Janusz Zarnowski Soziale, wirtschaftliche und kulturelle Auswirkungen der Technisierung in Polen 1918-1939 Erfahrungen in einem spät industrialisierenden Land Der Verfasser des vorliegenden Artikels befaßt sich vorwiegend mit der neueren und neuesten Geschichte Polens, ihn interessieren die verschiedenen Zeitabschnitte sowie die unterschiedlichen Aspekte derselben. Im Laufe seiner Untersuchungen über die polnische Gesellschaft der Zwischenkriegszeit! hat er versucht, die Rolle der Technik als Faktor ihrer Entwicklung zu erklären, und in dieser Zielsetzung ein Buch geschrieben, das, wie er hofft, in Kürze im Druck erscheinen wird. Es erhebt sich jedoch die Frage, inwieweit die Erfahrungen eines Landes wie Polen für allgemeinere Erwägungen, die seine Grenzen überschreiten, bedeutsam sein können, Auf den ersten Blick scheint es, daß der Einfluß der Technik auf die gesellschaftliche— eingeschlossen die wirtschaftliche, zivilisatorische und kulturelle— Entwicklung am leichtesten am Beispiel eines hochentwickelten und über eine zeitgemäß am stärksten entwickelte Technik verfügenden Landes zu verfolgen sei. Gewiß ist es in solch einem Falle gestattet, allgemeine Beurteilungen zu formulieren, die universellere Werte aufweisen können, und die festgestellten Richtungen der Entwicklung der Technik und ihrer Einflüsse auf die verschiedenen Sphären des gesellschaftlichen Lebens können vielleicht die Veränderungen präfigurieren, die im Laufe der Zeit in jenen Ländern auftreten werden, die augenblicklich in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind. Natürlich ist dies ein ziemlich naives Schema, existieren doch in Wirklichkeit Unmengen von Varianten des Szenariums der geseilschaftlichen und zivilisatorischen Entwicklung, die zuweilen sehr verschiedene Inhalte aufweisen, Diese Tatsache schließt jedoch die Tatsache der Bedeutung nicht aus, die die Erforschung der Länder von entwickelter technisch-zivilisatorischer Struktur hat, Es hält auch nicht schwer, auf den Nutzen hinzuweisen, den die Untersuchungen über die erwähnten Probleme am Beispiel eines Landes oder einiger Länder bringen, deren gesellschaftlich-wirtschaftliche Entwicklung auf sehr niedriger Stufe steht und die in bedeutendem Maße im Stadium der naturwüchsigen oder vorindustriellen Wirtschaft leben, Die Einführung von Elementen neuzeitlicher Technik läßt sich dann leicht beobachten, ebenso wie ihre Einwirkung auf dem Gebiete der Produktion, Konsumtion und Infrastruktur. Aber das Polen des 19. und 20. Jahrhunderts war weder ein führendes noch ein äußerst rückständiges Land, was die technisch-zivilisatorische Entwicklung anbetrifft. In den Zeiten der Teilung, d. h. vor 1914/18, gehörten die polnischen Gebiete zu den wirtschaftlichen Orga1. Folgende Bücher behandeln diese Probleme der Zwischenkriegszeit: Janusz Zarnowski, Struktura spofeczna inteligencji w Polsce w latach 1918-1939(Geselischaftliche Strukturen der Intelligenz in Polen in den Jahren 1918-1939), Warszawa 1964; ders., Spofeczenstwo Drugiej Rzeczypospolitej, 1918-1939(Die Geselischaft der Zweiten Republik, 1918-1939), Warszawa 1973. Siehe auch: Janusz Zarnowski, Social Structure of Poland, 1918-1939, in: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. XXV, 1985, S. 601-610. Die Bezugnahme auf Bücher und Dokumente in polnischer Sprache wurde mit Rücksicht auf den der polnischen Sprache nicht mächtigen Leser auf ein Minimum begrenzt. Eine Ausnahme bildet das Statistische Jahrbuch. 268 Janusz Zarnowski nismen der Teilungsmächte, un: ist kaum möglich, von ihnen als von einem Ganzen zu sprechen, weil sie eben keine Ganzneit bildeten. Einerseits waren im Falle des Königreichs Polen die polnischen Gebiete im allgemeinen in zivilisatorischer Hinsicht fortschrittlicher als das übrige russische Imperium, andererseits gehörte Galizien mit Krakau und Lemberg zu den ärmsten Teilen der habsburgischen Monarchie. Viel komplizierter war die Situation der polnischen Gebiete im preußischen Staate. Doch in den Jahren 1918-1939 kann schon von einem mehr oder weniger einheitlichen wirtschaftlichen Organismus gesprochen werden, obwohl bis zum Ende dieser Zeitspanne die Integration der ehemaligen Teilgebiete noch nicht vollendet war. Deswegen kann man das damalige Polen als ein Ganzes ansehen. Es war dies ein für europäische Verhältnisse ziemlich großes Land, das sowohl hinsichtlich seines Territoriums als auch seiner Bevölkerungszahl den sechsten Platz(ohne Rußland den fünften) auf diesem Kontinent einnahm. Polen kann als Repräsentant des peripheren Kapitalismus interessieren, der damals doch den größten Teil Europas mit Ausnahme Sowjetrußlands umfaßte. Ich