Nachlass Marie Juchacz „Sie lebten für eine bessere Welt. (Manuskript) „Frauen ihres Jahunderts" Ungedrucktes Manuskript) Vorwort. An die Frauen werden heute starke Anforderungen gestellt; alles, was sie als Hausfrauen, als Mütter, als Berufstätige tun, hat seine Bedeutung für die Allgemeinheit, für den Fortschritt oder auch Rückschritt. Ihre Alltagsarbeit wirkt weit über den Tag hinaus, mehr als gemeinhin erkannt wird; denn Frauen sind heute Staatsbürger, sind mitverantwortlich für die Allgemeinheit, für alles, was in der Öffentlichkeit geschieht. Diese Mitverantwortlichkeit, haben die Frauen leider nicht langsam und stetig lernen dürfen. Die kleine Schicht der " Vorkämpferinnen", der schon vor dem Ende des ersten Weltkrieges bewußten politischen Frauen, hatte im Sturm und Drang der Nachkriegsjahre nicht genuty Zeit, um die plötzlich mit dem Wahlrecht beschenkten Frauen in ihre neuen Aufgaben einzuführen: die Entwicklung zur Demokratie wurde 1933 von der Gewaltherrschaft des Hitlersystems unterbrochen. Die Zeit nach dem letzten verlorenen Kriege stellte uns alle, Männer wie Frauen, vor nie gekannte Aufgaben, die wir mit Eifer und Mut zu erfüllen versuchen. Es fehlt aber, besonders den Jüngeren unter uns, etwas, was das Lösen von Aufgaben, gleich welcher Art, immer erleichtert, ein Leitfaden, ein Beispiel viele Beispiele. Dabei haben wir welche; gerade unsere Partei hat einen Reichtum an Tradition, der viel zu wenig genutzt in den Truhen liegt. Ich meine das nicht im Sinne einer Restauration: jede Generation hat das Recht und die Pflicht etwas neues zu schaffen. Trotzden sollen wir, zur Erleichterung bei der Erarbeitung eines Neuen auch von dem Früheren wissen. Wir sollten die Tradition lebendig machen, den Geist empfinden, der die Sozialisten der Vergangenheit beseelte und sie zu ihren unerhörten Leistungen befähigte. Wir müssen versuchen, sie zu verstehen und von ihnen zu lernen. Besonders wir Frauen sollten es heute, in unserer Not und Bedrängnis wissen, daß vor uns mutige Frauen, bewußt und freudig und ohne Furcht um ihr Menschen- und Frauenrecht gestritten haben und damit um das unsere, um das, was wir heute an Recht und Schutz so selbstverständlich hinnehmen. In diesem Buch stellen wir einige weibliche Persönlichkeiten vor, die für die Befreiung des gesamten Frauengeschlechtes kämpften. Wenn wir uns dabei auf solche Frauen beschränken, die zugleich dem Sozialismus dienten, so füllen wir damit 2- -2eine vorhandene Lücke in der Literatur über Frauen aus. Von ihnen ist bisher nur wenig gesagt worden. Es ist auch nicht die Absicht der Herausgeberin, diese Frauen als HelKinder dinnen zu zeigen. Es waren Menschen wie" Du und ich" ihrer Zeit. Durch die wirtschaftliche und soziale Entwicklung wurden sie sich ihrer Entrechtung bewußt und in die Kämpfe ihrer Zeit hineingezogen. Sie wuchsen daran, wie Menschen immer wachsen, wenn sie sich ernsthaft eine Aufgabe stellen. Eins aber muß gesagt werden: Leicht hatten es die Frauen am Ende den 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts nicht. Zum besseren Verständnis dieser früheren Zeit sei an folgendes erinnert: In Preußen, im größten Bundesstaat des Kaiserreiches, galt bis 1908 das Vereinsgesetz von 1850. Der§ 8 dieses Gesetzes lautete " Vereine, welche bezwecken, politische Gegenstände in Versammlungen zu erörtern, dürfen keine Frauenspersonen Schüler oder Lehrlinge als Mitglieder aufnehmen." In Verbindung mit einer reichsgerichtlichen Entscheidung vom 10. November 1878, die besagte, daß alle Angelegenheiten, die Verfassung, Gesetzgebung, Verwaltung des Staates auch in sozialpolitischer Beziehung und in wirtschaftlicher Hinsicht politische Angelegenheiten seien, war es möglich, jede Vereinigung von Frauen zu verbieten. BROOK Die Teilnahme an öffentlichen Versammlungen war- nach dem Gesetz für Frauen nicht verboten. Aber die Auslegung des § 8 durch die Polizeiorgane machte den weiblichen Besuch öffentlicher Veranstaltungen so gut wie unmöglich. Von 1902 an war in Preußen der Beauch geschlossener politischer Veranstaltungen durch Frauen, dadurch geregelt, daß Frauen im " Segment" zugelassen wurden. D.h., sie mußten in einem sichtbar abgeteilten Raum sitzen( etwa durch ein Seil abgetrennt durften sich nicht an den Diskussionen beteiligen und sich nicht durch Beifallskundgebungen bemerkbar machen. Diese Lokkerung war nicht etwa der Allgemeinheit der Frauen zuliebe oder aus Einsicht geschaffen worden. Die Frauen der ostelbischen Gutsbesitzer wollten an den großen Agrarkundgebungen des Bundes der Landwirte teilnehmen und taten es auch. Da diese Tatsache als zweierlei Recht empfunden und in sozialistischen Kreisen auch angegriffen wurde, kam man auf den Ausweg, die Frauen als Zuschauer und Zuhörer zuzulassen. Nicht in allen Teilen des Reichs war man so reaktionär wie - 3- 2-3in Preußen; nur Bayern, Braunschweig und Mecklenburg teilten diesen Ruhm mit dem stärksten deutschen Bundesstaat, während das Königreich Sachsen, die Herzogtümer Sachsen- Anhalt, Sachsen- Coburg- Gotha, die Großherzogtümer Württemberg, Baden, Hessen und die Hansestädte diese einschränkenden Bestimmungen aufgehoben hatten und den Frauen eine Teilnahme an politischen Vereinen erlaubten. Mit der Zeit war eine Lockerung der einengenden Bestimmungen auch in den Ländern der Reaktion nicht aufzuhalten. Aber erst am 15. Mai 1908 trat das neue Reichsvereinsgesetz in Kraft. Mit ihm entfielen die einengenden Bestimmungen für die Frauen. Es gab den Männern und Frauen das gleiche Recht der Teilnahme am Vereinsleben; das Wahlrecht erhielten die Frauen etwas mehr als 10 Jahre später, durch die sozialdemokratischen Volksbeauftragten der Revolution vom November 1918. Dieses Buch kann nicht alle Frauen nennen, die vom vorigen Jahrhundert bis 1933 gearbeitet und gestritten haben. Es konnten nur einige typische Erscheinungen, aus der Reihe derer, die nicht mehr sind, herausgegriffen werden. Bis auf Luise Otto hat die Herausgeberin alle gekannt, die meisten persönlich, einige aus de- r Entfernung; mit anderen war sie eng in gleicher Arbeit und Anschauung, mit einigen dazu in schöner, menschlicher Freundschaft verbunden. So sei denn dieses Buch den Frauen gewidmet, die hier nicht genannt wurden. Ihnen sei damit für unermüdliche Arbeit zum besten Aller ein Denkmal gesetzt. Marie Juchacz. 4 Luise Otto ( 1819-1895) Luise Otto wuchs auf in der Zeit des" Vormärz", der Zeit in der das Bürgertum um politische Freiheit rang und vom absoluten Königtum zurück= gehalten wurde in angeblich althergebrachter und" gottgewollter" Ab= hängigkeit. Mitbestimmungsrecht im Staat, Gewerbe- Herstellungs und Han= delsfreiheit waren die Ziele des gebildeten und gewerblich aufstreben= den Mittelstandes. Geistes- und Bürgerfreiheit, die Teilnahme am Staats= leben einschlossen, waren die Ideale, für die die studierende Jugend sich in heimlichen Zusammenkünften begeisterte und für die sie verhaf= tet und eingekerkert wurde, wie Fritz Reuter. Damals wurde in vielen bürgerlichen Familien die geistige Atmosphä= re freier, die frische Luft der deutschen Frühromantik war jetzt bis dorthin gedrungen und vor den Ohren aufhorchender Frauen wurden Gedan= ken laut, die man bis dahin immer als reine Männersache betrachtet hat= te. So auch im Elternhause von Luise Otto. Der Vater war Gerichtsdirek= tor in Meissen. Er entstammte einer sächsischen Patrizierfamilie und hat= te sich seine Frau aus Künstlerkreisen geholt. Mit Interesse nahm Exer an den politischen Strömungen seiner Zeit teil, las Frau und Töchtern das. die wichtigen xx aus der Zeitung vor und liess sie so Leben ihrer Tage, xк din öffentlichen Problemem kennen lernen. Die Mutter, schön= geistig, künstlerisch interessiert, gab ihrer Tochter Luise Wertvolles mit auf den Lebensweg. Das war eine gute Ergänzung zu der auch in die= sen Kreisen noch recht armseligen Mädchenbildung. Berichte als Luise Otto herangewachsen war, erlebte sie das Erwachen des Industrieproletariats Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre. Im An= fang ahnte niemand, dass die im bürgerlichen Lager auftauchende Frauen= frage von jener Seite her neueImpulse bekommen würde. Die soziologischen Probleme der zunehmenden Industrialisierung Deutschlands nahmen zunächst die Aufmerksamkeit aller, der Sozialisten und ihrer Gegner in Anspruch. Luise war kein Proletarierkind, die Zeitprobleme interessierten sie nicht aus perlicher Not. Aber sie war empfindsam und empfänglich, und sie war durch Erziehung noch teilnehmender an ihrer Zeit und ihrer Umge= bung geworden, als sie es ohnehin du ch Anlage war. Ricarda Huch, die große, Meisterin der Darstellung allen Zeitgeschehens, schreibt von Luise Otto, sie sei eine liebliche Erscheinung gewesen und dabei die einzige Frau, die in der 48er Revolution selbständig hervortrat. Die Mutter habe Luise, ihrer jüngsten Tochter ihr künstlerisches Temperament vererbt; wenn auch keine starke, künstlerische Produktionsfähigkeit, so doch die Wärme des Empfindens, den Sinn und die Empfänglichkeit für alles Schöne. Ihrem Lebensgefühl nach sei Luise Otto bestimmt eine Dichterin gewesen. 5 JA 2) Dass die Atmosphäre des elterlichen Hauses auf die empfängliche See= le des heranwachsenden Mädchens stark gewirkt haben müsse, sei schon an der zwölfjährigen zu merken gewesen. Doch den ersten, ihr bewusst werdenden sozialen Eindruck scheine die Einundzwanzigjährige erhal= ten zu haben, als sie im sächsischen Erzgebirge den ihr bis dahin unbekannt gebliebenen Gegensatz zwischen den reichen Fabrikanten und den armen Spinnern und Klöpplerinnen erlebte. Äusserlich soll Luise Otto einen zarten und schüchternen Eindruck gemacht haben. Umso stärker wirkte es, wie sie sich" mit merkwürdig 1) klarem Blick" für die Abhilfe der von ihr erkannten Mißstände ein= setzte. Dann wirkte sie furchtlos und sicher. Von dem Druck der im Erzgebirge gemachten Erfahrungen suchte sie Befreiung im Schreiben: es entstand der Roman" gloss und Fabrik". Sie schilderte darin ihre das Buchde von der Zensur Erlebnisse ohne konventiielle Rücksichten EX verboten. In einer Audienz beim sächsischen Kultusminister bewirk= te sie aber die Freigabe, wenn auch mit einigen Streichungen. Die" Vaterlandsblätter", redigiert von Robert Blum, dem unter Exx Bruch der Verfassung im Herbst 1848 in Wien erschossenen Freiheits= kämpfer, warfen im Jahre 1844 die Frage auf:" haben Frauen ein Recht zur Teilnahme an den Interessen des Staates?" Luise Otto gab die Antwort in einem enthusiastischen Artikel. Die Teilnahme am Staat sei nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht der Frauen. Die Begeisterung, mit der Luise Otto von Robert Blum und seinem Freun= deskreis aufgenommen wurde, hat auf sie zurück gewirkt. Davon zeugen ihre" Lieder eines deutschen Mädchens", die" echt, aufrichtig, und mit heiligem Ernst" den Geist der Zeit) wiederspiegeln. Später hat man sie" die Lerche des Vorfrühlings" genannt, im Hinblick auf die= se Lieder, zunächst aber dachte man noch nicht an poetische Verklä= rung der Kämpfer; denn die Forderungen des Tages waren zu nüchtern und zu schwer. Der gesellschaftliche Strukturwandel zwang immer mehr Frauen in die gewerbliche Lohnarbeit hinein; und wenn man auch sagen kann, dass es gerade diese Arbeit war, die dat die Frauen aufrüttelte und ihrer Kraft und ihrer Rechte bewußt machte, so brachte sie doch viel Leid und Kummer über sie. Die aufrüttelung der weiblichen Welt wäre kaum so nachhaltig und klärend gewesen und hätte nicht so stark die Arbei= terbewegung beeinflusst, wenn nicht Wissenschaftler und geistige Pio= niere wie Karl Marx und Friedrich Engels die Frauenerwerbsarbeit als gesellschaftlichen Faktor gewürdigt hätten. Erst die wissenschaftlich begründete Erkenntnis wurde Allgemeingut und ein Mittel, die Kette der Vorurteile, die die Frauen band, Glied um Glied zu lösen. Luise Otto erkannte die Hindernisse, die den Frauen in ihren Be= 6 3) mühungen, einen Arbeitsplatz und damit eine Existenzmöglichkeit zu fin= den, entgegenstanden. Sie wußte, dass die Frauenerwerbsarbeit eine zwangsläufige Begleiterscheinung des neuen Zeitalters war, auch wenn selbst Proletarier das Eindringen der Frauen in die Betriebe und in das Handwerk als Konkurrenz empfanden. Sfx war es ja auch, aber gerade deshalb mussten Männer und Frauen zusammenstehen, um das Ausgenutztwer= den der Frauen zu verhindern. Nur mussten die Proletarier und ihre Frauen den geschichtlichen Vorgang, den sie erlebten, erst begreifen lernen. Luise Otto setzte sich in der Zeitschrift" Typographia", die sich zur Arbeiterzeitschrift entwickelte, nachdrücklich dafür ein, die damalige Zeitforderung nach Organisation der Arbeit auch für Frauen zu erfüllen. Sie sagte den Arbeitern deutlich, wie sie die Dinge sah. Ausser" Schloss und Fabrik" hat Luise Otto noch zwei andere Romane herausgebracht. 1) B 1) Beide atmetem den gleichen Geist." Wenn die Zeiten gewaltsam laut werden, so kann es nicht fehlen, dass auch die Frauen ihre Stimme vernehmen und ihr gehorchen"- das war ihre Schlussfolge= rung aus der revolutionären Stimmung von 1848. Humanität, Menschen= rechte, Selbsrverwaltung des Volkes waren damals populäre Begriffe. Manche Frauen empfanden den Wunsch, am öffentlichen Leben teilzuneh= men. Sie besuchten die Kammerverhandlungen als Zuhörer, sie verschlan= gen die damals reichlich erscheinende, politische Lyrik- an der Luise stark beteiligt war und von der sie einen sichtbareb Einfluss auf die Frauen erwartete. Sie entwickelte in einem, von Robert Blum herausge= gebenen" Vorwärts- Volkstaschenbuch auf das Jahr 1847" unter dem Titel " die Teilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben" ein Programm der Frauenbewegung. Darin verlangt sie, dass dafür gesorgt werden solle, dass die erwachten Frauen nicht wieder gleichgültig würden. Das will sie durch eine bessere weibliche Erziehung und umfassendere Bildung erreichen:" Die Erziehung und Bildung der Frauen steht mit anseren staatlichen Verhältnissen in Widerspruch. Die Frauen sollten zur wirt= schaftlichen Selbständigkeit befähigt werden, sie sollten es nicht notwendig haben, sich durch eine Versorgungsehe zu entwürdigen."-- Luise Otto war ein mutiger Mensch. Wie sie der Öffentlichkeit und den Arbeitern ihre Ansichten mitteilte, so trat sie auch den Behörfen gegenüber unerschrocken auf: das sächsische Ministerium Oberländer ge= rief eine Kommission ein, die über Gewerbe- und Arbeitsverhältnisse ge= hört werden sollte. Sie erhielt von Luise die" Adresse eines deut= schen Mädchens" in der u.a. vermehrte und verbesserte Arbeitsgelegenhe für Frauen verlangt wurde. Sie wies auf die sittlichen Gefahren hin, die für die Arbeiterinnen bei zu geringer Entlohnung entstehen müß= ten. Sie sagte den Bemühungen der Kommission einen Mißerfolg voraus wenn die Frauen nicht in die Organisation einbezogen würden. 1 7 45) 1849 gab Luise Otto eine Zeitschrift unter dem Motto heraus" Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen". Schon 1852 mußte das Erscheinen diese r Zeitschrift eingestellt werden. Eine neue Re= aktion setzte ein, der Kampf um Freiheit, Bürger- und Menschenrechte war bis auf weiteres unterdrückt. Still wurde es auch für lange Zeit um die Frauenbewegung. Mit 17 Jahren hatte Luise beide Eltern verloren. Seitdem war sie nicht mehr frei von materieller Sorge, und ihre Schriftstellerei war nicht nur eine ideelle Pflicht für sie, es war auch ihre Exi= stenzgrundlage. Durch ihre mutigen Schriften war sie mit revolutio= nären Kämpfern wie Robert Blum und vielen anderen in Verbindung ge= kommen, die sie stützten. Bezeichnend für die damalige Zeit ist es, dass sie ihre Beiträge mit einem Männernamen zeichnen mußte, so we= nig war es üblich, dass sich Frauen über Zeitfragen öffentlich äus= serten. Sie sei eine geborene Journalistin, sagten die Freunde von ihr. Mit diesen Freunden musste sie auch den Zusammenbruch ihrer Freiheitshoffnungen erleben: die Reaktion übte an den Freiheits= kämpfern härteste Vergeltung, viele kamen ins Zuchthaus, Robert Blum wurde standrechtlich erschossen. Als die Revolution 1848 ausbrach stand Luise Otto in Brief= wechsel mit einem jungen, bildungshungrigen Arbeiter, Er führte während der Kämpfe eine Freischar von Dresden nach Rastatt, wurde gefangen genommen und sollte erschossen werden. Sein leidender Zu= stand rettete ihn davor, aber nicht vor 7 Jahren Zuchthaus, die sei= ne Gesundheit untergruben. Die hahe Todesgefahr und die folgende Leidenszeit knüpften Luise unauflöslich an den Freund, den sie nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus heiratete. Sechs Jahre Eheglück waren ihnen vergönnt, die sie in gemeinsamer Arbeit verbrachten: August Peters gab in Leipzig ein demokratisches Blatt heraus und Luise war seine Mitarbeiterin. Die Sorge für Mann und Kinder zehrte an Luises Kraft; denn trotz aller Mühen waren die Einnahmen gering und die Existenz der Familie völlig ungesichert. Schon nach 6jähri= ger Ehe starb August Peters und Luise Otto- Peters, wie sie sich nach ihrer Verheiratung nannte, stand im Lebenskampf wieder allein. Trotz dem begegnen wir wieder in dem Augenblick, wo die Frauenbewegung zu neuem Leben erwacht. Aber wir müssen erkennen, dass sie inzwisch eine Wandlung durchgemacht hat. Sie vertrat jetzt die Auffassung, dass eine Frauenbewegung nicht in Programm einer Partei aufgehen fe. Noch immer sah sie es als ihre Aufgabe an," im Dienste der Hur nität und des Sozialismus" zu wirken. X** XXX************* Ihre Pionierarbeit für die Arbeiterinnen endete mit dem Jah 5) *** 2.1865 finden wir sie mit Auguste Schmidt und Henriette Gold= schmidt bei der Gründung des" Allgemeinen deutschen Frauenvereins". Das geschah in Leipzig, wo man auch" Unterhaltungsabende für Frau= en der ärmeren Volksschichten" eingerichtet hatte; man wollte ihnen Kulturwerte vermitteln, sie für wichtige praktische und sittliche Fragen interessieren. Man suchte von oben her zu helfen, aber was man nicht versand, war das Denken und Fühlen der Arbeiterinnen. Die freien Gewerkschaften und die Sozialdemokratie lehrten die Frauen vom" Frauenverein" bald, dass die" Befreiung der Arbeiter" nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann te. Das entsprach dem Fühlen und Denken der Arbeiterinnen mehr, als dix herablassende Fürsorge. Die Arbeiterinnenbewegung fand Halt und Stütze in den Gewerkschaften und in der SPD, Luise Otto- Peters aber in der Frau= enbewegung, die ihren eigenen Bildungsansprüchen mit zunehmendem Alter mehr entsprach. Ihre Liebe und ihr Verständnis aber galt auch weiterhin den Arbeiterinnen, das zeigt uns ihr Interesse an der Lage der Arbeiterin auch in späterer Zeit. Emma -9Ihrer. ( 1857 1911) Im Jahre 1881, mit 24 Jahren, kam Emma I hrer aus Glatz in Schlesien nach Berlin, voll Bildungshunger und Tatendrang. Sie erwarb sich bald in der Arbeit das Vertrauen von Männern und Frauen, die eine neue Zeit herbeizuführen sich bemühten. Es heißt von ihr, der ersten Führerin der freigewerkschaftlichen Arbeiterinnen, im Internationalen Handwörterbuch des genoß das persönliGewerkschaftswesens:" Emma Ihrer in einem, bei dessen zuche Vertrauen von Carl Legien rpckhaltender Natur, seltenem Maße und übte dadurch auf die deutsche Gewerkschaftbewegung großen Einfluss aus, der ebenso auf ihrer Klugheit wie auf ihrem Fifer für die gewerkschaftliche Sache und auf der Wärme ihres ganzen Wesens beruhte. Zur Zeit als das Sozialistengesetz galt( Verbot jeder sozia listischen Betätigung) bedeutete die gewerkschaftliche Arbeit eine Weltanschauung. Die Sozialisten jener Jahre nahmen Kampf und gefahr genau so auf sich, wie die Sozialisten von heute in Ost- Berlin, die ihrer Freiheit, ja ihres Lebens keinen Augenblick sicher sind: für jeden, der Sozialist war und danach lebte, waren damals Gefängnis, Ausweisung und Arbeitslosigkeit an jedem Tag möglich. Emma Ihrer wußte und erlebte das, und trotzdem stand sie von Anfang an in Berlin mitten in der sozialistischen Bewegung. Gleich im ersten Jahr beteiligte sie sich an der Gründung eines Frauenvereins, der allerdings noch stark die Zeichen dilettierender Versuche aufwies. Zwei áhrliche Frankfurter Demokratinnen hatten statistisches Material über krasse Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft veröffentlicht, Aufrufe erlassen und Versammlungen veranstaltet. Es kam in Berlin zur Gründung des" Frauen- Hilfsvereins für Handarbeiterinnen", Emma Ihrer gehörte zum Vorstand. In dem Namen des Vereins drückte es sich schon aus, daß man keine Fabrikarbeiterinnen aufnehmen wollte. Die Meinung, auch wohlwollender Menschen, war damals vielfach noch, daß Frauenarbeit in der Fabrik eigentlich verboten werden müßte. Die Arbeit unter den schlechtesten Arbeitsbedingungen, die nur denkbar sind, zog nicht die Elite der Arbeiterinnen an sondern die, denen nicht snderes übrig blieb, denen andere Möglichkeiten verschlossen waren, gingen in die Fabrik. Die Verhältnisse dort wirkten auch nicht gerade veredelnd auf die Arbeiter<-10 Arbeiterinnen ein. <-10Für die Versammlungen des Vereins bemühte man sich um Schulräume, um den Mitgliedern zu ersparen den Besuch öfentlicher Lokale zu ersparen. Aber: Für solche Frauenzimmer sind die Räume nicht da", sagte der menschenfreundliche Schulrat, der dieselben Räume für" Damenveranstaltungen" wohl hergab. Der Frauen- Hilfeverein versprach seinen Mitgliedern viel, mehr, als man für so geringe Beiträge und bei kleiner Mitgliederzahl halten konnte: so beschloss man die Aufnahme außerordentlicher Mitglieder mit einem höheren Jahresbeitrag. Dadurch aber waren die Mitglieder von vorn herein in zwei verschiedene Schichten geteilt, und die Abbeiterinnen wurden mißtrauisch: der Verein roch ihnen nach Wohltätigkeit. Als der Verein gescheitert war, blieb als Gewinn ein Häuflein unentwegter Frauen, die bei den verschiedenen kleinen vergeblichen Versuchen etwas gelernt hatten, und die hellhörig geworden waren für die Zeichen der Zeit. In der kritischen Emma I h rer hatte sich schon ein Bild eines zukünftigen Vereins geformt, in dem die Arbeiterinnen, auch die aus der Fabrik, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen würden. Ein Zwischen spiel gab Emma Ihrer und ihrem Kreis Gelegenheit zahlenmäßig stärkere Frauenschichten wach zurütteln. 1883 nämlich hielt der" Deutsche Kulturband" öffentliche Versammlungen ab mit dem Thema" Wie kann man die Sittlichkeit der Arbeiterinnen heben?" Da haben nun die eben erwähnten Frauen diese Versammlungen geschickt benützt, um von den Hungerlöhnen der Arbeiterinnen als Ursache der Prostitution- zu sprechen. Sie geißelten dabei schonungslos das Verhalten mancher Arbeitgeber, die sich nicht scheuten, die wirtschaftliche Notlage ihrer Arbeiterinnen noch besonders auszunützen. Sie zogen die Schlußfolgerung, daß die Arbeiterinnen durch organisierte Selbsthilfe ihre Situation verbessern müßten. Erst wenn Frauen wirtschaftlich auf eigenen Füßen stünden, könnten sie auch verlangen, vor dem Besetz als selbständige Menschen anerkannt zu werden.- Es war das erste Mal, daß bekannte Persönlichkeiten der verschiedenen Parteirichtungen in aller Öffentlichkeit über ein solches Thema sachlich und ernsthaft diskutierten. Die Besucherinnen aus den arbeitenden Kreisen waren aufgerüttelt. Durch die Initiative von Emma Ihrer trat 1885 der" Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen" ins Leben. Der Anfang war vielversprechend und in kurzer Zeit stieg der 11 -11Aufkläder Verein auf mehrere tausend Mitglieder. Sein Programm war realistischer als das seines gescheiterten Vorgängers, man spürt den starken Einfluß gewerkschaftlicher Gedankengänge. De verlangt: Hebung der geistigen und materiellen Interessen der Mitglieder, Besserung der Lohnverhältnisse, gegenseitige Unterstützung bei Lohnstreitigkeiten, rung durch fachgewerbliche und wissenschaftliche Vorträge, Gründung einer Bibliothek, Pflege der Kollegialität durch gesellige Zusammenkünfte, Errichtung eines Arbeitsnachweises. Bald entstanden Zweigbereine in anderen größeren Städten. Wurde die wachsende Bewegung dem Staat gefährlich? Das Fallbeil des preußischen Vereinsgesetzes sauste herunter, der Verein wurde am 1. Mai 1886 aufgelöst, die leitenden Frauen unter Anklage gestellt und bestraft. Nichts an dem Verein war politisch gewesen. Wodurch waren die Frauen so staatsgefährlich? Sie ahtten mit einigen einsichtigen Arbeitgebern gute Vereinbarungen über Löhne getroffen; sie strebten saubere Werkstätten an, mit Waschvorrichtungen und anderen Verbesserungen der Hygiene, und sie hatten darin auch einiges erreicht. Sie wollten Schutz vor Schmutz, Staub und gewerblichen Giften und vor Unfallgefahren. Deshalb forderten sie eine gewerbliche Fabrikinspektion, an der die Arbeiterinnen beteiligt sein sollten. Man wünschte auch den Schutz schulpflichtiger Kinder vor Ausbeutung. Man bemühte sich in einer Petition, zu Gunsten der Heimarbeiterinnen einen geplanten Garnzoll zu hintertreiben. Dies und vieles andere taten und wünschten die Frauen. Inzwischen waren die Gewerkschaften trotz des Ausnahmegesetzes- neu erstarkt. 1889 fand in Paris ein internationaler Arbeiterkongress statt, zu dem die Berliner Arbeiter Emma Ihrer abordneten. Das war der Kongreß, der auch die Arbeitsruhe am 1. Mai beschlossen hat. Es wurde ein großes Erlebnis für Emma Ihrer, und sie kam mit neuem Mut zu ihren Genossinnen zurück. Sie machte den Vorschlag, die Frauen versuchsweise, wenn auch in losesser Form wieder zu organisieren. Es geschah, aber nach kurzer Zeit war auch diese Organisation wieder aufgelöst. Schließlich gründete sie eine Zeitschrift" Die Arbeiterin", die ab 1891 öglicht durch. I Veranda and we wurde es zweckmäßig: die des " Die Arbeiterin" in Stuttgart herzustellen, wo unter der tatkräftigen und opferwilligen Leitung des Verlegers <-12 J.H.W. Dietz <-12-> schon mehrere sozialdemokratische Zeitschriften herausgegeben wurden. Emma Ihrer, die ja durch ihre Ehe an Berlin gebunden war, arbeitete weiter an der Zeitschrift mit, die von nun an den Namen" Gleichheit" erhielt. Die Redaktion übernahm Klara Zetkin. Wenn von gewerkschaftlicher Seite der große Anteil gewürdigt wird, den Emma Ihrer am Aufbau der Gewerkschaften hatte, so ist esnicht weniger Pflicht auch für die Sozialdemokratie festzustellen, wie großm ihr Anteil an der Emanzipation des weiblichen Geschlechtes ist, und wieviel gerade sie zur Erweckung der proletarischen Frau beigetragen hat. Die Art, in der Emma Ihrer wirkte, diente sowohl dem gewerkschaftlichen Kampf, als auch dem politischen Bewußtsein, daß nach der Erfüllung durch die politische Gleichberechtigung verlangte. Emma Ihrer starb mit 54 Jahren, am 8. Januar 1911. Sie hat es nach erlebt, daß das rückständige Vereinsrecht, das ihr so viel zu schaffen gemacht hatte, durch das Reichsgesetz von 1908 abgelöst wurde. Der Krieg blieb ihr erspart. Wir können nicht alles aufzählen, woran sie maßgebend mitgewirkt hat. Aber der schöne Satz, der auf ihrem Grabstein steht, sagt alles über sie: " Zu wirken für andere, war ihres Lebens ergiebigster Quell". Literatur: Ferner: Emma I hrer, Die Arbeiterin im Klassenkampf, Verlag der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Hamburg 1898. Die Frauenfrage im Lichte des Sozialismus, herausgegeb. von Anna B 1 o B Bloẞ, Verlag Kaden& Co., Dresden 1930. Paul Bar the 1, Handbuch der Deutschen Gewerkschaftskongresse 1890- 1915, Verlag Kaden& Co., Dresden 1916. 9 Paul Um breit 25 Jahre Deutscher Gewerkschaftsbewegung, Erinnerungschrift zum 25 jährigen Jubiläum der Begründung der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Berlin 1915. Karl Z wing, Geschichte der Deutschen Gewerkschaften, Jena 1922. -13Pauline Staegemann. ( 1838-1909) 9 Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kam ein junges LandSchuck nach Bermädchen aus dem Oderbruch, Pauline lin, um Arbeit zu suchen. Schon damals gab es so etwas wie eine Landflucht, und die Mark gab der Hauptstadt viele gute Kräfte, Jungen und auch Mädchen, die der Unfreiheit und sozialen Ungerechtigkeit auf dem Lande entfliehen wollten und mutig eigene Wege suchten. Was aber konnte ein junges Arbeitermädchen anfangen in der großen Stadt Berlin, die damals noch soviel kleiner war als Viel Ausheute und doch schon viel Not und Kämpfe kannte. wahl gab es nicht, und Pauline ging in einen Haushalt, als Dienstmädchen, wie es damals hieß. Wir wissen nichts von ihren Erlebnissen, von ihren Hoffnungen, Erfolgen und Enttäuschungen, von den Freuden und Leiden, die ihr wohl kaum erspart geblieben sind. Wir wissen erst wieder von ijr als Mutter: sie war die Frau des Maurers Staegemann geworden, war eine resolute, aufstrebende, fleißige aber auch aufrechte Frau, bemüht ihren 4 Kindern eine frohe Kindheit zu geben, den beiden Söhnen eine gute Schulbildung möglich zu machen. Maurer, wie alle Bauhandwerker, verdienen wohl zu Zeiten relativ gut, sind aber immer von der Jahreszeit abhängig und werden von Wirtschaftskrisen am ehesten betroffen. Deshalb richtete Pauline 3 taegemann einen Gemüsekeller in der Landsberger Allee ein und machte so das Einkommen der Familie krisenfester und unabhängiger. Pauline war energisch und hatte Fantasie. Die Lage des Ladens in dem Teil Berlins, in dem Staegemanns zu Hause waren, nämlich eine Arbeiterwohngegend, war der Vertrautheit mit der ständigen anwachsenden Arbeiterbewegung günstig. Der Gemüsekaller der Staegemanns wurde Treffpunkt für die Funktionäre der näheren Umgebung. Paulines Vorsorge erwies sich leider nur zu bald als gerechtfertigt. Maurerpolier Staegemann starb früh, und Pauline blieb die Sorge für die Erziehung und Entwicklung ihrer Kinder. Das allein wäre schon eine volle Aufgabe gewesen, aber sie begnügte sich damit nicht. Ihr Interesse an der Arbeiterbewegung war nun einmal geweckt, und sie dah, wie notig gerade die Lohnarbeiterinnen ihrer Gegend eine tatkräftige Hilfe brauchten. Ihr ganz besonderes Interesse galt den Heimarbeiterinnen, den Wäsche- und Mäntelnäherinnen. -14- 400 14- Schon 1873 also 12 Jahre vor Emma Ihrer's Arbeiterinnenverein trat ein Arbeiter- Frauen- und Mädchenverein ins Leben, und Pauline Staegemann wurde seine Vorsitzende Nicht ganz 5 Jahre, bis 1877, hat der Verein bestanden, ehe er dem berüchtigten§ 8 des preußischen Vereinsgesetzes zum Opfer fiel. In diesen 5 Jahren hatte der Verein immerhin Zeit gehabt, sozialistische Tendenzen zu verbreiten und gewerkschaftliche Vorstellungen zu wecken. Mit Pauline Staegemann arbeiteter daran Frau Cantius, Frau Hahn, Frau Grundemann and Johanna Schackow, die später bei Inkrafttreten des Sozialistengesetzes zusammen mit ihrem Mann aus Deutschland ausgewiesen wurde. Für diese Frauen hatte es mit der Auflösung des Vereins nicht etwas sein Bewenden. Sie wurden strafrechtlich zur Verantwortung gezogen und nach dem Grade ihrer Verantwortlichkeit bestraft. Im Urteil hieß es, daß nicht zu bezweifeln sei, daß der Verin die Tendenz befolgt habe, durch die Frauen auf die Männer und auf die Kindererziehung sozialistischen Einfluß auszuüben. Die Vorsitzenden Staegemann und Cantius hatten es außerdem gewagt, eine öffentliche Versammlung einzuberufen, in der sie gegen die unchristliche Härte eines Geistlichen am Grabe eines Selbstmörders Protest erhoben hatten. Ob die Das verschärfte ihre Strafe, die sie beide im Frauengefängnis in der Barnimstraße abzusitzen hatten. In dieser Zeit, in der Pauline. Staegemann um ihrer Überzeugung willen ins Gefängnis gehen mußte, mag sie ihr Gewissen geprüft haben, und sie muß zu dem Schluß gekommen sein, daß sie recht gehandelt habe. Nachdem 1881 auch der kurzlebige Frauen- Hilfsverein für Handarbeiterinnen" gescheitert war, fanden sich eine Anzahl von Frauen mit sozialistischer Überzeugung und mit Erfahrungen auf dem Gebiet der Frauenerwerbsarbeit zusammen- nicht in einem Verein. Sie kannten sich und fanden Mittel and Wege der persönlichen Verständigung über ihre Beobachtungen und Meinungen, das Zeitgeschehen betreffend. Außer den Genossinnen Staegemann und Cantius, Emma Ihrer, Margarete Wengels, Frau v. Hofstetten, Martha Rohrlack- Tietz gehörten zu diesem Kreis auch Johanna Jagert, die später nach London ging, um einem politischen Prozess auszuweichen. Ihr Leben, bezw. einen Teil deselben, hat Otto Erich Hartleben in einer seiner Komödien verarbeitet, die ihren Namen als Titel trägt. -15 - 15- All diesen Frauen begegnen wir immer wieder im politischen Kampf; sei es, daß sie wie Margarethe Wengels höhere Funktionen im Parteileben übernahmen, sei es, daß sie wie Martha Rohrlack- Tietz Monate im Gefängnis zubringen mußten oder späetr, nach 1900, auf den Frauen- Konferenzen die Sache der namenlosen Frauen vertraten, sie alle waren, wie Pauline Staegemann selbst, Kämpferinnen für den Glauben an den Sieg der sozialan Gerechtigkeit. In den 80iger Jahren war die Zusammenarbeit der Unermüdlichen und unerschrockenen Frauen ein stilles, viel zu unbekanntes Heldentum. Immer wieder hatten sie Polizeischikannen standzuhalten oder der moralischen und handgreiflichen Gegnerschaft der reaktionären Kreise. Dem Hofprdiger Stöcker hatten sie esbesonders angetan, und es war nach einer Versammlung, in der er vergeblich um die Frauen zu werben versucht hatte, daß seine antisemitischen Anhänger den Frauen auf dem Heimweg aus dem Hintergrund einen Steinhagel folgen ließen. Als 1886 der neue Arbeiterinnenverein aufgelöst wurde, bestrafte man Pauline Staegemann härter als die anderen, weil sie wegen desselben Delikts schon einmal bestraft war. Sie war rückfällig geworden, wie es in der Gerichtssprache heißt. Ebenso wie bei der Mehrzahl der anderen Frauen haben bei Pauline Staegemann die leidenschaftliche Liebe zur Idee und die Hingabe an die Bewegung keinen Augenblick unter den Verfolgungen gelitten. Sie begann nur mit der Zeit, sich anzupassen: Da die Polizei die Frauen, die an der Arbeiterbewegung teilnahmen und deren Versammlungen besuchten immer von neuem aufs Korn nahmen, zog sie sich einen Anzug ihres ältesten Sohnes an. Sie blieb mit dieser Verkleidung nicht allein, manche Genossin machte es ihr nach und gewiß nicht aus Sensationslust. Gere Ein Zweig von Paulines sich immer breiter ausdehnenden Arbeit war die Organisation der Heimarbeiterinnen. Bei dieser Arbeit wirkte sie eine zeitlang mit Abnes Wabnitz eng zusammen, deren herbes Naturell sie oft durch ihre 1884 harmonische Art ausgleichen konnte. Agnes Wabnitz hatte selber alle Not und Sorgen der Heimarbeiterinnen kennengelernt. Sie stammte aus einer ehemals wohlhabenden bürgerlichen Familie Oberschlesiens und hatte eine gute Schulbildung genossen, die ihr aber später, als sie mit ihrer Familie in wirtschaftliche Not kam, wenig nützte. Nach der Übersiedlung nach Berlin versuchte Agnes mit Arbeit an der Nähmae <-16-> 15Nähmaschine sowohl ihre Mutter als auch die Familie ihres Bruders zu ernähren. Sie war, zusammen mit Pauline Staegemann, die treibende Kraft bei der Gründung eines Vereins der Mäntelnäherinnen. Beide waren sie auch beteiligt am Werden eines Arbeiterinnen- Vereins" Berlin- Nord" eines Zweigthe vereins des Berliner Vereins zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen. Die Entfernungen in Berlin waren zu groß, als daß ein Zentralverein interessierten Frauen hätte erfassen können. Bei den Vereinsmitgliedern und den Genossen war Agnes Wabnitz beliebt; sie konnte packend und überzeugend reden, wußte viel und lernte hinzu, was sie nicht wußte sie hätte eine ganz besonders wertvolle führende genossin sein können. Aber ihr empfindliches Temperament ließ sie die Folgen des Kampfes, die Gefängnistrafen, so schwer empfinden, daß sie seelisch und körperlich stärker darunter litt als andere. Ihre Nerven waren der polizeilichen Schikene der Bismarckzeit nicht gewchsen. In der Nervenabteilung der Charité machte sie einen vergeblichen Selbstmordversuch, und als nach ihrer Freilassung die behördlichen Verfolgungen nicht aufhörten, versagte ihre Kraft and sie machte ihrem Leben auf dem Friedhof der Märzgefallenen ein Ende. Ihr Grab wurde vollständig mit Blumen zugedeckt von den Tausenden, die ihr das letzte Geleit geben. Und lange noch legten die Berliner Arbeiter alljährlich, wenn man am 18. März- der Pauline Staegemanns Geburtstag war- der Märzgefallenen gedachte und ihre Gräber schmückte, auch Agnes Wabnitz Blumen aufs Grab. a 9 Pauline Staegemann's ungeheure, stets gleichbleibende Aktivität und ihr Interesse an allen Fragen des Sozialismus brachte sie in Verbindung mit vielen Berliner Arbeiterführern der damaligen Zeit. Bei allen war sie geschätzt und geachtet, um ihrer Leistungen willen und auch, weil ihre Art mit Menschen umzugehen ihr Vertrauen und Freundschaft gewann. Sie schloß sich leicht auf, das war ein Glück für sie selbst und für die Arbeit, die sie zu leisten sich vorgesetzt hatte, Zwar ist von ihren 4 Kindern nur ihre Tochter Elfriede, ihr drittes Kind, ihr auf dem politischen Weg gefolgt, trotzdem hat das Familienleben nicht unter ihrer politischen Arbeit gelitten. Das zeigen auch die Worte ihres Enkels:" Der Urquell ihrer Tätigkeit war soziales Mitempfinden, und sie hat ohne die heute üblichen, damals noch fehlenden Schulungsmöglichkeiten ihre Arbeit geleistet. <-17-> <- 17Es kam ihr zugute, daß sie durch die akademische Ausbildung ihrer beiden Söhne, auch in ihrer Bildung über ihre Dorfschulkenntnisse hinauswuchs:...... und ein Studienkollege ihres ältesten Sohnes, schrieb diesem 1909 bei ihrem Tode: " Sie war Dir und Deinen Geschwistern eine treue Mutter. Dann steht sie vor mir als die große Idealistin, die unter den reichsten persönlichen Opfern auf ihre Weise zu einer Zeit für die Befreiung der Frau eintrat, als nur wenige daran dachten. Jetzt, wo die Frauenemanzipation in aller Munde ist, und immer mehr Verständnis findet, ist es leicht dafür zu wirken. Aber in der ersten Zeit, mit ihrem Starm and Drang gehörte Mut dazu. Trotzdem ihre und meine Auffassungen auseinander gingen, habe ich sie, die schlichte und doch so gedankenreiche Frau, bewundert.... Sie ist eine von denen, deren Leben nicht vergeblich war. Und das ist wohl das Beste, was man von einem Menschen sagen kann. Literatur: Emma Ihrer" Die Arbeiterin im Klassenkampf, Hamburg 1898. Ottilie Bader" Ein Steiniger Weg" Verlag I.H.W. Dietz, Nachf., Berlin 1921. Anno BloB" Die Frauenfrage im Licht des Kaden& Co., Dresden 1930. Sozialismus" Handbuch der Frauenbewegung, Helene Lange/ Gertrud Bäumer. Berlin 1901, Band I u.UI. Aufzeichnungen des Enkels Erich Rynek, Berlin.. -18Gertrud Guilleaume Schack. ( gest. 1903 in London) Es war zu Anfang nicht meine Absicht in diese Reihe sozialistischer Frauengestalten auch Gertrud Guilleaume S cha ck aufzunehmen aber auf den Spuren unserer Vorkämpferinnen im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts stieß ich immer wieder auf das Wirken dieser warmherzigen, klugen und tapferen Frau. Ihre Wirksamkeit innerhalb der sozialdemokratischen Frauenbewegung war kurz. Sie konnte nicht länger sein, weil ihre persönlichen Lebensumstände nicht erlaubten, in ihrem Geburtslande zu bleiben, denn sie verlor durch Eheschließung ihre Staatsangehörigkeit. Wir wissen nicht, in welchem Jahr die Tochter des schlesischen Grafen Schack geboren wurde und auch nichts über ihre Kindheit und Jugend. Wir wissen nur, daß sie auf einer Reise einen Schweizer Künstler kennengelernt und geheiratet hatte und mit ihm nach Paris ging. durch den GeistIn Paris war Gertrud Guilleaume S chack lichen Fallot auf das französische System der" ReglementieSie emrung der Prostitution" aufmerksam gemacht worden, pfand es mit ihm als ein großes menschliches Unrecht, daß die Frauen, die sich, sei es aus Not, sei es aus irgendwelchen immer menschlich tragischen Gründen prostituierten, Gesundheitsunter eine polizeiliche/ Kontrolle gestellt wurden. Ja, daß man sie vielfach kasernierte, während allen Menschen selbstverständlich war, daß die Männer sich ohne polizeiliche KonDiese gesetzliche Regetrolle der Prostitution bedienten. lung hatte von je her und in allen Ländern den Zweck, die Bevölkerung vor Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten zu schützen, nur wurde dieser Zweck auf die Weise niemals and nirwelche Vergends erreicht. Einseitig angewandte Kontrolle achtung des kontrollierten Teils spricht sich darin aus- kann garnichts ausrichten und zeigt nur eine aufreizenden Un gerechtigkeit. Doch müssen wir hier darauf verzichten, das Problem in aller Tiefe darzulegen, eine Andeutung aber war nötig, um das Leben und wirken der G.S. Schack stehen. zu verSie wurde in Paris nicht nur auf das System der Reglementierung aufmerksam, sondern sie erfuhr auch von den Bestrebungeh, die in England gemacht wurden, um diese schmachvollen Zustände zu ändern. Mrs. Josephine Butler, die Gattin eines englischen Geistlichen, war die erste Frau der Welt, die die ses schwärzeste Kapitel menschlich- gesellschaftlicher Ent -19Entwicklung zu einer Frauenfrage von höchster Wichtigkeit gemacht hat. Sie nannte später ihre Lebenserinnerungen: Zur Geschichte eines großen Kreuzzuges". Und sie hat wirklich ein echtes Martyrium durchgemacht. Aber sie setzte sich durch und ihr tapferer Einsatz, ihre dateren lautere, starke und dabei sehr weibliche Persönlichkeit haben England vor den reglementierenden Gesetzen bewahrt, die für das übrige Europa ein schmutziger Schandfleck waren. Mrs. Butler versuchte es, den 1875 gegründeten" Britischen kontinentalen und allgemeinen Bund zur Bekämpfung des staatlich konzessionierten Lasters" auf die europäischen Länder zu übertragen. Sie hatte Erfolg in Italien, der Schweiz, Dänemark, Schweden, Holland und Belgien, wo bald Zweigstellen entstanden. In Deutschland versuchte Frau Lina Morgenstern anlässlich des Frankfurter Frauentages 1876 eine Zweigstelle zu gründen, aber der Vorstand des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins meinte: " Daß er seine Entwicklung auf anderen Gebieten nicht durch die Aufnahme dieser Sittlichkeitsbewegung gefährden dürfe; mit Rücksicht auf seine Mitglieder, und nach Lage der Dinge überhaupt" Man überliess es in Deutschland also weiter den Kreisen der " Innseren Mission" sich von der seelsorgerischen Seite her um gefallene Mädchen zu kümmern. Es geschah nichts von dem Standpunkt aus, der sich gegen die doppelte Moral richtete, die Mrs. Butler angriff. 1880 nahm G.G. S c h a c k die in Frankfurt 1876 gescheiterte Arbeit auf. Sie gründete die Organisation" Deutscher Kulturbund". Eine Bewegung dieser Art ins Leben zu rufen, wenn die öffentliche Meinung noch so wenig darauf vorbereitet ist, braucht Zeit. Es gelang ihr von Beuthen aus, das als Zentrale gedacht war, und von wo aus sie ihre Vortragsreisen in verschiedene Städte antrat, Zweigstellen einzurichten. Aber es blieb zunächst überall noch recht still. Nur in Berlin ging es lebendiger zu, wo sie 1883 eine größere Anzahl von Versammlungen mit Aussprache abhielt. Die Berliner Arbeiterinnen waren besser vorbereitet als die Frauen in der Provinz, nicht zuletzt durch Bebel's epochemachendes Buch" Die Frau und der Sozialismus", das 1878 erschienen war und von den Berliner Arbeiterinnen eifrigst geben wurde, wie wir von Ottilie Bader wissen. Die Erfahrungen, die Gertrud Guilleaume in den Berliner Versammlungen machte, die neuen Erkenntnisse, die sie in der Diskussion mit den Arbeiterinnen gewann, -20führten sie zum Sozialismus. 1882 stand sie in Darmstadt vor Gericht. Folgendes war der Grund: In einer Versammlung sprach Gertrud Giulleaume über die ihr am Herzen liegende Frage der Prostitution. Ihr Auftreten war immer maß- und taktvoll, aber die Dinge, die sie zu erwähnen hatte, waren schmutzig. Sie hatte in der fraglichen Versammlung erzählt, daß sie nach einer Unterhaltung mit einem Polizei- Präsidenten nunmehr folgern müssen, daß es in das Belieben der Bolizei gestellt sei, ein- Hädchen einen" Beweis" als genügend oder ungenügend anzusehen, ob ein Mädchen aus der Sittenkontrolle entlassen werden könne oder nicht. Daraufhin war die Versammlung polizeilich geschlossen worden, man hatte bei Gertrud Giulleaume eine Haussuchung vorgenommen und hatte sie angeklagt. Der Prozess endete mit einem Freispruch, war aber in seinem Verlauf eine beträchtliche Nervenprobe. Der Staatsanwalt hatte übrigens in seinem Plädoyer festgestellt:....... man sah Sitte, Anstand und öffentliche Moral mit Füßen getreten....", aber er meinte ....", nicht die Ursache sondern den Anlass des Prozesses. 6 Im März 1883 brachte der" Deutsche Kulturbund", als Ergebnis zweier Versammlungen, eine Petition an den Reichstag, die eine sehr ausführliche Charakterisierung der bestehenden strafrechtlichen Bestimmungen, die Reglementierung der Prostitution betreffend, und ihre Anwendung war. Sie schloß mit der Bitte, die Reglementierung abzuschaffen, denn sie widerstreite jedem göttlichen Gebot und menschlichem Gesetz. Die Petition verweist auch auf die Ungerechtigkeit, daß die Sittenpolizei angewiesen wurde, ein scharfes Auge auf den" ärmeren Teil der weiblichen Bevölkerung" zu haben, und daß sich selbst ein zu Unrecht verdächtigtes Mädchen nur durch eine negativ ausfallende ärztliche Untersuchung von dem Verdacht der Prostitution reinigen könne, auch dann, wenn die Eltern für ihr Kind einstünden. Der Verdacht, daß der " Deutsche Kulturband" mit den Sozialisten Hand in Hand gehe, wurde bei der Polizei immer stärker, aber erst 1885 bekannte sich Gertrud Guilleaume offen zur Sozialdemokratie. Mit ihr tat es Frau Marie Hofmann, die ebenfalls dem gebildeten Bürgertum angehörte und stellevertretende Vorsitzende im" Deutschen Kulturband" war. Beide Frauen drängten zu einem vereinsmäßigen Zusammenschluß der Arbeiterinneni in der Form und Tendenz schwebte ihnen der alte, von der Polizei 1877 auf . -81aufgelöste Arbeiter- Frauen- und Mädchenverein vor, unter Anwendung der inzwischen erworbenen Erfahrungen. Beide Frauen waren davon überzeugt, daß, wenn erst die Lohnarbeit der Frauen besser organisiert sei und eine soziale Gesetzgebung ihre moralische geschaffen, die allgemeine Lage der Frau Widerstandskraft und auch ihre kulturelle Entwicklung bessern würden; mit anderen Worten, daß das Sein das Bewußtsein bestimmen würde. sich In günstiger Stimmung wurde der" Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen" gegründet( siehe auch Pauline Staegemann und Emma Ihrer). Man hätte Gertrud Guilleaume gern als Vorsitzende gewählt, aber man mußte einsehen, daß es nicht möglich war, da sie ja schweizerische Staatsangehörige war und der Polizei zu wohlbekannt. So wollte man sie zur Ehrenpräsidentin machen, aber das widerstrebte ihr; sie diente dem Verein als Mitglied mit ihrer ganzen Kraft und Hingabe, solange oder vielmehr so kurz der Verein lebte. Wieder waren die Arbeiterinnen ohne Mittelpunkt. Sie fanden ihn in einer notdürftigen, illegalen Zuflucht, der 1884 entstandenen" Zentral- Kranken- und Sterbekasse für Frauen und Mädchen", die in Offenbach ihren Sitz hatte und viele Zweigstellen unterhielt, so auch in Berlin. Mit Hilfe dieser Organisation war es für Gertrud Guilleaume möglich, eine Zeitschrift" Die Staatsbürgerin" herauszugeben, als Bindeglied and Informationsorgan. Es war die erste Zeitung der Arbeiterinnen, und sie wird als Vorläuferin der" Gleichheit" bezeichEs erschienen 24 Nummern dieser Zeitung, dann im Juni 1886- wird der Name der Zeitung gelöscht. Nachdem Gertrud Guilleaume jede Möglichkeit eines fruchtbaren Wirkens in Deutschland genommen war, und nachdem die Polizei endlich Gelegenheit fand, sie als lästige Ausländerin auszuweisen, ging sie nach England, wo sie 1903 starb. Ihr Haus dort soll eine Zufluchtsstätte für Waisen gewesen sein. net Ihr Wirken in Deutschland war zu Ende, aber ihr Wesen und ihre Bahnbrechende Arbeit auf einem Gebiet, das bis dahin in Deutschland noch keiner in Angriff genommen hatte, blieben lebendig. Literatur: August Bebel, Die Frau u.d.Sozialismus, Verlag Dietz Nachf., Berlin Ottilie Bader, Ein steiniger Weg, Berlin 1921. Anno Bloẞ, Die Frauenfrage im Licht des Sozialisa mus, Dresden 1930. Agnes von Zahn- Harnack, Die Frauenbewegung, GeSchichte, Probleme, Ziele, Berlin 1928. Hilde Lion, Zur Soziologie der Frauenbewegung, Berlin 1928 Handbuch d.Frauenbewegung, Berlin 1901. -22Minna Kautsky ( 1837-1912) auffi Sie war die Mutter von Karl Kautsky, dem wissenschaftlichen Veteranen der internationalen, sozialistischen Arbeiterbewegung, Interpreten der Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels, Verfasser vieler Bücher und Schriften die die Büchereien der deutschen und vieler ausländischer Universitäten nicht verzichten können. Sie war es, die dem Sohne von ihren guten Gaben mitgab, was für seine Lebensleistung wichtig werden sollte, die Intelligenz, das Einfühlungsvermögen, dazu Aufgeschlossenheit, Fleiß und Ausdauer. Minna Kautsky geb. Jaich stammte aus Gratz in der Steiermark. Sie war das älteste von sieben Kindern eines Kunstmalers, der dringende materielle Sorgen hatte. 1845 bekam der Vater eine Anstellung als Bühnendekorationsmaler am Deutschen Landes theater in Prag. Hier erlebte das phantasiebegabte, temperamentvolle Kind, die 48er Revolution. Sie war schon als genug, um die Barrikaden in Erinnerung zu behalten, die in der Nähe des Elternhauses errichtet worden waren, und auf denen sie zunächst mit anderen Kindern gespielt hatte, über die sie hinweggeklettert war, wenn sie Milch holen ging. Doch dann war es blutiger Ernst geworden, die Barrikaden wurden verteidigt und erobert, und von den Höhen der Festung herab hatte der Fürst Windischgrätz Wohnviertel in Brand schießen lassen. Mutter und Kinder saßen im Keller, Angst im Herzen um den Vater, der in der Bugerwehr kämpfte. Elf Jahre war Minna damals, und um diese Zeit erhielt sie den ersten geregelten Unterricht in einer zweiklassigen Volksschule. Diese zwei Jahre waren alles, was sie an Schulunterricht genoß. Der Vater bemühte sich zwar, ihre Wissenslücken etwas auszufüllen, aber Arbeit und die bei der großen Familie nie endenden materiellen Sorgen ließen nicht viel daraus werden; seine Eignung zum Lehrer war wohl auch nicht sehr groß. Die Lücken in ihrer Bildung hat Minna später schmerzöich empfungen. In janen Kinder- und Jungmädchenjahren mag die bewegte Welt des Theaters sie so ausgefüllt und angeregt haben, daß sie keinen Mangel fühlte. Ihre Phantasia fand auf der Bühne reiche Nahrung, und Talent und Neigung führten sie zur darstellenden Kunst. Zugleich sah sie auch, frühreif, wie sie gewesen sein muß, daß die Familie eine wirtschaftliche Entlastung nötig hatte, und so stand sie schon mit vierzehn Jahren auf der Bühne. Ihr Debut war eine Knabenrolle, sie ernetete Beifall und bekam ein Engagements am Niclas- Theater in Prag, das als hoffnungsvolle Vorschule für junge Künstler galt. Mit sechzehn Jahren wurde Minna die Frau des Landschaftsmalers Johann Kautsky. Auch er gehörte nicht zu den wenigen, die aus ihrer Kunst Gold münzen; Minna blieb in der ihr von Kind auf bekannten Misere. Sie blieb auch bei der Bühne, aber nicht nur aus Not; sie liebte ihren Beruf und blieb aus innerem Drang bei der geliebten Kunst. Ihr nächstes Engagement führte sie als jugendliche Liebhaberin nach Olmütz, wo sie nicht nur neue Rollen zu lernen, sondern auch das Nahen des kleinen Karl solange wie möglich zu verbergen hatte, da eine sichtbare Schwangerschaft sich schlecht mit ihrem Rollenfach vertrug. Sie meisterte aber beides. Nach der Geburt beanspruchte dieser Sohn, der einmal für uns so wichtig werden sollte, viel Sorgfalt und Pflege von der Mutter, die deshalb ein gutes Engagement in dem so weit entfernten Hamburg ausschlagen mußte. Kurz darauf kam ein Angebot ans Prager Landes- Theater, und die junge Familie siedelte wieder nache Prag über. Minna Kautsky's Leben war voll ausgefüllt: Ehe, Beruf und Mutterschaft, schon nach fünfzehn Monaten ein zweites Kind, ein Mädchen und nach weiteren zwei Jahren wieder ein Sohn. Das war für den jungen, zwanzigjährigen Frauenkörper zu viel, Minna Kautsky wurde krank, ein Lungenleiden hatte sie bellen. Als erstes mußte sie natürlich mit der Bühnenarbeit aufhören, dafür ging ihr Mann von dem ungewissen Beruf des freien Künstlers in den etwas konstanteren, wenn auch kümmerlichen des Bühnenmalers über, wie seinerzeit ihr Vater. Aber auch sein Verdienst reichte allein nicht aus, und nach einiger Zeit begann Minna eider wieder zu spielen. Sie übte für das tragische Fachzum Erstaunen ihrer Kinder und sie lernte tschechisch, um dauernd in Prag bleiben zu können; denn fern von ihrer Familie verging sie vor Heimweh. Sie spielte in diesen Jahren das Gretchen im Faust, die Jungfrau von Orleans, die Porzia im Kaufmann von Venedig, die Thekla im Wallenstein und Maria Stuart. Lange allerdings hielt ihr von der Lungenkrankheit noch geschwächter Körper diese Beanspruchung nicht aus vierundzwanzig Jahren mußte sie ihre Bühnenlaufbahn endgültig aufgeben. sehr mit Es war ein Glück, daß ihr Mann sich inzwischen durchgesetzt -24hatte und ihr in Wien Ruhe und Erholung bieten konnte. Das war sehr nötig, es dauerte Jahre, bis sie die Krankheit überwunden hatte. Ihr starker Lebenswille und ihr Wissensdrang halfen ihrem Körper; ihr reger Geist sprornte sie an, im Wetteifer mit ihren Söhnen zu lernen, die Wissenslücken aufzufüllen. Sie arbeitete geschichtliche und philosophische Werke durch und stieß dabei auf Stuart Mill, der sie zum gründlichen Studium der Frauenfrage anregte. Ihr ungewöhnlich scharfer Verstand half ihr bei der Verarbeitung des schwierigen geistigen Stoffes. Es war ein besonderes Glück, daß ihre Zeit geistigen Werdens mit derselben Periode ihres ältesten Sohnes Karl zusammenfiel. Ihm schloß sie sich besonders innig an, zusammen mit dem ernsten Jüngling drang auch sie in die politischen Probleme des Lebens ihrer Zeit ein. Es war eine bewegte Zeit in Paris brach der KommuneAusstand aus, der sozialistische Funke zündete in allen Ländern, in denen sich der Kapitalismus entwickelt hatte, man las Marx, Engels, Lassalle und andere Schriften. Damals erscheen schon eine kleine sozialdemokratische Zeitung in Wien, die auch ihren Weg zu Kautsky's fand. Der Sohn ging zur Uni versität, die Mutter lernte mit in der ihr eigenen, sehr weib lichen Weise. Die Teinahme am Geistesleben ihrer Zeit, die Kameradschaft mit ihrem Sohn ließen sie ihre Krankheit fast vergessen. Sie fühlte stark das Glück des Daseins und wurde sich i mer mehr bewußt, welche Sicherheit es dem Menschen geben kann, wenn er das Leben von geistiger Warte aus zu betrachten lernt. Ein Aufenthalt in den Alpen in jener Zeit vollendete ihre Heilung. Mit der wiedergewonnenen Gesundheit erwachte such der künstlerische Schaffensdrang wieder. Aber er hatte eine neue Form gefunden, Minna Kautsky begann zu schreiben. Karl- bie= Wilhelm Liebknecht interessierte sich für ihre erste größere schriftliche Arbeit" Ein Proletarierkind". Er erkannte ihr starkes Erzähler talent und forderte sie zur ständigen Mitarbeit auf. Damals se redigierte er die" Beue Welt", die literarische Aufsätze, Novellen und Erzählungen brachte. Im Sommer 1879 war Minna Kautsky in dem kleinen, damals noch unbekannten Gebirgsort Hallstadt im Salzkammergut. In diesem weltabgeschiednen Winkel fand sie- o Wunder- freiheitliche Ideen, in religiöser, politischer und sozialer Hinsicht, die von dem Bauern- Philosphen Konrad Deubler, einem Freunde Feuerbach's in die Arbeiterschaft getragen worden waren. Die Arbeiter von Hallstadt waren intelligent; ihre Arbeit -25war gefährlich und stellte hohe Anforderungen. Deubler, der schon vier Jahre Kerkerhaft wegen politischer Betätigung hinter sich hatte, war der geistige Nährvater der aufgeschlossenen, politisch wachen Arbeiter. Aus dem Zusammensein mit ihm und dem Erlebnis seines Wirkens entstand Minnas sehr anschauliche Arbeit über" Die Staatsarbeiter und die Hausindustrie im Salzkammergut". Den Gestalten, die sie dort kennenlernte, begegnen wir immer wieder in ihren Erzählungen. 