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Die Anfänge des Dritten Reichs erlebte sie leider noch.Was und Wieviel sie durchgemacht hat, wissen wir nicht.Sie hatte aber den einen Trost, daß ihr Lebensgefährtevor ihr das Reich der Schatten betreten hatte, und dassihre Kinder ausgewandert waren. Sie lebte zuletzt ganzzurückgezogen und starb 1938. Auf dem jüdischen Friedehof in Frankfurt fand sie ihre Ruhestätte.
Ein zierliches Figürchen mitklugem, von scharfer Gedan=kenarbeit gezeichnetem Gesicht und- machmal- ein klein wenig spöttischen, aber immer gütigen Augen gehörte einerder Frauen, die aus einem anderen als dem Arbeitermilieuzu uns kamen.Von der väterliehen wie von der mütterlicchen Seite her, waren Tonis männliche Vorfahren Offizie=re und Juristen und zur weiteren Familie gehörten auchVerteter der hohen katholischen Geistlichkeit. Ihr Va=ter war bayrischer Major. Die Familie war einmal rechtwohlhabend gewesen, aber gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war von dem alten Glanz nichts mehr vorhanden.Tragisch daran war nur, dass der alte Lebensstil auf=recht erhalten werden sollte, und daß die Opfer die=ser Blindheit gegenüber der wirtschaftlichen Veränderundie Töchter waren. Man erzog sie im Hause Pfülf nochfür die standesgemäße Ehe, für die die materiellen Vor-aussetzungen nicht mehr da waren.
Toni ließ sich die Bevormundung durch die Familie nurbis zu ihrer Großjährigkeit gefallen, danach besuchte simit geborgtem Geld die Lehrerinnenbildungsanstalt inMünchen , was bedeutete, daß sie auf Jahre hinaus unterEntbehrungen leben mußte. Oberammergau und Lechhausenwaren ihre ersten Stationen. In der idyllischen Land=schaft lebte sie von 1902 bis 1907 als Dorflehrerin,dann ging sie nach München . Leider hatten die idyllischeDörfer keine hygienischen Lehrerwohnungen, oder viel=mehr keine gut funktionierende Gesundheitspolizei: inder nichtdesinfizierten Wohnung einer an Tbe erkrank=ten Vorgängerin hatte sich Toni, die infolge der voran=gegangenen Entbehrungen nicht mehr widerstandsfähig ge=nug war, ebenfalls eine Tuberculose geholt.Sie ging fürlängere Zeit in ein Lungensanatorium, bis es ihrem unge=duldigen Temperament zu viel wurde. Sie anhm ihre Be=handlung selbst in die Hand, setzte sich hoch oben amGebirge in eine Sennhütte, die ihr billig überlassenwurde und lebte dort in der Einsamkeit so vernünftig,dass sie wieder arbeitsfähig wurde. Ein Riese an Gesundheit ist sie nie whehкr geworden, aber sie hatte in ih=rer Eigenwilligkeit schon das Richtige getan. Sie mußtespäter noch hin und wieder ihre Tätigkeit krankheitshalber unterbrechen, aber niemals hat das Kranksein sie gehindert geistig intensiv zu arbeiten und sich für Poli=tik und öffentliches Leben zu interessieren.