Amsterdam, 20. Sept. 1945 Vondelstraat 99 Sehr verehrte liebe Frau Professor leider hat mich das boese Bein verhindert nach Bloemendaal zu kommen. Ich haette Ihnen gerne die Hand gedrueckt. Fuer Jemanden, der Ihren lieben Gatten noch vor so kurzer Zeit hat diskut- tieren hoeren in voller J ugend und L ebendigkeit, ist dieser ploetz- liche Verlust fast unbegreiflich. Wenn nun einer aus unserem kleinen Kreise herausgerissen wird--so trifft es doppelt hart uns Zurueckblei- bende mit, denn mehr wie je gehoeren wir"Insulaner" nun in der grossen neuen Sturmflut zusammen, brauchen einer den Anderen, um unserer eigenen Welt, aus der wir kommen, in die wir gehoeren, nicht untreu zu werden. Sie haben den einzigen Trost Ihrem Gatten eine ideale Kameradin gewesen zu sein und durch Ihre Gegenwart das Zu-Hause ersetzt zu haben, das wir entbehren. Diese Harmonie war in allen Stunden fuehlbar, die ich in Ihrem Kreise sein durfte. Darum sind wir Ihnen alle Dank schuldig. Lassen Sie mich wissen, wenn Sie wieder Menschen sehen und vor allem, wenn Sie in der Stadt sind.(Tel. 86057) Mit dem Ausdruck meiner herzlichen Teilnahme bin ich. Ihr ganz ergebener eye 5 Charlottenburg 24. Oktober 1919. Julius Trier. Knesebeckstr.73/II b.Heiden-Heimer. Liebe Frau Dr., für Ihren Brief vielen Dank, ich bin aber so wahnsinnig beschäftigt, dass ich nur ganz kurz darauf antworten kann. Ihre Sorgen von wegen der Reaction halte ich für ganz unbegründet. Mehr oder wenig Hirngespinnste. Damit werden wir jetzt schon fertig. Unser Geschäft hier geht phänomenal und durch alles Geschrei darf man sich keine Minute irr machen lassen. Übrigens wird das ganze blöde Zeitungsgeschimpfe, das nur zeigt wie'di- otisch unpolitisch unser Volk ist, sofort in sein Gegenteil umschlagen, wie, was in den den nächsten 2 oder 3 Tagen erfolgen muss, die Auslands- pressetimmen bekannt werden. Dass die gut sein werde, das weiss ich aber ohne sie gesehn zu haben. Ihr Mann hält sich glänzend. Ich staune täglich was er für ein prächtiger Mensch und Karakter ist. Was er sich mit mir abgibt und von mir sagen lässt ist wirklich staunenswert, aber ich hoffe ihm ein guter Ratgeber zu sein und ich zweifle keinan Moment, dass dieser Untersuchungsausschuss ihn politisch zu einer internationalen Persönlich- keit machen wird. Viele Grüsse Ihr Getreuer Julius Trier.- DR. IULIUS TRIER Charlootenburg, 12. November, 1919. Knesebeckstr.73/II b.Heiden-Heimer. Meine liebe Frau Dr., zunächst sage ich Ihnenmeinen aller herzlichsten Glückwunsch zu der Ernennung Ihres Mannes zum Professor. Ich weiss, es hat ihn sehr gefreut, und Sie nehmen so sehr an seinem inneren Erleben mit Teil, dass dieser Tag auch Ihnen ein Festtag war. Meinen letzten Brief v. 26.10. haben Sie ja auch erhalten, aber wie mir mein Diener berichtet hat, war durch ein Versehn das Schriebn erst in die Hände meines Freundes Rosenstein gelangt. Wie ich das erfuhr, war ich ganz bestürzt, denn solche Ver- wechslungen können unter Umständen sehr unangenehm sein. Zum Glück habe ich von jedem Brief, den ich absende, eine Copie in meinen Acten und so konnte ich mich sofort überzeugen, dass in Ihrem Brief nichts drinnen stand, von dem es Ihnen unangenehm hätte sein können, wenn es mein Freund- gelesen hat. Also ein Unheil war diesmal nicht entstanden, aber ich werde in Zukunft vorsichtiger sein und diese Lehre mir für alle Zeiten merken. Das nächste Mal könnte sie teurer werden. Nun zu etwas anderem. In den Zeitungen und in den letzten Tagen auch in der Frankfurte Zeitung wird Ihr Mann sehr stark wegen des Untersu- chungsausschusses angegriffen. Sie lesen ja die Artike' und wie ich Sie kenne, regen Sie sich enorm auf, vorallem wohl aus dem Gefühl der Sorge mannes