762 Forschungsberichte und Rezensionen George F. Kennan, Bismarcks System in der Auflösung. Die französisch-russische Annäherung 1875 bis 1890, Propyläen Verlag, Frankfurt/Berlin/Wien 1981, 501 S., Ln., 68 DM. Der Berliner Kongreß 1878. Protokolle und Materialien, hrsg. von Imanuel Geiss(= Schriften des Bundesarchivs, Bd. 27), Harald Boldt Verlag, Boppard am Rhein 1978, XXXV, 428$., Ln., 48 DM. George F. Kennan, der bedeutende amerikanische Diplomat, erweist sich einmal mehr als ein exzellenter Historiker: Sein Werk über die Vorgeschichte des französisch-russischen Bündnisses von 1894 beeindruckt gleichermaßen durch die Fülle des ausgebreiteten Materials wie durch die Kunst der Darstellung, durch Weite der Perspektive wie durch stupende Gelehrsamkeit und Scharfsinn der Argumentation— zweifellos liegt hier ein Stück großer Geschichtsschreibung vor. Dieser Feststellung sei gleich eine weitere hinzugefügt. Kennans Methode, Geschichte zu betrachten, die Entwicklung der außenpolitischen Beziehungen und die Struktur des außenpolitischen Entscheidungsprazesses im ausgehenden 19. Jahrhundert zu analysieren, unterscheidet sich in markanter Weise von jenen inhaltlichen und methodischen Tendenzen, die derzeit in den westdeutschen Forschungsbeiträgen über die Bismarcksche Politik und. die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs vorherrschen. Dies wird zunächst schon bei der Wahl des Gegenstandes deutlich. Denn die Vorgeschichte des französisch-russischen Bündnisses ist für Kennan nicht einfach ein mehr oder weniger faszinierendes Kapitel der europäischen Geschichte zwischen 1875 und 1890, sondern Kennan sieht in diesem Bündnis ganz dezidiert eine Hauptkomponente derjenigen Entwicklung, die auf die Situation von 1914 zuführte. Er lenkt somit den Blick auf einen Problemkomplex, der in den leidenschaftlichen Diskussionen, die während der 1960er Jahre im Rahmen der Fischer-Kontroverse ausgetragen wurden, völlig unterbelichtet blieb: nämlich auf den Anteil, den speziell die russische Politik an der zum Ersten Weltkrieg führenden Entwicklung hatte und der von vielen westdeutschen Historikern in jenen Diskussionen minimalisiert wurde. Zweitens: Die in Teilen der westdeutschen Historiographie gängig gewordene fundamentalkritische Bewertung der Bismarckschen Politik als einer vorgeblich durch die inneren Strukturprobleme des Kaiserreichs bedingten aggressiv-sozialimperialistischen Außenpolitik ist bei Kennan ebensowenig anzutreffen wie das Postulat, die außenpolitischen Grundsatzentscheidungen seien in jenen Jahren weitgehend determiniert worden durch Faktoren der Innenpolitik, ökonomische Interessen und soziale Konflikte. Die Struktur des außenpolitischen Entscheidungsprozesses in einem Zeitalter, in dem Außenpolitik immer noch primär Kabinettspolitik war, wird von Kennan sicherlich angemessener erfaßt, wenn er den Intentionen und Lagebeurtelungen der verantwortlich handelnden Politiker die ausschlaggebende Rolle zuweist. Daß auf die Konzeptionen und Entscheidungen dieser kleinen Personengruppe auch die politischen. Vorstellungen der gesellschaftlichen Führungsschichten und die Stimmungen der öffentlichen Meinung in den einzelnen Ländern einwirkten, ist selbstverständlich; das besagt indessen nicht, daß diese Männer in erster Linie als Vollstrecker wirtschaftlicher oder sozialer Interessen agierten. Entsprechend dieser methodischen Prämisse stehen bei Kennan die führenden»decision-makers« im Vordergrund, und es gelingen ihm dabei Personencharakterisierungen von großer Eindringlichkeit und Anschaulichkeit. Aber auch die Aktivitäten einer ganzen Reihe von Agenten und Mittelsmännern werden detailliert geschildert; manche diesbezüglichen Abschnitte lesen sich spannend wie ein Kriminalroman. Einen Reflex der reichen diplomatischen Erfahrung Kennans wird man gerade darin schen dürfen, daß er dem Problem der Kommunikation und Information eine große Bedeutung zumißt. In diesem Zusammenhang gilt seine besondere Aufmerksamkeit auch den gutgläubig weitergegebenen Forschungsberichte und