Archiv für Sozialgeschichte 48, 2008 703 Beate Fieseler Arbeiter und Bauern – Terror und Feste im Stalinismus Ein Forschungsbericht über die neuere wissenschaftliche Literatur, Teil II Nachdem im ersten Teil des Forschungsberichtes die neuere Forschungsliteratur über Stalin, seine Gefolgsleute und den Terror in der Sowjetunion behandelt wurde 1 , wendet sich der zweite Teil nun neben einigen Überblickswerken vor allem den Neuerscheinungen aus dem Bereich der Sozial- und Kulturgeschichte, einigen kürzlich erschienenen Autobiografien und der Frage nach der Bedeutung von Subjektivität im Stalinismus zu. Aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für das Verständnis des Systems werden außerdem die neuesten Studien zum Terror sowie zum System der»Arbeitsbesserungslager« in der Sowjetunion ausführlich behandelt. Gerade letztere sind Themenfelder, die weiterhin Schwerpunkte der Forschung bilden. Auch rund 20 Jahre nach Öffnung der sowjetischen Archive kommt der faktografischen Aufarbeitung des immensen Quellenfundus eine große Bedeutung zu. Es erscheinen immer neue Lokal- und Spezialstudien, die unser Bild der stalinistischen Gesellschaft Stück für Stück vervollständigen, etwa zum Lagersystem oder zu einzelnen Opfergruppen, innovative Studien zu»klassischen« Untersuchungsobjekten wie der Arbeiterschaft oder der Landbevölkerung, Studien zur Selbstdarstellung des Regimes, etwa in der Festkultur, sowie zunehmend auch Untersuchungen zu Themen, welche nicht ›typisch sowjetisch‹ sind, wie z. B. Jugend und Kindheit. Sucht man in der thematischen Vielfalt und Heterogenität der Neuerscheinungen zur Kultur- und Sozialgeschichte nach einem»roten Faden«, so wäre zweierlei zu nennen: Zum einen die Frage nach der»agency« der einfachen Sowjetbürger, ihren Handlungsmöglichkeiten und Spielräumen. Das Verhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten wird nicht mehr als starr, hierarchisch und ausschließlich von oben gesetzt betrachtet, sondern gleichsam dialogisch, als Ergebnis von Diskursen, Interaktionen und Aushandlungsprozessen, ohne dass es sich dabei notwendigerweise um eine symmetrische Beziehung handeln müsste. Zum zweiten gerät mit der Untersuchung von Spielräumen auch die»Mitmachgesellschaft« ins Visier der Forschung, die Frage, warum und wie ein erheblicher Teil der Bevölkerung dem Druck und den materiellen Anreizen von oben nachgab, gebotene Aufstiegschancen wahrnahm und sich dem kollektivistischen Identitätsund Gesellschaftsentwurf anverwandelte, um schließlich die Repressionen des Regimes zu befürworten und sich sogar aktiv daran zu beteiligen. Zu den eigentlichen Exekutoren des Großen Terrors liegen dabei kaum Quellen und Darstellungen vor. Lediglich die Hauptakteure sind bislang Gegenstand biografischer Untersuchungen geworden, während Studien zum»Fußvolk«, den Verhöroffizieren des NKWD(Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten), den Mitgliedern der»Trojkas« (Ermittlungskommissionen) oder dem Wachpersonal im Gulag ein Desiderat der Forschung bleiben. 2 Dagegen versuchen mehrere neue Ansätze mit unterschiedlichen Methoden, den Opfern des Terrors eine Stimme zu verleihen und sie dem historischen Vergessen und der Anonymität zu entreißen. —————— 1 Beate Fieseler, Stalin, seine Gefolgsleute und der Terror in der Sowjetunion. Ein Forschungsbericht über die neuere wissenschaftliche Literatur, in: AfS 46, 2006, S. 695–711. 2 Vgl. dazu den ersten Teil dieses Forschungsberichts sowie die gerade erschienene Studie von J. Arch Getty/Vladimir Naumov, Yezhov. The Rise of Stalin’s»Iron Fist«, New Haven 2008. 704 Beate Fieseler I. Ü BERBLICKSDARSTELLUNGEN In dem mit rund 300 Seiten umfangreichsten»siebenten Zeitbild« des dritten Bandes seiner reich bebilderten Synthese»Russischer Alltag« behandelt Carsten Goehrke, emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte der Universität Zürich, die Stalinzeit von 1929 bis 1941 unter der Überschrift»Zwischen Aufbruchstimmung und Angst: Russischer Alltag im Schraubstock der frühen Stalinzeit«. 3 In den Blick genommen werden der Umbruch auf dem Lande sowie der»Moloch Sowjetstadt«. 4 Abgerundet wird die vor allem auf veröffentlichten Quellen und einer beeindruckenden Basis an Sekundärliteratur beruhende Darstellung durch das Fazit»Rückblick auf das Werden einer Fassadengesellschaft« und einen umfangreichen Quellenanhang, der die behandelten Themen noch einmal aus der Perspektive von Ego-Dokumenten beleuchtet. Der Krieg und die späte Stalinzeit bleiben ausgespart, das achte und neunte Zeitbild(ebenfalls im dritten Band) behandeln die Jahre 1964 bis 1985 und 1992 bis 2000. Der Autor präsentiert damit zwar keinen lückenlosen, aber einen überaus materialreichen Überblick über grundlegende Aspekte sowjetischen Lebens in Stadt und Land. Das Buch richtet sich nicht ausdrücklich an ein Fachpublikum, sondern möchte durchaus breitere Leserschichten erreichen. Der gut lesbare Stil, die vielen Abbildungen, die Quellenauszüge und der umfangreiche Apparat (Glossar, Anmerkungen, Bibliografie und Register) lassen dieses im wahrsten Sinne des Wortes»gewichtige Werk« vor allem als unverzichtbar für die Lehre erscheinen. Seine Stärke liegt in der Synthese, die durchaus Freude am Detail zeigt, weniger in der Innovationskraft der Darstellung. 5 Manche Urteile fallen recht pauschal und apodiktisch aus. So beschreibt Goehrke die im Titel postulierte»Sowjetische Moderne« als eine scheinhafte, hinter der sich vor allem Rückständigkeit verbarg. Zudem wird die sowjetische Gesellschaft ausschließlich als Opfer eines vermeintlich allmächtigen Staates präsentiert. Der Band»Stalin. A New History«, herausgegeben von Sarah Davies und James Harris 6 , versammelt 14 forschungs- und archivgestützte Essays und damit einen wesentlichen Teil der Beiträge, die auf der 29. Jahrestagung der»Study Group on the Russian Revolution« im Januar 2003 an der Universität Durham vorgestellt wurden. Sie stammen überwiegend von Historikern aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum und werden ergänzt durch einen Aufsatz des niederländischen Forschers Erik van Ree über Stalins Verständnis des Marxismus sowie durch einen Essay des russischen Archivspezialisten Oleg Khlevniuk, der Stalins Herrschaftstechniken und die Personalisierung der Macht analysiert. Auch die anderen Beiträge befassen sich mit wesentlichen Aspekten von Stalins Biografie und mit dem Stalinismus als System. 7 Behandelt werden beispielsweise Stalins frühe Prägung in Georgien(Alfred Rieber) 8 , seine Tätigkeit als Volkskommissar für Nationalitätenfragen —————— 3 Carsten Goehrke, Russischer Alltag. Eine Geschichte in neun Zeitbildern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Bd. 3: Sowjetische Moderne und Umbruch, Chronos Verlag, Zürich 2005, 554 S., geb., 39,80€. 4 Mit welchen Belastungen der unzulängliche staatliche Wohnungsbau und die Wohnraumverteilung der Bolschewiki in den rasch expandierenden Städten deren Bewohner auf Jahrzehnte konfrontierte, lässt sich am Beispiel von Leningrad für die Jahre 1917 bis 1937 nachlesen bei Julia Obertreis, Tränen des Sozialismus. Wohnen in Leningrad zwischen Alltag und Utopie 1917– 1937, Köln etc. 2004. 5 Eine Einführung in einige Grundprobleme der Stalin-Zeit für Nichtspezialisten bieten Eva Maeder/Christina Lohm(Hrsg.), Utopie und Terror, Josef Stalin und seine Zeit, Zürich 2003. 6 Sarah Davies/James Harris(Hrsg.), Stalin. A New History, Cambridge University Press, Cambridge etc. 2005, 310 S., kart.,£ 19,99. 7 Vgl. auch die Biografie von Kevin McDermott, Stalin. Revolutionary in an Era of War, Basingstoke 2006. 8 Vgl. die umfangreiche Darstellung von Simon Sebag Montefiore, Der junge Stalin. Biografie, Frankfurt/Main 2007. Arbeiter und Bauern – Terror und Feste im Stalinismus 705 (Jeremy Smith), die Möglichkeiten und Grenzen seiner Personalpolitik als Generalsekretär der Kommunistischen Partei(James Harris), Stalins Rolle im Politbüro(J. Arch Getty), Stalin als Ökonom und Agrarpolitiker(R. W. Davies) sowie die Stalin’sche Außenpolitik (Alfred J. Rieber). Weitere Essays behandeln einige in klassischen Biografien häufig nicht oder allenfalls am Rande erwähnte Themenbereiche: etwa Stalins von romantischen Zügen geprägte Ideologie(David Priestland), seine Rolle als Förderer der sowjetischen Filmkunst(Sarah Davies), seinen persönlichen Anteil an der Inszenierung der großen Moskauer Schauprozesse(William Chase), den Stalinkult(David Brandenberger) 9 sowie schließlich Stalins wissenschaftliche Schriften aus seinen letzten Lebensjahren(Ethan Pollock). Insgesamt lösen diese mitunter kontrovers zueinander stehenden Beiträge(das gilt insbesondere für die Essays, die sich mit der Frage nach den Wurzeln von Stalins Macht befassen) den Anspruch der Herausgeber»to reinvigorate scholarly interest in Stalin, his ideas, and the nature of his power«(S. 1) auf jeden Fall ein und bieten einen überzeugenden Überblick über die neuere Stalin- und Stalinismusforschung. II. D IE K OLLEKTIVIERUNG DER L ANDWIRTSCHAFT UND I HRE F OLGEN Kollektivierung und Hungersnot Ein Themenfeld, das trotz seiner gewaltigen und tödlichen Dimensionen lange im Schatten des Großen Terrors gestanden hat, beschäftigt die Forschung neuerdings wieder stark: die Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft und ihre Folgen. Besonders hervorzuheben ist die auf vier Bände angelegte englischsprachige Dokumentenedition»The Tragedy of the Soviet Countryside« als editorisches Großprojekt. Sie wurde im Vergleich zur chronologisch angelegten russischen Originalausgabe komprimiert, folgt thematischen Schwerpunkten und enthält Einleitungen zu jedem Kapitel samt Quellen- und Literaturhinweisen, bietet aber genau wie jene Dokumente aus einer Vielzahl russischer Archive, die die Kontroversen über die Landwirtschaftspolitik der späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre widerspiegeln. 10 Der erste Band»The War Against the Peasantry, 1927– 1930« ist bereits erschienen und behandelt die Getreiderequisitionen, die nachfolgende gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft sowie die sogenannte Entkulakisierung, also die Verbannung der sich widersetzenden ländlichen Bevölkerung. Der zweite Band wird die Agrarwirtschaft und Agrarpolitik während der Hungersnot sowie den Hunger und seine Folgen thematisieren, der dritte Band die Tätigkeit des Polizeiapparats auf dem Land, während der vierte Band einen summarischen Überblick über die gesamte Periode 1927–1939 liefern und dabei Synthese und Dokumente abwechselnd präsentieren wird. Es ist bereits ausführlich beschrieben worden, dass die Hungersnot von 1932/33 auf dem Land die meisten Opfer forderte. Selbst vorsichtige Schätzungen gehen inzwischen von sechs bis sieben Millionen Hungersnotopfern aus, davon drei bis dreieinhalb Millionen in der Ukraine. 11 Über die Auswirkungen des Hungers auf den urbanen Alltag und —————— 9 Vgl. auch Balázs Apor/Jan C. Behrends/Polly Jones u. a.