Archiv für Sozialgeschichte 37, 1997 93 Jakob Borut »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« Zum Stilwandel innerjüdischer Wahlkämpfe in der Weimarer Republik* »Während diese Zeilen geschrieben werden, bietet sich überalt im Lande, nicht nur in Preussen[...] das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen.« Mit diesen Worten begann im Januar 1925 ein Leitartikel des auflagenstarken»Israelitischen Familienblattes« in Hamburg. Dem Wandel, den die Zeitung thematisierte, ist der vorliegende Beitrag gewidmet.' Wahlen in Deutschland im Wandel der Zeiten sind bereits das Thema zahlreicher Forschungsarbeiten. Umfassende Studien behandeln die Wahlen auf nationaler Ebene, und es existieren nicht wenige genaue Darstellungen von Wahlen auf regionaler und lokaler Ebene. Viele Beiträge geben eine detaillierte Analyse der Wahlergebnisse, der Wählerstrukturen, Parteipositionen und dergleichen. Das Thema des Propagandastils und der Wahlkampfmethoden wird dagegen selten angesprochen. Die vorJiegenden Arbeiten zu diesem Themenbereich konzentrieren sich im allgemeinen auf die Zeit des Kaiserreiches.? Innerjüdische Wahlen- also Wahlen zu den Körperschaften und Institutionen der jüdischen Gemeinden— und die diesen vorausgehenden Wahlkämpfe wurden überhaupt noch nicht behandelt.? Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich auf den Wahlkampfstil in verschiedenen jüdischen Gemeinden Deutschlands während der 1920er Jahre, Die Weimarer Republik war eine Epoche, in der es zu umfangreichen Veränderungen des Wahlkampfstils * Übersetzung aus dem Hebräischen von Matthias Schmidt.- Der Verfasser dankt dem RichardKoebner-Zentrum für Deutsche Geschichte der Hebräischen Universität Jerusalem für die freundliche Unterstützung der Übersetzung. 1 Wahlspruch, in: Israelitisches Familienblatt, Ausgabe vom 29, 1, 1925, S. 1. 2 Elfi Bendikat, Politikstile, Konfliktlinien und Lagerstruktur im deutschen, britischen und französischen Parteiensystem des späten 19. Jahrhunderts, in: Politische Vierteljahresschrift 30, 1989, $. 482-502; dies, Wahlkämpfe in Europa 1884 bis 1889. Parteiensysteme und Politikstile in Deutschland, Frankreich und Großbritannien, Wiesbaden 1988; Thomas Kühne, Dreiklassenwahlrecht und Wahlkultur in Preußen 1867-1914. Landtagswahlen zwischen korporativer Tradition und politischem Massenmarkt, Düsseldorf 1994. Reiche Informationen finden sich in Arbeiten, die sich auf spezifische Wahikämpfe konzentrieren. Vgl. etwa Jürgen Bertram, Zum Reichstagswahlkampf für die Wahl des Jahres 1912, in: Otto Büsch(Hrsg.), Wählerbewegungen in der deutschen Geschichte, Berlin 1978, S. 549-569; Frank Mergenthal,»Ohne Knüffe und Püffe geht es nicht ab«. Die»Hottentottenwahlen« 1907 im Regierungsbezirk Düsseldorf, Siegburg 1995, S, 110-160. 3 Shmuel Ma’ayan veröffentliche zwei Lokalstudien in Hebräisch über Wahlen in den Gemeinden von Köln und Berlin, in denen er die Wahlslogans der Parteien und die Wahlergebnisse innerhalb eines kurzen Zeitabschnitts analysiert. Shmue! Ma’uyan, Die Wahlen in der Berliner Gemeinde 1901-1920, Givat Haviva 1977(hebr.); ders., Die Wahlen in der Gemeinde zu Köln 1900-1921, Givat Haviva 1979(hebr.). Michael Brenner, Die Jüdische Volkspartei. Nationaljüdische Gemeindepolitik in der Weimarer Republik, Magisterarbeit, Hochschule für jüdische Studien Heidelberg, untersucht eine der an den Wahlkämpfen beteiligten Parteien, betrachtet jedoch— abgesehen von einem kurzen Abschnitt über die Berliner Gemeinde während der Weimarer Republik— die Wahlen selbst nicht systematisch. Vgl. auch: ders., The Jüdische Volkspartei: National-Jewish Communal Politics during the Weimar Republic, in: LBIYB 36, 1990, S. 219-243. 94 Jakob Borut jüdischer Parteien kam. Das oben angeführte Zitat aus dem Leitartikel des»Israelitischen Familienblattes« weist deutlich in diese Richtung. Im Laufe des 19, Jahrhunderts wurden Wahlkämpfe und Wahlen in der Regel mit den Mitteln der traditionellen Honoratiorenpolitik geführt, die für die deutsche Politik jener Epoche überhaupt charakteristisch war. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich der politische Stil in Deutschland. Potitik wurde, so schon Hans Rosenberg, zu einem politischen Massenmarkt.* In der innerjüdischen Politik kam es hingegen nur in ei nigen großen Gemeinden bereits zu diesem Zeitpunkt zu entsprechenden Veränderungen, In den Provinzgemeinden jedoch hielten die dort herrschenden Liberalen an dem behäbigen Stil der Vergangenheit auch dann noch fest, als ihnen eine Opposition gegenübertrat, die zu populislischen und lärmenden Wahlkampfmethoden griff. Erst in der Weimarer Republik kam es zu einem Wandel der politischen Atmosphäre. Diese Entwicklung brachte die jüdischen Liberalen— wie ihre liberalen Partner in Deutschland insgesamt— schließlich dazu, während der Gemeindewahlkämpfe zu Methoden der modernen und lautstarken Massenpolitik zu greifen. Der vorliegende Aufsatz konzentriert sich im wesentlichen auf die Entwicklung jüdischer Gemeinden in Berlin einerseits und im Rheinland und in Westfalen andererseits, Regionen, in denen sich diese Veränderungen jeweils in unterschiedlichem Tempo vollzogen, Dargestellt werden insbesondere die Veränderungsprozesse zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und den späten 1920er Jahren sowie deren Ursachen. Ziel ist es, unter besonderer Berücksichtigung des starken Einflusses der allgemeinen deutschen Politik auf die innerjüdische Politik erstmals die Entwicklung in diesem von der Forschung bisher vernachlässigten Bereich aufzuzeigen. 1. TRADITIONELLE HONORATIORENPOLITIK IN DEN JÜDISCHEN GEMEINDEN Die Grundlage für Wahlen in jüdischen Gemeinden wurde durch das preußische»Judengesetz« vom 23. Juli 1847 gelegt. Nach den Bestimmungen dieses Gesetzes sollte jede jüdische Gemeinde von zwei administrativen Körperschaften- dem Vorstand mit drei bis sieben Mitgliedern und der Repräsentanten-Versammlung mit neun bis 21 Mitgliedern— geleitet werden. Die Mitglieder des Vorstandes waren von der RepräsentantenVersammlung zu berufen, deren Mitglieder wiederum von den Gemeindemitgliedern zu wählen waren. Das Gesetz legte allerdings nicht fest, in welcher Form diese Wahlen stattzufinden hätten. Diese Entscheidung wurde vielmehr den Gemeinden selbst überlassen. Die große Mehrheit der Gemeinden übernahm die in Preußen während jener Zeit übliche Wahlform der Kurienwahl, nach der die Gemeindemitglieder aufgrund ihres Besitzes in drei Kurien eingeteilt wurden, von denen jede einzelne eine gleichgroße Zahl von Repräsentanten in die Versammlung wählte. In den meisten Gemeinden kam auch die allgemein akzeptierte Regel zur Anwendung, nach der nur die Mitglieder der Gemeinde zur Wahl berechtigt waren, die ihre Gemeindesteuern zahlten, so daß die wegen ihrer schlechten finanziellen Lage von den Gemeindesteuern befreiten Armen der Gemeinde kein Wahlrecht erhielten. 4 Hans Rosenberg, Große Depression und Bismarckzeit, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa, Berlin 1967, S. 120 f. 5 Der Wortlaut des Gesetzes findet sich bei /smar Elbogen, Die Emanzipation der Juden in Preußen, Berlin 1912, Bd. Il, S. 501-520; die relevanten Paragraphen 88 38-43 auf S. 511. »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« 95 Die jüdischen Gemeinden und Organisationen wurden von»Notabeln« geleitet®, bei denen es sich um die jüdische Parallele zu den»Honoratioren« handelte, die an der Spitze des politischen Systems im übrigen Deutschland standen: angesehene Persönlichkeiten, die über Vermögen und genügend freie Zeit verfügten, um sich öffentlichen Aktivitäten zu widmen, die keine finanziellen Aufwandsentschädigungen abwarfen.’ Diese Personen hatten in vielen gesellschaftlichen Bereichen führende Positionen inne; die Politik war also nur ein Teil ihrer Macht neben vielen anderen. Ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Position war Ursache, nicht Ergebnis ihrer politischen Führungsrolle. Sie lebten, so die berühmte Definition Max Webers,»für die Politik«, nicht»von der Politik«.* Wichtige politische Entscheidungen wurden in diesem System nicht durch öffentliche Parteidiskussionen vorbereitet, sondern auf Zusammenkünften der Honoratioren, in Gesprächen im Klub oder am regelmäßigen Stammtisch informell ausgehandelt.” Die Mitglieder der leitenden Parteiinstitutionen wurden nicht von der Öffentlichkeit gewählt, sondern mittels nicht formaler Prozesse durch Mitglieder der Eliten ernannt.'* Diese Verhältnisse hatten auch noch lange Bestand, nachdem im Reich 1871 das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer eingeführt worden war.'!! Eine notwendige Bedingung für das System der»Honoratiorenpolitik« war die Anerkennung der Führungsrolle dieser Honoratioren durch die breite Öffentlichkeit. Vor 1871 repräsentierte die politische Führung in den meisten Fällen nicht die allgemeine Bevölkerung, sondern nur die intellektuellen und wirtschaftlichen Elitegruppen. Diese waren der Überzeugung zu wissen, was für die Allgemeinheit am besten sei, Diese Elite verstand sich daher als Treuhänder und Patron einer ungebildeten Öffentlichkeit.‘ Sie besaß ein politisches Monopol, das bis 1871 mittels der Einschränkungen des Wahlrechts garantiert und auch danach noch durch das geringe politische Bewußtsein in der Allgemeinbevölkerung gestützt wurde. Die Bevölkerung begegnete den geselischaftlich-politischen Führungspersönlichkeiten mit Respekt und Ehrerbietung, wie es in traditionellen Gesellschaften üblich ist.'? In der deutschen Politik, in der die Parteien mit verschiedeEx Marjorie Lamberti, The Attempt to Form a Jewish Bloc: Jewish Notables and Politics in Wilhelmine Germany, in: CEH 3, 1970, S. 89-91. Vgl. zur traditionellen jüdischen Gemeindeleitung Salc W. Baron, The Jewish Community, Philadelphia 1942, Bd. II, Kap. XI, insb. S. 32-66. 7 Der Ausdruck selbst wurde von Max Weber geprägt. Vgl. die Definition in Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1976, 3. 170 ff. 8 Max Weber, Politik als Beruf, Berlin 1958, S. 15 ff. Vgl. auch die Analyse in James J/. Sheehan, Politische Führung im Deutschen Reichstag 1871-1918, in: Gerhard A, Ritter(Hrsg.}, Deutsche Parteien vor 1918, Köln 1973, S. 81 f. 9 Vgl. Weber, Wirtschaft, S. 841 f.; zur lokalen Führung der Nationalliberalen mit verschiedenen Lokalbeispielen vgl. Geoff Eley, Reshaping the German Right, New Haven 1980, S. 20 f., S. 30-33; zu den Führungspersönlichkeiten der Nationalliberalen in Hessen vgl. Dan White, The Splintered Party. National Liberalism in Hessen and the Reich, Cambridge/Mass. 1976, S. 41-45; zur Bedeutung der clitären Vereine als Faktor politischer Beeinflussung im Rheinland vgl. Friedrich Zunkel, Die westdeutschen Bürgergesellschafien zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, in: Jürgen Heidekind u. a.(Hrsg.), Wege in die Zeitgeschichte, Berlin 1983, 8. 33-35. 10 Vgl. Eley, 8. 33. 11 Die wichtigste Quelle zu Struktur und Wesen des Parteiensystems ist die klassische Arbeit von Thomas Nipperdey, Die Organisation der deutschen Parteien vor 1918, Düsseldorf 1961; vgl. auch ders., Die Organisation der bürgerlichen Parteien in Deutschland, in: Ritter, S. 100-119; ders. Deutsche Geschichte 1866-1918. Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie, München 1992, S. 515-516. 12 Jumes Sheehan, German Liberalism in the Nineteenth Century, London 1982, S. 26 f., S. 47 f. u. passim. 13 Sheehan, Politische Führung, S. 82; vgl. die Quellen zur»deference community« als einer auf Ehre und Respekt beruhenden Gesellschaft: ebd., 5. 94, Anm. 7. 96 Jakob Borut nen sozialmoralischen Milieus innerhalb der Bevölkerung in Verbindung standen, wurde diese Ehrerbietung durch sektorale Loyalitätsgefühle gestärkt.!* Die jüdischen Notabeln identifizierten sich in hohem Maße mit dem polititschen Liberalismus, insbesondere mit dessen radikalem Flügel, den Freisinnigen. Teilweise waren sie auch in deutschen Parteien politisch aktiv, im wesentlichen wiederum in den liberalen Parteien. Zunächst handelte es sich mehrheitlich um Kaufleute und Bankiers, doch mit der zunehmenden Zahl der Akademiker in der jüdischen Bevölkerung schlossen sich allmählich auch Rechtsanwälte und Ärzte den politisch aktiven Führungsgruppen an,'> Wie die deutschen Honoratioren verstanden sich die jüdischen Notabeln im Vorstand der Gemeinden und der jüdischen Organisationen nicht als populäre politische Führungsgestalten. Entscheidungen wurden auch hier nicht in öffentlichen Diskussionen getroffen, sondern bei Zusammenkünften der Notabeln unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Die Sitzungen der jeweiligen Vorstandsinstitutionen blieben der Öffentlichkeit verschlossen.'