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Marie Juchacz : Schlußworte

Als ich aufgefordert wurde, die Konferenz zu eröffnen und dabei gesund-heitlich noch nicht wieder ganz auf der Höhe war, bin ich doch gekommenund habe die kleinen Beschwerden überwunden. Auch jetzt stehe ich miteinem freudigen Gefühl vor Ihnen. Ich freue mich, daß meine geringeKraft noch zu etwas nützlich war. Ich kann sagen: auch das Altwerden hatseine Schönheit, auch beim Altwerden hat man seine Freude. Als ich diePrüfungszeit durchleben mußte, sagte mein Arzt, es wäre ihm noch nichtvorgekommen, daß eine Frau meines Alters so über den Dingen stünde undso vorbehaltlos zu allen Dingen sich äußern könne. Es ist mir da erstso ganz bewußt geworden, wie stark sich doch der Mensch verändern kannmit dem Älterwerden, und besonders habe ich mich gefreut, dass es mirtrotz dieses Alters immer wieder möglich ist, mich mit der Zukunft, mitder Entwicklung zu beschäftigen und ganz besonders habe ich die Muße( Krankheit) dazu ausgenutzt, mich mit den Entwicklungsmöglichkeiten zubeschäftigen, die die AW in sich birgt. Ich sehe die AW vor mir als einerlebendigen, entwicklungsfähigen, aber heutenoch jungen Organismus. Auchdie Temperamentsäußerungen des heutigen Tages haben mit der Jugend zutun. Aber, wenn man auch etwas unmutig werden kann, ist es etwas Schönes,daran teilnehmen zu können. Täglich stehen neue Aufgaben vor uns, wirleben in einer bewegten Zeit, und, da wir nicht die inge, die uns dieZukunft vorbehalten hat, in ihrer konkreten Form sehen können, nur inschwachen Konturen und Linien, so weiß ich genau, daß in den nächstenJahren sich der AW immer neue Aufgaben stellen werden. Für diese Aufgaberuns immer geistig zu rüsten und zu schulen, uns selber, unsere Mitar-beiter und an allen, die wir zu Mitarbeitern bekommen wollen, das istdie große Aufgabe, die uns bleibt, und da sehe ich mit Lotte Lemke zusammedie Ortsebene als das allerwichtigste Gebiet unserer Arbeit an. Bitte,nehmen Sie mir das nicht übel, ich kenne alle Ursachen, die zur Entwick-lung der AW bis heute geführt, die uns innere Triebkraft gegeben habenund die äußere Umstände uns zur Verfügung gestellt haben. Aber, was dasSchwerste ist, müssen wir selber schaffen aus uns heraus, müssen wirschaffen aus unserem Geist, unserer Gesinnung, und da bleibt uns garnichts erspart, und das ist mir schon lange, seit ich zurück bin, durchden Kopf gegangen. Ich sehe, wie schwer in Deutschland die Entwicklungzu einer echten Demokratie ist, Wir haben in unserem Kreise in heißemRingen sehr viel über Sozialpädagogik und sozialpädagogische Fragen ge-sprochen. Es geht mir aber immer noch nicht weit genug. Ich weiß, daßder AW die Aufgabe gestellt ist, in den reisen, die durch sie erreichtwerden können, Menschen zu erziehen zur Demokratie. Der Gehalt der