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Die Mütter Marie und Elisabeth hatten zuerst versucht, besonders denbeiden Jungens beizubringen, dass Not zwar erfinderisch machen kann,dass man aber nicht stehlen dürfe.
" Wir tauschen doch nur!", war die дк***** ständige und prompte Ant-wort von Fritz, der alle möglichen Dinge zusammentrug, alte Weckeruh-ren, abgebrochene Messer, kaputte Scheren, um sie bei Spielkameradenin essbare Dinge" umzusetzen", in Brot, Rübenmarmelade oder Sacharin.Die Mütter drückten sehr oft beide Augen zu, auch wenn sie spürten,dass die Einflüsse dieser Kriegszeit auf die Kinder denkbar schlechtwaren. Aber was sollten sie machen? Die Not brannte allen Menschen un-ter der Haut.
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Zu Beginn des Jahres 1917 fuhr Marie Juchacz nach Berlin , um ihre neueFunktion als zentrale Frauensekretärin der SPD zu übernehmen." Friedrich Ebert , mit dem ich über den zweckmässigen Beginn meiner Ar-beit sprach, gab mir den Rat, zuerst einmal in Berlin selbst zu begin-nen. Elfriede Ryneck , die ebenfalls Mitglied des Gross- Berliner Vor-standes war, stellte mit mir zusammen aus dem Gedächtnis Listen vonFrauen zusammen, mit denen wir in kurzen Zwischenräumen zusammenkamen,um gemeinsam den Neuaufbau der Frauenbewegung zu beraten und trotz derunruhigen Verhältnisse durchzuführen. So gelang es uns, einen Teil dervor der Spaltung so blühenden Frauenbewegung wieder zu beleben und zufestigen.
Einige Male fuhr ich dann auch- meist auf Anforderung- ausserhalb zuVersammlungen und Zusammenkünften. Eine meiner ersten Reisen in diesemSchneewinter habe ich nicht vergessen. Der Zug Berlin - Königsberg bliebim Schnee stecken und musste buchstäblich freigeschaufelt werden, so-dass ich erst am nächsten Morgen, statt am Abend vorher, in Königsberg ankam. Trotzdem führte ich meine Versammlungstour durch. Hier, nahe derrussischen Grenze und dem östlichen Kriegsschauplatz, war von der Spal-tung nichts zu spüren. Ich hatte in Königsberg , Tilsit, Gumbinnen undMemel sehr gut besuchte Versammlungen, mit vorwiegend weiblichen Raxx* xBesuchern, die alle bewusst und ernst wirkten. In Memel kamen sogar ma-surische Frauen, die weite Wege gemacht hatten. In ihrer Landestrachtwirkten diese verschlossenen, kräftig gebauten Frauen in dämmrigenSaal vor mir wie ein schönes altes Gemälde.
Ich habe ausser Königsberg - keine dieser Städte wieder gesehen."
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