776 Forschungsberichte und Rezensionen kriegszeit, die in der einen oder der anderen Weise als Akteure in die Unrechts-Justiz des Dritten Reiches verstrickt waren. In diese Zusammenhänge führt eine Studie von Klaus Jürgens über Probst Hans Ernesti, und führen auch Untersuchungen Hans-Ulrich Ludewigs und Friedrich-Wilhelm Müllers über das Sondergericht Braunschweig 1933-1945 bzw. über die Entnazifizierung der Richter in kirchlichen Ämtern. Der vorliegende Band ist den kirchlichen Problemen der lutherischen Landeskirche in der unmittelbaren Nachkriegszeit gewidmet und es wird immer wieder deutlich, wie die einzelnen Beiträge Stimmen einer nicht zur Ruhe gekommenen Bewußtseinsbildung über die Zeit des Nationalsozialismus innerhalb der Landeskirche darstellen. Diese Publikation führt beispielhaft vor Augen, welchen Verführungen und Verstrickungen geistliche und juristische Führungskräfte der evangelischen Landeskirche in der nationalsozialistischen Zeit ausgesetzt waren, welche belastenden Probleme dadurch nach dem Sturz des Nationalsozialismus zur Bewältigung aufgegeben waren und wie sie noch heute zur Reflexion herausfordern. Er leistet damit auch für die Außenansicht der Landeskirche einen sehr wichtigen Beitrag, indem er sie uns als Institution erkennen läßt, in der die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft nicht künstlich von einer lebendigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit abgetrennt, sondern diese Vergangenheit zur realistischen Selbstvergewisserung genutzt wird. Karl-Egon Lönne, Düsseldorf J. Jürgen Seidel, Aus den Trümmern 1945. Personeller Wiederaufbau und Entnazifizierung in der evangelischen Kirche der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Einführung und Dokumente, Verlag Vandenhoeck& Ruprecht, Göttingen 1996, 627 S., geb., 98 DM. Die Erforschung der kirchlichen Zeitgeschichte erfreut sich seit geraumer Zeit eines stärkeren Interesses. Dies gilt besonders für die Rolle der evangelischen Kirche in der DDR, die ihren eigenen Standort in der Ära Honecker mit dem schillerenden Begriff»Kirche im Sozialismus« umschrieb. Im Schatten der gegenwärtigen Kontroversen steht die innerkirchliche Entwicklung der ersten Nachkriegsjahre. Dieser Thematik widmete sich Seidel bereits in der 1989 publizierten Studie»Neubeginn in der Kirche?«, die anhand der damals verfügbaren Quellen den Weg der evangelischen Kirche im gesellschaftspolitischen Kontext der Jahre 1945 bis 1953 nachzeichnete. Die nun vorgelegte Dokumentation konzentriert sich auf den schwierigen Prozeß der innerkirchlichen Neuordnung unmittelbar nach dem Ende der NS-Diktatur. Diese Problematik wog für die acht in der Ostzone gelegenen evangelischen Landes- und Provinzialkirchen um so schwerer, als sie ausnahmslos zu den»zerstörten Kirchen« zählten. In all diesen Kirchen-hatten die»Deutschen Christen«(DC), die offenen Parteigänger des NS-Regimes, bis zum Kriegsende die Macht ausgeübt. Auch danach wollten manche kompromitierten Kirchenleitungen nicht freiwillig weichen, so daß es erst der Intervention von außen bedurfte, um die innerkirchliche Neuordnung voranzubringen. Am 30. April 1945 verhaftete die amerikanische Besatzungsmacht den thüringischen DC-Bischof Rönck und entschied damit die schleppenden Verhandlungen zugunsten eines personellen Neuanfangs im Sinne der Bekennenden Kirche. Ähnliches wiederholte sich in Sachsen und Mecklenburg, wo die DC-Bischöfe Coch und Schultz noch im Juni amtierten. Mit Ausnahme der pommerschen Kirchenprovinz beanspruchten in allen Kirchen die Landes- bzw. Provinzialbruderräte kirchenleitende Befugnisse. Sie verstanden sich als die legitimen Erben des Kirchenkampfes, waren jedoch zumeist auf eine Koalition mit den ungeliebten »Neutralen«, dem breiten Feld der kirchlichen Mittelgruppen, angewiesen. Archiv für Sozialgeschichte 37, 1997 TI7 Wie die Neuordnung in den einzelnen Landeskirchen konkret vonstatten ging, wird jeweils in einem eigenen Kapitel geschildert. Anschließend folgt der Abdruck wichtiger Quellentexte: Berichte, Rundschreiben, Protokolle, Beschlüsse und Verlautbarungen. Verfolgt man die weitere Entwicklung, so wird man dem Vorwort aus der Feder von Altbischof Fränkel wohl nur zustimmen können:»Die Bekennende Kirche konnte ihren Kirchenleitungsanspruch. nicht voll durchsetzen, weil sie zahlenmäßig zu klein war und auch nicht über ausreichend geistlich bedeutende Persönlichkeiten verfügte, so daß sie weitgehend auf Kompromisse angewiesen war. Die Mehrzahl der Pfarrer hatte den Kirchenkampf nicht mitgetragen, die Gemeinden nicht vor die gebotene Entscheidung gestellt und die Gemeindearbeit zu sehr als ihre eigene Sache betrachtet«(S. 15). Was bald als Restauration behördenkirchlicher Strukturen diskutiert wurde, ergab sich zwangsläufig aus der inneren Schwäche der Bekennenden Kirche. Sie stellte— entgegen einer liebgewordenen Kirchenkampflegende— seit 1936/37 keine kraftvolle Bewegung mehr dar. Bei Kriegsende waren Pfarrer wie Gemeinden ausgezehrt und mit der Bewältigung der Not des Alltags vollauf beschäftigt. Entsprechend konzentrierte sich die Kirchenpolitik auf den Neuaufbau der kirchlichen Leitungsstrukturen und auf eine pragmatische Sammlungspolitik, die keinesfalls alte Gräben neu aufreißen wollte. So verwundert es nicht, daß der Erörterung der Schuldfrage im innerkirchlichen Diskurs kein besonderer Stellenwert zukam. Der nationalsozialistische Zivilisationsbruch wie die Verfälschung des Evangeliums im völkischen Sinne durch DC-Pfarrer wurden nur selten selbstkritisch reflektiert, zumeist blieb es bei einem allgemeinen Bekenntnis der Schuld vor Gott, ohne das konkrete Versagen im einzelnen zu benennen. Erheblich mehr Anklang fand hingegen die entlastende Umdeutung des Kirchenkampfes zum politischen Widerstand gegen das NS-Regime schlechthin. Tatsächlich lagen die Verhältnisse komplizierter. In Sachsen sollen nach Angaben Seidels etwa die Hälfte aller Pfarrer Mitglieder der NSDAP gewesen sein. Ähnlich hoch lag der Anteil in der Landeskirche Anhalt. In Thüringen gehörten von rund 750 Amtsträgern und 45 Kirchenbeamten etwa 250 Pfarrer und zehn Kirchenbeamte zu den»Deutschen Christen«. Allein aus diesen Zahlen wird deutlich, daß eine tiefgreifende Selbstreinigung kaum zu verwirklichen war, da sie den institutionellen Bestand gefährdet hätte. Entsprechend zurückhaltend taktierten denn auch die neuen Kirchenleitungen, zumal nicht wenige Pfarrer der Bekennenden Kirche ebenfalls der NSDAP angehört hatten. Sie beließen es in aller Regel bei Appellen zur geistigen Umkehr und versetzten einige radikale»Deutsche Christen« in den Ruhestand oder in eine andere Gemeinde. Erst als der staatliche Druck anwuchs, setzten die Landeskirchen im Laufe des Jahres 1946 kirchliche Spruchkammern ein. In Sachsen wurde von 1 161 Pfarrern lediglich einer entlassen, 27 wurden befristet des Dienstes enthoben und 139 beschränkt(vikarisch) weiter beschäftigt. Die meisten Maßnahmen wurden wenig später im Zuge der allgemeinen Rehabilitierungspolitik wieder aufgehoben. Der frühere DC-Bischof Rönck amtierte später in Eutin, Siegfried Leffler, der DCReichsgemeindeleiter, fand eine neue Pfarrstelle in Bayern. Nicht erwähnt bei Seidel ist Professor Walter Grundmann, der als radikaler Deutscher Christ das»Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben« geleitet hatte und später(bis 1975) den Nachwuchs am Eisenacher Katechetenseminar ausbildete. Einen plastischen Einblick in die drängenden Probleme der innerkirchlichen Neuordnung und die Not der ersten Nachkriegsjahre gibt schließlich der Abdruck von 18 Rundbriefen des sächsischen Landessuperintendenten Franz Lau, die den Alltag aus kirchenleitender Sicht widerspiegeln. Auffallend ist dabei die Verengung des Horizonts auf die Kerngemeinde, die selbstgenügsame Konzentration auf Schrift und Bekenntnis. Die Verkündigung spendete den Gläubigen Trost und Zuversicht; einer kirchenfernen Welt, die mitten im Chaos nach geistiger, politischer und gesellschaftlicher Neuorientierung suchte, hatte sie jedoch wenig zu bieten. Clemens Vollnhals, Berlin