Forschungsberichte und Rezensionen 725 er in den USA versuchte, die Monopolisierung der Märkte zu verhindern: in beiden Fällen scheint dies wenig Einfluß auf die Entwicklung gehabt zu haben. Die Tendenz zur Konzentration scheint einem immanenten Gesetz der Unternehmerwirtschaft zu gehorchen, und »small Is beautiful« mag zwar ästhetische Geltung haben, aber die führenden Unternehmer in keinem Land zu beeindrucken, Die hier gesammelten Beiträge sind unterschiedlich konzipiert, bestätigen aber gerade deshalb die grundsätzliche Tendenz zur Konzentration im Laufe der letzten hundert Jahre. Sidnev Pollard, Bielefeld Helmut Berding, Moderner Antisemitismus in Deutschland(= Neue Historische Bibliothek, hrsg. von Hans-Ulrich Wehler, edition suhrkamp 1257, N.F. 257). Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1988, 295 S.. kart., 18 DM. Erst relatıvy spät, nämlich 1983, erschien mit Hermann Greives Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland eine historische Zusammenschau der zahlreichen Erklärungsmodelle zum Phänomen Antisemitismus. Greive konzipierte seine Analyse, indem er den Antisemitismus als gesellschaftliche Kraft in all seinen»Arten« berücksichtigte: in seiner politischen, sozialen, sozialpsychologischen, wirtschaftlichen und kulturellen Varannte, Als Judaist hatte der Verfasser ein besonderes Interesse daran, neben der wirtschaftlichen und politischen Erscheinungsform vor allem die Bedeutung der Religion für den Antisemitismus zu betonen. Obgleich Greive die 2000jährige Geschichte des Antisemitismus bewußt war, setzte er die entscheidende Zäsur für den modernen Antisemitismus mit dem Zeitalter der Aufklärung, wobei er die Zeit von der Aufklärung bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als»Vorgeschichte« des Antisemitismus begreift. Greives Darstellung ist keineswegs überholt. aber es ist zu begrüßen, daß Helmut Berding mit seinem Band eine umfassendere historische Studie vorlegt, die die neuesten Forschungsergebnisse für die Zeit von der Aufklärung bis in die NS-Zeit berücksichtigt. Sein Erkenntnisinteresse zielt darauf ab, aufzuzeigen und zu analysieren, wie Juden in der deutschen Geschichte diskriminiert, verdrängt und verfolgt wurden. Was eine Geschichte des Antisemitismus nicht berücksichtigen kann- und der Verfasser ist sich dessen durchaus bewußt-, ist die Geschichte des friedlichen Neben- und Miteinanders deutscher und jJüdischer Menschen, die gegenseitige Befruchtung beider Kulturen, wobei freilich die Unterscheidung deutsch- Jjüdisch seit dem 19, Jahrhundert eine fragwürdige Kategorie darstellt, da die Juden in Deutschland darin kaum eine Gegenüberstellung zu sehen vermochten. Die Analyse des Antisemitismus als Phänomen der deutschen Geschichte führt zu dem beklemmenden Ergebnis, daß das Verhältnis der deutschen Gesamtgesellschaft zu ihrer jüdischen Minderheit nie frei von Irritationen und Belastungen war, daß der Jude ständig als Antisymbol für wirtschaftliche, gesellschaftliche oder sozialpsychologische Krisen herhalten mußte, Auch Berding deutet den Antisemitismus als Phänomen der bürgerlichen Gesellschaft ın Deutschland und betont vor allem die nationalen, völkischen und rassenideologischen Rechtfertigungsmuster des Judenhasses: doch sicht er sie auf mentalitätsgeschichtlicher Ebene der Vorurteilsbildung in enger Verknüpfung zur traditionellen Judenfeindschaft mit ihren religiösen und wirtschaftlichen Stereotypen. Die neuen antisemitischen Rechtfertigungsmuster lösten die alten nicht einfach ab. sondern überlagerten sie. Die Betonung dieser Kontinuität ist wichtig, denn zahlreiche Deutsche, vor allem aus dem katholischen, aber auch aus dem protestantischen Milieu, die die antisemitischen Exzesse der Nationalsozialisten schweigend hinnahmen. standen in dieser jahrhundertealten Tradition. Die Geschichte des modernen Antisemitismus, so betont Berding., ist nicht anders als unter dem Blickwinkel von Auschwitz zu schreiben. Das»einzigartige« Ereignis dieses Geno 726 Forschungsberichte und Rezensionen cids, das trotz zweifelhafter Deutungen