Akte 
Korrespondenz: Fritzmichael Röhl
Entstehung
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Die Zeit vor achtzig

Jahren

Zu Beginn des Jahres 1949 kam Marie Juchacz aus Amerika nach Deutschland zurück. Sie zog sich zuerst auf das von ihrem Sohn Paul Juchacz verwal-tete" Gut zur Nette" in Weissenthurm am Rhein , das der Provinzial- Heil-und Pflegeanstalt in Andernach unterstand, zurück, um von hier aus denAnschluss an ein Deutschland zu finden, das sie 1933 verlassen musste.Und wie sehr hatte sich dieses Deutschland verändert! Nicht nur Hitlers tausendjährige Reichs- und Parteiwalze, auch der ganze Schrecken des 2. AWeltkriegs war über Land und Menschen hinweggerollt. Deutschland wardas ärmste und am meisten zerstörte Land der Welt, übriggeblieben warenausgehungerte und verarmte Menschen und ihr Lebenswille, der jetzt, einhalbes Jahr nach der Währungsreform, in normale und- wie es den An-schein hatte zukunftsträchtige Bahnen gelenkt wurde.

Es dauerte ein Jahr, bis sich Marie Juchacz entschloss, die ersten No-tizen niederzuschreiben, die ihren Lebens- und Berufsweg skizzierensollten. So wie es die Erinnerung ihr zutrug, notierte sie viele Ein-zelheiten, ohne vorerst zu wissen oder sich zu überlegen, in welcherForm diese Erinnerungen zu einer Einheit zusammengefügt werden müssten,bis ihr dann klar wurde:

" Eindrücke, die man in der frühesten Jugend empfing, Charaktereigen-schaften, die man von Eltern und Vorfahren mitbekam, auch das Tempera-ment, das einem vererbt wurde, die Lebensumstände, mit denen man käm-pfen, denen gegenüber man sich durchsetzen musste, das Maß von Willen,Energie und Fleiß, mit dem man an sich arbeitete, bilden zum Schluss dieSumme, die zum Werden einer Persönlichkeit führen. Der Rückblick auf einLeben zwingt wohl immer zur Prüfung und Sichtung der verschiedenen Um-stände und Faktoren, die von früher Zeit her in einem Werden mitbe-stimmend gewesen sind. So muss jede Lebensbeschreibung auch bei derKindheit, im Elternhaus, bei den Eltern beginnen."

Aber in welche Zeit war sie hineingeboren worden? Was war da, ohne ihrin ihrer Kindheit bewusst zu sein, aber ihrem Dasein den entscheidendenStempel aufdrückte und ihren Lebensweg in jene Richtung lenkte, die erdann auch nahm? Welche politischen, wirtschaftlichen und" gesellschaft-lichen" also sozialen Verhältnisse waren zur Zeit ihrer Geburt undihrer Jugend jahre gültig? Womit mussten sich die Menschen der Zeit, inder sie zur Welt kam, auseinandersetzen?

Jetzt, im Jahre 1950- und 71 Jahre alt, war es vielleicht gut undzweckmässig, sich die Zeit vor achtzig Jahren noch einmal ins Gedächt-nis zu rufen, um sich selbst in seiner Entwicklung besser zu verstehen.