für das Wohlergehn und die Sicherheit Ihres heraus. Zunächst möchte ich sagen, dass Angriffe auf Personen besonders, wenn sie Persönlichkeiten sind, die im öffentlichen Leben stehn, eine Selbstverständlichkeit sind und noch schneller vergessen werden als gedruckt. Die Tatsache der An- griffe an und für sich wäre also ganz gleichgültig und bedürfte somit kaum der Erwähnung. Es ist aber nicht zu verkennen, dass die Heftigkeit der Attacke eine aussergewöhnliche ist und sich, darauf ist vielleicht am meisten Gewicht zu legen, links gerrichtete Zeitungen wie z.B. die 2.) DR. JULIUS TRIER Frankfurter daran beteiligen.(die Frankft. ist nach meiner An- sicht, wie Sie ja wissen ein ganz erbärmliches, karakterloses Schmutz- blatt, von dem angefeindet zu werden, fast besserist, wie ihren Beifall zu finden.) Gerade, was die Frankfurter anführt ist rein sachlich ge- nommen objectiv unrichtig. Wenn Sie den Verhandlungen an Hand ihrer Be- folgen, richte bekommen Sie ein ganz verzerrtes Bild von den Vorgängen. Aber trotz alle, dem verblüfft den Aussemstehenden das Gemeinsame. Ich musste lachen ich als bei dieser Gelegenheit an den sehr witzigen Ausspruches eines Ber liners neulich dachte, der behauptete, das deutsche Volk werde sich in allen Parteien von ganz rechts bis zu den Kommunisten einigen auf der Basis des Antisemitismus. Und sicher ist auch das ein teilweises gemeinsames Ziel der verschiedenen Anrempelungen. Aber der Antisemitsmus ist nur zum allergeringsten Teil die Ursache, sondern er wird nur### als Deckmantel benutzt. Gegen die Frau Pfülf, die auch dem Ausschuss angehört, gelesen werden Sie noch keine Bemerkumgen art haben auch nicht gegen Schücking; beide haben den Mund noch nicht aufgetan, ihre politische Unfähigkeit und somit Ungedährlichkeit steht ausser jedem Zweifel. Nur jemanden, von dem man etwas zu fürchten hat, widmet man seine, wenn auch negative Aufmerksamkeit. Sie sehn also das ist ein Hauptgrund der Hetze. Dazu kommt freilich noch einiges andere. Zunächst sind es kleinliche persönliche BELCUNEN Rancunen, sogenannte Flohstiche. Aber dann wirkt auch noch ein weiteres politisches Moment mit, nämlich er hat-und mit wie gutem Recht- den Götzen des deutschen Freisinns Bethmann Hollweg etwas zerzaust. Das war aber selbst einem Teil der„Genossen sehr betrüblich, da sie ja gelbst Anbeter dieser Jammer- und Heuchelpolitik waren. Wie nun die anderen Sünder, vorallem Ludendorff und Consorten in der Arena er- scheinen werden, ist die Einigkeit in diesem Punkt ohne weiteres wieder hergestellt. Sie sehn also, die Sache ist soweit ganz harmlos und alle 3. DR. JULIUS TRIER die angeführten Momente geben nicht die mindeste Veranlassung, eine Sorge oder auch nur ein Unbehagen bei Ihnen hervorzurufen. Nun will ich aber wie immer so auch in diesem Falle ganz ehrlich sein und Ihnen Klarheit ancto über das geben, was Sie als Frau ohne Fingerzeig sicher gleich in- stinctiv empfunden haben müssen, uns was Sie gewiss auch aus den Briefen Ihres Mannes herausgelesen haben werden. Er leidet nämlich unter diesen Angriffen ganz ungeheuer, oder um ganz bei der Wahrheit zu bleiben, er hat darunter gelitten, denn ich glaube die Krise ist vorüber. Zunächst fühlte er sich von Kreisen verlassen oder nicht gestützt, auf die fest bauen zu können glaubte und dann empfindet er die Tatsachen, die gegen als ihn angeführt werden, vollständig aus der Luft gegriffene Gebilde und em- pfindet die Ungerechtigkeit bitter, gerade da angegriffen zu werden, wo weiss aber eine sachliche Berechtigung nicht vorliegt. Bei alledem fühlt er nur zu it/ genau, dass der Poliker letzten Endes die Ereignisse selbst schöpft und dass er auch selbst die Widerstände wegräumen muss. Es ist so