Archiv für Sozialgeschichte 39, 7999 19 Christoph Kleßmann Die stilisierte Klasse— Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Entstehungsphase der DDR(1945 bis 1948) J,_ NACH DEM ENDE DER LEGITIMATIONSGESCHICHTE: ALTE UND NEUE FRAGEN Zur Geschichte der Arbeiter in der SBZ/DDR gehört die Geschichte ihrer Stilisierung als»führende Klasse«. Diese Stilisterung begann früh und dauerte bis zum Ende der DDR.' Sie wurde vor allem von der SED und ihren Massenorganisationen mit einem Heer von Gesellschafiswissenschaftlern, Historikern und Publizisten betrieben, die sich auf diese für das politische System unverzichtbare Legitimationsaufgabe auf unterschiedliche Weise einließen. Die DDR-Historiographie zur Arbeiterbewegung ging niemals völlig in dieser neuen Form kollektiver Hagiographie auf, auch wenn nur wenige Publikationen auf diesem Feld fachwissenschaftlichen Standards genügten. Im Einzelfall ist heute oft schwer zu entscheiden, wie weit politische Gläubigkeit und innere Überzeugung oder aber Opportunismus und auch gedankenlose Übernahme vorgegebener Sprachregelungen als unvermeidlicher Rahmen empirischer Detailforschung maßgeblich waren.? Für die SED zeichnete sich der Weg seit den späten 1940er Jahren klar ab: Die Geschichte der Arbeiterbewegung rückte in den Mittelpunkt historischer LegitimatiOonsinteressen. Sie sollte werden, was man in anderen Phasen im 20. Jahrhundert von der Philosophie oder den Sozialwissenschaften erwartet hatte:»Ein umfassendes Deutungsfeld der gesellschaftlichen Entwicklung«.* Den ersten Gipfel dieses politisch markierten Weges bildete die 1966 erschienene achtbändige»Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«, Hier wurde Geschichtsschreibung als Teil des Klassenkampfes verstanden und ex cathedra konstatiert:»Mit Notwendigkeit steht das wahre Geschichtsbild im Dienste der Arbeiterklasse, hat es doch letzten Endes die historische Begründung ihrer Befreiungsmission zum Inhalt. Eine der historischen Wahrheit entsprechende Geschichtsschreibung ergreift Partei für die Arbeiterklasse und für ihre wissenschaftliche Politik.«* Dieses Werk wurde in der DDR nicht nur als große wissenschaftliche Leistung gefeiert, sondern auch durch einen detaillierten»Maßnahmeplan« des Sekretariats des ZK der Peter Hübner hat, soweit ich sehe, als erster das Thema»Arbeiterklasse als Inszenierung?« in seinem gleichnamigen, sehr anregenden Aufsatz entwickelt. In: Richard Bessel/Ralph Jessen(Hrsg.), Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der DDR, Göttingen 1996, S. 199-223. Hübners zahlreiche Studien zur Arbeitergeschichte sind grundlegend für diesen Teil der DDR-Geschichte. Vgl. insb. ders, Konsens, Konflikt und Kompromiß, Soziale Arbeiterinteressen und Sozialpolitik in der SBZ/DDR 1945-1970, Berlin 1995. Vgl. jetzt auch den umfangreichen Sammelband Perer Hühner/Klaus Tenfelde(Hrsg.), Arbeiter in der SBZ/DDR, Essen 1999(im Druck). 2 Vgl. dazu allgemein die instruktiven Beiträge von vier Historikern der DDR, die sehr persönliche Reflexionen wiedergeben, in Kar! Heinrich Pohl(Hrsg.), Historiker in der DDR, Göttingen 1997. Grundsätzlich zur Problematik der DDR-Geschichtswissenschaft als Legitimationswissenschaft: Martin Sahrow,»Beherrschte Normalwissenschaft«. Überlegungen zum Charakter der DDR-Historiographie, in: GG 24, 1998, S. 412-445; Ralf Possekel, Kuriositätenkabinett oder Wissenschaftsgeschichte? Zur Historisierung der DDR-Geschichtswissenschaft, in: ebd., S, 446-462. Klaus Tenfelde, Die Geschichte der Arbeiterbewegung, in: BZG 33, 1991, S. 638-643, hier: S. 639. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, hrsg. v. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Ost-Berlin 1966, Bd. 1, Vorwort, 8. 7. au 20 Christoph Kleßmann SED für alle gesellschaftlichen Organisationen zur Grundlage der Geschichtspropaganda und damit auch der Geschichtswissenschaft gemacht. Peter Hübner hat jedoch zurecht die Diskrepanz zwischen der starken Betonung der Arbeiterbewegungsgeschichte und der Vernachlässigung der Sozial- und Alltagsgeschichte der Arbeiter in der DDR hervorgehoben.“ Das Bild der Arbeiter im»ersten deutschen Arbeiter-und-BauernStaat« blieb ironischerweise völlig unscharf. Der Grund dafür lag in der ideologischen Gefährlichkeit eines methodischen Ansatzes, der vor allem nach gesellschaftlichen Realitäten und weniger nach politischen Intentionen fragt. Denn die Rolle der Arbeiter als »führende Klasse« durfte in diesem politischen System nicht durch widersprüchliche empirische Befunde in Frage gestellt werden. Sozialgeschichte wirkte da als»störendes Herumstochern im marxistisch-leninistischen Geschichtsbild«.’ Der Begriff der Arbeiterklasse und ihre»historische Mission« waren daher in der Geschichtsschreibung der DDR offiziell nie strittig. Was eine Klasse ausmacht, hatte Lenin in einer für die russischen Verhältnisse charakteristischen Weiterentwicklung definiert, und dieser Klassenbegriff war für alle marxistisch-leninistischen Parteien verbindlich, Nach Lenin waren Klassen»große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem(größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art und der Erlangung der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen«.® Der gegenüber Marx veränderte Kern des Leninschen Klassenkonzepts bestand in dem Hinweis auf die Notwendigkeit einer revolutionären Avantgardepartei, die verhindern sollte, daß die Arbeiterklasse bei einem »trade-unionistischen« und somit letztlich sozialdemokratischen Bewußtsein stehenblieb. Die Arbeiterklasse insgesamt wurde auf diese Weise bereits im Ansatz auf eine führungsbedürftige und somit unselbständige Größe reduziert. Sie bildete den ideologischen Bezugspunkt und den politischen Resonanzboden der»führenden Partei«, Zwar gab es in der Beziehung zwischen Klasse und Führung im Laufe von vier Jahrzehnten DDR-Geschichte vielfältige Veränderungen und Differenzierungen; das Grundmuster jedoch blieb gleich und fand im Prinzip des»demokratischen Zentralismus« seinen organisatorischen Ausdruck, Dieses verbindliche Interpretations- und Organisationskonzept ließ keinen Platz für konkurrierende Strukturen und Loyalitäten, für Umbildungs- und Rückbildungsprozesse innerhalb der Arbeiterschaft.” Es legitimierte die Politik der Monopolpartei bei der Förderung bestimmter Gruppen der Gesellschaft ebenso wie bei der Bekämpfung und Ausschaltung von Gegnern und programmatischen Abweichungen. 5 Maßnahmenplan zur Propagierung der»Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«, Beschluß des Sekretariats des ZK vom 19. 1. 1966, in: Dokumente der SED, Bd. XI, Ost-Berlin 1969, S. 6-11. Peter Hübner,»Revolution in der Schrankwand?« Die Objektkultur des DDR-Alltags und ihre Musealisierung in der Perspektive sozialhistorischer Forschung, in: Gerd Kuhn/Andreas Ludwig (Hrsg.), Alltag und soziales Gedächtnis. Die DDR-Objektkultur und ihre Musealisierung, Hamburg 1997, S. 152-169. 7 Ebd. Wladimir I. Lenin, Werke, Bd. 29, Ost-Berlin 1961, S. 410. Vel. Gerhard Schildt, Die Arbeiterschaft im 19. und 20. Jahrhundert, München 1996, S. 76. Die Begriffsdiskussionen in der DDR sollen hier nicht näher erörtert werden. Als ein Beispiel für die mühsamen Versuche, die»führende Rolle« zu retten und auch die Zurechnung der wachsenden Zahl von Angestellten zur Arbeiterklasse zu legitimieren, vgl. Siegfried Grundmanh/Manfred Lötsch/Rudi Weidig, Zur Entwicklung der Arbeiterklasse und ihrer Struktur in der DDR, Ost-BerHin 1976. ES oo ‚Die stilisierte Klasse 21 Hartmut Zwahr hat die Entstehung des Leipziger Proletariats für das 19. Jahrhundert mit einem differenzierten marxistischen Klassenbegriff zu erfassen versucht und als die drei konstitutiven Merkmale die Lohnarbeit, die engen Sozialbeziehungen und die Entstehung der Arbeiterbewegung als sozialer Interessen- und politischer Kampforganisation bestimmt.!'® Der Idealtypus einer vollentwickelten Klasse wäre demnach in der Verbindung von tendenziel! gemeinsamer Lage, gemeinsamem Bewußtsein und gemeinsamem Kampf zu finden. In der Geschichte des späten 19, und frühen 20. Jahrhunderts hat sich die Entwicklung der deutschen Industriearbeiterschaft in einem relevanten Teil diesem Idealtypus zwar angenähert; insgesamt ist sie jedoch weit davon entfernt geblieben. Materielle und politische Veränderungen haben diese Linie durchkreuzt, zu Fragmentierungen und Umformungen geführt, die insbesondere unter den Bedingungen der liberalen Demokratie von Weimar das Bild der Arbeitergeschichte sehr vielfältig, bunt, fragmentiert und widersprüchlich erscheinen lassen.!! Der Nationalsozialismus tat ein übriges, um gegenläufige Tendenzen zu fördern. Während eine Mehrheit»der Klasse« sich keineswegs als resistent gegenüber den Sirenentönen des»deutschen Sozialismus« erwies und ein Teil nicht zuletzt über Aufstiegs- und Herrschaftserfahrungen gegenüber ausländischen Zwangsarbeitern in beträchtlichem Ausmaß in die proklamierte»Volksgemeinschaft« integriert wurde!?, produzierten massive Unterdrückung und Verfolgung bei politisch bewußten Minderheiten im Widerstand neue Handlungsimpulse und den Willen zur grundlegenden gesellschaftlichen Umgestaltung nach Kriegsende, auf den sich die sowjetische Besatzungsmacht 1945 zunächst durchaus stützen konnte. Als die Rote Armee im Frühjahr 1945 in die Gebiete einmarschierte, die wenig später zu ihrer Besatzungszone gehören sollten, war Deutschland nicht nur äußerlich ein Trümmerfeld. Aber die sichtbaren und die tiefer liegenden strukturellen Zerstörungen verteilten sich sehr ungleich auf Regionen, Bevölkerungsgruppen und soziale Schichten. Die drückende Hinterlassenschaft des von Deutschland entfesselten und bis zum bitteren Ende durchgehaltenen Weltkrieges und der Aufbau eines von diesem Erbe gereinigten »neuen Deutschlands« im erzwungenen und als Fortschritt proklamierten Bündnis mit der Sowjetunion bilden die beiden Spannungspole, zwischen denen die ostdeutsche Geschichte seit 1945 zu verorten ist. Nach der Lesart derer, die künftig in diesem Teil Deutschlands politisch das Sagen hatten, brachte die Rote Armee die Befreiung, Die zeitgenössische Erfahrung sah überwiegend anders aus und dies betraf auch die Arbeiterklasse: Zerstörung, Niederlage, Katastrophe, Besatzung waren prägende Elemente. In der verbindlichen Sprachregelung der SED wurde diese Vielfalt unterschiedlicher Dimensionen jedoch ganz und gar auf einen Gesichtspunkt, die Befreiung, reduziert.‘? Die Ambivalenz dieser historischen Grunderfahrung des Jahres 1945 bestimmte fortan nachhaltig die weitere Geschichte der SBZ und DDR. Gab es 1945 noch eine Arbeiterklasse im oben genannten Sinne und wie handlungsfähig war sie? Waren die sozialen Strukturen am Ende des Krieges durch Zerstörung, Evakuierung, Flucht, Besatzung und Entnazifizierung nicht so diffus und widersprüchlich geworden, daß sich Arbeiter möglicherweise eher mit anderen Gruppen und Schich10 Hartmut Zwahr, Zur Konstituierung des Proletariats als Klasse, Ost-Berlin 1978, S, 319 ff. 11 Vgl. dazu die monumentale dreibändige Darstellung von Heinrich August Winkler, Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, Berlin etc. 1985-1988, Vgl. kritisch dazu Michael Ruck, Zwischen Historisierung und Aktualisierung der ersten deutschen Republik, in: GG 19, 1993, S. 506-521. 12 Vgl. Ufrich Herbert, Arbeiterschaft im»Dritten Reich«, Zwischenbilanz und offene Fragen, in: GG 15, 1989, S. 320-360, hier: S. 351 f. 13 Ein typisches Beispiel: Deutsche Geschichte Bd. 9. Von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Rolf Badstübner, Ost-Berlin 1989, S, 14 f. Grundlegend zum Thema jetzt: Norman M. Naimark, Dic Russen in Deutschland. Die sowjetische Besatzungszone 1945 bis 1949, Berlin 1997. 22 Christoph Kleßmann ten einer»nivellierten Notgesellschaft«'* zugehörig fühlten, statt Teil einer traditioneller Schichtung entsprechenden Arbeiterschaft zu sein? Auch nach dem Ende der Umbruchsphase von 1945 bis 1948 und der sich abzeichnenden Etablierung eines neuen politischen Systems nach stalinistischem Vorbild bleibt die Frage, wie die wichtigste Großgruppe, von der die DDR künftig ihre Identität ableitete, sozialgeschichtlich zu erfassen ist. Über die Problematik der zur Verfügung stehenden Daten hinaus ist hier vor allem die politische Ausweitung der Definition der Arbeiterklasse zu nennen. Anton Ackermann erläuterte anschaulich diese Erweiterung im Zusammenhang der Diskussion um Arbeiter- und Bauernfakultäten 1949 so:»Das ist eigentlich selbstverständlich, wird aber nicht immer genügend beachtet. Ich bin auch seit 1929 aus dem Betriebe weg und gehöre doch zur Arbeiterklasse, und wenn ich einen Sohn oder ein Mädchen in dem Alter für das Hochschulstudium hätte, würde ich für meine Kinder beanspruchen, daß sie als Arbeiterkinder gezählt werden; denn ein Parteifunktionär, der im Angestelltenverhältnis in der Partei oder Verwaltung steht, ist ein Funktionär seiner Klasse und gehört in erster Linie zu dieser Klasse. In diesem Punkt müssen wir also ganz fest und klar sein.«'° Damit wurde der aus der Arbeiterbewegung hergeleitete Klassenbegriff tendenziell auf den gesamten im Entstehen begriffenen Partei- und Staatsapparat angewandt. Daß die KPD und ihre Umfeldorganisationen einen starken Zweig der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bildeten, kann nicht ernsthaft strittig sein. Die SED berief sich auf diese Tradition und beanspruchte ihre Vollendung mit der erzwungenen Vereinigung von KPD und SPD. Damit stellen sich neue Fragen an eine alte Bewegung. Die »Diktatur des Proletariats« war nach Marx als historisch notwendiges Durchgangsstadium auf ihre eigene Überwindung hin angelegt. An ihrem Ende sollte die klassenlose Gesellschaft stehen. Diese Diktatur als eigenständiges Programmelement des deutschen Kommunismus wurde aber nach 1945 als sowjetischer Import realisiert und löschte die freiheitlichen und autonomen Traditionen der Arbeiterbewegung aus. Eine soziale Emanzipationsbewegung wurde»verstaatlicht«'® und veränderte damit vollständig ihren Charakter. Damit büßte jedoch gleichzeitig die konstitutive Grundidee des Marxismus keineswegs ihre Wirksamkeit ein: Bewußte ökonomische Planung sollte die offensichtliche Irrationalität einer den Gesetzen von Markt, Konkurrenz und Profit unterworfenen Gesellschaft überwinden und so die Voraussetzungen für eine Realisierung der uralten Utopie sozialer Gerechtigkeit und Freiheit schaffen. Daß dieser nicht nur in handlichen Propagandabroschüren und hölzernen Parteitagsreden, sondern auch in umfänglichen wissenschaftlichen Werken entwickelte Gesellschaftsentwurf in Europa 1989/90 in einem riesigen Fiasko endete, macht die Frage nach seiner tatsächlichen Wirkung nicht hinfällig. Zunächst ist zu fragen, ob und inwieweit der Klassenbegriff, ohne den die Historiographie der klassischen Arbeiterbewegung nicht auskommt, auch für»realsozialistische Systeme« greift, die sich durchaus als Klassengesellschaften verstanden, zugleich aber die wichtigsten Elemente einer vom Klassenkonflikt geprägten Gesellschaft nicht mehr gelten lassen wollten. Marx hatte als Proletariat bezeichnet, was später— emotional weniger befrachtet— als Arbeiterklasse galt. An die Stelle einer breiten sozialen Mas14 So Martin Broszat/Klaus-Dietmar Henke/Hans Woller(Hrsg.), Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland, München 1988, S. XXV 15 Ackermann auf einer partelinternen Arbeitstagung vom 6. 5. 1949, zit. nach Michael C. Schneider, Bildung für neue Eliten. Die Gründung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten in der SBZ/ DDR, Dresden 1998, 5. 27. 16 Horst Groschopp, Deutsche Einigung— Ende einer verstaatlichten Arbeiterbewegungskultur, in: Loccumer Protokolle Nr. 8, 1991, S. 136-148. Vgl. auch Christoph Kleßmann, Die»erstaatlichte Arbeiterbewegung«. Überlegungen zur Sozialgeschichte der Arbeiterschaft in der DDR, in: Karsten Rudolph/Christl Wickert(Hrsg.), Geschichte als Möglichkeit. Über die Chancen von Demokratie. Festschrift für Helga Grebing, Essen 1995, S. 108-119. ‚Die stilisierte Klasse 23 senbewegung trat bei Lenin ein im wesentlichen auf die Industriearbeiter verengter Klassenbegriff, der den Kern einer später bis zur Unkenntlichkeit ausgeweiteten sozialen Formation und eines von ihr getragenen Staatstypus bildete, Die SED wollte beide Linien verschmelzen. Es gehört zu den auffälligen Kennzeichen der westlichen Historiographie, daß die deutsche Arbeiterbewegung nach 1945 als Forschungsgegenstand mit der Bundesrepublik identifiziert wurde. Die Debatten um Arbeiter und Arbeiterschaft, Arbeiterkultur und Ende der Arbeiterbewegung konzentrierten sich, soweit sie sich in der Zeitgeschichte bewegten, mit einer aus heutiger Sicht verblüffenden Selbstverständlichkeit auf Westdeutschland.‘” Diese Ausblendung der SBZ/DDR machte insofern Sinn, als Arbeiterbewegung in ihrem ursprünglichen Sinn an Autonomie gebunden war und ihre»VerstaatJichung« durch die SED einem solchen Verständnis die Basis entzog. Dennoch wurde allzu selbstverständlich etwas unterstellt, was als Problem durchaus untersuchenswert bleibt. Denn die Fragen nach Veränderung und Fortführung alter Traditionen aus der Arbeiterbewegung sind noch nicht dadurch obsolet, daß die SED sie primär zur Legitimationsgeschichte verkommen ließ. Indem die SED das Erbe der ganzen deutschen Arbeiterbewegung anzutreten beanspruchte, erbte sie auch den Stachel des Widerspruchs. Marzxistische Ideen waren stets interpretationsfähig und gingen nicht in der offiziösen leninistischen Variante auf. Der»Sozialdemokratismus« konnte mit Zwangsfusion und späteren»Säuberungen« keineswegs vollständig eliminiert werden. Vor allem aber entwickelte der Anspruch auf Einlösung und Umsetzung sozialistischer Postulate unter Umständen eine Eigendynamik, die nicht beliebig zu steuern war. So ließ sich der FDGB zwar nicht an den traditionellen Maßstäben einer Gewerkschaft messen, aber er ging anfangs auch nicht ausschließlich in seiner Funktion als»Transmissionsriemen« des übergeordneten Parteiwillens auf. Auch später wurde er immer wieder mit Erwartungen von Interessenvertretung konfrontiert und geriet in häufige Rollenkonflikte.'® Dieser Strukturkonflikt ging nicht in einer Dichotomie zwischen oben und unten auf, sondern verweist auf eine handfeste soziale Dimension des ideologischen Führungsanspruchs von Apparat und Klasse, insbesondere nach den Erfahrungen des 17. Juni 1953. Lutz Niethammer hat diese Konstellation pointiert so charakterisiert:»Eine kühle politische Soziologie der DDR hat natürlich recht, wenn sie in deren herrschender Klasse zunächst einmal die politische Kiasse, also die Oberschicht der Partei- und Betriebsfunktionäre der SED und der anderen Blockparteien sieht. Aber die andere,»herrschende Klasse<, in die man abstürzen konnte, also die industriellen Betriebsarbeiter, war auch eine Realität, und vor nichts— vielleicht mit Ausnahme sowjetischer Direktiven-—- hatte die Führungsschicht der SED so viel Respekt, um nicht Angst zu sagen, wie vor ihr. An der Werkbank herrschte die größte Freiheit in der DDR(viel mehr als z. B. bei den Intellektuellen oder Kulturschaffenden). Der Lohnstreifen der Betriebsarbeiter war das Lesezeichen im Gebetbuch des Sozialismus.«'* 17 Beispiele sind Peter Steinbach, Das Ende der Arbeiterkultur, in: Zeitgeschichte 19, 1992, S. 67-91; Theo Pirker, Arbeiterbewegung und Arbeiterkultur, in; Gewerkschaftliche Monatshefte 36, 1985, S. 676-684. Besonders auffällig ist das Fehlen aller Hinweise auf die DDR im Kontext ausführlicher Erörterungen des Klassenbegriffs bei Frank Deppe/Klaus Dörre, Klassenbildung und Massenkultur im 20. Jahrhundert, in: Klaus Tenfelde(Hrsg.), Arbeiter im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1991, 8. 726-771. 18 Vgl. Werner Müller, Zur Geschichte des FDGB- eine vorläufige Bilanz, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 41, 1990, S. 340-352. 19 Lutz Niethammer, Die SED und»ihre« Menschen. Versuch über das Verhältnis zwischen Partei und Bevölkerung als bestimmendes Moment innerer Staatsicherheit, in: Siegfried Suckut/Walter ‚Süß(Hrsg.), Staatspartei und Staatssicherheit, Zum Verhältnis von SED und MfS, Berlin 1997, $. 307-340, hier:$, 327. 24 Christoph Kleßmann Daß sich manche Fragen der Arbeiter- und Arbeiterbewegungsgeschichte für die DDR nachdrücklicher als für die Bundesrepublik stellen, hängt aber auch damit zusammen, daß der westdeutsche Staat einem rasanten sozialökonomischen Wandel unterlag, während der erste»Arbeiter-und-Bauern-Staat« dank der spezifischen Form der Industriepolitik und geringerer Ressourcen traditionelle Strukturen, in denen die Arbeiterbewegung entstanden war, viel länger konservierte.?* Das hatte auch Auswirkungen auf charakteristische Formen neuer Milieubildungen, Das Ende der Arbeiterkultur vollzog sich, in großem Umfang durch die Politik des Nationalsozialismus und die Folgen des Krieges vorbereitet, im Westen vor allem durch die Erosion traditioneller sozialer Milieus.? Damit fehlte die wichtigste Basis für eine eigenständige Arbeiterbewegung als Kultur; es blieben allenfalls Restbestände. In der DDR verschwanden die traditionellen Milieus (insbesondere in den Hochburgen der Industriearbeiterschaft von Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Berlin) ebenfalls im Zuge des sozialen Wandels, aber durch gezielte politische Zerstörung.” Es bildeten sich jedoch auch neue Milieus, die im Rahmen der konservierten industriewirtschaftlichen Strukturen erhebliche Bedeutung für die Interessenartikulation und das Alltagsleben besaßen.” Ihr Charakteristikum war die starke Betriebsbezogenheit, die es so ausgeprägt weder in der Vergangenheit gegeben hatte noch in westlich-kapitalistischen Industriestaaten gab, Gerade hier bieten sich vielerlei Ansatzpunkte, alte Fragen aus der Arbeiter- und Arbeiterbewegungsgeschichte in einer völlig veränderten Konstellation neu zu stellen. Im Betrieb trafen unmittelbar Arbeitsrecht, politisch-organisatorische Vorgaben und Funktionen zusammen, die früher das klassische proletarische Sozialmiheu übernommen hatte. Dieses war, darauf hat Ulrich Herbert hingewiesen“, ein Produkt der Instabilität der individuellen sozialen Lage von Arbeitern und konnte diese durch Armut und Mangel geprägte Lage durch das Geflecht von Vereinen, Selbsthilfeorganisationen und Kommunikationsbeziehungen zumindest lindern. Es war keine»harmonische Idylle der Arbeitersolidarität« und in den individuellen Wunschvorstellungen eher auf Überwindung angelegt. Insofern sind die Thesen von Dietrich Mühlberg und Horst Groschopp als heuristische Konzepte für eine Arbeitergeschichte der SBZ/DDR weiterführend und plausibel:»Das nach 1945 in der SBZ/DDR von den Kräften der Arbeiterbewegungskultur getragene antifaschistisch-demokratische(und schließlich sozialistische) Kulturkonzept ging von den Erfahrungen und Formen der 1920er Jahre aus. So gut wie alle Einrichtungen der Arbeiterbewegungskultur wurden wieder aufgenommen und in modifizierter Form (meist an Betriebe oder Gewerkschaften gebunden) weitergeführt, Sie soliten nun für alle 20 Vgl. Perer Hühner, Die Zukunft war gestern: Soziale und mentale Trends in der DDR-Industriearbeiterschaft, in: Hartmut Kaelbie/Jürgen Kocka/Hartmut Zwahr(Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 171-187, hier: S. 173. Vel. Klaus Tenfelde, Historische Milieus— Erblichkeit und Konkurrenz, in: Manfred Hetrling/Paul Nolte(Hrsg.), Nation und Gesellschaft in Deutschland. Historische Essays, München 1996, S. 247-268, hier: S. 263. Vgl. auch die brillante Erörterung von Franz Walter, Milieus und Parteien in der deutschen Gesellschaft, in: GWU 46, 1995, S. 479-493. 22 Vgl. Franz Walter/Tobias Dürr/Klaus Schmidtke, Die SPD in Sachsen und Thüringen zwischen Hochburg und Diaspora, Bonn 1993. Hartmut Zwahr, Alte und neue Arbeitermilieus in der DDR, Einige Anmerkungen zu Kontinuitäten und Kontinuitätsbrüchen, in: Martin Kohli/Wolfgang Zapf(Hrsg.), Gesellschaft ohne Klassen?(MS, ersch. vorauss. 2000); Michael Hofmann/Dieter Rink, Die Auflösung der ostdeutschen Arbeitermilieus, in: APZ B 26/27(1993), S. 29-36; Michael Vester/Michael Hofmann/Irene Zierke(Hrsg.), Soziale Milieus in Ostdeutschland. Gesellschaftliche Strukturen zwischen Zerfall und Neubildung, Köln 1994. 24 Herbert, 8. 326£. 2 2. ‚Die stilisierte Klasse 25 — vorzugsweise aber für Arbeiter— offen sein.«’* Auch wenn eine solche»verstaatlichte Arbeiterbewegung« nicht bruchlos in die traditionelle Geschichte der Arbeiterbewegung paßt, bleibt die Frage, welche ihrer Ideale, Organisationsmuster, Rituale und Erwarlungen weiterwirkten oder übernommen wurden, welche instrumentalisiert, pervertiert oder gekappt wurden. Welche sozial-, bildungs- und rechtspolitischen Folgen hatte die Berufung auf die Arbeiterbewegungstradition und die Stilisierung der»führenden Klasse«? Wie läßt sich deren Geschichte darstellen, ohne Staatsgeschichte zu schreiben? Wieweit muß solche Darstellung andererseits gerade auch Staatsgeschichte sein, um ihren Gegenstand in seiner spezifischen Ausprägung nicht zu verfehlen? Antworten auf solche Fragen lassen sich nur begrenzt aus Hinweisen auf den Satellitenstatus der DDR, auf ein»von außen und oben«** installiertes sowjetsozialistisches System ableiten. Gewiß war die SBZ/DDR besonders in ihren Anfängen ein von der sowijetischen Siegermacht oktroyiertes Staats- und Gesellschaftssystem. Aber sie war auch ein deutsches Produkt, änderte ihren Charakter und bediente sich vieler Instrumente, um Herrschaft abzusichern und Loyalität zu erreichen. Diese prekäre Balance von Druck und Verlockung, von Drohung und Werbung, von Zwang und Rücksichtnahme erweist sich gerade im Hinblick auf die Arbeiterschaft schon in den Anfängen, vor allem aber in den späteren Entwicklungsphasen der DDR als sehr komplexes Untersuchungsfeld.?” Es läßt sich kaum mit der Geschichte einer autonomen Arbeiterbewegung im Westen, in bestimmien Grenzen aber mit der Geschichte der Arbeiter im»Dritten Reich« vergleichen.?