Otto Dann Die Region als Gegenstand der Geschichtwissenschaft Daß die Geschichtswissenschaft sich stärker der Erforschung von Regionen zuwenden solle und ihre bisher so weitgehende Orientierung auf den Nationalstaat fragwürdig sei, diese Ansicht wird in jüngster Zeit vielfach ausgesprochen und verbunden mit der Hoffnung auf einen neuen historiographischen Ansatz. Die Region ist attraktiv geworden— nicht nur für die Wissenschaft; der Zusammenhang mit aktuellen Entwicklungstendenzen in anderen Bereichen. unserer Gesellschaft ist evident.' Das gilt in besonderem Maße für die Bundesrepublik, in der die Identifizierung mit dem Nationalstaat von 1871 in den vergangenen zehn Jahren merklich nachgelassen hat; hier erscheint die neue Tendenz wie ein Surrogat für die schwindende Fixierung auf den Nationalstaat. Sie ist vielfach aber mehr als das: eine engagierte Identifizierung mit der Region und deren selbstbewußte Aneignung als Heimat.? Die Historiker, die heute die Region für sich entdecken, folgen sicherlich einem aktuellen Trend; doch sollte man darin nicht gleich etwas Minderndes schen, vielmehr ein Zeichen echter Zeitgenossenschaft. Um so mehr ist zu fragen, ob es auch wissenschaftsimmanente Gründe gibt, die jenen Orientierungswandel nahelegen, den auch ein englischer Wirtschafeshistoriker mit den Farben eines wissenschaftlichen Frühlings, als eine paradigmatische NeuOrientierung der Geschichtswissenschaft beschreiben kann.” Was hat die Hinwendung zur Region bisher an neuen Konzeptionen, Darstellungen und Erkenntnissen erbracht? 1 Eine erste Plattform zur Darstellung der neuen Tendenzen bot das Kursbuch, Nr. 39 mit dem "Thema»Provinz«(Berlin 1975). Vgl. parallel dazu das Heft 3 der Zeitschrift»Kürbiskern« vom gleichen Jahr, Älter als diese mit der grün-alternativen Bewegung zusammenhängenden Orientierungen sind die regionalen politischen Autonomiebewegungen in vielen Staaten Europas, die seitdem neue Impulse erhalten haben und heute nicht mehr als»Separatismus«, sondern als »Regionalismus« verbucht werden. Vgl. noch: Nationalisın and Separatism, in: Journal of, Contemporary History 6, 1971, dann Lars Gastafsson(Hrsg.), Regionalismus(= Tintenfisch, Nr. 10), Berlin 1976.— Wie ein regionales Forschungsprojekt im Laufe der 1970er Jahre langsam Aktualität gewann, schildert Gerr Zang in: ders.(Hrsg.), Provinzialisierung einer Region. RegionaIe Unterentwicklung und liberale Politik in der Stadt und im Kreis Konstanz im 19. Jahrhundert. Untersuchungen zur Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft in der Provinz, Syndikat, Frankfurt 1978(539 S., kart., 48 DM), S. 469 f. 2 Dazu bekennen sich betont die Beteiligten des Konstanzer Projekts, die ihre gemeinsame Arbeit als einen»neuen Identifikationsprozeß« erlebten und dem Leser»ein neues Verhältnis zu seiner Heimat« vermitteln wollen. Zang(wie Anm. 1), S. 16; ausführlicher schon in: Kursbuch 39, S. 81 ff. und neuerdings in: Das Argument 131, 1982, S. 63 ff. Zum Verhältnis von National- und Regionalgeschichte in der Bundesrepublik Wolfgang Günther(Hısg.), Sozialer und politischer Wandel in Oldenburg. Studien zur Regionalgeschichte vom 17. bis 20. Jahrhundert(= Schriftenreihe der Universität Oldenburg), Heinz Holzberg Verlag, Oldenburg 1981(318 S., kart., 30 DM), S. 11. 3 Sidney Pollard, in: ders.(Hrsg. unter Mitw. von Lucian Hölscher), Region und Industrialisierung, Studien zur Rolle der Region in der Wirtschaftsgeschichte der letzten zwei Jahrhunderte/ Studies Forschungsberichte umd Rezensionen 653 Die allgemeinen historiographischen Gesichtspunkte, die heute eine solche Orientierung nahelegen, hat Erost Hinrichs vor kurzem übersichtlich und mit weiter Perspektive zusammengestellt.‘ Am Beispiel der französischen Frühneuzeitforschung weist er nach, daß es in besonderem Maße die methodischen Implikationen einer madernen Sozialgeschichte sind, die eine regionale Eingrenzung des historischen Untersuchungsfeldes notwendig machen, Wenn man in einer befriedigenden Weise mit den Methoden der quantifizierenden Datenanalyse arbeiten will, braucht man umfassende und komplexe Datensätze, wie sie in der Regel nur im Rahmen einer Region zu gewinnen sind. Ebenso wird sich das Desiderat einer umfassenden Analyse früherer Gesellschaften, die bis in die kleinsten sozialen Einheiten und konkreten Zusammenhänge vordringt, nur in einem regionalen Zuschnitt einlösen lassen. Es sind jedoch nicht allein die Notwendigkeiten einer modernen sozialwissenschaftlichen Forschungspraxis, die für eine Konzentration historischer Forschung auf die Region sprechen. Hinter ihnen stehen umfassendere theoretische Konzeptionen und Desiderate in der heutigen Geschichtswissenschaft, die eine solche Orientierung nahelegen. So das Konzept einer »histoire totale«, das zuerst in Frankreich entwickelte Ideal einer Geschichtsschreibung, die sich von der traditionellen Begrenzung auf das Politische freimacht und den Versuch unternimmt, möglichst alle Bereiche des menschlichen Lebens und seiner Umwelt in die Erforschung und Darstellung früherer Epochen einzubeziehen. Die bisherigen Versuche in dieser Richtung zeigen, daß ein solcher Ansatz zu einet umfassenden Beschreibung früherer Lebenszusammenhänge sich nur in der Konzentration auf eine Region durchführen läßt, nicht zuletzt deshalb, weil hier das politisch-staatliche Handlungsfeld sich nicht so dominant in den Vordergrund schiebt.” Das gilt erst recht von einer Geschichte des Alltags, die in jüngster Zeit vielfach gefordert wird und in ihrer konzeptionellen Ausrichtung noch lebhaft umstritten ist.