Archiv für Sozialgeschichte 37, 1997 207 Joachim Schlör Bilder Berlins als»jüdischer Stadt« Ein Beitrag zur Wahrnehmungsgeschichte der deutschen Metropole Die vielbeschriebene Stadt Berlin ist auch als Gegenstand von Literatur im weitesten Sinne eine vielerforschie. Literatur über Literatur über Berlin- welche Wörterberge wurden nicht allein in den letzten Jahren über die Stadt geworfen! Die Vielzahl von Texten über die»Stadt als Text«! macht immerhin auch Historikern deutlich, daß sie es nicht nur mit einem realen Forschungsgegenstand zu tun haben(der aus wirklichen Häusern und Straßen, Parks und Fabriken besteht und von wirklichen Menschen bewohnt wird), sondern auch mit einem undeutlicheren Abbild davon. Stadt-Bilder, Stadt-Imaginationen, Zuschreibungen und Metaphern? machen Stadt nicht aus, erklären sie nicht, kennen sie vielleicht nicht einmal— und sind gleichwohl mächtig und prägen die Vorstellung von»Stadt« mehr, als wir ahnen. Gerhard Brunn und Jürgen Reulecke haben diese Erkenntnis zum Leitmotiv zweier Sammelbände gemacht, in denen»nicht die Totalität Berlins und seine tatsächlichen Realitäten«, soweit überhaupt rekonstruierbar, im Mittelpunkt stehen, sondern»die mit positiven und/oder negativen Vorzeichen besetzten Wahrnehmungsweisen, zugespitzt ausgedrückt: die durch gefärbte Brillen oder durch mentale»Scheuklappen« eingeschränkte Sicht der deutschen Metropole von außen«.* Interessanterweise fehlt ein Aspekt in beiden Bänden, ebenso in den im Zusammenhang damit entstandenen Dissertationen, die sich dem Bild Berlins in der Wahrnehmung deutscher Politiker* oder der»überschätzten Metropole«* widmen: das Bild Berlins als »jüdischer Stadt«, als einer in besonderer Weise von jüdischer Kultur, jüdischem Leben geprägten oder durch sie gar charakterisierten Stadt, wie es in den Jahren zwischen 1871 und 1933 von Autoren unterschiedlichster Herkunft— und mit denkbar unterschiedlichen Motiven— formuliert wurde. Überhaupt ist das jüdische Thema in den beiden erwähnten Bänden ausgeblendet, was angesichts der Kommunikationssperre zwischen der Judaistik und den anderen Sozial- und Geisteswissenschaften kaum, angesichts der Konjunktur der Thematik im populärwissenschaftlichen Bereich doch wieder überrascht. Einen guten Überblick bietet hierzu Manfred Smuda(Hrsg.), Die Stadt als Text, Bielefeld 1992. Patricia Storace hat kürzlich in einem Bericht über ihre ersten Wochen in Athen noch einmal auf die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs aufmerksam gemacht:»A moving van is parked outside of one of the apartment buildings[...], The word‘metaphors’ is painted on both sides of the van in brilliant blue. Here it means transportation. I will never be able to use the word again without the image of a meaning heaved onto the back like household furniture to be carried to its new residence.« Patricia Storace, Marble Girls of Athens, in: The New York Review of Books 28, 1996, H. 15, 8. 11. Jürgen Reulecke, Das Berlinbild: Was ist Imagination, was Wirklichkeit? Einige abschließende Bemerkungen, in: Gerhard Brunn/Jürgen Reulecke(Hrsg.), Berlin. Blicke auf die deutsche Metropole, Essen 1989; vgl, dazu auch dies., Metropolis Berlin, Berlin als deutsche Hauptstadt im Vergleich europäischer Hauptstädte 1870-1939, Bonn etc. 1992. Interessant an dem Zitat ist die Formel»von außen«- auch»von innen«, aus Berlin heraus, sind solche Bilder entstanden. Ralf Sıremmel, Modell und Moloch. Berlin in der Wahrnehmung deutscher Politiker vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg, Bonn 1992. Detlef Briesen, Berlin— Die überschätzte Metropole, Über das System deutscher Hauptstädte zwischen 1850 und 1940, Bonn 1991. Drn u 208 Joachim Schlär Ich möchte im folgenden, am Beispiel der Rede von der»jüdischen Stadt Berlin« und einiger Ableitungen dieser Metapher, einen weiteren Versuch unternehmen, die Arbeitsbereiche der(kultur-)-historischen Stadtforschung und der Forschung zur jüdischen Geschichte in der Moderne in einen konstruktiven Dialog zu bringen. Nach Fraser und Sutcliffe ist»the city as a location for historical study particularly well-suited to interdisciplinary analysis«, und sie sehen»urban history as a great forum of the historical sciences, a»central placec at which an unusually large variety of disciplines, interests and tendencies could converge«.* Dies gilt meines Erachtens besonders für den Bereich der Jüdischen Studien.’ Ich will deshalb versuchen, unterschiedliche Annäherungsweisen an das»Bild« miteinander zu verbinden und so zugleich die Möglichkeit interdisziplinärer Arbeit am Themenbündel»Stadt und Judentum« erörtern. Das Stereotyp von der»jüdischen Metropole« meint nicht: Anteil, Beitrag, Beziehung, sondern: Übereinstimmung, Deckungsgleichheit, Identität. Nicht nur in Berlin, aber hier mehr als andernorts: nicht erst in den 1920er Jahren, aber hier in einer Intensitäl, die die vorangegangenen Debatten fokussiert in der Vorstellung einer quasi anthropologischen Konstante, die Judentum und Stadt, Judentum und Großstadt in eins zwingt. Beim Versuch, die Moderne zu ergründen, wird ihr Ort: die große Stadt®, und der ihr zugeschriebene Motor: das— selbst aus traditionellen Anbindungen sich lösende Judentum zusammengeworfen, wird der Typus»des« modernen Juden mil dem Typus »des« Sıadibewohners identifiziert. Ich habe an anderer Stelle versucht, das Stercotyp des modernen Juden als»Stadibewohner par excellence« in antisemitischen Texten zu analysieren”, und dabei den Schwerpunkt auf das in diesen(häufig in großer Nähe zu anthropologischen und quasi-ethnologischen Zusammenhängen stehenden) Darste!lungen entworfene Menschenbild gelegt. Hier soll es nun in Ergänzung darum gehen, das Stadt-Bild zu entziffern, das solche Texte prägt, in denen vom Verhältnis- nämlich: vom »besonderen« Verhältnis— zwischen modernem Judentum und moderner Großstadt die Rede ist.’” Es geht dabei um Prozesse der»inneren« Urbanisierung?', die zu den technischen und materiellen Entwicklungen nicht in einem eindeutigen Verhältnis stehen; im Bruchfeld zwischen»äußerer« und»innerer« Urbanisierung bilden sich die Einstellungen zur Stadt und zu ihren Bewohnern, die für Forschungen zur Geschichte der Wahrnehmung von besonderem Interesse sind. Es gibt einen zweiten Grund, dem Bild gerade Berlins als in besonderer Weise vom Judentum und von jüdischer»Lebensweise« beeinflußter Stadı Aufmerksamkeit zu widmen- und das ist die Rückkehr dieser Thematik im öffentlichen Diskurs der letzten Jahre. Regelmäßig werden von teilweise durchaus qualifizierten Unternehmen Führun6 Derek Fraser/Anthony Sutcliffe(Hrsg.), The Pursuit of Urban History, Landon 1983, S. XI, IX. 7 Zum Wintersemester 1994/95 wurde an der Universität Potsdam ein interdisziplinärer Studiengang Jüdische Studien eingerichtet, in dessen Kern die Fächer Religionswissenschaft und Neuere Geschichte stehen. Zchn weitere Fächer bieten regelmäßig Seminare aus ihrem jeweiligen Gebiet an, womit insgesamt der Versuch unternommen werden soll, das Thema»vom Rand ins Zentrum der Universität«(Kurl-Erich Grözinger) zu bringen. Lothar Mülter, Die Großstadt als Ort der Moderne. Über Georg Simmel, in: Klaus R. Scherpe (Hrsg.), Die Unwirklichkeit der Städte. Großstadtdarstellungen zwischen Moderne und Postmoderne, Reinbek 1988, S, 14-36. Joachim Schlör, Der Urbantyp, in: Julius H. Schoeps/Joachim Schlör(Hrsg.), Antisemitismus. Vorurteilc und Mythen, München 1995, S, 229-240, 10 Erfahrung macht vorsichtig: Es handelt sich bei den hier zu analysierenden Aussagen um Vorurteile. Ihr realer Gehalt, ihre Nähe zur empirisch überprüfbaren Wirklichkeit steht weniger zur Debatte als ihre»innere« Konsistenz und ihre nach außen gerichtete Wirksamkeit, Gottfried Korff, Mentalität und Kommunikation in der Großstadt, Berliner Notizen zur»inneren« Urbanisierung, in: Theodor Kohlmann/Hermann Bausinger(Hrsg.), Großstadt. Aspekte empirischer Kulturforschung, Berlin 1985, S, 343-361. >» o Bilder Berlins als»jüdischer Stadt« 209 gen zur jüdischen Geschichte der Stadt angeboten, und längst haben die großen Reiseveranstalter das— real nicht existierende-.»jüdische Viertel« Berlins mit in ihr allgemeines Touristenprogramm aufgenommen. Mit der Gründung der»Stiftung Neue Synagoge- Centrum Judaicum e.V.« in der Oranienburger Straße ist ein zentraler Ort jüdischer Präsenz in die Stadt zurückgekommen, und die Vielzahl von Veranstaltungen (Jüdische Kulturtage im Westteil, Tage der jiddischen Kultur im Ostteil der Stadt), Theateraufführungen, Lesungen und musikalischen Ereignissen läßt den Eindruck aufkommen, jüdische Kultur— oder doch: ihre Repräsentation, häufig: ihre Rekonstruktion sei in Berlin in einem Maße anwesend, das die reale Zahl der Gemeindemitglieder und die offizielle, institutionalisierte Präsenz bei weitem übersteigt. Was da unternommen wird, zweifellos in bester Absicht, das geschieht eben in bewußter, wenn auch häufig nicht von Wissen fundierter Anknüpfung gerade auch an die Zeit der 1920er Jahre. Mehr noch, die intensive, angestrengte und teilweise auch künstliche Wiederetablierung jüdischer Gegenwart motiviert sich- ganz unabhängig vom wirklichen Leben der jüdischen Gemeinde- im sehnsüchtigen Blick auf die Jahre vor der Zerstörung letztlich durch eine Hoffnung auf nachträgliche Heilung dieser Zerstörung.'? Die Sehnsucht, eine»Lücke zu füllen«, oder mit Literatur, Theater, Musik und Stadtbegehung etwas zu rekonstruieren, das vom Nationalsozialismus zerstört und von anschließender Geschichtsvergessenheit ausgeblendet wurde, erschafft sich ihr eigenes Bild von Berlin. 1.»IM RAHMEN DER BERLINER VERHÄLTNISSE« »Berlin ist die Stadt ohne Zentrum und ohne Gestalt, ohne Gesicht und ohne Übersichtlichkeit Stadt aus Straßen und Stadt aus Städten— unübersehbares, uneinheitliches Häusermeer.« In welcher Textlandschaft befinden wir uns? Die Formulierungen legen eine Nähe zu den stadt-, zumal großstadtkritischen Pamphleten aus dem Bereich der romantisierenden deutschen Volkskunde nahe, auch expressionistische Stadtkritik scheint nicht weit entfernt. Das Zitat stammt aber aus dem»Jüdischen Jahrbuch für Groß-Berlin« von 1926, und der Autor, Eugen Caspary, befaßt sich mit einer Frage, die für das Selbstverständnis sowohl der Jüdischen Gemeinde wie der Stadt Berlin von Bedeutung ist:»Mcehr als eine Viertelmillion Juden leben in Berlin, das ist nahezu die Hälfte aller in Deutschland lebenden Juden. Aber- wo ist das jüdische Berlin? Nirgends in dieser Stadt treffen wir auf ein Viertel, das als Zentrum des jüdischen Berlin anzusprechen wäre, dem das spezifisch jüdische und das spezifisch Berliner jüdische Gemeinschaftsleben seinen Stempel! aufgedrückt hätte.« Das wäre zunächst einmal festzuhalten: Die Stadt, die erst 1671 den Zuzug von Juden, unter arger Beschränkung, wieder zuließ, kannte seitdem keinen abgegrenzten jüdischen Bezirk, kein»Judenviertel«. Caspary fährt fort:»Trotzdem gibt es ein jüdisches Berlin, gibt es ein unendlich mannigfaltiges jüdisches Leben in dieser Stadt. In Gemeinde- und Privatvereinen, in kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Vereinigungen aller Art ist die Berliner Judenschaft zusammengeschlossen, um an den allgemeinen kulturellen und sozialen Aufgaben der Ge12 Dies wird an den Debatten um das geplante Jüdische Museum in der Kreuzberger Lindenstraße deutlich. Bernhard Schneider, Berater des Kultursenators, sagte auf einer Podiumsdiskussion im Frühjahr 1996, der Libeskind-Bau»heile« und»retie« ein zerfetztes und heterogenes Stück Stadt, indem er die Zerrissenheit des stadträumlichen Geländes aufnehme und zugleich»Ordnung« schaffe, neue Orientierung gebe. Die gleiche Hoffnung richtet sich auch auf die Ausstrahlungskraft des Hauses, wenn es denn einmal das Jüdische Museum Berlin enthält. 