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eine private Einladung erhalten oder selbst den Wunsch gehabt zu ha-ben, eine solche auszusprechen.
[ Familien- und Berufsprobleme]
Wenn Marie einmal einen halben oder ganzen Tag frei hatte und zu Hausewar, hatte sie manches Mal das Gefühl, dass das wirkliche Leben nichtmehr ihre Welt sei. Vater, Mutter und Bruder Otto machten sich ihreGedanken darüber und überlegten oft gemeinsam, wie man es Maria fertig-bringen könne, um Marie ausserhalb ihrer Arbeit Freude zu machen. Sonahm sie Otto einmal zu einem Tanzvergnügen in das Landsberger Schützenhaus mit, wo Marie einen Freund ihres Bruders kennenlernte, den Stein-metz Wilhelm Drews, zu dem sie ein gutes kameradschaftliches Verhält-nis fand, das sich aber friedlich und ohne jede innere Aufregung löste,als der Steinmetz Landsberg verliess. Bruder Otto hatte damit gerechnet, dass sich zwischen den beiden Menschen eine engere Bindung erge-ben würde, und auch Vater und Mutter Gohlke hatten versucht, Marie indieser Richtung zu beeinflussen. Auch das" gute Beispiel", mit dem Ottovoranging, indem er sich im Juli des Jahres 1897 mit Eveline Strese,einer Fabrikarbeiterin, verheiratete, blieb auf Marie ohne Eindruck.Selbstverständlich freute sie sich darüber, dass ihr Bruder eine guteLebenskameradin gefunden hatte. Er war alt genug mit seinen fast 25Jahren, um eine Familie zu gründen, aber sie selbst, nun 18 Jahre alt,glaubte, sich jetzt schon ihr eigenes Welt- und Lebensbild machen zukönnen. Als in der Ehe des Bruders das erste Kind geboren wurde, warsie sich zwar klar darüber, dass nun eine grosse Familie entstandensei, denn Vater und Mutter Gohlke wurden mit 57 und 52 Jahren Grossva-ter und Grossmutter, und Marie selbst und ihre 9 Jahre alte Schwesterwaren plötzlich Tanten. Marie nahm das mehr mit Humor als mit sogenann-tem" familiären Sinn" zur Kenntnis. Diese Einstellung wird leichterverständlich, wenn man xxxh eine Formulierung Maries aus späterer Zeitzitiert:" Man kann яiяж* жяшк volles Verständnis für Familien haben, fürQuchderen wirtschaftliche, seelische und geistige Nöte, wenn man selbst keine im bürgerlichen Sinne zu verstehende Familie hat."Später, wenn der Leser weitere Ereignisse aus dem кяяя privaten Lebenvon Marie Gohlke- Juchacz erfahren мяkяя hat, wird er begreifen, dassdieser Satz keine Entschuldigung dafür bedeutet, dass Marie Kinder zurWelt brachte, ohne eine Familie" im bürgerlichen Sinne" zu haben, son-dern vielmehr eine Erklärung dafür ist, dass gerade die Menschen, diesich einer Aufgabe und nicht nur und ausschliesslich der Familie-widmen, oft einen ausgeprägteren Familiensinn entwickeln als" Fami-lien". Hier liegen die ersten klaren Aversionen gegen eine Familiari-tät, die sich nach dem Buchstaben des Gesetzes und nach den Auffassun-gen der" Nachbarschaft" tarnt, aber keinen echten familiären Wert be-sitzt.