(Hrsg.), The Leader Cult in Communist Dictatorships. Stalin and the Eastern Bloc, New York 2004; Klaus Heller/Jan Plamper (Hrsg.), Personality Cults in Stalinism – Personenkulte im Stalinismus, Göttingen 2004; Jan Plamper, The Stalin Cult. A Study in the Alchemy of Power(in Vorbereitung, voraussichtlich Ithaca 2008). 10 Lynne Viola/V. P. Danilov/N. A. Ivnitskii u. a.(Hrsg.), The War Against the Peasantry, 1927– 1930. The Tragedy of the Soviet Countryside, Bd. 1, New Haven etc. 2005; Titel der russischen Originalausgabe: Tragedija Sovetskoj derevni: Kollektivizacija i raskula č ivanie. Dokumenty i materialy v 5 tomach, 1927–1939, Moskau 1999–2003. 11 Robert W. Davies/Stephen G. Wheatcroft, The Years of Hunger. Soviet Agriculture, 1931–1933. The Industrialization of Soviet Russia, Bd. 5, Houndmills 2004; Themenheft»Vernichtung durch Hunger. Der Holodomor in der Ukraine und der UdSSR«, Osteuropa 54, 2004, H. 12. 706 Beate Fieseler die städtische Bevölkerung war bisher nur wenig bekannt. Mit diesen Kollektivierungsfolgen beschäftigt sich das akribisch recherchierte Buch von Barbara Falk,»Sowjetische Städte in der Hungersnot 1932/33«, das aus einer Bochumer Dissertation hervorgegangen ist. 12 Die Untersuchung beruht auf einer Vielzahl von Archivalien, darunter solche aus dem Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation, also dem ehem. KGB-Archiv, sowie aus dem Staatsarchiv des Charkover Gebiets, denn die Lebensmittelversorgung der damaligen Hauptstadt der Ukraine und des umliegenden Gebiets(einer bedeutenden Industrieregion) dient der Autorin als Fallbeispiel für die Versorgung der ukrainischen Städte, also der urbanen Zentren der Hungersnotregion in der ersten Hälfte der Dreißigerjahre. Die Autorin vermittelt ein klares Bild davon, welche Auswirkungen die Agrarkrise auf die verschiedenen städtischen Gruppen hatte. Im Gegensatz zu den Bauern waren die Städter in ihrer Mehrheit zwar dem zentralen staatlichen Rationierungssystem angeschlossen, doch verwaltete dieses den Mangel nicht nach egalitären Prinzipien, sondern nach hierarchischen Gesichtspunkten: Umfang und Vielfalt der Ration bemaßen sich nach Klassenzugehörigkeit, Arbeitsplatz und Wohnort, wie Barbara Falk im ersten Kapitel ihrer Studie darlegt. Im zweiten Kapitel analysiert sie dann die Dysfunktionalität dieses Systems auf dem Höhepunkt der Agrarkrise. Der zweite Teil des Buches(Kapitel 3 und 4) konzentriert sich auf das Charkover Gebiet, dessen Getreideversorgung, Beschaffungsmaßnahmen, öffentliche Speisungen sowie die(Preis-)Entwicklung des Basarhandels exemplarisch vorgestellt und mit einer Vielzahl von eigens erstellten Statistiken und Abbildungen(im umfangreichen Anhang S. 321–422) detailliert belegt werden. Das besondere Augenmerk Falks gilt dabei der enorm unterschiedlichen Versorgung der lokalen Eliten einerseits, die selbst auf dem Höhepunkt der Ernährungskrise noch üppig leben konnten, und gewisser randständiger Gruppen andererseits, darunter sogar Arbeiter, die vom Rationierungssystem ausgeschlossen und damit qua Verwaltungsakt dem sicheren Tod durch Hunger überantwortet wurden. Aufgrund ihrer anschaulichen Sprache und der zahlreichen Zitate aus den verzweifelten Eingaben der vom Hunger Betroffenen an die politische Führung gelingt es der Verfasserin, den Lesern ein ebenso eindringliches wie nachhaltiges Bild vom Hunger in den sowjetischen Städten zu vermitteln. Die Bilanz über die staatliche Versorgung in den Hungerjahren lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig:»Dass die Bauern Hauptopfer dieser Politik waren, steht außer Frage. Doch auch die Städter zahlten einen bitteren Preis.«(S. 312). Entkulakisierung und Säuberung der Städte Mit der im Rahmen der Kollektivierungspolitik beschlossenen»Liquidierung der Kulaken als Klasse« und deren Folgen beschäftigt sich das neue Buch von Lynne Viola,»The Unknown Gulag. The Lost World of Stalin’s Special Settlements«. 13 Dabei handelt es sich um die erste archivgestützte Arbeit aus westlicher Feder über die früheste Massenrepression des Stalin-Regimes: die Enteignung, Entwurzelung, Vertreibung und Stigmatisierung von rund zwei Millionen sowjetischer Bauern als sogenannte Kulaken, d. h. ländliche Kapitalisten. Tatsächlich handelte es sich vor allem um Bauern, die sich der Kollektivierung widersetzt hatten. Die Verfolgten wurden, mit ihren Familien, als sogenannte Sondersiedler – damit als Bevölkerungsgruppe minderen Rechts –»auf ewig« in unwirtliche und entlegene Gebiete im Hohen Norden, in den Ural, nach Sibirien oder nach Kasachstan —————— 12 Barbara Falk, Sowjetische Städte in der Hungersnot 1932/33. Staatliche Ernährungspolitik und städtisches Alltagsleben(Beiträge zur Geschichte Osteuropas, Bd. 38), Böhlau Verlag, Köln etc. 2005, 445 S., geb., 49,90€. 13 Lynne Viola, The Unknown Gulag. The Lost World of Stalin’s Special Settlements, Oxford University Press, New York etc. 2007, 278 S., geb.,$ 30,00. Arbeiter und Bauern – Terror und Feste im Stalinismus 707 exiliert. 14 Dort mussten die ehemaligen»Ausbeuter« Zwangsarbeit leisten, die sie zu»gesellschaftlich nützlichen Menschen umschmieden« sollte. Unter ökonomischen Gesichtspunkten erwies sich diese bolschewistische Utopie als völlig irrational, denn sie kostete den sowjetischen Staat weit mehr, als sie ihm einbrachte. Im Laufe weniger Jahre fiel rund ein Viertel der gewaltsam Vertriebenen(vor allem Alte, Schwache und Kinder) Krankheiten, Hunger oder Erschöpfung zum Opfer, denn für ihre Unterbringung waren in der Regel keinerlei Vorkehrungen getroffen worden. Die Geschichte der Enteignungen, der wochenlangen Deportation in ungeheizten Viehwaggons sowie der Lebensbedingungen im unwirtlichen Nirgendwo wurde rund 60 Jahre lang als Staatsgeheimnis gehütet, gleichzeitig führte man jedoch Akten, die über diesen»unbekannten Gulag« detailliert Auskunft geben. Erst als die»Sonderansiedler« Anfang der Neunzigerjahre durch einen Erlass von Präsident Boris Jelzin rehabilitiert wurden und sich die Archive öffneten, wurden diese Dokumente zugänglich. Lynne Violas Untersuchung fußt auf Archivalien aus verschiedenen ehemaligen Archiven der Kommunistischen Partei, dem Staatsarchiv der Russischen Föderation, dem Staatlichen Wirtschaftsarchiv und dem Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdienstes. Sie beruht aber auch auf den Selbstzeugnissen der Entkulakisierten und einer breiten Basis an publizierten Quellen und Sekundärliteratur, die in einem ausführlichen Literaturverzeichnis gut dokumentiert ist. Überhaupt ist dieses Buch in geradezu vorbildlicher Weise leserfreundlich gestaltet, mit Zeittafel, Glossar, einem tabellarischen Anhang und einem Index. Verschiedene Abbildungen(vor allem zeitgenössische Fotos) runden den beeindruckenden Band ab. Viola geht ihren Gegenstand chronologisch an und schildert im ersten Teil ihrer Untersuchung die Entkulakisierung von der Verfolgung über die Vertreibung bis hin zur Errichtung der Sondersiedlungen im entlegenen, völlig unerschlossenen Niemandsland. Der zweite Teil behandelt dann Leben und Arbeit der Entkulakisierten in diesen Gebieten, darunter die Utopie der»Umschmiedung durch Arbeit«, die Rolle der Geheimpolizei, die Folgen der Hungersnot von 1932/33, die zweite Entkulakisierungswelle und die erneuten Repressionen gegen Kulaken im Großen Terror von 1937/38 sowie das Schicksal der Verbannten im Krieg bis hin zur Auflösung der Sondersiedlungen im Jahr 1954 nach Stalins Tod. Bis heute erinnert kein Denkmal an die Opfer der»Liquidierung des Kulakentums als Klasse«. Lediglich verstreute anonyme Gräber künden in den einstigen Sonderansiedlungsgebieten von dieser ersten Etappe des Krieges des stalinistischen Staates gegen die Bauernschaft, die für Stalins revolutionäre Utopien einen schrecklichen Preis entrichten musste. 15 Der Verfolgungs- und Säuberungswahn des Regimes suchte nicht nur das Land heim, sondern dehnte sich bald auch auf die Städte aus, wo Anfang der Dreißigerjahre sogenannte sozial schädliche Elemente(darunter viele aus den Hungergebieten geflohene Bauern und aus den Sondersiedlungen entwichene Kulaken) ins Visier der Geheimpolizei gerieten, aus den Metropolen deportiert und in entlegene Gegenden Sibiriens verbracht wurden. Unter dem Titel»Insel der Kannibalen« hat der renommierte französische Historiker Nicolas Werth nun diese haarsträubende und bislang totgeschwiegene Episode aus der Vorgeschichte des Großen Terrors zu einer dichten Erzählung verarbeitet. 16 Anfang 1933 wurden mehr als 6.000 Angehörige marginalisierter Gruppen aus Moskau und —————— 14 Als Sammelrezension zu neueren russischsprachigen Veröffentlichungen über die Sonderansiedlungen vgl. Oxana Klimkova, Special Settlements in Soviet Russia in the 1930s–50s, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History 8, 2007, H. 1, S. 105–139. 15 Zur Kollektivierung im Baltikum in den Nachkriegsjahren und der Deportation von Kulaken aus Estland vgl. David Feest, Zwangskollektivierung im Baltikum. Die Sowjetisierung des estnischen Dorfes, 1944–1953, Köln etc. 2007. 16 Nicolas Werth, Die Insel der Kannibalen. Stalins vergessener Gulag, Siedler-Verlag, München 2006, 222 S., geb., 19,95€. 708 Beate Fieseler Leningrad deportiert und auf dem nackten Boden der kleinen Insel Nasino im Fluss Ob ausgesetzt. Etliche waren aus purem Zufall in die Fänge der Geheimpolizei geraten, etwa weil sie sich ohne ihren Pass auf der Straße aufgehalten hatten. Rund zwei Drittel der Exilierten starben bereits in den ersten Wochen an Erschöpfung, Krankheit oder Hunger, der in einigen Fällen in Kannibalismus gipfelte – eine Folge der kompletten Desorganisation und mangelnden Vorbereitung der Aktion seitens der Zentralbehörden und der völligen Überforderung der örtlichen Verwaltung. Für Geheimpolizeichef Genrich Jagoda markierte die Nasino-Aktion erst den Beginn eines grandiosen utopischen Projekts zum Aufbau einer homogenen Sowjetgesellschaft neuer Menschen. Er plante, mit dem gesamten»menschlichen Abschaum«, der die Städte»verunreinigte«(veranschlagt wurden rund zwei Millionen Menschen) zukünftig die endlosen Weiten Sibiriens zu besiedeln und zu erschließen. Doch nachdem der Parteifunktionär und Journalist Wassili Welitschko in einem langen Brief Stalin auf die schrecklichen Vorgänge auf der»Todesinsel« aufmerksam gemacht hatte, wurde eine Kommission mit der Untersuchung der Nasino-Tragödie beauftragt. Alarmiert durch deren Berichte wurde die Art von social engineering, wie sie Jagoda vorgeschwebt hatte, aufgegeben. Vielmehr ging die politische Führung jetzt dazu über, anstelle von unkoordinierten Bevölkerungstransfers in Sonderansiedlungen das System der Zwangsarbeit systematisch in die Arbeitsbesserungslager der großen Lagerkomplexe zu verlegen. Man bemühte sich, Unterbringung und Versorgung der Häftlinge allgemein zu verbessern, doch für die Exilierten war der faktische Häftlingsstatus meist noch viel schlechter als vorher der eines Sondersiedlers. Als es im Zuge der Massenoperationen der Jahre 1937/38 zu einer tödlichen Radikalisierung des politischen Terrors kam – allein in diesen beiden Jahren wurden mehr als 700.000 Menschen zum Tode verurteilt und unmittelbar danach erschossen –, bildeten die Kulaken, die aus dem»unbekannten Gulag« in die Städte hatten fliehen können, die größte Zielgruppe der Verfolgung(und nicht etwa dezidierte Stalingegner in den Funktionseliten). Die politische Führung erblickte in den Kulaken und anderen»Ehemaligen«, aber auch in Angehörigen nationaler Minderheiten, das Potenzial einer»fünften Kolonne«, die dem Regime in Krisenzeiten, insbesondere im Kriegsfall, gefährlich werden konnte und die deshalb prophylaktisch unschädlich gemacht werden musste. Die einzigartige Leistung des Autors besteht darin, diese Verbindung zwischen Kollektivierung und Großem Terror – zweier Ereignisse, die bislang eher unverbunden und unverstanden nebeneinander standen – erkannt und pointiert herausgearbeitet zu haben. Dank Nicolas Werth gibt es auch eine mit einer sachkundigen Einleitung versehene französischsprachige Edition der mehr als 100 wichtigsten Dokumente zu den Massenoperationen des Großen Terrors, die eben nicht die Funktionselite trafen, sondern vor allem diejenigen, die bereits seit Beginn der»Revolution von oben« ins Visier von Geheimpolizei und politischer Führung geraten waren, neben den Kulaken vor allem Angehörige nationaler Minderheiten. 