un- endlich schwer, sich immer wieder neuen Situationen anzupassen wurd Ihr Mann wird in seiner gefühlsmässigen Art der Erfassung wie selten ein Mensch von den Wellen des Erfolges getragen. Ich will damit sagen, dass im Augenblick, wo er sich Herr der Situation fühlt, in immer machtvolllerem sich Schwunge alles ringsum mit sich fortreisst, aber wenn er für Momente nicht zur Geltung bringen zu können glaubt, wie ein hilfloses Kind un- glücklich wird und Trotz und Verzweiflung in Jhm wühlen. So war sein Zu- stand in den letzten zwei drei Tagen; sie können nicht denken, wie sehr es mir an das Herz gegriffen hat. Leider, auch da will ich ganz offen sein, habe auch ich mit meinem Rat vielleicht nicht das richtige getroffen, um die Situation schnell zu entspannen, indem ich in der Sache wohl nichts falsches empfohlen oder getan habe, aber subjectiv sein empfindliches Ge- fühl nicht gehoben und innerlich gefestigt habe. Aber so sehr weh es mir tut, es ist nun nicht zu ändern. Alles was ich da geschrieben habe, ist 4.) DR. JULIUS TRIER sicher wirres und unverständliches Zeug. Aber ich vertraue, dass Ihr Auge der Liebe das Lebendige und Seiende herauslesen wird. Auch mir sind ja die Tage furchtbar nahe gegangen, da ich das kämpfen und Leiden sah und noch dazu vielleicht gerade in diesem schweren Moment nicht so gewe- sen bin, wie ich hätte sollen- das hääte die Frau wohl anders gemacht. Ich scrieb Ihne heute so ausführlich, nicht nur weil Sie ja in gewissem Sinne einen Anspruch auf meine Offenheit haben, sondern weil ich glaube, für Dinge, die durch die Erklärungen Ihnen die Bestätigung geben zu sollen, wenn Sie schon ohnehin fühlen, und damit auch zu Ihrer Ruhe beitrage. Die Sache selbst ist ja, wie ich Ihnen schon sagte an sich völlig bedeutungslos impoli- tischen wie im persönlichen Sinn, nur die Wirkungen nach Inen als Ausdruck des Gefühlslebens machen sie wichtig. Trotz allem hängt ja Ihr Mann mit jeder Faser an der Politik nicht, weil er persönlich für sich etwas da- raus erwartet im Gegenteil, sondern weil er den Beruf und damit die Pflicht in sich fühlt, hier zu retten und gerade undessentwillen wirkte die Situ- ersten ation auf Ihn. Nun aber Schuss. Wie ich das Unheil schon vor der Sitzung heraufkommen sah, so weiss ich auch, dassjetzt das Gleichgewicht wieder- hergestellt wird; bis dieser Brief in Ihre Hände kommt, haben Sie vielleicht Endlich schon wieder erfreuliche Nachrichten. Nun aber noch eines, wenn Ihr Mann demnächst Ihr Anna nach Frankfurt kommt zeigen Sie ihm bitte diesen Brief nicht. Keineswegs weil er vom Inhalt an sich nicht Kenntniss haben dürfte, aber die Seele des Mannes ist voll der Scham. Er empfindet es, amalysiert zu werden und kann Mitleid vorallem nicht ertra- von gen, es sei denn es kommt der Einen, die in ihm leben und ordnen darf. Mit bestem Gruss Ihr Juhus Trier Worms. 24. 28 Sehr geehrter Herr Professor Bruder eines sehr lieben Ingundfreundin, die wie ich heute Nacht in eines alten Frankfurter Zeitung mit tiefem schmerzlichen Bedauern las nicht mehr unter den Lebenden veilt. Nahmen Sie mein inniges herzliches Beileid auch für die Kindern des teuern Verflickenen entgegen. Unsere Lebenswegen haten uns bider nicht mehr zusammengeführt. Zulitzt sah ich Ihn liebe Schwester, direkt vor dem Kriegs. ausreich;— Wie gern möchte ich das Versäumte nachholen können. & sie sprechen, ich bin siches in einens tugentliek wäre der alte ge lontakt wieder hergestellt. wesen.— Ich bin sehr traurig, daß im so warmes gutes funes Wesen wie es Ihn liebe Louise war& nicht nicht mehr unter uns u so oft zu finden sind& is ist blide, das ich nicht von ihr reif, ob sie lange krank was.