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Haltet das nicht für falsch. Von wenig arheiten kann man nicht leben. Mann musssehr viel tun um zu existieren. Ihr seht ja, selbst Hanne auf dem Lande ist zu❤sammengeklappt. Micha hat sich den Rest geholt als er im Garten einige Bahnen, diePaul ihm gab, pflanzte. Sohieben liegt uns nicht, da ich verheiratet bin, kannich mir zum Essen und Anziehn keinen Amifreund zulegen, also was tun?.
Thr glaubt, Lotte lebt klüger? Ich habe sie jetzt für eine Nacht auf der ersten Fahrtnach Wesel gesehn. Selten habe ich einen so hoffnungslosen Menschen angetroffen.Ich war gnažunglücklich dariber. Sie sitzt angenagelt an ihre Arbeit, kann sich ichtfortwagen.Hat scheints keinen menschen, de zu ihr gehört. Soll sáe Euch das schreiben?Ich kann verstehen, dass sie schweigt. Ist es nicht schlimm, unsere Brief e missenimmer noch voll sein von Elend und Sorgen. Wir hoffen sehr auf Besserung. Es sollmehr Fett geben, dafür gibts nur nach loo Gramm Fleisch im Monat. und die versprocheneButter ist nicht zu haben. Es gibt noch immer kein Nähgarn, keine Strümpfe, seiteinem Jahr habe ich keine Schuhreparatur bekommen, weil kein Leder da ist. Es istimmer noch primitivst. Könnte ich nicht immer wieder auf Dinge zurückgreifen, diewir von Euch haben, wie würde es uns ergehen? Diese praktischen Dinge sind aber nichtso tragisch. Jetzt haben aber schon die städtischen Bühnen ihre Tore geschlossen,weil ein so. grosser Teil der Künstler zusammengebrochen ist und kein Stück mehr über.die nötige Besetung verfügt. Klinstler bekommen keine Zulagekarten, dabei möchte icheinen Arbeiter sehn, der so schuftet wie z. B. ich zur Zeit. Es wird nur die Arbeitals Arbeit bewertet, de viel Muskelkraft verlangt. Nervenverschleiss zählt nicht.Michas Zusammenbruch ist auch nur eine Folge der Unterernährung und Überanstrengung.Meine vom Arzt seit 2 Monaten angeforderte Zusatzernährung wegen über 25 0/0 Unterge-wicht ist bis heute einfach unbeantwottet geblieben. Die Carepakete sind aufgegessenbis auf ein Fäckchen Mehl, Daraus muss ich jetzt dem Micha etwas Backen, damiter bei der Behandlung nicht nur nooh kranker wird. Ist es Euch möglich mit Hilfe vonden erhaltenen wertvollen Sendungen von Billuns etwas Kaffee zu schicken? Ich mussja sehn, dass ich nicht schlapp mache. Mir geht es aber ganz gut. Da mir die ArbeitFreude macht, ist mir alles andere gleichgültig. Vor allem dürfen wir so ieso nichtnachdenken. Leider vermissen wir- ich wenigstens- die Möglichkeit gäste zu haben.Keiner macht einen unniltzen Weg mit der Strassenbahn. Man kann niemand zumutenohne Verpflegung etliche Stunden Geist zu verschleissen. Es fehlt eine wirklicheGeselligkeit, es fehlt allen die nötige Heiterkeit, es fehlt der Alkohol, der dieseventuell hervorzaubern wirdo. Wie man dann hier lebt? In ewigen Zwangsvorstellungenweil man immerzu etws was lebensnotwendig ist organisieren muss. Und der ständigenÜberlegung" Herrgott, was könnte man denn jetzt blos mal essen?"!
Und dabei gibt es hier eine Hofer- Ausstellung, eine Slevogt eine Klee- Austtellung.Ich habe sie alle noch nicht gesehn, weil es zu umständlich ist in diesem kleinenMinchen- hinzukommen. Jetzt seit Micha im Krankenhaus liegt, habe ich vielleichtmehr Zeit.Es gibt zwar zwei unbedingt sehenswerte neue Theateraufführungen, aberes gibt auch dazu die Karten nut mit Bezi hungen." Die Kluge" von Orff und" Mathisden Maler von Hindemith.
In Berlin besiluft man sich. Als Reaktion auf diese Zeit. Weils keine Lösung istbemühe ich mich nicht darum, obschon ich es eben auch gern täte. 8 Uber mir sinddie Leute lustig. Sie haben ja auch Dollars. Und ein Dollar sind angeblich 200 Rmaber auch eine Stange Zigaretten und diese kostet 900 Rm. Komisch. Ich habe wederDollars noch die Zigaretten! Auch keinen Schnaps.
Nur Angst um Micha.
Ich schreibe bald wieder. Ich muss immer denken, dass Ihr vielleich auch sehr vieleSorgen habt, und es uns nur nicht schreibt. Ich kann mir gar kein Bild machen, wieThr eigentlich lebt. In einer Zeitung ist hier ein Artikel einer Amerikanerin, dievon ihren Angstträumen s hreibt, die ihr die Deutschlandpakete bereiten, das Anstehnnach Ware, das Anstehn auf der Post, das teure Porto. Andere Artikel beschreibenein Paradies der Freiheit und Selbstverständlichkeit aller Lebensnotwendigkeiten.Für jeden. Ich möchte mal nicht über Kartoffeln und Brotnachdenken milssen.s ist vier Uhr, ich gehe trotz Osterfeierei zu Bett.ad draussen ist ein bezaubernder Frühling.
Herzlichst Eure