Forschungsberichte und Rezensionen 709 zudenkende dialektische Verknüpfung von»geschichtlichem Bewußtsein und politischem Handeln«(Th. Nipperdey) in den Vordergrund. Von Hegel führt eine direkte Linie zu dem Wiener Staatswissenschaftler Lorenz von Stein, der als einer der scharfsinnigsten Kritiker und Wegweiser moderner Sozialstaatsproblematik seit einiger Zeit zunehmend das Interesse von Sozial-, Wissenschafts- und spezielt Rechtshistorikern auf sich zieht. Als eine Resultante seiner zahlreichen Stein-Forschungen würdigt D. Blasius Steins»Verwaltungslehre« als großen und zukunftsweisenden»Versuch einer konservativen Verteidigung der bürgerlichen Moderne«(S, 199). Zwischen Hegel und Stein richtet der Band den Blick noch einmal auf Frankreich und England. In kritischer Auseinandersetzung mit Herbert Marcuses These einer verhängnisvoll relativistischen Herrschaftsstabilisierung bei Auguste Comte zeigt K. Düwell anhand französischer Forschungen, daß das Verhältnis von Ordnung und Fortschritt bei diesem Mitbegründer des soziologischen Positivismus ungleich spannungsreicher war, daß ein evolutionistisches Erneuerungspathos Comtes sich an seinem unbestreitbaren Kotau vor der bestehenden politischen und sozialen Ordnung rieb. Mit Alexis de Tocqueville führt H.-Ch. Schröder dann einen»Aristokrat[en] als Analytiker der demokratischen Gesellschaft« vor; E. Nolte analysiert an John Stuart Mill einen bemerkenswerten Übergang»vom Benthamschen Erbe zur Ambivalenz des Fortschritts«. Mit unnötiger aktuell-politischer Polemik gegen das»sozialistische Lager« erörtert P. Scheibert den— gegen den Panslawismus gerichteten— beschwörenden Rückgriff auf das byzantinische Ostchristentum bei Konstantin Leont’ev als»Ästhetik der Antimoderne«. Es folgen die bereits erwähnten Historiker Burckhardt, Mommsen und Weber; der Band klingt aus mit einem Essay von H.-U. Wehler über Rudolf Hilferding als»Theoretiker des Finanzkapitals« und einem nachgerade aktuell anmutenden Beitrag von P. Burian über den Weg»von der deutschen zur österreichischen Nation« bei Kart Renner. Verglichen mit dem Beginn— Locke und Rousseau- mag dieser Abschluß verwundern, gleichermaßen eine Substanzminderung wie auch eine nationale Verengung politischer Ideengeschichte signalisieren. Doch bei aller konzeptionellen Geschlossenheit, die dieser Gedenkschrift eignet, sie ist kein Handbuch— wenngleich sie etwa die von H. Maier u. a. herausgegebenen»Klassiker des politischen Denkens« sinnvoll ergänzt—, es fehlen, wie die Herausgeber selbst einräumen, »manche der großen Beweger, wie Karl Marx oder Giuseppe Mazzini«(S. 10). Das liegt im Charakter eines derartigen Sammelbandes, der Schüler des Geehrten unter einer Thematik vereinigt. Aber gerade weil er an der Stelle eines zumeist bunten Festschrift-Straußes Marksteine politischer Ideengeschichte über drei Jahrhunderte hinweg hervorheben will, hätte man sich die Einleitung weniger spartanisch gewünscht. Rüdiger vom Bruch, München The German Peasantry, Conflict and Community in Rural Society from the Eigh1eenth to the Twentieth Centuries, ed. by Richard J. Evansand W. R. Lee, Croom Helm, London/Sydney 1986, XII, 305 S., geb.,£ 22.50. In der westdeutschen Geschichtswissenschaft nimmt die Agrargeschichte eine Randlage ein, und man hat den Eindruck, daß sie sich dort ganz wohlfühlt. Sie führt weder Theoriediskussionen noch inhaltliche Auseinandersetzungen und toleriert jeden Ansatz, solange er nur an der Sonderstellung des Faches nicht rüttelt. Das ist für die deutsche Historie ein Ärgernis, im Hinblick auf deren internationale Einbindung aber eine Torheit. Die Folgen sind schnell aufgezählt. Kaum eine Handvoll westdeutscher(Allgemein-)Historiker beteiligte sich an der Brenner-Debatte um die Veränderung der frühneuzeitlichen Agrargesellschaft. In Wallersteins Büchern über die Entstehung des modernen»Weltsystems« taucht ausschließlich alte, veraltete deutsche Literatur auf. Und wem fällt eigentlich der erhebliche Kontrast zwischen Günther Franz’»Bauernkrieg« und den Ergebnissen westeuropäischer