774 Forschungsberichte und Rezensionen Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905—1924, hrsg. von Eberhard Jäckel zusammen mit Axel Kuhn(= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd, 21), Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980, 1315 S., Ln., 196 DM. Diese Quellenausgabe ist die erste wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werdende Gesamtausgabe der Reden, Aufsätze, Briefe, Gedichte und anderen Texte und Zeugnisse Adolf Hitlers von seinen ersten schriftlichen überlieferten Anfängen bis zum Ende seiner Haftzeit in Landsberg. Die Herausgeber wollen mit dem gewählten Begriff»Aufzeichnungen« dabei einmal die von»Hitler geschriebenen oder unterschriebenen Aufzeichnungen«(ohne Urkunden und Bilder), dann aber auch»Aufzeichnungen« über von Hitler gesprochene Äußerungen, d. h. in erster Linie seine Reden, dokumentieren. Der erste Text stammt aus dem Jahre 1905: Zum Namensfest gratuliert der 16jährige Hitler seinem Firmpaten Emanuel Lugert. Der letzte hier aufgenommene Text datiert vom 21. Dezember 1924 und gibt einen kurzen Bericht über die Entlassung aus der Festungshaft mit dem Fazit:»Nun beginnt der Kampf aufs Neue«. Tatsächlich wurde die NSDAP am 26. Februar 1925 neugegründet, so daß mit diesem Datum ein neuer Abschnitt in der politischen Karriere Hitlers beginnt. Damit ist auch schon die Bandbreite der hier abgedruckten Texte markiert, die die Stuttgarter Zeithistoriker Eberhard Jäckel und Axel Kuhn in 10jähriger Arbeit zusammengetragen haben, Erstaunlich und dem aktibischen Spürsinn der Herausgeber zu danken bleibt, daß immer noch zahlreiche Lebenszeugnisse Hitlers ans Licht befördert werden konnten, die sich mehrheitlich zerstreut in Privatbesitz befinden und die teilweise— neben vielen nebensächlichen Details— auch die Lebensumstände und politischen Zielvorstellungen Hitlers genauer beleuchten. Qualitativ neue Bewertungsmaßstäbe für die geistige und politische Biographie Hitlers insgesamt liefert der Band hingegen kaum: Der Kern der Edition besteht aus Zeitungsberichten über Hitlers Reden als Politiker der Deutschen Arbeiterpartei bzw. der späteren NSDAP in der bayrischen NS-Presse und anderen Organen, die minutiös, im Sinne der Herausgeber, eine lückenlose Chronologie herzustellen, alle Ankündigungen von Versammlungen, bei denen Hitler nachweislich auch gesprochen hat, der Reden selbst(wobei der Bogen von Exzerpten, Kurzwiedergaben bis hin zu parallelen Überlieferungen langer Reden selbst reicht) aufzeichnen, mit dem bewußt in Kauf genommenen Nachteil, daß banales, in keiner Weise aussagekräftiges Material neben Ausarbeitungen grundsätzlicher Art steht(z. B. Hitlers programmatische Rede vom 13. August 1920»Warum sind wir Antisemiten«). Ergänzt wird dieser Quellenfundus durch Berichte und Aufzeichnungen über diese Reden durch staatliche Stellen, d.h. in der Regel Beobachter der politischen Palizei Bayerns bzw. der Reichswehrstellen, bei denen Hitlers politische Karriere begann(sog. Polizeinachrichtendienst[PND]; Berichte des Reichswehrgruppenkommandos 4 in München). Dazu kommen die Bestände aus dem ehemaligen Hauptarchiv der NSDAP, jetzt im Bundes. archiv Koblenz, dann das Tagebuch des 1. Kassierers der Deutschen Arbeiterpartei, Karl Riedl(Jan. 1920—März 1921), Rundschreiben und Mitteilungsblätter(seit 1921), Verhandlungsprotokolle vor dem Volksgericht in München, Briefe und Postkarten und schließlich Gedichte(wobei die Herausgeber nicht prüfen konnten, ob es sich um Schöpfungen Hitlers oder lediglich um Abschriften von Vorlagen handelt, was naturgemäß den etwaigen Quellenwert solcher Materialien erheblich beeinträchtigt). Fast 700 Dokumente markieren so den Weg des Gedichte und Postkarten schreibenden Schülers, des Kunstmalers ohne Fortune zum Politiker des»neuen« Deutschland, Immer wieder überraschend und in gewisser Weise faszinierend bleibt dabei angesichts dieser Quellen, wie Hitler, auch in seiner Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg, in seinen erhalten gebliebenen Briefen und Postkarten oder Gedichten eher das Bild des patriotischen, aber unpolitischen Deutschen abgebend, der in sentimentaler Manier die deutsche Kulturüberlegenheit über die»welsche« beschwört und sich dezidiert weder zur