17 Sozialer Aufstieg und Mobilisierung auf dem Land Die Transformation der sowjetischen Landwirtschaft forderte viele Opfer, eröffnete aber auch Aufstiegsmöglichkeiten. Insbesondere junge Frauen nutzten die Chance, als»Stoßoder Bestarbeiter« zu lokalen Helden aufzusteigen und innerhalb ihrer Kolchose eine Vorbildfunktion einzunehmen. Mit der politischen Implementierung der Stachanow-Bewegung auf dem Land sowie mit der Funktion, Akzeptanz und Wirkung dieses Angebots von oben befasst sich die spannende Untersuchung»Mobilizing Soviet Peasants« der —————— 17 Ders.(Hrsg.), Les»Opérations de masse« de la»Grande Terreur« en URSS(1937–1938)(Bulletin de l’Institut d’histoire du temps présent 86), Paris 2006, URL:[16.6.2008]. Arbeiter und Bauern – Terror und Feste im Stalinismus 709 Sozialwissenschaftlerin Mary Buckley. 18 Sie basiert neben umfangreichem Quellenmaterial auf Materialien verschiedener Moskauer Archive(Archiv für sozio-politische Geschichte, Archiv für die Aufbewahrung von Dokumenten der Jugendorganisationen, Staatsarchiv der Russischen Föderation, Russisches Staatliches Wirtschaftsarchiv, Russisches Staatsarchiv für Tondokumente), auf der Auswertung zahlreicher zeitgenössischer Spielfilme und der Publizistik für die Agrarregionen. Mit den Kulaken hatte das Stalinregime vermeintliche Feinde eliminiert, darunter aber auch die tüchtigsten, produktivsten und erfolgreichsten Bauern. Ohne solche Führungsfiguren konnte die sowjetische Landwirtschaft jedoch nicht auskommen. Um die alten Eigenschaften in ideologisch korrektem Gewand zu fördern, versuchte das Regime, die in Fabriken entstandene Stoßarbeiter- und Stachanow-Bewegung auf die Kolchosen zu übertragen. Wer sich dem Ziel der Verbesserung der Landwirtschaft verschrieb und den von der Propaganda konstruierten Idealbildern eines Stachanowisten entsprach, konnte mit Privilegien und Belohnungen rechnen. Eine nicht geringe Zahl von Kolchosbauern, Frauen vor allem, ging auf dieses Angebot ein, allerdings nicht ohne eigene Vorstellungen und Ziele zu entwickeln: Viele Frauen sahen in der Stachanow-Bewegung vor allem ein Emanzipationsinstrument, um sich aus den noch immer verbreiteten traditionell-patriarchalischen Verhältnissen zu befreien. Deshalb konstatiert Buckley ein großes Spektrum von Motivationen und Reaktionsweisen, aber auch eine Vielzahl unterschiedlicher lokaler Bedingungen, die letztlich über die konkrete Erscheinungsform des Stachanowismus mit entschieden. Indem sie die Dynamik der Entfaltung der ländlichen Stachanow-Bewegung herausstellt, erscheinen die Bauern, die sich aktiv daran beteiligten, weniger als Opfer einer zynischen staatlichen Politik denn als Profiteure und Akteure in eigener Sache: »Through shock work and Stakhanovism they could strive for upward mobility, recognition, and perks and be participants in a huge ›spectacular‹ show, involved collectively with others, even join a labor elite, in a grand purpose of huge proportions regularly given ideological reinforcement«(S. 324). Buckley übersieht dabei nicht, dass die ländliche Stachanow-Bewegung im Vergleich zu ihrem industriellen Vorläufer eher klein, unter ökonomischen Gesichtspunkten erfolglos war und vor allem viele Gegner innerhalb der bäuerlichen Bevölkerung hatte. Entsprechend differenziert fallen ihre Beschreibungen lokaler Gegebenheiten und Entwicklungen, aber auch ihre Urteile und Interpretationen aus. Diese Unvoreingenommenheit gegenüber einer staatlichen Politik im Kontext des Stalinismus mag nicht allen Lesern gefallen, aber man muss der Verfasserin Respekt für ihre akribische Analyse zollen. Auch die Aufmachung des Buches überzeugt insgesamt: Es enthält Tabellen, Abbildungen, einen informativen Anhang, ein Glossar, eine Auswahlbibliografie sowie einen Index, die die Lektüre erheblich erleichtern. III. A RBEITER ZWISCHEN W IDERSTAND UND M ITMACHEN Nachdem die Achtziger-(und zum Teil auch noch die Neunziger-) Jahre einen regelrechten Boom von Forschungsarbeiten zur Geschichte der sowjetischen Arbeiterklasse und zur forcierten Industrialisierung im Zuge von Stalins»Revolution von oben« erlebten, ist es im letzten Jahrzehnt eher still um solche Themen geworden. Dies scheint sich nun wieder zu ändern: Mit den archivgestützten Untersuchungen von Jeffrey J. Rossman zum Arbeiterwiderstand unter Stalin sowie von Wendy Z. Goldman zum Terror auf Betriebsebene liegen jedenfalls wieder zwei wesentliche Forschungsbeiträge vor, die die sowjeti—————— 18 Mary Buckley, Mobilizing Soviet Peasants. Heroines and Heroes of Stalin’s Fields, Rowman & Littlefield Publishers, New York etc. 2007, 367 S., kart.,$ 39,95. 710 Beate Fieseler sche Arbeiterschaft und die Vorgänge in und um die Betriebe in den späten Zwanzigerund Dreißigerjahren in den Mittelpunkt rücken. 19 »Worker Resistance under Stalin« beschreibt und analysiert die Reaktionen der russischen Textilarbeiterschaft in der alten Industrieregion Ivanovo, die im Gegensatz zu Moskau, Leningrad und Großbaustellen wie Dnjeprostroj und Magnitogorsk bisher kaum das Interesse der Forschung auf sich gezogen hat, auf die Zumutungen des Ersten Fünfjahrplans, wie z. B. erhebliche Reallohnsenkungen, erhöhte Arbeitsanforderungen und spürbare Lebensmittelknappheit bis hin zu Hungerrationen. Zahlreiche Unruhen und widerständiges Verhalten waren die Folge. Es äußerte sich sowohl in individuellen wie auch in kollektiven Protestaktionen und reichte von Bummelstreiks, kritischen Reden auf Betriebsversammlungen, der Verbreitung subversiver Literatur, Eingaben an die politische Führung, Sabotageakten, Brotunruhen und Demonstrationen bis hin zu Massenstreiks. Die Unmutsäußerungen begannen bereits 1928, erreichten aber erst im April 1932 ihren Höhepunkt, als rund 20.000 Textilarbeiter eine Woche lange streikten, um ihrer Wut über die drastische Kürzung der Lebensmittelrationen Ausdruck zu verleihen. Um zu erklären, warum es ausgerechnet in einer Industrieregion mit einem Frauenanteil von über 50 Prozent(darunter viele Analphabetinnen) und in einer Branche, die aufgrund ihrer eher marginalen Bedeutung im Rahmen des Ersten Fünfjahrplans als rückständig galt, zu kollektiven Massenaktionen kam, die gewaltsam niedergeschlagen werden mussten, führt Rossman sowohl äußere als auch innere Ursachen an. Zum einen leistete die Textilindustrie von allen Branchen wohl den größten Beitrag zur Kapitalakkumulation für die Finanzierung des schwerindustriellen Aufbaus. Die ganze Wucht drastisch erhöhter Arbeitsanforderungen bei gleichzeitig rapide verschlechterter Versorgung traf insbesondere weibliche Arbeitskräfte, zumal viele von ihnen alleinerziehend waren. Sie fühlten sich jetzt existenziell bedroht. Angesichts der immer noch hohen Analphabetenquote waren Textilarbeiterinnen nur sehr schwach innerhalb der bolschewistischen Partei vertreten und daher beschwichtigenden Propagandaformeln und regelmäßiger ideologischer Gängelung und Kontrolle viel seltener ausgesetzt als ihre männlichen Kollegen. Diese hingegen verfügten über langjährige politische Erfahrung, die zum Teil bis in die vorrevolutionäre Zeit zurück reichte. Daher standen solche»Erbproletarier« und nicht etwa Gewerkschaftsvertreter an der Spitze der Protestbewegung und leisteten einer Politik Widerstand, die, so Rossman, in ihren Augen die Versprechen der Oktoberrevolution verriet, anstatt sie endlich zu erfüllen. So protestierte die Textilarbeiterschaft von Ivanovo gegen die Diktatur einer Partei, die sie für die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen verantwortlich machte. Deshalb interpretiert der Autor die diversen Aktionen als prosowjetisch, aber antibolschewistisch. Die von Rossmann ebenfalls konstatierte Tatsache, dass sich die Streiks und Demonstrationen in erster Linie gegen die örtlichen Machthaber, nicht aber gegen die Zentrale(von der man sich sogar Unterstützung erwartete) richteten, steht allerdings in einem gewissen Widerspruch zu dieser Sichtweise. Auch sein Widerstandsbegriff, unter den er auch Phänomene wie Blaumacherei, die Zerstörung von Maschinen, Unmutsäußerungen auf Versammlungen und spontane Brotunruhen fasst, sowie der von ihm benutzte Klassenbegriff werden noch kontroverse Diskussionen hervorrufen. Diese Formen der Arbeiterrenitenz waren in den frühen Dreißigerjahren ubiquitär und sind bereits von Donald Filtzer ausführlich beschrieben und überzeugend interpretiert worden 20 – als individualisierte Reaktionsformen innerhalb einer heterogenen und»atomisierten«, zu autonomer Organisation —————— 19 Jeffrey J. Rossman, Worker Resistance under Stalin. Class and Revolution on the Shop Floor, Harvard University Press, Cambridge etc. 2005, 314 S., geb.,$ 49,95; Wendy Z. Goldman, Terror and Democracy in the Age of Stalin. The Social Dynamics of Repression, Cambridge University Press, Cambridge etc. 2007, 274 S., kart.,$ 21,99. 