210 Joachim Schlör genwart in ihrer speziell jüdischen Art teilzunehmen und um den jüdischen Aufgaben im Rahmen der Berliner Verhältnisse gerecht zu werden.«' Das ist eine klare Aussage, die ein fruchtbares Feld für die Erforschung der Beziehungen zwischen der ganzen Stadt und der jüdischen Minderheit eröffnen könnte, die zudem das Bild einer zuversichtlich eingestellten Gemeinde im Jahr 1926 reflektiert. In unserem Zusammenhang werden aber Formulierungen wie»in ihrer speziell jüdischen Art« und»im Rahmen der Berliner Verhältnisse« größere Aufmerksamkeit erfordern. Auskunft über dieses stets prekäre und brüchige Netz von Kontakt und Konflikt, von Zuwendung und Abweisung wird man nicht an dem einen oder anderen Ort auf den Berliner Straßen finden, in die heute, nachträglich, so viel Bedeutung gebannt werden soll. Die Verortung löst den Zusammenhang gerade auf; wer glaubt, im»Scheunenviertel« oder anderswo eine Antwort auf seine Frage nach dem Anteil der jüdischen an der Berliner Geschichte zu finden, verliert den Blick auf die ganze Stadt. Wenn es den konkreten Ort nicht gibt, an dem berlinische und jüdische Wesenszüge ineinandergehen, dann muß es doch, sagt die Sehnsucht- und Casparys Formulierung mag sie darin ermuntern— einen idealen, abstrakten»Ort« geben: in der ganzen Stadt, in der Beziehung zwischen ihr und der Minderheit. Peter Gay hat seine Zweifel an der Legende vom»berlinisch-jüdischen Geist« grundlegend formuliert und den»Glaubensartikel«, das»einzige Dogma, das Juden, Philosemiten und Antisemiten aller Schattierungen gemeinsam haben«, in den ihm zukommenden historisch-kritischen Rahmen gestellt. Das Bild, mit dem er sich auseinandersetzte, lautet:»Die Juden, heißt es, die Berlin zu ihrer Heimat machten, haben es verwandelt und ihm den Stempel ihrer Wurzellosigkeit und Unruhe aufgedrückt, ihres beißenden Witzes, ihrer Entfremdung von Boden und Tradition und Nichtachtung der Obrigkeit.« Besonders antisemitische Autoren fanden in diesem Bild der Übereinstimmung Anlaß, Großstadthaß und Judenhaß zu verknüpfen,»Berlin und die Juden in einem einzigen emotionsgeladenen Bild(zu) verschmelzen«.'* 1972, als dieser Artikel erstmals erschien, mochte es ausreichen, das antisemitische Bild jüdischer Dominanz durch einen Hinweis auf die realen Fakten zurückzuweisen, die Uneinheitlichkeit jüdischer Existenzformen zu dokumentieren und dabei vor altem auf die Konflikte zwischen dem assimilierten Bürgertum und den Zuwanderern aus Osteuropa zu verweisen, ansonsten aber mit guten Argumenten das Etikett»jüdisch« vor Malerei und Warenhaus, Presse und Anwaltsrobe- den vorgeblichen Belegstücken für das Stereotyp der Deckungsgleichheit— in Frage zu stellen. An eine topographisch verortbare Rückkehr der Metapher war damals nicht zu denken. Heute kommen die 1920er Jahre mächtig in die neu zu gestaltende Stadt zurück, und mit ihnen kommt das Sehnsuchtsbild vom»jüdischen Berlin«, Genauer als vor 25 Jahren wird es jetzt darauf ankommen- in einem Moment, da Überlegungen darüber, wie»Stadt« künftig auszusehen habe, worin sie bestehen solle, wer ihr zugehörig sein könne, ganz neu angestellt werden-, die Vorstellungen von Stadt, am Beispiel der Stadt Berlin, in diesen Übereinstimmungsphantasien zu analysieren. 13 Eugen Caspary, Zum Geleit, in: Jüdisches Jahrbuch für Groß-Berlin auf das Jahr 1926. Ein Wegweiser durch die jüdischen Einrichtungen und Organisationen Berlins, Bearbeitet und hrsg. v. Jacob Jacobson und Jacob Segall, Berlin-Grunewald 1926, S. 9; Hervorhebung von mir, J. S. 14 Peter Gay, Der berlinisch-jüdische Geist. Zweifel an einer Legende, in: ders., Freud, Juden und andere Deutsche, Herren und Opfer in der modernen Kultur, München 1989, S. 188-206. Im engJischen Original liest sich der Titel schöner:»The Berlin-Jewish Spirit. A Dogma in Search of some Doubt«. Bilder Berlins als»jüdischer Stadt« 211 2. BEWEGTE BEREITSCHAFT Wer nach den historischen Wurzeln für das Bild der Juden als»Stadtbewohner par excellence«(Kautsky) sucht, gerät leicht in Versuchung, jüdische Existenzformen im deutschen Mittelalter als Grundlage für die behauptete urbane Disposition der Minderheit heranzuziehen. Gerade im antisemitischen Umfeld(aber nicht nur'®) ist, wie noch zu zeigen sein wird, die Linie vom Ghetto zur»jüdischen Stadt« schnell gezogen, wird die zugeschriebene städtische Mentalität aus der durch zahlreiche Einschränkungen entstandenen besonderen Berufsstruktur, die Konzentration auf Handel, Vermittlung und Gelehrsamkeit hergeleitet. Eine solche Betrachtungsweise muß zwangsläufig verkürzen und soll in diesen Überlegungen deshalb keine Rolle spielen. Hier geht es um die Folgen der Modernisierungs- und Urbanisierungsprozesse-- mit dem Fokus Berlin—, als deren Bestandteil und als deren Ergebnis die Debatte um die Rolle und Funktion der jüdischen Minderheit in eben diesen Prozessen anzusehen ist. Daß die Modernisierung des Judentums in manchen Bereichen früher einsetzte als die der»Umgebungsgesellschaft« und diese damit beeinflußte, ist- wenn es um Fragen der Mentalität geht— zunächst nicht mehr als eine These, die der Verifizierung noch bedarf.’ Die Anknüpfung an die Lebenswelt des Ghettos und ihre Übertragung in die großstädtische Existenz einer jüdischen Gemeinde vernebelt jedenfalls beide Untersuchungsfelder beträchtlich. In einer »fortschrittlichen« Betrachtungsweise, wie sie wohl der Mehrheit der Vertreter des deutschen Judentums zu eigen war, erscheint die Weimarer Republik— nach der Überwindung von Krieg und Nachkrieg, und vor der Katastrophe in den NS-Jahren- als das logische Ergebnis der Entwicklung im 19. Jahrhundert, die mit dem Begriff einer»Akkulturation«, in dieser Sicht, wohl am besten beschrieben ist. Die Aufhebung rechtlicher und sozialer Ungleichheit, die maierielle und mentale»Verbürgerlichung« und die Übernahme des Wertesystems der Mehrheit durch die Minderheit hat die kulturellen Differenzen immer kleiner erscheinen lassen und das kulturell Spezifische der Minderheit in immer kleinere Bezugsräume abgedrängt, Das Krisenpotential, das sich in diesem Zeitraum aufbaute, mußte nicht wahrgenommen werden. Wenn die Krise thematisiert wurde, bediente sich die Diagnose häufig des Symbols»Stadit«. Hermann Ullmann hat den Prozeß der Metropolisierung als der letzten Etappe der Verstädterung in ein starkes Bild gefaßt: »Dabei 1äßt sich ausrechnen, daß jeder zehnte Berliner des Jahres 1928 fünf Jahre früher noch anderswo zu Hause war. 1928 zogen so viele nach Berlin, wie die Bevölkerungszahl Stutigarts beträgt, ctwa soviel wie in Mannheim wohnen, wanderten ab. Der Überschuß war noch 1928 so groß wie die Bevölkerung Würzburgs. Man muß sich die Ungeheuerlichkeit dieser Wanderungsbewegung einen Augenblick klarmachen, muß sich vorstellen, weiche Massen von Deutschen aus dem ganzen Reiche diese Riesenpumpe einsaugt und wieder abstößt- um das Elementare dieser Vorgänge zu erkennen, die den einzelnen, wäre er noch so einflußreich und schöpferisch, überwältigen müssen. Weiche Schicksalskräfte wirken von diesen Menschenfluten, die hier ein- und ausströmen, von dieser unruhigen, ständig fluktuierenden, heimallosen Masse her auf Deutschland!«'? Berlin ist in Bewegung, Die Stadt entwickelt in den 1920er Jahren Charakterzüge, die von Beobachtern als»elementar« bezeichnet werden: Offenheit, Veränderbarkeit. Die 15 Ein sachlicher und kenntnisreicher Artikel über»Juden als Stadibewohner« beginnt mit dem Satz: »Das Leben in der Stadt war für Juden seit eh und je eine gewohnte Existenzform.« Stefi JerschWenzel, Juden als Stadtbewohner, in: Deutsches Institut für Urbanistik(Hrsg.), Informationen zur modernen Stadtgeschichte, 1987, H. 1: Themenschwerpunkt: Juden und Stadt, S.| Das ist doch etwas verwegen. 16. Vgl. dazu etwa Shulamit Volkov, Die Verbürgerlichung der Juden in Deutschland als Paradigma, in: dies., Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert, München J990,$. 111-130, 17 Hermann Ullmann, Flucht aus Berlin?, Jena 1932, S. 46(Kapitel»Der Parvenuc), 212 Joachim Schlör »Kolonistenstadt«(Karl Scheffler) ohne sichtbare Schönheit findet in der Dynamik ihr Bild von sich selbst. Alfred Wolfenstein, so zitiert ihn Gustav Krojanker in seiner Studie»Juden in der deutschen Literatur« von 1922, meinte,»in der»bewegten Bereitschaft“ der Stadt ctwas zu erkennen, das dem jüdischen Wesen sehr nahe komme«, Von Antisemitismus ist hier keine Rede, auch nicht von jüdischer Kritik am Judentum. Diese Zuschreibung ist positiv gemeint, und sie findet sich gerade bei jüdischen Gelehrten, die der Stadt Aufmerksamkeit widmen. Berlin als»neue Stadt«, so Ludwig Geiger, der Historiker des Berliner Judentums, schon 1871, wie zum Auftakt der Debatte,»kennt nicht den Glanz und die Schmach, nicht die Würde und Niedrigkeit der altdeutschen Stadt«.'® Berlin wird, das zeigen viele Texte aus dem Bereich der romantisierenden Volkskunde, als Gegenbild zur alten Stadt gesehen. Auch Geiger argumentiert damit; aber diese Qualität Berlins, neu zu sein»wie der ganze Staat«, diesem Bild der alten deutschen Stadt gerade nicht verbunden und verpflichtet zu sein, habe die Stadt bereit gemacht für die Aufnahme von Fremden, habe ihr, wie dem Staate Preußen insgesamt, die»wunderbare Fähigkeit« gegeben,»fremde Bestandtheile[...] zu verschmelzen«:»Die Juden waren als Fremde ins Land gekommen, es dauerte kaum ein Jahrhundert, bis sie sich als Bürger betrachteten.«'* Bis»sie« sich als Bürger betrachteten— Geigers wohl unbeabsichtigt verwendete Formel liest sich auf dem Hintergrund der späteren Geschichte anders; für ihn war es klar, 1871, daß diese Betrachtung von Berlin und seinen christlichen Bewohnern geteilt würde. Fünfzig Jahre später hat Felix A. Theilhaber, Experte für Sozial- und Gesundheitspolitik, dem Phänomen der Verstädterung und den mit ihr einhergehenden Konsequenzen ein deutlich kritisches Oris-Bild gegeben:»Berlin, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts 3 000 Juden aufwies, maß sich mit Kempen, Lissa u. a. jüdischen Gemeinden. Die Assimilation in Berlin war solange von sekundärer Bedeutung, als es hundert andere große Gemeinden gab, in denen man von der Assimilation kaum den Namen kannte.«* In seiner Sicht war dieses Leben nicht nur»normaler«(durch die»gleichmäßige soziale Verteilung«) und»gesünder«(durch die»hygienisch bessere[n] Verhältnisse«); es war auch und vor allem: jüdisch.»Hier entfaltete sich ein ausgesprochenes jüdisches Leben. Hier wurden die Sabbathe gehalten, die Feste bildeten den Kulminationspunkt des Jahres, die Lebenshaltung war eine selbstverständlich rituelle.