* Neue Führungspersönlichkeiten machten ihren Weg nicht dank der Unterstützung Wählerschaft, sondern wurden durch die Honoratioren selbst über persönliche Bekanntschaften und Beziehungen mobilisiert und kooptiert. Die jüdische Öffentlichkeit teilte mehrheitlich die Anschauung, die politische Macht müsse in den Händen weniger, zur Führung begabter Persönlichkeiten liegen; das einfache Volk habe sich nicht in diese Angelegenheiten einzumischen. Man akzeptierte die Führung der Notabelin und versuchte auch nicht, daran zu partizipieren. Das einzige Thema, bei dem Teile der jüdischen Öffentlichkeit diese Machtposition herausforderten, war die prinzipielle Frage des orthodoxen Widerstandes gegen von der liberalen Führung initiierte Veränderungen im religiösen Gemeindeleben. In den 1860er und 1870er Jahren kam es hier in verschiedenen Gemeinden, insbesondere in Frankfurt, zu schweren Konfrontationen!”, die mit dem Austritt eines Teils der Orthodoxen aus der Gemeinde und der Gründung selbständiger orthodoxer Gemeinden sowie durch Regelungen zwischen der Gemeindeführung und den innerhalb der Gemeinde verbliebenen Orthodoxen be14 Grundlegend dazu: M. Rainer Lepsius, Parteisystem und Sozialstruktur: Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Ritrer, S. 56-80. Ähnliche Schlußfolgerungen finden sich bei Stanley Suval, Electoral Politics in Wilhelmine Germany, Chapell Hill 1985, S. 6 f. Zur Entwicklung der Forschung über den Milieubegriff vgl. Olaf Blaschke/Frank-Michael Kuhlemann, Religion in Geschichte und Gesellschaft. Sozialhistorische Perspektiven für die vergleichende Erforschung religiöser Mentalitäten und Milieus, in: dies., Religion im Kaiserreich. Milieus- Mentalitäten- Krisen, Gütersloh 1996, 5. 22 ff, 15 Eine diesbezügliche Untersuchung ist ebenso dringend erforderlich wie eine allgemeine Untersuchung zur jüdischen Führungsschicht in Deutschland. Die einzige mir bekannte Forschungsarbeit, die berufliche ebenso wie andere persönliche Merkmale dieser Führungsschicht erläutert, ist Jacob Toury, Zur Problematik der jüdischen Führungsschichten im deutschsprachigen Raum 1880-1933, in: Tel Aviver Jahrbuch(ür Deutsche Geschichte 16, 1987, S. 251-281. Diese Arbeit untersucht jedoch nicht die Entwicklungen, die diese Merkmale über längere Zeiträume durchlaufen haben. Angaben zu den Führungsschichten der vier großen Gemeinden- Berlin, Breslau, Hamburg und Frankfurt finden sich in Jakob Borut,>»A new Spirit among our Brethren in Ashkenast, German Jews beiween Antisemitism and Modernity at the late 19. Century(hebr.), Jerusalem(im Druck). 16 Vgl. Marjorie Lamberti, Jewish Acitivism in Imperial Germany, New Haven 1978, S. 2 f. 17 Zu Frankfurt vgl. Pau! Arnsberg, Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution, Darmstadi 1983, Bd. E, S. 457-523, S. 561-594, S. 843-891; Robert Liberles, Religious Conflict in Social Context. The Resurgence of Orthodox Judaism in Frankfurt am Main, 1838 1877, Westport 1985; Matthias Morgenstern, Von Frankfurt nach Jerusalem. Isaac Breuer und die Geschichte des»Austrittsstreits« in der deutsch-jüdischen Orthodoxie, Tübingen 1995, 8. 119-135. Zu Hamburg vgl. Heiga Krohn, Juden in Hamburg. Die politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen einer jüdischen Großstadtgemeinde nach der Emanzipation 1848-1918, Hamburg 1974, S. 52-56, S. 60-64; Moshe Zimmermann, Hamburger Patriotismus und deutscher Nationalismus. Die Emanzipation der Juden in Hamburg 1830-1865, Hamburg 1979, S. 126. 129. »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« 97 endet wurden, Im Laufe der 1880er Jahre kam es schließlich zu einer Beruhigung der religiösen Auseinandersetzungen innerhalb der Gemeinden.!® Auch wenn an einigen Orten der etablierten Führung nun eine Opposition gegenüberstand, so war diese jedoch zu schwach, um eine wirkliche Bedrohung der traditionellen Kräfte darzustellen. So waren die Wahlen zu den Vorstandsinstitutionen der jüdischen Gemeinden bis Ende der 1880er Jahre ruhige Ereignisse ohne besondere Vorfälle. Wenige Prozent der Gemeindemitglieder wählten eine vereinbarte Liste der Notabeln. Ein zeitgenössischer Bericht schildert diese Verhältnisse mit den Worten:»gewöhnlich gehen diese[Wahlen — J. B.] mit verhältnismäßig geringer Beteiligung vor sich und[es] werden in der Regel die ausscheidenden Mitglieder wiedergewählt«.'? 1883 etwa beteiligten sich 27 Prozent der wahlberechtigten Mitglieder in Berlin an Gemeindewahlen, 1886 waren es 26 Prozent.” In einigen Fällen wurden zwei Listen aufgestellt— eine liberale und eine konservativ-orthodoxe—, wobei es jedoch nicht zu einem öffentlichen Kampf um Wählerstimmen kam. Im Gegenteil- meistens erfolgte bereits vor den Wahlen eine Übereinkunft über die Machtverteilung. Den Wählern wurde dann eine Einheitsliste vorgelegt. Spannungen und öffentliche Debatten waren unbekannt. Die jüdischen Zeitungen in Berlin, die»Allgemeine Zeitung des Judentums« und die»Jüdische Presse«, berichteten so gut wie nie über öffentliche Aktivitäten vor Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Gemeinde, Darüber hinaus wurden im allgemeinen selbst die Wahlergebnisse nicht in der Presse mitgeteilt. H. DER ÜBERGANG ZUR MODERNEN MASSENPOLITIK Zwischen 1850 und 1914 durchlief Deutschland einen massiven Industrialisierungsprozeß mit weitreichenden gesellschaftlichen Konsequenzen und sozialen Folgen. Das Anwachsen der Binnenwanderung, die dramatisch fortschreitende Urbanisierung, eine Ausweitung des Erziehungswesens gehören ebenso zu diesen Begleiterscheinungen und Folgen der Industrialisierung wie die rasche Entwicklung der verkehrs- und kommunikatiOonstechnischen Möglichkeiten und vieles andere mehr.?! Diese wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen führten dazu, daß Schichten, die in der Vergangenheit fern jeglicher Politik standen und die politische Führung den Honoratioren überlassen hatten, nun begannen, ein politisches Interesse zu zeigen. Begünstigt wurde diese Entwicklung insbesondere durch den Ausbau des Erziehungswesens”, den Anstieg des Bildungsni18 N Kurt Wilhelm, The Jewish Community in the Post-Emancipation Period, in: LBIYB 2, 1957, 70. 19 Allemeine Zeitung des Judentums(AZJ), Ausgabe vom 16. 11. 1886, S. 743. Der Bericht schildert die Situation in Berlin, wo es allerdings bereits seit einigen Jahren eine Opposition gegenüber der Führungsgruppe gab. Dazu weitere Einzelheiten im Verlauf der vorliegenden Darstellung. 20 AZIJ, Ausgabe vom 18. 12. 1883, S. 826; Jüdische Presse(JP). Ausgabe vom 16. 12. 1886, S. 488. 21 Detaillierte Zusammenfassungen der Entwicklungen in verschiedenen Bereichen finden sich in: Wolfgang Zorn(Hrsg.), Handbuch der deutschen Wirtschafts- und Soziaigeschichte, Bd. 2, Stuttgart 1976, Allgemeindarstellung der Entwicklung mit detaillierten Quellenangaben: Thomas Nip‚perdey, Deutsche Geschichte 1866-1918. Bd. 1: Arbeitswell und Bürgergeist, München 1990, S. 226-290. Zum gegenwärtigen Forschungsstand vgl. etwa Wolfgang J. Mommsen, Wirtschaft, Gesellschaft und Staat im deutschen Kaiserreich 1870-1918, in: ders., Der autoritäre Nationalstaat. Verfassung, Gesellschaft und Kultur im deutschen Kaiserreich, Frankfurt/Main 1990, S. 234-256. Peter Lundgreen, Bildung und Wirtschaftswachstum im Industrialisierungsprozeß des 19. Jahrhunderts, Berlin 1973; Hans-Georg Herrlitz/Wulf Hopf/Hartmut Titze, Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart, Königstein/Ts, 1981, S. 88-91; Christa Berg u. a.(Hrsg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. 4: 1870-1914, Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg, München 1991, S. 192 f. 27 S 9% Jakob Borut veaus breiter Bevölkerungsschichten und die Ausbildung von Leseinteressen auch innerhalb der unteren Schichten? sowie das Aufblühen des Zeitungswesens.?** Das Anwachsen des frei zur Verfügung stehenden Einkommens und die Vermehrung der Freizeit trugen das ihre zur Entstehung einer neuen politischen Öffentlichkeit bei. Die Ausgaben eines durchschnittlichen Familienhaushaltes für»Bildung und Erholung«— so gering dieser Anteil an den Gesamtausgaben einer Familie auch gewesen sein mag— wuchs kontinwiertich. Mitte des 19, Jahrhunderts betrugen die Ausgaben für»Bildung und Erholung« nur ein halbes Prozent der durchschnittlichen Ausgaben einer Familie. Gegen Ende des Jahrhunderts hatte sich dieser Prozentsatz immerhin verdoppelt. Die Ausgaben pro Person in diesem Sektor erhöhten sich um das Achtfache.? Die genannten gesellschaftlichen Entwicklungen führten direkt zu einer zunehmenden Partizipation der breiten Öffentlichkeit an politischen Prozessen, die bis dahin allein in den Händen der obersten Schichten, zumal des Bildungs- und Besitzbürgertums gelegen hatten. Durch das Zeitungsweser und die populäre politische Literatur(Broschüren, Schriften und Flugblätter) wurde die Öffentlichkeit über Ereignisse und Abläufe im politischen Leben informiert. Die Bevölkerung zeigte zunehmend Interesse und Anteilnahme an politischen Ereignissen. Man darf davon ausgehen, daß sich so in Deutschland eine breite Öffentlichkeit mit»political awareness« herausbildete. Dieser Begriff beschreibt die ständige Aufmerksamkeit für und das Verständnis von Politik sowie die Bereitschaft, diese Aufmerksamkeit auch in politische Wahlentscheidungen zu übertragen.” Die Einflüsse auf das politische System waren erheblich,?” Die prozentuale Wahlbeteiligung bei den Reichstagswahlen stieg von 52 Prozent im Jahre 1871 auf über 84 Prozent bei den Wahlen im Jahre 1907 und 1912. Auch der steile Anstieg der Zahlen der aufgestellten Wahlkandidaten?” und der Stichwahlen in ver23 Rudolf Schenda, Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910, München 1977; Rolf Engelsing, Zur Sozialgeschichte deutscher Mittel- und Unterschichten, Göt1ingen 1973. Ein Beleg für dieses Phänomen war auch die zunehmende Zahl der öffentlichen Bibliotheken; vgl. die numerischen Angaben bei: Johannes Langfeldt(Hrsg.), Zur Geschichte des Büchereiwesens, in: ders, Handbuch des Büchereiwesens, Wiesbaden 1973, S, 620; Schenda, S. 219. 24 Joachim Kirchner, Das deutsche Zeitschriftenwesen, Seine Geschichte und seine Probleme, Wiesbaden 1962, Bd. 2; Rolf Engelsing, Massenpublikum und Journalistentum im 19. Jahrhundert in Nordwestdeutschland, Berlin 1966, Walter Hoffmann, Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Heidelberg 1965, S. 134. Vgl. die Analyse der privaten Gesamtausgaben: ebd., S. 114-139. 26 Vgl. zu diesem Begriff John Zuller, Political Awareness, Elite Opinion Leadership, and the Mass Survey Response, in: Social! Cognition 8, 1990, S. 125 f, Die folgende Darstellung beruht auf Hans-Ulrich Wehler, Zur Funktion und Struktur der nationalen Kampfverbände im Kaiserreich, in: Werner Conze/Gottfried Schramm/Klaus Zernack (Hrsg.), Modernisierung und nationale Gesellschaft im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert, Berlin 1979, S. 113-124; Eley; David Blackhourn, Class, Religion and Local Politics in Wilhelmine Germany. The Center Party in Wuerttemberg, New Haven 1980, insb. S. 8-18; ders., The Politics of Demagogy in Imperial Germany, in: Past and Present Bd. 113(1986), S. 152-184; Margaret L. Anderson, Voter, Junker, Landrat, Priest: The Old Authorities and the New Franchise in Imperial Germany, in: AHR 98, 1993, S. 1448-1475. Vgl. auch die Aufsätze in dem Sammelband: Richard J. Evans(Hrsg), Society and Politics in Wilhelmine Germany, New York etc, 1978, sowie die hervorragenden Arbeiten im ersten Teil des Bandes von Ritter, Vgl. ferner die Zusammenfassung bei Nipperdey, Deutsche Geschichte, Bd. 2, S. 471-595. 28 Werner Conze, Sozialgeschichte 1850-1918, in: Zorn, S. 650. Detaillierter zum gesamten Problemzusammenhang: Sural, S. 3-36, 29 1871 wurden durchschnittlich 2,43 Kandidaten in jedem Wahlbezirk aufgestellt: 1881 waren es 3,08, im Jahre 1893 dann sogar 4,15. Vgl. Hans Fenske, Wahlrecht und Parteiensystem, Ein Beitrag zur deutschen Parteiengeschichte, Frankfurt/Main 1972, S. 109 f. 2: 7 »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« 99 schiedenen Wahlbezirken?® macht das wachsende politische Bewußtsein der Bevölkerung und die Verschärfung der politischen Auseinandersetzungen deutlich. Das traditionelle System der»Honoratiorenpolitik« wurde im Zuge dieser Entwicklungen schwer erschüttert. Die Wähler waren fortan nicht mehr bereit, gehorsam für einen von den Führungsschichten ausgewählten Kandidaten zu votieren. In der Vergangenheit waren die Kandidaten von einem»Wahlcomite« festgelegt worden, das sich aus den Lokalhonoratioren zusammensetzte. Viele der Kandidaten waren erst wenige Wochen vor den Wahlen in »ihren« Wahlkreis gereist und dort im wesentlichen nur mit den kleinen Gruppen der einflußreichen Persönlichkeiten zusammengetroffen. Noch 1887 traf der Reichstagsabgeordnete des hessischen Wahlbezirks Marburg erst drei Wochen vor dem Urnengang in der Region ein, wo er nur geschlossene Treffen mit den wichtigen Kaufleuten, Lehrern und Angehörigen der freien Berufe durchführte. Doch die Zeiten und mit ihnen die Spielregeln hatten sich geändert. Ein unbekannter Kandidat, der Antisemit Otto Boeckel, war mehrere Monate jang in dem Wahlbezirk aktiv gewesen, war von Dorf zu Dorf gefahren und hatte Wahlversammlungen und-umzüge abgehalten. Dank der so gewonnenen Stimmen der Bauern konnte er bei der Wahl einen unerwarteten Sieg erringen.?' Generell bezeichnen die 1890er Jahre nach Ansicht vieler Historiker den entscheidenden Durchbruch hin zur Beteiligung der Massen an der Politik,” Die Öffentlichkeit, die gebildeter und aufmerksamer die Ereignisse in Staat und Gesellschaft verfolgte, zeigte auch ein stärkeres Bewußtsein für ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen— insbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht— und glaubte, deren Förderung durch ihre gewählten Repräsentanten erwarten zu dürfen. Unter diesen Bedingungen waren die Parteien gezwungen, in den Wahlkreisen Kandidaten aufzustellen, von denen man annahm, daß sie die Interessen der Wähler vertraten. Das traf auch auf Wahlbezirke zu, die allgemein als »Stammsitze« einer Partei galten.‘ Infolgedessen gab es im Verlauf der 1890er Jahre in den nicht-sozialistischen Parteien Widerstand und teilweise offenen Aufstand gegen die Honoratioren und ihre parteipolitische Herrschaft.