kränkung ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass sich die nationalistische Rechte nach 1945 stets als Opfer einer politischen Instrumentalisierung der NS-Vergangenheit gesehen hat. Erinnerungsabwehr war und ist zudem kein Spezifikum der biografisch Betroffe‐ nen, kann doch auch die Tatsache, nicht dabei gewesen zu sein, Nachgeborenen als Argument für einen»Schlussstrich« dienen. Dass die Republikaner Ende der 1980er-Jahre nicht nur bei den über 60-Jährigen, die grob mit der NS-Erlebnisge‐ neration identifiziert werden können, sondern ebenso bei den unter 30-Jährigen tendenziell auf größere Zustimmung stießen als in den mittleren Altersgruppen, verstärkte auch die zeitgenössische Besorgnis über die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in der westdeutschen Jugend. 160 Hinzu kommt, dass ein Überdruss 157 Schönhuber, Wen sollen wir wählen?. Den Ausdruck»Nationalmasochismus« hat Schönhuber wahrscheinlich von Mohler übernommen; vgl. etwa Armin Mohler, Was die Deutschen fürch‐ ten. Angst vor der Politik, Angst vor der Geschichte, Angst vor der Macht, Stuttgart 1965, S. 146 f. 158 Jaschke, Die Republikaner, S. 107–113; Dieter Roth, Sind die Republikaner die fünfte Partei? Sozial- und Meinungsstruktur der Wähler der Republikaner, in: APuZ 49, 1989, H. 41–42, S. 10– 20; Stöss, Rechtsextremismus im Wandel, S. 81, hebt diesbezüglich den Unterschied zu den 1950er- und 1960er-Jahren hervor, als der Rechtsextremismus vorrangig die Mittelschichten ansprach, während er sich in den 1980er-Jahren zum»Unterschichtphänomen« entwickelte habe. Dazu passt, dass 1989 die über 60-Jährigen die einzige Altersgruppe darstellten, bei der die Zustimmung zu den Republikanern unter den formal Höhergebildeten mit Abitur oder Universitätsabschluss, wenn auch knapp, am höchsten war, während die Partei bei den unter 50-Jährigen die höchsten Zustimmungswerte bei den formal Geringergebildeten(Volksschulab‐ schluss) erzielte, Roth, Sind die Republikaner die fünfte Partei?, S. 13. 159 Norbert Frei/Franka Maubach/Christina Morina/Maik Tändler, Zur rechten Zeit. Wider die Rück‐ kehr des Nationalismus, Berlin 2019; Gideon Botsch, Die extreme Rechte in der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis heute, Darmstadt 2012. 160 Roth, Sind die Republikaner die fünfte Partei?, S. 11–13. Zur damaligen sozialwissenschaftli‐ chen Auseinandersetzung mit dem jugendlichen Rechtsextremismus vgl. hier nur zusammen‐ fassend Hartmut Castner/Thilo Castner, Rechtsextremismus und Jugend. Erscheinungsformen – Ursachen – Gegenstrategien, in: APuZ 49, 1989, H. 41–42, S. 32–39. Schönhubers Fanpost 253 an der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus weit über den Kreis einer weltanschaulich gefestigten extremen Rechten hinaus immer auch in der»Mitte« der Gesellschaft verbreitet gewesen ist. 1986 stimmten in einer Allensbach-Umfrage 66 % der befragten Bundesbürger der Forderung nach einem Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit zu, und zuletzt äußerte 2020 in einer von der»ZEIT« in Auf‐ trag gegebenen repräsentativen Umfrage eine knappe Mehrheit von 53% ähnliche Präferenzen. 161 Wie hartnäckig sich die Wahrnehmungs- und Erregungsmuster, die in den Brie‐ fen an Schönhuber zum Ausdruck kamen, in Teilen der Bevölkerung hielten, zeigen die Reaktionen auf die Rede, die der CDU-Politiker und baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger 2007 auf der Beerdigung von Hans Filbinger hielt. Oettinger erklärte seinen verstorbenen Parteifreund und Amtsvorgänger, der 1978 wegen der von ihm als Marinerichter im Zweiten Weltkrieg verhängten Todes‐ urteile als Ministerpräsident von Baden-Württemberg hatte zurücktreten müssen, gegen alle historische Evidenz zum»Gegner des NS-Regimes«. Er handelte sich damit scharfe öffentliche Kritik ein, ihn erreichten aber auch fast tausend überwie‐ gend zustimmende und Solidarität bekundende Zuschriften. 162 Das Lob des mutigen Mannes, der einer Mehrheit der Bevölkerung aus dem Herzen spreche und die Meinungsfreiheit gegen die»Moralapostel« in Politik und Medien verteidige – es findet sich wie schon ein Vierteljahrhundert zuvor in Schön‐ hubers Fanpost auch in den Zeilen an Oettinger, nur dass dieses Mal Bundeskanz‐ lerin und CDU-Chefin Angela Merkel, die Oettingers Rede kritisiert hatte, die Haupt‐ rolle als Meinungsdiktatorin zugewiesen bekam. Und als sich Oettinger schließlich nach einem Gespräch mit Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, doch noch entschuldigte, setzte eine zweite Welle von Zuschriften ein, die viele jener antisemitischen Schmähungen anspülte, die sich ebenfalls in den Briefen an Schönhuber finden. Erneut fungierte eine vergangenheitspolitische Auseinandersetzung in der Bundesrepublik als Kristallisationskern für ein rechts‐ populistisches Wutpotenzial, das sich dann die sechs Jahre später gegründete AfD erfolgreich zunutze machen sollte. 161 Christian Staas, Erinnerungskultur: Das Ende der Selbstgewissheit, in: Die ZEIT, 28.4.2020; die Umfragedaten sind online abrufbar unter URL:[31.5.2023]. Der Forderung nach einem»Schlussstrich« stimmten dabei 80% der AfD-Anhänger, aber immerhin auch 55% der CDU-, 50% der SPD- und 33% der Grünen-Wähler»voll und ganz« oder»eher« zu. Gleichzeitig jedoch befanden rund drei Viertel aller Befragten die Aussage für ganz oder eher richtig, dass die Deutschen eine Pflicht zur Erinnerung an Nationalsozialismus und Holocaust haben und die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte wichtig für die Gegenwart ist. Möglicherweise driften hier ein abstraktes moral‐ isches Bekenntnis zur Erinnerung und das Gefühl, persönlich oder gesellschaftlich genügend »bewältigt« zu haben, auseinander; vgl. zur Diskussion der zahlreichen widersprüchlichen Befunde der Umfrage den zitierten Artikel von Staas. 162 Hier und im Folgenden: Rüdiger Soldt, Fanpost für Oettinger: Instantpulver für die AfD, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.3.2023.