20 Donald Filtzer, Soviet Workers and Stalinist Industrialization: The Formation of Modern Soviet Production Relations, 1928–1941, London 1986. Arbeiter und Bauern – Terror und Feste im Stalinismus 711 und zielgerichteter kollektiver Aktion gar nicht mehr fähigen, mithin als»Klasse« nicht mehr existenten Arbeiterschaft. In ihrer Dimension waren die Massenaktionen von Ivanovo 1932 einzigartig, in der Form jedoch durchaus typisch. Indem Rossman in dichter Form die sozioökonomischen Faktoren und Konstellationen beschreibt, die ihnen zugrunde lagen, liefert er eine wichtige Fallstudie zum Arbeiteralltag in der Formierungsphase des stalinistischen Systems und zur Interaktion zwischen Arbeiterschaft und Führung – denn auch die Reaktion der letzteren war typisch. Sie beendete die Streiks mit Entlassungen, Verhaftungen, Vergeltungsmaßnahmen und brutaler Gewalt und gewährte anderseits, begleitet von großem propagandistischem Aufwand, den Belegschaften der Textilbetriebe kurzfristig einige Erleichterungen und materielle Vergünstigungen. Tatsächlich änderte sich an der stiefmütterlichen Behandlung der Leichtindustrie und der Konsumbedürfnisse der Bevölkerung jedoch nichts. Hervorzuheben ist die klare Argumentation und die gute Lesbarkeit von Rossmanns Buch, enttäuschend ist das Fehlen einer Bibliografie. Lediglich die wesentlichen Bestände aus den acht benutzten Regional- und Zentralarchiven werden explizit aufgeführt. Wendy Goldmans Untersuchung»Terror and Democracy in the Age of Stalin« knüpft chronologisch etwa dort an, wie Rossmans Studie endet: in der Phase nach dem Mord am Leningrader Parteisekretär Sergej Kirov im Dezember 1934 und der nachfolgenden Entfesselung des Großen Terrors. Ihr Ansatz ist jedoch ein gänzlich anderer: Die Autorin fragt nicht nach»Widerstand«, sondern untersucht den»Stalinismus von unten«. Sie analysiert anhand von Gewerkschaftsakten minutiös seine Dynamik und das Verhalten verschiedener Akteure auf Betriebsebene und legt damit die erste umfassende Studie über die Partizipation der Bevölkerung an den Massenrepressionen vor. Dabei spielten in den Unternehmen die zahlreichen innerbetrieblichen und Versorgungs-Missstände, die auch Rossman schon betont hat, wiederum eine entscheidende Rolle. Nachdem die politische Führung 1934 ihre bis dahin schwerste soziale und wirtschaftliche Krise, die in der Hungersnot kulminiert war, überlebt hatte, schien die Zeit reif für eine gewisse Konsolidierung und eine Verlangsamung des wahnwitzigen Tempos, mit dem die Industrialisierung des Landes vorangetrieben wurde. Als äußeres Zeichen dafür, dass das Leben, wie Stalin auf dem»Parteitag der Sieger« 1934 verkündet hatte, tatsächlich»besser und fröhlicher« geworden sei, begann man mit der Produktion von Luxusgütern wie Kaviar und Champagner. 21 Doch innerhalb der Arbeiterschaft gärte es weiter, die Anzeichen für massenhaft verbreitete Unzufriedenheit waren kaum zu übersehen. Goldman spricht sogar von einer»Glaubenskrise«(S. 49), die viele Industriearbeiter zu jener Zeit durchmachten und die sie dem Regime entfremdete, denn der empfindliche Mangel an Lebensmitteln und Gütern des täglichen Gebrauchs dauerte an, und die zahllosen betrieblichen Unfälle nahmen nicht ab. Gleichwohl gingen öffentliche Unmutsäußerungen aus Furcht vor politischer Verfolgung jetzt spürbar zurück, da die Passkampagnen und die Säuberung der Städte auch viele Arbeiter mit ›dubioser‹ Herkunft einschüchterte. Bis 1937 hatte sich jedoch eine neue Sprachregelung durchgesetzt, mit der die vielfältigen Probleme zwar nicht bei ihrem konkreten Namen genannt, aber immerhin öffentlich abgehandelt werden konnten: als»Sabotage«. Zwischen Ende 1934 und 1936 hatte die politische Führung den Kirov-Mord von der Tat eines frustrierten Einzeltäters in eine gigantische internationale Verschwörung umgedeutet, die die Sowjetunion existenziell bedrohte. 22 Die Akteure und Hintermänner die—————— 21 Jukka Gronow, Caviar with Champagne. Common Luxury and the Ideals of the Good Life in Stalin’s Russia, Oxford etc. 2003; Julie Hessler, A Social History of Soviet Trade. Trade Policy, Retail Practices, and Consumption, 1917–1953, Princeton etc. 2004, hier insb. Kapitel 6. 22 Amy Knight, Who Killed Kirov? The Kremlin’s Greatest Mystery, New York 1999. Auch die ausländischen Arbeitskräfte in der Sowjetunion gerieten jetzt ins Visier der Geheimpolizei: 712 Beate Fieseler ses Komplotts vermutete die Parteiführung vor allem in früheren Oppositionellen und brachte bald auch die Parteikomitees in den Betrieben dazu, sich an der nun beginnenden Hexenjagd zu beteiligen. Mit welchen Mechanismen in den folgenden Jahren auf Betriebsebene Unterstützung für den Großen Terror mobilisiert werden konnte, ist zentraler Gegenstand der Studie von Goldman. Am Anfang stand eine von der Führung initiierte Kampagne für mehr Demokratie in den Betrieben und Gewerkschaften. Die Belegschaften sollten Kritik an korrupten oder unfähigen Managern und Funktionären üben, die dann als verkappte Oppositionelle entlarvt und samt ihrer»Cliquenwirtschaft« entfernt werden sollten. Dieses Partizipationsangebot von oben, das eine direkte Verbindung zwischen den Bolschewiki und der Bevölkerung suggerierte, wurde angenommen und die lange bekannten Missstände fortan in den Unheil verkündenden Slogans des Terrors zur Sprache gebracht. Probleme gab es en masse: fehlender Arbeitsschutz, unzulängliche Lebensmittelversorgung, katastrophale Wohnbedingungen, Lohnrückstände, niedrige Produktivität usw. – aber solange diese Dinge nicht als strukturelle Probleme der forcierten Industrialisierung, also pragmatisch angegangen, sondern lediglich als Folge von»Sabotage«,»Mangel an Wachsamkeit«,»Tätigkeit von Volksfeinden« oder»Speichelleckerei« benannt werden durften, kam es zwar zur»Erkennung und Identifizierung von Feinden«, zu einem Kader- und Funktionärsaustausch sowie zu Massenverhaftungen unter Funktionsträgern in den Betrieben, die als Sündenböcke ihre Plätze räumen mussten, an den Missständen änderte sich dadurch jedoch nicht ein Jota. 23 Nur wenige Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre erkannten, wohin diese Verteufelung Einzelner führen würde und setzten stattdessen auf Netzwerke zum gegenseitigen Schutz, doch genau jene Beziehungsnetze wurden im Zuge der Demokratie-Kampagne zur Disposition gestellt und zerstört. So konnten sich Angst, Misstrauen und die Bereitschaft zur Denunziation in den Betrieben ausbreiten und zu einer Massenerscheinung werden. Groll gegen Vorgesetzte, Rivalitäten zwischen Partei- und Gewerkschaftsfunktionären und persönlicher Ehrgeiz speisten die Bereitschaft zur Beteiligung an der Kampagne, die bald keine Abgrenzung zwischen Opfern und Tätern, Gesäuberten und Säuberern, Unschuldigen und Schuldigen mehr kannte, sondern in einen allgemeinen Rausch des gegenseitigen Beschuldigens eskalierte:»Meetings turned into a ›war of each against all‹.«(S. 246). Insofern kann Wendy Goldman mit Fug und Recht eine massenhafte Beteiligung»von unten«, also durch die Belegschaften, am Großen Terror konstatieren. Die Kampagne als solche und die Art ihrer Implementierung hingegen waren von der politischen Führung vorgegeben worden. Mochten die Machtlosen darin anfangs das lang ersehnte Instrument gesehen haben, es den Mächtigen endlich heimzuzahlen, sollte sich bald zeigen, dass sie das mitnichten davor schützte, selbst in den Tod bringenden Mahlstrom zu geraten. Auch wenn nicht viele konkrete Zahlen vorliegen, die einen Eindruck von der Opferzahl vermitteln könnten, die der Terror auf Betriebsebene gefordert hat, scheint nach Schätzungen von Wendy Goldman eine Quote im unteren zweistelligen Bereich nicht übertrieben zu sein(S. 245). Die Gewerkschaftsorganisationen verloren mindestens ein Drittel ihrer Funktionäre(S. 255) – eine gigantische Zerstörung, für die sie selbst eine Mitverantwortung trugen. Gut geschrieben und bebildert, verfügt das Buch zwar über —————— Wilhelm Mensing, Von der Ruhr in den GULag. Opfer des Stalinschen Massenterrors aus dem Ruhrgebiet, Essen 2001; Victor Reuther, Verraten in Gorki. Die Tragödie der ausländischen Arbeiter in den sowjetischen Autowerken in Gorki, Bonn 2002; Sergej Shurawlow, Ich bitte um Arbeit in der Sowjetunion. Das Schicksal deutscher Facharbeiter im Moskau der 30er Jahre, Berlin 2003. Die Politemigranten und Sympathisanten blieben ebenfalls nicht von Verfolgung verschont: Ludmila Stern, Western Intellectuals and the Soviet Union, 1920–40: From Red Square to the Left Bank, London 2007. 23 Zu Rolle und Schicksal der Ingenieure siehe: Susanne Schattenberg, Stalins Ingenieure. Lebenswelten zwischen Technik und Terror in den 1930er Jahren, München 2002. Arbeiter und Bauern – Terror und Feste im Stalinismus 713 einen Index, doch fehlt ihm leider wiederum die Bibliografie. Sich alle verwendeten und weiterführenden Titel aus den Fußnoten erschließen zu müssen, ist außerordentlich benutzerunfreundlich, wird aber anscheinend immer mehr zur Mode, selbst bei renommierten Verlagen. 24 IV. A LLTAGSKULTUR : K INDHEIT , F REIZEIT UND F ESTE In der jüngsten Zeit hat sich die Forschung unter verschiedenen Aspekten mit der Rolle und dem Verständnis von Kindheit und Jugend im revolutionären Russland sowie im Stalinismus zugewandt. 25 Als aktuellste, umfassendste und reich bebilderte Darstellung zu diesem Thema ist das 2007 erschienene Buch von Catriona Kelly,»Children’s World«, zu nennen, das gleich ein ganzes Jahrhundert in den Blick nimmt und die Zeit von 1890 bis 1991 abdeckt. 26 Was die Verfasserin in ihrer stark auf oral history-Interviews mit rund 150 Zeitzeugen aus Moskau, St. Petersburg, Perm, Taganrog, aus ländlichen Regionen sowie mit russischen Emigranten gestützten Untersuchung anstrebt, ist keine Institutionengeschichte, auch keine Untersuchung über die Wahrnehmung der Kataklysmen des 20. Jahrhundert durch russische Kinder, sondern eine Geschichte des russischen Alltagslebens aus der Perspektive von Kindern. Aufgrund ihrer besonderen Bedeutung für Kinder und Jugendliche, wie sie etwa in dem gebetsmühlenartig wiederholten PropagandaSlogan»Wir danken Dir, lieber Genosse Stalin, für unsere glückliche Kindheit«(1935) zum Ausdruck kam, spielt die Stalinzeit in dem materialreichen Werk eine zentrale Rolle. Für die Zeit nach 1960 wird das Quellenmaterial dünner, überhaupt, so die Verfasserin, habe es sich – abgesehen von dem riesigen zeitlichen und thematischen Rahmen, den sie sich gesetzt hat – auch deshalb um kein leicht zu erforschendes Thema gehandelt, weil es so viele verschiedene Zuständigkeiten gab, die jeweils eigene umfassende papierene Hinterlassenschaften produziert haben. Folglich konnte es Kelly nicht darum gehen, ein enzyklopädisches Handbuch über Kindheit in Russland zu verfassen, sondern anhand exemplarischer Beispiele und typischer Lokalstudien die wesentlichen Entwicklungslinien zu erfassen. Dass das Thema damit nicht erschöpfend behandelt sein kann, die Verfasserin viele Aspekte in sehr kurzen Kapiteln höchstens schlaglichtartig zu beleuchten vermag, liegt auf der Hand. Im Mittelpunkt steht das europäische Russland, wobei neben der russischen Bevölkerungsmehrheit nur die Juden und die Tataren als ethnische Minderheiten eingehender behandelt werden. Abgesehen von diesen Einschränkungen entfaltet das Buch dann aber einen beeindruckenden Rundgang durch ein Jahrhundert Alltagsgeschichte der Kindheit im Russischen Reich und der Sowjetunion. Im Rahmen der»glücklichen Kindheit«, wie sie in der Stalinzeit imaginiert wurde, betrachtete man die junge Generation als leistungsbereite»Miniatur-Stachanowisten« und —————— 24 Informationen zum Anteil weiblicher Arbeitskräfte am industriellen Aufbau der Sowjetunion bzw. überhaupt zu Frauen in der Stalinzeit liefern Wendy Z. Goldman, Women at the Gates. Gender and Industry in Stalin’s Russia, Cambridge etc. 2002; Melanie Ili č(Hrsg.), Women in the Stalin Era, Houndmills/Basingstoke 2001. 