° Es geht hier um eine Geschichtsschreibung, die sich nicht nur»von oben« mit den großen Ereignissen und Zusammenhängen des öffentlichen Lebens befaßt, sondern in einer neuen Perspektive»von unten« auch mit den privaten Verhältnissen des alltäglichen Lebens in allen Schichten eines on the Role of the Region in the Economic History of the Last Two Centuries(= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 42), Verlag Vandenhoeck& Ruprecht, Görtingen 1980 (297$., kart, 38 DM), 5. 11. 4 Ernst Hinrichs, Regionale Sozialgeschichte als Methode der modernen Geschichtswissenschaft, in: dırs/Wilhelm Norden, Regionalgeschichte, Probleme und Beispiele, mit einem Beitrag von Brigitte Menssen und Anna-Margarete Taube(= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen XXXIV; Quellen und Untersuchungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Niedersachsens in der Neuzeit, Bd. 6), August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1980(VIII, 224 S., kart., 54 DM), S. 1—24. $ Die Konzeption einer histoire totale, von Lucien Febore zuerst formuliert, die wegen ihrer pleonastischen Formulierung immer wieder auch zum Widerspruch reizt(vgl. Dieter Grob in: VSWG 58, 1971), ist gleichwohl das Ideal der modernen französischen Historiographie geblieben, selbst ‚wenn man den Begriff heute nicht mehr benutzt.— Gerd Zang hat versucht, die regionalgeschichtliche Konzeption der Konstanzer Forschergruppe mit Hilfe des Begriffs der»konkreten dialektischen Totalirät« von einem Totalitätsbegriff abzugrenzen, den er der älteren deutschen Landesgeschichte unterstellt, womit er diese aber gewiß überfordert. Seine Belege jedenfalls stammen fast durchweg aus der reformpädagogischen Literatur zur Heimatkunde. Zaxg(wie Anm. 1}, 5. 498 ff. 6 Vgl. den jüngsten Disput in der Zeitschrift»Merkur«, Jg. 36, 1982, zwischen Jürgen Kocka und Martin Broszat(S. 955—965 und 1244—1248), außerdem den kürzlichen Überblick von DerIev Peukert, Arbeiteralltag— Mode oder Methode?, in: Heiko Haumann(Hrsg.), Arbeiteralltag in Stadt und Land, Berlin 1982, S. 8—39, der wiederum zu einigen Fragen herausfordert. Grundsätzliche Stellungnahmen auch bei Latz Nirthammer, Anmerkungen zur Alltagsgeschichte, in: Geschichtsdidaktik 5, 1980, 5. 232#.; und Peter Steinbach, Alltagsleben und Landesgeschichte. Zur Kritik an einem neuen Forschungsinteresse, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 29, 1979, S. 225—305. 654 Forschungsberichte und Rezensionen Volkes, Noch mehr als bei einer histoire totale versteht es sich hier, daß der Untersuchungsrahmen klein gehalten sein muß und eine Region wohl schon das Maximum dessen darstellt, was in einem solchen Zugriff überblickt und dargestellt werden kann.’ Eine moderne Regionalgeschichte, die dermaßen im Zusammenhang neuer historiographischer Tendenzen steht, wäre zu vergleichen und abzugrenzen von der herkömmlichen Landesgeschichte. Hat es nicht schon immer eine auf die Region konzentrierte Landesgeschichtsschreibung in Deutschland gegeben, mit einer älteren und besser organisierten Tradition sogar als die Nationalgeschichte? Kann heutige Regionalgeschichte denn mehr sein als eine Fortsetzung dieser Tradition? Hinrichs greift diese Fragen auf und hebt hervor, daß es nicht das begrenzte Untersuchungsfeld ist, sondern ein neues methodisches Bewußtsein, verbunden mit neuen wissenschaftlichen Fragestellungen und einem neuen Instrumentarium des historischen Forschens, das die heutige Regionalgeschichte von der herkömmlichen Landesgeschichte unterscheidet. Von daher sieht er die neuere Regionalgeschichte auch gefeit gegenüber dem Verdikt des Provinzialismus, unter dem die Landesgeschichte in Deutschland bisher zu leiden hatte. An Arbeiten, die einer solchen modernen Regionalgeschichtsschreibung zuzurechnen sind, mangelt es nicht. Vielfach sind es Untersuchungen, die gar nicht den Anspruch erheben, dieser Richtung zugeordnet zu werden, es aber von der Sache her verdienen. Am Anfang standen die großen Monographien der französischen Frühneuzeitforschung, die durchgängig dem konzeptionellen Ansatz der»Annales« verpflichtet sind, denen nach wie vor eine Pionierund Vorbildrolle zukommt.” Wendet man sich den in jüngster Zeit im deutschsprachigen 7 Zwei überzeugende Beispiele einer solchen Alltagsgeschichte, die vom Ludwig-Uhland-Institut in Tübingen vorgelegt wurden, sind denn auch begrenzt auf ein Dorf bzw. auf ein einziges Stadtviertel von Tübingen: Utz Jeggle, Kiebingen— eine Heimatgeschichte, Tübingen 1976; Das andere Tübingen, Kultur und Lebensweise der Unteren Stadt im 19. Jahrhundert, Tübingen 1978, Gleichwohl bleibt die Forderung einer regionalen Alltagsgeschichte akut. Vgl. Pexkert(wie Anm. 6), S. 20, und als Beispiele regionaler Ansätze zur Alltagsgeschichte der Arbeiter Klaus Tenfelde, Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft an der Ruhr im 19. Jahrhundert, 2. Aufl, Bonn 1981; Horst Steffens, Arbeitstag, Arbeitszumutungen und Widerstand. Bergmännische Arbeitserfahrungen an der Saar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: AfS 21, 1981, S. 1-—54.»Qualitative Sozialgeschichte«, schreibt Martin Broszat in seinem»Plädoyer für Alltagsgeschichte«(wie Anm. 6, S. 1245),»läßt sich in der Regel nur im Rahmen begrenzter sozialer Einheiten eines Betriebes, Ortsmilieus, Vereins, einer Behörde oder lokalen Parteigruppe überzeugend verwirklichen«. 