Forschungsberichte und Rezensionen 633 zeitung erschien, gelang den Lübecker Sozialdemokraten nach dem Ende des Sozlalistengesetzes. Von da an erlebte der»Lübecker Volksbote« eine Geschichte wie Hunderte andere sozialdemokratische Zeitungen auch: bis 1914 beispielsweise wurden insgesamt 39 Monate Gefängnis als Strafe für Redakteure ausgesprochen. Als politisches Sprachrohr der Sozialdemokraten und als Informationsorgan für ihre Anhänger erschien der Lübecker Volksbote kontinuierlich bis 1933. Der ehemalige Chefredakteur und langjährige Redakteur der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung, Karl Rickers, erinnert sich in seinem Beitrag»Erlebte Weimarer Republik. Erinnerung eines Kielers aus den Jahren zwischen 1918 und 1933.« Er ist der einzige. gleichwohl interessante autobiographische Beitrag im vorliegenden Band. Karl Rickers als langjähriger Journalist weiß sich zu konzentrieren. zu ordnen und zu pointieren. Derartige Qualitäten sorgen dafür, daß lesbare und spannende Beiträge entstehen können. Jedoch sind häufig ein überdurchschnittliches Maß an Reflexion und zum Teil sekundäre Interpretationen und Sichtweise in derartigen Beiträgen zu finden, die den unmittelbaren Quellencharakter der Lebenserinnerungen herabsetzen. Die Erinnerungen von Rickers sind gleichwohl eine erstrangige Quelle zur Geschichte der schleswig-holsteinischen Arbeiterbewegung. Reimer Möller hat eine Studie zum Thema»Widerstand und Verfolgung der organisierten Arbeiterschaft im Kreis Steinburg 1933-1935, Ein Überblick.« vorgelegt. Möller betrachtet den sozialdemokratischen und den kommunistischen Widerstand und arbeitet heraus, daß feste Traditionen und politische Stärke der Arbeiterbewegung in der Region nördlich von Hamburg dazu beitrugen, daß der Widerstand hier schr vielfältig und nachhaltig in den ersten Jahren der Herrschaft der Nationalsozialisten ausfiel, Möller ordnet die Erscheinungsformen als insgesamt jedoch typisch und charakteristisch gegen den Widerstand von KPD und SPD auf Reichsebene ein. Insgesamt wird mit dem 460 Seiten umfassenden Band ein außergewöhnlich spannendes und gleichzeitig wissenschaftlichen Ansprüchen genügendes Lesebuch zur Geschichte der Arbeiter und Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein vorgelegt. Er sei zur Anschaffung auch südlich der Elbe dringend empfohlen. Uwe Danker, Malente Rainer Paetau, Konfrontation oder Kooperation. Arbeiterbewegung und bürgerliche Gesellschaft im ländlichen Schleswig-Holstein und in der Industriestadt Kiel zwischen 1900 und 1925(= Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins, Bd. 14). Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1988, 59258. geh... 40 DM. Die preußische Provinz Schleswig-Holstein galt schr früh im Reich als»Rote Hochburg«, Weil Schleswig-Holstein erst vergleichsweise spät und begrenzt industrialisiert wurde und den Charakter eines Agrarlandes weitgehend beibehielt, stellt dieses eine überraschende Entwicklung dar. Aber die Wahlerfolge der Sozialdemokratie und auch der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Schleswig-Holstein lieferten bereits im 19, Jahrhundert Fakten, die keinen Zweifel zulassen: die schleswig-holsteinische Arbeiterbewegung war überdurchschnittlich erfolgreich und stark. Im November 1918 ging von Kiel das Fanal der deutschen Revolution von 1918 aus. Vor diesem Hintergrund steht eigentlich zu erwarten, daß die Geschichte der schleswigholsteinischen Arbeiterbewegung gut aufgearbeitet ist. Diese Annahme jedoch ist falsch. Rainer Paetau kann in seiner Einleitung zu Recht schreiben:»Der Forschungsstand zur Geschichte der Sozialdemokratie und Gewerkschaften in Schleswig-Holstein des frühen 20. Jahrhunderts ist schnell abgehandelt; denn wissenschaftlich fundierte Darstellungen von diesem Thema gibt es nicht.