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Schon am nächsten Tag nach ihrer Ankunft hatte auch Elisabeth durch dieVorsorge von Marie und Otto Arbeit gefunden. Durch das grosse WäschehausGrünfeld erhielt sie Nähaufträge für Wäsche in Heimarbeit, und es kamnur darauf an, möglichst viele Wäschestücke fertig genäht abzuliefern.Wenn Marie für die Nachbarin im Haus nichts zu tun hatte, half sie ih-rer Schwester beim Nähen. So verdienten die beiden Schwestern genug, umnicht nur den Lebensunterhalt zu bestreiten und die Kinder von Marie gutzu versorgen, sondern auch ihren Mietante il pünktlich an Bruder Otto ab-
zuführen.
In den wenigen Monaten, in denen Marie zuerst alleine in Berlin lebte,war sie durch die Anforderungen, die der Tag an sie stellte, so in An-spruch genommen, dass sie nicht daran denken konnte, ihre eigentlicheAbsicht zu verwirklichen, nämlich einen Weg zur sozialistischen Bewe-gung zu finden. Sie las zwar Zeitungen und unterrichtete sich über diekleinen und grossen politischen Ereignisse, hatte aber in Otto und Eve-line nicht die richtigen Gesprächspartner. Otto besuchte zwar sozialde-mokratische Versammlungen und nahm Marie mit, aber die vielen neuenProbleme, Gedanken und Gesichtspunkte, die da auftauchten, konnte siemit Otto nicht diskutieren. Desto glücklicher war Marie, als sie in Eli-sabeth eine Gesprächspartnerin fand, der sie nicht nur alles sagen konn-te, sondern von der sie jetzt viel besser verstanden wurde als zur Lands berger Zeit. Elisabeth war nicht nur älter geworden, sondern besass mitihren achtzehn Jahren ein Auffassungs- und Denkvermögen, das für diewesentlich ruhiger denkende Marie verblüffend war. Ausserdem****** hatteElisabeth eine Gabe, die nicht nur in dieser Berliner Zeit ins Gewichtfiel und vieles leichter machte, sondern in der ganzen Zeit des Zusam-menlebens dieser beiden Frauen bis zum Tode von Elisabeth auch für dasDenken und die Entschlüsse von Marie entscheidend war: die Heiterkeitund Leichtigkeit, mit der sie alles anfasste, beurteilte, bearbeitete.Der Aussenstehende hätte das vielleicht manches Mal als oberflächlich,oder zumindest nicht sehr gründlich und durchdacht empfunden, und soist Elisabeth auch später von Menschen, die sie nicht kannten, mituntereingeschätzt worden. Marie, die das Durchdenken und Durchdringen von Pro-blemen, Aufgaben und Situationen schon von Kind an mit einem Ernst be-trieb, der ihr bis in ihre letzten Tage das Wichtigste war, fühlte in-stinktiv, dass ihre neun Jahre jüngere Schwester etwas besass, was ihrselbst fehlte. Auf der anderen Seite sah Elisabeth in ihrer älteren undso viel ernsteren Schwester auch den klugen und klar denkenden Partner,der durch seine fast strenge Art ihr eigenes Gleichgewicht herstellte.Aus der Tatsache, wie sich diese beiden im Wesen grundverschiedenen,aber im Denken gleichgesinnten Schwestern gegenseitig die Waage hielten,ist das enge Verhältnis zu erklären, das niemals erschüttert wurde.