8 Es wird jedoch stets im einzelnen zu prüfen sein, in welchem Maß eine jede neuere Arbeit ihrem methodischen Anspruch wirklich gerecht wird.— Eine kritische Auseinandersetzung mit der Tradition der deutschen Landesgeschichtsschreibung zum 19. und 20. Jahrhundert in Ost und West liefert Zang(wie Anm. 1), S. 503 ff. Die Anliegen und Perspektiven der neuen Regionalgeschichte sind zuletzt umfassend, auch in ihren lebenspraktischen Bezügen, zusammengefaßt worden von Alfred G. Frei#. 4, Neue Regionalgeschichte: linke Heimattümelei oder kritische Gesellschaftsanalyse? Tendenzen einer neuen Regionalgeschichte, in: Das Argument 126, 1981, $. 239 ff. und 249 ff.; und dies., Regionalgeschichte: Neue Chancen für Gesellschaftsanalyse, in: Das Argument 131, 1982, 5. 55 ff. Zuerst zu nennen ist die große Arbeit von Pierre Goubert, Beauvais et le Beauvaisis de 1600 1730, Paris 1960; wortführend dann vor allem G. LeRoy Ladurie, Les paysans de Languedoc, 2 Bde., 1966, und ders, Monteillon occitan, 1975. Vgl. den Forschungsüberblick von Rolf Reichardt, Auf dem Weg zu einer Totalgeschichte des ländlichen Frankreich, in: HZ 224, 1977, S. 635 f. Um den qualitativen Abstand der heute vorliegenden Arbeiten dieser Richtung abzuschätzen, vgl. man aus dem gleich zu besprechenden Regionalbereich das kompilatorische Werk von Reinbard Oberscheip, das auch eine histoire totale des damaligen Königreichs Hannover sein will, aber lediglich die Lesefrüchte zusammenstellt, die aus der Durchsicht von zwei zeitgenössischen Zeitschriften gewonnen wurden: Niedersachsen 1760—1820. Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur im Land Hannover und Nachbargebieten(= Veröffentlichungen der Historischen Kom© Forschungsberichte und Rezensionen 655 Raum veröffentlichten Arbeiten zu, dann steht man vor einer Fülle von Untersuchungen mit einer großen Variationsbreite von Themen, die mehr oder weniger zu einer jeden deutschen Landschaft schon vorgelegt worden sind. Von daher sollen im folgenden nur ausgewählte Regionen besprochen werden und solche Arbeiten, die das Thema»Region« in einer expliziten und grundsätzlichen Weise historiographisch aufgreifen. Über Oldenburg wurden vor kurzem zwei Sammelbände publiziert mit den Ergebnissen eines regionalen Forschungsprojektes, das unter dem Titel»Sozialer und politischer Wandel in Oldenburg— Ostfriestand« seit 1976 betrieben wurde.'” Sie enthalten eine Fülle einzelner Untersuchungen, die vom späten 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichen. Es sind demographische, bildungshistorische und wahlsoziologische Studien, eine zur Geschichte des Gesundheitswesens, schließlich der Bericht von einem Arbeiterrat aus der Revolution von 1918/19, der erst 1933 sein Ende fand.!! Hervorzuheben ist der methodisch neue und gut reflektierte Ansatz zur Alphabetisierungsforschung von Wilhelm Norden'?, sodann die Aufdeckung von regionalen Milieustrukturen und deren prägendem Einfluß auf das parteipolitische Leben durch Karl-Heinz Naßmacher und Wolfgang Rudzio.'* So verdienstvoll diese Studien im einzelnen sind, es ist die Frage zu stellen, in welchem Maße sie als Ensemble dem Anspruch einer Regionalgeschichte neuen Stils, wie ihn Hinrichs selbst aufgestellt hat, einlösen. Hier sind Zweifel angebracht: Wir erfahren viele interessante Details aus der Entwicklung der oldenburgischen Gesellschaft, aber abgesehen von einer herkömmlichen Einleitung wird kaum der Versuch gemacht, die Einzelstudien zu einer übergreienden Darstellung der Region oder zu einer bestimmten Fragestellung— etwa ihrer modernen Transformation— zusammenzubinden.‘* Der mehrdimensionale Ansatz des Projektes und die Fragestellungen, die ihm wohl zugrunde gelegen haben, werden in der Präsentation der Ergebnisse nicht mehr deutlich. Wenn in der Einleitung auf die Heimatliebe als»Gegengewicht« zur modernen Industtiegesellschaft verwiesen wird, dann stellt sich die Frage, inwieweit hier nicht doch der Rückbezug auf die gute alte Zeit des Großherzogtums den Rahmen abgegeben hat. Das Großherzogtum Oldenburg nämlich, wie es zu Beginn des 19. Jahrhunderts als politische Verwaltungseinheit gebildet wurde, ist die einzig erkennbare Vorlage für die Abgrenzung der Region, die hier behandelt wird. Kann aber— so wäre zu fragen— dieses aus dem Gebietshandel des Reichsdeputationshauptschlusses und des Wiener Kongresses hervorgegangene Staatsgebiet in seiner Heterogenität geeignet sein für eine Regionalstudie modernen Stils? Hat man hier nicht einfach die politischen Grenzen des Großherzogtums übernommen, ohne nach den siedlungsgeographischen, religionshistorischen mission für Niedersachsen und Bremen XXXV; Quellen und Untersuchungen zur allgemeinen Geschichte Niedersachsens in der Neuzeit, Bd. 4), August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1982(2 Bde, XIV. 375.5.