Untersuchungen zu 710 Forschungsberichte und Rezensionen den Bauernunruhen des 16, und 17. Jahrhunderts auf? Von Abels»Agrarkrisen« abgesehen, die in mehrere Sprachen übersetzt sind, ist deutsche Agrargeschichte dem Ausland nicht zu vermitteln. Hans Rosenbergs Kritik an den ersten Bänden der»Deutschen Agrargeschichte« ist auch 20 Jahre später noch immer aktuell. So erklärt es sich, daß Evans und Lee, um 11 Aufsätze zur neueren deutschen Agrargeschichte zu sammeln, auf einen Amerikaner, zwei Engländer, vier Historiker und Volkskundler aus der DDR, einen deutsch-englischen Anthropologen, zwei westdeutsche Volkskundler der Bausinger-Richtung und eine Berliner Sozialhistorikerin zurückgegriffen haben, Han Farr liest uns denn auch in seinem forschungsgeschichtlichen Überblick gehörig die Leviten. Das ist, für sich genommen, noch nicht besonders originell, Originell wird seine Kri1ik, besser: seine Philippika, erst, wenn er die Schuld an dieser Misere nicht den Agrarhistorikern im eigentlichen Sinne gibt— die hat er als offenbar hoffnungslosen Fall bereits abgeschrieben—, sondern den Sozialhistorikern,»Bielefeld«, um es deutlich zu sagen, interessiere sich für das Thema nur am Rande und gelange dann über Stereotypen nicht hinaus. Der Grund: die falschen Modelle. Denn weder»Peasant Society« noch gar die Modernisierungstheorie taugten zur adäquaten Beschreibung, sondern Lenin. Entsprechend lautstark singt Farr denn auch das Lob der ostdeutschen Agrarhistoriker. Nun kann man ganz gewiß den hohen Standard der landwirtschaftsgeschichtlichen Forschung in der DDR nicht leugnen; ihre bislang vergleichsweise international geringe Resonanz hat bekanntlich andere Ursachen. Aber ganz so frei von Schwächen, wie Farr wahrhaben will, ist sie nun auch wieder nicht, und zwar gerade, weil sie sich bisweilen noch immer viel zu eng an Lenin hält, Aber nicht dies ist hier zu diskutieren, sondern die Frage, ob der vorliegende Sammelband denjenigen Ansprüchen, die nicht nur Farr an die deutsche Agrarhistorie stellt, gerecht geworden ist, Und davon kann nun leider kaum die Rede sein. Nicht nur, daß die meisten Beiträge für den internationalen Lesermarkt viel zu spezialistisch sind- wer kennt in den USA schon Maudach, Körle oder Kiebingen—, sie bringen auch dem Kenner wenig Neues und sind zum Teil wissenschaftlich auf indiskutablem Niveau. Das gilt namentlich für Wilke, der eine unfreiwillige Karikatur der Mikrohistorie liefert, indem er die westafrikanischen Azande mit einem nordhessischen Stamm vergleicht, der seine Wohnplätze in Körle hat und wo der Autor einige ältere Eingeborene befragen konnte, weil er deren Dialekt beherrscht; er ist nämlich dort geboren, Und wer hätte es bisher für möglich gehalten, daß im 19. Jahrhundert auch in der Pfalz die soziale Differenzierung zu- und die Sozialkontrolle der Vollbauern über die Dorfgemeinde abgenommen hat? Maudach im Einzugsbereich der BASF liefert jedenfalls den überzeugenden Beweis(Cat), Daß das Leben der Mägde hart war und daß die einen brav ihre Aussteuer zusammensparten, die anderen dies aber nicht schafften und statt dessen uneheliche Kinder in die Welt setzten, war eigentlich auch schon bekannt. Klar, daß die Männer dies zu verantworten haben, die machen ja auch die Geschichte(R. Schulte), Doch genug dieser Hinweise, Zwei Beiträge verdienen wirklich hervorgehoben zu werden. Zum einen Harnischs sorgfältige Demonstration, daß Bauern auch in Ostelbien unter gewissen Umständen bereits vor den Agrarreformen, d. h. noch im Feudalismus, ihre Einkommenslage spürbar verbessern konnten, nämlich dann, wenn durch Vermarktung die Erlöse rascher stiegen als die Abgaben. Inwieweit sich von hier aus ein direkter Zusammenhang mit der Bauernbefreiung ergibt, ist allerdings nicht so eindeutig, wie Harnisch meint. Aber sein Beitrag paßt vorzüglich zu demjenigen Hagens, der am Beispiel des Gutes Stavenow in der Prignitz eine viel modernere Landwirtschaft zeichnet, als bisher angenommen. Ein Gutteil der Modernisierung ging auf den bäuerlichen Widerstand zurück, der sich dank königlicher Gerichte erfolgreich gegen herrschaftliche Fronverschärfung und anderes zur Wehr setzen konnte. Auch hier erscheinen also ostelbische Bauern viel fortschrittlicher als bisher, ein Resultat, das Hagen auch schon fürs 16. Jahrhundert nachgewiesen hat. Forschungsberichte und Rezensionen 711 Gerade diese beiden Aufsätze zeigen, was von der Agrargeschichte her wirklich geleistet werden kann, um den Zusammenhang zur allgemeinen Geschichte herzustellen. In der Tat hat Hagen mit einem Aufsatz von 1985,»How mighty were the Junkers?