® Arbeiterinteressen ließen sich nicht»objektiv« bestimmen und durch Anleitung von oben lenken, sondern äußerten sich in verschiedensten Formen, auf die immer wieder neue Antworten nötig wurden, Herrschaft veränderte in der sozialen Praxis ihren Charakter, wurde diffuser und nahm Formen von Interaktion und Arrangement in sich auf, die das stilisierte Bild der»führenden Klasse« in seinen Konturen verschwimmen läßt. Arbeiterinteressen artikulierten sich nicht nur am Arbeitsplatz und in sozialen Konfliktsituationen. Sie umfaßten wie überall auch alltägliche und banale Wünsche, Dabei konnte es jedoch von erheblicher Bedeutung sein, sich auf die offizielle Rhetorik des Systems einzulassen und sich gegenüber der SED-Spitze vor allem deshalb als»führende 25 Dietrich Mühlberg, Warum sollten wir wissen, was Arbeiter sind und was sie in der Freizeit machen? Zur Bestimmung von Arbeiterkultur in der DDR, in: Wolfgang Kaschuha/Gottfried Korff/ Bernd Jürgen Warneken(Hrsg.), Arbeiterkultur seit 1945— Ende oder Veränderung?, Tübingen 1991, 8. 71-84, hier: S, 79; Horst Groschopp, Überlegungen zur Kontinuität der deutschen Arbeiterbewegungskultur in der DDR, in: ebd., S. 123-140.»Der Gesellschaftsverfassung der DDR liegt in starkem Maße das Modell der deutschen Arbeiterbewegungskultur zugrunde. Ideale, Bilder, Vorstellungen und Konzepte von proletarischer Organisation prägen wesentlich den Aufbau und das Funktionieren der DDR-Gesellschaft. Die DDR ist Resultat auch eines Programms, das die eigenen Organisationen der Klassenbewegung unter dem Kapitalismus als Keimzellen und Vor-Bilder künftiger sozialistischer Organisation der Gesellschaft ansah und als Lerneinrichtungen für die erwartete Arbeiterherrschaft begriff.« Ebd., S. 124, 26 Paul Elflein, Immer noch Kommunist? Erinnerungen, hrsg. von Rolf Becker/Claudia Bremer, Hamburg 1978, 5. 108. Vgl. Peter Hübner, Umworben und bedrängt. Industriearbeiter in der SBZ, in: Alexander Fischer {Hrsg.), Studien zur Geschichte der SBZ/DDR, Berlin 1993, S. 195-209; ders., Balance des Ungleichgewichtes. Zum Verhältnis von Arbeiterinteressen und SED-Herrschaft, in: GG 19, 1993, S. 15-28, 28 Das betrifft sowohl die Rolle der staatlichen Sozialpolitik in beiden Diktaturen als auch die Verhaltensweisen der Arbeiterschaft, Vgl. Timothy W. Mason, Sozialpolitik im Dritten Reich, Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft, Opladen 1977; Christoph Kleßmann, Opposition und Resistenz in zwei Diktaturen in Deutschland, in: HZ Bd. 262(1996), 8. 453-479, hier: S, 468 f. Zugespitzt ließe sich das Trauma der Novemberrevolhution mit dem des Aufstandes vom 17. Juni 1953 für die jeweilige Machtelite vergleichen. 2 N 26 Christoph Kleßmann Klasse« zu präsentieren, um eigene Wünsche durchzusetzen oder Zumutungen abzuwehren. Die Klasse, so hat Hartmut Zwahr festgestellt, wurde ebenso wie die Arbeitermilieus nicht aufgelöst, sondern eher umgeformt. Sie wurde zugleich zu einem erhebHichen Teil postuliert, war Bezugsgröße für die Politik und Adressat ihrer Forderungen und Versprechungen. Insofern war sie auch unabhängig von ihrem Substrat und ihrem tatsächlichen sozialen Zusammenhang existent,»Wie die Partei in die»Klasse« hineinrief, schallte es heraus, So entstand der ritualisierte Dialog, den die Beteiligten bis zum Ende der DDR durchhielten.«? Aber nicht nur dieses eigen-sinnige Verhalten? gegenüber den Parolen der selbsternannten Avantgarde prägte die Geschichte der Arbeiter in der DDR. Teile der antikapitalistischen und antibürgerlichen Propaganda, von der die Herrschaftsideologie der SED zu einem Gutteil zehrte, waren fest verwurzelt in den Sozialisationsbedingungen der Aktivisten sowohl des kommunistischen wie des sozialdemokratischen Zweigs der Arbeiterbewegung und konnten damit insbesondere in den frühen Jahren der SBZ und DDR unmittelbar wirksam werden.’ Der Nationalsozialismus hatie der älteren Generation die scheinbare Richtigkeit der sozialistischen Diagnose in brutaler Zuspitzung vor Augen geführt. Daher war auch der frühe Antifaschismus nicht nur verordnet. Für jüngere Generationen gehörte die antikapitalistische Propaganda zum Alltag. Das machte sie nicht per se glaubwürdiger, aber daß sie nicht völlig ohne Wirksamkeit blieb, zeigen etwa Befunde zu den Einstellungen geflüchteter DDR-Arbeiter.*? Insofern blieb die Stilisierung der Arbeiter zur herrschenden Klasse für verschiedene Generationen trotz einer unterschiedlichen Erfahrungswelt mentalitätsgeschichtlich nicht folgenlos. Darin steckte möglicherweise ein Element, das Barrington Moore als den»bescheidenen Grundzug« der deutschen Arbeiterbewegung jenseits großer revolutionärer Ziele hervorgehoben hat: das Verlangen nach Respekt für den Arbeiter und nach menschlicher Behandlung.® Diese Frage mußte unter den neuen politischen Bedingungen neues Gewicht erhalten, auch wenn sie ex post angesichts massiver Manipulationen und Repres29 Zwahr, Milieus, S. 10 f. 30 Zu dem von Alf Lüdtke entwickelten Begriff»Eigen-Sinn« als Interpretationskonzept für wichtige Felder der Sozialgeschichte der DDR vgl. Thomas Lindenberger(Hrsg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Köln 1999(im Druck}. Vgl. Peter Hübners Typologie in: ders,»Geronnene Fiktionen«? Alltag in der DDR als Gegenstand der zeithistorischen Forschung, in: Konrad H. Jarausch/Matthias Middell(Hrsg.), Nach dem Erdbeben.(Re-)Konstruktion ostdeutscher Geschichte und Geschichtswissenschaft, Leipzig 1994, S. 265-287, hier: S. 271 f. 32 Vgl. den zusammenfassenden Bericht über eine im Auftrag des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen durchgeführte Untersuchung über Einstellungen von(geflüchteten} Arbeitern aus volkseigenen Betrieben in: Jürgen Rühle, Die Arbeiter im Spannungsfeld: Zu einer Untersuchung über die Einstellung der Arbeiterschaft in der mitteldeutschen Schwerpunktindustrie, in: SBZ-Archiv 8, 1957, 5. 262-265. Drei Feststellungen daraus:»Ein gutes Zeugnis stellen die geflüchteten Arbeiter im allgemeinen der für die SBZ typischen Arbeitseinheit, der Brigade, aus. Es ist interessant, daß diese von der SED propagierte Leistungseinheit sich im Laufe der Zeit tatsächlich zu einer echten Gemeinschaft entwickelt hat und von den Arbeitern auch so empfunden wird.«(8. 263)»Die Gespräche mit den Arbeitern über die»Errungenschaften« brachten die erstaunliche Feststellung, daB fast alle unter diesem Begriff nur die mannigfaltigen sozialen Einrichtungen in den Betrieben verstehen.«(Ebd.} Aus den Antworten zu programmatischen Fragen zieht der Bericht das Fazit:»JImmerhin ergibt sich, daß die politische Meinung von nicht weniger als 62 Prozent der Befragten mehr oder weniger konsequente sozialistische Tendenzen enthält.« (S. 265) Eine umfassende Publikation dazu stammt von Viggo Graf Blücher, Industricarbeiterschaft in der Sowjetzone. Eine Untersuchung der Arbeiterschaft in der volkseigenen Industrie der SBZ. Eine Veröffentlichung des infratest München, Stuttgart 1959, 33 Diesen Hinweis gibt Josef Mooser, Thesen zum sozialhistorischen Ort des Marxismus in der deutschen Arbeiterbewegung, in: SOWT 14, 1985, S. 155-160, hier: 8. 157. 3 ‚Die stilisierte Klasse 27 sionen zunächst deplaziert erscheinen mag. Aber ein Arbeiterstaat mußte sich, wollte er ein Minimum an Glaubwürdigkeit gegenüber seiner Klientel behaupten, anders verhalten als ein bürgerlich-kapitalistischer, Daher ist es nicht zufällig, daß sich die SED immer wieder von derartigen Erwartungen herausgefordert fühlte und mit stereotyper Regelmäßigkeit beispielsweise Kritik an»herzlos-bürokratischem Verhalten« übte. Frieda S., eine 1915 geborene Glühlampenfertigerin im Berliner Glühlampenwerk, drückte Anfang der 1980er Jahre in einem Interview den Sachverhalt mit ihren Worten so aus: »Man soll den Arbeiter-und-Bauern-Staat mehr achten und schätzen. Man soll nicht vergessen, was diese Namen bedeuten. Denn es geht doch manches hintenrum, was nicht mehr Arbeiter-und-Bauern-Staat ist. Wir wollen uns nichts vormachen, ich sprech jetzt so, wie ich denke.[...] Sie sollen auf’m Teppich bleiben, sollen nicht vergessen, daß sie alle sich mal emporgearbeitet haben, alle von klein angefangen haben, der Arbeiter auch!«* Die Stilisierung der Arbeiterklasse und ihrer»Avantgarde« machte den Kern der politischen»Theatralisierung des Alitags«® in der DDR aus. Diese gehörte in Ansätzen schon frühzeitig zum Erscheinungsbild der SBZ/DDR. Ihre möglichen mentalen Folgen und Wirkungen sind jedoch viel schwerer zu erfassen als das Äußere, das dem Beobachter von draußen besonders ins Auge fiel. Der Eigen-Sinn, die verdeckte Konfliktgeschichte im Umgang mit immer wieder neuen politischen Vorgaben und alten Ritualen wird bei einem genauen Blick zumindest ebenfalls deutlich. Er fand zu verschiedenen Zeiten in sehr unterschiedlichen Formen seinen Ausdruck. Wie diese Konstellation entstand und wie die Spannung aussah zwischen einer politischen Diktatur, die sich als»verstaatlichte Arbeiterbewegung« verstand und einer Arbeiterschaft, die vielfältige Interessen und Verhaltensweisen zeigte, teils in alten Mustern verharrte, teils neue Aktionsformen entwickelte, teils den Verlockungen des sozialen Aufstiegs und der Teilhabe an der politischen Macht erlag und sich»verstaatlichen« ließ, ist noch kaum genauer untersucht worden. In der Geschichte der Arbeiterbewegung war dieser Staat, der sich als Endpunkt ihrer langen Tradition verstand, etwas völlig Neues, Er wurde zwar nach dem Vorbild der Sowjetunion modelliert, ist aber zu keinem Zeitpunkt eine bloße Kopie des Originals gewesen. Gerade hier zeigt sich die Wirksamkeit deutscher Traditionsbezüge. Verstärkt wurden diese vorhandenen Bezüge durch die Teilung Deutschlands und den Anspruch der DDR, Vorreiter eines gesamtdeutschen Sozialismus zu sein. Unter diesem Blickwinkel war die Arbeiterbewegung der Bundesrepublik als Adressat politischer und sozialer Aktivitäten(bis hin zu demonstrativen Geldsammlungen für Streikende) immer wieder in der DDR präsent. In normativen Texten und internen Quellen tritt diese Präsenz des Westens im Osten ständig in Erscheinung. Noch wichtiger und wirkungsvoller aber war die Präsenz der Bundesrepublik als»Referenzgesellschaft«(Lepsius) und heimliche MeBlatte im Alltag. Für die Arbeiter galt das möglicherweise noch stärker als für andere Schichten und Gruppen. Insoweit ist die Sozialgeschichte der ostdeutschen Arbeiter trotz ihrer spezifischen Struktur auch Teil einer gesamtdeutschen Geschichte. IT. WER GEHÖRTE ZUR ÄRBEITERKLASSE UND WER FÜHRTE SIE? Daß die Arbeiterbewegung die führende Rolle beim politischen und gesellschaftlichen Neuaufbau des zerstörten Deutschlands zu spielen habe, war 1945 gemeinsame Überzeugung der gesamten Linken. Die Begründungen wiesen freilich erhebliche Unter34 Wolfgang Herzberg, So war es. Lebensgeschichten zwischen 1900 und 1980 nach Tonbandprotokallen, Halle 1985, S. 199 f. 35 So der gleichnamige Artikel von Susanne Helle, in: SBZ-Archiv 7, 1956, S. 194-196. 28 Christoph Kleßmann schiede auf.® Für KPD und SED sowie ihre Geschichtsschreiber genügte der Hinweis auf die Lehren der Väter der deutschen Arbeiterbewegung, die Kontinuität der politischen Avantgarde im antifaschistischen Widerstandskampf und die fortschrittliche welthistorische Rolle der Sowjetunion. Die DDR-Historiographie weist in diesen Formulierungen eine stereotypenhafte Gleichförmigkeit auf.” Der Rekurs auf die historisch begründete Vorrangstellung wurde jedoch bereits in zeitgenössischen Diskussionen häufig mit Hinweisen auf die aus dem Faschismus herrührenden Deformationen der Arbeiterklasse verbunden, so daß antifaschistische Umerziehung und richtige»Anleitung« um so wichtiger sein mußten. Nur selten und spät wurde dagegen genauer erörtert, welche quantitativen und qualitativen Veränderungen die Umbrüche bei Kriegsende für die Klasse als soziale Größe mit sich brachten. Das war kaum zufällig: Ein genauer Blick auf ihren diffusen Charakter hätte die als selbstverständlich postulierte Legitimation in Frage stellen können. Das Grundproblem der Sozialgeschichte der Arbeiterschaft in der DDR taucht somit bereits in der Entstehungsphase auf: Der ideologisch aufgeladene politische Oberbegriff»Arbeiterklasse« deckte sich in keiner Weise mit den realen Arbeitern, die Akteure und Objekte zugleich waren, verschiedene Differenzierungen nach Herkunft und Status aufwiesen und im politischen Verhalten alles andere als homogen waren, Wer gehörte in der Zusammenbruchsgeselischaft mit zerrütteten sozialen Strukturen zur Arbeiterklasse? Nach welchen beruflichen und politischen Kriterien und Selbstzuordnungen wurde sie 1945/46 und später in der Historiographie erfaßt? Die sozialstatistischen Zurechnungen änderten sich mehrfach im Laufe der Geschichte der DDR. Die tendenzielle Ausweitung des Begriffs auf die große Mehrheit der Bevölkerung durch Einbeziehung der Angestellten und von Teilen der Intelligenz sowie durch die Ausklammetung des gesamten Sicherheitsbereichs(des sogenannten X-Bereichs) aus der Statistik macht es unmöglich, eine einheitlich gültige Arbeiter-Definition für alle Phasen zu verwenden.” In den Anfangsjahren spielte dieses Problem noch keine gravierende Rolle, weil Arbeiter und Angestellte in den offiziellen Angaben getrennt geführt wurden und statistisch separierte Bereiche noch nicht existierten(mit Ausnahme der Wismut AG). Statt dessen gab es aber sozialgeschichtlich wichtige Probleme, die insbesondere mit den demographischen Verschiebungen und den frühen politischen und sozialökonomischen Struktureingriffen(Bodenreform, Enteignung der Großindustrie, Entnazifizierung) zusammenhingen. Mit diesen Eingriffen waren einerseits für die Betroffenen gravierende Deklassierungsprozesse und-erfahrungen verbunden, andererseits konnten sie zu einschneidenden Veränderungen im traditionellen Gefüge»der Arbeiterklasse« führen. Diese sozialen Wandlungen lassen sich statistisch nicht exakt erfassen und zum Teil nur 36 Vgl. Kurt Schumacher in seiner Rede»Wir verzweifeln nicht!« vor sozialdemokratischen Funktionären Hannovers am 6. 5. 1945: Die SPD sei die einzige Partei in Deutschland gewesen,»die an der durch den Ablauf der Ereignisse als richtig erwiesenen Linie von Demokratie und Frieden unverrückbar festgehalten hat.« Abgedr. in: Willy Albrecht(Hrsg.), Kurt Schumacher, Reden— Schriften- Korrespondenzen 1945-1952, Berlin 1985, S. 231. 37 Vgl. z. B. Deutsche Geschichte Bd. 9, S. 42. 38 So etwa Hermann Matern, Mitglied des KPD-Exilvorstandes, 1944:»Die deutsche Arbeiterklasse hat große Veränderungen erfahren. Durch die totalen Mobilisierungen und die massenhafte Vernichtung kleiner Existenzen sind Menschenmassen in die Betriebe gekommen, die ihre kleinbürgerlichen Auffassungen und Vorstellungen mitbringen. Klassensolidarität und Klassenbewußtsein sind ihnen fremd.« Zit. nach Gottfried Dittrich, Zu den Reproduktionsquellen und einigen Veränderungen in der sozialen Struktur der Arbeiterklasse der DDR während der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus(1945 bis 1961), in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1981/11, S. 243-279, hier: S. 252. 39 Vgl. dazu Peter Hühner, Benzenberg im Osten, Eine Anmerkung zur Diskussion um die Statistik der DDR, in: Historical Social Research 23, 1998, S. 152-158. ‚Die stilisierte Klasse 29 annähernd schätzen; sie sind aber zur Beurteilung von Organisationsproblemen und Verhaltensweisen von erheblicher Bedeutung. Insbesondere gilt das für die als»Umsiedler« bezeichnete Gruppe der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten und Ostmitteleuropa, für die Landarbeiter und für die durch strukturelle und personelle Entnazifizierungsmaßnahmen aus ihren früheren Berufen entfernten und nun zu beträchtlichen Teilen in die Arbeiterschaft abgestiegenen Bevölkerungsteile. Vergleicht man die groben Rahmendaten, so schien es zunächst wenig grundlegende Veränderungen gegeben zu haben. 1939 wies die Statistik für das Gebiet der späteren SBZ 56,8 Prozent der Erwerbspersonen als Arbeiter, 17,9 Prozent als Angestellte und Beamte aus. Nach der Volkszählung für die SBZ vom Dezember 1945 machten die entsprechenden Anteile 52,1 Prozent und 18,1 Prozent aus.“ 1946, als für alle vier Zonen eine Volks- und Berufszählung durchgeführt wurde, hatten sich die absoluten Zahlen beträchtlich erhöht, die Relation aber blieb annähernd beim Vorkriegsstand. Von den insgesamt 13,588 Millionen Erwerbspersonen(mit ihren Angehörigen ohne Berufe) waren 7,656 Mill. Arbeiter(3,552 Mill. männlich, 4,104 Mill, weiblich) und 2,429 Mill, Angestellte(1,022 Mill. männlich und 1,407 Mill. weiblich). 56,4 Prozent Arbeiter standen somit 17,9 Prozent Angestellten gegenüber. 1,453 Mill. Arbeiter gehörten zum Primärsekior(Land- und Forstwirtschaft). Von diesen Personen im erwerbsfähigen Alter waren tatsächlich erwerbstätig 4,268 Mill. Männer und 3,473 Mill. Frauen, arbeitslos waren 196 561 Männer und 202 098 Frauen.“ Diese Zahlen geben aber noch keine Auskunft über die tiefgreifenden sozialen VerÄnderungen, die stattgefunden hatten. Bereits der im Vergleich zu 1939 erheblich erhöhte Frauenanteil ist ein Indiz für diese Verschiebungen: Nach der Volkszählung von 1946 gab es bei einer Gesamtzunahme der Bevölkerung in der SBZ auf 17,180 Mill. Personen 7,316 Mill. Männer und 9,864 Mill, Frauen. Der weibliche Anteil an den Erwerbsfähigen lag bei 54,7 Prozent, derjenige der Männer nur bei 45,3 Prozent.“ Hinzu kam der hohe Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen. Die berufliche Zusammensetzung ist erst in der Volkszählung von 1946 erfaßt worden. Demnach waren von den 1,87 Mill. erwerbstätigen»Umsiediern« über 18 Jahre etwa 530 000 Arbeiter(28,2 Prozent) und 330 000 landwirischaftliche Arbeiter(17,7 Prozent).“ Allein diese Veränderungen der Arbeiterschaft nach Geschlechtsverteilung sowie nach Einheimischen und»Umsiedlern« mußte auf die Berufsqualifikation und die der Arbeiterschaft zugeschriebene politische Qualität tiefgreifende Auswirkungen haben, Das gestiegene Durchschnittsalter aufgrund der hohen Kriegsverluste unter den jüngeren und mittleren Jahrgängen verschob die innere Struktur der Arbeiterschaft zusätzlich. Gänzlich ungenau sind leider die Hinweise auf die im Zuge der Entnazifizierung erfolgten Verschiebungen. Wieviele Personen durch die personellen Säuberungen und die sozialökonomischen Struktureingriffe deklassiert wurden und in die Arbeiterschaft abstiegen, ist bisher nur grob geschätzt worden. Gottfried Dittrich nimmt an, daß von den— nach offiziellen Angaben— bis 1948 rund 520 000 überwiegend aus dem öffentlichen Dienst entlassenen ehemaligen NSDAP-Mitgliedern der weitaus größte Teil vorübergehend oder dauerhaft»in die Arbeiterklasse einging«.® 40 Dittrich, S. 250 f. 41 Ebd. Die detaillierten Angaben der Berufszählung finden sich in: Statistische Praxis 3, 1948, Beil., S. 5. Andere Angaben beziehen sich auf die Berechnung nur der Erwerbstätigen unter den Erwerbspersonen. Martin Broszat/Hermann Weber(Hrsg), SBZ-Handbuch, München 1993, S. 1074. 42 Statistische Praxis 3, 1948, Beil., S. 5. 43 Ebd. 44 Dittrich, S. 254. 45 Ebd. Ein besonders hoher Anteil von früheren PGs hatte sich offenbar im Baubereich konzentriert, ohne daß er sich allerdings quantifizieren läßt. Der Monatsbericht der IG Bau in Sach 30 Christoph Kleßmann Peter Hübner hat den Anteil der nichtproletarischen Schichten unter der Arbeiterschaft für Ende der 1940er Jahre auf insgesamt 20-25 Prozent geschätzt.“ Aus marxistisch-leninistischer Sicht spiegelten solche Zahlen»qualitative Veränderungen in der Klasse: vor allem eine Schwächung ihres politischen Potentials, ihrer revolutionären Potenz«.* Kaum genau erfaßbar ist bislang auch innerhalb dieser demographischen Veränderungen die Gruppe der Landarbeiter. Sie wurde in der DDR bisweilen als»Zweiggruppe der Arbeiterklasse« verstanden.‘ Es ist jedoch fraglich, wo sie sozial und mentalitätsgeschichtlich einzuordnen ist. Der Verband der Landarbeiter im FDGB begrüßte zwar 1945 uneingeschränkt die Bodenreform. Dennoch gab es auf dem Lande keine spontane Bewegung für diesen Eingriff und die Landarbeiter zögerten, sich offen gegen die Gutsbesitzer zu stellen,“ Insgesamt wurde in der SBZ etwa ein Drittel der männlichen Landarbeiter im Zuge der Bodenreform Neubauern. Arnd Bauerkämper schätzt, daß rund 40 Prozent der Landarbeiter und 85 Prozent der in Agrarbetrieben mithelfenden familienFremden Arbeitskräfte sich aus»Umsiedlern« rekrutierten.”® Waren schon die Grenzen zwischen Landarbeitern und Neubauern fließend, so wurde ihre Stellung besonders prekär und kaum vergleichbar mit anderen Arbeitergruppen aufgrund der besonderen Versorgungsregelung auf dem Lande, Denn Landarbeiter wurden von der SMAD nicht wie Industriearbeiter mit Lebensmittelkarten versorgt, sondern mußten nach Befehl Nr. 55»aus den freien Spitzen der Betriebe« ernährt werden. Der Befehl Nr, 26 schrieb 1946 zwar den Abschluß von Landarbeitertarifen vor, verlangte aber zugleich die Anwendung des Befehls Nr. 55. Da dies nicht realisierbar war, gaben die deutschen Behörden z. T. Lebensmittelkarten an Landarbeiter aus. Mit dem Befehl Nr. 163 mußte diese Praxis beendet werden.®! Die Versorgungslage nahm damit Züge an, die der Situation in Sowjetrußland vor der Einführung der»Neuen Ökonomischen Politik« ähnelten. Denn dieser Befehl verlangte zudem, so stellte der Zentralvorstand der IG Land- und Forstwirtschaft des FDGB am 2. Dezember 1946 fest,»daß alles, besonders von den Staats-, Provinzial-, Gemeinde- und Universitätsgütern, restlos abgeliefert werden muß. Augenblicklich steht es so, daß aufgrund dieses Befehls auf allen Bauerndörfern und in allen Jandwirtschaftlichen Betrieben Kommissionen der SMA umherreisen und man kann sagen, das letzte Korn beschlagnahmen. Die Folge ist, daß kein Mensch mehr weiß, wovon die Arbeitnehmer in der Landwirtschaft ernährt werden sollen, Es geht auf die sen-Anhalt vom 26. Juni 1946 stellte dazu fest:»Wenn von cinem Strukturwandel der Bauarbeiterschaft gesprochen[worden] ist. so ist dieser zum Teil durch die ins Baugewerbe einströmenden und untergeschlüpften Nazis hervorgerufen, Der Ruf nach»schippen lassen hat alle aus ihren Positionen herausgeflogenen PGs ins Baugewerbe dirigiert.« SAPMO-BArch, DY 34(FDGB), 20434. 46 Peter Hübner, Zu den Auswirkungen des Auf- und Ausbaus von Industriekapazitäten in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus auf die soziale Struktur der Arbeiterklasse der DDR, in: Die DDR in der Übergangsperiode, Ost-Berlin 1979, S. 196-222, hier: S. 203. 47 Gottfried Dittrich/Manfred Bensing, Konsolidierung der Arbeiterklasse und Eröffnung des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus im Osten Deutschlands, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, Gesellschaftswissenschaftliche Reihe 38, 1989, S. 476. Dittrich, S. 255, Im Dezember 1946, also nach der Landzuteilung durch die Bodenreform, belief sich die Zahl der Landarbeiter auf 990 000, davon arbeiteten nur 4,6 Prozent auf den landeseigenen Gütern, die übergroße Mehrheit in Privatbetrieben. Vgl. Joachim Piskol/Christel Nehrig/Paul Trixa, Antifaschistisch-demokratische Umwälzung auf dem Lande(1945-1949), Ost-Berlin 1984, S. 95, 49 Arnd Bauerkämper, Aufwertung und Nivellierung. Landarbeiter und Agrarpolitik in der SBZ/DDR 1945 bis 1960, in: Hübner/Tenfelde(im Druck). 50 Ebd. 51 Schreiben des Zentralvorstandes der IG Land- und Forstwirtschaft vom 2. 12. 1946, SAPMO-BArch, DY 3442/897/4210. 4 & Die stilisierte Klasse 31 Dauer nicht mehr so weiter, daß innerhalb der SMA die Abteilungen für Land- und Forstwirtschaft, Handel und Versorgung und Abt. Arbeitskraft gegeneinander arbeiten.«® Gerade weil die Landarbeiter aufgrund dieser paradoxen Lage vorrangig ums Überleben und die Ernährung ihrer Familien kämpfen mußten, waren sie für politische und gewerkschaftliche Mobilisierung nur schwer erreichbar.® Die groben Strukturdaten und ihre punktuelle politische Aufschlüsselung lassen nicht nur die vollmundigen Beschwörungen der Schlüsselrolle der Arbeiterklasse für den Aufbau eines neuen politischen Systems in anderem Licht erscheinen, sondern auch die Organisationsgeschichte des engeren politischen Kerns dieser Klasse. Ein solcher Vorbehalt bedeutet keineswegs, die frappierende Aktivität und Organisationsbereitschaft einer großen Zahl von Arbeitern zu relativieren, Aber dieses Organisationsverhalten muß nicht nur im Kontext der Besatzungspolitik, die linkes Engagement prinzipiell prämierte, gesehen werden, sondern auch vor dem breiteren sozialen Hintergrund der frühen Nachkriegsjahre. Auf diese Weise lassen sich dann die höchst widersprüchlichen und diffusen Befunde über das Verhalten von Arbeitern in der Zusammenbruchsgesellschaft und im Neuaufbau angemessener interpretieren, Helga Grebing hat die Bedeutung der linken Parteien im Europa der ersten Nachkriegsjahre als»massenpolitische Integrationszentren für die arbeitende Bevölkerung« charakterisiert.“ Für die SBZ gilt diese Feststellung in besonderem Maße, Aus den inzwischen relativ detailliert erschlossenen Daten zur organisatorischen Entwicklung der Arbeiterparteien®® sollen hier nur zwei Zusammenhänge noch einmal betont werden; 1. Das Organisationspotential der Arbeiterbewegung war in der SBZ aufgrund des sozialökonomischen Entwicklungsstandes insbesondere der sächsischen, thüringischen und sachsen-anhaltinischen Regionen besonders hoch.” Auch wenn Altmitglieder von SPD und KPD aus der Zeit vor 1933 in der SED erst ab 1948 statistisch erfaßt wurden(allerdings nicht mehr getrennt), gab es aus beiden Parteien ein erhebliches»Weimarer Erbe«, dessen politisches Gewicht über seine quantitative Größe vermutlich beträchtlich hinausgeht und noch genauer zu bestimmen wäre. Denn 1949, nach dem Höhepunkt der »internen Karteibereinigung«, stellten die Altmitglieder aus beiden Arbeiterparteien nur noch 18,8 Prozent der Gesamtmitgliedschaft der SED.” 2. Im Sozialprofil spiegelte die SED-Mitgliedschaft die unausgeglichene Bevölkerungsstruktur mit schwacher Repräsentation jüngerer und überdurchschnittlich starker Vertretung der über 40-jährigen. In der Berufsstruktur wies die KPD im Januar 1946 noch 57 Prozent Arbeiter aus, im Herbst 1946 hatte die SED noch 49 Prozent Industriearbeiter in ihren Reihen. Bis Ende 1948 war der Arbeiteranteil jedoch bereits auf 44 Prozent gesunken.