in den Auseinandersetzungen des Historikerstreits durch kein anderes historisches Ereignis in seiner»Einmaligkeit« zu relativieren ist, darf jedoch keineswegs zu dem historischen Trugschluß verleiten, daß der Antisemitismus In Deutschland stringent zum Holocaust führen mußte, wie vielfach behauptet wird, Die historische Analyse fiele hier einer zweifelhaften Teleologie zum Opfer. Berding lehnt deshalb zu Recht einen unmittelbaren Kausalnexus zwischen den Antisemitismusparteien der Kaiserzeit und dem NS-Völkermord ab und spricht von einem»vielfach gebrochenen Ursachengeflecht«. Alle Erscheinungen des deutschen Antisemitismus waren wichtige Faktoren eines Prozesses, der in den Holocaust einmündete. Aber diese Entwicklung war nicht stringent; es gab immer auch Alternativen. Die Periodisierung des Buches wird bestimmt durch eine Dreiteilung. Die erste Phase: der. wie Berding sie nennt,»Frühantisemitismus« reicht von der Aufklärung bis zum Gründerkrach, umspannt also das knappe Jahrhundert von 1780 bis 1870. Die zweite Phase umfaßt den Antisemitismus der Zeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die dritte schließlich den Antisemitismus der Zeit vom Ersten Weltkrieg bis 1943/45. Diese Dreiteilung erweist sich als sinnvoll, berücksichtigt sie doch bei aller Kontinuität die qualitativen Veränderungen des Antisemitismus in Deutschland. Bestimmend für die erste Phase ist die Emanzipationsdiskussion, die im Zeitalter der Aufklärung einsetzte, weiterhin die kurze Phase der rechtlichen Gleichstellung in den durch Napolcon bestimmten Staaten Westdeutschlands. aber auch deren Auswirkung jenseits der Elbe, schließlich der soziale Wandel der jüdischen Minderheit durch den Aufstieg in Wirtschaft und Gesellschaft. Rechneten im ausgehenden 18. Jahrhundert ca. 9/10 der jüdischen Minderheit zu den Marginal- und Unterschichten, so zählten bereits im Vormärz fast ein Drittel zur Schicht der Höchstbesteuerten, während dann in der Kaiserzeit zwei Drittel der jüdischen Minderheit der Oberschicht zuzuordnen sind. Mit dem sozialen Aufstieg erfolgte der kulturelle. Die jüdische Minderheit akkulturierte und assimilierte sich. Dennoch, so betont Berding, blieben die Juden in ihrem gesellschaftlichen Verkehr weitgehend unter sich, so daß sie trotz ihrer Assimilation ihre Identität behielten; ein Aspekt, der wohl noch eingehender lokalhistorischer Untersuchungen bedürfte. Der soziale Aufstieg führte spätestens mit Gründung des Kaiserreichs zur rechtlichen Gleichstellung der Juden, so daß die Phase zwischen 1780 und 1870 als Emanzipationsphase bezeichnet werden kann. Doch kaum war dieses Ziel erreicht, setzte mit der Krise der bürgerlich-liberalen Gesellschaft in den 1870er Jahren der»moderne Antisemitismus« ein, der in der Phase zwischen 1870 und 1914 zahlreiche politische, soziale und kulturelle Milieus besetzte. Im Protestantismus machte der Hofprediger Stöcker den Antisemitismus gesellschaftstähig, was fatale Folgen hatte, da er in das protestantische Bildungsbürgertum hineinwirkte, aber auch den gewerblichen Mittelstand und die bäuerliche Bevölkerung erreichte. In den beiden letztgenannten Milieus konnte er alte Ängste aktivieren und an tradierte Deutungsmuster anknüpfen. die den sozialen Aufstieg der jüdischen Minderheit mit dem eigenen sozialen Abstieg in enge Bezichung setzten. Ähnliche Ängste machten sich auch im akademischen Nachwuchs breit, als man hier vor allem bei den Juristen und Medizinern auf Jüdische Konkurrenten stieß. Nicht die Bedeutung der politischen Antisemitismusparteien läßt den Antisemitismus in dieser Phase so gefährlich werden, sondern die antisemitische CGrundeinstellung der wichtigen sozialen Milieus und Interessenverbände: gefährlich auch deshalb. weil sie in den Rassentheorien eine vermeintlich wissenschaftliche und moderne Deutung erhielten. Chamberlains Mythos von der Rassenüberlegenheit der deutschen Nation paßte gut zur Imperialbegeisterung des spätwilhelminischen Bildungsbürgertums, und die manichäische Weltanschauung der Rassisten machte eine Analyse der