25 Vgl. u. a. Anne Gorsuch, Youth in Revolutionary Russia: Enthusiasts, Bohemians, Delinquents, Bloomington 2000; Corinna Kuhr-Korolev/Stefan Plaggenborg/Monica Wellmann(Hrsg.), Sowjetjugend 1917–1941. Generation zwischen Revolution und Resignation, Essen 2001; Corinna Kuhr-Korolev,»Gezähmte Helden«. Die Formierung der Sowjetjugend 1917–1932, Essen 2005; Dorena Caroli, L’enfance abandonnée et délinquante dans la Russie soviétique 1917–1937, Paris 2004; Lisa A. Kirschenbaum, Small Comrades. Revolutionizing Childhood in Soviet Russia, 1917–1932, London 2001; Ann Livschiz, Growing Up Soviet: Childhood in the Soviet Union, 1918–1958, Ph. D. Dissertation, Stanford University 2005. 26 Catriona Kelly, Children’s World: Growing Up in Russia 1890–1991, Yale University Press, London etc. 2007, 714 S., geb.,£ 29,99. 714 Beate Fieseler feierte begabte Schüler und Schülerinnen und junge Talente im musischen und sportlichen Bereich. Die Kindheit wurde mit einer eigens geschaffenen Kinderliteratur bejubelt und Geschäfte mit Spielzeug und Geschenken schienen den Beweis zu liefern, dass die Sowjetunion ein wahres Märchenland für Kinder sei. Doch hinter der Verwöhnung und dem Glück lauerte die Aufforderung zur Wachsamkeit, zum Patriotismus und zum Denunziantentum, mussten die Kinder sich stets diszipliniert verhalten und durften den geradlinigen Weg zum sowjetischen Modellbürger nie verlassen. Allerdings gab es immer auch private Freiräume, wie etwa Familienfeste oder das individuelle Spiel, die relativ unberührt von politischer Indoktrination blieben. Mit dem Beginn der Stalinzeit erlebte die sowjetische Pädagogik eine Wende weg von den pädagogischen Experimenten der Zwanzigerjahre hin zur Disziplinierung der Kinder. Das Strafrecht wurde drastisch verschärft und sah für bestimmte Vergehen bereits volle Straffähigkeit ab zwölf Jahren vor, auch wenn viele Juristen alles daran setzten, Schlupflöcher zu finden, um Kinder vor Verurteilung zu schützen. Viele»Kinder von Volksfeinden«, die Opfer des Großen Terrors der Jahre 1937/38 geworden waren, wuchsen, ähnlich wie zahllose Kriegswaisen nach ihnen, in sowjetischen Kinderheimen auf, wenn sie nicht wegen krimineller Delikte in eine der Strafkolonien des NKWD eingewiesen wurden. Doch Kindheit in sowjetischer Zeit war nicht allein von solchen dramatischen Erfahrungen geprägt. Der Staat tat viel zur Senkung der Kindersterblichkeit und für die Volksbildung, schuf ein System von Kinderkrippen und Kindergärten(die allerdings jeweils nur von einer Minderheit aller Kinder besucht wurden) und im Unterhaltungsbereich ein breites Angebot an Literatur, Theaterstücken, Radioprogrammen und Filmen speziell für Kinder. Neben der Familie übte zweifellos die Schule den größten Einfluss auf die Erziehung von Kindern in der Sowjetunion aus. Die Impulse, die von beiden ausgingen, konnten dabei höchst unterschiedlich sein. Aber in den Erinnerungen verbindet sich das Positive nicht immer mit der Familie und der Schrecken nicht immer mit den staatlichen Institutionen. Darüber entschied, in der Sowjetunion wie überall, neben sozialer Herkunft vor allem die je individuelle Konstellation in der Kindheit. Die Studie gliedert sich in drei Teile, die in jeweils vier Kapitel aufgeteilt sind. Der erste Teil untersucht vier unterschiedliche Repräsentationen von Kindheit, die sich an wichtigen»Schaltjahren« für russische Kindheitsgeschichte orientieren: Der Zeitraum 1890–1917, also das vorrevolutionäre Russland, dann das revolutionäre Russland 1917– 1935, die Stalin-Zeit 1935–1953 sowie die post-stalinistische Phase 1953–1991. Im zweiten Teil stehen die Millionen von Kindern im Mittelpunkt, die als»Unbeaufsichtigte« (beznadzornye),»Verwahrloste«(besprizornye) oder Waisen in Folge von Revolution, Bürgerkrieg, Hungersnot, Terror und Krieg auf sich allein gestellt waren, bevor sie von Wohltätigkeitsorganisationen oder staatlichen Einrichtungen aufgenommen und versorgt wurden. Die chronologische Einteilung folgt hier wieder mit gutem Grund der bereits im ersten Teil verwendeten. Der dritte Teil der Studie schließlich ist thematisch gegliedert und untersucht unter dem Titel»Family Children« die verschiedenen Abschnitte der Kindheit vom Säuglingsalter bis zur Adoleszenz und durchmisst dabei die gesamte Untersuchungsperiode. Leider fehlt dem Band wiederum eine umfangreiche Bibliografie, das Abkürzungsverzeichnis ist unvollständig und die vielen Druckfehler beeinträchtigen diese ansonsten so gut lesbare Darstellung erheblich. Auch die Freizeit- und Festkultur der Stalinzeit zieht zunehmend das Interesse der Forschung auf sich. 27 Die Monografie»Life has Become More Joyous, Comrades« von Karen —————— 27 Aktuelle Neuerscheinungen sind Katharina Kucher, Der Gorki-Park. Freizeitkultur im Stalinismus 1928–1941, Köln etc. 2007; Anne E. Gorsuch/Diane P. Koenker(Hrsg.), Turizm. The Russian and East European Tourist under Capitalism and Socialism, Ithaca etc. 2006. Zum Thema Öffentlichkeit/öffentlicher Raum vgl. auch Gábor T. Rittersporn/Malte Rolf/Jan C. Behrends(Hrsg.), Sphären von Öffentlichkeit in Gesellschaften sowjetischen Typs: Zwischen Arbeiter und Bauern – Terror und Feste im Stalinismus 715 Petrone befasst sich mit populären Massenspektakeln und inszenierten Festlichkeiten der Stalinzeit und konzentriert sich auf die Hauptstadt Moskau in den Jahren 1936 bis 1938, wo vor dem Hintergrund des Großen Terrors eine Vielzahl großer Paraden und pompöser Feierlichkeiten aufwendig inszeniert wurden. 28 Die Untersuchung gliedert sich in zwei Teile:»Soviet Popular Culture and Mass Mobilization« und»The Intelligentsia and Soviet Enlightenment«. Der erste Abschnitt behandelt Paraden und Massendemonstrationen zu den neu geschaffenen sowjetischen Feiertagen, ferner die öffentliche Ehrung der Flieger- und Polarhelden sowie schließlich die Feierlichkeiten zum sowjetischen Neujahrsfest, das 1935/36 mit der ›Rehabilitierung‹ der vormals als religiöses Symbol aus der Festkultur verbannten Neujahrstanne wieder einen besonders feierlichen Anstrich erhielt. Der zweite Abschnitt untersucht die Großinszenierung von Puschkins 100. Todestag im Jahr 1937, die Feiern zum 20. Jubiläum der Oktoberrevolution im selben Jahr sowie die Festlichkeiten anlässlich der Stalinverfassung und der Wahlen zum Obersten Sowjet, die der öffentlichen Inszenierung von sozialistischer Demokratie verpflichtet waren. Ein zusammenfassendes Kapitel erörtert den Zusammenhang zwischen Festkultur und Macht. Das Material für diese Untersuchung stammt aus acht Moskauer Archiven, daneben hat die Verfasserin auch auf publizierte Quellen(Zeitungen, Zeitschriften, Memoiren, zeitgenössische Filme etc.) sowie eine breite Basis an Sekundärliteratur zurückgreifen können. Wer oder was auch immer im Zentrum einer Festlichkeit stand, stets versuchte die politische Führung – unter Einsatz der zur Verfügung stehenden Massenmedien – einen öffentlichen Diskurs um die Themenfelder»Fortschritt und Freude«(exemplifiziert an Themen wie etwa Frauenemanzipation, Heldentum, Kultur, Geschichte oder Nationalität) zu konstruieren. Karen Petrone zeigt die Mechanismen auf, mit denen man(nicht immer erfolgreich) versuchte, diesen Anspruch ins Werk zu setzen, analysiert aber auch, ob und wie die Botschaft von den FestteilnehmerInnen rezipiert, auf mitunter recht eigensinnige Weise umgeformt oder sogar für eigene Zwecke instrumentalisiert wurde. Verbreitet waren schwere, zumeist aber aus unpolitischen Motiven entstandene Alkoholräusche, aber auch Verhaltensweisen, die Petrone als Ausdruck latenter Nichtübereinstimmung, wenn nicht offener Ablehnung des Regimes interpretiert. Dies galt insbesondere für die Peripherie, die von den Medien nicht in der gewünschten Weise propagandistisch erreicht werden konnte. Es fehlte in der Provinz schlicht an der technischen Ausrüstung und den finanziellen Mitteln, um mit der Hauptstadt gleichzuziehen. Während die offizielle Zielsetzung der stalinistischen Festkultur auf Mobilisierung und Kultivierung der Bevölkerung ausgerichtet war, erwartete sich diese von den Festen vor allem Entspannung und Unterhaltung und beteiligte sich aus diesem Grund an den Paraden und Aufmärschen. In der Interpretation von Petrone waren die stalinistischen Massenfeste also das Ergebnis einer vielschichtigen Interaktion zwischen Volk und Führung und nicht nur von oben aufgezwungenen Mitmachspektakel. Auch Malte Rolfs umfangreiche Studie»Das sowjetische Massenfest«, hervorgegangen aus seiner zweifach preisgekrönten Tübinger Dissertation, behandelt dasselbe Thema, hat allerdings die gesamte Sowjetzeit(aber nur Sowjetrussland) im Blick, wenngleich nicht alle Perioden gleich umfassend in die Betrachtung einbezogen werden, sondern die Zwanziger- und Dreißigerjahre deutlich im Mittelpunkt stehen. Auch wird der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der russischen Provinz(Voronež, Novosibirsk, Kemerovo und Novokuzneck), wo der Autor ebenfalls gründliche Archivrecherchen betrieben hat, wesentlich —————— partei-staatlicher Selbstinszenierung und kirchlichen Gegenwelten, Frankfurt/Main 2003; mit den Feiern zum Internationalen Frauentag befasst sich Choi Chatterjee, Celebrating Women: Gender, Festival Culture, and Bolshevik Ideology, 1910–1939, Pittsburgh 2002. 28 Karen Petrone, Life Has Become More Joyous, Comrades. Celebrations in the Time of Stalin, Indiana University Press, Bloomington etc. 2000, 266 S., geb.,$ 39,95. 716 Beate Fieseler mehr Aufmerksamkeit geschenkt als bei Petrone. 