«! In dieser Sicht stellt sich der Wegzug vom Land, der Verzicht auf den»Konnex mit der Mutter Erde«, auf Landwirtschaft und Handwerk, der Zug- in»Expreßzugsgeschwindigkeit«— in die großen Städte als Abkehr vom Judentum dar. Theilhaber beruft sich auf Paul Drey(»Juden in Stadt und Land«, Berlin 1906), der vom»nivellierenden und teilweise abstumpfenden Einfluss städtischen Lebens« sprach, von dem die»ganze Lebenshaltung auch in religiösen Anschauungen« erfaßt werde. Das großstädtische Wirtschaftsleben sei der stärkste Feind der Sabbathheiligung, und insgesamt werde die jüdische Lebensweise durch die Einfl der Großstadt»einer schweren Belastungsprobe ausgesetzti«. Als Argument gegen die mögliche Einstellung, es könne sich bei der Urbanisierung der Juden um eine Zufälligkeit oder doch um einen revidierbaren Prozeß halten— und auf der Grundlage dieser prinzipiell stadtkritischen Sicht— entwickelt Theilhaber ein Bild der Deckungsgleichheit von Stadtkultur und moderner jüdischer Kultur: »Jm jüdischen Volkscharakter liegt das Streben nach Geselligkeit. Wie ein Schmetterling, der um das Licht herumflattert, so sucht der Jude mit seinem sensitiven nervösen Charakter die Reize der Groß18 Ludwig Geiger(Bearb.), Geschichte der Juden in Berlin, T. 1. Als Festschrift zur zweiten Säkularfeier im Auftrage des Vorstandes der Berliner Gemeinde bearbeitet, Berlin 1871, S, V. 19 Ebd. 20 Felix A. Theilhaber, Der Untergang der deutschen Juden, Berlin 1921, S. 56. 21 Ebd., S. 57. Bilder Berlins als»jüdischer Stadte 213 stadt. Ihn locken die Stätten der materiellen und geistigen Genüsse. Der geistige und ökonomische Aufstieg der ersten Emigranten wirkt anreizend auf die zurückbleibenden,«?? Einige rationale Argumente sollen dieses Bild stützen: Die»Vorliebe für geistige Beschäfiigung« zieht Schüler und ihre Familien an, der Kaufmann findet»das vielfältigste Betätigungsfeld in der Großstadt«, die Lösung von Grund und Boden fällt dem, der ihn seltener und»nicht sehr lange« besitzt, leichter. Am Ende steht:»In der Großstadt verschwindet der Jude.« Das hat eine positive Seite:»Der antisemitische Geist der Kleinstadt kann ihm hier nichts anhaben, im Gegenteil, in Berlin z.B. gilt sogar der Jude etwas.« Der einzelne kann sich dem Druck von Beobachtung, Mißgunst und gar Verfolgung leichter entziehen— aber,»in der Großstadt verschwindet der Jude«, das heißt auch: Hier verschwindet das traditionelle, authentische, wirkliche Judentum. Der Ort dieser Entwicklung ist Berlin, und von hier aus wird sie auch in die verbliebenen Reste der Provinz ausstrahlen. Die offenbare Ambivalenz, die Theilhaber konstatiert und wohl auch empfindet, findet sich— nicht auf das jüdische Berlin bezogen— auch an anderer Stelle,»Stadt ohne Überlieferung«,»Stadt ohne Stil«,»Ebenbild der hastigen und wirren Gegenwart«- das sind einige der Formeln, die Thomas Koebner in seiner Untersuchung über die»Unbehausten« anbietet?; sie sind bereits in einem anderen BerlinBuch zu finden, von dem fast immer nur der letzte Satz zitiert wird, Karl Schefflers»BerJin. Ein Stadtschicksal« von 1910, an dessen Ende es heißt, die Stadt sei dazu verdammt, »immerfort zu werden und niemals zu sein«. Aber dieses Buch hat, auch für unsere Fragestellung, mehr zu bieten. Scheffler beschreibt den»Emporkömmling« Berlin, aber auch den»Pionierwillen« dieser sich modernisierenden Stadt. Das zentrale Stichwort in seinem Text ist: Traditionslosigkeit. Die Kraft, die Berlin in der Zerstörung des Bestehenden zeigt, und die Scheffler durchaus wie viele seiner Zeitgenossen kritisch betrachtet, muß eine Kehrseite haben:»Dann müssen Kräfte wie die, die das moderne Berlin gebaut haben, neben ihren kulturzerstörenden Elementen auch solche enthalten, die aufs Ideale und in die Zukunft weisen.« Mögen Freiheit, Reife und Selbstbeschränkung— als städtische Tugenden— auch fehlen, so sei doch der»Drang nach oben, nach einer modernen Kulturform, die den neuen Lebensbedingungen und dem Rhythmus unserer Zeit gemäße« ist, nicht zu verkennen.»Was die Revolutionäre brauchten«, schreibt Scheffler im Blick auf das Berlin der anbrechenden Moderne,»das war Gelegenheit zur Rücksichtsiosigkeit.« Dem Kulturkritiker erscheint die Stadt als gebaute Welt alter»modernen Häßlichkeit«. Daneben entsteht aber auch etwas neues, durch und durch urbanes, »etwas, das man>die Schönheit der Großstadt« genannt hat«.* Diese Schönheit, die aus der Stadı selbst kommt, wird in»schöneren«, traditionsbeladenen Städten verstellt von einzelnen Schönheiten, von berühmten Bauwerken, von Stadtansichten, die bereits bis zum Überdruß reproduziert sind. Die häßliche Stadt dagegen bietet Einblicke in die Funktion des Städtischen durch Momente der Überraschung und der Konfrontation, auch durch Schönheitswerte,»die nicht beabsichtigt« sind, nicht hergestellt, um die Betrachter zu beeindrucken und sie auf ein tradiertes, überkommenes Bild der Stadt zu verpflichten. Was jenseits der sichtbaren architektonischen Zeugnisse zu entdecken ist: die Schönheit des Unfertigen. Arthur Eloesser schreibt, ihm wurde Berlin in dem Moment zur Heimat,»als es anfing, mir verloren zu gehen in dem unaufhörlichen Zufluß neuer Bevölkerung, als es 22 Ebd,, 8. 69. 23 Thomas Koebner,»Feindliche Brüder«. Stereotypen der Abgrenzung deutschen und jüdischen Wesens, in: ders, Unbehauste. Deutsche Leitbilder in der Literatur der Weimarer Republik, des Exils und der Nachkriegszeit, München 1992, S. 107-134, hier S. 131. 24 Karl Scheffler, Berlin, Ein Stadtschicksal, Berlin-Westend 1910, S, 234, Hervorhebungen im Original. 214 Joachim Schlör ohne Erinnerung, ohne Überlieferung, ohne Verpflichtung gegen das Gestrige in den Tag hineinzuleben begann, ein ungeschlachter junger Riese mit allen Möglichkeiten überschnellen Wachstums, unmäßig in seinem Selbstgefühl, unmäßig in der Arbeit und vor allem in seinem wahllos zugreifenden Lebensgenuß«.?* In dem Moment, da dic Zahl der neuen Fremden so stark zunimmt, daß die bisherigen Grenzen der Stadt gesprengt werden, so stark, daß nicht allein ihre bisherige Form, sondern auch ein Festhalten an ihrer Überlieferung obsolet wird, in diesem Moment, da die Stadt,»die immerzu unterwegs, immer im Begriff ist, anders zu werden, und nie in ihrem Gestern ausruht«®, ganz bei sich ist, in diesem Moment wird sie dem zur Heimat, der gerade selbst im Begriff ist, ein anderer zu werden. Dieser»Stadıbewohner« kann Jude oder Christ sein; was ihn auszeichnet, ist nicht die Religionszugehörigkeit, sondern der Verzicht darauf. Wesentlich bleibt Theilhabers Feststellung, daß auch der Begriff dessen, was jüdisch sei, sich im Prozeß der Urbanisierung verändert hat. Die kulturelle, politische und religiöse Ausdifferenzierung jüdischer Existenz, die Auseinandersetzung zwischen Reform und(Neo-)Orthodoxie, zwischen dem aufkommenden Zionismus und dem»Centralverein«, die Varianz jüdischer Lebensformen innerhalb selbst einer Gemeinde sind nicht Gegenstand dieser Betrachtung— aber doch Voraussetzung für eine kritische Lektüre aller Texte, in denen ein einheitliches Bild von Judentum gezeichnet wird. Zugleich wird die Ambivalenz von Faszination und Schrecken, die die Großstadtwahrnehmung grundsätzlich kennzeichnet, hier durchbrochen und durch ein einheitlich negatives Bild von Stadt ersetzt. 3,»AUFSTAND DER LANDSCHAFT GEGEN BERLIN« Dieses einheitliche Bild von Judentum findet sich natürlich vor allem in antisemitischen Texten. Das Ghetio habe die Stadtjuden, so argumentiert das Vorurteil, mit Anpassungs- und Abwehrstrategien versorgt; es war als»Stadt in der Stadt« Übungsgelände und Basis für die— aus feindlicher Sicht so verstandene—»jüdische Expansion« in wesentliche Bereiche späteren großstädtischen Lebens: Finanzen, Presse, Handel, Kultur. Wo Stadtfeindschaft und Judenfeindschaft zusammengehen, ist das Ergebnis vorhersehbar. In seiner Studie»Das Judentum im osteuropäischen Raum« von 1938 faßt Peter-Heinz Seraphim die beiden Feindbilder embiematisch zusammen: »Die Tatsache, daß die Stadt, besonders die Großstadt, destruktiv auf ein Volk wirkt im Sinne der Auflösung des Gemeinschaftslebens, im Sinne des Verlustes der Tradition, des Brauchtums, der biologischen Vermehrung und der volklichen Einheit, wird von allen Soziologen anerkannt. Es gibt nur ein einziges Volk, das hiervon eine Ausnahme macht: das jüdische.«” Die Juden seien Stadtleben»gewöhnt«, benutzten das Ghetto als»Schutzmittel völkischer Erhaltung«, während alle anderen gesellschaftlichen Gruppen ihre traditionalen Verankerungen verlören und so dem»Eindringen der Juden in die Stadt« hilflos ausgesetzt seien. Zudem trügen sie, die Juden, diese verhaßte Stadt auch auf das Land, sie, »die in erster Linie zwischen Stadt und Land vermitteln«.?»Der Jude« erscheint als Fi25 Artur Eloesser, Die Straße meiner Jugend(1919), Berlin 1987, 8. 7. 26 Franz Hessel, Nachwort an die Berliner, in: ders., Ein Flaneur in Berlin. Neuausgabe von»Spazieren in Berlin«(1929), Berlin 1984, S. 273-275, hier S. 275. 27 Peter-Heinz Seraphim, Das Judentum im osteuropäischen Raum, Essen 1983, 3, 368; Hervorhebung im Original. Vgl. dazu auch Rainer Erb, Warum ist der Jude zum Ackerbürger nicht tauglich? Zur Geschichte eines antisemitischen Stereotyps, in: ders./Michael Schmidt(Hrsg.), Antisemitismus und Jüdische Geschichte. Studien zu Ehren von Herbert A. Strauss, Berlin 1987, S. 99-120, 28 Posener Tageblatt, Ausgabe vom 18. 11. 1933. Bilder Berlins als»jüdischer Stadt« 215 gur der Vermittlungswelt, auch: der Halbwelt, im Zwischenhandel, im Detailhandel, er repräsentiert die Freiheit des internationalen Handels, die Leichtigkeit der Grenzüberschreitung, er heißt Weltmann und Weltbürger, er hat ein festes Verhältnis zur Liberalität, zur Intellektualität, er ist kosmopolitischer Großstädter. Angesichts der Modernisierungsskandale entwickelt der Antisemitismus den Mythos vom beweglichen, vom unerträglich modernen Juden, der Berufe ergreift im Großhandel, an der Börse, im Journalismus, in der Politik, der sich aber auch mit avantgardistischer Kunst, mit Theater und Literatur befaßt.»Der Jude« stellt sich dem rapide ansteigenden Tempo im Alltagsleben; er erscheint als der Urtyp des Modernen im gesellschaftlichen Leben, als der urtypische Moderne in der Kultur.” A. Herold veröffentlicht 1920 ein Pamphlet gegen das»Berliner Tageblati«, scheinbar neutral und besorgt um das Ansehen der Haupstadt und des Reiches, gerichtet als»Mahnwort an Christen und Juden«.?® Im Vordergrund stehen zunächst die angeblichen Verfehlungen des Blatts während des Ersten Weltkrieges und kurz nach seinem Ende. Aber beim Lesen drängt sich immer mehr der Eindruck auf, alles Einleitende sei nur geschrieben auf das Ende hin, an dem eine Auseinandersetzung mit dem Thema des Antisemitismus stattfindet, länger als alle anderen Kapitel. Antisemitismus, so ist dem Text zu entnehmen, sei bedauerlich, seine Beseitigung sogar»von größter Wichtigkeit«. Das Problem sei nur deshalb noch nicht gelöst, weil der jüdische Einfluß auf das öffentliche Leben zu groß sei: »In den jetzigen Zeiten ist es dringend nötig, daß sich das Judentum und seine Presse eine größere Zurückhaltung auferlegt, als sie es, sehr zum Schaden des Judentums, bisher gewöhnt sind. Es ist in einem Staat, von dessen 60 Millionen Einwohnern nur 600 000 Juden sind, nicht angebracht, daß die Minderheit in allen Dingen die erste Rolle spielt.