Akte 
Korrespondenz
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Berlin Mai 1947

SEITE 202

DAS SOZIALISTISCHE JAHRHUNDERT

WEITE WELT IM ENGEN SPIEGEL

Lebenserinnerungen von Dr. Hildegard Wegscheider, Berlin *)

Mutterschaft und BerufsarbeitIn der Arbeiter- Abstinentenbewegung trafich auch meinen späteren Mann, Dr. MaxWegscheider. Wir heirateten im Jahre1899, und ich versuchte Fräulein Lange,die Leiterin der Gymnasialkurse in Berlin ,dazu zu bewegen, daß ich auch als ver-heiratete Frau weiter an ihren Kursenunterrichten durfte. Sie fragte mich beidiesem Gespräch, ob ich sicher sei, daßuns nicht passierte, was jungen Ehen dochsehr häufig passierte, nämlich Kinder.Diese Frage war zuviel für mich, da mußteich frech werden, und ich sagte laut, aberdeutlich, daß ich mindestens ein DutzendKinder haben wollte.

So konnte ich bei Fräulein Lange nichtbleiben.

aller

Ich sah später ein, weswegen sie so ge-handelt hat. Sie wollte die Gleichberechti-gung der Mädchenbildung mit der derKnaben erreichen; dazu bedurfte sie derHilfe politischer PersönlichkeitenParteien und wollte auch die Unter-stützung der Kaiserin erlangen. Auf diesemWege war ich als Sozialdemokra-tin an ihrer Schule nicht ganz ange-bracht, und eine junge Mutter als Lehrerinkonnte auch nur gegen die Zulassungvon Mädchengymnasien sprechen. H. Langehat also ihre Linie richtig verfolgt. Fürmich war es aber ein schwerer Schlag;zugleich freilich war es eine neueGelegenheit zum Kampf: es mußte fürdie verheiratete Lehreringe-kämpft werden.

Immerhin waren die Stunden in den Lange-schen Kursen das erste Stück aufbauendeErziehungsarbeit, das ich geleistet habe.Ich kam mit den Klassen in eine ganznahe menschliche Verbindung, die sichnicht auf den Unterricht beschränkte.Wenn ich des Sonntags wanderte odereins der Berliner Museen aufsuchte, warenimmer einige Schülerinnen mit mir. Dasverband uns sehr fest, und nach meinerHeirat hatte ich jeden Monat einen,, offenen Abend", der in erster Linie fürdie Schülerinnen gedacht war. Mit eini-gen von ihnen bin ich bis heute be-freundet. Sie sind nicht alle Sozialistinnengeworden, aber wir waren immer darineinig, daß wir die Achtung vor jedemMenschen, wer er auch sei und welcherGesellschaftsklasse er auch angehörte, zurGrundlage unserer Handlungen zu machensuchten. Eine ganze Reihe von ihnen sindAerztinnen geworden, viele Lehrerinnenund Fürsorgerinnen.

Daß ich aus den Kursen ausscheidenmußte und neue Arbeit suchte, war fürmich keine wirtschaftliche Frage. Das Be-dürfnis nach privater Vorbereitung zumAbitur war unter den Frauen Berlins da-mals sehr groß, und bald fand sich aucheine neue feste Arbeitsgestaltung. MeinMann war ebenso wie ich davon über-zeugt, daß auch eine verheirateteFrau zur Berufsarbeit berechtigt

war.

Er war der Sohn eines der bekanntestenBerliner Ärzte, des alten Sanitätsrats

*) Vgl. Soz. Jahrhundert, S. 105 ff, 142 ff, 172 ff.

Wegscheider, der seinerzeit das ganze Fabrikarbeiterin. Mit Hilfe des Vereins

Berliner Geheimratsviertel ärztlich betreuthat. Man rief ihn in Krankheitsfällen,aber seine Praxis baute sich auf derIdee des Hausarztes" auf. Er fuhrmit seinem Wagen von einer Familie zuranderen, fiel, wie der Berliner sagt, denMenschen mit Vorliebe in die Suppe, umdie Ernährungsweise zu kontrollieren, ließsich dann alle Schwierigkeiten nennen,ging selbst in die Küche und gab Anord-nungen für die Zubereitung der Speisen,kurz, er hielt die Verbindung mit derganzen Familie, so daß ihn die Krank-heiten in ihrer Wirkung auf den einzelnennicht ganz leicht überraschen konnten.Seine Praxis fiel in die Bismarcksche Zeitund in den aufblühenden Reichtum vonBerlin . Der Vater Wegscheider hat nieeine Rechnung geschrieben. Seine Patien-ten schickten ihm am Ende des Jahresein Honorar nach Gutdünken, und erholte das Nötige für den Haushalt vonder Bank. Mein Mann besann sich nochdarauf, wie eines Tages, als er nochSchüler war, das Bankhaus seinem Vatermitteilte, daß die Million erreicht wäre.Der Lebenszuschnitt des Hauses ändertesich durch diese Tatsache keineswegs. Esbestand ein gut bürgerlicher Lebensstil.Die beiden Söhne wurden Ärzte, dieTöchter wurden in ,, weiblichen" Beschäfti-gungen ausgebildet und holten sich inVorträgen genügend Bildungsstoff, um anUnterhaltunn

teilnehmen zu können;

sie spielten Klavier, gingen ins Theater,und an den Sonntagen war Empfang vonFreunden und jungen Leuten; Schauspielerund Sänger der staatlichen Theater sorg-ten für Unterhaltung der Gäste. Der un-ausgesprochene Zweck war natürlich, dievier Mädchen unter die Haube zu bringen.Es gelang nur bei zweien von ihnen. Dieanderen beiden haben sich später nochberuflich ausgebildet, sich an einem be-kannten photographischen AtelierPhotographinnen betätigt und sinddoch nicht dem unbefriedigten Daseineiner ,, alten Jungfer" verfallen.

