586 Forschungsberichte und Rezensionen Mit einem Wort: Die vorliegende Untersuchung zeigt nicht, welche Wirkung die Agrarreformen für die landwirtschaftliche Entwicklung einer kleinen Region gehabt haben, sondern sie belegt vor allem die Hemmnisse und Bedenken, gegen die sich das Reformwerk in einer fast 100-jährigen Auseinandersetzung durchsetzen musste. Gerhard Schildt, Braunschweig Matthias H. Rauert, Spinnweber und»Sportkameraden«. Die paternalistische Lebenswelt der Baumwollindustrie am Beispiel der Kümpers-Firmen in RheineWestfalen 1834-1955, Kümpers Verlag, Hamburg 1997, 744 S., geb., 98 DM. Matthias Rauert beansprucht, aus volkskundlicher Perspektive die industrielle Lebensweise zu betrachten und dabei die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Als Beispiel dient die an der Ems gelegene Gemeinde Rheine in Westfalen mit ihrer Baumwollindustrie, die von den verschiedenen Linien der Familie Kümpers und ihren Kompagnons geführt wurde. Mit einem wenig genauen Milieubegriff wird versucht, die Fabrikarbeit, das Unternehmerverhalten, das Vereinswesen und das familiäre Leben in der lokalen Gesellschaft zu erfassen und in seinen Verflechtungen zu beschreiben. In einem recht unübersichtlichen Einleitungsteil von über 80 Seiten erfolgt zunächst eine breite Schilderung des Forschungsstandes und der Quellenlage mit der Erwähnung zahlreicher Selbstverständlichkeiten(z.B. Aufbau des Einwohnermeldewesens) und eine umständliche Darstellung der Vorgehensweisen. Auch im folgenden Text kehrt eine Referierung der Ergebnisse anderer Untersuchungen stetig wieder. Dabei wird der Forschungsstand eher selektiv wahrgenommen, wenn beispielsweise große Teile der Literatur zum Milieubegriff und zur Milieubildung(trotz eines auf ihn zurückgehenden Zitates fehlt R. M. Lepsius!) oder zur Arbeiterkulturforschung nicht oder kaum verarbeitet werden. Andererseits erscheint es unangemessen, Forschungsergebnisse zur Ruhrgebietsgesellschaft heranzuziehen— das Ruhrgebiet ging einen anderen Weg der Industrialisierung und Urbanisierung als das Städtchen Rheine. Nach der Einleitung befasst sich die Untersuchung in drei Kapiteln mit dem vorindustriellen Rheine: Zunächst werden die Zustände vor der Industrialisierung geschildert. Es folgt die Darstellung der Protoindustrialisierung. Schließlich geht es um die Anfänge des Spinnereigewerbes in Rheine und vor allem um den lokalen Einfluss der Kaufmannschaft. Erst dann werden die Anfänge der industriellen Entwicklung aus dem Verlagswesen dargestellt und auf die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Baumwollunternehmen eingegangen. In zwei Kapiteln werden die Strukturen und die soziale Stellung der Arbeiterschaft in Betrieb und lokaler Gesellschaft behandelt. Seit den späten 1870erJahren zog die Baumwollindustrie neben der einheimischen Bevölkerung Zuwanderer, vor allem auch Niederländer, an. Die Integration dieser Arbeitskräfte scheint im deutsch-niederländischen Grenzraum mindestens ab der zweiten Generation relativ konfliktfrei vonstatten gegangen zu sein. Bei der Darstellung der Arbeitswelt wird als eine Basis der paternalistischen Lebenswelt der Arbeiterschaft die vielfach typische Arbeit im Familien- und Generationenverbund festgestellt, die Produktions- und Reproduktionsbereich verband. Die Unternehmer banden die Arbeiterschaft weiterhin durch Werkswohnungen sowie Lohnnebenleistungen nach einem»Gunstprinzip« an sich, so dass sich eine Stammbelegschaft herausbilden konnte. Gleichzeitg entfaltete sich neben der betrieblichen und der familiären Sphäre ein Vereinswesen, das nun begann, das lokale politische System und die politische Kultur der Archiv für Sozialgeschichte 40, 2000 587 Gemeinde