«* Es ist beinahe gleichgültig, welches Beispiel man aus dem weiten Feld der grauen Literatur auswählt, das Muster der Argumentation unterscheidet sich von Text zu Text nur wenig. Zunächst wird eine Tatsachenbehauptung aufgestellt, anschließend werden daraus Konsequenzen gezogen, denen eine innere Logik- wenigstens vom damaligen Lesepublikum— kaum abgesprochen werden konnte. Im Fall des Themas Zeitung, andere werden folgen, liest sich das so: »Die Juden mögen sich daher keinen Illusionen hingeben, solange das Berliner Tageblatt als ihr Organ zu gelten hat, solange kann das bürgerliche Deutschland, einschließlich der Demokratie den Antisemitismus nur als ein notwendiges Gegengewicht gegen die vom Berliner Tageblatt begünstigte Zwitterstellung und die damit verbundene Vorherrschaft des Judentums in politischen Stellungen ansehen, während auch die Arbeiterschaft niemals zum kapitalistischen Judentume wird Vertrauen fassen können.«? Die Vorstellung, daß das Berliner Tageblatt»ihr«— der Juden— Organ sei, wird erst hier überhaupt formuliert, Es kann nun aber nicht genügen, den Gegenbeweis allein auf der sachlichen Ebene anzutreten und etwa nachzuweisen, daß das Berliner Tageblatt keinesfalls eine»jüdische Zeitung« war, wenn man mit Überzeugung gegen den zweiten Teil der Behauptung angehen will. An dieser Stelle muß vermerkt werden, wie sehr es die Forschungssituation beeinträchtigt, daß die Antisemitismusforschung in aller Regel vom Judentum wenig wissen will— aus einem begreifbaren Impuls heraus, denn natürlich hat der Antisemitismus nicht im Judentum seine Ursache. Dennoch wäre es sehr wichtig, gerade bei diesen Fragen, Entwicklungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in diesen Jahren 29 Vgl. dazu K/aus Bergmann, Agrarromantik und Großstadtfeindschaft, Meisenheim am Glan 1970, insbes. S. 231-236. 30 A. Herold, Die Sünden des Berliner Tageblattes. Ein Mahnwort an Christen und Juden, Hannover 1920. 31 Ebd,, S, 66 f.; Hervorhebung von mir, JS, 32 Ebd., S. 68, Die Interpunktion wurde übernommen. 216 Joachim Schlör mitzubedenken. Wenn nämlich, im Blick auf die starken Bestrebungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft- oder doch ihrer an einer Akkulturation an Deutschland interessierten Gruppierungen-, gerade nach dem verlorenen Krieg nunmehr alle Kraft für die neu entstandene Demokratie einzusetzen, die Tatsache, daß Juden wirklich beim»Berliner Tageblatt« eine prägende Rolle spielten, bewußt, freudig vielleicht sogar, bestätigt würde, dann müßte dem Pamphlet eine inhaltliche, eine qualitative Antwort erteilt werden. Und diese Antwort kann nur auf dem Boden einiger Voraussetzungen entstehen: daß nach 1918 die großen Themen: Demokratie, Humanität, Versöhnung, wirklich auf der Tagesordnung waren; daß sie von allem Anfang dieser verletzlichen Republik Befürworter und Gegner hatten; daß die große Stadt Berlin der Schauptatz war, an dem die Konflikte zwischen Gegnern und Befürwortern ausgetragen wurden; daß die Frage der Beteiligung von Juden am Experiment der Republik nicht nur bei den Judenfeinden, sondern auch bei den Juden umstritten war; daß es deshalb notwendig ist, Themen, wie sic in Herolds Pamphlet angerissen werden, immer von zwei Seiten(wenigstens) zu betrachten. Die frühen Jahre der Weimarer Republik bilden die Zeitumstände einer Weichenstellung, deren Nachwirkung bis 1945- und wohl bis heute- nicht zu unterschätzen ist. Hier ist die Chance der Demokratie, sie wird vertan. Der Geist dieser speziellen Verneinung liest sich bei Trebitsch so: »Daß die Revolution der Stern Judas ist, ist eine alte, von den Juden selbst geoffenbarte(!) Weisheit, Einen weithin sichtbaren Ruck zur Jüdischen Weltherrschaft hinüber hat noch jede Revolution gezeiligt. Nie aber war noch dieser Ruck so groß, so weithin sichtbar, so verhängnisvoll wie nach Deutschlands Zusammenbruch und der österreichisch-ungarischen Monarchie Verschwinden von der Erdoberfläche.»?? In der nationalsozialistischen Propaganda findet dieses Bild der»Verjudung« der Republik— und damit auch Berlins— seinen Höhepunkt. Dietz Bering hat die Beispiele zusammengetragen: Berlin war nicht mehr Berlin, sondern»Neu-Jerusalem«, vom»Kohnfürstendamm« bis zu den»asiatlischen Provinzen« hinter dem Alexanderplatz.“ In »Kampf um Berlin« schildert Joscph Goebbels, 1926 von der Parteileitung der NSDAP nach Berlin entsandt, um die Organisation aus ihrem»trostlosen Zustand« herauszuholten, den Eroberungsfeldzug. »Die Stadt Berlin war mir bis dahin, politisch und bevölkerungsmäßig gesehen, ein Buch mit sieben Siegeln. Ich kannte sie nur von gelegentlichen Besuchen, und da war sie mir immer als ein dunkles, geheimnisvolles Rätsel erschienen, als ein Stadtungeheuer aus Stein und Asphalt, das ich meistens lieber verließ, als daß ich es betrat. Man lernt Berlin erst kennen, wenn man einige Jahre dort lebt. Dann geht einem plötzlich das dunkle, geheimnisvolle Eiwas dieser sphinxhaften Stadi auf. Berlin und der Berliner genieBen im Land einen schlechteren Ruf. als sie verdienen. Schuld daran tragen meistens jene nomadenhaft wurzellosen, internationalen Juden, die mit Berlin weiter nichts zu tun haben, als daß sie dort auf Kosten der fleißigen, bodenständigen Bevölkerung ihr parasitäres Dasein fristen, Die Stadt Berlin ist von einer geistigen Beweglichkeit ohnegleichen. Sie ist lebendig und tatkräftig, fleißig und mutig. sie hat weniger Gemüt als Verstand und mehr Witz als Humor. Der Berliner ist betriebsam und vital. Er liebt die Arbeit, und er liebt das Vergnügen. Er kann sich mit der ganzen Leidenschaft seiner mobilen Seclc einer Sache hingeben, und nirgendwo ist der verbissene Fanatismus, vor allem in politischen Dingen, so zu Hause wie in Berlin, Allerdings hat diese Stadt auch ihre Gefahren. Täglich speicn die Rotationsmaschinen in Millionen von Zeitungsexemplaren das jüdische Gift in die Reichshauptstadt hinein. Berlin wird von hunderi geheimnisvollen Mächten hin- und hergezerrt, und es ist schwer, in dieser Stadi einen festen Halt zu gewinnen und eine sichere geistige Position zu behaupten.«5 33 Arthur Trebitsch, Deutscher Geist— oder Judentum! Der Weg der Befreiung, Berlin etc. 1921, S. 95. 34 Dietz Bering, Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels, Stuttgart 1992, S. 238 f. 35 Joseph Goebbels, Kampf um Berlin. T. 1: Der Anfang(1926-1927), München 1932, 8. 26 f. Bilder Berlins als»jüdischer Stadt« 217 Das ist nicht»Großstadtfeindschaft« in einem plakativen Sinne, im Gegenteil finden sich hier positive Zuschreibungen an Berlin, die zunächst überraschen mögen. Beim genaueren Lesen wird aber deutlich, daß Goebbels hier den Versuch unternimmi, die als negativ eingeschätzten Elemente städtischen Lebens aus ihrem Zusammenhang herauszulösen und sie der jüdischen Minderheit zuzuschreiben. Auch damit kann er an eine »volkstümlich« argumentierende, häufig zum»Völkischen« hin tendierende Tradition deutscher Stadtauffassung anknüpfen. Im völkischen Denken spielt die Stadt eine widersprüchliche Rolle, Freilich wurden in der völkischen Heimatschutzbewegung die Großstädte,»in denen sich industriegesellschaftliche Veränderungsprozesse besonders deutlich niederschlugen,[...] nicht als Heimat betrachtet«, wie Joachim Wulschke-Bulmahn nachweist.® Gegen»Industrialisierungs- und Stadtentwicklungstendenzen« gerichtet, mußte sich der Heimatschutz auf die Rettung des Landes vor der großen Stadi richten; die Stadtbevölkerung selbst zählte nicht zur zu errettenden Klientel. Die Stadt, so Andreas Knaut,»bedeute lediglich die steingewordene Manifestation des kulturellen Niedergangs und des modernen rationalen Nützlichkeitsdenkens«, sie war»Brutkasten« der»Ideen der roten Internationale« und der»Vaterlandslosigkeit«.” Da war, im antisemitischen Denkumfeld, die Brücke zum Bild der Stadt als von Juden bevorzugter und ihren eigenen Tendenzen— zur Rationalität, zum»Kosmopolitismus«, zur Vaterlandslosigkeit- entgegenkommender Ort schnel! erreicht. Und sie wurde auch bedenkenlos betreten- aber wiederum ist hiermit nur ein Einblick in die Gedankenwelt des Antisemitismus gegeben, keinesfalls Einsicht in jüdisches Leben oder auch in das der großen Stadt Berlin. Im kürzlich publizierten»Handbuch zur»völkischen Bewegung« 1871-1918« setzt sich Heike Hoffmann mit der völkischen Kapitalismus-Kritik auseinander. Der organisierte Antisemitismus gab sich»immer auch den Anstrich einer sozialen Reformbewegung« und instrumentalisierte in seiner Agitation gegen die großen Warenhäuser die objektive Verunsicherung der in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedrohten Arbeiter und Kleinbürger.® Nun waren diese großen Warenhäuser, wie Heike Hoffmann- was ist das: leichtfertig?- formuliert,»nahezu alle in jüdischem Besitz«. Der Kapitalismus wurde als »volks- und rasseschädigend« angesehen, als undeutsch, als»praktischer Mosaismus« (Fritsch), dagegen typisch für den»jüdisch-orientalischen Geist«.”»Die Entwicklung zur industrialisierten Massengesellschaft wurde nun geradezu als spezifisch jüdisch dargestellt«, nicht allein von völkischen Agitatoren, sondern beispielsweise auch von Werner Sombart in»Die Juden und das Wirtschaftsleben«. Sombart wird hier noch besprochen— aber zunächst beschäftigt mich der Text von Hoffmann. Mit der Form und Wortwahl der Einleitung zwingt er den Leser dazu, sich am Beispiel der Warenhäuser mit dem Judentum zu befassen; aber was haben Warenhäuser, in wessen Besitz sie sich immer»befinden« mögen, mit dem Judentum zu tun? Wenn die Besitzer einiger großer Warenhäuser Juden waren, waren die Warenhäuser dann»in jüdischem Besitz«? Noch einmal: 36 Joachim Wolschke-Bulmahn, Artikel: Heimatschutz, in: Uwe Puschner/Wahrer Schmitz/(Justus HU bricht(Hrsg.), Handbuch zur»Völkischen Bewegung« 1871-1918, München etc. 1996, S. 533-545, hier S. 537. 37 Andreas Knauf, Ernst Rudorff und die Anfänge der deutschen Heimatbewegung, in: Edeltraut Klueting(Hrsg.), Antimodernismus und Reform. Beiträge zur Geschichte der deutschen Heimatbewegung, Darmstadt 1991, S. 20-49, hier S, 38 Heike Hoffmann, Völkische Kapitalismus-Kritik: Das Beispiel Warenhaus, in: Puschner/Schmitz/ Ulhricht, S. 558 571, hier S. 558. 39 Diese letzte Zuschreibung, die sich freilich in Texten antisemitischer Autoren findet, wird von Hoffmann nicht belegt. 218 Joachim Schlör »Das Warenhaus seignete« sich denn auch in idealer Weise als Angriffsziel antisemitisch-völkischer Propaganda, denn nahezu alle Gründer und Besitzer dieser großen Einzelhandelsgeschäfte waren Juden. Ihre Geschäftsprinzipien, Arbeitsteilung und Rationalisierung, Reklame, großer Kapitaleinsatz, regionale und internationale Verflechtung und die bis dahin im Handel unübliche Größe des Betriebes machten sie in den Augen der Antisemiten zu einer»undeutschen«, jüdisch-orientalischen[erneut ohne Beleg, J. S.] Betriebsform, ihre Besitzer zu>deutschfremde[n] Emporkömmlinge[n]«[Dehn].««® Kritik an den großen Warenhäusern ist Kritik an den großen Städten, also lautet die Folgerung:»Die luxuriösen Prachtbauten waren somit, neben Banken und Presse, ein weiteres unübersehbares Symbol jüdischer Erfolge im Wirtschaftsleben.« Jüdische Erfolge? Verlängert nicht die Forschung mit solchen Formulierungen, was sie doch eigentlich als fragwürdig oder falsch entdecken will: das Bild jüdischer Dominanz über die modernen und die großstädtischen Elemente, Medien, Symbole? Im Blick auf das Thema Stadt heißt das im antisemitischen Denksystem:»Sensation um jeden Preis, Reklame, Mache auf allen Gebieten, die neuzeitliche Entwicklung des Verkehrs- und Nachrichtenwesens, ein unstetiges und unsicheres Wirtschaftsteben schaffen eine Umwelt, in der der Jude sich immer wohler fühlen wird als der Nichtjude,«' Berlin selbst wird zum Symbol, Das»Deutsche Volkstum« schreibt 1930:»Noch liegen rings um Berlin weite Strecken barbarischen deutschen Landes mit Bauern und Bürgern, mit Dörfern und alten Residenzen.