1881 erschien ihr Roman" Stefan vom Grillenhof", zunächst in Fortsetzungen in der" Neuen Welt". Er enthielt eine realistische Schilderung der Greuel des Krieges von 1866. 1882 kommt ein zweibändiger Roman heraus" Herrschen oder Dienen", dessen Kern die Frauenfrage ist. In dem Roman" Die Alten und die Neuen", der 1884 erschien, lässt sie die Menschen aus dem Salzkammergut noch einmal aufleben. Zu diesen Romanen kommen noch eine große Reihe von kleineren Novellen und Erzählungen. 1896 hatte Minna den großen Schmerz um den Verlust ihres Lebensgefährten. Von da ab lebte sie ganz bei und mit ihren Kindern. Die jüngeren Söhne führten das große, bekannt gewordene Atelier und Unternehmen des Vaters weiter und vergrößerten es noch. Ihre eigene Arbeit wurde durch Ehrenpflichten vermehrt, wie den Posten einer Präsidentin des Künstlerinnen und Schriftstellerinnen- Vereins. Trotz dieser doppelten Bindung und ihrer langjährigen Zugehörigkeit zu Wien zog es sie nach Berlin, wo sie in der Nähe ihres Sohnes Karl und seiner vielen Freunde aus den Kreisen des deutschen und internationalen Sozialismus das bewegte Geistelleben fand, das ihrem Wesen entsprach. In Berlin schrieb sie, rückschauend auf das liebgewordene Wien, den Roman " Im Vaterahuse". Das Leben in der Welt der Kunst, aber auch der reaktionäre Geist der Donaustadt, das Gift des Antisemitismus sind in diesem Buch eingefangen. In den sozialistischen Blättern Österreichs und Deutschlands konnte man in jenen Jahren oft auf die volkstümlichen Erzählungen der Kautsky stoßen, in denen sie das Leben, Fühlen und Denken der kleinbürgerlichen Schichten und des emporstrebenden Proletariats schildert. Immer wieder aber versuchte sich Minna Kautsky auch mit der dramatischen Kunst. Ein Lustspile von ihr," Sie schützt sich selbst", wurde im Volkstheater in Wien aufgeführt und preisgekrönt. Bis zum Abschluss ihres reichen Lebens wurde diese Frau -26niemals von ihrer großen Freude am Schaffen und Gestalten verlassen. Sie war bis zu ihrem Tode von einem Kranz von Freunden, von Kindern, Enkeln und Urenkeln umgeben. Sie mußte bei Lebzeiten manchen lieben Freund hergeben, so s.B. auch Natalie Liebknecht und Julie Bebel. Sie selber wurde von Alter nicht geschreckt. Der Reichtum ihres Lebens gestattete ihr immer wieder eine Erneuerung, die sie beglükkend fühlte. Aus diesem Reichtum ihres Inneren hat sie geschöpft, um dem Proletariat von damals und besonders seinen Frauen davon abzugeben und selber beim Geben immer reicher zu werden. " Sprich, wie Du Dich immer und Immer erneust?" Kannst's auch, wenn Du immer am Großen Dich freust. Das Große bleibt frisch, erwärmend, belebend; im Kleinlichen fröstelt das Kleinliche bebend. J.W.Goethe Literatur: Aufsätze in" Neue Welt"," Neue Zeit" und " Vorwärts" aus den Jahren 1907 bis 1912. Clara Zetkin. ( 1857- 1937) Sozialdemokratischer Parteitag, abgehalten 1892 zu Berlin. Es ist die Jahrestagung der Partei nach dem Fall des Sozialistengesetzes. Eine Frau unter den Delegierten fällt auf durch ihr Temperament, aber auch durch die Klaugheit dessen, was sie sagt." Wer ist das?"" Klara Zetkin"." Aha- die Arbeiterin und die Frauenfrage der Gegenwart!" Dies ist die Broschüre, mit der Clara Zetkin seit 1889 in weiten Kreisen der Arbeiterbewegung bekannt geworden ist. Die Teilnehmer an internationalen Kongressen allerdings kennen sie nicht nur durch die Lektüre dieser grundlegenden Schrift, sie haben sie auch ebenfalls 1889- beim internationalen Arbeiterkongreß in Paris gesehen, wo sie ein Referat über die Frage der Frauenarbeit gehalten hat, das zu dem Beschluß führte: " Der Kongreß erklärt, daß es die Pflicht der Arbeiter ist, die Arbeiterinnen als gleichberechtigt in ihre Riehen aufzunbbmen and fordert prinzipiell glithhe Löhne für die gleiche Arbeit für die Arbeiter beiderlei Geschlechts und ohne Unterschied der Nationalität Klara Eisner( so war ihr Mädchenname) wurde am 5. Juli 1857 in Widerau in Sachsen geboren. Das industrielle Sachsen war ein klassisches Land für den Fortschritt und für den Sozialismus aber auch ein bedeutendes Versuchsfeld für die allgemeine Frauenbewegung. Der" Allgemeine Deutsche Frauenverein" war 1865 in Leipzig gegründet worden. Zu den Gründerinnen gehörte neben Luise Otto auch die Lehrerin Auguste Schmidt, die es nicht versäumte, das Interesse ihrer Schülerinnen auf die modernen Zeitströmungen hinzulenken. Zu diesen Schülerinnen gehörte auch Clara Eisner, die sich in dem von Auguste Schmidt geleiteten Steybergschen Lehrerinnen- Seminar zu Leipzig auf das Lehrerinnenexamen vorbereitete. Wir gehen sicher neiht fehl in der Annahme, daß auch ihr von Auguste Schmidt weit mehr als nur ein gutes Allgemein- und Berufswissen vermittelt wurde. Jedenfalls hat Clara des Unterrichts immer in großer Dankbarkeit gedacht, trotzdem sie mit der bürgerlichen Frauenbewegung immer in bitterer Fehde lebte. Sie hat es nicht versäumt, sogar den Namen ihrer Lehrerin in ihren Aufzeichnungen für das Reichstags- Handbuch zu erwähnen. So traten Frauenfragen frühzeitig in das Blickfeld des jungen Mädchens. Ihr glühendes Temperament und ihre Freuheitsliebe trieben sie zum Sozialismus, der- seine=*== # sehungskraft- auf- sis== usübte= Wer- vondiesem Geist und Temperament und dazu jung konnte sich in den 80er Jahren in Deutschland wohlfühlen? Clara, die wie alle Sozialisten unter dem Druck des Sozialistengesetzes litt, ging nach Paris, nachdem sie Ossip Zetkin, einen russischen Revolutionär geheiratet hatte. In Paris führte sie das typische Emigrantenleben mit vielen geistigen Anregungen und ebenso vielen materiellen Entbehrungen; sie studierte an der Sorbonne, bekam zwei Söhne und verlor sehr bald ihren Mann, der infolge dieser und wohl auch schon früherer Entbehrungen an Tuberkulose litt und starb. Als 1890 das Sozialistengesetz fiel, kam Clara Zetkin nach Deutschland zurück und liess sich in Stuttgart nieder. Auf dem Parteitag von 1892 in Berlin war sie nun zum ersten Mal Delegierte. Sie war gewählt von der Parteiorganisation Mannheim- Weinheim und von den Frauen Württembergs. Hier begann ihre ausserordentliche Laufbahn in der SPD, aus deren Entwicklungsjahren sie, trotz allem was später war, nicht wegzudenken ist. Ja, diese Frau ging bewußt und mit dem Willen, mitzuschaffen, aber auch Einfluß auszuüben, ihren Weg durch die Zeitgeschichte. Es ist unsere Pflicht, diesem Lebensweg nachzugehen und das festzuhalten, was darin für die Entwicklung der Sozialistischen Frauenbewegung wichtig war and was im angen Zusammenhang damit für diese starke Frauenpersönlichkeit charakteristisch gewesen ist. Ihr Aufstieg -28 in der deutschen Sozialdemokratie war einem Meteor gleich. Nach 1892 hat es keinen sozialdemokratischen Parteitag, keinen internationalen Sozialistenkongress, keine Sezail sozialdemokratische Frauenkonferenz mehr gegeben ohne die Tätigkeit Clara Zetkins, bis zum letzten Parteitag vor Ausbruch des Weltkrieges, der 1913 stattfand. Auf keiner dieser Tagungen versäumten sie es, mehrfach das Wort zu nehmen, wenn sie nicht, wie auf den Frauenkonferenzen die Leitung hatte und ein wichtiges Referat hielt. Ihre Tätigkeit als Redakteurin der" Gleichheit", des von Emma Ihrer unter dem Titel" Die Arbeiterin" gegründeten Frauenblattes, die sie von 1892 bis 1916 ausübte, machte es ihr möglich, ihren reichen Geist zu entfalten. Aber sie konnte auch weithin hörbar manches sagen, wozu sie ohne dieses Frauenblatt nicht die Gelegenheit gefunden hätte, obwohl sich der begabten Schriftstellerin leichter als manchem anderen die Parteizeitungen und Zeitschriften öffneten. Ihre 1895 erfolgte Wahl in die Kontrollkommission der Partei verstärknoch te sehen ihre schon gefestigte Stellung. Neben dem darin ausgesprochnen Vertrauen hatte sie nun eine noch engere Fühlung mit den Parteiorganen und noch mehr Informationsmöglichkeiten. Wichtiger aber war es, daß derselbe Parteitag einstimmig den Antrag annahm, daß der nächste Parteitag den Punkt Frauenagitation behandeln solle. Als Referent wurde Clara Zetkin bestimmt. Frauenagitation, was hieß das? Was Clara daraus machte 1 Sie warf die ganze Problematik der Frauenfrage auf: Geschichtliches, Soziologisches, ökonomisches, alles, was an sozialen Schäden da war und dem Proletariat und seinen Frauen zu schaffen machte. So faßte Clara ihre Aufgabe auf, und so hielt sie dann auch am 16. Oktober 1896 auf dem Parteitag zu Gotha ihr großes Referat, das, als Broschüre herausgebracht, ein Stück geistiges Fundament für die Frauenbewegung geworden ist.# Hier in diesem Referat, und in der Folge auf allen Frauenkonferenzen und Parteitagen, in der" Gleichheit" und wo immer sich die Gelegenheit bot, zog Clara die Linie gegen die bürgerliche Frauenbewegung. Natürlich nicht ganz ohne Widerspruch, aber dem autoritären Geist und der scharfen Dialektik von Clara Zetkin war so leicht niemand gewachsen. Auch wo sie sich gegen die Popularisierungswünsche für die" Gleichheit" wehren mußte. Viele Genoss- innen sagten uns, daß sie die Leitartikel der" Gleichheit" garnicht erst zu lesen ver versuchten, sie seien ihnen zu hoch. Aber sehr viele andere lasen gerade die politisch interessanten und wichtigen Leitartikel mit großer Freude. Die Frage der Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung zog sich wie ein roter Faden durch die Geschichte unserer sozialistischen Frauenarbeit hindurch. Immer wieder gab es ernsthafte, erwägenswerte Gelegenheiten zur Teilnahme an Kongressen, Besprechungen oder ähnlichen Gelegenheiten, aber Clara Zetkins Ablehnung stand dem entgegen, und die Mehrzahl der aktiven Genossinnen stand hinter ihr. Es gab natürlich auch Opposition, aber Clara war stärker. Die Frage der Nichtbeteiligung an Veranstaltungen bürgerlicher Verbände führte gelegentlich zu kleinen Auseinandersetzungen auf den Parteitagen, wo auch männliche Genossen diese Absperrung nicht guthießen. Clara antwortete dann, in der" Gleichheit" und berief sich dabei auf Emma Ihrer und ihre Broschüre" Die Arbeiterin im Klassenkampf". Der Initiative und zähen Energie der Clara Zetkin verdanken wir es, daß die sozialistischen Frauen internationale Beziehungen anknüpften und pflegten. Ihr großes historisches Wissen, ihre Kenntnis der sozialen Zusammenhänge, nicht zuletzt ihre reichen Sprachkenntnisse befähigten sie, daß, was auf den internationalen Konferenzen bearbeitet und beschlossen wurde auch durchzuführen. Als sich in Stuttgart( 1907) das Internationale Frauen- Komitee konstituierte, wurde Clara zur internationalen Sekretärin und die" Gleichheit" zur Zentrale der Internationalen Frauenorganisation bestimmt. In Kopenhagen( 1910) beschloss die Internationale Konferenz durch Zetkin's Anregung den Interantionalen Frauentag. Durch das Wachstum der internationalen sozialistischen Frauenarbeit bekam die" Gleichheit" wachsenden Bedeutung. Ihre Auflage wuchs ständig, sie wurde auch im Ausland gelesen und sehr beachtet. Wurde Clara Zetkin geliebt? Diese Frage ist nicht mit einem sich glatten Ja zu beantworten. Vielleicht, wenn nicht ihre Intelligenz und menschliche Klugheit zu jener menschlich reifen Weisheit gesteigert hätten, die über den Dingen steht und die gütig ist. Die andere kluge Menschen neben sich erträgt, sie toleriert, zu verstehen sucht und sie fördert; vielleicht, wenn sie Andere, Ebenbürtige wenn auch Andersartige auf der gleichen Ebene hätte gelten lassen, sich gegebenenfalls in die Aufgabe mit ihnen geteilt hätte- vielleicht! Aber von -30dieser Art war Clara nicht, ihrem Temperament nach mußte sie herrschen. Der Hang zum Herrschen und die eben gezeichnete Weisheit aber schließen einander aus. Bei der sachlich sehr engen Busammenarbeit der Genossen kam es, auch wenn sie die Frauenrechte bejahten, leicht zu Spannungen besonders mit einer Frau wie Clara Zetkin. Die Kampf und Abwehrstellung, die sich bei den Debatten auf beiden Seiten bildete, ist schon beim bloßen Durchblättern der Parteitagsprotokolle erkennbar. Und die Frauen? Alle eraknnten ihren scharfen Verstand, ihren Ideenreichtum an, viele beugten sich ihrer Energie und Dialektik; die sie liebten und verehtten waren wenige. Jahrzehntelang hat sie die Frauenkonferenzen beherrscht. Anregungen, die von ihr ausgingen und solche, die sie aufgriff, fanden ihren Niederschlag in der Bewegung durch die reichen Möglichkeiten, die ihr offenstanden. Clara's Interesse für kulturpolitische, besonders für Erziehungsfragen kam in der Frauenkonferenz in Bremen 1904 zum Ausdruck, als sie im Hauptreferat über Schule und Erziehung die Volksschule als Armenschule geißelte und manches sagte, was heute in der modernen Pädagogik noch gültigkeit hat. Auf dem Parteitag in Mannheim 1906 teilte sich Clara Zetkin mit Heinrich Schulz in die" Schul- und Erziehungsfrage". Sie über. nahm die in Leitsätzen niedergelegten Gründsätze über das proletarische Elternhaus, die Selbsterziehung und die praktischen Bildungsaufgaben der Partei. Schon vor Beginn ihrer Rede war ihr nicht wohl; aber sie überwand ihre Schwäche und sprach anderthalb Stunden geistvoll wie immer. Erst dann verließ sie unter tosendem Beifall das Rednerpult, wenn auch völlig erschöpft. Von 1914 an stand Clara Zetkin auf der Seite derer, die die Kriegspolitik der Sozialdemokratie nicht billigten. Sie setz te sich in der" Gleichheit" praktisch zu dieser Politik in Gegensatz. Sie versuchte, die durch den Kriegsausbruch abgerissenen Fäden zu der Internationale wieder neu zu knüpfen. Der Zweck sollte sein, die sozialistischen Frauen in aller Welt als Kriegsgegner zu aktivieren und 1915 brachte sie auch wirklich in Bern eine internationale Frauensitzung zustande. 1916 wurde Clara ihres Amtes als Redakteurin der " Gleichheit" enthoben, 1917 schloß sie sich der Unabhängiger Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" an. Sie warnte damals vor einer Gründung der Kommunistischen Partei, aber nach deren Gründung trat sie ihr dann bei, ebenso der Kom QUO Kommunistischen Internationale. Dem Deutschen Reichstage gevon 1920 bis 1933 an. hörte Clara Zetkin- als Kommunistin Zu den Sitzungen kam sie oft aus Moskau, wo sie sich viel aufhielt. Ihr Wohnsitz war immer noch Stuttgart. Im Jahre 1932, beim Zusammentritt des neugewählten Reichstags, war die 75jährige Alterspräsidentin, bis der gewählte Präsident sein Amt übernahm. Dieser Präsident war nicht mehr Paul Löbe sondern Hermann Göring. Der Abstieg der Republik hatte begonnen" Der Umbruch" folgte. In der KPD wie auch in der KI konnte Clara Zetkin zunächst auf Grund ihres bekannten Namens ihre persönliche Meinung auch dann vertreten, wenn diese von der Parteilinie abwich. Das galt aber nur etwa bis zu Lenins Tod. Sie opponierte noch gegen die Frauenthesen, die der Zweite Kongress der KI beschlossen hatte, und die ganz auf die russische Bewegung zugeschnitten waren, aber von den Grundlagen, die sie für die Internationale Kommunistische Frauenbewegung heschaffen hat, ist heute kein Buchstabe mehr vorhanden. Sie sozialdemokratischen Frauen haben Clara Zetkin viel zu danken. Daran darf die Tatsache, daß sie den Weg, den sie bahnte, nicht bis zum Schluss nicht mit uns gegangen ist, nichts ändern. Sie handelte in der Überzeugung, auf diese Weise der Arbeiterbewegung am besten zu dienen. " Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen, das sind die Weisen." Literatur: Die Protokolle der Parteitage und FrauenKonferenzen, 1892 bis 1913. Mitteilungen von Freunden. Verschiedne Jahrgänge der" Gleichheit". Anna Bloẞ, Frauenfrage im Licht des Sozialismus. 32 Rosa Luxemburg ( 25.12.1870- 15.1.1919) Wir Späteren sind gewohnt, Rosa Luxemburg dicht bei Clara Zetkin zu sehen, deren Freundin und Mitstreiterin sie ja auch war. Und doch war sie von ihr so sehr verschieden, menschlich und auch politisch. So waren" Frauenrechte gar= nicht ihr Arbeitsgebiet; ihre Arbeit setzte voraus, daß es Gleichberechtigung gäbe. Darum zu kämpfen, war ihr kein spe= zielles Anliegen, das überließ sie gern anderen Kräften. Auch die politischen Leitartikel, die sie der" Gleichheit" gab, waren nicht um der Frauen, sondern um der Politik willen geschrieben. Die Politik, nämlich das Gemeinschafts= leben aller Menschen- selbstverständlich auch der Frauenwar ihr Lebensinhalt. Man könnte vielleicht besser und rich= tiger sagen, der Mensch in seinen Beziehungen zur Gemeinek schaft war es, der sie von Jugend auf brennend interessier= te und beschäftigte. Es ist nicht der Zweck dieser kleinen Abhandlung, in die Meinungs- und Richtungskämpfe einer vergangenen Epoche einzudringen. Wir wollen nur das sagen, was zum Verstehen dieser Persönlichkeit notwendig ist. Es ist immer wieder reizvoll, sich mit dieser interessanten Frau, der Politike= rin, der Rednerin, der Schriftstellerin zu beschäftigen. Rosa war das besonders geliebte Kind einer sehr kulti= vierten jüdischen Familie in Polen. Ihr Geburtsort, das klei ne Landstädtchen Zanose in Gouvernement Lublin, stand unter zaristischer Herrschaft, wie damals ganz Polen. Ihr Vater war Kaufmann; als Rosa 3Jahre alt war, siedelte die Familie nach Warschau über. Sieben Brüder sorgten sich mit den El= tern um das zarte und besonders intelligente Kind, das durch ein Hüftleiden daran gehindert war, mit andern Kindern herum autollen. Sie hatte schon mit fünf Jahren lesen und schrei= ben gelernt, und versuchte ihre Kunst am Personal des Hau= ses. Da das aber meist analphabetisch war, korrespondierte sie von Zimmer zu Zimmer mit Eltern und Ceschwistern. Die geistig- kulturellen Interessen der Familie lagen vorwiegend in Deutschland, doch wurde, besonders von dem liberalen Va= ter, die polnisch- östliche Kultur nicht vernachlässigt.Man kann annehmen, dass Rosa schon in ihrer Warschauer Gymna= siastenzeit Fühlung mit jungen Revolutionären hatte. Es is* entsprach dem Freiheitswillen der damaligen polnischen Ju gend, die im Zaren ihren Unterdrücker sahen, dass sie revolu= tionär empfand. Das Rosas revolutionäre Neigungen sich nicht zu einseitig polnisch- nationalre Sicht verengten, davor be= wahrten sie die deutschen kakixxk******* XXXX Interessen der Familie. Ein so intelligentes Mitglied der revolutionären Ju= gend war im zaristischen Polen bald gefährdet. Daher be= schloss das" Komitee", Rosa um ihrer Sicherheit willen zu veranlassen, außer Landes zu gehen. Sie hatte gerade das Gymnasium mit Erfolg absolviert und war 19 Jahre alt, als sie in ihrer Schülertracht, noch mit der Schürze des Gymnasiums, unerfahren, klein, körperlich behindert in der Schweiz ankam Das Hüftleiden zwang sie, lahm zu gehen, als unansehnlich wird sie beschrieben, und doch errang sie sich kraft ihres Willens und ihrer Intelligenz die Achtung der Studentenschaft und der in der Schweiz lebenden politischen Emigration. Die Anerkennung der polnischen revolutionären Bewegung genügte ihr nicht, die deutsche und die französische interessierten sie im selben Maße. -331893 trat sie zum ersten Male vor die internationale Öffent= lichkeit beim Züricher Internatiohalen Sozialistenkongress, wo sie allgemeines Aufsehen erregte. Sie legte bei dieser Gelegenheit eine umfangreiche Arbeit über die nationalrevo= lutionären********* und die sozialistischen Strömungen in Polen vor. 1897 reichte sie Doktorarbeit" Über die industriel le Entwicklung Polens" ein und promovierte mit dieser in den Staats- und Wirtschaftswissenschaften. Der Zweckt ihres Aufent= haltes in der Schweiz war damit erreicht. Rosa wollte kein dauerndes Emigrantendasein führen, und so lieb und wertvoll ihr die Jahre gewesen waren, so x treu sie den in Zürich geschlossenen Freundschaften- ihrem Landsmann Leo Jogiches und dem deutschen Sozialdemokraten Karl Lübeck und seiner Familie ihr Leben lang blieb, sie brach ihre Zelte ab und ging zunächst nach Paris, wo sie sofort in Verbindung mit den Kämpfern derf französischen Arbeiterbewegung trat. Nach kurzem, und für die aus dem Osten gekommene Rosa besonders aufschlussreichen Aufenthalt dortris kam Rosa nach Deutsch= land. Ihr als Russin wäre es im R******** яk damali= gen Deutschland niemals möglich gewesen, vollberechtigte Staatsbürgerin zu werden und politisch zu arbeiten, Daher schloss sie mit dem Sohn der in der Schweiz gewonnenen Freun= de, mit Gustav Lübeck eine Scheinehe, durch die sie auto= matisch Deutsche wurde. In jenen Jahren, schon beim Stuttgarter Parteitag 1898, wo wir Rosa zum ersten Mal im deutschen Parteileben begegnen, waren die Auseinandersetzungen zwischen Radikalismus und Re= visionismus in vollem Gange. Rosa Luxemburg beteiligte sich lebhaft daran in Wort und Schrift. Sie entwickelte dabei ih= ren großen Ideenreichtum und ihre erstaunliche Fähigkeit, die sozialen und psychologischen Probleme der modernen Arbeiter= bewegung zu erfassen. In der" Neuen Zeit" und auch in der Ta= gespresse darüber zu lesen war für uns damals ein Erlebnis. Und wenn man Rosa Luxemburg sprechen hörte war man tief be= eindruckt von dieser Frau.Sie hat bei diesen Auseinanderset= zungen manchmal geirrt; aber es ist ein anders, ob sich je= mand öffentlich am Widerstreit der Meinungen beteiligt, oder nur als Zuhörer und Leser. Worauf es hier in diesem Lebens= bild ankommt, ist dies: eine kluge Frau kämpft mutig und un= erschrocken um die Durchsetzung ihrer Meinung, weil sie sie für richtig hält, weil- nach ihrer Meinung davon für den Gang der Geschichte und das Schicksal der Arbeiterklasse sehr viel abhängt. Rosa hatte sich, nach ihrer Übersiedlung nach Deutsch= land die Anerkennung eines grossen Teils der führenden Genoss sen erworben, darunter August Bebel, Paul Singer, Franz Meh= ring. Mit Clara Zetkin und Kautskys verband sie innige Freund schaft. Aber in den innerpolitischen Auseinandersetzungen stand sie Männern gegenüber, die es nicht gewöhnt waren, mit Frauen die Klinge zu kreuzen. Diese theoretischen Ausein= andersetzungen waren hart% 3B sie wurden nicht von Männern ge= führt, die durch eine diplomatische Schule gegangen waren. Hier berühren wir ein Gebiet der Geschlechtspsychologie, das auch heute noch nisht restlos geklärt sit, an das amn aber damals noch kaum dachte." Sie sei" so schrieb sie an Bebel, 2von Anfang an in derdeutschen Sozialdemokratie einer merk= würdigen Aufnahme begegnet". Als 1898 zwei Redakteure aus Sachsen ausgewiesen wor= den waren, hatten sie Rosa als ihre Nachfolgerin bestimmt. . -34Das war unerhört in der damaligen Zeit und es kam in der Folge zu einem großen kollegialen Meinungsstreit, einer Art Rebellion gegen den unbequemen Chef. Als sie 1899 auf= gefordert wurde, in die Redaktion des" Vorwärts einzutre= ten, lehnte sie ab. Sie wollte nicht mit Wilhelm Liebknecht vor dem sie trotz ihrer Meinungsverschiedenheit eine sehr große Achtung empfand, in Konflikte geraten. 1902 wurde sie, zum hellen Entsetzen der bürgerlichen Presse als redaktio= nelle Leiterin an die" Leipziger Volkszeitung" berufen; dock auch diese Redaktionstätigkeit dauerte nicht länger als der frühere Leipziger Versuch an der Arbeiterzeitung.Man wohlte der" Frau" nicht die gleichen Befugnisse einräumen wie ih= rem männlichen Vorgänger. 1904 machte Rosa zum erstenmal Bekanntschaft mit deutschen Gefängnissen, siewurde wegen Majestätsbeleidigung zu einer mehrmonatigen Haft verurteilt, die sie in Zwickau, wenn auch nur zum Teil absaß, weil eine Amnestie die kurzfristigen Häftlinge vorzeitig befreite. Die nächste Gefängnisstrafe sass sie in Warschau ab, und das kam so: die russische Revo= lution von 1905, an der die inzwischen erstarkte, polnische Sozialdemokratie beteiligt war, veranlasste sie, unter frem dem Namen nach Warschau zu gehen. Sie wurde dort erkannt und verhaftet. Ob ihre, durch die Ehe mit Gustav Lübeck erreichte deutsche Staatsangehörigkeit, ob ihre Haftunfähigkeit Schuld waren- kurz, Rosa wurde schon nach mehrmonatigerHaft die sehr widrige Begleitumstaände hatte, entlassen. Noch dur te sie Warschau aber nicht verlassen und da es ihr nie im Leben an Nut gefehlt hat, benutzte sie die Zeit zu einigen Besuchen bei Genossen an verschiedenen Orten in Rußland. Schließlich bekam sie die Rückreiseerlaubnis und erschien zum Parteitag 1906 in Mannheim noch gerade rechtzeitig. Sie brachte von dieser Reise, die sie von Warschau auch nach Moskau, Petersburg und Finnland geführt hatte das Problem des Massenstreiks mit, das fortab zu immer neuen Erörterungen in der Partei Anlass gab und die erste Meinungs verschiedenheit zwischen ihr und Karl Kautsky bildete. Trotz. dem blieb die Freundschaft noch bestehen und Karl Kautsky war es, der 1907 Rosa als Lehrerin für Wirtschaftsgeschichte und Nationalökonomie an der 1906 gegründeten Parteischule vorschlug.Rosa hatte bisher- bis auf die paar kurzen, miß= glückten Redaktionsversuche- als freie Schriftstellerin in Berlin gelebt. Jetzt entdeckte man ihre Begabung als hervorragende Lehrkraft. Sie beherrschte den Stoff mühelos und xe verstand es, ihn den Schülern meisterhafter Weise nahe zu bringen, so dass sie sich die Resultate selber erarbeiten konnten. Ihre Kunst, mit Menschen umxxgehen zu können, hat sie dort unter Beweis gestellt. In der Zeit des blutigen Krieges und der schmerzhaf= ten Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung lernte Rosa das Gefängnis in seiner verschiedensten Gestalt kennen. Schon kurz vor den Kriege wurde ihr ein Wort über SaЯ************* nx in einer Versammlung als Aufforderun an Soldaten zum Ungehorsam ausgelegt. Weiter erhob der Krieg minister auf Grund eines Artikels, in dem sie Soldatenmiẞ= handlungen angeprangert hatte Anklage gegen RIL! wegwn Beleidigung der Armee. Es meldeten sich circa 30 ooo Opfer und Zeugen von Soldatenmiẞhandlungen, so dass schließlich der Vertreter des Ministers um Vertagung bitten mußte. Noch im Juni 1914 wurde wegen einer Generalstreiksresolution gegen Laufe des/ -35sie und sämtliche Unterzeichner Anklage erhoben. Der Krieg unterbrach die Fahndung nach den Versammlungsteilnehmern. Mi dem 4.August begann ihre und des Freundes Karl Liebknecht Arbeit gegen den Krieg- eine Arbeit die in der Folge auch den Bestand der deutschen Sozialdemokratie ge= fährdete. Die Bemühungen um Verständnis waren auf beiden Sei= ten beeinträchtigt durch den Krieg, der die Verständigungs= möglichkeiten einschränkte. Das Höchste, was es in der demo= kratischen Partei geben soll, nämlich die Meinungsverschie= denheiten offen und kameradschaftlich miteinander auszutra= gen, sowohl schriftlich als auch mündlich, das war in die= ser Zeit des Krieges, der militärischen Diktatur, des Ein= griffs der militärischen Macht durch Dezimierung der Mit= gliederzahl durch die Einziehungen, durch rücksichtslos aus= geübte Militärzensur stark unterbunden. Das schon immer nicht ganz freie Versammlungsrecht war noch unfreier geworden. Und das bei einer solchen psychologischen Zerklüftung, die Miẞ= trauen und Miẞdeutungen zur Folge hatten. Rosa schrieb seit Januar 1915 ihre Artikel im Gefängnis Unter ihrem Einfluss entstand am 1.Januar 1916 der" Spartakus bund, dessen Mitglieder aber in derж** яяяяя Partei blieben. Als sie im/ Januar- für eine Zeit- aus dem Gefängnis kam, sorgte sie als erstes dafür, das ihre im Gefängnis geschries bene Broschüre unter dem Pseudonym" Junius" gedruckt wurde. sie erregte großes Aufsehen. Infolge einer Demonstration des Spartakus bundes am 1. Mai 1916 wurde Karl Liebknecht sofort, und Rosa im Juli verhaftet. Leo Jogiches, der alte, treue Freund übernahm die Leitung des Bundes, Rosas Haft-schon damals Schutzhaft genannt wurde von 3 zu 3 Monaten verlän= gert. Aus diesen Jahren hat sie uns in ihren Briefen an die Freunde das schönste Denkmal der Menschlichkeit, der Empfind= samkeit der Freundestreue hinterlassen. Drei Jahre und vier Monate der Kriegszeit hat Rosa Luxemburg hinter Kerkermauern verbracht, wovon nur das Jahr 1915 durch eine Verurteilung begründet war. Inzwischen hatte sich die längst vorhandene Spaltung der Partei auch nach aussen vollzogen: die Unabhängige Sozialdemokratie konsti= tuierte sich 1917 in Halle. Der Spartakus bund lebte und ar= beitete im Dunkeln weiter. Für Rosa Luxemburg öffnete erst die Revolution die Tore des Kerkers. Das tragische Ende die ses Frauenlebens nahte. Ob sie es wohl gefühlt hat? In einer meisterhaften Schilderung der Persönlichkeit Rosas kommt Benedikt Kautsky, zu dem Schluss, dass sie nach ihrer ganzen Einstellung und nach jeder von ihr aus dieser Zeit vorliem genden Kusserung kaum an der Provozierung der Januarkämpfe 1919 beteiligt gewesen sein kann. Wie scharf Rosa- selbst von der Zelle aus- die politische Entwicklung erkannte und beurteilte beweist ihre Broschüre über die russische Revolu= tion, in der sie den Keim der Fehler Leninex und Trotzkys damals schon sieht kx und mit prophetischem Blick in die russische Zukunft blickt.Sie hielt immer fest an der Partei= demokratie und verurteilte, dass die russischen Führer um die bürgerliche Opposition ganz auszuschalten, vom demokratischen Prinzip abwichen." Freiheit ist immer die Freiheit des Anders: denkenden" sagt sie in sex dieser Broschüre. Am 11.Januar 1919 hatte Rosa eine Zusammenkunft mit Freunden und Liebknecht in der Nähe des Halleschen Tores.Da man beide in Sicherheit wissen wollte, brachte man sie nach -36Neukölln in eine Arbeiterfamilie. Am 13.Januar wurde auch dorthin Alarm gemeldet. War er falsch? Beide wurden daraufhin zu Freunden in Wilmersdorf gebracht. Rosa wusste, daß die Revolution verloren war. Am 15.Januar wurden beide in ihrer letzte Zufluchtsstätte aufgespürt und verhaftet. Man brach= te sie ins Edenhotel, wo sich die Garde- Kavallerie- Schützen Division installiert hatte. Hauptmann Waldemar Papst soll sie vernommen haben, als weiterer Mitschuldiger wird der Ka= pitänleutnant, spätere Admiral Canaris genannt. Karl Lieb= knecht wurde schon beim Abführen, vor dem Hotel, mit Kolbenk hieben niedergeschlagen. Man fuhr mit ihm in den Tiergarten und in einer Berliner Rettungsstation wurde die Leiche eig " Unbekannten" eingeliefert. Rosa wurde nach der Vernehmung e ebenfalls vor dem Hotel der Kopf mi* durch Kolbenhiebe zer= trümmert, dann schoß man ihr noch eine Kugel durch den armen geschändeten Kopf. Am 19.Mai trieb eine Frauenleiche, die monatelang im Wasser gelegen hatte, im Tiergarten an Land. Die" andere" Rosa Luxemburg haben, als sie lebte, nur ihre Freunde gekannt. Wir kennen sie heute aus den nachgelassenen Briefen an Sonja Liebknecht- Karls Frau- an Luise Kautsky an Hans Dieffenbach, den jungen Berliner Arzt, dessen Tod im Felde ihr unendlichen Schmerz bereitete. Gut sein, hilfreich sein, das war die Sehnsucht ihrer einsamen Tage und Nächte in Gefängnis, die sie mit dem Mut und der Energie erträgt, die die kleine, unscheinbare Frau durch ihr Leben begleitet haben. Umso rührender, erschütternder ist ihr Ringen, ist ihre Teilnahme an aller leidenden Kreatur,"... eine Wespe, die mir ins Tintenfass rutschte, spülte ich dreimal in lauwarmem Wasser und trockne sie auf dem Balkon in der Sonne, um ihr das bißchen Leben zurückzu= geben,..." und" Gut sein ist Hauptsache! einfach und schlicht gut sein, das löst und bindet alles und ist besser als alle Klugheit und Rechthaberei. Aber wer soll mich hier daran erinnern, wenn nicht einmal die Katze Mimi da ist? Die wuß= te mich zuhause manches mal durch ihren schweigenden lan= gen Blick auf den richtigen Weg zu führen...."- Dies war die Frau, die von Mördern niedergeschla= gen wurde. Literatur: Parteitagsprotokolle Paul Frölich" Rosa Luxemburg, Hamburg Rosa Luxemburg, Briefe an Freunde Diverse Bände der Gleichheit Diverse Bände" Neue Zeit" Lily Braun. ( 1856-1916) Über Lily Braun wissen wir viel und ihre in der Partei stark umstrittene Persönlichkeit steht uns Alteren zeitlich noch sehr nahe. Um so schwieriger ist es, ein knappes Bild von ihr zu zeichnen. Sie selbst hat dem inneren Drang einer aufgerührten und verwundeten Seele folgend versucht, Rechenschaft über sich selbst zu geben, über die sie bewegenden Motive und über die Enttäuschungen, die sie erlitten hat. Sie wählte die Form des Romans. Liebende, Verstehende Freundschaft und künstlerisches Einfühlungsvermögen haben später die Persönlichkeit Lily Braun in die rechte Beleuchtang gerückt. Aus dem, was Julie Vogelstein über sie geschrieben hat, was wir aus Protokollen und Berichten ersehen, wollen wir uns ein Bild der Sozialdemokratin Lily Braun formen, ein Bild, das von der Gegenwart der Frauenbewegung eine Brücke zur Vergangenheit schlagen soll, wie die übrigen dieser Lebensskizzen auch. Lily war die Tochter eines Generals v. Kretschman, großmütterlicherseits ging ihre Herkunft auf Napoleon's Bruder Jérôme zurück. Zu diesem korsischen Einschlag kam Verwandtschaft aus dem Kreise um Goethe: nach Lily Schönemann, der Jugendgeliebten Goethes, wurde sie Lily genannt. Die Wersunsunkene Welt, die Welt adliger Generalstöchter zur kaiserlichen Zeit Deutschlands, die auch damals schon den Todeskeim in sich trug, können wir uns heute nur schwer vorstellen. Der äußere Glanz wurde oft mit Entbehrungen erkauft, oder ein vorhanden gewesenes kleines Vermögen schwand infolge des gesellschaftlichen Aufwandes bald dahin. Auch für den General v. Kretschman verlor sich der Glanz seines Lebens im Handumdrehen, als nach den Ereignissen des DreiKaiser Jahres- die Gnadensonne des neuen Herrschers ihm nicht schien. So stand denn auch das Mädchen Lily, das schein bar in Reichtum herangewachsen war, vor der Sorge, wie sie mit dem neuen, grauen Leben fertig werden sollte. War man gesund, realistisch, willensstark und durch ein nüchtern denkendes Elternhaus gestützt, dann konnte man es wohl schaffen, sich unter Abstreifung aller Vorurteile, trotz dieser Vergangenheit, ein Leben auf einer ganz neuen Basis aufzubauen. Aber für einen, selbstjungen weiblichen Menschen, WIND -38der unausgeglichen war, dazu an eine Familie gebunden, in der die ältere Generation nicht einsehen wollte, dass man notwendigerweise mit Vorurteilen brechen mußte, da war der Neuanfang schwierig. Dieser schmerzhafte Prozess zog sich bis tief hinein in das spätere Leben der Frau; denn nicht unter nur seelisch, auch materiell mußte Lily Braun dem Wandel ihres Schicksals leiden. Noch nach 17jähriger The mit dem Schriftsteller Dr. Heinrich Braun trug sie erhebliche Ehrenschulden für ihren längstverstorbenen Vater ab. Noch jung wurde Lily v. Kretschman gegen den Willen ihrer Eltern die Frau eines außergewöhnlichen Mannes, des Universitätsprofessors und Sozialisten Georg v. Gizycki. Er war ein körperlich schwer leidender Mann, gelähmt, an den Rollstuhl gefesselt. Weil dieser, von Liebe und Freundschaft getragene Bund, keine Ehe im vollen Sinne des Wortes sein konnte, hatten sich die Eltern dieser Verbindung widersetzt. Zudem war er, wenn auch nicht Parteimann, doch Sozialist und gehörte zu den Kreisen der" Gesellschaft für Ethische Kultur". Er galt als der bedeutendste Führer in diesem Kreise. Der geliebte Freund machte Lily mit einer bis dahin nie geschauten Welt des Geistes bekannt, er lehrte sie, diese Welt zu sehen, sie fühlt durch ihn die Strömungen der Zeit. Mit unersättlichem Wissenshunger ergibt sie sich dem Neuen, und bald schreibt sie für die Blätter der" Ethischen Kultur". In einer der Versammlungen der Gesellschaft trifft sie Ottilie Baader, als diese dem Redner des Abends, einem Kandidaten zur Reichstagswahl zuruft: Wenn Sie dasselbe wollen wie wir, warum sind sie dann nicht Sozialdemokrat?" Die kleine blasse Arbeiterin war für Lily ein Erlebnis. Sie hatte danach den glühenden Wunsch, selbst öffentlich zu reden. Zunächst trat sie dem Verein Frauenwohl bei, dessen Vorsitz Minna Mauer führte. Sie glaubte auf die Weise die politische Mündigkeit der Frauen besser erkämpfen zu können, als nur in der" Gesellschaft für Ethische Kultur". Ihr erstes Referat dort im Verein" Frauenwohl", bei dem sie, hochgetragen von der Begeisterung, ihre Aufzeichnungen liegen ließ und frei sprach, und wo sie auch das Vorgehen der Polizei gegen die politisch aktiven Arbeiterinnen geißelte, dies Referat warde von den Zeitungen verhöhnt als" Seitensprung" der Frau Trotzdem wurde Lily in den eines Universitäts- Professors. Vorstand gewäh -39n, Für diesen Verein, und für eine von ihm ausgehenden Zusammenschluß aller Frauen in aller Welt wollte Lily Ottilie Baader gewinnen. Ottilie aber fand, daß als Agitationsgebiet das Proletariat groß genug sei, auch für die gewaltigsten Arbeitskräfte. Außerdem zeigte sich bald, daß Ottilie recht hatte, wenn sie glaubte, daß man die proletarischen Frauen auf der bürgerlichen Seite garbnicht dabei haben wollte. Lily mußte entdecken, daß Ottilie recht hatte, und als sie die Frage in ihrem Frauenverein diskutieren wollte, verweigerte man ihr das Wort. Die Enttäuschung hierüber war der letzte Anstoß für Lily, ganz zur Sozialdemokratie überzugehen. Die Verschiedenheit zwischen Lily und Ottilie hat sich allerdings auch nach Liliy's Übertritt nicht gelegt, sie wuchs sich später sogar zu einer Verstimmung aus. Georg v. Gizycki starb früh. Lily stand nun ohne den Freund den Härten des Lebens gegenüber. Sie wollte weiter arbeiten wie bisher. Sie hatte den Plan, eine Zentralstelle für Frauen, eine Stelle in der soziales Material gesammelt und durch Frauen bearbeitet werden sollte, einzurichten. Als Lily mit einigen führenden Genossen über diesen Plan gesprochen und um ihre Unterstützung gebeten hatte, trug sie ihn auch Clara Zetkin vor. Doch diese lehnte ihn, des karitativen Grundcharakters wegen ab. Aber sie versprach indirekte Unterstützung. Sie riet ihr, sich an den Genossen Dr. Heinrich Braun zu wenden, er sei der Binzige, der ihr dabei helfen könne, und er schaffe alles, was er wolle. Aus der daraus sich entwickelnden Freundschaft entstand 1896 Liliy's The mit Heinrich Braun. Damit stand Lily B r a un mitten in dem Kampf, der zwischen den geistigen Richtungen der Sozialdemokratie ausgetragen wurde: sie stand mit Heinrich Braun auf der Seite der Revisionisten, ihre Ideen und ihre Art zu denken begegneten sich. Die Sozialdemokratie war als Partei noch jung. Ihre Ideenwelt baute sich auf theoretischen Erkenntnissen auf. Aber sie war als Arbeiterpartei aus den Reihen der, durch den heranwachsenden Kapitalismus aufgewühlten Lohnatarbeiter hervorgegangen. Die Massen, von denen die Sozialdemokratie getragen wurde, strebteb aus dem Dunkel ihres Elends ans Licht, waren geistig erwacht und litten unter der ihnen aufgezwungenen Unbildung. Sie stießen auf das große Unverständnis der herrschenden Schichten, die sich der brutalsten Abwehrmittel bedienten. Heute, nach zwei Weltkriegen und al -40allem was dazwischen liegt, sehen wir die Dinge von damals geschichtlich. Aber, wer damals Mitten in diesem Ringen der Geister stand wobei die Kampfmittel rauh genug waren und die Unterliegenden oft grausam verwundet- mag sein Geschick als tragisch empfunden haben. Wir kleinen, die wir nicht so mitten drin standen, die wir durch Zeitungen oder durch Mitgliederversammlungen an den Diskussionen teilnahmen, wir konnten uns eine richtige oder auch eine falsche Meinung formen, ohne so bis ins Innerste davon getroffen zu werden, wie die unmittelbar Kämpfenden. Heinrich Braun's lauterer Charakter ist heute über jeden Zweifel erhaben. Er war ein wissenschaftlich geschulter Sozialdemokrat, und er hatte sein" Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik" später" Sozialpolitisches Zentralblatt) und seine Wochenschrift" Die neue Gesellschaft" unter großen materiellen und seelischen Opfern geschaffen. Auf dem Parteitag zu Dresden 1903 machte sich die der seinen entgegengesetzte Meinung, aber auch der et tiefe Groll und das große Mißtrauen gegen ihn, gegen Lily Braun und andere in einer Weise Luft, die keinen guten, aber desto nachhaltigeren Eindruck in der Öffentlichkeit hinterließ. Die spätere Zeit( es ist leider sehr spät geworden) ist ihm gerechter geworden. Ihn schmerzte es besonders tief, daß Lily, die genau so wahrheitsliebend war wie er, die aber vielmehr ihrer weiblichen Intuition als seiner wissenschaftlichen Erkenntnis folgte- ja sich auch sachlich manchmal von ihm entfernte unter dem Mißtrauen der Anderen zu leiden hatte. G Wir erlebteh es mit, daß Lily Braun in der" Gleichheit! im" Vorwärts", in Versammlungen um ihre Ideen warb, trotz des bösen Streits. Ihre Mutterschaft, für die sie die Verantwortung mit der ganzen Fülle ihres Wesens empfand, ließ sie die Lage der erwerbstätigen Mütter verstehen. Sie war wohl die erste Frau, die den Gedanken der" MutterschaftsVersicherung" aussprach, und die auch den Gedanken der " Haushaltsgenossenschaften" zur Diskussion stellte. Heute ist vieles davon, wenn auch abgewandelt, in die Gesetzgebung aufgenommen und der öffentlichen Meinung zum Gewohnheit gut geworden. Lily Braun hat auch noch manches werden sehen, wofür sie die Anregung gab. Ungefähr von 1906 ab waren Lily Braun, nach vielen Kontroversen, die Spalten der" Gleichheit" verschlossen, auch die der meisten Tageszeitungen. So blieb ihr nur, solange -44Heinrich Braun die Zeitschrift halten konnte" Die neue Gesellschaft". Ihre reiche literarische Hinterlassenschaft muß leider aus dieser Betrachtung ausscheiden. Uns, der Frauenbewegung, hinterließ sie ihre" Memoiren einer Sozialistin" und" Die Frauenfrage". Wir können manches daraus lernen, und könnten es ebenso aus ihren vielen Artikeln und Broschüren, wenn sie nicht in der Hitlerzeit zerstört worden wären. Im Kriege 1914 stellte sich die glühende Friedensfreundin positiv zu den den Frauen gestellten Aufgaben. Im August 1916 schloß sie die Augen. Sie hat noch die wehe Mutterangst um den geliebten Sohn erlebt, der im Felde stand. Seinen frühen Tod zu erleben, hat ihr ein gnädiges Schicksal erspart. Literatur: Lily Braun: Die Frauenfrage, Leipzig 1901 Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin, Berlin- Grunewald 1908 Julie Braun: Lily Braun/ Ein Lebensbild, Berlin- Grunewald Julie Braun-Vogelstein: EinMenschenleben, Heinrich Braun und sein Schicksal, Tübingen 1932 Anna Blos: Die Fraueffage im Licht des Sozialismus, Dresden 1930 Handbuch der Frauenbewegung v. Helene Lange, u. Gertrud Bäumer, Berlin 1901. Ottilie Baader. ( 1847-1925) Ottilie B aader hat uns eine schlichtes Büchlein über sich selber hinterlassen:" Ein steiniger Weg". Wer sie noch gekannt hat, empfindet das so recht eigentlich als eine Skizze ihres Lebens und ihrer Arbeit, ja als Motto für ihre ganze Persönlichkeit. Es war ein proletarisches Frauenschicksal, aber die Trägerin dieses Schicksals strebte von Jugend an aus der geistigen Enge heraus, in die sie die bittere Armut hineinzwängen wollte. Ottilie erinnert sich dankbar der viel zu früh an Tuberkulose dahingegangenen Mutter, die immer hatte mitarbeiten müssen. Von dieser sanften, von sauberen und guten Grundsätzen erfüllten Mutter, habe sie wohl das Beste mit auf den Lebensweg bekommen, so meint sie. Für die kleine Ottilie war es nach dem Tode der Mutter mit einer sorglosen Kindeheit vorbei. Mit Erschrecken liest man, daß das siebenjährige -48Kind die tote Mutter für den Serg zurechtmachen mußte, da der Vater einen verletzten Arm hatte und die Nachbarn nur " das gute Kind" lobten. Niemand, so sagt sie, habe ihr wohl das Grauen nachgefühlt, das ihr die Unbegreiflichkeit des Todes verursacht habe. Ottilie mußte, so klein sie war, für den Vater und drei Geschwister den Haushalt versorgen, es reichte nicht für eine noch so bescheidene Haushälterin. Der Vater hatte eine bessere Schulbildung gehabt, sagte Ottilie, und er lehrte die beiden ältesten Kinder lesen, schreiben und rechnen. Mit 10 Jahren kam Ottilie in die Schule, aber mit 13 Jahren mußte sie sshon wieder heraus, weil der Vater von Frankfurt a.d. Oder nach Berlin übersiedelte. Nun hieß es arbeiten, um Geld zu verdienen. Eine Nähs tube für Weißnäherei, es wurde noch mit der Hand gearbeitet, war die erste Arbeitsstelle. Für wenig Geld mußte sie lange arbeiten und noch am Abend Arbeit mit nach Hause nehmen, damit der Verdienst reichte. Ottilie gehörte zu den Menschnkindern, an denen schmutziges und ordinäres nicht haften blieb. Diese Werkstuben seien keine gute Lebensschule für unerfahrene Mädchen gewesen. Danach kam sie in eine Wollspinnerei, eine Fabrik mit denkbar unhygienischen Bedingungen. Sie arbeitete in der Mäntelkonfektion und wieder in der Wäschefabrikation, nun schon mit der Nähmaschine, aber immer noch bei langer Arbeitszeit und geringem Lohn. Der Krieg 1870 legte zunächst ganze Fabrikations zweige still. Ottilie's Arbeitgeber schlug vor, für halben Lohn arbeiten zum lessen und dafür das Risiko der Fabrikation zu tragen für die im Augenblick kein Absatz sei. Die Arbeiterinnen waren noch nicht gewitzigt und gingen auf das Angebot ein. Da aber von dem halben Lohn die damals üblichen Abzüge für Garn und Maschinennadeln in voller Höhe erfolgten, brachte das Resultat der Arbeit am Wochenende die Näherinnen zur Verzweiflung. Drei von ihnen, darunter Ottilie, gingen zum Chef, um mit ihm zu verhandeln. Sie drohten, daß sie die Arbeit niederlegen würden, und er bewilligte ihnen den alten Lohn. Das war Ottilie's erste Erfahrung von der Kraft gemeinsamen Vorgehens. Aber der Unternehmer hatte auch gelernt: Ottilie war die Erste, die in der Folge entlassen wurde. Dieser Vorgang zeigt einen Ausschnitt aus dem Leidensweg der Arbeiter und Arbeiterinnen von damals. Für Ottilie folgte die bittere Erfahrung der Heimarbeit. Um genug zu verdienen stand sie um vier Uhr in der Frühe auf -4311 säuberte die Wohnung, bereitete das Essen vor, und dann wurde nach der Uhr gearbeitet. Ottilie war jetzt mit dem nicht mehr erwerbsfähigen Vater allein und hat zwanzig Jahre lang für ihn gesorgt. Die Jahre vergingen, ohne daß man merkte, daß man jung war. Ich kann nicht sagen, daß ich immer froh gewesen bin, schließlich hatte ich auch etwas anderes vom Leben erhofft." Welche Tragödie liegt in diesen kargen Worten! en In der Zeit der Unterdrückung der Arbeiter, deren Krönung dana das zwölf Jahre dauernde Gesetz gegen die Sozialdemokratie war( 1878-1898), wuchs/ in aller Stille viele bewußte Sozialdemokraten heran. Die Baaders, Vater und Tochter gehörten zu denen, die sich durch Lektüre der grundlegenden theoretischen Werke einen Einblick in den Sozialismus verschafften." Das Kapital" von Karl Marx war gerausgekommen, auch das" Kommunistische Manifest" war schon erschienen. Die Drucklegung der ersten Auflage von August Bebel's Buch" Die Frau und der Sozialismus" erfolgte 1878. Ottilie besorgte auf Umwegen die Bücher, denn der Vertrieb mußte geheim ge schehen. Ein Jahr lang lasen Vater und Tochter am" Kapital". Manchmal las der durch sein körperliches Leiden gedrückte Vater ihr vor, und sie sprachen dann über das gelesene 1877 schieden Beide aus der Landeskirche aus und traten in die" Freie Gemeinde" über. Ottilie war sicher schon 32 oder 33 Jahre alt, als sie zum ersten Male ohne den Vater in eine Versammlung ging. Dort war es auch, wo sie zum ersten Male in der Diskussion sprach. Der Vater, bis dahin zurückhaltend und streng seiner Tochter gegenüber, gab seine Einwände auf und war nun soger stolz auf seine Tochter. Sie begann in Kommissionen mitzuarbeiten und war bald eine bekannte Funktio närin der Arbeiterbewegung. Es hat aber noch eine Weile gedauert, bis sie sich an selbstständige Referate wagte. Sie lernte auch das; denn 1895 sprach sie zugleich mit August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Emma Ihrer in zwei Riesenversammlungen in Berlin für das Frauenwahlrecht. Sie war nun schon eine anerkannte Rednerin, wurde als solche in Deutsch1qnd heraum geschickt und lernte viel Neues kennen.. Sie lernte, wie die Arbeiterinnen an anderen Orten lebten und arheiteten, wie Verdienst, Arbeitszeit and hygienische Arbeitsbedingungen waren, Sie lernte die Heimarbeit in verschiedenen Gegenden Deutschlands kennen und mußte sie oft genug als schamlose Ausbeutung feststellen. Durch das Vertrauen, das sie sich an vielen Orten erobert -44hatte, wurde Ottilie Baader 1900 die erste Zentralvertrauensperson der Genossinnen Deutschlands. Da das Preußische Vereinsrecht bis 1908- sozialistische( wie überhaupt politische) Frauenorganisationen nicht zuließ, war man in der Partei auf den Ausweg verfallen, ein System der Vertrauenspersonen auszubilden, denn" eine einzelne Person konnte man nicht auflösen". Ottilie hatte schon vor ihrer Wahl zur Vertrauenspersohn einer zeitwelig bestehenden Frauen- Agitations- Kommission angehört, die 1895 aufgelöst worden war, Ottilie war bestraft worden. Seit dem Parteitag 1899 in Bannover wurde die Frage des gewerblichen Frauenschutzes immer lebhafter erörtert, und, da die preußische Regierung sich trotz der Zusage, versuchsweise Fabrikinspektorinnen anzustellen, sehr zurückhielt und den Wunsch der Arbeiterinnen, dazu Frauen ihres Vertrauens vorschlagen zu dürfen, ignorierte, wurde beschlossen, vor dem Parteitag 1900 in Mainz eine Frauenkonferenz abzuhalten. Und dort wurde zur Zentralvertrauens person der Genossinnen Deutsc lands Ottilie Baader gewählt. Alle Jahre hatte Ottilie. Baader jetzt den schriftlichen Jahresbericht abzufassen, der im Bericht des Parteivorstandes an den Parteitag gedruckt wurde. Seit jener Zeit konnte man ein Anwachsen der sozialistischen Frauenbewegung sowohl der Zahl als auch der Aktivität nach feststellen. Dadurch konnte die Zentralvertrauensperson die zuesrt zuerst ehrenamtlich gearbeitet hatte, besoldet werden, und die Werkarbeit ging vorwärts. Der Solidaritätsgedanke wuchs. Er konnte sich bewähren in den schweren Zeiten des Strekt Streiks der Weber und Weberinnen in Meerane( Winter 1902), der mit einem Erfolg, und jenem anderen in Crimmitschau, der nach 10 Monaten mit einer Niederlage für die Streikenden endete. Diese heldische Leistung, an der viele Frauen aktiv und passiv beteiligt waren, packte das Mitempfinden der Genossinnen und stärkte die Verbundenheit. 1903 wurden zum ersten Male unter der Leitung der Zentralvertrauensperson Frauen- Wahlvereine gegründet; denn wenn eine Wahl ausgeschrieben war, wurde, bis zur Beendigung der letzten Stichwahl, das preußische Vereinsgesetz ausser Kraft gesetzt. Auch trotz dieser Erleichterung war die Arbeit schwer, denn vor der Willkür der preußischen Polizeistellen war man nie sicher. In Berlin und Schleswig- Holstein glückte die Arbeit, und überall gelang wenigstens dies, daß Genossinnen -45während der Wahlzeit redend und diskutierend sich an den Versammlungen beteiligten, Flugblätter und Handzettel verbreiteten und in den Wahllokalen halfen. An der Intensität und Systematik der Vorschläge merkte man die anregende und fördernde Persönlichkeit von Ottilie Baader, die sich einzusetzen nicht müde wurde. Ottilie's Lieblingsprojekt, die Fürsorge für die Heimarbeiter, kam auf dem Heimarbeiter- Kongreß in März 1904 in Berlin zur vollen Geltung. Die Wirkung des Kongresses und seiner Ausstellung war sowohl national wie international. Seit dem 1. Januar 1904 war das Kinderschutzgesetz von 1903 in Kraft. Damit war die Stunde zur Gründung von KinderschutzKommissionen gekommen, die da die Durchführung de Gesetzes überwachten. Auf der Frauenkonferenz in Bremen 1904 wählte die Partei ihre Vertreterinnen für diese Kommissionen. Ottile Baader bekam auf Beschluß dieser Konferenz ein Büro und eine Schreibkraft, die Entwicklung der Frauenarbeit ging Schritt für Schritt weiter. Ottilie, deren selbstloser Wille und Idealismus allgemein erkannt wurde, blieb auch weiterhin die zentrale Vertrauensperson für die Frauen, bis sie selbst der glänzenderen und jüngeren Luise Zietz Platz machte. Sie blieb noch eine Anzahl von Jahren( bis 1917) anregend und fördernd im Frauenbüro tätig. Bis in die letzten Jahre ihres Lebens hinein nahm die kleine gedrungene Frauengestalt wohlwollend, immer freundlich und verstehend, zurückhaltend and sehr, sehr bescheiden an unserer Arbeit teil. Als wir sie zur letzten Ruhe geleiteten, waren es viele Freunde, die von Ottilie Baader den letzten Abschied nahmen. Literatur: Ottilie Baader: Einsteiniger Weg, Berlin 1921 Emma Ihrer: Die Arbeiterin im Klassenkampf, Hamburg 1898 Anna Blos: Die Frauenfrageim Lichte des Sozialismus, Dresden 1930 Protokolle der Parteitage und Frauenkonferenzen von 1900 1908, Vorwärts- Verlag Berlin Handbuch der Frauenbewegung Band 2. A Fellt 11. Luin fiel 46 -47 Alles, was sich an Bitterkeit des Gefühls in ihr aufgestaut hatte, fand hier seine wohltätige Auslösung. Hier waren Men= schen ihrer Art und ihres Denkens, hier fand sie Verständnis für ihr Streben nach wissen, hier fand sie auch den Weg zu Bildungsmöglichkeiten, zu Vorträgen, Unterricht und Büchern. Sie fühlte, wie umgekehrt die Menschen in der Partei auch ihr Vertrauen entgegen brachten und ihr Aufgaben übertrugen, die die in ihr vorhandenex organisatorische und rednerische Begabung zur Entfaltung kommen ließen. Die Hamburger Arbeiter schaft und die Frauen delegierten sie in diesen Jahren кxzu jedem Parteitag. Es war zu sehen, wie sie von Jahr zu Jahr mehr in die sozialistische Erkenntnis hereinwuchs, wie auch ihre Persönlichkeit sich entwickelte. 