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In den Schriften von Marie Juchacz befindet sich eine Aufstellung, dieüber die Verhältnisse bis um die Jahrhundertwende Aufschluss gibt:" Berufs- und Gewerbe zählung von 1895:
35,1 Millionen proletarischer und proletaroider Existenzen= 2/3 derGesamtbevölkerung. Der Anteil der Arbeiter unter den Erwerbstätigen be-trägt 67,7%. Zunahme der Frauenarbeit um 1,5 Millionen= 30% aller Er-werbstätigen. Gleichbleibende Geldlöhne bei steigenden Lebensmittelpreisen. 214 000 Kinder bis zu 16 Jahren sind berufstätig und stehen unterGewerbeaufsicht( 1907: 450 000 Kinder und Jugendliche).
Mit der Entwicklung des" Alkoholkapitals" betragen die Ausgaben desDeutschen Volkes für alkoholische Getränke:
1886: 1 Milliarde, 700 Millionen Mark
1892: 2 Milliarden, 500 Millionen Mark
1991: 3 Milliarden, 300 Millionen Mark( Ausgaben in der gleichen Zeitfür Brot: 1 Milliarde, 700 Millionen Mark)."
Im Jahre 1890 musste- nicht zuletzt durch den" Druck von unten" dasSozialisten gesetz fallen. Die Gewerkschaftsbewegung nahm einen gewalti-gen Aufschwung, und im Zusammenhang damit wuchsen Einfluss und Stärkeder Sozialdemokraten. Die streikbewegung erreichte mit dem Bergarbeiter-streik von 1889 und mit den Streiks der Hamburger Hafenarbeiter( 1895 bis1899) symptomatische Höhepunkte. Von 1890 bis 1900 verdoppelte sich derMitgliederstand der Gewerkschaften,( bis zur Jahrhundertwende zählte dieSozialdemokratische Partei weit über eine Million eingeschriebener Mit-
glieder.
Dieser Entwicklung musste die Sozialpolitik des Deutschen Reichs nech-
nung tragen. Arbeiter fürsorge gesetze machten den Anfang. 1883 folgte das
Gesetz zur Kranken-, 1884 zur Unfall-, 1889 zur Invaliden- und Alters-Versicherung, und 1891 das Arbeiterschutzgesetz, das eine Neuordnung derGewerbeinspektion, das Verbot der Kinderarbeit bis zur Vollendung derSchulpflicht und den zehnstündigen Maximal- Arbeitstag für Frauen in denFabriken regelte.
Pfarrer Bodelschwingh errichtete 1882 die erste Arbeiterkolonie für Ar-Medmile.beitslose in Berlin , und Naumann formulierte 1890 das soziale Programmder evangelischen Kirche.
Von den Parteien- und Parlamentskämpfen und den wirtschaftlich- poli-tisch- sozialen Interessen gegensätzen gibt die Darstellung der verschie-denen Parteiprogramme ein deutliches Bild:
1. Konservative Partei. Sprachrohre:" Kreuzzeitung " und" Deutsche Tages-zeitung Bildet den Kern der Regierungsmehrheit. Befürwortet seit1870 Schutzzollpolitik. Tritt für erhähte Getreidezölle und Steuerer-leichterungen für agrarische Betriebe ein. Verhindert die Reform desDreiklassenwhlrechts. Vergeblicher Ver-
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