nehme an, daß gewisse Eigenschaften der polnischen Gesellschaft und Zivilisation behilflich sein können, um sich eine Meinung über Gesellschaften zu bilden in Mittel-Osteuropa(z. B, Ungarn), auf dem Balkan, in Italien(in den Zwischenkriegsjahren gehörte Italien als ganzes eher zum peripheren als zum industrialisierten Europa) oder auf der iberischen Halbinsel. Die Erforschung dieser Gesellschaften, für die Polen ein ganz gutes Beispiel ist, kann Materialien liefern, die sowohl gewisse heute die sogenannte Dritte Welt, vorher aber den agrarischen Teil Europas betreffende Probleme erklären können, als auch zur Interpretation gewisser Entwicklungsmerkmale dieser Gesellschaften nach dem 2. Weltkrieg dienen mögen, Dies alles ist um so interessanter, als ein Teil dieses Gebietes sich unter dem Einfluß der UdSSR befand und sich gemäß dem sowjetischen Modell entwickelte, der übrige Teil hingegen in der kapitalistischen Welt verblieb. Warum kann jedoch Polen ein entsprechender Repräsentant von Agrar-Europa sein? Es war ein Land, das bedeutende Unterschiede aufwies hinsichtlich seines beträchtlichen Gebietes und seiner zahlreichen Einwohnerschaft; in wirtschaftlicher Hinsicht betrug der Produktionswert pro Kopf so viel, daß es in der Mitte zwischen Ungarn und Italien einerseits und Jugoslawien, Bulgarien und Portugal andererseits zu plazieren war.” Indem wir ständig die weit den rein polnischen Problemkreis überschreitenden Interpretationsmöglichkeiten im Auge behalten, wollen wir die Eigenschaften der Wirtschaft, Technik und Zivilisation betrachten, die sowohl für Polen als auch für andere auf ähnlicher EntwickJungsstufe befindliche Länder charakteristisch sind. Hierbei denken wir an die ungleichmäBige und an die inselartige Entwicklung der neuzeitlichen Technik. Was Polen anbelangt, hatte es zwar hochindustrialisierte und verstädterte Gebiete aufzuweisen, doch wog die Landwirtschaft vor, die ca. 60-65% der Bewohner unterhielt.” Wir wollen hierzu bemerken, daß die Mehrzahl der Bewohner(von 50 bis 80%) solcher Länder wie Ungarm, Spanien, Estland, Irland, Lettland, Finnland, Rumänien, Litauen, Jugoslawien und Bulgarien von der Landwirtschaft lebte.* Polen zählte also zu den anderen angeführten Ländern, in denen die Agrarwirtschaft überwog und deren wichtigsten Bestandteil die Vielzahl der Kleinbauern darsteilte. Im Meer dieser kleinen Anwesen, bei denen im allgemeinen der Boden auf traditionelle, an das 19. Jahrhundert erinnernde Weise bestellt wurde, erhoben sich wie Inseln in2 Eine Schätzung des Wertes der Produktion in Industrie, Bergbau und Landwirtschaft insgesamt und pro Einwohner bearbeitete für 1929 Ludwik Landau: Für Polen werden jährlich pro Kopf 610 zl berechnet, bei einem Mittel von 640 z] für das gesamte landwirtschaftliche Europa und bei nachstehenden Werten für folgende Länder; Italien 880, Ungarn 830, Balkanländer 450, Portugal 460. Siehe Ludwik Landau, Gospodarka$wiatowa(Weltwirtschaft), Warszawa 1939. 3 Zarnowski, Social Structure, Table 1, S, 603; Z. Svennilson, Growth and Stagnation in the European Economy, Geneva 1954, Table A.6, S. 241, 4 L. Landau(wie Anm. 2). Soziale, wirtschaftliche und kulturelle Auswirkungen der Technisierung in Polen 269 dustrialisierte Gebiete, die Hochburgen der zeitgenössischen Technik waren. Dies war in der Tat ein inselartiger Kapitalismus, der sich nicht nur durch den Gegensatz von Industrie und primitiver Landwirtschaft, sondern auch z, B, innerhalb der industriellen Kreise kundtat, wo moderne Anlagen von kleinen Handwerksbetrieben oder kleinen Fabriken umgeben waren. Bleiben wir vorläufig bei dem erwähnten Gegensatz von Industrialismus und traditioneller, rückständiger Landwirtschaft, wobei wir einen gewissen Konventionalismus des Ausdrucks »insularer Kapitalismus« unterstreichen wollen. Am stärksten trifft diese Bezeichnung für das zentrale Polen— das ehemalige Königreich Polen unter russischer Oberhoheit— zu, Hier konzentrierte sich die Industrie in großen Ballungen, von denen meist die folgenden erwähnt werden: Warschau, Lödz mit Umgebung und das Becken von Dabrowa. Diese Zentren waren wirkliche Inseln‘ in der Agrarlandschaft des ganzen Landes(mit einer gewissen Einschränkung, denn es bestanden noch andere, kleinere Industriezentren). Einer noch stärkeren Inselbildung war die schwach entwickelte Industrie im ehemaligen österreichischen Teilgebiet— in Galizien-- unterworfen. Im Osten des Flusses Bug gab es fast keine Industrie (Ausnahme Biatystok mit Textilindustrie), unzählige bäuerliche Anwesen bedeckten den ganzen Siedlungsraum, von wenigen Kleinstädten und Kleinstädtchen sowie den Latifundien der