“ Verschiedene Parteien führten wesentliche Strukturveränderungen durch(zunächst auf lokaler, später auch auf nationaler Ebene), die die Kontrolle des Parteiapparates durch die Honoratioren aufhoben und auch weiteren Kreisen die Möglichkeit einräumten, sich an der Parteiarbeit zu beteiligen und sie zu beeinflussen,*® Darüber hinaus wandten sich die Politiker verstärkt der 30 1871(anden 43 Stichwahlen statt; 1881: 103; 1893: 178; vgl. Fenske,$. 116. Vgl. allgemein auch Gerhard A. Ritter/Merith Nichuss(Hrsg.), Wahlgeschichtliches Arbeitsbuch. Materialien zur Statistik des Kaiserreichs 1871-1918, München 1980. Zur Wahlkampfarbeit Boeckels vgl. Peter Pulzer, The Rise of Political Antisemitism in Germany and Austria, New York 1964, S, 108 ff.; Richard Levy, The Downfall of the Anti-Semitic Political Parties in Imperial Germany, New Haven 1975, 5. 55 f.; Eley, S. 23; David Peal, Anti-Semitism and Rural Transformation in Kurbessen. The Rise and Fall of the Boeckel Movement, phil. Diss. Columbia University 1985, S. 160 ff., S. 232 f. 32 Vel. Geoff Eley, Notable Politics, the Crisis of German Liberalism and the Electoral Transition of the 1890s, in: Konrad H. Jarausch/Larry Eugene Johnes(Hrsg.), In Search of Liberal Germany. Studies in the History of German Liberalism from 1789 to the Present, New York 1990, S. 187 216; Blackbourn, S. 13; Dieter Langewiesche, Liberalismus in Deutschland, Frankfurt/Main 1988, S. 146. Ein regionales Beispiel bringt Donald Schilling, Politics in a New Key: The Late Nineteenth-Century Transformation of Politics in Northern Bavaria, in: German Studies Review 17, 1994, S. 33-57. 33 Ein ausgezeichnetes Beispiel stellt die sogenannten»Affäre Fußangel« dar. Vgl. dazu Julius Bachem, Olpe-Meschede-Arnsberg, in: Historische Blätter für das katholische Deutschland 111, 1893, S. 564-568. Wichtige Informationen finden sich auch in dem Artikel P. M. /P. Majunke?}, Der Zerfall der Alten Parteien, in: ebd., S. 630-640. Vgl. die allgemeine Übersicht zu der Affäre bei John Zeender, The German Center Party, 1890-1906, Philadelphia 1976, S. 31 f. 34 Nipperdey, Deutsche Geschichte, Bd. 2, S, 518. 35 Ebd., S. 517-554; Nipperdey, Organisation. 3 100 Jakob Borut Massenpropaganda zu. Die ersten, die zu diesem Mittel griffen, waren die jüngsten Parteien auf dem»politischen Marki«: die Sozialdemokratie, die katholische Zentrumspartei und nach ihnen die antisemitischen Parteien, Ihre Erfolge becinfiußten auch die anderen Parteien. Große Wahlversammlungen wurden durchgeführt, die infolge der wirksamen Werbung massenhaft Teilnehmer anzogen. Flugblätter und Schriften in populärem Stil wurden in großen Mengen auf dem Postwege, durch Handverteilung oder sogar von Haus zu Haus vertrieben. Die Bereitschaft der traditionellen Führungsgruppen, sich auf diese Veränderungen einzulassen und den populären, nicht elitären politischen Stil zu übernehmen, war von Partei zu Partei unterschiedlich. Das Zentrum konnte relativ schnell eine junge Generation von politischen Führungskräften hervorbringen.” Die liberalen Parteien gewöhnten sich dagegen nur langsam an die politischen Veränderungen. In ihren Schriften und Zeitschriften wurden die Massen ebenso verspottet wie die Politiker, die diese Massen mobilisierten. Ein Beispiel in diesem Zusammenhang ist Paul Nathan, einer der bedeutenden Politiker der progressiven Partei und Redakteur des wichtigen Wochenblattes»Die Nation«, der auch zu den führenden Persönlichkeiten der jüdischen Öffentlichkeit gehörte. Als Redakteur publizierte Nathan regelmäßig eine»Politische Wochenübersicht«, in der er seiner Abneigung gegen die Massenpolitik klaren Ausdruck gab. Er widersetzte sich prinzipiel! jeglicher»organisierten Interessenvertretung« und wurde nicht müde, die Berufung des Liberalismus zu betonen, die Bedeutung des»Staatsgedanken« gegen den»Interessenegoismus« von»engerern Koterien« und»Cliquen« zu verteidigen, Darüber hinaus artikulierte Nathan in seinen Artikeln seinen prinzipiellen Widerstand gegen»Demagogen« und»Agitation« in der Politik sowie gegen jeglichen Einsatz eines»agitatorischen Elements, welches auf die Massen wirkt«.%® Eine Massenversammlung»vieler Tausender« Katholiken in Köln wurde von ihm z. B. spöttisch als»Heerschau« bezeichnet.*! TIT. DAS VORDRINGEN DER MASSENPOLITIK IN DEN JÜDISCHEN GEMEINDEN Auch das deutsche Judentum durchlief— schneller noch als andere Sektoren der Gesellschaft- die beschriebenen wirtschaftlichen und geselischaftlichen Veränderungsprozesse.? Und auch die daraus resultierenden politischen Wandlungen gingen an der deutschen Judenheit aufgrund ihrer engen Verbundenheit mit der deutschen Gesellschaft nicht vorüber. Die deutschen Juden näherten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend dem Mittelstand an und entwickelten noch vor der Jahrhundert36 Zu den internen Auseinandersetzungen in der konservativen Partei vgl. James L. Retallack, Notables of the Right. The Conservative Party and Political Mobilization in Germany, 1876-1918, Boston 1988, 5. 77-127. 37 Vgl. Blackbourn, S. 58 ff., S. 94; ders., The Problem of Democratisation: German Catholics and the Role of the Center Party, in: Evans, S. 164, 8. 171 ff, 38 Theodor Schieder, Das Verhältnis von politischer und gesellschaftlicher Verfassung und die Krise der bürgerlichen Parteien, in: HZ Bd. 177(1954), S. 49- 74, insb. S. 66-71; Ernst Portner, Der Ansatz zur demokratischen Massenpartei im deutschen Liberalismus, in: VIZ 13, 1965, S. 150-161, insb. S. 150 ff.; Sheehan, S. 271 ff. Eley, Reshaping, S. 19-40. 39 Die Nation, Ausgabe vom 24. 6. 1893, S. 583; ebd., Ausgabe vom 15. 7, 1893, S. 627; ebd., Ausgabe von 20. 12. 1893, S. 189. 40 Ebd., Ausgabe vom 17. 3. 1894, S. 357; vgl. auch Ausgabe vom 10. 2. 1894, S. 280. 41 Ebd., Ausgabe vom 1.9. 1894, S. 705. 42 Eine Übersicht über Forschungsarbeiten zu diesem Thema bietet Trude Maurer, Die Entwicklung der jüdischen Minderheit in Deutschland, Tübingen 1992, S. 60-69, S. 85-100, »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« 101 wende ein ausgesprochen reges politisches Bewußtsein.“ Gerade der Aufstieg der Massenpolitik drang deutlich in das jüdische Bewußtsein vor, war es doch die antisemitische Bewegung, die vielerorts als erste politische Richtung zu den Mitteln dieses politischen Stils griff und— zumal bei den Reichstagswahlen von 1893— entsprechende Erfolge erzielte. In der jüdischen Presse erschienen vor und nach diesem Wahlgang zahlreiche Beiträge, die vor einem Anwachsen des Antisemitimus warnten. Viele Kommentatoren machten dabei die Mobilisierung der Massen und den Einsatz von effektiven Methoden der Massenpropaganda für den Aufschwung der antisemitischen Bewegung verantwortlich. Sie riefen daher die jüdische Öffentlichkeit auf, sich mit den gleichen Mitteln zu wehren. Tatsächlich entwickelte sich Anfang der 1890er Jahre das Phänomen des jüdischen Abwehrkampfes gegen den Antisemitismus mittels Methoden, die aufs engste mit der neuen Massenpolitik verknüpft waren: Verteilung von Flugblättern und Broschüren, Organisierung von Versammlungen, Teilnahme von Juden an antisemitischen Veranstaltungen mit dem Ziel, den antisemitischen Reden Erwiderungen entgegenzusetzen.“ Diese Entwicklung konnte nicht ohne Folgen für die Auseinandersetzungen auch innerhalb der jüdischen Gemeinden bleiben. Oppositionelle Kräfte griffen denn auch rasch zu den neuen politischen Mitteln, um gegen die traditionelle Gemeindeführung vorzugehen. Der Ort, an dem diese Prozesse besonders deutlich zutage traten, war die Metropole des deutschen Judentums— Berlin. Nach Meinung vieler deutscher Juden ging die Berliner Gemeinde und deren Führung in ihrem Liberalismus auf religiösem Bereich und in ihrem Trachten nach Assimilation zu weit.“ Es bildete sich auch in Berlin innerhalb der Gemeinde eine als»traditionell« zu bezeichnende Opposition gegenüber der liberalen Gemeindeleitung, Doch im Laufe der 1870er Jahre und nahezu während der gesamten 1880er Jahre war ihre Machtposition gering. Alle Versuche(auch mit Hilfe gemäßigter liberaler Kreise), eine Organisation zu bilden, die sich bei Wahlen gegen die Gemeindeleitung stellen konnte, blieben erfolglos.® Diese Opposition stützte sich wohl in hohem Maße auf Zuwanderer aus den Provinzen, deren Zahl im Laufe der Zeit mit der starken Migration zunahm.*7 Vor den Wahlen zur Repräsentanten-Versammlung der Gemeinde im Jahre 1889 ergab sich erstmals eine neue politische Situation: Im Anschluß an Zusammenkünfte in verschiedenen Teilen der Stadt wurden von Anhängern der Opposition zunächst Ausschüsse gegründet, die mit der Forderung an die Gemeindeleitung herantraten, sofort den großen Mangel an Synagogen und an Möglichkeiten zur religiösen Erziehung der Kinder zu beheben. Diese Ausschüsse schlossen ihre Kräfte Ende 1888 im»Ausschuß der 75« zusammen.%® Anfang 1889 beschloß dieser Ausschuß die Gründung einer Kör43 Vgl. vor allem Michael Graetz, Judentum und Moderne, in: Karl Grörzinger(Hrsg.), Judentum im deutschen Sprachraum, Frankfurt/Main 1991, S. 259-279. 44 Vgl. zu diesem Thema: Jakob Borut, The Rise of Jewish Defence Agitation in Germany. 1890-1895: A Pre-History of the C.V.?, in: LBIYB 36, 1991, S. 59-96. 45 Jakoh Borut, The»Provinve« vs, Berlin? The Relations between Berlin and the other Communities as a Factor in German Jewish Organisational History at the End of the 19th Century, in: LBEYB 43, 1998(in Vorbereitung). Die Hauptquelle, der Informationen über diese Versuche zu entnehmen sind, ist die»Jüdische Presse«(JP), eine orthodoxe Zeitung, die selbstverständlich auf Seiten der Opposition stand. Vgl. z. B. JP, Ausgabe vom 22. 11. 1883, S. 575; ebd., Ausgabe vom 2. 12. 1883, S. 597 ff. Die AZJ, das Organ der Liberalen, erwähnt derartige Versuche nur indirekt. Vgl. z. B. AZJ, Ausgabe vom 4.12. 1883, S. 793; ebd., Ausgabe vom 18. 12. 1883, S. 826; ebd., Ausgabe vom 16. 11. 1886, 8.743. Gabriel Alexander, Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Berlin zwischen 1871 und 1945, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 20, 1991, S. 301-305. JP, Ausgabe vom 4. 4. 1889, S. 145-146, Eine andere Quelle für die Anfänge dieses Unterfangens ist die hebräische Zeitschrift»HaZefira«(Warschau), Ausgabe vom 6[18]. 6. 1895, S. 564-565; 4 Ex En Ss 4i & 102 Jakob Borut perschaft, die sich bei den Gemeindewahlen aufstellen lassen sollte. Sie erhielt den Namen»Centralverein zur Vorbereitung der jüdischen Gemeindewahlen«(CVGW). In der 1889 gewählten Repräsentanten-Versammlung saßen acht Vertreter des CVGW- ein bedeutender Erfolg, der die Entstehung einer starken Opposition gegenüber der Gemeindeleitung versprach.“ Der entscheidende Punkt dieser Entwicklung bestand darin, daß der CVGW eine Opposition darstellte, die von unten aus der Gemeinde erwachsen war. Auch forderte sie die Gemeindeleitung mit öffentlichen Aktionen, in erster Linie durch Versammlungen, heraus. Die gesellschaftliche Basis dieser neuen politischen Kraft beruhte auf der ständig zunehmenden Zahl der Personen, die aus kleineren deutschen Gemeinden in die Stadt gezogen oder aus Ost-Europa nach Berlin gekommen waren. Diese Zuzügler waren, nach Meinung einer zeitgenössischen Quelle,»neue Männer, die nicht dem ailteingesessenen Berliner Adel angehörten«, wobei die Quelle anmerkt, daß eine derartige Initiative zur Herausforderung der Gemeindeleitung noch wenige Jahre vor 1888/89»ganz undenkbar« gewesen wäre.” Das Programm des CVGW enthielt Forderungen, die man als Demokratisierungsbestrebungen innerhalb der Gemeinde definieren könnte: Durchführung von geheimen Wahlen, Einführung von regionalen Wahlen, bedeutende Vermehrung der Zahl der Wahllokate und Aufstellung von Jahresberichten über die Tätigkeit der Gemeindeleitung. Die prinzipiellen Forderungen des CVGW erstreckten sich auf die Verbesserung der religiösen Dienstleistungen, insbesondere auf den Bau von Synagogen, und auf die Intensivierung der jüdischen Kindererziehung- Bereiche, in denen die Gemeindeleitung wegen Untätigkeit heftig kritisiert wurde. Wegen dieser Positionen wurden die Anhänger dieser Gruppierung als Orthodoxe bezeichnet, obwohl sie mehrheitlich keine religiösen Gebote beachteten(und daher spöttisch von ihren Gegnern auch »Schinkenorthodoxe« genannt wurden). Sie selbst zogen es vor, sich»Conservative« zu nennen. Auch nach den Wahlen von 1889 verstummte dieser Verein nicht. Er fuhr fort, auf seinen öffentlichen Versammlungen während der Amtszeit der gewählten Körperschaften die Institutionen der Gemeindeleitung anzugreifen und nach Behebung der MiBstände zu rufen, Am Vorabend der Wahlen im Dezember 1892 intensivierte sich die Propagandaarbeit. Bei den Wahlen selbst erzielte der Verein(er nannte sich seit 1891 »Centralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde- CVIG)} einen bedeutenden Erfolg: Fortan war die Zahl seiner Mandate nahezu ebenso hoch wie die der liberalen Fraktion. 2 Vor den nächsten Wahlen im Jahre 1895 veränderten sich auch die Aktivitäten der Liberalen in Berlin in erheblichem Maße, Angesichts der Erfolge der Opposition griff man verstärkt zu ähnlichen Aktionsformen. Am 3, Februar 1895, also fast ein Jahr vor den Ausgabe vom 7,[19]. 6. 1895, S. 569(die doppelten Daten beziehen sich auf die unterschiedliche Zeitrechnung nach dem Julianischen und Gregorianischen Kalender). Die einzige moderne Quelle, die diese Institution bisweilen erwähnt ist Ma’ayan, Berliner Gemeinde: vgl. auch cbd., S. 58 f., die kurze Übersicht über die Gründe der Errichtung dieser Gruppierung. Ma’ayan konzentriert sich nur auf den in seiner Überschrift genannten Zeitraum. Eine umfassende Forschungsarbeit über diese Gruppierung fehlt ebenso wie eine allgemeine Untersuchung des Phänomens der Herausforderung der etablierten jüdischen Gemeindeleitung»von unten«. 