29 Auch Rolf nähert sich seinem Gegenstand mit den Fragestellungen, Methoden und der Begrifflichkeit der neuen Kulturgeschichte. Im Sinne dieser Konzeptualisierung betrachtet er das sowjetische Massenfest als Teil der symbolischen, rituellen und inszenierten Sphäre der Politik der Bolschewiki, die auf diese Weise ihre politischen Zielsetzungen vermitteln und zugleich die neue Ordnung von Zeit(»Roter Kalender«), Raum(»Sozialistische Stadt«) und Hierarchie(»Disziplinierter Körper der Masse«) sichtbar und für die Bevölkerung erfahrbar machen wollten. Die Aufgabe der Teilnehmer/innen bestand dann in der aktiven kulturellen Aneignung des Dargebotenen, wodurch die Feste ihre integrierende Wirkung entfalten und eine neue Gemeinschaft der Sowjetmenschen konstruieren sollten. Dass dies in den Städten weitaus besser gelang als auf dem Land, liegt auf der Hand. Die Untersuchung gliedert sich in fünf Kapitel und gibt zunächst einen kurzen Überblick über die Festtradition im Zarenreich, beschreibt dann die Entwicklung hin zur Professionalisierung des sowjetischen Festbetriebs und die Rolle von Experten beim ›Export‹ der Moskauer Modelle verschiedener Massenfeste in die provinzielle Peripherie. Im dritten Kapitel geht es um das sowjetische Fest als Gesamtkunstwerk, das die neue Zeitrechnung, die neue Topografie und die neue sowjetische Herrschaft und gesellschaftliche Hierarchien allein durch die Choreografie des Festaktes für die aktiv Teilnehmenden wie für die Zuschauer erfahrbar machte. Das vierte Kapitel»Das Fest zwischen Herrschaft und Gesellschaft« fragt nach Festplanung und Festpraktiken in der russischen Provinz und der Anpassung der Massenspektakel an lokale Besonderheiten und Möglichkeiten. Der Anspruch der Machthaber auf die durchgängige Sowjetisierung von Raum und Zeit konnte dabei mitnichten überall realisiert werden. Vielmehr entwickelte die Bevölkerung »hybride Festkulturen«, d. h. mancherorts beging man religiöse und sowjetische Feste gleichzeitig, jedoch förderte die regelmäßige Teilnahme an den neuen Massenveranstaltungen nach Rolf die»innere Sowjetisierung«. Das letzte, komparativ angelegte Kapitel zieht kursorische Vergleiche zur Festtradition im faschistischen Italien, im nationalsozialistischen Deutschland sowie zur demokratischen Festkultur der USA. Schließlich betrachtet der Autor das sowjetische Fest im Längsschnitt bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion und darüber hinaus. Im Sinne der Bolschewiki hatte das Massenfest seine Funktion erfüllt, blieb zwar der Struktur nach erhalten, verlor aber an Bedeutung gegenüber der zunehmend wichtiger werdenden privaten Festkultur, die sich jedoch weiterhin am offiziellen Festkalender orientierte. Dies belegt, wie gut die Bevölkerung die Spielregeln beherrschte. Ob sie auch die damit verbundenen Werte verinnerlicht hatte, interessiert den Verfasser im Rahmen seines Konzeptes nicht. V. S ELBSTZEUGNISSE Bevor die sowjetischen Archive für die historische Forschung zugänglich wurden, zählten autobiografische Texte, vornehmlich westlicher Provenienz, zu den wichtigsten Quellen für westliche Historiker. Nur hier, nicht in den offiziellen Verlautbarungen des Regimes, nicht in der zensierten Presse und nicht in der sowjetischen Fachliteratur, ließen sich die Fakten und Einschätzungen der gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse finden, die dem von der Propaganda zementierten Selbstbild des Sowjetregimes widersprachen. Auch die vielen seit der Perestrojka zugänglich gewordenen»Ego-Dokumente« einfacher Sowjetbürger sind von unschätzbarem Wert für die Forschung. Ihre Tagebücher, Erinnerungen und Briefe zeigen, dass Stalinismus keineswegs nur»von oben« kam. Es gab nicht —————— 29 Malte Rolf, Das sowjetische Massenfest, Hamburger Edition, Hamburg 2006, 454 S., geb., 35,00€. Arbeiter und Bauern – Terror und Feste im Stalinismus 717 nur Opfer, Zweifler und Dissidenten, sondern auch Mitläufer, Mitmacher und Enthusiasten. Erstaunlicherweise tauchen immer noch neue autobiografische Texte aus westlicher Feder auf, die bislang wenig beachtete Aspekte der Stalinzeit beleuchten oder aus ganz besonderen Perspektiven über diese berichten. 30 Der Schweizer Ernst Derendinger(1883– 1972) zum Beispiel, der angesichts fehlender Arbeitsmöglichkeiten in seiner Heimat von 1910 bis 1938 als Grafiker in Moskau lebte, hat sehr ausführliche Erinnerungen an seine Erlebnisse in Russland hinterlassen. Niedergeschrieben wurden sie bereits kurz nachdem er, wie die meisten Ausländer, die Sowjetunion im Jahr 1938 hatte verlassen müssen. Seitdem schlummerten sie im Archiv der Russlandschweizer in Zürich, wo sie 1991 zufällig wiederentdeckt wurden. Dank der Initiative von Carsten Goehrke und seinen Mitarbeitern/innen sind Derendingers Aufzeichnungen nun in einer ansprechenden Ausgabe, versehen mit einigen Abbildungen, einführenden Texten, einer Nachbetrachtung, Anmerkungen, Kartenmaterial, Glossar, Bibliografie und Register erschienen. 31 Etwa die Hälfte der mehr als 500 Seiten starken»Erzählungen aus dem Leben« behandelt die Stalinzeit von 1929 bis 1938. Als Ausländer, der sich bereits seit vorrevolutionärer Zeit in Moskau aufhielt und gut in die russische Gesellschaft integriert war, besaß Derendinger eine klare Wahrnehmung der wachsenden Alltagsprobleme, die er aber nicht aus der Perspektive eines verwöhnten Ausländers schildert, sondern auf der Basis seiner rund 20-jährigen Russlanderfahrung, mit der er die Entwicklungen der Stalinzeit vergleicht. Derendinger war ein passionierter Beobachter, mit scharfem Blick für Details und zudem ein politisch gut informierter Mensch, dabei kein Partei-, sondern lediglich Gewerkschaftsmitglied. Der Autor konstatiert die dramatischen Reallohnverluste, die zunehmend schlechter werdende Versorgung, den Hunger, die elenden Wohnverhältnisse, das tägliche Gezänk in der kommunalka, kurzum, den ganzen tristen und anstrengenden Alltag der Mangeljahre, die zunehmend mieser werdende Laune der»neuen Menschen«, aber auch politische Veränderungen wie die konservative Wende in der Familienpolitik, den Kult um Stalin, die hohlen Rituale der sowjetischen Feiertage, den bis zum Terror gesteigerten politischen Druck, insbesondere auch die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und des Klimas in seiner Branche, dem Druckereigewerbe. Seine eigene berufliche Existenz war davon allerdings nicht betroffen, er war wendig genug, um ein erfolgreiches Leben zu führen. Seine detaillierten Eindrücke und Beobachtungen notiert Derendinger mit großer Offenheit, sehr anschaulich und lebendig, zunächst auch noch ganz unvoreingenommen. Darunter sind auch Berichte über Erholungsreisen ans Schwarze Meer und in den Kaukasus. Der Autor, ursprünglich sozialistischen Gesinnungen nicht abgeneigt, kehrte als scharfer Gegner des Sowjetkommunismus in die Schweiz zurück. Sein Lebensbericht ist ein Zeugnis seiner Desillusionierung, also auch eine ernüchterte, ja bisweilen sarkastische Abrechnung. Unter dem unmittelbaren Eindruck des Erlebten entstanden und frei von allzu vielen nachträgliche Umwertungen und Reflexionen, bietet der Band spannende Einblicke in den sowjetischen Alltag – eine sehr lohnende Lektüre. Dies gilt auch für die Erinnerungen des amerikanischen Priesters Léopold L. S. Braun (1903–1964), der nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion auf der Basis einer besonderen Vereinbarung über religiöse Ange—————— 30 Zu den wichtigeren Publikationen der letzten Jahre gehören Mary M. Leder, My Life in Stalinist Russia. An American Woman Looks Back, hrsg. v. Laurie Bernstein, Bloomington etc. 2001; Viktor Jerofejew, Der gute Stalin. Roman, Berlin 2004; Nina Lugowskaja, Ich will leben. Ein russisches Tagebuch 1932–1937, München etc. 2005. 31 Ernst Derendinger, Erzählungen aus dem Leben. Als Graphiker in Moskau von 1910 bis 1948, hrsg. v. Christine Gehrig-Straube und Carsten Goehrke unter Mitwirkung von Claude Hämmerly (Beiträge zur Geschichte der Russlandschweizer, Bd. 9), Chronos Verlag, Zürich 2006, 648 S., geb., 44,80€. 718 Beate Fieseler legenheiten zwischen Franklin D. Roosevelt und Maxim Litwinow die Jahre 1934 bis 1945 als Kaplan für die Amerikanische Botschaft(selbst jedoch ohne Diplomaten-Status) und als Pastor an der einzigen katholischen Kirche Moskaus»im Schatten der Lubjanka« verbrachte. 32 Diese Kirche im Herzen Moskaus, die rund 20.000 Katholiken aus dem ganzen Land betreute, war buchstäblich von allen Seiten von Gebäuden der Geheimpolizei umgeben. Im Zuge der harschen antireligiösen Kampagnen, die erst im Zweiten Weltkrieg eingestellt wurden, wurde sie überwacht, die Gläubigen eingeschüchtert, verfolgt und verhaftet, Pastor Braun sollte aus dem Land getrieben werden. Doch er widerstand dem wachsenden Druck mit großem persönlichen Mut und allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, entwickelte aber im Laufe der Jahre eine regelrechte Paranoia, die sich auch den Lesern seiner Erinnerungen gelegentlich vermittelt und sich in manch apodiktischem Urteil widerspiegelt. Braun, zunächst ›sprachlos‹ und deshalb vor allem in Ausländerkreisen aktiv, erwarb schnell und systematisch fundierte Russischkenntnisse, unterhielt dann enge Beziehungen zu russischen Gläubigen und konnte aufgrund seiner einzigartigen Stellung viele Einblicke in den russischen Alltag mit all seinen Problemen gewinnen. Das macht seine Memoiren zu einer wirklich spannenden Lektüre. Ebenso aufschlussreich ist die Geschichte ihrer zunächst verhinderten Publikation aufgrund einer entsprechenden Entscheidung durch Brauns Assumptionisten-Orden, die der Herausgeber Gary M. Hamburg in einem ausführlichen Vorwort nachzeichnet. Die Entscheidung, über seine Moskauer Erfahrungen zu berichten, traf Pastor Braun kurz nach seiner Rückkehr in die USA. Es existieren drei verschiedene Fassungen seiner Memoiren(1948, 1953, 1961). Im Gegensatz zu den beiden vorausgegangenen Fassungen war die letzte weniger polemisch, wenngleich immer noch offen antikommunistisch. Der Assumptionisten-Orden stimmte ihrer Veröffentlichung nach langem Hin und Her im Frühjahr 1961 endlich zu, doch kam es damals wegen Brauns angegriffener Gesundheit nicht mehr dazu. So verschwand das Manuskript für Jahrzehnte im Archiv des Ordens, wo es 2003 von Gary M. Hamburg entdeckt und 2006 in dieser Ausgabe mit Einleitung, Abbildungen und einem sehr brauchbaren Dokumentenanhang herausgegeben wurde. Doch längst nicht alle Selbstzeugnisse aus der Stalinzeit übten Kritik am System und der politischen Führung. Auch»Gläubige« und solche, die intensiv darum rangen, sozusagen als»Ingenieure der eigenen Seele«»neue Menschen« aus sich zu schmieden und sich ins bolschewistische Kollektiv einzuschreiben, legten Zeugnis über ihre Anstrengungen ab und verfassten Tagebücher. Damit waren diese also keine geheimen Zufluchtsorte für Menschen, die nach außen Anpassung simulierten, tatsächlich jedoch unter dem Regime und seinen Anforderungen litten, sondern Instrumente der Selbstverbesserung und der Anverwandlung an das stalinistische Kollektiv. Mit dieser bislang kaum beachteten Quellengattung hat sich Jochen Hellbeck in seiner viel beachteten und von einigen Rezensenten geradezu hymnisch gefeierten Untersuchung»Revolution On My Mind. Writing a Diary Under Stalin« auseinander gesetzt. 33 Neben einer ungenannten Zahl autobiografischer, darunter vieler literarischer Texte, die in den ersten Kapiteln des Buches behandelt werden, bilden vier umfangreiche Tagebücher den Gegenstand systematischer Analyse im zweiten Teil des Buches. Sie stammen von einer Angehörigen der Intelligenz(Zinaida Denisevskaya), dem Sohn eines ukrainischen Entkulakisierten(Stepan Podlubnyj) 34 , einem —————— 32 Léopold L. S. Braun, In Lubianka’s Shadow. The Memoirs of an American Priest in Stalin’s Moscow, 1934–1945, hrsg. v. Gary M. Hamburg, University of Notre Dame Press, Notre Dame 2006, 352 S., geb.,$ 35,00. 