Forschungsberichte und Rezensionen 721 Ursula A. J. Becher, Politische Gesellschaft. Studien zur Genese bürgerlicher Öffentlichkeit in Deutschland(= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 59), Verlag Vandenhoeck& Ruprecht, Göttingen 1978, 230 S., Ln., 52 DM. Reinhart Koselleck(Hrsg.), Studien zum Beginn der modernen Welt{= Industrielle Welt. Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte, Bd, 20), Verlag Klete—Cotta, Stuttgart 1977, 393 S., Ln., 59 DM. Der Übergang zur Moderne, die Frage, wann und unter welchen Umständen traditionale Gesellschaften einen modernisierenden Wandel durchmachen, wird seit den 60er Jahren nicht nur im Rahmen von soziologisch-historischen Globalanalysen diskutiert, sondern auch — und hier bereits seit lingerem— als ein spezifisches Problem der deutschen Geschichte. In ihrer Gießener, von Lothar Gall betreuten Dissertation stellt Ursula Becher eingangs alle die Topoi zusammen, die für den deutschen»Sonderweg«, für die Verzögerungen, Hemmnisse und Verhinderungen bei der Herausbildung einer modernen, bürgerlich geprägten politischen Kultur in Deutschland genannt werden. Sie nimmt sie als eine— durch eine breite historische Literatur offensichtlich gesicherte— Grundlage für das eigene Vorhaben, das vermeintliche»Scheitern« einer Emanzipation des deutschen Bürgertums nicht erst im 19. Jahrhundert, sondern schon im ausgehenden 18. Jahrhundert festzumachen, Mit dieser Intention legt sie eine Untersuchung von Schriften der Reichsjuristen des 18. Jahrhunderts vor, die im Ergebnis diese These— interessanterweise— nicht gerade stützt, In einer auf den Gesellschaftsbegriff konzentrierten begriffsgeschichtlichen Analyse kann die Verfasserin nachweisen, in welchem Maße diese deutschen»Bildungsbürger« schon vor Beginn der Französischen Revolution das Konzept einer sich reformierenden, bürgerlich geprägten»politischen Gesellschaft« entwickelt haben. So kommt sie in den resümierenden Kapiteln der Arbeit auch nicht mehr auf ihre Ausgangsthese zurück, sondern bringt hier— ein wenig nachgestellt — noch einige biographisch-sozialhistorische Daten zur gesellschaftlichen Lage der behandelten Schriftsteller. Im einzelnen widmet sie sich den Schriften von Pütter, Justi, Schmauß, Achenwall, Schlözer und denen der beiden Moser. In einer solide erarbeiteten und umsichtig argumentierenden Untersuchung werden zunächst die Anschauungen dieser Autoren über Gesellschaft und Staat(Deutsches Reich) herausgearbeitet, die sie bis zum Jahre 1789 entwickelt hatten. In einem zweiten Abschnitt wird dann gefragt, wie Pütter, Friedrich Carl von Moser und Schlözer in ihren Schriften auf das Ereignis der Französischen Revolution reagiert haben: aufmerksame werkimmanente Interpretationen, die auch im Hinblick auf die verarbeitete Literatur über den Rahmen der bearbeiteten Autoren nicht wesentlich hinausgehen. Der von Reinhart Koselleck herausgegebene Band vermittelt demgegenüber einen Eindruck von der Breite und Vielschichtigkeit des hier zur Diskussion stehenden Problems. Er enthält 17 Beiträge, die auf Kolloquien des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte vorgetragen und diskutiert wurden. Im Hintergrund steht das große Projekt des Historischen Lexikons zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland(»Geschichtliche Grundbegriffe«), das von diesem Arbeitskreis herausgegeben wird. In diesem Lexikon wird von der Arbeitshypothese ausgegangen, daß das politische Denken im alten Europa bis ins 18. Jahrhundert hinein von einer auf die Antike zurückgehenden altständischen Tradition geprägt war und erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, beschleunigt in der Phase der Französischen Revolution, ein epochaler Wandel des politischen Selbstverständnisses sich durchgesetzt hat. In vielen der bisher erarbeiteten Begriffsgeschichten ist es auch gelungen, eine solche»Sattelzeit« der Begriffsentwicklung auszumachen. Dieser Begriffswandel wurde von den Autoren als Zeichen der Durchsetzung einer modernen, bürgerlich geprägten Gesellschaft und damit als Zeichen des Umbruchs von altständischen zu modernen Gesellschaftsftormen in Europa interpretiert. Um so mehr lag es von daher