« Erst in den letzten Jahren, seitdem aber massiv und breitgefächert, werden Forschungsdefizite der schleswig-holsteinischen Regionalgeschichte mit 634 Forschungsberichte und Rezensionen Schwerpunkten in der Sozialgeschichte, der Geschichte der Demokratisierung und der Geschichte der Arbeiterbewegung nachgeholt. Rainer Paetaus Arbeit kommt im Kontext dieser Aufholarbeit eine Pionierleistung zu. Seine Studie ist— wie eine zweite. wichtige Arbeit von Holger Rüdel, Landarbeiter und Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein 1872-1878— eine Dissertation, Entsprechend umfänglich, aber auch umfassend erarbeitet liegt sie vor: fast 600 Seiten, ausuferndes Quellen- und Literaturverzeichnis. Register, 43 Abbildungen und 45 Tabellen. Paetau hefert keineswegs nur eine weitere Regionalstudie, die die Fakten bündelt, vielmehr versucht er, mit Hilfe einer theoretisch abgesicherten Hypothesenbildung erkenntnisleitende Fragestellungen aufzuwerfen, die Einordnung und Interpretation dieses Abschnittes der Geschichte der schleswig-holsteinischen Arbeiterbewegung ermöglichen. Gelungen gibt der Titel»Konfrontation oder Kooperation« den Leitgedanken Paetaus wieder. Grundlage seiner Arbeit liefern vorher kaum bearbeitete Quellenbestände insbesondere des Landesarchivs Schleswig, des städtischen Archivs in Kiel, des Archivs der Sozialen Demokratie in Bonn, des Zentralen Staatsarchivs der DDR in Potsdam und Merseburg sowie einer stattlichen Anzahl weiterer Archive. Seine Fragestellungen bedingen einen schr weiten Zugriff zu den Quellen: Keineswegs reicht die eigene Überlieferung der Arbeiterbewegung hin. Er benötigt bisher kaum aufbereitete Daten etwa zur Tarifpolitik und zu Arbeitskonflikten in der Weimarer Zeit, zur historischen Wahlstatistik und Wahlforschung in Schleswig-Holstein sowie zum wirtschaftlichen und sozialen Wandel in dieser Region. Zunächst interessiert Paetau»der Übergang von kader- und honoratiorenähnlichen Lokalvereinen zu national und demokratisch organisierten Mitglieder-Parteien«. Insbesondere fragt er nach der Rolle der»Organisation« und der Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung der Sozialdemokraten, Die Wahlen sind der zweite Schwerpunkt: Wer wählte SPD, wie beteiligte sich die regionale Sozialdemokratie passiv und aktiv an Wahlen. wie weit erlaubte überhaupt das Wahlrecht zu den Kommunalvertretungen, zum Preußischen Landtag und zum Reichstag die politische Partizipation? Wie verlief der Versuch der Mobilisierung der Bevölkerung im Rahmen der sozialdemokratischen Wahlkämpfe und wie war cs um die Interaktion zwischen Führung und»Basis« bestellt? Paetau muß versuchen zu erklären, daß entgegen dem schr guten Organisationsgrad während der letzten Jahre im kaiserlichen Deutschland und trotz der revolutionären Euphorie von 1918/19 in den Jahren zwischen 1921 und 1925 die Mitglieder- und Wählerzahlen in der schleswig-holsteinischen SPD rapide abfielen. Das Thema des Konflikts bzw. der Konfliktregelung steht im Mittelpunkt des letzten Teils der Arbeit, in dem Paetau zum einen die Situation innerhalb der Sozialdemokratie analysiert, die mit der Spaltung in SPD, USPD und KPD fertig werden mußte, und andererseits am Beispiel der Tarifkonflikte der Landarbeiter und Werftarbeiter Arbeitskonflikte analysiert. Ungewöhnlich, aber für Paetaus Vorhaben