® Darin kamen sowohl soziale Aufstiegsprozesse wie auch politische »Säuberungen« zum Ausdruck.” Die Zahl sank in den folgenden Jahren weiter, so daß 52 Ebd. 53 Bauerkämper(im Druck). 54 Helgu Grehing, Politische und soziale Probleme der Arbeiterklasse am Ende des Zweiten Weltkrieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in: IWK 22, 1986, S. 1-20, hier: S. 7. 55 Vgl. Günter Braun, Konturen, Probleme und Perspektiven der Arbeiterbewegung in der SBZ, in: Hartmut Mehringer/Michael Schwartz/Hermann Wentker(Hrsg.), Erobert oder befreit? Deutschland im internationalen Kräftefeld und die Sowjetische Besatzungszone(1945/46), München 1999, S. 163-187. 56 Ebd., S. 169£. 57 Ebd., S. 171. 58 Ebd., S. 175-178, 59 Vgl. Thomas Klein, Die Parteikontrolle in der SED als Instrument der Stalinisierung, in: Michael Lemke(Hrsg.), Sowjetisierung und Eigenständigkeit in der SBZ/DDR(1945-1953), Köln 1999, 8. 119-161. 32 Christoph Kleßmann 1951 eine neue Zählweise die Welt ideologisch wieder in Ordnung bringen sollte: Mit Hilfe der Differenzierung von erlerntem Beruf, Erwerbstätigkeit zur Zeit des SED-Beitritts und der aktuellen Berufszugehörigkeit ließ sich die SED als»Partei der Arbeiterklasse« durch den Hinweis absichern, daß über 75 Prozent der Gesamtmitgliedschaft eine Herkunft aus dem Arbeitermilieu aufwiesen.“ In den 1950er Jahren fand dann in den aggregierten offiziellen Angaben die»statistische Zwangsfusion« von Arbeitern und Angestellten zu einer Klasse statt, so daß die Zahl der echten Arbeiter nur über interne Arbeitskräfteerhebungen aufzufinden ist. Die Konstanz und das Wachstum der Klasse wurden auf diese Weise bis zum Ende der DDR bei einer kontinuierlich sinkenden Arbeiterquote gesichert. Eine offene Frage bleibt, ob und ab wann tatsächlich so etwas wie ein Aufgehen der Arbeiter in einer Klasse der»Werktätigen« stattfand und welche neuen Kriterien der inneren Differenzierung der DDR-Gesellschaft dann maßgeblich wurden.* MT. Dir SOZIALOÖKONOMISCHE UND MENTALE AUSGANGSLAGE 1945/46 1. Die Erfahrung der Besatzung und die Hinterlassenschaft des Krieges Der britische Journalist polnischer Herkunft Isaac Deutscher, dessen»Reportagen aus Nachkriegsdeutschland« ebenso plastische wie analytisch scharfe Berichte über das besetzte Deutschland bieten, hat die unterschiedlichen Stile der Besatzungsmächte beim »Plünderungsfest« nach dem Einmarsch charakterisiert. Jede Armee machte zwar auf ihre Weise vom»Recht des Siegers« Gebrauch, aber die sowjetischen Truppen hinterHeßen die schlimmsten Spuren und fühlten sich dabei subjektiv im Recht. Sie waren, schrieb Deutscher im Oktober 1945,»wie hungrige Heuschreckenschwärme nach Deutschland gekommen«, um sich zurückzuholen, was die Deutschen ihnen geraubt hatten.»Das Verhalten der russischen Soldaten wird mit Sicherheit ein starkes und weitreichendes politisches Echo haben. Politische Beobachter sind allgemein der Ansicht, daß der Einfluß des Kommunismus zumindest in der russischen Zone jetzt auf einem Tiefpunkt angelangt ist. Die Arbeiterwohnbezirke Berlins, Wedding und Neuköln, die während der Weimarer Republik Hochburgen des Kommunismus waren und es bis in die allerjüngste Zeit geblieben sind, haben unter den russischen Plünderungen und Gewalttätigkeiten genauso stark gelitten wie der Berliner Westen. In Berlin hat unter der kommunistisch gesinnten Arbeiterbevölkerung eine Art geistige Krise eingesetzt.«? Diese punktuelle Beobachtung eines aus der sozialistischen Tradition stammenden Journalisten und Historikers entspricht nicht nur zahlreichen zeitgenössischen Schilderungen, sondern ist auch in neuen historischen Darstellungen als Schlüssel zum Verständnis der Vorgeschichte der DDR verstanden worden. So hat Norman Naimark in seiner grundlegenden und auf breitem Quellenmaterial fußenden Untersuchung den Vergewaltigungen ein eigenes ausführliches Kapitel gewidmet.“ Selbst wenn die Schätzung des amerikanischen Chefberaters Robert Murphy in seinem Memorandum vom 19. Juli 1945, wonach die Mehrheit der weiblichen Bevölkerung im sowjetischen Besatzungsgebiet vergewaltigt worden sei, wahrscheinlich übertrieben ist und eine genauere quanti60 Braun, S. 178. 61 Vgl. dazu den anregenden Aufsatz von Ina Merkel, Arbeiter und Konsum im real existierenden Sozialismus, in: Hübner/Tenfelde(im Druck). 62 Isaac Deutscher, Reportagen aus Nachkriegsdeutschland, Hamburg 1980, S. 123. 63 Naimark, S. 91-179. Zur Bedeutung der Vergewaltigungen für das Selbstverständnis der Deutschen als»Opfer« des Krieges vgl. auch Atina Grossmann, Trauma, Memory, and Motherhood: Germans and Jewish Displaced Persons in Post-Nazi Germany, 1945-1949, in: AfS 38, 1998, S. 215-239, hier: S. 220-226. ‚Die stilisierte Klasse 33 tative Erfassung ohnehin unmöglich erscheint“, steht die Bedeutung dieses Problems für die Stimmungslage in der Bevölkerung und die weitere politische Entwicklung völlig außer Frage. Die SED-Historiographie hat mit ihrer ausschließlichen Betonung der»Befreiung« das Problem völlig ignoriert, obwohl interne Dokumente zeigen, daß es sowohl bei der KPD wie vor allem bei der SPD immer wieder Versuche gab, das Problem bei den Vertretern der sowjetischen Besatzung zur Sprache zu bringen.‘ Während Ulbricht eine Diskussion unter Hinweis auf die Verbrechen der Deutschen in der Sowjetunion eher beiseite schieben wollte, drängten einfache Funktionäre und Mitglieder häufig auf Intervention bei den Sowjets— in der Regel ohne Erfolg. Obwohl Berlin in besonderem Maße betroffen war und es in der sowjetischen Zone beträchtliche regionale Unterschiede gab, blieb das Verhalten der Roten Armee insgesamt für KPD und SED eine kaum zu überschätzende Belastung bei ihrem Versuch, Resonanz unter der Bevölkerung für den politischen Neuaufbau zu finden.“ Gleichwohl wurde diese erste Schlüsselerfahrung von anderen Erfahrungen überlagert. Dazu gehörte die schnelle Etablierung von Verwaltungen, die zumindest notdürftige Reparatur des Verkehrssystems und der Aufbau einer im Vergleich zu den Westzonen vergleichsweise früh funktionierenden elementaren Versorgung. Auf der anderen Seite fanden die Piünderungsaktionen während des Einmarsches ihre Fortsetzung in wilden Demontagen, die zumindest bis zur Durchsetzung effizienterer Formen der Reparationssicherung andauerten, Die Ambivalenz gegenüber diesen Erscheinungen charakterisierte Deutscher mit den Sätzen:»Paradoxerweise gewinnen die Deutschen in der russischen Zone trotz ihrer Angst und Niedergeschlagenheit etwas von ihrem gewohnheitsmäßigen Überlegenheitsgefühl wieder. Sie blicken mit einer gewissen Ironie auf auffällige Beispiele russischer Untüchtigkeit und Pfuscherei. Sie sehen erstaunt und belustigt zu, wenn russische Soldaten demontierte Präzisionsinstrumente oder Geräte optischer Feinmechanik wie Kartoffelsäcke auf Lastautos oder Pferdefuhrwerke werfen. Und sie konstatieren mit böser oder schlecht verhohlener Befriedigung die unglaubliche Armut und Ausgemergeltheit der Besucher aus dem Osten.«® Auch hier wird bereits ein Motiv sichtbar, das gerade für die Arbeitergeschichte im östlichen Teil Deutschlands noch lange eine erhebliche Rolle spielen sollte. Man könnte es die Umkehrung des Verhältnisses von Besatzern und Besetzten nennen. Die Ohnmächtigen besaßen das Know-how und werachteten insgeheim das unprofessionelle Vorgehen der Mächtigen. »Durchhalten« und»Durchkommen«— so hat Peter Hübner die auch bei Arbeitern dominierenden individuellen Überlebensstrategien im Übergang vom Krieg zur Besatzung am Fallbeispiel der Niederlausitz charakterisiert und detailliert beschrieben.“ Stabile tradierte Arbeitshaltungen erleichterten das Weiterarbeiten oder die schnelle Wiederingangsetzung wichtiger Betriebe, und pragmatisches Verhalten prägte die Ein64 Naimark, 8. 104. 65 Ebd., S. 152 f. Hinweise auf regionale Unterschiede ebd., S. 114. Etliche parteiinterne Berichte erwähnt Andreas Malycha, Die Illusion der Einheit— Kommunisten und Sozialdemokraten in den Landesvorständen der SED 1946-1951, in: Lemke, S. 81-117. 66 Naimark, S. 152 f. 67 Noch im Herbst 1947 machte Otto Gotsche, der Kreisvorsitzende der SED in Eisleben, seinem Ärger auf einer Sitzung des Landesvorstandes deutlich Luft:»Ich habe festgestellt, daß im allgemeinen die öffentliche Sicherheit vor die Hunde gegangen ist. Wenn man in der Straßenbahn, Eisenbahn, in öffentlichen Diskussionen vor Lokalen und Läden zuhört, ist immer wieder ein ro1cr Faden festzustellen, daß sich ein, ich möchte fast sagen, unmenschlicher Haß breitmacht, der sich gegen die Besatzungsmächte richtet. Ich muß das aussprechen, weil das Tatsache ist.« Zit. nach Malycha, 5. 101, 68 Deutscher, S. 130. 69 Peter Hübner,»Durchhalten« und»Durchkommen«. Niederlausitzer Industriearbeiter im Jahre 1945, in: Werner Stang(Hrsg.), Brandenburg im Jahr 1945, Potsdam 1995, S. 136-166. 34 Christoph Kleßmann stellung zum Systemwechsel, Die Fixierung aufs»Durchkommen« war aber auch von verbreitetem MiBßtrauen gegenüber neuen, verordneten politischen Aktivitäten begleitet. Daß es in der Arbeiterschaft neben dem Engagement der»Aktivisten der ersten Stunde« viel Apathie und Orientierungslosigkeit gab, die auch aus den Nachwirkungen des Nationalsozialismus resultierten”®, darüber machten sich führende Funktionäre wenig Iltusionen. Walter Ulbricht sprach in seinen»Erinnerungen an die ersten Kriegsjahre« von den ideologischen Verwüstungen, die der»deutsche Sozialismus« angerichtet habe.”' Und Hermann Brill(SPD), nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald erster Regierungspräsident in Thüringen, diagnostizierte im Juli 1945:»Die deutsche Arbeiterklasse ist geistig und moralisch, politisch und organisatorisch[...] zermürbt, ermattet und zerfallen«.’? Sind wir gegenüber elementaren sozialpsychologischen Fragen- prinzipiell ähnlich wie in den Westzonen im übrigen auch— auf zeitgenössische Eindrücke und sehr fragmentarische Quellen angewiesen, so 1äßt sich das Ausmaß der materiellen Zerstörung quantitativ genauer erfassen. Die sowjetische Zone war im Vergleich zum Reichsdurchschnitt und auch zu den Westzonen insgesamt ein industriell überdurchschnittlich hochentwickeltes Gebiet.»Die Sowjetzone ist die Industriezone Deutschlands«, erklärte Otto Suhr, Abteilungsleiter in der sowjetischen Zentralverwaltung der Industrie, im September 1945,7* Die traditionell starke gewerbliche Wirtschaft Sachsens, Thüringens und Berlins hatte während der Kriegszeit durch forcierte Rüstungsinvestitionen noch einen beträchtlichen Entwicklungsschub erhalten. Mit den Buna-Werken war sogar ein neuer Industriezweig entstanden. Die Schwerpunkte der Wirtschaft in der SBZ lagen in der weiterverarbeitenden Industrie, insbesondere im Maschinen- und Fahrzeugbau, bei Feinmechanik und Optik, Druck und Papier, Textil und Bekleidung. 1936 lag ihr Anteil an der jeweiligen Produktion des gesamten Reiches bei über 30 Prozent. Diese Wirtschaftsstruktur war jedoch auf die Energiebasis aus dem Westen Deutschlands ausgerichtet und angewiesen. Selbst die verstärkte Erschließung von Braunkohle konnte den Energiebedarf, der damals im wesentlichen durch Kohle gedeckt wurde, 1936 nur ca. zur Hälfte befriedigen. Ebenso fehlten Rohstoffe für die Metallindustrie.”* Diese strukturellen Disproportionen sind zu Recht häufig als eine Ursache für die schlechten Startbedingungen der SBZ- und DDR-Wirtschaft angeführt worden.” Ein weiteres Merkmal der deutschen Wirtschaft 1945 lag in dem sehr unterschiedlichen Grad ihrer Zerstörung. Insgesamt blieben die Folgen des Luftkriegs für die deutsche Industrieproduktion weniger einschneidend, als der Augenschein vor allem der zerstörten Städte es vorgab und erste Vermutungen es nahelegten. Bis in die letzten Kriegsmonate hinein gelang noch die Reparatur bombardierter Produktionsanlagen, so daß— wiederum mit beträchtlichen regionalen Unterschieden— diese Form der Zerstörung nicht den größten Belastungsfaktor beim Wiederaufbau darstellte.’ Die Industriegebiete Sachsens und Thüringens waren überdies meist kampflos von den sowjetischen und ame70 Vgl. dazu Klaus-Dietmur Henke, Die amerikanische Besetzung Deutschlands, München 1995, 8. 624-628. Walter Ulbricht, Erinnerungen an die ersten Kriegsjahre, in: ders., Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 1I: 1933 bis 1946, Berlin 1953, S. 257-260, 72 Zit. nach Frank Moraw, Die Parole der»Einheit« und die Sozialdemokratie, Bonn 1973, S. 67. 73 Zit. nach Wolfgang Zank, Wirtschaft und Arbeit in Ostdeutschland 1945-1949, München 1987, S. 18. 74 Daten ebd., S. 19. Vgl. ferner Albrecht Ritschl, Aufstieg und Niedergang der DDR-Wirtschaft 1945 bis 1989, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1995/11, S. 11-46, hier: S. 17£. 75 So Horst Barthel, Die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen der DDR, Ost-Berlin 1979, 8. 68 ff. (allerdings sehr einseitig im Urteil). 76 Zank, 8. 20; Ritschl,$. 18 f. 7 ‚Die stilisierte Klasse 35 rikanischen Armeen besetzt worden. Auch Hitlers»Nero-Befehl«, der auf völlige Zerstörung beim Rückzug der deutschen Truppen zielte, hatte kaum nennenswerte Industriezerstörungen verursacht, da er meistens nicht befolgt wurde.” Die Wirkungen der bis zuletzt erbittert geführten Bodenkämpfe waren dagegen in einigen Regionen wie etwa Brandenburg verheerend.’® Als besonders einschneidend und spezifisch für die SBZ erwiesen sich die zunächst wilden, später systematischer durchgeführten Demontagen. Sie wurden anfangs»derart überstürzt und unsachgernäß durchgeführt, daß der angerichtete Schaden groß, der Nutzen für die Sowjetunion jedoch klein war«.”” Bis 1948 blieben Demontagen nicht nur ein Schlüsselproblem für die Wirtschaft, sondern auch der Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Arbeiter. Zwar sind wir mittlerweile über Umfang und Formen der Demontagen sehr viel genauer unterrichtet®®, dennoch bleibt hier ein großes Dunkelfeld, insbesondere weil sich die Auswirkungen nicht präzise angeben lassen und unter Umständen kleine Eingriffe ganze Betriebe lahmlegen konnten. Die gravierenden psychologischen Folgen stehen außer Zweifel, sind aber ebenfalls schwer genau zu erfassen. Besonders fatal wirkte es, daß die SMAD mehrfach die Einstellung der Demontagen ankündigte, diese dann aber gleichwohl fortsetzte.®! Sofort nach der Besetzung registrierten spezielle sowjetische Aufklärungstrupps über 6 000 industrielle Objekte, Darunter dürften alle Großbetriebe der SBZ gewesen sein, von denen es nach sowjetischen Angaben rund 3 000 gab. Detaillierte Zahlen lassen die Stoßrichtung der Demontagepolitik erkennen: Je größer ein Betrieb, desto höher die Wahrscheinlichkeit seiner Demontage.* Was das für die Auflösung von Traditionsbelegschaften und somit für die Arbeitergeschichte der späteren DDR bedeutet, ist bislang kaum feststellbar und dürfte sich auch nur über exemplarische Betriebsstudien annähernd rekonstruieren lassen. Schließlich ist der seit den letzten Kriegsjahren einsetzende Verschleiß des Produktionsapparats als wesentlicher Faktor für die wirtschaftliche Ausgangssituation in der SBZ— ebenso wie in den Westzonen— zu nennen. Denn die Produktionsanlagen wurden in der Endphase des Krieges kaum noch ausreichend erneuert, so daß die Betriebe von der Substanz zehren mußten. Daß dies in der SBZ/DDR ein lang anhaltendes Struk77 Zank, 8. 20£. 78 Barthel, S. 43. 79 Zank, 8. 21. 80 Vgl. Rainer Karlsch, Allein bezahlt? Die Reparationsleistungen der SBZ/DDR 1945-1953, Berlin 1993. Zu den eng begrenzten Möglichkeiten, sich gegen Demontagen zu wehren, vgl. ders.,»Arbeiter schützt Eure Betriebel« Widerstand gegen Demontagen in der SBZ, in: IWK. 30, 1994, 8. 380-404; Jochen Laufer, Von den Demontagen zur Währungsreform— Besatzungspolitik und Sowjetisierung in Ostdeutschland 1945-1948, in: Lemke, S. 163-186; Rainer Karlsch/Burghard Ciesla, Vom»Karthago-Frieden« zum Besatzungspragmatismus. Wandlungen der sowjetischen Reparationspolitik und ihre Umsetzung 1945/46, in: Mehringer, S. 71-92. Ein sehr informatives Fallbeispiel bietet Burghard Ciesla, Demontagen und betriebliche Selbstorganisation in der SBZ. Auskünfte eines Tagebuches, in: Berliner Debatte Initial 1995, H. 4/5, S. 93-100. Naimark, S. 228 f.ı Ciesla, S. 97. In einem Stenogramm des sowjetischen ZK-Sckretärs Kuznecov vom 9. 12. 1946 ist von über 2 Millionen Arbeitern die Rede, die durch die Demontage ihren Arbeitsplatz verloren hätten. Lakonisch hieß es dazu:« Das wirkt sich irgendwie auf die Stimmung aus. Wir wollen bei den Deutschen keine Annäherungsversuche machen, wir führen unsere Politik durch.« Bernd Bonwetsch u. a.(Hrsg.), Sowjetische Politik in der SBZ 1945-1949. Dokumente zur Tätigkeit der Propagandaverwaltung(Informationsverwaltung) der SMAD unter Sergej Tjul’panov, Bonn 1998, S. 252, Auch in den Westzonen, wo die Demontagen bekanntlich nur geringe wirtschaftliche Auswirkungen hatten, waren die psychologischen Folgen beträchtlich. Vgl. Christoph Kleßmann/Peter Friedemann, Streiks und Hungermärsche im Ruhrgebiet 1946 bis 1948, Frankfurt/Main 1977, S. 19. 82 Laufer, S. 170. 8 36 Christoph Kleßmann turproblem blieb, machte einen wesentlichen Unterschied zur ökonomischen Entwicklung im Westen aus. Insgesamt, so hat Wolfgang Zank resümiert, wurde der 1944 noch außerordentlich leistungsstarke Produktionsapparat durch die kombinierte Wirkung von Kriegszerstörungen, Demontagen und Verschleiß»binnen weniger Jahre ganz erheblich, um mehr als 40 v. H., reduziert.«* Gleichwohl blieb die Kapazität, nicht zuletzt dank der Expansion in der Kriegszeit, noch beträchtlich. Das nach anfänglichen Startvorteilen seit 1947 sichtbar verlangsamte Aufbautempo der SBZ gegenüber den Westzonen hatte daher vor allem mit Fehlleistungen im Verkehrssystem und mit politischen Problemen der Teilung Deutschlands sowie mit den Schwächen der entstehenden zentralisierten Planwirtschaft zu tun.% Zu den einschneidendsten und bittersten Hinterlassenschaften des Krieges gehörten die demographischen Zerstörungen. Kriegsverluste und Zustrom von Flüchtlingen, Vertriebenen und Zwangsaussiedlern waren die beiden Elemente, die die Bevölkerungsstruktur Nachkriegsdeutschlands am stärksten veränderten, Andererseits brachte der Massenzustrom zugleich eine Kompensation für die Verluste, so daß rein zahlenmäßig in der Bevölkerungsbilanz das Ausmaß der Veränderung nicht sofort erkennbar war. Bis 1950 setzte sich durch Abwanderung nach Westen und Heimkehr der Kriegsgefangenen wieder eine gewisse Normalisierungstendenz durch. Die Daten sind im einzelnen nicht völlig gesichert und besitzen z. T. nur Annäherungscharakter, Wolfgang Zank hat einige Korrekturen an den Angaben der Bevölkerungszählung von 1946 versucht. Auf seinen Berechnungen beruhen die folgenden Angaben. Danach war die Stammbevölkerung gegenüber 1939(auf dem Gebiet der SBZ) um fast 3 Mill. zurückgegangen. Davon waren etwa 1,6 Mill. Kriegstote, ca. 600 000 befanden sich noch in Kriegsgefangenschaft, ca. 750 000 in den Westzonen. Trotz der hohen Verluste lebten nach Kriegsende aufgrund des hohen Anteils an Flüchtlingen und Vertriebenen aber mehr Menschen auf dem Territorium der SBZ(einschließlich Ost-Berlins) als 1939, zunächst überdies mit steigender Tendenz. Gegenüber 16,745 Mill. Einwohnern im Jahre 1939 waren es 1946 17,820 Mill., 1947 schon 18,892 Mill. und 1948 19,066 Müll. Die arbeitsfähige Bevölkerung für das Gebiet der SBZ(einschließlich Ost-Berlins) sank von 1939 mit 11,244 Mill. bis 1946 auf 10,865 Mill. Personen und stieg bis 1950 wieder auf 11,376 Mill. an,% 1946 gab es fast eine Mill. Männer im arbeitsfähigen Alter weniger als 1939, wobei sich dieser Rückgang im wesentlichen auf die Altersgruppe bis 40 Jahre konzentrierte, während ältere Jahrgänge einen Zuwachs aufwiesen. Zunächst war der Frauenanteil mit 59 Prozent extrem hoch, sank aber bis 1950 wieder ab.” Für die weitere wirtschaftliche und soziale Entwicklung ist der Hinweis wichtig, daß sich mit dem Einströmen der Flüchtlinge und Vertriebenen und der Rückkehr von Kriegsgefangenen das Arbeitskräftepotential nicht nur erhöhte, sondern gegenüber der Endphase des Krieges auch verbesserte, weil ihre Qualifikation höher lag als die der in der Kriegswirtschaft beschäftigten Zwangsarbeiter.»Alles in allem«, resümiert Zank, »befanden sich in der Nachkriegszeit erheblich mehr und erheblich besser ausgebildete Arbeitskräfte im DDR-Gebiet als im letzten Kriegsjahr, bei(fast) überall stark geschrumpfter Produktionskapazität: Im Vergleich zu 1944 war die SBZ von Arbeitskräften geradezu überschwemmt. Dennoch wurde in der Nachkriegszeit schon frühzeitig von einem Mangel an bestimmten Kategorien von Facharbeitern berichtet.« Zu den»wich83 Zank, 8. 21. 84 Ebd., S. 24-26. 85 Ebd., 5. 31. 86 Ebd., S. 33. 87 Ebd., S. 36. 88 Ebd., 5. 46. Die stilisierte Klasse 37 tigsten Mangelberufen« zählte das»Jahrbuch Arbeit und Sozialfürsorge« 1947 Gärtner, Bergleute, Former/Kernformer, Schmiede, Schweißer, Schlosser, Klempner, Rohrleger, Tischler, Stellmacher, Herrenschneider, Schuhmacher, Bauhandwerker.®* Unter dem politisch bewußt beschönigenden Begriff»Umsiedier« wurde jene große Gruppe von Flüchtlingen, Vertriebenen und Zwangsaussiedlern aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße sowie den ostmitteleuropäischen Ländern zusammengefaßt, die zunächst in allen Besatzungszonen eine der schwierigsten sozialen Herausforderungen darstellte, später aber auch ein enormes Potential für wirtschaftlichen Wiederaufschwung bildete.” Schon Ende 1945 betrug ihr Bevölkerungsanteil in der SBZ 17,1 Prozent. Er stieg im Sommer 1946 auf 19,8 Prozent und 1949 auf 25 Prozent. Überdurchschnittlich war Mecklenburg betroffen, dessen Vertriebenenanteil Ende 1945 bei 36,6 Prozent und 1949 bei 46,5 Prozent lag. Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen lagen knapp über oder unter dem Zonendurchschnitt, während Sachsen, das bis Mitte 1946 von einer Endaufnahme ausgenommen war, immer stark unterdurchschnittKch blieb.” Da in den Gebieten östlich von Oder und Neiße 1939 etwa ein Drittel der Erwerbspersonen in industriellen und handwerklichen Berufen, ca, ein Fünftel in Handels- und Verkehrsberufen arbeitete”, kann man davon ausgehen, daß mit diesem Zustrom eine beträchtliche Zahl qualifizierter Arbeitskräfte in die SBZ kam, auch wenn genaue Angaben über die erlernten Berufe der Flüchtlinge und Vertriebenen nicht existieren. Genau zu erfassen ist jedoch die Berufsstruktur der in der SBZ beschäftigten »Umsiedler«. Nach dem(internen) Jahresbericht der Zentralverwaltung für Umsiedler {ZVU) waren am 1.12. 1947 von insgesamt 6001 107 unselbständig Beschäftigten 1 348 903(22,5 Prozent) Umsiedler. Tabelle I versammelt Angaben zu ihrer Verteilung auf die am stärksten frequentierten Berufsgruppen”: Allein die hohe Konzentration in der Landwirtschaft und im Sektor Hilfsarbeiten sagt viel über Beschäftigungsprobleme und soziale Deklassierung aus. Überdies zeigen die hohen Frauenanteile in der Textilund Bekleidungsindustrie schon früh die herkömmlichen und später nur graduel] veränderten Verteilungsmuster, Eines der großen Strukturprobleme in allen betroffenen Zonen lag zunächst darin, daß die Neuankömmlinge in den agrarisch geprägten Ländern und Provinzen konzentriert waren. Auf diese Weise sollte ihre Versorgung wenigstens notdürftig gesichert werden. Angesichts der extrem schwierigen sozialen Lage und der geringen öffentlichen Unterstützung wurde für sie ein Arbeitsplatz noch wichtiger als für die ansässige Bevölkerung. Da die Arbeitskräftelenkung auf diesem Feld jedoch spät einsetzte und zunächst nicht sehr effektiv war, ist das Gesamtbild sehr unübersichtlich. Abgesehen von der Teilnahme an der Bodenreform und dem wenig erfolgreichen Versuch, gezielt Heimarbeit auf dem 89 Jahrbuch Arbeit und Sozialfürsorge 1945 bis 1947, Berlin 1947, 8. 70 f. 90 Grundlegend zu diesem in der DDR kaum behandelten Thema sind die Arbeiten von Michael Schwartz. Vgl. Dierk Hoffmann/Michael Schwartz(Hrsg.), Geglückte Integration? Spezifika und Vergleichbarkeiten der Vertriebenen-Eingliederung in der SBZ/DDR, München 1999; Michael Schwartz,»Umsiedler« als»Arbeiter« in der SBZ/DDR 1945-1952, in: Hübner/Tenfelde(im Druck). Michael Schwartz, Zwischen Zusammenbruch und Stalinisierung. Zur Ortsbestimmung der Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler(ZVU) im politisch-administrativen System der SBZ, in: Hartmut Mehringer(Hrsg.), Von der SBZ zur DDR. Studien zum Herrschaftssystem in der Sowietischen Besatzungszone und in der Deutschen Demokratischen Republik, München 1995, S. 43-96, hier: S. 44. Andere und offenkundig überhöhte Zahlen für 1945 liefert eine Statistik der Zentralverwaltung für Arbeit und Sozialfürsorge. Vgl. Manfred Wille(Hrsg.), Die Vertriebenen in der SBZ/DDR. Dokumente, Bd. I, Wiesbaden 1996, S. 280. 92 Zank, 8. 43. 93 BA Abt. Berlin, DO 2/14, Bl. 108. Diese Daten hat mir freundlicherweise Michael Schwartz zur Verfügung gestellt. 9 38 Christoph Kleßmann Tabelle 1: Die Beschäftigung von»Umsiedlern« in der SBZ(Stichtag: 1. 12. 