33 Jochen Hellbeck, Revolution on My Mind. Writing a Diary Under Stalin, Harvard University Press, Cambridge etc. 2006, 436 S., geb.,$ 29,95. 34 Bereits im Jahr 1996 erschien das Tagebuch von Stepan Podlubnyj in einer von Jochen Hellbeck eingeleiteten und ins Deutsche übersetzten Ausgabe: Jochen Hellbeck(Hrsg.), Tagebuch aus Arbeiter und Bauern – Terror und Feste im Stalinismus 719 Aufsteiger(Leonid Potemkin) 35 sowie einem populären Dramatiker(Alexander Afinogenov). Die inneren Kämpfe, die diese Schreiber auf den Seiten ihrer Tagebücher mit sich selbst ausfochten, hatten ganz verschiedene Ursachen: Einsamkeit, Mangel an Enthusiasmus und Elan, Identitätsprobleme aufgrund falscher Klassenherkunft, Ängste, den Anforderungen der hehren Zeit des sozialistischen Aufbaus nicht genügen zu können, oder das Ringen um Verbleib in der Gemeinschaft der Dazugehörigen vor dem Hintergrund drohender Verhaftung und Privilegienentzugs. Unklar bleibt vor allem, wie repräsentativ die von Hellbeck benutzten Schriften sind. 36 Ob sich Tagebücher dieses Zuschnitts überhaupt in großer Zahl in Archiven finden lassen, wie der Autor suggeriert, ist bloße Spekulation. Trotzdem bleibt unbestreitbar, dass das stalinistische System nicht nur Gegner hatte, die seiner Suggestivkraft gegenüber immun blieben. Nein, es produzierte auch überzeugte Anhänger voller Hoffnung und Vertrauen, die sich selbst noch im Augenblick der Verfolgung an einem kollektivistischen Identitätsentwurf festklammerten und für sich eine neue»sowjetische Subjektivität« konstruierten. 37 Die autobiografische Hinterlassenschaft solcher Sowjetbürger erschlossen und für die Stalinismus-Forschung mit durchaus zum Widerspruch herausfordernden Thesen fruchtbar gemacht zu haben, ist die Leistung von Jochen Hellbeck. VI. T ERROR UND L AGERSYSTEM Die Frage nach den Ursprüngen, Motiven und Folgen des Großen Terrors in der Sowjetunion inspiriert die Forschung weiterhin, so dass dieses Thema auch im zweiten Teil des Forschungsberichts nicht unter den Tisch fallen kann. Die von Melanie Ili č herausgegebene sowie mit einer Einleitung und einer Bibliografie versehene Essay-Sammlung»Stalin’s Terror Revisited« versammelt acht archivgestützte Beiträge von Stalinismus-Experten aus Großbritannien, Russland und der Ukraine und ist aus einem Forschungsprojekt am Centre for Russian and East European Studies(CREES) an der Universität Birmingham hervorgegangen. 38 Anhand dreier Themenblöcke – Terror auf regionaler Ebene und in einzelnen gesellschaftlichen Sektoren, Opfergruppen, Folgen des Terrors für die sowjetische Wirtschaft – fragen die Autoren nach den Ursachen und der Ausdehnung des Großen Terrors der Jahre 1936 bis 1938 in der Sowjetunion. Wie —————— Moskau 1931–1939, München 1996. Zum vorrevolutionären autobiografischen Schreiben siehe Julia Herzberg/Christoph Schmidt(Hrsg.), Vom Wir zum Ich. Individuum und Autobiographik im Zarenreich, Köln etc. 2007. 35 Auszüge für die Jahre 1934 bis 1936 aus dem Tagebuch des späteren russischen stellvertretenden Ministers für Geologie(1965–1975) wurden bereits veröffentlicht: Véronique Garros/ Natalija Korenewskaja/Thomas Lahusen(Hrsg.), Das wahre Leben. Tagebücher aus der Stalinzeit, Berlin 1998, S. 259–312. 36 Die zahlreichen Witze, die über Stalin und seine Politik kursierten, sprechen eine andere Sprache: Bruce Adams, Tiny Revolutions in Russia. Twentieth-Century Soviet and Russian History in Anecdotes, London etc. 2005, Kapitel 3. 37 Zu dieser Thematik vgl. auch Brigitte Studer/Berthold Unfried, Der stalinistische Parteikader. Identitätsstiftende Praktiken und Diskurse in der Sowjetunion der dreißiger Jahre, Köln etc. 2001; Brigitte Studer/Berthold Unfried/Irène Herrmann(Hrsg.), Parler de soi sous Staline: La construction identitaire dans le communisme des années trente, Paris 2002; Brigitte Studer/Heiko Haumann(Hrsg.), Stalinistische Subjekte. Individuum und System in der Sowjetunion und der Komintern 1929–1953, Zürich 2006; Berthold Unfried,»Ich bekenne«. Katholische Beichte und sowjetische Selbstkritik, Frankfurt/Main 2006; Lorenz Erren, Selbstkritik und Schuldbekenntnis. Kommunikation und Herrschaft unter Stalin(1917–1953), München 2008(im Erscheinen). 38 Melanie Ili č(Hrsg.), Stalin’s Terror Revisited(Studies in Russian& East European History& Society), Palgrave Macmillan, London etc. 2006, 256 S., geb.,£ 47,00. 720 Beate Fieseler Robert W. Davies überzeugend nachweist, waren die Repressionen nicht ökonomisch motiviert, führten aber zu einer erheblichen Wirtschaftskrise. Dies lag unter anderem daran, dass so viele leitende Wirtschaftsfunktionäre und Betriebsleiter zu den Opfern der Säuberungen gehörten, wie Oleg Khlevniuk in seinem Beitrag zeigt. Wie sehr auch die Gewerkschaften betroffen waren, lässt sich bei Junbae Jo nachlesen. Die Überforderung der Gefängnisse und Arbeitslager durch den Massenzustrom neuer Häftlinge in den Terrorjahren ist Gegenstand des Aufsatzes von Christopher Joyce, während Melanie Ili č das Schicksal derjenigen Frauen in den Blick nimmt, die als»Ehefrauen von Volksfeinden« nach Befehl 00486 verfolgt wurden. Die überwältigende Mehrheit der Verhafteten und Exekutierten waren allerdings Männer, Frauen machten maximal fünf Prozent aller Repressierten aus. Weitere drei Beiträge von Valerii Vasiliev, Melanie Ili č und Christopher Joyce beleuchten den Verlauf des Terrors in der Ukraine, Mordwinien und der Autonomen Komi-Republik. 39 Insgesamt rückt der Band einerseits manch weniger bekannte Aspekte des Großen Terrors in den Mittelpunkt und spitzt andererseits bekannte Interpretationen und Sichtweisen zu. Es gehört zu den verbreiteten Grundannahmen über den Gulag, das System der Zwangsarbeit sei in ökonomischer Hinsicht nicht effizient gewesen. Mit solchen Pauschalurteilen räumt die zwar knappe, aber gründlich recherchierte(und ihre Thesen in einem umfangreichen Anhang akribisch belegende) Studie von Simon Ertz über das Lagersystem von Norilsk zumindest für dieses eine Beispiel aus Ostsibirien(Gebiet Krasnojarsk) auf. 40 Der Lagerkomplex bzw. das Metallkombinat Norilsk wurde 1935 errichtet, weil es in dieser unwirtschaftlichen und bis dahin menschenleeren Gegend wichtige Nickelvorkommen gab, deren Gewinnung und Verarbeitung im höchsten ökonomisch-strategischen Interesse des Regimes lag. Es handelte sich also um ein»äußerst ehrgeiziges industrielles Investitionsvorhaben«(S. 212). Da freie Arbeitskräfte für dieses schwierige Projekt kaum zu gewinnen waren, sollten Zwangsarbeiter die Produktionspläne erfüllen. Dies konnten sie jedoch nur, wenn sie einigermaßen gesund und bei Kräften blieben. Bei Hungerrationen wäre das staatliche Kalkül nicht aufgegangen. Also handelte man in Ansätzen pragmatisch und rational und sorgte für eine ausreichende Verpflegung(auf sehr niedrigem Niveau) der arbeitenden Häftlinge, deren Produktivität man auch mit anderen positiven Anreizen, wie etwa Stoßarbeitskampagnen, Belobigungen oder Lockerung der Haftbedingungen, Prämien usw. zu steigern versuchte. Simon Ertz gesteht den lokalen und den zentralen verantwortlichen Institutionen und Akteuren»Spuren eines[…] Effizienzdenkens« im Umgang mit der Ressource Arbeitskraft zu, um Einbußen in Grenzen zu halten. Doch er stellt ebenso fest:»Auch in Norilsk waren Unterernährung und Überanstrengung, Erschöpfung und Auszehrung, Mangelkrankheiten und eine inadäquate medizinisch-sanitäre Fürsorge alltägliche Erfahrungen für die Gefangenen und forderten unter ihnen viele Opfer«(S. 216). Mit Humanität hatten die Norilsker Strategien also nichts zu tun, sondern erklären sich aus rein utilitaristischen Motiven vor dem Hintergrund der herausragenden Bedeutung des dort verfolgten Wirtschaftsprojekts. Einen substantiell anderen Umgang mit Zwangsarbeit als in den anderen Lagerkomplexen des Gulag-Systems kann Simon Ertz also auch in Norilsk nicht beobachten. Zu Recht weist er darauf hin, dass das Lagersystem deshalb auch nicht als ausschließlich wirtschaftliche Institution verstanden wer—————— 39 Eine weitere Regionalstudie stammt von Nick Baron, Soviet Karelia. Politics, Planning and Terror in Stalin’s Russia 1920–1939, London etc. 2007. Mit dem Fokus auf ethnischen Säuberungen als angeblich zentralem Bereich des stalinistischen Terrors: Jörg Baberowski/Anselm Doering-Manteuffel, Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium, Bonn 2006. 40 Simon Ertz, Zwangsarbeit im stalinistischen Lagersystem. Eine Untersuchung der Methoden, Strategien und Ziele ihrer Ausnutzung am Beispiel Norilsk, 1935–1953(Zeitgeschichtliche Forschungen Bd. 31), Verlag Duncker& Humblot, Berlin 2006, 273 S., kart., 48,00€. Arbeiter und Bauern – Terror und Feste im Stalinismus 721 den dürfe. Zwar wurde in Norilsk aus den Häftlingen tatsächlich ein substantieller ökonomischer Nutzen gezogen, doch um welchen Preis? Freiheitsberaubung, Isolation vom Rest der Gesellschaft, das alltägliche Leiden und Sterben in den Lagern waren das Los der Insassen, und die russische Gesellschaft trägt bis heute schwer an den immensen sozialen, kulturellen und demografischen Folgekosten, die das stalinistische System ihr aufgebürdet hat. Eine systematische Untersuchung des»Besserungsarbeitslagers« KARLAG in der kasachischen Steppe um Karaganda – mit 800.000 Häftlingen zwischen 1930 und 1959 eines der größten Lager und mit seinen verschiedenen Lagertypen innerhalb eines Komplexes auch als Modell für das sowjetische Zwangsarbeitssystem insgesamt zu betrachten – haben Wladislaw Hedeler und Meinhard Stark vorgenommen. Sie legen damit nach eigenen Aussagen»die erste und bisher weltweit einzige, umfassend aus den Quellen recherchierte Geschichte eines Lagerkomplexes« des»Archipel Gulag« vor. 41 Die Autoren konnten vor allem das Lagerarchiv, in dem noch 60.000 Häftlingsakten sowie zahlreiche Fotos erhalten geblieben sind, auswerten, haben dieses reiche Material durch Akten der Lagerhauptverwaltung in Moskau ergänzt und außerdem die Erinnerungen(überwiegend in lebensgeschichtlichen Interviews gewonnen) von insgesamt 63 Männern und Frauen unterschiedlicher Nationalität, die im KARLAG inhaftiert waren, ausgewertet. Seit den Dreißigerjahren stieg das Gebiet um die Stadt Karaganda zu einem der wichtigsten sowjetischen Gewinnungsgebiete für Steinkohle, Mangan und Kupfer auf. Die Voraussetzungen für diese Entwicklung mussten die zu Zwangsarbeit verpflichteten Häftlinge schaffen, indem sie vor allem weit reichende Steppengebiete für die Viehwirtschaft und Viehzucht erschlossen, große Flächen für die Feldwirtschaft und den Gemüseabbau urbar machten und mit Bewässerungssystemen versorgten. Obwohl der Lagerkomplex die Geschichte der Region um Karaganda Jahrzehnte lang entscheidend geprägt hat, sind heute nur noch wenige Spuren davon erhalten.»Die meisten Baracken und Verwaltungsbauten ließ man abreißen und noch intaktes Baumaterial für Neubauten verwenden. Das Lagergelände verwahrloste[…], oder aber wurde[…] überbaut.