schr sinnvoll ist zweierlei: Die zeitliche Eingrenzung des Themas und die von ihm genutzte Kategorie des»mentalen Milieus«. Die zeitliche Eingrenzung über diese Zäsur 1918 hinweg ermöglicht es Paetau, der Frage von Kontinuität und Diskontinuität zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik intensiv nachzugehen, Strukturelle Veränderungen, auch hierin ist ihm zuzustimmen. lassen sich ebenfalls erst im übergreifenden Zugriff festmachen. Darüber hinaus ermöglicht diese zeitliche Eingrenzung Paetaus, die Krisenjahre von 1914 bis 1924 im Zusammenhang zu betrachten. Das»Konstrukt« des mentalen Milieus soll helfen, die Rekonstruktion der verschiedenen»Wirklichkeitsbereiche« der Menschen zu ermöglichen: Im Spannungsfeld zwischen Erfahrung und Erwartung konstituieren sich bei umgrenzten sozialen Gruppen die Wahrnechmung der Welt, ihre Deutung und die interaktive Reaktion darauf. Diese weitreichende und manchmal etwas indifferente Kategorie liefert Zugriffsmöglichkeiten auf komplexe Zusammenhänge. Ihre Stärke ist der Verzicht auf voreilige Ausgrenzung vielleicht eben Forschungsberichte und Rezensionen 635 falls relevanter Phänomene. Untersuchungsgegenstand von Pactau ist das sozialistisch-sozialdemokratische Milicu der Region Schleswig-Holstein in den ersten drei Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. Paetau verzichtet aufgrund dieser Festlegung weitgehend auf die sonst übliche Nutzung des Klassenbegriffs. Soweit er ein»Begriff als Teil vergangener Wirklichkeiten« ist. also beispielsweise als Selbstkennzeichnung diente oder die Interaktion gesellschaftlicher Gruppen steuerte, wird er von Paetau einbezogen. Aber als»soZ10ökonomisch begründete historiographische Kategorie« Ichnt Paetau ihn als unzureichend ab. Paetaus Arbeit stellt folglich einen Vermittlungsversuch dar zwischen jenen klassischen Arbeiten zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, die sich auf die Wiedergabe der Theoriediskussionen und des Handelns der Führungsspitzen beschränkten einerseits, und jenen neuen und zahlreichen sozialhistorisch motivierten Arbeiten über die Lage der Arbeiter in Betrieb, Alltag und Freizeit auf der anderen Seite. Indem Paetau je nach Fragestellung mal den Kreis der aktiven Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die in einer Tarifauseinandersetzung befindlichen Landarbeiter oder Werftarbeiter, oder auch Führungskräfte und Parteibasis in den Mittelpunkt stellt und darüber hinaus bei Wahlanalysen sich etwa auf das Wahlverhalten der Kieler Bevölkerung stützt, greift er seinem Thema entsprechend teilweise weit aus. Er begreift seine Gesamtarbeit als» Versuch, einige Wirklichkeitsbereiche der Arbeiterschaft, der Sozialdemokratie und des Bürgertums in SchleswigHolstein des frühen 20. Jahrhunderts mit Hilfe der Kategorie»mentales Milieu« zu rekonstruieren.« Vor dem Hintergrund, daß die schleswig-holsteinische Landesgeschichte für die Zeit 1867 in der Tat»sehr im argen« liegt, läßt sich festhalten, daß er seinen Anspruch recht weitgehend einlöst. Zunächst skizziert Paetau kurz den wirtschaftlichen und sozialen Wandel in SchleswigHolstein vom 19. zum 20. Jahrhundert. Das liefert sozusagen den sozialhistorischen Hintergrund seiner folgenden ausgiebigen Betrachtung»der Organisation«, des Weges von der Bewegung zur Partei. Bis zur Aufhebung des Verbindungsverbots ım Dezember 1899 war eine duale Organisation kennzeichnend für die Sozialdemokratie in ganz Preußen: Sozialdemokratische Vereine vor Ort und ein inoffizielles überregionales System von Vertrauenspersonen. Anfang des 