1947) Zahl der»Umsiedler« in Anteil in% davon Frauen Berufszweigen der dort Beschäftigten abs. Yo } Landwirtschaft 401 541 42,8 220034 54,8 2 Hilfsarbeiten aller Art 180 419 26,5 66308 36,8 3 Kaufmänn. Büro- u. 108 333 13,2 53123 49,0 verwandte Berufe 4 Hausgehilfen u. 97 522 96267 89,7 verwandte Berufe 5 Metallindustrie 90 619 13,9 9211 102 6 Baugewerbe 55093 20,6 837 1,5 7 Textilindustrie 54.908 18,3 44905 381,8 8 Bekleidungsindustrie 54 330 19,4 38429 70,7 9 Holz- u. Schnitzstoff- 37 502 20,4 6924 18,5 gewerbe Lande zu schaffen“, bot erst die gesteuerte Binnenwanderung bessere Chancen für eine Arbeit und damit auch für eine Integration in die neue Gesellschaft. Das schloß jedoch nicht aus, daß sich bestimmte Branchen und insbesondere Großbetriebe schon frühzeitig erfolgreich um Arbeitskräfte aus diesem Potential bemühten. So heißt es in einem Tätigkeitsbericht des»Amtes für Umsiedler der Provinzialverwaltung Mark Brandenburg« vom Oktober 1946:»Wir sind im Einvernehmen mit dem Landesarbeitsamt dazu übergegangen, auch die Unternehmer direkt in die Lager zu schicken, um sich die Arbeiter auszuwählen und nach Rücksprache mit ihnen einen Arbeitsvertrag abzuschlieBen. Die Erfahrungen, die wir mit dieser Arbeitsvermittlung machten, waren gut, Der Kontakt zwischen Arbeitern und Unternehmern wird hergestellt. Der Umsiedier erhält das Gefühl: Du wirst gebraucht!«* Auch wenn sich solche Erfolgsmeldungen keineswegs generalisieren lassen, ist der Befund, daß vor allem Großbetriebe- neben dem Sonderfall des Uranbergbaus®— besonders viele Vertriebene beschäftigten, eindeutig und auch plausibel.” Denn die hier zu erwartenden Sonderrationen und besseren Chancen bei der Wohnungszuteilung erhöhten die Attraktivität dieser Arbeitsplätze, Schon Anfang 1948 wiesen die Belegschaften vieler Großbetriebe einen überdurchschnittlichen Anteil von »Umsiedlern« auf. Nach einer Umfrage von 1952 lag der Vertriebenenanteil in 34 Großbetrieben der DDR bei 39 Prozent, die Spitze hielten die Leuna-Werke mit 47 Prozent.” Der Gesamtprozeß der Eingliederung in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft verlief jedoch in der SBZ und der frühen DDR aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage und der unzureichenden sozialen Stützungsmaßnahmen trotz gezielter Integra94 Zank, 8. 149; Alexander von Plato/Wolfgang Meinicke, Alte Heimat— neue Zeit, Flüchtlinge, Umgesiedelte, Vertriebene in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR, Berlin 1991, S. 69. 95 Berichte der Landes- und Provinzialverwaltungen zur antifaschistisch-demokratischen Umwälzung 1945/46. Quellenedition, Ost-Berlin 1989, S. 405. 96 Vgl. dazu Naimark, S. 300-315; Rainer Karlsch/Harm Schröter(Hrsg.),»Strahlende Vergangenheit«. Studien zur Geschichte des Uranbergbaus der Wismut, St. Katharinen 1996. 97 Zank, S. 151. 98 Ebd. Vgl. ferner Dugmar Semmelmann, Zur Integration aus lebensgeschichtlicher Sicht. Eingliederungsverläufe von Flüchtlingen und Vertriebenen in der SBZ/DDR dargestellt am Sonderfall Eisenhüttenstadt, in: Hoffmann/Schwartz, S. 321-333. Die stilisierte Klasse 39 tionspolitik kaum schneller als im Westen. Das»Revanchismus«-Verdikt gegenüber alien Versuchen von Heimat- und Traditionspflege erschwerte den Prozeß sozialpsychologisch.” Die schon im September 1945 begonnene Bodenreform hatte zum Ziel, das»Umsiedler«-Problem zu entschärfen, auch wenn politische Motive im Vordergrund dieses überstürzt begonnenen Struktureingriffs standen. Von der Reform waren aber auch Arbeiter und Angestellte betroffen. Insgesamt erhielten 183 261 nichtlandwirtschaftliche Arbeiter und Angestellte Gartenparzellen(von 0,6 ha Durchschnittsgröße) aus dem Bodenfonds zugeteilt.‘ Für die soziale Situation der Arbeiterschaft war diese Maßnahme, angesichts der Notsituation in der Zusammenbruchsgesellschaft, durchaus von erheblicher Bedeutung. Merkwürdigerweise ist sie bislang in der Literatur nicht behandelt worden und hat auch in den einschlägigen Quellen kaum einen Niederschlag gefunden. Eine Fallstudie für das Niederlausitzer Industriegebiet zeigt'*', daß sich die Anzahl ländlicher Industriearbeiter mit Parzellenbesitz zwar beträchtlich erhöhte, daß diese Struktur jedoch nicht Bestand hatte, sondern sich in den 1950er Jahren mit einem neuen Industrialisierungsschub wieder veränderte. Immerhin ist bemerkenswert, daß sich viele auf dem Lande wohnende Industriearbeiter, um ihre Versorgungslage zu verbessern, bei der Bodenreform persönlich engagierten und beispielsweise häufig den Vorsitz von Gemeindebodenkommissionen übernahmen. Auch solche scheinbar genuin politischen Aktivitäten lassen sich also als Element individueller Überlebensstrategien des»Durchhaltens und Durchkommens«'“? verstehen, die alle Bevölkerungsgruppen— und die Arbeiter zum Teil besonders erfolgreich— entwickeln mußten und entwickelten. Zahllose zeitgenössische Reportagen ebenso wie interne Berichte der Deutschen und der sowjetischen Besatzungsbehörden, bis hin zu bürokratischen Richtlinien für die Behandlung bestimmter Problemlagen, vermitteln anschauliche Einblicke in den äußeren und inneren Zustand einer Zeit des Zusammenbruchs, der Zerstörung, der Abenteuerlichkeit und»Außerordentlichkeit«, einer Umbruchssituation mit noch offenem und unklarem Entwicklungspotential.'® Eine solche Konstellation systematisch und generalisierend zu erfassen, ist kaum möglich. Ein methodischer Zugang wären mehrere komparativ aufeinander bezogene regionale und betriebliche Falistudien, die Tiefenschärfe in das Bild brächten.'* Dazu fehlt es jedoch noch an Vorarbeiten, zumal diese durch die Quellensituation erheblich erschwert werden. Dennoch lassen sich Akzente und Prioritäten erkennen. Es dominierten weniger die Besonderheiten in der SBZ im Vergleich zu den anderen Besatzungszonen als die überall charakteristischen Problemlagen einer Notgesellschaft. Das betraf vor allem die Ernährungs- und Wohnsituation sowie die Lohn- und Arbeitsbedingungen. 99 Plato/Meinicke, S. 80. Das DDR-Innenministerium untersagte 1950 alle öffentlichen Bezugnahmen auf die alte Heimat auch im kulturellen Leben, Sogar der Briefverkehr wurde als Bildung einer»illegaten Umsiedlerorganisation« verfolgt. Vgl. Philipp Ther, Deutsche und polnische Vertriebene. Gesellschaft und Vertriebenenpolitik in der SBZ/DDR und in Polen 1945-1956, Göttingen 1998, S. 238. 100 Vgl Christoph Kießmann, Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945-1955, 5. Aufl., Göttingen 1991, S. 81. 101 Christel Nehrig, Industriearbeiter im dörflichen Milieu, in: Peter Hübner(Hrsg.), Niederlausitzer Industriearbeiter 1935 bis 1970. Studien zur Sozialgeschichte, Berlin 1995, S. 167-191, hier: S. 168, S. 175. 102 Hübner,»Durchhalten«. 103 Diese treffende Churakterisierung für die Westzonen dürfte auch für die SBZ gelten. Vgl. die Einleitung der Herausgeber in Broszat/Henke/Woller, S. XXV-XLIX. 104 So Hübner, Konsens, S. 136. 40 Christoph Kleßmann 2. Ernährung, Wohnen, Arbeitsbedingungen Angesichts des gezielten und in der Regel im Vergleich zum Westen schnelleren Verwaltungs- und Organisationsaufbaus in der SBZ läßt sich vermuten, daß die generelle Versorgungslage hier anfangs relativ besser war.'®® Dennoch stand die Drohung des Hungers allen vor Augen. Industriearbeiter in den Städten konnten immerhin, insbesondere wenn sie in wichtigen Branchen arbeiteten, auf eine vergleichsweise bessere Versorgung durch Sonderzuteilungen rechnen. Überdies bot der Kompensationshandel Möglichkeiten, Industrieprodukte gegen Lebensmittel einzutauschen. Insofern dürfte der »Kartoffelbetriebsrat«'® ein typisches Phänomen aller industriellen Ballungsgebiete in Deutschland gewesen sein. Es gab sogar Fälle, wo sowjetische Generaldirektoren diese illegalen Praktiken duldeten oder Leistungsprämien verteilten, und damit die Produktion aufrecht erhielten. Lebensmittelkarten wurden einheitlich für die SBZ am 1. November 1945 mit monatlicher Geltungsdauer eingeführt, Bis dahin galten unterschiedliche Versorgungspläne der Länder und Provinzen. Ein kompliziertes System der Vollrationierung für Genußund Lebensmittel und Industriewaren sowie verschiedener Sonderkarten prägte die Jahre 1945 bis 1948 und wurde erst danach langsam abgebaut.'® Sechs Gruppen gab es demzufolge für die Rationszuteilung: I— Schwerstarbeiter, II- Schwerarbeiter, III— Arbeiter, IV— Angestellte, V— Kinder und Jugendliche bis zu 15 Jahren, VI— Sonstige Bevölkerung einschließlich Hausfrauen und Arbeitslosen. Diese neue Form sozialer Differenzierung, die an die nationalsozialistische Kriegswirtschaft anknüpfte, schlug sich in entsprechenden Kalorientabeilen nieder. Einen punktuellen Eindruck vermittelt ein Bericht für Thüringen vom Februar 1946.!® Danach erhielten Schwerst- und Schwerarbeiter, die zusammen sechs Prozent der Bevölkerung stellten, 1 900 Kalorien, Arbeiter(19 Prozent) 1 375, Angestellte(11 Prozent) 1 100, Jugendliche(27 Prozent)| 000 Kalorien und die Gruppe VI, die 37 Prozent der Bevölkerung ausmachte, nur 925 Kalorien, Die Konkretisierung solcher dürren Kalorienzahlen in Lebensmittelzuteilungen zeigt die Tabelle 2 mit Zahlen aus dem Befehl Nr. 96 des Obersten Chefs der SMAD vom 13. Oktober 1945.19 Für die wichtigsten Städte wurden leicht erhöhte Sätze festgelegt. Aufschlußreich für die soziale Differenzierungspolitik sind die bevorzugten Zuteilungen für bestimmte Berufsgruppen insbesondere aus der Intelligenz.‘!! Mit solchen normativen Daten lassen sich nicht mehr als grobe Annäherungswerte wiedergeben, die regional und örtlich erheblich unterschiedlich ausfallen konnten. Überdies war in keiner Weise gesichert, daß entsprechende Versorgungsgüter auch tatsächlich erhältlich waren. Schließlich verschlechterte sich die Situation im zweiten Nachkriegsjahr, insbesondere durch den extrem kalten Winter 1946/47. Tauschreserven waren aufgebraucht, zumal Sparguthaben 105 Vgl. Werner Abeishauser, Zur Entstehung der»Magnet-Theorie« in der Deutschlandpolitik. Ein Bericht von Hans Schlange-Schöningen über einen Staatsbesuch in Thüringen im Mai 1946, in: VIZ 27, 1979, S. 660-679, hier: S. 665. 106 So Alexander von Plato,»Der Verlierer geht nicht leer aus«, Betriebsräte geben zu Protokoll, Bonn 1984, 5. 202. 107 Hübner, Konsens, S. 139. 108 Deutsche Geschichte Bd. 9, 8. 140 f. 109 Berichte der Landes- und Provinzialverwaltungen, S. 183. 110 Bundesarchiv Berlin(BArch), DX 1(SMAD-Befehlssammlung), Nr. 96/1945. 111 Unter Punkt 4 wurde zum Beispiel festgelegt, daß mit Rationen, die für Arbeiter festgesetzt waren, zu versorgen seien:»Schullehrer, Ärzte und mittleres medizinisches Personal in Krankenhäusern und anderen stationären Kuranstalten, Professoren und Wissenschaftler, namhafte Persönlichkeiten der Kunst und der Literatur«, Vgl. ausführlich zur Versorgung Zank, 8. 66-80. Die stilisierte Klasse 41 Tabelle 2: Rationen für die Versorgung der nicht in der Landwirtschaft beschäftigten Bevölkerung in der SBZ {in Gramm pro Person täglich) Gruppen Brot Nähr- Kartof- Zucker Marme- Fleisch Fett mittel feln lade Schwerst- 450 40 500 25 30 40 20 arbeiter Schwer- 400 40 400 25 30 40 20 arbeiter übrige 350 20 300 20 30 25 10 Arbeiter Angestellte 250 15 300 20 30 20 10 Kinder u, Jugendliche 200 10 300 25 30 15 10 bis zum 15. Lebensjahr Sonstige 200 10 300 15 30- Bevölkerung in der SBZ gesperrt waren.!!? Aus einer Untersuchung über die Ernährungssituation in Berlin geht hervor, daß ein Monatseinkommen von 200 bis 300 Reichsmark aus geregelter Arbeit durch Schwarzmarktgeschäfte mindestens verdoppelt werden mußte, um die dringendsten Ausgaben abzudecken. Einige Betriebe legten eine 5-Tage-Woche fest, um entsprechende Schwarzmarktaktivitäten zu ermöglichen.‘'? Unter solchen Bedingungen die Wiederherstellung funktionsfähiger Lohnregelungen und eine normale Arbeitsmoral als Voraussetzung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau zu sichern, war€ines der schwierigsten Probleme in allen Besatzungszonen. In einer vom FDGB durchgeführten Erhebung in rund 1000 Haushaltungen der Zone und 170 Haushaltungen in Berlin wurde die Lebenshaltung im letzten Quartal 1947 anhand der Haushaltsrechnungen erfaßt. Die Daten entsprechen nicht in allen Ausgabengruppen gängigen Vorstellungen, spiegeln aber in den wichtigsten Posten»Nahrungs- und Genußmittel« (durchgängig Werte um 40 Prozent der Gesamtausgaben) sowie»Bekleidung«(etwa 10 Prozent der Ausgaben im Oktober und November, etwas weniger im Dezember) die typischen Problemlagen auch noch des Jahresendes 1947.''* 112 Vgl. Thomas Scholze, Zur Ernährungssituation der Berliner nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Beitrag zur Erforschung des GroBstadtalltags(1945-1952), in: JbfG 35, 1987, S. 539-563, hier: S. 552. 113 Ebd., S. 553. 114 DWK, Statistisches Zentralamt, Ergebnisse von Haushaltsrechnungen für Oktober, November und Dezember 1947, SAPMO-BArch, DY34/21433. Ein überraschend großer Anteil für»andere ‚Gegenstände des persönlichen Bedarfs« im Dezember hängt offenkundig mit dem Weihnachtsfest zusammen. Ansonsten resümiert der Bericht:»än der Sowjetische Besatzungszone und— in noch stärkerem Maße— in Berlin mußte zur Sicherung der Mindest-Existenzbedürfnisse zum Teil ganz erheblich auf die Substanz zurückgegriffen werden. Je kleiner das Einkommen war, um so relativ größere Bedeutung erlangte der Substanzverlust. Die Konsumenten waren zu erheblichen Opfern bereit, um auch nur kleine zusätzliche Versorgungsmengen zu erhalten. Das Bestehen ausgedehnter Schwarzer Märkte, die Veräußerungsmöglichkeiten für Sachwerte bieten, erleichterte den Berliner Haushaltungen ihre zusätzliche Versorgung.« 42 Christoph Kleßmann Die katastrophalen Wohnbedingungen angesichts der Kriegszerstörungen und des massenhaften Zustroms von Flüchtlingen und Vertriebenen gehörten in allen Zonen zu den schlimmsten Hinterlassenschaften des Krieges. Dennoch läßt sich bisher kaum ein genaues Bild für die SBZ gewinnen, da nicht nur die Differenzen zwischen Stadt und Land, sondern auch zwischen Regionen und Orten beträchtlich waren. Der Zerstörungsgrad wies in der SBZ hinsichtlich der Folgen des Luftkrieges und der heftigen Bodenkämpfe erhebliche Unterschiede auf,‘!> Generell war der Versorgungsgrad mit Wohnungen vor dem Krieg auf dem Territorium der späteren SBZ quantitativ besser gewesen als im Westen.'!'* Ebenso lag der Verlust von Wohnraum durch Bombardierungen deutlich niedriger: 11,5 Prozent in der SBZ gegenüber 25,7 Prozent in den Westzonen. 1946 gab es in der SBZ ca. 7 Mill. Wohnräume weniger als 1939, und jeder Wohnraum war gegenilber 1939 fast doppelt so dicht belegt.” Da bis Ende der 1940er Jahre kaum Wohnungen gebaut wurden, verschärfte sich die allgemeine Wohnsituation zunächst kontinuierlich durch den Zustrom von Vertriebenen, der noch nicht durch Abwanderung nach Westen kompensiert wurde.!!® Welche gravierenden regionalen Unterschiede existierten, zeigt das Land Mecklenburg, das zwar 1939 eine geringe Wohndichte aufwies, durch Bombardierungen und Bodenkämpfe aber mit 24,4 Prozent den höchsten Verlust an Wohnungen und zugleich den größten Bevölkerungszuwachs(um 52,3 Prozent) zu verkraften hatte.'!? Insgesamt fehlten in der SBZ(ohne Berlin) 1946 etwa 1,9 Mio. Wohnungen.'” Im Hinblick auf die Wohnsituation von Arbeitern ist vor allem die hohe absolute Zahl von zerstörten und nicht mehr wiederherstellbaren Wohnungen im industriell hochentwickelten Land Sachsen zu nennen, das mit 206 590 an der Spitze lag, gefolgt von Sachsen-Anhalt mit 82 243 zerstörten Wohnungen.!?! Solche Daten geben jedoch kaum genauere Einblicke in die Wohnungsversorgung von Arbeitern, weil hier die örtlichen Gegebenheiten maßgeblich waren. Die Zuweisung von Arbeitskräften wurde, wie die Arbeitsämter ständig beklagten, durch fehlende Unterbringungsmöglichkeiten erheblich erschwert.'?? Da vor allem Städte von Zerstörungen betroffen waren, blieb das Problem somit noch gravierender, als absolute Zahlen der Wohnungsverluste ausdrücken, Eine weitere Erschwerung verursachte das unzureichend funktionierende Nahverkehrssystem: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln waren manche Arbeitsplätze praktisch unzugänglich. Instandsetzungsarbeiten und Neubauten konzentrierten sich vor allem auf wichtige Industriebranchen wie Bergbau und Stahl, blieben aber völlig unzureichend, so daß auch Berg- und Metallarbeiter häufig in Behelfsheimen leben mußten.'? Gerade das Wohnungsproblem behinderte somit massiv auch jede Politik der Produktionssteigerung. Zwar entwickelte die SED 1947 einige strategische Grundsätze, aus denen Ziele und Prioritätensetzung erkennbar werden. Aber diese blieben angesichts der schwierigen Baustoffversorgung vage Pläne. Die Formulierungen waren daher auch sehr vorsichtig; 115 Vgl. Barthel, S. 40-46. 116 Vgl. Helmut W. Jenkis, Wohnungswirtschaft und Wohnungspolitik in beiden deutschen Staaten, Hamburg 1976, S. 12 ff. 117 Vgl. Dorothea Faber, Entwicklung und Lage der Wohnungswirtschaft in der Sowjetischen BeSatzungszone 1945 bis 1953, in: Europa-Archiv 8, 1953, S. 5943-5950, hier:$, 5943, 118 Vgl. Oskar Schwarzer, Der Lebensstandard in der SBZ/DDR 1945 bis 1989, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1995/JT, S. 119-146, hier: S. 129. 119 Faber, S. 5943 120 Grundsätze für die Behebung des Wohnraummangels, Schreiben des Zentralsekretariats der SED, 12. 5. 1947, SAPMO-BArch, DY 34/18/-/733, 121 Ebd. 122 Arbeit und Sozialfürsorge 3, 1948, S, 43 123 Zank, S, 83. Die stilisierte Klasse 43 »Vordringliche Neubauten können sein: solche, die zur Beschaffung von Wohnraum für die Ansiedlung von Arbeitskräften im Zuge der Errichtung oder Erweiterung von Betrieben, zur Unterbringung von Umsiedlern oder zur Schaffung von Neubauernstellen erforderlich werden.«'?* Untersuchungen zur Arbeiterwohnsituation gibt es bisher nicht einmal in Umrissen. Einzelne Hinweise lassen sich bestenfalls aus Werksgeschichten entnehmen.'2$ Die lohn- und tarifpolitische Ausgangssituation zeigt 1945 frappierende Kontinuitätslinien zur nationalsozialistischen Kriegszeit, Primär war das sowjetische Interesse an Reparationen maßgeblich für solche pragmatischen Regelungen, die nicht recht zum lautstark verkündeten Bruch mit der»faschistischen Ausbeuterordnung« paßten. Bereits am 23. Juli 1945 ordnete die SMAD an:»Lohnsätze und Gehälter für Arbeiter und Angestellte in Körperschaften und Organisationen, in Unternehmungen der Stadt- und Bezirksverwaltungen, sowie in Privatunternehmungen, die vor dem Kriegsende bestanden haben, müssen bestehen bleiben,'?® Das entsprach prinzipiell auch der Politik des Alliierten Kontrollrats. Jedoch ließ dessen Direktive vom 12. Oktober 1945 eine flexiblere Handhabung zu. Danach waren neue Lohnsätze mit Zustimmung der deutschen Arbeitsämter möglich, wenn sich dadurch die durchschnittlichen Löhne(auf der Basis des generellen Lohnstops)} nicht erhöhten. Faktisch wären damit Veränderungen nur durch Entlassungen möglich gewesen. Dennoch blieb das Lohnsystem keineswegs so starr, wie es der Befehl nahelegte. Da mit dem Lohnstop auch alle vor dem 1. Mai 1945 geltenden Lohnsätze,»einschließlich der Akkord- und Überstundenlöhne sowie alle zur Anspornung eingeführten Lohnsysteme«'?, erhalten blieben und somit eine Vielzahl von Sonderzulagen konserviert wurden, bestand faktisch eine große Grauzone von außertariflichen Regelungen und Differenzierungen, Zudem legte die S$MAD am 29. Juni 1945 fest, daß für herrenlose Betriebe sofort Direktoren und Chefingenieure durch die Landes- und Provinzialverwaltungen zu ernennen seien. Handel und Umsätze sollten auf der Basis der Preise von 1944 erfolgen.'?2 Galt zunächst— wenn auch nicht einheitlich — noch der aus der Kriegszeit übernommene 10-Stunden-Tag weiter, so legte der SMAD-Befehl vom 17. Februar 1946 generell den 8-Stunden-Tag und die 48-Stunden-Woche fest(ausgenommen die Landwirtschaft).'”* Auch damit veränderte sich de facto das Lohngefüge. Um die für die Sowjetunion vorrangigen Ziele der Reparationssicherung zu realisieren, griff die SMAD zunächst zu einer rigorosen Politik der Erfassung von Arbeitskräften.!? Die Abteilungen für Arbeit und Sozialfürsorge erhielten das Recht, alle Personen im arbeitspflichtigen Alter zu erfassen und dem Bedarf entsprechend einzusetzen. So stiegen die Beschäftigtenzahlen von 5,387 Mill. im Oktober 1945 auf 6,162 Mill. im Januar 1946. Am Jahresende 1946 standen nach Angaben des FDGB bereits 7,489 Mill, Personen im ArbeitsprozeB, das waren fast 80 Prozent der Meldepflichtigen. Nach der 124 Grundsätze(s. Anm. 120). 125 Eines der ganz wenigen ergiebigen Beispiele ist der Band von Peter Alheit u. a., Gebrochene Modernisierung— der langsame Wandel proletarischer Milieus, Bremen 1999, S. 582-614. Hier werden die Wohnverhältnisse in der Neptun-Werft in Rostock dargestellt. Mehrere Hinweise finden sich auch in Hübner, Niederlausitzer Industriearbeiter. Plastische Einblicke für Berlin bietet die empirische Familienuntersuchung von Hilde Thurnwald, Gegenwartsprobleme Berliner Familien, Eine Untersuchung an 498 Familien, Berlin 1948. 126 Zit. nach Hühner, Konsens, 8. 17. 127 Zit. nach ebd., S. 18. 128 Text in: Geschäftsbericht des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes 1946, hrsg. v. Vorstand des FDGB, Berlin 1947, 5. 414, 129 Jahrbuch Arbeit und Sozialfürsorge 1945 bis 1947, Berlin 1947, S. 104. 130 Vgl. Hühner, Konsens, S. 17. 44 Christoph Kleßmann gleichen Quelle gab es zu diesem Zeitpunkt nur noch 207 876 Arbeitslose.'?! Dieser vergleichsweise effektiven Politik der Registrierung und Lenkung von Arbeitskräften standen andererseits viele Hindernisse entgegen. Dazu gehörten neben den völlig unzureichenden Wohnbedingungen besonders in den Städten, der Zerstörung des Verkehrssystems und der chaotischen Demontagepolitik auch die spezifischen Probleme einer sozialpolitisch motivierten Einbeziehung von Heimkehrern, Kriegsversehrten und zum Teil auch Umsiedlern in den Arbeitsprozeß. An der Politik der Einfrierung der Löhne(mit einem Gewirr von Tarifordnungen) hielt die SMAD bis zum Frühjahr 1947 prinzipiell fest. Neben Sonderregelungen für die Reichsbahn und den Bergbau bot aber auch die Möglichkeit, Tarife zu reduzieren, wenn die Arbeitsproduktivität unter den Durchschnitt sank, gewisse Ansatzpunkte zur Flexibilisierung.'”? Insofern wurde eine konsequente Lohnstopp-Politik bereits lange vor dem entsprechenden grundlegenden Befehl Nr. 234 vom Oktober 1947 durchlöchert.!® Trotz des restriktiven Rahmens konnten aber auch Gewerkschaften und Betriebsräte in den ersten Nachkriegsjahren häufig günstigere Effektiviöhne durchsetzen. Betriebsvereinbarungen und veränderte Einstufungen in Ortsklassen und Lohngruppen boten dafür die Instrumente.‘* So blieb das tatsächliche Gewicht von Arbeitszeit und tariflichen Lohnregelungen- einschließlich einiger deswegen entstandener Fälle von Streiks'®*— insgesamt sehr begrenzt. Denn angesichts fortschreitender Entwertung der Reichsmark und rasant sich verschlechternder Versorgung, angesichts permanenter Unsicherheiten durch Demontagen und wegen Schwierigkeiten der Materialzulieferungen erhielten betriebliche Arbeitsplätze, selbst wenn sie hinsichtlich geregelter Arbeitsbedingungen häufig fiktiv waren, eine neue alltagsgeschichtliche Dimension: Naturallöhne, Organisation von Kompensationshandel und betriebliche Essensversorgung, wie kärglich auch immer, reJativierten das ohnehin kaum durchschaubare Gestrüpp von alten und neuen Regelungen. Hinzu kamen die katastrophalen Auswirkungen des ungewöhnlich kalten Winters 1946/47 und eine Dürreperiode im Sommer 1947 mit schweren Mißernten. So zeichnete sich im Jahr 1947 eine tiefe Krise ab, die sich mit Instrumenten des ohnehin nicht konsequent durchzuhaltenden Preis- und Lohnstopps nicht mehr bewältigen ließ. Der Befehl Nr. 234 versuchte daher den gordischen Knoten mit einem neuen Anlauf zu einer auf Anreiz und Sanktionen ausgerichteten Lohn- und Sozialpolitik zu durchschlagen. IV. POLITISCHE PLANUNGEN UND DIE»MÜHEN DER EBENE« 1. Pläne der Exil-KPD, Antifa und»Sektierer« Planungen über die künftige Behandlung eines besiegten und besetzten Deutschlands haben die Alliierten frühzeitig entwickelt. Dabei konnte deutschen Emigranten unter Um131 Arbeit und Sozialfürsorge 1, 1946, S. 50; Geschäftsbericht des FDGB 1946, S, 120. 132 Hübner, Konsens, S. 19. 133 Zank, S. 130 f.; Jahrbuch Arbeit und Sozialfürsorge, S. 105. 134 Zank, S. 130. 135 Nach der Streikordnung des FDGB sollte das Streikrecht»im Kampf gegen das kapitalistische Unternehmertum und die Begleiterscheinungen der kapitalistischen Verhältnisse« angewandt werden. Geschäftsbericht des FDGB 1946, S. 37. Die Reichweite war damit prinzipiell stark eingeengt. Gleichwohl gab es in den ersten Nachkriegsjahren nicht nur in Privatbetrieben, sondern auch in den VEB etliche Fälle von kurzen Arbeitsniederlegungen. Zumeist handelte es sich um Konflikte wegen Betriebsvereinbarungen und Tariffragen. Das Risiko war durchweg hoch, weil sich zumeist sofort die SMA-Vertreter einschalteten. Mehrere Hinweise finden sich in den Akten der IG Metall SAPMO-BArch, DY 34/11/859/3505. Die stilisierte Klasse 45 ständen eine wichtige Rolle zufallen. Details zum Umbau und Wiederaufbau Deutschlands ließen sich aber erst festlegen, wenn vor Ort genauere Informationen vorlagen, Insofern trugen politische Pläne im Exil durchweg einen stark vorläufigen und allgemeinen Charakter. Überdies gab es keine Einheitlichkeit in der Planungsarbeit. Nicht nur standen Alternativen zur Diskussion, auch die politische Entscheidungsbildung verlief unterschiedlich und war von differierenden Interessen geprägt. Für die USA sind diese differierenden Vorstellungen seit langem bekannt!*, für die Sowjetunion haben neuzugängliche Quellen das Bild zumindest deutlich verändert.»Der Stalinismus«, hat Norman Naimark festgestellt,»war entgegen gängigen Vorstellungen keine perfekt funktionierende, hierarchisch organisierte Diktatur, die Staat und Gesellschaft voll unter Kontrolle hatte. Stalin war zweifellos ein Diktator, aber einer, der sich zu dieser Zeit kaum äußerte; wenn es geschah, dann mit Absicht vieldeutig, so daß seine Anweisungen in unterschiedlicher Weise interpretiert werden konnten.