644 Forschungsberichte und Rezensionen nen kirchenzeitgeschichtlichen Forschung zum>doppelten« Kirchenkampf der evangelischen Kirchen nach innen und außen einfügen. Vorbildlich differenziert ist die Darstellung der Fraktionierung der verschiedenen Gruppen im Kirchenkampf, aus der heraus erst die Besonderheit des evangelischen Kirchenkampfs in Hannover: das Vorhandensein einer größeren kirchenpolitisch»neutralen« Gruppe und einer großen gemäßigten Bekenntnispartei nach dem frühen Zerfall der Deutschen Christen verständlich wird. Der Autor rundet sein Gesamtportrait durch detaillierte Einblicke in spezifische Sozialmilieus und Stadtgemeinden und eine Auseinandersetzung mit der Rolle des berühmten Landesbischofs August Marahrens ab. Kritisieren mag man, dass es zur Diakoniegeschichte fundiertere und aktuellere Literatur gibt als die vom Autor zitierte, z.B. die zahlreichen grundlegenden Arbeiten von Jochen-Christoph Kaiser u.a. zur Inneren Mission. Schmiechen-Ackermanns dritter Beitrag über>»Rückzug und Selbstbehauptung« des katholischen Sozialmilieus’ ist der schwächste der Arbeit, da der Autor ganz offensichtlich am falschen Objekt— einer wie er selber sagt für das»katholische Deutschland« nur eingeschränkt repräsentativen katholischen Diaspora-Gemeinde Norddeutschlands — einen Beitrag zur Revision der alten und schon längst von anderer Seite, z.B. von Doris Kaufmann, plausibel und am Beispiel eines»>dichten« katholischen Umfelds differenzierten These vom»strukturellen« Widerstand des katholischen Milieus und des Katholizismus gegen den Nationalsozialismus zu leisten versucht. Dass dies am Beispiel Hannovers durchaus möglich ist, kann der Autor zwar auf breiter Quellengrundlage zeigen, doch scheinen seine Befunde über den hannoverschen Katholizismus weniger auf den Gesamtkatholizismus übertragbar zu sein als seine bürgertumsgeschichtlichen Ergebnisse auf andere bürgerliche Milieus in Deutschland. Sicherlich zutreffend ist der Hinweis, dass die zu beobachtenden Desintegrationsprozesse des Milieus in Kategorien mittlerer Dauer sogar eine wichtige Voraussetzung für die>Entsäulung« der Gesellschaft und die Gründung einer pluralistischen Demokratie darstellten, doch ist wiederum dafür Hannover nicht gerade das geeignete Demonstrationsobjekt. Insgesamt ist Schmiechen-Ackermanns Arbeit ein Ausweis für die Tragfähigkeit mentalitätsgeschichtlicher historiographischer Praxis: An jeden einzelnen Beitrag lassen sich die strengen Maßstäbe der Beurteilung einer Monographie durchaus anlegen. Rolf-Ulrich Kunze, Mainz Miroslav Kärny/Jaroslava Milotovä/Margita Kärnä, Deutsche Politik im»Protektorat Böhmen und Mähren« unter Reinhard Heydrich. Eine Dokumentation, Metropol Verlag, Berlin 1997, kart., 303 S., 36 DM. Die vorliegende Publikation archivalischer Quellen zur Geschichte der nationalsozialistischen Okkupation im»Protektorat« Böhmen und Mähren während der Amtszeit des stellvertretenden Reichsprotektors Heydrich vom September 1941 bis zum Attentat vom Mai 1942 ist der erste editorische Ertrag eines von Wolfgang Benz geleiteten internationalen Projekts der European Science Foundation zur deutschen Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg. Die Herausgeber Miroslav Kärny und Margita Kärnä sind renommierte Kenner der Geschichte des»Protektorats«, insbesondere auch der Geschichte der »Endlösung« in diesem Raum; Jaroslava Milotovä, Abteilungsleiterin im Staatlichen Zentralarchiv in Prag, verstärkt die glückliche Verbindung inhaltlicher und archivalischer Kompetenz. Die Dokumente sind in der Regel Erstveröffentlichungen deutscher Provenienz aus dem Staatlichen Zentralarchiv der Tschechischen Republik, dem Archiv des Prager Innenministeriums, dem Archiv der Tschechischen Staatsbank und aus dem Archiv für Sozialgeschichte 40, 2000 645 Bundesarchiv Koblenz bzw. Berlin; Kernbestand sind Heydrichs