1899 trat sie tempera= mentvoll Eduard Bernstein entgegen, denn der Grundzug ihres Wesens war radikal. Zu den Pflichten der Delegierten gehör= ten auch Agitationstouren. Das war damals anstrengender als heute und mit vielen Opfern und Unbequemlichkeiten verbun= den.So mußte man oft genug erst selbst die Handzettel aus= tragen, weil die Versammlung nicht bekannt gemacht worden war Dazu war das Übernachten immer ein Problem.Meist waren es die ärmsten und kinderreichsten Genossen bei dene der Redner unterschlüpfen mußte, manchmal durften ihn die Genossen nur heimlich aufnehmen und man mußte im Morgengrauen den Bahn= hof erreicht haben.Hin und wieder wurden die Versammlungen im letzten Augenblick polizeilich verboten: da gelang es Luise Zietz aber doch gelentlich, wenn auch nicht als Hauptredner, so doch als Debatteredner einundeine halbe Stunde zu sprechen.Sie war eine der klägsten und gewandtesten Redne= rinnen der Partei, auch am geschickxtesten im Umgang mit der Polizei.Sie war es auch, die beim großen Hamburger Ha= fenstreik die Frauen anfeuerte und mitriss, den Männern zur Seite zu stehen, ihren Kampf zu unterstützen. Nur mit Hilfe der Frauen hatten die bisher nicht organisierten- Hafen= arbeiter zusammengehalten, so lange der Streik auch währte. DieFrauenkonferenz 1900 wählte Luise Zietz in ihr Präsidium. Es war jene Konferenz, auf der Clara Zetkin den Genossen vor= hielt:"... in der Theorie sind die Genossinnen schon gleich= berechtigt, in der Praxis aber hängt der Philisterzopf den männlichen Genossen noch ebenso im Nacken, wie dem ersten besten Spießburger." Der darauffolgende Parteitag wählte Luise Zietz neben Emma Ihrer und Clara Zetkin in die Kommis= sion zur Durchführung des Organisationsstatuts. Wir sehen, dass auch die zentrale Anerkennung dieser Frau und ihrer Leistung nicht ausblieb. Viele Jahre stand Luise Zietz in der Agitationsarbeit, und das war müihevoll und aufreibend.Aber sie fand, es lohnte sich Sie, die Kärrnerarbeit so glühend hasste, arbeitete aus frei em Entschluss viel länger und härter als andere, wbei keine goldnen Früchte zu pflücken waren und keine Ehren winkten. Sie setzte sich für methodisch geleitete Vortrags- und Dis= kussionsveranstaltungen ein, denn sie fand wie Wilhelm Liebknecht" Wissen ist Macht". Sie schulte besonders gern junge Genossinnenкк, und zwang sie zu reden. Sie selbst begann zu schreiben und hinterließ u.a. eine Broschüre" Die Frau und der politische Kampf", die eine sehr plastische Darstellung der Frauenerwerbsarbeit enthält. In ihrer politischen Haltung begegnete sie sich mit Clara Zetkin, wheresee more huchie die Reteiligung an der Singer, Berlin Sw -48 bürgerlichen Frauenbewegung ab. Als ihr in einer Partei= frauenkonferenz von männlichen Genossen deshalb Vorwür= fe gemacht wurden, sagte Luise Zietz:" Wir haben Wichtige= res zu tun, als auf Konferenzen bürgerliche Frauen von ihren Dummheiten zu bewahren." Für die Frauenkonferenz 1906 in Mannheim war Luise Zietz die Behandlung der Lage der Landarbeiterinnen übertragen worden. Ihr Referat war wieder eine Glanzleistung in der Bewältigung einer schwierigen Materie. Sie beteiligte** sich auch an der, xxf der gleichen Konferenz von Helene Grünberg unterbreiteten, Dienstbotenfrage und deren Or= ganisation. Als das für die Frauenbewegung so wichtige Jahr der Auf= hebung des Vereinsgesetzės( 1908) gekommen war, wurden Luise Zietz die organisatorischen Vorarbeiten für die Ein= gliederung der Frauen in die Parteiorganisation anver= traut. Die statutenmäßige Eingliederung geschah dann auf dem Parteitag 1909, wo Luise Zietz, als erste Frau, offi= ziell in den Parteivorstand gewählt wurde. Die Zeitspanne von 1908- 1914 waren wohl die fruchtbar= sten ihrer so sehr mit Arbeit ausgefüllten Jahre. Dann k kam der Krieg. Er brachte den großen Konflikt auch in das Leben der Frau, hinter deren etwas hart erscheinendem äusseren Gebaren ein warmes Herz sich versteckte.Daß sie bei diesem politischen Erdbeben auch mit den Frauen und Kindern fühlte, bewies durch ihr Handeln.Mit der Unter= schrift von Luise Zietz ging z, B.am 24.August 1914 ein Schreiben an die Genossinnen im Lande heraus mit Anwei= sungen, wie sie in dieser Zeit arbeiten sollten. Men müs= se die Auskunftserteilung organisieren, sich der Frauen, der Arbeitslosen der Kranken annehmen, eine Kinderfürsorge, Kranken- und Wöchnerinnenhilfe einrichten. Man forderte die Genossinnen auf, in den kommunalen Unterstützungskommissio= nen Eingang und Einfluß zu suchen. Auf grund dieser An= weisungen hat sich die Eingliederung der sozialdemokra= tischen Frauen in den" Nationalen Frauendienst" voll= zogen. Als sich die Differenzen in der Partei so zugespitzt hat. ten, dass die USP sich abtrennte, ging Luise Zietz mit und übernahm einen Sekretärposten bei der neuen Partei. Es waren ihr seelische Wunden geschlagen, die besser hätten heilen können, wenn es zu vertauensvollen Ausspra= chen gekommen wäre. Sie, wie wir alle, hatte den inbrünsti= gen Wunsch, dass das blutige Ringen ein Ende nähme, und sie glaubte, dass es ihrer Richtung gelingen würde dies Ende herbeizuführen. Es gab 1919 viele Menschen in Deutschland, die glaubten, daß die Frauen im Parlament in vielen Fragen eine Einheit bilden würden. Es war jedoch nur selten der Fall, und auch nicht so einfach, die politischen Gegensätze zu überbrük= ken.Wo es möglich war, verscloß sich auch Luise Zietz ei= nem gemeinsamen Vorgehen nicht, und auch ihr Name stand unter einer Interpellation der Frauen gegen die Fort setzung der Hungerblockade und für die Herausgabe der Kriegsgefangenen. IAL- POST -49Die beiden Flugel der Arbeiterbewegung näherten sich bereits sichtlich wieder einander, die Zeit hatte heilend gewirkt und das Verbindende begann das Trennende zu überwinden, da wurde Luises Arbeit durch einen jähenTod unterbrochen, Sie hat die Stunde der Wiedervereinigung nicht mehr erlebt. Sie hatte immer weit über ihre Kraft gelebt, und so konnte ihr Leben nur kurz sein. Nach ihrem Tode versuchten viele, jeder in seiner Art, die= ser Frau gerecht zu werden. Viele warme Worte wurden gefun= den und selbst von streng bürgerlicher Seite wurde von ihr gesagt:" Sie war nicht ohne Größe und gab alles hin für fremde Not." Die Sozialdemokratie und besonders die Frauen trauerten un Luise Zietz, die auf dem Zentralfriedhof in Friedrichs= felde inmitten bekannter Votkämpfer des Sozialismus ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Literatur: 1.Parteitagsprotokolle und Protokolle von Frauenkonferenzen von 1897 bis 1913 2.Luise Zietz, Die Frauen und der politische Kampf. 3.Protokoll der Nationalversammlung zu Weimar1919 4," Neue Zeit" 1915, Ergänzungsheft 21 209 -50Adelheid Popp. ( 1869-1939) Sie war eine der liebenswürdigsten Erscheinungen der" Internationalen Sozialistischen Frauenbewegang". Sehr oft kam sie aus Wien zu unseren Parteitegen und Frauenkonferenzen and regelmäßig nahm sie teil an den internationalen Kongressen, als Repräsentantin der österreichischen Gebossinnen und als Vertreterin der Sozialdemokratischen Partei Österreichs. Diese Frau, die eine so glänzende Stellung in der österreichischen Arbeiterbewegung einnahm, hatte in ihrer Jugend drei Jahre die Schule besucht, hatte einen Vater, der, ein armer Weber, mit seinem armseligen kranken Leben nichts besseres anzufangen gewußt hatte, ls zu trinken und die Mutter zu schlagen. Die Mutter hatte zwar einen guten Verstand gehabt, konnte aber weder lesen noch schreiben. Mit sechs Jahren war sie in Dienst gegeben worden; das mangelnde Schulwissen vermisste sie bei sich nicht, und auch bei ihren Kindern hielt sie Wissen für überflüssig. Der Vater starb früh an einem Krebsleiden, und die Not der Familie wuchs. Die Mutter war froh, wenn sie im Dorf Hauswäsche machen konnte. Zwischen ihrem siebenten und neunten Jahre strickte Adelheid Strümpfe für Geld, machte Botengänge und lernte schließlich, Perlmutterknöpfe auf Silberpapier aufzunähen. Das gab wenige, aber willkommene Kreuzer. Andere verdiente man, wenn man ausgesucht wurde, dem Sarge verstorbener Kinder wohlhabender Eltern zu folgen, denn es gab dafür 10 Kreuzer. Auch gingen die ärmsten Dorfkinder, darunter Adelheid, zu den Wohlhabenden, um ein gutes Neujahr zu wünschen und kleine Geschenke zu bekommen. Ja, eine so große Armut war mit unendlich viel Demütigungen verbunden, die noch der erwachsenen Adelheid in der Seele brannten. Wie oft mußte sie der Schule fern bleiben, weil es an Schuhen, an der nötigsten Kleidung, an Nahrung fehlte. Die Mutter, des Schreibens unkundig, unterließ die vorgeschriebene Entschuldigung. Sie Das trag ihr einmal eine Arreststrafe von 12 Stunden ein. Sie kam der Aufforderung zum Strafantritt nicht nach, weil sie sich nicht vorstellen konnte, daß man eine ehrliche Person deshalb einsperrte. Doch sie mußte erleben, daß zwei Gendarmen sie abholten und durch den Ort zum Arresthaus führten. Kurze Zeit ging es ein wenig besser, denn die Familie hatte eine vornehme Gönnerin gefunden. Die neunjährige Adelheid träumte davon, endweder Kammerzofe- oder Lehrerin zu werden. Der kurze Traum erlosch, als Mutter Dworak mit dem -57zehneinhalbjaährigen Mädchen nach Wien ging. Das Schulzeugnis, das die kleine Adelheid aus diesem Anlass bekam, erklärte sie für reif für die 4. Vorschulklasse. Ganze drei Jahre hatte sie die Volksschule besucht, abzüglich der vielen erwähnten Fehltage. Von einem weiteren Schulbesuch in der großen Stadt war keine Red mehr, trotz der gesetzlichen Schulpflicht. Sie mußte ja verdienen! Wegen ihrer Jugend kamen nur kleine Zwischenmeister als Arbeitgeber in Frage. Morgens um sechs Uhr, wenn andere Kinder noch schliefen, ging sie aus dem Hause, abends um acht kam sie wieder heim. Heim? Man wohnte zu Anfang mit einem alten Thepaar in einem Zimmer. Oft brachte das Kind am Abend noch Arbeit um Fertigmachen mit. Der einzige sehnsüchtig gedachte Wunsch war, einmal ausschlafen zu können, bis man von selber wach wurde! Aber dieses Glück gab es nur bei Arbeitslosigkeit und Krankheit, und Krankheit kam öfter- war es ein Wunder? Jedesmal wurde Ruhe und reichliche Nahrung verordnet! Mit zwölf Jahren nähte Adelheit Posamenten, einen Aufputz für die Damenkonfektion aus Seidenschnüren und Perlen. Trotz dieser Überbeschäftigung las das Kind, was ihr in die Hände kam, was ihr Bekannte liehen, die nicht gerade zwische Passedem und Unpassendem unterschieden" und ich las, was ich im Antiquariat der Vorstadt für eine Leigebühr von zewi zwei Kreuzern, die ich mir vom Munde absparte, erhalten konnte: Indianergeschichten, Kolportageromane, Familienblätter, alles schleppte ich nach Hause. Neben Räuberromanen, die mich besonders fesselten, interessierten mich lebhaft die Geschicke unglücklicher Königinnen." Neben den Schauerromenen spielte ihr der Zufall manches Buch in die Hand, das ihr geschichtliche Kenntnisse vermittelte. Bei dieser Art Lektüre lebte sie ganz außerhalb der wirklichen Welt. Vom zwölften bis vierzehnten Lebensjahre sollte Adelheid eine sogenannte Lehre durchlaufen, denn Mutter und Tochter träumten von besserer Arbeit und höherem Verdienst. Doch man nutz te das noch schulpflichtige Kind als Aschenputtel aus, und von wirklich fachlichem Lernen war nicht die Rede.. Mit dreizehn Jahren kam sich das Kind fast erwachsen vor und fand Arbeit bei einem Bronzefabrikanten, der sie als geschickt erkannte und wohlwollend behandelte. Das waren ununterbrochene zehn Monate mit etwas besserem Verdienst, der ihr sogar zum ersten Male im Leben erlaubte, sich etwas netter anzuziehen. Doch die Bronzearbeit bekam Adelheid nicht, und der Arzt mußte sie ihr untersagen. Wie aber befolgt man 52aneinen solchen Rat? Man versucht es in einer Metalldruckerei dann in einer Patronenfabrik, wo es viel schlimmer= und strengender ist, und schließlich landet man im Krankenhaus. Man hört mit Erschütterung, was sie davon sagt:... es war die beste Zeit, die ich bisher erlebt hatte. Alle Menschen waren gut gegen mich, die Ärzte, die Pflegerinnen und auch die Patienten. Ich bekam einige Male am Tag gute Verpflegung, selbst gebratenes Fleisch und Kompott, das ich vorher nicht gekannt hatte. Ich hatte, für mich allein, ein Bett und immer reine Wäsche und dann las ich Bücher, die mir einer der Ärzte lieh: die Werke Schillers und die von Alphonse Daudet, die großen Eindruck auf mich machten. begann Nach dieser glücklichen Zeit eráte dann die Arbeitssuche aus Neue, und sie fand in einer Kartonnagenfabrik, bei einem Schuhfabrikanten, beim Fransenknüpfrn an türkischen Schals vorübergehend Arbeit, bis wieder Krankheit sie überfiel. Schließlich drohte das Armenhaus, aber die Mutter konnte im letzten Augenblick durch ein für ihre Verhältnisse großes Opfer das Schlimmste verhüten. Eine neue Lehre, ein vierwöchentlicher Weißnähkurs verlief wieder erfolglos, weil Adelheid hauptsächlich als Kindermädchen ausgenutzt wurde. Adelheid fand schließlich Dauerarbeit in einer größeren Fabrik, wo sie, gemessen an der früheren Entlohnung bei Zwischenmeistern, wesentlich mehr verdiente. Für die reifer werdende, nachdenkende junge Arbeiterin gab es hier viel Gelegenheit, über ihre und ihrer Kolleginnen Lebensverhältnisse nachzudenken. Mit der Zeit war Adelheid in ihrer Lektüre sehr viel anspruchsvoller geworden. Sie wußte sich leihweise bessere Bücher zu verschaffen, sie las klassische und geschichtliche Werke, Romane und Erzählungen. Diese Verwendung ihrer Zeit bildete nicht nur ihren Geist und ihr Gemüt, sie hielt sie auch davon ab, an den Vergnügungen teilzunehmen, zu denen die anderen Fabrikarbeiterinnen sich treiben lieBen. An den öffentlichen Ereignissen war sie lebhaft interessiert. Mit fünfzehn Jahren erlebte sie in Wien den über die Stadt verhängten militärischen Ausnahmezustand, sie schwärmte zwar noch für Kaiser und Könige, aber schon erregte die Aufstrebende Arbeiterbewegung ihre Aufmerksamkeit. Adelheid kaufte sich, unter Verzicht auf andere Dinge, Zeitungen, las die ausführlichen Berichte über Anarchistenprozesse, las die Verteidigungsreden der mitangeklagten Sozialdemokraten und lernte dadurch zum ersten Male deren Anschauungen kennen. --53-Sie schreibt selbst von sich, daß sie begeistert war, daß ihr diese Männer wie Helden erschienen. In dieser Zeit kam sie wieder mit ihren Brüdern zusammen, die sich- abseits von der Familie zu Sozialisten entwickelt hatten. Sie lernte den Unterschied zwischen Sozialismus und Anarchismus, sie las regelmäßig das wöchentlich erscheinende Parteiblatt und in der Fabrik trat sie aus ihrer scheuen Reserve heraus. Ohne es selbst zu wissen und zu erkennen, wurde sie zum Agitator für die Sozialdemokratie. Dem Werkmeister wurde sie verdächtig, und er verklagte sie bei dem Fabrikanten; doch weil an ihrer Arbeit nichts zu bemängeln war, ließ der es bei einer Verwarnung bewenden. Zunächst wußte Adelheid noch nichts von einer Frauenfrage. Sie ahnte, daß da noch eine Lücke in ihren neuen Erkenntnissen war, und es drängte sie zur Betätigung, nur wußte sie noch nicht wo und wie. Auf ihre Bitte nahm ihr Bruder sie in sozialdemokratische Versammlungen mit, und in einer Branchenversammlung hörte sie zum ersten Male über Brauenarbeit sprechen. Sie wagte, in der Diskussion von den Leiden, von der Ausbeutung und der geistigen Vernachlässigung der Arbeiterinnen zu sprechen. Trotz ihrer geringen Schulbildung fing Adelheid auch an mit ungeheurer Anstrengung zu schreiben. Besonders ihre Mängel in der Rechtschreibung machten ihr Mühe, aber b neben der Fabrikarbeit und gegen den Widerstand einer Mutter, die das Mädchen und ihr Tun niemals begreifen lernte, machte sie sich an die Arbeit. Adelheit heiratete den Parteikassierer Julius Popp. Er war bedeutend älter als sie und leider recht krank. Diese schöne menschliche Kameradschaft wurde nach neuen Jahren durch den Tod des Mannes getrennt. Julius Popp hat seine Frau ermuntert und gefördert und hat ihr nach bestem Vermögen heholfen, die Lücken ihrer Bildung auszufüllen. Und noch von einer anderen Seite hat Adelheids leidenschaftliches Streben nach Wissen Förderung erfahren: Emma Adler, die Frau von Viktor Adler, den österreichischen Sozialistenführer, nahm sich ihrer aufs Wärmste an und unterrichtete sie. Sie hat einen großen Anteil am Werden der Redakteurin, Schriftstellerin and Rednerin Adelheid Popp. Am 2. Oktober 1991 erschien ein Aufruf in der Wiener Arbeiterzeitung, der die Gründung einer Arbeiterinnen- Zeitung forderte. Ab 1. Januar 1892 konnte wirklich die Frauenbeilage -57der Arbeiterzeitung zweimal im Monat erscheinen, und im Oktober desselben Jahres übernahm Adelheid Popp die Redaktion, die sie bis zum Überfall Hitler's auf Österreich führte. Tastend, vorsichtig zuerst ging sie den Frauenproblemen nach, bis die Bewegung ihre zielklare Richtung erworben hatte. Es war für die Frauenbewegung und ihre Zeitung auch innerhalb der Arbeiterbewegung mancher Kampf zu bestehen, bis eine ganz klare Unterstützung und Anerkennung gewonnen war. Die Arbeiterinnenzeitung hatte es nicht leicht, sich durchzusetzen; das national so stark differenzierte Land war ein schwieriger boden, und es waren viele und mühevolle Agitationsfahrten nötig, um dem Blatt eine Heimstatt bei den Frauen zu beschaffen. e 11s 1918 auch in Österreich die Frauen das Wahlrecht erhielten, zog Adelheid in den Gemeinderat ihrer geliebten Stadt Wien ein und nachher auch in das Parlament des Landes. In der" Sozialistischen Fraueninternationale" war sie immer eine vorwärtstreibende Kraft und wurde, nachdem Clara Zetkin tum Kommunis, us übergegangen war, die 1. Vorsitzende des" Internationalen Frauenkomitees". Ihr Leben ist nicht leicht gewesen. Wer dieser begeisterungsfähigen und Andere begeisternden Frau begegnete, konnte sich kaum vorstellen, daß sie eine so schwere Kindheit und Jugend gehabt hatte. Ihren Mann hatte sie verloren, als ihre beiden Kinder noch klein waren, und zu der Sorge um sie kom die Sorge für die nicht mehr arbeitsfähige Mutter. Daß sie von dieser Mutter niemals begriffen wurde, gehörte auch zu den schmerzlichen Dingen, die sie zu tragen hatte. Ihr geliebter ältester Sohn fiel im ersten Weltkrieg, der zweite starb mit dreiundzwanzig Jahren an einer tüvkischen Angina. Als 1934 die Arbeiterbewegung in Österreich niedergeschlagen wurde, zerbrach ell das, was ihr teuer war, und woran sie lebenslang mitgebaut hatte. Si vegetierte nur noch zwischen Krankenhaus und Rekonvaleszentenheim. Sie starb am 9. März 1939, und so blieb es ihr erspart, zu erleben, dass auch Österreich durch Hitler's Gewaltherrschaft gehen mußte. Literatur: Verschied. Bände der" Gleichheit". Jugendgeschichte einer Arbeiterin v. Adelheid Popp München 1930 Das Denkmal der unbekannten Proletarienin, Kleinberg- Fanny Blatny, Karlsbad 1937 Persönliche Mitteilungen österreichischer Genossinnen. Helene -53Grünberg. ( 1874-1928) Sie war die erste Arbeitersekretärin in Deutschland. Die Nürnberger Arbeiterschaft und ihre Frauen waren es, die als erste eine Arbeitersekretärinnen anstellten. Aber dieser Anstellung vom 1. Juli 1905 waren lange Kämpfe der Nürnberger Arbeiter und Arbeiterinnen vorauf gegangen. Das seit 1894 bestehende ArbeiterSekretariat von Nürnberg war das erste in Deutschland, das von der früh aufstrebenden Arbeiterbewegung Nürnbergs eingerichtet worden war, und das sich als Beispiel ausgewirkt hatte. Eine Organisation der Frauen war, trotz lebhaften Strebens, nicht zustande gekommen, weil die bayrische Regierung die Arbeiter- Frauenbewegung immer wieder mit Hilfe ihres bayrischen Vereinsgesetzes zu unterdrücken wußte. Schon 1875 wollten sich die Frauen organisieren es war vergeblich. Auch 1895 wurde wieder ein Versuch gemacht, die Frauenarbeit zu beleben, aber die eingerufene Versammlung wurde verboten. Das schicken wir voraus, um das Arbeitsgebiet zu zeigen, das Helene Grünberg bei ihrem Amtsantritt vorfand; eine bereits erwachte und aufgeschlossene, aber noch ungeschulte weibliche Arbeiterbevölkerung, die durch reaktionäre Gesetze und einen ebensolchen behördlichen Willen gehindert worden war. Wir kannten Helene Grünberg, eine mittelgroße Frau mit dunklem Haar, sehr einfach, meist dunkel gekleidet, mit Sorgfalt und sehr gutem Geschmack, und liebten an ihr ihre ausgesprochen weiche und weiblich- anmutige Art, sowie ihre angenehme Stimme. Daß sie in Berlin geboren war, ist schon fast das einzig sichere, was wir aus ihrer Vergangenheit wissen; denn daß sie als gelernte Schneiderin bei Gerson gearbeitet habe, ist schon eine unsichere mündliche Überlieferung. Alles schriftliche über sie, darunter ein Lebenslauf, den sie mit ihrer Bewerbung seinerzeit nach Nürnberg gegeben hatte, ist dort der Zerstörung des Arbeitersekretariats durch Nazihorden am 9. März 1933 zum Opfer gefallen, zusammen mit der ganzen Einrichtung und dem geschichtlichen Material. Wir wissen von Helene Grünberg erst wieder, daß sie schon als 22jährige zur Abbeiterbewegung kam, und sich im Verband der Schneider und Schneiderinnen organisiert hatte, sich auch sehr bald als Rednerin betätigte. Ihre Anstellung als Arbeiter- Sekretärin ist ein Zeugnis für die Aufgeschlossenheit der Nürbberger Arbeiter. Zur Begründung dieses Schritts würde darauf hingewiesen, daß eine allgemeine Agitation unter den Arbeiterinnen dringend notwendig sei. Unter den ein -56eingelaufenen Bewerbungen wurde die von Helene als beste ausgewählt. Ihr nach drei Monaten Probezeit abgeschlossener Vertrag wurde dem der männlichen Sekretäre angepasst: denn es galt in Nürnberg damals schon der im übrigen noch immer nicht voll durchgeführte Satz:" Gleicher Lohn für gleiche Leistung!" Wie sah das, vom offiziellen Jahresbericht anerkannte spezifische Arbeitsgebiet der neuen Sekretärin aus? Eine gesteigerte Agitation unter den Arbeiterinnen in zahlreichen Fabrikwerkstätten, in Geschäftsversammlungen und in Arbeiterinnen- Versammlungen, wo man Flugblätter" Arbeiterinnen- Aufgewacht" verteilte. Ein besonderes Anliegen in Nürnberg wie überhaupt in Bayern war das Werben um die Kellnerinnen. Helene Grünberg Veranstaltete Nachtversammlungen für Kellnerinnen, die gut besucht waren und zur Bildung einer besonderen Sektion führten. Die neue Sekretärin nahm sich außerdem auch der Jugendbewegung warm an und richtete Gewerkschaftliche Unterrichtskurse ein. 1907 versuchte der Magistrat der Stadt Nürnberg diese Kurse dadurch zu hintertreiben, daß er sie für" eine konzessionspflichtige Lehranstalt" erklärte. Helene Grünberg weigerte sich wohlweislich, diese Konzession nachzusuchen und wurde angezeigt, aber vom Schöffengericht freigesprochen. Ihr Schaffensdrang war von all den erwähnten Einrichtungen noch nicht befriedigt: im März 1906 gründete sie, nach längerer, organisatorischer Vorbereitung, den" Verein der Nürnberger Dienstmädchen, Waschfrauen und Putzfrauen", dem sofort 200 Dienstmädchen( Hausangestellte sagte man erst später) beitraten. Die kostenlose Arbeitsvermittlung des Vereins florierte. Die Nachfrage durch Hausfrauen, die sich dieser Vermittlung bedienten, war erstaunlicherweise bald größer als die Angebote. Die Vereinsgründung machte Schule; in München, Köln, Hamburg, Frankfurt a.M. und in anderen Städten wurden gleiche Organisationen begründet. Gewerkschaftskartelle im Lande ließen sich Statuten und anderes Material des Nürnberger Vereins schicken und baten um Auskünfte. Die" Generalkommission der Gewerkschaften" faßte die Gründung eines Zentralverbandes ins Auge, der Erfolg der Nürnberger Sekretärin war überzeugend. Wie war es dazu gekommen? Vor dem Weihnachtsfest waren mehrere besonders intelligente und unternehmungslustige Nürberger Dienstmädchen ins Arbeitersekretariat gekommen und hatten um Rat und Hilfe gebeten. Die" Gnädige" sei jetzt, vor dem Fest, besonders ungnädig, denn das Weihnachtsgeschenk, ein üblicher Teil des Lohnes, verderbe ihr offenbar die Laune. Die Mädchen baten um einen Artikel in der" Fränkischen Tagespost" Helene Grünberg machte daraufhin den Vorschlag einer Versammlung, und fand bei ihren Besucherinnen begeisterte Zustimmung. Die Versammlung wurde einberufen, 100 Einladungen wurden ausgegeben und es kamen tausend frauen. In der nächsten Zeit fanden Sonntagsnachmittags noch fünf ähnliche Versammlungen statt, der Verein war gegründet. Auf den Tee- Nachmittagen der Nürnberger Hausfrauen gab es ein neues Thema:" Die Revolution in der Küche!" Natürlich fehlte es nicht an Versuchen, die Mädchen aus dem Verein zu locken, aber sie blieben fest. Neben all den praktischen Arbeiten lief Helene Grünberg's politische Tätigkeit. Im September 1906 wurde sie von einer sozialistischen Frauenversammlung als Delegierte zur Frauenkonferenz nach Mannheim geschickt und bald darauf in Nürberg zur Vertrauensperson gewählt. In Mannheim berichtete sie über ihre Dienstbotenbewegung und ergänzte damit das Referat von Luise Zietz über die Landarbeiterfrage. Beide Arbeiterkaktegorien standen damals noch unter drakonischem Ausnahmerecht. Jedes Land hatte seine Gesindeordnung wie seine Bestimmungen für Landarbeiter und Landarbeiterinnen. Es gab keine Versicherung auf gesetzlicher Grundlage, nicht für Dienstboten, auch nicht für Wasch- und Putzfrauen. Bei Krankheit waren sie vollkommen schutzlos. Der Dienstbote hatte ( laut gesetzlicher Bestimmung) im Hause des Dienstherrn im Notfall Kranke zu pflegen, auch Ansteckende, aber wenn er selber krank wurde, konnte er entlassen werden. Nur eins hatte der Gesetzgeber vergessen, die Festsetzung der Kündigungsfrist. In der Stadt konnten die Mädchen kurzfristig kündigen, aber auf dem Lande waren ein- bis fünfjährige Kontrakte üblich. Beim Kontrakt bruch führte der Gendarm das Mädchen zurück, im Wiederholungsfall gab es Gefängnis, und auch die Züchtigungsstrafe war noch erlaubt. Auch in der Stadt war es durchaus möglich, in kleineren Orten sogar noch üblich, entlaufene Dienstboten durch die Polizei zurückzuführen. Die Gesindeordnung bezog sich auf Dienstboten vom 7. Lebensjahr an. Die Mannheimer Frauenkonferenz forderte in einer EntschlieBung die Abschaffung der Gesindeordnungen und Gesinde- Dienstbücher, verlangte die Anwendung der Gewerbeordnung und die Ausdehung des gesetzlichen, sozialpolitischen Se utzes auf die in Haushaltungen arbeitenden Menschen. Außerdem die Befreiung von der Pflicht, bei ansteckenden Krankheiten die Pflege zu übernehmen, dazu eine gesetzlich geregelte Arbeits- und Freizeit, Fortbildungschulunterricht bis zum 18. Jahr und die Aufnahme der Stellenvermittlung in die paritätischen Arbeitsnachweise. Die Dienstbotenfrage brachte in der Folge sehr viel Geschäftig -56keit in die sozialdemokratische Frauenbewegung. Die Zentralvertrauensperson( Ottilie Baader) berief in November 1907 eine Außer ordentliche Frauenkonferenz nach Berlin ein, die sich noch einmal ganz speziell mit diesem Fragenkomplex beschäftigte. Es zeigte sich in der Debatte ganz klar, daß die Bewegung nur dort Erfolge haben konnte, wo die Sozialistische Frauenbewegung bereits eine gewisse Höhe erklommen hatte. Die zentrale Zusammenfassung der Organisation mit den dazu gehörenden Aufgaben, z.B. Schaffung eines allgemeinen Dienstvertrages, Errichtung eigener Stellennachweise( in Ermagelung amtlicher), die Schaffung eines InformationsOrgans u.a. waren nach Ansicht der Frauen sehr akut. Bas- gesch Eine fünfgliederige Kommission sollte diese Zusammenfassung und den Anschluss an die Generalkommission einleiten; das geschah. Auf dem Gewerkschaftskongreß in Hamburg 1908 hielt dann Helene Grünberg ein ausführliches Referat, auf das hin eine Resolution angenommen wurde, die die Bahn für alle organisatorichen Arbeiten für die Selbsthilfe der Dienenden frei machte. 1907 hatte Helene Grünberg durch das Vertrauen ihrer Nürnberger such die Freude, an der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Stuttgart teilzunehmen. Ein Jahr später tagte af de die Deutsche Sozialistische Frauenkonferenz in Nürnberg und kam zu fünf Forderungen in der Dienstbotenfrage, wie sie 1907 auf der außerordentlichen Konferenz vorgeschlagen worden waren. Als nach dem Kriege die Erste Nationalversammlung berufen wurde, gehörte auch Helene Grünberg dazu. Auf dem Parteitag und auf der Frauenkonferenz in Kessel 1920 wandte sie sich leidenschaftlich gegen die Anwendung der Verordnung des Demobilmachungsamtes, nach der die verheirateten Fabrikarbeiterinnen zu tausenden aus der für sie so bitter notwendigen Erwerbsarbeit gedrängt wurden. Sie plädierte für endlich/ Zulassung der Frauen zu den Gewerbe- und Kaufmannsgerichten, wogegen sich die bürgerlichen Vertreter in der Nationalversammlung ausgesprochen hatten, zunächst mit Erfolg Ihrer Meinung nach waren die Frauen darauf noch nicht vorbereitet. Helene konnte dem das Nürnberger Schiedsgericht für Hausangestellte entgegenhalten, das nur weiblich besetzt war. B== Dann wurde es still um Helene Grünberg. 1923 and 1924 zeigte sich Symptome einer Nervenerkrankung, die man anfänglich für Ermüdung hielt. Aber es war ein ernstes Leiden, das sie 1924 in den Ruhestand zwang. Am 7. Juli 1928 setzte sie diesem Leiden selber ein dar Ende. Ihr Leiden machte ihr offenbar das Leben unmöglich. Literatur: Protokolle der Parteitage u. Frauenkonferenzen, Mannheim 1906, Nürnberg 1908, Kassel 1920 Paul Bartel, Handbuch der Deutschen Gewerkschaftskongresse, Auszüge aus Nürnberger Arbeiterbewegung v. 1868- 1908 v. Gg.Gärtn Jahresbericht d.Nürnberger Arbeiter O Henriette Fürth. ( 1861-1938) Die Verfasserin erinnert sich an eine große, sorgfältige Sammlung von Berichten und Urteilen über hunderte von Kindermißhandlungen aus dem gesamten Reichsgebiet, gesammelt von dem sozialdemotratischen Reichstagsabgeordneten Simon Katzenstein. Er war uns Frauen wohl bekannt, weil er sich so intensiv mit den Fragen des Kinderschutzes befasste, sowohl im kaiserlichen als auch später im Weimarer Reichstag. Er stammte aus liberalem, angesehenem Hause in Gießen, wo sein Vater Holzhändler war; die Kinder des Hauses müssen zu der freiheitlichen Gesinnung auch das soziale Bewußtsein und das Verantwortungsgefühl von den Eltern mitbekommen habeb denn Simon Katzenstein und seine Schwester Henriette sollten sich beide im Leben durch tatkräftiges soziales Mitgefühl auszeichnen. Henriette hatte die Höhere Mädchenschule besucht und wollte, wie fast alle aufstrebenden Mädchen ihrer Zeit, Lehrerin werden. Sie wollte nicht im Haushalt der ltern resignieren, sondern hoffte, ihre künstlerischen, erzieherischen und sozialen Neigungen im Beruf erfüllen zu können. Auf keinen Fall fehlte es ihr dazu an Tatkraft, Phantasie und Intelligenz. Trotzdem kam es anders, als das junge Mädchen es sich vorgestellt hatte. Sie wurde mit 19 Jahren die Gattin des Kaufmannes Wilhelm Fürth in Frankfurt a.M. In den zwanziger Jehren war er Geschäftsführer einer Gesellschaft für Kleinwohnungbau, und das war ein Gebiet, das Henriette ihr Leben lang mit in den Bereich ihres vielseitigen, sozialen Interessengebietes bezogen hatte. Aber auch sonst muß die Harmonie zwischen den Ehegatten vollständig gewesen sein, und er ebenfalls ein sozial aufgeschlossener Mensch; demeine so ausgedehnte, praktische und schriftstellerische Arbeit auf dem gesamten Gebiet der Sozialpolitik kann eine Ehefrau, dazu Mutter von 7 Kindern, nur entfalten, wenn sie die moralische Unterstützung eines verständnisvollen Ehegefährten hat. Schon bei ihrem ersten Auftreten in der breiteren Paertei- Öffentlichkeit auf dem Parteitag in Gotha 1896 bewies Henriette Fürthe ihre Tüchtigkeit und ihre Unabhängigkeit. Sie betonte auch sehr deutlich und entschieden, daß sie Sozial- Demokratin sei: nur revolutionär sein, das führe nach ihrer Meinung dahin, daß man nicht über die engen Schranken des Klassenstand punktes un der Klasseninteressen hinauskäme. Der Sozialismus mü müsse sich jedoch gegen alle Klassen durchsetzen, müsse versuchen alle Klassen zu erobern, zu durchdringen, über sie emporzusteigen. Es war die Zeit von Clara Zetkin's Vorherrschaft in der Frauenarbeit. Das 60 hielt Henriette Fürth nicht ab, in der Diskussion im Gegensatz zu Clara zu behaupten, daß viele unserer Frauenforderungen auch vom linken Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung vertreten würden, und daß man manchen Weg mit ihnen zusammen gehen könne. Sie hatte die glücklichen Gaben des Geistes und des Temperaments sowie der Unabhängigkeit, mit denen sie sich als Persönlichkeit behaupten konnte. Sie brillierte nicht mit ihrem Wissen, war immer ruhig, sicher, sachlich und äußerte sich niemals überspitzt. Sie empfand es als einen Erfolg ihrer Bemühungen, daß die erste sozialistische Frauenkonferenz, 1900 in Mainz, in eine EntschlieBung zur Frage der Mitarbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung eagte: ..... es soll nicht länger verpönt sein, wenn die eine oder andere Genossin hier und dort mitarbeitet; wenn sie es aus sachlichen Gründen für richtig hält, bliebt bleibt es dem Takt der Pinzelnen überlassen." Henriette Fürth bewegte sich immer in diesen liberalen Frauenkreisen und zwischen den bürgerlichen Reformern, als wenn sie zu ihnen gehörte, ohne eber je ein Hehl daraus zu machen, daß sie Sozialdemokratin war. Unwiderstehlich stark war in ihr das Bestreben, sich mit allen Frauenfragen auf der sozialpolitischen Ebene zu befassen. Wie bei allen Menschen mit weitem Gesichtsfeld unf praktischem Sinn stand bei ihr neben der Tatsache der sozialen Not gleich die Frage nach dem Wie der sozialen Hilfe. Ihre Broschüre" Fabrikarbeit verheirateter Frauen" wurde 1902 als Material verbreitet. Auf dem Kongreß der" Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten" 1903 verlangte Henriette Fürth die Eindämmung der Prostitution durch soziale Maßnahmen. Bei der Intensität ihrer Arbeit wurde sie als Sozialpolitikerin bald bekannt. In der Zeitschrift" Beue Welt" arbeitete sie mit, später auch in der von Rudolf Hilferding im Auftrage der Sozialdemokratie herausgegebenen" Gesellschaft". Ihrer Überzeugung folgend, daß man mit den wohlwollenden bürgerlichen Frauen mitarbeiten solle, schrieb sie auch in der Zeitschrift der bürgerlichen Frauenbewegung" Die Frau", herausgegeben von Helene Lange und Gertrud Bäumer. Dort veröffentlichte sie eine Arbeit" Über die Iddee des Rechtsschutzes für Frauen". Sie arbeitete selbst an einer Stelle für Rechtsschutz für Frauen mit; das war damals ein großer und wichtiger Arbeitszweigt der praktischen Hilfstätigkeit für Frauen. Die Frauen waren in vielen Punkten rechtlos, aber was beinahe noch schlimmer war, cherkant die Rechte nicht, die sie hatten. Deshalb halfen und SPD it Rechtsberatung, -61und in größeren Städten gab es außerdem die Rechtsschutzvereine. Natürlich waren sämtliche Einrichtungen unentgeltlich, da es sich ja um Frauen handelte, die zu arm waren, um einen Anwalt bezahlen zu können. In Frankfurt entwickelte sich aus der Rechtsschutzarbeit die Sorge um die Ziehkinder, die eltern- oder mindestens vaterlosen Kinder, die auf dem Lande untergebracht waren. Wohl hatte die Polizei Listen der auf dem Lande untergebrachten Kinder, aber von da bis zur Lösung der Erziehungs- und anderer Schwierigkeiten war noch ein weiter Weg, und die Abhilfe der Mißstände blieb unvollkommen, wie wir aus der Feder von Henriette Fürth wis en. Sie hatte/ uch über dies Thema geschrieben, und ihre Arbeiten fanden immer mehr Anerkennung. Heute können wir in der Bibliothek der Frankfurter Universität folgende Schriften von ihr entleihen: 1. Fin mittelalteres Budget über einen 10jährigen Zeitraum. 2. Die Verteuerung der Lebenshaltung i.Lichte d.Massenkonsums ( 1907) 3. Die Mutterschaftsversicherung.( 1911) 4. Die soziale Bedeutung der Käufersitten( 1917). 5. Das Bevölkerungsproblem in Deutschland. Dazu kam 1914 im Albert Langen Verlag das kleine Buch über die Hausfrau." Die Stadt Frankfurt ehrte Henriette durch eine Ehrenplakette, die Universität durch eine Threnurkunde. Während des Krieges arbeitete Henriette Fürth im Nationalen Frauen dienst. Sie war hervorragend an der Errichtung und Führung der über das Frankfurter Stadtgebiet verstreuten Kriegsküchen, dazu in den Hausfrauehberatungsstellen beteiligt, denen damals eine ganz besondere Bedeutung zukam. Henriette Fürth sah in dieser Ent wicklung die Erfüllung vieler, seit jeher gehegter Wünsche, nämlich ein Hineinwachsen des weiblichen Teils der Bevölkerung in den allgemeinen Pflichtenkreis. Das war es, was sie immer für die Frauen der Arbeiterbewegung gewünscht hatte. Als die Frauen das Wahlrecht erhielten, wurde sie in ihrem so geliebten Frankfurt Stadtverordnete( von 1919 bis 1924) und konnte mit ihrere= Sachkenntnis gerede auf kommunalem Gebiet vieles tun, wie ihre lange Mitarbeit am" Frankfurter Institut für Gemeinwohl" bewiesen hat. In der Volkshochschule war sie eine beliebte Lehrerin. Außer in mehreren Gesellschaften, wie in der zur Bekämpfung der Geschlecht krankheiten, in der sie jahrzehntelang mitarbeitete, war sie auch in der nach dem Kriege neu gegründeten" Arbeiterwohlfahrt" tätig, und weiterhin in der Frauenarbeit der Partei. Die Weisheit des siebenten Jahrzehnts sprach nun aus ihr, wenn sie in Debatten das Wort ergriff. -62Die Anfänge des Dritten Reichs erlebte sie leider noch. Was und Wieviel sie durchgemacht hat, wissen wir nicht. Sie hatte aber den einen Trost, daß ihr Lebensgefährte vor ihr das Reich der Schatten betreten hatte, und dass ihre Kinder ausgewandert waren. Sie lebte zuletzt ganz zurückgezogen und starb 1938. Auf dem jüdischen Friede hof in Frankfurt fand sie ihre Ruhestätte. Toni Pfulf ( 1877-1933) Ein zierliches Figürchen mitklugem, von scharfer Gedan= kenarbeit gezeichnetem Gesicht und- machmal- ein klein we nig spöttischen, aber immer gütigen Augen gehörte einer der Frauen, die aus einem anderen als dem Arbeitermilieu zu uns kamen.Von der väterliehen wie von der mütterlic chen Seite her, waren Tonis männliche Vorfahren Offizie= re und Juristen und zur weiteren Familie gehörten auch Verteter der hohen katholischen Geistlichkeit. Ihr Va= ter war bayrischer Major. Die Familie war einmal recht wohlhabend gewesen, aber gegen Ende des vorigen Jahrhun derts war von dem alten Glanz nichts mehr vorhanden. Tragisch daran war nur, dass der alte Lebensstil auf= recht erhalten werden sollte, und daß die Opfer die= ser Blindheit gegenüber der wirtschaftlichen Veränderun die Töchter waren. Man erzog sie im Hause Pfülf noch für die standesgemäße Ehe, für die die materiellen Voraussetzungen nicht mehr da waren. Toni ließ sich die Bevormundung durch die Familie nur bis zu ihrer Großjährigkeit gefallen, danach besuchte si mit geborgtem Geld die Lehrerinnenbildungsanstalt in München, was bedeutete, daß sie auf Jahre hinaus unter Entbehrungen leben mußte. Oberammergau und Lechhausen waren ihre ersten Stationen. In der idyllischen Land= schaft lebte sie von 1902 bis 1907 als Dorflehrerin, dann ging sie nach München. Leider hatten die idyllische Dörfer keine hygienischen Lehrerwohnungen, oder viel= mehr keine gut funktionierende Gesundheitspolizei: in der nichtdesinfizierten Wohnung einer an Tbe erkrank= ten Vorgängerin hatte sich Toni, die infolge der voran= gegangenen Entbehrungen nicht mehr widerstandsfähig ge= nug war, ebenfalls eine Tuberculose geholt.Sie ging für längere Zeit in ein Lungensanatorium, bis es ihrem unge= duldigen Temperament zu viel wurde. Sie anhm ihre Be= handlung selbst in die Hand, setzte sich hoch oben am Gebirge in eine Sennhütte, die ihr billig überlassen wurde und lebte dort in der Einsamkeit so vernünftig, dass sie wieder arbeitsfähig wurde. Ein Riese an Gesund heit ist sie nie whehкr geworden, aber sie hatte in ih= rer Eigenwilligkeit schon das Richtige getan. Sie mußte später noch hin und wieder ihre Tätigkeit krankheitshal ber unterbrechen, aber niemals hat das Kranksein sie ge hindert geistig intensiv zu arbeiten und sich für Poli= tik und öffentliches Leben zu interessieren. -63Von Anbeginn dieses Interesses an, bekannte sie sich zur Sozialdemokratie.Während des Krieges( 14-18) arbeitete sie in München als Armen- und Waisenrätin. Daher konnte sie bei Ausbruch der Revolution Mitglied des Landesar= beiterrates, Vorsitzende des Ortslehrerrates und des Bunde des sozialistischer Frauen sein. Toni war ein treuer Freund; wenn sie sich jemanden angeschlossen hatte, hielt ihre Freundschaft allen Stürmen stand ,. Ihr Grundsatz war daß man nicht aufhören dürfe, das Band einer einmal ge= knüpften Freundschaft festzuhalten. Wenn man an dem Andern etwas entdecke, was einem als menschliche Schwäche er= scheine, dann müsse man ihn umso lieber haben. Diese Lie= be, die sie für einzelne Menschen aufbrachte, hatte sie auch für die ganze sozialdemokratische Partei.Sie sah auch hier manches, was sie anders wünschte und sie hatte dafür immer eine geschichtliche oder in der Erziehung liegende Erklärung. Sie liebte diese große Bewegung und ihre Menschen- und sie verstand sie. Kein Wunder, daß ih Denken und Fühlen sich in ihres Art ausprägte und ihr die Herzen gewann. Ihre Partei und Parlamentsarbeit war dank ihrer Klugheit und ihrem Fleiß von allergrößtem Wert. Sie hatte eine, vielleicht ererbte, besondere Begabung für juristisches Denken. In der Nationalversammlung nahm sie am neu ent= stehenden Verfassungswerk lebhaften Anteil. Im Reichstag war sie x* x* x* x* x* x***** r Schriftführerin im Justizaus= schuß, dessen Vorsitzender, der Strafrechtler Professor Wilh.Kahl auf ihre Mitarbeit den allergrößten Wert legte. Man sagt, er sei sichtlich nervös geworden, wenn die Schriftführerin nicht gleich zur Stelle war. Prof.Kahl, ein überaus menschlicher und gütiger Gelehrter, arbeitete an einem neuen Strafrecht, einem bitter notwendigen Werk, dem seine ganze Kraft galt, dessen Vollendung aber durch die Machtergreifung" des Nazismus verhindert wurde.Mit die sem Werk wäre auch Toni Pfülfs Name verbunden gewesen, dexжren parlamentarische Tätigkeit zu einem wichtigen Tei der Vermenschlichung des Strafvollzugs gewidmet war. Auch an Vorlagen zur Schulgesetzgebung, zum Familienrecht und zur Jugendfrage arbeitete sie mit. Zu denselben Fragen nahm sie auch innerhalb der Partei das Wort, und die Parteitags und Frauenkonferenzprotokolle zeigen uns, wie sie oft für Ideen eintrat, um deren Ver= wirklichung wir heute noch- oder wieder- ringen. Dazu gehört die" Gleichberechtigung der Genossinnen untereinander", di an der Schüchternheit und dem gegenseitigen Mißtrauen der Frauen zu scheitern drohen, dazu gehört das Eintreten für weltliche" Einheits"-besser" Gemeinschaftsschule" und da= zu gehört vor allen Dingen unser Einfluss auf die Eltern= organisationen der Schule, der heute leider wie damals zu wünschen übrig läßt." Ich ahlte es für eine große Unter= lassungssünde der Parteiorganisation draussen кxim Lande, dass sie sich den Einfluss auf die Elternorganisation hat entgehen lassen"-sagte Toni Pfulf.Ihre Kritik entsprang einer wohlwollenden Haltung, die die Selbsterkenntnis und das Verantwortungsgefühl wecken und den Fortschritt herbe führen will. Aus diesem Gefühl heraus schrieb sie bei ei= . -64ner Frauenkonferenz( 1920) dne Männern noch etwas besonderes ins Stammbuch, was heute gilt wie damals:" Intellectuell tre= ten die Sozialdemokraten natürlich für die individuelle Ent= wicklung der Frauen ein, für ihre wirtschaftliche und sozia= le Befreiung; denn sie wissen, welche Gefahr für die soziali= stische Entwicklung das Gegenteil bedeuten würde.Aber die große Masse der organisierten Arbeiterschaft ist in ihrem H Herzen nicht für die Befreiung..... Der Geschlechtsstolz trägt den Sieg über die Prinzipien davon." Niemand nahm Toni derartige Attacken übel, selbst Otto Wels nicht, den sie einmal wegen seiner scharfen Kritik der Jung= sozialisten angriff.Ganz eindeutig und unbezweifelbar stand ihre saubere Gesinnung hinter ihren Worten und ihrem Wollen. Ich habe nicht erlebt, daß sie mit ihrer Kritik auf belnehmen gestoßen wäre; niemals hat sie sich beklagt, daß sie- die doch aus keiner ganz anderen gesellschaftlichen Schicht kam, sich fremd und unwillkommen fix fühle. Die Frauenbewegung war wohl nun endlich über dies Stadium hinausgewachsen. Der große Kummer ihrer letzten Lebensjahre war ein anderer. In diesen Jahren der intensiven Arbeit im öffentlichen Dienst überfielen uns alle die Schatten des Kommenden. Toni gehörte zu der Schar derer, die sich keine Illusion über die Zukunft mehr machten. In ihr verband sich die weibliche Intuition mit einem großen Wissen und ihrer menschlichen Reife zu ei= ner Urteilsfähigkeit, vor der man oft stumm werden mußte. Als nach dem sogenannten Umbruch die zweite Reichstagssit= zung unter Hitler stattfinden sollte, fuht sie noch einmal nach Berlin. Nicht, um an der Sitzung teilzunehmen, sondern um der sozialdemokratischen Rumpffraktionst davon abzuraten. Auf der Rückfahrt von Berlin nach München machte sie den ersten Versuch, aus eigenem Willen für immer einzuschlafen. Aber die Zeit hatte nicht ausgereicht, um es gelingen zu las= sen. Nach einigen Wochen Krankenhaus wurde sie nach Hause entlassen, wo sie jetzt bessere Vorsorge treffen konnte, um ungestört den letzten Weg zu gehen. Ihre nächsteb Freunde ha= ben immer gewußt, daß diese Frau einen einaml mit Überlegung gefaßten Entschluß auch durchführen würde. Der Tod ist nicht das letzte Wort, das über das Leben gespro= chen wird. 209 65Clara Bohm- Schuch. ( 1879- 1936) 1908 lernte ich Clara Bohn- Schuch kennen. Mein Weg hatte mich in den Arbeiterort Berlins geführt, in dem sie wohnte, und in dem sie mit tätiger Anteilnahme in der Arbeiterbewegung stand. Rixdorf, so hiess das heutige Neukölln damals noch, hatte eine besonders lebendige, aufstrebende Arbeiterbewegung, oppositiozugleich nell und doch realpolitisch hatten diese Arbeiter einen starken kulturellen Auftrieb, der sich in mustergültigen Veranstaltungen zeigte. Eine zart und fein wirkende Frau trat mir entgegen mit merkGrund der würdig klaren durchdringen Augen, die bis auf den Seele zu sehen schienen. Ich fühlte sehr bald, daß wir uns verstanden, und wir haben Freundschaft gehalten, all die Jahre hindurch. Wir haben uns über vieles unterhalten und manche Arbeit gemeinsam getan. Aus Stechow in der Mark war sie, sehr jung noch, nach Berlin gekommen. Die Eltern besaßen eine kleine Büdnerstelle, sechs Kinder bevölkerten das Haus, wollten satt gemacht und gekleidet werden, es ging knapp her. Aber beide Eltern machten kein Hehl daraus, daß sie Pazifisten seien und den Krieg verabscheuten, Grund genug für den Herrn Amtsvorsteher, den armen Büdnersleuten das ohnehin schwere Leben noch schwieriger zu machen. An der Gesinnung der Familie Bohm in Stechow hat das nicht das Geringste geändert. W0TH Clara hatte die Dorfschule besucht. Schon als sie nach Berlin ging, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen, fühlte sie das Bedürfnis, nicht nur dem primitiven Zweck der" Erhaltung des Lebens" zu diesen sie wollte mehr, wollte bewußt leben. Darum suchte sie sich bald einen Beruf, der ihr die Zeit und Kraft zu weiterer Ausbildung lassen würde. Sie brachte es fertig, eine Handelsschule zu besuchen, und damit war der erste Schritt getan. Im neuen Beruf bewährte sie sich und stieg zur kaufmännischen Korrespondentin und weiter zu Vertrauensstellungen auf. Wir beide haben uns gerade darüber in einem weiteren Zusammenhang unterhalten: wir sprachen davon, welche Möglichkeiten der Beruf- das Verdienenmüssen aufstrebenden jungen Menschen lässt, sich weiter zu bilden. Die Hinweise auf ihren eigenen Lebensweg, die sie mir dabei gab, zeigten mir, wie sicher und freudig sie an sich gearbeitet hatte, und wie sie den Weg in eine geistig freiere Luft gesucht hatte, nicht um stehen zu bleiben, sondern zu immer neuer Bemühung und Entfaltung. Clara hatte von ihrer Mutter eine Begabung zum dichterischen . Ausdruck mitbekommen. Ich habe diese Mutter noch kennen gelernt, da sie nach dem Tode ihres Mannes bei Chara, die zu der Zeit schon Bohm Schuch hieß und selbst Mutter war, ihren Lebensabend verbrachte. Die Mutter, durch Arbeit, Armut und Sprgen niedergehalten, hatte zwar ihren Geist nicht ungehindert entwickeln können, doch hat sich mir ihr heller Verstand, ihr gütiges Herz und der seelische Ausdruck ihrer Persönlichkeit tief ins Gedächtnis geprägt. Sie hat auch noch in diesen Jahren ihre Gefühle oft in einem kleinen Gelegenheitsgedicht sprechen lassen. Wie Clara sie selber sah, sollen zwei von den Versen zeigen, die sie ihrer Mutter widmete: Meine Mutter ist tot! Es erlosch ein Stern, Ein gütiges, klares Himmelslicht, Ein warmer, ruhig leuchtender Schein, Wie, wenn durch Wolken die Sonne bricht- So war mein liebes Mütterlein. Meine Mutter ist tot! Nie sehe ich mehr - Wie sie nimmer müde- das Tagwerk schafft. Die lieben Hände so rissig und hart, Der Rücken gebeugt, die Augen so hell, So ganz aller Liebe und Güte Quell, Leben und Wirken, Segen und Kraft. Bereits mit 25 Jahren war Clara in einem bestimmten Umkreis, vor allem in der Arbeiterbewegung, durch ihre Gedichte, Skizzen und Betrachtungen bekannt geworden. Vom Geistebleben ihrer Beit hatte besonders der Sozialismus sie angezogen, und die sozialistische Literatur war ihr vertraut. Mit ihrem geistigen Wachstum, mit dem Aufblühen einer beglückenden Schaffenskraft, ging Hand in Hand das Wachsen ihrer Teilnahme an der Arbeiterbewegung, in der sie viele Menschen kennen und schätzen lernte,: Menschen voll des glühendsten Idealismus und unerschütterlichen Opferbereitschaft", so sagte sie es mit tiefer Freude ihrem Lebensgefährten. Der war, und das war ein großes und dankbar empfundenes Glück für sie, zeitlebens ein guter Kamerad, immmer fördernd, nie hemmend. Er verstand sie, und mit ihm konnte sie über Welt und Menschen sprechen, wie es ihr am Herzen lag. Und sie entdeckte Menschen, immer wieder entdeckte sie in der Partei, in der Gewerkschaft, unter jungen Menschen und im" Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse", der damals noch die immer gefährdete Heimat der sozialdemokratischen Frauen war, So kam es ganz von selber, daß sie bekannt wurde und überall dort hineingewählt und berufen wurde, wo sie mit ihrem sozialen Sinn, mit ihrer Aufgeschlossenheit, mit ihrer mütterlichen Art nützen konnte. Sich nützlich fühlen, war immer ihre innige Freude. 6% daß Als 1903 ein lange von den Sozialisten erstrebtes Kinderschutzgesetz verabschiedet wurde, war es so voller Lücken, und so schwer zu überschauen darum desto leichter zu umgehen man aus den Kreisen der Arbeiterschaft Kinderschutzkommisionen zu bilden beschloss, um es überhaupt wirksam zu machen. In ihrer Wohngemeinde übernahm Clara B.- Sch. die Leitung der Kommission. Ihr war dies die liebste Arbeit, die das Glück und das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen erstrebte. Mit ihrer Hilfe, und in enger Zusammenarbeit mit dem Stadtverordneten mil Wutzky, entstand, aus kleinsten Beiträgen, das erste Berliner Heim für die arbeitende Jugend. Das Jahr 1903 war für die Arbeiterschaft bewegt und bedeutungsvoll: es brachte den großen Weberstreik in Crimmitschau, und die Einzelheiten seines Verlaufs wühlten alle denkenden und fühlenden Menschen auf. Auch Clara, die alle Erregung, die sie vor Jahren empfungden hatte, als sie Gerhard Hauptmann's Weberdrama kennenlernte, nun in die Wirklichkeit umgesetzt und noch grauenvoller wiederfand. Wie gönnte sie es den armen, stre kenden Weberinnen, daßsie doch einmal im Leben mit ihrem Kind auf dem Schoß in der Sonne sitzen konnten, wenn auch unter solchen Umständen. 17709 Clara war eine gern gehörte Rednerin, ja, sie wurde- ich spre che es nur zögernd aus, weil wir in der Sozialdemokratie mit diesem Attribut von jeher sehr sparsam gewesen sind geliebt, nicht nur in Berlin, sondern überall dort, wohin sie ihr Weg im freiwilligen Dienst an der Arbeiterbewegung führte. War es die beseelte Art ihres Sprechens? Die ungewollte Kunst, sich in die Herzen und Hirne ihrer Zuhörer einzufühlen, für ihre Sorgen und kümmernisse, für ihr Hoffen und Wollen den Ausdruck zu finden, von dem sie meinten, daß er ihnen selbst aus dem Herzen käme? Ich denke an eine Versammlung zurück, die mir einen tiefen Eindruck hinterließ. Es war 1911, im Herbst oder Winter. Die besondere Hitze des vergangenen Sommers hatte die, damals allgemein in Deutschland noch sehr hohe Säuglingssterblichkeit auf eine erschreckende Höhe hinaufgetrieben, die sich besonders auf die Arbeiterquartiere konzentriert hatte. Und nun sprach Clara über dies jammervolle Säuglingsterben, sprach von diesem" wundervollen Sommer voll Licht und Sonne, darin die Kinder hätten aufblühen können, wenn die Wohnberhältnisse es zugelassen hätten, die Lebensbedingungen der Arbeiter, die Arbeits- und Gesundheitsverhältnisse der Mütter. Sie sprach sachlich, aber mit so bitterer Folgerung aus den sachlichen -68Voraussetzungen, daß es die Zuhörer tiefer anpackte, als alles Pathos. Die Folge ihres Vortrages war, daß Berliner Ärzte, vor allem unser Neuköllner Arzt Dr. Silberstein kommunale Mütterberatungsstellen ins Leben riefen mit Stillbeihilfen für Mütter. Das war ein wertvoller Anfang in der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit. Es wurde hier einmal diese wichtige Aufgabe praktisch angepackt, aber auch die Mütter geschult. Durch die großzügige Aufklärung der Öffentlichkeit wurde das Gewissen aller geschärft, den Wert des geborenen Lebens zu erkennen und zu erhalten. Das war so recht ein Arbeitsfeld für Clara B.- Sch, ihre Jahre vergingen in unermüdlicher, dankbar als schön empfundener Arbeit. und Während des Krieges arbeitete Clara auf all den Gebieten, auf denen sie sonst auch gearbeitet hatte, nur mit mehr Zeit, denn 1hr Mann stand als Pionier im Felde. Sie hatte dabei viel, leider allzuviel Gelegenheit, das Versagen des Staates gegenüber den im Krieg in bittere Not geratenen Menschen festzustellen. " Die Kinder im Weltkrieg" heißt eine kleine Broschüre, die damals entstand, und die uns noch heute einen lebendigen Eindruck giebt von der Kindernot Berlins- vor dem Kriege, und verschärft beim Ausbruch und mehr noch während der Dauer des Krieges. Clara sah diese große Kindernot mit ihrem verstehenden mütterlichen Blick, aber zugleich mit der Erkenntnis eines sich mitverantwortlich fühlenen Mitgliedes des Staates und der menschlichen Gesellschaft. 9 Nach der unseligen Parteispaltung 1917 gehörte Clara zu denen, die tatkräftig beim Neuaufbau mitarbeiteten. Ihr Name stand mit unter einem Aufruf" Die Frauen und der Friede" der am 26. Oktober in" Vorwärts" abgedruckt wurde. Nach Clara Zetkin's Austritt aus der alten Partei übernahm sie die Bürde, die" Gleid heit" zu redigieren. Sie tat es bis zum Herbst 1922, als der Parteivorstand einen Versuch mit einer anderen Zeitungsform beschloss. Sie hatte überreichlich Arbeit, denn sie gehörte längst dem Reichsausschuß für Sozialistisches Bildungswesen. an, auch dem Sozialistischen Kulturbund. Im Mai 1919 wurde sie von der Sozialdemokratischen Fraktion der Natinalverslg. dazu bestimmt, in der großen Sitzung im Aulagebäude der Berliner Universität zum bevorstehenden Friedensvertrag zu sprechen." Das Leid der Fra en war international, solange der Keige Krieg tobte....., sagte Clara B.- Sch. und appellierte an die Menschlichkeit der Entente- Regierungen. Dem Fräsidium des Reichstags gehörte die von 1920 bis 1933 an und war Mit0 -69Mitglied des" Barlamentarischen Ausschusses der Kriegsschuld." zur Erforschung Als dann 1933 die Miẞhandlungen der Menschen einsetzten, die sich der Braunen Macht widersetzten, da versuchte Clara B.- Sch. zu helfen, wo sie konnte. Das Protokoll über die Mißhandlung der Stadtverordneten Marie Jankowski übergab sie selbst dem neuen Reichstagspräsidenten Göring, der ihr zusagte,".... jawohl, Frau Kollegin, es wird eingeschritten werden". Es wurde eingeschritten, bald darauf wurde Clara nach langer Haussuchung verhaftet. Sie war nur 15 Tage in Haft, aber diese 15 Tage nazistischer Haft haben genügt, ihre zarte Gesundheit zu untergraben. Ihr blieben nur noch wenige Lebensjahre. Ihre kkien kleine Familie und der mege Kreis der Freunde, mit denen sie noch zusammenkommen konnte, denken mit Liebe und Bewunder rung an diese Zeit zurück, in der sie noch so viel Menschlichkeit und Güte ausgestrahlt hat. Anfang Mai 1936 erschien in einer Berliner Zeitung eine schlich te Anzeige, die den Tod von Clara Bohm- Schach meldete. Fast schien es, als sei sie von der Gestapo vergessen worden, denn zu der Totenfeier in der Halle des Friedhofes am Baumschulenweg kamen ungehindert ungezählte Genossen aus der Zeit glücklichen Zusammenarbeitons. Waren es zehntausend oder fünfzehntausend? Es war die größte antifaschistische Demonstration jener Zeit. Die Gestapo machte allerdings ihr Versagen wett, indem sie am Tage der Urnenbeisetzung, als nur Mann und Tochter auf dem Friedhof waren, zahlreiche Agenten dorthin bemühte. 56 Jahre als war Clara Bohn- Schuch, als der Tod sie rief. Ihre Persönlichkeit leuchtet noch einmal vor mir auf, wie ich das schmale grüne Bändchen ihrer Gedichte durchblätter: Frühlings ahnen. Wie der Strmwind die Bäume schüttelt, Wie er das Alte und Morsche zerschlägt, Wie er in jubelnden Siegesliedern, Lebenskraft durch die Lüfte trägt. Wo ist Raum und wo ist das Enede, Wo sind die Grenzen dieser Kraft, Die nach ehernen, ew'gen Gesetzen Aus dem Alten das Neue schafft? Literatur: Aufzeichnungen von Willy Schuch, Diverse ZeitungsArtikel Clara Bohm- Schuch: Dedichte, Verlag Stomps, Berlin Die Kinder im Weltkrieg, Verlag Baumeister, Berlin Willst Du mich hören? 