«, die Greichenfrage gestellt, Sie ist aber noch längst nicht beantwortet. Und sie wird wohl mit etlichen Aufsätzen des vorliegenden Bandes auch kaum zu beantworten sein, Christof Dipper, Trier Utz Jeggle/Gotifried Korfl/Martin Scharfe/Bernd Jürgen Warneken(Hrsg), Volkskultur in der Moderne. Probleme und Perspektiven empirischer Kulturforschung(= rowohlts enzyklopädie, Bd. 431), Rowohlt-Verlag, Reinbek 1986, 510 S., kart., 22,80 DM, Vieles von dem, was heute in der Geschichte des Alltags als neue Erkenntnis gepriesen wird, hat die Volkskunde schon längst in ihrem Inventar, Dazu hat Hermann Bausinger, dem der vorliegende Band als Festschrift zum 60. Geburtstag zugeeignet ist, mit seiner 1961 erschienenen Schrift»Volkskultur in der technischen Welt« in erheblichem Maße beigetragen. Im vorliegenden Band bezeugen nicht nur die Beiträger aus dem»Ludwig-Uhland-Institut für empirische Kulturwissenschafti« der Universität Tübingen, an dem Bausinger lehrt, welche Anstöße er mit dieser richtungweisenden Arbeit geben konnte. Kollegen aus der Bundesrepublik, der Schweiz, Schweden, der VR Ungarn, der DDR und den USA kommen mit ganz unterschiedlichen Beiträgen zu Wort.(Die Tübinger Kollegen haben übrigens eine gesonderte Festschrift unter dem Titel»Tübinger Beiträge zur Volkskultur in der Modemne« vorgelegt.) Nicht alle Aufsätze stehen in engem Zusammenhang mit dem erwähnten Werk Bausingers, aber alle nehmen Bezug auf die Arbeiten des Jubilars. Grundsätzliche Bemerkungen machen die Herausgeber in ihrem Wortprotokoll eines Gespräches, das sie an Stelle eines Vorwortes einsetzen. Sie stellen dabei die Aktualität, aber auch die Schwächen des Bausingerschen Ansatzes heraus und versuchen deutlich zu machen, wo die Volkskunde heute noch Daseinsberechtigung hat und Ansatzpunkte finden kann, In gewisser Weise schließt der Schlußbeitrag von W. Kaschuba über»Mythos und Eigen-Sinn,»Volkskultur« zwischen Volkskunde und Sozialgeschichte« den Bogen der Eingangsdiskussion, indem er resümiert, welche Näherungen sich zwischen moderner Alltagsgeschichtsforschung und neuer Volkskunde ergaben und ergeben. Dazwischen finden sich sowohl eher theoretisch reflektierende Beiträge wie solche aus der empirischen Forschung, die unter den zusammenfassenden Überschriften»Wege in die Moderne«,»Erziehung zum Bürger«,»Dokumente der Sachkultur«,»Arbeiterkultur und Industriekultur«,»Körperkultur«,»Wandel von Symbolen und Gütern«,»Folklorismus«, »Funktionswandel oder: Beharrung und Wandel« sowie»Gemeinschaft und Marginalisierung« abgedruckt sind, Für den Sozialhistoriker, der schon länger konstruktiv mit Vertretern einer hier zu Wort kommenden Richtung der Volkskunde zusammenarbeitet, bietet der Band in Anlage und Absicht nichts Erstaunliches. Für viele Historiker wäre heute ratsam, sich bei Fragen der Alltagsgeschichte an den Ergebnissen volkskundlicher Reflexionen und Forschungen zu orientieren, anstatt auf dem alten Graben zwischen beiden Disziplinen weiter zu beharren. Denn was von seiten der Sozialgeschichte die Annäherung an das Einzelne ist, ist von seiten der Volkskunde die Einbeziehung von gesellschaftlichen(immer noch zu wenig auch ökonomischen) Strukturen. Dazu braucht es allerdings seitens eines alterfahrenen Volkskundlers nicht der abschätzigen Beurteilung, daß die Geschichtswissenschaften»hinter uns[sc. den Volkskundlern, L.-S.] hereilend zur Zeit Volkskultur in der Historie entdecken«(Kramer, $. 434). Ich kann solchen Seitenhieben um so weniger abgewinnen, als gerade der vorlie