«'?” Diesen grundsätzlichen Einwand sollte man sich vor Augen halten, wenn man nach dem politischen Gewicht der inhaltlich relativ eindeutigen und klaren Konzeptionen der Exil-KPD fragt. Zwar waren alle Besatzungsmächte auf die Landes- und Ortskenntnisse deutscher Berater angewiesen, aber sie waren weder an deren Vorschläge gebunden noch ließen sie sich in grundsätzlichen Entscheidungen in der Regel von diesen nachhaltig beeinflussen. Das galt für die Sowjetunion und ihre Deutschiandpolitik noch stärker als für die Westalliierten. Einige allgemeine Planungen der Exilführung der KPD in Moskau sind seit langem publiziert.'® Nach der Öffnung der Archive lassen sich die Einzelheiten genauer erfassen.!?” Dennoch bleibt die Frage nach ihrem tatsächlichen Stellenwert schwer zu beantworten. Die Antinomie von Besetzung und Befreiung galt für die SBZ noch härter als für die Westzonen, auch wenn die öffentliche Rhetorik ganz anders lautete. Das mußten gerade Vertreter der Arbeiterbewegung, auch Kommunisten, oft bitter erfahren.‘ Das zentralistische und an bestimmten ideologischen Axiomen orientierte Politikverständnis der sowijetischen Besatzungsmacht zeigte andererseits eine breite Zone der Übereinstimmung mit der KPD, so daß hier deren ausgearbeitete Pläne eine beträchtliche Orientierungsfunktion besaßen, Generell ist die Sozialgeschichte der frühen Nachkriegszeit in der SBZ nachdrücklich von dieser Spannung zwischen Planungen, Erwartungen und Hoffnungen einerseits und oft unkoordinierten Eingriffen von oben, Exzessen, Widersprüchlichkeiten und Überraschungen in der politischen und sozialen Praxis andererseits geprägt. 136 Vgl. Wolfgang Krieger, Die amerikanische Deutschlandplanung. Hypotheken und Chancen für einen Neuanfang, in: Hans-Erich Volkmann(Hrsg.), Ende des Dritten Reiches- Ende des Zweiten Weltkriegs, München 1995, S. 25-50. Vgl. zusammenfassend Roff Steininger, Deutsche Geschichte seit 1945, Bd. 1, erw. Neuausg., Frankfurt/Main 1996, Kap. 1. 137 Einleitung zu Bonwetsch, S. XIL. 138 Vgl. Horst Laschitza, Kämpferische Demokratie gegen Faschismus. Die programmatische Vorbereitung auf die antifaschistisch-demokratische Umwälzung in Deutschland durch die Parteiführung der KPD, Ost-Berlin 1969. Als umfassende Analyse immer noch wichtig: Arnold Sywottek, Deutsche Volksdemokratie. Studien zur politischen Konzeption der KPD 1935-1946, Düsseldorf 1971. 139 Vgl. dazu die Dokumentation von Pezer Erler/Horst Laude/Manfred Wilke(Hrsg.),»Nach Hitler kommen wir«. Dokumente zur Programmatik der Moskauer KPD-Führung 1944/45 für Nachkriegsdeutschland, Berlin 1994. 140 Deutscher, S. 123 f., schreibt dazu:»Ein kommunistischer Arbeiter, der in den Konzentrationslager der Nazis unvorstellbare Grausamkeiten erdulden mußte, sagte mir, nachdem betrunkene Soldaten seine Frau vergewaltigt und sein Haus verwüstet hatten:»Das ist eine tragische Erfahrung gewesen. Aber soll ich dem Ideal, dessentwegen ich in die Konzentrationslager der Nazis ging, abschwären, weil betrunkene russische Soldaten mir und meinen Nachbarn Unrecht taten? Diese betrunkenen Soldaten haben letzten Endes die russische Revolution gerettet. Und ich bleibe der russischen Revolution trotz allem treu.« 46 Christoph Kleßmann Die Exil-KPD hatte seit 1943 verschiedene, umfangreiche programmatische Konzepte für den Wiederaufbau, die»antifaschistisch-demokratische Umgestaltung«, entwickelt. Sie waren in den Grundzügen mit den sowjetischen Genossen abgestimmt oder antizipierten sowjetische Wünsche. Sie stellten zugleich Elemente einer internationalen kommunistischen Nachkriegsplanung dar, für die es zumindest einige generelle Eckwerte gab.!'# In diesen Plänen spielten die Gewerkschaften eine herausgehobene Rolle. Zwar war vom kommunistischen Politikkonzept her klar, daß die Partei die Führungsfunktion besaß; das volksdemokratische Modell in seiner Frühphase ließ diese jedoch noch nicht offen erkennen, und die tatsächliche politische Machtverteilung wurde bewußt kaschiert.'? Für die Breitenwirkung programmatischer Verlautbarungen in einer noch unübersichtlichen Aufbausituation kam daher den Gewerkschaften als Vermittlern eine Schlüsselrolle zu. 1944 stand das Konzept der»kämpferischen Demokratie« als Leitvorstellung für die Neuordnung im Zentrum der KPD-Planungen. Parteien waren zunächst noch nicht vorgesehen. Eine aus 20 Personen bestehende Arbeitskommission sollte die wichtigsten Grundsatzfragen klären und sicherstellen, daß die KPD die entscheidende Rolle auch in der Gewerkschaftsbewegung haben würde.»Der Wiederaufbau der Gewerkschaften ist von erstrangiger politischer Bedeutung«, resümierte Hermann Matern in einer Diskussion der Arbeitskommission.»Die Gewerkschaften sind eine entscheidende Transmission der Partei in der Arbeiterklasse. Im Kampf um die Gewinnung der Arbeiterklasse ist die Gewerkschaftspolitik der Partei von groBer Bedeutung. Die dem Stand der Entwicklung der gewerkschaftlichen Aufgaben entsprechenden Organisationsformen sind Industrieverbände mit Berufsgliederung(ein Betrieb— cin Verband) auf einheitlicher Grundlage. Auf die Verhinderung der Spaltung müssen die größten Anstrengungen gemacht werden.«'* Nach außen hin sollte aber, um die Funktionsfähigkeit einer Massenorganisation sicherzustellen, die parteipolitische und konfessionelle Neutralität sowie»demokratischer Zentralismus mit weitgehender innerorganisatorischer Demokratie und Toleranz« propagiert werden.!# Ulbricht forderte zudem ausdrücklich einen Beitrag der Gewerkschaften zur Umerziehung der Arbeiterklasse und warnte davor, sich allein auf die Vertreter der alten Verbände zu stützen. Vielmehr gehe es um»neue Kader aus der Jugend«.'%5 Zu Recht haben Laude und Wilke in ihrer eingehenden Analyse der kommunistischen Gewerkschaftsprogrammatik hervorgehoben, daß diese sowohl im Verhältnis zu den Sozialdemokraten als auch in Einzelfragen wie der Stellung zum Streik»ausgesprochen taktische Züge« besaß.'*% Das implizierte noch keine präzise Vorstellung vom künftigen Staat, wohl aber von der Schlüsselposition der KPD als Staatspartei und einer völlig veränderten Aufgabenstellung der Gewerkschaften. In den vermutlich von der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee ausgearbeiteten‘?»Richtlinien für die Arbeit der deutschen Antifaschisten in dem von der Roten Armee besetzten deutschen Gebiet« vom 5. April 1945 traten die gesamten weiterreichenden und grundsätzlichen Exilplanungen denn auch zunächst deutlich hinter die unmittelbaren Tagesaufgaben, vor allem 141 Vgl. Erler/Laude/ Wilke, S. 41 ff. 142 Trotz skeptischer Gesamteinschätzung hoffte die KPD-Führung darauf, daß»durch Kriegserlebnis und Zusammenbruch eine gewaltige Radikalisierungswelle hohe Wogen schlagen« werde. So Hermann Matern in einem Referat im Juni 1944, abgedr. ebd., S. 200. 143 Ebd., S. 207. 144 Ebd., 5. 200. 145 Zit. nach Horst Laude/Manfred Wilke, Die Pläne der Moskauer KPD-Führung für den Wiederaufbau der Gewerkschaften, in: Klaus Schroeder(Hrsg.), Geschichte und Transformation des SED-Staates, Berlin 1994, S. 27-51, hier: S. 41. 146 Ebd, 147 Ebd,, S. 49. Die stilisierte Klasse 47 dem mit Nachdruck geforderten Aufbau von Verwaltungen, zurück, An der Spitze der detaillierten Richtlinien standen verschiedene Informations- und Propagandamaßnahmen zur Beschleunigung der Kapitulation und zur»politisch-moralischen Ausrottung des Nazismus« sowie Forderungen nach Wiederherstellung der Ordnung und der Sicherung einer notdürftigen Ernährung. Um dieses Ziel zu erreichen, waren so schnell wie möglich Bürgermeister und Kommunalverwaltungen zu ernennen. Für die Personajlauswahl sollte ein Personalamt zuständig sein, geleitet von einem Genossen,»der in den letzten Jahren außerhalb Deutschlands als antifaschistischer Funktionär gearbeitet hat«.'% Für die Betriebe sollte die Abteilung für Gewerbe, Handwerk und Handel in der Verwaltung zuständig sein. Ihr unterstanden auch die Betriebsausschüsse von Arbeitern und Angestellten.»Ihre Aufgabe ist die Steigerung der Produktion und Sicherung der Arbeitsdisziplin, antifaschistische Umerziehung der Belegschaft, Vereinbarung der Arbeitsbedingungen im Rahmen der allgemeinen Anweisungen der Stadtverwaltung, soziale Fürsorge. Nachdem sich im Betrieb antifaschistische Kräfte herausgebildet haben, werden betriebliche Gewerkschaftsgruppen organisiert.«!“* Mit dieser Prioritätensetzung waren wichtige Eckdaten für die Entwicklung der Arbeiterbewegung vorgegeben. Diese Schwerpunkte galten auch nach der Kapitulation und der Einrichtung der SMAD. In den Grundzügen entsprach die praktische Politik diesen Zielsetzungen. Sie stieß dabei jedoch auf mannigfache Schwierigkeiten. Zwei Probleme treten in den zeitgenössischen internen Quellen, aber auch in öffentlichen Verlautbarungen immer wieder hervor; die Konflikte mit den»Sektierern« und die Skepsis gegenüber der SPD, deren traditionelle Stärke im Gewerkschaftsbereich als Hindernis für den gewünschten Umbau angesehen wurde, Neue russische Quellen bestätigen zwar die erheblichen Eigenmächtigkeiten der regionalen sowjetischen Kommandanten, die anfangs zu einem chaotischen Erscheinungsbild sowjetischer Politik führten, sie zeigen aber auch die Entschlossenheit,»Sektierer« konsequent auszuschalten und für die yrichtige« Gewerkschaftspolitik zu sorgen. Das schloß harsche interne Kritik der Sowjets an taktischen Fehlern der KPD bzw. SED ein.'“ Einer der Gründe, rigoros gegen alle»Sektierer« vorzugehen, war die ausdrücklich gewünschte Priorität für den schnellen Aufbau von Verwaltungen und die Wiederherstellung zweier separater Arbeiterparteien. Alle spontanen Initiativen und alternativen Organisationsmodeile standen diesem Ziele im Wege, weil sie nicht ohne weiteres zu kontrollieren waren. In den Westzonen gab es ähnliche Prioritäten!®!, und die Notlage im zerstörten Deutschland sprach auch durchaus dafür. Ein Minimum an Kontinuität kommunaler und regionaler Verwaltung konnte am ehesten zur Lösung der drängenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme beitragen. Aber während Amerikaner und Briten eher- meist konservativen— Sachverstand bevorzugten, sorgten die SMAD und die KPD für eine stärker politische Absicherung zumindest aller wichtigen Verwaltungsposten. Dabei trat nach außen oft nicht in Erscheinung, wer die Fäden in der Hand hielt. Nach dem Stellvertreterprinzip wurden Bürgermeisterposten häufig mit Bürgerlichen besetzt, die Stellvertreter und Leiter der Personalabteilung aber waren 148 Erler/Laude/Wilke, S. 383. 149 Ebd., S. 384. 150 Vgl. das Memorandum des Stellvertreters des Obersten Chefs der SMAD für Zivilangelegenheiten[. Serov für L. Berija über die Lage in Thüringen und Sachsen nach dem Abzug der US-Truppen vom 9. 7, 1945, in: Bonwetsch, S. 11 f. Scharfe Kritik an der SED übte der Lagebericht Tjul'panovs vom 16./17. September 1946, ebd., S. 71-92, bes. S. 76. 151 Vgl. Lutz Niethammer/Ulrich Borsdorf/Peter Brandt(Hrsg.), Arbeiterinitiative 1945. Antifaschistische Ausschüsse und Reorganisation der Arbeiterbewegung in Deutschland, Wuppertal 1976, S. 644 ff, 48 Christoph Kleßmann meist KPD-Leute. Ulbrichts oft zitierter Satz gehört in diesen Kontext:»Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.«'°? Der erste Schritt nach der Kapitulation war die Installierung von 70 kommunistischen deutschen Emigranten aus Moskau und ca. 300 ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen, die antifaschistische Schulungen im»Nationalkomitee Freies Deutschland« {(NKFD) absolviert hatten.” Eines der Hauptargumente, mit dem die an zahlreichen Orten spontan entstandenen antifaschistischen Komitees(Antifa) in der SBZ aufgelöst wurden, war der Hinweis, die besten Antifaschisten sollten in den Verwaltungen mitwirken und die politische und ideologische Arbeit der Parteien, die anfangs noch nicht zugelassen waren, übernehmen.'** Dahinter steckte aber vor allem ein ausgeprägtes Mißtrauen und das Bedürfnis nach politischer Kontrolle. Insbesondere Ulbricht zeigte eine tief verwurzelte Abneigung gegen jede Eigeninitiative an der Basis. Seine abfällige Bemerkung von der»Rummurkserei mit der Antifa«!5$ belegt diese Aversion. Antifas ebenso wie»Sektierer«, die beide in verschiedensten Erscheinungsformen auftraten, zeigten, daß die Rote Armee und die in ihrem Auftrag tätigen Initiativgruppen der KPD keineswegs nur auf eine apathische und politisch willenlose deutsche Bevölkerung stießen, sondern sich mit vielfältigen bodenständigen Aktivitäten im Umbruch auseinanderzusetzen hatten. Diese waren ganz überwiegend im linken, KPD-nahen Spektrum anzusiedeln, warteten aber als Basisinitiativen keineswegs ohne weiteres auf ein Kommando von oben. Die Antifas lassen sich kaum generalisierend erfassen und charakterisieren. Sie bildeten ein typisches Phänomen der Umbruchphase vor und nach der Kapitulation.'%° Ihre Organisationsstrukturen reichten von lockeren Zusammenschlüssen der Nachbarschafts- und Selbsthilfe bis zu stadtteilbezogenen Organisationsnetzen mit klaren Aufgabenverteilungen und Informationsblättern. Viele entwickelten sich aus Widerstandsgruppen, deren Organisationskerne vor allem aus Kommunisten bestanden und sich nach der Besetzung um Sozialdemokraten und bürgerliche Vertreter erweiterten. Andere entstanden ohne solche politischen Verbindungen zum Widerstand. In Größe, sozialer und politischer Zusammensetzung schwankten die Gruppen von einem Dutzend bis zu mehreren Hundert Aktiven und Tausenden von Sympathisanten.»Diese Gruppen«, hieß es in einem zusammenfassenden amerikanischen Geheimdienstbericht vom 30. Juni 1945,»sind ein Ausdruck der aktivsten Kräfte im politischen Leben Deutschlands— Kräfte, die wir entweder unterdrücken oder uns zunutze machen können.«'*7 So breit und vielfältig das Spektrum insgesamt war, so eindeutig belegen alle Quellen das Übergewicht der Linken. Darüber hinaus läßt sich auch eine ausgeprägte Kontinuität von kommunistischen Kadern feststellen. Insbesondere die von Moskau zumindest locker gesteuerten, zum Teil aber auch unabhängig entstandenen NKFD-Gruppen spielten eine herausragende Rolle.'%® Keinesfalls lassen sich die Antifas insgesamt, wie 152 Wolfgang Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder, Köln 1955, S. 365, 153 Naimark, S. 319 f. 154 Ebd,, 8. 327. Dieses Argument ist in einschlägigen DDR-Arbeiten immer wieder nachdrücklich betont worden. Vgl. Günter Benser, Die KPD im Jahre der Befreiung, Ost-Berlin 1985, S. 109 f. 155 Protokoll der Beratung mit Parteileitern der KPD der Provinz Brandenburg vom 27. 6. 1945, in: Walter Ulbricht, Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Aus Reden und Aufsätzen(1933-1946), Bd. 2, Zusatzband, Ost-Berlin 1966, S. 233. 156 Vgl. dazu neben Nierhammer den zusammenfassenden Aufsatz von Günter Benser, Antifa-Ausschüsse— Staatsorgane— Parteiorganisation. Überlegungen zu Ausmaß, Rolle und Grenzen der antifaschistischen Bewegung am Ende des Zweiten Weltkrieges, in: ZfG 26, 1978, S. 785-802. 157 Ulrich Borsdorf/Lutz Niethammer(Hrsg.), Zwischen Befreiung und Besatzung. Analysen des US-Geheimdienstes über Positionen und Strukturen deutscher Politik 1945, Wuppertal 1976, S. 115. 158 Besondere Bedeutung hatte hier die NKFD-Gruppe in Leipzig. Vgl. dazu außer der erwähnten Literatur Henke, S, 702-714. Die stilisierte Klasse 49 es die DDR-Historiographie darstellte, als Vorstufe der zielgerichteten Arbeit der aus Moskau eingeflogenen Initiativgruppen und der KPD vor und nach der Wiederzulassung von Parteien interpretieren. Günter Benser hat insgesamt rund 500 Ausschüsse in Deutschland ermittelt, die überwiegend in den Monaten Mai und Juni agierten.'® Ihr Aktionsradius war unterschiedlich und nicht zuletzt aufgrund der restriktiven Politik aller Besatzungsmächte im wesentlichen auf die Umbruchphase beschränkt. Ihr tatsächHches politisches Gewicht ist schwer zu bestimmen, da die meisten schnelt verboten wurden oder sich freiwillig in Partei- und Gewerkschaftsgruppen oder auch in die eingesetzten Kommunalverwaltungen integrieren ließen. Unter zwei Aspekten sind die Antifas als Teil der Arbeitergeschichte historisch bedeutsam: Erstens repräsentierten sie die schmale Traditionslinie einer versuchten, wenn auch in der Regel erfolglosen Selbstbefreiung. Erfolgreich waren viele zumindest in ihrem Bemühen, im Übergang vom Nationalsozialismus zur alliierten Besatzung weitere Zerstörungen und Blutopfer zu verhindern, indem techtzeitig Kapitulationssignale ausgesandt wurden. Zweitens zeigte sich in den Antifas zumindest partiell ein begrenzt eigenständiges linkes politisches Potential, das keineswegs auf der Linie der Pläne der Exil-KPD und auch der SMAD lag.»Insgesamt stellt sich die Antifa-Bewegung als eine Durchgangsstufe im Aufbau der Arbeiterbewegung dar«, hat Lutz Niethammer resümiert,»die mit der Regeneration der Subkultur die Handlungs- und Organisationsfähigkeit der Arbeiter erst wieder vorbereitete, Die auf dieser Grundlage entwickelten Ansätze- Doppelherrschaftsorgane, Einheitspartei, zentrale Einheitsgewerkschaft— hatten die Einheitsperspektive und den Aufbau von unten als Strukturmerkmale gemeinsam.«199 Sich über die in den zeitgenössischen Berichten immer wieder auftauchenden»Sektierer« ein einigermaßen genaues Bild zu verschaffen, ist äußerst schwierig. Es gab sie 1945 Offenbar massenhaft, und für die linientreue KPD-Führung stellten sie ebenso ein höchst unerfreuliches Problem dar wie für die politische Führung der SMAD und das ZK in Moskau.»Sektierer« waren zwar strenggenommen eher ein Gegenpol] zu den auf breite Kooperation ausgerichteten Antifas, und sie stellten durch ihre Abweichung von der geplanten politischen Linie der KPD deren Etappenkonzept in Frage, indem sie bereits radikalsozialistische und kommunistische Vorstellungen proklamierten und praktizieren wollten. Bisweilen waren hier die Grenzen aber fließend. Wenn Klaus-Dietmar Henke zu Recht festgestellt hat, daB der Zusammenstoß der amerikanischen Militärregierung mit dem enorme Dynamik entfaltenden NKFD in Leipzig unausweichlich war'®!, so gilt das in anderer Weise für die SMAD und die»Sektierer« nicht minder, So schwammig der Begriff war und blieb, so offenkundig war die Sorge vor den Sektierern. Sie bildete ein wesentliches Motiv für die Wiedergründung der KPD, um so in den eigenen Reihen für ideologische Ordnung sorgen zu können, bevor ein Zusammenschluß mit den Sozialdemokraten begonnen werden sollte. Es gibt bisher— anders als bei den Antifas— keinen Versuch einer zusammenfassenden Darstellung und Analyse dieser in der politischen Orientierung durchaus heterogenen Gruppen. Sie selber hinterließen wenige Spuren, wurden aber von ihren Gegnern als ideologische Ketzer scharf verfolgt. Viele Hinweise stammen aus Erinnerungen, die derartige Erscheinungen als zeitweilige ideologische Verirrungen darstellen, bis die Überzeugungsarbeit der KPD den»richtigen Weg« wies,'*? Am 7. Mai 1945 berichtete Ar159 Benser, Antifa-Ausschüsse, S. 787. 160 Niethammer/Borsdorf/Brandt, Arbeiterinitiative, S, 714, 161 Henke, S. 712. 162 So etwa Orto Gotsche, Lehr- und Arbeitsjahre, in: Sinn und Form 27, 1975, S, 250-265, hier: S. 254; Benser, KPD, S. 126 f. Vgl. auch Dietrich Staritz, Die Gründung der DDR. Von der Sowijetischen Besatzungsherrschaft zum sozialistischen Staat, München 1984, 5. 78 f. 50 Christoph Kleßmann thur Pieck an seinen Vater in Moskau von einer»internationalen Miliz« in Spandau, einem»Arbeiter- und Soldatenrat« in Wittenau, einer»Internationalen Kommunistischen Partei« in Wilmersdorf.'®»Sektierer« rekrutierten sich häufig aus Mitgliedern der früheren linken Abspaltungen von KPD und SPD, insbesondere der»Sozialistischen Arbeiterpartei«(SAP) und der KPD-Opposition(KPO). Unter den zahlreichen Beispielen sticht die am 7. Juli 1945 in Eisleben ins Leben gerufene»Partei der Werktätigen« wegen ihrer Größe hervor. Ihrem Vorstand gehörten fünf Kommunisten und vier Sozialdemokraten an, und sie soll es auf etwa 10 000 Mitglieder gebracht haben. In Coswig erschienen einige Nummern einer»Roten Fahne«, die einen deutschen Sowjetstaat propagierte. KPD-Führer in anderen Orten bezeichneten sich als»Kommissare« und ließen überall Rot flaggen.!** Massive Probleme gab es im Zwickauer Bergbaurevier. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Zeche»Gottessegen« in Oelsnitz forderte auf allen Betriebsratssitzungen»Alle Macht den Räten!«. Bis Ende 1945 habe sich der»Kampf der Partei und der Gewerkschaft gegen die Auswüchse des Sektierertums und des Opportunismus« hingezogen, heißt es in einer Untersuchung zur Geschichte der Zwickauer Bergarbeiter,»weil sich ihre Vertreter bei den Kumpels durch verschiedene Maßnahmen eine Basis geschaffen hatten«.!®° Besonders schwierig war aus sowjetischer Sicht die Situation in Berlin.»Es ist schwer«, stellte ein politischer Lagebericht Tjul’panovs vom September 1946 fest,»über das Sektierertum unter den Kommunisten im Ganzen etwas zu sagen, aber in der Berliner Organisation rechnet man, daß ungefähr 10 Prozent so unzufrieden sind, daß sie bereit sind, zu anderen Gruppen überzugehen und mit der SED zu brechen.«'®% Die Probleme mit den»Sektierern« begrenzten sich nicht auf die ersten beiden Nachkriegsjahre. Was sich änderte, waren die Methoden ihrer Verfolgung im Zeichen der offenen Stalinisierung. Zu den schlimmsten Beispielen gehörte die Verhaftung Alfred Schmidts, der in Erfurt die größte KPO-Gruppe führte, im Herbst 1948 vom MWD verhaftet und zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil wurde dann zu 25 Jahren Haft umgewandelt, von denen Schmidt acht Jahre in Bautzen absitzen mußte,'“ 2. Gewerkschaftsaufbau im Konflikt zwischen Tradition und politischer Instrumentalisierung Neben dem Verwaltungsaufbau und der damit verbundenen Ausschaltung eigenständiger Initiativen von unten gehörte die schnelle zentralistische Rekonstruktion von Gewerkschaften zu den vorrangigen Zielen von SMAD und KPD. Mit der Zulassung von Parteien und Gewerkschaften am 10, Juni 1945'%, wenige Tage nach der Übernahme der vollziehenden Gewalt durch den Kontrollrat und ohne Abstimmung mit den west163 Benser, KPD, S. 96. 164 Ebd., S. 122 f.; Nabmark, 5. 322 f. 165 Heinz Stützner, Der Kampf der Bergarbeiter des sächsischen Steinkohienreviers für die Errichtung und Festigung der antifaschistisch-demokratischen Ordnung im Osten Deutschlands 1945-1948, Diss. Universität Leipzig 1964(Mschr.), S. 23. 166 Stenogramm des politischen Lageberichts von S. Tjulpanov vom 16./17. 9. 1946, abgedr. in: Bonwetsch, S. 76. 167 Ebd., S. 183 ff.(Memorandum des Chefs der SMA-Verwaltung des Landes Thüringen vom 29. 11. 1948); Mario Keßler, Zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie, zwischen Ost und West. Die marxistischen Kleingruppen auf dem Weg in die deutschen Nachkriegsgesellschaften, in: Arnd Bauerkämper/Martin Sabrow/Bernd Stöver(Hrsg.), Doppelte Zeitgeschichte, DeutschDeutsche Beziehungen 1945-1990, Bonn 1998, S. 251-266, hier: S. 261. Vgl. auch Kein, S. 142 ff. 168 Text in: Um ein antifaschistisch-demokratisches Deutschland. Dokumente aus den Jahren 1945-1949, Ost-Berlin 1968, S. 54 f. Die stilisierte Klasse 51 lichen Verbündeten, war die Sowjetunion in ihrer Zone vorgeprescht, Diese Zulassung gehörte durchaus zu den positiven Überraschungen, da man in ganz Deutschland zunächst von einem noch länger andauernden Verbot zumindest politischer Parteien ausging. Daß andererseits erneut zwei separate Arbeiterparteien wiederentstehen sollten, irritierte viele Kommunisten und Sozialdemokraten, die in der ersten Phase noch vom Einheitsdrang beseelt waren und praktische Formen von Einheit in betrieblichen Komitees und Ausschüssen häufig auch realisierten. In den Betrieben gab es ähnlich wie in den Westzonen Vorformen gewerkschaftlicher Vertretungsorgane, die sich meist aus früheren Gewerkschaftern oder Betriebsräten zusammensetzten. In anderer Weise bestand daher auch hier das strukturelle Problem der »Sektierer«, die sich nicht ohne weiteres zentral kontrollieren ließen. Die Durchsetzung der Anleitung»von oben« dauerte daher in den mittleren und unteren Ebenen viel länger und verlief konfliktreicher als von den politischen Führungsgremien geplant. Das macht die frühe Gewerkschaftsgeschichte der SBZ trotz zielstrebiger Politik der KPD zu einem ebenso unübersichtlichen wie interessanten Untersuchungsfeld. Die organisatorische Entwicklung bildet einen scharfen Kontrast zu den Westzonen, wo die Allierten strikt darauf achteten, daß alles langsam und»von unten nach oben« geschah,'® In der SBZ bestand das Problem, für die schnell geschaffene Spitze einen Unterbau auf‘ lokaler und betrieblicher Ebene zu schaffen. Die traditionelle Ortsgruppenstruktur ließ sich noch am ehesten von oben her organisieren, In den Betrieben aber stieß die Etablierung von Gewerkschaftsgruppen häufig auf schon bestehende selbsternannte Betriebsausschüsse und Betriebsräte, die ihrerseits zum Teil auch durch die SMAD legitimiert worden waren. Siegfried Suckut hat diese Konstellation eingehend untersucht und gezeigt, wie vielfältig die betriebliche Organisationsszene im Umbruch und in den ersten Nachkriegsjahren aussah. 