49 JP, Ausgabe vom 12. 4. 1889, 8. 161(Gründung); AZJ, Ausgabe vom 19. 12. 1889, S. 803(Wahlergebnisse). 50 Der Israelit, Ausgabe vom 19. 8. 1889, 8. 1129. 51 JP, Ausgabe vom 14. 11. 1889, S. 482; ähnliche grundsätzliche Forderungen wurden auf öffentlichen Versammlungen bereits erhoben, noch bevor es überhaupt zu einem Programmentwurf gekommen war; vgl. JP, Ausgabe vom 14. 6. 1889, S. 248. 52 AZJ, Ausgabe vom 16. 12. 1889, Gemeindebote[Anhang der AZJ], S. 1; Der Israelit, Ausgabe vom 19. 12. 1892, S. 1922. Zum Namenswechsel siehe JP, Ausgabe vom 9. 4. 1891, S. 179. »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« 103 Wahlen, wurde ein»Verein für die inneren Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde« gegründet, Dieser Verein sollte die liberale Fraktion der Repräsentanten-Versammlung unterstützen und errichtete Lokalausschüsse in verschiedenen Teilen der Stadt. Ende April gab diese Organisation ein Flugblatt heraus, das per Post an alle Wahlberechtigten der Berliner Gemeinde verschickt wurde. Am 6. Mai rief der Verein zu seiner ersten Öffentlichen Versammlung auf, die im Norden der Stadt durchgeführt wurde.” Fortan pflegte der Verein eine regelmäßige öffentliche Propagandaarbeit mittels Flugblättern und Versammlungen in verschiedenen Bezirken der Stadt. Die Führer der Organisation waren sich sehr wohl bewußi, daß der Schlüssel für einen Wahlerfolg in der von ihnen selbst so bezeichneten»Agitation« lag. Die Aufnahme dieses Begriffes ist für das Verständnis des Wandlungsprozesses der jüdisch-politischen Aktivität entscheidend, denn das Wort»Agitation« war für die Vertreter der alten politischen Führung, für die Honoratiorenkreise, stark negativ belastet. Der Begriff war während der Französischen Revolution geprägt worden, um die Arbeit der Revolutionssprecher zu bezeichnen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diente er zur Bezeichnung der verhaßten sozialistischen Propaganda. Erst gegen Ende des 19, Jahrhunderts verlor der Begriff der»Agitation« seinen negativen Charakter-- das Wort»Agitator« jedoch trug auch weiterhin eine negative Bedeutung.* Der Ruf nach»kräftiger Apgitation« wurde in der Berliner jüdischen Gemeinde nicht nur unter der Führung der neuen Organisation laut. Auch die Anhänger an der Basis riefen auf den öffentlichen Versammiungen nach»Agitation«— ein schlagender Beleg dafür, wie stark die Massenpolitik bereits in die breite liberale Öffentlichkeit vorgedrungen war. Der Beitrag für die Mitgliedschaft in dem liberalen Verein war auf eine Mark monatlich festgesetzt worden, eine bewußt niedrig bemessene Summe, die den Verein für alle sozialen Schichten offenhalten sollte. Die Propagandaarbeit selbst fand auf regionaler Basis statt, um m lichst viele Wähler zu erreichen- eine Methode, die jedoch erfolgreich auch von seinen Gegnern angewandt wurde. So entwickelte sich im Rahmen der Berliner Gemeinde ein eifriger öffentlicher Wahlkampf mit Mitteln der Massenpropaganda, der von der j schen Presse aufmerksam verfolgt wurde. Die Presse bezog in diesem Wahlkampf durchaus Position und brachte ihre Unterstützung für die verschiedenen Fraktionen zum Ausdruck. Ein Monat vor den Wahlen wurde berichtet:»die Wahlversammlungen wie die Flugblätter und Kandidatenlisten folgen einander auf dem Fuße«.5 ie jüdischen Wahlkampfaktivisten hatten viele Elemente von der Propagandaarbeit übernommen, die inzwischen in ganz Deutschland üblich war. Insbesondere die Mitglieder des CVJG verstanden es, ihre»Agitation« auch in den Versammlungen ihrer Gegner zu verbreiten. Sie pflegten liberale Versammlungen zu besuchen, um mit den liberalen Redner öffentlich zu diskutieren.” Oft griff man auch zu weiteren Mitteln. Die 53 AZJ, Ausgabe vom 8. 2. 1895, Gemeindebote, S. 1; ebd., Ausgabe vom 3. 5. 1895, S. 207 f.; ebd., Ausgabe vom 10. 5. 1895, Gemeindebote,$. 11. 54 Art.: Agitator, in: O. Ladendorf, Historisches Schlagwörterbuch, Straßburg 1906, S. 2. 55 Siche den Bericht über die Propagandaarbeit der Organisation in: AZJ, Ausgabe vom 14, 6. 1895, ‚Gemeindebote, S. 1. 56 Es ist hier leider kein Raum, detailliert auf die zahlreichen Berichte über Wahlversammlungen und Wahlkampfaktiviläten einzugehen. Angemerkt werden soll nur, daß die Berichte über die liberalen Aktivitäten in der AZJ gefunden werden können, die nun die Liberalen aktiv unterstützte(während sie 1892 noch eine neutrale Position bewahrt und die Liberalen nur»zwischen den Zeilen« unterstützt hatte). Die Berichte über die Arbeit der Konservativen erschienen in der JP und der neuen Zeitung»Jeschurun«, die 1892 in Tilsit gegründet worden und mit ihrem Redakteur, Rabbiner Adolph Levin, 1894 nach Berlin gezogen war.— Zitat aus: AZJ, Ausgabe vom 22. 11. 1895, S. 555. 57 Vgl. die zahlreichen Berichte in: Jeschurun. Die AZJ vermied es in vielen Fällen, aus»Platzgründen« über den Verlauf von Versammlungen zu berichten. 104 Jakob Borut Presse berichtete nicht direkt über derartige, innerhalb der Judenheit neue Sitten. Doch man kann entsprechende Vorfälle zwischen den Zeilen der Wahlversammlungsberichte erschließen. So erschienen die Mitglieder des CVJG vermutlich bisweilen in großer Zahl zu den Versammlungen der Gegner, um Entscheidungen zu beeinflußen.® Darüber hinaus dürften Mitglieder des CVJG auch den Verlauf der liberalen Versammlungen gestört haben.” In einigen wenigen Fällen erschienen liberale Sprecher allerdings auch auf den Versammlungen des CVJG,® In den Ende 1895 stattfindenden Wahlen errangen die Kandidaten des CVJG einen gewaltigen Erfolg— alle wurden gewählt, während die liberalen Konkurrenten keinen Sitz gewinnen konnten.‘ Die beschriebenen Ereignisse belegen, daß innerhalb der Berliner Judenheit eine Öffnung hin zur Massenpolitik, die stark mit den Mitteln öffentlicher Propaganda arbeitete, erfolgt war, ein Übergang, der ja in den 1890er Jahren auch innerhalb der deutschen Politik stattfand. Die beschriebenen Phänomene beschränkten sich nicht allein auf‘ Berlin, auch wenn sie sich dort am deutlichsten zeigten. In Frankfurt und Breslau entstanden vergleichbare Wahlvereine, die sich»von unien« mit dem Ziel organisierten, die Politik der Gemeindeführung zu verändern, Auch in anderen Großstadtgemeinden wurden große Versammlungen und der Einsatz von»Agitation« zum Bestandteil der Wahlkämpfe.® Die Verbreitung von Schriften und Flugblättern sowie die Publikation von Presseaufrufen war in jenen Jahren sehr häufig. Diese Mittel kamen bei verschiedenen Konflikten innerhalb der Judenheit zum Einsatz, z. B. bei Rabbinatswahlen oder der Debatte um das liberale, in Westfalen eingeführte Gebetsbuch. Der Charakter der sogenannten»internen jüdischen Politik« war in nahezu allen Bereichen wesentlichen Veränderungen ausgesetzt. Sie weisen darauf hin, wie stark die deutschen Juden den Wandel in der deutschen Politik in die eigenen Reihen aufnahmen. Von diesen Veränderungen des politischen Stils blieben die meisten jüdischen Gemeinden in den deutschen Provinzen allerdings unberührt. Hier traf zu, was Pogge von Strandmann allgemein über die städtischen Liberalen schrieb:»Honoratiorenpolitik[...] had its firm roots in local politics and survived there much longer than at the national or state level, In fact local politics in the cities were the hub of Honoratiorenpolitik. It was there that the social and economic positions of the notables could be translated into 58 Auf der ersten Versammlung der liberalen Organisation wurde ein Beschluß angenommen, der das liberale Programm und die Wahlkandidatur unterstützte— eine auf öffentlichen Versammlungen in Deutschland durchaus übliche Angelegenheit. Doch schon nach der zweiten Versammlung des Vereins, an der Redner des CVJG teilnahmen und über deren Verlauf die AZJ aus Platzgründen merkwürdigerweise nicht berichten konnte, wurde nicht mehr über gefaßte Beschlüsse berichtet(AZJ, Ausgabe vom 17. 5. 1895, Gemeindebote, S. 1). Bis in den Oktober hinein wurden auf den liberalen Versammlungen keine Beschlüsse gefaßt. Dies weist m. E. auf die umfangreiche Anwesenheit der Mitglieder des CVJG im Publikum hin, die die Absicht der Organisatoren verhinderten, Beschlüsse in ihrem Sinne zu fällen. Ein Hinweise darauf findet sich auch in: Jeschurun, Ausgabe vom 31.5, 1895, S. 338, 59 Dies kann aus einem Wahlbericht erschlossen werden, der es für notwendig hielt, anzumerken, die Versammlung sei»sehr würdig« verlaufen, und die Hoffnung zum Ausdruck brachte, dies möge auch bei zukünftigen Versammlungen der Fall sein. AZJ, Ausgabe vom 25. 10. 1895, Gemeindebote, S. 1. 60 Vgl. Jeschurun, Ausgabe vom 27. 4. 1895, S. 273. 61 Ebd., Ausgabe vom 30. 12. 1895, S, 826. 62 Vgl. z.B. die Information aus München in: AZJ, Ausgabe vom 28.2. 1890, und die Nachricht aus Dresden: Israelitische Wochenschrift, Ausgabe vom 7. 1. 1893, S. 22. Zum Verein in Frankfurt vgl.: Artikel; Frankfurt, in Henry Wassermann(Hrsg.), Gemeindebuch Hessen, Jerusalem 1992, S. 633(hebr.). Zum neuen Verein und dem Wahlkampf in Breslau siehe: AZJ, Ausgabe vom 11.12. 1896, Gemeindebote, 5. 3; ebd., Ausgabe vom 25. 12. 1896, Gemeindebote, 8.2. »Das ungewohnte Bild ‚her Wahlversammlungen« 105 visible influence.«® Die ungebrochene wirtschaftliche und politische Machtposition der liberalen Honoratioren ermöglichte es ihnen, ihre Kontrolle in den kleineren Städten aufrechtzuerhalten und Gegner mit den lokalen, bis zum Untergang des Zweiten Reiches üblichen Wahlmethoden auszuschalten.“ In den größeren Kommunen jedoch wurde die organisierte Herausforderung der liberalen Herrschaft in den jüdischen Gemeinden durch die Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstandene zionistische Bewegung weiter vorangetrieben. Gemäß der Forderung Herzis nach der»Eroberung der Gemeinde« stellten die Zionisten 1900 in Köln und 1901 in Berlin Listen auf, die an den Wahlen zur Repräsentantenversammlung teilnahmen. Im weiteren Verlauf wurden zionistische Listen auch an anderen Orten gebildet. Ihr wesentliches Wählerreservoir waren die Immigranten aus Osteuropa, die»Ostjuden«, die einen völlig anderen Erfahrungshintergrund als die deutschen Juden hatten und den neuen jüdisch-nationalen Ideen offener gegenüberstanden. An Orten, die eine hohe Konzentration von»Ostjuden« aufzuweisen hatten, konnten die Zionisten erhebliche Erfolge erringen.® Die Zionisten wandten sich von Anfang an an die unteren Schichten, unter denen sie ihr Wählerpotential vermuteten, Von Anfang an griffen sie zu den Methoden der Massenpolitik— Versammlungen und Verteilung von Flugblättern. Zu den von ihnen aufgestellten Forderungen im Gemeindebereich zählte das Verlangen nach einer Demokratisierung der Wahlen und nach größerem Einfluß der ärmeren jüdischen Gemeindemitglieder. Dies entsprach den Forderungen des CVJG, Wie der Verein der Berliner Konservativen waren die Zionisten ein Phänomen des Protestes und Widerstandes gegen die Führungsrolle der alten, liberalen Führung in den jüdischen Gemeinden. Die liberale Gemeindeführung, die sich auf die etablierteren Schichten des deutschen Judentums stützte, wurde durch die Idee der Zionisten, nach der die deutschen Juden kein integraler Teil des deutschen Volkes waren, ebenso erschüttert wie durch den zionistischen Propagandastil. Um politische Erfolge der Zionisten zu verhindern, versuchten die Gemeindeführungen, den Neueinwanderern aus Osteuropa das Wahlrecht abzusprechen— was allerdings von der preußischen Regierung abgelehnt wurde- oder es doch wenigstens durch unterschiedliche Maßnahmen einzuschränken. Das verbreiteteste Mittel war die Verhängung einer»Karenzzeit«, d. h. Zuwanderer erhielten erst dann das Wahlrecht, wenn sie sich eine gewisse Zeit am Ort aufgehalten hatten. Die Zionisten reagierten mit Empörung auf diese Maßnahmen und bekämpften sie durch Eingaben an die Regierungsbehörden ebenso wie durch Flugblätter und Veröffentlichungen in den Zeitungen. In der Regel waren sie damit erfolgreich.” Am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren die Methoden der Massenpolitik zu einem festen Bestandteil des internen jüdischen politischen Lebens geworden, wenngleich es nicht vollständig von diesen beherrscht wurde. In einem Teil der großen Städte, im wesentlichen in Berlin, griffen beide Seiten— die liberalen Gemeindeführer und ihre Gegner— zu den Mitteln der Agitation und Propaganda. Hier waren derartige Methoden 63 Hartmut Pogge von Sırandmann, The Libera] Power Monopoly in the Cities of Imperial Germany, in: Larry E. Jones/James Retallack(Hrsg.), Elections, Mass Politics, and Social Change in Modem Germany. New Perspectives, Washington 1992, S. 93-117, Zitat auf S, 102. 64 Ebd., S. 104-108, S. 110. 65 Zur zionistischen Bewegung in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg siehe: Yehuda Eloni, Zionismus in Deutschland von den Anfängen bis 1914, Gerlingen 1987. 66 Vgl. die beiden Arbeiten von Ma’ayan. Das Buch über Berlin enthält im zweiten Teil Details über andere Gemeinden. Allgemein vgl.: Brenner, Volkspartei, S. 22-27; Jehuda Reinharz, Fatberland or Promised Land, Ann Arbor 1975, S. 189-190; zur Unterstützung des Zionismus durch»Ostjuden« vgl. Trude Maurer, Ostjuden in Deutschland 1918-1933, Hamburg 1986, S. 662 678. 67 Vgl. Maurer, Ostjuden, S, 610-644; Brenner, Volkspartei, S. 48-53. 