666 Forschungsberichte und Rezensionen und Arbeiterschaft fungierte, müssen erst weitere Regionalanalysen klären. Sie können sich auch methodisch an dieser Pilotstudie für Baden orientieren. Klaus Schönhoven Wilhelm Heinz Schröder, Arbeitergeschichte und Arbeiterbewegung. Industriearbeit und Organisationsverhalten im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Campus Verlag, Frankfurt/New York 1978, 316 S., kart., 39 DM. Die Untersuchung Schröders ist einem Feld der Sozialgeschichte gewidmet, in dem— wie der Autor mit Nachdruck betont— ein überraschend großes Forschungsdefizit besteht: dem Zusammenhang von Arbeitergeschichte und Arbeiterbewegungsgeschichte, An ideen-, organisations-, regional- und Iokalgeschichtlich orientierten Studien zur Entwicklung der Arbeiterparteien in Deutschland herrscht sicherlich kein Mangel, und ebenso zahlreich sind die Aufsätze und Monographien, die sich mit der Politik, den Programmen und Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung befassen. Deshalb ist die Forderung nur zu berechtigt, Sozialhistoriker sollten einen Perspektivenwechsel vollziehen und sich stärker als bisher mit der Arbeiterschaft selbst, mit den Bedingungen und Formen ihres Daseins, mit ihrer Lebenslage und Lebensweise, ihren kollektiven Denk- und Verhaltensmustern beschäftigen. Der von Schröder formulierte Fragenkatalog(»Wer waren eigentlich die Arbeiter, die sich in der deutschen Arbeiterbewegung organisierten? Woher kamen sie, und wie war ihre Lage? Warum und unter welchen Bedingungen organisierten sie sich?«) zielt auf diese zentralen, aber weitgehend unerforschten Bereiche der Arbeitergeschichte ab und reflektiert die vielfach ignorierte Verknüpfung von Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung. Bei der Beantwortung dieser thematischen Leitfragen bemüht sich Schröder»vorrangig um eine systematische Zusammenfassung der vorhandenen Forschungsergebnisse«(S. 13): daß seine Studie damit»Neuland« betritt, wie der Klappentext verspricht, kann allerdings bezweifelt werden. Schröder stützt sich nämlich nicht auf historisches Quellenmaterial, sondern auf die allerdings schr breit ausgewertete wissenschaftliche Literatur. Diese Vorgehensweise erlaubt es ihm, eine sehr dichte und differenzierte Prablemanalyse zu erarbeiten, der aber in manchen Passagen alle Vor- und Nachteile eines gelehrten Zettelkastens anhaften. Inhaltlich konzentriert sich die Untersuchung nach einer knappen Skizzierung eines theoretischen Rahmens, in dem Denkfiguren von Marx, Max Weber, Dahrendorf u. a. zu einer mosaikartigen Metatheorie zusammengesetzt werden, auf drei Schwerpunkte: die Voraussetzungen industrieller Arbeit(regionale Mobilität, Qualifikationsstruktur, Binnendifferenzierung der Arbeiterschaft), die Formen industrieller Arbeit(Handwerk, Heimindustrie und Manufaktur, Fabrik) und die Bedingungen industrieller Arbeit(Arbeitszeit, Lohnsystem, Alter). Die hier in kurzen und oft handbuchartig gerafften Einzelabschnitten aus weitverstreuten industriesozioTogischen und sozialwissenschaftlichen Spezialstudien zusammengetragenen Überlegungen und Fakten stellen eine nützliche und informative Sammlung von Determinanten dar, die auf das Organisationsverhalten der Arbeiterschaft einwirkten. Wer sich darum bemüht, die Herausbildung und Verfestigung von Solidarstrukturen in der Arbeiterschaft zu erforschen, wird auf die Befunde der Untersuchung Schröders mit Gewinn zurückgreifen, die ihm eine Vielzahl von möglichen Erklärungsansätzen für Organisationsbereitschaft bzw. Organisationsresistenz bieten. Diese Befunde werden allerdings überwiegend auf einer idealtypischen Ebene präsentiert und sind nur für die Tabak- und Schuharbeiter punktuell durch Verweise auf die historische Realität belegt, so daß der schwierige und methodisch mühsame Schritt von der generalisierenden Hypothese zum konkreten Nachweis für die meisten Branchen und Organisationsformen noch zu tun ist. Insofern ist auch der Titel