Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Die ärztliche Betreuung nahm sie sehr in Anspruch und lenkte sie zwarab, nahm ihr aber zugleich auch die Zeit, sich geistig mit den verschie-densten Problemen so zu beschäftigen, wie sie es aus innerem Bedürfnisnoch immer wollte. Wäre diese Krankheit nicht gewesen, dann wäre ihr Le-ben allmählich zu ihrer vollsten Zufriedenheit und mit einem glücklichenGefühl ausgeklungen. So aber trat das ein, was sie befürchtet hatte undwas ihr in schwachen Stunden jede Lebenslust nahm: sie musste sich quä-len, fiel anderen zur Last, und wurde' die Ruine', die sie sich selbstund den anderen ersparen wollte. Exxgikt Ein einziges Mal machte siein ihrem Brief an Lotte Lemke vom 2. Mai 1955- ihrem Herzen plötzlichLuft:

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" Ich weiss nicht, wo Du gerade steckst, aber sicher bist Du viel unter-wegs. Am Samstag war Minna Sattler für ein paar Stunden hier. Ich habemich sehr gefreut. Nun wären in einigen Tagen, am 6. Mai, die vier Wo-chen herum, die ich mir gesetzt hatte. Ich wollte zehn Tage zu Hausesein und dann mit nach Lübeck kommen. Wollte! Mein Zustand ist noch so,dass ich ale paar Tage, manchmal auch täglich, noch die heftigen Leib-schmerzen bekomme. Auch Dr. R. führt das auf die Nachwirkungen der Be-strahlung zurück. Er ist begeistert von Kissingen , ich habe mich dortfür den 1. Juni angemeldet, von dem Kissinger Wasser erhofft er sich et-was. Augenblicklich spannt er für vier Wochen aus, er hatte es nötig.Eine weibliche Vertretung ist hier, sehr vernünftig. Dr. R. hat vieleDingeohne Erfolg versucht, um mir zu helfen. Dann haben wir nochbesprochen, dass ich eine Zehn- Tage- Kur nach der Methode eines ungari-schen Arztes versuche, mit einem Präparat, das hier in Friedrichsdorf imTaunus hergestellt wird, in einer Form, dass man jede Mahlzeit in einerMinute statt mit stundenlangem Kochen herstellen kann. Diese Kurz sollich hier in Winterberg noch versuchen. Erst heute ist das Mittel hier an-gekommen. Das schiebt meinen Abreisetermin etwas hinaus, wir müssen unsüber Lübeck also noch unterhalten. Wird es nicht besser- nicht ganz gut,hat mein Mitfahren keinen Zweck.

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Ach, ich hasse es, so dahin zu vegetieren, ich kann es garnicht sagen,wie sehr. Vor einigen Jahren erschien mir das Alter noch so schön undlebenswert. Nun fühle ich mich in meinem persönlichen Glück so betrogenund unglücklich, und werde dazu dauernd von Unpsslichkeiten geplagt.Verzeih! Es sind keine Mai- Gedanken, wie ich sie zum Beispiel gesternfrüh hatte, als die Frauen von ihrem Mai- Frühspaziergang zurückkamen undvor meinem Fenster sangen. Ich hatte gut geschlafen und war ohne Schmer-zen. Aber da fing der Tag erst an."

b. w.!!