Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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113104-

An diesem Abend glaubten wir, dass es nicht zum Kriege kommen würde.Wenn sich ein ganzes Volk dagegen wehrt?! Die ganze friedliebendeKraft der Bevölkerung stemte sich gegen den Ausbruch eines blutigenKrieges. Und gerade hier in Rheinland , wo Frankreich so nahe war undauch gewisse, fast verwandtschaftliche Beziehungen bestanden, wo be-stimet keine Abneigung oder gar ein Hassgefühl gegen das französischeVolk existierte, sollte man sich plötzlich damit ve traut machen, ge-gen Frankreich zu Felde zu ziehen? Das war unvorstellbar und unfass-bar. So viele junge Gesichter in dieser Versammlung! Viele, die ichpersönlich kannte. Sie waren eins mit uns in Denken und Fühlen- someinten wir. War es wirklich so?

Wir gingen Dr. August Erdaann und einige Freunde- den gleichen Weg

nach Hause. Noch heute habe ich seine Worte im Ohr:

" Es gibt keinen Krieg. Der internationale Kapitalismus ist so ineinan-der verwachsen, dass er sich keinen Krieg leisten kann. Die industriel-len Bindungen, das Bank- und Geldwesen sind so ineinander verfilzt,dass man sich das Auseinanderreissen dieser Fäden garnicht vorstellenkann."

Zur gleichen Zeit, im Juli 1914, fand in Paris eine Demonstration derPariser Arbeiter gegen den Krieg statt. Jean Jaurès wurde ermordet." Ein Freund des Friedens und der Völkerverständigung, ein grosserMensch und Sozialist war feige getötet worden. War das nicht ein bösesOnen? Ich hatte Jaurès einmal in Berlin erlebt, in einer Versammlungin der Hasenheide. Er war ein hinreissender, mit jedem Argument über-zeugender Redner, der nicht mit Posen und Gesten, sondern mit der ge-schliffenen Rede und mit Tatsachen und den daraus zu ziehenden Konse-quenzen überzeugte. Der Garten war restlos überfüllt, und Tausendestanden auf der Strasse, um zuzuhören. Herr von Jagow ritt selber, in-mitten seiner berittenen Polizei, am Strassenran d entlang, um dieMenschen auf die Bürgersteige zu drängen, die genau so dicht mit Men-schen besetzt waren wie die Strasse, die dem Verkehr gehört', undnicht den Versammlungsteilnehmern. An diesem Tage konnte von Jagow mitseinen Berittenen nichts ausrichten. Wie eine Mauer standen die Men-schen und wichen keinen Zentimeter. Und jetzt war Jaurès tot."

Wenige Tage später wurde die Mobilmachung verkündet, der Krieg warnicht mehr zu vermeiden.

" Vor den Litfassäulen und Mauern standen die Männer und lasen die An-schläge. Wir Frauen wurden rücksichtslos beiseite gedrängt, Krieg warnur Mannersache. Sc dachten die Männer. Wenn sie alle damals geahnt