Großgrundbesitzer abgesehen, Der inselartige Charakter der neuzeitlichen Technik als Merkmal in Polen und ähnlichen Ländern kann auf zweierlei Weise verstanden werden. Einerseits sind die primitiveren Produktionsformen das überwiegende Element im allgemeinen Bild. Andererseits besteht die Möglichkeit, daß modernste Techniken funktionieren- seltener in einem ganzen Industrieoder Wirtschaftszweig, des öfteren in einzelnen neuzeitlichen Unternehmen oder Systemen {z. B. im Nachrichtenwesen oder Transport), in den meisten Fällen jedoch in Gestalt einzelner moderner Einrichtungen. In der Folge tritt die moderne Technik also kaum komplex auf. Der ungemein moderne Charakter der in der Industrie oder im Transport(z. B. im Flugwesen) installierten Einrichtungen unterstrich unter anderem die Tatsache, daß der überwiegende Teil dieser Technik nach Polen(und ähnlichen Ländern) importiert wurde, Diese importierten Einrichtungen waren zuweilen die modernsten ihrer Art, unabhängig vom technischen Niveau der gesamten Branche sowie von der inländischen Maschinenbauindustrie, Diese Erscheinung sollte nicht negativ bewertet werden. Diese im Verhältnis zum durchschnittlichen Niveau disproportionierten Fragmente der neuen Technik eröffneten der künftigen Entwicklung die Tore und ermöglichten es auch, einen Kontakt mit den vorrangigen Industriestaaten auf dieser so ungemein wichtigen Ebene aufrechtzuerhalten, Nun wollen wir eine Übersicht über die technischen Errungenschaften oder ihren Mangel in den einzelnen Zweigen der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens bringen, um darauf eine Bewertung des Einflusses der Technik auf die verschiedenen Sphären der polnischen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit vorzunehmen. Wir beginnen natürlich mit der Industrie, die in der Zwischenkriegszeit in der ganzen Welt wichtige Veränderungen aufzuweisen hatte, ohne zu offensichtlichen Revolutionen im Stile des 19. Jahrhunderts zu führen. Die Veränderungen, die in der polnischen Industrie vor sich gingen, wobei wir uns auf die mit dem technischen Problemkreis zusammenhängenden Umsgestaltungen beschränken, umfaßten im großen und ganzen die folgenden: — eine weitere Elektrifizierung und Propagierung des elektromotorischen Antriebs; — eine Vergrößerung zahlreicher technologischer Parameter bei gleichzeitiger Verbesserung der Konstruktion von Maschinen und der Materialfestigkeit; — eine Beherrschung der Produktion vieler Erzeugnisse, die bisher nicht in Polen hergestellt wurden, besonders im Bereich des Hüttenwesens, des Maschinenbaus und der chemischen Industrie(mit Einschluß der Pharmazeutik); — eine Einführung der»wissenschaftlichen Arbeitsorganisation« oder»Rationalisierung«, was zu einem bedeutenden Anstieg der Arbeitsintensität führte. 270 Janusz Zarnowski All diese Veränderungen, insbesondere die letztgenannte Kategorie, waren intensiv mit den Veränderungen der Arbeitskultur bei der Arbeiterklasse sowie mit den Veränderungen der Kultur der industriellen Arbeit verbunden. Die Industrie im Polen der Zwischenkriegszeit lieferte einen Anteil am Nationaleinkommen, der von den Forschern recht verschieden eingeschätzt wird, im allgemeinen auf 35—45 %, während der Anteil der Landwirtschaft meist auf 50-65% berechnet wird. Von der Industrie lebten 20-25% der Bewohner. Unter dem Einfluß der Entwicklung der Industrie, die in der Zeitspanne von 1918 bis 1939 als sehr bescheiden bezeichnet werden muß, stieg die Zahl der Arbeiter an, was einen der wichtigen Prozesse in der Zwischenkriegszeit darstellt. Diese Arbeiterbevölkerung vermehrte sich um die Hälfte und zählte vor 1939 etwa 11 Millionen— also 30% der Gesamtbevölkerung, Doch überschritt die Zahl der Arbeiter um ein Vielfaches die Zahl der neu entstandenen Arbeitsplätze, was eine chronische Arbeitslosigkeit in Polen zur Folge hatte, Unabhängig von dieser Quelle der Arbeitslosigkeit, die ihren Ursprung im Zuzug der ländlichen, in der Landwirtschaft keine Arbeit findenden Bevölkerung in die Industriezentren hatte, trat auch eine technologische Arbeitslosigkeit auf, die von dem bedeutenden Wirtschaftswissenschaftler Ludwik Landau erforscht wurde.