20. Jahrhunderts ging auch von Schleswig-Holstein eine Reform der Parteiorganisation aus, die insbesondere eine erste Professionalisierung des Parteisckretäramtes mit sich brachte. Das schleswig-holsteinische Parteistatut von 1906 schuf. so Paetau, das Fundament für eine moderne Mitgliederpartei, Pactau betrachtet ausgiebig die Ebenen Ortsverein, Wahlkreisverein und Bezirksorganisation, Daß der Begriff der Organisation ein Schlüsselbegrif war. wird offenbar. Als soziale Basıs der SPD macht Paetau die gelernten Facharbeiter aus und weist nach, daß Ungelernte und Landarbeiter ın Schleswig-Holstein trotz zahlenmäßig hohen Anteils in der Arbeiterschaft keine Rolle spielten. Aufgrund der Unstetigkeit der Erwerbsverhältnisse, die eine enorme Mobilität bei den Arbeitenden hervorbrachte, war, wie Paetau es ausdrückt, Unstetigkeit die Normalität in der Mitgliederstruktur. »Soziale Mobilisierung und politische Partizipation« überschreibt Pateau den großen Abschnitt über Wahlen. Er dekliniert die verschiedenen geltenden Wahlrechte in ihren praktischen Auswirkungen durch und weist nach, daß Sozialdemokraten auf dem Lande bei Kommunalwahlen völlig chancenlos antraten und bei städtischen Kommunalwahlen mit Hilfe»bürgerlicher Wahlbezirks-Ceometrie« bis 1914 vom Bürgertum gehindert werden konnten. trotz Stimmenmehrheit auch die Mehrheit in den Gebietskörperschaften zu übernehmen. Schr plastisch ist das Exempel der Kieler Wahlstatistik, wo die absolute Mehrheit der Wähler für die SPD votierte, ohne daß diese die Mehrheit erhielt. Verblüffend ein weiteres Ergebnis: Vor dem I. Weltkrieg erreichte die SPD ihren Höhepunkt, ab 1913/1919 nahm der sozialdemokratische Wähleranteil in Kiel kontinuierlich bis 1924 ab. In der Stadt der Novemberrevolution ein erklärungsbedürftiges Faktum. 636 Forschungsberichte und Rezensionen Bei den Reichstagswahlen in Schleswig-Holstein unterscheidet Paetau vom späten 19. Jahrhundert bis in die Weimarer Zeit drei Phasen: In den 1870ern erreichten Sozialdemokraten bis zu 30 Prozent der Stimmen und lagen damit erheblich über dem Reichsdurchschnitt. In der zweiten Phase, während des Sozialistengesetzes, war zunächst ein rapides Absinken auf 10 Prozent, dann aber ein ebenso rapider Anstieg auf 40 Prozent bis 1893 zu verzeichnen. Und in der dritten Phase, bis in die 30er Jahre hinein, blieb der sozialdemokratische Stimmenanteil relativ konstant bei ca. 40 Prozent. Paetau versucht Erklärungsmuster auch für regionale Verschiedenheiten zu liefern. Ausgiebig befaßt er sich mit der erkennbaren Enttäuschung der schleswig-holsteinischen sozialdemokratischen Wähler nach 1919, die bis 1924 einen Stimmeneinbruch von über 40 Prozent auf deutlich unter 30 Prozent brachte, Paetau konzediert, daß eine verzweifelte Stimmung in verschiedenen Bevölkerungsgruppen nach dem Inflationsjahr 1923 bestimmend gewesen sein könnte. Aber das Ergebnis sei auch eine Antwort auf die Politik der Sozialdemokratie während dieser Krise. die von innerparteilichen Konflikten und dem Hin und Her zwischen den Rollen einer Oppositions- und Regierungspartei gekennzeichnet gewesen sei. Die deutsche Sozialdemokratie hätte nach 1918, so Paetaus Resümee, ihre traditionelle soziale Basis, die städtische soziale Arbeiterschaft, erweitern müssen und gleichzeitig»ihrer überkommenen sozialistischen Klassentheorie« abschwören müssen. Kurz: Sie habe es verpaßt, den Schritt von der Klaässen- zur Volkspartei zu gehen. Im dritten und abschließenden, umfänglichsten Schwerpunkt seiner Studie befaßt sich Pactau mit der regionalen Geschichte politisch-sozialer