Rezensionen 763 Falschinformationen, den vorsätzlich ausgestreuten Fehlinformationen und den absichtsvoll produzierten Dokumentenfälschungen(z. B.»Ferdinand-Dokumente«). Mit gutem Grund liegt der Schwerpunkt der Darstellung auf der russischen Außenpolitik und auf den außenpolitischen und nationalistischen Ambitionen der gesellschaftlichen Führungsschicht Rußlands, die während jener Jahre stark im Banrı der Agitation Katkows stand. Für die politische Führung Frankreichs war es nach 1871 ja ein Gedanke von zwingender Logik, ein Bündnis mit Rußland zu suchen, wenn die Umstände dies irgend erlaubten, weil nur so der von Bismarck geschmiedete Ring der außenpolitischen Isolierung durchbrochen werden konnte. Hingegen besaßen die russischen Politiker— im Gegensatz zu denen Frankreichs— durchaus eine Reihe von Alternativen; ein engeres Zusammengehen mit Frankreich bildete für Rußland nur eine unter mehreren Möglichkeiten; die Aufrechterhaltung des Dreikaiserbundes zwischen Rußland, Deutschland und Österreich-Ungarn war nicht von vornherein ausgeschlossen. Die Frage— so Kennan—, ob und wann es zu einer französisch-russischen Allianz kommen würde,»hing letztlich davon ab, ob und wann sich gewisse Umstände ergeben würden, durch die die Russen gezwungen wären, sich für diese Alternative zu entscheiden und gemeinsame Sache mit der Republik zu machen«(S. 17). Eben weil das russisch-französische Verhältnis in so hohem Maße von der Entwicklung der Beziehungen zwischen Rußland und dem Deutschen Reich bestimmt war, gerät die Untersuchung der»französisch-russischen Annäherung« über weite Strecken zu einer höchst eindringlichen Studie über das Bismarcksche Bündnissystem und Bismarcks unablässige Bemühungen um die Aufrechterhaltung und Stabilisierung des seit 1871 bestehenden status quo in Europa. Schritt für Schritt verfolgt Kennan in minutiöser Analyse den Prozeß der Auflösung des Dreikaiserbunds und des Auseinanderdriftens von Deutschland und Rußland während der achtziger Jahre. Ausführlich behandelt er dabei die— in ihrer Bedeutung für die Verschlechterung des deutsch-russischen Verhältnisses kaum zu überschätzende— bulgarische Krise seit 1881 sowie die— zeitlich etwa parallel laufenden— Anfänge einer finanziellen, wirtschaftlichen und rüstungstechnischen Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Rußland. Vor allem zwei Männer waren es, die sich der scheinbar unaufhaltsamen, von Kennan als außerordentlich verhängnisvoll beurteilten Entwicklung mit aller Kraft, aber letztlich vergeblich entgegenstemmten, in klarer Erkenntnis der irteparablen Konsequenzen eines deutschrussischen Gegensatzes: Bismarck und der russische Außenminister Giers. Dem oft verkannten Giers läßt Kennan eine umfassende Ehrenrettung zuteil werden, er bezeichnet ihn als »eine der interessantesten und eindrucksvollsten Figuren in der Geschichte der russischen Diplomatie«(S. 83); Giers sei der einzige(in Rußland) gewesen,»der den Zusammenbruch eines Bündnissystems beklagte, auf dem ein Jahrzehnt lang der Friede Europas geruht hatte« S. 447). Gr brach dieses Bündnissystem zusammen? Kennans Befund ist eindeutig. Nicht Bismarck war es, der die Russen in die Isolierung drängte, vielmehr hat er alles versucht, sie davor zu bewahren. Die Zerstörung des Dreikaiserbunds war vor allem das Werk der Russen, nicht der Franzosen. Indem die russische Führung sich gegen einen erträglichen modus vivendi mit den beiden benachbarten Kaiserreichen entschied, brachte sie sich selbst in eine Lage,»in der das Bündnis mit Frankreich für sie praktisch die einzige Alternative zu einer völligen Isolierung wurde«(S. 454). Nach Kennans Auffassung handelte die russische Führung»offensichtlich verblendet und selbstzerstörerisch«, denn was Rußland am Ende des 19. Jahrhunderts brauchte, war nicht eine Politik der außenpolitischen Abenteuer, sondern eine Tange Zeit des Friedens, um die schwierigen gesellschaftlichen Wandlungs- und Anpassungsprozesse zu bewältigen. Als eigentliche Ursache der in den achtziger Jahren innerhalb der russischen