11 Elisabeth Kirschmann- Röhl. ( 1888-1930) Worin eigentlich bestand der Reiz dieser Persönlichkeit? War es ihre echte Weiblichkeit, war es ihr starkes, nie von ihr verleugnetes Gefühl, das sich mit klugem Urteil verband? Und was war sie besonderes für unsere Bewegung? isabeth hatte außer ihrer liebenswürdigen, klugen Persönlichkeit und ihrem starken sozialen Verantwortungsbewußtsein, das sie mit vielen teilte, eine besondere Anziehungskraft durch ihre ganz natürliche, angeborene Begabung für Gestaltung, für Kunst. Sie war das jüngste Kind eines Zimmermeisters, der schon bei ihrer Geburt seine Selbständigkeit der industriellen Entwicklung der Zeit hatte zum Opfer bringen müssen. Er war nicht kapitalkräftig genug, um sein Geschäft in der mittelgroßen märkischen Stadt zu halten, hatte wohl auch nicht die robusten Ellenbogen, um den scharfen geschäftlichen Konkurrenzkampf, der Nachsiebziger Jahre bestehen zu können. Aber die Änderung der sozialen Lage änderte nichts am Lebenszuschnitt der Familie, denn es war schon vorher knapp gewesen, und auch nichts an dem guten, harmonischen, frohen Familienleben. Die Mutter war klug, wenn auch ängstlich, aber sie übte gute Lebenskunst. Der Vater hatte Sinn für das Schöne und strebte nach menschlicher und beruflicher Entwicklung, wenn auch nicht nach wirtschaftlicher. Elisabeth wäre gern länger zur Schule gegangen, aber sie fand sich ab und hatte im Umgang mit ihren gewerkachftlich organisierten älteren Geschwistern Gelegenheit genug, sich weiter zu bilden und die Arbeiterbewegung kennenzulernen. Mit 16 Jahren ging die mit einer Schwester nach Berlin and lernte dort die sozialistische Frauenbewegung kennen. Eine zu frühe, ungute zhe, löste sie wieder auf. Ab 1908, nachdem das Vereinsrecht die Möglichkeit dazu gab, zählte sie mit ihren kappp 20 Jahren zu den begehrtesten Rednerinnen der Frauenbewegung und des Sozialismus. Von Berlin wurde sie 1913 ins Rheinland verschlagen, wo sie sich bald so wohl fühlte, als sei sie dort geboren. Sie fand in Köln auch den richtigen Lebensgefährten, der ihr und dem sie das Möglichste an menschlicher Erfüllung gab. Dann kam der Krieg. Das Helfenkönnen, das aus innerem Drang heraus Helfenmüssen war ihre Art, den Krieg zu ertragen. Sie hatte inzwischen Verbindung mit der rheinischen Zeitung gefunden, und die Mitarbeit an der Frauenbeilage war ins ihrer Mittel, zu helfen und aufzuklären. So, als sie schrieb:" Es ・ アイー gälte Front zu machen gegen den Geist, der die Unterstützung empfangenden Kriegerfrauen wie Ortsarme behandeln wolle. In Bezug auf die sozialistische Frauenarbeit stand sie auf dem Standpunkt, die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Frauen nicht ganz zu verneinen. Ihr wichtigster Beitrag zu unserer Sache neben iher aufopfernden Tätigkeit in der Arbeiterwohlfahrt, in- g in Jugend- und in Fürsorgearbeit-war, daß sie einen Weg zur Gestaltung des äußeren Lebens der Arbeiterfamilie wies. Ihr Vater hatte gr ihr etwas von seiner gediegenen handwerklichen Begabung, seinem Schönheitssinn und seinem Kulturinteresse vererbt, denn Elisabeth richtete sich nach dem Grundsatz( den auch der Deutsche Werkbund proklamierte) " Was schön ist, muß auch zweckmäßig sein, und nur das Zweckmäßige ist wirklich schön". Nach diesem Grundsatz machte sie ihre Vorschläge zur Wohnungskultur, und warb in Wort und Schrift bei den Genossinnen für Einfachheit und Klarheit der Linienführung. In Schrift, das war eine Zeitschrift" Die Frau und ihr Haus", die von der Werbetselle für Deutsche Frauenkultur Köln herausgegeben wurde. Elisabeth hatte den Plan, das Material, das ihr durch die Mitarbeit an der Zeitschrift zur Verfügung stand, für eine Beilage zur" Gleichheit" auszunutzen, und Clara Bohm- Schuch war damit einverstanden. Aber auch wenn die alles verschlingende Inflation nicht diesem Beginnen ein frühes Ende gesetzt hätte, waäre es eine sehr mühevolle und wahrscheinlich erfolglose Arbeit geworden. Bie Arbeiterfrau war noch zu wenig vorbereitet, um sich für das Einfache, das zweckmäßig Schöne zu entscheiden. Für zu Viele war noch immer die falsche Pracht der Gründerjahre, die Pracht aus zweiter Hand eine Verlockung, weil es die einzige Pracht, der einzige Schmuck war, den sie kannten. Die Zeit war zu kurz, um in den aus dem Dunkel der Lohnknechtschaft aufstrebenden Schichten Sinn für Form und Maß zu erwecken. In sich selbst hatte Elisabeth diesen Sinn zu schöner Vollendun dung entwickelt, und teilte ihrem engeren Freundeskreis davon mit. In ihrem schlichten Arbeitszimmer hatte sie eine erlesene kleine Bibliothek, Kunstmappen und Notizen gesammelt. Auf ihren Reisen, die ja meist politischen Zweck hatten, versäumte sie nie, eine Stunde für sich allein in einem Museum, einem Dom, einer Kunststätte zu verbringen, wo immer eine war. 4999 1919 schickte die sozialdemokratische Partei des Rheinlandes die 31 jährige in die Nationalversammlung nach Weimar, später in den Preußischen Landtag. Außerdem wurde sie in Köln als gehört Anna Stadtverordnete aufgestellt. Im Preußischen Landtag war sie ab 1928 Vorsitzende des Sozialpolitischen Ausschusses, in der Arbeiterwohlfahrt, Mitglied des Hauptausschusses and Leiterin der Anstalts- Kommission. Unermüdlich pendelte sie( wöchentlich ein Mal) zwischen Berlin und Köln hin und her. Dabei mußte sie neben der Parlamentsarbeit Zeit finden, die Heime der Arbeiterwohlfahrt zu kontrollieren. Da sie kein Mensch für nur trockene Pflichterfüllung war, sondern mit dem Herzen arbeitete, gab sie allem, was ihr als wertvolle Aufgabe schion, ihre ganze Kraft. Mit der rheinischen Arbeiterbewegung und ihren Frauen war sie ganz eng verbunden. Wenn man von einem Menschen mit Sicherheit sagen konnte, daß er von einem großen Kreis anerkannt und- geliebt wurde, so war es hier bestimmt der Fall. Das gab ihre Arbeit Gewicht und Erfolg. Man stößt im Rheinland auch heute immer wieder auf Menschen, die sich ihrer erinnern, und bedauern, daß sie schon so früh aus ihrem besten Wirken gerissen wurde. Es war ein kurzes Frauenleben, von dem hier berichtet wurde. Im Wahlkampf 1930, der den Nationalsozialisten ihren ersten großen Erfolg brachte, hat sie noch tapfer mit estritten. Dann zwang eine tückische Krankheit sie plötzlich nieder, and der Wahlsonntag fand sie schon im Krankenhaus. Eine Woche später schlossen sich die klaren Augen für immer. Vielleicht war sie ein Liebling der Götter, die ihr die bitteren Jahre, die nun kamen, ersparen wollten. Anna Blos. ( 1866-1933) In der Reihe der Frauen, die wir hier an uns vorüberziehen lassen, die nicht aus eigener erlittener Not, sondern aus FrBlos zu denen Weg zum Sozialismus und zur Sozialdemokratie gefunden haben. Anna Tomaczewski war die Tochter eines Oberstabsarztes und empfing eine ausgezeichnete Schulbildung. Sie hat später auch ein paar Semester an der Berliner Unisversität gehört. 1905 heiratete sie den Schriftsteller Wilhelm Blos, göeichfalls einen Arztsohn, der der Sozialdemokratie schon lange angehörte, und auch ihr Reichstagsabgeordneter war. Er war 1877 unter den 12 Sozialdemokratischen Abgeordneten des Reichstages gewesen, die den ersten großen Arbeiterschutz- Antrag stellten, der auch Forderungen für Frauen und Jugendliche enthielt. 1919, als Anna Blos in die Nationalversammlung gewählt wurde, war Wilhelm Blos württembergischer Ministerpräsident. Er hatte ein Leben der Anerkennung und des Kampfes hinter sich -33und amtierte nur noch ein Jahr als Staatspräsident des Landes Württemberg, ehe er sich in den Ruhestand zurückzog. Uns frauen war er bekannt als Geschichtsschreiber der deutschen Revolution des 19. Jahrhunderts, wir ben viel von ihm gelernt. In Braunschweig, wo er zuerst kandidiert hatte und in Württemberg und Baden wurde er sehr verehrt. Die intelligente und gebildete Frau, die sich Wilhelm Blos zur Lebensgefährting gewählt hatte, wurde in der sozialdemokratischen Frauenbewegung Württembergs warm begrüßt. Sie fand einen Wirkungskreis, der ihren glänzenden Fähigkeiten entsprach. Es hieß immer, daß Anna Blos aus der bürgerlichen Frauenbewegung zu uns gestoßen sei, was bei Herkunft und beruflichem Werdegang nicht verwunderlich wäre. Im" Jahrbuch Deutscher Hausfrauenvereine von 1918" ist sie als Vorsitzende des Arbeitsausschusses der Hausfrauenvereine Württembergs registriert. Sie selbst schreibt im" Handbuch der Nationalversammlung", das sie Mitglied des Ortsschulrates in Stuttgart gewesen sei. Seit 1905 arbeitete sie jedenfalls an der" Gleichheit" mit. Nach ihrer eigenen Aussage verlief die Zusammenarbeit mit Clara Zetkin, nach einer anfangs erfolgten Auseinandersetzung, später hin reibungslos. Außerhalb und innerhalb der Partei <- sie gehörte dem Landesvorstand von Württemberg an- nahm Anna Blos bis zu ihrer schweren Erkrankung eine beachtliche Stellung ein. Ein Leitartikel von ihr, den die" Kommunale Praxis" 1912 brachte, ist heute noch eine der wenigen Quellen, die uns Kunde geben vom langsamen eindringen der Frau in die Gemeindearbeit. So war Württemberg der erste deutsche Bundesstaat, der am 1. April 1910 durch sein eben beschlossenes Volksschulgesetz Frauen als Mitglieder des Ortsschulrates zugelassen hat. Die Stadt Stuttgart ging in besonderer Art voran, indem sie neben einer bürgerlichen Frau auch eine Sozialdemokratin eben Anna Blos in den Ortsschulrat berief und zwar einstimmig. In ihren späteren Broschüren" Kommunale Frauenarbeit im Kriege" und" Der Krieg und die Schule" wertet sie ihre Er ahrungen auf dem Gebiet der Gemeindearbeit aus, und auf dem Kriegsparteitag 1917 stellte sie Forderungen nach Ausbildung und bezahlten Stellungen auf Grund des Erwachens großer Frauenscharen zu selbständigem Denken und Handeln. Am 20. Oktober 1918 stellte sie im" Vorwärts" die Frage:" Und die Frauen?" Sie schloß diesen Artikel mit den Worten:" Verdammt sie nicht länger zur Rechtlosigkeit, gebt ihnen politische Rechte!" Wir begegnen Anna Blos auf dem Parteitag zu Weimar 1919, wo sie mit Mat und Leidenschaft gegen Eduard Bernstein polemisiert, der, früher Vertreter des revisionistischen Flügels der Partei, während des Krieges sich zu den Verweigerern der Kriegskredite gesellt hatte. Nun war er zur SPD zurückgekehrt und verteidigte seine Wandlung.) Dem nun perfekt gewordenen Frauenwahlrecht standen wir ziem lich unvorbereitet gegenüber. Wir hatten uns in den Jahrzehnten vorher darauf beschränken müssen, die Schäden aufzuzeigen und Abhilfe zu fordern. Zwar hatte der Krieg vielen von uns die Möglichkeit gegeben, sich an der sozialen und kommunalen Arbeit tatkräftig zu beteiligen, gerade derum aber hatten wir erkannt, daß die bürgerliche Frauenbewegung für diese Arbeit viel besser vorgebildet sei, denn sie hatte die durchschnittlich bessere Vorbildung und die reicheren materiellen Mittel. Diese Erkenntnis war für uns Sozialistinnen erschütternd, wenn wir sie auch noch nicht ganz durchdacht hatten. Anna Blos setzte sich 1919 auf unserer Frauenkonferenz für eine größere Anzahl besoldeter Frauenkräfte ein; denn sie war der Ansicht, daß es für viele Frauen zu schwer sei, die notwendige Zeit für die jetzt zu leistende Arbeit aufzubringen. Das war trotz allem nicht ganz richtig: Sie hatte noch nicht die organisaso sehr es auch immer ertorische Erfahrung gemacht, daß- wünscht ist wirtschaftlich freigestellte Kräfte in eine große diese Begeistige und pht politische Bewegung einzubauen wegung trotzdem von einer großen Zahl von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen werden muß. Sie fühlte nur schmerzlich, den Bildungsvorsprung, den die bürgerliche Frauenbewegung vor der sozialistischen hatte. Wir haben dann später andere Wege gefunden, um Bildungsmöglichkeiten dieser Art für Frauen der Arbeiterklasse zu schaffen. Wir brachten dazu die Ansprüche an Wissen und Können nicht herabzusetzen, und wir können noch heute Frauen wie Anna Blos dankbar dafür sein, daß sie 1919 gezeigt haben, wo es bei uns fehlte. a of Nach dem Tode ihres Mannes gab sie das anregende Buch" Frauen der Deutschen Revolution 1848, 10 Frauenbilder" heraus, das noch mit Wilhelm Blos besprochen war, und in Zusammenarbeit mit Adele Schreiber, Buise Schröder und Anna Geyer" Die Frau im Lichte des Sozialismus". Anna Blos war gesundheitlich zart, nervös, von Kopfschmerzen und häufiger Migräne geplagt. Das und ihre Sensibilität machte den Umgang mit ihr manshmal schwierig. Sie stand fast immer unter dem Eindruck, zurückgesetzt, nicht genügend anerkannt zu sein. Sie fühlte eine Kluft zu den Angehörigen der arbeiten arbeitenden Schichten, denen sie größere Bildungsmöglichkeiten vermitteln wollte. War sie ehrgeizig? Vielleicht. Aber Ehrgeiz kann eine gewisse Berechtigung haben, wenn das entsprechende Können dahinter steht. Und Anna Blos wußte viel, sie hatte große Fähigkeiten, und ihre Arbeit fand auch Anerkennung. Trotz dem muß sie sich verlassen, fremd gefühlt haben in der Arbeiterbewegung, die sie so sehr geliebt hat, und der sie bis zum Tod treu geblieben ist. Dem Brief eines Freundes entnehme ich, daß sie qualvoll an einer unheilbaren Krankheit gestorben ist. Sie war in ihrer letzten Lebenszeit wirklich einsam und allein, denn nun war Hitler an der Macht und, so schrecklich es war, so war es doch zeitbedingt, daß sie nur noch wenige Freundebei sich sah. Auch an ihrem Grabe fanden sich nur wenige ein. Den Frauen, die aufbauend weiter arbeiten wollen, hat Anna Blos ein Beispiel mit auf den Weg gegeben, zur Befreiung der Frau, zum Besten der Menschheit. Literatur: 1. Parteitags- Protokolle und Frauenkonferenzen von Würzburg 1917 und Weimar 1919. 2. Kommunale Pratis Nr. 15 vom 13. April 1912 3. Anna B los, Frauenfrage im Licht des Sozialismus. 4. Anna Blos, Frauen der Deutschen Revolution 1848. 5. Anna B 1 os, Kommunale Frauenarbeit im Kriege. 6. Anna B los, Krieg und Schule. 7. Briefe von Freunden. -76Gertrud Hanna. ( 1876-1944) Internationalen Im/ Handbuch des Gewerkschaftswesens ist, im Abschnitt über Gertrud Hanna von der" anmutigen Sachlichkeit" ihres Auftretens" die Rede. Das war der Eindruck, den sie bei der Arbeit und im Umgang mit Fernerstehenden erweckte und erwecken wollte. Wenn sie aber einmal in vertrauter Stunde- bei ihrer Zurückhaltung und Sprödigkeit selten genug- einen Blick in ihr Inneres gestattete, der war tief erschüttert, was sich hinter der Haltung anmutiger Sachlichkeit verbarg, was neben dem feinen, klugen Humor in dieser Seele an Schwermut Platz hatte. Heute lehrt uns die psychologische Wissenschaft, dass Erlebnisse der Kindheit ein ganzes Menschenleben beschatten können. Das wird mir bei der Erinnerung an Gertrud Hann a recht wahrscheinlich. Die Mutter war in Armut und Sorge sehr hart geworden, zu hart für ein so weiches und liebebedürftiges Kind, das die Lieblosigkeit viel stärker als den leiblichen Hunger empfand. Vom Vater schien Gertrud's Erinnerung wenig bewahrt zu haben, sie sprach kaum von ihm. Sehr früh ging sie in die Erwerbsarbeit, mit 14 Jahren war sie Buchdruckerei- Hilfsarbeiterin. Sehr bald wurde auch sie von dem gewaltigen Strom erfasst, der die Frauen und Mäd- chen der Arbeiterklasse jener Jahre so stark anzog. Das Wort" Sozialismus" wirkte wie ein strahlendes Licht. Gertrud Hanna war klug und fleißig; das wäre nichts besonderes, aber sie war auch, was Frauen nicht häufig sind, sachlich, bescheiden und gründlich. Das waren Eigenschaften, die eher als männlich gelten, und Frauen, die sie haben sind zwar angesehen im Leben, aber selten glücklich. Gertrud war früh iherer Gewerkschaft beigetreten, dem Freigewerkschaftlichen Verband der Buchdruckerei- Arbeiterinnen. Dadurch kam sie in Berührung mit der Gewerkschaftsarbeit, und 1907 wurde sie Sekretärin eines Arbeiterinnen- Komitees, das die Berliner Arbeiterinnen in ihrer praktischen, lebendigen Art angeregt hatten. Es war der Art der Arbeit nach ein Agitations- Komitee, und wurde auf dem Gewerkschaftskongress in Stuttgart ( 1902) geschaffen. Earl Legien erwähnt es 1905 in seinem Rechen schaftsbericht. Das Komitee wirkte in aller Stille aber recht kräftig unter den Arbeiterinnen und seine Anregungen wurden stets berücksichtigt. Daß seine Existenz unte in dieser dunklen Zeit unter den Fittichen der Gewerkschaft ermöglicht wurde, ist ein gutes Zeugnis für den fortschrittlichen Geist und die -77Einsicht der leitenden Männer. Als 1907 die Zeit für eine besoldete Sekretärin, also eine Kraft, die sich ganz dieser Arbeit widmen konnte, gekommen war, konnte sich diese, es war Gertrud Hanna, bei der Übernahme des Sekretariats auf eine Tradition beziehen. Da sie vorher schon fast ein Jahrzehnt an der Spitze des " Verbandes der Buchdruckerei- Hilfsarbeiterinnen gestanden hatte, brachte sie viel Erfahrung für die Arbeit mit. Wir begegneten Gertrud Hanna's Namen oft bei den sozialdemokratischen Parteitagen und Frauenkonferenzen. Das lag, neben der großen Anerkennung, die sie auch außerhalb der Gewerkschaft genoẞ, an der Bige art der proletarischen Frauenbewegung in der Frühzeit( von Mitte der 60er Jahre bis etwa zum Beginn der 20. Jahrhunderts). Die Frauen der Arbeiterklasse, lernten es zwar bald, zwischen Partei und Gewerkschaft zu unterscheiden, aber es war doch selbstverständlich, daß man Hand in Hand miteinander arbeitete. Die ständig wachsende Frauenerwerbsarbeit war Ursache und Motor der Frauenbewegung. Aus der Frauenerwerbsarbeit erwuchsen aber auch die umfangreichen, sozialen Probleme, mit denen einerseits die Gewerkschaften täglich in Berührung kamen, und die andererseits der Sozialdemokratie die Motive für ihre Forderungen an die Gesetzgebung boten und sie veranlaßten, das politische Bewußtsein der Frauen zu stärken und zu schulen. Die Notwendigkeit der Verständigung beider Flügel der Arbeiterbewegung besonders auf dem sozialpolitischen Gebiet ergab sich von selbst. Durch diese Schule war Gertrud Hanna gegangen, diese Tradition war auch später immer deutlich spürbar, bei allem was sie tat und sagte. So war es selbstverständlich, daß sie sich niemals besann, wenn sie gebeten wurde, der Sozialdemokratischen Frauenbewegung mit ihrem Wissen, mit ihrer Erfahrung, mit ihrem Winfluss zu nützen. Und wir vergaßen niemals, sie um Rat und Hilfe zu bitten, wenn es galt, der Frauenbewegung auf breiter Ebene zu dienen. Reichhaltig war die Arbeit Gertruds in der Kriegszeit. Sie wirkte bei der Vorbereitung der Arbeit sozialdemokratischer Frauen und in den Gewerkschaften mit, sowie im" Ausschuß für Frauenarbeit während des Krieges". Als es der damaligen Reichsregierung klar wurde, daß ein starker Fraueneinsatz in der Kriegsindustrie nicht so einfach möglich war, hatte man eine Frau, Dr. Marie Elisabeth Lüders vom Kriegsamt als Referentin für diese Fragen berufen. Ohne die sachkundige Hilfe solcher Frauen wir Gertrud hätte sie ihre Aufgabe sicher nicht so lösen können, wie sie es tat. 1916, als die politischen Meinungsverschiedenheiten zur Frage -78der Kriegskredite auch die Frauen stark ergriffen hatten and die damalige" Gleichheit" von vielen Frauen nicht mehr akzeptiert wurde, wurde die" Gewerkschaftliche Frauenzeitung" gegründet. Bis dahin war das Blatt der sozialistischen Frauenbewegung, das die vielseitigen Erscheinlgen der Frauenerwerbsarbeit geschickt und ständig beahndelt hatte, von den gewerkschaftlich organisierten Frauen gern gelesen worden. Das war aber infolge der politischen Meinungsverschiedenheiten anders geworden, und der Ruf nach einer eigenen Frauenzeitung dringend. Diese neue Zeitung redigierte Gertrud. Ein Jahr später, als in den Räumen des Parteivorstandes in Berlin eine außerordentliche Frauenkonferenz tagte, sprach Gertrud Hanna zu den 50 aus allen Teilen des Reiches gekommenen Frauen über Frauenarbeit und Krieg. Kurz vorher war im Verlag für Sozialwissenschaft eine kleine, gediegene Broschüre von Gertrud Hanna erschienen, die den gleichen Gegenstand behandelte. Friedrich Ebert, damals 1. Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei, hatte mir bei der Vorbesprechung über die Abhaltung dieser Frauenkonferenz geraten, Gertrud um das Referat zu bitten. Es war selbstverständlich, daß der Parteivorstand gern unseren Vorschlag akzeptierte, auch auf der ersten Frauenkonferenz nach dem Kriege( 1919 in Weimar) Gertrud über" Frauenarbeit und Frauenschutz" sprechen zu lassen. Ich will auch in diesem Zusammenhang betonen, daß sich Gertrud bei den Mitgliedern des Sozialdemokratischen Parteivorstandes uneingeschränkter Achtung und Anerkennung erfreute. Ich weiß aber nicht, ob ihr das jemals so ganz zum Bewußtsein gekommen ist. Für das, worum es uns auf dieser ersten Frauenkonferenz ging, war Gertrud die rechte Persönlichkeit. Die Situation der Frauen, die auf Erwerb angewiesen waren, war sehr kompliziert und verwickelt. Während des Krieges hatte man ihnen die Arbeit zur vaterländischen Pflicht gemacht, und nun wurde es ihnen als im allgemeinen Interesse liegend dringend empfohlen, den Arbeitsplatz wieder zu verlassen. Die Demobilmachungsverordnungen enthielten auch Bestimmungen über die Entlassung weiblicher Arbeiter. Natürlich waren viele Frauen froh, sich endlich wieder ihren Zuhause widmen zu können, aber vielen anderen Frauen erlaubte es ihre wirtschaftliche Lage nicht, vom Arbeitsmarkt zurückzutreten. Der Begriff des Rechtes auf Arbeit war noch nicht allgemein anerkannt. Dazu kan die dringende Notwendigkeit, den Schutz der Arbeit für die Frauen auszubauen und zu befestigen. Das alles war Grund genug, gerade Gertrud Hanna um diese Referat zu bitten. 1922 in Hamburg fanden sich beim Internationalen Sozialistischen -79Arbeiterkongreß zum ersten Mal nach dem Kriege auch die Frau en wieder auf der interanationalen Basis zusammen. Wir baten Gertrud, dem Komitee beizutreten. Im Sommer 1927 hatte ich die Freude, als Gast an der Internationalen Gewerkschaftlichen Frauenkonferenz in Paris teilzunehmen, die der Vorläufer des großen internationalen Gewerkschaftskongresses war. Gertrud Hanna hielt das Referat über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Frauenerwerbsarbeit. Klar und sachlich beleuchtete sie das ganze Problem und fürchtete sich auch nicht, Dinge zu sagen, die der Eine oder Andere nicht so gern hörte. Bei Gertruds Arbeiten stoßen wir immer wieder auf das Problem der" Doppelverdiener". Dieser Begriff, der meist vollkommen falsch, nämlich auf mitverdienende Ehefrauen angewandt wurde, und der den Gewerkschaften wie der Partei bei den parlamentarischen Arbeiten viel zu schaffen machte, wurde von Gertrud Hanna in der" Zeitschrift des Allg.D. Gewerkschaftsbundes" immer wieder richtig gestellt, da auch Ministerien und andere amtliche Stellen de- ihn so falsch anwandten, wie es in ihr Rezept passte. Sie sagte:" Der Kampf gegen die Erwerbsarbeit der verheirateten Frauen ist undurchdacht, unzweckmäßig und unsozial. Es muß bei allen, die ihn objektiv verfolgen, das bedrückende Gefühl ausgelöst sein, daß hier Energie verschwendet wird, die einer besseren Sache würdig wäre." Ein anderer Kampf galt der Parole der bürgerlichen Frauenbewegung:" Kein besonderer sozialpolitischer Schutz für Frauen, weil das den Anspruch auf Gleichberechtigung vermindert oder zerstört." Es war ein Vergnügen zu beobachten, wie die Frau, die, aus den ärmsten Schichten hervorgegangen, sich alles Wissen autodidaktisch hatte erwerben müssen mit der Argumentation der in geistigen Berufen stehenden fertig wurde nicht demagogisch, sondern sachlich und ernst. So sachlich würdigte sie auch die Arbeit anderer, wie etwa in Buchbesprechungen, so Helene Simon's" Kinderarbeit auf dem Lande". Über ihre Meinung zu anderen sozialen Problemen können wir uns in den Jahrgängen der Zeitschrift" Die Arbeiterwohlfahrt" unterrichten, an der sie mitarbeitete. Auf einer bevölkerungspolitischen Tagung der" Arbeiterwohlfahrt" im September 1926 teilte sich Gertrud Hanna mit Dr. Julius Moses in die Behandlung des Themas" Schutz der schwangeren Arbeiterin im Betriebe". Sie gab dort als Gewerkschaftlerin als Berufsfrau für ihre Schwestern die Ergänzung zu dem, was der Arzt über dies se Frage sagen konnte. Geste Gertrud Hanna gekannt zu haben, ist neben der glückhaften 86eine sehr schmerzliche Erinnerung. Niemand schien bis vor kurzer Zeit über ihre letzte Lebenszeit etwas ganz sicheres zu wissen. Der Nationalsozialismus nahm ihr die Existenz. Das war alles, was wir erfuhren. Sollte ein Menschenleben, das so wenig für sich, immer für andere da war so spurlos untergegangen sein? Nach langen mühevollen Nachforschungen gelang es mir schließlich festzustellen, daß Gertrud zusammen mit ihrer Schweser Antonie am 26. 2.44. den Freitod gesucht und gefunden hat. Es hatten- vor Hitler noch zwei Schwestern von Gertrud existiert; sie hatten zu Beginn der Hitlerzeit in ihrer Wohnung einen Selbstmordversuch unternommen, wobei eine der Schwestern starb. Mit der überlebenden Schwester zog Gertrud zusammen nach BerlinHaselhorst. Dort schlugen sich beide mühselig mit Flickarbeiten durch. Wie es scheint, hat man Gertrud auch noch mit" Verhören" gequält und sie gezwungen, in der Volkswohlfahrt mitzuarbeiten. Das alles scheint sie reif gemacht zu haben, diesen letzten Schritt zu tun. Uns bleibt das quälende Bewusstsein, dass diese schon an sich zur Einsamkeit hingetogene Frau in ihrer letzten Lebensnot entsetzlich einsam und verlassen gewesen sein muss. Die Prüchte ihrer Lebenesleistung erntet die heutige und die künftige Frauengeneration. Literatur:" Internationales Handbuch des Gewerkschaftswesens" Verlag Gewrkschaftskommission der Gewerkschaften Deutschlands. Emma Ihrer, Die Arbeiterin im Klassenkampf, Verlag siehe oben. Paul Barthel, Handbuch der Deutschen Gewerkschaftskongresse, Verlag Kaden, Dresden. Paul Umbreit, 25 Jahre Deutscher Gewerkschaftsbewegung, Berlin 1915. Karl Zwing, Geschichte der Deutschen Gewerkschaften, Jena. Anna Blos, Die Frauenfrage im Lichte des Sozialismus. Gedruckter Vortrag von Gertrud Hanna, gehalten auf der Internat. Frauenkonf. 1927 in Paris. Protokoll der Tagung der Arbeiterwohlfahrt über Sozialismus und Bevölkerungspolitik, 1926 in Jena. Johanna -81Reitze. ( 1878-1949) Johanna Leopold war ein Proletarierkind, wie so viele unserer Vorkämpferinnen. Aber ihr Leben stand trotzdem von vorn herein unter einem glücklichen Stern. Sie hatte einen geregelten achtjährigen Schulbesuch in der Kindheit, und wenn sie auch sofort nach Schluß der Schule für ihren Lebensunterhalt zu sorgen hatte, da sie aus einer kinderreichen Familie kam, so ging doch ihr Weg über zweieinhalb Jahre Haushaltsarbeit in die Buchdruckerei ohne besondere Schwierigkeiten vor sich. Die Buchdrucker waren von je her aufgeweckte Leute, und Johanna passte durchaus da hinein. In Hamburg kam einer intelligenten, aufgeschlossenen Proletarierin überdies zugute, daß die Frauen am Vereinsleben teilnehmen durften, ja, daß sie zu politischen Parteien gehören durften. Im Jahre 1900 schloß Johanna Leopold die The mit dem Sozialdemokraten Jean Reitze, ein weiterer Schritt auf ihrem stetigen, glücklichen Lebensweg. Die Beiden blieben gute Kameraden bis zu des Mannes Tod im zweiten Weltkrieg, und wie der Sozialismus sie zusammengeführt hatte, so blieb er auch ihre gemeinsame Lebensarbeit und bestimmte ihre Lebenshaltung. Gemeindam eroberten sie sich das Reich des Geistes, erhöhten den Wert ihres Lebens durch das Eindringen in den Sozialismus und holten aus eigenem Wollen, aus eigener Karaft nach, was die Gesellschaft den Kindern des Proletariats schuldig geblieben war. Johanna hatte, nachdem ein Vortrag August Bebels sie endgültig der Partei zugeführt hatte, sich in Hamburg durch Kurse für die Parteiarbeit geschult. Mit ihrem Mann zusammen ging sie nun für sechs Monate auf die Parteischule nach Berlin und erwarb dort nicht nur Kenntnisse, sondern auch Selbstvertrauen und Mut zur Weiterarbeit. Nach Beendigung dieser Schulzeit gingen Reitzes erst einmal nach Vegesack, wo Johanna sehr umsichtig und geschickt eine sozialistische Frauenorganisation einrichtete. Sehr bald aber wurde Jean Reitze nach Hamburg berufen, als Redakteur an das" Hamburger Echo". Hamburg gab Hannas Arbeitsbedürfnis reiche Möglichkeiten. Die selbsttägige Ausbildung, der Besuch der Kurse in Hamburg und Berlin, ihr starkes Lese- und Lernbedürfnis hatten ihr zu einem umfangreichen Wissen verholfen, das sie hier, wie schon in Vegesack, in der politischen Arbeit verwendete. Ihr glückliches, harmonisches Leben, ihre relativ gesicherte Lebenslage, das Verständnis und die stete Hilfsbereitschaft ihres Lebensge -82gefährten halfen ihr allerdings in hohem Maße und verschaffte ihr, des ist zuzugeben, eine viel glücklichere Arbeitsbasis a den meisten ihrer Genossinnen. Doch dafür gab sie allen, die nahekamen, ihre selbstverständliche Hilfsbereitschaft, ihre A geschlossenheit, die Harmonie ihrer Persönlichkeit, die sie a ihren glücklichen Lebensumständen entwickelt hatte. Das politische Leben in der Hamburger Arbeiterschaft war lebhi and bereicherte beide Reitzes. Manche Versammlungs- Tournee für te sie außerdem ins Land hinaus, und Hanna hatte in einer Zeit in der weibliche Referenten in der Partei besonders beliebt wa ren, große Erfolge. Hamburg gehörte, als 1908 das Reichsverein gesetz den Frauen die Möglichkeit zu politischer Arbeit einräumte zu den besten Bezirken. Johanna gehörte von da an dem Hamburger Parteivorstand an. Während des ersten Weltkrieges wur de sie Mitglied des" Hamburger Versorgungsamtes" und des " Speiseausschusses für Kriegsküchen", sie arbeitete in der Kriegsfolgenhilfe und in der Hinterbliebenenfürsorge. So war es selbstverständlich, daß das Vertrauen der Wähler sie in die Hamburger Bürgerschaft und in die Nationalversammlung wählte, später auch in den Reichstag, dem sie fast bis zum Schluss ange. hörte. In der parlamentarischen Arbeit interessierten sie alle Fragen, die sich aus dem neuen Frauenrecht ergaben, u.a. Hausgehilfengesetz, Fortbildungsschulpflicht, gesetzliche Regelung des Arbeitsverhältnisses. In Weimar lernten wir Johanna noch anders kennen: wir Frauen erlebten ja alle damals sehr stark den plötzlichen Übergang vom halbabsoluten Regiment des Kaiserreichs zur endlichen Befreiung Dazu kam, dass der Druck des Krieges von uns genommen war. Wir waren alle offen und empfänglich, ja hungerig auf das Schöne, Edle, auf die Kulturwerte des Lebens. Und so wanderten wir durch Weimars Park zu Goethe's Gartenhaus, nach Tiefurt, nach Belvedere. Die Zeit Goethes und Schillers wurde uns lebendig. Wir standen vor dem Haus Charlotte v.Steins, vor dem Grab Christianes, wir gingen durch das Haus am Frauenplan. Durch das gemeinsame Erlben war eine Atmosphere geschaffen, die leichter als sonst Aussprachen ermöglichte und Freundschaften entstehen ließ, die Dauer hatten, deren menschlicher Untergrund nicht zerstört werden konnte. Dabei war Hanns kein sinnierender Mensch: immer nahm sie an Streitfragen leidenschaftlich teil, wie etwas bei der Frage der Bewilligung der Kriegskredite, wo sie auf der Seite der Mehrheit temperamentvoll gekämpft hatte. e An vielen Parteitagen und Frauenkonferenzen hat Hanna Reitze -88teilgenommen. In Augsburg 1922 referierten wir Beide auf den großen Frauenkundgebungen, die anlässlich des Parteitages abgehalten wurden. Der Nationalsozialismus konnte Hanna nicht brechen, auch nicht eine Gefängnishaft, die sie noch 1944 erleiden mußte. Der große Schmerz dieser Jahre war der Tod ihres geliebten Lebensgefährten- das war schwerer zu ertragen als alles. Die Bomben nahmen ihr ihre hübsche Häuslichkeit, aber sie war zufrieden, nach dem Kriege in der schönen Heimstatt des Staates Zuflucht zu finden. Von dort schrieb sie mir eine lieben, herzlichen Brief ins Ausland and lud mich ein, bei ihr abzusteiegen, wenn mich der Weg bei meiner Rückkehr nach Deutschland über Hamburg führen sollte. Aber als ich dann kam, konnte ich nur noch einen Blick auf ihr nun verlassenes Domizil werfen, wo sie einsam ihre letzten Schmerzen erlitten hatte. Nicht so einsam, dass sie ganz allein gewesen wäre, denn wohl gab es Freunde, die sich um sie kümmerten- aber eben einsam wie jeder alte und kranke Mensch das letzte seelische Leid und den letzten körperlichen Schmerz durchzustehen het, den nur die Nähe des allernächsten mittragen könnte. Wir sollten dieser immer tatbereiten Hamburgerin mit dem so natürlich liebenswürdigen Wesen, mit ihrer Hilfsbereitschaft und Gute immer dankbar sein für ihr Dasein. a Luise Kautsky. ( 1864- 1944) Wenn Männer wegen ihrer Lebensleistung anerkannt, manhemal auch gefeiert werden, pflegen sie oft zu antworten, daß ihre Arbeit nur mit dem Beistand und der Kameradschaft ihrer Lebensgefährtin getan werden konnte. So schrieb es Karl Marx an Wilhelm Liebknecht, so hörten wir es an seinem 70. Geburtstag von August Bebel, als er von seiner Julie sprach. Und so wissen wir es auch von dem sozialistischen Wissenschaftler Karl Kautsky, der und Jungen damals erst Karl Marx und den Sozialismus so nahe brachte, daß wir ihn verstehen konnten. Alle, die wir uns zu Ende des 19. und zu Anfang dieses Jahrhunderts abmühten, in die sozialistische Ideenwelt einzudringen, verdankten es der Hilfe Karl Kautsky's, wenn es uns gelung. Die Freu des so intensiv arbeitenden, auch so oft angegriffenen Shriftstellers, der noch dazu nicht gerade von robuster Gesundheit war, hätte schon sehr viel geleistet, wenn sie nichts weiter getan hätte, als diesem Manne eine ruhige, ungestörte, und harmonische Atmosphäre zu schaffen, in der er so arbeiten konnte, wie es geschah. Das allein hätte die Frau von Karl Kautsky um die Arbeiterbewegung verdient gemacht. Es waren keine geringn 84geistigen Anforderungen, die an Karl Kautsky's Frau gestellt wurden. Luise Rosnperger, am 11. August 1864 in Wien geboren, war schon zur bewußten Sozialistin erwacht, als sie Karl Kautsky kennen lernte. Es ist schade, daß sie niemals ihre Autobiographie geschrieben hat. Nach den wenigen Anfangsblättern, die ihr Sohn Benedikt uns, zusammen mit den Briefen Rosa Luxemburge an Freunde, zugänglich gemacht hat, wäre es sicher ein reizvolles Buch geworden. Luise spricht von ihrer guten Kindheit, von einem schönen elten Wiener Haus mit dicken Mauern und gewölbten Zimmern, sie erzählt von Höfen, Kellerwinkeln und einem wundervollen parkartigen Garten. Dies alles zusammen, das Verbotene and das Erlaubte sei das Paradies für die Kinder gewesen. Da war ein großer Kuhst 11, die Freundschaft der Kinder mit den schönen Töchtern des Milchhändlers; da waren die Arbeiterinnen der Korkfabrik, deren Sortiertische im Freien standen, und die zu den Kindern freundlich waren. In einer Strohutbleicherei konnte man die Arbeit beobachten; es kamen Latswagen mit Waren, das Leben war für die Kinder unterhaltsam. Luise Ronspergers Eltern hatten eine Konditorei, es muß ein großer und wohlhabender Haushalt gewesen sein, in dem sie mit 3 Brüdern zusammen aufwuchs. Eine neue Kinderfrau kam ins Haus, als die kleine Luise noch nicht vier Jahre alt gewesen sein kann. Diese Kinderfrau muß in ihrer Art eine starke Persönlichkeit gewesen sein. Sie brachte den Kindern spielend alles bei, so daß Luise noch im vierten Lebensjahr lesen lernte und nicht müde wurde, von ihrer neuen Wissenschaft Gebrauch zu machen." Sie war eine geborene Pädagogin" schreibt Luise Kautsky in ihren Erinnerungsblättern. Als einziges Mäddhen neben drei Brüdern erfuhr Luise in dem wohlhabenden jüdischen Haushalt der Eltern die Vielseitig keit der überlieferten Kultur des Wiener Bürgertums. Später machte sie sich im Betrieb ihrer Eltern nützlich und lernte dabei die Romanschriftstellerin und glühende Sozialistin Minna Kautsky die Mutter von Karl Kautsky kennen. Sie ahnte damals nicht, in welch enges verwandtschaftliches Verhältnis sie zu der Frau treten würde, zu der eine große Freundschaft sie hinzog, und die sie mit der sozialistischen Ideenwelt bekannt machte. Die 26jährige wurde die Frau des um zehn Jahre älteren Karl Kautsky. Sie brachte ganz besonders glückliche Eigenschaften dafür mit, um die Geführtin eines sozialistischen Gelehrten, Grüblers und Kämpfers zu sein, sich ganz hinter seine Arbeit zu stellen und ihm- still und unbemerkt dabei zu helfen. -85Vom Beginn dieser am 23. April 1890 geschlossenen Ehe an hatte sich Luise Kautsky mit allem vertraut gemacht, woran ihr Mann arbeitete. Es war die schwere Zeit des Sozialistengesetzes in Deutschland, in die die junge The fiel, und auch in Österreich hatte die Partei einen schweren Stand. Karl Kautsky, der 1883 die Sozialistische Monatsschrift" Die Neue Zeit" begründet hatte, wollte gerade wegen der Behinderungen in Österreich mit seiner jungen Frau nach London gehen, um die Zeitschrift dort herauszugeben, als das Sozialistengesetz in Deutschland fiel. Kautskys siedelten daraufhin mit der" Neuen Zeit" nach Stuttgart über, wo ihnen ihre drei Söhne geboren wurden. Später gingen sie nach Berlin, es war für die zahlreichen Besucher aus aller Welt, die sich im Laufe der Jahre bei ihnen einfanden, besonders reizvoll, die liebenswürdige, geistvolle Gastgeberin in Kautskys Haus zu finden. August Bebel war fast jeden Sonntag der gern gesehene Abendgast. Kein nach Deutschland kommender Träger des internationalen Sozialismus versäumte es, dem geistigen Nestor des Sozialismus seinen Besuch zu machen. Sie fanden neben Karl Kautsky seine Frau mit iheer so ganz besonders glücklichen Befähigung, Kontakte herstellen zu können und eine wohl zuend herzliche Gastfreundschaft zu üben. Es passt ganz zu dem Bild dieser vielseitigen Frau, daß die sich auch selber literarisch betätigte. Ihr Interesse am Menschen führte sie auf des biographische Gebiet. Ihre Briefe RosaLuxemburgs an Luise Kautsky haben eine weite Verbreitung gefunden, und haben zu ihrer innigen Freude das stark verzeichnete Bild dieser Frau in der öffentlichen Meinung um vieles verändert. Ihre Lebensskizzen von Frauen aus der Internationale liegen uns leider nicht vor. Daß sie in die Problematik des wissenschaftlichen Sozialismus eingedrungen war, hat sie durch eine Reihe wertvoller und schwieriger Übersetzungen bewiesen. Der Krieg 1914-1918 zerstörte Karl Kautsky's Zeitschrift" Neue Zeit". Er gewann dadurch zwar Zeit zu anderer Arbeit, aber seine Bindung zu Berlin löste sich allmählich. Er und seine Frau gingen nach Wien, später, als Hitler Wien eroberte, nach Prag und von da nach Amsterdam. Dort ist Karl Kautsky am 17. Oktober 1938 84jährig gestorben, bis zuletzt umsorgt und gepflegt von seiner Luise. Die beiden ältesten Söhne waren in Sicherheit im Ausland, aber der jüngste, Benedikt, war in einem von Hitlers Konzentrationslagern. Luise blieb nach ihres Mannes Tod mit der Frau und den Kindern dieses jüngsten Sohnes in Amsterdam zurück. Sie konnte sich nicht entschliessen, der Einladung von Freunden nach England zu folgen, denn sie hätte von dort aus überhaupt keine 86Verbindung mehr zu ihrem Sohn gehabt. Das mütterliche Opfer hat Luise Kautsky bezahlen müssen. Am 11. August 1944 wurde sie 80 Jahre alt. Freunde hatten dafür gesorgt, daß sie an diesem Tage nicht verlassen war. Wenige Tage später wurde sie verhaftet und nach Auschwitz überführt. Die Aufregung der Verheftung, der grauenhefte und lange Transport von Holland nach Polen, das ständige Zusammensein mit zu vielen Menschen in dem stark überbelegten Block, die Lagers tää o in überfüllten Kojen, nicht zuletzt die Lagerkost hatten die 80jährige sehr geschwächt. Durch die Bemühungen und die Zusammenarbeit der Lagerärztinnen kam Luise Kautsky in eine Krankenabteilung, wo die selbst internierten- Aerztinnen das dort mensch mögliche an Erleichterungen ihr verschafften. Und auch hier, in dieser Umgebung, hatte Luise Kautsky noch immer ihre große menschliche Liebenswürdigkeit und ihre geistige Lebendigkeit. Sie gewann sich dadurch die ärztlichen Schicksalsgenossienen, und sie gewann sogar dadurch einen Lagerarzt, einen SSHauptstormführer, der sich mit interesiert unterhielt und dem es wahrscheinlich zu verdanken ist, daß ihr der Gastod erspart blieb." Sie war und darin lag ihre Anziehungskraft- in ihrer ganzen Haltung ein Beweis dafür, daß die Persönlichkeit auch im KZ noch durchdrang und selbst unter diesen schaurigen Verhältnissen ihre volle Wirkung ausübte", schreibt eine der Arztinnen. Das Los des Sohnes im selben Lager, den sie ber nicht sehen konnte, hat sie sehr bekümmert, wie natürlich auch ihn das ihre. Luises Betrederin schaffte es aber, ihm Botschaft und Zettel von der Mutter zukommen zu lassen" .... ich bakma bekam von ihrer Hand ein paar armselige Zettelchen, mühselig im Bett, im Halbdunkel geschrieben und doch, welche Tapferkeit sprach aus ihnen. Sie zeigten mir, daß sie ihre wunderbare Fähigkeit, sich Freunde zu erwerben, such in dieser Zeit bewahrt hatte." Die Mutter sorgte sich, daß sie seinen 50. Geburtstag nicht verschönern konnte! Der ermselige Trost, ihn nahe zu wissen, war beld zu Ende; denn der Krankebau, in dem sie Unterkunft, gefunden hatte, wurde in ein früheres Zigeunerlager verlegt. Dieser Transport hat ihr den letzten Schock gebracht. An einem Tage im Anfang Dezember 1944 schlief sie für immer ein. Niemand weiß ihr Grab. Kein Stein mit einer Inschrift, gewidmet von denen, die sie liebten, zeugt von ihr. Nur die Worte, die Karl Kautsky seinem Werk über" Die materialistische Geschichtsauffassung" voransetate: Dies Buch wideme ich meiner teuren LUISE -87= der Mutter meiner Söhne, dem treuen Kemeraden, der unermüdlichen und verständnisvollen Helferin bei meiner Arbeit, der begeisterten und tapferen Verfechterin unserer gemeinsamen Ideale. Literatur: Luise Kautsky zum Gedenken, Nachrufe. Herausgeg. von Paul Hertz, Willard Publishing Company, New Yoek 11, N.J. Rosa Luxenburg, Briefe an Freunde, herausgeg. v. Benedikt Kautsky, Anhang Bruchstücke einer Autobiographie von Luise Kautsky. . - -88Emma Döltz ( 1866- 19507 ..wir lebten im Armenhause in Steglitz. Meine Mutter nähte Pantoffeln. Der Vater war früh gestorben. Oft muß= ten wir Kinder bis in die tiefe Nacht hinein helfen, dann erzählte meine Mutter uns Märchen, damit wir muneer blieben" So erzählte Emma Döltz einmal in einer seltnen Stunde. Was für ein Mensch hätte sie werden können, wenn ihr alle geistigen und seelischen Entfaltungsmöglichkeiten gegeben worden wären, auf die junge Menschen einen moralischen An= spruch haben? Wie wäre sie geworden, wenn sie ncit in dieser großen Armut hätte aufwachsen müssen? Von frohem Gemüt, für das Schöne empfänglich, mit gesunder und klarer Intelligenz ausgestattet, begnadet mit einer- von der Mutter ererbten lyrischen Begabung war sie ganz dazu geschaffen, glücklich zu sein und Glück weiterzugeben. So aber trug sie ein ähn= liches Los wie ihre Mutter, das der Armut. Wohl ein wenig gemildert, dazu schien das Licht der sozialistischen Erkennt= nis in dieses Leben, machte es heller und gab ihm Wert und Erfüllung. Emmas Ehegefährte war wohl ein guter Mensch, daß er zu wenig verdiente, um seine Frau vor materiellen Sorgen zu schützen war nicht seine Schuld. Daß auch den Kindern aus dieser Ehe viele wertvolle Bildungsmöglichkeiten ver= sperrt blieben empfanden die Eltern drückend. Es fehlte dom Mann und Vater etwas Phantasie und die nötige innere Stärke, deshalb trieb es ihn manchmal zu Freunden, wo er das Gefühl der Unzulänglichkeit zu vergessen suchte. Doch wenn er auch manchmal brummte, weil die Mutter so viel unterwegs war, so war er doch stolz auf seine geistig so bewegliche Frau, die ihre Pflicht für die Allgemeinheit erfüllte und dabei eine so gute Mutter ihrer Kinder war. Schon der ganz jungen Arbeiterin waren viele Ungerechtig= keiten aufgefallen, Warum erhielten die Frauen so viel we= niger Lohn als die Männer? War ihre Arbeit weniger wert?**** Warum wurde die außerhalb des Hauses um vieles besser be= zahlt als die Heimarbeiterin, die doch Licht, Heizung, Näh= garn und Maschine hergeben mußte? Warum mußte man um eine noch so unzureichende Gewerbeaufsicht erst so bitter kämp= fen und warum waren die Heimarbeiterinnen ganz davon aus= geschlossen? Diese Fragen und noch viele andere beschäftig= ten das junge Mädchen, ohne daß sie darauf eine Antwort fin= den konnte. Sie wurde ihr gegeben, als sie in eine Versamm= lung geriet, in der Paul Singer sprach. Er machte den anwe= senden Frauen ihre Situation in der Gesellschaft klug und gesexhickt klar, zur Verzweiflung der überwachenden Polizei. Das war der Wendepunkt im Leben der jungen Frau. Von diesem Augenblick an gehörte Emma Döltz der sozialisti= schen Idee: sie stand mitten drin und kostete nicht nur die Genugtuung der Erfolge, sie lernte auch alle Schwierigkei= ten kennen, die Polizei und Gesetzgebung diesem berechtigten Streben entgegen stellten.Sie arbeitete mit den Frauen, die wir kxxx kennen und von denen wir hier gesprochen haben, und mit vielen anderen. Wo Emma Döltz liebte und Freund= schaft empfand, da ließ sie auch ihre Kinder, ihre jungen Ka= meraden teilnehemn.".... Die schönste Erinnerung aus unserer -89Kindheit: wenn wir unsere Schulaufgaben oder die häuslichen Pflichten erledigt hatten, saßen wir bei der Mutter, die uns lange und schöne Geschichten erzählte. Wir Größeren halfeh ihr dann bei der Arbeit, sie nähte Posamenten.... Erst heute weiß ich ganz, was unsere Mutter an uns tat, daß wir trotz der Not und bitteren Armut eine so schöne Kindheit hatten." Wer denkt da nicht unwillkürlich an Pestalozzis Lienhard und Gertrud bei dieser Schilderung ihrer Tochter? Emma beschränkte sich aber nicht darauf, ihren Kindern das selbsterschaffene Märchenland zu zeigen, sie führte sie auch mit behutsamer, pädagogischer Überlegung in ihre soziale Um= welt ein. Das war die Frau und Mutter Emma Döltz, die zugleich Kämpfe= rin war. Die stärksten Wurzeln ihrer Kraft lagen in ihrer Mütterlichkeit. Sie umfaßte ihre Kinder und Kindeskinder, auch ihre Schwiegersöhne waren selbstverständlich darin einbezogen. So wie sie einst ihre drei Kinder unmerklich zu Sozialisten erzogen hatte, so nahm sie auch diese neuen Glie der ihrer Familie in ih Leben auf, und machte sie zu begei= sterten Mitstreitern. Mit 61 Jahren zog Emma Döltz zu ihren Kindern nach Mahls= dorf. Sie wollte ihre geliebte Arbeit in Kreuzberg noch nicht ganz verlassen, war auch noch 2.Vorsitzende in der Arbeiter= wohlfahrt, aber mit der Zeit mußte sie doch nachgeben.Sie hatte wahrlich alles mitgemacht was es an Parteiarbeit gab: Flugblätter verteilen, Aktionen für Solidaritätsboykott mit= durchführen helfen, bei Lohnbewegungen aufklären und jede notwendige Hilfsstellung leisten. Mit der Ruhe in Mahlsdorf war es aus, als der 2. Weltkrieg ausbrach. Die zerstörung des Hauses, ein geschwächtes Herz und die Sorge ihrer Kinder trieb die Achtundsiebenzigjähri= ge ind die Fremde, ins kleine Walsertal.Es war zu fremd dort zwischen den hohen ingewohnten Bergen, die alte Emma fühlte sich dort nicht wohl.Nach dem Kriege wurde sie wieder mit ihren Lieben vereint, aber sie sah die Heimat nicht wieder. Ihre Kinder holten sie nach Fulda, ins Weserland, wo sie eine neue Heimat gefunden hatten. Emma konnte nicht mehr aktiv an der Arbeit teilnehmen, aber die Dreiundachtzigjährige gab der Partei von Fulda zu ihrem achtziglährigen Bestehen ihren Glückwunsch in Versen. Und von sich sagte sie den Genos sinnen in einem ihrer letzten Verse: " Einst hat mich die Sonne der Jugend durchglüht, Jetzt drückt mich des Alters Last, Doch hab ich die Freude des Schaffens gefühlt, Und das Glück der Arbeit erfasst." Literatur: Briefe von Emma Döltz- Hosemann, Fulda Gedichte und Lebenserinnerungen von Emma Döltz einige Zeitungsausschnitte / zehnt -90 Elfriede Ryneck ( 1872-1951) Wer sichst das heranwachsende Mädchen Elfriede und die Ein= flüsse auf sein Leben recht vorstellen will, der sollte sich das Lebensbild der Mutter, Pauline Staegemann, ansehen. Es muss durchaus nicht immer so sein wie in diesem Fall, daß Kinder den politischen und weltanschaulichen Anschauungen derer folgen, die ihnen Erzieher und Beispiel waren. Aber die Tapferkeit, die Stärke und die Lauterkeit des Charakters die= ser Mutter waren als Vorbild besti mt nicht auszulöschen. Bei Elfriede kam hinzu, dass sie von ganzem Herzen bek bejah= te, wofür ihre Mutter so tapfer eingestanden war. Auch dass Mutter und Tochter ein so inniges Band der Liebe umschloß und dass diese schöne menschliche Gemeinschaft von so lan= ger Dauer war, wird mitgewirkt haben.Elfriede war schon eine reife Frau, als ihre Mutter die Augen für immer schloß; sie war schon verheiratet und ihr Mann war auch Sozialdemokrat. In der kleinen Familie von Mann, Frau und Sohn war es nie= mals eine Streitfrage, ob die Frau und Mutter ihre Zeit der Arbeiterbewegung schenken solle oder nicht. Im Gegenteil, wo es möglich war, ihr diese Arbeit durch Hilfe zu erleich= tern, da geschah es. Hier zeigte sich in menschlich schöner Form der Wert einer Gesinnungsgemeinschaft innerhalb der Familie. Elfriede Ryneck hat von Jugend auf viele bedeutende Menschen der Arbeiterbewegung ken en gelernt, aber was sie an Vertrau en genoß, das verdankte sie redlich sich selber, nicht dem Andenken ihrer Mutter. Im ersten Jahr ihrer Ehe verbot ihr allerdings Krankheit, sich ganz und gar der Parteiarbeit zu widmen; nur die örtliche Arbeit in ihrem Wohnbezirk Baum= schulenweg bei Berlin konnte sie neben dem Besuch der Ar= beiterbildungsschule schaffen. Aber die Genossen am Ort wußten, was sie ihnen fals Funktionärin für die Kleinarbeit wert war.Nach einem Rednerkurs, stellte sie sich, trotz ihres schweren Basedowleidens ganz der Parteiarbeit zur Verfügung. Sie arbeitet in einer Kinderschutzkommission und wurde 1912 als Vertreterin der Frauen in den sozialdemokratischen Vor= stand des Wahlkreises" Teltow- Beeskow- Storkow- Charlottenbg." gewählt. In diesem Wahlkreis gab es viel zu lernen. Im ersten eltkrieg tat Elfriede die notwendige sozialr Arbeit, es war das wozu ihr Herz sie trieb.Im Jahre 1917, dem Jahr der Parteispaltung war sie im Parteivorstand von Bln.sie hatte ihren politischen Standpunkt bei der Mehrheit ge= wählt. 1919 wurde sie in die Nationalversammlung und auf dem Parteitag in Weimar als Beisitzerin in den Zentralvorstand der SPD gewählt. Die Verantwortung, die uns Frauen nach dem Kriege übertragen worden war, machte uns ernst aber auch froh im Bewußtsein unseres neuen Menschentums, das uns aus dem Gefühl der Gleic berechtigung erwuchs.Elfriede war eine der lebhaftesten un= ter uns, fröhlich und beschwingt; denn sie war von Natur ein heiterer Mensch, der dankbar des Lebens Schönheiten genießen konnte. Das Wochende verbrachte sie regelmäßig in ihrem Wahlkreis. Dem Reichstag gehörte sie bis 1924 an, von 1925 bis 1933 dem Preuß. Landtag, wo sie vornehmlich im sozial= politischen Ausschuß arbeitete, dessen Vorsitz sie nach Elis. Kirschmann- Röhls Tod sie übernahm.Es war folgerichtig und entsprach ihren Neigungen, daß sie 1919 bei der Gründung der Arbeiterwohlfahrt mitwirkte und dort auch 2.Vorsitzende So -91im Hauptausschuß wurde. Mit ihrem gesunden, garnicht sentimen= talen, immer treffenden und menschlichen Urteil war sie eine sehr wertvolle Mitarbeiterin. Wer mit Elfriede zusammengearbeitet hat, wird eine Gebärde nie vergessen, die nur eigen gewesen ist: sie klopfte mit den Fin gern ihrer rundlichen Rechten auf den Rücken der linken Hand und sagte im Takt des Klopfens" Darüber muß noch gesprochen werden." Und aus dem immer aufnahmebereiten Brillenfutteral ka men die Zettelchen, die als Gedächtnisstützen dort hineinge= wandert waren, bei der passenden Gelegenheit zum Vorschein. Meist deutete nur Körperhaltung und Gesichtsausdruck ihære Ansicht oder ihr Urteil an, nur manchmal wurde der scharfe Mut terwitz der Berlinerin laut. Am besten lernte man Elfriede im eigenen Heim kennen, wenn sie als heitere, liebenswürdige Wir= tin sich um das Behagen ihrer Gäste kümmerte. Alle, die Elfriede in der Nazizeit erlabt haben, waren des Lo= bes voll über ihre Tapferkeit und ihre menschliche Haltung während dieser schwarzen Periode. Ihre Krankheit hatte sich in den 12 Jahren, nicht zuletzt durch die Aufregungen, sehr verschlimmert und sie war nicht mehr arbeitsfähig, als die Hit lerzeit endlich vorbei war. Aus einem Schlupfwinkel, in den sie in der schlimmsten Kriegszeit auf die dringenden Bitten ihres Sohnes hin ausgewichen war, kehrte sie kurz nach dem Kriege auf einem Kohlenwagen zurück- es hatte sie nicht län= ger draussen gehalten. Sie erlebte noch einige Jahre, und was für Jahre! Elfriede wohnte im Ostsektor Berlins und dort blie sie auch, als die unselige politische Spaltung Berlin in 2 Hälften teilte. Sie mußte erleben, dass ihr Sohn von seinem Bürgermeisterposten in einem östlichen Bezirk Berlins durch die Russen entfernt wurde und seinen Bezirk und damit den östlichen Sektor nicht wieder betreten konnte. Solange sie gesundheitlich dazu imstande war, kam sie zu jeder Partei= veranstaltung, eine Stütze und ein Symbol für den Teil der Partei, der in den Ostbezirken arbeitete, und nicht weniger für die imwesten. in stark/ Seele dieser Frau wxx, daß sie es bewußt und klaglos ertragen hat, den geliebten Sohn im Kampf der letzten Lebenstage nicht um sich zu fühlen. Sie wußte er war gefähr= det, wenn er zu ihr gekommen wäre. Deshalb war es ihr drin= gender Wunsch, ja ihr letzter Befehl, daß er fernblieb. Er hat= te diesen Wunsch zu respektieren," darüber durfte nicht ge= sprochen werden." 92Anna Siemsen. ( 1882 1951) Ich gehe sehr zaghaft an den Versuch heran, aus diesem, in seiner geistigen Leistung so vielseitigem weiblichen Leben die Seite der Persönlichkeit herauszustellen, die wir unseren Lesern zeigen möchten: die für Fortschritt und Sozialismus wirkende Frau und den Menschen Anna Si e msen, aus deren geistiger Hinterlassenschaft uns noch immer Quellen fließen, die der heutigen Frauengeneration dienen. Anna Si emsen war das zweite Kind eines konservativen Pfarrers, der in der westfälischen Gemeinde Mark amtierte. Mit einer älteren Schwester und drei Brüdern, denen Anna immer in Liebe verbunden blieb, wuchs sie auf. Der Bruder August der ihre Lebensgeschichte schrieb erinnett sich noch als reifer Mann der selbst erfundenen Märchen, mit denen Anna den Jüngeren beglückte. Nachdem Anna sich die ele mentaren Grundbegriffe der Dorfschule erworden hatte, durfte sie sich von ihrer Schwester Paula in die höhere Mädchenschule nach Hamme kutschieren lassen, wo sie dann, wegen ihrer Zartheit und Kränklichkeit so viel vom Unterricht versäumte, daß sie das Zeil Ziel der Schule nicht erreichte. Sie hat sich dann die notwendigen Kenntnisse zum Lehrerinnen- Examen im Selbststudium erworben, und bestand es 1901 in Münster. Im Elternhaus wurde ihre Phantasie durch das lebhafte Interesse an Sage und Geschichte, an Literatur und Kunst angeregt. Der Vater las vor, oder die Kinder lasen klassische und moderne Dramen mit verteilten Rollen. Das Interesse der Familie betraf auch die Zeitgeschichte und brachte es mit sich, daß die Kinder Burenkrieg und DreyfuẞAffaire bewußt miterlebten. Sicher sind ihnen auch die sozialen Spannungen des benachbarten Ruhrgebietes nicht verborgen geblieben: alle fünf Kinder des positiv gläubigen, protestantischen Pfarrers sind Sozialisten geworden. Die Mutter folgte ihren Kindern in dieser Richtung und trat später sogar aus Protest gegen die Haltung der Kirche im Kriege aus der Evangelischen Kirchengemeinschaft aus. Doch nur Anna Siemsen selber, wie sie aus dieser Kindheitswelt hervorging, wie sie durch Arbeit an sich selber zu einer hohen Entfaltung ihrer Geistes- und Charakterkräfte gelangte, soll hier betrachtet werden. 