106 Jakob Borut nach dem Vorbild der deutschen Geselischaft bereits vor dem Aufstieg der Zionisten zum politischen Faktor üblich. Trotz der Abneigung der Liberalen gegen die Massenpolitik griffen auch sie zu ähnlichen Methoden, um nicht die Unterstützung der Wähler zu verlieren. Die Provinzstädte blieben hiervon unberührt. Hier wurde die Honoratiorenpolitik in den jüdischen Gemeinden ebenso wie in der Kommunalpolitik weitergeführt. Nach der Jahrhundertwende griffen zumal die Zionisten in Gemeinden, in denen sie von»Ostjuden« elektoral gestützt wurden, zu den Methoden der Massenpolitik. Die dem Liberalismus verbundenden, alteingesessenen deutschen Juden bekämpften die Zionisten, ohne freilich deren Methoden vollständig zu übernehmen. IV. JÜDISCHE POLITIK UND MASSENPOLITIK IN DER FRÜHEN WEIMARER REPUBLIK Eine Reihe von Faktoren führten in der Weimarer Republik einen umfassenden Wandel in der innerjüdischen Politik herbei. Der erste Faktor war die Reform des Kommunalwahlrechts in Deutschland und die Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes für Männer und für Frauen auch auf dieser staatlichen Ebene. Diese Veränderung des Wahlrechts beeinflußte die Verhältnisse auch in den jüdischen Gemeinden, in denen das System der Kurienwahl nun zugunsten des gleichen Wahltrechtes nahezu völlig aufgegeben wurde. Dieser Umstand stärkte die Zionisten, deren Wähler sich, wie erwähnt, aus den unteren Schichten der Gemeinde zusammensetzten. Darüber hinaus war in der Kriegsund Nachkriegszeit die Zahl der»Ostjuden« in Deutschland erheblich angewachsen. Weitere Faktoren, in deren Folge die zionistische Bewegung in der Weimarer Zeit eine erhebliche Zunahme ihrer Machtposition verzeichnen konnte, waren die Legitimation, die der Zionismus bei vielen deutschen Juden dank der Balfour-Deklaration gewann, und die Entrüstung über den stärker werdenden Antisemitismus, unter dessen Einfluß der Beitrag deutscher Juden zum Kampf auf deutscher Seite im Kriege ignoriert wurde.® Innerhalb der Zionistischen Bewegung selbst setzte mit der 1919 erfolgten offiziellen Anerkennung der»Jüdischen Volkspartei«, der Körperschaft der zionistischen Aktivisten in den Gemeinden, eine neue Entwicklung ein. Die»Jüdische Volkspartei« sollte den Zionismus in den Gemeinden vertreten und verstärkt um die»Eroberung der Gemeinden« kämpfen.® Die Gründer dieser Partei vertraten innerhalb der zionistischen Bewegung in Deutschland zwar eine Randposition, und ihre Beziehungen zur Führung der Bewegung waren keineswegs gut, da diese davon überzeugt war, alle Anstrengungen auf den Aufbau Palästinas richten zu müssen.” Trotz dieser Konflikte existierte mit der »Jüdischen Volkspartei« fortan eine stabile Organisation, die die kontinuierliche zionistische Arbeit in den Gemeinden und ein planmäßiges Bemühen um elektorale Erfolge gewährleistete, Mit der Veränderung des Wahlsystems wurde die Herrschaft der»liberalen Oligarchien« in den deutschen Städten endgühig beendet.”' Die Macht der liberalen jüdischen Führung wurde zusätzlich noch durch die Einwanderer aus Osteuropa in Frage gestellt. Wie vor dem Ersten Weltkrieg versuchten die Gemeindeleitungen, in denen die Konzen68 Max P. Birnbaum, Staat und Synagoge 1918-1938, Eine Geschichte des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden(1918-1938), Tübingen 1981, S. 15-18; Brenner, Volkspartei, S. 32-36; Hagit Lavsky, Before the Catastrophe. The Distinctive Patlı of German Zionism, Jerualem 1996, S. 38 f.(hebr.). 69 Brenner, Volkspartei, S. 43-47; Jehuda Reinharz(Hrsg.), Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 1882-1933, Tübingen 1981, S. 267; Reinharz, Fatherland, S. 121- 124; Lavsky, S. 43. 70 Vgl. hierzu im Detail: Brenner, Volkspartei, insb, S. 77-94. 71 Pogge von Strandmann, S. 110. »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« 107 tration der»Ostjuden« besonders stark war- und die Zahl dieser Gemeinden war jetzt, insbesondere im Rheinland und in Westfalen, erheblich größer als vor dem Krieg—, dieser Bedrohung durch eine Einschränkung des Wahlrechts der»Ostjuden« mittels Einführung der»Karenzzeit« zu begegnen. Wieder reagierten die Zionisten heftig. Es kam zu Auseinandersetzungen, die in der Presse und durch Eingaben an die Regierungsbehörden geführt wurden.” Gleichzeitig erkannte ein Teil der deutschen und deutsch-jüdischen Vertreter der Liberalen die Notwendigkeit, die Methoden zu ändern, mit denen man die Unterstützung der Wähleröffentlichkeit zu erlangen suchte.»Wenn früher eine intensive Massenagitation von den liberalen Parteien als unwürdig abgelehnt worden war, so wurde jetzt die Notwendigkeit in jenen politischen Gruppen klar erkannt, die sich nach der Revolution in der DDP zusammenfanden.« Insbesondere Anton Erkelenz setzte sich für die Anwendung dieser Methoden ein.’* Die verschiedenen regionalen Parteileitungen gründeten»Werbebureaus« und begannen, Propagandastrategien zu entwerfen, wobei sie von der Annahme ausgingen, daß»die Masse derjenigen Partei am ehesten ihre Stimme gebe, welche die geschickteste, marktschreiendste Propaganda entfaltet«.’* Der geschäftsführende Aussschuß der DDP faßte auf seinen Sitzungen vom 28. Dezember 1918 und 4. Januar 1919 den Entschluß,»die modernsten Mittel wirksamer Massenagitation anzuwenden«, darunter die Produktion von Filmen und die»Flugzeugpropaganda«. Die jüdische Bevölkerung war sich dieses Wandels des politischen Stils in den Wahlkämpfen der Weimarer Republik sehr wohl bewußt. In jüdisch-liberalen Organisationen nahmen sie im Kampf gegen die antisemitischen Parteien an diesem Wandel teil. Die Ortsgruppe Wiesbaden des»Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten«(RjF) schickte z. B. während des zweiten Reichstagswahlkampfes von 1924 Vertreter auf die Wahlversammlungen der Rechten, die gegen die dortigen Redner aufstanden; er führte Patrouillen auf den Straßen durch, die antisemitische Hetzplakate und Zettel entfernten oder mit Gegenanzeigen überklebten. Am Wahltag im Dezember 1924 setzte die Ortsgruppe 50 Kraftfahrzeuge und 200 Hilfskräfte ein, die im»Schleppdienst« die Wähler zu den Wahllokalen bringen sollten.’ Auch der Stil der internen jüdischen Wahlkämpfe wandelte sich nun noch eindeutiger als im Kaiserreich. Der anfangs zitierte Artikel im»Israelitischen Familienblatt« beschrieb den neuen Charakter der Wahlen; Wahlen, an denen die»Jüdische Volkspartei« der Zionisten aktiv teilnahm, deren Stil und Inhalt sie stark beeinflußte. Die Zeitung erklärte die Änderungen ausdrücklich mit dem Hinweis auf die Bedeutung des allgemeinen politischen Klimas in Deutschland, mit dem Einfluß der Wahlkämpfe von 1924 und der öffentlichen Atmosphäre insgesamt:»es ist nur gar zu natürlich, daß die misstönigte Demagogenweis[sic'], die das Jahr 1924 in einem halben Dutzend Wahlschlachten zu den deutschen Parlamenten als Jandesüblich eingeführt hat, auch in dieser jüdischen Wahlkampagne feinere Ohren verletzt. Wir sind eben alle Kinder der aufgeregten Zeit, und Temperamentslosigkeit zumal gilt eigentlich nicht als jüdische Eigenschaft.«” Auch nicht-politische Elemente wurden nun in den Wahlkampf einbezogen. 1922 kündigte der»Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin« die Durchführung einer Versammlung an, auf deren Tagesordnung zunächst eine Wahlrede und eine freie Aussprache standen. Als weiterer Punkt wurde der»künstlerische 72 Maurer, Ostjuden, S. 610 ff.; Brenner, Volkspartei, S. 48 ff. 73 Vgl. Schieder, 8. 49 ff.; Portner, S. 150. 74 Ebd. S. 452. 75 Ebd. 76 Martin Liepach, Das Wahlverhaiten der jüdischen Bevölkerung. Zur politischen Orientierung der Juden in der Weimarer Republik, Tübingen 1996, S. 100; vgl. darüber hinaus zur Position des RjF und des C.V. während der Wahlen: ebd., S. 99-107, S. 109-112. 77 Israelitisches Familienblatt, Ausgabe vom 29. 1. 1925, 8. 1. 108 Jakob Borut Teil: Gesang, Lieder zur Laute, Instrumentalmusik« angekündigt.’”® Doch die liberale Propaganda war wenig erfolgreich. Bei den Berliner Gemeindewahlen ging die Zahl der liberalen Repräsentanten von 12 auf 10(von insgesamt 21} zurück, Infolgedessen erhoben sich unter den Liberalen Stimmen, die meinten, die Ursache dieser Niederlage sei eine nicht ausreichend auf die Wähler abgestimmte Propaganda. Die Wahlanalyse der »Jüdisch-Liberalen Zeitung« machte den wesentlichen Grund in einer Zurückhaltung der Liberalen aus: »Die Situation der deutschen, auch der Berliner Judenheit, gegenüber ihrer andersgläubigen Umwelt ist zur Zeit unstreitig eine äußerst prekäre und gefährdete, Der Antisemitismus tritt immer selbstbewußter und kriegerlicher auf. Der geringste Anlaß kann die glimmende Glut zu heller Feier entfachen, Ein in der Öffentlichkeit geführter Wahlkampf könnte leicht solchen Anlaß geben. Die Liberalen wären bereit gewesen, den Wahlkampf ohne öffentliche Versammlungen und die von ihnen von jeher abgelehnte Litfaßsäulen-Propaganda zu führen, die Wahlbewegung somit auf den Kreis der Gemeindemitglieder zu beschränken. Von der anderen Seite. insbesondere der zionistischen jüdischen Volkspartei, war solche Selbstbeschränkung nicht zu erwarten. Die Verantwortung aber, durch den Wahlkampf die Berliner Judenheit an Leib und Besitz zu gefährden, konnten und wollten die Liberalen unter allen Umständen vermeiden.«”® Diese zögerliche Haltung gegenüber den Mitteln der modernen politischen Propaganda war durchaus typisch für die deutschen Liberalen der frühen 1920er Jahre. Auch innerhalb der DDP seizte die Mehrheit der führenden Aktivisten L1rotz der Beschlüsse der Parteiführung von 1918/19 in der Praxis immer noch cher auf einen zurückhaltenden und argumentativen politischen Stil:»Die DDP konnte[...] nicht über den liberalen Schatten der Honoratioren- oder Repräsentationspartei springen. Auch im Weimarer Linksliberalismus fehlten die Voraussetzungen, um sich dem mechanisierten Betrieb einer bürokratischen Massen- oder Integrationspartei anzupassen. Den intellektuellen Honoratiorencharakter der Führungsschicht kennzeichnete das Desinteresse an organisatorischer Kieinarbeit und der traditionelle Werbestil, der die rationale Aufklärung, Diskussion und Meinungsbildung in den Vordergrund stellte. Der Kontakt zum Wählerpotential war mit den Prinzipien liberaler Honoratiorenpolitik belastet.«®? Von Seiten der jüdischen Liberalen versuchte man infolgedessen vereinzelt, das liberale Publikum von der Notwendigkeit eines effektiven, entschlossenen Handelns und einer Propaganda zu überzeugen, die auf‘ die breite Öffentlichkeit und nicht nur auf wenige Repräsentaten zugeschnitten war. Insbesondere die»Jüdisch-Liberale Zeitung« (JLZ) vertrat diesen Ansatz. So konnte man in einem Leitartikel der Zeitung unter der Überschrift»Jüdisch-liberale Werbearbeit« lesen: »Die Orthodoxie und der Zionismus haben auf dem Gebiete der Organisation und der Presspropaganda ganz erheblich mehr geleistet als der jüdische Liberalismus.[...] so kommt es, daß diese straff organisierten Minderheiten bisher eine weit größere Werbekraft entfalteten, sich erheblich besser durchzusetzen wußten, als das unorganisierte oder zu schwach organisierte liberale Judentum, obgleich hinter diesem zweifellos eine große Mehrheit steht. Die liberalen Juden müssen sich also, wenn sic sich nicht in den Hintergrund drängen und nicht über ihre Bestrebungen die anderen zur Tagesordnung übergehen Jassen wollen, mit der Frage beschäftigen: Wie verschaffen wir uns eine gute Organisation und eine einflußreiche, vielgelesene Presse? Organisation und. Presse sind die Mittel, mit denen allein wirksam und erfolgreich Werbearbeit geleistet werden kann. Eine Bewegung, die nicht zu werben versteht, ist von vornherein zum Absterben verurteilt.[...] Nur zu viele gut liberal Gesinnte glauben noch immer, daß es ohne diese Werbetätigkeit gehe, und daß die Opfer, die der Ausbau dieser beiden Kampf- und Propagandawalfen erfordert, den Liberalen erspart werden könnten. Das ist 78 Jüdisch-Liberale Zeitung(JLZ), Berlin, Ausgabe vom 15.9. 1922, 5. 79 JLZ(Berlin), Ausgabe vom 15. 12. 1922, S. 2[. 80 Werner Schneider, Die Deutsche Demokratische Partei in der Weimarer Republik 1924-1930, München 1978, S. 69, »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« 109 der fündumentale Fehler, dem allein es zuzuschreiben ist, daß die passiv und abwartend bleibenden Liberalen heute so oft von ihren Gegnern überflügelt und als quantit& n&gligeable behandelt werden. Man darf sich dann freilich nicht wundern, wenn andere Bewegungen[...] unter den Massen und besonders der leicht zu begeisternden, leicht durch Propaganda zu gewinnenden Jugend Anhängerschaft finden.«8' Der Artikel! selbst war eine Art Propagandaessay, der den Leser zu überzeugen versuchte, daß»heute, wo die jüdisch Liberalen schon vielfach in die Abwehrstellung gedrängt worden sind, wo die Gefahr, daß das Judentum den reaktionären Kräften wieder rettungslos verfällt und damit der inneren Auflösung in ein kleines Häuflein Fanatiker und die Masse der völlig Indifferenten preisgegeben wird«, die Liberaten»ihre Organisation und ihre Presse ausbauen« müßten.