Führungsschicht voll zum Durchbruch kommenden antideutschen und profranzösischen Orientierung diagnostiziert Kennan den Geist des Nationalismus, der in Rußland die spezifische Färbung eines religiösen Imperialismus annahm; er zielte vor allem auf die christlichen Balkanvölker und 764 Forschungsberichte und Rezensionen schrieb daher den Kampf gegen Österreich-Ungarn und dessen mächtigen Bündnispartner Deutschland aufs Panier. So hat der russische Nationalismus wesentlich zur Ausbildung jener Konfliktkonstellation beigetragen, die Europa auf einen Weg führte, der in der Selbstzerstörung endete. Die tiefe Betroffenheit über diese Selbstzerstörung Europas ist es, die Kennan dazu veranlaßt hat, sich intensiv mit der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges zu beschäftigen. Ihm bedeutet der Erste Weltkrieg»die Ur-Katastrophe dieses Jahrhunderts, das Ereignis, in dem stärker als in irgendeinem anderen— mit Ausnahme der Entdeckung von Kernwaffen und der Entwicklung der Bevölkerungs- und Umweltkrise— Versagen und Niedergang unserer westlichen Zivilisation begründet liegen«(S. 12). Den Ursachen dieser Katastrophe in immer neuen Anläufen nachzugehen, bleibt deshalb eine wichtige Aufgabe der Forschung. Kennans Untersuchung über»Die französisch-russische Annäherung« ist ein profunder Beitrag zu diesem Thema. Daß der Berliner Kongref? von 1878 einen Wendepunkt im deutsch-russischen Verhältnis darstellt, ist seit jeher bekannt. Die russische Führung, aufgrund der europäischen Mächtekonstellation zu einigen Konzessionen gezwungen, suchte einen Sündenbock und fand ihn in der»Undankbarkeit« Bismarcks und der Deutschen. So setzte unmittelbar nach dem Kongreß, der Bismarck auf dem Höhepunkt seines internztionalen Ansehens gezeigt hatte, jener Prozeß des Auseinanderdriftens von Rußland und Deutschland ein, der in die von Kennan ausführlich beschriebene russisch-französische Annäherung ausmündete. Aus Anlaß des 100jährigen Jubiläums des Berliner Kongresses hat Imanuel Geiss eine Edition vorgelegt, welche die Protokolle der 20 Plenarsitzungen des Kongresses(13. 6.—13. 7. 1878) im französischen Originaltext und in einer deutschen Übersetzung bietet, ergänzt durch weitere Materialien, u. a. die wichtigsten Bestimmungen des Vorfriedens von San Stefano und den "Text des Berliner Vertrages, in dem die Arbeit des Kongresses ihren völkerrechtlichen Niederschlag fand. Der Versuch, eine deutsche Übersetzung zu erstellen, bei der Formeln aus der Sprachebene von 1878 in die Sprachebene von 1978 eingebaut sind, kann als geglückt bezeichnet werden. Ob die Edition allerdings geeignet ist, über den Kreis der Spezialisten hinaus Interesse zu finden und den Berliner Kongreß wieder stärker ins allgemeine historische Bewußtsein zu heben, wie der Herausgeber hofft, wird man füglich bezweifeln dürfen, zumal die deutsche Übersetzung nur schr sparsam kommentiert ist; die komprimierte, etwas datenüberladene Einleitung des Herausgebers und das bis ins 18. Jahrhundert zurückreichende Kalendarium bilden keinen Ersatz für eine adäquate Sachkommentierung. Der Spezialforschung indessen steht mit dieser soliden Edition ein zusätzliches nützliches Arbeitsinstrument zur Verfügung. Eberhard Kolb Wolfgang J. Momumsen, Imperialismus. Seine geistigen, politischen und wirtschaftlichen Grundlagen. Ein Quellen- und Arbeitsbuch(= Kritische Wissenschaft), Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1977, 279 pp., Pb., 28 DM. Wolfgang J. Mommsen, Der europäische Imperialismus. Aufsätze und AbhandJungen(= Sammlung Vandenhoeck), Verlag Vandenhoeck& Rupprecht, Göttingen 1979, 278 pp., Pb., 38 DM. Wolfgang J. Mommsen, Theories of Imperialisım, Random House, New York 1980, 180 pp., dothbound,$ 9.95. German edition: Imperialismustheorien(= Kleine Vandenhoeck-Reihe, Bd. 1424), Verlag Vandenhoeck& Rupprecht, Göttingen 1977, 132 pp., Pb., 11,80 DM. Wolfgang Mommsen has long been known for his ebullient and synthesizing interventions in the discussion of imperialism, in both the spoken and the written word. This interest was