Forschungsberichte und Rezensionen 777 Da aus den Korrelationsanalysen nur mit äußerster Behutsamkeit Rückschlüsse bezüglich des Wählerverhaltens von Individuen, ja selbst von sozialen Gruppen gezogen werden dürfen, stellt sich die Frage, ob dem enormen Aufwand tatsächlich ein entsprechend markanter Erkenntnisgewinn gegenübersteht oder ob nicht häufig lediglich ohnehin naheliegende Annahmen zusätzlich statistisch abgesichert werden. So überrascht es z. B. nicht, daß die NSDAP 1932 überall dort überdurchschnittliche Erfolge verbuchen konnte, wo die DNVP zwischen 1920 und 1928 überproportional vertreten war, und daß sie unter ihrem Reichsdurchschnitt blieb, wo die DNVP 1920-1928 relativ schwach abschnitt(S. 144 f.). Auch daß in der Weimarer Zeit die Wählerschaft der politischen Parteien- sieht man von der KPD und den bäuerlichen Interessenparteien ab— sozial wesentlich komplexer zusammengesetzt war(S. 180), als früher gelegentlich angenommen wurde, ist inzwischen communis opinio. Kaum erstaunen kann auch der Nachweis, daß die KPD durchgängig ihre besten Ergebnisse in Kreisen erzielte, die einen Arbeiteranteil von über 50% aufwiesen(S. 183). Aber die gebotenen Materialien erschöpfen sich nicht in der Untermauerung geläufiger Annahmen. So gelangen die Autoren— um eines der wichtigsten Ergebnisse anzuführen— zu dem Schluß, daß bei der Reichspräsidentenwahl von 1925 Hindenburg prozentual die meisten Stimmen in exakt der gleichen Kreiskategorie erhalten hat wie acht Jahre später die NSDAP und daß auch beim Referendum gegen den Young-Plan 1929 genau dort prozentual die meisten JaStimmen abgegeben worden sind(S. 192}:»Dies kann als Indiz dafür gewertet werden, daß sich die Wählerkoalition, die sich 1930 bis 1933 unter dem Dach der nationalsozialistischen Sammlungsbewegung vereinigte, bereits zuvor zeitweilig zusammengefunden hatte« (S. 145). In einem Kartenanhang finden sich 13 instruktive Karten mit Wahl- und Sozialdaten; eine ausführliche Bibliographie der wahlhistorischen Literatur zur Weimarer Republik schließt den Band ab. Jedem, der sich eingehender mit der Weimarer Republik beschäftigt, steht mit dem vorliegenden Werk ein vorzügliches Arbeitsinstrument zur Verfügung. Eberhard Kolb, Köln Horst Möller, Parlamentarismus in Preußen 1919-1932(= Handbuch der Geschichte des deutschen Parlamentarismus. Im Auftrage der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien hrsg. von Gerhard A. Ritter), Droste Verlag, Düsseldorf 1985, 662 S., Ln., 148 DM. Preußen, so lautet die zentrale These dieser Berliner Habilitationsschrift, sei ein»Lichtblick für die Entwicklung des demokratisch-parlamentarischen Systems in Deutschland« gewesen. Der größte deutsche Staat habe in den Jahren der Weimarer Republik weniger unter den »historischen Vorbelastungen des deutschen Parlamentarismus«(E. Fraenkel) gelitten als das Reich, Möller erklärt das vor allem damit, daß Preußen im Gegensatz zum Reich keine »präsidiale Reserveverfassung« gekannt habe und folglich immer wieder zum parlamentarischen Kompromiß gezwungen gewesen sei. Ein weiterer Faktor, den der Verf. zur Erklärung der relativen parlamentarischen Stabilität Preußens heranzieht, ist die Abwesenheit polarisierender außenpolitischer Entscheidungszwänge. Sein abschließendes Urteil 1ä4Bt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig;»Die Weimarer Republik krankte nicht an Preußen«. Die»Verfassungsgeschichte Preußens in der Weimarer Republik«, die Möller vorlegt, ist ein überaus gründliches, auf breitem Quellen- und Literaturstudium beruhendes Werk, Von hohem Informationswert sind vor allem die Abschnitte über die soziologische Zusammensetzung der Parlamentsfraktionen und der Kandidatenlisten der einzelnen Parteien, die Ana1yse von Regierungskrisen und die Fallstudien zur Entstehungsgeschichte ausgewählter Gesetze wie etwa desjenigen über die Auflösung der Gutsbezirke von 1927. Über die verfas 778 Forschungsberichte