+8 Tafeln; VIIL 383 5.). 10 Hinrich/Norden, Regionalgeschichte(wie Anm. 4) und Gänther, Sozialer und politischer Wandel (wie Anm. 2). 11 W. Günmber, Der Oldenburger Landesarbeiterrat 1919—1933, in: ders.(wie Anm. 2}, S. 139—152. 12 Wilhelm Norden, Die Alphabetisierung in der oldenburgischen Küstenmarsch im 17. und 18. Jahrhundert, in: Hinrich/ Norden(wie Anm. 4), S. 103—164, Hingewiesen sei auf die umsichtige und differenzierende bildungssoziologische Auswertung der Quellen, vor allem aber auf das Bemühen um eine Ätiologie der Befunde(S. 146 ff.), eine Einordnung in die internationale Forschung ($. 105 ff.) und die von ihr bisher erarbeiteten Vergleichsdaten(S. 160 ff.). 13 Karl-Heinz Nafmacher, Regionale Tradition als Bestimmungsfaktor des Parteiensystems, in: Günther(wie Anm. 2), S. 153—188; Wolfgang Rudzio, Wahlverhalten und kommunalpolitisches Personal in ausgewählten Oldenburger Gemeinden, ebda.,$. 253—297, 14 In dem Beitrag von Wilhelm Norden, Eine Bevölkerung in der Krise— Die oldenburgische Küstenmarsch 1600—1850, in: Günther(wie Anm. 2) Gegt auf S, 41 ff. ein Ansatz in dieser Richtung vor. 656 Forschungsberichte und Rezensionen und wirtschaftssoziologischen Zusammenhängen etwa mit der Region Friesland zu fragen, von denen her vielleicht auch eine Kooperation mit der niederländischen Friesland-Forschung sinnvoll gewesen wäre?'? Aber nicht nur hier, der in Mode gekommene Begriff der Region wird heute auch dort häufig zecht unreflektiert gebraucht, wo man in Wahrheit nur eine geographische Einheit sucht, um verschiedene Studien zusammenzubinden. Das ist z. B. von den Beiträgen des Tagungsbandes»Entwicklungsprobleme einer Region« zu sagen, deren Kohärenz als ein regionalgeschichtliches Konzept nur schwer erkennbar ist.'® Andererseits ist es üblich geworden, daß Autoren, die zur Behandlung ihres Themas ein kleineres Untersuchungsgebiet ausgewählt haben, sich des Begriffs der Region bedienen.‘ Die in jüngster Zeit deutlich zunehmende Verwendung des Begriffs»Region« zur Kennzeichnung von lokal- oder landesgeschichtlich eingegrenzten Untersuchungen ist sicher ein Indikator dafür, in welchem Maße sich bestimmte Bereiche der Geschichtsforschung heute von einem Denken in nationalen Grenzen ab- und einer engräumigeren Betrachtungsweise zugewandt haben, Das gilt in besonderem Maße für die jüngere Sozialgeschichte mit ihren vielen Verzweigungen als Alltagsgeschichte, Menralitäts- und Bildungsgeschichte, als Soziabilirätsforschung, Demographie, soziale Milieu-, Gruppen- und Schichtenforschung verschiedener Art, nicht zuletzt aber auch als politische Sozialgeschichte und Wirtschaftsgeschichte, von der noch zu reden sein wird, Die meisten jüngeren Arbeiten dieser Richtungen lassen sich 15 Vgl. z.B. J. Faber, Drie Eeuwen Friesland. Economische en sociale outwikkelingen van 1500—1800, Z vol., Leuwarden 1973, und die ausdrücklich als Regionalstudie deklarierte Arbeit von A. M. varı der Woude, Het Noorderkwartier, Een regionaal historisch onderzoek in de demografische en economische geschiedenis von westelijke Nederland van de late middeleeuwen tot het begin van de negentiende ceuw, Wageningen 1972, 16 Fritz Blaich(Hrsg.), Entwicklungsprobleme einer Region: Das Beispiel Rheinland und Westfalen im 19. Jahrhundert(= Schriften des Vereins für Socialpolitik, N.F., Bd. 119), Verlag Duncker& Humblot, Berlin 1982, 276$., brosch., 88 DM. Im Mittelpunkt des Bandes stehen zwei Arbeiten über Westfalen, eine umfangreiche Studie von Hans Jürgen Teuteberg über die Entwicklung der bäuerlichen Landwirtschaft im Lichte der Agrarreformen der ersten Hälfte des 19, Jahrhunderts und eine Untersuchung der Binnenwanderung im Münsterland im ausgehenden 19. Jahrhundert von Peter Borscheid. In dem Band finden außerdem Platz eine Untersuchung über die lokale Ansiedlung der Eisen- und Stahlproduktion der Firmen des Ruhrgebietes vor dem Ersten Weltkrieg(u. a. zu den Diskussionen über eine Verlagerung in das Erzgebiet von Lothringen) und von H. Kiesewerter eine Studie über die Entwicklung von Landwirtschaft und Industrie im Königreich Sachsen(!) in ihrem gegenseitigen Verhältnis. Zwischendrin eine grundsätzliche forschungsmethodische Diskussion über die Bedeutung einer regional orientierten Wistschaftsgeschichte von H. Seidenfus, auf die an späterer Stelle einzugehen ist(vgl. unten Anm. 32). 