1902 ging die Familie- weil der Vater pensioniert wurde, nach Osnabrück. Das Pfarrhaus mit seinem großen Garten wurde mit einer Mietwohnung vertauscht. Vor Anna tat sich eine neue Welt mit anderen landschaftlichen Schönheiten, mit neuen Reizen und neuen Bildungsmöglichkeiten auf. Als Tochter eines Pfarrers, der das -93Tanzen verwarf, nahm sie nicht an dem üblichen, ihr neuen gesellschaftlichen Leben teil, sondern war ausreichend damit beschäftigt, die neue Umwelt zu verstehen, mit ihrem Studium und mit ausgiebiger Lektüre. Anna drängte es zum Beruf; sie wollte ihre Kräfte erproben und auch den elterlichen Haushalt etwas entlasten. So wurde sie Privatlehrerin in einem Pfarrhaus von so reaktionärem Geist, daß sie manche Kuriosa dort erlebte. Eine sozialdemokratische Versammlung im Dorf zum Beispiel schlug der Herr Pfarrer niedern indem er zu Beginn" Heil dir im Siegerkranz" anstimmte und dann die Gemeinde nach Hause schickte. Ein Madonnenbild mit dem säugenden Jesusknaben verbot er der jungen Hauslehrerin in ihr Zimmer zu hängen, weil es zeige" wovon es schon schändlich ist, zu reden". Der gute hatte sieben Kinder gezeugt und glaubte an Hexen und an den Werwolf, den er selbst gesehen hatte! Nachdem Anna sich hier im Lehren aber auch in Geduld geübt hatte, schaff te sie in zwei Jahren intensiven Studiums das Abiturienten- Xxamen als Außenseiter am humanistischen Gymnasium zu Hameln. Sie studierte dann in München, Bonn und Münster, machte ihren Dr. phil. mit Auszeichnung und das Staatsexamen in Deutsch, Philosophie und Latein. Ein Jahr später holte sie in Detmold noch eine Prüfung in Religion für die Oberstufe nach. Sie war dann in Detmold, Bremen und Düsseldorf als Oberlehrerin tätig. In Bremen war es eine private höhere Mädchenschule, an der sie arbeitete, und die dortigen Erfahrungen veranlassten sie, sich für höhere Gehälter für das ganz unterbezahlte Lehrpersonal einzusetzen. Die Zeit ihres Studiums war zugleich eine Zeit höchster Einschränkung gewesen, aber das machte ihr nichts aus, sie war immer ein einfacher und sparsamer Mensch. Nach dem Tode des Vaters( 1910) lebte sie mit der Mutter zusammen. Der Ausbruch des Krieges überraschte sie in der Schweiz. So schnell wie möglich kehrte sie nach Düsseldorf zurück, und erlebte den" furor teutonicus", der sie tief erschütterte; erst nach einiger Zeit erkannte sie, was ein Krieg eigentlich bedeutet. Die Wahrheitsliebende empfand schmerzlich die Lügenpropaganda und die Eroberungsforderungen der" Patrioten". Das schamlose Kriegsgewinnlertum und die Ausbeutung der arbeitenden Mensbhen, die sich bis zum Friedensschluss und über die Inflation hinaus fortsetzte. Aus diesen Erlebnissen erwuchs eine sehr entschiedene Kriegsgegnerschaft, der sie fortan einen großen Teil ihrer Kraft widmete. Wir finden die 35jährige als streitbare Schriftstellerin, und sie wird in dieser Zeit Mitglied des " Bundes Neuss Vaterland" aus dem sich später die Liga für 99 Menschenrechte entwickelt hat. Da sie dem Vorstand dieses Bundes angehörte, wurde sie für den Rest des Krieges überwacht. Es war in dieser Zeit, daß sie den Weg zum Sozialismus fand, und auch der Frauenliga für Frieden und Freiheit beitrat. Anna Siems en war Individualistin und lässt sich in keine Schablone pressen. Sie drang in die sozialistische Idee von der Wissenschaft her ein, nicht vom Erlben und Fühlen her, Trotzdem darf man sie sich nicht trocken und gefühllos vorstellen. In dieser exakten Geisterarbeiterin schlug ein mitfühlendes Herz und pulsierte warmes Leben, aber ihr Denken richtete sich auf die großen allgemeinen Linien. Während der Zeit der schmerzhaften Spaltung in der SPD gehörte Anna Siemsen zu den Unabhängigen Sozialdemokraten, die sich- vornehmlich wegen der Bewilligung der Kriegskredite von der Mehrheit der SPD abgesondert hatten. In der Besatzungszeit der 20er Jahre hat ihr Bekennermut sie öfter in unangenehme Situationen gebracht. Im Volkshochschulwesen, für das sie großes Interesse hatte, kam sie aus bürokratischen Gründen nicht zum Zuge. 1919 wurde sie ins Volksbildungsministerium nach Berlin berufen, 1920 als Beigeordnete für Fach- und Berufsschulfragen nach Düsseldorf, womit sie gleichzeitig Stellvertreter des Oberbürgermeisters war-. Später hatte sie das Fach- und Berufsschulwesen in der Preußischen Zentrale einzurichten und auch da mit Widerständen bürokratischer Art gegen ihre Pionierarbeit auf diesem verhältnismäßig neuen Gebiet zu kämpfen. - Die Inflation unterbrach 1923 Anna Siemsens Berliner Tätigkeit sie folgte einem Ruf nach Thüringen. Auch de wurde ihre Arbeit unterbrochen, denn els man Kommunisten in die Regierung aufgenommen hatte, warschierte Militär ein, und von da an begann eine katastrophale, reaktionäre Entwicklung in Thüringen. Die Landtagswahl 1924 ergab eine Einheitsfront mit Einschluss der Nationalsozialisten, und Anna Siemsen mußte ihr geliebtes Amt aufgeben. Die ihr von der vorigen Regierung verliehene Professur konnte man ihr aber nicht nehmen: sie übte ihr Lehramt bis 1932 aus. Ohne das Schulamt hatte sie nun, noben den Vorlesungen, Zeit für ihre literarischen Arbeiten und für Karse im übrigen Deutschland und in Europa. Ich erinnere mich gerne daran, wie ich Anna Siemsen einmal kennenlernte. Es war zu irgendeiner uns wichtigen Beratung in der Zentrale der" Arbeiterwohlfahrt", zu der eine Reihe sachkundiger Menschen zusammengerufen waren. Sie fiel mir durch ihre verständigen und sachkundigen Ratschläge auf. Bis 1928, als sie in den Reichstag kam, verlor ich sie dann aus den Augen. Sie hat dem Reichstag bis 1932 angehört. Mit ihrer Eigenwilligkeit hat sie innerhalb der Partei immer ein wenig ffemd gewirkt, ihr großes Wissen ist auch nicht in dem Umfang geürdigt worden, wie es wünschenswert gewesen wäre. Ihre große Sachlichkeit erlaubte ihr niemals eine Empfindlichkeit zu zeigen, aber 1932 stellte sie sich nicht mehr zur Wahl.= W Im März 1933 mußte Anna Siems en Deutschland verlassen, sie ging in die Schweiz. Sie hätte sich dort dem in der Schweiz geltenden Arbeitsverbot für Ausländer fügen müssen, aber bei den So21 ldemokratischen Genossen war sie keine Fremde. Man kannte sie und ihre Mitarbeit war hochwillkommen. Um eine ungestörte Arbeitsmöglichkeit zu sichern, bot ihr der Jugendsekretär der Partei, Walter Vollenweider an, der gesetzlichen Form nach eine Bhe mit ihm zu schließen. So wurde Anna Siemsen Schweizer Bürgerin, konnte wirken, und in der Bildungszentrale arbeiten, ja sie konnte die Redaktion der Sozialistischen Frauenzeitschrift" Die Frau in Leben und Arbeit" übernehmen. Natürlich fehlte es nicht an Gegenern. Einige intellektuelle Frauen agitierten gegen das erheiratete Schweizer Bürgerrecht; in jener Zeit hatten sich manche Ausländerinnen das Scheizer Bürgerrecht über einen Kaufpreis erheiratet. Für die, die sie kannten, war die politische Ehe von Anna Siemsen natürlich we etwas anderes, und sie hat während ihrer Emigrationszeit in der Schweiz eindeutige Anerkennung bei allen gefunden, die für ein Leben der Menschlichkeit eintraten. Ihr war es vergönnt, das Ende der Hitlerzeit zu erleben und in der Heimat noch einmal arbeiten zu können, ehe der Tod sie abrief. Hildegard Wegscheider Ziegler. ( 1871-1953) Hildegard Ziegler war ein Pastorenkind. Als sie geboren wurde, war ihr Vater Hilfslehrer am Berliner" Gymnasium zum grauen Kloster". Er wurde als Lehrer entlassen, weil er nach Meinung seiner Vorgesetzten Bibeltexte zu liberal ausgelegt hatte. Er bewarb sich um eine Pastorenstelle in Liegnitz, wobei er der Behörde gegenüber kein Hehl aus seiner liberalen Gesinnung machte. Trotzdem erhielt er diese Stelle. So wurde -96Liegnitz und Schlesien die Heimat von Hildegard. Es war eine Töchterfamilie in der sie aufwuchs. Wie alle Mädchen der damaligen Zeit wurde sie für die Ehe erzogen. Doch die Erziehung in diesem Elternhaus hatte schon eine andere Tradition als die damals übliche: in der mütterlichen Linie rückwärts erhielten die Töchter bereits eine Berufsausbildung. So war eine unverheiratete Tante von Hildegard( Schwester ihrer Mutter) Lehrerin an der" Königin Luisenschule" in Berlin. Die Eltern Ziegler fanden aber auch, daß ihre Töchter auf alle Fälle eine bessere Bildungsgrundlage brauchten, ob sie nun heirateten oder nicht. Lehrerin zu werden war damals die einzige Möglichkeit zur Ausübung eines selbständigen geistigen Berufes für Frauen und zugleich Bildungsquelle. So grundverschieden die Eltern Hildegards in ihrem Naturell und in ihrer praktischen Einstellung zum Leben waren- der Vater war philosophisch und weltfremd, die Mutter praktisch und streng so einig waren sie sich in der Ausbildungsfrage für ihre Töchter. Kamen doch beide aus der gleichen Schicht, beider Väter waren Gymnasialdirektoren gewesen, liberal in ihren politischen Anschauungen, Gegner der Bismarck- Politik. Schon der mütterliche Großvater Kaempf war ein Rebell der 48er Jahre gewesen, der sich später eine Art von Polizeiaufsicht gefallen lassen mußte. Er war in das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt worden, und die PreuBische Regierung bestätigte ihn schließlich als Direktor des Gymnasiums in Landsberg a.d.Warthe. Das Elternhaus der Mutter war streng gewesen, einfach, betont, leidenschaftlich und pflicht bewußt, während das lternhaus des Vaters Ziegler musisch, künst lerisch weich und ein wenig weltfremd war. Der einzige, Bruder der Mutter war Johannes Kaempf, der langjährige, sehr bekannte liberale Abgeordnete und Präsident des Reichstages. Hildegards Wunsch war, sich nach bestandenem Lehrerinnen- Examen auf das Abitur vorbereiten zu können, um zu studieren. In Deutschland konnten damals Mädchen noch kein Gymnasium besuchen, und es gab keine Einrichtungen für sie, umsich auf das Abitur vorzubereiten. So besuchte sie eine Zeit lang ein LehrerinnenSeminar, mußte es aber verlassen, ls sie sich verlobte. So bereitete sie sich weiter privat vor. Die Verlobung allerdings ging auseinander: Hildegard hatte im Nachttisch ihrer Mutter das damals, 1889, noch verbotene Buch von August Bebel" Die Frau und der Sozialismus" entdeckt und gelesen und kam, nach gewissenhaftem Nachdenken zu dem Entschluss, nicht mehr zur Kirche und zum Abendmahl zu gehen. Der Bräutigam, Theologe wie ihr Vater, konnte Hildegard weder verstehen noch ihr Verhalten ertragen. Ihr Vater aber sagte, philosophisch lächelnd:" Dem Aufrichtigen läßt der Herr es gelingen." Die entlobte Braut bestand das Lehrerinnenexamen am 1. Oktober 1892. In der Schweiz konnten Mädchen das Abitur erwerben und studieren und die weitherzigen, mutigen 1tern Ziegler hatten nichts dagegen, daß Hildegard in die Schweiz ging. Nur ein schwerwiegendes Bedenken gab es: konnten die Eltern sich bei vier Töchtern, die alle Geld kosteten, die Ausgabe leisten? Die Mutter fuhr nach Berlin zu Helene Lange und nach Dresden zu Auguste Schmidt, um sich beraten zu lassen. Von beiden Seiten wurde dringend geraten, das Mädchen nach Zürich zu schicken, und es wurde sogar noch ein Stipendium von 200 Mk pro Semester bewilligt, sodaß Hildegard sich nicht das Studium durch stundengeben verdienen mußte. Sie konnte bei bescheidenstem Leben studieren und sich zugleich auf das Abitur vorbereiten. In Zürich, wo jeder seiner politischen Meinung folgen konnte, meldete sich Hildegard bei der Schweizer Sozialdemokratie als Mitglied an. Bevor die vier Semester in Zürich zu Ende gingen, richtete sie die Bitte an das Preußische Kultusministerium, ihr die Abiturientenprüfung zu ermöglichen(" trotz meines weiblichen Geschlechts). Da inzwischen Helene Lange Realkurse für Mädchen eingerichtet hatte, und diese Mädchen in absehbarer Zeit geprüft werden sollten, zeigte man sich in Berlin geneigt, einen Vorversuch zu machen. Man kam ihr außerdem entgegen, und ließ sie in der Preußischen Enklave Sigmaringen zur Prüfung zu, wo sie als unsere abiturientin" großes Inter sse und große Bewanderung erregte. Das glänzend bestandene Examen mußte ja Folgen haben, vor allem: den Anspruch auf das Studium in Preußen! Als sie sich aber an der Berliner Universität um Zulassung bewarb, sagte der derzeitige Dekan der philosophischen Fakultät, der Professor v. Treitschke:" Ein Student, der sich nicht besaufen kann? Unmöglich!" In Halle hielt man mehr von der Wissenschaft als vom Saufen und ließ einen Versuch zu. Aber welch ein Unterschied zu Zürich! Zuesrt war Hildegard die einzige Frau an de Universität, in ihrem zweiten Jahr kamen die ersten Abirurientinnen der Helene Lange Privatkurse dazu. Im März 1898 stieg dann der erste weibliche Doktor Preußens aus dem Examen. Wenn es nun auch bis zum Examen geschafft war, die Berufsfrage bedurfte noch ihrer besonderen Lösung: Hildegard Ziegler em -98empfand es els ein Glück, daß sie von Helene Lange els Lehrerin bei ihren gymnasialen Kursen für Mädchen eingestellt wurde. Neben ihem Beruf beschäftigten die junge Doktorin die sozialen Fragen, zu denen sie in Zürich den Zugang gefunden hatte. Damit ging auch die Frage der Abstinenz zusammen, der Enthaltung vom Alkohol; mit anderen war sie fest überzeugt, daß der Erfolg der Arbeiterbewegung davon abhänge, wie sehr sich die Arbeiter von der Betäumbung durch Alkohol freimachen könnten. Bei der Arbeit im Arbeiter- Abstinentenbund lernte Hildegard Ziegler den den Dr. Max Wegscheider kennen, Sohn eines bekannten Arztes aus dem Berliner Geheimratsviertel und selbst Arzt, mit dem sie sich 1899 verheiratete. Hilde Wegscheider hatte nicht beabsichtigt, ihre Lehrtätigkeit als Ehefrau aufzugeben, und ihr Mann war ebenfalls der Ansicht, daß die Heirat eine Frau nicht an der Berufsausübung hindern sollte. Helene Lange aber lehnte die Weiterbeschäftigung ab. Sie brauchte für ihr junges Unternehmen die Zustimmung und unterstützung weiter bürgerlicher Kreise und auch die Protektion der Keiserin. So gesehen, war schon die Tätigkeit der Sozialdemokratin eine Belastung für ihre Schule gewesen, eine angehende Mutter als Lehrerin aber war unmöglich zu jener Zeit. Statt der Kurse bei Helene Lange gab Hilde Wegscheider jetzt Privatstunden für Mädchen zur Vorbereitung auf das Abitur, die Nachfrage war groß. Außerdem durfte sie mit Erlaubnis des Preußischen Kultusministeriums in Charlottenburg an einem der neugegründeten Reformgymnasien für Knaben hospitieren. Ihre praktischen Erfahrungen in der Aufnahme des Stoffes und seiner Verarbeitung bei Knaben und bei Mädchen wertete sie in einem Artikel in der" Zeitschrift für Kinderpsychologie" aus. Beim " Verein für Frauenwohl" und seiner Leiterin Minna Cauer hatte mon mit Sympathie zur Kenntnis genommen, daß die Arbeiterbewegung die Gleichberechtigung der Frau auf dem sllgemeinen Arbeitsmarkt anerkannte und zur Geltung bringen wollte. Debei sollte die Lehrerin keine Ausnahme machen. Warum sollte die verheiratete Frau und Mutter ausgeschlossen sein von einer Erziehungsarbeit, von der sie vielleicht stärker geeignet war als andere? Hildegard war inzwischen selbst Mutter geworden und erlebte dies. Problem also aus eigener Erfahrung. Mit Hilfe des" Vereins für Frauenwohl" gründete sie die erste Mädchenschule mit gymnasialem Charakter für Mädchen. Wir sehen, nicht nur ihr Bildungsgang war außergewöhnlich gewesen, sie blieb such weiterhin beim AuBergewöhnlichen. Da die neugegründete Schule keine staatlich zu -99anerkannte war- und auch nicht sein konnte- mußte von den Eltern" ls Familienschule" gemeldet werden und einer der Väter mußte den Vorsitz übernehmen. Nur er konnte mit den Behörden verhandeln. In dieser Familienschule, die aus echtem Interesse entstanden war, hatte man Vertrauen zueinander und zu der Leiterin, in deren Wohnung die Sprechstunden für Eltern, Schülerinnen und Lehrer stattfanden. Die Eltern waren einverstanden, daß Frau Wegscheider auch dann weiter unterrichtete, als sie ihr zweites Kind erwartete, je sie versprachen sich erzieherischen und sittlichen Gewinn für ihre Töchter. Die Schulaufsichtsbehörde war anderer Ansicht:" Aus Gründen der Sittlichkeit" wurde der Leiterin das Unterrichten verboten, und um die Schule nicht zu gefährden, gab Hilde Wegscheider nach. Die freie Zeit, die sie nach der Geburt des zweiten Kindes noch hatte, konnte sie als Dozentin an der Humboldt- Akademie verwenden. Beim sozialistische Frauenkongreß in Berlin 1904 kam Hilde Wegscheider durch den plötzlichen Tod der Referentin für die Alkoholfrage dazu, zum ersten Mal vor einer großen Menschenmenge zu reden. Es wurde, obwohl sie sich nicht hatte vorbereiten können,- ein großer Er folg und der Beginn einer langen Laufbahn als Referentin der Partei. Allerdings auch der Anfang vom Ende ihrer Ehe. Die agitatorische Tätigkeit ließ sich viel weniger mit Haushalt, Whe und Mutterschaft vereinigen, wie die paar Schulstunden. Das Ehepaar versuchte noch eine Weile die the zu halten, aber in das Leben des Mannes trat eine andere Frau, und so gingen sie auseinander. Ihre Kinder nahm sie mit. Sie holte das Examen für das Lehramt an höheren Schulen nach und nahm eine Stellung in Bonn an einer Mädchenschule an. Sie hat in dieser Stadt mit Zentrumsmehrheit kein Hehl aus ihrer Mitgliedschaft bei der SPD gemacht ,; man wählte sie trotzdem, and daß sie nicht in öffentlichen Versammlungen reden dürfe, sah sie ein; es gab in Jugendveranstaltungen und in Gewerkschaftskursen genug zu tun. Ihre Abstinenzarbeit ließ sie auch am Rhein nicht im Stich, obwohl sie dort schwieriger war als anderswo. Sie beschäftigte sich wissenschaft lich mit der Alkoholfrage, aber auch vor ganz praktischer Arbeit auf diesen Gebiet scheute sie nicht zurück: so las sie eines Tages eine betrunkene Frau von der Straße auf, badete sie in der eigenen Badewanne and steckte sie in ihr eigenes Bett. Das aber war für ihre Jungens zu viel, und sie sah es auch ein. be- der Eriegasus brachy ls der Krieg ausbrach, waren beide Söhne noch zu klein, um mitzuziehen; zum Schluss aber wurde der Älteste noch Soldat, er übe -100überlebte den Krieg, aber noch am 19. November 1918 verunglückte er tödlich. Diesen Schlag hat sie niemals ganz verwunden, trotz aller persönlichen Tapferkeit hat sie immer schwer daran getragen. 1919 hat das Rheinland Hildegard Wegscheider in den Preußischen Landtag gewählt. Die Arbeit in Bonn- noch dazu in einer Simultanschule- hatte sie vorbereitet auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit aller." wir wußten, daß wir die Reichseinheit nur erreichen konnten, wenn wir mit dem katholischen Teil Deutschlands einig waren sagt sie in der Rückschau. Zusammenarbeit mit anderen war immer ihre Freude gewesen, ob es Männer und Frauen der Geistes- und Kulturwelt und des politischen Lebens des In- und Auslandes waren oder im Parlament die Zusammenarbeit mit Männern und Frauen, die auf eine reiche politische Erfahrung zurückschauen konnten. Das blieb auch so, als sie 1920 zur Oberschulrätin im Provinzialschulkollegium in Brandenburg ernannt wurde, und wieder ganz nach Berlin übersiedelte. Sie lernte, abzuwägen, was wünschenswert und was erreichbar ist, sie wußte, das alles Wachstum ist. Sie war wie mit ihren Schülerinnen, such mit den jungen Menschen der Arbeiterbewegung fest verbunden, vielleicht mit diesen noch mehr als mit jenen. Und auch in der Hitlerzeit rissen diese Verbindungen nicht ab, sie gestalteten sich nur anders. Bie- Schreibená Ich traf Hildegard einmel an der Granze zwischen Basel und Frankreich an einem Grenzstein. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis, wie diese Frau ihre Einsicht, ihre Klugheit und ihre Überlegenheit bewahrt hatte, trotzdem man ihr doch 1933 ein Lebenswerk zerschlagen hatte. Wie war ihr ihre Arbeit, besonders die Karl- Marx- Schule in Neukölln ans Herz gewachsen! Das elles verschwinden zu sehen, war schon eine menschliche Tragödie, und es zu tragen, gehörte ein großer starker, gläubiger Geist, eine Persönlichkeit, wie sie dort ruhig lächelnd neben mir am französisch- schweizerischen Grenzstein saẞ. Später allerdings überkam sie die Verzweiflung über die Rechtlosigkeit. Und els der Krieg kam mit seinen Luftangriffen und allem Jammer, da konnte sie mit all dem Unglück nicht fertig werden. In dieser Verzweiflung fand sie den Weg zu einer Menschengruppe, die religiöse Wahrheitssucher waren, einfache schlichte Menschen, die Pfingstgemeinde. Sie empfand Glück darin und zog Stärke daraus. Sie wußte, daß ihre alten Freunde zunächst befremdet sein würden, aber sie war beglückt, als sie trotzdem zu ihr hielten und sie zu verstehen suchten. Ihre Treue zum Sozia 101Sozialismus ging nicht verloren mit welchem Glück erlebte sie das Zusammenfinden der Partei nach dem Kriege. Sie bewährte sich wieder wie früher, auch bei dem Ringen, das einsetzte, als man die Berliner Sozialdemokraten in die Einheitspartei zwingen wollte. Sie war voll Bewunderung für die klarblickenden Genossen, die umsichtig und tatkräftig die Trümmer sammelten und eine neue Bewegung aufbauten. Es war ein Aufbau, an dem sie noch teilnehmen konnte. Bei allem Glück, das sie empfand, wurde sie aber auch die Besorgnis nicht los; sie schrieb nach ihrem 80. Geburtstag:" Wir sind doch unserer Partei treu geblieben, weil sie die einzige Partei ist, in der Menschen unserer Art leben können! Ich wollte nur, die Frauen wären noch etwas tätiger in der Bekämpfung der drohend hochgestiegenen Reaktion." Sie erfuhr noch die offizielle Thrung durch Verleihung des Verdienstkreuzes durch den Bundespräsidenten und erlebte die Freude, daß die Berliner die" Hildegard- WegscheiderSchule" nach ihr nannten. Das Schönste von allem war ihr immer das Gedenken der jüngeren Generation, das ihr auch treu blieb, als sie sus dem Leben schied und ihr weiter treu bleiben wird. Literatur: Weite Welt im engen Spiegel, Lebenserinnerungen von Dr. Hildegard Wegscheider. Die Frau im demokratischen Staat v. Dr. Hildegard Wegscheider. Wie ich Sozialdemokratin wurde, Artikel von Dr. H. Wegscheider in" Genossin" Nr. 4, 1949. Verschiedene Zeitungsauschnitte. Lore Agnes ( 1876 1953) Der Bergarbeiter Benning in Bochum hinterließ bei seinem frü= hen Tode neben anderen Kindern auch eine kleine Tochter, Lore. Die Familie war arm und Lore mußte sich früh ihr Brot selbst verdienen. Sie wurde Dienstmädchen und traf es schlecht, zwi= schen Herrschaft und Gesinde war eine tiefe Kluft. Lore muß te oft weit über ihre jungen Kräfte arbeiten, und sie war ein= sam.Ihre einsamen Stunden im kalten Dachkämmerchen füllte sie mit Lesen aus. Wenn man sich diese Jahre vorstellt, dann be= greift man die Leidenschaft und Hingabe, mit der später die reif gewordene Frau sich der Frage der Hausangestellten an= nahm. Sie heiratete Peter Agnes und kam 1906 mit ihrem Mann nach Düsseldorf. Dort arbeitete sie an der Gründung des Verbandes der Fausangestellten mit, zunächst ohne großen Erfolg. Die Un= terdrückten mußten erst geweckt werdenx und lernen, ihr Menschenrecht zu fordern. Lore zog zu Fuß von Ort zu Ort am Nie= derrhein um sich dieser Aufgabe zu widmen, während Peter Agnes, einer der Pioniere der Arbeiterbewegung in Düsseldorf Gewerkschaftssekretär wurde. Er kannte die glühende Seele sei= ner Frau, er hinderte sie nicht in ihrem Tun sondern unterstüt= 9 -102te sie, so gut er konnte. Durch seine eigene Arbeit war er ja vertraut mit der Ideologie und den Absichten der Arbeiterbewe= gung, die nur dann ihren Zweck erfüllt sah, wenn sie sich für die am meisten auge beuteten und geknechteten Schichten einsetzte. Das galt natürlich auch für die Haus angestellten, deren man sich gewerkschaftlich, aber auch fürsorgerisch annehmen mußte. Hausangestellte standen unter dem Ausnahmegesatzrecht. aus Unkenntnis/ der Gesindeordnung, waren meist wehrlos und kannten den Wert ihrer eignen Arbeit noch nicht. Sie wurden dadurch ein hemmen= des Element im Kampf der Arbeiter um bessere Lebensgestaltung. Ohne Frauen wie Lore war es der Gewerkschaft fast unmöglich, bei den weiblichen Haus angestellten etwas zu erreichen. Lore hatte sich früh der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung angeschlossen und" glaubte" an ihre Überzeugung. Ihr Glaube an das, was sie für gut und richtig hielt, verleitete sie leicht dazu, das Denken und die daraus erworbene Erkenntnis Anderer für den Ausfluß einer weniger guten Gesinnung zu halten. Ihr leidenschaftliches Herz und das Mitleiden mit den Kindern des Proletariats veranlasste sie zur besonders intensiven Mit= arbeit in den Kinderschutzkommissionen des Niederrheins. Mit der gleichen Intensität arbeitete sie in der Frauenbewegung, der man es auch am Niederrhein bis 1908 besonders schwer machte für die sozialistische Idee zu werben. Es agb manche Fehde mit der Polizei und den Gerichten zu bestehen. In dem inneren ichtungsstreit der Sozialdemokratie stand Lore immer auf dem linken Flügel. Clara Zetkin, Rosa Luxemburg wa= ren ihre weiblichen Vorbilder, zu ihren geistigen Fähigkeiten blickte sie gläubig auf, ihre Thesen machte sie sich zu eigen. Mit diesem Elan erfüllte sie die scheinbar kleinen und die gro= Ben Pflichten für den Sozialismus. Als 1914 der Krieg kam konnte Lore, die Friedenxliebende es nicht fassen, daß es den Sozialisten der Internationale nicht gelingen sollte, das Ungeheuerliche zu verhindern. Sie redete in einer Friedenskundgebung in Düsseldorf. Sie sagte unge= schminkt, was sie dachte, und sprach vielen aus dem Herzen. Der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf kals Belastungszeuge xxx stellte sie als gefährliche Agitatorin hin, und sie mußte ih= ren Mut und ihre Menschen- und Friedensliebe mit einigen Wochen Gefängnis bezahlen. Noch einmal während dieses Krieges kam Lore ins Gefängnis: 1917 hatte sie sich der Unabhängigen Sozialde= mokratie angeschlossen und ihre enge Verbindung zu Luise Zietz und Clara Zetkin hatte sie nach Zürich zu einer internationa= len Frauensitzumg geführt. Hatte sie sich vergeblich um einen Paß bemüht oder war sie absichtlich ohne dieses Papier hinü= bergegangen? Bei ihrer Rückkehr wurde sie verhaftet, angeklagt und verurteilt. Trotz ihrer Verehrung für Rosa Luxemburg ging Lore nicht mit zur kommunistischen Partei bei deren Gründung.Bis 1933 war sie Mitglied des Reichsteges. Lore Agnes ist immer schlicht und einfach geblieben, bei allen Ehrungen und Freuden, und den Kummer hat sie still getragen. Ihr Lebensgefährte starb in einer Zeit, in der sie es notwen= dig gehabt hätte, sich an ihn lehnen zu können, ihre geliebten jüngsten Sohn mußte sie in Hitlers Krieg hergeben. Als 1945 die Partei wider aufstand, war es selbstverständlich, dass Lore wieder dabei war. Sie hatte eine starke Vorstellung 103 von Pflichterfüllung: es ging ihr materiell recht knapp, aber wehe, wenn jemand ihr sagte, sie solle doch diesen oder jenen Beitrag nicht zahlen! Das Zahlen der Beiträge für die Organi= sationen, die sie bejahte, war ihr Ehrenpflicht, und sie hat lieber stillschweigend entbehrt als darauf verzichtet, ihre Bitcher in Ordnung zu heben Ebenso war es mit der Parteiarbeit! Als sie nach ihrem 75.Geburtstag noch einmal umziehen mußte, bernahm sie in ihrem neuen Wohnbezirk noch einmal die Haus= kassierung und war stolz auf ihre Erfolge. So passt es ganz zu dieser Frau, dass sie in den Sielen starb.Sie fuhr freudi. mit nach Köln zur zentralen Frauenkonferenz. Dort erkrankte sie am Morgen des dritten Konferenztages und starb nach we= nigen Tagen in Krankenhaus. Der Ortsausschuß Walsum bei Duisburg nannte eine Kindertagesstätte nach ihr, und es gibt auch eine Lore Agnesstr. dort. In Dusseldorf wird die Arbeiterwohlfahrt einem Altersheim ihren Namen geben. Te gibt Menschen, deren kirken ganz mit der Geschichte ihrer Zeit verwoben ist sie stellen sich selber garnicht heraus, sie sind die Stiien in Lande. Sie erkennen die wirkenden Kräfte ihrer Zeit und stellen sich in Reih und Criedum ganz für ihre Idee einzutreten. Zu Ihnen gehörte diese Frau . Frauen Ihres Jahrhundert Lebenswege von Frauen durch e. a Jahrhundert Frauen schicksale.m Dienst des S₍2: al's»’s Vorwort An die Frauen von heute werden starke Anforderungen gestellt: an ihr verantwortliches, staatsbürgerliches Verhalten, an ihre politische Urteilskraft, an ihr gesamtes Handeln und Tun: als Hausfrau, als Mutter, als Berufstätige. Alles was sie tun, hat seine Bedeutung für die Allgemeinheit, für den Fortschritt oder auch.... Rückschritt. Es wirkt weit über den Tag hinaus, mehr als gemeinhin erkannt wird. Das Bewußtsein von dieser Mitverantwortlichkeit konnte sich nicht im kontinuierlichen Aufbau entwickln. Die Jahre nach 1919 wären zum Teil noch Sturm und Drang, die Nachkriegszeit hatte viele Probleme aufgeworfen, eine wirtschaftliche und soziale Entwicklung war im Gange in die, die nun politisch gleichberechtigte Frauen, sich hineinzuwachsen bemühten. Dieses begonnene Hineinwachsen wurde durch die Gewaltherrschaft des Hitlersystems unterbrochen, das der großen Mehrzahl der Staatsbürger keine Mitwirkung auf demokratischer Basis erlaubte. Jahre dieses demokratischen Vakuums standen außerdem unter dem Zeichen eines alles zerstörenden Krieges von einer Art, für die es in der menschlichen Geschichte keine Vergleichemöglichkeiten gibt. Die Zeit nach dem verlorenen Kriege stellte uns alle, Männer und Frauen, vor niegekannte Aufgaben, die sich täglich und in immer neuer Form wiederholen. Und doch vermissen wir mitten im Drange dieser Aufgaben immer wieder die Anknüpfungsmöglichkeiten an eine Vergangenheit, die viele von uns die jüngeren- nur ahnen, aber nicht fassen können. Ich meine es nicht im - 1- Sinne einer Restauration. Jede Generation hat das Recht und die Pflicht an der Schaffung eines Neuen mitzuwirken. Trotzdem sollen wir zur Erleichterung bei der Erarbeitung eines Neuen, auch von dem Früheren wissen. Wir Frauen sollten es wissen, daß- vor uns- mutige mutige Frauen, bewußt und freudig, mit vollem Einsatz ihrer Kräfte und ohne Furcht um ihr Menschen- und Frauenrecht gestritten haben, und damit um das unsere, um das, was wir heute an Recht und Gleichberechtigung besitzen. In diesem Buch stellen wir einige weibliche Persönlichkeiten vor, die für die Befreiung des gesamten Frauengeschlechtes kämpften. Wenn wir uns dabei auf solche Frauen beschränken, die zugleich dem Sozialismus dienten, so füllen wir damit eine vorhandene Lücke in der Literatur über Frauen aus. Von ihnen ist bisher nur wenig gesagt worden. Es ist auch nicht die Absicht der Herausgeberin, diese Frauen als Heldinnen zu zeigen. Es waren weibliche Menschen" wie Du und ich", Kinder ihrer Zeit. Durch die wirtschaftliche und soziale Entwicklung wurden sie sich ihrer Entrechtung bewußt und in die Kämpfe ihrer Zeit hineingezogen. Sie wuchsen daran, wie die Menschen immer wachsen können, wenn sie sich ernsthaft einer Aufgabe stellen. Aber eins muß gesagt werden: Leicht hatten es die Frauen des XIX. und zu Anfang des XX. Jahrhunderts nicht. Zum besseren Verständnis dieser früheren Zeit sei an Folgendes erinnert: In Preussen, dem größten Bundesstaat des Kaiserfeichs, galt das Vereinsgesetz von 1850. Der Paragraph 8 dieses Gesetzes lautete: - 2- einruden " Vereine, welche bezwecken, politische Gegenstände in Versammlungen zu erörtern, dürfen keine Frauenspersonen, Schüler oder Lehrlinge als Mitglieder aufnehmen." In Verbindung mit einer reichgerichtlichen Feststellung vom 10. November 1878, die besagte, daß alle Angelegenheiten, die Verfassung, Gesetzgebung, Verwaltung des Staates- auch in sozialpolitischer Beziehung und in wirtschaftlicher Richtung- politische Angelegenheiten seien, war es möglich, jede Vereinigung von Frauen zu verbieten. Nach dem Reichsrecht besassen Arbeiter und Arbeiterinnen wohl das Koalitionsrecht. Aber durch den oben zitierten Paragraph 8, in der Koppelung mit dem angezogenen Reichsgerichtsurteil, war die Ausübung des Koalitionsrechtes für Frauen - nahezu unmöglich gemacht. Die Teilnahme an öffentlichen Versammlungen war- nach dem Gesetz- für Frauen nicht verboten. Aber die Auslegung des Paragraphen 8 durch die Polizeiorgane machte auch hier den weiblichen Besuch öffentlicher Veranstaltungen, zeitweise und regional, unmöglich. Von 1902 an war in Preussen der Besuch geschlossener, politischer Veranstaltungen durch Frauen, dadurch geregelt, daß Frauen im" Segment" zugelassen wurden. Das heißt, sie mußten in einem sichtbar abgeteilten Raum sitzen ( etwa ducrh ein Seil abgetrennt) durften sich nicht an den Diskussionen beteiligen oder durch Beifallskundgebungen bemerkbar machen. Diese Lockerung war nicht etwa der Allgemeinheit der Frauen zuliebe oder aus der Einsicht heraus geschaffen worden. Die Frauen der ostelbischen Guts- 3- besitzer wollten an den großen Agrarkundgebungen des " Bundes der Landwirte" teilnehmen. Das wurde so oft und laut als zweierlei Recht angeprangert, daß man zu diesem Ausweg kam. Bayern, Braunschweig und Mecklenburg waren so reaktionär wie Preussen. In anderen Ländern wurde das Versammlungswesen nach dem Ermessen der Behörden und Polizei organe geregelt, d. h. zum Teil nicht besser als in Preussen.und Braunschweig. Im Königreich Sachsen, in den Herzogtümern Sachsen/ Anhalt, Schsen/ Koburg/ Gotha, in Würtemburg, Baden, Hessen und in den Hansastädten gab es diese einschränkenden Bestimmungen nicht mehr, die Frauen konnten sich politischen Vereinen anschliessen. Achtung! * Fassade Daß nach zweierlei Rechtverfahren wurde, d. h. die Frauen der Arbeiterschaft schlechter behandelt wurden, ist außer* dem erwiesen Im Handbuch der Frauenbewegung( Helene Lange und Gertrud Bäumer) 1901, Moeser Buchhandlung, Berlin, Band I, Seite 132/133. " Der im März 1894 in Bildung begriffene" Bund Deutscher Frauenvereine" mußte in seinem Aufgabengebiet auch solche Fragen aufnehmen, die nach dem der Polizei praxis zugrunde liegenden Anschauungen politische sind. Er war in Bezug auf seine Existenz, auf die Duldung angewiesen, die entgegen dem Buchstaben des Gesetzes, von der Polizei den bürgerlichen Frauen gegenüber geübt wurde. Er würde diese Duldung riskiert haben, in dem Augenblick, da er die....... nicht formell, so doch tatsächlich auf sozialistischer Grundlage beruhenden Arbeiterinnenvereine auf- 4- genommen hätte." ent Mit der Zeit, d. h., je mehr man sich dem Jahr 1908 näherte, wurde die Praxis durch den ständigen Zustrom von Frauen in die Versammlungen etwas gelockert. Am 15. Mai 1908 trat das Reichsvereinsgesetz in Kraft. Mit ihm fielen die einengenden Bestimmungen für die Frauen. Es gab den Männern und den Frauen das gleiche Recht der Teilnahme am Vereinsleben, das Wahlrecht erhielten sie mehr als 10 Jahre später, durch die sozialdemokratischen Volksbeauftragten der Revolution vom November 1918. Dieses Buch kann nicht alle Frauen nennen, die vom vorigen Jahrhundert bis 1933 gearbeitet und gestritten haben. Es konnten nur einige typische Erscheinungen, aus der Reihe derer, die nicht mehr da sind, herausgegriffen werden. Bis auf Luise Otto hat die Herausgeberin alle gekannt, die meisten persönlich, einige aus der Entfernung, mit anderen war sie eng in gleicher Arbeit und Anschauung, mit einigen dazu in schöner, menschlicher Freundschaft verbunden. So sei denn dieses Buch den Frauen gewidmet, die her nicht genannt wurden. Ihnen sei damit für unermüdliche Arbeit zum Besten aller ein Denkmal gesetzt. Marie Juchacz Lore Agnes Grundstücken 1876-1953 Der Bergarbeiter Benning, wohnhaft in Bochung und seine Frau netten neben anderen Kindern auch eine kleine Tochter, Lore. Er starb früh hinweg die Familie war bitteram. Die junge Lere schulenfassen musste sich ihr Brot als Dienstmädchen verdienen. Das war in aamaciger Zeit fast immer hart. Zwischen Herrschaft und Gesinde war eine diege Künfe. Für ein junge Innenleben wie ich Mädchen mit empfind samen es will ein chartyrinn. Love hat oft weit über ihre jungen Kräfte arbeiten müssen. Ungerechtigkeiten verletzten und schlugen tiefe Wunden, die nicht heilen wollten, Und war einsam. Im kalten Dach= kammerchem bei trübem Licht, las sie bis ihr die Augen zufielen. Man verstéht die Leidenschaft und Hingabe mit der Arnehml. Spreche später die reif gewordene Frau s. o. der Frage der Hausangestenten annahm. 90. In Düsseldorf, wohin siermid ihrem Lebens trug A Peter Agnes giag, je gefährten Peter. sie wesentlich zur Gründung tt* ist ihrs verbundes der AussamGar sine kenen nìont în ainem Häufen um sich von ihrer Ge- 0,4 werkschaft helfen zu lassen. Unterdrückte mũssten erst für die Forderung ihres Menschenrechtes geweckt werden. Lore os Niderpelaes zog zu Fass von Ört zu Ort, um sich dieser Aufgabe zu widmen. Ihr Lebens= Arbeiter gefährte war einer der Pioniere der bewegene wern schriften, er wurde in Düsseldorf Ge- werkschaftssekretär. Erkannte die glühmte Seele seiner Frau, hinderte sie nicht im ihrem Tun, sondern unterstützte sie so Durch gut er es konnte. Heime eigene Arbeit in der Bewerkschaft war er vertraut mit den Magime Erkenntnissen und der Ideologie der Arbeiterbewegung. Sowohl die sozial- demokratische Partei wie die Gewerkschaften sandelten nach der Erkenntnis, dass ganz sie nur dann ihren Zweckverfüllten wenn sie sich für das Wohl und Wehe der an meisdem ausgebeutetem und gekrechtetem insetzend Schichten. Das galt besonders für die Hausangestellten deren man sich in einer fürsorgerischen Weise zwar mit gewerkschaftlichen Mitteln daneben aber auch in einer fast für: sorgenden Weise annehmen, musste Das Wissen darum besonders erkenntnis, aass wie dergehaltene Auch Eben par hez. 3) Schichten dem Aufstieg der anderen erschreste war vorhanden. hatte seiner Bedeutung erkraut. Hansargestellte unter dem Ausnahme recht der Gesindeordnung. stehend fühlten oft nur dampf oder gar nicht den Wert ihrer eigenen Arbeit und waren wehrlos – aus eigener Unkenntnis und durch Gesetz. Sie wurden auch oft durch ihre Umwelt talsch be- für ihre spätere Ehe! einfluss. und verloren, d. e. Takigkeit Ender Ett. später die guten Kamerader ihrer 11 Marne ein s kam pd zu sein. damafs so nötje endigt die 7 Kampfhaltung wieder Männer zu verstehen, wurden sie retardierendes Element im Kampf der Arbeiter um bessere Lebensgestaltung. Das Das alles war Grundelement im Benken und Handeln von Love Agnes. Langst hatte sie sich der sozialdemekratischen Arbeiter= bewegung angeschlossen. In ihrem Wissen in ihrer Überzeugung war vieles vom"blauben an die Dinge" überbaut. Ihr blaube an das, was sie für gut und richtig hielt, verleitete sie “„„ leichtdazu, das Denken und die Anderer daraus erworbene Erkenntnis für den Ausfluss einer bösen oder weniweniger guten Gesinnung zu halten. Ihr leiden schaffliches Herz und das Mit=leiden mit dem Kindern des Proletariats veranlasste sie zur besonders intensiven Mitarbeit in den Kinderschutzkommissionen des Niederrheims. Mit der gleichen Intensitet arbeidete sie inder Frauenbewegung. Ihr bei ausschap. liches Herz gekarte in erster Ainie der Partei des Sozialismus der sie soviel an inneren Lebenswert verdankte. Auch am Niederrhein machte man es bis 1908 den Frauen besonders schwer tür die sozialistische Idee zu werben, es gute manchen Felde mit der Polizei und dem Gerichten zu bestehen. In dem inneren Richtung “streit der Sozialdemokratie] stand Löre immer auf der linken Seite. so sagte es ihr das Herz, so empfangen sie es als richtig. Clara zum im f Rosa heigembar. warem ai'e weõbli. Forbilder in”t sĩe, ikveŋ roich giissi "2" — – Fähigkeiten blickte sie Otcellon gläubig auf, ihre Thesen machte sie zich zu eigen. So-mit diesem Elam scheinbar erfüllte s. e. die kleinen und die Stossen Pflichten für den Sarialismus. So zae sie, nach 1908 bald Fanktionarlin der Partei, und am Niederheim, redend und verbend verbend durch ihr Gebiet. 1914 im August kam der Krien, Lore die friedensliebende, konnte es nicht fassen, dass es der Sozialisten der Internationale nicht gelingen sollte, das Unfassbare Ungeheuerliche zu verhindern. Die Kraft der organisiertem Arbeiterschaft, die Kraft der Statt Frauenbewegung erschien ihr Gottes (Welche Parte, mit hohen Idealen und n’s oit einem weitweiten Programm hätte sie gemag, um diesem Menschkeitsschicksal in dem Arm zu fallen. Das ihr Unfass liche geschah. Die Söhne deutscher inden Krieg Mätter marschierten höre redete 8, Friedenskundgebung. in einer Versammlung und sagte dabei a Dusseldot was sie da ohte, und sie sagte es ungeschmimmt. Vielen sprach sie es aus dem Herzen andere waren bereits vom"favor" Der sentanicus" erfasst. Ein Bürgermeister der Stadt, Düsseldorf stellte sie als Belastungsreuge als gefährliche Agitatorin hin. Lore masste ihrer und Friederst Mat und ihre Menschen-riebe mit einigen Wochen Gefangnis bezahlen. Noch einmal während dieses Krieges machte sie Bekanntschaft mit dem Gefängnis. 1917 hatte sie sich der nenge Unabhängigen Sozialdemokratie angeschlossen.& hre enge Verbin- daag mit huise Zietz und Clara zuth in führte sie, auch zurich zu einer internationalen Frawensitzung. Hatte sie sich wohl vergeblich um einen Bass bemäht? Oder Ausgesichts war sie, in der Gewisskeit der gewähnt solcher Bemühungen einfach ohne dieses Papier herüber gegangen? Bei der Rückkehr wurde sie verkaffen und tre unter Anklage"gestellt und trotz intensirster Bemünungen ihres und freugdes Verteidigers) nügd Haase zu Gefang nichts verändert? Auch sonst war ihr das Leben in dieser Zeit und später nicht hold. Trotz ihrer grossen Verehrung für Rosa Lageribure and Clara Letkin ging aber Lore deren Weg nicht mit. sie blieb bei der Unabhängigen Social demokratie und wurde deren Vertrete- zin in der Nationalver sammlung. und nachher im Reichs tag bis sie der Wiederdann bei der Vereinigung den Weg wieder vereinigung mithinh. Euremfand. Der Mut ihrer Überzeugung, ihre Pflichttreue und aufopfernde Arbeit haben Xe y foy- ihr am Niederrhein ein breites, trundament in der Arbeite sozialde= mokratischen Partei, sie war Ja bis zum 1933 ihre Verbreterin im allitglied des Rirechstages Fa) Im Alter erzahlt sie im vertrauten Kreis viele kleine Begebenheiten aus der Erinnerung, sie sind leider nicht 4 B. testgehalten worden. Wie eine Post- Karite ans dem Ausland sie erreichte, adressiert "An die vofe Lave vom Rhein" – Als sie ihren 70"Geburtstag beging, eben die es war 1946 und die Dinge des taelichen Bodavys fehlcken. Trotzdem brachten die Getreuen es fertig untereinder soviel aufzubringen, lass sie ihrer Lore Agnes einen Gabentisch aufbauen und eine Feier bereiten kannten. Da hat sie geschimpft, geweint. Und sich gefremt. A- Ia einer Stadenten Versammlung, die von vielen Studenten besucht war, fiel sie den Teilnehmern, durch ihre erregten Zwischenrade auf sie sollte stille sein. Eine anwesende Akademiker, wie) in den Saal!‟ Die Frau hat doch Recht." Das Vorkommnis cahrde dazu diese Frau für den sozialismus zu gewinnen. 74 Ich selbst Und so war es, wo und Allen zu einem grossen Tag der Freude geworden. Am Schluss sang man ihrt 17.6 Lore war eine volktümliche Rednerin die man gerne hörte, so erzählte sie, wie die Genossen besorgt. gewesen. gewerigɛʔ, eɔ, dass sie auch ja das Versammlungslokal gut er- reichte."Aber wie" ich wieder nach- "Naase kommen wurde, danach S d wurde kaum je gefragt." passierte es sòrom mòl dass der letzte Tag weggefähren war und Bz man in irgend einem Wärterhauschen bis zum Morgen in einer Broschure séch so vertiefte, dass auch nach der erste Fraktus verpasst wurde. Man wird nicht so ohne Angst und Fleige die gute Rednerin, sie erzählte gerne wie sie – als sie zum erstenmal verGrosser, pflichtet wurde in einer vorversammlung im Volkshaus zu Düsseldorf in sprechen wie sie inbrünstig gewünscht habe, dass niemand kommen solle, damit der Kéloh noch einmal an ihr vorüber gehen möge. und wirdann nachdem sie wer dem solle'n saal begonnen hatte, alles von ihr abfiel was an Angst vorhanden gewesen, war Bauchwohl 1e den Nuftrührend die Nicht ist nicht. Lobe Paul nerungen eines Reichstagspräsi= besondereres d’une dendem e.rd. Beis). daçu-t, dass parlaments die Frauen des Nationalversamm fast allgemeine frauliohe, z. T. mutter- S il Zage aufwies. Liöhe. il s'est la summité qu'il était bahr, sohnch s the der Schriftfakderleute Warz, etc. im Waszelnni Sie sei, es iar(a)mends und P. L. s dsagd. trotz aller politischen Gegensätze recht gut mit. Idem Prau damaligen Praesidenten gemeint ist die lübliche Narronalverschlägung u. e. ohne sidenten. bach. er Fe" III gekd e.m. III Reiolis in 1922 April warde. I Zulassing Gesetz 9 Über das Soköffen= und 211 Frauen der Aufendmüssen Wdrenenamt Gesch. Bericht de Agnes war die Herin das als De ev. dié § 4 a₷S Ausschuss " la d’11. Wurde Das ist nicht zugesichert. III Même en d’2 wurde Nach Einsicht der Eigenthümer. a Öd a un er d. Ita N es en M af 60 id d, Du 0/14 21. alles Reich werde N - Das h u Volk d'é N An 1e O/ 4 a // W Geschäft. K S. à waren. Vieh. schl. deüs LA M. chküll allè mussten Vær A O S Udribu Krie 's K d e Es ist nicht mehr gewesen. Liedert W en Ï A Indo Kartoffe Mildh Freide. vorhandenen N N Ioht VVolligahrts C Ich N Aben Ihr n de Kd Ka Ich Herrn Dr. Schmack. er Kle wie A pk N aber 'dun Ma Aber Ihn Au 50 K eifr. in Al de. I. Nr. 1 Saù N N ein III tar. est Parla. Ain nach pen il Los suchten A la Julie e d. Ie III L c/ lage Ik S E A Und 7 70 Læbr. alem Wird warmes. 9/ S Tresse SÆll erkte Hattweil b'n' Nachher A Referenz I´l der au dh Ehl wa es scheidungsr. echte Ich muß ein Schreiben auch auch ein gesetzlicher Gewisser Schmerz dass Deutscher wassen Aufwännen P i'0h Welt dauernd. Øen N Nicht. Alter Vorstella. Rückseits iderstände. em stell 9 φμe est. Ich Da wie ver- — have war ein Mensch der immer sohlicht und einfach blieb. Des Lebens bitterster Ernst, b'iek ihr accok familiär nicht erspart. Sie ver- Cor den Lebenskameraden in einer gehabt Sie es notwendig. Zeit in der Ist sich anlehnen zu können. Sie hâtte. leidenschaftlich die Parifistin daß der nächste ihren Vos Feld. denisch. assde. gel. a i zu ihren be B. ben. 4 he 85 so de de muse. Rebell hC Ge deren. a in Oh d er- 2 lì de Na Belast. 9 Nach dem 21. Juli e. u. A. Und Ira eine zeitlang Euch Gefäng- Ich müsste sie in der 1943 -""-" 6 v.'t u. g. m. Geschäftnisse auszustellen. E Als 1945 die Partei wieder aufstand war es selbstverstandlich, dass Lære wieder dabei war. Es ging ihr eine Zeitlang materiell recht knapp. Aber wehe, wenn jemand aus ihrem Freund deskreis die Meinung aus sprach dass sie doch vielleicht ablak den einen oder anderen Beitrag nicht za raklem nötig habe. Sie war in allen Organisationen Mitglied oder Fräerḙr äeren Zweck s. e. begabbe regelmassige. Das ist zahlen dieser regelmass Beträge war ihr Ehrempflicht und sie hat lieber stillRechtrecht aus schweizend entbehrt als darauf und ver- zichten" ihre"Bäcker","Ordnung" zu haben. Ebenso war es mit der geliebten Parteiarbeit. Sie war froh wenn sie an Konferenzen und wichtigen Sitzungen teilnehmen, und Wenn sie jüngeren Menschen noch aus früherer Leit erzählen konnte, stille zuvückhalDann wuohs, Aft ved einmal tende Fraav aber sich selber hinaus, habe. Masstest sie öfters längere Zeit im Krankenhaus zubringen. Das warbitter und passte. Ar gar- nicht. Als sie sokan das 75. Lebensfahr, Von endet hatte und ihr ein Umzug nicht erspart geblieben war, über. na m sie in dem neuen Wohnbezirk noch einmal die Pflicht der Haus- kassierung und war stolz auf ihre Ergälge- und auf die Aus- 3/zeichnung, für die Partei noch etwas leisten zu dürfen und konk froh, es zu können. Der Bezirk Niederkein der Arbei- terwohlfahrt wählte sie zu seiner Ehrenvorsitzenden.- Dem Schulansschus, der Stadt Dässeldorf gekörterste aber Burger schriftsmitglied bis zu ihrem Acht, der Orts ausschuss Wulsam Uhr Bussburg kaumene eine Kindertagesstätte nach ihr, wie es dort anck eine Lore Agnesstrasse gibt. In Dässeldorf wird die AW. eine Altersheim ähren Namen geben. Dem Schulausschuss gehörte die Un- ermüdliche in Düsseldssch gehörte. die Unermüdliche bis zu ihrem Tode als Bürgerschaftsmitglied am So pass'd es ganz für diese Frau, dass sie“in den Sielen” starb. Freudig fuhr dort sie mit nach Köln,"an der zentralen Frauenkonfrenz teilzunehmen. Sie lebte noch gerne, sie wollde noch an der weite. de s sonta, très y as wem Entwicklungsteilhaben und spruch es auch aus. Jedes angeschnitten e Problem fand in ihr eine aufmerk. Teilnehmer’n same, mitgehende 'n Köln Dort, dann Morgen des dritten Kon- gerenztages erkrankte sie wurde ins Krankenhaus über- führt und starb nach wenigen Tagen. Dass die Zeit sich gern doch grund= legend geandert hat, kann auch da= durch um Ausdruck, dass Le der Lore eine letzte Ehrare erliefer, wie sie nur anerkannt grossen Persönlichkeiten zudeil wurde. Aus der Agitatoria war ein für das Allgemein wohl. wertvoller Mensch geworden, dem man höchste Anerkennung zollte. Das Schönste aber war auch bei die- sem letzten Gang die Liebe und Verekung ihre Freunde, mit denen sie fand die gleichen Idcale und Ziele gestrebt hatte. Es gibt Menschen, deren Wirken ganz mit der Ge- schickte ihre Zeit verwäben. ist. Sie stellen sich selber garnicht heraas, Es sind die Stillen im Lande. Sie erkennen die wirkenden Kräfte ihrer Leid und stellen sich in Reih und blied, um ganz für ihre Idee einzutreten. wird allen Konsequenzen. Zu ihnen gekorte diese Frau Ottilie Baader ( 1847-1925) terlassen:" Ein steiniger Weg ?? • Ottilie Baader hat uns ein schlichtes Büchlein über sich selber MinWer sie noch gekannt hat, empfindet das so recht eigentlich als Motto für eine Skizze über ihr Leben und ihre Arbeit, für ihre ganze Persönlichkeit, Es war ein proletarisches Frauenschicksal, nach der Herkunft und soweit die Notwendigkeit des " Erwerbenmüssens um leben zu können" hinter ihr stand. Aber die Trägerin dieses Frauenschicksals strebte von Jugend an XXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXXXXXXX- bewusst und wollend- heraus aus der geistigen) Mmm, in die sie die bittere Armut hinein zwangen wollte. 2 3 Euge 4. Ottilie erinnert sich dankbar der viel zu früh( an der Tuberkulose) dahin gegangenen Mutter, die mitarbeiten musste. Sie meint, dass sie von dieser sanften, von sauberen und guten Grundsätzen erfüllten Mutter wohl das Beste mit auf den Lebensweg bekommen habe. Für die kleine Ottilie war es-- nach dem Tode der Mutter mit einer sorglosen Kindheit vorbei. Man liest mit Erschrecken, dass/ dem siebenjährigen es/ Kind oblag, die tote Mutter für den Sarg zurecht zu machen. Der Vater hatte einen verletzten Arm. Die Nachbarn lobten dann" das gute Kind✗". Niemand, so sagt sie, habe ihr anscheinend das Grauen nachgefühlt, das ihr die Unbegreiflichkeit des Todes verursacht habe. Ottilie lag es nun ob, für Vater und drei Geschwister den Haushalt zu versorgen, es reichte nicht für eine noch so bescheidene Haushälterin. Zum Vater schaute Ottilie auf, er hatte- so sagt sie- eine bessere Schule besucht. Er lehrte denn auch die beiden ältesten Kinder lesen schreiben und rechnen. Mit 10 Jahren kam Ottilie in die Schule, um mit dreizehn Jahren schon wieder heraus genommen zu werden, weil der Vater von Frankfurt a.d.Oder nach Berlin übersiedeln musste. Nun hiesse es arbeiten, um Geld zu verdienen. Eine Nähstube für Weissnäherei( mit der Hand) Maschinen waren noch nicht viel im Betrieb, war die erste Arbeitsstelle, wo das Kind für wenig Geld lange Tage arbeitete, und noch für den Abend Handarbeit mit nachhause nahm, um den Verdienst ein A wenig zu erhöhen. Ottilie gehörte zu den Menschenkindern, an denen Schmutziges und Ordinäres nicht haften blieb. Diese Werkstuben seien , 2 4 meistens keine gute Lebensschule für unerfahrene Mädchen gewesen. Auch eine zweijährige Fabrikarbeit ungesundester Art blieb Ottilie nicht erspart, es war eine Wollspinnerei, in der unter denkbar unhygienischen Bedingungen gearbeitet wurde. Dan gab es Arbeit in der Mintelkonfektion, In der Wäschefabrikation vollzog sich ein grosser Wandel durch die Nähmaschine, die sich in den sechziger Jahren stärker einführte.Ottilie lernte das Maschinenähen und arbeitete in einer Wäschefabrik, wieder bei langer Arbeitszeit und geringem Lohn. Der Krieg 1870 legte ganze ' Fabrikationszweige still. In dem Betrieb in dem Ottilie arbeitete lautete der Vorschlag des Arbeitgebers:" Arbeit für halben Lohn, dafür trage ich als Fabrikant das Risiko der Fabrikation, für die im Augenblick kein Absatz vorhanden ist." Eine Organisation der Arbeiter gab es nicht, aber essen und wohnen musste man. So entschlossen sich die Näherinne Arbeiterinnen auf das Angebot einzugehen und es wurde darauf los geschuftet" Von dem halbierten Stückbetrag wurden die vollen Abzüge für Garn und Maschinennadeln gemacht. Das Resultat am Wochenende brachte die Näherinnen zur Verzweiflung. Drei von ihnen- darunter Ottilie- gingen zum Chef. Nach kurzer, heftiger Verhandlung, bei der sie mit Aufhören drohten, bewilligte er ihnen den alten Lohn. Es war die erste Erfahrung von der Kraft gemeinsamen Vorgehens.Aber auch dieser Unternehmer hatte / wurde-schrau und behutsam-/ gelernt. Das Mittel der Zwietracht/ unter die Arbeiterinnen gesäty. das Allgemeine . Die Uebertragung dieses Vorgangs auf XXXXXXX, zeigt einen Ausschnitt aus dem langen Leidensweg der weiblichen Arbeit von damals. Für Ottilie folgte dann- mit einer eigenen Nähmaschine- die Erfahrung der Heimarbeit. Um vier Uhr früh wurde aufgestanden, die Wohnung gesäubert, das Essen vorbereitet. Dann wurde" nach der Uhr" gearbeitet, bei einer Stunde Mittagpause CXX meistens bis 12 Uhr nachts. Bruder und Schwester hatten geheiratet, eine Schwester war ertrunken.So war Ottilie zum Schluss mit dem nicht mehr erwerbsfähigen Vater allein. Zwanzig invaliden/ Jahre lang hat Ottilie für den XXXXXXX/ Vater gesorgt.--" Die Jahre vergingen, ohne dass man merkte, dass man jung war. Ich kann nicht sagen, dass ich immer froh war, schliesslich hatte man auch etwas anderes vom Leben erhofft".-- Auch Krankheit war dazwischen und machte das Los noch härter. Der Arzt verbot das angestrengte Maschinenähen, aber man musste doch leben! Wie Ottilie ans sich selber gearbeitet hat, sieht man auch daran, dass sie in einen Verein ging, den Frau Lina Morgenstern gegründet hatte, eine bürgerliche Frau der damaligen Zeit, die sich auf sehr vielen Gebieten des sozialen Lebens versucht hat und über die man nicht in einem u.a./des Sonntags Satz etwas sagen kann. Dort wurde/ unentgeltlich Unterricht in Elementarfächern erteilt. Jedoch waren die kostbaren Sonntagsstunden manchmal vergeblich geopfert, weil die Lehrer oft unpünktlich waren. Die MitglieArbeiterinnen-/ der des Morgensternschen/ Vereins sprachen einmal von den" sozialdemokratischen Weibern Staegemann und Cantius" das sollten wahre Hyänen sein. Frau Pauline Staegemann, neun Jahre älter als Ottilie, war damals schon eine bekannte und sehr geachtete Figur unter den Berliner Arbeiterinnen. Einige der genannten Arbeiterinnen gingen aber doch in eine Versammlung, in der Sozialdemokratinnen sprachen und waren dann begeistert Aber Ottilie war in dieser Zeit noch nicht dabei. , In der Zeit der Unterdrückung aller freiheitlichen Gesinnung der Arbeiter, deren Krönung das zwölfjährige Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie war, wuchsen in aller Stille sehr viele bewusste Sozialdemokraten heran" Das Kapital" 1.Band, von Karl Marx war herausgekommen, das " kommunistische Manifest" erschienen. Die Drucklegung der ersten Auflage des Buches von August Bebel:" Die Frau in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft"( später" Die Frau") erfolgte 1878 Der Vertrieb musste geheim geschehen. Ottilie besorgte, auf Umwegen, beide Bücher. Es ist bezeichnend dass beide, Vater und Tochter, ein Jahr lang am" Kapital" gelesen hatten, bis Ottilie dann selbst" Die Frau" in Angriff nahm.So etwas muss wirklich die" bessere Schulbildung" des Vaters manches wert gewesen sein, es bedeutete etwas, sich da hindurchzulesen. Hie brachten sie das fortig 2 Die Erwerbsarbeit für den Vater und sich, für die kleine körperliche/ Wohnung, frass Ottilies ganze Kraft. Der durch sein körperliches Unoft vermögen wohl bedrückte Vater las ihr während der Arbeit vor, sie sprachen dann zwischendurch darüber Durch das Vorlesen und darüber miteinander sprechen( auch der Zeitungen) waren beide Ywohl unterrichtet 1877 schieden sie aus der Landeskirche aus. Sie traten der" Freien { anet/ . 