Archiv für Sozialgeschichte 36, 1996 649 Im dritten Teil seiner Studie gibt Giesselmann einen kritischen Überblick über die wichtigsten Ursachentheorien des Protests und konfrontiert sie im empirischen Test mit dem Doppelbefund des ersten und zweiten Teils. Soweit die Theorien sich operationalisieren lassen und die Datenlage es erlaubt, erfolgt der Test in der strengen Form der mathematischen Korrelationsanalyse. Wie die Ursachentheorien des Protests von Marx und Tocqueville über Thompson, Huntington und Gurr bis hin zu den Tillys, um nur die prominentesten zu nennen, den Test überstanden haben, kann hier nicht im einzelnen referiert werden(eine Zusammenfassung der Ergebnisse S. 1019-1027). Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht immer wieder Charles Tilly, der die Geschichte der kollektiven Gewalt in Frankreich mit z. T. ähnlichen quantitativen Methoden, d. h. kontrollierbar, untersucht hat und nun viele Federn lassen muß. Allerdings ist es auch Giesselmann nicht immer gelungen, die Schwächen zu vermeiden, die er den Tillys ankreidet. Meinen Vorbehalt gegenüber seiner quantitativen Makroanalyse, der sich aus der mangelnden Tiefengliederung der Kriminalstatistik ergibt, habe ich oben bereits genannt. Immerhin gelingt es ihm, den Erklärungswert einer Vielzahl von Ursachenvariablen und intervenierenden Faktoren zu prüfen, die er in sechs Großgruppen einteilt: die demographischen Variablen(Bevölkerungswachstum und Urbanisierung), die sozioökonomischen(Veränderungen von Wirtschaftsstruktur und-konjunktur, Deprivation, soziale Mobilität), die rechtlich-politischen(Durchsetzung des modernen Verwaltungsstaates, soziale Disziplinierung), die soziokulturellen(Sozialisationsbedingungen, Bildung, Presse, Anomie, Gewaltkultur), die soziopsychologischen(Unzufriedenheit, normative und utilitaristische Protestrechtfertigungen) und schließlich die situations- und persönlichkeitsspezifischen Variablen(Protesterfahrung, Stärke der Ordnungskräfte usw.). Am Ende der aufwendigen quantitativen und qualitativen Bemühungen steht ein außerordentlich differenziertes Bild der Bestimmungsfaktoren des Protests. Neben der Art der Ergebnisgewinnung liegt darin eine weitere wichtige Leistung Giesselmanns. Das ist um so mehr zu betonen, als hier wiederum nur die Hauptkonfliktquellen hervorgehoben werden können: die mangelnde Tragfähigkeit der traditionellen Agrar- und Handwerkswirtschaft bei wachsender Bevölkerung, die Arbeits- und Lebensbedingungen der frühen Industriearbeiter und der Durchgriff des modernen Verwaltungs- und Steuerstaates auf die Leistungskraft der Bürger, ohne ihnen entsprechende Mitwirkungsrechte einzuräumen. Materielle Deprivation und politische Repression— beide in ihren absoluten und relativen Varianten— erweisen sich als die entscheidenden Legitimationsdefizite der Julimonarchie. Man muß nicht gleich in die mechanistischen Ursache-WirkungsVorstellungen der älteren Protestforschung zurückfallen, um in diesem Ergebnis eine Bestätigung der»einfachen« Erklärungen und zugleich eine heilsame Warnung vor zu subtilen Modellen zu sehen. Gerade in den die jüngere Protestforschung dominierenden kulturanthropologischen Ausdeutungen abweichenden Verhaltens ist häufig unterschätzt worden, wie stark die Erfüllung oder Verletzung menschlicher Grundbedürfnisse nach materieller Sicherheit, gesellschaftlicher Anerkennung und gerechter Ordnung die Bereitschaft zum Protest beeinflussen. Heinrich Volkmann, Berlin James F. Searing, West African Slavery and Atlantic Commerce. The Senegal River Valley, 1700-1860, Cambridge UP, Cambridge 1993, XIII+ 250 S., geb., 35£. »Door of no return« heißt der seewärts gerichtete Ausgang eines Handelshauses auf der vor der senegalesischen Hauptstadt Dakar gelegenen Insel Gore. Im 18. Jahrhundert— Dakar gab es noch nicht— pferchte dort ein Sklavenhändler seine Opfer in den engen 650 Forschungsberichte und Rezensionen Lagerräumen zusammen, bis sie in die Festung der französischen