‘ Diese Arbeitslosigkeit schätzte er in den Jahren 1929 bis 1935 auf 100 000 Personen(in der Schwer- und mittleren Industrie), also auf ein Drittel der gesamten Arbeitslosen, Es muß zugegeben werden, daß dieser Anteil unerwartet hoch ist, was auf eine bedeutende Umgestaltung innerhalb der Industrie hinweist, und das sowohl auf dem Gebiete neuer technischer und technologischer Realisierungen als auch hinsichtlich der Organisation und allgemeinen Rationalisierung der Arbeit. Diese Bemerkungen betreffen fast ausschließlich die maschinelle Großproduktion, denn in der rückständigen Kleinindustrie kann kaum die Rede von einer technologischen Arbeitslosigkeit sein, da dort keine durchgreifenden technischen Veränderungen eingeführt worden waren. Unter dem Einfluß der zwar begrenzten, aber doch erfaßbaren Entwicklung der Industrie fand die Industrialisierung der Arbeiterklasse statt. Im Laufe der Zwischenkriegszeit wuchs der Prozentsatz der in der Industrie beschäftigten Arbeiter von 40 auf 50% der Gesamtheit der Arbeiter an. In den Jahren 1918 bis 1939 wurden in Polen die meisten Arbeiter von der metallurgischen Industrie, von der Maschinenbauindustrie sowie von der Textilindustrie beschäftigt; viele fanden auch im Bergbau, hauptsächlich im Kohlenbergbau, ihren Broterwerb, Hier handelte es sich um»alte« Industriezweige, d. h. solche, die schon im 19. Jahrhundert stark entwikkelt waren und über ein teilweise veraltetes Produktionskapital verfügten. In der Zwischenkriegszeit fand jedoch eine partielle Konversion dieser Industriezweige statt. Es muß unterstrichen werden, daß die verhälinismäßig neuen und modernen Industriezweige, wie die chemischen und elektrotechnischen, sich schnell entwickelten, doch beschäftigten sie verhältnismäßig wenige Arbeiter. Interessant ist, daß im Jahre 1937 von allen Branchen den größten Umsatz die Lebensmittelindustrie verzeichnete, die vor allem primitive und kleine Betriebe umfaßte(mit gewissen Ausnahmen der für den Export arbeitenden Fabriken).’ Die schnellste Produktionszunahme betraf dagegen die damals modernsten Branchen, wie die elektrotechnische Industrie oder die Herstellung von Flugzeugen oder Telefongeräten. Wenn wir die Entwicklung der technischen Industrie in Polen in den Jahren 1918 bis 1939 überblicken, gelangen wir zu einer wichtigen Schlußfolgerung, die, wie es scheint, weit über die polnischen Verhältnisse hinausreicht. In diesem Zeitabschnitt spielte nämlich der Staat 5 Z, Landau/J. Tomaszewski, Druga Rzeczpospolita(Die Zweite Republik), Warszawa 1967, S. 68. 6 Ludwik Landau, Bezrobocie technologiczne w przemy$le polskim w latach 1929-1935(Die technologische Arbeitslosigkeit in der polnischen Industrie in den Jahren 1929-1935), Warszawa 1938, 7 Maty Rocznik Statystyczny(Kleines Statistisches Jahrbuch) 1939(weiterhin MRS), S. 134-138, ‚Soziale, wirtschaftliche und kulturelle Auswirkungen der Technisierung in Polen 271 eine ungemein wichtige und oft entscheidende Rolle in der Entwicklung der technisch fortschrittlichen Produktion und in der Modernisierung der industriellen Infrastruktur sowie des Transportes und Fernmeldewesens, und zwar gemeinsam mit der Armee, Dies war in einem Lande wie Polen verständlich, wo das einheimische Kapital schwach war und das Ausland vor riskanten Anlagen zurückschreckte, falls keine staatlichen Garantien vorlagen. Die Armee finanzierte die Rüstungsindustrie oder nahm an deren Finanzierung teil, schuf die Staatlichen Flugzeugwerke PZL, eine später wohlbekannte Herstellerfirma von Flugzeugen, und die Staatlichen Ingenieurwerke, die eine Anzahl von Kraftwagen, Motoren u. a. herstellenden Betrieben umfaßten. Der Staat entschied über den Bau großer neuzeitlicher Chemiebetriebe, der Staat realisierte auch das weitbekannte Programm der Organisierung des Zentralen Industriegebietes(COP) im Süden Polens, wo sowohl hauptsächlich dem Maschinenbau gewidmete Betriebe als auch eine industriell-energetische Infrastruktur entstanden. Ein besonders großer Sektor, der nach der Teilnahme des Staates in Schwung kam, war die maritime Wirtschaft. Polen hatte im Jahre 1919 einen kleinen Küstenstreifen erhalten; es hatte praktisch keinerlei maritime Traditionen, Danzig ausgenommen, das sich jetzt als Freie Stadt vor allem bemühte, Polen und seiner Wirtschaft Schaden zuzufügen, Trotzdem schuf Polen im Laufe einiger Jahre einen modernen Hafen in Gdynia, der, was kaum glaubhaft ist, in den dreißiger Jahren gemeinsam mit Danzig den Großteil des polnischen Außenhandels bediente. Es war dies zweifelsohne eine Höchstleistung der staatlichen Wirtschaft, an deren Spitze der berühmte Ingenieur Eugeniusz Kwiatkowski als Minister und Vize-Premierminister sowie der Ingenieur Wenda standen, Ein anderes Gebiet der Wirtschaft, das fast vollständig in den Händen des Staates ruhte, waren der Transport sowie Post und Fernmeldewesen. Hier muß an die Vervollkommnung des Fuhrparks und den Ausbau des Eisenbahnnetzes- unter anderem an die Elektrifizierung des Warschauer Eisenbahnknotenpunktes in den dreißiger Jahren— sowie an die lobenswerte Entwicklung des zivilen Flugwesens erinnert werden. Dem Staate war