Familienschule

alsSO

Wir mieteten eine der üblichen Fünf-zimmerwohnungen in der Corneliusstraße,in der die Praxis neben meiner Privat-stundentätigkeit ihren Platz fand. Sehrbald trat der Verein Frauenwohl" anmich heran, an dessen Spitze Minna Cauer stand, eine der radikalen Vertrete-rinnen der Frauenbewegung. In diesemKreis fand ich ein lebhaftes Echo fürmeine Stellung zu der Frage der verheira-teten Lehrerin: Wenn die Arbeiterbewe-gung das Recht der Frauen auf voll ge-wertete Arbeit auf ihre Fahnen schrieb,dann sollte diese Forderung auch für denBeruf der Lehrerin Geltung haben. Dasum so mehr, als der erzieherische Einflußeiner verheirateten Frau, einer Mutter, oftstärker auf die Kinder eindringt als dereiner einsam alt werdenden unverheirate-ten Frau. Im Jahre 1900 wurde ich zumerstenmal Mutter; ich erlebte also denKonflikt zwischen Mutter-schaft und Berufsarbeit, wennauch natürlich in leichterer Form als die

,, Frauenwohl" gründete ich die ersteSchule für schulpflichtigeMädchen mit gymnasialemUnterricht in Charlottenburg . Sie be-gann im siebenten Schuljahr, wie diedamals aufkommenden Reformgymnasien,so daß sechs Jahre zur Ausbildung vor-gesehen waren. Mit Erlaubnis des Mini-steriums durfte ich an dem Reformgymna-sium am Savignyplatz im Lateinunterrichthospitieren. Ich machte hier meine erstenErfahrungen über den Unterschied zwi-schen Knaben und Mädchen in der Auf-nahme und Bewältigung des Lehrstoffes.In der Zeitschrift des Vereins für Kinder-psychologie habe ich diese Erfahrungenniedergelegt. Sie entsprechen noch immerdem, was uns auch heute die Lehrer be-sonders aus den Schulen mit gemeinschaft-licher Erziehung der Geschlechter be-richten.

Unser Schulplan machte der Schulverwal-tung einige Schwierigkeiten. Wir hattenden vollen Lehrplan einer höheren Schule,konnten aber als solche nicht gewertetwerden, da es keine anerkannten höherenSchulen für Mädchen überhaupt gab. Sofand man den Ausweg, jede Klasse alseine Art Familienschule gesondertaufzubauen. Das war dann ein Privat-unternehmen der Eltern, die einen derVäter als Vorsitzenden wählten, mit demdie Bezirksverwaltung arbeiten konnte.Natürlich hatten wir sehr eifrige undlebendige Schülerinnen und sehr inteessierte Eltern bei diesem Versuci,dem größeren Teil dieser Schülerinnenhabe ich bis zur Hitlerzeit eng zusammengehalten. Viele von ihnen mußten dannauswandern, manche gingen in dieserfurchtbaren Zeit zugrunde. Mit vielenstehe ich nun wieder in eifriger Kor-respondenz, wir tauschen unsere pädago-gischen Erfahrungen aus, als ob wir niegetrennt gewesenDer äußereRahmen dieser Schule war sehr beschei-den. Wir hatten kein Lehrzimmer, uns warnur ein kleines Eckchen in dem an sichzu kleinen Schulhof der Knabenschule, inderUnserewir arbeiteten, zugeteilt.Pausenerholung bestand darin, daß ichmich in die Mitte dieses Plätzchens stellteund die Mädchen im Kreis um michherumgingen. Wir haben dabei viel undherzlich gelacht. Um diesen Mangel aus-zugleichen, machten wir in jeder kurzenPause ein paar Minuten lang Turn-übungen.

wären.

Das zweite KindSolange nur eine Klasse da war,

brauchte ich nur zwei Stunden am Vormit-tag von zu Hause weg zu sein und hieltam Nachmittag eine Sprechstunde fürEltern, Lehrer und Schülerinnen in meinerWohnung. Aber nach knapp zwei Jahrenmeldete sich unser zweites Kind. Die Sachewurde schwierig. Ich berief die Eltern zu-sammen, auch die für das dritte Schuljahr,die sich schon gemeldet hatten, und stelltesie vor die Frage, ob es ihnen lieber wäre,wenn ich jetzt nur Urlaub nähme undmich vertreten ließe, oder ob ich ganz vonder Arbeit an der Schule zurücktreten