764 Forschungsberichte und Rezensionen staatliche Sportförderung zu begegnen, wie es Italien und Deutschland in den 1930er Jahren geschah, war nicht Großbritanniens Sache. Man ging statt dessen Kompromisse ein, schickte Profifußballer zu den Olympischen Spielen nach Berlin, die jedoch von Amateuren trainiert wurden, und hielt sich aus dem Wettstreit der Systeme weitgehend heraus. Obwohl der britische Sport in den geschilderten 35 Jahren— davon waren ein Viertel Kriegsjahre— gewaltige Wandlungen durchlief, sind einschneidende Zäsuren kaum auszumachen. Die verschiedenen Sportauffassungen veränderten sich nur allmählich in ihrer Gewichtung. Selbst die sportlichen Betätigungen der einstigen»leisure class« bestanden fort, während gleichzeitig— etwa bei Hunderennen und stärker noch beim Fußball— neue kommerziell geprägte Zuschauersportarten entstanden. Segeln erlebte sogar einen ähnlichen Höhepunkt wie die neuen Motorsportarten. Wenn Birley diese Entwicklung, bei der das Alte neben dem Neuen fortbestand, zusammenfassend damit erklärt, daß Großbritannien eben kein revolutionäres Land gewesen sei, so ist damit sicher nicht nur der Sport gemeint, sondern ein weiteres Mal demonstriert, welch hervorragendes Paradigma der Sport zur Beschreibung der britischen Gesellschaftsentwicklung abgibt. Martin L. Müller, Frankfurt/Main Adele Lindenmeyr, Poverty is not a Vice. Charity, Society, and the State in Imperial Russia, Princeton UP, Princeton 1996, XIV+ 335 S., geb., 49,50$. Wer kennt nicht, beispielsweise aus den Romanen Dostoevskijs, eine besondere russische Mitleidsfähigkeit und spontane Hilfsbereitschaft gegenüber allen»Unglücklichen«? Daß dieses Klischee nicht ganz an der Wirklichkeit vorbeigeht, zeigt die amerikanische Historikerin Lindenmeyr in einer ersten systematischen Geschichte der russischen Wohltätigkeit(bis 1917). Lindenmeyr geht es nicht um den mentalitätshistorischen Nachweis einer besonderen, wie auch immer in der»russischen Seele« verankerten Disposition zur Nächstenliebe, sondern sie bietet eine übersichtliche und kenntnisreiche Darstellung erstens der einschlägigen staatlichen Maßnahmen und Absichten, zweitens der privaten, gesellschaftlich organisierten Formen von Wohltätigkeit. Tatsächlich findet Lindenmeyr in beiden Bereichen Belege für die Wirksamkeit des orthodox-religiösen wie volkskulturellen Ethos individueller Barmherzigkeit. Fast bis zum Ende der Zarenzeit behielt jenes russische Sprichwort, demzufolge Armut kein Laster—»bednost’ ne porok«—, sondern eine moralische Verpflichtung der Mitmenschlichkeit ist, seine Gültigkeit. Armut, Bettelei und Vagabundentum galten v.a. als individuelles Unglück und wurden kaum als Folgen von Arbeitslosigkeit oder Wohnungsnot wahrgenommen. Das wichtigste Gegenmittel blieb die persönliche und ritualisierte Mildtätigkeit aus vorindustrieller Zeit. Für den autokratischen Staat bedeutete dies eine willkommene Entlastung nicht zuletzt von finanziellen Verpflichtungen. Er begnügte sich mit Sanktionsmaßnahmen gegen Bettelei und delegierte die Fürsorgepflicht an ständische bzw. an lokale Selbstverwaltungsorgane. Bis zu seinem Untergang hat es im Zarenstaat weder vollständige offizielle Armenstatistiken noch-gesetze gegeben. In diesem Vakuum staatlicher Politik, so zugespitzt die These Lindenmeyrs, entwickelten sich zunächst halbstaatliche, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend auch private Gesellschaften zum wichtigsten Träger wohltätiger Zuwendungen. Obwohl sich solche Vereine flächendeckend durchsetzten, blieb, im Vergleich mit europäischen Staaten, das Niveau(über)regionaler Zusammenschlüsse, systematischer und institutionalisierter Fürsorge gering. Zwar sieht Lindenmeyr auch im Zarenreich mit den ersten privaten