[...] Nachdem man sich in Berlin eingerichtet hat, geht man daran, sich überall in deutschen Landen ebenso einzurichten. Alles muß verrungiberlinert[!] sein. Erst dann hat man die Surete, daß nicht irgendwo in der deutschen Landschaft ein gefährlich gesundes und selbstbewußtes Leben heranwächst, so daß das deutsche Volk eines Tages dem Berliner Betrieb— selbstverständlich nicht»geistig« überlegen, aber wirklich überlegen ist. Man muß also die geistigen Kloaken Berlins über das Land hinleiten[...].« Am Ende des Artikels heißt es dann programmatisch:»Der Geist des deutschen Volkes erhebt sich gegen den Geist von Berlin. Die Forderung des Tages lautete: Aufstand der Landschaft gegen Berlin.«*? Welch große Bedeutung der Metapher»Berlin« in der Auseinandersetzung um Deutschlands Weg in der Moderne zukam, hat Erhard Schütz in einem Aufsatz»Kurfürstendamm« oder Berlin als geistiger Kriegsschauplatz« gezeigt:»Wer>Berlinc schrieb, wollte stets nicht nur Texte schreiben, nicht einmal Texte über Berlin, sondern immer auch Texte für oder gegen etwas, das»Berlin« genannt wurde[...].« Von der Provinz her und vom Krieg her wurde gegen»Berlin« als Ort der»Differenzierung, Widersprüche, Ambivalenzen und Unüberschaubarkeit« angeschrieben;»Berlin(Technik, Geld und Intellekt) hatte gewonnen, indem es den Krieg hatte verlorengehen lassen.« Das angefeindete Berlin ist fast durchgehend ein jüdisches Berlin, etwa bei Ludwig Thoma: die»Mischung von galizischem Judennest und New Yorker Verbrecher-Vieriel«. Die»antintellektuellen Autoren«, wie Erhard Schütz sie unglücklicherweise(mit Hauke Brunkhorst, »Der Intellektuelle im Land der Mandarine«, 1987) nennt, erfassen ihre Gegner-- die Tucholsky, Kisch, Döblin- und deren Ort: Berlin immer auf die gleiche Weise, ihre Definition des Berlinischen»schießt fast immer im antisemitischen Stereotyp zusammen«.“* Wieso dann nochmals Aufmerksamkeit darauf lenken? Weil einiges vergessen wurde, nicht nur von Schütz. Er hat gerade einen wesentlichen Prozeß gut dargestellt, wie näm40 Hoffinann, S. 562 1. 41 Theodor Fritsch(Hrsg.), Handbuch der Judenfrage. Die wichtigsten Tatsachen zur Beurteilung des jüdischen Volkes, 34. Aufl., Leipzig 1933, S. 29. 42 St.(d.i. Wilhelm Stapeh, Der Geistige und sein Volk. Eine Parole, in: Deutsches Volkstum 32, 1930, H. 1,5. 5. 43 Erhard Schütz,»Kurfürstendamm« oder Berlin als geistiger Kriegsschauplatz. Das Textmuster »Berlin« in der Weimarer Republik, in: Klaus Siebenhaar(Hrsg.), Das poetische Berlin. MetropoJenkultur zwischen Gründerzeit und Nationalsozialismus, Wiesbaden 1992, S. 163-191, hier S. 164. Bilder Berlins als»jüdischer Stadt« 219 lich die»intellektuellen Autoren«»beschwörend« für Berlin und gegen die Kritiker ankämpften:»Indem sie das taten, schrieben sie ihnen zugleich auch entgegen, weil sie schreibend erzeugten, was jene um alles in der Welt nicht wollten: Differenzierung, Widersprüche, Ambivalenzen und Unüberschaubarkeit.«* In einem ähnlichen Verfahren bemächtigt sich die Kritik des Anti-Intellektualismus und der Berlin-Feindschaft eines Begriffs von Judentum, der seinerseits der inneren Widersprüchlichkeit von geistigen, politischen, kulturellen und religiösen Strömungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands nicht gerecht wird. Schütz reklamiert(und viele mit ihm), im berechtigten Widerspruch gegen die Antisemiten die von ihnen als Juden denunzierten Intellektuellen für Berlin- gegen»Berlin«—, er verschafft ihnen Gerechtigkeit und nachträgliche Anerkennung; aber sie bleiben ihm: Juden; als Juden nehmen wir sie wahr. 4.»AUS DEM GEWOHNTEN INS UNGFWOHNTE« Am Beispiel der Berlinwahrnehmung zeigt sich, wie schwierig es ist, deutsche Geschichte und deutsch-jüdische Geschichte im richtigen Verhältnis zu beschreiben. Die beiden Geschichten-- die der Entwicklung der deutschen Gesellschaft in der Modernisierung und die der Entwicklung der jüdischen Minderheit— berühren sich durchaus; aber sie sind nicht gleich. Auch die jüdische Minderheit hat den Prozeß der Modernisierung als Auflösung traditioneller Strukturen erlebt— aber diese Strukturen waren andere, Die Rede von Berlin als»jüdischer Stadt« wird im Rahmen historischer, literaturwissenschaftlicher, soziologischer oder philosophischer Wissenschaftsdiskurse analysiert und interpretiert ohne Bezug auf das Judentum als Gesetzesreligion. Eine Rechtfertigung für solches Vorgehen wird darin gesehen, daß gerade diejenigen jüdischen Autoren, denen wir so wichtige Erkenntnisse über die Stadt und das Städtische verdanken, eben keine»orthodoxen« Juden mehr gewesen seien, daß sie sich gerade von der Rigidität ihrer Religion(und womöglich von dieser selbst) bereits verabschiedet hatten, als sie sich der Stadt öffneten und sie, für uns, entdeckten. Dabei geht zweierlei verloren; die Frage einmal, was es uns dann gestattet, Autoren wie Simmel, Benjamin, Kracauer, Hessel, Eloesser, Tucholsky als Juden zu identifizieren*S; zweitens aber auch die Frage, wie es denn mit denen bestellt war, die sich doch, nach wie vor, selbst als Juden verstanden, der Gemeinde zugehörig waren, ein gesetzestreues Leben führten. Gilt das konstruierte Bild 44 Ebd. 45 Der Literaturwissenschaftler Jakob Hessing hat in einem außerordentlich wichtigen— von der historischen Zunft kaum wahrgenommenen_ Artikel die gegensätzliche Perspektive eingenommen. Er kritisierte die Tatsache, daB manche Darstellungen der grundlegenden Arbeiten von Georg Simmel, Siegfried Kracauer oder Walter Benjamin keinen Hinweis darauf enthalten, daB alle drei »nicht nur Deutsche« waren:»Sie waren auch Juden.« Die für Simmel kennzeichnende»mitunter verzweifelte Suche nach Verankerung in einer bodenlosen Welt« gilt ihm als Beleg für eine zentrale These:»Ein Pol des Magnetfeldes, in dem sich diese Fragmente der Moderne verteilen, ist das Judentum.« Berlin war das»Zentrum der deutsch-jüdischen Intelligenz«— aber sowohl Siegfried Kracauer wie Walter Benjamin verließen Berlin, um nach Paris zu gehen, und Georg Simmel fand in dieser, in seiner Stadt keine Professur. Auch die Renaissance der Autoren fand ohne Bezug auf ihren biographischen, das heißt: auf ihren deutsch-jüdischen Hintergrund statt. Von einer jüdischen Perspektive aus gesehen, stellt das Ringen um Zugehörigkeit(oder»Verankerung«, wie Hessing schreibt) das zentrale Moment im Zusammenstoß von jüdischer Kultur und Modernität dar. Der Ort, der das Zusammentreffen ermöglichte- um den am meisten gerungen wurde—, war die große Stadt. Das Scheitern der drei großen Stadtbeschreiber sagt nicht nur vi les über Berlin, sondern auch einiges über die angebliche Übereinstimmung zwischen der Berliner und der säkular-jüdischen Kultur. Jakob Hessing, Denn sie wissen nichts von Jacob, in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, Ausgabe vom 6. 4. 1990. 220 Joachim Schlör von der»Übereinstimmung« auch für sie? Was wissen wir überhaupt vom»orthodoxen« Judentum und seiner Beziehung zur Stadt? Ich schreibe»orthodox« in Anführungszeichen und bediene mich lieber der von Villem Flusser vorgeschlagenen Formel vom»orthopraktischen« Judentum. Diese Unterscheidung mag einerseits dazu helfen, daß wir uns gesetzestreue Juden nicht nur als Kaftanträger mit langen Schläfenlocken vorstellen müssen, und sie kann uns andererseits, und vor allem, auf die grundlegende Bedeutung der Gesetze selbst zurückverweisen. Am Anfang aller Mißverständnisse in der Debatte über das Judentum und seine besondere Beziehung zur Stadt steht im deutschen Sprachraum, aber mit einer ungeheuren Ausstrahlungskrafi weit in den osteuropäischen Raum hinein, die Gestalt des Moses Mendelssohn. Berlin hat sich daran gewöhnt, in ihm denjenigen zu sehen, der ein in Konventionen und unbegreiflichen Ritualen erstarrtes Judentum, das noch im Ghetto seiner unverständlichen Sprache verharrte, auf den Weg ins Freie vorbereitete, der den Weg zur Akkulturation und Assimilation cbnete: durch sein Leben, durch seine Freundschaft mit Lessing, Nicolai, mit anderen Aufklärern, durch seine Übersetzung der Thora ins Deutsche. Das ist auch nicht falsch, und womöglich wäre es mit Mendelssohn diesen Weg gegangen, hätte nicht Johann Caspar Lavater den Versuch unternommen, Mendelssohn, der bis dahin eher Philosoph war als jüdischer Gelehrter in der Tradition seiner Vorfahren, in einem offenen Brief 1770 zur Konversion, zumindest zur Anerkennung der Überlegenheit des christlichen Glaubens aufzufordern, Dieser Moment, und der sich anschließende Briefwechsel, in dem Mendelssohn alie missionarischen Gedanken für das Judentum weit von sich weist, sich aber gleichzeitig zu den Gesetzen der Väter bekennt, dieser Moment kann in seiner Bedeutung für den nachfolgenden jüdisch-christlichen Disput, für das deutsch-jüdische Verhältnis, für die Situation des Judentums in der deutschen Gesellschaft gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Zurückgeworfen auf seine jüdische Existenz durch den Gesprächspartner, der Hoffnung auf einen allgemeinen, nur der»humanitas« verpflichteten Gedankenaustausch von Gleichberechtigten beraubt. besinnt sich Mendelssohn auf das Eigene. Er formuliert zum ersten Mal sein Verständnis von der jüdischen Religion als Gesetzesreligion, die»nur für unsere Nation verbindlich scy«. Er plädiert für die Anerkennung jüdischer Lebensweise- und zugleich für ihre Reformierbarkeit, für die Befreiung vom Ballast der»menschlichen Zusätze und Mißbräuche«-, er wendet, wie Marianne Awerbuch schreibt,»alle Mühe« für»die Heiligkeit unserer Religion« auf und wird diesem Unternehmen auch zeitlebens nicht mehr untreu.“ Es ist aber dieses Judentum, mit dem sich unsere zeitgenössische Analyse deutsch. scher und berlinisch-jüdischer Beziehungsgeschichte auseinanderzusetzen hat, wollen wir nicht Gefahr laufen, ein Bild vom Judentum zu übernehmen, wie es gerade in dieser Auseinandersetzung über die Stadt, über die Großstadt, über Berlin, von den Feinden der Juden entworfen wurde. Von Kaufhausbesitzern und Literaten, von Ärzten und Anwälten, vom»gewissen Berlin« der 1920er Jahre wird die Rede sein müssen, wenn wir uns an die schwierige Frage nach der Existenz eines»berlinisch-jüdischen Geistes« machen wollen; von einem assimilierten, scheinbar>angekommenen« Judentum und der Haltung seiner profilierten Vertreter zur Stadt; aber eben doch nicht nur. Es müßte gleichzeitig auch die Rede sein vom Stadtverständnis, vom Orts-Bild des orthopraktischen Judentums, von Gesetzen, die jüdisches Leben in Bezug auf cinen Ort, eine Stadt bestimmen, vom Schabbat, von der Schabbatgrenze, dem Eruw*”, vom notwendigen Bestehen bestimmter Institutionen wie der 46 Marianne Awerbuch, Moses Mendelssohns Judentum, in: dies. /Stefi Sersch-Wenzef(Hrsg.), Bild und Sclbstbild der Juden Berlins zwischen Aufklärung und Romantik. Beiträge zu ciner Tagung. Berlin 1992, S. 21-41, 47 Peter Freimark, EruwhJudentore«, Zur Geschichte einer rituelten Institution im Hamburger Raum (und anderswo), in: Pezer Freimark/Ina Lorenz/Günter Markwedel, Judentore, Kuggel, Steuer Bilder Berlins als»jüdischer Stadt« 221 Synagoge, dem rituellen Bad, dem Gerichtshof, von der durch die Gesetze vorgegebenen Nähe dieser Institutionen zueinander, vom ganz anders bestimmten Bild einer»jüdischen Stadt«, die unabhängig von der konkreten Topographie einer Stadt sich auf diese Weise bildet, ohne Ghetto sein zu müssen, auch von der Abschließung nach außen, von der Trennung, die dadurch hervorgerufen wird, von der bewußten Ablehnung aller christlichen Einflußnahme.»Reale jüdische Lebensfragen«, wie sie Mendelssohn in seiner Schrift»Jerusalem oder Über Religiöse Macht und Judentum« formuliert, sind eben dies: jüdische Lebensfragen, und kein Christ kann sie beantworten, kommentieren, in Frage stellen oder gar für obsolet erklären. Unbedingt forderte Mendelssohn auch vom Staat die»vorbehaltlose Anerkennung jüdischer, durch das Religionsgesetz bestimmter Lebensweise«.