auch ein verhältnismäßig schneller Aufschwung des Rundfunkwesens zu verdanken, das Ende der dreißiger Jahre über 10 Sender verfügte. Ebenso wurde das neuzeitliche telefonische Verbindungssystem vom Staate ausgebaut. Diese ganze wirtschaftliche Tätigkeit war unter anderem der intensiven Teilnahme des staatlichen Sektors an der Wirtschaft Polens zu verdanken, infolgedessen der Staat die Insti1ution war, in deren Händen sich der überwiegende Teil des akkumulierten Kapitals befand. Im Laufe der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen trat als markantestes Element der Entwicklung der Technik- wie schon erwähnt- die Elektrifizierung der Industrie zutage, Freilich blieben noch viele Betriebe bei ihrem archaischen Dampfantrieb mit Transmissionsriemen. Derartige an das 19. Jahrhundert erinnernde Fabriken konnte man vor allem in kleineren Industriezentren finden, auch waren das meist kleine Betriebe, die selten an die Großindustrie angeschlossen waren, Allgemeines Merkmal der technischen Entwicklung der Industrie war die Modernisierung der Wärme- und Energiewirtschaft, Der Brennstoffverbrauch wurde mit Hilfe des Anhebens verschiedener Parameter erniedrigt, unter anderem durch den Anstieg von Temperatur und Druck in den die Generatoren antreibenden Kesseln. Es wurden auch ein mehrfaches Ausnützen des Dampfes sowie die Anwendung von Koks- und Hochofengas eingeführt. Im Kohlenbergbau war ein bedeutender technischer Fortschritt zu verzeichnen, was sich z. B. durch eine starke Erhöhung der Arbeitsproduktivität kundtat— im Vergleich mit 1913 stieg sie um die Hälfte an.* Diese Produktivität war damals die höchste in ganz Europa. Es wurden neuzeitliche Grubenschächte mit modernem vertikalen Transport gebaut, und in 8 Ebda,, S. 267. Ein gewisser Teil dieses Anstiegs war der konzentrierten Förderung in Gruben mit besseren natürlichen Bedingungen zu verdanken. 272 Janusz Zarnowski bedeutender Anzahl wurden Schrämmaschinen und Bohrmaschinen mit pneumatischem und elektrischem Antrieb eingesetzt. Im horizontalen Transport wurden die Lokomotiven, Transportbänder usw. elektrifiziert. Der technische Fortschritt und der Anstieg der Arbeitsproduktivität umfaßten auch andere Zweige des Bergbaus: die Erschließung von Eisen-, Zink- und Bleierzen sowie des Erdöls, wo die neuesten elektrischen Bohrmethoden und widerstandsfähigere Materialien angewandt wurden. Das Hüttenwesen und die Metallindustrie konnten bedeutende technische Ergebnisse verzeichnen, doch betraf dies im allgemeinen nur die größeren Betriebe. Gegen Ende der dreißiger Jahre wurden in Polen schon alle Stahlarten produziert. In den Jahren 1927 bis 1930 fand eine durchgehende Modernisierung statt. Es wurden neue, durchaus neuzeitliche Hochöfen und Koksofenbatterien errichtet, auch wurden die alten Siemens-Martin-Üfen modernisiert und neue erbaut. Eine neue polnische Gattung von Walzwerken mit kontinuierlicher Straße wurde eingeführt. Das technische Niveau der außerhalb Schlesiens gelegenen Hütten, die in der Regel auch Konstruktionen und Maschinen herstellten, erreichte den Stand der in dieser Region arbeitenden. Es ist zu bedenken, daß zu Beginn der zwanziger Jahre in Polen noch einige altertümliche Puddelöfen Stahl herstellten. Der technische Fortschritt war also bedeutend. Es mag auch vermerkt werden, daß in der Zwischenkriegszeit unter anderem die Produktion von Lokomotiven, verschiedenartigen Ausrüstungen, Automobilen, Straßenbahnwagen, Textilmaschinen aufgenommen wurde, die teilweise den Export bediente. Das Sortiment von bisher hergestellten Metall- und Maschinenerzeugnissen wurde erweitert, Besonders hervorzuheben ist die Produktion von Brücken— wurde doch in den zwanziger Jahren eben in Polen die erste geschweißte(und nicht genietete) Brückenkonstruktion der Welt hergestellt. Gleichzeitig waren die Produktionsmengen und der Stahlverbrauch pro Kopf der Bevölkerung äußerst niedrig. Während gegen Ende der dreißiger Jahre die Bevölkerung Polens halb so groß war wie die deutsche, wurde 10- bis 12mal weniger Stahl produziert als in Deutschland.? Dasselbe Verhältnis betraf ungefähr die Herstellung von Roheisen, Walzerzeugnissen und Zement, Der genannte Vergleich zeigt den Kontrast, der zwischen der technisch fortschrittlichen, einen durchschnittlichen europäischen Stand aufweisenden Produktion und dem sehr niedrigen technisch-zivilisatorischen Niveau des Landes insgesamt bei Berücksichtigung der rückständigen Landwirtschaft bestand. Wurden doch in Polesien, dem rückständigsten Wald- und Sumpfgebiet östlich des Flusses Bug, die Häuser der dort lebenden Weißrussen und Ukrainer ohne Verwendung eines einzigen Nagels gebaut!