Wohltäigkeitsexperimenten der Archiv für Sozialgeschichte 39, 1999 765 russischen Freimaurer bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert eine rationale, kontrollierte und selektive Philanthropie entstehen. Doch vermochte es diese bis ins 20. Jahrhundert nicht, die traditionale, moralisch legitimierte»culture of giving« zu verdrängen. Deren Ethos individueller, persönlicher Hilfe mag neben der Angst vor einer bürokratischen Vereinnahmung das geringe Organisationsniveau der russischen Wohltätigkeit erklären. Konnten sämtliche gesellschaftlichen Wohlfahrtsanstrengungen in einem notorisch armen Land wie Rußland ohnehin nur wenig bewirken, sieht Lindenmeyr deren eigentlichen Erfolg in der Entstehung einer»new civic identity«(S. 212). Sie greift damit in eine Modedebatte der letzten Jahre über die Bedingungen der Möglichkeit einer»civil society« im autokratischen Staat ein. Die Schlußfolgerung liegt nah, in den Wohltätigkeitsvereinen Strukturträger und zugleich Modelle einer selbstbestimmten, dem Gemeinnutz verpflichteten Gesellschaft zu sehen. Doch noch ist zu wenig über das Selbstverständnis der Vereinsmitglieder bekannt, die sich im Prinzip aus allen Gesellschaftsschichten, Ständen und Ethnien des Reichs rekrutieren konnten. Daß dies in der abgelegenen Kreisstadt OstrogoZsk nachweislich zumindest für die Träger von Besitz, Bildung und Prestige der Fall war, zeigt vielleicht nur, daß es andere Möglichkeiten der Soziabilität für die lokale Gesellschaft nicht gab. So informativ Lindenmeyrs Studie über Formen und Inhalte russischer Wohltätigkeit insgesamt ist, in diesem— leider argumentativ zentralen— Punkt bleibt die Autorin vage(S. 211):»One can only speculate about what brought such different people together.« Andreas Renner, Bielefeld Theodore R. Weeks, Nation and State in Late Imperial Russia. Nationalism and Russification on the Western Frontier, Northern Illinois UP, DeKalb/Ill. 1996, 310 S., geb., 32$. In den vergangenen ereignisreichen Jahren sind Nation und Nationalstaat, Nationalismus und nationale Identitäten nicht nur in die Politik, sondern auch in die Wissenschaft zurückgekehrt. Nicht der geringste Verdienst zumindest der letzteren Entwicklung ist eine spürbare Sensibilisierung für die mitnichten banalen oder überholten Problemzusammenhänge, die mit jenen Begriffen benannt werden. Ein solches, verblüffend wenig erforschtes Problemfeld stellt die zaristische Nationalitätenpolitik dar, die in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg an Konturen gewann. Zu den Ursachen dieser politischen Umorientierung, ihren Motiven, Konzepten und Methoden hat der Historiker Theodore R. Weeks 1992 an der Universität Berkeley eine Dissertation verfaßt, die jetzt überarbeitet als Monographie erschienen ist. Den geographischen Schwerpunkt dieser Arbeit bildet die ethnische Gemengelage in den polnischen und den sogenannten»westrussischen« Provinzen des Zarenreichs. Mit guten Gründen verzichtet Weeks auf den Nachweis einer konsequenten Russifizierungsstrategie der Zarenautokratie. Hierzu habe es sowohl dem Staat an materiellen Ressourcen als auch dem Regime am nationalen Selbstverständnis gemangelt. Letztlich könne man von einer russischen Nationalitätenpolitik nur insofern sprechen, als die unbestritten diskriminierenden Maßnahmen gegenüber einzelnen Minderheiten im Zarenreich von diesen als nationale Unterdrückung empfunden wurden. Was die Regierung teils aus Angst vor separatistischen Verschwörungen, teils aus dem Bestreben der inneren Staatsbildung in die Wege leitete, habe nicht zur erhofften Stabilität, sondern zur Desintegration geführt. Den Vorwurf der rücksichtslosen Russifizierung ersetzt Weeks somit durch den Vorwurf der Gleichgültigkeit, der Ignoranz und Handlungsunfähigkeit