Handelskompanie gebracht und über den Atlantik nach Amerika verschifft wurden. Heute ist dieses Haus ein gut besuchtes Museum, die»Maison des Esclaves«. Einer der Besucher, der Autor des vorliegenden Buches, hat seinen Blick landeinwärts gerichtet und benutzt, wie er schreibt, den atlantischen Handel als ein Fenster, durch das er die Veränderungen innerhalb Afrikas untersucht. Der transatlantische Handel habe, so seine These, die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen der betroffenen afrikanischen Gesellschaften transformiert. Erst der Export von Sklaven und Gummi arabicum, den beiden wichtigsten»Handelsgütern«, schuf Bedingungen, die den Einsatz von Sklaven in der lokalen Ökonomie in einem davor unbekannten Ausmaß forcierten. Der Grundgedanke ist nicht neu und in überregionalen Studien des öfteren formuliert worden. Aber Searing liefert ein detailliertes Bild der mit der Integration in die atlantische Welt verbundenen besonderen Entwicklung der zwischen dem Senegal und dem Gambia beheimateten Völker. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts errichtete die»Compagnie des Indes Occidentales« auf den Inseln Goree am Kap Verde und Saint Louis an der Mündung des Senegal Stützpunkte, über die der atlantische Handel abgewickelt wurde. Sklaven, Gummi und andere Güter kamen aus dem Landesinneren und wurden teilweise über Hunderte von Kilometern in die Inselsiedlungen gebracht, wo sie bisweilen längere Zeit auf den Abtransport warteten. Mit der Ausweitung des Handelsvolumens zu Beginn des 18. Jahrhunderts stieg die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, vorwiegend Hirse, um die Versorgung der Siedlungen und des Sklaventransports zu gewährleisten. Dies führte zur Kommerzialisierung des Agrarsektors vor allem der küstennahen und der entlang des zentralen Handelsnervs Senegals gelegenen Gesellschaften, die die Überschußproduktion mittels Sklavenarbeit erwirtschafteten. Hieraus erkläre sich auch, so Searing, der im westafrikanischen Vergleich nur sehr geringe Anteil Senegambias am transatlantischen Sklavenhandel. In den Spitzenjahren(ca. 1710-1750) betrug er höchstens zwei bis drei Prozent. Wahrscheinlich über die Hälfte der in die Region verschleppten oder dort versklavten Menschen seien in die Landwirtschaft verkauft worden. Nach der Abschaffung des Sklavenhandels nach Übersee habe die erhöhte Nachfrage nach»legitimen« Gütern ebenfalls nur durch den Influx einer ausreichenden Anzahl von Sklaven befriedigt werden können. So beispielsweise während des Gummi-Booms in den 1820er Jahren oder danach in der Erdnußproduktion, die sich bezeichnenderweise in den Gebieten durchsetzte, in denen im Jahrhundert zuvor der Getreideüberschuß produziert wurde. Methodische Probleme werden da deutlich, wo es um die Quantifizierbarkeit der einzelnen Faktoren geht. Da die Versorgungsleistungen für die Sklavenschiffe und die Stützpunkte in der Mitte des 18. Jahrhunderts auf weniger als 1000 t Getreide geschätzt werden, können diese allein nicht für das Ausmaß der Kommerzialisierung der Landwirtschaft verantwortlich gewesen sein. Weitere Exportmärkte für das Getreide vermutet Searing in den weiter nordöstlich gelegenen, Gummi produzierenden Gebieten, vor allem aber in der von einer lang anhaltenden Trockenperiode betroffenen und relativ dicht besiedelten Region des Nigerbogens bei Timbuktu. Ein Großteil der nach Senegambia importierten Sklaven sei dort im Getreidehandel erworben worden. Zwar finden sich auch bei anderen Autoren Hinweise auf die von Osten nach Westen verlaufende Sklavenroute, aber offensichtlich fehlt es an aussagekräftigen Belegen. Das mag der Grund dafür sein, daß in Searings Argumentation, die sich vorwiegend auf europäische Quellen stützt, diese Bereiche häufig zu kurz kommen. Dafür erfährt die Entwicklung der urbanen Siedlungen Goree und Saint Louis eine sehr luzide Analyse. Sie waren die Schnittstellen von europäischer und afrikanischer Kultur. Die auch physischen Verbindungen