17 Beispielhaft seien zwei Arbeiten aus der Schweiz genannt: Marie-Lowise von Wartburg-Ambühl, Ailphabetisierung und Lektüre, Untersuchungen am Beispiel einer ländlichen Region im 17. und 18. Jahrhundert(= Europäische Hochschulschriften, Reihe 1, Bd. 459), Verlag Peter Lang, Bern/Frankfurt/Las Vegas 1981(331 S., brosch., sFr. 69,90), in der— ähnlich wie von Wilhelm Norden in Oldenburg— Hausvisitationsakten aus der Züricher Landschaft zwischen.1625 und 1774 ausgewertet werden, zugleich auch die Angaben über den Buchbesitz, indes ohne eine Verbindung mit anderen Entwicklungsdaten herzustellen. Sehr viel reflektierter’demgegenüber die Dissertation von Christian Simon, Untertanenverhalten und obrigkeitliche Moralpolitik. Studien zum Verhältnis von Stadt und Land im ausgehenden 18. Jahrhundert am Beispiel Basels(= Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft, Bd. 145), Verlag Helbing+ Lichtenhahn, Basel/Frankfurt 1981(XIII, 366 S., brosch., sFr. 65, 72 DM), in der durch eine Auswertung von Ehegerichtsprotokollen mustergültig demonstriert wird, wie man nur durch einen regionalen Zugriff zu einer genauen Rekonstruktion früherer Herrschaftsverhältnisse kommen kann. Charakteristisch für die Begriffsverwendung auch die Arbeit von Wolfgang Kaschuba/Carola Lipp, 1848— Provinz und Revolution, Tübingen 1979. Forschungsberichte und Rezensionen 657 einer regionalen Geschichtsschreibung zuordnen; der regionale Zugriff ist in diesem Felde geradezu konstitutiv geworden.'® Gleichwohl bleibt angesichts dieser oft recht unreflektierten, allein aus methodischen Gründen resultierenden Hinwendung zur Region das Desiderat, die Region als Forschungsraum ernster zu nehmen, sich grundsätzlicher und umfassender auf sie einzulassen. In diesem Zusammenhang ist auf die schon erwähnte Regional-Studie der Konstanzer Forschergruppe um Gerd Zang(ursprünglich Martin Broszat) einzugehen, die sicher das anspruchsvollste Projekt einer modernen historischen Regionalforschung in jüngster Zeit in Angriff genommen hat.'? Der bereits vorliegende Band besticht zunächst dadurch, daß in ihm das Vorgehen der Arbeitsgruppe vielseitig reflektiert wird, bis hin zur Offenlegung der sich wandelnden Gruppenerfahrungen bei der gemeinsamen Arbeit, Die Autoren verstehen sich als Regionalhistoriker neuer Art, grenzen sich von der bisherigen Landesgeschichte scharf ab und sehen ihre Arbeit als ein bewußtes Sich-Einlassen von links orientierten Historikern auf die Region als Provinz— in einer kritisch-aufklärenden Funktion, gleichwohl mit dem Willen zu einer affirmativen Identifizierung mit dem Forschungsgebiet.”® Ihr Anspruch, eine neue Richtung moderner Regionalforschung zu begründen, aber beruht auf der Überzeugung, das Entwicklungsgesetz der Region im kapitalistischen Zeitalter gefunden zu haben: das Gesetz der Provinzialisierung, das sie ihrer Projektarbeit als leitende Hypothese und Imterpretationstheorie zugrunde legen. Erst mit dem Einsetzen einer kapitalistischen Industrialisiezung trete durch den Akkumulations- und Zentralisationsprozeß in modernen bürgerlichen Gesellschaften eine Entwicklung ein, in deren Folge innerhalb einer bis dahin weitgehend homogenen Landschaft unterentwickelte Regionen entstehen, die gegenüber den Zentren der Modernisierung uneinholbar zur»Provinz« werden. Diese Theorie eines zwangsläufig sich einstellenden Provinz-Problems in kapitalistischen Gesellschaften wird von Gerd Zang und— stärker noch marxistisch argumentierend— von Wolfgang Hein als ein gesetzmäßiger Entwicklungsprozeß modellhaft entwickelt und dann — so am deutlichsten bei Hein— deduktiv auf die Stadt Konstanz angewandt.?! Deren Entwicklung in der Epoche des politischen Liberalismus zwischen 1860 und 1878 sind die Studien dieses Bandes schwerpunktartig gewidmet. Sie verstehen sich als Untersuchungen von regionaler Ungleichheit und Unterentwicklung in der Phase der sich durchsetzenden Industrialisierung, Im einzelnen werden Untersuchungen vorgelegt, die sich mit der sozioökonomischen Entwicklung??, mit verschiedenen Bereichen des politischen Lebens, mit der 18 Die Erforschung der Arbeiterbewegung und der Arbeiterkultur ist in dieser Hinsicht besonders weit fortgeschritten. Vgl. die Forschungsüberblicke von Derlev Peukert(Zur Regionalgeschichtsschreibung der Arbeiterbewegung, in: Das Argument 110, 1978, S. 546 ff.) und Peter Steinbach (Neue Wege der regionalhistorisch orientierten Alltagsgeschichte, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 30, 1980,$. 312 ff.), dazu beispielhaft: Gerhard A. Ritter(Hrsg), Arbeiterkultur, Königstein 1979 und die regionale Vergleichsstudie von Erhard Lucas, Zwei Formen von Radikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung, Frankfurt 1976. 19 Bisher ist ein Band erschienen(vgl. Anm. 1). Die Frage, ob und wann die noch ausstehenden Untersuchungen veröffentlicht werden sollen, wird offengelassen. 20 Vgl. Zang(wie Anm. 1), S. 16. Zur Explikation des eigenen Standpunkts der Konstanzer Forschergruppe vgl. neben Kursbuch 39(wie Anm. 1, 5. 87{ff., das Kapitel»Die Provinz wird wieder zu einem praktischen Problem der Linken«) die Weiterentwicklung dieser Position durch eine jüngere Gruppe: Alfred G. Frei 4. a.(wie Anm. 8). 21 Vgl. Zang(wie Anm. 1), S. 17££. und 45—72. 22 Wolfgang Hein, Zur Theorie der regionalen Differenzierung kapitalistischer Gesellschaften in der industriellen Revolution, Die ökonomische Basis der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der Konstanzer Region, ebda., S. 31—133. 