Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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können und ich habe ihn auch so empfunden. Er hatte nach meiner Erinnerungeinen feinen Kopf, ein intelligentes Gesicht und gute Augen. Die Tanteempfand ich nicht so angenehm, ihre Freundlichkeit war nicht echt und herz-lich. Auch schien sie es meinem Vater nachzutragen, dass er sich von derBrüdergemeinde fortentwickelt hatte.

In diesem ehemals grossväterlichen Hause versammelten sich sonntags dieMitglieder der Gemeinde, die aus den umliegenden Dörfern zusammenkamen, zuFuss, aber auch mit Pferd und Wagen. Da wurden in der grossen Stube Bänkein Reihen aufgestellt und Andacht gehalten, bei schönem Wetter auch aufdem Hof. Da ich nur gelegentlich in den Ferien dort war, um mich dann anselbstgepflückten Kirschen richtig satt essen zu dürfen können, waren diefrommen Eindrücke nicht so stark. Die Erinnerung an den grossen Kirsch-baum und an andere essbare schöne Dinge blieb haften.

Die Eltern meines Vaters waren früh gestorben. Er und sein Bruder Johannwaren noch Schulkinder, als sie Waisen wurden. Sie mussten zuweilen beiVerwandten unterschlüpfen, wo sie sich beim Hüter der Schafe nützlich ma-am stZJchen konnten und die Zahl der Esser in der Familie des Bruders ver-mindertan. Beide erlernten dann, aus der Dorfschule entlassen, beim Stief-bruder das Zimmererhandwerk. Die Lehre muss gut gewesen sein, jedenfallsgehörte das Bauzeichnen mit dazu, zum Beispiel der Aufriss und die Berech-nung einer Balkenlage, der Treppen, der Verband des Dachgeschosses, jaselbst Wendeltreppen und der Verband eines Kirchturms. So hat es mir meinVater öfter mit Stolz erzählt. Ich muss sehr empfänglich dafür gewesensein und habe mich zeitlebens stark für das Bauen interessiert. Aller-dings, so sagte mein Vater mir, habe er später beim Dorfschulmeister undaus Lehrbüchern sein Wissen und Können noch ergänzt.

Der Vater ging schon sehr früh aus dem Elternhause und damit aus dem War-thebruch fort, um sich in einem anderen Dorf unweit Landsberg an der War­ the , in Heinersdorf, niederzulassen. Im Gegensatz zu dem schweren Bruch-land war dort leichter, sandiger Boden, und die Landschaft wurde noch be-stimmt- so lernte ich es in der Schule-" von den Ausläufern des uralisch-baltischen Höhenzuges". Dort in dem Dorf wurde noch mein ältester BruderOtto geboren, am 27. August 1872. Bald danach übersiedelte die kleine Fa-milie in die Standt Landsberg , wo mein Vater als Bauunternehmer sein Glückversuchen wollte, es aber wirtschaftlich nicht fand. Um die Konkurrenz auf-nehmen und durchhalten zu können, hätte er wahrscheinlich kapitalkräftigerund in seinem Verhalten skrupelloser sein müssen.

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