— Wenn ich zum Prustuhmans schöne sehr. sehe ich Ihr leites Utemhaus+ So viele schoire jugend stunden die ich+ so viele andere du verletten worden wach. Viele leite Grisse schicke ich Ihnen, weil ich sie der betin Schwester, nicht schickur kam Ich drucke Ihnen tulmanis vol die Hand+ wäre dankbar wenn Sie Lust hatten mir durch die Maschine, eine Erinnerung an die liebe Jugendstündin en schicken, ein Bild ihrer Krank. heit& ihres Perscheidens. In alter Grundschaft The eyetine Fanny Cohn geb. Kuhn Heidelbs „ Meine liebe Frau Sinzheimer nun wär' an mir die Reise, mich für mein langer& aumen zu entschuldigen! Kurz nach Empfang Ihrer lieben, sehr lieben, Schreibens kam uns eine traurige Nachricht aus der Heimat zu, die mich Tage lang in ihrem Baume hielt. Die älteste Schwester meiner Mutter, eine des geliebtesten Gestalten meine Jugendzeit, nicht weppudenken aus den Stückchen Bett, das mich innerlich bestimmt u. gefonnt hoch, ich still dahin gegangen. Nur, was wie ich, in so radihales Ferne lebt von den Schönplätzen seiner Vergenheit, so hänglich abscheut von allen, was auch assizialer damit zusammenhängt, nur der vielleicht kann verstehen, wie stark sie einen bei solchem Anlaß in ihre Kreise zieht... Über Ihre u ausnehmend lieben und = son phrasé- hirzuwärmenden Zeilen kommen choses wie fesaht+ etwas zu ros u. haben also noch vollste Ressuanz bei uns gefünden. Und auch jetzt, da Wirdes ich sie überfliege, stellt sich prompt die selbe Wirkung ein. Dieser Fonds von herzlichem vertrauen u. freundschaftlichen Sympathilen, der dort in Frankfurt für einen aufgestapelt „liegt – wie gut darum zu wissen! Wie ist man froh, sich dieses neuesten Besitzes immer wieder zu erinnern. Ja, nach auch im Rückblick wenn wir das Facit jener Stunden ziehen wird uns stets wieder bewusst, was sie uns schuldig geblieben sind. Genau so wie Sie es aussprechen, fühlte auch ich damals unser jäher Auseinandergehen. Und, so dank bas ich war für Ihr liebes Arrangement ich dochte mir doch gleich – nein, das muß nächstens anders sein! Nächsten, wenn ich zu Ihnen kommen darf, da inscht ich mich irgendwie ganz einspinnen in die eigenen Atmosphäre dieser traulichen Räume, mich. te ganz u. ungeteilt mit Ihnen sein. Auch den Charme Ihres Zimers muß ich dann auskosten. Und Ihre Kinder nicht nur reidvollbewundernd reine passieren lassen, werden nie im fißeren Hermen lernen+ nicht nur so wie außen uns! Was allerdings sind unstreitig eine ästhetische Freude ist! Aber die genügt mir nicht daß ich sühlenblicklich nicht in der Lage bin, die Gelegenheit wahrzunehmen u. meinen Mann gleich morgen wieder nach Frank fürst zu befterten, das tut ein diesmal ganz besonders bid. Es wird Ihnen erzählen, worum es nicht geht. Bis heute hoffte ich selbst im mich rues noch, mich vielleicht im letzten Moment auch dem Entschluß zu überrümpeln, und - Ich kann es nicht verhehlen- in erster, pa, in allerleisten Linie vor er die Aussicht auf das erschule, gute Stündchen mit Ihnen, was diesen Wunsch in mir recht erhielt. Aber -nun pa, im andermal!(Die Gründe, denen der Wunsch weichen muss, sind zu läugweilig, um sie des Weitern zu eröstern, zumal da mein Mann Sie ohnehin so bald sprechen vi wl. Sehr, sehr froh bin sie zu hören, daß Sie es gute Absichten haben in Bezug auf uns erhebte u. lnappelen die Ihnen Schonland, lieben Einzur. sie viel werden mönnen, stärkerny teilen die witteren Ihrer u. Heidelberg. Wir rechnen also mit Bestimmtheit darauf, Sie in allerwächster Zeit, u. wann immer wüst, auf ein erweiterles weetz- und bei uns zu sehen. Nichts leichter als das, da Sie auch sonst so beweglich sind u. derartige Exkussionen offenbar in Ihren Lebensplan gehören. Auch für die Abwesenheit Ihrer Herrn Gemahls, die wir letzthin als große Lücke empfanden halten