17° Dennoch wäre es falsch, durchweg von einer starken Polarisierung zwischen betrieblichen Vertretungen und neu zu schaffenden oder auch schon vorhandenen betrieblichen Gewerkschaftsgruppen auszugehen und in dieser Konstellation Umrisse einer relativ autonomen Arbeiterselbstverwaltung zu vermuten. Analog zur Arbeitergeschichte in den Westzonen wird man auch hier eine viel nüchternere Bilanz ziehen und insofern Suckuts materialreiche Studie relativieren müssen,'”' Zum einen gab es ein häufiges Nebeneinander von Betriebsräten und Betriebsgewerkschaftsleitungen, ohne daß den Belegschaften der Unterschied überhaupt bewußt war oder beide funktional deutlich getrennt waren, Zum anderen sind Betriebsräte ebenso wie Gewerkschaften in der Zusammenbruchsgesellschaft als ein wichtiges Element der Organisation des Überlebens zu verstehen. Sie betrieben wenig Politik, boten aber viel Hilfestellung im Alltag. Eben darin lag ihre Attraktivität und relative Stärke begründet. Schließlich waren Betriebsräte ohne Unterstützung der Gewerkschaften in der Wahrnehmung ihrer regulären Aufgaben ohne Schulung auf Dauer machtlos und ineffizient. Insofern blieben beide aufeinander angewiesen, Die Organisationsgeschichte des FDGB bietet an der Spitze ein klar konturiertes Bild, das von zielstrebiger Sicherung von Schlüsselpositionen und Gremienmehrheiten durch die Kommunisten bestimmt ist. Die SMAD initiierte diese Politik oftmals oder stützte sie durch massive Eingriffe ab. In Berlin wurden die ersten Weichen gestellt, Schon vor der offiziellen Zulassung von Parteien und Gewerkschaften hatten sich am 2. Juni 1945 169 Vgl. Kleßmann, Staatsgründung, S. 128 f. 170 Siegfried Suckut, Die Betriebsrätebewegung in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands (1945-1948), Frankfurt/Main 1982. 171 Vgl. Martin Rüther, Zwischen Zusammenbruch und Wirtschaftswunder. Betriebsratstätigkeit und Arbeiterverhalten in Köln 1945 bis 1952, Bonn 1991. 52 Christoph Kleßmann auf Initiative Ulbrichts(mit sowjetischer Unterstützung) Vertreter der früheren Richtungsgewerkschaften getroffen und einen vorläufigen Gründungsausschuß ins Leben gerufen.'? Ulbricht legte hier bereits einen Vorschlag für die personelle Zusammensetzung und den Entwurf eines Gründungsaufrufs vor. Die kommunistischen Vertreter wünschten den früheren RGO-Funktionär Roman Chwalek als Vorsitzenden, die übrigen hatten sich auf den ehemaligen ADGB-Funktionär Hermann Schlimme(SPD) geeinigt. Der Kompromiß bestand schließlich in der Wahl von Otto Braß, einem SPD-Mitglied, der jedoch vermutlich bereits zu diesem Zeitpunkt zur KPD übergewechselt war. Nach zähen Verhandlungen kam auch ein veränderter Text für den Gründungsaufruf zustande, der keine ausdrückliche Verurteilung des Versagens der ADGB-Führung am 1. Mai 1933 mehr enthielt und ebenso auf den von der KPD ausdrücklich gewünschten »tiefen Dank an die Rote Armee« sowie auf die Rechtfertigung sowjetischer Demontagen verzichtete.!’? Dieses Gremium konstituierte sich am 14. Juni als»Vorbereitender Gewerkschaftsausschuß für Groß-Berlin« und fungierte fortan de facto als Spitze des FDGB. Die acht Gründungsmitglieder waren Otto Braß(Vorsitzender, SPD/KPD), Roman Chwalek (RGO/KPD)»), Pau! Walter(RGO/KPD), Hans Jendretzky(KPD), Hermann Schlimme (ADGB/SPD), Bernhard Göring(AfA/SPD), Jakob Kaiser(Christliche Gewerkschaften/CDU), Ernst Lemmer(Hirsch-Dunckersche/CDU).'”* Die Legitimation der Gewerkschaftsführung sollte der Gründungskongreß des FDGB für die Ostzone im Februar 1946 bringen, nachdem der Versuch einer überzonalen, gesamtdeutschen Delegiertenversammlung am Veto der Westmächte gescheitert war.!’® Zuvor konstitujerten sich bereits die Landesorganisationen des FDGB und zum Teil auch der Industriegewerkschaften(IG). Die SMAD bestand überall auf formaler»Parität«, was angesichts der zahlenmäßigen Schwäche der KPD auf eine deutliche Benachteiligung von Sozialdemokraten und christlichen Gewerkschaftern hinauslief,!/° Bereits zwischen Juli und September 1945 entstanden überall gewerkschaftliche Landes- und Provinzialvorstände, In vier von fünf Vorständen stellte die KPD den ersten Vorsitzenden, Besonders massiv intervenierte in diesem Zusammenhang die SMA in Sachsen. Dort hatte sich bereits im Mai ein ausschließlich aus früheren ADGB-Vertretern zusammengesetzter Organisationsausschuß gebildet, der nun umgebaut wurde und einen kommunistischen Vorsitzenden erhielt.'”” Ähnlich verlief die Entwicklung in der Provinz Brandenburg. Hier führte sich dann der neue FDGB-Gründungsausschuß bereits im Sommer 1945 so auf, als sei er selbstverständlicher Teil des kommunistischen Machtapparats.'’® Von Brandenburg ging die Initiative zur Vorbereitung des gesamtzonalen Gründungskongresses aus.'” Sie fiel zeitlich bereits in die Phase der forcierten Kampagne für die Vereinigung von KPD und SPD und erhielt damit noch stärker politische Funktionen, als es kommunistischem Gewerkschaftsverständnis ohnehin entsprach. Den Betrieben kam dabei besondere Bedeutung in dieser Kampagne zu, und viele unerfahrene sozialdemokratische Betriebsgruppen ließen sich dafür einspannen.'*° Um das gewünsch172 Ulrich Gill, Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund(FDGB), Opladen 1989, S. 61-64. 173 Ebd., S. 67-70. 174 Horst Bednareck/Albert Behrendt/Dieter Lange(Hrsg.), Gewerkschaftlicher Neubeginn, Dokumente zur Gründung des FDGB und zu seiner Entwicklung von Juni 1945 bis Februar 1946, Ost-Berlin 1975, S. 8-11. 175 Werner Müller, Freier Deutscher Gewerkschaftsbund, in: Broszat/Weher, 3. 630 f. 176 Detlev Brunner, Sozialdemokraten im FDGB, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 46, 1995, $. 41-55, hier: S. 44. 177 Müller, FDGB, S. 630£. 178 Vgl. Kurt Baller, Gewerkschaftlicher Neubeginn in Brandenburg 1945/46, Potsdam 1996, S. 22. 179 Ebd, S. 24. Die stilisierte Klasse 53 te Wahlergebnis für die Delegierten zum Gründungskongreß sicherzustellen, griffen SMAD und KPD zu verschiedenen Methoden der Beeinflussung, von der Veränderung der Wahlkreise bis zu massiven Wahlmanipulationen. So ersetzte in Sachsen der kommunistisch geleitete Wahlausschuß fünfzig gewählte sozialdemokratische Delegierte durch andere, die gar nicht gewählt worden waren. SMA-Offiziere ließen per Befehl ebenfalls Wahlergebnisse einfach ändern.'*! Zudem hatte die KPD entgegen einer ursprünglichen gewerkschaftlichen Absprache an ihre Mitglieder die Losung ausgegeben, nur KPD-Vertreter als Delegierte zu wählen. So kam schließlich eine groteske kommunistische Zweidrittelmehrheit zustande, die nicht annähernd dem Wählerverhalten und den politischen Einstellungen entsprach. Um dieses im Sinne der Einheitsgewerkschaft peinliche Ergebnis zu kaschieren, wurden nachträglich 180 sozialdemokratische und 30 CDU-Mandate zusätzlich verteilt.!8? Das Ausmaß dieser Manipulationen und Fälschungen dürfte damals kaum bekannt gewesen sein, auch wenn es viele Einzelproteste gab.'* So konnte der Gründungskongreß des FDGB vom 9. bis 11. Februar 1946 dann trotz immer wieder beschworener Einheitsappelle einen durchaus sachbezogenen und auch pluralistischen Eindruck vermitteln. Konkrete Probleme wurden diskutiert und Vorschläge für die praktische Arbeit erörtert. Zum reinen Abstimmungsritual war dieser Gründungskongreß noch nicht verkommen.!? Wie die politische Machtverteilung aussah, zeigte sich jedoch unter anderem im Abstimmungsergebnis für den 45köpfigen Bundesvorstand. Ulbricht erzielte die höchste Stimmenzahl. Jakob Kaiser hingegen war, anders als Ernst Lemmer, nicht gewählt worden und wurde, wie das Protokoll vermerkt,»mit Rücksicht auf seine gewerkschaftliche Tradition« als beratendes Mitglied des Vorstandes hinzugezogen.'85 Nach außen hin demonstrierten die drei gewählten Vorstandsvorsitzenden Hans Jendretzky, Bernhard Göring und Ernst Lemmer immerhin die pluralistische Eintracht der neuen Einheitsgewerkschaft. Die Massivität der sowjetischen Eingriffe belegt die Furcht der SMAD vor einer Gewerkschaftsentwicklung, die nicht im kommunistischen Sinne verlaufen könnte und eine starke sozialdemokratische Bastion in der wichtigsten Massenorganisation schaffen würde.»Die Sozialdemokraten entfalten eine energische Tätigkeit und versuchen, sich die Gewerkschaften zu unterwerfen«, stellte ein Bericht des Informationsbüros der SMAD vom 3. November 1945 fest.»Die Sozialdemokraten ziehen die übriggebliebenen Kader der Gewerkschaftsbürokratie an sich und stützen sich auf sie. Diese Kader haben große Erfahrung in der Gewerkschaftsarbeit und genießen Autorität bei einem beträchtlichen Teil der Arbeiter.« Vor allem Hermann Schlimme wurde als gefährlicher Gegner eingeschätzt. Er habe, so behauptete der Bericht,»durch die Engländer von den sozialdemokratischen Emigranten in London schriftliche Anweisungen erhalten« und vertrete eine»englische Orientierung«.!®% In der sowjetischen Wahrnehmung gab es so180 Vgl. Andreas Malycha, Auf dem Weg zur SED. Die Sozialdemokratie und die Bildung einer Einheitspartei in den Ländern der SBZ. Eine Quellendokumentation, Bonn 1995, S. XXVII f. 181 Detlev Brunner, Die Rolle der Sozialdemokraten und der Kommunisten im FDGB 1945 bis 1948, in: Gewerkschaften in der SBZ/DDR 1945 bis 1950. Anspruch und Wirklichkeit, Hannover 1996, S. 24-36, hier: S. 29, 182 Ebd. 183 Ebd.; Müller, S. 633 f. 184 Das gilt auch noch für den 2. FDGB-Kongreß 1947. Bemerkenswert scheint hier auch, daß der cher zum rechten Flügel der SPD zu rechnende Franz Splicdt aus Hamburg als Gastredner eingeladen war. Vgl. Protokoll des 2. Kongresses des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes 1947, hrsg. v. Bundesvorstand des FDGB, Berlin 1947, S. 14 ff. und S. 167 ff. 185 Protokoll des FDGB 1946, S. 211. 186 Bonwetsch, S. 23. Ähnlichen Nachdruck in der Gewerkschaftsfrage zeigt Wilhelm Piecks Notiz über ein Gespräch mit Generalleutnant Bokow, einem der Stellvertreter Schukows vom 25. 9. 54 Christoph Kleßmann mit eine doppelte Gefährdung der Gewerkschaftsentwicklung in der SBZ, so daß eine politische Intervention besonders wichtig schien. Anders als für den FDGB ist die Entwicklung der Industriegewerkschaften bisher noch kaum eingehender untersucht worden.'®’ Auch hier zeigen sich ähnliche Trends wie an der Bundesspitze, Gleichwohl hatte die SED bis 1948 die gewerkschaftliche Personalpolitik noch keineswegs so im Griff wie in späteren Jahren. Sie war zudem für die Besetzung vieler Ressorts auf Fachleute angewiesen, die überwiegend aus der freigewerkschaftlichen Tradition stammten. Noch im Herbst 1947 wählten in Sachsen(sozialdemokratische) Delegierte der IG Metall aus Protest gegen die Politik ihres Zentralvorstandes den kommunistischen Vorsitzenden Paul Peschke nicht wieder. Dieser Protest mußte erst durch eine Wahlmanipulation wieder»korrigiert« werden.!% 3. Betriebsräte und Basisinteressen Größere Schwierigkeiten als bei den Gewerkschaftswahlen tauchten bei der Steuerung der Betriebräte und den Betriebsratswahlen auf. Formell sollte auch hier parteipolitische Neutralität gelten. Tatsächlich aber wurde die parteipolitische Zusammensetzung der Betriebsräte sorgfältig registriert. Das war im übrigen in den Westzonen nicht anders, weil der Konflikt zwischen SPD und KPD unvermeidlich zu einer massiven Politisierung der Betriebsratswahlen führte.'** Die Thüringer Landesverwaltung veröffentlichte am 10. Oktober 1945 das erste Betriebsrätegesetz im besetzten Deutschland, Trotz etlicher Besonderheiten fanden sich dessen Grundzüge dann im Betriebsrätegesetz des Alliierten Kontrollrats vom April 1946 wieder.'” Dieses war eine ausgesprochene Rahmenvereinbarung, die interpretationsfähig war und zonen- und länderspezifisch sehr unterschiedlich ausgefüllt werden konnte. Der spätere Konflikt zwischen Betriebsräten und Betriebsgewerkschaftsleitungen(BGL) läßt sich in den Diskussionen um das Kontrollratsgesetz daher auch schon in der SBZ frühzeitig beobachten.'?! Einige Ergebnisse von Betriebsratswahlen aus den Ländern vermitteln interessante Aufschlüsse darüber, daß trotz großer Anstrengungen noch keineswegs»klare Verhältnisse« im Sinne der SED erreicht werden konnten. In Sachsen als dem industriell wichtigsten Land der Ostzone brachten die im Juli 1946 durchgeführten Wahlen folgende Zahlen: in 20 009 Betrieben mit 1 094 166 Beschäftigten wurden 55 065 Betriebsräte gewählt(davon 39304 Männer, 12275 Frauen, 3486 Jugendliche). Nach parteipolitischer Zugehörigkeit setzten sich die gewählten Betriebsräte folgendermaßen zusammen: SED: 26 808, CDU: 679, LDP: 701, Parteilose: 26 877.'°? 1945 in Karlshorst:»Gewerkschaften schärfste Frage neben Bodenreform— weil Sozialdemokrat. dort reform. bürgerl. Politik—.« Zit. nach Rolf Badstühner/Wilfried Loth(Hrsg.), Wilhelm Pieck— Aufzeichnungen zur Deutschlandpolitik 1945-1953, Berlin 1994, S. 59. 187 Zur IG Bergbau und IG Chemie ist eine Dissertation von Helke Stadtland, Bochum, in Vorbereitung. 188 Detlev Brunner(Hrsg), Der Wandel des FDGB zur kommunistischen Massenorganisation. Das Protokoll der Bitterfelder Konferenz des FDGB am 25./26. November 1948, Essen 1996, 8. 12. 189 Vgl. Christoph Kleßmann, Betriebsparteigruppen und Einheitsgewerkschaft, in: VfZ 31, 1983, S. 272-307. 190 Texte in: Um ein antifaschistisch-demokratisches Deutschland, S. 169 ff.; Kleßmann/Friedemann, S. 103 ff, 191 Vgl. Suckut, 8. 429-440. 192 Undatierter Bericht, Der FDGB im Land Sachsen(Anfang 1947), SAPMO-BArch, DY 34/23188, S. 9 f. Etwas niedrigere Zahlen gibt der Geschäftsbericht des FDGB 1946, S. 158, an. Hier fehlen jedoch selbstverständlich die Hinweise auf die Parteizugehörigkeit Die stilisierte Klasse 55 Tabelle 3: Parteizugehörigkeit der Betriebsräte in der SBZ 1947 Land SED CDU LDP Parteilos Sachsen 26696 618 555 23 348 Sachsen-Anhalt 14 961 328 444 13.364 Thüringen 13.726 64 445 12370 Brandenburg 6472 138 91 7075 Mecklenburg 5880 189 50 5740 Zusammen 67735 1917 1585 61897 (im Vorjahr) 64 460 1582 1409 50 541 Ein Jahr später sahen die(vorläufigen) Ergebnisse für alle fünf Länder(ohne Berlin} nach Angaben der Hauptabteilung Betriebsräte des Bundesvorstandes prinzipiell ähnlich aus: In 52 316 Betrieben mit ca. 2,773 Mill. Beschäftigten wurden über 140 600 Betriebsräte gewählt. Über die parteipolitische Zusammensetzung der Betriebsräte lagen dem Bundesvorstand die in Tabelle 3 versammelten Zahlen vor.!® Der Bericht liefert keinerlei Hinweise zur Erklärung der auffallend hohen Zahlen von parteilosen Betriebsräten, Es ist durchaus möglich, daß sich dahinter auch viele»trojanische Pferde« der Kommunisten verbargen, wie es sowohl aus westdeutschen als auch aus polnischen Betriebsratswahlergebnissen dieser Zeit bekannt ist.'** Überdies läßt sich die Zahl der SED-Mitglieder nicht nach früherer parteipolitischer Herkunft aufgliedern. Zweifellos spiegeln jedoch die hohen Zahlen von Parteilosen eine deutliche Distanz der Belegschaft zu den forcierten Bemühungen um politische Mobilisierung. Dabei konnten solche Formen der Distanzierung sich ebenso aus einer gewissen Gleichgültigkeit wie aus verdecktem Protest speisen. Auch die starke Rolle einer»Personenwahl« ist als Motiv für die Wahlentscheidung in diesem Fall von beträchtlichem Gewicht. Gerade dieser Gesichtspunkt relativiert auch die Aussagekraft parteipolitischer Zuordnungen von Betriebsräten. Einzelbeispiele aus Ost und West zeigen, daß persönlicher Einsatz und Charisma bei den Belegschaften oft wichtiger waren als ein bestimmtes Parteibuch. Otto Marquardt, schon in der Weimarer Republik Betriebsrat der Firma Carl Zeiss in Jena und nach 1945 mehrfach wieder in diese Funktion gewählt, ließe sich als prominentes Beispiel für die Ostzonen nennen!®°, ebenso wie Clemens Kraienhorst(KPD) in Bottrop oder Werner Söchtig(KPO-KPD) in Salzgitter.'*° Das Beispiel Marquardt zeigt aber auch, wie diffus die politischen Fronten auf den unteren Ebenen unter Umständen verlaufen konnten. Der Sozialdemokrat Marquardt war SED-Mitglied geworden, wollte aber als Betriebsrat die Enteignung und Verstaatlichung des Zeiss-Unternehmens verhindern. Noch vor der Bitterfelder Konferenz 1948 zwang die SED-Kreisleitung den unbequemen Betriebsrat, unter Androhung des Parteiausschlusses, seine Funktion aufzugeben. Er arbeitete danach bis 1953 in der Personalabteilung des VEB Carl Zeiss.'” 193 Zusammenstellung der Hauptabteilung Betriebsräte des FDGB-Bundesvorstandes, 26. 6. 1947, SAPMO-BArch, DY 30/TV 2/5/235. 194 Vgl. Kleßmann, Betriebsparteigruppen, S. 306. Zur Situation in Polen in den ersten Nachkriegsjahren ist eine Arbeit von Jedrzej Chumixiski in deutscher Übersetzung in Vorbereitung. 195 Vgl. Wolfgang Mühlfriedel/Edith Hellmuth, Das Tagebuch des Betriebsrats der Firma Carl Zeiss in Jena, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1994, S. 189-206. 196 Vgl. Bottroper Protokolle, aufgezeichnet von Erika Runge, Frankfurt/Main 1968, S. 11-39; Chri‚stoph Kießmann, Politisch-soziale Traditionen und betriebliches Verhalten von Industriearbeitern nach 1945— Umrisse am Beispiel zweier Werke, in: Mentalitäten und Lebensverhältnisse, Festschrift für Rudolf Vierhaus, Göttingen 1982, S. 365-381. Mühlfriedel/Hellmuth,$. 205€. 19 5} 56 Christoph Kleßmann Anfänglich gab es an der Basis offenbar sogar Vorbehalte gegen Betriebsrätegesetze, wie sie im Herbst 1945 in Thüringen veröffentlicht und in Sachsen diskutiert wurden, bevor vom Alliierten Kontrollrat im April 1946 ein Rahmengesetz für alle Zonen erlassen wurde. In einer Resolution von Funktionären und Betriebsräten der Bauarbeiter im Bezirk Leipzig hieß es in noch nicht vom Partei-Jargon bestimmten Formulierungen:»Wir vertreten die Auffassung, daß wir für die nächste Zeit auch noch ohne eine solche gesetzliche Regelung auskommen können. Das Recht auf Betriebsvertretungen ist ein historisch gewordenes Recht und damit als Gewohnheitsrecht außerhalb jeder Diskussion, Formen und Aufgaben aber können am Besten[sic] in der jetzigen Zeit durch die Praxis und durch die Aktivität der Arbeiter im Betrieb herauskristallisiert werden.«?® Einen halbwegs repräsentativen Einblick in die Probleme der Betriebsratsarbeit in den ersten Nachkriegsjahren vermittelt eine Umfrage des Bundesvorstandes des FDGB von 1946. Von 200 befragten Betrieben verschiedener Größe und Branchen antwortete immerhin die Hälfte. Der Untersuchungsbericht vermerkt zudem, daß auch persönliche Erfahrungen aus Betriebsbesuchen, Betriebsrätevollversammlungen und Unterredungen mit ausgewertet wurden.!” Nach Industriegewerkschaften differenziert entfiel die größte Zahl der Betriebe auf die IG Metall(26), IG Chemie(16), öffentliche Betriebe(9), Nahrung und Genuß(9), Bergbau(7). Sachsen lag mit 29 Rückmeldungen an der Spitze, gefolgt von der Provinz Sachsen(Sachsen-Anhalt), Thüringen und Brandenburg mit je 18, Mecklenburg-Vorpommern mit 11 und Berlin mit 6. Die Antworten zur Frage nach Mitbestimmung in der Produktion zeigten, daß es nur in relativ wenigen Fällen ein wirkliches Mitbestimmungsrecht gab, überwiegend dagegen lediglich Einsicht in die Produktionspläne. Ein Betrieb unter sowjetischer Leitung gestattete selbst das nicht. Über die Preiskontrolle schwiegen sich die meisten Berichte aus. Die Arbeitsmoral wurde zwar nicht durchweg als schlecht bezeichnet, mehrfach aber auf die Ungerechtigkeit bei der Verteilung(Lebensmitielkarteneinstufung) und auf niedrige Löhne hingewiesen. Fast alle Berichte betonten jedoch das Bemühen der Betriebsräte um die Verbesserung der Versorgungssituation. Die Schwierigkeiten bei der Einrichtung von Betriebsküchen, konkret der Anschaffung von Einrichtungsgegenständen, spielten dabei eine große Rolle, »Insgesamt gesehen«, stellte der Bericht fest,»hat man den Eindruck, daß die Aufgaben in der Versorgung und Ernährung den größten Raum in der Arbeit der Betriebsräte einnehmen, einen größeren als die Produktionsaufgaben.« Mehrfach wurden die Schwierigkeiten angesprochen, Frauen für die betriebliche Gewerkschaftsarbeit heranzuziehen und das Prinzip»Gleicher Lohn für gleiche Arbeit« tatsächlich durchzusetzen. Auch die intensiven Bemühungen, jugendliche Belegschaftsmitglieder anzusprechen, wurden deutlich. Heimkehrer und»Umsiedler« fanden insbesondere angesichts des Facharbeitermangels schnelle Aufnahme. Besonders aufschlußreich sind die Hinweise der zusammenfassenden Analyse auf die Arbeit der Betriebsgewerkschaftsgruppen. Häufig bestanden gar keine Betriebsgewerkschaftsleitungen oder sie waren mit dem Betriebsrat identisch und wurden deshalb auch als unnötig angesehen.»Es herrscht auf diesem Gebiet also noch ein solches Durcheinander«, lautete das Resümee,»daß man unbedingt die Aufgaben der Betriebsgewerkschaftsleitungen öfter und gründlicher als bisher und auch vor besonderen Konferenzen der Betriebsgewerkschaftsleitungen behandeln muß.« Dekuvrierend im Hinblick auf den offenbar völlig unzureichenden gewerkschaftlichen Einfluß ist auch die abschließende Feststeltung:»Am schlimmsten wirkt sich der schlechte Stand der Betriebsgewerkschaftsarbeit auf die 198 Undatierte Resolution im Nachlaß Ulbrichts, SAPMO-BArch, NL 4182/1156 Bl. 46. 199 SAPMO-BArch, DY 34/20201. Eine Zusammenfassung findet sich auch im Geschäftsbericht des FDGB 1946, 5. 167 ff, Die stilisierte Klasse 57 Durchführung der Belegschaftsversammlung aus. Die Diskussionen in ihnen sind deswegen schwach oder schlecht und es kommen deswegen nicht genügend Anträge und Beschlüsse zusammen, weil die Belegschaftsversammlung nicht vorher von der Betriebsgewerkschaftsgruppe entsprechend vorbereitet wird.« Die Antworten auf die Umfrage vermitteln trotz ihres fragmentarischen Charakters ein insgesamt ernüchterndes Bild, das ebensoweit von zeitgenössischen parteifrommen Erfolgsmeldungen wie von politischen Stilisierungen im Sinne einer effektiven Betriebsrätebewegung entfernt ist. Zugleich bestätigt die Umfrage in ihrem ausgeprägten Alltagsbezug einen Befund, zu dem auch neuere Untersuchungen für die Westzonen gekommen sind.?® Die Schwierigkeiten des FDGB, in den Betrieben seine unterste Organisationseinheit fest zu verankern, blieben auch in den folgenden Jahren bestehen. Eine vom Bundesvorstand Anfang 1948 eingeleitete Untersuchung über die Arbeit von Betriebsgewerkschaftsgruppen in Betrieben mit über 500 Belegschaftsmitgliedern bestätigte das mit umfassenden und genauen Zahlen. Das Fazit der Hauptabteilung Organisation des Bundesvorstandes lautete für alle Länder der SBZ nahezu gleich:»Eine Klarstellung der führenden Rolle der Betriebsgewerkschaftsleitungen ist erforderlich, da die Erhebung zeigt, daß nicht einmal in den Großbetrieben auch in nur annäherndem Maße wirklich ihren Aufgaben entsprechend arbeitsfähige Betriebsgewerkschaftsleitungen entwickelt worden sind.«"°' Was hier in eher dürren Resümees aus detaillierten Zahlenangaben formuliert wurde, faßte der Landesvorstand des FDGB Sachsen-Anhalt in einem knappen Bericht über eine eigene Untersuchung zur Tätigkeit von Betriebsgewerkschaftsleitungen(BGL) in 238 Betrieben aller Industriezweige vom 5. Mai 1948 in viel schärfere Worte. Demnach entwickelte die BGL nur in 17 Großbetrieben ein eigenes Leben. In allen anderen Betrieben fanden BGL-Sitzungen gemeinsam mit dem Betriebsrat statt. Arbeitsprogramme gab es selten, Betriebsvereinbarungen existierten zwar fast überall, das Mitbestimmungsrecht fand jedoch kaum Anwendung. Betriebsausschüsse entsprechend dem SMAD-Befehl Nr. 234 bestanden zwar in 80 Prozent der untersuchten Betriebe, zumeist aber nur auf dem Papier. In 85 Prozent der Betriebe existierten überhaupt keine Gewerkschaftsvertrauensleute. Die Ursachen dieser Defizite wurden vor allem im mangelnden Kontakt zur jeweiligen Industriegewerkschaft ausgemacht.»Es gibt Betriebe, in denen seit einem Jahr und darüber hinaus kein Gewerkschaftssekretär anwesend war. Oder er erschien nur nach Aufforderung.« Das Fazit des Landesvorstandes lautete:»Die Betriebsarbeit muß von uns ganz konsequent und restlos auf operative Anleitung umgestellt werden. Ohne Verzögerung! Gründlichlk«"? Ein solches Ergebnis mußte um so deprimierender sein, als sich der FDGB schon frühzeitig um Schulungen der Betriebsräte bemühte und damit ein klassisches Feld der Kooperation reaktivierte. Der FDGB begann bereits im Herbst 1945 in Sachsen mit gezielten Schulungsmaßnahmen, die dann auf die übrigen Landesorganisationen übertragen wurden. Nach Angaben des FDGB-Geschäftsberichts für 1946 haben in der SBZ insgesamt etwa 20 000 Betriebsratsmitglieder an diesen Veranstaltungen teilgenommen. Ihr Lehrplan sah 162 Unterrichtsstunden vor, deren Aufgliederung einiges über die Notwendigkeiten praktischer Betriebsrätearbeit aussagt:?® 200 Vgl. Rüther, Kap. 5. 201 Hausmitteilung der Abteilung Organisation des FDGB, 29.4. 1948, SAPMO-BArch, DY 34/42/7200/3398(mit Einzeluntersuchungen für alle Länder). 202 Ebd., Schreiben des Landesvorstandes Sachsen-Anhalt, 5. 5. 1948. 203 Geschäftsbericht des FDGB 1946, S. 179 f. 58 Christoph Kleßmann Die Aufgaben der Freien Gewerkschaften in der 16 Stunden Wirtschaft und in den Wirtschaftsorganisationen Was muß der Betriebsrat von der Bilanz wissen? 24 Stunden Einführung in die Politische Ökonomie: 16 Stunden Kapitalismus und Imperialismus Betriebswirtschaftslehre 16 Stunden Das neue Arbeitsrecht, Tarifwesen und Betriebsrätegesetz 18 Stunden Industrielle Kostenrechnung(Was muß der Betriebsrat 26 Stunden von der Kalkulation kennen?) Aus der Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung 16 Stunden Warenkunde und Rohstoffprobleme 10 Stunden Soziale Aufgaben des Betriebsrats 10 Stunden Strukturwandel der Wirtschaft in der sowjetisch besetzten 10 Stunden Zone und in der Wirtschaft- Grundlagen der Wirtschaftsplanung Der Erfolg dieser überwiegend auf klassische Betriebsratsfunktionen ausgerichteten Schulungen 1äBßt sich nicht feststellen.” Die Zahlen zeigen jedoch, daß die Betriebsräte erhebliche organisatorische Unterstützung durch die Gewerkschaften erfuhren. Gleichwohl gerieten Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre angesichts der Notlagen ständig in die Kritik der Belegschaften. Der FDGB-Vorsitzende Herbert Warnke gab nach einer Informationsreise durch die fünf Länder der SBZ im Frühsommer 1947 einen auffallend kritischen Bericht über seine Eindrücke. Im Bezirk Halle, stellte Warnke fest, mache sich die Unzufriedenheit über die Ernährungsmisere vor allem gegenüber der SED Luft, so daß zahlreiche SED-Betriebsräte auf eine erneute Kandidatur verzichtet hätten mit der Begründung, die Probleme seien zu groß. Zusammenfassend konstatierte Warnke:»Während meiner anlässlich der Betriebsräte-Wahlen durchgeführten Reisen (in allen 5 Ländern der Zone) habe ich den sich Woche für Woche vertiefenden Eindruck gewonnen, dass Behörden sowie Parteien und z. T. auch der FDGB sowie besonders die Presse sehr stark isoliert von der Bevölkerung arbeiten und sich zwischen ihnen und dieser eine Kluft aufzutun droht, die z. T. sogar schon vorhanden ist. Wenn wir die Betriebsräte-Wahlen richtig auswerten wollen, müssen wir diese Frage in den Vordergrund stellen und Änderung schaffen.