der Studie etwas irreführend, denn die Verzahnung von Arbeiter- und Arbeiterbewegungsgeschichte hat Schröder allenfalls Forschungsberichte und Rezensionen 667 theoretisch und modellhaft konzipiert, eine tragfähige»historisch-empirische Brücke«(S. 13) zwischen beiden Forschungsgebieten bleibt aber nach zu bauen. Der Vorgang der Organisationsbildung, den Schröder in Anlehnung an Dahrendorf als Umsetzung latenter in manifeste Interessen definiert, war für die politische wie für die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung ein komplizierter Prozeß individueller und kollektiver Bewußtwerdung, der von einem Bündel von Faktoren beeinflußt wurde. Die von Schröder behandelten Bereiche stellen lediglich eine Auswahl dar und sind, wie er selbst betont, ergänzungsbedürftig. Schröder analysiert fast ausschließlich Determinanten des Organisationsverhaltens, die sich zus der Arbeitssituation und den Arbeitsbedingungen der Lohnarbeiterschaft ergaben, während das weite Feld der aktiven Lebenstätigkeit(Kommunikative Gruppenbeziehungen und informelle Gruppenbildungen im Reproduktionsbereich, Einfluß der häuslichen Umwelt, religiöse Orientierungen u. 4.) und die mittelbaren wie unmittelbaren Wirkungen von staatlichen und unternehmerischen Repressions-, Pazifizierungs- und Partizipationsstrategien ausgeblendet sind. Man vermißt auch eine Erörterung der Organisationsimpulse, die von den bestehenden oder sich formierenden Zusammenschlüssen der Arbeiterbewegung auf die unorganisierte Arbeiterschaft ausstrahlten. Die als Schlußteil angefügte Fallstudie über die manifesten Interessen der Zigarrenarbeiter, die anhand der vorliegenden Verbandsgeschichtsschreibung einen Überblick über die Entwicklung der Tabakarbeitergewerkschaft gibt, beIeuchter dieses wichtige Untersuchungsgebiet nur ausschnitthaft. Mit diesen einschränkenden Bemerkungen soll allerdings nicht bestritten werden, daß Schröders Dissertation zahlreiche Anregungen enthält und Bausteine für eine Forschungsstrategie liefert, die von der Institutionen- und Ideengeschichte der Arbeiterbewegung abrückt und ihr Blickfeld auf die Arbeiterschaft ausweitet, die vor oder auf der Schwelle zur Organisation stand, Klaus Schönhoven Im Kampf um den revolutionären Charakter der proletarischen Partei. Briefe führender deutscher Arbeiterfunktionäre Dezember 1884 bis Juli 1885, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Redaktion: Ursula Herrmann(Leitung), Wilfried Henze und Gudrun Hofmann, Dietz Verlag, Berlin{DDR] 1977, 431 S., Ln., 12,50 M. Mit dieser Publikation unter der Redaktion von Ursula Herrmann legt das IML Berlin eine Briefsammlung vor, die den in der Geschichte der Sozialdemokratie allgemein als zentral angesehenen»Dampfersubventionsstreit«! fast lückenlos belegt und frühere Editionen ergänzt?, Es handelt sich um 126 Briefe, 19 aus bereits gedruckt vorliegenden QuellenpubliKationen?, 43 aus Nachlässen im IISG Amsterdam, 58 aus dem IML/ZPA Moskau und 6 aus dem IML/ZPA Berlin. Absender und Adressaten dieser Briefe sind die Hauptbeteiligten an dem Streit, soweit sie aus dem Führungskern kamen: Bebel, Liebknecht, Auer, Grillenber1 Konflikt um die Bewilligung von Subventionen für Postschiffahrtslinien nach Afrika, Ostasien, Samoa und Australien, die durch eine Regierungsvorlage im Reichstag in der Fraktion zur Debatte standen(Dez. 1884— März 1885). 2 Heinrich‘ Gemkow, Dokumente des Kampfes der deutschen Sozialdemokratie gegen Bismarcks Kolonialpolitik und gegen den Rechtsopportunismus in den Jahren 1884/85, in: BzG I, 1959, S. 350-368; Rudolf Rothe, Zum Streit um die Dampfersubvention, in: AfS I, 1961, S. 109-118. 3 August Bebels Briefwechsel mit Friedrich Engels, hrsg. von Werner Blumenberg, Den Haag 1965; August Bebels Briefwechsel mit Karl Kautsky, hrsg. von Karl Kautsky jun., Ässen 1971; Eduard Bernsteins Briefwechsel mit Friedrich Engels, hrsg. von Helmut Hirsch, Assen 1970; Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 36.