Konflikte. Das Kapitel ist überschrieben mit»Konflikte: zwischen Konfrontation und Kooperation« und folgt drei Leitfragen: dem Verhältnis der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften zur Landwirtschaft. der Tarıfpolitik und Arbeitskonflikte in der für das Küstenland bestimmenden Werftindustrie und den Auseinandersetzungen zwischen»Sozialdemokraten. Konservativen und Kommunisten ın der Inflationszeit 1919-1923«. »Konflikte besaßen für Sozialdemokraten durchaus eine identitätsstiftende Funktion: in dieser Hinsicht konnten Konflikte auch instrumentalisiert werden, um andere Ziele zu erreichen.« Ähnlich seien auch innere Konflikte der Sozialdemokratie einzuordnen. Paetaus Leitfrage ist also,»vor welche Konflikte sich die schleswig-holsteinischen Sozialdemokraten in den ersten Jahren der Weimarer Republik gestellt sahen und wie sie mit ihnen fertig wurden.« Obgleich eher diffuse programmatische Vorstellungen vorherrschten, war der bestimmende Konflikt der ersten Weimarer Jahre die»Demokratisierungsfrage«, die Frage des Abschlusses der erfolgreichen Revolution. Paetau weist nach, daß insbesondere die Militärpolitik des sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske und die Verwaltungs- und Beamtenpolitik im preußischen Innenministerium unter Wolfgang Heine einer massiven Kritik der Parteibasis ausgesetzt waren. Auch die im Anschluß an den»Kapp-Putsch« geführten zahllosen Diskussionen machten laut Paetau offenbar. daß die Sozialdemokratie in einer Oppositionsphase Zeit benötigt hätte, um»die klassischen Grundprobleme der Sozialdemokratie konsequent zu überdenken: das Verhältnis zwischen Führung und Mitgliedschaft, Partei und Regierungspolitik. SPD und Weimarer Staat, Theorie und Praxis.« Die eine Klassengesellschaft konstituierende tiefe Kluft zwischen Sozialdemokratie und Bürgertum wird von Paetau als zweites wesentliches Moment der politischen Anpassungsprobleme der Sozialdemokratie aufgeführt. Die regionalen Phänomene der bürgerlichen Reaktion auf das kennzeichnende Grundgefühl der Nachkriegszeit, der Unsicherheit, etwa die Schleswig-Holstein-Bewegung, werden von Paetau in eine Gesamtschau der Mentalitätsprobleme eingeordnet, auf die die neue deutsche Demokratie stieß.»Embleme, Legenden und Gewalt« sind die symbolischen Kennzeichen des Verhältnisses von Sozialdemokraten und konservativem Bürgertum in Schleswig-Holstein, Die lokalen Ausläufer der Krise von 1923, etwa lokale Unruhen in Kiel, schildert Paetau in der Kombination der Po Forschungsberichte und Rezensionen 637 litik radikaler KPD-Funktionäre und in verhärteten sozialen Kämpfen befindlicher Arbeiter. So folgten in Kiel über 3 000 Werftarbeiter am 24. Oktober 1923 dem Generalstreikaufruf der KPD. Sie stürmten jedoch nicht, wie aufgefordert, das Rathaus, sondern gingen recht bald nach Hause. Arbeitslose und Jugendliche hingegen plünderten und randalierten in Kiel mit der Konsequenz, daß die staatliche Reaktion einen Toten, 30 Verletzte und über 70 Verhaftete einbrachte. Paetau bearbeitet weiterhin das komplexe Verhältnis zwischen Sozialdemokratie, Landarbeitern und Bauern, im Agrarland Schleswig-Holstein ein politikbestimmender Faktor. Die Landarbeitergewerkschaften, ein natürlicher Partner der Sozialdemokratie, agierten mit einer schwer steuerbaren sozialen Gruppe. Diese zeigten sich oft spontan, waren schwer zu organisieren und brachten aufgrund ihrer hohen Mobilität eine hohe Fluktuation der Mitglieder mit sich. Infolge der Revolution und durch die Aufhebung der Gesindeordnung traten die Mitglieder der ländlichen