[…] Die Todesorte der Verstorbenen und Ermordeten blieben ohne jede Kennzeichnung und gerieten mit den Jahren in Vergessenheit«(S. 436/437). Für die Fertigstellung des Lagermuseums, für das am 31. Mai 2002 immerhin der Grundstein gelegt wurde, fehlt bis heute das Geld. Die Monografie behandelt die unterschiedlichen Etappen der Geschichte des KARLAG, die Haftordnung, die Herkunft und das Verhalten des Lagerpersonals, den Lageralltag und die Zwangsarbeit der Häftlinge und geht im Detail auf so typische Lagererfahrungen wie Hunger, Krankheit, Häftlingssterben, Durchhalte- und Überlebensstrategien ein. Zahlreiche Fotos(zum großen Teil von den Autoren aufgenommen) sowie eine Auswahlbibliografie runden diesen materialreichen und erschütternden Band ab. Ein Titel, der sich mit den italienischen Opfern des Gulag befasst, hat zu Unrecht vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit in Fachkreisen gefunden. Bei»Reflections on the Gulag«, herausgegeben von Elena Dundovich, Francesca Gori und Emanuela Guercetti, —————— 41 Wladislaw Hedeler/Meinhard Stark, Das Grab in der Steppe: Leben im GULAG. Die Geschichte eines sowjetischen»Besserungsarbeitslagers« 1939–1959, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2008, 465 S., geb., 38,00€. Zu der Monografie ist auch ein Band mit 119 übersetzten und kommentierten Dokumenten erschienen, der die Geschichte des Lagers von dessen Gründung bis zur Auflösung aus der Perspektive der Lageradministration aufzeigen: Wladislaw Hedeler unter Mitarbeit von Meinhard Stark(Hrsg.), KARLAG. Das Karagandinsker»Besserungsarbeitslager« 1930–1959: Dokumente zur Geschichte des Lagers, seiner Häftlinge und Bewacher, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2008, 365 S., geb., 39,90€. Vgl. auch Wladislaw Hedeler/Horst Hennig(Hrsg.), Schwarze Pyramiden, rote Sklaven: Der Streik in Workuta im Sommer 1953. Eine dokumentierte Chronik, Leipzig 2007. 722 Beate Fieseler handelt es sich um eine Sammlung von sieben Beiträgen italienischer, russischer und französischer Autoren, mit einem bibliografischen Essay, einer sehr brauchbaren internationalen Bibliografie sowie einem ausführlichen dokumentarischen Anhang über die italienischen Opfer des Stalinismus. 42 Das Werk ist aus der Kooperation zwischen der Fondazione Giangiacomo Feltrinelli und der Organisation MEMORIAL hervor gegangen und hat sich vor allem das Ziel gesetzt, nach der Öffnung der sowjetischen Archive Licht in ein bisher unbekanntes Kapitel italienischer Geschichte zu bringen und die Lebensgeschichten Hunderter in der Sowjetunion verfolgter und längst vergessener italienischer Emigranten zu rekonstruieren. Aus diesem Grund haben die Herausgeberinnen entschieden, den dokumentarischen Teil des Buches in italienischer Sprache zu veröffentlichen. Die soliden, auf dem mittlerweile zugänglichen Archivmaterial basierenden Artikel sind dagegen in Englisch gehalten. Sie behandeln überblicksartig die Entwicklung des sowjetischen Zwangsarbeitslagersystem von den Anfängen 1918 bis vor dem Zweiten Weltkrieg(Nikita Petrov), die Geschichte des Gulag in der Kriegs- und Nachkriegszeit, die Häftlingsrevolten zu Beginn der Fünfzigerjahre und die Auflösung des Systems nach 1956(Martha Craveri) 43 , die Repressionen gegen Ausländer in der UdSSR(Pavel Polian), die Rolle der Komintern im Großen Terror(Fridrick Firsov) und das Schicksal der Krimund Ukraine-Italiener, die seit dem 19. Jahrhundert nach Russland ausgewandert waren (Dundovich, Gori, Guercetti). Die drei letzten Beiträge behandeln den Gulag als Erinnerungsort in Memoiren und mündlichen Zeugnissen ehemaliger Häftlinge(Irina Shcherbakova), den Quellenwert von(zumeist illegal aus den Lagern geschmuggelten) Briefen politischer Gefangener(Ania Morozova) sowie – als Einleitung zur nachfolgenden umfassenden Bibliografie – die Entwicklung der Historiografie zum sowjetischen Lagersystem (Hélène Kaplan). Der dokumentarische Anhang macht etwa 200 der 700 Seiten dieses gewichtigen Bandes aus: eine ebenso beeindruckende und akribische wie bedrückende Dokumentation unzähliger Emigrantenschicksale, die sich vor allem an ein italienisches Publikum richtet, darüber hinaus jedoch an alle, die nach einem Zugang zu den Schrecken des stalinistischen Terrors jenseits nackter Zahlen und Fakten suchen. VII. F AZIT In den Arbeiten zur Kulturgeschichte, etwa zur Festkultur und Kindheitsgeschichte, sind neue Ansätze sichtbar, die nicht mehr auf Propaganda und ihre Wirkung, sondern auf Diskurse und Aushandlungen fokussieren. Insgesamt entsteht dadurch ein ›vollständigeres‹ Bild von der sowjetischen Gesellschaft, als dies bislang durch die Konzentration auf politische und eng damit verbundene wirtschafts- und sozialhistorische Perspektiven der Fall war. Doch auch bei der Bearbeitung klassischer Felder der Sozialgeschichte verlagert sich der Schwerpunkt. In Untersuchungen zur Arbeiterschaft, ob sie nun vom Widerstandsbegriff ausgehen oder nach Partizipation und Mitschuld fragen, rückt die Interaktion zwischen Herrschern und Beherrschten stärker ins Blickfeld. Die Arbeiten zur Kollektivierung beschränken sich nicht auf die Landbevölkerung, sondern untersuchen ver—————— 42 Elena Dundovich/Francesca Gori/Emanuela Guercetti(Hrsg.), Reflections on the Gulag. With a Documentary Appendix on the Italian Victims of Repression in the USSR, Feltrinelli, Mailand 2003, 705 S., geb., 80,00€. Zu den irischen Opfern des Großen Terrors vgl. Barry McLoughlin, Left to the Wolves: Irish Victims of Stalinist Terror, Dublin 2007. 43 Über das Schicksal der Gulag-Heimkehrer informieren Nanci Adler, The Gulag Survivor. Beyond the Soviet System, New Brunswick 2002, sowie die noch unveröffentlichte Dissertation von Marc Elie, Les ancien détenus de Goulag. Libérations massives, réinsertion et réhabilitation dans l’URSS poststalinienne, Paris 2007. Arbeiter und Bauern – Terror und Feste im Stalinismus 723 stärkt die Interdependenzen mit anderen zentralen Themen wie dem Großen Terror und dem Gulag. Sie zeigen, wie Entkulakisierung, Säuberungen und Hunger auch die Städte trafen, und dass es, ganz wie in den Fabriken, auch auf dem Land eine Aufstiegsmobilität gab. So entsteht ein zunehmend differenziertes Bild der stalinistischen Gesellschaft, die nicht einfach in die Kategorien»Täter« und»Opfer« eingeteilt werden kann: eine Gesellschaft, in der Menschen an den Aufstiegsangeboten des Regimes partizipierten, ihre durch die Dysfunktionalität der Staatsmacht entstandenen oder aber auch»erkämpften« Spielräume und Handlungsmöglichkeiten, im Betrieb wie in allen anderen Lebensbereichen, nutzten und umdeuteten; eine Gesellschaft, in der einfache Menschen, aus eigenem Antrieb oder durch Manipulation und Druck von oben, zu Mittätern wurden; und auch eine Gesellschaft, in der man sich arrangieren und sein privates Glück finden konnte. Doch so sehr solche Arbeiten unser Bild vom Stalinismus auch bereichern: Die Opferperspektive darf dabei nicht vernachlässigt werden, denn unzählige Menschen, auch das machen die neuen Studien zu Gulag, Kollektivierung und Terror deutlich, waren Opfer. Sie hatten keine Freiräume, Alternativen oder Handlungsoptionen, konnten nichts mit den Machthabern»aushandeln«, als sie in die Maschinerie des Terrors gerieten. Der Wunsch, diesen durch den stalinistischen Terror vorzeitig aus dem Leben Gerissenen endlich eine Stimme zu geben, hat die neueste Studie von Hiroaki Kuromiya inspiriert:»The dead cannot speak. Can one retrieve their voices?[…] The present book is an attempt to recover the voices of those executed under Stalin[…]«»Without them, history is incomplete. Such incompleteness gives the reader a distorted picture of history.«(S. 1, S. 6). 44 Das macht die Opfer zwar nicht wieder lebendig, entreißt sie aber dem Vergessen und verschafft ihnen einen Platz in der historischen Erinnerung an die Verbrechen des 20. Jahrhunderts. 45 Kuromiya verhilft immerhin einigen Dutzend durchschnittlichen Kiever BürgerInnen, die in die völlig willkürlich ausgeworfenen Netze des Terrors geraten waren, imaginärer Verbrechen angeklagt, erschossen und in anonyme Massengräber am Stadtrand geworfen wurden, zu einer Stimme, indem er deren Lebens- und Leidenswege anhand von Archivalien rekonstruiert. Nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, umfasst sein Sample so unterschiedliche Personen wie die 23-jährige Ballerina Vera Goroshko und den 74-jährigen Bettler Nikita Kravchenko. Beider Leben war Stalin und seiner Entourage keinen Pfifferling wert. Die Quellen stammen – Ironie der Geschichte – vor allem von der Täterseite. Zumeist handelt es sich um Verhörprotokolle aus dem Kiever NKWD-Archiv. Diese makabren Dokumente wurden von den Mitarbeitern des Volkskommissariats, um den Anschein eines legalen Procedere zu wahren, sehr sorgfältig erstellt. Ihr Inhalt war jedoch zum großen Teil»fabriziert«, um die anschließenden Repressionen der vorgeblichen»Volksfeinde« legitimieren zu können. Aller Akribie der Verfolger zum Trotz treten uns aus den NKWDProtokollen jedoch keine auch nur halbwegs überzeugenden»Fälle« entgegen, und schon gar keine»Volksfeinde«,»Spione« oder»Diversanten«, sondern Individuen mit ihrer persönlichen Geschichte, ihrer Angst, Verzweiflung und ihrem Durchhaltewillen in einer Extremsituation. Alle waren völlig unschuldig(jedenfalls hat Kuromiya keinen einzigen Hinweis auf das Vorliegen eines politischen Verbrechens entdecken können). Doch der —————— 44 Hiroaki Kuromiya, The Voices of the Dead. Stalin’s Great Terror in the 1930s, Yale University Press, London etc. 2007, 296 S., geb.,£ 19,99. 45 In einer ganz ähnlich ausgerichteten Studie – allerdings mit Blick auf die Überlebenden – hat Orlando Figes anhand diverser Materialien aus Familienarchiven sowie auf der Basis von Interviews die Auswirkungen des staatlichen Terrors auf das persönliche Leben zahlreicher Sowjetbürger und die Überlebensstrategien gewöhnlicher Leute in außergewöhnlichen Zeiten vom Revolutionsjahr 1917 bis nach Stalins Tod im Jahr 1953 dokumentiert: Orlando Figes, The Whisperers. Private Life in Stalin’s Russia, New York 2007. 724 Beate Fieseler NKWD erpresste unter Folter von den meisten völlig absurde Geständnisse. Nur wenige vermochten den Torturen zu widerstehen, doch selbst das schützte die Tapferen nicht vor dem Todesurteil. Man darf die Akten also nicht zum Nennwert nehmen, sondern muss Fakten und Fiktion sorgsam trennen – und genau das gelingt Kuromiya in seinem Buch. Er hat den»gewöhnlichen« Menschen, darunter ein Koch, einige Priester, mehrere ukrainische Bauern sowie Angehörige verschiedener nationaler Minderheiten, stellvertretend für die Hunderttausende von Opfern des Großen Terrors ein beeindruckendes Denkmal errichtet. Sie sind zwar gewaltsam zum Schweigen gebracht worden, aber nicht verstummt – jedenfalls solange wir Nachgeborenen uns dafür interessieren, was sie zu sagen haben.