®, was übrigens auch in anderen Gegenden Polens noch Brauch war. Die Elektrifizierung des Landes und die Einführung der Elektrizität als Antriebskraft führten zur Entwicklung der elektrotechnischen Industrie, die unter anderem auch begann, kleinere Turbinen herzustellen.'! Trotz des raschen Anstiegs der Produktion von Elektroenergie war Polen auf diesem Gebiete im Vergleich mit den führenden westeuropäischen Staaten weit zurück. Im Jahre 1937 produzierte Polen kaum 3,6 Milliarden KWh elektrischer Energie, während die entsprechenden Zahlen in Deutschland 50 Mrd., Frankreich 17,6 Mrd. und sogar in dem kleinen Usterreich 4 Mrd, KWh betrugen. Übrigens stieg die Produktion von Elektroenergie in Polen in den Jahren zwischen 1918 und 1939 sehr stark an, und ihr Wachstumsindex lag nicht unter demjenigen der Welt.'? Aber während z, B. Oberschlesien voll9 Ebda., S. 149. 10 J. Tomaszewski, Z dziejöw Polesia 1921-1933. Zarys stosunköw spoleczno-ekonomicznych(Aus der Geschichte Polesiens. Abriß der gesellschaftlich-ökonomischen Verhältnisse), Warszawa 1963, S. 125. 11 Angaben über die Produktion elektrotechnischer Geräte sowie über die Entwicklung der Industrie entnahmen wir den Materialien des Kongresses der Ingenieure i. J. 1937: I Polski Kongres InZynieröw, tom V(I. Polnischer Kongreß der Ingenieure, Bd, V}, Lwöw 1937, 12 MRS 1939, 5. 127 f. ‚Soziale, wirtschaftliche und kulturelle Auswirkungen der Technisierung in Polen 273 ständig elektrifiziert war, wurden sogar im ehemaligen preußischen Teilgebiet(in Posen und Pommern) die Dörfer nur in geringem Maße mit Strom versorgt, und selbst viele kleinere Städte verfügten noch nicht über Elektrizität. Der Kontrast zwischen den Wohnungen der Warschauer Intelligenz und des Bürgertums mit ihren Rundfunkgeräten, elektrischen Klingeln, Staubsaugern, elektrischen Heizkörpern und Kochern sowie dem Dorf, das die Elektrizität oft nur vom Hörensagen kannte, war immens. Im Laufe der Zwischenkriegszeit wurden die Elektrizitätswerke durchgehend modernisiert, indem vor allem die Betriebskennwerte der Kessel angehoben wurden. Was die chemische Industrie anbelangt, ist der Bau neuer, hauptsächlich Stickstoffkunstdünger produzierender Fabriken zu verzeichnen, die derartige Dünger sowie auch andere auf Stickstoff basierende Produkte mit Hilfe des in der Luft enthaltenen Stickstoffs herstellten— diese neue Methode war das Verdienst des späteren Staatspräsidenten(1926-1939) Prof. Ignacy Moscicki. Die Liste der chemischen Produkte, deren Produktion aufgenommen wurde, war sehr umfangreich und umfaßte auch zahlreiche Ausgangsgüter, wie Säuren, Basen und Salze, die vor 1918 nicht in Polen hergestellt worden waren, Aber des Kontrastes wegen erinnern wir daran, daß der Verbrauch von Kunstdüngern zum besten Zeitpunkt nicht einmal 40% der Konsumtion von vor 1914 betrug, und zwar infolge der Degradierung der Landwirtschaft im ehemaligen preußischen Teilgebiet, das bis zu diesem Jahr den großen deutschen Absatzmarkt beliefert hatte. Hier trat also wiederum der Gegensatz zwischen der neuzeitlichen Produktion und dem niedrigen allgemeinen technischen Niveau des Landes zutage, was die Entwicklung der modernen Industrie angesichts des unzulänglichen Absatzmarktes hemmte. Auf diesem Gebiet war die staatliche Initiative von großer Bedeutung — so wurde u. a. bei Tarnöw im Laufe von drei Jahren eine große moderne Fabrik,»Azoty«, errichtet. Zu der chemischen Industrie gehörte auch die Herstellung von Pharmazeutika, deren Anzahl von den 1920 produzierten 20 bis auf 2 000 im Jahre 1939 stieg.'? Mit diesem Produktionszweig befaßten sich meist kleinere, aber modern ausgestattete Betriebe, die die Herstellung von Organpräparaten, Barbitursäurepräparaten und einigen hormonalen Präparaten gemeistert hatten. Im Jahre 1937 wurden in der Fabrik von Spiess die ersten Sulfonamide erzeugt. Die Textilindustrie mußte sich nach dem ersten Weltkriege durchgehend umstellen— vor dem Kriege hatte sie den wenig anspruchsvollen russischen Markt beliefert, jetzt aber bediente sie den polnischen Binnenmarkt, der höhere Qualitäten von Baumwollstoffen sowie gemäß der neuen Mode dünne Strümpfe und Socken forderte, was die Einführung gänzlich neuer Maschinen notwendig machte.'* Anfänglich wurden sie hauptsächlich aus England importiert, doch konnten in den dreißiger Jahren schon Maschinen polnischer Produktion 13 T. Kikta, Przemyst farmaceutyczny w Polsce 1823-1939(Pharmazeutische Industrie in Polen 1823-1939), Warszawa 1972, S. 50. 