nahe, diesen Interpretationshintergrund selbst zu 722 Forschungsberichte und Rezensionen thematisieren, zu fragen, ob und wann von der Entwicklung der politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Wirklichkeit her tatsächlich ein solcher Umbruch bzw. der Beginn einer»modernen Welt« angesetzt werden kann. Die Beiträge des inhaltsreichen Bandes beschäftigen sich in einer großen Breite des thematischen Ansatzes mit dieser Frage. Eingeleitet durch einen demographischen Beitrag von Wolfgang Köllmann, stehen zunächst wirtschaftsgeschichtliche Studien im Vordergrund: von Friedrich Wilhelm Henning über den Modernisierungsdurchbruch in der deutschen Landwirtschaft, den er erst in der Zeit nach dem II. Weltkrieg ansetzt, Wolfgang Zorn über die Verkehrsentwicklung und Richard H. Tilly mit einem aufschlußreichen Vergleich über die Rolle des Kapitalmarktes für den Industrialisierungsprozeß in England und Deutschland. Ökonomische, soziologische und Kkulturhistorische Fragestellungen zusammenfassend, untersucht Hans-Jürgen Teuteberg die Veränderung der Ernährungsweisen in den deutschen Bevölkerungsschichten in der Phase der Industrialisierung. Mit den Entwicklungsproblemen des modernen Staates befaßt sich ein Komplex weiterer Beiträge: Wolfram Fischer vergleicht instruktiv die Wege der Beamtenrekrutierung des modernen Staates in England, Frankreich und Preußen, Rudolf Braun untersucht im deutsch-englischen Vergleich die Bedeutung der staatlichen Finanzpolitik schwergewichtig für die industrielle Entwicklung, von Rolf Grawert stammt ein Beitrag zur Entwicklung des modernen Gesetzesrechts. Dem sozio-kulturellen Entwicklungsbereich zuzurechnen sind der Beitrag von Jakob Katz über die Durchsetzung des modernen Toleranzprinzips gegenüber Juden in England und Deutschland und die weit ausgreifende Problemskizze über das Verhältnis der katholischen Kirche zum Durchbruch der modernen Gesellschaft von Ernst-Wolfgang Böckenförde. In einem dritten Abschnitt kommt schließlich die Begriffsgeschichte doch noch zu Wort, und es erweist sich, welch fruchtbaren Beitrag sie zur Entwicklung der sozialen Mentalitätsstrukturen leisten kann. Voran Reinhart Kosellecks eigener Beitrag, in dem er die Begriffsgeschichte des Terminus»Neuzeit« behandelt und zugleich einen schönen Überblick über seine zentrale These von der Verzeitlichung und Dynamisierung tragender gesellschaftlicher Begriffe seit dem Zeitalter der Französischen Revolution gibt. Daneben steht ein Aufsatz von Manfred Riedel über den Beitrag Kanıs zur Kritik der traditionalen Chronologie und Zeitstrukturen, sodann wissenschaftsgeschichtliche Beiträge von Eckart Pankoke und Wolf Lepenies, der dezidiert Kosellecks These von der Verzeitlichung aufgreift und sie für die Entwicklung der Naturwissenschaften des 18. und frühen 19. Jahrhunderts durchspielt. Das tut in kleinerem Rahmen auch Hans Ulrich Gumbrecht in seinem Beitrag zum Modernitätsbegriff in Literatur und Kunst. Alle genannten Aufsätze konzentrieren sich auf die Entwicklung in den deutschsprachigen Ländern. Einige jedoch— so vor allem die Wirtschaftshistoriker Tilly, Fischer und Braun — bemühen sich zusätzlich um einen Vergleich mit der Entwicklung in England, dessen apostrophierter Führungsrolle im Modernisierungsprozeß eingedenk; sie kommen zu sehr verschiedenartigen Aussagen, Wolfram Fischer im Hinblick auf die Beamtenrekrutierung auch unter Einbeziehung des französischen Weges. Hans-Christoph Schröder steuert einen Beitrag bei, der ausschließlich auf England bezogen ist: ein anregender, thematisch und zeitlich weit gespannter Versuch, Englands neuzeitliche Entwicklung im Lichte der Fragestellungen und Kriterien von Modernisierungstheorien zu betrachten und mit neuen Akzenten zu interpretieren. In den von soziotogischer Seite in den vergangenen drei Jahrzehnten entwickelten Modernisierungstheorien und-modellen liegen seit längerem übergreifende konzeptionelle Ansätze vor, um die in diesem Bande erörterten Zusammenhänge auf den Begriff zu bringen. Am Beginn des Bandes gibt M. Rainer Lepsius einen souveränen Überblick über die bis 1970 vorliegenden Ansätze, Die darin enthaltene Herausforderung zu deren Überprüfung