Unterschichten massenhaft in den Deutschen Landarbeiter-Verband ein, in den Folgejahren aber ebenso massenhaft wieder aus. Paetau geht von einer Radikalisierung nach links und auch nach rechts aus. Das Verhältnis der Sozialdemokratie zu den Bauern war ein weit schwierigeres: Die bäuerliche Protestbewegung besaß sehr konservative Traditionselemente, während die in den ersten Nachkriegsjahren nötige Fortsetzung der»Zwangswirtschaft« für ständige Konflikte, Schuldzuweisungen und diffuse Sozialisierungsängste Nahrung bot. Schr ausgiebig befaßt sich Paetau mit Tarifpolitik und Arbeitskonflikt in der Werftindustrie. Seine Grundthese ist, daß die»Sozialverbände« mit dem Novemberabkommen von 1918 den Weg zu rationalen Konfliktverhaltensmustern beschritten, der sich am Beispiel der Werften seit 1910 ausgezeichnet hätte.»Die modernisierte Form der Konfliktregelung erlitt mit den Kämpfen um den 8-Stunden-Tag von 1924 einen schweren Rückschlag; die Kluft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern vertiefte sich wieder.« Paetau liefert einen Erklärungsversuch der Arbeitskonflikte in der Weimarer Frühphase, 1918 bis 1924. Zu den Wurzeln der im hohen Maße politisierten Arbeitskonflikte in der Werftindustrie könne man vordringen, wenn das Konzept der Modernisierung und mentalitätsgeschichtlichen Kategorie angewendet wird. Die Werftindustrie sei als»alte« Industrie dem Strukturwandel, der Wachstumsimpulse inzwischen von den»necuen« wie Chemice- und Elektroindustrie ausgehen läßt, unterworfen gewesen. Ein klassisches Beispiel dafür, daß die Erwartungen der Handelnden hinter den persönlichen Bedingungen, ihren eigentlichen Erfahrungen, hinterherhinkten. Ebenfalls als Modernisierungsschub kennzeichnet Paetau den sozialen Wandel seit 1918 etwa mit dem Stinnes-Legien-Abkommen oder der Einrichtung der Zentralarbeitsgemeinschaft.»1918/19 vollzog sich ein grundlegender Wandel in Richtung auf einen modernen, demokratisch verfaßten Sozialstaat.« Folglich stellten diese Rahmenbedingungen die Handelnden vor eine neue Aufgabe,»den Ausgleich zwischen den gleichberechtigten Interessen der wirtschaftlichen Produktion und sozialen Verteilung bzw. zwischen Wirtschafts- und Sozialpolitik über eine möglichst rationale Regelung der Arbeitsbezichungen und Konfliktaustragung zu finden.« Paetaus Analyse mit Hilfe des»mentalen Miliecus« besagt, daß die Handelnden im Kontext ihrer Erfahrungen und Erwartungen eher unangemessen auf neue Bedingungen und Herausforderungen reagiert hätten, daß der Modernisierungsschub die in ihren Mentalitäten verhafteten Akteure überforderte. Sein Fazit:»Die Ambivalenz der Mentalitäten scheint jedenfalls das Kennzeichen der Sozialverbände von Unternehmern und Gewerkschaften seit 1918/19 und offenbar generell die Krux der Weimarer Republik gewesen zu sein.« Das Beharren kollektiver Mentalitäten verschiedener sozialer Gruppen in der neuen demokratischen. sozialstaatlichen Gegenwart mit nicht angemessenen und angepaßten Verhaltensmustern ist demnach das Kennzeichen der ersten Jahre der Weimarer Republik, in dem das Ende dieses demokratischen Versuchs auf deutschem Boden bereits angelegt ist. Nun ist die These, daß während der Weimarer Zeit zu wenig Ausgleich und zu viel Kon 638 Forschungsberichte und Rezensionen frontation an der Tagesordnung war, um zu einer Identifikation mit der demokratischen Streitkultur zu finden, nicht unbedingt neu. Ertragreich aber ist Paetaus konsequente Berücksichtigung dieses Bezugsrahmens bei der Analyse. Er liefert so eine weitgehend überzeugende, spannend zu lesende