Hildegard weder verstehen noch ihr Verhalten ertragen. IhrVater aber sagte, philosophisch lächelnd:" Dem Aufrichtigen läßtder Herr es gelingen." Die entlobte Braut bestand das Lehrerin-nenexamen am 1. Oktober 1892.
In der Schweiz konnten Mädchen das Abitur erwerben und studie-ren und die weitherzigen, mutigen 1tern Ziegler hatten nichtsdagegen, daß Hildegard in die Schweiz ging. Nur ein schwerwie-gendes Bedenken gab es: konnten die Eltern sich bei vier Töch-tern, die alle Geld kosteten, die Ausgabe leisten? Die Mutterfuhr nach Berlin zu Helene Lange und nach Dresden zu Auguste Schmidt , um sich beraten zu lassen. Von beiden Seiten wurdedringend geraten, das Mädchen nach Zürich zu schicken, und eswurde sogar noch ein Stipendium von 200 Mk pro Semester bewil-ligt, sodaß Hildegard sich nicht das Studium durch stundengebenverdienen mußte. Sie konnte bei bescheidenstem Leben studierenund sich zugleich auf das Abitur vorbereiten. In Zürich , wojeder seiner politischen Meinung folgen konnte, meldete sichHildegard bei der Schweizer Sozialdemokratie als Mitglied an.Bevor die vier Semester in Zürich zu Ende gingen, richtete siedie Bitte an das Preußische Kultusministerium, ihr die Abitu-rientenprüfung zu ermöglichen(" trotz meines weiblichen Ge-schlechts). Da inzwischen Helene Lange Realkurse für Mädcheneingerichtet hatte, und diese Mädchen in absehbarer Zeit ge-prüft werden sollten, zeigte man sich in Berlin geneigt, einenVorversuch zu machen. Man kam ihr außerdem entgegen, und ließsie in der Preußischen Enklave Sigmaringen zur Prüfung zu, wosie als unsere abiturientin" großes Inter sse und große Bewan-derung erregte. Das glänzend bestandene Examen mußte ja Folgenhaben, vor allem: den Anspruch auf das Studium in Preußen !Als sie sich aber an der Berliner Universität um Zulassung be-warb, sagte der derzeitige Dekan der philosophischen Fakultät,der Professor v. Treitschke :" Ein Student, der sich nicht be-saufen kann? Unmöglich!"
In Halle hielt man mehr von der Wissenschaft als vom Saufenund ließ einen Versuch zu. Aber welch ein Unterschied zu Zürich !Zuesrt war Hildegard die einzige Frau an de Universität, inihrem zweiten Jahr kamen die ersten Abirurientinnen der Helene Lange Privatkurse dazu. Im März 1898 stieg dann der ersteweibliche Doktor Preußens aus dem Examen.
Wenn es nun auch bis zum Examen geschafft war, die Berufsfragebedurfte noch ihrer besonderen Lösung: Hildegard Ziegler em-