«@ 4. Tätigkeitsfeider des FDGB in der Zusammenbruchsgesellschaft Die im Sinne des Erwartungshorizonts der Gewerkschaftsspitze völlig unzureichende betriebliche Organisationsarbeit hatte viele Ursachen, die im einzelnen schwer genau zu erfassen und zu gewichten sind. Die Berichte lassen aber indirekt deutlich die veränderten und der Zusammenbruchsgesellschaft durchaus angemessenen Prioritätensetzungen erkennen. Darin spiegelten sich zweifellos auch ausgeprägte, weiterwirkende oder wiederbelebte Traditionsbindungen. Gewerkschaften und Betriebsräte fanden Resonanz und Unterstützung, wenn sie eine spezifische Interessenvertretung auch unter neuen politischen Rahmenbedingungen betrieben. Arbeiterinteressen lagen zunächst vorrangig im 204 Herbert Warnke stellte in seinem Reisebericht vom 2. 6. 1947 fest, die Themen der Schulungen seien für die praktische Anleitung der Betriebsräte zu abstrakt und die Referenten oft nicht genügend geeignet. So sei die Teilnehmerzahl in einem Fall in den 26 Wochen von 800 auf 100 gesunken. SAPMO-BArch, NL 4182/1157, Bl. 16, 205 Ebd., Bericht vom 16. 6. 1947, Bl. 56. ‚Die stilisierte Klasse 59 alltäglichen Bereich: in vernünftigen Lohn- und Normregelungen, in Versorgungsfragen, in Wünschen nach gerechter Verteilung betrieblicher Verpflegungsrationen, bei Frauen insbesondere in der Forderung nach Erleichterungen angesichts der Doppelbelastungen durch Erwerbs- und Hausarbeit. Diese Besonderheiten der Mangel- und Notgesellschaft der ersten Nachkriegsjahre haben daher nicht nur in der praktizierten Arbeit, sondern in auffälliger Weise auch in der gewerkschaftlichen Organisationsgeschichte ihren Niederschlag gefunden. Sozialpolitik mit einem breiten Aufgabenfeld war eine tägliche Herausforderung, die sich unabhängig von politischen Orientierungen stellte. In dieser sozialen Dimension trafen sich am ehesten Planungen von oben mit Bereitschaft zum Engagement von unten. Sie erscheint als komplementäre positive Kehrseite der von zynischer Mißachtung elementarer Demokratievorstellungen durchsetzten politischen Geschichte der frühen Arbeiterbewegung in der SBZ. Sozialpolitik sollte, wie es im Geschäftsbericht des FDGB für 1946 heißt, entsprechend den grundlegenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft neue Wege beschreiten, aber zunächst auch noch traditionelle Aufgaben erfüllen.»Diese Erkenntnis führt dazu, daß auf der einen Seite der Kampf um eine fortschrittliche Sozialpolitik noch im Rahmen der bestehenden Wirtschaftsordnung und ihrer klassenmäßigen Struktur geführt wird, auf der anderen Seite aber bereits sozialpolitische Maßnahmen vorbereitet und durchgeführt werden, die die Wege zu dem gesteckten grundsätzlichen Ziel ebnen müssen.«”® Wie breit diese Palette von Aufgaben war, zeigt allein die Gliederung der sozialpolitischen Abteilung der Ortsvorstände des FDGB in elf Referate: Sozialversicherung, Schwerbeschädigte und denen Gleichgestellte, Erwerbslosenhilfe, Arbeitsschutz— Gesundheitsschutz, Sozialfürsorge, Arbeitszeit, Arbeitseinsatz, Umsiedler, Heimkehrer, Kriegsgefangene, betriebliche Sozialpolitik, Gesundheitshelfer des FDGB, Unterstützungseinrichtung des FDGB., Bis 1948 gab es beim FDGB-Bundesvorstand eine eigene Hauptabteilung»Selbsthilfe«. Auch wenn Geschäftsberichte selten Realitäten abbilden, reflektieren sie das enorm breite praktische Aufgabenfeld. Die Selbsthilfe bezog sich auf‘ Unterstützung von Neusiedlern und Neubauern nach der Bodenreform, auf die Reparatur und Herstellung von Maschinen und Geräten, auf die Einbringung der Ernte, auf die Nutzung von Brachland zum Anbau von Gemüse, auf Hilfe beim Wohnungsbau, aber auch auf den Kampf gegen den Schwarzmarkt. Zu den wichtigsten Beschlüssen des Bundesvorstandes im ersten Arbeitsjahr zählte der für die Sicherung der Ernährung, der die»Brachlandaktion« besonders unterstrich.»Jeder Betrieb mit eigenen Werksküchen muß unbedingt danach streben, den Gemüsebedarf aus eigenem, gärtnerisch bearbeitetem Gelände zu sichern. Betriebsgelände von Betrieben, die keine eigene Werksverpflegung besitzen, muß aufgeteilt und abgegeben werden an geeignete Kollegen, welche sich mit der Betriebsvertretung und der Selbsthilfekommission in Verbindung setzen.«” In der um mehrere Vertreter aus Großbetrieben erweiterten Vorstandssitzung des FDGB am 2./3. April 1946 wurde diese Selbsthilfeaktion eingehend und auch mit konkreten Vorschlägen erörtert.?® Frühzeitig schaltete sich der FDGB, auch wenn er formal noch keineswegs die Alleinzuständigkeit für Sozialpolitik besaß, in alle wesentlichen Fragen der Organisation der Sozialversicherung und Sozialfürsorge, der Krankenversicherung, der Erfassung und Lenkung von Arbeitskräften, der Integration von»Umsiedlern« in den Arbeitsprozeß, der Betreuung von Heimkehrern und Kriegsversehrten und der Umschulung ein. Bereits zum 1. Januar 1947 wurde auch ein Ferien- und Erholungsdienst des FDGB eingerichtet, der angesichts zerstörter Städte, Betriebe und Verkehrsnetze sowie der schlechten 206 Geschäftsbericht des FDGB 1946, S. 95, 207 Ebd,, S. 23. 208 SAPMO-BArch, NL 4182/1139, Bl. 45 ff. 60 Christoph Kleßmann allgemeinen Gesundheitsverfassung zumindest ein wichtiges Signal bedeutete, auch wenn die praktische Reichweite zunächst sehr begrenzt blieb. Die Zuständigkeit für Erfassung, Vermittlung und Lenkung der Arbeitskräfte übertrug die SMAD mit den Befehlen Nr. 65 vom 15. September 1945 und Nr. 153 vom 29. November 1945 der Deutschen Verwaltung für Arbeit und Sozialfürsorge(DVAS).?” Der FDGB und die Industriegewerkschaften unterstützten die Zentralverwaltung und die Ämter für Arbeit und Sozialfürsorge in eigenen Beratungsausschüssen. Angesichts der besonderen Dringlichkeit der Versorgung der»Umsiedler« legte ein Abkommen von 1946 zwischen der DVAS und der Zentralverwaltung für Umsiedler die Einschaltung des FDGB in die beiderseitige Arbeit ausdrücklich fest. Aus arbeitsmarktpolitischen und humanitären Gründen erhielt der FDGB ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Betreuung der Heimkehrer. Schon in den Auffang- oder Grenzübertrittslagern erhielten entlassene Kriegsgefangene eine Broschüre»Der FDGB grüßt die Heimkehrer«. In den Heimatorten war der FDGB in den lokalen Heimkehrerausschüssen vertreten, hatte sich um die Versorgung der Ankömmlinge mit dem Nötigsten zu kümmern und sollte sich um eine möglichst schnelle Wiedereingliederung in den Produktionsprozeß in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Arbeitsamt bemühen.?!° Indirekt war der FDGB auch bei der bevorzugten Fürsorge und Wiedergutmachung für die»Opfer des Faschismus« beteiligt. Neben Rehabilitierungsmaßnahmen und der Wiederherstellung der Gesundheit galt auch hier die Vermittlung von Erwerbsarbeit für die nach sozialer Schichtung und politischer Zugehörigkeit genau erfaßBten Personen als besonders vordringlich.?!! Das langfristig wichtigste Arbeitsfeld lag in der Sozialversicherung. Ihre Neuordnung gehörte zwar vorrangig zu den drängenden Aufgaben der DVAS, die von der SMAD frühzeitig das Verordnungsrecht übertragen bekam. Das Prinzip der Selbstverwaltung sollte dabei nicht zuletzt aus Gründen der praktischen Arbeitsfähigkeit weitgehend wiederhergestellt werden. Angesichts der finanzpolitischen»Stunde Null« nach dem Ende des»Dritten Reiches« gab es hier besonders hohen Handlungsbedarf. Berlin war in mancher Hinsicht das Modell. In der zerstörten Hauptstadt war die Tätigkeit der Sozialversicherungsträger bei Kriegsende praktisch zum Stillstand gekommen: die Gebäude waren überwiegend zerstört, Unterlagen vernichtet, die Kassen leer, Beim Wiederaufbau spielte die Idee der Vereinheitlichung des zersplitterten Versicherungswesens von Anfang an eine Schlüsselrolle. Eine alte Forderung der Arbeiterbewegung erhielt damit erstmals Realisierungschancen. So wurden die bis April 1945 bestehenden 122 Krankenkassen in einer Anstalt zusammengefaßt. Erste Anordnungen über den Kreis der Versicherten und die Höhe der Beiträge und Leistungen sollten eine Basisversorgung sicherstellen. Parallel wurden viele Mitarbeiter, die 1933 gemaßregelt oder entlassen worden waren, wieder eingestellt, gleichzeitig aber der Gesamtpersonalbestand durch Zentralisierung verringert.2? Das zumindest gewünschte große Gewicht der Gewerkschaften in der Neukonstruktion fand seinen Niederschlag unter anderem in der Schaffung von Ausschüssen und 209 Arbeit und Sozialfürsorge 2, 1947, S. 323 f. 210 Geschäftsbericht des FDGB 1946, S. 129 f. 211 Jb. Arbeit und Sozialfürsorge, S. 228 ff. Nach Angaben des Jahrbuchs setzten sich die in der NS-Zeit Verhafteten nach der sozialen Schichtung folgendermaßen zusammen: 10 845 Arbeiter, 5748 Angestellte, 2 156 Selbständige, 303 Akademiker und Geistliche, 330 Soldaten, 2 089 Hausfrauen, 782 Angehörige sonstiger Berufe. Hinsichtlich der politischen und religiösen Zugehörigkeit finden sich folgende Daten: 9 504 Kommunisten, 2 469 Sozialdemokraten, 197 Demokraten, 61 Deutschnationale, 1 117 Angehörige einer religiösen Gemeinschaft, 4 271 Parteilose. Arbeit und Sozialfürsorge 1, 1946, S, 232-234. Eine gründliche Gesamtuntersuchung liegt jetzt vor von Dierk Hoffmann, Sozialpolitische Neuordnung in der SBZ/DDR. Der Umbau der Sozialversicherung 1945-1956, München 1996. 21 > Die stilisierte Klasse 61 Vorständen, die zu zwei Drittel vom FDGB, zu einem Drittel von Vertretern der Wirtschaft beschickt werden sollten. Dierk Hoffmann hat allerdings im einzeinen dargelegt, daß der FDGB in den politisch-konzeptionellen Grundsatzentscheidungen zur Sozialversicherung insofern im wesentlichen auf eine Statistenrolle beschränkt blieb, als die Direktiven von der SED vorgegeben wurden.*!* Andererseits war dieses breite Aktionsfeld für gewerkschaftliche Personalpolitik von erheblicher Bedeutung, und zwar auch schon in einer Phase, bevor dem FDGB die Zuständigkeit für die Sozialpolitik im engeren Sinne formell übertragen wurde. Auch innerhalb der SED-Spitze konnten sich anfangs führende sozialdemokratische Sozialpolitiker der Weimarer Zeit wie Helmut Lehmann weitgehend mit ihren Vorstellungen durchsetzen, weil der KPD entsprechende Kompetenz fehlte.?* Auf diese Weise kamen gerade in der Frühphase wesentliche Kontinuitätsstränge aus der alten Arbeiterbewegung auch in der SBZ wieder zum Tragen, auch wenn die Rolle des FDGB die eines»Transmissionsriemens« der SED sein sollte. Mit der zuerst in Berlin geschaffenen Einheitsversicherung wurde ein Modell geschaffen, das nicht nur auf die Länder der SBZ übertragen wurde, sondern bis 1947 durchaus auch noch Chancen in den Westzonen zu haben schien.”»Die deutsche Arbeiterbewegung forderte seit 80 Jahren eine einheitliche, den sozialen Bedürfnissen des Volkes gerecht werdende, mit voller Selbstverwaltung der Versicherten ausgestattete Sozialversicherung«, stellte Helmut Lehmann 1947 in einer programmatischen Erklärung fest. »Das wurde verwirklicht.[...] Daß der Kontrollrat die gleiche Regelung für die anderen Zonen und für Berlin zum Gesetz erheben wird, daran ist kaum zu zweifeln.« Der Artikel schloß mit einem kritischen Hinweis auf die Gegner, die noch nicht verstanden hätten,»daß ein neues Zeitalter die Verwirklichung neuer Ideen erfordert« und bemühte Friedrich Schiller:»Das Alte stürzt/es ändern sich die Zeiten/und neues Leben blüht aus den Ruinen.«?* Schon in der Gründungsphase des FDGB stellte die Repräsentation von Frauen in der Organisation und die Schaffung von angemessenen Voraussetzungen für die geforderte verstärkte Gewinnung der Frauen für die Erwerbsarbeit ein Schlüsselproblem der internen Diskussionen und der praktischen Arbeit auf allen Ebenen dar. Bei der Realisierung dieser Forderung galt es viele Barrieren zu überwinden, und das Thema blieb in der Geschichte des FDGB nicht minder aktuell wie im Westen, Die ausgeprägte betriebspolitische Komponente wurde jedoch in der SBZ schon frühzeitig deutlich und blieb ein spezifisches Charakteristikum der DDR. Eine genaue Übersicht über die tatsächlichen Verhältnisse zu gewinnen, ist hier ähnlich schwierig wie auf anderen Feldern. Aber auch die verbalen Bemühungen und die aus den ersten Nachkriegsjahren verfügbaren Daten sind durchaus aussagekräftig für einen neuen sozialpolitischen Ansatz, dessen Breitenwirkung nicht zu unterschätzen ist. Worum es angesichts der Not der Zusammenbruchsgesellschaft zunächst in erster Linie ging, brachte eine Delegierte auf dem FDGB-Gründungskongreß im Februar 1946 nachdrücklich auf den Punkt.»Eine Arbeiterin, die acht Stunden im Betrieb tätig gewesen ist,« erklärte sie zum Problem der gewerkschaftlichen Frauenarbeit,»die dann nach Hause geht, sich stundenlang anstellt, dann die Wirtschaft machen muß, dann Essen kochen und vielleicht noch Kinder versorgen muß, kann unmöglich ihre Kraft noch für gewerkschaftliche oder politische Arbeit einsetzen.« Eindringlich und plastisch verwies sie auf die Notwendigkeit entsprechender Entlastungsmaßnahmen im Betrieb:»Wenn Kollege Walter Ulbricht vorhin da213 Ebd, S. 337. 214 Ebd,, 5. 336 f. 215 Vgl. Hans Günter Hockerts, Sozialpolitische Entscheidungen im Nachkriegsdeutschland. Alliierte und deutsche Sozialversicherungspolitik 1945 bis 1957, Stuttgart 1980, S. 51. 216 Helmut Lehmann, Demokratische Sozialpolitik, in: Arbeit und Sozialfürsorge 2, 1947, S. 86. 62 Christoph Kleßmann von sprach, daß die Gewerkschaften ihr Augenmerk nicht nur auf die Steigerung der Produktion, sondern auch auf die Gewerkschaftsarbeit richten müssen, so bedeutet das, daß unsere Betriebsräte und Vertrauensmänner in den Betrieben darauf hinarbeiten müssen, in dieser schweren Zeit Betriebsküchen und Waschküchen im Betrieb einzurichten, daß sie dafür zu sorgen haben, daß die werktätigen Frauen sich nicht zu Hause stundenlang hinsetzen müssen, um Flick- und Stopfarbeit zu leisten, sondern daß diese Dinge vom Betriebe aus getan werden müssen.«?!7 Solche Forderungen fanden in den Zusammenstellungen über sozialpolitische Einrichtungen in den Betrieben breiten Niederschlag. Der Jahresbericht des Landesvorstandes Sachsen des FDGB für 1948 vermittelt davon einen Eindruck. Demnach gab es in den Jahren 1947(und im Jahre 1948) in dem industriell am höchsten entwickelten Land 156(613) Betriebsnähstuben, 86(126) Betriebskindergärten, 18(102) Konsumverteilungsstellen, 47(416) Schuhreparaturen, 10 (36) Waschküchen, 12(127) Friseurstuben,?!* Neben dem generellen Grundsatz»Gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit«, der in dem SMAD-Befehl Nr, 253 vom 17. August 1946 seinen Niederschlag gefunden hatte, und dem von zahlreichen Landesverwaltungen oder auch in Betriebsvereinbarungen festgelegten, bezahlten Hausarbeitstag einmal im Monat gehörte zu den besonderen Betreuungsmaßnahmen die Einrichtung eigener Referate»Mutter und Kind« bei den Landesverwaltungen, die unter Beteiligung des FDGB, der Betriebsräte, der Frauenausschüsse der Betriebe und der Volkssolidarität für die Koordination der Maßnahmen zum Mutterschutz für arbeitende Frauen zu sorgen hatten,29 Im Gegensatz zu diesen schnell entwickelten infrastrukturellen Maßnahmen blieb die Umschulung und Berufsausbildung von Frauen ebenso wie ihre Repräsentation in den gewerkschaftlichen Spitzengremien völlig unbefriedigend. Die Hauptabteilung Frauen des sächsischen Landesvorstandes des FDGB begrüßte daher ausdrücklich die Auflösung der 1946 geschaffenen Frauenabteilungen, um die Einstellung von Frauen in leitende Positionen und die Integration in die Gesamtarbeit zu befördern, stellte aber lapidar fest:»Ein Sorgenkind ist die Umschulung und Berufsausbildung der Frauen, solange es nicht gelingt, die Hirne unserer Männer und Frauen von den Schlacken der Tradition zu befreien, Von 11 042 Umschülern sind 907 Frauen. Der größte Prozentsatz(435) entfällt davon auf die Bekleidungsindustrie.«?* Schließlich ist bereits in der Frühphase auf ein Tätigkeitsfeld des FDGB zu verweisen, das in späteren Jahren für die Arbeiterschaft besondere Attraktivität gewinnen sollte: den zum 1, Januar 1947 eingerichteten Ferien- und Erholungsdienst. Er wurde zentral vom FDGB-Bundesvorstand durchgeführt; die in den Ländern und Provinzen vorhandenen Erholungs- und Ferienheime wurden registriert und gingen in den Besitz der Vermögensverwaltung des FDGB über. Ihre Renovierung und ihr Ausbau sollte unter Heranziehung geeigneter Betriebe und über die Einrichtung von Patenschaften so schnell! wie möglich in Angriff genommen werden. Angesichts der enormen Verkehrsund Versorgungsprobleme konnten naturgemäß zunächst nur wenige in den Genuß eines Ferienaufenthalts kommen. Bis zum 15. Oktober 1947 wurden für die fünf Länder 15 833 Feriengäste vermittelt?! 217 Trude Klapphut(Potsdam) in: Protokoll der 1. Allgemeinen Delegiertenkonferenz des FDGB vom 9. bis 11. Februar 1946, Berlin 1946, S. 155. 218 SAPMO-BArch, DY 34/20074. 219 Jb. Arbeit und Sozialfürsorge, S. 244-251. 220 Jahresbericht 1948, SAPMO-BArch, DY 34/20074. 221 Ferienaufenthalt durch den FDGB, Zweiter Entwurf vom 29. 1. 1947 sowie Bericht des Bundesvorstandes vom 16.10.1947, SAPMO-BArch, DY 34/5/3/1479. Die stilisierte Klasse 63 5. Kompensationshandel und Arbeitsdisziplin Der Bereich, in dem Aufbauplanungen und Basisinitiativen zur Organisation des Überlebens am härtesten aufeinanderprallten und damit auch schwere Hypotheken für eine langfristige Überwindung der Not bildeten, waren die niedrige Produktivität und der Kompensationshandel in den Betrieben. Beide nahmen dramatische Ausmaße an und forderten zwingend Gegenmaßnahmen. Unter den Bedingungen einer beginnenden Staatswirtschaft und massiver sowjetischer Eingriffe durch Demontagen und Reparationsforderungen waren Abhilfen jedoch viel schwerer realisierbar als in den Westzonen. »Wir alle treiben noch in einem großen Strudel«, hieß es im Monatsbericht für Januar 1947 des Landesvorstandes Sachsen des FDGB.»Alles ist gefährdet— nicht nur unser wirtschaftliches Sein— nein, in hohem Maße auch unsere moralische Qualität, Hier müssen wir wieder festen Boden gewinnen und uns den normalen Umgangsformen des Lebens nähern. Der Vorteil der Einzelnen darf nicht dem Nutzen der Gesamtheit vorangehen.«2?? Eingehend beschrieb ein interner Informationsbericht die Probleme von schwindender Arbeitsdisziplin und niedriger Arbeitsproduktivität und verband sie mit detaillierten Vorschlägen zur Abhilfe.?? Demnach ergab sich im März 1947 nach stichpunktartigen Überprüfungen von 5 900 Betrieben aus verschiedenen Branchen mit 391 500 Beschäftigten, daß im Durchschnitt nur 83,3 Prozent der Beschäftigten zur Arbeit erschienen. In einigen wichtigen Industriezweigen lag die Anwesenheit unter 80 Prozent. Stichproben für Betriebe mit Reparationsaufträgen im Sommer 1947 erbrachten eine Abwesenheitsquote von 24,2 Prozent, wobei 5,3 auf Urlaub, 12,8 auf Krankheit und 6,1 auf Bummeln entfielen. Die Pro-Kopf-Produktion eines Arbeiters betrug 1947 gegenüber 1939 in der Textilindustrie 66,3 Prozent, in der elektrotechnischen Industrie 51,5 und in Betrieben für Maschinenbau und Metallverarbeitung nur 44,7 Prozent. Überdies wurde dem Bericht zufolge überall versucht, die Produktionsaufträge nicht durch Verbesserung der Organisation des Produktionsprozesses und höhere Arbeitsproduktivität, sondern durch Aufstockung der Belegschaft zu erfüllen, Als besonders krasses Beispiel wurden die Metallbetriebe der Max-Hütte(Ostthüringen) angeführt, in denen die Zahl der Beschäftigten in der Hochofen-Abteilung 145,4 Prozent, der Produktionsausstoß aber nur 36,2 Prozent ım Vergleich zu 1944 betrug. Die Liste der aufgeführten Ursachen für den schlechten Stand der Arbeitsdisziplin, die hohe Fluktuation der Arbeitskräfte und die niedrige Produktivität war lang und führte neben den bekannten Versorgungs- und Verteilungsproblemen und der schlechten Infrastruktur vor allem einige Gesichtspunkte an, die das charakteristische Dilemma deutlich machten, Arbeiter, Betriebsleiter und Gewerkschaften für die neuen Verhältnisse und eine neue Arbeitsmoral zu gewinnen. Die Länderregierungen als die neuen Herren der landeseigenen Betriebe hatten es demnach nicht verstanden, daß der entscheidende Aufbaufaktor»die bewußte Initiative der Arbeiter selbst« sei; die Betriebsleiter stützten sich nicht auf die Partei, Gewerkschaften und Betriebsräte, die Gewerkschaften andererseits beschränkten sich gewohnheitsgemäß auf die wirtschaftliche Interessenvertretung ihrer Klientel und entwickelten»kein neues Verhältnis der Arbeiter zum Betrieb, der Eigentum des Volkes geworden ist«. Aber auch die SED nutze die bereits eingeführte fortschrittliche sozialpolitische Gesetzgebung zu wenig für ihre Propaganda und die Mobilisierung der Arbeiterklasse. Schließlich fehlten auch nicht Hinweise auf verdeckte Sabotage, insbesondere bei Betrieben mit Reparationsaufträgen, 222 SAPMO-BArch, DY34/A3189, S. 4, 223 Undatierter Bericht von 1947, Über Maßnahmen zur Festigung der Arbeitsdisziplin und Steigerung der Arbeitsproduktivität, SAPMO-BArch, NL 4182/1139, Bi. 78-85. 64 Christoph Kleßmann sowie auf die großzügige Praxis der Krankschreibung durch Privatärzte. In dem Katalog von vorgeschlagenen Maßnahmen, mit denen eine einschneidende Verbesserung der Lage erreicht werden sollte, fällt insbesondere der Vorschlag auf, bis zum 1. November 1947 ein»Gesetz über disziplinare und gerichtliche Maßnahmen gegen Verletzung der Arbeitsdisziplin in den Betrieben« zu erlassen sowie ein neues Versorgungssystem auszuarbeiten, das die bevorzugte Versorgung der Arbeiter und Angestellten der führenden Industriezweige und des Transports vorsehen solle, Zwar kam ein solches Gesetz nicht zustande; der SMAD-Befehl Nr. 234 hatte jedoch genau diese Stoßrichtung und sollte durch ein Bündel von Maßnahmen die gravierenden Probleme im Arbeitsprozeß lösen. Die enormen Versorgungsprobleme und die darauf ausgerichteten dominanten Belegschaftsinteressen hatten jedoch einen»circulus vitiosus« geschaffen, der nicht schnell aufzulösen war, so daß der Kompensations- und Schwarzhandel noch weit bis ins Jahr 1948 hinein eine große Rolle spielte. Während anfangs noch zweifelhafte individuelle »Selbsthilfeaktionen« registriert wurden, wie Diebstahl von Handwerkszeug, Verwendung von Treibriemen als Schuhsohlen oder die Entwendung von Stühlen, Fenstern und anderem Inventar”, nahm der organisierte Tauschhandel immer regulärere Formen an. Die Betriebsräte hatten hier, ähnlich wie in den Westzonen, eine Schlüsselrolle und ihre »große Zeit«. In Thüringen gingen im Sommer 1947 schon vor der Einbringung der Ernte einzelne Werke dazu über, mit einzelnen Bauern oder auch ganzen Gemeinden Lieferverträge für Getreide, Kartoffeln und Gemüse abzuschließen.” Ein interner Bericht der Abteilung Wirtschaft des FDGB vom 13. September 1947 listet in Mark und Pfennig typische Kompensationsgeschäfte verschiedener Firmen auf: Kohlen gegen Textilwaren, Fieisch gegen Textilwaren, Kartoffeln gegen Schuhe, Mehl gegen Textilien usw. »Diese Kompensationsgeschäfte«, stellt der Bericht fest,»stören die planmäßige Versorgung der Bevölkerung; ein Überhandnehmen kann zur Lahmlegung der aufgestellten Versorgungspläne führen. Kompensationen dienen nicht immer persönlicher Bereicherung, sondern entstehen oft aus der mangelnden Versorgung der Betriebe mit Roh- und Hilfsstoffen. Sollen also Kompensationen vermieden werden, dann muß erstens sorgfältig geplant, zweitens scharf kontrolliert werden.« Wie schwierig diese Kontrolle in dieser Situation war, deutete dann jedoch der folgende Satz an:»Die Kontrolle hat nicht nur durch die Verwaltungen, sondern insbesondere durch die Betriebsräte, die allerdings noch erzogen werden müssen, zu erfolgen.«2? Eben hier lag ein gravierendes Problem, das die FDGB-Spitze und die Landesvorstände damals ebenso massiv tangierte, wie es heute die Historiker methodisch interessiert: Die Berichterstattung von unten nach oben blieb aufgrund naheliegender Interessen unzuverlässig und fragmentarisch, und auch die ab Januar 1948 eingeführten Betriebsberichtsbögen konnten den Strukturkonflikt zwischen Informationswünschen an der Spitze und gegenläufigen Interessen an der Basis nicht lösen.?” Nach Angaben ei224 Harry Kuhn, Richtige Arbeitsmoral- höhere Arbeitsleistung, in: Arbeit und Sozialfürsorge 1, 1946, S. 145 f. Vgl. zusammenfassend zum Thema Fred Klinger, Betriebsräte und Neuordnung in der Sowjetischen Besatzungszone. Zur Kritik eines politischen Mythos, in: Roff Ehbighausen/Friedrich Tiemann(Hrsg.), Das Ende der Arbeiterbewegung in Deutschland?, Opladen 1984, S. 336-351. 225 Ebd, S. 345. 226 Bericht betr. Kompensationsgeschäfte, 13. 9. 1947, SAPMO-BArch, NL 4182/1139, Bl. 134 f. 227 Sehr aufschlußreich ist dazu die ungeschminkte Kritik der Hauptabteilung Wirtschaft des FDGB-Landesvorstandes Thüringen vom 19. 7. 1948 an der Berichterstattung der Betriebe, SAPMO-BArch, DY 34/23199, Ein gemeinsam von den Hauptabteilungen der Landesvorstände erarbeiteter Berichtsbogen war vom Bundesvorstand erheblich verändert worden, vor allem aberhatte die SMAD die Streichung aller Fragen zur Wirtschaft veranlaßt.»Damit hat der Frage ‚Die stilisierte Klasse 65 nes DDR-Historikers gingen noch 1948 allein in Sachsen durch Schwarzmarkt- und Kompensationsgeschäfte etwa 25 Prozent der industriellen Gebrauchsgüter der zentraJen Verteilung verloren.?