%8 Diese Anerkennung hat es nicht gegeben, und die Nachwirkung Mendelssohns war auch keineswegs so groß, daß einer nach ihm mit gleichem Recht und gleicher Überzeugungskraft sie hätte einfordern können; im Gegenteil, die Generationen nach ihm haben sich den staatliche Forderungen nach Preisgabe der strengen Gesetze ergeben. Aber die»jüdischen Lebensfragen«, die Moses Mendelssohn formuliert hat, bleiben bestehen, auch wenn sich die äußeren Umstände dramatisch verändern. Sie müssen immer dann miteinbezogen werden, wenn wir das Adjektiv»jüdisch«, in welchem Zusammenhang auch immer, verwenden. Auch wenn wir von der Orthodoxie absehen und Entwicklungen im Reformjudentum oder selbst bei denen betrachten, die sich unter Preisgabe der Tradition an die deutsche Gesellschaft anzuschließen suchen, finden wir eine Fülle von Verhaltensvarianten, Beispiele situationsbezogener Identität, die jedenfalls den Schluß »jüdisch-modern« oder»jüdisch-großstädtisch« höchst zweifelhaft erscheinen lassen. Die Grunderfahrung der Moderne: Entfremdung, wird am Beispiel des Lebens in den großen Städten offenbar. Im antisemitischen Diskurs wird die Behauptung aufgestellt, die Juden hätten»einzig« die Erschütterungen der Modernisierung unbeschadet überstanden; im innerjüdischen, zumal im zionistischen, Diskurs wird dagegen betont, wie sehr diese Erschütterung gerade die Juden getroffen hat. In der objektiven Wahrnehmungslücke zwischen diesen beiden Positionen steht, was Gershom Scholem als die besondere Problematik jüdischer Existenz in der Moderne bezeichnet hat: »Dieses»Woandersseine war es, das sich mit dem verzweifelten Wunsch, zu Hause zu sein, so intensiv, fruchtbar und zerstörerisch zugleich verband. Es ist das Stichwort für das Verhältnis der Juden zu den Deutschen. Es ist zugleich das, was für den heutigen Betrachter ihre symbolische Stellung so anziehend, ergreifend und in einem bedeutenden Sinn positiv macht, wie es das ist, was sie damals beunruhigend, unter falschen Masken agierend und den Widerspruch herausfordernd erscheinen ließ, Den Juden in Deutschland kam nicht zugute, was heute, unter sehr veränderten Verhältnissen, in einem wichtigen Teil der Geselischaft ihnen gerade positive Bedeutung gibt und Berücksichtigung zuteil werden läßt: ich meine ihre Würdigung als klassische Repräsentanten des Phänomens der Entfremdung des Menschen in der Gesellschaft. Die Entfremdung des Juden von seinem eigenen Nährboden, seiner Geschichte und Tradition, und noch mehr seine Entfremdung in der sich bildenden bürgerlichen Gesellschaft wurde ihm verübelt. Daß er nicht recht zu Hause war, wie sehr er auch seinen Anspruch darauf nachdrücklich anmeldete, also was jetzt manchmal als ein Gleichnis der»xondition humaine« ihm zum Ruhmestitel angerechnet wird, das bildete in der Geschichte dieser Beziehungen, als Entfremdung noch ein Schimpfwort war, eine Anklage. Und es entspricht diesem vertrackten Zustand, daß die Juden selbst in ihrer großen Mehrheit diese Wertung ihrer Umwelt teilten, gerade in ihrem bewußten Stande, und eine Verwurzelung, ein Zuhausesein im Deutschtum anstrebten oder behaupteten, das ihnen die größte Mehrheit ihrer Umgebung nicht recht glaubte.« konten. Untersuchungen zur Geschichte der deutschen Juden, vornehmlich im Hamburger Raum, Hamburg 1983, S. 10-69. 48 Awerbuch, 8, 37. 49 Gershom Scholem, Juden und Deutsche(Vortrag vom 2. August 1966 auf der dem Thema»Juden und Deutsche« gewidmeten Plenarsitzung des Jüdischen Welıkongresses in Brüssel), in: Neue Rundschau 77, 1968, S. 547-562. 222 Joachim Schlör Gehen»die Juden«, wie der Kommunist Erich Heller in seinem Buch»Der Untergang des Judentums« behauptet, als»Träger einer durchaus städtischen Ideologie und Kultur« im Lauf der Modernisierung in der»Kaste« auf,»zu deren Schrittmachern sie zählen«? War der Beginn des Kampfes um die Emanzipation»zugleich der Beginn ihrer eigenen Emanzipation als Juden, also vom Juden«? Freilich hat sich Hellers Voraussage vom»Untergang« des Judentums als seiner quasi natürlichen Auflösung nicht erfüllt(auch wenn im Stalinismus alles dafür getan wurde); aber diese Beobachtung bleibt wohl richtig: Der Beginn der bürgerlichen Emanzipation ist der Beginn des Abschieds von dem, was bis dahin traditionell Judentum war und bedeutete. In seiner Auseinandersetzung mit Sombarts»Die Juden und das Wirtschaftsleben« referiert Ignaz Zollschan, durchaus mit Zustimmung, einige der Hauptthesen des Nationalökonomen:»Jüdische« Charaktereigenschaften, die»den Juden« zum Auslöser der kapitalistischen Dynamik machen konnten, waren»seine«»unkonkrete Sinnesart«,»sein Eingesponnensein in einer abstrakten Welt, sein Mangel an Anschaulichkeit«.»Praktischer Rationalismus«,»Zweckbedachtheit« und, das darf nie fehlen,»Beweglichkeit des Geistes«, Nicht»organisch-original« ist dieser Charakter, sondern»mechanisch-rational«. Weiter kommt der Wesenszug des»Wüsten-Wandervolks«- Anpassung und Beweglichkeit— hinzu: In der Wüste,»ebenso wie in dem späten Enkel der Wüste, der modernen Großstadt mit ihrem Hetzen und Jagen«, wächst der absirakte Mensch. Und noch einmal: »Die gerade Fortsetzung der Wüste aber isı der vom Kapitalismus geschaffene eintönige Amerikanismus, unter dessen Einfluß alles wirkliche Leben erstickt, ist die moderne Stadt, weil sic den Menschen abdrängt von der dampfenden Scholle, ihn losreist von der organischen Natur, weil sie die Zielstrebigkeit setzt an die Stelle der Werkfreudigkeit, Ebenso wie das Nomadenleben verlangt das moderne Großstadtleben die Ausbildung der rein rationalistischen Fähigkeiten, die Eigenschaften des fortwährenden Zweckbedachtseins, der Anpassungsfähigkeit und der Beweglichkeit. Der Kapitalismus aber ist es, der die Menschen überall von der väterlichen Scholle losreißt, der die wurzellos Gewordenen und die Heimatsberaubten in den Großstädten zusammenhäuft, wo sie die Nomaden der Jetztzeit werden.«! Abkehr von der Stadt, Rückkehr zum Land, zur»Scholle« gar, das war jedoch auch zionistisches Programm. Die beiden Bewegungen, so scheint es, die von zwei ganz entgegengesetzten Enden ihre Zweifel an der Tragfähigkeit einer deutsch-jüdischen Symbiose äußern, die antisemitische und die zionistische, treffen sich— alle sonstige Unvereinbarkeit und Unvergleichbarkeit hier einmal beiseite gestellt und als bekannt vorausgesetzt— an diesem einen Punkt: Das moderne großstädtische Leben ist jüdisch geprägt — zum Schaden der Städie und des Lebens, sagen die einen; zum Schaden der Juden, sagen die anderen. Was sich in den Augen der Antisemiten als»Übereinstimmung« oder»Deckungsgleichheit« darstellt, ist zunächst bloß— aber wieviel ist das!- der Versuch von(einzelnen, aber in diesem Zusammenhang als Gruppe doch identifizierbaren) Juden, in der großen Stadt den Ort zu finden, an dem Zugehörigkeit unter den Bedingungen moderner Existenz möglich sein könnte, Das große Interesse an der Stadt und an den Bedingungen städtischen Lebens ist ein Ergebnis des Verlusts an Orientierung, die man von der Tradition nicht mehr erhoffte(und vom Zionismus nicht erhoffen konnte oder wollte). »Element der nationalen Decomposition« sind sie, um das berühmte Wort Mommsens aus dem Berliner Antisemitismusstreit der 1880er Jahre aufzugreifen, tatsächlich als 50 Erich Heller, Der Untergang des Judentums, Wien etc. 1933, S. 75. 51 /gnaz Zollschan, Das Rassenproblem unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassenfrage, 3. Aufl., Wien etc. 1912, S. XIX f. Bilder Berlins als»jüdischer Stadt« 223 Städter:»Ein gewisses Abschleifen der Stämme aneinander, die Herstellung einer deutschen Nationalität, welche keiner bestimmten Landsmannschaft entspricht, ist durch die Verhältnise unbedingt geboten und die großen Städte, Berlin voran, deren natürliche Träger. Daß die Juden in dieser Richtung seit Generationen wirksam eingreifen, halte ich keineswegs für ein Unglück.«“ Aber diese nationale Decomposition trifft zunächst einmal ja die Juden selbst. So verstanden, bedeutet es für die innere Entwicklung des Judentums ungeheuer viel, daß einige versuchten, den Ort der Heimatlosigkeit zur Heimat umzubauen. Sau! Friedländer hat es so formuliert;»Die Weimarer Republik war in den Augen der deutschen Nationalisten ein Symbol der Niederlage und der Schande, die Juden jedoch identifizierten sich mit ihr voll und ganz; sie öffnete ihnen Wege, die ihnen in der Kaiserzeit verschlossen gewesen waren.«® Läßt sich dieser Satz aufrechterhalten? Die Republik öffnete den Juden Wege, die ihnen zuvor- als Juden— verschlossen waren. Im Moment, da sie diese Wege beschritten, taten sie es noch»als Juden«? Von einer anderen Seite her nähert sich Robert Weltsch dem gleichen Thema:»Nach dem Ersten Weltkrieg verlor das deutsche Judentum die zentrale Stellung, die es im 19. Jahrhundert auf wirtschaftlichem, finanziellem und besonders auf kulturellem und religiösem Gebiet in der jüdischen Welt innegehabt hatte. Kompensation für diesen Verlust fanden die Juden in der Weimarer Republik, die ihnen neue Möglichkeiten des Aufstiegs im wirtschaftlichen, kulturellen und selbst politischen Leben gab, aber dieser Aufstieg war von Beginn von der Welle eines neuen, radikalen Antisemitismus begleitet.«* Die Republik erscheint hier als Fluchtpunkt einer ganz spezifischen kulturellen Situation: Mit der Einrichtung einer republikanischen Staatsform war erstmals in der deutschen und in der deutsch-jüdischen Geschichte die Möglichkeit eröffnet, jüdisches Leben- als eigenständig religiöses oder eigenständig nationales-- von der allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Entwicklung abzukoppeln, ohne es zugleich gänzlich davon zu trennen. Noch genauer: Erst im Prozeß dieser Trennung, die das»Jüdische« in den Bereich des Religiösen oder des Zionistischen verweist und ihm zugleich den Status des zulässig Minderheitlichen zuerkennt, erweist sich die Tragfähigkeit der Republik, Was Juden andererseits in der deutschen Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur außerhalb des»Jüdischen«- tun, das tun sie nicht als Juden, sondern als Deutsche. Oder aber diese Hinwendung zur Demokratie, zur Öffentlichkeit, zum städtischen Leben ist entstanden aus einer Abkehr vom traditionellen Judentum, und wohl auch in einer Abgrenzung von den nationalen Bestrebungen des Zionismus. Aber auch dann ist sie eben nicht:»jüdisch«, sondern in Auseinandersetzung mit dem Judentum entstanden, und das ist etwas anderes. »Der Zug in die Großstadt«, schreibt Arthur Ruppin,»schafft somit für die Juden ein ganz neues Milieu, das von dem früheren Milieu der kleinen jüdischen Gemeinde völlig verschieden ist. Aus diesem Großstadtmilieu erwachsen die Kräfte, die an den Wurzeln des traditionellen Judentums nagen. Unter ihrem Einfluß hat sich die Judenheit, die im 18. Jahrhundert überall noch eine fast einheitliche kulturelle und soziale Schicht darstellte, in verschiedene Schichten gespalten, die sich mehr oder weniger weit von dem traditionellen Judentum enifernt haben. Der Großstadtjude, auf den alle Errungenschaften der modernen Kultur einwirken, muß eine ganz andere Mentalität er52 Theodor Mommsen, Auch ein Wort über unser Judenthum, zit. nach: Walrer Boehlich(Hrsg.), Der Berliner Antisemitismusstreit, Frankfurt/Main 1988, S. 219 f. 53 Saul Friedländer, Die politischen Entwicklungen von der Mitte des Ersten Weltkrieges bis zum Beginn der Weimarer Republik und ihr Einfluß auf die Judenfrage(1917-1923), in: Leo Baeck Institut, Jerusalem(Hrsg.), Zur Geschichte der Juden in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Jerusalem 1971, S. 81-86, hier S. 83 f. 54 Robert Weltsch, 1918: Die Krise der herkömmlichen Einstellung zu jüdischen Problemen, in: ebd., S. 87-93, hier S, 93, 224 Joachim Schlär werben als der fern von den Brennpunkten der Kultur lebende Jude des Dorfes und der Kleinstadt.