haben seine geschichtswissenschaftlichen Kollegen jedoch nicht aufgegriffen. Sie fragen mehr nach dem Beginn der Moderne und dessen begleitenden Umständen und setzen dabei voraus, Forschungsberichte und Rezensionen 723 worin die Modernität eigentlich bestanden hat. Die im einzelnen vorgelegten Aussagen und Datierungen sind divergierend genug. Der Versuch zu einer Synthese, geschweige einer "Theorie, wird deshalb bewußt zurückgestellt. Wie viele empirische Untersuchungen müssen noch erbracht sein, um einen solchen Schritt zu tun? Werden die verschiedenen makrosozioJogischen Ansätze von den Historikern nur als Spekulation betrachtet, die für eine konkrete geschichtswissenschaftliche Untersuchung nichts austragen, Kriterien entwickeln, die nicht als relevant gelten können? Warum aber wird das nicht formuliert? Warum tritt man nicht in eine Diskussion ein, und warum muten sich auch die Autoren dieses Bandes untereinander so wenig zu? Viele offene Fragen! Der Band ist anregend und ergiebig genug, sie überhaupt in den Blick zu bekommen und angemessen formulieren zu können. 0 tto Dann Arnold Weller, Sozialgeschichte Südwestdeutschlands unter besonderer Berücksichtigung der sozialen und karitativen Arbeit vom späten Mittelalter bis zur Gegenwart, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1979, 391 S., Ln., 68 DM. Noch immer trifft weitgehend H.-U. Wehlers Feststellung aus dem Jahre 1969 zu, daß die regionalgeschichtliche Erforschung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts eine»Terra Incognita« sei(Neue Politische Literatur, Jg. XIV, 1969, S. 344). Dieses anhaltende Forschungsdefizit ist analog auch charakteristisch für die Perioden des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Daher kann eine Studie mit dem Titel»Sozialgeschichte Südwestdeutschlands«, die nach der Intention ihres Verfassers vorrangig darauf abzielt,»die sozialen Bewegungen, Institutionen und Leistungen vom späten Mittelalter bis zur Gegenwart«(S.$) im Untersuchungsraum, dem heutigen Bundesland Baden-Württemberg, zu verdeutlichen, nicht nur mit einem erwartungsvollen Interesse der Forschung rechnen, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit, die zunehmend ein historisches Informationsbedürfnis erkennen läßt. Allerdings müssen sich beide Lesergruppen schon bald enttäuscht sehen, da der Autor die mit dem Buchtitel erweckten Erwartungen wesentlich reduziert, indem er anmerkt, daß»eine kritische Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse in den einzelnen Zeitabschnitten«(S. 5) nicht intendiert sei, sondern die Absicht verfolgt werde, allen,»die im sozialen Verantwortungsbereich tätig sind, und denen, die sich um die Verwirklichung des sozialen Rechtsstaats bemühen, die Entwicklung[zu] verdeutlichen, in die sie sich gestellt schen.«(S. 5) Aus der»Sozialgeschichte SüdwestdeutschIands« wird damit eine detailreiche Schilderung eines Ereigniszusammenhangs, der eingebunden wird in die»Anfänge des Armenwesens«(S. 11) und die»Freie Wohlfahrtspflege im sozialen Rechtsstaat«(S. 337/340). A. Wellers methodisches Bemühen ist durchgängig in den chronologisch angeordneten XI Kapiteln, deren sachliche Spannweite von»Soziale Verhältnisse und soziale Maßnahmen im Mittelalter«(Kap. I) bis hin zu»Soziale Arbeit in Bund und Ländern«(Kap. XI) reicht, offensichtlich darauf ausgerichtet, eine integrale Geschichtsschreibung zu realisieren, die unter dem Leitthema»Sozialarbeit« möglichst alle regionalspezifischen Geschehnisse eines bestimmten Zeitraums zu erfassen und zu verdeutlichen sucht. Zwar werden durch solches Bemühen, das weder theoretisch zu rechtfertigen noch voll zu verwirklichen ist, vielfältige Formen sozialer Not in ihren schichtenspezifischen Ausprägungen sowie die unterschiedlichsten Maßnahmen privater und öffentlicher Hilfe, die ihnen zugeordnet waren, deutlich, aber sie stellen sich dar als eine Summe von Geschehnissen und Institutionen, die kaum die historischen Strukturen und ihre Wandlungsprozesse, in die sie eingeordnet sind, erkennen lassen. Offenbar verläßt sich A. Weller zu sehr darauf, in der Faktizität ohne weiteres auf Realität treffen zu können. Mit Hilfe der linearen historischen Kon