und Rezensionen sungsrechtliche Stellung und die politische Rolle des preußischen Staatsrates wird der Leser ebenso zuverlässig informiert wie über die Organisation der parlamentarischen Arbeit im Landtag. Möller hat sich für eine systematische und gegen eine chronologische Gliederung entschieden, Das gibt dem Werk einen handbuchartigen Charakter, aber es nimmt ihm zugleich die innere Spannung und erschwert die Lesbarkeit. Der Verf. behandelt den Volksentscheid gegen die Regierung Braun vom Sommer 1931, bevor er auf den Kapp-Lüttwitz-Putsch von 1920 eingeht; er erörtert erst die Auseinandersetzungen um eine Ausweitung der Weimarer zur Großen Koalition 1928/29 und dann die Schwerpunkte der Gesetzgebungsarbeit in den mittleren 20er Jahren, Für einen Leser, der die Materie nicht sehr gut kennt, ist diese Vorgehensweise einigermaßen verwirrend. Über manche Urteile des Verf. wird man streiten können. Das gilt für seine ausgesprochen konventionelle Behandlung der Revolution von 1918/19 wie für sein Urteil, die Ablösung des Reichswehrministers Gustav Noske im Frühjahr 1920 sei ein»schwerer Fehler« gewesen. Eindeutig falsch ist die Behauptung des Autors, die SPD habe das Kabinett Brüning bereits im Sommer 1930»im allgemeinen toleriert«, und seine These, die Sozialdemokraten trügen ein»gerüttelt Maß an Mitschuld« an der Auflösung des Reichstages im Juli 1930, 1äßt sich schwerlich halten. Es genügt ein Blick in die Akten der Reichskanzlei, um sich vom wahren Sachverhalt zu überzeugen: Brüning lehnte die Verständigung mit der durchaus kompromißbereiten SPD kategorisch ab. Hinter die Hauptithese des Verf. wird man zumindest ein Fragezeichen setzen müssen. Gewiß: Preußen war bis 1932 das parlamentarische Musterland der Weimarer Republik, und von der Reichs-SPD unterschied sich die preußische Sozialdemokratie unter Otto Braun durch ein höheres Maß an staatspolitischem Verantwortungsbewußtsein, Aber daß die SPD in den letzten Jahren der Republik immer mehr in die Defensive geriet, lag nicht zuletzt an ihrem»Bollwerk Preußen«, Sie mußte Brüning tolerieren, weil sie Braun nicht stürzen durfte. Zu dieser Politik gab es keine vernünftige Alternative, aber der Preis war hoch: Die Passivität der SPD beim»Preußenschlag« vom 20. Juli 1932, als Papen Braun absetzen ließ, war auch eine Folge der 20 Monate währenden Tolerierungspolitik. Das republikanische Preußen, von dem Möller handelt, war das pays /6gal. Das pays reel sah anders aus, und von ihm ist in diesem Buch nur am Rande die Rede, Bei allen Meriten der hier angezeigten Studie: Das Werk über Preußen in der Weimarer Republik bleibt noch zu schreiben. Heinrich August Winkler, Freiburg i. Br. M. J. Daunton(Ed.), Councillors and tenants: local authority housing in English cities, 1919-1939(= Themes in Urban History. General Editor: Derek Fraser), Leicester University Press 1984, XI, 223 S,, Ln.,£ 22.00. Die Entstehung des modernen Wohlfahrtsstaates hat seit dem Ersten Weltkrieg bis heute in England und nicht nur hier stadtgeschichtlich mit am nachdrücklichsten ihre Spuren im kommunalen und sozialen Wohnungsbau(council housing) hinterlassen. Dieses Thema ist durch seine fächerübergreifende Aspektvielfalt für den Sozialhistoriker von besonderem Reiz. Dies hängt nicht zuletzt mit dem Doppelcharakter von Häusern und Wohnungen als marktabhängigen Wirtschaftsgütern einerseits und einer Art sozialpolitischer»Versicherungsprämie« für eine stabile Gesellschaft und die wirtschaftliche Leistungsbereitschaft und -fähigkeit ihrer Mitglieder andererseits zusammen. Zugleich angesiedelt im Bereich von Kommunalverwaltung und kommunaler Parteipolitik, von Sozialpolitik, städtischer Sozial- und Wirtschaftsstruktur, von Bauwirtschaft und Arbeitsmarkt, von lokaler Steuerpolitik, Kapitalmarkt und Subventionen, von Stadtentwicklungsplanung, Architektur, Bautechnik und baulichem»Design« und eingebettet in das spannungsvolle Verhältnis zwischen