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Das war unerhört in der damaligen Zeit und es kam in derFolge zu einem großen kollegialen Meinungsstreit, einerArt Rebellion gegen den unbequemen Chef. Als sie 1899 auf=gefordert wurde, in die Redaktion des" Vorwärts einzutre=ten, lehnte sie ab. Sie wollte nicht mit Wilhelm Liebknecht vor dem sie trotz ihrer Meinungsverschiedenheit eine sehrgroße Achtung empfand, in Konflikte geraten. 1902 wurde sie,zum hellen Entsetzen der bürgerlichen Presse als redaktio=nelle Leiterin an die" Leipziger Volkszeitung " berufen; dockauch diese Redaktionstätigkeit dauerte nicht länger als derfrühere Leipziger Versuch an der Arbeiterzeitung.Man wohlteder" Frau" nicht die gleichen Befugnisse einräumen wie ih=rem männlichen Vorgänger.
1904 machte Rosa zum erstenmal Bekanntschaft mit deutschen Gefängnissen, siewurde wegen Majestätsbeleidigung zu einermehrmonatigen Haft verurteilt, die sie in Zwickau , wenn auchnur zum Teil absaß, weil eine Amnestie die kurzfristigenHäftlinge vorzeitig befreite. Die nächste Gefängnisstrafesass sie in Warschau ab, und das kam so: die russische Revo=lution von 1905, an der die inzwischen erstarkte, polnischeSozialdemokratie beteiligt war, veranlasste sie, unter fremdem Namen nach Warschau zu gehen. Sie wurde dort erkannt undverhaftet. Ob ihre, durch die Ehe mit Gustav Lübeck erreich-te deutsche Staatsangehörigkeit, ob ihre HaftunfähigkeitSchuld waren- kurz, Rosa wurde schon nach mehrmonatigerHaftdie sehr widrige Begleitumstaände hatte, entlassen. Noch durte sie Warschau aber nicht verlassen und da es ihr nie imLeben an Nut gefehlt hat, benutzte sie die Zeit zu einigenBesuchen bei Genossen an verschiedenen Orten in Rußland .Schließlich bekam sie die Rückreiseerlaubnis und erschienzum Parteitag 1906 in Mannheim noch gerade rechtzeitig.
Sie brachte von dieser Reise, die sie von Warschau auch nach Moskau , Petersburg und Finnland geführt hatte dasProblem des Massenstreiks mit, das fortab zu immer neuenErörterungen in der Partei Anlass gab und die erste Meinungsverschiedenheit zwischen ihr und Karl Kautsky bildete. Trotz.dem blieb die Freundschaft noch bestehen und Karl Kautsky war es, der 1907 Rosa als Lehrerin für Wirtschaftsgeschichteund Nationalökonomie an der 1906 gegründeten Parteischulevorschlug.Rosa hatte bisher- bis auf die paar kurzen, miß=glückten Redaktionsversuche- als freie Schriftstellerin inBerlin gelebt. Jetzt entdeckte man ihre Begabung als hervor-ragende Lehrkraft. Sie beherrschte den Stoff mühelos und xeverstand es, ihn den Schülern meisterhafter Weise nahe zubringen, so dass sie sich die Resultate selber erarbeitenkonnten. Ihre Kunst, mit Menschen umxxgehen zu können, hatsie dort unter Beweis gestellt.
In der Zeit des blutigen Krieges und der schmerzhaf=ten Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegunglernte Rosa das Gefängnis in seiner verschiedensten Gestaltkennen. Schon kurz vor den Kriege wurde ihr ein Wort überSaЯ************* nx in einer Versammlung als Aufforderunan Soldaten zum Ungehorsam ausgelegt. Weiter erhob der Kriegminister auf Grund eines Artikels, in dem sie Soldatenmiẞ=handlungen angeprangert hatte Anklage gegen RIL! wegwn Belei-digung der Armee. Es meldeten sich circa 30 ooo Opfer undZeugen von Soldatenmiẞhandlungen, so dass schließlich derVertreter des Ministers um Vertagung bitten mußte. Noch imJuni 1914 wurde wegen einer Generalstreiksresolution gegen