23 Dieter Beilmann, Der Liberalismus im Seekreis(1860—1870). Durchsetzungsversuch und Scheitern eines regional eigenständigen Entwicklungskonzepts, ebda., S. 183—263. Gerd Zang, Die 658 Forschungsberichte und Rezensionen Verkehrsentwicklung und der Schulpolitik?* befassen. Sie geben ein lebendiges, immer wieder von der leitenden Hypothese geprägtes Bild von dem gesellschaftlichen und politischen Durchsetzungsprozeß des liberalen Bürgertums in der städtischen Öffentlichkeit und von dessen beginnender Resignation angesichts der deutlich werdenden Rückständigkeit der Region seit den späten 1870er Jahren, basierend auf der Auswertung der kommunalen Presse und des städtischen Archivs, nur selten unter Heranziehung anderer Archivalien(etwa der Regierungsakten). Damit werden die Grenzen und Lücken des Bandes sichtbar, über die Gerd Zang in sympathischer Offenheit selbst Rechenschaft ablegt.?* Gravierend erscheint uns vor allem: das Fehlen von(ursprünglich geplanten) Untersuchungen zum ländlichen Umfeld von Konstanz, so daß das für die Problemstellung so entscheidende Stadt-Land-Verhältnis kaum behandelt wird und hier letztlich keine Regional-, sondern nur eine Kommunalstudie vorliegt; das Fehlen von Untersuchungen über andere gesellschaftliche Kräfte und Faktoren in Konstanz, die nicht im engeren Sinne zum liberalen Bürgertum zählen(Kirchgemeinden, Kleinbürgertum, Unterschichten, Presse u. a. m.), so daß an der angestrebten» Totalität« noch vieles fehlt; das Fehlen eines Vergleichs mit anderen Regionen und vor allem: einer Untersuchung der auf Konstanz einwirkenden Politik der Regierung und anderer überregionaler Kräfte, so daß alle Vorgänge nur von einer Seite her und nicht als ein dialektischer Prozeß zum Vorschein kommen, damit auch nur schwer in ihrem wirklichen Gewicht eingeschätzt werden können. So kann man insgesamt auch nicht sagen, daß die leitende Hypothese von einer spezifisch kapitalistischen Provinzialisierung durch die vorgelegten Untersuchungen befriedigend verifiziert worden ist.’ Es bleiben einige Zweifel: Bedeutet Modernisierung nicht auch in erheblichem Maße eine Einebnung von regionalen Unterschieden, die zu beachten wäre? Und wie weit macht man sich mit jener Hypothese nicht den Maßstab der Sichtweise zu eigen, der man eigentlich entgegentreten will? Wären nicht auch andere Akzentuierungen denkbar, die von vornherein den pejorativen Begriff der Provinzialisierung vermeiden? Schließlich: Auch hier vermißt man eine von der Sache her begründete Abgrenzung und Umschreibung der behandelten Region; es bleibt beim Rekurs auf die Grenzen der politischen Verwaltungseinheiten? Eine paradoxe Situation: Die Region setzt sich als historischer Forschungsbereich allseitig durch, sie ist in aller Munde und wird zum Gegenstand weitreichender Theorien gemacht, aber das, was man unter einer Region versteht, bleibt in dieser historischen Literatur völlig offen! Zur Verständigung darüber, was Regionalgeschichte sinnvollerweise sein und leisten Konstanzer Kreis-Selbstverwaltung(1865—1878). Der gescheiterte Versuch einer regional autonomen Entwicklung, ebd4., S. 265-—305, Ders., Die Bedeutung der Auseinandersetzung um die Stiftungsverwaltung in Konstanz(1830—1870) für die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung der lokalen Gesellschaft, ebda., S. 307—373. 24 Heiner Siefken, Verkehrsentwicktung und Provinzialisierung, Die Verkehrspolitik der bürgerlichen Fraktion in Konstanz, eb4a., S, 135—181. Werner Trab, Volksschulreform und liberales Bürgertum in Konstanz, Die Durchsetzung des Schulzwangs als Voraussetzung der Massendisziplinierung und-qualifikation, ebda., S. 375—433. Der Beitrag von Volker Wänderich(Von der bürgerlichen zur kommunalen Kulturpolitik, ebda., S, 435-—463) geht auf die Konstanzer Verhältnisse nur beiläufig ein. 25 Vgl. ebda., S. 19£. 26 Der Herausgeber bekennt selbst, daß»ein klarer, stringenter historischer Nachweis« des besonderen Charakters der Provinz im 19. und 20. Jahrhundert nicht erbracht werden konnte(ebda., S. 18). 27 Wolfgang Hein geht(ebda., 8. 72 ff.) auf das Problem ein und sieht dessen Zusammenhänge, rekurziert dann aber»aus forschungspraktischen Gründen«(die man natürlich nachfühlen kann! Vgl. Anm. 28) auf die politischen Grenzen.— Es fällt auf, daß man die pejorative Einschätzung der Region als»Provinz« bei den jüngeren Konstanzer Autoren nicht mehr findet. Forschungsberichte und Rezensionen 659 kann, wäre demnach eine Frage zu klären, die eigentlich zu den Präliminarien gehört: Was versteht man unter einer Region? Wie wäre sie als Gegenstand moderner sozialgeschichtlicher Forschung zu definieren? Von der Größe her gesehen, könnte man sie als ein Gebiet beschreiben, das kleiner ist als ein Staat, aber größer als eine Kommune, die mehr strukturelle Homogenität aufweist. Aber was besagen hier quantitative Kriterien? Entscheidender scheint zu sein, daß es innerhalb einer Region eine Vielzahl differierender Untereinheiten gibt, daß die strukturellen Gemeinsamkeiten relativ gering sind, sich eventuell nur auf ein Homogenitätsmerkmal beschränken, Insbesondere sind die politischen Grenzen für die Definierung einer Region in der Regel nicht konstitutiv, Die Region