4 Gemeinde" als Mitglieder bei, wo man natürlich auch Sozialdemokraten traf. Eines Tages war der Vater in eine Versammlung gegangen, in der August Bebel sprechen sollte. Sie wurde zwar aufgelöst, aber Vater B Baader hatte doch in Bebel den" einfachen, schlichten Handwerker" erkannt.Als Ottilie ihn dann in der Folge bat, ihn doch кXX in eine Versammlung begleiten zu dürfen, rede te er dagegen.Es seien doch gar keine Frauen dort.Man würde sie bestimmt nicht hinein lassen. Schliesstion wurde sie dann aber doch" mitgenommen". Später: " ich hatte mich allmählig von meinem Vater etwas freier gemacht. Das war nicht ganz leicht. Ich hatte gelernt mir meine Meinung zu bilden. In eine Versammlung durfte ich noch immer nicht allein gehen..... Da hörte ich eines Tages dass die Schäftemacher.... eine Versammlung hatten.Ich hatte plötzlich einen energischen Augehblick:" Ich gehe heute in die Versammlung...." Diese Energie muss meinen Vater vollkommen überrascht haben......" Bedenken wir, dass Ottilie sicher 32 oder 33 Jahre alt war, als das passierte. Sie erzählt uns dann, wie der Redner( nicht Disch nicht Fleisch) allgemein nicht gefiel.Eine Frau an ihrem Tisch bedauerte dass Vater Baader nicht da sei, um ihm Bescheid zu sagen.Ottilie sagte, das könne sie auch, mit den Hirsch- Dunkerschen wisse sie ganz gut Bescheid. Still stand eine andere Frau vom Tisch auf und ging nach vorn. Plötzlich Und wurde Ottilie vom Vorstandstisch aus, das Wort erteilt.(?) sie redete, der Vorsitzende attestierte ihr, dass das das einzig Vernunftige gewesen sei Sie wurde angleichen Tas noch in eine Kommission gewählt und fand sich am Dossammlung Σ か Was gesagd wurde “ Neues nächsten Tag in der Zeitung mit ihrem Namen wieder gegeben. Das Eis war ging gebrochen. Von nun ano es schnell aufwärts, der Vater hat nichts mehr ist Stolz and seine Toolites gegen ihre Selbständigkeit Sie ist in Kommissionen, leitet Versammlungen und beteiligt sich an allen möglichen Arbeiten, in Kürze ist sie eine bekannte Funktionärin. Es habe aber noch eine Weile gedauert sagt sie, bis sie sich an selbständige Vorträge gewagt habe. Aber am 5.und 6.Febr. 1895 spricht sie zugleich mit August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Emma Ihrer zusammen in zwei Riesen versammlungen in Berlin, zugunsten des Frauenwahlrechtes. Wir sehen hier, dass sie eine anerkannte Rednerin ist. Schon In diesen Jahren hatte sie als Rednerin- schon ein gutes Stück Deta Deutschlands gesehen. Das waren für sie zugleich grosse Möglichkeiten lernen 5 Neues zu lernen. Wie die Arbeiterinnen lebten, wo und wie sie arbeiteten. Sie fragte nach dem Verdienst, nach der Arbeitszeit, den hygienischen und sonstigen Bedingungen der Arbeit. Sie lernte die Heimarbeit in anderen Gegenden Deutschlands kennen, z.B.die Spielwarenindustrie mit ihrer trostlosen Kinderausbeutung. Ottile Baader wurde duch das Vertrauen, das sie sich erworben hatte, die " Zentralvertrauensperson der Genossinnen Deutschland" Bis dahin hatten sich die Genossinnen anders geholfen. Die Hemmungen des Preussischen Vereinsgesetzes- des grössten Bundesstaates im Reich- hatten einen reibungslosen Aufbau einer sozialistischen Frauenorganisation nicht erlaubt.Die Frauen hatten es erst lernen müssen sich durch das Gestrupp vo Paragraphen und XXX** Auslegungen durch die Polizeibehörden und Gerichte hindurchzuwinden, bis- mit Hilfe der Partei und der Parteitagsbeschlüsse, undl 42 Van () faber auch der Gewerkschaften sich sich ein System der Vertrauenspersonen herausgebildet hatte. Jahrelang hatte man dann die Berliner Agitationskommission( durch Verstadigung) beauftragt, die verschiedensten zentralen Funktionen zu übernehmen: Rednerinnen zu schulen, sie nach Bedarf und Möglichkeit ins Land hinaus zu senden, Material über die Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Mütter zu sammeln, es zu Forderungen für die Frau und Mutter und zu verarbeiten. Die Mitzur Begründungen für zu fordernde Frauenrechte wirkung der Arbeiterinnenzeitschrift" Die Gleichheit" war hierzu unerläss-. lich. Die Mitwirkung und Unterstützung der des Vorstandes der Sozialdemokratie und der Gesamtorganisation war dazu notwendig, ebenso wie die Hilfe der*************" Generalkommission der Gewerkschaften". Ging doch die Not der Frauen, aber auch ihre Rechtsforderung von der Erwerbsarbeit aus. Ohne dies Stütze der beiden grossen Flügel der Arbeiterbewegung wäre ein en -'00% 19 --* 091 005 IS : 903300 06L L4 und hohird 6 Der Parteitag hatte auch der Frauenbewegung wieder viele Anregungen gebracht, So te+ langle die entwickelt und durchgeführt werden mussten das System der weiblichen weiterem Ausbau dt allem, nach Vertrauenspersonen verlangte dringend nach XXXXXNX und Zentralisation. brennender, ( 0, Die Fragen des gewerblichen Frauenschutzes wurden immer XXXXX. Das der Wunsch/ Verlangen nach endlicher Einstellung einer grösseren Zahl von weiblichen Fabrikinspektoren( unter Teilnahme der Arbeiterinnen an ihrer Auswahl) war stark geworden und wurde von Partei und Gewerkschaften begrüsst und gefördert.( Von Preussen war soeben- versuchsweise- die Anstellung von zwei Tabrikinspektorinnen beschlossen worden, XX* XX* der Arbeiterinnen, Personen ihres Vertrauens dazu auszuwählen, wurden ignoriert. Eine im Juli 1899 vom Reichstage verabschiedete Novelle zur Gewerbeordnung brachte von den Fordeungen nach einem verbesserten Schutz für Arbeiterinnen so gut wie nichts. Die Frage des" Kinderschutzes vor gewerblicher Ausbeutung" schrie direkt nach endlicher Erfüllung. Gegen das einschnürende Vereinsrecht und seine noch besonders schikanöse Anwendung' bäumte sich das Selbstgefühl der Arbeiterinnen immer mehr auf. Alles in der Sozialdemokratischen Frauenbewegung verlangte nach einem gut vorbereiteten und einheitlichen Handeln, nach engerer Verbindung und Verständigung der Vertrauenspersonen untereinander. 1 bindung der Vertrauenspersonen untereinander. Eine Besprechungn der Berliner Genossinnen mit der grade in Berlin anwesenden Klara Zetkin( Redakteurin der" Gleichheit") führte zu dem Plan- vor dem Parteitag in Mainz-( 1900) eine Frauenkonferenz abzuhalten. Dieser Plan, in der Gleichheit zur Diskussion gestellt, fand begeisterte Die Konferenz fand statt./ Aufnahme/ Dort wurde dann ein Regulativ für die Vertrauenspersonen und in den Orten und Kreise--- für eine" Zentralvertrauensperson der Genossinen Deutschlands" beschlossen. Ottilie Baader wurde Afur dieses Amt gewählt . Gemäss dem, für die Zentralstelle beschlossenen Regulativ hatte sie nun auch die jährlich wiederkehrende Aufgabe des schriftlichen Jahresregelmässig/ berichtes 9 der von nun an/ in den schriftlichen Berichten des Parteivorstandes andden Parteitag erschienen ist. Das war ein grosser Schritt vorwärts. Noch immer war das Amt der Zentralvertrauensperson ehrenamtmete Abe lich. Dieser Zustand war nicht lange a haltbar, die Gesamtarbeit war sehr bald nicht mehr ohne Bureau und Schreibhilfe zu leisten. Die Genossinnen im ganzen Lande sorgten durch Verkauf von kleinen Wertmarken für die Deckung der Kosten. Seit der Frauenkonferenz von Mainz ist die/ " die Arbeit und Entwicklung der Bewegung zu verfolgen. Schon die Frauenkonferenz in München stellte ein zahlenmässiges Wachstum der so wichtigen Vertrauenspersonen fest. Wo es aber das geltende Vereinsrecht irgendwie zuliess hatten sich die Genossinnen den" Wahlvereinen" des Orges MA als Mitglieder angeschlossen. Sie hatten deshalb doch ihre beson Die Konferenz in München gab auch/ deren Zusammenkünfte.XXXXXXXXXXXXXX/ die Anregung, es nunmehr mit methodisch geleiteten Vortrags- und Diskussionsabenden in kleinen kein Zirkeln zu versuchen, um die Genossinnen für die Werbearbeit zu schulen, ebenso in Werkstubensitzungen, nach Erfahrungen, die mit Erfolg/ man in einer Anzahl von Orten gemacht hatte.--- Die Solidarität der der Streik Genossinnen wurde geweckt und gepflegt.Anlass gab z.B. der Weber und Weberinnen in Meeran( Winter 1902) der mit einem Erfolg abschloss.und eine bei der gleichen Arbeiterkategorie, bei der grossen Aussperrung in Crimmitschau, wo es um den Zehnstundentag ging und die mit einer Niederlage für die Ausgesperrten endete Bei den Webern waren sehr viele weib, der liche Arbeiter beschäftigt. Das hat natürlich das Mitempfinden sozialistisch fühlenden/ ja imme / Arbeiterinnen leichter gepackt.Es gab natürlich eine mittelbare und der Frauen mit dem Streik und den eine unmittelbare Verbundenheit Streikenden. Das erwies sich aufs schönste in Crimmitschau selbst, in/ wo arme Weberinnen freiwilliger Solidarität vor Männern zurücktraten, die nach dem Willen der Unternehmer auf der Strecke bleiben sollten, weil sie" Räderführer" waren. Auf die Genossinnen im Lande wirkten diese Berichte als Schulbeispiel Reichstagswahl 1903. Zum ersten mal wurden unter Ottilies Anregung Frauenwahlvereine gegründet. Nach Ausschreibung einer Wahl bis zur Beendigung der Stichwahlen wurde der Paragraph 8 des preuss Vereinsgesetzes ausser Kraft gesetzt. Natürlich gab es auch hier die Willkür Preuss. Polizeistellen, man kam nicht überall damit durch. Aber in Berlin und Schleswig/ Holstein glückte es. Es war Ehrenpflicht aller Genossinne sich in der Wahlzeit, redend, diskutierend an den Versammlungen zu beteiligen, Flugblätter zu verbreiten, am Wahltag in den Wahllokalen zu helfen, Schlepperdienste zu leisten. Sie lernten es hässliche Angriffe zu parieren oder auch stoisch zu ertragen, sie schulten sich in witziger Abwehr. wie vordom auch/ Unter Ottilie Baaders Regiment waren es die gleichen Probleme, die die な schen vordem natten Arbeiterinnen bewegten. Man merkt aber rückschauend an der Intensität und Systematik die anregende und fördernde Persönlichkeit, die sich nun. Konudes ganz einsetzen und nicht müde wurde. Für den Schutz der Heimarbeit haben sich neben der Sozialdemokratie, deutschen/ die als Partei XXXXX im Parlament wirkte, die Gewerkschaften ein un ein unvergängliches Verdienst erworben. Die Devise, nach der im gewerkschaftlichen Leben gehandelt wurde war:" Schutz vor allem, den Schwächsten unter den arbeitenden Menschen." So berief man im März 1904 einen Heimarbeiterkongress nach Berlin ein, der mit einer Ausstellung ven Erzeugnissen der Heimarbeit verbunden war. Von dort ging eine ungeheure Wirkung aus, die sich national, wie auch international weiter entwickelte.Hier soll nur gesagt werden, dass die sozialdemokratischen in Berlin und im ganzen Land mit Herz und Seele an der Gestaltung Frauen mitwirkten. Es war der Beginn einer fortlaufenden Arbeit, die sich in allen modernen Ländern zum Besten der Heimarbeiter fortlaufend auswirkte, aber auch innerhalb der Arbeiterschaft eine Menge Schmutzkonkurrenz ausschaltete. Frauenkonferenz Bremen 1904. Das Kinderschutzgesetz von 1903 war endlich Ende 1905 fielen dann auch die noch geltenden Ausnahme bestime beschlossen und mit dem Beginn des Jahres in Kraft getreten. Aber man musste in Bremen auch ( 1908 Czugleich in Bremen die grossen Lücken aufzeigen, die das Gesetz gelassen hatte was Louise Zietz in meisterhafter Weise in ihrem Referat tat. Damit War gekommen die Stunde da zur Gründung von Kinderschutzkommissionen die dann- durch die mühselige Kleinarbeit sozialdemokratischer Frauen manches Kind vor ungesetzlicher Ausbeutung geschützt haben. Zugleich waren diese Tätigkeit aber auch auchein Erziehungsmittel/ der Beginn einer Schulung für spätere soziale Arbeit, vor allem aber/ zur BeeinAugust Bremer/ flussung sozialen Denkens Belbel selbst rühmte auf dieser/ Konferenz das he he geistige Niveau der Verhandlungen. Die systematische Arbeit der vorhergehenden Jahre, der stete Ansporn der Zentralstelle hatten ihre Früchte getragen, die erfreuliche Entwicklung ging weiter. 1906, auf Frauenkonferenz in Mannheim diskutierte man in erster Linie das Frauenwahlrecht.Man wähnte die Erfüllung noch in weiter Ferne.Zwei wichtige ebenfalls/ Fragen wurden in Mannheim/ besprochen: die Not der Landarbeiterinnen( Louise Zietz) und die Dienstbotenbewegung( Helene Grünberg. Für beide Kategorien waren in der Gesetzgebung noch der Felsen der" Gesinde ordnung" zu erschüttern, diese Verkörperung finstersten Mittelalters, die Missachtung menschlicher Pernkichkeit war darin steinernes Gesetz geworden. Und abzutragen war auch der Wast wust von menschlichen Vorurteilen, die sich in der öffentlichen Meinung festgesetzt hatten und keiner besseren Erkenntnis Platz machen wollten. Es war gar keine Frage, ob auch die Mannheimer Frauenkoferenz Ottilie Baader, die den Aк Bericht einer guten Entwicklung geben konnte, wiederwählen sollte oder nicht, das beste Urteil über ihre bienenfleissige Tätigkeit war ihre einstimmige Wiederwahl. Unvergessen sollte der 10. Januar 1908 sein, als der Preussische Dreiklassenlandtag( nach seinen Ferien und vor seiner Neuwahl) zusammentrat. Aus dem Berliner Stadtkern und aus allen Vororten strömten die Frauen in hellen Scharen dem Landtag zu, um dort für Freiheit und Recht zu demonstrieren.Bei einem solchen Aufgebot von Frauen und bei dieser straffen und diziplinierten organisation dummerte es doch den damaligen Machthabern dass man diesen so geschulten Frauen das Recht nicht immer vorenthalten könne.Im gleichen Jahr noch löste ein Reichsvereinsgesetz die bisherige Landesgesetzgebung auf diesem Gebiet XXXX ab. Die XXXXXXX fünfte Frauenkonferenz XXXXк und der Parteitag in Nürnberg 1908 vier in die organization . Warde konnten das eigene Gesetz beschlossen werden, das de Frauen in Parteigefüge in der Sozialdemokratie linbaate, womit: kuen Ceuch Husserlich die volle Gleichberechtigung gegeben war, die ihnen niemlals gefehlt hätte, wenn harte Staatsgesetze dem nicht entgegen gestanden hätten. in Nürnberg. über ei Ottilie Baader hat dort ihren letzten Bericht den Fortschrittes der Frauenbewegung gegeben. Sie machte Louise Zietz Platz, die in den Parteivorstand gewählt wurde. Sie selbst blieb noch eine Anzahl von Jahren im Frauenbureau, wo sie in tgewohnter Weise: anregend, systematisierend, fördernd tätig war, mit dem ihr bei sich/ genen, charakteristischen Fleiss, der/ keine Müdigkeit gelten lässt. Bis in mehr tätig war, die letzten Tage ihres Lebens hinein, als sie in keinem Amt Kleine, gedrazone Frau nahm die- wohlwollend und immer freundlich, zurückhaltend und bescheiden, ganz ihrer menschlichen Art entsprechend- an unserer Arbeit teil. Als wir sie zur letzten Ruhe geleiteten, waren es viele Freunde, die von Ottilie Baader den letzten Abschied gemommen haben. Literatur: Ottilie Baader, Ein steiniger Weg, J.H.W.Dietz, Nachfolger 1921 3Anna Blos: Die Frauenfrage im Lichte des Sozialismus, Buchverlag Kaden u.Co.Dresden, 1930 Reimenfolge nameriert Handbuch der Frauenbewegung, Helene Lange und Gertrud Bäumer, Band II, 1901. Berlin S.W.Moeser Buchhandlung W Protokolle der Parteitage und Frauenkonferenzen von 1900-1908 2. Emma Ihrer Die Arbeiterin im Klassenkampf, Hamburg 1998, Verlag der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschl7/ ands Anna B 1 o s ( 1866-1933) In der Reihe der Frauen, die wir an uns vorüber ziehen lassen, soll Anna Blos nicht fehlen. Sie wurde am 4.August zu Liegnitz in Schlesien als Tochter des Oberstabsarztes Tomaczewski und seiner Gattin geboren. Später wahrscheinlich nach dem Tode des Vaters- lebten Mutter und Tochter in Karlsruhe, wo Anna in der Viktoriapension und im PrinzenWilhelm- Stift ihre Schulbildung empfing, um dann eine zeitlang an der Berliner Universätät zu studieren. Sie wurde Lehrerin und Oberlehrerin. Die Neununddreißigjährige wurde dann 1905 die Gattin des Schriftstellers und Reichstagsabgeordneten Wilhelm Blos, der ebenfalls Sohn eines Arztes - mit der Sozialdemokratie bereits durch Tradition verbunden war. Er war schon 1877 unter den damals zwölf Sozialdemokraten des Reichstags an dem ersten großen Arbeiterschutzantrag beteiligt, der auch Forderungen für Frauen und Jugendliche erzhielt. Als Anna Blos in die Nationalversammlung gewählt worden war, war Wilhelm Blos Württembergischer Ministerpräsident. Er hatte schon ein Leben angestrengten Kampfes hinter sich. Bevor er sich in den Ruhestand zurückzog, amtierte er noch ein Jahr als Staatspräsident des Landes Württemberg. Uns Frauen aber war er bekannt als Geschichtsschreiber der Deutschen Revolution des XIX. Jahrhunderts, wir haben viel von ihm gelernt. In Braunschweig, wo er früher kandidiert hatte, - 2- -2und in Württemberg und Baden wurde er sehr verehrt. Es hieß immer, daß Anna Blos aus der bürgerlichen Frauenbewegung zu uns gestoßen sei, was bei Herkunft und beruflichem Werdegang nicht verwunderlich wäre. Im" Jahrbuch ist Deutscher Hausfrauenvereine" von 1918 registriert, daß Anna Blos: im Rahmen Deutscher Hausfrauenvereine Vorsitzende des Arbeitsausschusses der Hausfrauenvereine Württembergs sei. Daraus ist zu ersehen, daß sie in diesem Zweig der bürgerlichen Frauenbewegung mitarbeitete, aber sonst kann sie nicht in vorderster Front der Bewegung gestanden haben, es ist kein Hinweis darauf zu finden. Sie selber schreibt im Handbuch der Nationalversammlung, daß sie Mitglied des Ortsschulrates in Stuttgart gewesen sei. Dazu war sie tätig in Kriegsfürsorge, Kriegerheimstätten, Schwäbisches Bürgerheim, Vorsitzende des Verbandes Stuttgarter Hausfrauen, Mitglied des Ernährungsbeirates u.a.m. Sie arbeitete seit 1905 an der" Gleichheit" mit, schrieb auch sonst politische und literarische Artikel. An Broschüren nennt sie selber: " Kriegsarbeit der Frauen in der Gemeinde"" Die Lage der " Krieg und Schule". Sie gehörte Volksschullehrerinnen" dem Landesvorstand der Sozialdemokratischen Partei Württembergs an. Die intelligente und gebildete Frau, die sich Wilhelm Blos zur Lebensgefährtin gewählt hatte, wurde in der Sozialdemo kratischen Frauenbewegung Württembergs warm begrüßt, zumal sie glänzende Fähigkeiten mitbrachte. Sie fand einen Wirkungskreis, der dem entsprach. Ein Freund schrieb mir:" Sie fand nach ihrer Verheiratung - 3. . - 3- mit Wilhelm Blos schnell geistigen Anschluß an die Partei und entwickelte dank ihrer vielseitigen Allgemeinbildung sehr schnell ihre retorische und schriftstellerische Begabung Sie nahm- auch ausserhalb der Partei im öffentlichen Leben bis zu ihrer schweren Erkrankung eine beachtliche Stellung ein. Anna Blos war eifrige Mitarbeit erin in der" Gleichheit". Bie sagt dazu: " Aus persönlicher Erfahrung kann ich betonen, daß die Arbeit mit Clara Zetkin als Schriftstellerin sehr angenehm war. Als sie mich aufforderte( 1905), für die " Gleichheit" zu schreiben, brachte sie meine ersten Arbeiten mit Korrekturen. Als ich darauf erklärte, Korrekturen dürften an Artikeln, die ich mit meinem Namen zeichnete, nur mit meinem Einverständnis gemacht werden, erhielt ich einen sehr freundlichen Entschuldigungsbrief. Von da an vollzog sich unsere gemeinschaftliche Arbeit ganz reibungslos. Ich habe eine ganze Reihe Briefe voller Anerkennung von ihr, trotzdem wir zuweilen verschiedener Meinung waren. 1912 finden wir in der" Kommunalen Praxis" einen Leitartikel: " Die Tätigkeit der Frau in der Gemeinde" von Anna Blos. Er macht es uns in seiner Sachlichkeit deutlich, daß die Schreiberin sich mit der Frage der Gleichberechtigung der Frau schon lange intensiv beschäftigt haben muß. Dieser Artikel ist auch heute noch als eine der wenigen Quellen, -4 - 4- die uns aus der Zeit des langsamen Eindringens der Frau in die Gemeindearbeit Kunde geben, wertvoll und aufschluß reich. Wir erfahren daraus z.B., daß Württemberg der erste Bundesstaat des Kaiserreichs gewesen ist, der am 1.April 1910 durch sein eben beschlossenes Volksschulgesetz Frauen als Mitglieder des Ortsschulrates zugelassen hat. Man gab den Lehrerinnen das aktive und passive Wahlrecht( das Recht zu wählen und gewählt zu werden), und ausserdem wurden ( durch Gemeinderatsbeschluß) Frauen aus der Bürgerschaft als Mitglieder des Ortsschulrates berufen. Die Stadt Stuttgart aber ging noch in besonderer Art voran, sie berief neben einer bürgerlichen Frau auch eine Sozialdemokratin ( Anna Blos) in den Ortsschulrat, und zwar einstimmig. Nachdem in den vorhergehenden Jahrzehnten der Ortsschulrat nur von der Geistlichkeit besetzt gewesen war, hatten sich diese Körperschaften im Laufe der Zeit anders entwickelt. Neben dem Geistlichen war nun die Lehrerschaft, die Bürgerschaft, die Frauen und der Schularzt vertreten. Anna Blos sagt: " Als man mich zur Wahl vorschlu, ging man von der Voraussetzung aus, daß die Interessen der Volksschulkinder am besten von einer Frau wahrgenommen würden, die politisch und sozial der Arbeiterklasse nahesteht". + Zeitschrift der Sozialdemokratischen Frauen Deutschlands, redigiert von Clara Zetkin,( Verlag J.H.W. Dietz, Stuttgart). Die Angaben sind dem Buch" Die Frauenfrage im Lichte des Sozialismus", Herausgeberin Anna Blos, Verlag Kaden& Co., Dresden 1930, entnommen. ++" Kommunale Praxis", Nummer 15 vom 13. April 1912, 12.Jahrgang, Verlag Vorwärts, Berlin. -5 . -5Anna Blos war für dieses wichtige Amt wohl besonders geeignet, weil sie auch als ehemalige Lehrerin und Sozialistin die Wünsche der Arbeitereltern und die Bedürfnisse der Kinder besonders gut kannte.' Diesen Eindruck gewinnt man aus ihrem ausführlichen Artikel. Anna Blos war eine gewandte Rednerin. Sie hat sich erst in ihrer politischen Tätigkeit dazu entwickelt. Sie schildert,+ wie sie öfter von Clara Zetkin zum Referieren ermuntert worden sei, sich aber niemals getraute, öffentlich zu sprechen. Als sie in der Reichstagswahlbewegung( 1912) ihrem Mann, der damals in Braunschweig kandidierte, helfen wollte, faßte sie Mut. Nachdem sie in einer überfüllten Versammlung die ersten Worte gesprochen hatte, sei ihre Angst weg gewesen. Von da an war der Bann gebrochen. 1917. Während des Krieges hat sie uns besonders ihre Broschüre++" Kommunale Frauenarbeit im Kriege" wertvolle Fingerzeige für die soziale Kriegsarbeit gegeben. Sie zeigte eine Fülle von Arbeitsmöglichkeiten auf, die erst durch den Krieg erschlossen worden waren. Sie berichtete aber auch über ältere Versuche der Frauenbewegung, über die Armen- und Waisenpflege in das kommunale Arbeitsgebiet einzudringen, wobei die Frauen der Arbeiterklasse nahezu ganz ausgeschlossen waren. Sie verkannte aber auch nicht die Erschwerungen, die der Ausübung dieser Tätigkeit, besonders für die proletarischen Hausfrauen, im Wege standen. Ihre Schlußfolgerungen gipfelten -6 . - 6- immer wieder in der Forderung nach beruflicher, d.h. bezahlter Frauenarbeit in der Gemeinde. Wertvolles sagte sie auch in der Broschüre:" Der Krieg und die Schule",+++ wo ihre Sachkenntnis auf diesem Gebiet uns viel vermittelte. Die Not der Schulkinder war groß, die Ernährungsschwierigkeiten, der Lehrermangel, die Umwandlung der Schulgebäude in Lazarette griffen tief in das Schulwesen ein. Auf dem Kriegsparteitag der Sozialdemokratie 1917 in Würzburg begründete Anna Blos ihren Antrag, die" Frauenfrage" auf dem nächsten Parteitag zur Debatte zu stellen sie tat es mit dem Hinweis auf die großen Frauenleistungen und ihre Bedeutung für die Gesamtheit, auf das Erwachen großer Feauenscharen zu selbstädigem Denken und Hendeln. Sie forderte Erziehung der Frauen zu Sozialistinnen und mehr sozialistischen Geist in der Familie. - Je mehr wir uns dem Kriegsende näherten, umso entschiedener wurden die Forderungen nach der Demokratisierung unseres Staatslebens. Die Arbeiter und die Frauen wollten nicht wieder in diese politische Rechtlosigkeit zurück, nachdem sie Leib und Leben, Gesundheit, wirtschaftliches Fundament und Familienleben geopfert hatten. Nachdem der" Vorwärts" am 7.Oktober 1918 meldete, daß sich die" sozialdemokratischen Forderungen für gleiches Wahlrecht in Reich und Staat der restlosen Erfüllung nähern", stellte Anna Blos am 20.Oktober + ++ Anna Blos, Frau im Lichte des Sozialismus, Verlag Kaden& Co., Dresden 1930 +++ Verlag für Sozialwissenschaft, Berlin 1917. - 7- - 7- ( ebenfalls im" Vorwärts") die Frage:" Und die Frauen?" Sie schloß mit den Worten:" Verdammt sie nicht länger zur Rechtlosigkeit, gabt ihnen politische Rechte!" Wir begegnen Anna Blos auf dem Parteitag zu Weimar( 1919), wo sie mit Mut und Leidenschaft gegen Eduard Bernstein polemisiert; er war in den Jahrzehnten vor dem Kriege der Vertreter des revisionistischen Flügels der Partei, hatte sich aber während des Krieges zu den Verweigerern der Kriegskredite gesellt. Zurückgekehrt zur SPD, verteidigte er seine Stellungnahme während des Krieges. Sie stellt ihm die Frage, wie denn seine Abstimmung am 4.August 1914 in der Fraktion gewesen sei? Auf der Frauenkonferenz in Weimar( 1919) war bei aller vorherrschenden Sachlichkeit doch eine gewisse nervöse Strömung fühlbar. Das nun perfekt gewordenen Frauenwahlrecht eröffnete Perspektiven, die sich die kühnste Phantasie nicht vorgestellt hatte. Wir standen dem ziemlich unvorbereitet gegenüber. Wir hatten uns in den Jahrzehnten vorher und auch während des Krieges darauf beschränken müssen, die aus der Frauenerwerbsarbeit und aus der kapitalistischen Entwicklung erwachsenden Schäden für die Familie und speziell für Mutter und Kind aufzuzeigen und Forderungen zur Abhilfe aufzustellen; daneben die weibliche Gleichberechtigung zu fordern and zu propagieren. Der Kriege hatte diese sozialen Zusammenhänge und die vielen Ungerechtigkeiten für die - 8- . # - 8- Arbeiterklasse und ihre Frauen noch deutlicher gemacht. Diese Zeit aber hatte auch vielen Frauen von uns die Möglichkeit gegeben, sich an der sozialen und kommunalen Arbeit tatkräftig zu beteiligen. Die Erfahrungen zeigten uns aber auch den Unterschied in den vorhandenen Möglichkeiten des Eindringens in die mitverantwortliche öffentliche Tätigkeit. Schulen und Zeitungen der bürgerlichen Frauenbewegung hatten ein Frauenheer für diese Arbeit vorgebildet. dort Man war/ mit einer anderen Einstellung an die Frauenfrage herangegangen. Man konnte aber die Vorarbeiten auch mit durchschnittlich besserer Vorbildung, mit reicheren materieller Mitteln in Angriff nehmen. Das Resultat erschien und dem entsprechend. Diese Erkenntnis war für manche der Teilnehmerinnen erschütternd, aber auch durchaus noch nicht ganz durchdacht. So setzt sich auch Anna Rlos auf dieser unter dem Einfluß dieser Strömungen Frauenkonferenz - für eine größere Anzahl besoldeter Frauenkräfte in den wichtigsten Ämtern der Partei ein. Sie ist der Ansicht, daß es für viele Frauen zu schwer sei, die notwendige Zeit für die zu leistende Arbeit aufzubringen. Ihr Ausgangspunkt für eine an sich richtige Forderung war dennoch nicht ganz richtig. Sie hatte wohl noch nicht die organisatorische Erfahrung gemacht, daß- so sehr es auch immer erwünscht - ist wirtschaftlich freigestellte Kräfte in eine große geistige und politische Bewegung ainzubauen, diese Bewegung trotzdem von einer großen Zahl von ehrenamtlichen Mitarbeitern ( die sich ebenfalls intensiv betätigen müssen) getragen werden muß. Sie empfand es schmerzlich, daß die bürgerliche Frauenbewegung sich soviele Zeitungen und Berufsschulen - 9- - 9- geschaffen hatte, die ihr nun, bei dem stärkeren Bedarf an administrativen, sozial und fachlich geschulten Kräften zur Verfügung standen. Sie sah die großen Aufgaben der Gegenwart von 1919 und der Zukunft und fühlte schmerzlich den Bildungsvorsprung, den die bürgerliche Frauenbewegung vor der sozialistischen hatte. Zum Beispiel sagt sie: was die sozialen Frauenschulen angeht, so hätte ich den Wunsch, daß unseren Genossinnen viel mehr Gelegenheit gegeben wird, dort hinzugehen. Man sollte ihnen staatliche Mittel dazu zur Verfügung stellen. Aber auch die Art der Prüfung muß eine andere werden; denn es wird dort den Schülerinnen ein ungeheurer Ballast aufgebürdet. Man braucht sie doch nur für das eine Fach auszubilden, in dem sie tätig sein wollen, und zwar mehr praktisch als theoretisch.... Wir haben dann später andere Wege gefunden, um Bildungsmöglichkeiten dieser Art für Bauen der Arbeiterschaft zu schaffe, auch Lücken auszufüllen. Wir brauchten dazu die Ansprüche an notwendiges Wissen und Können nicht herabzusetzen. Aber wir können noch heute den Frauen wie Anne dankbar dafür sein, daß sie 1919 aufgezeigt haben, Blos - wo es bei uns fehlte. Auch sonst gab sie uns auf dieser Frauenkonferenz noch manches mit auf den Weg. Sie plädierte für den stärkeren weiblichen Besuch der Volkshochschulen, die den Zweck hätten, die von der Volksschule offen gelassener Bildungslücken zu ergänzen. In Stuttgart war sie an einer " Pädagogischen Gesellschaft für Schul- und Erziehungsfragen" beteiligt. Dort hinein gehörten- nach ihrer Meinung auch die Mutter, um mit einer solchen Schulung auch Einfluß - 10- . 10- + auf alle Schul- und Erziehungsfragen gewinnen zu können. Sie forderte auch mehr leichtfaßliche, leichtverkäufliche Broschüren vom Frauenbüro, gab auch sonst eine Menge Anregungen, die gut und nützlich waren. Wertvoll ist ihr später nach dem Tode ihres Mannes- herausgegebenes Buch" Frauen der Deutschen Revolution 1948" das zehn Frauenbilder dieser Zeit enthält. Sie sagte dazu, daß sie den Plan dazu noch mit Wilhelm Blos besprochen habe. Ein besonderes Verdienst hat+ sie sich mit der Herausgabe des Buches" Die Frau im Lichte des Sozialismus"++ erworben. Es ist eine Kollektivarbeit. Mitarbeiterinnen waren neben der Herausgeberin Adele Schreiber, Louise Schröder und Anna Geyer. Anna Blos hat es übernommen, einen geschichtlichen Abriß aus dem Werden der Frauenbewegung zu geben, während sich die Mitarbeiterinnen auf die Fragen der Staatsbürgerschaft, der Hausfrau und Mutter und der berufstätigen Frau konzentrierten. Initiative und Durch-führung für dieses Buch lag durchaus bei der Herausgeberin, die damit bewies, wie sehr ihr die Frauenfragen am Herzen lag. Anna Blos war eine gesundheitlich zarte, sehr nervöse Frau, sehr viel von Kopfschmerzen und häufiger Migräne geplagt. Ihre leidende Konstitution und ihre starke Sensibilität machten den Umgang mit ihr manchmal schwierig. Sie stand + Verlag Kaden& Co., Dresden 1928 ++ Verlag Kaden& Co., Dresen 1930 - 11- 11- fast immer unter dem Eindruck, zurückgesetzt, nicht genügend anerkannt zu sein. Das kam in ihren Briefen, oft auch in schriftlichen Arbeiten und dort, wo sie das Wort nahm, immer wieder zum Ausdruck. Sie kämpfte sichtlich mit zwei Strömungen in sich selber. Selbst ein Mensch mit einem großen Bildungsgut, trat sie überall für die Vermittlung größerer Bildungsmöglichkeiten für Angehörige der arbeitenden Schichten ein. Und doch betonte sie immer eine ihr fühlbare Kluft. War Anna Blos besonders ehrgeizig? So sagte man. Ein berechtigter Ehrgeiz ist durchaus anzuerkennen, auch er ist eine treibende Kraft und hat dann seine Berechtigung, wenn dahinter das entsprechende Können steht. Und Anna Blos konnte viel, sie wußte sehr viel, sie hatte die Fähigkeiten, ihre Gedanken zu entwickeln, sie formvollendet auszusprechen, sie auch niederzuschreiben. Daraus entstand ihre Arbeit für die Bewegung und Allgemeinheit, auch Anerkennung, und zwar mit Resultaten, die auch das, was man Ehrgeiz nennt, vollauf befriedigen konnten. Das konnte es eigentlich nicht sein, was sie oft so unglücklich erscheinen ließ. Aber irgendwie muß sie sich doch verlassen und fremd gefühlt haben in der Arbeiterbewegung, die sie doch so sehr geliebt hat und der sie bis zu ihrem Tode treu geblieben ist. Sehr oft erinnerte sie sich an das Schicksal von Lily Braun und bezog es auf sich selbst. Die Fraue, die sich( so erkannte Anna Blos es selbst) zwar genial genug, aber gemäß ihrer starken Individualität doch nicht hatte einreihen könner - 12- -12Dieser Vergleich, der sie selbsr nach den Ursachen suchen ließ, war nicht richtig, weil man diese beiden Frauen nicht miteinander vergleichen konnte. Man muß wohl den Menschen in einer großen Bewegung ganz vorbehaltlos gegenüber stehen; man darf das, was man tut( was man auch für diese Menschen tut oder zu tun glaubt), niemals als ein Opfer empfinden, ein Opfer, das man" den Anderen" bringt. Man muß sich wohl ganz und ohne jeden inneren Vorbehalt zugehörig fühlen können und immer wissen, daß uns mit der Hingabe an eine Bewegung Werte zurückfließen, die das Leben unendlich bereichern. Wir müssen innere Bindungen haben zu den Menschen gleicher Grundgesinnung, damit dienen wir einer höheren überpersönlichen AufgabeNur das schützt uns dagegen, in die Isolierung hineinzuwachsen. Konnte Anna Blos es wohl so sehen? Wer ist vermessen genug, Vollkommenheit zu verlangen? Dem Brief eines Freundes entnehme ich, daß sie, die nun Witwe war, qualvoll an einer unheilbaren Krankheit gestorben ist. Sie war dabei nun in der letzten Lebenszeit wirklich einsam und allein, denn sie mußte diese Leidenszeit und den Tod durchstehen, als Hitler in seiner vollen Herrschaft stand. So schrecklich es war, so war es doch zeitbedingt. Nur wenige Freunde sah sie noch. Auch an ihrem Grabe fanden sich nur einige wenige von den Freunden ein, solche, die sich nicht fürchteten, sich neben einige junge Männer in Naziuniform zu stellen. Den Frauen, die aufbauend - 13 13weiterarbeiten wollen, hat Anna Blos durch ihr Wirken für die Befreiung der Frau, für den Sozialismus, ein Beispiel mit auf den Weg gegeben zur Befreiung der Frau- zum Besten der Menschheit. - Es wird hoffentlich dahin kommen, daß man mit demselben Bedauern, welches man Kindern zollt, die ihre Mutter verlieren, von den Gemeinden spricht, die in ihren Vertretungen und Verwaltungskörperschaften keine weiblicher Mitglieder haben, sei es in der Schul-, Armen- oder Waisenverwaltung. Die Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung, von der Eigenwirtschaft bis zur konzentrierten Produktion, das ist die Geschichte des weiblichen Geschlechts. LITERATUR: 1. Parteitagsprotokolle und Frauenkonferenzen von Würzburg 1917 und Weimar 1919 2. ( Vorwärts- Verlag, Berlin) Kommunale Praxis Nummer 15 vom 13. April 1912 ( Buchhandlung Vorwärts, Berlin) 3. Anna Blos, Frauenfrage im Lichte des Sozialismus ( Buchverlag Kaden& Co., Dresden 4. Anna Blos, Frauen der Deutschen Revolution 1948 ( Buchverlag Kaden& Co., Dresden) 5. Anna Blos, Kommunale Frauenarbeit im Kriege ( Verlag für Soziale Wissenschaft, Berlin) - 14 - 14- 6. Krieg und Schule ( Verlag für Sozialwissenschaft, Berlin) 7. Briefe von Freunden Clara Bohm- Schuch ( 1879-1936) 1908 lernte ich Clara Bohm Schuch kennen.Mein Lebensweg hatte mich in den Arbeitervorort Berlins geführt, in dem sie wohnte und in dem sie mit tätiger Anteilnahme in der Arbeiterbewegung stand. Rixdorf, so hiess das heutige Neukölln damals noch, hatte eine besonders lehendige aufstrebende Arbeiterbewegung, oppositionell und doch realpolitisch, hatten diese Arbeiter zugleich einen starken, kuturellen Auftrieb, wie es sich in ihren mustergültigen Veranstaltungen: Vorträge, Kurse, Konzerte, Theater, Kindervorstellungen, Ausstellungen u.a.zeigte. Eine zart und fein wirkende Frau trat mir entgegen, mit merkwürdig klaren, durchdringenden Augen, die bis auf den Grund der Seele zu sehen schienen. Ich fühlte sehr bald, dass wir uns verstanden, wir haben Freundschaft gehalten, die Jahre hindurch. Wir haben uns über vieles unterhalten und manche Arbeit gemeinsam getan.- Aus Stechow in der Mark war sie, sehr jung noch, nach Berlin gekommen. Die Eltern besassen eine kleine Büdnerstelle, sechs Kinder bevölkerten das kleine Haus, wollten satt gemacht und bekleidet werden, es ging knapp her. Aber beide Eltern waren demokratisch gesonnen und machten daraus kein Hehl.Beide liessen ihre Umwelt auch wissen, dass sie Pazifisten seien und den Krieg verabscheuten, Grund genug für den Herrn Amtsvorsteher den armen Büdnersleuten durch allerhand Schikane, für die sich reichlich Gelegenheit bot, das ohnehin schwere Leben noch schwieriger zu machen. An der gradlinigen Gesinnung der Familie Bohm in Stechow hat das nicht das geringste geändert. Clara hatte die Dorfschule besucht. Sie ging nach Berlin, um sich dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aus den Arbeiten irgend welcher primit: den Art, die nur dem primitiuen Zweck der blossen" Erhaltung des Lebens" diente, strebte sie bald bewusst und mit ganzer Kraft heraus. Sie wollte mehr. Sie war sich bewusst, dass sie sich zuerst einmal auch Bussere Möglichkeiten für die innere Befreiung schaffen müsse.Sie nahm an, dass Büroarbeit ihr dafür etwas mehr Zeit und Kraft lassen würde.Das Mädchen aus der Dorfschule brachte es fertig eine Handels Bohm- Schuch 2. schule zu besuchen. Damit schien ihr der erste Schritt getan. Nur der erste. Ihre Befähigung machte es ihr sehr bald möglich sich als kaufmännische Korrespondentin zu betätigen und aus den ersten Anfängen zu einer fähigen und geschätzten Kraft aufzusteigen. Wir beide haben uns grade darüber--in einem weiteren Zusammenhang-- unterhalten.Wir aufstrebenden/ sprachen darüber, welche Möglichkeiten der Beruf/ jungen Menschen Gelegentliche/ lässt, sich geistig und kulturell weiter zu bilden Hinweise auf ihren eigenen Lebensweg liessen mich einen zielsicher und freudig an sich arbeitenden Menschen sehen, der sich seinen Weg in eine geistig etwas freiere Arbeitsatmosphäre gesucht hatte, nicht, um dann an einem Punkt darin stecken zu bleiben, sondern als Vorstufen zu immer neuer Entfaltung. - Die Neigung zum literarischen und dichterischen Ausdruck hatte Clara sicher von ihrer Mutter mitbekommen.Ich habe diese Mutter noch kennen gelernt, die nach dem Tode des Vaters bei Clara- die nun schon längst Bohm- Schuch hiess und selber Mutter war ihre letzten Lebensjahre verbrachte. Diese Mutter versuchte es noch öfter in diesen Jahren, ihre Gefühle in einem kleinen Gelegenheitsgedicht sprechen zu lassen.Hatte sie, weil sie von Armut, Arbeit und Sorgen niedergehalten ihren Geist nicht ungehindert entfalten können, so hat sich mir doch ihr heller Verstand, das gütige Herz und der seelische Ausdruck Sie ihrer Persönlichkeit ins Gedächtnis geprägt. Wie Klara selber Matthew sah, zeigen die Verse, die sie ihrer Mutter widmete, wovon zwei wiedergegeben werden sollen: war, Meine Mutter ist tot! Es erlosch ein Stern, Ein gütiges klares Himmelslicht, Ein warmer, ruhig leuchtender Schein, Wie, wenn durch Wolken die Sonne brichtSo war mein liebes Mutterlein. Meine Mutter ist tot! Nie sehe ich mehr Wie sie nimmer müde- das Tagwerk schafft. Die lieben Hände so rissig und hart, Der Rücken gebeugt, die Augen so hell, So ganz aller Liebe und Gute Quell. Leben und Wirken, Segen und Kraft. Clara war mit fünfundzwanzig Jahren durch ihre Feder bereits in Bohm- Schuch 3. einem gewissen Umkreis, vor allem auch in der Arbeiterbewegung, durch ihre Gedichte, durch Skizzen und Betrachtungen, bekannt geworden. Der Sozialismus und die Arbeiterbewegung zogen sie an.Mit der sozialistischen Literatur, mit dem Geistesleben ihrer Zeit war sie bekannt. Es war ein grosses- und als solches dankbar empfundenes- Glück für sie, dass der Mann ihrer Wahl zugleich der gute Kamerad war, immer fördernd, niemals hemmend an ihrer Seite stand, mit dem sie über Welt und Menschen sprechen konnte, der sie verstand. Mit ihrem geistigen Wachstum, mit dem Aufblühen einer beglückenden Produktivität, ging Hand in Hand ihr Interesse und ihre Anteilnahme an der Arbeiterbewegung, in der sie viele Menschen kennen XXXI und schätzen lernte," Menschen, voll des glühendsten Idealismus und unerschütterlicher Opferbereitschaft", so sagt sie es ihrem Lebenskameraden mit tiefer Freude. Solche Menschen entdeckt sie überall in der Arbeiterbewegung, sie findet sie in der Partei, in der Gewerkschaft, sie freut sich ihrer in der Jugend und stellt sie beglückt fest im" Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse", der damals noch, die immer gefährdete Heimat der sozialdemokratischen Frauen sein musste. So kam es ganz von selber, dass sie bald bekannt wurde und überall dort hineingewählt und berufen wurde, wo sie mit ihrem sozialen Sinn, mit ihrer Aufgeschlossenheit, mit ihrem mütterlichen Ernst nützen konnte. Und dieses" sich nützlich fühlen" machte ihr innige Freude. 1903, ein bewegtes Jahr für viele Menschen. In diesem Jahr war auch endlich ein Kinderschutzgesetz angenommen worden, das einen Fortschritt darstellte, dadurch, dass es überhaupt erst einmal Lohnarbeit schulpflichtiger Kinder unter ein Verbot stellte.Es hatte viele bösartige Lücken und war garnicht leicht zu überschauen, desto leichter zu umgehen. Sollte es dort, wo es wirklich helfen wollte, nicht in tausenden von Fällen unwirksam bleiben, mussten aus der Arbeiterschaft heraus Kinderschutzkommissionen tätig sein. Die Arbeit war schwer und verantwortungsvoll. Clam übernahm in ihrer Wohngemeinde die Leitung die Bohm- Schuch 4 ser Arbeit. Sie wurde auch in den Jugendausschuss gewählt und war massgebend im" Verein der Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse" tätig.Am liebsten arbeitete sie dort, wo sie sich für das Glück und das Wohlergehen fon Kindern und Jugendlichen einsetzen konnte.Mit ihrer Hilfe und in enger Zusammenarbeit mit dem Stadtverordneten Emil W Wutzky entstand aus kleinsten Beträgen das erste Berliner Heim für die arbeitende Jugend.-- Die Arbeiterschaft und ihre denkenden Frauen wurden in diesem Jaht besonders von den Ereignissen in Crimmitschau/ Sachsen aufgewühlt.So auch Clara.Ach, sie kannte ja so gut Gerhard Hauptmanns Weberdrama.Gehörte das Elend seiner Zeit nun auch schon einer vergangenen Epoche an, so stand es doch jetzt, in anderen Formen zwar durch die maschinelle Entwicklung der Jahrzehnte) anak erund/ neut/ grauenvoll lebendig da. Wie gönnte es Clara diesen armen, streikenden Weberinnen, dass sie doch einmal in diesen langen, nervenspannenden Wochen, mit ihrem Kind auf dem Schoss in der Sonne sitzen konten. Clara war eine gern gehörte Rednerin, ja, sie wurde ich spreche es nur zögernd aus, weil wir in der Sozialdemokratie mit diesem Attribut von jeher sehr sparsam gewesen sind- geliebt, nicht nur in Berlin, sondern überall dort, wohin sie ihr Weg im freiwilligen Dienst an der Arbeiterbewegung führte.Was war es? Die beseelte Art ihres Sprechens? Die ungewollte Kunst, sich in die Herzen und Hirne ihrer Zuhörer einzufühlen, für ihre Sorgen und Kümmernisse, für ihr Hoffen und Wollen den Ausdruck zu finden, von dem sie meinten, dass er ihnen selbst aus dem Herzen käme? Clara war sehr intuitiv. Sie erfasste leicht die Gedanken und Gefühle anderer. Dabei war sie unbestechlich% 3B in den Schlussfolgerungen ihres verstandesmässigen Denkens war sie allen Kompromissen abhold.-- Ich denke an eine Versammlung zurück, die mir einen tiefen Eindruck hinterliess. Es war 1911, im Herbst oder Winter. Die besondere Hitze des vergangenen Sommers hatte die- allgemein in Deutschland noch sehr hohe Säuglingssterblichkeit- auf eine erschreckende Höhe hinauf getrieben, die sich besonders auf die Arbeiterquartiere konzentriert Bohm- Schuch 5. hatte.Clara sprach über dieses jammervoll Säuglingssterben. Sie formulierte mit grosser Sachlichkeit und sprach dabei von" diesem wunderKinder vollen Sommer, voll Licht und Sonne" sprach davon, dass die Kanan darin hätten aufblühen können, wenn die Wohnungs- Lebens- und Arbeitsbedingungen der Mutter das zugelassen hätten. Berliner Aerzte, darunter unser Neuköllner Dr.Silberstein im Vordergrund, gründeten damals" Kommunale Mutterberatungsstellen", mit Stillbeihifen für die Mutter. Das war ein wertvoller Anfang in der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit.Einmal durch den praktischen Versuch der Lösung einer solchen Aufgabe, dann aber auch- in Verbindung damit- durch die Schulung der Mutter, durch die grosszügige Aufklärung der Oeffentlichkeit, durch die Schärfung des öffentlichen Gewissens für den Wert des geborenen Lebens und über die Pflichten der Allgemeinheit zu seiner Erhaltung. Das war so recht ein Arbeitsfeld für Clara Bohm- Schuch, bei der sie gern und freudig mits. So vergingen die Jahre in unermüdlicher, dankbar als schön empfundenen Arbeit und in immerwährendem Wachstum ihrer Persönlichkeit. Eine Genossin, die Jahre hindurch ihre Helferin im Haushalt gewesen war ( Clara war ja meistens beruflich und ehrenamtlich tätig) schrieb/ in Erinnerung an sie u.a.:"...... Ihr grossmütiges Herz befahl ihr immer zu helfen. Zu ihr kam die Arbeiter frau in ihrer Sorge um Mann und Kind, kam der Mann in der Not seiner Arbeitslosigkeit. Die Werkstudenting brauchte finanzielle Hilfe und tröstlichen Zuspruch für ihren Existenzkampf, der jugendliche Arbeiter hatte kaum überbrückbare Berufssorgen. Dort, wo sie nicht helfen konnte, trug sie selber schwer an der Not ihrer Mitmenschen......" ginig Das Jahr 1908 hatte uns Frauen die grössere Entfaltungsmöglichkeit gebracht, als durch das Reichsvereinsgesetz wesentliche Schranken für das Organisationsleben gefallen waren. Und im Kriege 1914-18( der Lebenskamerad war als Pionier draussen) hatte sie viel.sehr viel Gelegenheit, aus dem Möglichkeiden Born ihrer Liebe zum Menschen MAKA zu schöpfen, zu helfen. Und sie hatte dabelviel leider allzuviel Gelegenheit, das Versagen des Staates gegenüber seinen, durch den Krieg in bittere Not geratenen Mnnchen festzustellen. " Die Kinder im Weltkrieg" heisst Bohm- Schuch 6.- eine kleine Broschüre, die damals entstanden ist, sie gibt uns noch heute einen lebhaften Eindruck von der Kindernot Berlins- schon vor dem Kriege- und dann verschärft beim Ausbruch und während der Dauer des Krieges. Sie sieht diese grosse Kindernot mit den Augen der verstehenden, mütterlichen Frau. Sie erfässt sie zugleich mit der Erkenntnis eines sich mitverantwortlich fühlenden Mitglied des Staates und der menschlichen Gesellschaft. Lassen wir es durch Clara selber sagen, wie sie ( 1916) am Schluss ihrer Schrift über die" Kindernot im Kriege" die Aufgabe sah: " Bine der vornehmsten Aufgaben aber wird die Erziehung des heranwachsenden Geschlechts zu denkenden, gerechten und daduch freien Menschen sein. Die Vorbedingung dazu muss das Gesetz schaffen. Dann arbeiten wir für den Frieden, dann errichten wir das Bollwerk gegen den Krieg..... Arbeiten wollen wir für den Frieden; und wenn uns dieser Friede heilig ist, dann müssen wir uns die Hände reichen, über alle Missverständnisse hinweg, und dann finden wir auch den Weg der zum gemeinsamen Ziele führt." Dass Clara es besonders verstand die geistige Brücke zu jungen, halberwachsenen Menschen zu schlagen, haben wir oft feststellen können, besonders in den Schulentlassungsfeiern und ähnlichen Veranstaltungen. Einen schriftlichen Beweis dafür finden wir noch in einem schmalen Heftchen mit dem Titel:" Willst Du mich hören?, in dem sie sich an das eben aus der Schule entlassene junge Mädchen wendet; sie ist in vielen tausenden von Exemplaren gelesen worden. 1917.Nach der unseligen Parteispaltung trat- zur notwendigen Sammlung Zim Lokal des Parteivorstandes/, der Kräfte- in Berlin/ eine ausserordentliche Frauenkonferenz zusammen. Clara gehörte zu denen, die tätig daran teilnahmen und sich von ganzem Herzen verpflichtet fühlten, beim Neuaufbau tatkräftig mitzuarbeiten. Wir hätten ihren Rat und ihre Hilfe damals wirklich nicht entbehren können. жоден Sie gab ihre Mitarbeit und ihren Namen her, als-- aus Leistung und Reife heraus-- die Frauen immer dringender ihr Recht als Staatsbürgerinnen verlangten. Unvergesslich ist uns die Versammlung in den Berliner Sophiensälen am 4.November 1918, wenige Tage vor Ausbruch der Revolution, wo auch Clara Bohm- Schuch mit zu den Rednerinnen gehörte, die ihre Forderungen nach Gleichberechtigung an die Regierung des Prinz Max von Baden Bohm- Schuch 7. Naises stellten.Grosses Erstaunen zeigten die anwesenden bürgerlichen Parlamentarier darüber, dass in dieser Versammlung, die von Frauen aller Richihre Forderungen/ tungen veranstaltet worden war, die Sozialdemokratinnen/ so gewandt und formgerecht vertraten.--- Am 26.0kt. aber war im Vorwärts unter dem Titel: " Die Frauen und der Friede" ein Aufruf erschienen, der die Unterschrift von Clara Bohm- Schuch, Elfriede Ryneck und Wally Zepler trug. Dort hiess es: " Die Arbeiterschaft wird heute zum grössten Teil durch Frauen repräsentiert. Wir fordern den Frieden und werden uns jedem Versuch, ihn hinauszuzögern, entgegensetzen." Als uns Frauen dann am Ende des Krieges das Wahlrecht gegeben wurde, schickte die perliner Wahler Clara Bohm- Schuch in die Nationalversammlung. Zum 1. Reichstag wurde sie dann in Berlin gewählt. für sie/ Die Arbeitsgrundlage war nun breiter/ geworden. Bald danach nahm sie als neue Arbeitsbürde die 3 die Redaktion der" Gleichheit" auf sich. Das war keine leichte, vor allem keine dankbare Aufgabe. Die Gleicheit hatte zahlenmässig sehr stark unter der Spaltung und der Kriegszeit gelitten. Die hohe Abonnentenziffer von ehemals, an der neben der Parteiorganisation auch die Gewerkschaften als Grossabnehmer beteiligt gewesen waren, war bis auf einen Rest zusammen geschmolzen. Die neuen Werbemöglichkeiten hatten sich grundlegend verändert. Daran konnte auch der hohe geistige Stadart der Zeitschrift Weinar 1919 und nichts ändern.Auf der Frauenkonferenz und dem Parteitag zu Magdeburg( 1920) begründete Clara die Wichtigkeit einer solchen Lektüre, um die Frauenbewegung und die Gesamtpartei fähig zu machen, den neuen Anforderungen die Gleichberechtigung der Frau aufwarf, erfüllen zu können. Sie war mit jeder der Art und Weise eine standen, die technisch und finanziell durchführbaren waf, um zu ihrem Teil an den Schulungsarbeiten erfolgren mitzuwirken Hinter ihren klugen und warmen Worten, sah man deutlich die Persönlichkeit, der es nicht um sich, sondern um die Sache ging.Und die auch furchtlos sagt, was sie denkt, auch wenn sie weiss, dass es den Hörern nicht alles genehm sein mag.-- So absolut leicht hatten auch wir sozialdemokratischen Frauen dieser Zeit es nicht. Jede neue Zeit ist auch zugleich eine Lehrzeit.Clara sah auch für die Arbeiterbewegung- die Veränderung der allgemeinen politischen Aufgaben und ihrer Lösungsmöglichkeiten. Sie sah das Primat des Wirt10 6 7 2 8 Bohm- Schuch 8. schaftlichen und Sozialen und dies nicht nur auf der nationalen, sondern auch auf der internationalen Ebene. Vom Frühjahr 1919 bis zum Herbst 1922 hat sie die" Gleichheit" vorbildlich redigiert. Dann machte der Parteivoreinen Versuch mit stand - jahrelangem Drängen von aussen her folgend einer anderen Zeitungsform, an dem sich Clara nicht beteiligte. Organisations/ Sie hatte überreichlich/ arbeit, gehörte längst zum" Reichausschuss für dem/ sozialistisches Bildungswesen, dann später auch HM/" Sozialistischen Kulturbund" an. Das hiess für sie in jedem Fall: Ideen haben, sie entwickeln und vertreten, das hiess sehr, sehr aktiv sein. Und ihre parlamentarische Tätigkeit war umfangreich. Im Mai 1919 wurde sie von der Sozialdemokratischen Fraktion der Nationalversammlung dazu bestimmt, in der grossen Die Unterzeichnung/ Sitzung, die in der Aula der Berliner Universität, zu sprechen./des Friestand bevor. Neben den densvertragsXNXX Männern, die in feierlicher Weise die Meinung des deutschen Volkes zum Ausdruck bringen sollte, sollten auch Frauen gehört werden. Clara Bohm Schuch sagte u.a. dort: " Die Frauen aller Länder haben während des Krieges Unsagbares gelitten, Alle, welche Sprache wir auch sprechen, trugen die schwere Sorge um das Leben unserer Lieben, die im Felde standen. Alle trugen wir das bittere Weh, dass Menschen von Menschen getötet wurden, und sie waren doch alle Söhne von Müttern, und alle von Frauen geboren. Das Leid der Frauen war international, solange der Krieg tobte...... beschwor sie/ Clara appelierte an die Menschlichkeit der Entente- Regierungen,/ mit der Politik des/ Hungers aufzuhören.-- Von 1920 bis 1933 gehörte sie dem Präsidium des Reichtages als Schriftführerin an. Sie war Mitglied des parlamentarischen Ausschusses" Zur Erforschung der Kriegsschuld", von 1928-1930 hatte sie dort den Vorsitz. Seit 1924 widmete sie einen grossen Teil ihrer Zeit und Kraft den Beratungen des" Hauptausschuss" des Reichstages, dessen einziges weibliches Mitglied sie gewesen ist. Sie fand noch-nebenbei- Zeit, um gelegentlich an den Beratungen des sozialpolitischen Ausschusses teilzuneh, wenn z.B.Fragen des Mutterschutzes beraten wurden, oder im Ausschuss für" Bevölkerungspolitik, Bals das" Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten" beraten wurde, wo es um die Frage: 16" Bordellirung oder soziale Massnahmen" ging. Auch im Jugendwohlfahrtsausschuss konnten wir sie of sehen. Bohm- Schuc 9. 1933. Hitler war Reichskanzler geworden. Der Reichstagsbrand- eine lohende Fackel- hatte uns die Stunde angezeigt. Hatten es Alle erkannt? Leider nicht. Der Terror, der IKEEX längst tobte, hatte sich grauenhaft verstärkt. Unter den Opfern der Nacht vor der Reichstagssitzung hatte sich auch Frau Marie Jankowski, eine Stadtverordnete aus Köpenick befunden.Sie war so zerschlagen, dass sie IEX im Morgengrauen nur unter grössten Qualen bis zu ihrer Wohnung kam. Dort hatte sie noch soviel Kraft/ ihre Kinder auszuschicken, um die Menschen zu warnen, deren Name bei der Exekution gefallen war.Erst dann schickte sie zum Arzt. Ihr war befohlen, sich am Abend an einer Sonst würde sie geholt:/ bestimmten Stelle zu melden/ Sie kam einige Tage später ins Krankenhaus. Von dort brachten sie tapfere Menschen an einen Ort, der im Augenblick noch sicher erschien. Einige Zeit später starb sie, wahrscheinlich an den Folgen der Nierenverletzung. Als sich der Reichstag im Plenarsaal der Krolloper ( es waren hunderte, --unter bewaffneter Besatzung durch SS und SA- Zusammenfand, hatten sich einige Frauen unter dem Eindruck der Kunde verständigt. Sie schrieben jede für sich zu einem vorhandenen Protokoll oder einer Darstellung der mit dem Ersuchen, Misshandlung einen persönlichen Brief/ gasaganaan dafür zu sorgen, dass die misshandelte Frau in Ruhe gelassen würde. Diese Briefe gingen an ( die schwiegerficher son Hindenburg. Göring, Hindenburg, Diehls, XXX dem damaligen Polizeigewaltigen, u.a. Clara hatte es übernommen, das Protokoll an Göring zu geben. XXXXXXX Er präsischwer dierte dieser bewaffneten Sitzung.".... Jawohl Frau Kollegin, es wird eingeschritten werden."--Bingeschritten?-- Im Juli 1933 wurde Clara nach langer Haussuchung verhaftet. Fünfzehn Tage nazistischer Haft hatten vollends genügt, um ihre zarte Gesundheit so zu untergraben, dass ihr nur noch wenige Lebensjahre blieben. Ihre kleine Familie und der enge Kreis der Freunde, mit denen sie noch zusammen kommen konnte, denken mit Liebe und Bewunderung an diese Zeit zurück, in der sie noch soviel Menschlichkeit und Güte ausgestrahlt hat. Anfang Mai 1936 erschien in einer Berliner Zeitung ein schlichtes Inserat, das den Tod von Clara Bohm- Schuch meldete.War sie von der Gestapo vergessen worden? Fast schien es so. Jedenfalls hatte man das Inserat nicht beachtet. Zu der Totenfeier in der Halle des Friedhofes Baumschu Bohm- Schuch 10. lenweg kamen ungezählte Genossen aus der Zeit glücklichen Zusammenarbeitens, waren es zehntausend, fünfzehntausend? Es wurde daraus die grösste antifaschistische Demonstration dieser Zeit. Aus einem Zeitungsausschnitt, deren zu ihrem zehnjährigen Todestag viele erschienen, halte ich die Erinnerung eines Teilnehmers fest: " Als Clara Bohm- Schuch vor zehn Jahren beigesetzt wurde, spielte sich ein ergreifender Vorgang ab.Tausende von Arbeiter frauen standen auf dem Vorplatz der Kapelle, die geöffneten Türen stellten den Kontakt zwischen drinnen und draussen/ her. Plötzlich hob eine Frau einen Strauss roter Nelken empor und bat, ihn nach vorn zu reichen. Dieser spntanen Eingebung folgten alle.Im Augenblick wurden tausende roter Nelken über die Köpfe der Teilnehmer hinweg gereicht, den Sarg der toten Frau zu schmücken, die ein so warmes Herz für ihre Mitmenschen gehabt hatte." Dass die Gestapo diese Beteiligung an der Totenfeier A- in ihrer Abwesenheit- als Schlappe empfunden hat, ist verständlich, man wollte sie auswetzen. Zur Stunde der Urnenbeisetzung, als, einem letzten Wunsch der war der Fried 201 Toten entsprechend, nur Mann und Tochter anwesend waren, von als harmlose bevölker ( zahlreichen Besucher verkleideten- Gestapoagenten. Und es war wirklich weiter niemand dort als Mann und Tochter der Verstorbenen. 