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dem letzten Samstag ereignet hatten. Die Meldungen der" NeumärkischenZeitung", eines liberalen Wochenblatts mit gelegentlich geschickt versteckter sozialistischer Tendenz, wurden je nach Temperament und Anschauungder Einzelnen diskutiert. Man redete mit sehr grossem Eifer und mit nochmehr Anerkennung über die fortschrittlichen Pläne, die Bürgermeister An-ker in Landsberg verwirklichen wollte. Jetzt war er ja schon wieder inBerlin , um zu studieren, was es dort Neues gäbe. Die neue Berliner Stadt-bahn wollte er sich ansehen, die in einem Jahre fertig sein sollte. Al-lerdings seien die Engländer schneller gewesen, schon 1863 sei das ersteStück ihrer Stadtbahn in Betrieb genommen worden. Nun ja, die Vorberei-zu der Zeittungen und Gelder für den Krieg 70/71 waren vielleicht wichtiger. Auchin Landsberg wird ja nur mit Wasser gekocht. Trotzdem soll jetzt dieneue Kanalisation in Angriff genommen werden, der Bürgermeister weissauch schon wie. Natürlich nicht so wie zum Beispiel in Frankfurt , wo mandie abwässer ganz einfach in den Main geleitet hat. Ohne Rieselfelderkommt man heutzutage nicht mehr aus, das werden die Frankfurter nachho-len müssen. Oder sie entscheiden sich für ein System, an das der Bürger-meister für Landsberg denkt und das mit einer pneumatischen Abtrittrei-nigung arbeitet. In Holland , in Amsterdam , Dortrecht und Leyden ist die-ses System bereits erfolgreich ausprobiert worden. Bürgermeisterwird damit schon fertig werden, auch mit der Wohnungsnot, die durch denständigen Zuwachs von Fremdarbeitern immer grösser wird. Das könnte aucheine Menge Arbeit geben für den Bauunternehmer Friedrich Theodor Gohlke,sagterder Aber zu diesem Themaygenau so wenig wie zu den anderen Dingen.Eigentlich hört er garnicht richtig zu, und man sieht ihm an, dass er amliebsten nach Hause gehen würde, um bei der Geburt seines zweiten Kindes( dabei ist es, genau genommen, schon das vierte!) dabei zu sein. Die He-bamme, Minna Freymark, hatte ihn aber so energisch hinausgeschickt, dasser es vorzog, am Stammtisch zu warten, bis sein Sohn Otto- so war es ver-abredet- ihn holen würde. Minna Freymark war/ erst kürzlich mit ihremMann, dem Volksschullehrer Peter Freymark, aus Soldin nach Landsberg ge-kommen. Da er einige Kinder der Männer dieser Samstag- Tischrunde unter-richtete, hatte es sich von selbst ergeben, dass er sich mit den Väternzusammensetzte. Dabei machte er aus seiner sozialistischen Einstellungkein Hehl. Men riet ihm zur Mässigung, wenigstens so lange, bis das Sozi-alistengesetz wieder aufgehoben sei. Freymarks Gefühl, dass dieses Ge-setz noch lange in Kraft bleiben würde, entsprach den späteren Tatsachen.In diesem Augenblick konnte er noch nicht wissen, dass er sehr bald einOpfer dieses Gesetzes werden und seine Lehrerstelle verlieren sollte.Heute bei der Unterhaltung beschränkte sich PeterFreymark xxxxXXXXXXXXXX