Forschungsberichte und Rezensionen 301 sen, auch wenn sie gehalten sind, ihre ursprünglichen Konzepte unter dem Eindruck der Interviewaussagen zu ändern, zu erweitern und nach ihrem Sinn abzuklopfen. Die Meinungen, Reflexionen und Bekundungen der von den sogenannten»großen Ereignissen« und den Machenschaften der»großen« Betroffenen ergeben kein vollständiges Geschichtsbild, auch kein Bild aus der im Vergleich zu den offiziellen Quellen, den Akten, umgekehrten Sicht jener anderen, durch Geschichtswissenschaft bislang gewiß sträflich vernachlässigten Seite der Gesellschaft. Aber— und dies ist nicht genug zu veranschlagen—, sie formen die einseitige Perspektive»von oben« um. Die einzelnen Beiträge des Buches spiegeln diese Situation wider. Sie interpretieren den aus den Interviews gewonnenen Stoff und messen ihn am Stand der Forschung und Wissenschaftstheorie. Der Streit zwischen Oral History, Alltagsgeschichte und der theoretisch orientierten Geschichtswissenschaft verliert so fast von selbst seine Schärfen, obgleich damit die Gegensätze nicht gänzlich aufgehoben sind. Abschließend ist zu sagen, daß das Buch die Methoden, theoretischen Möglichkeiten und die Reichweite der Oral History in ausgereifter Form präsentiert und darüber hinaus strekkenweise spannend zu lesen ist. Peter Hüttenberger, Düsseldorf Antiquariat Dr. Christoph Cobet: Katalog 30. Deutschlands Erneuerung 1945-1950. Biographische und bibliographische Dokumentation. 433 Titel, Inhaltsbeschreibungen und Biographien, Antiquariat und Verlag Cobet, Frankfurt 1985, 340 S., kart., 30 DM. Nicht nur aus Anlaß sich häufender Gedenktage und runder Jahreszahlen, sondern auch aufgrund einer historiographischen Interessenverschiebung rückt nach vierzig Jahren immer stärker die unmittelbare Nachkriegszeit ins Blickfeld der Forschung. Die zeitliche Begrenzung bietet sich zwingend an. Sie reicht vom totalen Zusammenbruch des Deutschen Reiches im Mai 1945 bis zur Gründung und Etablierung der beiden Nachfolgestaaten Bundesrepublik und DDR 1949/50, die— obgleich jahrzehntelang als Provisorien definiert— gleichwohl die deutsche Teilung besiegelten. Im Rückblick stellt sich dieser Zeitraum trotz des Elends, das er für viele bedeutete, als eine durch ihre Vielfalt faszinierende Epoche dar: Die wiedergewonnene Freiheit einerseits mit der(Neu-)Gründung von Parteien und Zeitungen, andererseits je nach Besatzungszonen rigide bis lässige alliierte Militärregierungen, die durch Verordnungen und Lizenzvergabe das öffentliche Leben bestimmten. Von besonderem Interesse ist für uns heute das Kulturleben jener Zeit. Vertreter der»inneren Emigration« holten ihre bislang in Schubladen versteckten Manuskripte hervor, Schriftsteller kehrten aus dem Exil zurück, und junge Autoren, deren Jugend von HJ, Krieg und Gefangenschaft bestimmt worden war, meldeten sich erstmals zu Wort— daneben gab es aber auch jene kulturellen Mitläufer der NS-Zeit, die sich hinter christlicher oder abendländisch-konservativer Fassade den Verhältnissen anzupassen trachteten. Namen, die später für Jahrzehnte das politische und kulturelle Gewicht der Bundesrepublik prägten oder noch prägen, treten in diesen Jahren erstmals in der Öffentlichkeit auf. Der Buchmarkt jener Jahre war karg, wenn man die Zahl der Neuerscheinungen mit heutigen Erfolgsmeldungen des deutschen Buchhandels vergleicht- Papiermangel und alliierte Zensurbestimmungen setzten hier Grenzen, aber er war gehaltvoll und weichenstellend. Um so verdienstvoller ist es daher, daB das Antiquariat Cobet einen Katalog für die Nachkriegsliteratur zusammengestellt hat. Nicht nur werden 433 Titel bibliographisch vollständig aufgeführt und nach elf Kriterien(u. a. Namen von Mitarbeitern, Herausgebern oder Illustratoren, Auflagenhöhe, Lizenznummer der Militärbehörde etc.) detailliert vorgestellt, sondern es werden die Verfasser biographisch skizziert, Lebensdaten und weitere Veröffentlichun 802 Forschungsberichte und Rezensionen gen sowie knappe, aber zahlreiche