stellt geradezu eine alternative Form der räumlichen Abgrenzung gegenüber den Gebieten politischer Herrschaft und Verwaltung dar. Diese sind im Zuge der Moderne immer prägender geworden für die territoriale Entwicklung gesellschaftlicher Lebensformen, und nicht zuletzt sind sie auch für den quellenabhängigen Historiker der dominierende Bezugsrahmen. Die Hinwendung zur Region bedeutet für den Historiker demnach auch eine Lösung von seiner traditionellen Orientierung auf die politischen Räume und Systeme, ein Sich-Einlassen auf andere Formen und Strukturen gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit. Daß damit ein Gewinn an Gestaltungsfreiheit verbunden ist, sollte nicht übersehen werden; denn die Kriterien, die eine Region konstituieren können, sind variabel. Dementsprechend variieren auch die Regionen in ihrem Charakter und ihrer räumlichen Erstreckung. Indem der Historiker entscheidet, welche Kriterien er einer Untersuchung zugrunde legt, bestimmt er weitgehend auch schon deren regionalen Rahmen.?® Die Homogenitätskriterien, die eine Region konstituieren und ihre Grenzen bestimmen, können sehr verschieden sein. Sprachen und Dialekte in ihrer regionalen Erstreckung sind hier von Bedeutung; denn sie bilden die Grundlage für den kommunikativen Zusammenhalt einer Bevölkerung. Desgleichen ist die gemeinsame Religion oder Konfession— in früherer Zeit mehr noch als heute— ein Kriterium regionaler Abgrenzung von Gesellschaften. Aber auch ein Baustil kann Kriterium sein oder etwa die geographischen und vegetativen Gegebenheiten, von denen Leben, Ernährung und Arbeit der Bevölkerung geprägt werden. Die für das öffentliche Leben und die Wissenschaft heute wichtigsten Kriterien zur Konstiwuierung von Regionen aber sind die Verkehrs-, Handels- und Wirtschaftsbeziehungen. Die regionale Konzentration bestimmter Produktionsformen spielt hier eine konstitutive Rolle, vor allem aber Verkehrs- und Handelsbeziehungen, durch die sich Märkte, Knotenpunkte und Zentren bilden, die auf ein Umfeld und Einzugsgebiet bezogen sind, das zur Peripherie wird. Die Wirtschafts- und Verkehrswissenschaften sind es von daher auch, die sich bisher am intensivsten mit den Problemen der Regionsbildung beschäftigt haben. Aus dem Bereich der Industrialisierungsforschung sei auf den vor kurzem von Sidney Pollard herausgegebenen Band»Region und Industrialisierung« verwiesen, der den hohen und fortentwickelten Diskussionsstand der Regionsforschung in dieser Disziplin belegt.” Hervorgegangen aus einer Bielefelder Tagung von 1979, enthält er eine Fülle von Studien zum Indu28 Dem Gewinn stehen indes auch Schwierigkeiten gegenüber: Mit der Loslösung von den politischen Grenzen verliert der Historiker die Möglichkeit, die von den öffentlichen Archiven gesammelten Materialien, die immer auf die politischen Verwalungsgrenzen bezogen sind, direkt für sich zu benutzen, Er muß sie neu ordnen, was oft gar nicht möglich ist. 29 Vgl. Anm. 3, Jürgen Reulecke hat seinen instruktiven Beitrag in diesem Band über die Industrialisierung des Bergischen Landes(Nachzügler und Pionier zugleich: das Bergische Land und der Beginn der Industrialisienung in Deutschland, eb4x., S. 52—868) durch einen anschaulichen regionalgeschichtlichen Quellenband ergänzt: ders/Gerhard Huck(Hrsg.),... und reges Leben ist überall Sichtbar! Reisen im Bergischen Land um 1800. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Köllmann (= Bergische Forschungen, Bd. XV), Verlag Ph. C. W. Schmidt, Neustadt/Aisch 1978, VI, 282 S,+ 1 Karte. 660 Forschungsberichte und Rezensionen strialisierungsprozeß und seinen Zusammenhängen mit dem Schwergewicht im 19, Jahrhundert, auf einen internationalen Vergleich hin konzipiert und konzentriert auf Großbritannien, Frankreich und Deutschland(mit einem summarischen Beitrag von Diane Lindstrom zur industriellen Revolution in den USA). Die Beiträge zeigen insgesamt, in welchem Maße die Industrialisierungsforschung heute von der Erkenntnis durchdrungen ist, daß nicht der im 19. Jahrhundert so dominante Nationalstaat, sondern die unter wirtschaftlich und gesellschaftlich adäquaten Kriterien einzugrenzende Region den eigentlichen Rahmen für wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen abzugeben habe.»Die industrielle Revolution war, so 1äßt sich sagen, im Westen wie auch im Osten ein Industrialisierungsprozeß der Regionen. Die industrielle Revolution ist ein regionales Phänomen«, so das lapidare Resum& des Herausgebers.’° Von einem gleichen Tenor ist der von Rainer Fremdling und Richard H. Tilly herausgegebene Band»Industrialisierung und Raum« getragen, dessen Beiträge— hervorgegangen aus einer Quantum-Tagung des Jahres 1978— sich ganz auf die Entwicklung in Deutschland konzentrieren. In ihrer Einleitung geben die Herausgeber einen instruktiven Überblick über die verschiedenen Wege der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung zum Problem der regionalen Differenzierung, verweisen u. a. auf die frühen Ansätze einer»Raumwirtschaftslehre« in Deutschland. Als ein zentrales Erklärungsproblem sehen sie— wie auch Hellmuth Seidenfus in einem reichbelegten Aufsatz— die Entstehung von ungleichen Entwicklungsprozessen in den Regionen, das Problem der regionalen Ungleichheit.’