56 Jahre alt war Clara Bohm- Schuch, als der Tod sie rief.Sie hat den zweiten Weltkrieg nicht erlebt, nicht das entsetzliche Grauen, das mit Worten nicht geschildert werden kann, nicht das Schicksal ihrer geliebten Stadt Berlin und seiner Kinder. War es Gnade? Ihre Persönlichkeit leuchtet noch einmal vor mir auf, als ich das KI* In schmale grüne Bändchen ihrer Gedichte durchblättere, um noch ein paar ihrer eigenen Worte an den Schluss zu setzen, das Bändchen, dass sie ihren Lieben und ihren Freunden zurück gelassen hat. Frühlingsahnen " Wie der Sturmwind die Bäume schüttelt, wie er das Alte und Morsche zerschlägt, wie er in jubelnden Siegesliedern Lebenskraft durch die Lüfte trägt. Wo ist Raum und wo ist das Ende, wo sind die Grenzen dieser Kraft, die nach ehernen, eg'gen Gesetzen aus dem Alten das Neue schafft? Benutztes Material: Diverse Zeitungsartikel, Aufzeichnungen von Willy Schuch Clara Bohm- Schuch: Gedichte, Verlag Victor Stomps, B erlin # 10 # Die Kinder im Weltkrieg, Verlag Baumeister, Berlin Willst Du mich hören? # # Lily Braun( 1856-1916) Von Lily Braun wissen wir viel Amso schwieriger ist es ein knappes Bild ihrer Persönlichkeit zu zeichnen. Sie selbst hat-- dem inneren Drang einer tief aufgerührten und --- , verwundeten Seele folgend es versucht, Rechenschaft über sich selbst zu geben, über ihr Tun, über die sie bewegenden Motive, über die Enttäuschungen, die sie dabei erlitten hat. zeitlich Um das objektiv zu können, muss man sich durch einen genügend langen Abstand distanzieren können. Lily Braun wusste Abend dass sie das nicht konnte. Sie wählte die Form des Romans. bende, verstehende, Freundschaft und künstlerisches Einfühlungsvermögen haben die haben die Persönlichkeit Lily Brauns in die rechte Beleuchtung gerückt. spale LieDas, was sie den heutigen Frauen als" Werkstoff" hinterlassen hat, ist sehr viel. Es wurde in ernster Hingabe geschaffen, von kühnen Gedanken getragen und mit reinem Herzen geboten. Aus sie dem, was Julie Vogelstein über XXXXXXXXXX geschrieben hat, was wir grossen Buck dazu aus ihrem" Die Frauenfrage", was wir aus Protokollen und Berichten ersehen, wollen wir uns ein Bild der Sozialdemokratin Lily Braun formen. Ein Bild, das sich in den Rahmen Lebens sk dieser Biographien einfügt die von der Gegenwart der Frauenbewegung eine Brücke zur Vergangenheit schlagen sollen. Dazu müssen wir eine knappe Tatsachendarstellung wählen, auch auf die Gefahr hin, dass die Farben einer glänzenden Persönlichkeit dadurch blasser erscheinen. Lily war der Rufname, den man ihr im Elternhause gegeben hatte, im Gedenken an eine nahe Verwandte aus dem Kreise um Goethe, ( Lily Schönemann) Man hat ihn aus Amalie abgewandelt und sie führte ihn zeitlebens.Sie war die Tochter des Generals von Kretschman, grossmütterlicherseits reichten die Faden ihrer Herkunft bis zu Napoleon. Diesem korsischen Einschlag hat man Können wir uns heute manches in ihrer Natur zugeschrieben. noch vorstellen, wie zur kaiserlichen Zeit Deutschlands adelige 2. Generalstöchter aufwuchsen? Es ist eine versunkene Welt, die abed auch damals schon den Todeskeim in sich trug, die jedoch auch heute noch in der Mentalität mancher Menschen verschwommen nachwirkt. Es war eine strahlende Welt, mit viel Hochglanz, mit Gold, aber auch mit Flitter und Schein ausgestattet; das ist nicht nur materiell gemeint, es ist auch ins Geistige und Kulturelle zu übertragen. Um ein solches Leben zu führen, mussten die AngehöDas waren durchaus aiolit alle rigen dieser Offiziersschicht reich sein.de Vermögen schwand nden And dann- im Verlaufe der glänzenden Jahre- gewöhnlich dahin. Als dem General von Kretschman- nach. den Ereignissen des Dreikaiserjahres 1888 die Gnadensonne des jungen Nachfolgers auf dem Thron nicht mehr schien, verlor sich der Glanz dieses Lebens im Handumdrehen in tiefste Dunkelheit. So stand denn auch plötzlich vor dem, in scheinbarem Reichtum herangewachsenen Mädchen Lily van Kretschman die graue Sorge, die ihr gebot nun mit diesem Leben fertig zu werWar und durch ein much den denkendes) den. t man jung, gesund, realistisch denkend, willensstarken Elter= daan kennman hans gt saated es wohl schaffen sich unter Abstreifung aller Vorurteile - trotz dieser Vergangenheit- ein Leben auf einer ganz anderen Basis aufzubauen. Noen unausgeglichen, dabei an eine Familie gebunden, in Aber gila Weise der die elterliche Generation nicht elastisch genug ist, um sich den war neuen Verhältnissen- auch innerlich anzupassen, wo man garnicht einsehen kannte, dass es notwendig mit Traditionen und Vorurteilen hatte wad zu brechen und aufzuräumen, da ist der Uebergang noch schwierig, auch Selid für die Jungen. Wir übergehen diesen schmerzhaften Prozess, der sich bis bis tief hinein in das spätere Leben der Frau erstreckte.( Ein Schlaglicht mag es sein zu wissen, dass Lily, nach 17 jähriger Ehe mit dem Schriftsteller Dr.Heinrich Braun, also als reife Frau und Mutter/, noch genötigt war, erhebliche Ehrenschulden für ihren längst toten Vater abzutragen/.) Lily von Kretschman wurde gegen den Willen ihrer Eltern die Frau eines ev wad aussergewöhnlichen Mannes.Georg von Gizycki, ein Gelehrter, war PreusMcht sischer Universitätslehrer und erwe Sozialist KEX. Parteimann, r, und ed gehörte zu den Kreisen der" Gesellschaft für Ethische Kultur" tur", J 3. sich durchaus Silve von denen aber nicht alle Mitglieder si so konsequent dem wisserschaftlichen Sozialismus zuwandten, sondern sich- zur Beschwichtigung daraus ihres Gewissens mit der sozialen Frage beschäftigten, ohne weitergehende Konsequenzen zu ziehen.Georg von GizYeki galt als der bedeutendste Führer in diesem Kreis. Er war als Vertreter des englischen Positivismus bekannt, trat für die Gleichberechtigung der Frauen ein und war Befürworter einer praktischen, von sozialpolitischen Gesichtspunkten geleiteten Reform der Wohlfahrtspflege.-- Diese Ziele bagann man auch in die Tat umzusetzen.Frau Jeanette Schwerin unterhielt ab 1893 im Rahmen der" Gesellschaft für Ethische Kultur" eine Auskunfsstelle.Aufgrund sorgfältig gesammelten Materials über alle Wohlfahrtseinrichtungen der Stadt, führte man Hilfsbedürftige den Vereinen und Anstalten zu, die ihrer besonderen Bestimmung entsprechend für sie einzutreten vermochten.Hier finden wir auch die Wurzeln der modernen, sozialen Hilfsarbeit, die später schnurgrade in die soziale Arbeit von Alice Salomon einmündete. körperlich 9 Aber Georg von Gizycki war auch ein/ schwerleidender Mann gelähmt, an den Rollstuhl gefesselt. Dieser, durch das Gesetz sanktionierte, von grosser Liebe und Freundschaft getragene Bund, war keine Ehe im vollen Sinn des Wortes, konnte es nicht sein. Der geliebte Freund machte Lily mit einer bis dahin nie geschauten Welt des Geistes bekannt, er lehrte sie, diese Welt zu sehen, sie fühlt durch ihn die Strömungen der Zeit.Mit unersättlichem Wissenshunger ergibt sie sich dem Neuen. Lunter dieser Führung/ Wir können die gewaltige Arbeit am eigenen Geist, die Lily/ an sich selbst vollzieht, nur andeuten. Bald schreibt sie für die" Blätter der Ethischen Kultur".-Dass sie schriftlich formen XXXX, hatte sie schon konnte, Aufsätze für die Goethe- Zeitschrift früher bewisen, als sie XXXXXXXXXXXXXXKINK verfasste und Beifall fand. Aber dies, jetzt, war etwas anderes? Es ist deiferes vielleicht die entscheidenste Zeit ihres Lebens. Wir sehen sie in einer öffentlichen Volksversammlung. Ein#hrendes Mitglied der" Gesell schaft für Ethische Kultur" hatte sie einberufen. Er war Kandidat zur Reichstagswahl und hatte selbst das Referat. Die Versammlung ist sehr bewegt, weil viele Sozialdemokraten dort sind, u.a. eine kleine blasse 4 Arbeiterin, die dem Redner( Debatte sei bei ihm nicht üblich) die Frage vorlegt:" Wenn Sie dasselbe wollen wie wir, warum sind Sie dann nicht Sozialdemokrat?" Diese Arbeiterin war Ottilie Baader und Lily blieb von da an einge Zeit mit ihr in persönlicher Fühlung --- bis sie sich-bedauerlicherweise/-nicht mehr verstanden. Aber das Erlebnis dieser Versammlung weckte in Lily auch den glühenden Wunsch, sich selber rednerisch an den Geschehnissen der Zeit zu beteiligen. Und sie ist eine hinreissende, überzeugende Rednerin geworden. Aber Als Lily von Gizicki finden wir sie auchXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX XXX** im Verein" Frauenwohl" wurde konsequente e dessen Vorsitzende immer Minna Cauer ist hier als( Kämpferin für Frauenrecht bekannt, geworden 1. Später als die XXXXXXXXXX Frauenbewegung XXX hatte, geharde sie des Frauen= stärker ihre Eigenart ausformte zum linken Flügel bürgerlichen Flugel bewegung Nach dem grossen Erfolg ihres ersten Vortrags, in dem XX Lily die Gleich berechtigung der Frauen forderte und begründete, bat Minna Cauer sie spontan, den Vortrag im Verein" Frauenwohl" zu wiederholen. Nach schwierigen Verhandlungen finden sich die Damen des Vorstandes bereit, Lily in einer öffentlichen, vom Verein" Frauenwohl einberufenen Versammlung vorher/ sprechen zu lassen, wenn das Referat/ von ihnen begutachtet wa Rednerpult, hochgetragen von der Begeisterung der Versammlung, vergisst się die getroffenen Abmachungen. Neben der Forderung nach der vollen MA/ politischen Mündigkeit der Frau, geisselt sie scharf das Vorgehen der Polzei gegen die Arbeiterinnen. Die Zeitungen höhnen über den gewared. Am wagten" Seitensprung der Frau eines preussischen Universitätsprofessors, Abrota sie sei eine" verkappte Genossin". Im Verein" Frauenwohl" kam es fast zu einer Palastrevolution. d trotzdem wählte man Lily dann in den Vorstand des Vereins. Und danach wurde-- unter sehr lebhaften Bedie Gründung/ denken des Vorstandes-- einer Zeitschrift" Die Frauenbewegung" beschlossen.Minna Cauer und Lily von Gizycki wurden als Schriftleiterinnen bestimmt. Durch den Besuch der Weltausstellung in Cicago( 1893) und den daneben stattfindenden Weltfrauenkongress, brachten einige Frauen die Anregung " zur Bildung eines Bundes Deutscher Frauenvereine mit.Ste hatton dort Sie hatten dort die grosse nationale Organisation der Frauen Amerikas ******** XXXXXXXXXXXXXXXXXX) und die Internationale Organisation der Frauen( beide gegründet 1888 in Washington) kennen gelernt und manche von einen des Anschlussed der versprachen sich in der Folge die deutschen Frauenbewegung an diese Fraueninternationale. Frl.Auguste Schmidt, Vorsitzende des" Allgemeinen Deutschen Frauenvereins" bildete ein. Komitee, man beschloss und versandte Statuten an die" gemeinnützigen Frauenvereine" und forderte sie zum Beitritt auf. Lassen dechty Lily v.Gizycki fand die Idee begrüssenswert, Was/ sie sich dabei date? wir sie selber sprooken: " Ein Heer von Frauen in der ganzen Welt zu einer Organisation zusammen geschlossen, ist das nicht die welterobernde Macht der Zukunft? Hier würde die Arbeiterin neben der Bourgoisdame, die Sozialdemokratin neben der Frau des Ostelbiers zu Worte kommen; im friedlichen Austausch der Ideen würde schliesslich die lebenskräftigste siègen,-- durch die Mutter der kommenden Generation würde, leise und natürlich, die Quelle der Menschheit gelenkt werden, die bestimmt wäre, als Strom die Schiffe der Zukunft zu tragen. 11 Georg v.Gizycki scheint Lily in dieser Idee bestärkt zu haben.Er sah darin eine" Ethische Gesellschaft der Frauen". Lily wollte die Sache mit Ottile Baader besprechen. Die war nicht unterrichtet worden. Sie so sagte offilie glaubte nichie Lily) an ein Versehen. Aber auch wenn sie** X* X** XX Statuten und Einladung erhalten hätte, wäre es sehr zweifelhaft, ob die Genossinnen dem Ruf Folge leisten würden.(?) Lily sprach von dem neuen Agitationsgebiet in der grossen Organisation. Ihr schwebte ein ( wie Ottilie Baader/ grosser Erfolg vor, wenn schlichte, wahrhaftige Sozialdemokratinnen mit ihren unwiderlegbaren Ideen zu andesdenkenden Frauen sprechen würden. Ottilie dagegen sprach davon, dass das gesamte Proletariat( als Agitaauds tionsgebiet) gross genug sein für die gewaltigsten Arbeitskräfte. Das Proletariat würde seine Kraft in der Vereinigung mit bürgerlichen Organisationen nur zersplittern. Und das Ganze würde nur verwirrend auf die Arbeiter frauen wirken. Die Masse der Arbeiterinnen sei noch nicht so selbstbewusst, um sich den Damen gegenüber als XXX gleichberechtigt zu fühlen. Lily, selbst fest überzeugt, hoffte Ottilie noch zu überzeugen. Aber bald muss sie einsehen, dass man den unfading doch bewusst XX den proletarischen Frauen keine Einladung geschickt hatte.Man wünschte und sie nicht. als sie die Angelegenheit diskutieren wollte, verweigerte man ihr kategorisch das Wort. Diese Enttäuschung war wohl der letzte Wern wir an Anstoss für Lily, ganz zur Sozialdemokratie überzugehen. die spätere so tiefgehende Verstimmung zwischen den beiden Hilie Baader und Lily, Frauen nach Vollint schon dieses Gespräch den ersten Keim des scheint es uns, als ob denken Misstrauenszwischen ihnen entstehen liese. Trotsdem es eine Angelegenheit war, über die man sich sachlich ausprechen und es dann an die Seite legen konnte. Aber so sadlich, und nüchtern war man eben nicht Georg v.Gizicki starb sehr bald.Lily stand nun ohne den Freund den Härten das Lebens gegenüber. Sie wollte weiter arbeiten wie bisher. Pla" Zentral eine stelle für Frauen, mit stark Ihr War- S caritativem Einschlag, in der soziales Material gesammelt und durch Frauen bearbeitet werden sollte. Das lag( für Lily) in dieser Zeit der gesetzlichen/ absoluten/ Schutzlosigkeit der Arbeiterin, bei der schrankenlosen Profitgier der Unternehmer und den Auswüchsen des gesamten Wirtschaftslebens, sehr nahe. Auch hatte ihre Tätigkeit in der" Gesellschaft für ethische Kultur" und im Verein" Frauenwohl" sie mit diesen Strömungen in der Frauenbewegung bekannt gemacht. Sie hielt es für möglich sie sie, Arbeiterinnenbewegung/ Labgewandeltiin abgewandelt in der/ XXXXXXXXXXXXXX/ anzuwenden. Klara Zetkin hatte die neue Genossin bei ihrem Eintritt in die sozialdemokratische Frauenbewegung mit aller Wärme begrüsst: " Frau von Gizycki hat sich nun offiziell der Sozialdemokratie angeschlossen und wird künftighin ihre Fähigkeiten und ihre Energie in den Dienst des kämpfenden Proletariats stellen. Dass all die Leiden der offizielle Uebertritt ihr a bringt, all die Opfer auferlegt, die das Erbteil derer sind, welche, die Schiffe hinter sich verbrennend, aus der bürgerlichen Welt in die der" Umstürzler" wandern, ist selbstverständlich. Wir sind aber überzeugt, dass ihre Opfer aufgewogen werden, nicht blos durch das Bewusstsein, einer Pflicht genügt zu haben, sondern auch durch die Sympathie und Liebe, die das Proletariat in reichem Masse jenem schenkt, der ernst und selbstlos für seine Befreiung wirkt. Wir heissen Frau von Gizycki als Genossin, als Mitstreiterin herzlich willkommen." se So war es wohl selbstverstedlich dass Lily( nachdem sie mit einigen führenden Genossen über" den Plan" gesprochen/ Matte und um ihre Unterihn stützung gebeten. hatte, dass sie Klara Zetkin vortrug. Die lehnte ihn ab. Auch die Spalten der" Gleichheit" gab sie nicht dafür her. Aber schliesslich- irgendwie weich geworden- versprach sie" indirekte" Unterstützung 71 Sie hat ihr weiter geraten sich an den Genossen Dr. Heinrich Braun 9 zu wenden.Er sei der einzige, der ihr dabei helfen könne und er schaffe alles was er wolle. ИОНА OH 128ART813 ( 1896) Aus der daraus sich entwickelnden Freundschaft entstand die Ehe mit neb nei neb.netw Dr.Heinrich Braun. Und damit stand nun Lily Braun mitten in dem okratie geistigen Kampf, der XXX zwischen den Richtungen in der Sozialdemokratie tragen/ ausgelan wurde. Dr. Heinrich Braun wad and sobie deper Revisionist. Seine 8. Ideen begegneden sich mit Lily's A+ √ zu denken Ideenwelt baute sich Abed sie was. 211 fühlen. Die Sozialdemokratie war- als Partei- noch jung. Ihre مجمد auf theoretischen Erkenntnissen auf. Isass- red0 _te Hals Arbeiterpartei4 aus den Reihen der -durch den wachsenden Kapitalismus aufgewühlten lt der Lohnarbeiter hervorgegangen. Die Massen, von denen die Sozialdemokratie getragen wureine nu JUST den, kamen aus XXXXXXXXX Elend das sie selber erfuhren. Sie strebten aus dem Dunkel ans Licht, waren geistig erwacht und litten unter der fed asa do tm ded ihnen in unzureichenden Schulen aufgezwungenen Unbildung. Sie stiessen auf das grosse Unverständnis XXXXXXXX der herrschenden Schichten, die sich der brutalsten Abwehrmittel bedienten. Heute, nach zwei Weltkriedota immer/ gen und allem, was dazwischen liegt aber/ noch mitten drin in einer grossen soziologischen Umwandlungsprozess der ganzen Welt sehen wir die Dinge von damals geschichtlich. Aber- mancher, der damals mitten in diesem Ringen der Geister stand, wobei die Kampfmittel rauh genug waren und die 19 Worte oft nicht sorgfältig abgewogen wurden and den. Unterliegenden oft grausam verwundeten, hat sein Geschick oft als tragisch empfunden. Ja, wid Kleinen, die Cwer nicht so mitten drin stand durch Zeitungen, und Zeitschriften ( die wit durch Mitgliederversammlungen und an berichtenden, Diskussionen teilnahmen [ uns konnte bei dem Für und Wider eine richtige oder auch falsche Meiformen, wie die unmittelbar Kämpfenden nung KXXXXXX ohne bis ins innerste Sein davon ergriffen zu werden Dr. Heinrich Braun war ein wissenschaftlich geschulter Sozialdemokrat und Sozialpolitiker ganz eigener Prägung. Davon zeugte sein" Archiv für soziale Gesetzgebung und Dtatistik", später" Sozialpolitisches Zentralblatt" und seine-- unter grossen materiellen und seelischen Opfern geschaffene und umkämpfte Wochenschrift" Die Neue Gesellschaft". Sein lauterer Charakter ist heute über jeden Zweifel erhaben. Auf dem Parteitag zu Dresden( 1903) machte sich die der seinen entge die, SOZIALISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS SEKRETARIAT DES FRAUEN- ZENTRALKOMITEES. WIENI, LOWELSTRASSE 18/ TELEPHON: A 28-5-20 ( ០ Liebe Genossin Juchacz! Ich habe mich sehr gefreut, daß ich Sie bei der Tagung in Fulda sehen konnte und es ist verständlich, daß alle Erinnerungen an die vergangene Zeit in mir wachgeworden sind. Man beginnt bereits wieder zu vergessen, was der Faschismus alles verbrochen hat und ich weiß, daß sich das rächen wird und rächen muss. Aber als ich dort im Kreise von so mancher alten Genos sin gesessen bin, da mußte ich immer daran denken, wie anders die Welt sein würde, wenn es möglich gewesen wäre, daß der Sozialismus in ganz Europa und darüber hinaus die Möglichkeit gehabt hätte weiterzuarbeiten. So mußten wir die Hande in den Schoss legen und so haben die furchtbaren Jahre es vermocht, den Sozialismus weit zurückzuwerfen. Ich möchte Ihnen noch sehr verehrte Genossin Juchacz, dafür danken, daß Sie mich zu sich eingeladen haben und ich werde nicht versäumen, wenn mich mein Weg wieder nach Deutschland führt, bei Ihnen halt zu machen. Ich werde Sie natürlich vorher verständigen und möchte Ihnen heute schon für die kommenden Feiertage und für das neue Jahr meine herzlichsten Glückwünsche übermitteln. 19.12.51 ge sol rieben PART STISCHE Mit herzlichem Freundschaft DESTE SHX Ure he sehr verehrende Bone Portmann V. 14481/51 und das grosse Misstrauen/ entgegengesetzte Meinung, aber auch der tiefe Groll/ gegen ihn, gegen Lily Braun( und andere) in einer Weise Luft, die einen wenig guten, aber desto nachhaltigeren Eindruck in der Offentlichkeit hinterliess. Die spätere Zeit es ist leider sehr spät geworden ist ihm gerechter geworden. Ihn schmerzte es besonders tief, dass Lily, die genau so wahrheitsliebend war wie er, die wiel mehr ihrer weiblichen Intuition als seiner wissenschaftlichen Erkenntnis folgte, die sich auch sachlich manchmal von ihm entfernte, unter diesem Misstrauen zu leiden hatte. ☑ Nicht nur auf diesem Parteitag war Lily; sorangegriffen worden, weil sie an bürgerlichen Blättern mitgearbeitet hatte, der innere Kampf der Partei übertrug sich auch auf die Frauenbewegung und ihre führenden, geistigen Kräfte. Es waren nur ellenschläge, die herüber trafen, aber schmerzhaft und verwundend • Angrit sie waren im Handeln und in der Abweh, genug, um Menschen, die zusammenwirken sollten, rettungslos zu entzweien. Ein wohlgemeinter, durchaus iskutabler Vorschlag, gebore ich, der ich Sie kenne, weiss, dass, sm, aus der Erkenntnis und der Einsicht in die grosse soziale Not der arbeitenden Mütter konnte als" revisionistisch" oder als" bürgerlich zerpflückt und abgetan werden wenn er von einer bestimmten Stelle kam. Heinrich Braun war-solange er sich etwas davon versprach- bemüht, den bösen Streit zwischen den Frauen auf die Basis einer sachlichen Diskussion zurück zu bringen. Nach einem, unangenehmen Vorfall schrieb er einmal an Klara Zetkin:". wenn Sie sich haben fortreissen lassen, das lediglich die Folge ihres prachtvollen Temperaments, und Ihrer grenzenlosen Hingabe an Ihre Ueberzeugung ist." Wir traten Lily Braun, wie sie in der" Gleicheit, im Wash Vorwärts, in Versammlungen um ihre Ideen wirbt. Ihre eigene Mutterschaft, für die sie die Verantwortung mit der ganzen Intensität ihres Wesens empfindet, XXX vermittelte ihr noch viel deutlicher das Verständnis Liess die Lage der erwerbstätigen Mutter. Das formte ihr Denken, lässt es zu konIwar woll kre ten Vorschlägen reifen.Lily Braun ist die erste Frau, die den Gedanken der" Mutterschaftsversicherung" aussprach und sie empfiehlt, die auch den Gedanken der" Haushaltungsgenossenschaften" XXXXXXXXX** zur DisSahen für – abgewandelt. kussion stellt. Heute ist vieles davon XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX und in die öffentliche Meinung aufgeund XXXXXXX in die Gesetzgebung nommen, NA, VICT abgewandelty orist da and kaum noch umstritten. Lily Braun hat noch manches werden sehen, XXXXXXXX wofür sie die Anregung gab. Siexhaxxauch gesehen, wiexdie Hausangestelltenbewegung XXXеacsostatecc@ erbaccacssen 0d6d6ccabccaaceçaceccacecdettcaaceae. Das Frauenwahlrecht, dass sie so aber nicht mehr erlebte/ ausleidenschaftlich wünschte/ betrachtete sie schon damals nur als einen einem/ kleinen Schritt auf dem Wege, wie sie es auf XXXXXKongress in London zur grossen Verwunderung der sich so radikalt vorkommenden Damen sprach. Sie würde heute erkennen, dass wir mit dem Frauenstimmrecht, mit einer ziemlich fortgeschrittenen Sozialpoltik, mit der Beeinflussung der öffentlichen Meinung auf dem Wege zu weiteren Lösungen sind, ob zu d der Lösung, das wissen wir noch immer nicht. -mark viele Kontroversen XXX verUngefähr von 1906 ab waren Lily Braun die Spalten der" Gleichheit" schlossen, auch der meisten Tageszeitungen. So blieb ihr solange He indie Zeid solid rich Braun sie halten kohrte aber " Die Neue Gesellschaft".Das alles war bitter. Vielleicht wäre sie auf dem literarischem Gebiet nicht so ihren inneren fruchtbar gewesen, wenn sie den/ Reichtum anders hätte umsetzen können. reiche Hinterlassenschaft Vielleicht. Ihre literarische Fruchtbarkeit muss leider aus dieser Betrachtung ausscheiden. Uns- der Frauenbewegung- hinterliss sie ihre und" Die Fraueng vege ebenso wie aus Memoiren, aus denen wirfte cilen manches lernen könnten, und- neben ( die uns leider- durch die Hitlerzeit, nicht mehr zugänglich sind. hd vielen Artikeln und Broschüren /////," Die Frauenfrage" Kriege 1914 stellte sich die glühende Friedens freundin Im ganz positiv zu den, den Frauen gestellten Aufgaben." Der Krieg und die Frauen" hiess Vogelstein eine 1915 herausgegebene Broschüre, sie erschien in Leipzig. Julie XXXX zitiert daraus+ darum Ir darum heisst es bereit sein in den Schrecken des Krieges" die Riesin der Gegenwart" die unter XXXXXXackdek unter erderschütternden Wehen ein Erlöserkind. die neue Welt- gebären Sie hat draussen will" zu erkennen A Im August 1916 schloss sie die Augen noch die wehe Mutter angst um den geliebten Sohn erlebt, der im Felde stand. Seinen frühen Tod zu erleben, hat ihr ein. gnädiges Schicksal erspart. 10 Verwendete Literatur: Lily Braun: Die Frauenfrage, Verlag S.Hirzel, Leipzig 1901 Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin, Hermann Klemm, Verlagsanstalt Berlin Grunewald, 1908 Julie Braun: Lily Braun/ Ein Lebensbild, Verlagsanstalt Hermann Klemm Berlin Grunewald Julie Braun-Vogelstein: Ein Menschenleben, Heinrich Braun und sein Schicksal. Verlag Rainer- Wunderlich, Tübingen 1932 Anna Blos: Die Frauenfrage im Lichte des Sozialismus, Buchverlag Kaden u.Comp.Dresden, 1930 Handbuch der Frauenbewegung, herausgegeben von XXXXX Helene Lange und Gertrud Bäumer.Buchhandlung " W.Moeser, Berlin S. 1901 Lily Braun ( 1856-1916) Von Lily Braun wissen wir viel. Umso schwieriger ist es, ein knappes Bild ihrer Persönlichkeit zu zeichnen. Sie selbst hat dem inneren Drang einer aufgerührten und verwundeten Seele folgende es versucht, Rechenschaft über sich selbst zu geben, über ihr Tun, über die sie bewegenden Motive, über die Enttäuschungen, die sie dabei erlitten hat. Um das objektiv zu können, muß man sich durch einen, zeitlich genügend langen Abstand distanzieren können. Lily Braun wußte, daß sie das nicht konnte. Sie wählte die Form des Romans. Aber liebende, verstehende Freundschaft und künstlerisches Einfühlungsvermögen haben später die Persönlichkeit Lily Brauns in die rechte Beleuchtung gerückt. Das, was sie den heutigen Frauen als" Werkstoff" hinterlassen hat, ist sehr viel. Es wurde in ernster Hingabe geschaffen, von kühnen Gedanken getragen und mit reinem Herzen geboten. Aus dem, was Julie Vogelstein über sie geschrieben hat, was wir dazu aus ihrem großen Buch" Die Frauenfrage", was wir aus Protokollen und Berichten ersehen, wollen wir uns ein Bild der Sozialdemokratin Lily Braun formen. Ein Bild, das sich in den Rahmen dieser Lebensskizzen einfügt, die von der Gegenwart der Frauenbewegung eine Brücke zur Vergangenheit schlagen sollen. Dazu müssen wir eine knappe Tatsachendarstellung wählen, auch auf die Gefahr hin, daß die Farben einer glänzenden Persönlichkeit dadurch blasser erscheinen. -2 . -2Lily war der Rufname, den man ihr im Elternhaus gegeben hatte im Gedenken an eine nahe Verwandte aus dem Kreise um Goethe ( Lily Schönemann). Man hat ihn aus Amalie abgewandelt, und sie führte ihn zeitlebens. Sie war die Tochter eines Generals von Kretschman, großmütterlicherseits reichten die Fäden ihrer Herkunft bis Napoleon. Diesem korsischen Einschlag hat man manches in ihrer Natur zugeschrieben. Können wir uns heute noch vorstellen, wie zur kaiserlichen Zeit Deutschlands adelige Generalstöchter aufwuchsen? Es ist eine versunkene Welt, die auch damals schon den Todeskeim in sich trug, die aber auch heute noch in der Mentalität mancher Menschen verschwommen nachwirkt. Es war eine strahlende Welt mit viel Hochglanz, mit Gold, aber mehr noch mit Flitter und Schein ausgestattet; das ist nicht nur materiell gemeint, es ist auch ins Geistige und Kulturelle zu übertragen. Jahre- - Um ein solches Leben zu führen, mußten die Angehörigen dieser Offiziersschicht reich sein. Das waren durchaus nicht alle. Die Vermögen schwanden dann im Verlaufe der glänzenden gewöhnlich dahin. Als dem General von Kretschman nach den Ereignissen des Dreikaiserjahres 1888- die Gnadensonne des jungen Nachfolgers auf dem Thron nicht mehr schien, verlor sich der Glanz dieses Lebens im Handumdrehen in tiefste Dunkelheit. So stand dann auch plötzlich vor dem, in scheinbarem Reichtum herangewachsenen Mädchen Lily von Kretschman, die graue Sorge, die ihr gebot, nun mit diesem Leben fertig zu werden. War man jung, gesund, realistisch denkend, willensstark und durch ein nüchtern denkendes Elternhaus gestützt, dann konnte man es wohl schaffen, sich unter -3Abstreifung aller Vorurteile- trotz dieser Vergangenheit- ein Leben auf einer ganz anderen Basis aufzubauen. Aber unausgeglichen, dabei an eine Familie gebunden, in der die elterliche Generation nicht elastisch genug war, um sich den neuen Verhältnissen - auch innerlich anzupassen, wo man gar nicht einsehen konnte, daß man notwendigerweise mit Traditionen und Vorurteilen zu brechen und aufzuräumen hatte, da war der Übergang sehr schwierig, auch für die Jungen. Wir übergehen diesen schmerzhaften Prozeß, der sich bis tief hinein in das spätere Leben der Frau erstreckte. ( Ein Schlaglicht mag es sein zu wissen, daß Lily nach siebzehnjähriger Ehe mit dem Schriftsteller Dr.Heinrich Braun, also als reife Frau und Mutter, noch genötigt war, erhebliche Ehrenschulden für ihren längst toten Vater abzutragen). Lily von Kretschman wurde gegen den Willen ihrer Eltern die Frau eines aussergewöhnlichen Mannes, Georg von Gizycki, er war ein Gelehrter, war Preussischer Universitätslehrer und Sozialist. Nicht Parteimann, gehörte er zu den Kreisen der" Gesellschaft für Ethische Kultur", von denen sich aber durchaus nicht alle ihre Mitglieder so konsequent dem wissenschaftlichen Sozialismus zuwandten, sondern sich zur Beschwichtigung ihres Gewissens- mit der sozialen Frage beschäftigten, ohne daraus weitergehende Konsequenzen zu ziehen. Georg von Gizycki galt als der bedeutendste Führer in diesem Kreis. Er war als Vertreter des englischen Positivismus bekannt, trat für die Gleichberechtigung der Frauen ein und war Befürworter einer praktischen, von sozialpoliti- 4- - 4- schen Gesichtspunkten geleiteten Reform der Wohlfahrtspflege. - Diese Ziele begann man auch in die Tat umzusetzen. Frau Jeanette Schwerin unterhielt ab 1893 im Rahmen der " Gesellschaft für Ethische Kultur" eine Auskunftsstelle. Aufgrund sorgfältig gesammelten Materials über alle Wohlfahrtseinrichtungen der Stadt führte man Hilfsbedürftige den Vereinen und Anstalten zu, die ihrer besonderen Bestimmung entsprechend für die einzutreten vermochten. Hier finden wir die Wurzeln der modernen, sozialen Hilfsarbeit, die später schnurgerade in die soziale Arbeit von Alice Salomon einmündete. Aber Georg von Gizycki war ein körperlich schwerleidender Mann, gelähmt, an den Rollstuhl gefesselt. Dieser, durch das Gesetz sanktionierte, von großer Liebe und Freundschaft getragene Bund, war keine Ehe im vollen Sinne des Wortes, konnte es nicht sein. Der geliebte Freund machte Lily mit einer bis dahin nie geschauten Welt des Geistes bekannt, er lehrte sie, diese Welt zu sehen, sie fühlt durch ihn die Strömungen der Zeit. Mit unersättlichem Wissenshunger ergibt sie sich dem Neuen. Wir können die gewaltige Arbeit am eigenen Geist, die Lily unter dieser Führung an sich selbst vollzieht, nur andeuten. Bald schreibt sie für die" Blätter der Ethischen Kultur". Daß sie schriftlich formen konnte, hatte sie schon früher bewiesen, als sie Aufsätze für die Goethe- Zeitschrift verfaßte und Beifall fand. Aber dies, jetzt, war etwas anderes, weiteres. Es ist vielleicht die entscheidenste Zeit ihres Lebens. Wir sehen sie in einer - 5- . - 5- öffentlichen Volksversammlung. Ein führendes Mitglied der " Gesellschaft für Ethische Kultur" hatte sie einberufen. Er war Kandidat zur Reichstagswahl und hatte selbst das Referat. Die Versammlung ist sehr bewegt, weil viele Sozialdemokraten dort sind, u.a. eine kleine blasse Arbeiterin, die dem Redner( Debatte sei bei ihm nicht üblich) die Frage vorlegt:" Wenn Sie dasselbe wollen wie wir, warum sind Sie dann nicht Sozialdemokrat?" Diese Arbeiterin war Ottilie Baader, und Lily blieb von da an einige Zeit mit - ihr in persönlicher Fühlung bis sie sich bedauerlicherweise nicht mehr verstanden. Aber das Erlebnis dieser Versammlung weckte in Lily auch den glühenden Wunsch, sich selber rednerisch an den Geschehnissen der Zeit zu beteiligen. Und sie ist eine hinreißende, überzeugende Rednerin geworden. Als Lily von Gizycki finden wir sie auch im Verein" Frauenwohl", dessen Vorsitzende Minna Gar Gauer ist. Sie wurde als konsequente Kämpferin für Frauenrecht bekannt. Später, als die Frauenbewegung stärker ihre Eigenart ausgeformt hatte, gehörte sie zum linken Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung. Nach dem großen Erfolg ihres ersten Vortrags, in dem Lily die Gleichberechtigung der Frauen forderte und begründete, bat Minna Gauer sie spontan, den Vortrag im Verein" Frauenwohl" zu wiederholen. Nach schwierigen Verhandlungen finden sich die Damen des Vorstandes bereit, Lily in einer öffentlichen, vom Verein " Frauenwohl" einberufenen Versammlung sprechen zu lassen, wenn das Referat vorher von ihnen begutachtet wäre. - 6- . -6Am Rednerpult, hochgetragen von der Begeisterung der Versammlung, vergißt sie die getroffenen Abmachungen. Neben den Forderungen nach der vollen politischen Mündigkeit der Frau geisselt sie scharf das Vorgehen der Polizei gegen die Arbeiterinnen. Die Zeitungen höhnen über dengewagten " Seitensprung" der Frau eines Preussischen Universitätsprofessors, sie sei eine" verkappte Genossin". Im Verein " Frauenwohl" kam es fast zu einer Palastrevolution. Aber trotzdem wählte man Lily dann in den Vorstand des Vereins. Und danach wurde unter sehr lebhaften Bedenken des Vorstandes die Gründung einer Zeitschrift" Die Frauenbewegung" beschlossen. Minna Gauer und Lily von Gizycki wurden als Schriftleiterinnen bestimmt. Durch den Besuch der Weltausstellung in Chicago( 1893) und den daneben stattfindenden Weltfrauenkongress brachten einige Frauen die Anregung zur Bildung eines" Bundes Deutscher Frauenvereine" mit. Sie hatten dort die große nationale Organisation der Frauen Amerikas und die Internationale Organisation der Frauen( Beide gegründet 1888 in Washington) kennen gelernt und versprachen sich manches von einem Anschluß der deutschen Frauenbewegung an diese Fraueninternationale. Fräulein Auguste Schmidt, Vorsitzende des" Allgemeinen Deutschen Frauenvereins," bildete ein Komitee, man beschloß und versande Statuten an die " Gemeinnützigen Frauenvereine" und forderte sie zum Beitritt auf. -7 -8Lily v. Gizycki fand die Idee begrüßenswert. Was dachte sie sich dabei? Lassen wir sie selber sprechen: " Ein Heer von Frauen in der ganzen Welt zu einer Organisation zusammengeschlossen, ist das nicht die welt erobernde Macht der Zukunft? Hier würde die Arbeiterin neben der Bourgoisdame, die Sozialdemokratin neben der Fraue des Ostelbiers zu Worte kommen; im friedlichen Austausch der Ideen würde schließlich die lebenskräftigste siegen durch die Mütter der kommenden Generation würde, leise natürlich, die Quelle der Menschheit gelenkt werden, die bestimmt wäre, als Strom die Schiffe der Zukunft zu tragen". Georg v. Gizycki scheint Lily in dieser Idee bestärkt zu haben. Er sah darin eine" Ethische Gesellschaft der Frauen". Lily wollte die Sache mit Ottilie Baader besprechen. Die war nicht unterrichtet worden. Sie glaubte nicht( wie Lily) an ein Versehen. Aber- so sagte Ottilie auch wenn sie Statuten und Einladung erhalten hätte, wäre es sehr zweifelhaft, ob die Genossinnen dem Ruf Folge leisten würden(?) Lily sprach von dem neuen Agitationsgebiet in der großen Organisation. Ihr schwebte ein großer Erfolg vor, wenn schlichte, wahrhaftige Sozialdemokratinnen wie Ottilie Baader mit ihren unwiderlegbaren Ideen zu andersdenkenden Frauen sprechen würden. Ottilie dagegen sprach davon, daß das gesamte Proletariat( als Agitationsgebiet) groß genug sei, auch für die gewaltigsten Arbeitskräfte. Das Proletariat würde seine Kraft in der Vereinigung mit bürgerlichen Organisationen nur zersplittern. Und das Ganze würde nur - 9.- - 9- verwirrend auf die Arbeiterfrauen wirken. Die Masse der Arbeiterinnen sei noch nicht so selbstbewußt, um sich den Damen gegenüber als gleichberechtigt zu fühlen. Lily, selbst fest überzeugt, hoffte, Ottilie noch zu überzeugen. Aber bald mußte sie einsehen, daß man doch bewußt den proletarischen Frauen keine Einladung geschickt hatte. Man wünschte sie nicht. Und als sie die Angelegenheit diskutieren wollte, verweigerte man ihr kategorisch das Wort. Diese Enttäuschung war wohl der letzte Anstoß für Lily, ganz zur Sozialdemokratie überzugehen. Wenn wir an die spätere, so tiefgehende Verstimmung zwischen den beiden Frauen- Ottilie Baader und Lily nachdenken, scheint es uns, als ob schon dieses Gespräch den ersten Keim des Mißtrauens zwischen ihnen entstehen ließ, trotzdem es eine Angelegenheit war, über die man sich sachlich aussprechen und es dann an die Seite legen konnte. Aber so sachlich und nüchtern war man eben nicht. Georg v. Gizycki starb sehr bald. Lily stand nun ohne den Freund den Härten des Lebens gegenüber. Sie wollte weiterarbeiten wie bisher. Ihr" Plan" war eine Zentralstelle für Frauen, mit stark caritativem Einschlag, in der soziales Material gesammelt und durch Frauen bearbeitet werden sollte. Das lag( für Lily) in dieser Zeit der absoluten gesetzlichen Schutzlosigkeit der Arbeiterinnen bei der schrankenlosen Profitgier der Unternehmer und den Auswüchsen des gesamten Wirtschaftslebens sehr nahe. Auch hatte ihre Tätigkeit - 10- . - 10- in der" Gesellschaft für Ethische Kultur" und im Verein " Frauenwohl" sie mit diesen Strömungen in der Frauenbewegung bekannt gemacht. Sie hielt es für möglich, sie abgewandelt in der Arbeiterinnenbewegung anzuwenden. Klara Zetkin hatte die neue Genossin bei ihrem Eintritt in die sozialdemokratische Frauenbewegung mit aller Wärme begrüßt: " Frau von Gizycki hat sich nun offiziell der Sozialdemokratie angeschlossen und wird künftighin ihre Fähigkeiten und ihre Energie in den Dienst des kämpfenden Proletariats stellen. Daß der offizielle Übertritt ihr die Leiden bringt, all die Opfer auferlegt, die das Erbteil derer sind, welche, die Schiffe hinter sich verbrennend, aus der bürgerlichen Welt in die der" Umstürzler" wandern, ist selbstverständlich. Wir sind aber überzeugt, daß ihre Opfer aufgewogen werden, nicht bloss durch das Bewußtsein, einer Pflicht genügt zu haben, sondern auch durch die Sympathie und Liebe, die das Proletariat in reichem Maße jenem schenkt, der ernst und srlbstlos für seine Befreiung wirkt. Wir heißen Frau von Gizycki als Genossin, als Mitstreiterin herzlich willkommen". - So war es wohl selbstverständlich, daß Lily( nachdem sie mit einigen führenden Genossen über" den Plan" gesprochen und um ihre Unterstützung gebeten hatte, ihn Klara Zetkin vortrug. Diese lehnte ihn ab. Auch die Spalten der " Gleichheit" gab sie nicht dafür her. Aber schließlich irgendwie weich geworden versprach sie" indirekte" Unterstützung. Sie hat ihr weiter geraten, sich an den Genossen Dr.Heinrich Braun zu wenden. Er sei der einzige, der ihr dabei helfen könne, und er schaffe alles, was er wolle. Aus der daraus sich entwickelnden Freundschaft entstand 1896 die Ehe mit Dr.Heinrich Braun. Und damit stand nun - 11 - 11- Lily Braun mitten in dem geistigen Kampf, der zwischen den Richtungen der Sozialdemokratie ausgetragen wurde. Dr.Heinrich Braun war entschiedener Revisionist. Seine Ideen begegneten sich mit Lily's Art zu denken, zu fühlen. Die Sozialdemokratie war• als Partei noch jung. Ihre Ideenwelt baute sich auf theoretischen Erkenntnissen auf. Aber sie war als Arbeiterpartei aus den Reihen der à durch den heranwachsenden Kapitalismus aufgewühlten Lohnarbeiter hervorgegangen. Die Massen, von denen die Sozialdemokratie getragen wurde, kamen aus einem Elend, das sie selber erfuhren. Sie strebten aus dem Dunkel ans Licht, waren geistig erwacht und litten unter der ihnen in unzureichenden Schulen aufgezwungenen Unbildung. Sie stießen auf das große Unverständnis der herrschenden Schichten, die sich der brutalsten Abwehrmittel bedienten. Heute, nach zwei Weltkriegen und allem, was dazwischen liegt) aber immer noch mitten drin in einem großen soziologischen Umwandlungsprozeß der ganzen Welt), sehen wir die Dinge von damals geschichtlich. Aber mancher, der damals mitten in diesem Ringen der Geister stand, wobei die Kampfmittel rauh genug waren und die Worte oft nicht sorgfältig abgewogen wurden und den Unterliegenden oft grausam verwundeten, hat sein Geschick oft als tragisch empfunden. Ja, wir Kleinen, die wir nicht so mitten drin standen, die wir durch Zeitungen, Zeitschriften, durch Mitgliederversammlungen und an berichtenden Diskussionen teilnahmen, konnten uns bei dem Für und Wider keine richtige oder auch falsche Meinung formen, ohne so bis ins innerste <- 12- - 12- Sein davon ergriffen zu werden wie die unmittelbar Kämpfenden. Dr.Heinrich Braun war ein wissenschaftlich geschulter Sozialdemokrat und Sozialpolitiker ganz eigener Frägung. Davon zeugte sein" Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik", später" Sozialpolitisches Zentralblatt, und seine- unter großen materiellen und seelischen Opfern geschaffene und umkämpfte Wochenschrift" Die neue Gesellschaft Sein lauterer Charakter ist heute über jeden Zweifel erhaben. Auf dem Parteitag zu Dresden( 1903) machte sich die der seinen entgegengesetzte Meinung, aber auch der tiefe Groll und das große Mißtrauen gegen ihn, gegen Lily Braun( und andere) in einer Weise Luft, die einen wenig guten, aber desto nachhaltigeren Eindruck in der Öffentlichkeit hinterließ. Die spätere Zeit( es ist leider sehr spät geworden) ist ihm gerechter geworden. Ihn schmerzte es besonders tief, daß Lily, die genau so wahrheitsliebend war wie er, die viel mehr ihrer weiblichen Intuition als seiner wissenschaftlichen Erkenntnis folgte, die sich auch sachlich manchmal von ihm entfernte, unter diesem Mißtrauen zu leiden hatte. Nicht nur auf diesem Parteitag war Lily so angegriffen worden, weil sie an bürgerlichen Blättern mitgearbeitet hatte, der innere Kampf der Partei übertrug sich auch auf die Frauenbewegung und ihre führenden geistigen Kräfte. - 13-> . - 13- Es waren ja nur Wellenschläge, die herübertrafen, aber sie waren schmerzhaft und verwundend im Angriff und in der Abwehr, genug, um Menschen, die zusammenwirken sollten, rettungslos zu entzweien. Ein wohlgemeinter, durchaus diskutabler Vorschlag, geboren aus der Erkenntnis und der Einsicht in die große soziale Not der arbeitenden Mütter, konnte als" revisionistisch" oder als" bürgerlich" zerpflückt und abgetan werden, wenn er von einer bestimmten Stelle kam. Heinrich Braun war so lange er sich etwas davon versprach, bemüht, den bösen Streit zwischen den Frauen auf die Basis einer sachlichen Diskussion zurückzubringen. Nach einem unangenehmen Vorfall schrieb er einmal an Klara Zetkin:".... .. ich, der ich Sie kenne, weiß, daß, wenn Sie sich haben fortreissen lassen, das lediglich die Folge Ihres prachtvollen Temperaments und Ihrer grenzenlosen Hingabe an Ihre Überzeugung ist."- Wir sahen Lily Braun, wie sie in der" Gleichheit", im" Vorwärts", in Versammlungen um ihre Ideen warb. Ihre eigene Mutterschaft, für die sie die Verantwortung mit der ganzen Intensität ihres Wesens empfindet, vermittelte ihr noch viel deutlicher das Verständnis für die Lage der erwerbstätigen Mütter. Das formte ihr Denken, ließ es zu konkreten Vorschlägen reifen. Lily Braun war wohl die erste Frau, die den Gedanken der Mutterschaftsversicherung" aussprach, die auch den Gedanken der" Haushaltsgenossenschaften" zur Diskussion stellte. <- 14 -14Heute ist vieles davon abgewandelt- in die Gesetzgebung und in die öffentliche Meinung aufgenommen und kaum noch umstritten. Lily Braun hat noch manches werden sehen, wofür sie die Anregung gab. Das Frauenwahlrecht, das sie so leidenschaftlich wünschte, aber nicht mehr erlebte, betrachtete sie schon damals nur als einen kleinen Schritt auf dem Wege, wie sie es auf einem Kongress in London zur großen Verwunderung der sich so radikal vorkommenden Damen aussprach. Sie würde heute erkennen, daß wir mit dem Frauenstimmrecht, mit einer ziemlich fortgeschrittenen Sozialpolitik, mit der Beeinflussung der öffentlichen Meinung auf dem Wege zu weiteren Lösungen sind, ob zu der Lösung, das wissen wir noch immer nicht. Ungefähr von 1906 ab nach vielen Kontroversen waren Lily Braun die Spalten der" Gleichheit" verschlossen, auch die der meisten Tageszeitungen. So blieb ihr, so lange Heinrich Braun die Zeitschrift halten konnte," Die neue Gesellschaft". Das alles war bitter. Vielleicht aber wäre sie auf dem literarischen Gebiet nicht so fruchtbar gewesen, wenn sie ihren inneren Reichtum anders hätte umsetzen können. Vielleicht. Ihre reiche literarische Hinterlassenschaft muß leider aus dieser Betrachtung ausscheiden. Uns der Frauenbewegung hinterließ sie ihre Memoiren und" Die Frauenfrage", aus denen wir manches lernen könnten, ebenso wie aus ihren vielen Artikeln und Broschüren, die uns leider - durch die Hitlerzeit nicht mehr zugänglich sind. Im Kriege 1914 stellte sich die glühende Friedensfreundin - 15- - 15- ganz positiv zu den den Frauen gestellten Aufgaben. " Der Krieg und die Frauen" hieß eine 1915 herausgegebene Broschüre; sie erschien in Leipzig. Julie Vogelstein darum heißt es, bereit sein, in zitiert daraus:" die den Schrecken des Krieges" die Riesin der Gegenwart", die unter erderschütternden Wehen ein Erlöserkind neue Welt gebären will, zu erkennen". Im August 1916 schloss sie die Augen. Sie hat noch die wehe Mutterangst um den geliebten Sohn erlebt, der draussen im Felde stand. Seinen frühen Tod zu erleben, hat ihr ein gnädiges Schicksal erspart. Verwendete Literatur: Lily Braun: Die Frauenfrage, Verlag S.Hirzel, Leipzig 1901 Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin, Hermann Klemm, Verlagsanstalt Berlin- Grunewald, 1908 Julie Braun: Lily Braun/ Ein Lebensbild, Verlagsanstalt Hermann Klemm, Berlin- Grunewald Julie Braun+ Vogelstein: Ein Menschenleben, Heinrich Braun und sein Schicksal. Verlag Rainer- Wunderlich, Tübingen, 1932 Anna Blos: Die Frauenfrage im Lichte des Sozialismus, Buchverlag Kaden& Co Dresden, 1930 Handbuch der Frauenbewegung, herausgegeben von Helene Lange und Gertrud Bäumer, Buchhandlung W.Moeser, Berlin S, 1901. Emma Döltz ( 1866- 1950) Hier gedenken wir einer Frau, die- in der nur ihr eigenen Weise- an der Entwicklung der sozialistischen Frauenbewegung mitgewirkt hat. In einer seltenen Stunde erzählt Emma Döltz einmal aus ihrer Jugend:"... Wir lebten im Armenhause in Steglitz. Meine Mutter nähte Pantoffel. Der( lange schwer krank gewesene) Vater war früh gestorben. Oft mußten wir Kinder bis in die tiefe Nacht hinein helfen. Dann erzählte meine Mutter uns Märchen, damit wir munter blieben Das ist ein kleiner, aber bezeichnender Ausschnitt aus der Kindheit von Emma Lehmann, die später den Schlosser Döltz heiratete und die sehr geliebte Mutter ihrer gemeinsamen drei Kinder wurde. Vor dieser Ehe lag viel Arbeit und Entbehrung. Aber auch später, als sie ihre eigenen Kinder mit viel Liebe und Verständnis erzog, folgte ihr nach der entbehrungsreichen Jugend die Armut in ihr neues Leben nach, und es gab viel, viel harte Arbeit um das tägliche Brot. in ihren eigenen kurzen Aufzeichnungen aus ihrem Leben erwähnt Emma Döltz- so ganz nebenher. ihre und ihres Bruders harte Kindheit. Wollen wir einmal versuchen, uns vorzustellen, was für ein Mensch die jugendliche Emma Lehmann hätte werden können, wenn ihr alle geistigen und seelischen Entfaltungsmöglichkeiten gegeben worden wären, auf die junge Menschen einen moralischen Anspruch haben? Wie sie geworden wäre, wenn sie nicht in - 2- -2dieser großen Armut hätte aufwachsen müssen? Von frohem Gemüt, aufgeschlossen für alles Schöne, mit gesunder und klarer Intelligenz ausgestattet, begnadet mit einer von der Mutter ererbten lyrischen Begabung war sie ganz dazu geschaffen, glücklich zu sein und Glück weiterzugeben. So aber trug sie ein ähnliches Los wie ihre Mutter, das der Armut.Wohl schon ein wenig gemildert; auch das Licht der sozialistischen Erkenntnis schien schon in dieses Leben und machte es heller, gab ihrem Leben Werte und Erfüllung. Emmas Ehegefährte war wohl ein guter Mensch. Daß er zu wenig verdiente, um die Frau vor materiellen Sorgen zu schützen, war nicht seine Schuld. Daß auch den Kindern aus dieser Ehe viele wertvolle Bildungsmöglichkeiten und andere Schönheiten des Lebens vorenthalten waren, empfanden beide Eltern, aber sie konnten es nicht ändern. De, Vater fehlte wohl die innere Stärke, auch die Phantasie, er war auch nichr die Frohnatur, die der Mutter in so reichlicher Fülle gegeben war, mit der sie den jungen Kindern wie es schon ihre Mutter getan hatte, nur reicher und schöner einen Ersatz für das bot, was ihnen durch die Armut versagt blieb. Vielleicht war es das Gefühl einer Schuld die ja keine war, das den Vater oft zu" Freunden" trieb, mit denen er dieses irrige Gefühl zu vergessen suchte? Als guter, organisierter Arbeiter wußte er wohl um den Lebensanspruch der Arbeiterschaft und ihrer Kinder. Und wenn er auch manchmal brummte, weil die Mutter so viel unterwegs war, so war er doch stolz auf seine geistig so bewegliche Frau, auf die -3 .1 - -3brave und tüchtige Lebens kameradin, die ihre Pflicht für die Allgemeinheit erfüllte und dabei eine so gute Mutter der Kinder war. Schon der ganz jungen Arbeiterin waren viele Ungerechtigkeiten aufgefallen. Warum erhielten die arbeitenden Frauen so viel weniger Lohn als die Männer? War ihre Arbeit so viel weniger wert, auch dann, wenn sie gleichwertig war? Warum wurde die ausserhalb des Hauses arbeitende Frau um vieles besser bezahlt als z. B. die Heimarbeiterin, trotzdem diese das Nähgarn, die Maschine, Licht, Heizung und ihren engen Wohnraum hergeben mußte? Warum mußte man umine noch so unzureichende Gewerbeaufsicht erst so bitter kämpfen und warum waren die Heimarbeiterinnen ganz davon ausgeschlossen? Diese Fragen und noch viele andere beschäftigten schon das junge Mädchen, ohne daß sie darauf eine Antwort finden konnte. Sie wurde ihr gegeben, als sie- zum ersten Male- in eine Versammlung geriet, in der Paul Singel( ein sehr bekannter Vorkämpfer der Sozialdemokratie) den anwesenden Frauen ihre Situation in der menschlichen Gesellschaft klug und geschickt klar machte. Es geschah zur Verzweiflung der überwachenden Polizei, die keine Handhabe zum Einschreiten fand. Das war der Wendepunkt im Leben der jungen Frau. Doch bevor wir dazu etwas sagen, wollen wir uns doch noch mit der Mutter Emma Döltz ein wenig beschäftigen. Auch ihre Kinder halfen ihr, z.B. in der Hauswirtschaft; das war schon eine große Hilfe für die heimarbeitende Mutter. - 4- - 4- Dann- nach getaner Hausarbeit- faßten die Ältesten auch bei der Heimarbeit mit zu. Das ließ sie gewiß nicht sehr gerne geschehen, wußte sie doch aus eigener Erfahrung um die Not der Kinder, die frühzeitig mitverdienen mußten. Aber doch war es in diesem Hause anders als sonstwo. Hören wir, wie es die Tochter Erna im Gedächtnis hat: ... Die schönste Erinnerung aus un erer Kindheit: Wenn wir unsere Schulaufgaben oder die häuslichen Pflichten erledigt hatten, saßen wir bei der Mutter, die uns sehr lange und schöne Geschichten erzählte. Wir Größeren halfen ihr dann bei der Arbeit, sie nähte Erst heute weiß ich ganz, was Posamenten ° unsere Mutter an uns tat, daß wir trotz der Not und bitteren Armut eine so schöne Kindheit hatten". Wer denkt da nicht unwillkürlich an Pestalozzi's Lienhard und Gertrud? Wir sehen: In ganz besonderen Fällen, wenn die Mutter- wie hier eine solche Frohnatur und starke, bewußte Persönlichkeit war, konnte sogar einmal die so schlecht bezahlte Heimarbeit zu einem Born der Freude und zu einem pädagogischen Mittel werden. Emma beschränkte sich aber nicht darauf, ihren Kindern das selbsterschaffene Märchenland zu zeigen, sie führte sie auch mit behutsamer, pädagogischer Überlegung in ihre soziale Umwelt ein, lehrte die Kinder, richtig zu sehen, öffnete ihre Sinne und führte sie so zwanglos auf Gipfelpunkte, von denen sie, trotz ihrer Jugend, einen Überblick über Menschen und Dinge bekamen. Das war nicht das Übermitteln von fertigen Tatsachen, sie lehrte die Kinder, wie sie sich selber Urteilsfähigkeit erwerben könnten. Die Kinder dieser Frau erinnern sich heute - 5- -5als reife Menschen noch immer dankbar daran, daß Schläge und harte Strafen nicht im Programm ihrer Mutter standen, dafür aber hatte sie die wertvolle Tugend pädagogischer Konsequenz. Hatte sie einem Kinde z.B. einen nicht ausgeführten oder unwillig übernommenen Auftrag ruhig wieder abgenommen, dann half kein noch so inständiges Bitten um Zurücknahme ihrer Entscheidung; dann führte sie diese Arbeit selber aus. Grenzenlos war das Vertrauen dieser Kinder in diese gütige, gerechte, frohe, märchenerzählende Mutter, die ihnen eine so gute Kameradin war. Mit allem, was früher und später ihr Herz bewegte, kamen sie zu ihr. S Emma Döltz war die geborene Dichterin. Nicht, daß die Welt widerhallte von dem, was sie niederschrieb, diese Welt bekam es gar nicht zu sehen. Sie erhob auch keinen Anspruch auf das Prädikat: Kunst. Sie schrieb, was sie fühlte, in ihren Gedichten nieder. Sie schrieb es für ihre Kinder. Sie wollte sie teilnehmen lassen an der inneren Schönheit ihrer eigenen Welt. Einmal, als sie schon länger in der sozialistisch Frauenbewegung stand, las sie dann doch einmal im kleinen Kreis einige ihrer Gedichte vor. Margarete Wengels, die temperamentvolle Freundin, gab ihr den dringenden Rat, etwas davon an Clara Zetkin zu schicken. Sie tat es, und von dieser Zeit an lasen wir öfter das eine oder andere soziale Gedicht und fanden auch manches Märchen und manche Erzählung in der Kinderbeilage der Gleichheit. Und dann o das war viel, viel - 6- - 6- später erschien eines Tages im Selbstverlag der Verfasserin ein schmales Bändchen mit einer Auswahl ihrer Gedichte und einigen Kostproben ihrer Märchen. In einem vergilbten Zeitungsausschnitt( ohne Datum und ohne Namen der Zeitung) fand ich eine charakteristische Besprechung des Büchleins. Dort heißt es: .. Wie es möglich war, daß diese Verse in die Welt hinaus flatterten? Auch das ist ein Märchen. Kombt da ein Menschenfreund, der das kranke Kind der Frau gesund machen soll. Und er lernt am Krankenbett die tapfere Mutter kennen, die, gebeugt von der Last des Lebens, doch ihrer Seele Frische sich bewahrt hatte. Ihn interessiert diese Frau, ihn fesseln die Aufzeichnungen, die sie ihm bescheiden, widerwillig fast, ausliefert. Vielleicht, so denkt der Menschenfreund, würde ihr Lebensabend ein wenig froh, wenn diese Verse mehr Freunde fänden". Aber der Lebensabend der Mutter Emma Döltz war lang- und er war schön. Nehmt alles nur in allem. Sie konnte ihren Enkeln und vielen, vielen fremden Kindern noch Märchen erzählen, als sie nicht mehr - bei den sommerlichen Ferienwanderungen der Proletarierkinder - mit ihnen tollen und springen konnte. Emma ließ sich auch später von Hitler nicht unterkriegen. Ihr Innenleben war so reich, daß sie diese Zeit überbrücken konnte. Ich zitiere aus einem Brief an mich, der die Atmosphäre des Hauses zeigt: - " 1937 starb mein Schwiegervater, und wir wurden gewahr, wie sehr Emma jetzt frei wurde. Endlich konnte sie sich jetzt ohne Einrede- unserem schönen Garten, ihren Gedichten, der Schaffung zahlreicher Stücke für unser Puppentheater und dem Anhören von Radiospielen, besonders auch klassischer Werke, widmen. Konnte sie doch um diese Zeit noch beinahe den ganzen" Wallenstein" auswendig! Es waren- so glaube ich für sie, ad für die -7 <-7ganze Familie die glücklichsten Jahre. Wenn auch die politische Arbeit nach aussen fehlte, der Kontakt mit gleichgesinnten Freunden alls onntäglich blieb erhalten. Auch ihr Humor vlieb erhalten, 1941 verfaßte sie sich selber zum 75. Geburtstag ein launiges Gedicht... So war es schön, dieses Altern dieses Altern- trotz Hitler trotz des grausigen Weltkriegs, trotz schließlicher Evakuierung, trotz eines bösen Augenleidens, das sie nahezu blind gemacht hat. Sie hatte schließlich noch das Glück, wieder mit ihren Lieben vereint sein zu können, wenn auch nicht in der engsten Heimat Berlin. Und sie konnte bis ins hohe Alter sich in ihren Gedichten aussprechen, Märchen ersinnen und erzählen, sie konnte noch immer an ihrer geliebten " Bewegung" teilhaben, wenn sie auch nicht mehr aktiv sein konnte. Das war die Frau und Mutter Emma Döltz, sie war zugleich die Kämpferin. Sie würde mir nicht widersprechen, wenn ich bei dieser Betrachtung ihres Lebens und ihrer menschlichen Persönlichkeit zu dem Schluß komme, daß die stärksten Wurzeln ihrer Kraft in ihrer starken Mütterlichkeit lagen und daß diese gerade durch die Familie, trotz mancher Hemmung, ausgelöst und frei gemacht wurden. Diese Mütterlichkeit war in einem großen Rahmen eingespannt. Sie umfaßte wohl in ihrem engeren Kreis- ihre Kinder und Kindeskinder. Ihre Schwiegersöhne waren selbstverständlich darin einbezogen. So wie sie einst ihre drei Kinder unmerklich aber zielsicher zu Sozialisten erzogen hatte, so nahm sie auch diese neuen Glieder ihrer Familie in ihren - - 8- -8: : Lebensrhytmus auf. Um einen dieser Söhne- er wußte vom Sozialismus noch wenig, als er sich der Tochter Emma's bereits eng verbunden fühlte - zog sie nicht nur als Sohn in den Bannkreis ihrer mütterlichen Liebe; che er es sich selber richtig versah, hatte sie ihn schon als begeisterten Mitstreiter gewonnen.