$ Insofern war es konsequent, wenn die Deutsche Wirtschaftskommission schließlich im Herbst 1948 eine Wirtschaftsstrafverordnung erließ, die für schwere Fälle dieser Art bis zu zehn Jahre Zuchthaus androhte.?? 6. Der Mythos der Einheitspartei Auf wenigen Feldern haben sich politische Stilisierung und historiographische Beschönigung in der DDR so drastisch niedergeschlagen wie beim Thema der Vereinigung von KPD und SPD, denn hier handelte es sich um den Kern der Legitimation der»führenden Kiasse« und ihrer Avantgarde. Die mittlerweile minutiös aufgearbeiteten Vorgänge, die zur Gründung der SED führten, sind hier nicht im einzemen nachzuzeichnen.”® Bekanntlich war der in den ersten Wochen vor und nach Kriegsende aus historischen Erfahrungen und Hoffnungen auf eine veränderte KPD gespeiste spontane Drang nach Einheit in großen Teilen der Sozialdemokratie und der»Sektierer« bereits massiver Skepsis oder auch dezidierter Ablehnung gewichen, als Wilhelm Pieck am 19. September 1945 zum ersten Mal öffentlich»die Schaffung einer kampffähigen Einheit der Arbeiterklasse« forderte und auf eine»möglichst baldige Vereinigung« drängte.?! Er verband diese Forderung mit einer scharfen Polemik gegen die Tradition des rechten Flügels der Sozialdemokratie aus der Weimarer Republik. Solche Ausfälle riefen Erbitterung unter den Ortsgruppen der SPD hervor.?? Ohne Zweifel gab es ein breites Feld von programmatischen Gemeinsamkeiten, die auch in den Antifa, in Betrieben, Gewerkschaften und bei praktischer, noch wenig gelenkter Aufbauarbeit einen proletarischen Erfahrungshintergrund besaß.”? Die Hoffnung auf ehrliche Kooperation wurde jedoch angesichts massiver Interventionen der SMAD und der ständigen Bevorzugung der KPD immer wieder enttäuscht. Das galt mit Zeitverzögerung auch für die betriebliche Ebene, Insofern hat die DDR-Historiographie die historische Wahrheit genau auf bogen jedoch seinen Anspruch als Unterlagenmaterial für die Bearbeitung sämtlicher gewerkschaftlicher Aufgaben dienen zu wollen, völlig eingebüßt. Er ist in einen Berichtsbogen der Hauptabteilung Organisation und Sozialwesen umgewandelt worden.«(Hervorhebung im Original). Zur Durchführung des Befehls Nr. 234 stellt der Bericht fest:»Auf diesem Gebiet haben wir hinsichtlich der Kontrolle und erforderlichen Berichterstattung wohl das größte Fiasko erlebt. Wenn die Landesvorstände klare übersichtliche Berichte arı den Bundesvorstand oder die SMA aufstellen sollen, mangelt es an den notwendigen, einheitlichen und zuverlässigen Unterlagen, welche ausschließlich aus den Betrieben selbst geschaffen werden können. Bisher war weder die HA Wirtschaftspolitik noch irgendeine IG in der Lage, dieses authentische Material latıfend zusammenzutragen, um es im entscheidenden Moment zur Verfügung zu haben.« 228 Dietmar Keller, Lebendige Demokratic. Der Übergang von der antifaschistischen zur sozialistischen Demokratie in der volkseigenen Industrie der DDR 1948-1952, Ost-Berlin 1971, S. 97 (nach Angaben des FDGB-Bundesvorstandes). Viele solcher Hinweise finden sich in diesem sehr materialreichen Buch. 229 Verordnungsblatt der Deutschen Wirtschaftskommission(DWK) 1948, zit. nach Klinger, 8. 345. 230 Vgl. zur SED-Gründung vor allem Maiycha, Weg[mit ausführlichem Forschungsbericht]; Bea{rix Bouvier, Ausgeschaltet! Sozialdemokraten in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR 1945-1953, Bonn 1996; Bernd Faulenbach/Heinrich Potthoff(Hrsg.), Sozialdemokraten und Kommunisten nach Nationalsozialismus und Krieg. Zur historischen Einordnung der Zwangsvereinigung, Essen 1998. Wilhelm Pieck, Reden und Aufsätze. Auswahl aus den Jahren 1908 bis 1950, Bd. 2, Berlin 1950, S.21f.,8.25f. 232 Malycha, Weg, S. LXIX. 233 Ebd., S. XXIX. 23 66 Christoph Kleßmann den Kopf gestellt mit der Bemerkung:»In der politischen Praxis wuchs die Gemeinsamkeit von KPD und SPD, schwand das gegenseitige Mißtrauen und wurden die antikommunistischen Argumente der Einheitsgegner widerlegt.«?* So wenig sich der Vereinigungsprozeß auf eine einfache Formel bringen läßt, so klar ist doch aus dem breiten Quellenmaterial deutlich gemacht worden, daß Zwang und Drohung ebenso wie Täuschung und»Bestechung« die Szene dominierten, Die Formen der Stilisierung der neuen Partei als»Klassenpartei der Arbeiter« durch Konferenzbeschlüsse und massenhafte Zustimmung zu Resolutionen aus den Betrieben sowie aus den regionalen und lokalen Parteiorganisationen sollten diesen Sachverhalt verdecken und eine pseudodemokratische Legitimation liefern. In fast allen osteuropäischen Ländern wiederholte sich später dieser strukturell ähnliche Prozeß. Formal ist dabei unübersehbar, daß der zum Teil gesteuerte Druck»von unten« kam: von Landes- und Provinzialvorständen, aus den Betrieben und Gewerkschaftsgruppen. Diese ließen sich leichter instrumentalisieren und hatten weniger Möglichkeiten, sich gegen Drohungen zur Wehr zu setzen.?5 Viele konnten und wollten sich der Suggestion des Massenspektakels nicht mehr entziehen und sahen schließlich in der Zustimmung zur Vereinigung die einzige Chance, sozialdemokratisches Eigengewicht in der künftigen Einheitspartei zu sichern. Von einer organischen Entwicklung konnte jedenfalls keine Rede sein. Tjul’panov bestätigte das, als er in einem Memorandum für das sowjetische ZK vom 26. Februar 1946 lakonisch feststellte:»Um die Vereinigung der beiden Arbeiterparteien[...] hat sich ein heftiger Kampf mit den Feinden der Einheit in der gesamten Sowjetischen Besatzungszone ergeben.«? Die einzige freie Willensäußerung der SPD-Mitglieder, die von der KPD nachdrücklich bekämpfte Urabstimmung in den Westsektoren Berlins?”, dürfte am ehesten die wirkliche Stimmungslage wiedergegeben haben. Ihre Ergebnisse liefen auf das klare Votum»Zusammenarbeit ja, Fusion nein« hinaus und spiegelten insofern die Ambivalenz von Hoffnung und Enttäuschung wider, Das Ausmaß von Manipulation, Zwang und Instrumentalisierung war noch nicht voll erkennbar und bewußt geworden, so daß der Wunsch nach Kooperation angesichts der Katastrophen von 1933 und 1945 noch nicht vollständig von den deprimierenden Nachkriegserfahrungen überJagert wurde. Der Einheitswille hatte jedoch wenig mit den Vorstellungen zu tun, die von der KPD schon im Exil entwickelt worden waren und von der SMAD vor allem nach dem österreichischen und ungarischen Wahldebakel im Herbst 1945 forciert wurden.2®„Einheit ist die Frage der SPD— sie wird dadurch ausgeschaltet«, hatte Wilhelm Pieck im April 1944 notiert.”* Damit wurde die Strategie der KPD in militärisch-knapper Form auf den Punkt gebracht. Zwar war die SPD zwei Jahre später als eigenständige Partei verschwunden, aber der»Sozialdemokratismus« blieb ein Trauma und die »Ausschaltung« Heß sich keineswegs so einfach realisieren, wie der technische Begriff suggerierte, Er blieb in den eigenen Reihen ein Problem, so inhaltsleer dieses Etikett auch war, weil es nahezu beliebig gegen verschiedene Formen von Abweichung in unterschiedlichen politischen Konstellationen verwandt wurde.? So genau jetzt die neu zugänglichen Quellen den Weg zur erzwungenen organisatorischen Einheit nachzuzeichnen erlauben, so vage bleibt das Bild der Betriebsgruppen in 234 Deutsche Geschichte Bd. 9, S. 172. 235 Malycha, Weg, S. XCI f. 236 Bonwetsch, S. 31 237 Vgl. dazu ausführlich Harold Hurwitz, Demokratie und Antikommunismus in Berlin nach 1945, Bd. IV, Köln 1990, S. 1220-1370. 238 Vgl. Helga Grebing u. a., Zur Situation der Sozialdemokratie in der SBZ/DDR im Zeitraum zwischen 1945 und dem Beginn der fünfziger Jahre, Marburg 1992, S. 49£. 239 Zit. nach Bowvier, S. 11 240 Ebd., S. 155 ff. Die stilisierte Klasse 67 diesem Prozeß und ihrer Rolle in den folgenden Jahren. Daß sich in einschlägigen Aktenbeständen, von der Literatur zu schweigen, nur sporadische Hinweise finden, läßt sich aber als Indiz für ihre anfangs eher periphere Bedeutung interpretieren. Um sowohl der politischen wie der ökonomischen Schwierigkeiten in der Durchsetzung und Kontrolle ihrer Ziele besser Herr werden zu können, forcierten zwar KPD- und SED-Führung frühzeitig die Schaffung von Betriebsparteigruppen.?! Aber sie stießen dabei offensichtlich auf größere Probleme als im außerbetrieblichen Parteiapparat. Die KPD konnte auf eine feste Tradition aus der Weimarer Republik zurückgreifen, während Betriebsgruppen in der traditionellen Organisationsstruktur der SPD eher einen Fremdkörper bildeten. Die intensiven betrieblichen Bemühungen der KPD und die anstehenden Betriebsrätewahlen stimulierten aber auch entsprechende Aktivitäten der SPD und zum Teil auch der bürgerlichen Parteien.? Zwar gab es einige Beispiele für einen relativ schnellen Erfolg, aber im Januar 1946 mußte das theoretische Organ der KPD»Neuer Weg« feststellen:»Meist bleibt die Betriebsarbeit— von rühmlichen Ausnahmen abgesehen— eine kampagnenhafte Angelegenheit. Dieses zusammenfassende Urteil ist scharf, wir wissen das, entspricht aber den Tatsachen. Viele Parteileitungen, ja Bezirksleitungen haben offensichtlich noch nicht begriffen, daß die Betriebsgruppen die Grundlage unserer Parteiorganisation sind.« Der Parteiapparat tat sich offensichtlich schwer, zumal wenn seine Funktionäre sich schon im Verhalten nicht angemessen auf die Stimmung in den Betrieben einstellten. Eine Notiz Wilhelm Piecks von einem Gespräch in Karlshorst im Juli 1946 machte das in einem nur scheinbar belanglosen Detail deutlich:»Engere Beziehungen mit Betriebsarbeitern; mehr um Arbeiter kümmern— Schumacher-Leute Erfolge bei Betriebsrätewahlen. Unsere Genossen bei Versammlungen mit Auto kommen u. abfahren, macht schlechten Eindruck, mehr innere Betriebsarbeiten leisten.«?* Im September 1946 verabschiedete der Parteivorstand der SED Richtlinien für den Aufbau der Betriebsgruppen entsprechend Paragraph 9 des Parteistatuts.?® Danach sollten in allen Betrieben, in denen mindestens drei Parteimitglieder arbeiten, in der Regel Betriebsgruppen gebildet werden. Die Ausführungsvorschläge dazu legten neben genauen Arbeitsanweisungen besonderen Wert auf regelmäßige Betriebsversammlungen, für die zu gelten hatte:»a) dazu eine gut vorbereitete Tagesordnung festlegen; b) Ausschmückung des Lokals; c) wenn möglich, mit einer Musikkapelle; d) Rezitationen, Gedichte oder Vorlesung aus einem guten Buch«. Differenzen zwischen KPD und SPD hatten vollständig zu verschwinden; neben»Umsiedlern« als Adressatengruppe, um die man sich besonders kümmern wollte, sollten auch Betriebsversammlungen mit nominellen PGs durchgeführt werden, die man»aufklären und sie für die spätere Aufnahme in die Partei reif machen« wollte, Die Quellen vermitteln bisher den Eindruck, daß die SED die Betriebsgruppenarbeit erst 1948 im Zusammenhang des Umbaus zur»Partei neuen Typs« und zur Propagierung des Zwei-Jahresplans wirklich vorantrieb.?® Nach Angaben des für Organisations241 Vgl. Benser, KPD, S. 190 f. 242 Vgl. Kleßmann, Betriebsparteigruppen, S. 275. Bislang finden sich in der Literatur kaum Hinweise auf Betriebsgruppen der bürgerliche Parteien. Im Zwischenbericht über den Stand der Betriebswahlen vom 13.9.1948 der Hauptabteilung Organisation des FDGB wird auf die Situation in Sachsen-Anhalt verwiesen, wo in einer Reihe von Betrieben die»Tätigkeit der LDP- und teilweise der CDU-Gruppen in bezug auf die Betriebswahlen lebhafter als die der SED-Gruppen« sei. SAPMO-BArch, DY 34/20343. 243 Neuer Weg 1946, H. 1, 5. 37. 244 Besprechung am 26.7.1946 in Karlshorst. Zit, nach Badstühner/Loth, S. 76. 245 Richtlinien vom 21.9.1945, SAPMO-BArch, DY 30(SED), FV2/5/229. 246 Thomas Friedrich u. a.(Hrsg.), Entscheidungen der SED 1948. Aus den stenographischen Niederschriften der 10. bis 15. Tagung des Parteivorstandes der SED, Berlin 1995, S. 39. 68 Christoph Kleßmann und Personalpolitik zuständigen Mitglieds im Zentralsekretariat, Franz Dahlem, gab es Ende August 1948 14 784 Betriebsgruppen mit insgesamt 658 748 Mitgliedern. Das entsprach 36,6 Prozent der Gesamtmitgliedschaft.*” In der Kluft zwischen Wunsch und Realität zeigten sich somit deutliche Parallelen zur Situation der betrieblichen Gewerkschaftsgruppen. Die Betriebsgruppe»zum Motor« und den Betrieb»zur Festung für die SED, für die Arbeiterklasse, für Demokratie, für ein besseres Leben« zu machen*®, blieb utopisch. Das doppelte Organisationsprinzip im Aufbau der SED wurde beibehalten, die Verbindung zwischen Wohngebiets- und Betriebsgruppe änderte sich mehrfach, ohne jedoch, wie ursprünglich geplant, den eindeutigen Vorrang des Produktions- vor dem Territorialprinzip festzuschreiben.”® Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die SED einen Einheitsmythos der Arbeiterklasse verkörperte und propagierte, der auf Zwang und organisatorisch-programmatischer»Säuberung« ihrer sozialdemokratischen Traditionslinien beruhte, Sie spaltete damit die Arbeiterbewegung in Deutschland und antizipierte auf einem wichtigen Feld den Kalten Krieg. V. AUSBLICK: WEICHENSTELLUNGEN AUF DEM WEG ZUM»ÄRBEITER-UND-BAUERNSTAAT« Zweifellos sind die frühen Erfolgsbilanzen von Parteigremien und gewerkschafilichen Tätigkeitsberichten nicht einfach zum Nennwert zu nehmen. Aber sie standen auch nicht bloß auf dem Papier, sondern gehören in das Umfeld spontaner Bereitschaft zu Engagement und Hilfeleistung, die über verordnete Aktivitäten hinausreichte und auch nicht nur die zum festen Bestandteil der offiziellen Historiographie avancierten»Aktivisten der ersten Stunde« umfaßte.?” Insofern läßt sich hier eine breite Überschneidungszone von politisch langfristig motivierten Planungen und Arbeiterinitiativen vor Ort vermuten, die einer politischen Organisationsgeschichte erst die notwendige Verankerung verlieh, Noch bevor neue politische Direktiven mit Nachdruck und Konsequenz ausgegeben und durchgesetzt wurden, entstand hier somit ein Feld sozialer Integration, ohne das auch der verordnete politische Umbau kaum hätte funktionieren können. Die Verhaltensweisen der Arbeiterschaft waren viel diffuser und widersprüchlicher, als es dem Idealbild einer zielstrebig geführten Klasse entsprach, aber auch komplexer als eine aus späteren Zusammenhängen abgeleitete Vorstellung diktatorischer Unterdrückung und Stalinisierung von Anfang an— so wenig deren Zielrichtung zu bestreiten ist— suggeriert.?! Mit der verstärkten außenpolitischen Blockbildung seit 1947- der Marshali-Plan, die Kominform-Gründung und das Scheitern der gewerkschaftlichen Interzonen-Konferen247 Ebd., S. 454. 248 Die Betriebsgruppe muß zum Motor des Betriebes werden, Berlin 25.10.1948, mit R. R. gezeichneter Text, SAPMO-BArch, DY 30/1V2/5/229, Bl. 106 ff. 249 Vgl. Monika Kaiser, Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Funktionsmechanismen der SED-Diktatur in Konfliktsituationen 1962 bis 1972, Berlin 1997, S. 41. 250 Keller, S. 41 f. Dort bleiben diese völlig schablonenhaft. Noch penetranter ist der Abschnitt von Werner Krause, Die Entstehung des Volkseigentums in der Industrie der DDR, Berlin 1958, S. 16-25(»Die Arbeiterklasse wird im Gebiet der DDR zur entscheidenden politischen Kraft). Vgl. auch Deutsche Geschichte Bd. 9, S. 16 ff. 251 Diese Dimension wird in totalitarismustheoretisch argumentierenden Darsteliungen nicht deutlich, Die erheblichen Probleme bei der schnellen Durchsetzung der Ziele und Ansprüche tauchen kaum auf. Vgl. z. B. Klaus Schroeder, Der SED-Staat. Partei, Staat und Gesellschaft 1949-1990, München 1998, S. 43 f. ‚Die stilisierte Klasse 69 zen?” sind hier markante Daten-- veränderten sich aber auch die Handlungsbedingungen für Arbeiter und ihre Organisationen. Die politischen Entscheidungsträger richteten sich implizit auf einen ostdeutschen Separatstaat ein, der als Alternative zum Marshall-Plan auf eigene Ressourcen unabhängig vom Westen setzen mußte.” Zu allererst bedeutete das, den Imperativ einer umfassenden Produktionssteigerung und Verbesserung der Arbeitsmoral viel nachdrücklicher zu formulieren und durchzusetzen. Den Start dafür bildete der bereits mehrfach erwähnte SMAD-Befehl Nr. 234 vom Oktober 1947°*, den Ulbricht zu Recht auf eine Stufe mit den Struktureingriffen in die Eigentumsverhältnisse(Bodenreform und Verstaatlichung der Großbetriebe) stellte.? Er hatte seinen Ursprung in einer ökonomischen Zwangslage, die durch die politischen Veränderungen der>Großwetterlage« noch verschärft wurde. Er markiert aber auch das Ende einer bestimmten Phase der Nachkriegszeit, in der sich Planungen von oben und spontane und ungeplante kollektive Initiativen und individualistische Verhaltensweisen an der Basis überlagerten. Mit der im Herbst 1947 in ersten Anzeichen erkennbar werdenden Transformation der SED in eine»Partei neuen Typs«, der sich daraus ergebenden systematischen Ausschaltung des sozialdemokratischen Flügels in der Einheitspartei, mit der intensiveren Verankerung von Betriebsparteigruppen, schließlich der Ausschaltung der Betriebsräte zugunsten von Betriebsgewerkschaftsleitungen(BGL)* und der Forcierung der Aktivistenbewegung durch»Kumpel Hennecke«*”” wurden Signale gesetzt und Weichen gestellt, die in Richtung der Gründung eines sozialistischen Separatstaates führten. Damit wurden zwar die Traditionslinien aus der alten Arbeiterbewegung nicht einfach abgeschnitten, und auch die Milieus, in denen sie wurzelten, verschwanden nicht völlig. Aber die zunächst noch wiederbelebten Reste ihrer Autonomie gingen verloren. Mit der offenen Sowjetisierung staatlicher und gesellschaftlicher Institutionen und Strukturen wurde die Sowjetunion zum bedingungslos proklamierten Orientierungsmaßstab.?® Das betraf die Wirtschaftsplanung, die Arbeitsverfassung und die Sozialpolitik, den konsequenten Kampf gegen»Sozialdemokratismus« und»Nur-Gewerkschaftertum«, aber auch verstärkte Bemühungen um»Brechung des bürgerlichen Bildungsmonopols«, neue 252 Die Interzonen-Kanferenzen sind anhand neuen Materials jetzt knapp zusammenfassend analysiert worden von Werner Müller, Die Interzonen-Konferenzen und die Spaltung der deutschen Gewerkschaftsbewegung, in: Gewerkschaften in der SBZ/DDR 1945 bis 1950, Hannover 1996, S. 37-52. 253 Vgl. Peter Hühner, Balance des Ungleichgewichts. Zum Verhältnis von Arbeiterinteressen und SED-Herrschaft, in: GG 19, 1993, S. 15-28, hier: S. 20. 254 Der Befehl Nr. 234, auf den hier nicht mehr eingegangen wird, wollte durch die Verbindung von materiellen Anreizen und schärferen Kontrollen das leidige Problem der Erhöhung der Arbeitsproduktivität lösen. Zu den Reaktionen und Schwierigkeiten der Umsetzung in den Betrieben gibt es reiches veröffentlichtes und unveröffentlichtes Quellenmaterial. Vgl. dazu vor allem Hübner, Konsens, S. 21-36. 255 Der Text des Befehls Nr. 234 und Ulbrichts Stellungnahme dazu in: Um ein antifaschistisch-demokratisches Deutschland, S. 504 ff., S. 511 ff. 256 Die Bitterfelder Beschlüsse sind dokumentiert und analysiert bei Brunner, Wandel. Ein deutlicher Schritt auf dem Weg zur Ausschaltung der Betriebsräte waren bereits die programmatischen »Hettstedter Beschlüsse« vom 8. 5. 1958, durch die zur Verwirklichung des Befehls Nr. 234 die betrieblichen Gewerkschaftsgruppen aufgewertet werden sollten. Text in: Aus der Arbeit des FDGB 1947 bis 1949, hrsg. v. Bundesvorstand des FDGB, Berlin 1950, S. 411413, 257 Zur Aktivistenbewegung vgl. die ebenso materialreiche wie linientreue Arbeit von Gortfried Dittrich, Die Anfänge der Aktivistenbewegung, Ost-Berlin 1987. Vgl. ferner Klaus Ewers, Aktivisten in Aktion: Adolf Hennecke und der Beginn der Aktivistenbewegung 1948/49, in: DA 14, 1981, S. 947-970. 258 Vgl. dazu die Beiträge in: Lemke. 70 Christoph Kleßmann Kubturinitiativen und Versuche zur nationalen Mobilisierung der Arbeiterschaft im Zeichen einer sich vertiefenden Spaltung Deutschlands. Ulbricht sprach bereits im April 1948 in einer Unterredung mit einem hohen sowjetischen Offizier deutlich aus, daß die Diktatur des Proletariats auf die Tagesordnung zu setzen sei- statt»daß wir Demokratie spielen und parlamentarische Wahlen durchführen«.?* Zwar konnte sich die SED-Führung damit noch nicht durchsetzen, und Stalin forderte mehr Taktieren.?® Die gesamte soziale und politische Entwicklung der Jahre 1948/49 ist jedoch von diesem Dilemma geprägt: Die volksdemokratische Umgestaltung wurde forciert, und damit enthüllten sich die nationalen Kampagnen als Propaganda und Alibi für einen konsequenten Sowjetisierungskurs auf allen Ebenen. Wesentliche Elemente davon gab es bereits seit 1945, aber noch kaum in»reiner Form« und nicht für jedermann erkennbar. Als die DDR im Herbst 1949 gegründet wurde, wurde dieses Datum von Massenkundgebungen und bombastischen Zustimmungsritualen begleitet, die eben diesen Widerspruch zwischen konsequenter Sowjetisierung und Festhalten an der nationalen Einheit verdecken sollten, Wenig Genaues wissen wir bisher über die Einstellungen der Bevölkerung und insbesondere der Arbeiterschaft zu»ihrem Staat«. Nach der langen Vorgeschichte, die ein frappierendes Ausmaß von Desinteresse, Renitenz und offener oder verdeckter Kritik zeigt, wäre es wenig glaubwürdig, den wortreichen Beschwörungen breiter Zustimmung in der DDR-Historiographie irgendeinen Realitätsgehalt beizumessen.?! Selbstverständlich gab es die ostentative Zustimmung, sowohl aus Überzeugung wie aus Opportunismus oder Angst. Aber wenig spricht dafür, daß bereits zu diesem Zeitpunkt die Usurpation der alten Arbeiterbewegungstradition schon so erfolgreich gewesen ist, daß der»erste Arbeiter-und-Bauern-Staat auf deutschem Boden« in nennenswertem Ausmaß Unterstützung seiner führenden Klasse gefunden hätte. Die Avantgarde hatte sich offensichtlich weit von ihrer Basis entfernt. Das zeigte sich in den verdeckten Konflikten der nächsten Jahre, die ihren Höhepunkt im Aufstand vom 17. Juni 1953 fanden, Ein Schweriner Gewerkschaftsvertreter gab 1949 ein Stimmungsbild über die negative Aufnahme der Regierungsbildung bei der Belegschaft der traditionsreichen Neptun-Werft in Rostock. Aus mehreren drastischen Einzeläußerungen folgerte er:»Diese Ablehnung ist im allgemeinen in der Neptun-Werft zu hören und zu spüren und stelit durchaus keine Einzelmeinung dar. Ich frage mich nun, woher diese Stimmung rührt und was man tun muß, um die Arbeiter für ihre Regierung zu gewinnen und von der Richtigkeit unseres Weges zu überzeugen.«?? Man kann davon ausgehen, daß dieser punktuelle Stimmungsbericht zum damaligen Zeitpunkt noch für die große Mehrheit der Bevölkerung und auch der Arbeiterschaft zutreffend war, Die Inszenierung einer»verstaatlichten Arbeiterbewegung« stieß nicht nur aufgrund der immer noch bestehenden allgemeinen Notlage, sondern auch wegen der massiven Erfahrungen von Manipulation und Repression auf Ablehnung, Skepsis und Gleichgültigkeit. Dennoch blieb die Stilisierung der»führenden Klasse« auf Dauer nicht ohne beträchtliche Breitenwirkung. Der riesige und im Lauf der Entwicklung und Festigung der DDR wachsende und sich ausdifferenzierende Apparat der Parteien und 259 Zit. nach Jochen Laufer, Die Verfassungsgebung in der SBZ 1946-1949, in: APZ B 32/33(1998), S. 39. 260 Vgl. Dietrich Staritz, Die SED, Stalin und die Gründung der DDR, Aus den Akten des Zen1ralen Parteiarchivs, in: APZ B 5(1991), S. 3-16,, hier: S. 7. 261 Vgl. als Beispiele Helmut Neef, Entscheidende Tage im Oktober 1949. Die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik, Ost-Berlin 1984; Deutsche Geschichte Bd. 9, S. 455 ff. 262 Betr.: Stimmungsbild über die Aufnahme der Regierungsbildung bei der Belegschaft der Neptun-Werft in Rostock,[1949], SAPMO-BArch, DY 34/20408. Die stilisierte Klasse an Massenorganisationen integrierte Millionen von Arbeitern. Sie wurden damit herrschaftstechnisch stärker verfügbar gemacht, als wenn sie unorganisiert geblieben wären, Ämter und Funktionen auf verschiedenen Ebenen brachten aber auch Loyalitäten mit sich.?® Diese mußten nicht bedingungslos sein, sondern konnten sich überlappen mit anderen Loyalitäten oder auch Formen von Widerständigkeit und Ablehnung. Die vielfältigen Aufgaben und Aktivitäten, die teils von der Zusammenbruchssituation erzwungen, teils aus traditionellem Gewerkschaftsverständnis übernommen wurden, gehören ebenso wie die politische Funktionalisierung durch SMAD- und SED-Führung zum Gesamtbild der Arbeiterbewegung in der SBZ. Die»Klasse an sich« war, wie gerade die ersten Nachkriegsjahre zeigen, ähnlich bunt, fragmentiert, von unterschiedlichen Interessen, Traditionsbezügen und Verhaltensmustern bestimmt wie im Westen auch. Die Erfahrung des Zwangs zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft und der Lohnabhängigkeit blieb ein verbindendes Element. Die sperrigen Verhaltensweisen im Alltag bildeten handfeste Korrektive für die hochfliegenden Planungen, wie sie in der Isolation des Exils entwickelt worden waren. Mit dem unerschütterlichen Glauben an die Macht von Organisationen und richtig geschulten und geführten Funktionären hatten SED und Gewerkschaftsspitze einen Teil des»Organisationsfetischismus« der sozialistischen deutschen Arbeiterbewegung geerbt und internalisiert.’** Die Ausdifferenzierung der Partei- und Gewerkschaftsbürokratien, ihre permanente Verpflichtung auf Erfüllung von Beschlüssen übergeordneter Gremien und auf ständige Berichterstattung, Dauerappelle anstelle materieller Kompensation sind zwar nicht ohne Wirkung geblieben, haben aber zu keinem Zeitpunkt der DDR-Geschichte erreicht, daß sich aus der»Klasse an sich« die»Klasse für sich« entwickelte. 263 Vgl. dazu die sehr aufschlußreiche Studie von Hartmut Zimmermann, Der FDGB als Massenorganisation und seine Aufgaben bei der Erfüllung der betrieblichen Wirtschaftspläne, in: Peter Christian Ludz(Hrsg.), Studien und Materialien zur Soziologie der DDR, Opladen 1968, S. 115-144. 264 Die SED-Historiographie folgte diesem Glauben. Ein Beispiel von suggestiver Konsequenz ist in dieser Hinsicht die materialreiche und empirisch ergiebige, aber eben vollständig auf die unfehlbare Weisheit der Parteilinie ausgerichtete Darstellung in Benser, KPD.