brachten eine Reihe mulattischer Familien hervor, die den Nukleus einer intermediären Händler- und Dienstleistungsschicht bildeten. Gestützt auf die Arbeit von Sklaven, die im Laufe des 18. Jahrhunderts zur größten Bevölke Archiv für Sozialgeschichte 36, 1996 651 rungsschicht der Inseln anwuchsen, sicherten sich die»habitants« politische und wirtschaftliche Einflußsphären. Die Rivalität der Europäer seit dem Siebenjährigen Krieg und die zwischen Briten und Franzosen wechselnden Okkupationen der Inselstädte bescherten den»habitants« ein»goldenes Zeitalter«. Dessen Niedergang wurde mit der Implementierung des Freihandels eingeläutet und mit der Abschaffung der Sklaverei 1848 besiegelt. Searing offeriert zudem eine neue Sichtweise der Entstehung des militärischen Systems der Wolof, das auf dem Einsatz von Sklaven als Soldaten basierte. Anhand der umfangreichen dynastischen»Oral Tradition« der seit dem 13. Jahrhundert zwischen dem Senegal und dem Gambia beheimateten Wolof- und Sereer-Kulturen verknüpft der Autor die Formierung der Sklavenarmee entgegen anderslautenden Interpretationen mit dem aufkommenden atlantischen Handel. Der Import von Feuerwaffen, die an die »royal slaves«, deren privilegierter Status auch ihre Loyalität sicherte, ausgeteilt wurden, führte zur Etablierung eines stehenden Heeres, auf das sich die von Searing als»old regime« bezeichnete despotische Monarchie gründete. Sie hatte seit 1695 bis zur Eroberung durch die Franzosen Mitte des 19. Jahrhunderts Bestand. Interpretationen der politischen Entwicklung der Region, die unter anderem durch das Einsickern islamischer Strömungen gekennzeichnet war, fehlen ebensowenig wie Erklärungen der Zusammenhänge zwischen atlantischem Handel und periodischen Subsistenzkrisen. Searing ist es gelungen, in knapper, lesenswerter Form sein Thema bis auf die obige Einschränkung erschöpfend zu behandeln. Als störend muß vermerkt werden, daß auf ein ausführliches Quellenverzeichnis und ein Literaturverzeichnis gänzlich verzichtet wurde. Oliver v. Mengersen, Heidelberg Walton Look Lai, Indentured Labor, Caribbean Sugar, Chinese and Indian Migrants to the British West Indies, 1838-1918, The John Hopkins UP, Baltimore etc. 1993, XXVIII+ 370 S., geb., 39,95$. Zucker, seit dem 17. Jahrhundert mit der Arbeit afrikanischer Sklaven angebaut, war das wichtigste Exportprodukt der britischen Kolonien im karibischen Raum. Nach der Sklavenemanzipation im Jahr 1834, die erst nach einer Übergangszeit von vier Jahren voll wirksam wurde, sahen sich die Plantagenbesitzer mit einem Mangel an vergleichsweise billigen Arbeitskräften konfrontiert. Der Exodus der von ihren Ketten befreiten Sklaven war in den Besitzungen besonders groß, in denen noch ausreichend Land verfügbar war— sie konnten sich dort als unabhängige Kleinbauern niederlassen. Nur zu einem Teil gelang es, die Ex-Sklaven als Lohnarbeiter auf den Plantagen zu halten. In einer Konzertierten Aktion des britischen Kolonialamtes und der Plantagenbesitzer wurde ein altes System der Kontraktarbeit wiederbelebt:»indentured labour«. In regional und zeitlich unterschiedlichen Ausprägungen existierte diese Form der Arbeiterbeschaffung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Walton Look Lai untersucht in seiner Dissertation die push- und pull-Faktoren, die die Migrationsbewegung vom asiatischen Raum in die Karibik bestimmten. Er erzählt die Geschichte der angeworbenen indischen und chinesischen Arbeitskräfte, von ihren Hoffnungen, die sie mit dem Kontrakt verknüpften, und ihren Erfahrungen im»modernen« Plantagenbetrieb, von ihren Strategien zur Bewahrung der eigenen kulturellen Identität inmitten einer äußerst heterogenen kolonialen Gesellschaft, aber auch von den Akkulturationsmustern und den Integrationsbemühungen derjenigen, die sich nach Ablauf des Kontraktes eine unabhängige Existenz aufbauen wollten. Es waren vorwiegend wirtschaftliche Gründe, die die Asiaten zur Unterzeichnung der Arbeitsverträge bewo