? Diese regionalgeschichtlichen Arbeiten der Wirtschaftshistoriker zeigen auch, in welchem Maße sie sich auf die regionalwissenschaftliche Forschung der systematischen Disziplinen der Wirtschaftswissenschaften beziehen und die Zusammenarbeit mit ihnen suchen. Das ist im Felde der anderen hier überblickten Regionalstudien kaum der Fall. Man geht an regionale Untersuchungen— so hat man den Eindruck— heran, ohne zur Kenntnis zu nehmen, daß es heute eine international verbreitete Regionalwissenschaft gibt.?* Nun ist diese, auf aktuelle Problemstellungen der Wirtschaftsentwicklung und der staatlichen Verkehrs- und Regionalplanung ausgerichtete Wissenschaft bisher indes auch relativ blind gegenüber den geschichtlichen Bedingungsfaktoren ihres Gegenstandes gewesen. Schon heute aber könnte der Regionalhistoriker in zwei Richtungen von jener Regionalwissenschaft profitieren: zur Klärung von Grundsatzfragen der Regionsbildung und-abgrenzung, die hier auf einem hohen Niveau behandelt werden, sowie zur Vermittlung eines Eindrucks von der Komplexität der Faktoren, von der eine Regionalforschung heute auszugehen hat. Daraus folgt die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit anderen Forschungsdisziplinen und die Bereitschaft zur Synthese unterschiedlicher Methoden und Resultate. In welchem Maße interdisziplinäre Zusammenarbeit auch für eine historische Regionalforschung fruchtbringend und letztlich wohl unverzichtbar ist, sei abschließend mit einem Hinweis auf das»Börde«-Projekt der Akademie der Wissenschaften der DDR zum Ausdruck 30 Ebda.,$. 12. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf das forschungsmethodische Plädoyer Wolfgang Köllmanns von 1975: Zur Bedeutung der Regionalgeschichte im Rahmen struktur- und sozialgeschichtlicher Konzeptionen, in: AfS 15, 1975, S, 43—50. 31 Rainer Fremaling/Richard A, Tilly(Hrsg.), Industrialisierung und Raum. Studien zur regionalen Differenzierung im Deutschland des 19. Jahrhunderts(= Historisch-sozialwissenschaftliche Forschungen, Bd. 7), Klett-Cotta, Stuttgart 1979, 284 S., brosch., 68 DM. 32 Vgl. ebda., S. 18 ff. und Hellmuth S. Seidenfus, Was erwartet die Nationalökonomie von einer regionalen Wirtschaftsgeschichte? In: B/aich(wie Anm. 16), S. 164 ff. 33 Vgl. für den deutschen Bereich vor allem das mehrbändige Handwörterbuch der Raumforschung und Raumordnung, hrsg. von der Akademie für Raumforschung und Landesplanung, 2. Aufl, Hannover 1970. Für die entwickelte regional science der USA etwa W. Isard er al., Methods of Regional Analysis: An Introduction to Regional Science, Cambridge/Mass. 1960. Forschungsberichte und Rezensionen 661 gebracht.“ Unter der Federführung von Volkskundlern haben hier Wirtschaftshistoriker, Sozialhistoriker, Sprachforscher, Agrarhistoriker und Geographen zusammengeatbeitet, um »Lebensweise und Kultur der Dorfbevölkerung in der Magdeburger Börde« zu untersuchen. Die bisher vorgelegten Ergebnisse, die Klima und Vegeration ebenso wie die Wohnverhältnisse, die Dialektentwicklung, das Vereinswesen, die Zuckerrübenindustrie und das LandStadt-Verhältnis behandeln, sind— gemessen an dem bisherigen Forschungsstand— beachtlich und zeigen den Nutzen eines interdisziplinären Ansatzes in diesem Forschungs bereich. Die Region als Gegenstand der Geschichtswissenschaft— das ist in der heutigen sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Forschung, in der sich die themenbezogene Auswahl von Untersuchungsregionen allgemein durchgesetzt hat, fast zur Regel geworden. Die umfassende und methodisch reflektierte Erforschung von Regionen in allen ihren Lebensbereichen, die nur mit einem interdisziplinären Ansatz zu verwirklichen ist und eine Synthese verschiedener Entwicklungsaspekte verlangt— die Einlösung einer solchen, zugegebenermaßen anspruchsvolTen Regionalgeschichte bleibt in der Bundesrepublik vorerst ein Desiderat. 34 Hans Jürgen Rach/Bernhard Weiße!(Hrsg.), Landwirtschaft und Kapitalismus, Zur Entwicklung der ökonomischen und sozialen Verhältnisse in der Magdeburger Börde vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des ersten Weltkriegs, 2 Bde., Berlin[DDR] 1978 und 1979. Dies. Bauer und Landarbeiter im Kapitalismus in der Magdeburger Börde, Zur Geschichte des dörflichen Alltags vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, Berlin [DDR] 1982(= Untersuchungen zur Lebensweise und Kultur der Dorfbevölkerung in der Magdeburger Börde. Teil I, 1 und 2, II; Veröffentlichungen zur Volkskunde und Kulturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, Bd. 66/1—3). Zur Konzeption dieses Projekts vgl. die Einführung der Herausgeber in Bd. 1, 1, wo sie dessen innovatorischen Stellenwert hervorheben. Dem Projekt zugehörig außerdem: Hainer Plaul, Landarbeiterleben im 19. Jahrhundert. Eine volkskundliche Untersuchung über Veränderungen in der Lebensweise der einheimischen Landarbeiterschaft in den Dörfern der Magdeburger Börde unter den Bedingungen der Herausbildung und Konsolidierung des Kapitalismus in der Landwirtschaft, Berlin[DDR] 1979.