Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Schon am nächsten Tag ergab sich eine Möglichkeit. Die alte Netzmaschi-ne, an der sich Marie eingearbeitet hatte und mit der sie es trotz mör-derischer Akkordarbeit nur bis zum vereinbarten Normal- Lohn brachte, be-kam einen Knacks, gab noch einige knirschende Geräusche von sich, undblieb stehen. Der Meister, der sich austoben wollte, weil" die blöde Gö-re" die schöne Maschine kaputtgemacht habe, konnte sich seiner Hauptnur durch die Flucht in das Zimmer vom Chef retten, weil sich auf ein-mal sämtliche Arbeiterinnen mit der kleinen Marie solidarisch erklärten.Meister und Chef erschienen bald darauf im Maschinensaal, und der Cheferklärte Marie mit gekünsteltem Wohlwollen, dass sie für den übrigenTeil des Tages frei habe, da es im Augenblick keine andere Arbeit fürsie gäbe. Selbstverständlich bekäme sie das, was sie gearbeitet habe,bezahlt. Morgen früh sei die Maschine wieder repariert, und dann könnees ja weitergehen.

Marie ging an diesem Nachmittag nicht nach Hause, sondern beschloss, sicheinmal in Ruhe ihre Heimatstadt Landsberg anzusehen. Seitdem sie in derFabrik war, hatte sich kaum noch Gelegenheit dazu geboten. Was sie nacheiniger Zeit des Umherlaufens in der Friedeberger Chaussee wollte, warihr selbst nicht klar, und sie wollte schon in eine Seitenstrasse ein-biegen, um sich auf den Nachhauseweg zu machen, als sie das grosse Ge-bäude sah, von dem man ihr früher schon erzählt hatte, dassgeistig nicht normale Menschen darin untergebracht seien. Sie hattesich schon des öfteren Gedanken abergemacht, nicht ausNeugierde, sondern aus den Bedürfnis, die Ursachen der Krankheiten, andenen diese Bedauernswerten litten, zu erfahren. Als sie einmal mit ih-rem Vater darüber sprach, meinte er, dass es sich wahrscheinlich in derHauptsache um Menschen handele, deren Eltern oder die selbst Alkoholi-ker seien, dass sich so etwas vererbe, und das sei auch der Hauptgrund,weshalb er ein Gegner des Alkohols sei.

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Marie ging auf das Gebäude zu, sah das Schild" Provinzial- Landes- Irren-anstalt" und folgte mehr einem Instinkt als einen vorgefassten Entschlussals sie die wenigen Treppen hinaufstieg und die Türe zu einem Treppen-haus öffnete, von dem nach links und rechts Gänge wegführten. Gleicham Anfang des rechten Ganges war eine Türe mit einem Schild, aus demMarie entnahm, dass in diesem Raum die Verwaltung sei.

Die Ruhe, mit der sie kurz entschlossen anklopfte, war nur äusserlich,denn aus der inneren Erregung spürte sie, dass sich hier ein Wunschnach einer Tätigkeit erfüllen könne, die ihr mehr Befriedigung gebenwürde als die Arbeit eines Haus- oder Fabrikmädchens.