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Sozialismus ging nicht verloren mit welchem Glück erlebte siedas Zusammenfinden der Partei nach dem Kriege. Sie bewährtesich wieder wie früher, auch bei dem Ringen, das einsetzte,als man die Berliner Sozialdemokraten in die Einheitsparteizwingen wollte. Sie war voll Bewunderung für die klarblicken-den Genossen, die umsichtig und tatkräftig die Trümmer sammel-ten und eine neue Bewegung aufbauten. Es war ein Aufbau, an demsie noch teilnehmen konnte. Bei allem Glück, das sie empfand,wurde sie aber auch die Besorgnis nicht los; sie schrieb nachihrem 80. Geburtstag:" Wir sind doch unserer Partei treu ge-blieben, weil sie die einzige Partei ist, in der Menschen un-serer Art leben können! Ich wollte nur, die Frauen wären nochetwas tätiger in der Bekämpfung der drohend hochgestiegenenReaktion." Sie erfuhr noch die offizielle Thrung durch Ver-leihung des Verdienstkreuzes durch den Bundespräsidenten underlebte die Freude, daß die Berliner die" Hildegard- Wegscheider-Schule" nach ihr nannten. Das Schönste von allem war ihr immerdas Gedenken der jüngeren Generation, das ihr auch treu blieb,als sie sus dem Leben schied und ihr weiter treu bleiben wird.
Literatur: Weite Welt im engen Spiegel, Lebenserinnerungen vonDr. Hildegard Wegscheider.
Die Frau im demokratischen Staat v. Dr. HildegardWegscheider.
Wie ich Sozialdemokratin wurde, Artikel von Dr. H.Wegscheider in" Genossin" Nr. 4, 1949.
Verschiedene Zeitungsauschnitte.
Der Bergarbeiter Benning in Bochum hinterließ bei seinem frü=hen Tode neben anderen Kindern auch eine kleine Tochter, Lore.Die Familie war arm und Lore mußte sich früh ihr Brot selbstverdienen. Sie wurde Dienstmädchen und traf es schlecht, zwi=schen Herrschaft und Gesinde war eine tiefe Kluft. Lore mußte oft weit über ihre jungen Kräfte arbeiten, und sie war ein=sam.Ihre einsamen Stunden im kalten Dachkämmerchen füllte siemit Lesen aus. Wenn man sich diese Jahre vorstellt, dann be=greift man die Leidenschaft und Hingabe, mit der später diereif gewordene Frau sich der Frage der Hausangestellten an=nahm.
Sie heiratete Peter Agnes und kam 1906 mit ihrem Mann nachDüsseldorf . Dort arbeitete sie an der Gründung des Verbandesder Fausangestellten mit, zunächst ohne großen Erfolg. Die Un=terdrückten mußten erst geweckt werdenx und lernen, ihr Men-schenrecht zu fordern. Lore zog zu Fuß von Ort zu Ort am Nie=derrhein um sich dieser Aufgabe zu widmen, während PeterAgnes, einer der Pioniere der Arbeiterbewegung in Düsseldorf Gewerkschaftssekretär wurde. Er kannte die glühende Seele sei=ner Frau, er hinderte sie nicht in ihrem Tun sondern unterstüt=
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