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so bekrabbeln wuerde, um mit der Misere fertig zu werden, was mir ja auch inzwi-schen gelungen ist. Und wenn ich noch zehn oder zwanzig Mal von vorne anfangenmuss, dann fange ich eben von vorne an, so oft es notwendig ist. Nur: wenn manso ganz und gar ohnmaechtig ist, wenn man tausend Moeglichkeiten sieht, wenn al-le Voraussetzungen da sind, und die Haende und der Verst and sind gefesselt, unddazu noch aus Gruenden, die keine sind, dann kommt es einem eben mal hoch.Ums amehr kann ich mich in Peine und in Emils seelische Lage hineinfuehlen, in diemannigfaltigsten und meist unerfreulichen Situationen, weil Ihr ja seit 1933dauernd auf der Flucht seid, und weil Ihr gesehen habt, dass alles das, was Ihrneu anfangt, nur ein Uebergang sein konnte, und Ihr habt trotzdem so gehandelt,als ob es kein Uebergang sei, sondern wieder etwas Neues.
Und dass ich ein gut Teil von Eurer Erziehung und Geisteshaltung in mir erhaltenhabe, mag daraus hervorgehen, dass ich trotz der groessten Schwierigkeiten, Ver-suchungen und scheinbaren Moeglichkeiten unabhaengig geblieben bin und mir dadurchdie Moeglichkeit verschaffte, immer dann aufzuhoeren und fortzugehen, wenn das,was man von mir verlangte oder was sich als unvereinbar mit meinen Vorstellungenankuendigte, mir nicht mehr gefallen konnte.
Wenn ich auch Deinen Satz, grosse Mutti, mit den offenen Worten an Maria nichtganz verstehe, so verstehe ich doch die offenen Worte dieses ganzen Briefes, undes war gut und notwendig, dass sie einmal so rueckhaltlos geschrieben wurden. Ichsehe mehr und mehr in Euer vergangenes und gegenwaertiges Leben hinein, ich kenneEuren Kampf ums Dasein, ich fuehle Euch trotz aller Gastfreundschaft die Fremdheitnach, die Euch umgibt, und weiss aber auch, dass Ihr trotz allem dem Land und seinenenschen dankbar seid.
Trotzdem trage ich mich mit dem" edanken, so schnell wie moeglich hinueberzufahren.Es waere moeglich, wenn jemand die Buergschaft uebernaehme, und wenn man klar sehenwuerde, wie die Ueberfahrt- Kosten fuer zwei Personen aufgebracht werden koennten.Da Eure citizenship noch umstritten ist, wuerde wahrscheinlich als Buerge nur Robertin Frage kommen.- Dass Maria und ich uns trotz der unwahrscheinlichen Schwierigkeiten setteln koennen, halte ich bei unserem Arbeitstemperament und bei unsererGeschicklichkeit fuer durchfuehrbar. Dass Ihr uns keine Schwierigkeiten machen wer-det, ist eigentlich so selbstverstaendlich. Und dass Ihr uns die richtigen Rat-schlaege geben koennt, hoffen wir von ganzem Herzen, dass Ihr es tut. Unseren the-oretischen Ueberlegungen sahen so aus, dass ich auf jeden Fall zuerst einmal hiermeine Zeitschrift herausbringe, um damit in Deutschland ein Fundament zu schaffen,dass mir eventuell drueben den Boden etwas ebnen koennte. Ich kann mir naemlichvorstellen, dass eine internationale Kunstzeitschrift auch in Amerika ein bestimm-tes Echo findet, und dass ich fuer meine eigene Zeitschrift in Amerika und von Ame rika aus arbeiten kann. Maria hat in Erwaegung erzogen, ein Atalier fuer gemalteKleider aufzumachen. Da sie unwahrscheinlich schoene Seidenmalereien gemacht hatund bei geschickter publicity das der dernier cri sein koennte, glaubt sie, damitErfolg haben zu koennen. Wir glauben also nur, und wissen garnichts. Und wissen nurdas eine, dass auf jeden Fall etwas Anfangskapital notwendig ist, und dass wir dasnicht haben. Ein solcher Schritt will wohl ueberlegt sein, ob man alle Bruecken hierhinter sich abbricht, ob man sich die Harlachinger Enklave irgendwie erhaelt, ob manfuer eine dafuer erforderliche Zeit nur" besuchsweise" hinueberfaehrt, usw. Ich habebereits einige Adressen von Freunden, und koennte, bis es so weit ist, noch mancheBeziehung auftun. Wie weit derartige Beziehungen aber geeignet sind, einem weiter-zuhelfen, kann ich jetzt nicht ahnen und sagen. Nehmt beide doch bitte einmal ganzsachlich und klar zu diesem Problem Stellung, weil es naemlich wichtig fuer unsist, ganz klar zu sehen und weil sich nach Eurer Stellungnahme im wesentlichen un-ser Verhalten fuer die naechsten Monate richten wird.
Dass Emil nicht mehr der Gesuendeste ist, habe ich mit einigem Schrecken erfahren,als ich mir damals seinen an seine Freunde gerichteten Rundbrief durchlas. Ich wag-te aber nicht, genauer zu fragen. Paul Kirschmann zeigte mir bei seinem MuenchenerAufenthalt ein in Meriden gemachtes Bild von Emil, auf dem ich nur zu deutlich dieSpuren der Strapazen und Kaempfe ablesen konnte.
Mein Traum where 02