® Im weiteren Verlauf der Dinge veröffentlichte die Zeitung im Rahmen ihrer Bemühungen um eine intensivere und effektivere Propaganda in den lokalen Verbänden eine»Rednerliste für die Verbandsvereine«, die die Namen der Redner und die Themen der Vorträge in Berlin und Breslau enthielt. Ein zusätzlicher Schritt der liberalen Organisation im Jahre 1923 war die Ernennung eines Generalsekretärs, der die organisatorische Arbeit koordinieren sollte. Als erster Generalsekretär wurde E. Dickmann gewählt, der kurz nach seiner Bestellung unter der Überschrift»Bewegung und Organisation« einen Artikel auf der ersten Seite der JLZ veröffentlichte, Darin begründete er noch einmal ausführlich die Notwendigkeit, neue Politikformen aufzugreifen: »Die Reinerbaltung einer Idee, ihre rein geistige Fortentwicklung[ist] immer an eine ausersehene, d. h. also eine zahlenmäßig geringe Schar wahrhaft begeisterter und ganz erfüllter Persönlichkeiten gebunden; die Auswirkung einer Idee in breiten Schichten, die Menschen aller Art umfassen, birgt also schon in sich die Gefahr der Verflachung. Denn der Menge müssen Formen gezeigt werden, die der Verwirklichung der Idee dienen; und hier liegt die Gefahr, daß schließlich die Formen erfüllt werden, ohne den Geist zu spüren, der ihnen innewohnt, daß das Symbol Selbstzweck wird, und so die Idee in Vergessenheit anheimfällt.[...] Gleichwohl bedarf jede Idee, wenn sie wahrhaft einem Ideal dienen will, einer starken und in sich gefestigten Organisation, um zu ihrem Ziele zu gelangen[...] und erst die Erfassung weiterer Schichten gibt den Ansporn zur Fortentwicklung der geistigen Errungenschaften einer[...] Idee, so daß dieser dadurch immer wieder frische Lebenskräfte zugeführt werden. So kommen wir zu dem Ergebnis, daß trotz des Gegensatzes zwischen Bewegung und Organisation beide einander bedingen, ja, daß erst die Organisation die ideelle Bewegung zu einer tatsächlichen gestaltet. Wenn ich mir so bei Beginn meiner Tätigkeit sehr wohl der Grenzen bewußt bin, in denen ich die Organisation zu halten habe,[...] kann ich gleichwohl unserer Anhängerschaft den Vorwurf nicht ersparen, daß sic ihren Pflichten gegen die Organisation keineswegs genügend nachgekommen ist. Wenn ich aufrichtig sein will[...] muß ich unseren Freunden offen sagen, daß sie für ihr Judentum wenig oder nichts geleistet haben[...]«* Eine allzu große Öffentlichkeit für jüdische Politik aber galt den Liberalen immer noch als gefährlich, fürchteten sie doch, damit dem Antisemitismus Auftrieb zu geben. Das Dilemma, einerseits mit modernen Mitteln Politik betreiben, dies andererseits aber möglichst unter Ausschluß der allgemeinen deutschen Öffentlichkeit tun zu wollen, offenbarte sich Anfang 1924 beispielhaft an einer Auseinandersetzung zwischen der JLZ, den Zionisten und dem»Verband nationaldeutscher Juden«, der für die völlige Integration der Juden in Deutschland eintrat.® Die Zionisten hatten in der»Breslauer Zeitung« eine 81 JLZ(Berlin), Ausgabe vom 25. 5. 1923, S. 1. Alle Hervorhebungen im Original. 82 Ebd. 83 JLZ(Berlin), Ausgabe vom 7. 8. 1923, S. 4. 84 IJLZ(Berlin), Ausgabe vom 27. 10.(923, S. 1. 85 Vgl. zu diesem Verband: Car/ /. Rheins, The Verband nationaldeutscher Juden, 1921-1933, in: LBIYB 25, 1980, S. 243-268. 110 Jakob Borut große Anzeige des»Jüdischen Nationalfonds«— einer Organisation, die Gelder für die jüdischen Siedlungen in Palästina sammelte— mit der Einladung zu» Vorführungen eines Films über Palästina« veröffentlicht. Der»Verband nationaldeutscher Juden« hatte auf der gleichen Seite eine Anzeige mit der Gegenparole aufgegeben, diese Filmvorführungen nicht zu besuchen und die Zionisten nicht zu unterstützen. Daraufhin beschuldigie die JLZ den Verband, interne jüdische Auseinandersetzungen in der deutschen Öffentlichkeit auszutragen.% Im weiteren Verlauf publizierte die Zeitung einen Artikel unter der Überschrift»Über Kampfmethoden«. Der mit»Criticaster« unterzeichnete Artikel kritisierte die Veröffentlichung einer zionistischen Anzeige in einer nichtjüdischen Zeitung mit den Worten, man solle nicht nur keine schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen, sondern prinzipiell öffentlich keine Wäsche zeigen, auch wenn sie noch so sauber und weiß sei, Nur gezwungenermaßen gehe der jüdische Liberalismus an die Öffentlichkeit; bewußt verzichte er dabei auf bestimmte Propagandaformen:»Wo von Seiten der anderen Parteien die breiteste Öffentlichkeit in Anspruch genommen wird, wie es besonders seitens der Zionisten in den Großgemeinden immer wieder geschieht, wird es auch den LiberaJen nicht möglich sein, die Kundgabe ihrer eigenen Veranstaltungen bei gleichem Wege zu vermeiden, Dabei wird die Bekanntmachung in Zeitungen mit verbreitetem jüdischen Leserkreis im allgemeinen der Plakatpropaganda, die evtl. deutsch-völkische Radaubrüder aufreizen kann, vorzuziehen sein.«&7 Die Kritik der JLZ belegt die Abneigung der Liberalen, innerjüdische Auseinandersetzungen an Orten auszutragen, die einer nicht-jüdischen Öffentlichkeit zugänglich waren. Die Zionisten dagegen 1aten gerade dies häufig. Der»Criticaster« aber distanzierte sich entschieden von jeder Plakatpropaganda, die er in Hinblick auf die Weltanschauung und die politischen Verhaltensmuster mit den Gegnern der Judenheit und des bürgerlichen Liberalismus identifizierte. Die Massenpropaganda wurde demnach von ihm als das absolute Gegenteil des»anständigen« politischen Verhaltens begriffen, dem sich die jüdischen Liberalen verpflichtet fühlten. V. DIE WAHLEN ZUM PREUSSISCHEN LANDFSVFRBAND JÜDISCHER GEMEINDEN 1925; EINE ÜBFRGANGSPHASE Am 1. Februar 1925 fanden in den jüdischen Gemeinden Preußens Wahlen zum»Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden« statt, Dieser Landesverband sollte eine Art Parlament der Gemeinden darstellen.® Eine Untersuchung der Wahlkampfführung der Liberalen im Rheintand und in Westfalen zeigt die speziellen Formen der liberal-jüdischen»Massenpolitik« zu diesem Zeitpunkt. Die Leitung der»Vereinigung für das liberale Judentum« in Berlin strebte eine zentral organisierte Handlungsweise an, Führende Persönlichkeiten der Vereinigung bereisten vor den Wahlen die Wahlbezirke, agitierten unter den lokalen Aktivisten und nahmen an öffentlichen Wahlversammlungen teil. Dies war ein neues Phänomen im Rheinland und in Westfalen, wie wohl auch in den meisten anderen Teilen Deutschlands.® Die Redner aus Berlin traten im wesentlichen in den Städ86 JLZ(Berlin), Ausgabe vom 18. 1. 1924, 8. 3. 87 JLZ(Berlin), Ausgabe vom 16, 2. 1924, 8. 3. 88 Zum»Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden« siehe Birnbaum; zu den Wahlen von 1925 vgl. ebd., S. 87-94. 89 Der Generalsekretär der Vereinigung, Dickmann, besuchte Westfalen. Infolge dieses Besuches wurden an verschiedenen Orten Zweigstellen der Vereinigung gegründet. Vgl. JLZ(Berlin), Ausgabe vom 27. 12. 1924, S. 6; ebd., Ausgabe vom 23. 1. 1925, 1. Beil., S. 3; ebd., Ausgabe vom 6.2. 1925, 2. Beil., S.). Im Januar kam einer der wichtigsten Aktivisten der Organisation, Dr. Mayer aus Berlin, in die Region und referierte über die Ziele der liberalen Vereinigung. Vgi. ebd., »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« I ten auf, Darüber hinaus versuchten die jeweiligen Organisatoren, vor Ort auch lokale publikumswirksame Redner zu gewinnen, wie z. B. die bekannte Frauenrechtlerin Ottilie Schönwald aus Bochum. In kleineren Städten und Ortschaften sprachen die führenden lokalen Persönlichkeiten oder Lehrer. In der von den jüdischen Liberalen selbst formulierten Darstellung ihrer Wahlkampfarbeit in Westfalen wurden besonders die Effektivität der beiden Redner aus Berlin und die vielen lokalen Wahlversammlungen hervorgehoben. Auch hieß es dort, daß es»besonders die Lehrer« waren,»die sich um die Aufklärung der Wähler außerordentlich verdient gemacht haben«.” Im Januar 1925, einen Monat vor den Wahlen, wurde die JLZ besonders aktiv. Sie forderte ihre Leser auf zu prüfen, ob sie wahlberechtigt seien und mahnte sie, von dem Wahlrecht auch Gebrauch zu machen:»Es ist die Pflicht jedes liberalen Juden, von seinem Stimmrecht Gebrauch zu machen.«* Im Verlauf des folgenden Monats fand auf den Seiten der JLZ ein erregter Wahlkampf statt. Die letzte Ausgabe vor der Abstimmung erschien mit der Überschrift»Auf zur Wahl! Wählt liberal!«”? Kulturelle Angebote spielten in diesem Wahlkampf— nach dem Berliner Vorbild von 1922— ein wichtige Rolle, Auf den liberalen Wahlversammlungen trat eine»16-Mann-Künstlerkapelle« auf;»Darbietungen namhafter Künstler« wurden geboten.“ Für den Wahltag selbst organisierten die Parteiführer Automobile, mit denen Wähler zu den Wahllokalen gefahren werden soltten— eine Taktik, die auch bei den Reichstagswahlen eingesetzt wurde.** Bei genauerer Betrachtung jedoch entdeckt man in der Wahlpropaganda auf den Seiten der JLZ immer noch eine gewisse Distanz zu den lärmenden Wahlkampfaktivitäten. Bruno Woyda, der Redakteur der Zeitung, bezichtigte in einem seiner Artikel die Zionisten der Lüge— ein bei politischen Wahlen übliches Verhalten, Gleichzeitig aber bedauerte er die Politisierung des Wahlganges:»Es gibt ein altes Sprichwort: Niemals wird so viel gelogen, wie vor einer Wahl und nach einer Jagd. Dieser Grundsatz galt bisher allerdings nur für die politischen Wahlen. Wenn man sich jetzt rüstet, ein Parlament aller Juden in Preußen, also ein Gremium zu wählen, das vorwiegend auch religiösen Notwendigkeiten dient, so muß es jeden um die religiöse Zukunft des Judentums besorgten Juden mit Schmerz erfüllen, daß solche Methoden auch auf die Landesverbandswahlen übertragen werden.«®5 Derartige Klagen konnte man in der JLZ im Januar 1925 immer wieder finden. Wiederholt wurden die Zionisten beschuldigt, eine angeblich lügenhafte Propaganda der niedrigsten Art zu betreiben. Diese Beschuuldigungen zeigen, wie die Liberalen versuchten, die Ablehnung von Wahlpropaganda durch die liberale Öffentlichkeit zugunsten ihrer eigenen Wahlkampagne und-propaganda zu funktionalisieren.® Die Veröffentlichung von Appellen zur Unterstützung der Liberalen durch bekannte Persönlichkeiten, darunter auch Aufrufe der führenden Mitglieder von Organisationen wie dem »Jüdischen Frauenbund«, dem Lehrerverband, dem Kantorenverband oder dem Handwerkerverband, war ein wichtiges Mittel der Liberalen und ihres Organs in dieser Auseinandersetzung mit den Zionisten.?” Dieses Wahlkampfverhalten kann durchaus als ein Ausgabe vom 23. 1. 1925, 1. Beil., S. 3. Pläne, den Vorsitzenden der Vereinigung, Rechtsanwalt Heinrich Stern, in die Region zu bringen, mußten infolge einer Erkrankung Sterns aufgegeben werden. Vgl. ebd., Ausgabe vom 6. 2. 1925, 2. Beil., S. 1; ebd., Ausgabe vom 20. 2. 1925, 1. Beil,, S. 4. 90 JLZ(Berlin), Ausgabe vom 6. 2. 1925, 2. Beil., S. 1. 91 Ebd., Ausgabe vom 2. 1. 1925, 8. 1. 92 Ebd., Ausgabe vom 28. 1. 1925, 8. 1. 93 Ebd., Ausgabe vom 23. 1. 1925, Beil., S. 1. 94 Ebd., Ausgabe vom 23.1.1925, Beil. S. 1. 95 Ebd., Ausgabe vom 2. 1.1925, S. 2. 96 Vel. ebd., Ausgabe vom 15. 1. 1925, S. 3, und Beil., S. 1. 97 In den zwei Ausgaben unmittelbar vor den Wahlen, am 23. und 28. Januar, waren diesen Aufrufen die ersten Seiten der Zeitung gewidmet. 112 Jakob Borut Übergang von der Honoratiorenpolitik zur Massenpolitik begriffen werden. Auf der einen Seite standen die Aufrufe durch führende Persönlichkeiten. Neu hinzu kam die Werbung um Unterstützung bei den Interessenverbanden, den Berufsverbänden und speziellen gesellschaftlichen Gruppen- ein 1ypisches Kennzeichen der Massenpolitik. Zentrales inhaltliches Mittel der liberalen Propaganda war der Versuch, das Gefühl einer von den Zionisten ausgehenden Bedrohung zu vermitteln. Ein Beitrag aus Norddeutschland beschrieb die Zionisten in der JLZ als eine Gefährdung»unseres religiöskulturellen Standards of Life«, der auf einer»systematischen Bildung, wissenschaftlichen Schulung und kulturellen Haltung« beruhe— ein Hinweis, daß diese Elemente bei dem Gegner nicht zu finden seien. Darüber hinaus betonte der Beitrag, daß die Machtposition der Zionisten auf»fremden Elementen« beruhe- ein diskriminierender Hinweis auf die»Ostjuden«.® Ein Bericht der Zionisten über eine Wahlversammlung der Liberalen in Rheintand-Westfalen klagte denn auch, diese stellten kein positives Programm auf, sondern begnügten sich damit,»unsere staatsbürgerliche Gesinnung zu verdächtigen«. Auch andere zionistische Stimmen meldeten aus diesen Regionen zahlreiche Fälle von Hetze gegen Ostjuden und von Beschimpfungen der Zionisten.” Offensichtlich galt der Hinweis auf die ostjüdische Basis der Zionisten den Liberalen als besonders geeignet, um ihre Anhängerschaft zu mobilisieren. Vielfach zeigten sie eine große Furcht vor der Gleichgültigkeit ihrer Wähler. In verschiedenen Artikeln der JLZ wird der Eifer der Gegner betont, um die Liberalen zum Handeln anzuspornen:»Die anderen sind rührig und regsam. Und wirkd/% Mit den in Reaktion auf diese Sorge eingesetzten publizistischen Mitteln der Emotionalisierung und Angsterzeugung gewann die Wahlkampfarbeit der jüdischen Liberalen eine neue agitatorische Qualität, Dennoch blieb die Bilanz der von den Liberalen benutzten Politikformen widersprüchlich. Außerhalb von Berlin bewahrten sie sich vielfach ihre traditionelle Abneigung gegenüber offen ausgetragenem Streit. Ein Beispiel aus Elberfeld belegt die fortbestehenden Skrupel, Politik in aggressiven Formen zu inszenieren. Die Zionisten führten in Elberfeld einen Wahlkampf im populären Stil, Erst kurz vor den Wahlen bildete sich ein liberaler Wahlausschuß, der am 25. November 1924 eine große Versammlung durchführte. Der liberale Berichterstatter in der JLZ entschuldigte sich praktisch für diese Veranstaltung und erklärte, der Ausschuß habe deren Durchführung als notwendig erachtet, da die Zionisten am 19. November eine ähnlich große Versammlung veranstaltet hätten. Über das Ereignis selbst hieß es in der Zeitung, erst nachdem die Versammlung durch zwei Redner der Gegenpartei»aufgereizt« und die Zuhörer durch schwere persönliche Angriffe gegen die Liberalen erregt worden seien, habe»die Versammlung bedauerlicherweise den Charakter einer Wahlversammlung« angenommen, wie man sie in der Stadt nicht noch einmal zu sehen hoffe.!