sonstige Informationen angegeben. Obwohl als Verkaufskatalog konzipiert, gewinnt das Verzeichnis dadurch den Charakter eines Nachschlagewerkes, das für Zeithistoriker und Literaturwissenschaftler, die sich mit der Nachkriegszeit befassen, unentbehrlich ist. Als Anhang enthält der Katalog den Faksimile-Abdruck der Programmschrift»Das Demokratische Deutschland«, die 1945 vom ehemaligen Reichskanzler Wirth, dem ehemaligen preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun, dem späteren bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner und anderen im Schweizer Exil verfaßt wurde, sowie die Originalfassung des Morgenthau-Planes. Dadurch gewinnt der Katalog auch den Charakter einer Dokumentation, deren sorgfältige Erarbeitung und gefällige Ausstattung auch ästhetischen und bibliophilen Ansprüchen genügen. Patrik v. zur Mühlen, Bonn Martin Möller, Evangelische Kirche und Sozialdemokratische Partei in den Jahren 1945-1950, Grundlagen der Verständigung und Beginn des Dialoges(= Göttinger Theologische Arbeiten, Bd. 29), Verlag Vandenhoeck& Ruprecht, Göttingen 1984, 264 S., kart., 50 DM. Die bei Peter Krüger angefertigte, in der Hauptsache jedoch von dem Marburger Theologen und Sozialethiker Dietrich von Oppen betreute Dissertation von 1979(!) ist einem Thema gewidmet, das im Zeichen einer verstärkten Zuwendung der kirchlichen und allgemeinen Zeitgeschichte zur Nachkriegsepoche nach wie vor besonderes Interesse beanspruchen darf. Möller geht erstmals der Frage nach, inwiefern der nach 1945 beginnende Dialog zwischen Protestantismus und Sozialdemokratie Politik- und Kirchen- bzw. Religionsverständnis von»Partnern« beeinflußte, die beide an schwerwiegenden historischen Hypotheken trugen, was ihr Verhältnis zueinander betraf. Die Gegnerschaft zu einer primär der bürgerlichen Gesellschaft verpflichteten Staatskirche korrespondierte bei dieser mit tiefen Aversionen gegenüber der von führenden Zirkeln der Partei vertretenen materialistischen Religionskritil die jedoch auf Grund von organisationspolitischen Funktionsverlusten auch in ihrer weltanschaulichen Bedeutung in Vorstand und Mitgliedschaft schon nach der Jahrhundertwende zunehmend in den Hintergrund getreten war, Das eingewurzelte gegenseitige Mißtrauen überdauerte trotz gewisser Annäherungsversuche in den 20er Jahren(Religiöse Sozialistene,»Vernunftrepublikanismus<) die Weimarer Republik und machte erst durch die von vielen Christen und Sozialisten gemeinsam erlittenen Bedrängnisse zwischen 1933 und 1945 Achtung und Respekt für das jeweils andere weltanschauliche Anliegen Platz. Diese Erfahrungen lösten zusammen mit der überall— auch innerhalb der jungen CDU— anfangs vorhandenen Bereitschaft, eine neue Wirtschaftsethik jenseits des Kapitalismus mit unüberhörbaren Anklängen an sozialistische Modelle auszubilden, bei den Spitzen von Partei und Kirche einen Lernprozeß aus, dessen Chancen und Probleme bis 1950 die vorliegende Arbeit beschreibt. Möller kommt zu dem Ergebnis, daß sich die Sozialdemokratie mit ihrem Vorsitzenden Kurt Schumacher zwar den Grundanliegen des Christentums öffnete, indem dieser zusammen mit Willi Eichler, Carlo Schmid und bekannten Religiösen Sozialisten wie etwa Adolf Grimme die Motivation, am Aufbau des demokratischen Sozialismus mitzuwirken, nicht mehr auf den historischen Materialismus eingrenzte, sondern ebenso religiösethische Voraussetzungen(Bergpredigt) anzuerkennen bereit war. Andererseits aber weigerte sich Schumacher, den Öffentlichkeits- und Mitgestaltungsanspruch der Kirchen beim Aufbau der Bundesrepublik zu akzeptieren. Dahinter stand die Sorge vor einer erneuten »Klerikalisierung« des Staates und seiner politischen Kultur, wie sie gerade die Sozialdemokratie im Laufe ihrer Geschichte immer wieder negativ erfahren und bekämpft hatte. Dieses Nein zum Öffentlichkeitswillen der Kirchen, welcher ja keineswegs eine klerikale Überformung der(west-)deutschen Gesellschaft implizieren mußte und der sich protestantischer