14 Diesbezügliche Informationen entnahmen wir u. a. dem 14. Bd. der umfassenden Arbeit des nach dem Mai-Umsturz 1926 von der Regierung berufenen Untersuchungsausschusses, der sich aus Spezialisten und Vertretern der Industrie zusammensetzte und in einem 15bändigen Rapport den Stand vieler wichtiger Produktionszweige in Polen in den Jahren 1926/27 darstellte: Sprawozdanie Komisji Ankietowej do badania warunköw i kosztöw produkcji oraz wymiany(Rapport des Untersuchungsausschusses zur Untersuchung der Produktionsbedingungen und-kosten sowie des Austausches), Warszawa 1928: t. I Budownictwo mieszkaniowe(Bd. I: Wohnungsbau), t. II Cegla(Bd. 11: Ziegel), t. III Cement(Bd. III: Zement), t. IV Drzewo(Bd. FV: Holz), t. V Wegiel(Bd. V: Kohle), t. VTPrzemystpiekarski(Bd. VI: Bäckereiindustrie), t. VII Miyny(Bd. VII: Mühlen), t. VII Przemyst i händel miesny(Bd. VIII: Fleischverarbeitende Industrie und Fleischhandel), t. IX Przemystcukrowniczy(Bd. IX: Zuckerindustrie), t. X Nawozy sztuczne(Bd. X: Kunstdünger), t. XI Przemyst‘ mleczarski Bd, XI: Molkereiindustrie), t. XII Nafta(Bd. XII Petroleum), t. XIII Przemystmetalurgiczny(Bd. XIII: Metallindustrie), t. XIV Przemyst wiökienniczy(Bd. XIV: Textilindustrie), t. XV Przemyst garbarski(Bd. XV: Lederindustrie). 274 Janusz Zarnowski in Anwendung gebracht werden. So stellte sich die Lage in den großen Zentren, vor allem in Lödz, dar, doch verblieben viele Fabriken in den anderen Zentren bei ihrem bisherigen niedrigen technischen Niveau, wozu auch die Wirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre beitrug. Die Lebensmittelindustrie beschäftigte eine große Zahl von Mitarbeitern, die aber zumeist in kleinen, primitiven Werkstätten und Betrieben tätig waren. Eine Ausnahme bildeten die für den Export{z. B. Bacon) produzierenden Fabriken, die Kühlhäuser und besonders die Zuckerindustrie, die schon im 19, Jahrhundert neuzeitlich entwickelt gewesen war und jetzt einer durchgehenden Modernisierung und Elektrifizierung unterzogen wurde. Mit der Bekleidungsindustrie befaßte sich hauptsächlich das Handwerk, nur in der Schuhindustrie wurden in der Zwischenkriegszeit richtiggehende Fabriken eingerichtet. Die im allgemeinen sehr primitive Holzindustrie verstand es nicht, das Produktionspotential auszunützen. Auch das Bauwesen war rückständig, denn eine Mechanisierung Iohnte sich angesichts der billigen Arbeitskräfte keineswegs. Das technische Niveau der Ziegeleien war mit Ausnahme des ehemaligen preußischen Teilgebiets als niedrig zu bezeichnen. In all den genannten Industriezweigen wurden zwar Modernisierungen eingeführt, dach gingen sie langsam vonstatten. Die Zement herstellende Industrie gehörte zu den neuzeitlichen Produktionszweigen; sie war in höchstem Maße mechanisiert und wurde in den Jahren 1927 bis 1930 noch einer technischen Modernisierung unterzogen— in den neuen großen Drehöfen wurde nun ein in europäischem Maßstab hochwertiger Zement hergestellt. Die für die Zementwerke notwendigen Einrichtungen wurden in Polen selbst produziert. Eine technische Modernisierung fand auch in der Papierindustrie statt, wo— meist deutscher Provenienz— neue Maschinen für die Herstellung von Packpapieren, Verpackung und Pappe eingesetzt wurden. Die polygraphische Industrie stach nicht von der allgemeinen polnischen Norm ab: Es gab einige höchst modern eingerichtete Druckereien(u. a, für Rotationstiefdruck, Rotationsvierfarbendruck) in Warschau, Krakau, Posen, Lödz und Kattowitz sowie eine Menge kleiner Betriebe, wo die Tretpresse noch die wichtigste Maschine war. Im großen und ganzen also war das technische Niveau der Großindustrie ziemlich hoch und unterlag einer ständigen Modernisierung, doch verblieben die Kleinindustrie und das Handwerk noch oft auf der Stufe des 19. Jahrhunderts oder gar einer noch früheren Epoche. Da die gesamte Großindustrie höchstens etwa 800 000 Arbeiter beschäftigte, kann durchaus von einem»inselartigen« Charakter der industriellen Technik im Vorkriegspolen des 20. Jahrhunderts gesprochen werden; die Durchführung von Modernisierungen war in der Großindustrie zweifelsohne sehr bedeutend und konzentrierte sich auf die wichtigsten Branchen (Kohle, Metall, Bauwesen) sowie die jüngsten Industriezweige(Elektrotechnik, Rundfunktechnik usw.). Wir haben schon die Modernisierung— oder den Mangel derselben— in den einzelnen Bereichen von Kommunikation und Transport berührt. Die Modernisierung wurde durch die in den Jahren 1914 bis 1920 stattgefundenen Kriegshandlungen und ihre Zerstörungen sowie durch die von den deutschen und österreichischen Okkupanten verursachten Vernichtungen verzögert; außerdem mußten die Eisenbahnnetze der ehemaligen drei Teilgebiete einander angepaßt werden, Es sei daran erinnert, daß in Rußland(also teilweise auch im Königreich Polen) die