®! Ein internes Rundschreiben der Zionisten über die liberalen Veranstaltungen in der Region bemerkt, diese hätten»teils öffentliche, teils geschlossene Versammlungen« abgehalten.'°? Hier zeigt sich noch einmal die Verknüpfung der traditionellen Honoratiorenpolitik mit den neuen Mitteln der Massenpolitik in der Region. Im Rheinland und in Westfalen schickten die Liberalen auch keine Aktivisten aus, um die Wahlversammlungen der Gegner zu stören. Dieses Phänomen konnte nur in Berlin beobachtet werden. Auf einer dortigen zionistischen Wahlversammlung wurde der wichtigste zionistische Redner, Georg Kareski, durch eine Reihe von feindseligen Zwischen98 Ebd., Ausgabe vom 23. 1. 1925, S. 3. 99 Jüdische Rundschau(JR), Ausgabe vom 13. 2. 1925, S. 122. Vgl. ferner: Rundschreiben Nr. 17, Duisburg, 19. 1. 1925, Central Zionist Archive, Jerusalem(CZA), A 101/126. 100 JLZ(Berlin), Ausgabe vom 23. 1. 1925, S, 3. 101 Ebd., Ausgabe vom 5. 12. 1924, S. 3. 102 Rundschreiben Nr. 17, Duisburg, 19. 1. 1925, CZA, A 101/126. »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« 113 rufen erheblich gestört. Der liberale Berichterstatter meldete, daß infolgedessen 15 oder 16 Mann den Zwischenrufer umstellten, um weitere Störungen zu verhindern— und wertete dies als charakteristisch für die von den Zionisten beanspruchte demokratische Haltung. Jenseits des ironischen Tons wird hier deutlich, daß die Liberalen sich nicht scheuten, ohne ausdrückliche Distanzierung über derartige Zwischenfälle zu berichten, die doch gegen die»Spielregeln« der Honoratiorenpolitik verstießen. Alterdings befürwortete man diese Störaktionen auch nicht.'® Die Liberalen im Rheinland und in Westfalen litten dagegen an Störungen ihrer eigenen Wahlversammlungen, z. B. in Elberfeld, Auch die Gründungsversammlung der Ortsgruppe der»Vereinigung für das liberale Judentum« in Dortmund am 16. Januar 1925 wurde erheblich gestört. Auf dieser Versammlung waren»Gegner« anwesend, die— allerdings ohne Erfolg— versuchten, den Vorsitz der Versammlung zu übernehmen, und die Diskussion dazu»mißbrauchten«, zum Eintritt in einen anderen Verein aufzufordern.'** Weder von liberaler noch von zionistischer Seite gab es einen Bericht über ähnliche Versuche der Liberalen auf zionistischen Versammlungen. Bei den Wahlen gewannen die Liberalen schließlich 71 von 123 Sitzen, die Zionisten konnten 31 Sitze erlangen, während die»Poale Zion«, die zionistischen Sozialisten, zwei Sitze erhielten, Die verbleibenden 19 Sitze entfielen auf religiöse Parteien, Konservative und die religiöse Mittelpartei.'® Dieser Wahlkampf 1924/25 kann als eine Art Übergangsphase im Wandel des politischen Stils der Liberalen gewertet werden. Deutliche Anzeichen des verstärkten Einsatzes von massenpolitischen Mitteln sind erkennbar, insbesondere in Berlin, aber auch im Rheinland und in Westfalen, Gleichzeitig jedoch distanzierten sich die Liberalen immer noch von diesem politischen Stil und griffen weiterhin zu alten Methoden wie den geschlossenen Wahlversammlungen. Bezeichnenderweise vertrauten die liberalen Honoratioren in den Gemeindeleitungen, in erster Linie in den Provinzen, nicht allein der Wahlpropaganda, Sie versuchten, ihren Gegnern auch noch mit manipulativen Mitteln zu schaden. Die Zionisten erhoben schwere Vorwürfe gegen die Liberalen. Dabei handelte es sich m. E. um mehr als um bloße Propagandaaktionen oder Erklärungen für den Wahlerfolg der Liberalen. So beschwerten sich die Zionisten z. B. darüber, daß den Vertretern der»Volkspartei« häufig der Einblick in die Wählerlisten verweigert worden sei.'®% Diese Beschwerde wird durch ein internes, nicht zur Veröffentlichung bestimmtes Rundschreiben des»Wahlbureaus der Vereinigten Jüdischen Volkspartei und konservativen Partei« in Duisburg bestätigt, das an die lokalen Vertrauensleute geschickt wurde. Aus den Formuherungen des Schreibens ergibt sich deutlich, daß die Zionisten allgemein davon ausgingen, die Gemeindeführungen würden ihnen den Einblick in das Wählerverzeichnis verweigern, Dagegen sollten bereits im Vorfeld entsprechende Vorbereitungen getroffen werden. Weiter heißt es:»nach den bisher von uns gemachten Erfahrungen ist bestimmt anzunehmen, daß bei den Wahlen allerlei Unregelmäßigkeiten vorkommen« würden, natürlich zuungunsten der Zionisten. Auch darauf wollte man vorbereitet sein.'” Die JR beschuldigte die Liberalen der planmäßigen Abänderung der Wahlbezirksgrenzen und behauptete, die großen Gemeinden im Rheinland hätten im Oktober 1924 versucht, ihre Wahlbezirke in kleinere Einheiten aufzuteilen, um durch die liberale Mehrheit ihrer Mitglieder in den Großstädten die Wählerstimmen der Nicht-Liberalen in den Kleinstädten und Dörfern unwirksam zu machen, Wegen dieser Beschwerden und aufgrund von Pro103 JLZ(Berlin), Ausgabe vom 9. 1. 1925, S. 2. 104 Ebd., Ausgabe vom 23. 1. 1925, 1. Beil., S. 3. 105 Ebd., Ausgabe vom 6.2. 1925, S, 1. 106 JR, Ausgabe vom 13. 2. 1925, S. 122. 107 Rundschreiben Nr. 18, Duisburg, 26. 1. 1925, CZA, A 101/126. 114 Jakob Borut testen der Gemeinden in Duisburg und Ruhrort überprüfte der Landesverband diese Intrigen.'% Eine weitere Klage erhob sich gegen offizielle Gemeindeveranstaltungen zugunsten der Liberalen. Die Zionisten stellten eine Liste der Gemeinden auf, die derartige Versammlungen durchgeführt hatten, und behaupteten z. B., in Buer hätte in der Synagoge eine Versammlung stattgefunden, auf der der Gemeindevorsitzende die teilnehmenden»Ostjuden« aus dem Raum gewiesen habe.'® Weitere Vorwürfe zielten auf die Tätigkeit der Lehrer- Vorwürfe, die indirekt von der JLZ selbst bestätigt wurden.''® So wurde behauptet, ein Lehrer in Minden habe seinen Schülern während des Religionsunterrichtes gesagt, sie sollten ihre Eltern überreden, nicht die»Volkspartei« zu unterstützen. In einem anderen Bericht heißt es, die»Volkspartei« habe eine Reihe von Wahlprotesten eingereicht und erhebe Vorwürfe wegen Dokumentenfälschung und Wählerbestechung, worüber das Gericht zu entscheiden habe. Nähere Einzelheiten wurden nicht bekanntgegeben, Allerdings wiesen die Behörden die Vorwürfe und Anklagen der Zionisten insgesamt zurück,!!? VI. DER ENDGÜLTIGE ÜBERGANG ZUR MASSENPOLITIK Die jüdischen Liberalen in ganz Deutschland erlitten 1926 einen schweren Schock, als die Gemeindewahlen in Berlin von den Zionisten gewonnen wurden.!'? In Berlin hatten die Liberalen bereits zu den Mitteln einer entschiedenen Massenpropaganda gegriffen, und waren dennoch gescheitert. Die Berichte, die nach dieser Niederlage in der JLZ erschienen, sahen die Ursache des Mißerfolges nicht mehr in der Aktionsart, wie noch 1922, sondern erklärten das Wahlergebnis im wesentlichen als eine Folge der geringen Wahlbeteiligung der liberalen Anhänger.!!* Es ist zu beachten, daß sich in der Darstellung des Wahlkampfes die liberalen Aktivisten selbst als»Wahlagitatoren« bezeichneten- sie verwandten einen Begriff, der während der Zeit der Honoratiorenpolitik negative Bedeutung besessen hatte, nun aber legitim geworden war.!!5 Die Berliner Wahlniederlage führte zu verstärkter liberaler Aktivität in der breiten jJüdischen Öffentlichkeit. Im Winter 1926 waren die Aktivitäten der Vereinsortsgruppen auch im Rheinland und in Westfalen mit Vorträgen und Channukahfeiern relativ rege, während hier zuvor oft Passisvität zu verzeichnen gewesen war. Im Dezember d. J. kam Georg Götz, der Generalsekretär des»Vereins für das liberale Judentum«, in die Region und referierte in verschiedenen Ortsgruppen. Mehr noch: Die lokalen Vereinsgruppen der Organisation nahmen erstmals das Thema der Wahlaktivitäten in ihre Tagesordnung auf, So veranstaltete der liberale Verband am 10. November 1926 einen Diskussionsabend»in Hinblick auf die kommenden Repräsentantenwahlen«.'!® 108 JR, Ausgabe vom 28. 1, 1925, S, 74; ebd., Ausgabe vom 3. 3. 1925, 8. 167; ebd., Ausgabe vom 27. 3. 1925, 8. 228. 109 Ebd., Ausgabe vom 28. 1. 1925, S. 74; ebd., Ausgabe vom 13. 2. 1925, S. 122; Rundschreiben Nr. 17, Duisburg, 19. 1. 1925; Rundschreiben Nr. 18, Duisburg, 26. 1. 1925, beide in: CZA, A 101/126. 110 JLZ(Berlin), Ausgabe vom 6. 2. 1925, 2 Beil., S. 1. Vgl. auch oben Abschnitt V. 111 JR, Ausgabe vom 13. 2. 1925, S, 122. 112 Ebd. 113 Vgl. Brenner, Volkspartei, S. 146 f. 114 JLZ(Berlin), Ausgabe vom 21. 5. 1926, 8. 1 f. 115 Ebd. 116 Ebd., Ausgabe vom 26. 11. 1926, Beil., S. 3. »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« 115 Entscheidend wandelte sich die Haltung der jüdischen Liberalen im Rheinland und in Westfalen zu den Mitteln der Massenpolitik jedoch erst infolge der Reichstagswahlen von 1928. Dabei handelte es sich aber weniger um einen plötzlichen Wandel als um den Höhepunkt eines kontinuierlichen Prozesses. In diesem Wahlkampf hatten alle Parteien in der Region, darunter auch die Liberalen, neue Formen der politischen Werbung verwandt, während die wichtigsten liberalen Zeitungen ihren Lesern diese Mittel als unverzichtbare Instrumente für einen Wahlerfolg nahebrachten. Die DDP hatte sich besonders intensiv auf die Wahlen vorbereitet.»Man hatte das Bestreben, den Wahlkampf durch moderne technische Errungenschaften zu verlebendigen.« Auf Initiative von Anton Erkelenz und mit Unterstilizung der Parteileitung fiel die Entscheidung zur Produktion eines»Wahlfilms« und einer»Grammophonplatie«. Auch»mit illustrierten Wahlzeitungen« sollte erstmals geworben werden.!!? Generell fiel der propagandistische Gebrauch neuer technologischer Möglichkeiten in großem Umfang auf. Es kam sogar zum Einsatz von Lautsprecherwagen. Ein zusammenfassender Polizeibericht über die Wahlkampfaktivitäten im Regierungsbezirk Köln hebt die»Nutzbarmachung der modernen Technik« deutlich hervor:»Zum ersten Male wurden Filme, Schallplatten und Lautsprecher in den Dienst der Wahlpropaganda gestellt, die besonders in ländlichen Bezirken den Versammlungsredner ergänzten oder ersetzten. Auch wurden vielfach musikalische und schauspielerische Darbietungen in den Dienst der Wahlpropaganda gestellt,.«'!8 Auch die»Kölnische Zeitung« betonte:»Die mehr oder weniger gute alte Zeit, da die politischen Parteien ihren Wahlkampf ausschließlich mit dem gesprochenen oder gedruckten Wort bestreiten mußten, ist vorüber, und die Technik hat auf ihrem Siegeszug auch die politischen Parteien erobert.«!'? Dieser mit besonders modernen Mitteln geführte Reichstagswahlkampf und die Erfahrung der Niederlage der Berliner Liberalen bewirkten eine deutliche Intensivierung der liberalen politischen Arbeit in den jüdischen Gemeinden des Rheinlandes und den endgültigen Abschied von den Mitteln der traditionellen Honoratiorenpolitik. Ende 1928 und Anfang 1929 vergrößerte sich der Umfang der Ortgruppenarbeit der »Vereinigung für das liberale Judentum« erheblich. In Aachen gab es z.B. seit 1925 eine Ortsgruppe, die jedoch zunächst nicht aktiv gewesen war, Hier fand am 29. November 1928 eine Versammlung statt, auf der der Vorsitzende der Ortsgruppe, Rabbiner Dr. Schönberger, die dringende Notwendigkeit einer Wiederaufnahme der Ortsgruppentätigkeit betonte.'? Nach dieser Versammlung kam es in der Ortsgruppe tatsächlich zu einem regen Vereinsleben.'?! In Düsseldorf, wo es viele, zunächst in keiner Ortsgruppe organisierte Mitglieder des Verbandes gab, wurde eine derartige Gruppe am 22. März 1929 gegründet. In Duisburg besaßen die Zionisten die Mehrheit in der Gemeindelei tung. Hier wurde auf einer Versammlung am 17. April 1928 die Gründung eines»Jüdisch-liberaien Gemeindevereins« beschlossen, der als lokale Ortsgruppe der»Vereinigung für das liberaie Judentum« arbeiten sollte. Bis Anfang 1929 hatte dieser Gemeindeverein allerdings keine Aktivitäten zu verzeichnen. Erst im März 1929 wurde die Vereinssatzung verabschiedet und ein Vorsitz gewählt. Fortan aber war der Verein 117 Werner Stephan, Aufstieg und Verfall des Linksliberalismus 1918-1933, Geschichte der Deutschen Demokratischen Partei, Göttingen 1973, S. 376-381; Zitate S. 380. Vgl. auch das Rundschreiben Erkelenz‘, zit. bei Thomas Childers, The Social Language of Politics in Germany. The Sociology of Political Discourse in the Weimar Republic, in: AHR 95, 1990, S. 344. 118 Polizei-Präsident Köln a, d. Regierungspräsidenten in Köln, P. J: Nr. 1192, 20. 5. 1928, HStA Düsseldorf, Reg. Köln 7563. 119 Kölnische Zeitung, Morgenausgabe vom 10. 5. 1928, Nr. 257 b, S. 2. 120 JLZ(Berlin), Ausgabe vom 14. 12. 1928, Beil., 8. 4. 121 Vgl. die Anzeigen in: ebd., Ausgabe vom 11. 1. 1929, Beil,, S. 3; ebd., Ausgabe vom 25. 1. 1929, $. 3; und weitere Anzeigen in späteren Ausgaben. 116 Jakob Borut 1ätig.'? In kleineren Ortschaften kam es zu neuen Propagandabemühungen, um Mitglieder für die Vereinigung zu gewinnen, so z. B, im westfälischen Hagen, wo der Generatsekretär des Verbandes aus Berlin, Georg Götz, einen»Propagandavortrag« hielt.'? Zwei weitere Entwicklungen kamen hinzu. Zum einen öffneten sich die lokalen Vereine der Liberalen nun erstmals für die Erörterung von Gemeindeangelegenheiten, Bis zum Ende der 1920er Jahre hatten sich die liberalen jüdischen Ortsgruppen im Rheinland und in Westfalen nicht mit Gemeindepolitik befaßt. Die liberalen Organisationen zur Gemeindewahl und die Ortsgruppen arbeiteten gelrennt ohne organisatorische Absprache, ein Umstand, der durch das negative Image der Gemeindewahlkämpfe in den Reihen der Liberalen erklärt werden kann. Auch gegen Ende der 1920er Jahre distanzierten sich einige Ortsgruppen noch immer von einer regelmäßigen politischen Tätigkeit. In Aachen erklärte man auf einer Versammlung,»daß das diesjährige Winterprogramm eher ein solches eines Vereins für he Geschichte und Literatur sei als das einer Ortsgruppe der liberalen Vereinigung. Jedoch habe sich der neue Vorstand bewußt auf den Standpunkt gestellt, daß es wichtiger sei, in politischem Sinne religiöse und geistige Anregungen zu geben, als politische Kampfvorträge zu veranstalten.