Regionalstudie zur Geschichte von Arbeiterbewegung und bürgerlicher Gesellschaft. Konsequent und sauber durchgeführte theoretische Konzepte bereichern offensichtlich auch regionale Studien. Ob das von Paetau offenbar geschätzte kooperative Modell des rationalen Interessenausgleichs wirklich das einzige darstellt, das eine lebendige und beständige demokratische Gesellschaft mit Sozialbindung hervorbringt, ist dabei nicht die Frage. Diese zu stellen, hieße nämlich auch nachzuweisen, weshalb andere, etwa west- oder südeuropäische Modelle, die deutlicher dem Konflikt zuneigen, ebenfalls Bestand haben. Für erdverbundene Schleswig-Holsteiner bleibt ein Wermutstropfen: Weil Paetau, wie gesagt schr überzeugend, die schleswig-holsteinische Entwicklung in den Gesamtrahmen des Geschehens auf Reichsebene einordnet und mit direkt übertragbaren Erklärungsmustern bedenkt, bleibt, wie er im Epilog festhält, keine Möglichkeit mehr, von einem»sozialistischen Sonderfall« Schleswig-Holstein zu sprechen. Uwe Danker, Malente Jakow Drabkin, Die Aufrechten: Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Clara Zektin, Aus dem Russischen, Dietz-Verlag, Berlin[DDR] 1988. 5118. In... 15,70 M. Jakow Drabkin hat ein außergewöhnliches Buch geschrieben. Es sind dabei nicht so sehr seine wissenschaftlichen Aussagen, die Aufmerksamkeit beanspruchen dürfen, sondern vielmehr die Art und Weise seiner Darstellung. Drabkin will Geschichte»live« darstellen. Der Leser seines Buches soll gleichsam in der ersten Reihe sitzen, wenn das politische Leben und Wirken seiner vier Helden- Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Franz Mehring und Clara Zetkin- ausgebreitet wird.»Die Aufrechten« lautet der Titel seiner Arbeit, die 1985 erstmals in russischer Sprache vorgelegt wurde und 1988 als deutsche Übersetzung in der DDR herausgekommen ist. Der Titel geht auf einen Ausspruch von Clara Zetkin zurück, die ın Anlehnung an Gottfried Keller rückblickend vom»Fähnlein der vier Aufrechten« gesprochen hat. Sie war die einzige von den vieren, die die Nachwirkungen der Novemberrevolution von 1918 überlebte. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden am 15. Januar 1919 ermordet. Franz Mehring, der noch als 70jähriger in»militärische Schutzhaft« genommen wurde, überlebte seine Mitstreiter nur um 14 Tage, als er an den Folgen einer Lungenentzündung starb, Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel, die grob gesprochen die Zeitspanne von der Jahrhundertwende bis zum Jahre 1919 umfassen. Im Mittelpunkt der Darstellung steht die Herausbildung der sogenannten»deutschen Linken« in der Sozialdemokratie; angefangen von der Revisionismusdebatte des Jahres 1898 bis hin zur Gründung der KPD 1918/19. Drabkin ist eben Vertreter der marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung, die genau diesen Prozeß unzählige Male beschrieben und dargestellt hat. Nichtkommunistische Historiker haben diese Darstellung allerdings ebenso häufig in Frage gestellt und widerlegt. Insofern liegt eigentlich kein Grund vor, sich mit Drabkins Werk besonders auseinanderzusetzen, gäbe es da nicht die Art und Weise seiner Darstellung; ein Thema, das seit einiger Zeit Ja auch bei uns zunehmend erörtert wird. Gewiß braucht die Fachwelt der Historiker grundsätzlich wissenschaftliche Kommunikationsebenen. Doch was nützen die besten geschichtswissenschaftlichen Darstellungen, wenn sie einen breiten Leserkreis nicht erreichen oder durch eine wissenschaftliche Diktion und Darstellungsweise den allgemein interessierten Leser schlichtweg überfordern?