« Arnold Zweig zeichnet ein Bild dieser neuen Existenz:»Der moderne Mensch, das ist der Städter. Woher auch immer der einzelne Begabte, das schöpferische Individuum stamme, seine Prägung findet es erst im engen Zusammenleben mit der aufnahmefähigen,»nach Neuem gierigen« Atmosphäre der Stadt.«® Es ist keine spezifisch jüdische Geschichte, die Zweig berichtet: »In unregelmäßigen Kreisen, aber unermüdlich strahlt die menschliche Zivilisation von den Städten aus, von Babylon und Memphis, von Jerusalem, Athen und Alexandria, von Rom und Byzanz, von Florenz und Venedig, von Paris, Madrid, London, Wien, Berlin, Die Städte sind es, in denen die Kultur geschaffen wird. Von der Verfeinerung der Seelen bis zur Verfeinerung der Technik, von der Kühnheit neuer Ausdrucksformen in Dichtung, Malerei, Plastik und Tanz bis zur Kühnheit neuer Mischungen in der Chemie, der Strahlungsforschung, der Elektronentheorie und der Photographie von Klängen sind die Städte die Orte des Vorstoßes aus dem Gewohnten ins Ungewohnte, aus dem Beherrschten ins noch Unbeherrschte.«®? Die daraus resultierende Verunsicherung führe dazu, daß»der wüste und krankhafte Dilettantismus des Denkens, der sich heute unwahrscheinlich großer Massen bemächtigt hat, diesen Kulturablauf mit pathologischen Wahnvorstellungen zu erklären versucht, um die Rolle der Juden anhassen zu dürfen«.* Zweig zieht die Trennlinie zwischen den Befürwortern und den Gegnern der großen Städte, nicht zwischen Juden und Nichtjuden. Aber auch für ihn scheint es ein besonderes Charakteristikum des»Städters« zu geben, dessen genauere Analyse noch aussteht. Es könnte sein, daß neben der Geschichtswissenschaft und der Soziologie auch die alte Volkskunde etwas dazu beitragen müßte. 5. ANGSTPRODUKT GROSSSTADT Zurück zu den eingangs beschriebenen Bemühungen, jüdisches Leben in Berlin durch Stadt-Begehung zu rekonstruieren. Eine Ethnologie der berlinisch-jüdischen Geschichte und Kultur könnte ja durchaus mit einer Suche nach den»Spuren jüdischen Lebens«, nach den»jüdischen Orten« in Berlin beginnen. Wenn sie etwas anderes leisten will als eine historische Aufarbeitung der»jüdischen Geschichte in Berlin«, etwas anderes auch als Soziologie, Demographie oder Statistik des Berliner Judentums, etwas anderes als eine Literaturgeschichte unter dem Titel»Juden in Berlin« und wohl auch etwas anderes als eine Religionsgeschichte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin- all dies wäre ja möglich, und an all diesen Aspekten wird, wenn auch gelegentlich erst ansatzweise, gearbeitet—, wenn sie einen eigenständigen Zugang finden will, dann könnte sie versuchen, die Verhältnisse von»innen« und»außen«, vom»Eigenen« und vom»Fremden« im Verlauf der Geschichte seit der Wiederansiedlung einer jüdischen Gemeinde im Jahr 1671 und vor allem von der Mitte des 19. Jahrhunderts an bis heute zu ergründen, Wege und Orte des Judentums in Berlin nachzuzeichnen, der religiösen und kulturellen Geschichte eine topographische Dimension zu geben, die Begegnungen und Brüche, die Ausgrenzungen und die Vereinnahmungen in diesem Beziehungsgeflecht»Berlin und die Juden« zu rekonstruieren. Eine solche Unternehmung könnte diese besondere kulturelle Situation, die Begegnung einer Stadt, einer sich radikal und rasch verändernden und moder55 Arthur Ruppin, Soziologie der Juden, Berlin 1930, Band[, S. 128. Hervorhebung von mir, J. S. 56 Arnold Zweig, Bilanz der deutschen Judenheit, Leipzig 1991(erstmals 1934),$, 32. 57 Ebd.$. 34 58 Ebd., S. 35. Hervorhebung von mir, J,$. Bilder Berlins als»jüdischer Stadt« 225 nisierenden Stadt mit einer Minderheit, die sich gleichfalls- eben: in dieser Begegnung — rasch und radikal verändert, erforschen und mit dem methodischen und begrifflichen Instrumentarium der Ethnologie und der Kulturanthropologie vielleicht dazu beitragen, daß wir wegkommen von quälenden Debatten über Schlagwörter wie»Assimilation« oder»Symbiose«, könnte mit der Geduld, die der Ethnologie zu eigen ist, auch den feineren Verästelungen des Geflechts nachgehen-- auf lokaler(bezirklicher, nachbarschaftlicher) Ebene etwa oder im Blick auf kleinere Gruppen innerhalb der Minderheit -, die in der Geschichte und Soziologie zu wenig Berücksichtigung finden. Auch die Zuweisung»Städter« an die Juden ist anthropogeographisch motiviert, eine Sichtweise, in der die räumlichen, geographischen Konfigurationen der verschiedenen Phänomene den Vorrang vor anderen genießen. Ein historischer Prozeß, gedanklich konstruiert, wird »kartographisch« oder»topographisch« gefaßt, die Überlegungen zum Verhältnis zwischen der jüdischen und der modernen Kultur werden in einer»geographischen Logik«® (Schlögel) dargestellt. Der Volkskundler Martin Wähler veröffentlichte zum Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft(aber wohl früher geplant)»eine Wesenskunde der deutschen Volksstämme und Volksschläge« unter dem Titel»Der deutsche Volkscharakter«. Ein»Charakterbild des Volkes in seiner unbewußten Gestaltung geistig-seelischen Lebens aus der Fülle volkskundlicher Beobachtungen und Feststellungen« war geplant:»Wesenskunde«. Im Rahmen dieser landschafts- und ortschaftspsychologischen Studien kommt Hermann Kügler die Aufgabe zu,»die Berliner« zu beschreiben. Er muß sich- bei keinem der anderen Artikel komm dergleichen vor— von Anfang an gegen Vorurteile zur Wehr setzen und findet auch recht schnell eine Möglichkeit, das»Abfällige« in den Äußerungen über Berlin dem Umstand zuzuschreiben, daß die Kritiker ja»nicht eigentlich das»Volk« als solches, d. h., den Mutterboden der Nation, hier den Typus des echten Berliners« meinten; sondern sie reden»doch mehr von den Zugewanderten, den im öffentlichen Leben auffallenden Bewohnern Berlins«, Und:»So kam die schiefe Meinung über Berlin als die wurzellose und überfremdete Stadt zustande«, dabei sei doch »auf unserem Boden die Romantik erblüht«.® Richtig werde der wahre Berliner bei v. Eichstedt gesehen, auch bei Willy Hellpach, verzerri dagegen bei Nietzsche und vor allem bei Mülier-Freienfels in dessen»Notizen zur Psychologie des Großstädters«.S!»Berlin sei»keine märkische, keine preußische, kaum mehr eine deutsche Stadt, es ist ein internationales Zentrums; sie stoße die langsamen, ruhigen, besinnlichen Menschen ab und locke aus aller Welt die raschen, intellektuellen, beweglichen Individuen an; daher komme der starke Prozentsatz der Juden, dieser 1ypischen, naturfremden, intellektualistischen Großstadtmenschen, die in der Provinz schon als»Berliner« schlechthin gelten; aber auch der erfolgreiche Berliner nichtjüdischer Abstammung zeige>die Eigenschaften, die man mit sehr anfechtbarem Recht als jüdisch oder auch als amerikanisch zu bezeichnen pflegt< schon das beweise, wie sehr hier der Zivilisationstypus den Rassetypus übergreife; der»Berlinere, der Großstadtmensch überhaupt, seien kaum mehr biologische, seien»nur noch soziologische Begriffe«.« Es ist interessant zu sehen, wie Kügler dieses Bild zugleich übernimmt und doch ablehnt— er muß es, als überzeugter»Berliner«, ablehnen:»Aber jene»Intellektuellen, Beweglichen« machen ja gar nicht die echten Bertiner aus! Man sieht die Schale, aber nicht den Kern! Jenen gilt mit Recht der Spott und der Zorn von Josef Goebbels[...].«®? 59 Karl Schlögel, Der heiße Punkt, in: Der Tagesspiegel, Ausgabe vom 21. 7. 1995. 60 Hermann Kügler, Die Berliner, in: Martin Wähler(Hrsg.), Der deutsche Volkscharakter. Eine Wesenskunde der deutschen Volksstämme und Volksschläge, Jena 1933, S, 126-138. Richard Müller-Freienfels, Berliner Skizzenbuch. Notizen zur Psychologie des Großstädters, in: ders., Tagebuch eines Psychologen, Berlin 1931, S. 1. 62 Kügler, S, 128, 6. 226 Joachim Schlör Müller-Freienfels ist tatsächlich ein interessanter Fall. Er schreibt seinen Bericht als den eines aus der Provinz für kurze Zeit nach Berlin Kommenden—»nach längerem Aufenthalt in der Provinz wieder in Berlin! Schon spüre ich die Wirkung der Großstadt am eigenen Leibe und an der eigenen Seele. Man wird mitgerissen von dem Rhythmus eines geballten und gehetzten Lebens«—, er sieht sich»gepackt« von der»nervösen Erregtheit«, Und von dieser Erregung aus schreibt er nun, Berlin sei nicht mehr Berlin, sollte lieber»Weltstadt deutscher Nation« heißen oder sonstwie technisch, sei auch»anthropologisch ein anderer Begriff geworden«. Und dann folgen die Sätze, die Kügler zitiert; auf einmal lesen sie sich anders:»Aus aller Welt ist hier Blut zusammengeströmt. Berlin ist keine märkische, keine preußische, kaum mehr eine deutsche Stadt, es ist ein internationales Zentrum, Eine qualitative Selektion vollzieht sich unablässig: es stößt die Jangsamen, ruhigen, besinnlichen Menschen ab und lockt aus aller Welt die raschen, intellektuellen, beweglichen Individuen an.« Und in dieser verwirrten Mischung aus Entsetzen und Begeisterung ist selbst der folgende Satz neutraler gemeint, als er im Zitat erscheint:»Daher der starke Prozentsatz der Juden« und so weiter— von Kügler nicht falsch zitiert, aber doch allzu einfach eingeordnet.® Müller-Freienfels führt das seltsame Wort»psychogeographisch« ein: Die»Raumproportionen« sind andere geworden, und damit muß man sich auseinandersetzen. Was könnte»Psychogeographie« meinen? Daß sich die»Seele« der Großstädter»in der Art, wie sie ihre Städte bauen, offenbart«?** Dieser Psychologe ist kein Kämpfer für die großen Städte, weit entfernt; aber er ist- schönes Wort—»erschütterbar«. Der Mann aus der Provinz, dessen Lebensregeln vom frühen Zu-Bett-Gehen über das Lob des Überschaubaren und der festen Strukturen bis zur Floskel»Alles hat seine Zeit« reichen, er steht erschüttert vor dem»Bienenstock« und ist stolz darauf, hier— ein Fremder zu sein:»Ich erstaune selbst immer wieder, wieviel Distanz ein paar Jahre Abseitsleben vom modernen Menschen ergeben. Ich habe, während ich durch die Straßen Berlins gehe, das Gefühl, als weilte ich in einem fremden Volke, dessen Sitten und Gebräuche mich in Verwunderung setzen.