«'? In dieser Stadt, in der die Liberalen besonders stark repräsentiert waren, konnten sie sich derartiges noch erlauben, Doch in Dortmund, wo man sich wegen der Konkurrenz durch die Zionisten zur Durchführung von»politischen Kampfvorträgen« gezwungen sah, pries der Berichterstatter einer Versammlung zum Thema»Um was geht es bei unseren Repräsentantenwahlen?« den Redner, weil er es»verstand, die Materie ihrer Kleinlichkeit zu entkleiden und in die Erörterung des Prinzipiellen einzutreten«.'?* Andere Vereine waren sehr wohl in die lokale Politik involviert. Dies galt insbesondere für Duisburg, wo die liberale Vereinigung unter dem Namen des»Jüdisch-liberalen Vereins« in Gemeindeaktivitäten aktiv war, um die lokalen Liberalen beim Kampf gegen die zionistische Gemeindeleitung zu unterstützen. Auf den Vereinsversammlungen wurden immer wieder Gemeindeangelegenheiten erörtert, wobei die amtierende Gemeindeleitung heftig kritisiert wurde und Fragen in bezug auf die Wahlpropaganda zur Sprache kamen.!?® Der Verein in Dortmund, der viele Jahre lang unabhängig von der Gemeindepolitik tätig gewesen war, führte im November und Dezember 1928 Diskussionsveranstallungen über die Arbeit der liberalen Repräsentanten in der Gemeindeleitung und die anstehenden Gemeindewahlen durch.‘?? Zum anderen griffen die Liberalen im Rahmen der Gemeindewahlkämpfe nun zu einem Mittel, das sie in der Vergangenheit nicht angewandt hatten und das selbst in Berlin nicht häufig gewesen war: die Teilnahme an Versammlungen anderer Vereine. In Dortmund war es im Dezember 1929— am Vorabend der Wahlen zur Gemeindeleitung am 12. Januar 1930— zu einer Vereinbarung über das künftige Gemeindewahlsystem zwischen den Liberalen und der»Ostjüdischen und konservativen Vereinigung« gekommen. Die Zionisten nahmen an den Gesprächen teil, stimmten der Abmachung jedoch nicht zu. Im weiteren Verlauf bekämpften die Zionisten diese Vereinbarung, u. a. durch die Teilnahme an den Versammlungen der anderen Organisationen, wie es bei ihnen oh122 Zwei Meldungen in: ebd., Ausgabe vom 22. 3. 1929, Beil., S. 4. 123 Ebd., Ausgabe vom 26. 4. 1929, Beil., S. 4. 124 Ebd., Ausgabe vom 5. 2. 1930, 8. 6. 125 Ebd. 126 Vgl. z. B. ebd., Ausgabe vom 27.4. 1928, Beil., S, 2. 127 Am 2. November 1929 diskutierte die Versammlung über die Frage»Welche Forderung stellen wir an unsere religiös-liberalen Gemeindevertreter?« Vgl. ebd., Ausgabe vom 13. 11. 1929, S. 4. Die Einladung zur Versammlung über die Gemeindewahlen in: ebd., Ausgabe vom 18. 12. 1929, 3. »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« 117 nehin üblich war. So nahmen sie unter der Führung von Dr. Berl an der allgemeinen Wahlversammiung der Liberalen am 7. Januar(die Liberalen beklagten sich über Störungen) und auch an einer Wahlversammlung der»Ostjüdischen Vereinigung« am 9. Januar teil. Auf beiden Versammlungen sprach sich Dr. Berl im Rahmen der offenen Publikumsdiskussion gegen den Kompromiß aus. Auf der zweiten Versammlung war allerdings auch der Führer der Liberalen, Dr. Richard Fiörsheim, anwesend, der Berls Ausführungen in einer Gegenrede zurückwies. Man müsse ihm dafür dankbar sein, schrieb die JLZ, daß die ostjüdischen Gemeindemitglieder der Abmachung ihrer Organisation mit den Liberalen zustimmten und nicht den Versuchen der Zionisten erlagen, sich selbst als die politischen Führer der Ostjuden darzustellen.!?* Generell verschärften sich Ende der 1920er Jahre die Propagandamittel, zu denen die verschiedenen Seiten griffen. Vor den Gemeindewahlen in Dresden im Jahre 1929 schrieb die JLZ, die»Jüdische Volkspartei« führe einen Wahlkampf mit»Mitteln, die stark an die Methoden eines Hitler erinnern«. Derartige Äußerungen vermehrten sich im Laufe des Jahres 1930. Michael Brenner weist darauf hin, daß»die Taisache nicht verkannt werden[darf], daß der aggressive politische Stil, der in Deutschland zu dieser Zeit um sich griff, in gewissem Sinn in der innerjüdischen Politik reflektiert wird«.'” VII. DIE WAHLEN ZUM PREUSSISCHEN LANDESVERBAND JÜDISCHER GEMEINDEN VON 1930 Wohl auch deshalb bereiteten sich die verschiedenen Parteien bereits von vornherein auf einen schweren Wahlkampf zu den Wahlen zum Preußischen Landesverband vor, die am 30. November 1930 stattfinden sollten,'?® Anders als in der Vergangenheit riefen die Parteien und Verbände bereits ein Jahr vor den Wahlen Gremien zur Vorbereitung des Wahlkampfes ins Leben.!*! Der Wahlerfoig der Nationaisozialisten bei den Reichstagswahlen im September 1930 aber veränderte die Situation völlig. Einfiußreiche Stimmen der jüdischen Öffentlichkeit begannen, in dieser schweren Zeit nach Einheit zu rufen, um einen öffentlichen Wahlkampf zu verhindern.!*? Dazu gehörte auch die auflagenstärkste jüdische Zeitung, das»Israelitische Familienblatt«. Auf ihren Seiten sind der Druck der öffentlichen Meinung auf die Parteienapparate sowie deren Gegenreaktionen besonders gut zu verfolgen. Am 1. Oktober 1930 verÖöffentlichte die Zeitung eine Reihe von Aufrufen, die von verschiedenen Seiten unter dem Titel»Einigkeit im deutschen Judentum« und»Kein innerjüdischer Wahlkampf« publiziert wurden.'® Doch die Parteien, die sich auf einen intensiven Wahlkampf vorbereitet hatten, gaben dem öffentlichen Druck nicht nach und planten weiterhin einen öffentlichen Massenwahlkampf— wobei sich die Liberalen nicht weniger, sondern vielleicht sogar noch stärker engagierten als die Zionisten. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung mußten sich die Parteien schließlich auf Verhandlungen über eine gemeinsame Liste einlassen. Noch während dieser Verhandlungen führten die Organisationen und die zum Zwecke des Wahlkampfs eingerichteten Gremien den Wahlkampf auf VersammJungen und in der Presse in vollem Umfange weiter. Der Vorschlag, die Amtsperiode der 128 Ebd., Ausgabe vom 22. 1. 1930, S. 4; zu dem Kompromiß vgl. auch: ebd., Ausgabe vom 8. 1. 1930, S. 4 und S. 6. Zur zionistischen Haltung vgl. JR, Ausgabe vom 21. I. 1930, S. 44, wobei nicht über die zionistische Teilnahme an den Versammlungen der Gegner berichtet wird. 129 Brenner, Volkspartei, S. 161. 130 Zu den Wahlen siehe: Birnbaum, S. 210-215. 131 Dies ergibt sich aus: Israetitisches Familienblatt, Ausgabe vom 6. 11. 1930, 8. 1. 132 Brenner, Volkspartei, S. 156 f. 133 Israelitisches Familienblatt, Ausgabe vom 1. 10. 1930, S. 1. 118 Jakob Borut Institutionen des Preußischen Landesverbandes zu verlängern, wurde schließlich von allen Seiten, aber nicht von den Liberalen akzeptiert, weil»ihre Wahlvorbereitungen zu weit vorgeschritten seien, um sie in diesem Zeitpunkte noch abblasen zu können«.!* Letztlich aber hatte der Druck der Öffentlichkeit, der verschiedenen jüdischen Organisationen und der Presse Erfolg. Im Laufe des Novembers bildeten sich an verschiedenen Orten Koalitionslisten. Darüber wurde im»Israelitischen Familienblatt« und auch in den Parteizeitungen— hier jedoch weniger akzentuiert und nicht auf der ersten Seite, sondern zurückhaltend im Rahmen der Lokalberichte— informiert. Ähnliche Vereinbarungen wurden auch für die Wahlen zu den Repräsentanten-Versammlungen der verschiedenen Gemeinden getroffen, die am gleichen Tag stattfinden sollten.‘ Anfang November wurden Kompromisse in Westfalen und Duisburg auf der Basis einer Einheitsliste erzielt.'® Eine Woche später kam es zu einer ähnlichen Abmachung in Köln.!” Schließlich wurden in ganz Deutschland außer in Berlin gemeinsame Listen aufgestellt.'** In Berlin dagegen fand ein harter Wahlkampf statt, und zwar sowohl im Rahmen der Wahlen zum Preußischen Landesverband als auch bei den Wahlen zur Gemeindeleitung. Alle Kompromisse waren zurückgewiesen worden.!” Die Liberalen griffen in diesem Wahlkampf zu allen Mitteln der Massenpropaganda, von denen sich ihre Wähler Anfang und noch Mitte der 1920er Jahre distanziert hatten. So gab es auch schwere Störaktionen auf Versammlungen der Zionisten.'* Der Erfolg blieb diesmal nicht aus: Sie gewannen die Wahlen. Der liberale Wahlkampf wurde von den Gegnern mit den folgenden Worten beschrieben:»Die Liberalen haben mit dem Aufwand ungeheurer Mittel in einem hemmungslos geführten Wahlkampf eine Fülle von früheren Nichtwählern an die Urne gebracht.«'*' Die Zionisten konnten in Berlin zwar 9000 Wählerstimmen hinzugewinnen, doch reichte dies nicht aus, um die erfolgreiche Werbung zahlreicher Neuwähler und die Aktivierung früherer Nichtwähler auszugleichen, die den Liberalen mittels der von ihnen eingesetzten Massenpropaganda und insbesondere durch ihre heftigen Attacken auf die Gegner gelang. Um das Ausmaß des Wandels im Stil der liberalen Politik zu erkennen, sollte man sich das oben angeführte Zitat aus der JLZ in Erinnerung rufen, mit dem die Zeitung den Berliner Wahlkampf von 1922 zusammengefaßt hatte, Damals hieß es, die Liberalen hätten ihren Wahlkampf aus Furcht eingeschränkt, den Antisemitismus zu nähren, während die Zionisten darauf keine Rücksicht genommen hätten. Im Jahre 1930 richteten die Zionisten den gleichen Vorwurf an die Liberalen. So schrieb Alfred Klee, der Führer der Zionisten in Berlin:»Unsere Freunde [haben] durchgängig auch im Wahlkampfe ein Verantwortungsgefühl gegenüber der Gesamtheit gezeigt[...], das dem Ernst der gesamtjüdischen Situation entspricht. Tief bedauerlich, daß das nicht auf allen Seiten so war.«'*? Die erzielten Verständigungen waren auch in den meisten Gemeinden nur von befristeter Dauer. Unmittelbar nach den Wahlen brachen die Auseinandersetzungen in den Gemeinden wieder auf, Schon Anfang Dezember 1930 berichtete das»Israelitische Fa134 Leo Kreindler, Innerjüdischer Wahlkampf oder Einigung? Jüdische Tragödie, in: ebd., Ausgabe vom 6, 11. 1930, 5. 1f. Zum Widerstand der zionistischen Zeitung in Breslau gegen den Kompromiß siehe Brenner, Volkspartei, S. 161. 135 Kraelitisches Familienblatt, Ausgabe vom 20. 11. 1930, 8. 1. 136 Ebd., Ausgabe vom 13. 11. 1930, S. 2; JR, Ausgabe vom 4. 11. 1930, S. 575. 137 Israelitisches Familienblatt, Ausgabe vom 20. 11. 1930, S. 2. 138 Ebd., Ausgabe vom 27. 11. 1930, 5. f. 139 Brenner, Volkspartei, S. 158-161 140 Siehe z. B. JR, Ausgabe vom 18. 11, 1930, S. 609, 141 Ebd., Ausgabe vom 2. 12. 1930, S. 639. 142 Ebd., Ausgabe vom 5. 12. 1930; S. 645. Vgl. die entsprechende Äußerung während des Wahlkampfes selbst: ebd., Ausgabe vom 21. 11. 1930, S. 612. »Das ungewohnte Bild jüdischer Wahlversammlungen« 119 milienblatt« über erneuten Streit in Leipzig und Chemnitz über das Wahlrecht von»Ostjuden«.!® Das Verantwortungsgefühl, das die verschiedenen Seiten während der Wahlen zum Preußischen Landesverband gezeigt hatten, war auf lokaler Ebene gänzlich verschwunden. In den Jahren vor 1933 kam es deshalb erneut zu äußerst heftigen Wahlkämpfen. Und wieder wurde der jeweilige Gegner mit den Antisemiten und sogar mit den Nationalsozialisten verglichen.!** Selbst in Fällen, in denen der Ruf des Judentum auf dem Spiel stand und den Antisemiten starke Munition geliefert wurde, fanden sich auf lokaler und provinzieller Ebene viele eifrige Politiker, die einen Sieg um jeden Preis erringen wollten.!® VIII. ZUSAMMENFASSUNG Ziel dieses Aufsatzes war die Darstellung des Wandels im Wahlkampfstil liberaler deutscher Juden im Kaiserreich und in den 1920er Jahren. Während man in Berlin bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu den Mittel der Massenpropaganda gegriffen hatte, stützten sich die Liberalen in den Provinzgemeinden, wie z.B. im Rheinland oder in Westfalen, noch zu Beginn der 1920er Jahre auf das System der Honoratiorenpolitik. Im Laufe der Weimarer Republik veränderte sich aber auch hier schrittweise der Charakter der liberalen politischen Agitation— ein Wandel, der sich direkt aus dem Wandel des politischen Klimas in Deutschland ergab und der in Parallelität zu generellen Veränderungen innerhalb der liberalen Parteien gesehen werden muß, Dieser Umstand illustriert eindrücklich den starken Einfluß der deutschen Politik auf das innerjüdische politische Geschehen, Gegen Ende der 1920er Jahre waren die im Gegensatz zur alten Honoratiorenpolitik stehenden Mittel der Massenpolitik, die man auf liberaler Seite zunächst so stark abgelehnt hatte, zur akzeptierten Wahlkampfmethode auch der Liberalen geworden. Die Radikalisierung des Wahlkampfes führte zu intensiven Gefühlen gegenseitiger Abneigung zwischen den verschiedenen Strömungen innerhalb der deutschen Judenheit. Ignoriert wurden die Interessen der allgemeinen jüdischen Öffentlichkeit als einer Minderheit innerhaib einer zunehmend feindselig eingestellten Umwelt. Erst die Machtergreifung der Nationalsozialisten bereitete diesen Auseinandersetzungen ein Ende, 143 Israelitisches Familienblatı, Ausgabe vom 11.12, 1930, S. 1 f.; Brenner, Volkspartei, S. 164 ff. 144 Vgl. Brenner, Volkspartei, S. 166. 145 Zu einem entsprechenden Fall in Recklinghausen 1931/32, der noch beigelegt werden konnte, bevor die Sache an die Öffentlichkeit gelangte: Jacob Borut, The Affair of the Preacher Horwitz in Recklinghausen, A Chapter from the Zionist Life of the German Communities, in: Zionism 19, 1995, S. 67-88(hebr.).