Innen- noch zur Außenpolitik des kaiserlichen Deutschland äußert, Forschungsberichte und Rezensionen 775 beinahe aus dem Stand nach seiner Entlassung aus dem Lazarett zum politischen Menschen wird, beschließt,»Politiker zu werden«, Immerhin war Hitler am Ende des Weltkrieges 29 Jahre alt. Seine ersten politischen Aussagen aus dem Januar 1919(falls die Datierung der Herausgeber zutrifft) zeigen ihn als Advokaten der Durchhaltepolitik der herrschenden Schichten des Kaiserreiches, als Parteigänger Kapps und Tirpitz’ und deren nationalistischer Deutscher Vaterlands-Partei(Nachtrag N 11). Von diesen Positionen(die im übrigen nach dem gescheiterten Kapp-Putsch ohnehin als»reaktionär-konservativ« abgestempelt waren) distanzierte Hitler sich früh: Die gleiche Vaterlandspartei erscheint 1921(Dok. 301} als Gruppierung, die das Vaterland»mitverraten« habe: National und sozial zwsammen hätten die Konservativen um Kapp und Tirpitz nicht sein können, die NSDAP sei aber noch mehr: »Wir sind Antisemiten. Das Rot ist sozial, das Weiß ist national, und das Hakenkreuz ist antisemitisch.« Bei aller Verkürzung ist mit dieser Trias das qualitativ Neue umschrieben, das die NSDAP gegenüber den älteren, frühfaschistischen Massenbewegungen in die deutsche Politik einbrachte, verbunden jetzt mit hemmungsloser nationaler und sozialer Demagogie und brachialer Gewalttätigkeit in der Form des politischen Kampfes. Angesichts der akribischen Gestaltung des editorischen Teils— wobei nachzutragen wäre, daß die beiden Herausgeber in den»Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte« 29, 1981, H. 2, S. 304 f., mitgeteilt haben, es gebe ernste Zweifel an der Echtheit eines Bestandes, bei dem ein Begleitschreiben auf Briefpapier der Reichsleitung der NSDAP verzeichnet ist, sowie ferner an den aus dem gleichen Bestand stammenden Stücken Nr. 32, 38, 198, 216, 627, 631, 657 sowie N 7, N 9—15 und N 23—24— ist es doppelt bedauerlich, daß sich im Personenverzeichnis Fehler einschleichen bzw. unzureichende Aufschlüsselungen und Verweise sich häufen. So fehlt z. B. der Hinweis, daß Hitler auf der 1. Reichstagung des Nationalverbandes Deutscher Gewerkschaften vom 31. Oktober bis 2. November 1920 in Berlin als Gast anwesend war, Vorhandene Parallelüberlieferungen zum ersten Auftreten Hitlers vor einem dezidiert konservativen Publikum in Berlin, dem Nationalen Klub von 1919, am 29. Mai 1922, sind nicht nachgewiesen; die Tatsache, daß dieses ersten Auftretens 15 Jahre später in einem großen Festakt feierlich gedacht wurde, bleibt ebenfalls unerwähnt. Den in der Literatur gegebenen Hinweisen zur Sicherstellung der exakten Datierung von Hitlers zweiter Rede vor dem gleichen Forum(am 5. oder 12. Juni 1922) in Berlin sowie der Frage nach den Initiatoren dieser neuerlichen Einladung— nämlich u. a. der Berliner Großindustrielle Ernst von Borsig— ist nicht nachgegangen worden. In den Namensregistern irritiert generell die dürftige Annotierung und die mangelnde Sorgfalt. Der Mitinhaber des Hamburger Bankhauses M. M. Warburg& Co., Berater der deutschen Regierung in Reparationsangelegenheiten, Carl Melchior, wird nicht weiter annotiert; der deutsche Gesandte in Bern von 1919 bis 1933, Adolf Müller(SPD), erscheint als»Müller, Gesandter«; der Münchener Brauereiindustrielle und langjährige Handelskammervorsitzende Pschotr figuriert als»Pschorr«. Der Vertraute Kapps, Gottfried Traub, Mitglied der Weimarer Nationalversammlung(DNVP), figuriert als»Traub«. Der französische Journalist Jules Huret(1864—1915), dessen 1907/08 in Leipzig bzw. 1909 in München übersetztes Buch(»L’Allemagne d’aujourd’hui«) in Teilen unter dem deutschen Titel»In Deutschland« erschien und das Hitler anscheinend las und exzerpierte— ein teilweiser Neudruck liegt seit 1969 vor—, erscheint lediglich als»Huret«, ohne jeglichen Zusatz. Die bei Hitlers Berliner Vortrag vor dem Nationalen Klub von 1919 anwesenden Herren Gansser, Kutschmann, Geisler und Weicher werden entweder gar nicht— so Emil Gansser(Dr. phil., 1874-—1941, Hilfsarbeiter im Siemens-Konzern 1911—1919; MdR 1924[Nationalsozialistische Freiheitspartei])— oder aber völlig unspezifisch ins Register aufgenommen, obschon u. a. bei Tyrell u. 6. diese Angaben ohne weiteres abrufbar sind. Bei Fritz Geisler, 