Gleise breitspuriger waren als im übrigen Europa. Doch wurde gleich zu Beginn der Zwischenkriegszeit mit der technischen Modernisierung begonnen. Es währte nicht lange, bis in Polen Dampf- und kurz darauf auch Elektrolokomotiven hergestellt wurden; es entstanden ein neuzeitlicher Wagenpark für Passagiere(bis 1936 produzierte allein die Fabrik Lilpop, Rau und Loewenstein in Warschau ca. 55 000 Wagen), ein Wagenpark für die elektrische Traktion der Vorstädte Warschaus, Dieselwagen u. a. Dampflokomotiven und Wagen wurden exportiert. Unter den damaligen Umständen war das ein technischer Erfolg. Die Motortraktion, die die größten Städte verband, ermöglichte zuweilen eine Verkürzung ‚Soziale, wirtschaftliche und kulturelle Auswirkungen der Technisierung in Polen 275 der Fahrzeit um die Hälfte. In einigen Eisenbahnknotenpunkten begann man, eine automatische Blockung einzuführen. Gleichzeitig befand sich noch 1936 im Bestand der Polnischen Staatsbahnen ein Waggon aus dem Jahre 1864, auch gab es in den ältesten Wagen noch Gasoder gar Petroleumbeleuchtung. Ein Teil der Güterzüge verfügte über zentral bediente Bremsen, aber ein anderer Teil hatte Handbremsen, die von Bremsern betätigt wurden, die in den an den Wagen befindlichen Häuschen saßen. Auf diesem Hintergrund hob sich die Elektrifizierung des Warschauer Eisenbahnknotenpunktes in den Jahren 1933 bis 1936, die auf neuzeitlicher Technik basierte, besonders hervor. Es wurden 230 km elektrifiziert und 38 Elektrozüge dem Betrieb übergeben, wobei diese Elektrifizierung gemeinsam mit der Elektrischen Kleinbahn(EKD) die Kommunikation in der Warschauer Region grundsätzlich rationalisierte und eine weitere Entwicklung der Warschauer Agglomeration ermöglichte, was weitreichenden gesellschaftlichen Einfluß haben sollte. Das Straßenverkehrswesen, das u. a. die Modernisierung des Dorfes bestimmte, war ungemein rückständig und basierte auf Pferdewagen. Es gab wenig Autos, obwohl es ziemlich viele Montagewerkstätten für ausländische Wagen gab und eine Anzahl von polnischen Konstruktionen bearbeitet worden waren, von denen einige(es handelte sich um Lastwagen und Artillerieschlepper) sogar produziert wurden. Eine gewisse Rolle spielten die Personenwagen der Firma FIAT, die in Lizenz in Warschau hergestellt wurden(und zwar die Modelle FIAT 508, 518 und 1500), so daß die polnische Kooperation mit dieser Firma schon über 60 Jahre währt, Es ist interessant, daß die symbolische und Prestigebedeutung des Autos in der polnischen Kultur jener Zeit der wirklichen Bedeutung des Wagens im Alltagsteben und im Transport überhaupt weit vorauseilte, da auch der Lastwagentransport schwach entwickelt war. Von ungemein durchschlagender Bedeutung waren hingegen die schon oben erwähnte Eröffnung eines Zugangs zum Meer und die Schaffung einer maritimen Wirtschaft aus dem Nichts. Jede diesbezügliche Initiative half die Lücke zu schließen, die die Geschichte auf diesem Gebiet in den Errungenschaften der polnischen Gesellschaft offen gelassen hatte, Die Tatsache, daß hier vom Nullpunkt angefangen wurde, ermöglichte die Anwendung technisch moderner Lösungen. Not macht erfinderisch, und in diesem Falle führte die feindselige Politik gegenüber Polen von seiten des deutschen Danzig dazu, daß alle Anstrengungen konzentriert wurden, dank denen im Laufe weniger Jahre nach dem Mai-Umsturz von Pilsudski ein moderner Hafen fast ausschließlich aus Staatsmitteln und unter der Leitung des Staates erbaut wurde; dieser Hafen bediente im Jahre 1938 46% der Tonnage und 48% des Wertes des polnischen Außenhandels(für Danzig betrugen diese Werte 32% und 15%).'S Im Jahre 1937 wies Gdynia 12 km Kais auf, umfaßte 900 ha Fläche, hatte 180 km Eisenbahngleise, 200 000 m? Lagerräume und 81 Umladeeinrichtungen, Ein durchaus neuzeitliches Element war die Kastenbauweise aus Stahlbeton, aus denen die Kais konstruiert wurden— nach ihrer Fertigstellung an Ort und Stelle versenkte man sie längs der Küste, was damals eine Neuheit im Weltmaßstab war. Ein anderes Element der maritimen Wirtschaft war die Schaffung der Passagier- und Handelsflotte, die ebenfalls den Bemühungen des Staates zuzuschreiben ist. Im Jahre 1939 zählte die Handelsflotte 100 000 BRT, also 1/40 der deutschen Flotte, und bediente nur einige Prozent des polnischen Außenhandels, doch war dies eine moderne Flotte, vorwiegend mit Motorenantrieb. Sowohl die Betreibung des Hafens als auch die Schiffahrt selbst erforderten die Schaffung eines polnischen maritimen Kaders, die in kurzer Zeit durchgeführt wurde, u. a, durch die Gründung einer Seefahrtsschule im Jahre 1920. Dies ist einer der gesellschaftlichen Aspekte,