eigentlichen Krisenfaktoren dieser Phase überflüssig. Die Gegenkräfte gegen diese vermeintlich modernen Weltanschauungen wurden immer schwächer. Die Intellektuellen, die sich im Verein zur Abwehr des Antisemitismus zusammenfanden, knüpften an die alte Tradition der Les Forschungsberichte und Rezensionen 727 singschen Aufklärung an, wirkten aber mit ihren intellektuellen Deutungen kaum in breitere Bevölkerungsschichten hinein, die nicht wissen, sondern nur glauben wollten. Am geschlossensten stellte sich noch das sozialdemokratische Milieu dem Antisemitismus der Kaiserzeit entgegen, auch wenn man hier, wie Berding zu Recht betont, dessen Komplexheit übersah und seine politische Kraft überschätzte. Die Revolution von 1918 brachte im Gegensatz zu 1848 keine Wende. Der Antisemitismus der Kaiserzeit erlebte in den KrisenJahren der Weimarer Republik eine ungeheure Steigerung, die bruchlos überging in den NS-Antisemitismus, an dessen Ende»der welthistorisch einzigartige Völkermord an den europäischen Juden« stand. Für den Nationalsozialismus bedeutete der Antisemitismus neben dem Führermythos die wichtigste ideologische Komponente der Bewegung. Die antisemitischen sozialen Milicus der Kaiserzeit stellten nun auch die Trägerschaft des Nationalsozialismus. Dennoch ist in der Forschung die Frage umstritten,»ob die Millionenschar der NS-Wähler trotz oder wegen des Antisemitismus der NSDAP ihre Stimme gaben«. Auch Berding vermag aufgrund fehlender Detailuntersuchungen hierauf keine abschließende Antwort zu geben. Fest steht freilich, daß in der politischen Kultur der Endphase der Weimarer Republik kaum noch Gegenkräfte gegen den NS-Antisemitismus, von der SPD abgesehen, vorhanden waren, Selbst die KPD verteilte Flugblätter mit der Aufschrift:»Nieder mit der Judenpolitik!« Im Katholizismus und Protestantismus vertraten allenfalls Einzelkämpfer eine CGegenposition. Offen ist in der Forschung die Frage nach einer Erklärung des Holocausts von der historischen Perspektive her, Es ist Berding zuzustimmen, wenn er hervorhebt, daß»die außerordentliche Komplexität des Geschehens einfachen Deutungen entgegen[steht]«. Tatsache ist, daß sich der sukzessiv erfolgenden Entrechtung und Enteignung der jüdischen Minderheit, schließlich ihrer Deportation kein Widerstand entgegenstellte, und ebenso auch, daß die Ermordung der Juden»nicht ohne Duldung breiter Bevölkerungskreise« hätte erfolgen können. Den Holocaust haben, trotz allem Verbalradikalismus, die meisten Deutschen vermutlich nicht gewollt; sie waren aber auch nicht willens und fähig, ihn zu verhindern. Die Geschichte des Antisemitismus endet nicht mit dem Jahr 1945, wie Berding in seinem»Ausblick« feststellt. und die Jüngsten politischen Ereignisse machen das nur allzu deutlich. Doch setzt der Autor auf einen allmählichen mentalitätsgeschichtlichen Wandlungsprozeß, der freilich langsamer vonstatten geht als politische Veränderungen. War nach der Silbermann-Studie von 1974 noch bei 20% der Bevölkerung der Antisemitismus stark ausgeprägt. so waren es 1987»nurmehr« 15%. Nach all den Ereignissen eine immer noch erschreckend hohe Zahl. Gegen den Antisemitismus gibt es keine Wundermittel, sondern nur eine stetige Aufklärungsarbeit. Berdings Studie leistet hierfür hervorragende Dienste. Arno Herzig, Hamburg Eberhard Kolb(Hrsg.), Europa vor dem Krieg von 1870. Mächtekonstellation— Konfliktfelder— Kriegsausbruch, R. Oldenbourg Verlag, München 1987, XI. 21685... Ln.. 68 DM. Als der Herausgeber dieses Sammelbandes im März 1985, damals Stipendiat der Stiftung Historisches Kolleg. ein Symposium über die politische Konstellation am Vorabend des Krieges von 1870 und also der Gründung des deutschen Nationalstaates veranstaltete, konnte er nicht ahnen, daß dieses Thema nur wenige Jahre später durch die unverhoffte Wiederherstellung der deutschen Einheit erneut historische Aktualität gewinnen sollte. Bewußt hat Kolb nicht die deutsche Staatsgründung, sondern den diese und Europa so sehr belastenden Deutsch-Französischen Krieg und seine Genesis in den Mittelpunkt der Be