1920 Geschäftsführer des Nationalverbandes Deutscher Gewerkschaften, d. h, einer»gelben« Arbeiter- und Angestelltenorganisation, Mitglied der Reichstagsfraktion der DVP, dann der DNVP, erscheint nur der Verweis auf seine Tätigkeit als Geschäftsführer der Vereinigten Vaterländischen Verbände, 776 Forschungsberichte und Rezensionen deren Sigle, VVVD, im übrigen wiederum nicht im Siglenverzeichnis zu finden ist. Diese Liste ist noch zu verlängern: Einen Grafen»Beer« gibt es nicht, wohl aber einen Grafen Karl von Behr-Behrenhoff(1865—1933), seit 1919 neuer Vorsitzender der weiter bestehenden konservativen Fraktion des preußischen Herrenhauses, bzw. einen Grafen Behr-Bandelin. Beide waren übrigens Mitglieder des Berliner Nationalen Klubs von 1919; mit einem von beiden, vermutlich dem Grafen Behr-Behrenhoff, hat sich Hitler 1921 getroffen, was wiederum unerwähnt bleibt, Friedrich Minoux war kein Industrieller, sondern Direktor im Stinnes-Konzern; bei»David«(S. 390) handelt es sich ganz sicher um Eduard David, den langjährigen Reichstagsabgeordneten der SPD, 1919 erster Präsident der Weimarer Nationalversammlung, bis 5. 10. 1919 Reichsminister ohne Portefeuille, danach Reichsminister des Innern im Kabinett Bauer. Peinlicher ist, daß der bayerische Monarchist und Föderalist Karl Graf von Bothmer(geb. 1881), bis 1918 Parteigänger der Alldeutschen und Mitstreiter Kapps in der Deutschen Vaterlands-Partei, ohne Federlesen mit dem bayerischen Generalobersten a, D. Felix Graf von Bothmer(geb. 1852) in einen Topf geworfen wird. Diese Detailkritik entwertet gewiß nicht diesen insgesamt sorgfäkig hergestellten Band; bei einer Neuauflage sollten die Jäßlichen Fehler stillschweigend korrigiert werden, denn es handelt sich bei dieser— noch zu verlängernden Mängelliste— eben nicht nur um Namen und Funktionen beliebiger Art, sondern auch und vor allem um mögliche Zugriffe interpretatorischer Natur auf die Anfänge der politischen Biographie Adolf Hitlers. Dirk Stegmann Volker Hentschel, So kam Hiver. Schicksalsjahre 1932—1933. Eine Bild/ Text-Reportage, Droste Verlag, Düsseldorf 1980, 177 S., kart., 46 DM. So vollmundig-orakelnd wie der Titel ist auch der Text, Nun muß man V. Hentschel neidlos bescheinigen, daß er— als auch gelernter Ökonom— sich in Konjunkturen auskennt. Und der Autor Hentschel hat momentan Konjunktur, zumindest im Droste Verlag: nach Weimars »letzten Tagen«(vgl. dazu AfS, Bd. XX, 1980, 8. 771£) nun die»Schicksalsjahre« 1932—1933 im Bild und als Reportage, Leider ist nur Hentschel weder ein Egon Erwin Kisch noch ein Emil Ludwig, dem man zumindest noch bescheinigen mußte, daß er gut schreiben konnte. Hentschel kann das nicht. Seine Ausflüge in das Metier historischer Belletristik sind in der Regel nur von unfreiwilliger Komik: So wird Hugenberg als»mißgelaunte Eule« vorgeführt, Papen ist der»mit dem Hut«, auf der Straße tummeln sich»plebejische Nazihorden«. Die politische Karriere Hitlers wird unter der Kapitelüberschrife vorgeführt: »Aus dem Leben eines Taugenichts«, Ansonsten herrscht durchgehend der Ton seichter Psychologisierung und Personalisierung. Willensbildungsprozesse in Berlin sehen so aus, daß der Herr v. Oldenburg-Januschau den Herrn Reichspräsidenten um einen Gefallen bittet— und der Reichskanzler Brüning am nächsten Tag quasi einen Gesetzentwurf zur Entschuldung des Großgrundbesitzes vorlegt. So einfach ist das. Zum Young-Plan fällt Hentschel folgendes ein:»In Paris tagte eine internationale Kommission[...] Im Juni war sie damit[mit ihrer Arbeit] fertig und legte der Welt einen»Plan« vor. Der wurde»Young-Plan: genannt, weil der amerikanische Vorsitzende der Kommission Owen D. Young hieß. Wie die Dinge nun mal lagen, war es kein schlechter Plan. Niemand verlangte, daß die Deutschen glücklich über ihn waren«, Und so geht es fort. Ich glaube, es war der akademische Mentor Hentschels, W. Conze, der in den Ruf einstimmte, die deutsche Geschichtswissenschaft müsse heraus aus dem Elfenbeinturm und in die Breite wirken. Wenn als Ergebnis der sicherlich sinnvollen Popularisierung der Geschichte solche Produkte wie dieses hier herauskommen, wird deutlich, daß die populärwissenschaftliche Aufbereitung ein janusköpfiges Gesicht trägt. Hentschel endet seinen Beitrag(in den als