vis uns dann schadlos. Mein Mauzeit sich nun ganz besonders, hiermal auch ihn anzutreffen. Über das hie u. Wann schält er sich vor, sich telephonisch mit Ihnen zu einigen. Leider wird sein Spieleaum noch bepenfter sein, als neulich. Mehr als etwa ein Stündchen gegen Abends wird wohl nicht herauskommen, vollbepacht wie diese knappen1 ½- 2 Tage heute schon für ihn sind. Als St. Hahnhast wird er von ihm weitsehend in Anspruch genommen sein, usw. Er kommt jetzt aber nicht"zum Verfügen" bin. Für heute dem nochmals tausend Dank u. alles Güte u. Geschliche Ihnen beiden- bezw. Ihnen allen: Ihre Cedises, Südler Das Tage=Buch Erscheint jeden Sonnabend ∙ Herausgeber: Stefan Großmann Ernst Kowohlt Verlag- Berlin W 35 POT Spammer STRASSE 123b. AN DER POTSPAMER BRÜCKE Telegramm-Adresse: Tagebuch Berlin- Fernsprecher: Amt Lützow 4931 Sprechstunde der Redaktion: 12—1 Uhr Gr/Sch 8. Juni 1921. BEDAKTION Frau Paula Simsheimer Frankfurt/Main Körnerwies Sehr geehrte gnädige Frau! Herr Grossmann sendet Ihnen anbei den Brief eines"Tage-Buch"- Lesers, der Sie inter- essieren wird. Mit besten Empfehlungen ergebenst i. A. Klurtze Anlage " Pinneberg, den 5.6.21 Fühltskamp 72 Wir Entschlußkranken. Sehr geehrter Herr Grossmann, Sie erwähnten einmal daß Sie es gerne schenz wenn wir Leser auch einmal unsere Meinungen zu Ihren Abhandlungen äußern. Ich las nun in Ihrem Tagebuch vom 21. Mai unter obiger Marke die Entgegnung von Frau Paula./. wozu ich folgendes bemerken möchte. Ich stimme vollkommen mit Ihrer Ansicht überein, daß Herr Am Zehnhoff sich gekost hätte bedeutend schmeller entschliessen können, denn eigentlich war in diesem Falle überhaupt garnichts zu entschliessen: Das Gericht hatte auf Todesstrafe erkannt, und vor allem, der Delanquent wünschte selber den Tod. Also zum Teufel auch hier war nichts zu entschliessen, sondern es gab nur eine Pflicht: Die Unterschrift, und für einen Namenszug braucht man beine 9 Monate, eine Zest, in der normale, Menschen lebensfähige Kinder zur Welt bringen. Als ich nun den von natuwissenschaftlichen Standpunkt aufserordentlich lehrreichen Artikel der Frau Paula, 5. meiner Frau vorgelesen hatte, da musste ich nicht lich von Herzen lachen und sagte triumphiernd zu meiner Frau: Sich da hast Du wieder einen typischen Fall von franenlogik. Denn, um alles in der Welt, welche Berührungspunkte sind eigentlich zu schon dem Dackel und dem Menschenmörder? Da Deckel erweist sich nach der Schilderung als ein sehr gut erzogenes, bebevolles Haustierchen sicher hat er aus Mangel an Hunger noch nie in mörderischer Absicht nach einer Brumenfliege geschnappt. Die Delinquent dagegen hatte – die Gründe spielen hier keine Rolle- anderen Menschen das Leben geraubt. Der Dackel lebte nach auf weichen Kissen überstandener Krisis wohlgemut weiter, verpfuscht der Verurteilte sah sein Leben mit Recht als verfürcht aner dachte auch so weit durchaus logisch, daß er sich über eventuelle seine sogenarmte Begnadigung zu lebenslänglichem Zucht. haus durchaus keine Illusionen machte(m. E. kann sich de ses tertoge“Begnadigung” nur ein Fengling freuen? Er wünschte sich daher nur den Tod, vielleicht auch, weil er von einem religiösem Gefühl(durch Vererbung) gepackt, in dem schwerstfaßligen für den Menschen, dem Tod, die Sühne für seine Verbrechen erhoffte. Die Inquisition wandte als die furchtbarche Marter die Geistesmarter an, die darin bestand, daß man das Opfer an ungestelltem Dienst nach erweckter aber nicht erfüllten Hoffnung langsam verschmachten liess. 9 Monate hat der Verurterlte in diesem Zustand verharrt, und wäre er denn am Ende noch etwa begnadigt worden, so ware mir diese Unmenschlichkeit als Pflichtlosigkeit und Tadismus erschienen. B Lüttgens Rolf