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Ein Mann, zweiZwei KinderKinder- u und die Politik
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Wenn Marie in ihren Aufzeichnungen besonders hervorhebt, dass dieseroder jener zu dem kleinen Landsberger Kreis stösst, der in freiwilli-gen Zusammenkünften die Zeitprobleme diskutiert und versucht, Wege zufinden, um sich in den Gang der Ereignisse einzuschalten und diese zubeeinflussen, verdient das insofern besondere Beachtung, als die Pro-vinzstadt Landsberg verhältnismässig langsam den Anschluss an die inner-die Bevölkerungpolitische Entwicklung in Deutschland fand und nur schrittweise durchdie rühriger werdenden Bemühungen der Gewerkschaften und der Sozialde-mokraten diexẞaxäkkaxяg über die Zusammenhänge in der" grossen Politik"aufgeklärt werden konnte. Dass Ma rie schon damals Pionierarbeit leiste-te, ist ihr selbst nicht klargewesen. Mit ihren 19 Jahren war sie meistdie einzige weibliche Teilnehmerin an derartigen politischen Gesprä-chen, denn die Frauen der politisch interessierten Männer kümmertensich um den Haushalt und die Kinder und nahmen an den Zusammenkünftennicht teil.
Bei den abendlichen Diskussionen im kleinen Kreis ergab es sich zwangs-läufig, dass politische Ereignisse zitiert wurden, die sich zwar erstkürzlich abgespielt hatten, aber dennoch zu einer Zeit, als Marie nochein Kind war. Sie benutzte deshalb jede freie Minute, um mit Bewusst-sein und Fleiss nachzuholen, was sich in den vergangenen letzten Jahrenereignet hatte. Se verstand sie erst jetzt den Kampf der Sozialistengegen Krieg und Aufrüstung, der- als sie gerade lo Jahre alt war- imJahre 1889 auf dem ersten sozialdemokratischen Friedenskongress währendder Pariser Weltausstellung schon international vernehmbar geworden war.Erst jetzt wurde ihr klar, dass die sozialistischen Bestrebungen nichtallein ihre Ursachen in der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung,sondern auch in politischen Zusammenhängen hatten. Sie las jetzt die Zei-tungen ganz anders, als das bisher der Fall war, und glaubte, nun besserdie Auseinandersetzungen zwischen dem Reichskanzler Otto von Bismarck und Wilhelm II. zu verstehen, bemerkte auch die Widersprüche im Verhal-ten des Kaisers nachdem er seinen Kanzler endgültig in die Wüste ge-schickt hatte-, als er auf der einen Seite versuchte, mit grossen Re-den die Arbeiterschaft zu gewinnen, auf der anderen Seite aber mit Waf-fengewalt drohte, falls die Sozialdemokraten nicht endlich aufhörten, dasVolk aufzuwiegeln.
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