Berichte für Hitler. Das Interesse der Herausgeber gilt in erster Linie den inneren Mechanismen der NSMachtausübung im»Protektorat«. Inwieweit diese dort wirklich eine für die Besatzungspolitik des»Dritten Reiches« insgesamt paradigmatische Ausprägung gefunden haben, wäre allerdings noch einmal zu erörtern. Wegweiser durch den Band ist Karnys einleitende Gesamtinterpretation. Das»Protektorat« war koloniales Nebenland des Deutschen Reichs. Seine Führung war doppelpolig: neben dem nominellen Reichsprotektor Neurath stand K. H. Frank als der eigentliche Machthaber. Einer tschechischen Marionettenregierung war lediglich begrenzte Selbstverwaltung zugestanden; faktisch war sie deutsche Auftragsverwaltung. Oberste Ziele der Besatzungspolitik waren die Ausbeutung und Indienstnahme der Ressourcen für die Kriegswirtschaft und die Durchsetzung von»Ruhe und Ordnung« mit allen Mitteln— wo nötig, durch Terror, wo möglich, durch die Pflege von Kollaborationsbeziehungen und durch die Korrumpierung der Tschechen. Die Doppelpoligkeit der Spitze war Ausdruck der»Zweieinigkeit«(Kärny) des Besatzungsregimes: Neurath, international renommierter Aristokrat alter Schule, fungierte als Schutzschild gegen die öffentliche Meinung des Auslands; K.H. Frank, Verkörperung sudetendeutscher chauvinistischer Beschränktheit und Intransigenz gegenüber der tschechischen Bevölkerung, war für das schmutzige Geschäft der Tagespolitik zuständig.»Zweieinigkeit« war nicht Improvisation und polykratische Konfusion, sondern eine Doppelstrategie flexibler Herrschaftssicherung. Diese beinhaltete zwar von Anfang an auch zielbewusste»Germanisierung«, ordnete die»Endlösung der Tschechenfrage« aber den Erfordernissen des Tages— Pazifizierung der Bevölkerung und Mobilisierung der Wirtschaft— nach.»Eindeutschung« der»Brauchbaren«, Umsiedlung oder Ausrottung der»Unbrauchbaren« waren perspektivisch immer schon mitgedacht, aber in totaler Konsequenz und Radikalität bis nach dem»Endsieg« aufgeschoben. Die Entwicklungsmöglichkeiten des»Zweieinigkeitregimes« waren im Spätsommer 1941 erschöpft. Die Ersetzung Neuraths durch Heydrich— der seine Stellung als Chef des RSHA beibehielt— war eine Reaktion auf die Entwicklung an der Ostfront, welche die tschechischen Hoffnungen auf eine deutsche Niederlage in Russland beflügelte und dem Widerstand im»Protektorat« Auftrieb verlieh. Alarmzeichen waren in den Augen der Besatzer die sinkende Arbeitsleistung in den Betrieben, eine ebenso breite wie selbstbewusste Streikbewegung und der Anstieg der Sabotageakte. Der Wechsel an der Spitze markierte Karny zufolge nun allerdings keine grundlegende Wende. Heydrich war— entgegen vielfältigen Eigen- und Fremdstilisierungen— kein dämonischer Genius. Auch war er nicht der Erfinder einer originären Variante deutscher Besatzungspolitik, welche selektiven Terror mit dem»Zuckerbrot« der Sozialpolitik kombinierte. Materielle Zugeständnisse an die Tschechen jenseits des Minimums, das den»Aufstand aus Verzweiflung« provoziert hätte, waren Signum bereits der Amtszeit Neuraths gewesen. Karny belegt im Detail, wie sich unter Heydrich die Versorgungslage nicht verbesserte, sondern im Gegenteil verschlechterte; die Rationen der tschechischen Arbeiter lagen zudem deutlich unter denjenigen der deutschen. Lebensmitteleinfuhren ins Protektorat wurden durch Ausfuhren von dort ins Reich zu willkürlich festgesetzten Preisen überkompensiert. Folge der Teuerung waren sinkende Reallöhne. Stilllegungen und die Auskämmung von Handwerk und Handel im Frühjahr 1942 waren nicht zuletzt auch Vehikel der Germanisierung. Ob Heydrichs Kurs den Beitrag der Industrie des»Protektorats« zur Kriegswirtschaft steigerte, muss Karny angesichts des derzeitigen Wissenstands offen lassen; seine Skepsis ist jedoch deutlich. Mit Heydrich verschwand die Doppelgesichtigkeit der Besatzungspolitik. Eine Verwaltungsreform