«* Die Erschütterung ist das Kennzeichen des Menschen vor der Herausforderung Modernität— was einer daraus macht, kennzeichnet seine Haltung zur Moderne. Müller-Freienfels ironisierit das Leben der Stadt: die Anonymität, den Zeitvertreib in der Arbeit wie beim Vergnügen, die marktschreierische Presse, die glatten Zungen, das Feuilleton, den Konsum, Wie das Kino ist das»Leben« des Großstädters:»eine Folge von Momenterlebnissen, zwischen denen kein Sinn besteht«, Protest wäre sinnlos, er, der »moderne Großstadimensch«, sei der Sieger in diesem großen Kampf der Geschichte. »Wie ein Riesendampfer«, aber ohne Kapitän, treibt die Stadt in die Zukunft hinein, ohne Ziel, um des bloßen Treibens willen.® Das ist die Diagnose. So ist die große Stadt, man kann die Tatsache ablehnen oder befürworten, es ändert nichts, Es ist—»geistesgeschichtlich«— wohl genau diese Stelle, die den Umschlag markieren kann: Man kann nichts ändern? Doch, man kann. Man kann diese Entwicklung der Stadt als künstlich brandmarken, den»wahren« Kern von der künstlichen Zutat trennen— das hat Joseph Goebbels auf seine Weise getan, und so ganz kann man weder Kügler noch Müller-Freienfels von dem Vorwurf ausnehmen, das ihre dazu beigetragen zu haben. Aber in diesen Entwürfen ist die Freiheit noch vorhanden, eine andere Trennung vorzunehmen. Das Stadt-Bild, das solchen Vorstellungen zugrundeliegt, wurde für die volkskundliche Debatte weitgehend von Willy Hellpach geprägt, In seiner 1902 erschienenen Stu63 Müller-Freienfels, S. 119. 64 Ebd., S. 121. 65 Ebd,, S. 124. 66 Ebd. Bilder Berlins als»jüdischer Stadt« 227 die»Nervosität und Kultur« zeichnet er städtisches Leben als»eine ganze Kette kleiner und kleinster Ärgernisse und Unzuträglichkeiten, die dadurch nicht unschädlicher werden, dass ihre Dauer nur eine momentane ist«.* Hellpach gehört dabei nicht zu den Anti-Modernen; im Gegenteil, gerade hier feiert er die Errungenschaften moderner Technik—»elektrisches Licht und geräuschloses Pflaster«-- als segensreich und wohltuend für die Sinne, und er findet einen guten Grund für den noch herrschenden Mangel:»Die industrielle Ära ist ja über uns mit einer Raschheit hereingebrochen, die wir an noch keinem Zeitalter erlebt haben. Von einem organischen Städtewachstum, wie es die meisten mittelalterlichen Städte genossen haben, war keine Rede. Die moderne Grossstadt ist sozusagen ein Angstprodukt, und erst allmählich schöpfen wir Atem und suchen nachträglich das missratene Werk umzuflicken.«® Das ist volkskundlichen Texten so eigen: Mitten im etwas unübersichtlichen Feld der Erzählung findet sich unversehens ein Satz, den solidere Wissenschaften zur These ausgebaut und an prägnantem Ort plaziert hätten: Die moderne Großstadt ist»sozusagen ein Angstprodukt«. Was kann das heißen? Hellpachs Großstadtbild ist in manchem geradezu heilsichtig— wenn er etwa davon spricht, daß eines Tages»der mehr individuell geprägte Motorwagenverkehr die kommunistische Straßenbahn(!) bedeutend entlasten« werde, scheint er direkt in die 1950er Jahre westdeutscher Städte zu springen-, bemerkenswert ist jedenfalls sein Appelt, das»Sinnesschädigende« von den Städten zu nehmen, und dafür auf die aus der Stadt selbst herauskommenden Kräfte zu setzen. Angstprodukt? Aus Angst entstanden? Oder Angst erzeugend? Eine Volkskunde der Großstadt ist gefragt, sie»dürfte« aber, so heißt es bei Kügler in einer Verbeugung vor den neuen Machthabern, nicht mehr»Volkskunde des Proletariats« heißen(wie noch bei Will-Erich Peuckert), denn dieses Wort»klingt nach Verfall«— und»der Untergang großer Reiche ist am eindrucksvollsten durch die Zerstörung oder den Verfall ihrer größten Städte versinnbildlicht worden«. Was hätte die Volkskunde nicht leisten können! Selbst noch in Wählers einleitendem Aufsatz wird die Chance spürbar, die dieses Fach hatte— und die es mit seiner Selbstaufgabe gegenüber den Anforderungen des NS-Regimes so bereitwillig vertan hat. Thema: Großstadt: »Auch einzelne Großstädte, wie München, Frankfurt a.M., Nürnberg, Köln, Wien, haben ihrer Bevölkerung innerhalb eines geschlossenen Stammesgebietes im 19. Jahrhundert ein eigenes Gepräge und Kolorit gegeben, so daß sie sich unter dem Einfluß eines alte körperlichen und geistigen Bewegungen beschleunigenden Verkehrs und infolge der starken beruflichen Differenzierung, die wieder Qualitätsarbeit ermöglicht, als besondere Stammesspielarten abheben. Aber wohlgemerkt, eine solche großstädtische Stammesspieları ist. Prägung, entstanden durch Zusammenballung von Menschenmassen und durch Anhäufung von Wirtschafts-, Verkehrs- und Kultureinflüssen, nicht natürlich gewachsene Veranlagung. Es gibt freilich auch Großstädte, die den stammhaften Aufbau zu stören scheinen. Berlin, das bei seiner riesigen Ausdehnung kaum seine äußere Einheit gewonnen hat, entbehrt einer in die Tiefe gehenden Tradition. Und doch gibt es auch heute ein altes, echtes, vom märkischen Stammeshintergrund fast losgelöstes Berlinertum, das tagtäglich seinen Anspruch>»Mir kann keener« als berechtigt erweist. Es kann seinen Mythos vom Berlinertum wohl weniger in der Vergangenheit als in der Zukunft suchen. Im Gegensatz zu den genannten Großstädten erscheint Berlin von ganz einzigartiger Prägekraft für ein erst im Werden begriffenes Berlinertum mit neuen Aufgaben zu sein. Eine dieser Aufgaben ist die Ausgleichung verschiedner Stammescharaktere zum bestimmenden und einenden Volkscharakter, Denn die Großstädte gestalten und erhalten weniger den Stamm als das Volk. Auf diese Bedeutung der Großstadt macht vor allem W. Hellpach(Psychologie der Gemeinschaft, S. 109, 110) aufmerksam. Sie beruht nach ihm auf der»anähnelnden Überwindung der Verschiednen aufeinander.>»Die Funktion der wechselseitigen Nähe und der zusammenlebenden Men67 Willy Hellpach, Nervosität und Kultur, Berlin 1902, S, 28. 68 Ebd., S. 36; Hervorhebung von mir, J. S. 228 Joachim Schlör schen[...] geht in der städtischen und besonders großstädtischen Standörtlichkeit am sichersten, gründlichsten und raschesten vor sich. Das ständig Seßhafte ähnclt das Hinzuziehende sich stärker an als umgekehrt. wenn auch die umgekehrten Einflüsse keineswegs fehlen.«® Legt man diese Überlegungen bloß von ihrer Überformung durch die volkskundlich-traditionelle Sehnsucht nach dem»Stamm« und von der durch das Erscheinungsdatum gegebenen nationalistischen Rhetorik— dann bleibt überraschend viel: Die Großstadt als Ort der»Anähnelung«(Heilpachs Wortfindekunst!) des Verschiedenen, das ließe genügend Raum für eine Einbeziehung der Juden; die Idee, daß das vorhandene Berlin die Hinzuziehenden stärker präge»als umgekehrt«, daß aber eine Prägung durch die neu Ankommenden dadurch nicht ausgeschlossen sei, ist wie gerade zugeschnitten auf die Begegnung des Judentums mit Berlin(und»umgekehrt«). Für eine Analyse dieser Begegnung und für das sich darin abzeichnende Spannungsfeld von Alterität und Identität wäre auch die Volkskunde, die Europäische Ethnologie oder Empirische Kulturwissenschaft gefragt. Vor allem in den Schichten,»die den Kapitalismus nicht als Chance, sondern als Bedrohung empfanden«, wurde die Emanzipation der Juden— so Reinhard Rürup—»als Gefahr betrachtet«.’”°. Wirtschaftlich-finanzieller Erfolg. intellektuelle Subtilität, Offenheit für Veränderung in den Prozessen der Urbanisierung gelten»als jüdisch«, werden von den Antisemiten»als jüdisch« diffamiert— und sie sind gleichzeitig Angriffsflächen der Großstadtfeindschaft. Wer Momente der Entkirchlichung, der zunehmenden Sittenlosigkeit, der(negativ verstandenen) Universalisierung des Weltbildes zu entlarven sucht, entdeckt»den Juden« als Figur, dem diese allumfassende Unsicherheit zugeschrieben werden kann.’ Ein Ausweichen vor den dadurch aufgeworfenen Fragen ist nur zum Teil hilfreich, Freilich ist Michael Brenner in jedem seiner Argumente zuzustimmen, wenn er sich in einem Aufsatz»Berlin als Zentrum jüdischer Kultur in der Weimarer Republik« in deutlicher Abgrenzung von den»Beitrags«-Darstellungen, die er eingangs noch zitiert, auf die»eigenständige jüdische und sehr lebendige- Kultur« konzentriert und sie, wie zur Bekräfligung, noch einmal charakterisiert als»eine Kultur von Juden für Juden«, In seiner Schlußbetrachtung betont Brenner, daß es sich bei dieser Herausbildung einer eigenständigen jüdischen Kultur nicht um eine»Ghettoisierung« handelte; es ging vielmehr»um den Versuch einer sich nicht nur als religiös verstehenden Minderheit, ihre kulturelle Eigenart zu bewahren bzw. neu zu definieren«- und tatsächlich haben gerade diejenigen, die als Initiatoren jüdischer Bildungssysteme und literarischer Einrichtungen tätig waren,»an den Belangen der Gesamtgesellschaft aktiv« Anteil genommen.” Aber ist es damit getan? Kann die wahrlich beeindruckende AufZählung jüdischer Initiativen zur Erhaltung und Fortentwicklung jüdischer Kultur unter den Bedingungen der Republik, wie Brenner sie vorführt, als Antwort auf die Bilder vom»Berlin-Jewish Spirit« genügen? Thomas Koebner hat die Anstrengungen, Bilder der Übereinstimmung zwischen deutschem und jüdischem»Wesen« zu finden- die»problematische Analogie zwischen Deut69 Martin Wähler, Deutsche Volks- und Stammescharakterologie. Ihre Möglichkeiten und Grenzen, in: ders, 8. 7-24; hier 8. 12 f. Hervorhebung im Originial. 70 Reinhard Rürup, Emanzipation und Krise, Zur Geschichte der»Judenfrage« in Deutschland vor 1890, in: Werner E. Mosse/Arnold Paucker(Hrsp.), Juden im Wilhelminischen Deutschland, Tübingen 1976, S. 1-56, hier S. 32. 71 Vgl. dazu Shufamit Volkov, Zur Einführung, in: dies.(Hrsg.), Deutsche Juden und die Moderne, München 1994, S. VIL-XXII. 72 Michael Brenner, Zwischen Ost und West, Berlin als Zentrum jüdischer Kultur in der Weimarer Republik, in: Reinkard Rürup(Hrsg.), Jüdische Geschichte in Berlin. Essays und Studien, Berlin 1995, S. 197-214, hier S. 197. Bilder Berlins als»jüdischer Stadt« 229 schen und Juden«—-, so interpretiert:»In der Analyse, die Phänomene zur Deckung bringen will, wirkt sich vielleicht der willentliche oder unwillentliche Wunsch aus, die durch den Gang der Geschichte weil auseinandergelriebenen Gruppen einander wieder anzunähern.«” Das führt uns zurück zur eingangs beschriebenen Sehnsucht, die sich in den Versuchen äußert, jüdische Kultur historisch und gegenwärtig in der Stadt zu»verorten«, Ein entscheidender Ansatzpunkt für künftige wissenschaftliche Untersuchungen, die solche Wünsche wohl nicht ignorieren, sondern viel eher zum Gegenstand der AnaIyse machen sollten, liegt meines Erachtens im Umfeld dessen, was Helipach als»Angstprodukt« Großstadt bezeichnet hat: Formen der Reaktion auf die Stadt, Formen der Wahrnehmung von Stadt, wie sie— dies nicht nur am Rande— ja fast zeitgleich von jüdischen Autoren am Beispiel anderer Städte, nicht zuletzt am Beispiel der neuen Stadt Tel-Aviv**, erörtert wurden, sind aufschlußreich für das Verständnis der Subtexte, die alle Stadtbeschreibungen(auch die wissenschaftlichen) begleiten. Enger zugeschnittene Forschungen, aus dem Bereich der Religionswissenschaft und Religionsgeographie, der Demographie und Statistik, der Soziologie, der Geschichtswissenschaft, der Antisemitismusforschung und der Jüdischen Studien können an dieser Stelle ansetzen, um endlich in gemeinsamer Anstrengung die Studie über Berlins jüdische Geschichte zu erarbeiten, die immer noch Desiderat bleibt. 73 Koebner, S. 131. 74 Vgl. dazu Joachim Schlör, Tel-Aviv. Vom Traum zur Stadt, Gerlingen 1996.