29. Februar 1948.
Meine liebe grosse Mutti ,, lieber Emil, liebes Kaethchen,wir ueberschlagen uns diesmal im Briefeschreiben, aber es ering-neten sich eben so viele wichtige kleine und grosse private undberufliche Dinge, dass wir das unbedingt mitteilen muessen, dennIhr gehoert gottseidank wieder zu uns, auch wenn schrecklichviel Wasser dazwischen liegt.
Wie es uns bei August und Klaerchen und bei den WeissenthurmerJouacz' ergangen ist, wisst Ihr. Hanna und Paul haben uns in denletzten Tagen unseres dortigen Sanatorium- Aufenthalts noch soviel Gutes getan,- wir sind uns ueberhaupt in einem Masse nahegekommen, wie das bei unserem vorjaehrigen kurzen Aufenthaltnicht moeglich war, und wir haben auch ueber gemeinsame Plaenegesprochen, die vielleicht noch in sehr ferner Zukunft liegen,was ihre endgueltige Realisierung betrifft, aber vielleicht wer-den die Anfaenge doch frueher in Angriff genommen, als wir eserwarten. Paul ueberlegt sich mit Recht, dass oines schoenenTages seine Inspektorzeit vorbei sein wird, und dann sitzt erda, mit Hanna, mit einer kleinen Beamtenpension, und mit derMoeglichkeit, sich in einem kleinen Mansardenzimmer irgendwo ineinem fremden Winkel anzusiedeln. Das will er auf keinen Fall.Und auch Maria und ich, die wir beide in Berufen leven, die unskeine Garantie fuer die Zukunft geben, werden uns vielleicht inunseren aelteren Tagen ueberlegen muessen, wo wir uns verkrue-meln. Und da ist folgender senr roher Plan entstanden: Paul wirdversuchen, nach der Waehrungsreform irgendwo ein Fleckchen Landzu finden, das wir gemeinsam pachten, wobei die Pacht gleichzei-tig Ankaufsgeld fuer den Erwerb ist. Unsere beiden Familien bau-en sich an beiden Enden dieses Fleckchens Erde ein bescheidenesHaeuschen hin, und Paul legt auf dieser Erde einen praechtigenObstgarten an, mit Hochstammzucht. Wenn er in einigen Jahren mitder Obstkultur anfaengt, kann in zehn bis 15 Jahren ein Obstpa-radies fix und fertig dastehen. Wir, d.h. Maria und ich, werdenuns finanziell daran beteiligen. Sobald das Land gepachtet unddie erste Obstzucht gepflanzt ist, kann man jemanden mit derPflege beauftragen. Ausserdem wird es sich um die Nache vonPaul handeln, sodass er mit dem Auto hinueber und herueberfah-ren kann. Was sagt Ihr zu diesem Plan? Von mir aus koennte sichLatte ebenfalls beteiligen, aber als ausgesprochener Einzel-gaenger wird ihr das schwerer fallen als uns, obwohl auch wirin mancher Beziehung Aussenseiter sind.Maria hat Paul versprochen, einige Raeume seines Gutes auszu-malen, so den Tagesraum fuer die Maenner und die Aufenthalts-raeume fuer die Patienten. Sie hat in einigen Wochen sowiesoim Rheinland zu tun, macht bereits Entwuerfe fuer einen Prospektdes Dombauvereins in Wesel , und soll fuer den KunstschmiedWyland in Koeln fuer kunstgeschmiedete Tische Deckchen sticken.