mitzuprägen. In Rheine dominierte das katholische Lager. Die Sozialdemokratie und mit ihr die Freien Gewerkschaften spielten eine untergeordnete Rolle. Wie der überwiegende Teil der Bevölkerung hatten auch die Unternehmer enge Beziehungen zum politischen Katholizismus. Der westfälische Katholizismus in Rheine versöhnte sich trotz der trennenden Konfessionslinie mit dem protestantischen Kaiserreich, was vor allem im Kriegervereinswesen deutlich wurde, wo sich katholische Unternehmerschaft und Arbeiterschaft trafen. Hier wurde ein prowilhelminisches, nationalistisches und militaristisches Gedankengut gepflegt, das Rauert nur ansatzweise beschreibt. Im lokalen Mikrokosmos kann er aber die über Personen vermittelte Kommunikationsstruktur und die gemeinsame nationale Grundausrichtung von Unternehmen, Kriegervereinen und katholischem Organisationsnetz erfassen. Auch während der Weimarer Republik blieben die Fabrikanten, nun auch geprägt vom Weltkrieg, bei ihrer Stellung zwischen Einbindung in das katholische Milieu und vaterländisch-deutschnationaler Ablehnung der demokratischen Republik und trugen schließlich auch zur lokalen Etablierung des»Dritten Reiches« bei. Da das NS-Regime die bisherigen Strukturen des öffentlichen Lebens nicht weiter zuließ, organisierte sich in den Betrieben eine»Betriebsgemeinschaft«, in der sich Katholizismus, vaterländische Gesinnung, militärische Denk- und Verhaltensmuster mit den betrieblichen Strukturen verbanden. Auch hier gelingt es Rauert, die über Personen vermittelte enge Verflechtung von betrieblicher Sphäre, vor allem auch den betrieblich organisierten Freizeitvereinigungen, und katholischem Milieu aufzudecken. Praktisch endet die Untersuchung, abgesehen von kleinen Ausblicken, im Jahr 1945. Nachdem sich im Text schon Dutzende von Unternehmer- und Arbeiterbiographien gefunden haben, folgen ihm noch auf etwa 70 Seiten Angaben zum familiären Hintergrund der niederländischen Arbeiter und auf 80 Seiten Fotos, die neben vielen Portraits auch Bilder aus der Arbeitswelt enthalten. Als Beilage findet sich eine Stammtafel der Unternehmerfamilie Kümpers. Der Aussagewert all dieser Materialien bleibt begrenzt. Oft scheinen insbesondere die Arbeiterbiographien vornehmlich der Illustration zu dienen. Letztlich vermittelt das Buch den Eindruck, dass die beanspruchte Ganzheitlichkeit der Darstellung industrieller Lebensweise zur Beliebigkeit wird, in der die Konturen der von der Baumwollindustrie geprägten Gesellschaft des münsterländischen Raumes um Rheine verschwimmen. Zwischen zahlreichen akribisch recherchierten Informationen lässt sich wenig Strukturierungsarbeit erkennen. Stefan Goch, Gelsenkirchen Anne Aengenvoort, Migration— Siedlungsbildung— Akkulturation. Die Auswanderung Nordwestdeutscher nach Ohio, 1830-1914, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1999, 371 S., kart., 136 DM. Inzwischen liegt eine große Zahl von Studien im Bereich der historischen Migrationsforschung vor, die sich auf eng begrenzte geographische Einheiten konzentrieren und somit in der Lage sind, den Migrationsprozess in all seinen Teilaspekten zu durchleuchten. Zunehmend setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass eine gleichgewichtige Untersuchung der Situation in den Abwanderungs- und späteren Siedlungsgebieten unabdingbar ist, um den Wanderungsvorgang in seiner ganzen Komplexität erfassen zu können. Das hier vorzustellende Buch von Anne Aengenvoort über Migration, Siedlungsbildung und Akkulturation nordwestdeutscher Auswanderer in Ohio zwischen 1830 und 1914 wird den Anforderungen an solche Studien in hohem Maße gerecht. Die Abwanderungsgebiete in Deutschland und die Siedlungsorte in den USA sind klar be