beseitigte die administrative Zweispurigkeit und liquidierte faktisch die tschechische Autonomie. Die Reorganisation von Anfang 1942 reduzierte die Protekto 646 Forschungsberichte und Rezensionen ratsregierung auf eine Ansammlung von Ressortministern ohne politische Wirkkraft und Gestaltungsbefugnis. Deutsches Personal durchdrang nun die tschechische Verwaltung, auch und vor allem auf den unteren Ebenen. Die Idee des Ständestaates, in Heydrichs Augen an sich höchst gefährlich für die Stabilität des NS-Regimes, erschien im Protektorat als probates Mittel zur Fragmentierung des tschechischen Volkes und zur Ablenkung seiner Energien von der Politik auf»Sachbelange«. Die Pläne einer direkt an das Amt des Reichsprotektors angeschlossenen Ständeorganisation blieben im Detail allerdings konfus. Die jüdische Bevölkerung war bereits vor Heydrich isoliert und aus dem Wirtschaftsleben völlig ausgeschaltet. Aus Theresienstadt gingen ab dem Januar 1942 die Transporte in die Vernichtungslager. Angesichts der erheblichen Fortschritte der Generalplanung für den Osten gewann nun das Endziel der»Germanisierung« des böhmisch-mährischen Raums und in diesem Rahmen das Konzept einer»völkischen und rassischen« Abtastung und Kategorisierung der tschechischen Bevölkerung an Gewicht. Diese Bestandsaufnahme musste angesichts fehlender objektiver Kriterien für die Beurteilung der »Wiedereindeutschungswürdigkeit« auf den Willen zur»nationalen Umstellung« abstellen. Zu einer solchen fanden sich— zum Bedauern der Besatzer— jedoch vor allem dubiose Opportunisten bereit. Die Eskalation des Terrors, der augenfällig und in Permanenz die Macht der Okkupanten zeigen und den tschechischen Widerstand völlig eliminieren sollte, verfehlte ihr Ziel. Heydrichs triumphalistische Erfolgsmeldungen über die Zerschlagung jeglicher Opposition waren aus der Luft gegriffen. Zwar wurden dem Widerstand hohe Verluste zugefügt; dass er aus der Defensive heraus gezwungen war, nach neuen Waffen und Strategien zu suchen, tat seiner Intensität jedoch keinen Abbruch. Heydrichs Auffassung, es sei ihm durch Terror in Verbindung mit geschickter Propaganda gelungen, sich die Tschechen gefügig zu machen, war ein Selbstbetrug, der durch das Attentat vom Mai 1942 augenfällig widerlegt wurde. Christoph Boyer, Dresden Joel Blatt(Hrsg.), The French Defeat of 1940: Reassessments, Berghahn Books, Providence/RI, Oxford 1998, VIII, 370 S., geb., 40£. Die Frage nach den Ursachen des raschen und unerwarteten Zusammenbruchs Frankreichs von 1940 hat bereits unter den Zeitgenossen heftige Diskussionen ausgelöst, zumal mit der militärischen Niederlage auch der Zerfall der Dritten Republik und deren Ersetzung durch das autoritäre Vichy-Regime folgte. Das Trauma von 1940 blieb bis in unsere Tage hinein ein Faktor, der die französische Politik wie das Selbstverständnis der Franzosen prägt und belastet. So ist es nicht erstaunlich, dass die wissenschaftliche Debatte über diesen historischen Komplex permanent und kontrovers geführt wird. Joel Blatt, der selbst mit einer Arbeit über die französisch-italienischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit hervorgetreten ist, hat 1996 in einer Sondernummer der»Historical Reflections(Band 22, Nr. 1, Winter 1966) mit dreizehn Beiträgen von amerikanischen, französischen, israelischen und kanadischen Historikern— alle ausgewiesene Frankreichspezialisten— eine Art Zwischenbilanz dieser Debatte vorgelegt. Der Zeitschriftenversion folgt nunmehr— erweitert durch einen beachtenswerten Aufsatz von William Keylor(Boston) über»France and the Illusion of American Support, 1919-1940— eine Buchausgabe, mit der sie einem weiteren Publikum zugänglich ist. In einem einleitenden Essay stellt der Herausgeber die Einzelbeiträge vor, ordnet sie ein und bietet eine eigene multikausale Problemerklärung. Zwei Beiträge aus der Feder