- Es war Krieg im Lande gewesen, der erste Weltkrieg, der hatte auch damals seine bösen Linien in das soziale Gesicht unserer Zeit gezeichnet. Die große Wohnungsnot zwang die verheirateten Kinder aus dem mütterlichen Hause heraus. Jedoch strebten die getrennten Teile immer wieder nach der Vereinigung. Als ein Siedlungshäuschen in Mahlsdorf bei Berlin dazu die Möglichkeit bot, gaben die alten und die Jungen viele Jahre ein Musterbeispiel guten Zusammenlebens in geistiger und ideeller Gemeinschaft. Zu diesem Zeitpunkt hatte Emma Döltz schon ihre Lebensleistung in der sozialistischen Frauenbewegung vollbracht. Mit 61 Jahren ging sie in das Mahlsdorfer Häuschen mit. Noch zu jung, um ihre geliebte Arbeit am Kreuzberg zu verlassen, nicht mehr elastisch genug, um diese Arbeit trotz des weiten Weges ganz beizubehalten. Nach und nach wurde es etwas weniger, aber es blieb genug an zentraler Berliner Arbeit stehen, wie z. B. in der Arbeiterwohlfahrt, o sie als zweite Vorsitzende dringend gebraucht wurde. Es wurde vorher schon der entscheidende Augenblick erwähnt, der auf ihre Fragen nach dem Urgrund aller Ungerechtigkeit -9-> . - 10- - im Leben der Arbeiter und ihrer Frauen manche Antwort gab, auch manche Hoffnung, was aber auch die Pflichterfüllung • dem Ganzen gegenüber verlangte. Das war, als sie zum ersten mal einen Sozialdemokraten sprechen hörte. Und bald danach stand sie mitten drin in diesem Streben, kostete nicht nur die Genugtuung des Kampfes und der Erfolge, sie lernte auch alle Schwierigkeiten kennen, die Polizei und Gesetzgebung diesem berechtigten Streben entgegen stellten. Wir wollen nicht an anderen Stellen Gesagtes wiederholen, die Namen der Frauen, in deren Kreis sich Emma Döltz bewegte, sagen uns genug. Wollen wir noch einmal Margarete Wengelns nennen, dazu Louise Zietz und Ottilie Baader, mit denen sie in engster Gemeinschaft arbeitete. Später waren es auch Mathilde Wurm, Clara Bohm- Schuch, noch später Minna Todenhagen und viele, viele andere, die sie wie es ganz ihrer Natur entsprach- auch ihren Kindern nahe brachte. Wo sie liebte und Freundschaft fühlte, wollte sie auch ihre Kinder, ihre jungen Kameraden, teilhaben lassen.- Was gab es damals nicht alles zu tun. Da waren Flugblätter auszuteilen, Versammlungseinladungen zu bestellen, es war der große Solidaritätsboykott bei der Firma Jandorf, der die Frauen in eine lebhafte Aktion brachte, es waren die Wahlrechtsdemonstrationen gegen das Preussische Dreiklassenwahlrecht, ein Kampf, in den sich die Frauen mit ihren eigenen Forderungen einschalteten. Verschiedene Lohnbewegungen, Teuerungswellen u.a. erforderten die tätige und aufklärende Hilfsstellung der Frauen. - 11- - 12- Und Emma schwamm mit in dem großen Stromkreis der Arbeiterbewegung von damals. Wie bei vielen Frauen, die zur Arbeiterbewegung stießen, so war es auch bei Emma der soziale Impuls, der sie trieb. So war sie ganz dabei, als nach dem Inkrafttreten des Kinderschutzgesetzes von 1903 die Kinderschutzkommissionen gegründet wurden, ebenso bei den später einsetzenden Kinderferienwanderungen. So war sie später in Berlin mit ganzer Seele bei der Arbeiterwohlfahrt, deren Arbeitsbereich nun schon mit Republik und Frauenwahlrecht sehr viel weiter gesteckt werden konnte. Dazwischen aber lag der erste Weltkrieg und das Auseinanderfallen der Sozialdemokratie in zwei Hälften. An diesem Weltgeschehen, an der Grausamkeit des Krieges glaubte Emma zerbrechen zu müssen. Blutenden Herzens fand sie sich in dieser Zeit bei der Unabhängigen Sozialdemokratie, bis sich beide Teile in Arbeit und Verantwortung wieder zusammen- fanden und auch wieder zusammenwuchsen. Ergreifend ist aus dieser Zeit ein Gedicht:" Der Mutter Klage", das sie nach dem Ende des Krieges den toten Söhnen des Volkes widmete: " Dann traf es mich wie Keulenschlag, daß du in fremder Erde ruhst, nie wieder Mutter zu mir sagst, nie wieder mir was Liebes tust, und über allem rollt die Zeit, die uns ins Land der Zukunft trägt, jedoch mein Sohn, ich denke dein, solang das Mutterherz noch schlägt". - 13 -13Und dann im zweiten Weltkrieg trieb die Zerstörung des Hauses, ein geschwächtes Herz und die Sorge der Kinder die achtundsiebzigjährige Frau in die Fremde nach Riezlern im kleinen Walsertal. Hat sie die Schönheit der Berge und die ganz besondere Eigenart des dortigen Volkslebens nicht mehr erfassen können? Fast scheint es so. Aus einem ergreifenden Gedicht" Heimat" spricht nur die Sehnsucht nach dem Frühling in der Heimat, nach dem Häuschen und dem Garten dort. " Nun bin ich allein und in fremder Umgebung, Die Berge s tehn drohend und finster der Wald, Der lange Abend ist ohne Belebung Vom Schwarzwassertal weht der Sturmwind so kalt. Werd' ich die Heimat je wiedersehen? Sie liegt nun schon jetzt halb zerstört und zerfetzt In Träumen nur lass ich sie auferstehen, Wie schön sie war, das weiß ich erst jetzt!" Die engere Heimat hat Emma Döltz nicht wiedergesehen. Ihre Kinder holten sie nach Fulda, ins Weserland, wo es sehr verschieden ist gegenüber Berlin, d.h. dem Berlin, in dem sie gelebt und dereinst Pionierarbeit geleistet hatte. Auch dort in Fulda war noch harte Arbeit zu tun, von anderer Art als damals. Aber Emma konnte nicht mehr aktiv daran teilnehmen, sie konnte sich nur noch von den Kindern berichten lassen. Trotzdem: Die Dreiundachtzigjährige gab der Partei von Fulda zu ihrem achtzigjährigen Bestehen noch ihren Glückwunsch in Versen mit auf den Weg. Und daß sie sich nach dem tiefen Schmerz, den sie allein und in der Fremde erlitten hat, wieder gefunden hat, - 14- - 14- bekundet sie mit einigen Worten an die Genos sinnen, die sie zur tätigen Teilnahme aufmuntern will: " Einst hat mich die Sonne der Jugend durchglüht, Jetzt drückt mich des Alters Last, Doch hab' ich die Freude des Schaffens gefühlt, Und das Glück der Arbeit erfaßt." MATERIAL Briefe von Emma Döltz- Hosemann/ Fulda von Franz Hosemann/ Fulda Gedichte und Lebenserinnerungen von Emma Döltz, einige Zeitungsausschnitte. Herr, ette Fürstl. 1861-1938 Der Vater war ein angesellener judischen Bürger der Stadt Giessen, Holzhändler, von Beruf, etwa liberal und freiheit. lich in seiner Gesinnung. Henriette Fürth's Bruder, Simon Katzenstein, Vorbildung-war er hatte juristische sozialdemokratischer, viele Jahre hindurch§ Abgeordneter im Reichstag der Kaiserzeid und später in der Weinarer Republik. Er war uns Frauen deshalb so wollbe= kannt, weil er sich um intensiv mir den Fragen des Kinderschutzes befasste. So erinnerd sich die Verfasserin u. a. auch an eine grosse, sorgfältige Sammlung von Berichten und Urteilen über Handerde von Kinder-misshandlungen. die aus dem ganzen Reichsgebied stammten. Neben der liberalen Grund gesinnung scheint also auch das soriale Bewasstsein und Verantwortungserfühl in der Familie Katzenstein. vorgeherscht zu haben. Henriette hatte die höhere Mädchen= schule besucht und wollte- wie fast alle aufstrebenden Madchen ihrer Zeit. Lehrerin werden... Sie wollte nicht im Haushalt der Eltern resignieren sondern hoffte ihrer kunstlerischen erzieherischen und sozialen Neigung gen im Beruf erfüllen zu können. dern Auf keinem Fall fehlte es ihr vom Tat- kraft, Phantasie und Intelligenz. Trotzdem kam es anders, als das junge Mädchen es sich als Lebensweg vorgestellt hatte. Sie Jahren – die wurde- mit neuxzehr. Wilhelm" Gattin des Kaufmannssturth aus Frankfurt am Main. Auf welchen Gebieten seine kaufmännische Tätig- keid lag, wissen wir nicht. Dass er ebenfalls ein sozial aufgeschlossener Mensch war, kann vermutet werden, In den zwanziger Jahren war er Geschäftsführer einer Gesellschaft für Kleinwohnungsbaa. Hier war er auf einem Gebiet tätig, dass sich Henriette Fürth ihr Leben lang mit Ihres vielseitigen, so= reich. in den B. Inderessen, zialen gebietes gerogen hatte. Eine so ausgedehnde praktische und schriftstellerische Arbeit auf dem ge- samten Gebiet der Sozialpolitik kann eine Ehefrau dazu Mutter von sieben Kindern nur entfalten wenn sie die Im Harmonischen"A" Unterstützung Moralischen liegende eines verständgniswollen Ehekameraden hat. Es war auch dem Pardeidag zu Gotha im Jahre 1896, wo Clara Zefkin über grosses Referad über die Frauenfrage hielt. Sie sprach sich dabei gegen, jedes Zusammengehen mit der bürgerlichen Frauenbewegung aus. HenSiette Fürth wies in der Diskussion davauf hin, dass viele unserer Frauen Forderungen auch vom linken Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung vertreten wurden. Sie folgerte daraus dass man manchen Weg mit ihnen zusammen gehen konne. Bei dieser Gelegenheid betande Henriette Färts dass sehr deutlich und entschieden, sie Sozialdemokratin sei."Nur re= voludionar sein das führe nach ihrer Meinung dahin, dass man nicht über die eigen Schranken des Klassenstandpunktes und der Klassen interessen hinaus kanne. Der Sozialismus musse sich jedoch gegen alle Klassen durchsetzen, müsse versuchen alle Klassen zu erobern, zu durchdringen über sie empor zu steigen. Diese Linie had sie zielklar weitere verfolgt. Aber sie hatte die glücklichen haben des Geistes und Temperaments sowie der Unabhangigkeit, mit denen sie sich als Persönlichkeit behaupten konnte. Sie brillierte nicht mit ihrem gediegenen Wissen war in dem, was sie sagte immer rakie sicher, sachlich und äusserde sich nicht mal's"berspitzd". Sie empfand es als einen Erfolg ihrer Bemühungen dass die erste særialistische Frau. en-kongremt(1900 in ollainz) in einer Entschliessung verbürgerlichen Frauen th bewegung u. a. sagde. "um Es soll nicht länger verpönt So sein, wenn die eine oder andere Genossin, hier und dort mitarbeitet wenn sie es aus sachlichen Gründen e Sie halt bleibt es dem für dick. Takt der Einzelnen überlassen. (immer) Henriette Fürth bewegte sich im diesen liberalen Frauen Kreisen und zwischen allen bürgerlichen Reformern als wenn sie zu ihnen gehörte – ohne je ein Hell daraus zu machen, dass sie Sozialdemokradir war. Unwiderstehlich stark war das Bestreben in ihr Hausiette türth sich mit allen Frauenfra- gen auf der sozialpolitischen Ebene zu befassen. Wie bei allen Menschen mit weitem Gesichtsfeld das sich mit praktischem Sinn verband so stand bei ihr neben der Feststellung einer von Tatsachen die aus der Entwicklung entstanden waren und soziale Not- stände zeitigten zugleich die Frage nach dem Wie der sozialen Hilde. prakdischen Sie ist nicht mehr geschlagen wird, Sie suchte 6 Täz. Losungen. 1902 wurde im Berichtsbericht an die zweite Konfrenz Sozi= Ura aldemokradischer Frauen. gesagt, dass eine Broschüre von Herriette Fürth: "Fabrikarbeid verheirateter Frauen" als Material verbreitet worden sei. Wir erinnern uns der Tatsache, dass die Frauenbewegung überhaupt von der MaFrauenerwerbsarbeid aus: ging und dass es vornehmlich diese Arbeit der verbeirateten Frau und Mutter gewesen ist, aus der erst die se neuen gesellschaftlichen Probleme vnderfälge nen sich die mensökliche entstanden mi Gesellschaftrecht und schlecht ansein= andersetzten o meiste. Es spricht far die Persönlichkeit dieser wohlsituierten Frau, dass das Schicksal ihrer Mitsohwestern sie nicht losliess, sodass sie sich immer und immer wieder mit"Frakenfragen" beschäftigen musste, so hielt r. B. “Gesellschaft zur Bekämpfung die "1903 ihres der Geschlechtskrankheiten Árzte, Sozíal= ersten Kongress ab. wissenschaftler und Sozialreformer waren es, die sich mit diesen Fragen auseinansuchen. derseiten und nach Lösan. es war Eine sozialdemokratische Frau, Uttenriette Fürth verlangt dort:"Eindammung der Prostitution durch soziale Massnahmen. Bei der Intensitat ihrer Arbeit, wurde sie natürlich bald bekannt auch als Sørialpolitikerin anerkannt sie nahm an vielen und sehr verschiedenartigen Koneressen tätigen Anteil hielt"auch niemals" mit ihrer Meinung zurück, wenn sie etwas zu sagen. o. wasste- und das war immer der Fall. F Ihre Studien fandere die ErE Kenntnisse die sie aus ihren Studien gewank fanden schriftlichen Niederschlag in vielen Zeitschriften sie war auch als socialpolitische S Wenden Es war schriftsteller, n angesehen. S niemals eine Sensadion um diese Frau, kein Schillern und Leucht en. sie wirkte wie ein stetiges, warmes Licht, Im Hamburger"Echo" das noch einmal der xxxxxx schon lange dó m Aúgast 195 Zeitschrift „In der“Neuer Leit”, später in der von Rudolf Hilferding im Auftrage der sozialdemokratie herausgegebenen Gesellschaft" war sie eine geschätzte zahlreioffer Mitarbeiterin. Ihrer Vorträge täcklicher Art, tührten sie richt nur durch Deutschland, sondern auch oft ins Ausland. 8 * nicht mehr lebenden(die nun neunzie Jahre geworden wäre), gedachte Heisst es! "um Sie war eine Vollnatur, die nach allen Richtungen sich verausgaben konnde, ohne dadurch ärmer zu werden eine Natur die durch Geben wuchs, eine Persönlichkeit die vielen..... nahe gebracht zu werden verdient nous and Sie war eine Frau der Tat Vpackte zu! -dee von ihr aus, was ak= fhial. Bing eine- Kong reptierte una reproduzierte sie ein Idee Anderer, so sagte sie nach Wegen zur Verwirklichung. So schon il Wenn der bürgerlichen FrauenbeweLanz Das sieht man deutlich “Die z.B. in der Zeitschrift *über"Die Idee des Rechts" Frau schutzes für Frauen" schreibt. Sie einer solchen Selber arbeitete an dem Rechts-Stelle Jahrgang 6 1899 Seite 394. "Die Frau." Herausgegeben von Helene Lange und Gertrud Bäumer mit in Frankfurt am Main. Da's war damals ein grosser und wich= tiger Arbeidszweig der prakti= schen Hilfstätigkeit für Frauen. Nicht nur, dass die Frauen so reditlos waren, was was an ganz geringen wiesche Rechten vorhanden war, aus Mangel an Gesetzeskenadnis geschulten Denken und an Besetzeskenntnis nicht hal genützt, wenn ihnen niemand neben Gewerkschaften und Sozialdemokratie? Das taten u. a. an die"Recht schutz vereine in einigen grossen Städten Die vadsuchenden Frauen waren auch mei's bei uns der, der von klugen Frauen I und Rechtsanwalten, mit sozial erteilte Rat war unentgelt: – Ia Frankfurt entwickelte the Cich. sich aus dieser Rechtsschutzarbeit noch etwas anderes; Die Sorge um die sogenannten Ziekinder, d. h. eltern= oder vaterlose Kinder, die auf dem Lande untergebracht worden waren. Natürlich musste dieser Arbeitszweig mit seiner Aus= dehnung und Kompliziertheid bald selbständig werden. Trotzdem, so wissen wir es aus der Feder von behalte Henriette Färth blieb die Ander Missstände unvollkommen. Wohl stellte die Polizei bereitwillig die Listen der auf dem Lande unter- gebrachten Kinder zur Verfügung. Doch von da bis zur Lasung wohl war Erziehungs=schwierigkeiten war es ein weider Weg, Während des Krieges 1914-1918 war HenTiette Fürth aktiv im"Nationalen", i g, dieser Anweisung "Frauendien 54" 4 demokratischen Frauenbürds zu des socialfalschmalen. en, war ihr selbstverständlich Zücke sie war hervorwagend an der Errichtung und Führung der über das Frankfurter Stadtgebiet verDoch allein aber streuten Kriegsküchen. u. oder auch Hausfrauenberg= dener, tunesstellen tätig, die damals in 2 eineχbesondere Bedeutung zukam Das Hausgesammte wurde die gute der Entwicklen. Hierbei gab H.F. in vielen Sie die Erfüllung vieler, seit jeder gehegter Wünsche nämlich ein Hineinwachsen dies weiblichen Teiles der Bevölkerung in der pflich allgemeinen Pflichttenkreis. Das war es, was sie immer für die Frauen der Arbeiterbewegung ge. wünscht hatte. Wir naanden nober der Mitarbeit an vielen Zeitschriften auch bereits"Die Fabrikarbeid verheirateter Frauen", 1902. Bibliothek der Arbeid finden wir Neben diese in der"Johann Wolfgang Goethe" Universität" an Schriften, Ein mittelalterliches Budget über einen zehn- jährigen Zeitraux. Die Verteurung der Lebenshaltung im Lichte des Massen Konsuans(1907) 4, Die Mutterschaftsversicherung(1911 Die soziale Bedeutung der Käufer sitten 1917 3 A. Die Mutterstraß steht sich erhören(1941) 6. Das Bevölkerungsproblem in Deutschland So hat die Stadt Frankfurt Henriette Fürth auch durch die Verleihung einer Ehremplakette geehrt und die Universität sie durch eine EhrenurVor uns. — Fol. 44. kunde ausgezeichnet. Die glaise in kleines Buch:"Die "Hausfrau"* wohte's Herriette Künstik, ikch Verlas Albert Langen 1914. in dem Sie 2) sie in anmütig- sachlicher Form vieles sagt, waraus wir heutigen nochlernen können. Die Hausfrau und ihre viel seitigen Pflichten – auch für das Ganze für die menschliche Gesellschaft gesehen. Die Mutterschaft, die Erwerbsarbeit der verheirateten Frau und Mutter sind die Gebiete, die sie am stärksten er at i d””(190 bewegen. Die"Neue Gronn." enthält einen Artiken, Mutterschaft aber Beruf“, in Leipzig 1909/erschien eine Schrift "Ehe und Ehepflichten". Mit Zollpolitik, Teurungen, Frauenintressen, setzt sie sich 1908 in dem Dokumenden des Fortschritts auseinander. In einem Betrachtung:"Die Ungleichheit vordem Tode" sagt sie 1928 in der Zeitschrift"Die Gesellschaft" das Folgende!! Soll um ein zusammenfassendes Wort zu unserer Frage gesagt sein, so dieses dass hier wieder einmal der Beweis erbracht wurde, dass Vielgebüren gleichbedeutend ist mit Vielsterben * reitschrift des Bandes für Mutter sollnt 2, Helene ströke verlas S. H. W. Dietz, Nachfolger Berlin 13 so is und dass Geburtlichkeit und Le= verserwartung, Auf= und Niedergang der Einzelnen und der Völker. weithin von wirtschaftlichen Gegeben- neiden und Möglichkeiden, bestimmt werden, so dass, wer es mit seinem Volke wohlmeint, nicht Quantität sonder Qualität nicht zahl, sondern Wertigkeit fordern und herbeiführen 11 טוט הפפ, Als die Frauen das Wahlrecht e hielten, wurde sie in ihrem so fürd auch Stadtveri an. geliebter (von 1919-1921 ordnete und konnte mit ihrer Sach- Kenntnis grade auf Kommunalen. Gebiet rieces etc. Inder Volks= hochschule, war sie eine beliebte Lehrerin. In der Gesellschaft zur Bekampfung der Beschlechtskrank= heiten arbeitete sie gatträhnte. Came mit sie erchende sich dort grösser Werthschaͤfzune. Die Ar= beiter wohlfahrt hatte ihre ganze sympathie, sah sie doch auch ist. Brück=Verwirklichung ein X da v. in So sak sìl s 4) ihrer Wünsche. ihrer früheren Eine Bestädigung. Frauenkonftenz, der Hallune in der do, sozialdecudKiel 1927), weil, Kralisöllen Parlei. inder Frau sich mit dem Kapitel Wohnungsfrage(vom Standpunkt der Frau und Familie) auseinandersetze. I´N'I Ausführungen in der Debatte waren warm, klug und sehr sackkun= dig. Die Weisheit der nun im sieblen Jahrzehnt stehenden, erfahrenen Frau stand ihr zur Seite. [Dieser Frau und ollutter dieser Per- saalichkeit mit dem grossen Herzen und klaven Verstand verdankt die Frauenbewegung sehr viel. Der Jüdin und der war, die die Freiheit des Denkens und die Verantwort- ge wie gütziger Cichkeit des Yttandelns soliebte blieben die Erfahrungen der Hitlerzeit nicht erspand Was/ und wieviel sie durchgemacht hat, wir wissen es nicht. Dass anordlich. sie seelisch leiden musste können wir bezahlen, Vielleicht war es ihr ein Trast, dass ihr Lebensgetährte vor ihr das Reich der Schatten betreten hatte. Vielleicht auchwar sie nachdräglich froh, dass ihre Skinder schon vor Beginn dieser barbarischen Zeitperinde ins Ausland gegangen waren. Waren sie es, Es wurde uns so gesagt, Henriette Färth lebte in d. e sện bi’s zu ihrem Tode. Jahren ganz zurückgezogen. Auf dem südischen Friedhof in Frank= fart fand sie ihre Ruhestätte. old Helene Grünberg ( 1874-1928) Sie war die erste Arbeitersekretärin in Deutschland, eine nur mittelgroße Frau mit dunklem Haar, sehr einfach, meistens dunkel gekleidet, aber mit Sorgfalt und sehr gutem Geschmack. Sie wirkte ausgesprochen weich und weiblichanmutig, hatte auch eine angenehme Stimme. Helene Grünberg ist in Berlin geboren, es heißt, sie habe als gelernte Schneiderein bei der Firma Gerson gearbeitet. Das läßt darauf schließen, daß sie vom Elternhaus gefördert werden konnte. Sonst wissen wir von ihrer frühen Jugend und Kindheit nichts, nicht wer und wie ihre Eltern gewesen sind, was für eine Schule sie besucht hat und welche Einflüsse auf ihren Werdegang gewirkt haben. Ein Lebenslauf, den sie mit ihrer Bewerbung nach Nürnberg gegeben hat, ist einer Zerstörung durch Nazihorden am 9.März 1933 zum Opfer gefallen zusammen mit der ganzen Einrichtung und dem geschichtlichen Material sowie den materiellen Werten des seit 1894 bestehenden Arbeitersekretariats. Es war das erste Sekretariat dieser Art in Deut chland, das von der früh aufstrebenden Arbeiterbewegung Nürnbergs eingerichtet wurde und das sich auch als Beispiel ausgewirkt hätte. Es spricht auch für die fortschrittliche Einstellung der Nürnberger Arbeiterschaft und ihrer Frauen, daß sie schon in den neunziger Jahren mehrfach die Organisierung von -2 - 3- durch reaktionäre Gesetze und einen ebensolchen behördlichen Willen gehindert worden war. Helene Grünberg war schon als Zwei undzwanzigjährige zur Arbeiterbewegung gestoßen und hatte sich im" Verband der Schneider und Schneiderinnen" organisiert, sehr bald auch als Rednerin betätigt. Ein früherer Nürnberger Kollege und Helene schreibt:"... Für den Schneider- und Schneiderinnen- Verband hatte sie schon viele Versammlungen für uns abgehalten, war auch wochenlang auf Versammlungstouren in den Orten der Konfektionsindustrie. Ihre Anstellung als Arbeitersekretärin ist ebenfalls ein Zeugnis für das moderne Denken der Nürnberger Arbeiter. Die Arbeitersekretäre konnten ihre ständig wachsende Arbeit nicht mehr bewältigen. Die Anstellung einer weiteren Kraft schien notwendig. Aber entgegen einem Antrag der Aufsichtskommission des Arbeitersekretariats wurde der dringende Wunsch nach einer weiblichen Kraft laut. Zur Begründung dafür wurde darauf hingewiesen, daß eine allgemeine Agitation unter den Arbeiterinnen dringend notwendig sei. Das Gewerkschaftskartell beschloss entsprechend. Die Stellung wurde ausgeschrieben im" Korrespondenzblatt der Generalkommission", in der" Fränkischen Tagespost", im " Vorwärts" und in der" Gleichheit". Unter den eingelaufenen Bewerbungen wurde die von Helene als die beste ausgewählt. Am 1.Juli 1905 trat sie ihr ihre Stellung an. Der nach dreimonatiger Probezeit abgeschlossene Vertrag wurde dem der Sekretäre angepaßt. Hier galt damals schon:" Gleiche Ent- 4- -4lohnung für die gleiche Leistung!") Im nächsten Bericht heißt es dann: .... Diese Neuerung in unserem Sekretariat hat ein weiteres" spezifisches Arbeitsfeld" geschaffen, wodurch die Arbeitskraft einer Sekretärin nicht nur vollständig in Anspruch genommen wird, sondern auch zeitweise nicht ausreicht, so daß die Sekretäre nach wie vor mit Arbeit überlastet sind".( 1) Wie sah dieses spezifische Arbeitsgebiet aus? Die gesteigerte Agitation unter den Arbeiterinnen fand ihren Ausdruck in zahlreichen Fabrikwerkstätten-, Geschäfts- und allgemeinen Arbeiterinnenversammlungen in allen Stadteilen Nürnbergs. In den letzteren verteilte man Flugblätter" Arbeiterinnen aufgewacht". Adressen von 20 Organisationen waren angefügt ( neben Aufnahmescheinen). Es wurden auch besondere Nachtversammlungen für Kelnnerinnen abgehalten, sie waren gut besucht und führten zur Bildung einer besonderen Sektion. - Weiter soll hier eingefügt werden, daß sich die neue Sekretärin auch der Jugendbewegung warm angenommen hat. Eine Freundin schreibt:"..... In der Arbeiter jugendbewegung habe ich mit Helene Grünberg viele Jahre zusammen gearbeitet und ihre talent- vi temperamentvolle Persönlichkeit sehr schätzen gelernt". 1907 wurden gewerkschaftliche Unterrichtskurse, die von Helene Grünberg geleitet wurden, vom Magistrat der Stadt Nürnberg zu hintertreiben versucht. Er erklärte die Kurse für eine" konzessionspflichtige Lehranstalt". Sie weigerte sich, um diese Konzession nachzusuchen und wurde zur Anzeige gebracht, jedoch vom Schöffengericht freigesprochen. - 5- - 5- Aber ein Hauptarbeitsgebiet wurde eine Bewegung zur Organisierung einer bis dahin gar nicht erfaßten Kategorie von Arbeitskräften, die ziemliche Wellen schlug und schon am k8.März 1906 zur Gründung des" Vereins der Nürnberger Dienstmädchen, Waschfrauen und Putzfrauen" führte, dem sofort 200 Dienstmädchen( Hausangestellte sagte man erst später) beitraten. Es war der erste derartige Verein in Deutschland, der nach dem Prinzip der Gewerkschaftsbewegung gebildet wurde. Bisher hatten sich in den verschiedensten Großstädten wohl Vereine etabliert, in denen sich die" Herrschaften" ( Hausfrauen, die Arbeitgeber waren) neben den Dienstmädchen als Mitgliederführen ließen. Daß dadurch keine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Hausangestellten zu erreichen war, hatte die Entwicklung längst bewiesen. Lassen wir die Freundin noch einmal sprechen: " Meine Erinnerung an Helene Grünberg stützt sich auf ihre temperamentvolle Tätigkeit in der Dienstbotenfrage. Die Versammlungen waren überfüllt und brachten viele Hausfrauengemiter in Aufregung. Es wurde mancher" Herrschaft" klargemacht, daß Hausangestellte anständig behandelt und entlohnt werden müssen". Der Verein erreich im ersten Jahr 549 Mitglieder. Kinderkrankheiten der ersten Zeit wurden schnell durch eine geschickte und konsequente gewerkschaftliche Schulung der Mitglieder überwunden, so daß bald über eine gute Stetigkeit in der Mitgliederzahl und einen fortlaufend guten Besuch der Versammlungen berichtet werden konnte. Die kostenlose -6 <-6Arbeitsvermittlung des Vereins florierte gut. Die Nachfrage durch Hausfrauen, die sich dieser Vermittlung bedienten, war erstaunlicherweise bald größer als die Angebote. Die Vereinsgründung machte Schule; in München, Köln, Hamburg, Frankfurt a.Main und in anderen Städten wurden gleiche Organisationen gegründet. Gewerkschaftskartelle im Lande ließen sich Statuten und anderes Material des Nürnberger Vereins schicken und baten um Auskünfte. Die Anregung zur Bildung gleicher Organisationen war von der" Generalkommission der Gewerkschaften" an die Gewerkschaftskartelle gegeben worden. Helene Grünberg hatte an die Zentrale berichtet und ihren Bericht mit der Anregung begleitet, eine allgemeine Agitation dafür einzuleiten. Dem war die Generalkommission nachgekommen, den Erfolg des Versuches wollte man abwarten, ehe man der weiteren Anregung der Berichterstatterin, einen Zentralverband zu gründen, nachkam. Wie war es gekommen? Vor Weihnachten kamen plötzlich mehrere Mädchen ins Arbeitersekretariat. Die" Gnädige" sei jetzt, vor dem Fest, besonders ungnädig. Es sei ein Weihnachtsgeschenk eigentli h ein üblicher Teil des Lohnes, das ihnen die Laune verderbe. Man bittet um einen Artikel in der" Fränkischen Tagespost". Der Vorschlag einer Versammlung fand begeisterte Zustimmung bei den Besucherinnen. Das Sekretariat ruft eine Versammlung ein, man denkt an eine kleine Zusammenkunft, hat 100 Einladungen ausgegeben, es kommen ca. 1000 Frauen. 5 Versammlungen dieser Art fanden -7 -7Sonntagsnachmittags - statt, der Verein wuchs. Auf den Teenachmittagen der Hausfrauen stand nun auch ein neues Thema:" Die Revolution in der Küche". Es fehlte nicht an Versuchen, die Mädchen aus dem Verein zu locken. " Lieber wollen wir eine zeitlang aus der Stellung sein..." sagten viele. Das war zu Beginn des Jahres 1906. Inzwischen war Helene Grünberg auch auf anderem Gebiet weiter sehr aktiv. In einem Bericht heißt es: " Die politische Frauenbewegung wurde am 18.Sept.1906 mit einer Frauenversammlung im Bürgersaal eingeleitet, die als Delegierte zur Mannheimer Frauenkonferenz ( 22. und 23.Sept. 1906)" die Arbeitersekretärin Helene Grünberg wählte. Als sie dann in einer späteren Versammlung Bericht erstattete, wurde sie als Vertrauensperson gewählt. Von der Gründung eines Vereins mußte Abstand genommen werden( Vereinsgesetz), dafür aber wurde das System der freiwilligen Parteibeiträge eingeführt. Die Bewegung machte bald gute Fortschritte, die Zahl der freiwilligen Beitragszahler stieg bald auf 500." In der sozialdemokratischen Frauenkonferenz zu Mannheim 1906 hatte Helene Grünberg Gelegenheit, einen ausführlichen Bericht über ihre Dienstbotenbewegung zu geben. Es war eine gute Ergänzung zu dem Referat von Louise Zietz über die " Landarbeiterfrage". Beide Arbeiterkategorien standen noch unter drakonischem Ausnahmerecht. Das Referat von Louise Zietz war brillant, ausgearbeitet, entwicklungsgeschichtlich, ökonomisch und sozial fundiert, die fleißige Arbeit einer klugen Frau, die aus der Arbeiterklasse aufgestiegen war. -8 - 8- Der Reiz des Vortrags von Helene Grünberg liegt in seiner Unmittelbarkeit zu den Fragen des Tages. Hier konnte man sehen, wie Menschen zu einem geschlossenen Willen, ihre Lage zu verbessern, geführt worden waren. Hier hörten die Teilnehmer der Konferenz, daß man nicht nur wissen muß, wie die Lage der Frauenschicht, der man selber angehört, beschaffen ist, sondern daß es auch möglich ist, eine große Anzahl dieser Frauen zum Bewußtsein ihres Menschentums und zur geschlossenen Selbsthilfe zu führen. Es war die praktische Arbeit und ihre Erfolge, die die Zuhörerinnen so begeisterte. Bayern, Preussen, Braunschweig, Mecklenburg und die anderen: Jedes Land hatte seine Gesinde ordnung wie seine Bestimmungen für Landarbeiter( innen). Es gab keine Versicherung auf gesetzlicher Grundlage, nicht für" Dienstboten", auch nicht für Wasch- und Putzfrauen. Bei Krankheit waren sie vollkommen schutzlos. Der Dienstbote hatte( laut gesetzlicher Bestimmung) im Hause des Dienstherrn auch Kranke zu pflegen, auch ansteckende, aber wenn er selber krank wurde, konnte er entlassen werden. Dafür konnten sich die Dienstboten( wenn sie ihnen hübsch genug waren) auch oft der Gunst des Hausherrn oder des Sohnes" erfreuen" Hierüber sind auch heute noch die alten Statistiken ver0 schiedener Art sehr aufschlußreich. Nur eins hatte der Gesetzgeber vergessen, die Festsetzung der Kündigungsfrist. <-9 -9In der Stadt konnten die Mädchen kurzfristig kündigen, wenn es ihnen nicht gefiel. Auf dem Lande waren ein- bis fünfjährige Kontrakte üblich. Beim Kontraktbruch führte der Gendarm das Mädchen zurück, im Wiederholungsfall gab es Gefängnis, auch die Züchtigungsstrafe war noch erlaubt. Auch in der Stadt war es durchaus nixixitkich noch möglich in kleineren Orten sogar noch üblich " entlaufene Dienstboten" durch die Polizei zurückzuführen. Die Gesinde ordnung bezog sich auf" Dienstboten vom - 7.Lebensjahre" an. - Die Konferenz forderte in einer Entschließung die Abschaffung der Gesindeordnungen und Gesindedienstbücher, verlangte die Anwendung der Gewerbeo rdnung und die Ausdehnung des gesetzlichen, sozialpolitischen Schutzes auf die in Haushaltungen arbeitenden Menschen, die Befreiung von der Pflicht, bei ansteckenden Krankheiten die Pflege zu übernehmen, eine gesetzlich geregelte Arbeitsund Freizeit, Fortbildungsschulunterricht bis zum 18.Jahre und die Aufnahme der Stellenvermittlung in die paritätischen Arbeitsnachweise. Die Dienstbotenfrage brachte in der Folge sehr viel Geschäftigkeit in die sozialdemokratische Frauenbewegung. Die Zentralvertrauensperson( Ottilie Baader) berief im November 1907 eine ausserordentliche Frauenkonferenz nach Berlin ein, die sich noch einmal ganz speziell mit diesem <-10 -10Fragenkomplex beschäftigte. Neben etwa 25 weiblichen Delegierten( meistens Leiterinnen des jungen Vereine) nahmen auch Mitglieder des sozialdemokratischen Parteivorstandes und der Generalkommission der Gewerkschaften daran teil. Es zeigte sich in der Debatte ganz klar, daß die Bewegung nur dort Erfolge haben konnte, wo die sozialistische Frauenbewegung bereits eine gewisse Höhe erklommen hatte. Die zentrale Zusammenfassung der Organisation mit den dazu gehörenden Aufgaben, z. B. eines allgemeinen Dienstvertrages, der Errichtung eigener Stellennachweise( in Ermangelung amtlicher), die Schaffung eines Informationsorgans u.a. waren nach Ansicht der Frauen sehr akut. Eine fünfgliederige Kommission( Sitz Hamburg) sollte diesen Anschluß an die Generalkommission einleiten. Im April 1908 wandte sich diese Kommission an die Zentrale der Gewerkschaften mit dem Ersuchen, mit ihr in dieser Frage zu verhandeln. Am 8.Mai fand eine entsprechende Sitzung statt. Teilnehmer: Mitglieder der Generalkommission, die Frauenkommission, da der Generalkommission schon früher angegliederte Arbeiterinnenkomitee, dazu einige, an der Frage der Dienstbotenorganisation besonders interessierte Genossinnen. Das Resultat war dann, daß Helene Grünberg auf dem GewerkschaftsKongress in Hamburg( 1908) ein ausführliches Referat erstattete und daß dort eine- alles erschöpfende Resolution angenommen wurde, die die Bahn für alle - -11 -1]- organisatorischen Arbeiten für die Selbsthilfe der Dienenden und für die Forderungen nach gesetzlicher Regelung des ganzen Arbeitsgebietes freimachte. Helne Grünberg hatte 1907 durch das Vertrauen ihrer Nürnberger auch die Freude, an der Internationalen sozialistischen Frauenkonferenz in Stuttgart teilzunehmen, wo eine internationale Zentralestelle( Sitz Stuttgart, Clara Zetkin) geschaffen wurde. Auf der Frauenkonferenz ( 1908 in Nürnberg), wo sie Schriftführerin war, gab sie in ihrer Begrüßung einen Abriß der Nürnberger Frauenbewegung mit ihren jahrzehntelangen Versuchen und ihrer endlichen Festigung. Dort wurde auch eine Resolution angenommen, die die Abschaffung der Gesindeordnungen verlagte. Die Frauenkonferenz kam zu folgenden Forderungen in der Dienstbotenfragen: நீல் 1. Abschaffung der Gesinde ordnungen und Gesindedienstbücher 2. Unterstellung der Dienenden unter die Gewerbeordnung. Ausdehnung aller Versicherungsgesetze auf sie. Gewährung eines gesetzlich gesicherten Koalitionsrechtes und Aufhebung der Verpflichtung, Hausangehörige, mit ansteckenden Krankheiten behaftet, zu pflegen. 3. Sinngemäße Anwendung der Bestimmungen über Arbeitszeit und Arbeitsdauer, Sonntags- und Nachtarbeit usw. auf die Dienenden; im besonderen und als Mindestmaß an gesetzlichem Schutz: Einführung eines gesetzlich geregelten Arbeitstages, eines vollen, freien Sonntagnachmittags in jeder Woche und alle 14 Tage einen vollen freien Tag. Für aussergewöhnliche Arbeiten sind Hilfskräfte anzustellen. 4. Einführung des obligatorischen Fortbildungsschulunterrichts auch für die Dienenden bis zum 18.Lebensjahr. 5. Abschaffung der privaten Stellenvermittlung und Einführung von paritätischen Arbeitsnachweisen. -12 - 12- Seit 1906 war sie ständiger Besucher der Parteitage, teils als Delegierte, einige Jahre auch als Mitglied der Kontrollkommission. Dann gehörte sie der deutschen Nationalversammlung an, wo ihr Interesse vornehmlich den sozialpolitischen Fragen für Frauen galt. Auf dem Parteitag und auf der Frauenkonferenz in Kassel( 1920) wandte sie sich leidenschaftlich gegen die Anwendung der Verordnung des Demobilmachungsamtes, nach der die verheirateten Fabrikarbeiterinnen zu tausenden aus der für sie so bitter notwendigen Erwerbsarbeit gedrängt wurden. Sie plädiert für endliche Zulassung der Frauen zu den Gewerbe- und Kaufmannsgerichten, wogegen sich die bürgerlichen Vertreter in der Nationalversammlung( mit vorläufigen Erfolg) ausgesprochen hatten. Nach ihrer Meinung waren die Frauen darauf noch nicht vorbereitet. Helene berichtet über das Nürnberger Schiedsgericht für Hausangestellte( es war mit dem Gewerbegericht verbunden), das nur weiblich besetzt war. Unter dem Vorsitz des am Gewerbegericht in gleicher Funktion amtierenden Richters fällten dort Hausfrauen und Haus angestellte sehr sachlich ihre Entscheidungen. Weiter plädiert Helene für ein einheitliches Haus angestelltenrecht. Heute gibt es keine Organisation der Hausangestellten auf freigewerkschaftlicher Grundlage mehr. Schon nach dem ersten Weltkrieg war kein Boden mehr dafür vorhanden. Die wirtschaftlichen und soziologischen Strukturveränderunge - 13- - 13- waren zu groß, um mit Erfolg Anstrengungen für eine Neuorganisation zu machen. Für das große Heer des nach Stunden arbeitenden Personals sind inzwischen andere Organisationsmöglichkeiten in den Gewerkschaften gegeben. Dann wurde es merkwürdig still um Helene Grünberg. 1923 und 1924 zeigten sich Symptome einer Nervenerkrankung, die man anfänglich für Ermüdung hielt. Aber es war ein ernstes Leiden, das sie 1924 in den Ruhestand zwang. Am 7.Juli 1928 setzte sie diesem Leiden selber durch Freitod ein Ende. Es muß die Aussichtslosigkeit ihres kranken Zustandes gewesen sein, was sie zu dem verhängnisvollen Sprung aus dem Fenster ihrer Wohnung trieb. Existenzsorgen hatte sie nicht, ihre Ruhebezüge aus den verschiedensten Quellen sicherten ihre Bedürfnisse vollkommen. Aus einem der verschiedenen warmen Nachrufe sollen ein paar Worte hierher gesetzt werden: 11... Den Frauen und Mädchen war sie in zahllosen Fällen ein helfender Berater, viele Frauenschicksale wurden ihr offenbart, sie hat immer Mittel und Wege gefunden, ihnen hilfreich zur Seite zu stehen.... So hat sie selbst die Flamme aufgezehrt, die meistens lodernd brannte und die in tausend Herzen neue Flammen entfachte... Benützte Literatur: Protokolle der Parteitage und Frauenkonferenzen Mannheim 1906 Nürnberg 1908 Kassel 1920 - 14- - 14- Paul Barteil: Handbuch der Deutschen Gewerkschaftskongresse ( 1916) Dazu Auszüge aus: Die Nürnberger Arbeiterbewegung von 1868- 1908 von Georg Gärtner Jahresbericht des Nürnberger Arbeitersekretariats 1905 und 1906 Fränkische Tagespost vom Juli 1928 Das Nürnberger Material haben mir freundlich und hilfsbereit der frühere Arbeitersekretär und Kollege von Helene Grünberg, Genosse Hermann Schneider und die Genossin Frieda Wiemer, die mit Helene Grünberg zusammen gearbeitet hat, in Auszügen zur Verfügung gestellt. Sie haben mir beide mit persönlichen Erinnerungen geholfen. Ich schulde ihnen Dank, ebenso wie dem Genossen Julius Lossmann und Martin Treu, die mir hilfsbereit zur Seite gestanden haben. ./. anjans zuerst Gertrud Guilleaume- Schack gestorben 1903 in London Es war/ nicht meine Absicht in diese Reihe sozialistischer Frauengestalten auch Gertrud Guilleaume- Schack aufzunehmen. Aber auf den Spuren unserer Vorkämpferinnen im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts, stiess dieser/ ich immer fort auf das Wirken AXXX warmherzigen, klugen und sehr mutigen Frau, die sich noch dazu ein spezielles Arbeitsgebiet gewählt hatte, das anzupacken in der damakigen Zeit wirklich Mut und persönliche Einsatzbereitschaft verlangte. So werden wir an dieser Frau nicht vorübergehen. Ihre Wirksamkeit-innerhalb der sozialdemokratischen Frauenbewegung- war kurz.Sie konnte nicht länger sein, weil ihre persönlichen Lebensumstände Sie verlor, es ihr nicht erlaubten, in ihrem Geburtslande zu bleiben.XXXXXXXXXXXXX als sie eine Ehe mit einem Schweizer Bürger schloss, ihre Staatsangehörigkeit. Die preussischen Behörden( um 1885) aber dachten garnicht daran, sich die politische Tätigkeit einer" Ausländerin" gefallen zu lassen, noch dazu, wenn diese sich ein Arbeitsgebiet aussuchte, das( nach der Ansicht eines antie Antsanwalts)/" Sitte, Anstand und öffentliche Moraly mit Füssen trat". in ihrer damaligen Weise/ Oder, wenn sie sich als Sozialdemokratin bekannte und den Behörden, die über renden/ die Sicherheit des Staates wachten, unbequem wurde. In welchem Jak d Wir wissen nicht, das Kind in der Familie des schlesischen Grafen Schack geboren wurde und auch nichts darüber, wie Kindheit und Jugend abgelaufen sind. Sie hat- auf einer Reise in die Schweiz- einen Künstler kennen gelernt und geheiratet.Mit ihm ging sie nach Paris. Wir müssen sie uns vorstellen, als lebhafte, warmherzige Frau, mit empfäglichem Geist, aufgeschlossen für Gedanken und Zeitströmungen/ menschliche Not/ und mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit. Das zeigt mitempfindend. C2115 Bas ihr Entwicklungsgang, soweit wir ihm folgen können. In Paris war Gertrud Guilleaume- Schack durch einen Geistlichen( Fallot) auf das französische System der" Reglementierung der Prostitution" aufmerksam gemacht worden, auf dieses grosse menschliche Unrecht, das darin bestand, dass man die sich( aus Not oder irgend welchen immer menschlich- tragischen Gründen) prostituierenden Frauen, unter eine, polizeilich verhängte, gesundheitliche Kontrolle stellte, sie vielfach auch kasernierte, während es --rechtlich und im allgemeinen Bewusstsein selbstverständlich war, dass den Männern, die sich doch der Prostitution bedienten, keine Unannehmlichkeit passierte. Diese gesetzliche Regelung hatte von jeher und in allen Ländern, den Zweck, die Bevölkerung vor Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten zu schützen. Diesen Zweck hat man damit niemals und nirgends erreicht. Die Besimmungene entsprangen aber zugleich auch der tiefsten Verachtung gegen die Frau, auch wenn sie scheinbar- einen Unterschied machten zwischen den" anständigen" Frauen und denen, die ihren Körper verkauften. Schon in der Selbstverständlichkeit, mit der angenommen wird, dass die Prostitution für den Mann vorhanden zu sein hat, birgt viel aufreizendende Ungerechtigkeit in sich. Doch wir 1 derauf verzichten seen, das ganze Problem auf diesem schmalen Raum darzulegen. Wir können es nur- zum besseren Verständnis des Nachfolgenden- andeuten. müssen Frau Gertrid Guilleaume- Schack wurde aber in Paris auch aufmerksam auf die von England ausgehenden Bestrebunganey, die auf eine radikale Aenderung dieser schmachvollen Zustände hinzielten. Mrs Josephine Butler, die Gattin eines englischen Geistlichen, war die erste Frau der Welt, die dieses Schwärzeste Kapitel menschlich- gesellschaftlicher Entwicklung zu einer " Frauenfrage" von höchster Wichtigkeit gemacht hat. Sie nannte später INAX ihre Lebenserinnerungen:" Zur Geschichte eines grossen Kreuszuges". Und sie hat wirklich ein echtes Martyrium durchgemacht: aus Hohn und Spott, Verachtung und Verständnislosigkeit, es blieben der zarten Frau nicht einmal tätliche Angriffe XXX und höchste, persönliche Gefahr erspart. Der mutige XXXXXXXX- von menschlichem Gerechtigkeitsgefühl getragene Einsatz einer seelisch starken und edlen weiblichen Persönlichkeit bewahrte England vor den reglementaristischen Gesetzen, die für die europäischen Staaten ein schmutziger Schandfleck waren. Mrs Butler versuchte es, den 1875 gegründeten" Britischen, kontinentalen und allgemeinen Bund zur Bekämpfung des staatlich- konzessionierten Lasters"( später:" Federation Abolitioniste Internationale") auf die europäischen Länder zu übertragen. Sie hatte Erfolg in Italien, der Schweiz, Dänemark, Schweden, Holland und Belgien, wo bald Zweigstellen entstanden waren.In Deutschland versuchte es Frau Lina Morgenstern, anlässlich des Frankfurter Frauentags 1876.( Veranstalter war der" Allgemeine Deutsche Frauenverein) In einem kleinen geschlossenen Kreis informierte Mme Humbert über den Zweck einer sochen 3. Organisation.Aber der Vorstand des" Allgemeinen Deutschen Frauehvereihs" meinte " dass er seine Entwicklung auf anderen Gebieten nicht durch die Aufnahme dieser Sittlichkeitsbewegung gefährden dürfe.Mit Rücksicht auf seine Mitglieder. Und nach Lage der Dinge überhaupt." Bisher hatten sich in Deutschland nur Kreise der" Inneren Mission" von der charitativen und der seelsorgerischen Seite her, un" gefallene Mädchen" gekümmert, es geschah nichts von einem Standpunkt, der sich gegen die " doppelte Moral" richtete, von der die abolitionistische Bewegung( MrsButler) ausging. 1880 gründete Gertrud Guilleaume- Schack die Organisation," Deutscher Kulturbund" Im" Handbuch der Frau enbewegung, Band I, Seite 77 lesen wir: X " Es war ein gewagtes Unternehmen: eine Frau, die ohne den Schutz einer religiösen Gemeinschaft, von der man KINAK solche Bestrebungen bisher ausgehen zu sehen gewohnt war, auf eigene Hand, öffentlich den Finger auf diese geheine, fressende Wunde zu legen wagte, und das nicht in erster Linie heilend, sondern anklagend und richtend." Hatte sie Erfolg mit ihrem tapferen Beginnen? Von Beuthen aus, das als Zentrale angekündigt war, versuchte sie die erste Arbeit, indem sie in vielen Städten Vorträge hielt. Es gelang ihr, eine Anzahl von Zweigstellen ins Ledieser Art/ ben zu rufen. Eine MIKE Bewegung zu entfachen, zu einer Zeit, in der die öffentliche Meinung noch so wenig darauf vorbereitet ist, braucht Zeit zur Entwicklung.Es war noch sehr still in diesen 11883 Zweigvereinen.Lebendiger ging es schon in Berlin zu, wo eine grössere Anzahl von Versammlungen mit stärkere/ lebhafter Aussprache stattfanden. Ganz zweifellos war es schon die XX Arbeiterinnen/ Vorbereitung der Berliner EXEK, vielleicht die Lektüre des seit 1878 kursierenden Buches: August Bebel" Die Frau", das mit seinem Abschnitt Schriften über die Prostitution einen starken Eindruck machte, auch anderer die während der Zeit des Sozialistengesetzes kursierten, aus denen die Lage des Proletariats und seiner Frauen hervorging und die die Frauen zu einer so lebhaften Teilnahme an allem veranlasste, was sich mit der allgemeinen -und ihrer besonderen- Situation befasste.Gertrud Guilleaume- Schack und mit ihr der ganze Vorstand des Kulturbundes mussten manche, ihnen neue Erfahrungen sammeln. Bei Gertrud führte das dazu, dass sie, später enster 4. zur Sozialdemokratie kam. Diese Erfahrungen waren z.T.sehr böse, aber doch nicht in allen Fällen ganz negativ.Sie hatte, durch ihre VersammlungstätigLund keit viele, sehr hässliche Verdächtigungen unausgesetzte Polizeischikane zu ertragen. 1882 machte man ihr einen unangenehmen Prozess in Darmstadt. Sie wollte dort in einer Versammlung über die ihr am Herzen liegende Frage sprechen. Ihr Auftreten war- wie immer- mass- und taktvoll.So erzählte sie, innerhalb der ersten Viertelstunde, wie sie einem Polizeipräsidenten, im Gespräch, die Frage vorgelegt habe, ob er- wenn ein Mädchen sich bei ihm melde und ihm sage, dass sie zu einem sittlichen Lebenswandel zurückkehren wolle, dieses Mädchen aus der Sittenkontrolle freigeben würde. Die Antwort: Ja, wenn das Mädchen mir, etwa durch einen Zetttel vom Arbeitgeber, beweisst, dass es sich durch Arbeit ernähren will, Guilleaume folgerte aus diese Antwort und aus ihrer Kenntnis der Praxis, dass es ganz in das Belieben der polizeilichen Organe gestellt sei, einen" Beweis" als genügend oder auch nicht genügend anzusehen. Hier erfolgte die Auflösung der Versammlung, der eine Haussuchung bei der Xax Leiterin nach sozialistischen Schriften) auf dem Fusse folgte. Und dann kam ein Prozess, der schliesslich mit einem Freidurch manche/ spruch endete, der aber im Ganzen peinlich war, z.B.4 Zeugenaussagen nun The die die Persönlichkeit der Referentin und ihr Wollen durchaus missverstanden hatten. Die der Angeklagten günstige, Aussagen wurden z.T.in ihr Gegenteil umgewertet. Das" Rotwerden" einer Zeugin bei der Vernehmung, trotz ihrer Aussage, dass der Inhalt des Vorgetragenen ihr durchaus nicht peinlich war, des Gegenteils galt dem Ankläger als Beweis, dass sie die Versammlung doch als peinlich empfunden habe. Der Antsanwalt sagte in seinem Plaidoyer:... man sah Sitte, Anstand und öffentliche Moral mit Füssen getreten...." Im März 1883 ging, als Frucht zweier Versammlungen, vom Deutschen Kulturbund eine Petition an den Reichstag, Sie war eine sehr ausführliche Charakterisierung der bestehenden strafgesetzlichen Bestimmungen und ihrer Anwendung. KAWA Auswüchse wurden mit Beispielen aus verschiedenen Teilen des Reiches belegt. Die Petition schloss mit der Bitte, die Einrichtung der Reglementierung abzuschaffen. Sie widerstreite jedem göttli chen Gebot und menschlichem Gesetz. Es würden dadurch tausende von Frauen · 5 geopfert.Diese Binrichtung würden Männer niemals für sich fordern, aber sie leite das Volk irre, die Sittenbegriffe würden dadurch verwirrt, die Frauen zur Sklavin des Lasters gemacht. Die Grundlage aller Ordnung und Sittlichkeit: Die Achtung vor dem Gesetz und vor der Frau, würde dadurch untergraben.--- Im November 1883 wurde eine Deputation des Kulturbundes-die aus seinem Vorstand bestand- vom Kultusminister Gossler empfangen. Frau Guilleaume- Schack fand dort de Gelegenheit, die Ziele des Kulturbundes zu entwickeln. Der Minister bat darauf um" alle Schriften, die sich auf den Bund und seine Arbeit beziehen" und erhielt sie. Später wendete sich Frau Guilleaume- Schack noch einmal an den Mides Inneren,/ mister/ v.Puttkammer.Es handelte sich dabei um besonders krasse Uebergriffe der Sittenpolizei.Sie bat um Abhilfe und Rücksprache. Der Minister hätte keine Zeit- so hiess es sich mit" dem Anliegen des Vereins" zu beschäftigen.Sie reichte die gleiche Petition dem Kultusminister ein und erweiterte ihre Bitte dahin, das Kultusministerium möge die Einberufung einer medizinischen Kommission zur Prüfung der allgemeinen Gesundheitsverhältnisse veranlassen. Sie weist in dieser Petition darauf hin, dass von 96 strafgefangenen Mädchen im Alter von 10-15 Jahren allein 42 sich unter sittenpolizeilicher Kontrolle befänden und dass sich in der Charité drei an Syphilis erkrankte, eingeschriebene Mädchen unter 16 Jahren befänden. Sie verweist auch auf die Ungerechtigkeit, dass die Sittenpolizei angewiesen wurde, ein scharfes Auge auf den" ärmeren Teil der weiblichen Bevölkerung" zu haben und dass sich ein zu Unrecht- verdächtigtes Mädchen nur durch eine negativ ausfallende, ärztliche Untersuchung von dem Verdacht der Prostitution reinigen könne, auch dann, wenn die Eltern für ihr Kind einstehen. KAWAKEXXXX Der Verdacht, dass XXXXXXXXXXXXXXXXXXgung der" Deutsche Kulturbund" mit den Sozialisten Hand in Hand gehe, trat bei den polizeilichen Verfolgun gen öfter zutage.Wohl hat Frau Gertrud Guilleaume- Schack, besonders bei den Berliner Versammlungen( 1883), wir sprechen bei Emma Ihrer davon) erkennen müssen, dass ihr aus den Kreisen der Arbeiterinnen das grössere Verständnis und viel Aufgeschlossenheit begegnete. 1885 bekennt sich Gertrud offen zur Sozialdemokratie.Mit ihr tut es Fran 6. Marie Hofmann, eine gebildete Frau aus dem Bürgertum, sie war die stellvertretende Vorsitzende im Deutschen Kulturbund. Beide gehörten dann zu den treibenden Kräften, die zu einem vereinsmässigen Zusammenschluss der ArbeiteXXXXXXXXX rinnen drängten. XXXXXXXXW** X* und dabei mithelfen. In der Form und Tendenz schwebte ihnen der von der Polizei aufgelöste Arbeiter- Frauen- und Mädchenverein( von 1873-77) vor, natürlich unter Anwendung der inzwischen erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen. Was wichtig war: Die Frauen Ihrer, Staegemann, Cantius, Wabnitz, Rohrlack u.a. hatten die beiden Frauen in den Debatten ganz davon überzeugt, dass die Prostitution, diese ebenso wie die/ tiefe Erniedrigung für das weibliche Geschlecht, IE/ verbogenen Anschauungen darüber und die schlimmen Auswüchse der Organe für Gesetz und Ordnung eng und Organisierung/ mit der Wirtschaftsgestaltung und der Entwicklung/ der menschlichen Gesellchaft zusammen hingen. Und dass es eine Frage der Organisierung der Lohnarbeit für die Frauen und eine Ausgestaltung der sozialen Gesetzgebung sei, nach der sich die allgemeine Lage der Frauen, ihre moralische Widerstandskraft, ihre kulturelle Entwicklung gestalten würde. So wurde unter sehr günstigen Vorzeichen der" Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen" gegründet.( siehe auch Pauline Staegemann und Emma Ihrer) Man hätte Gertrud Guilleaume sehr gerne als Vorsitzende gehabt. Es musste eingesehen werden, dass sie als schweizerische Staatsangehörige und bei der polizeilichen Aufmerksamkeit, die sie schon genoss, XXX das aicht zu empfehlen war. Man machte sie zur Ehrenpräsidentin. Das widerstrebte diente dem Verein als Mitglied ihr.Sie XXXXXXXXXXXXXXXXX mit ihrer ganzen Kraft und Hingabe Der Verein lebte nicht lange, er wurde ein Opfer des Gesetzes, das gegen Arbeiterinnen un vieles schärfer angewendet wurde, als gegen die Gründungen der guten Bürgerinnen.- Die Arbeiterinnen waren wieder ohne Mittelpunkt.XXX Sie fanden als notdürftige, illegale Zuflucht die 1884 entstandene" Zentral- Kranken- und Sterbekasse für Frauen und Mädchen", die in Offenbach ihrem Sitz hatte und viele Zweigstellen unterhielt, so auch in Berlin. Mit Hilfe d dieser Organisation war es für Gertrud Guilleaume-Schack möglich, für kurze Zeit eine Zeitschrift," Die Staatsbürgerin" herauszugeben, als Bindeglied und Informationsorgan. Es war die erste Zeitung der Arbeiterinnen, sie wird als Vorläuferin der" Gleichheit" bezeichnet. Es erschienen 24 Nummern.Im Juni 1886 wird der Name der Zeitung aus der Postzeitungsliste Die Kranken gelscht. und Begräniskasse, die erste in Deutschland, in der die Frauen mitbestimmen konnten, konnte sich bis über das Sozialistengesetz hinaus halten. Gertrud Guilleaum's Wirken ist auch in der Schweiz bemerkbar.Von dort wurde gemeldet, dass die Arbeiterinnenvereine infolge einer schweren Wirtschaftskrise( nach einer Blüte der siebziger Jahre zusammengeschmolzen waren. An dem Wiederaufleben der Bewegung im Jahre 1885 sei Gertrud stark begewesen. teiligt Nachdem ihr jede Möglichkeit eines fruchtbaren Wirkens Jahre) er in Deutschland genommen war, ging sie schliesslich nach England. Der Deutsche Kulturbund stellte nach ihrem Fortgang ebenfalls seine Tätigkeit ein, löste sich auf. Sein Vermögen fiel den von ihm ins Leben gerufenen Anstalten zu. Das Haus, das Gertrud in England bewohnte, soll eine Zufluchtsstätte für Waisen gewesen sein. Sie hat uns manche Lehre hinterlassen. Sie war Bahnbrecherin auf einem Gein Deutschland biet, das ohne ihren Mut XXIKK vorläufig nicht in Angriff genommen worden wäre.Sie hat uns bewiesen, dass man niemals still stehen, immer lernen, fortschreiden. und an sich arbeiten muss, + ++ Bebel im Wahlkampf zur dritten Reichtagswahl am 21 Februar 1887 " Die Sozialdemokratie, welche die Armut abschaffen und jedem eine menschenwürdige Erziehung sichern will, schafft auch die Prostitution ab und rettet das Weib aus der heutigen Prostitutionswirtschaft sie die Frau als gleichberechtigt dem Mann anxie Seite stellt. inden + + + Marsch Bebel zeigt damit nur einen Zustand auf und weist ein Ziel.Den Weg dahin hat sich die Arbeiterschaft die Frau suchen müssen. Heute sind wir noch immer nicht am Ziel, aber der hinter uns liegende Xx zeigt uns auch den weiteren Weg in die Zukunft. 34 Literatur August Bebel, Die Frau und der Sozialismus, Verlag J.H.W. Dietz Nachf.Berlia SW Ottilie Baader, Ein steiniger Weg, Verlag J.H.W.Dietz, Nachf.1921 Anna Blos, Die Frauenfrage im Licht des Sozialismus, Verlag Kaden u.Co.Dresden 1930 v.Zahn- Harnack, Die Frauenbewegung, Geschichte, Probleme, Ziele Deutsche Buchgemeinschaft Berlin, 1928 Hilde Lion, Zur Soziologie der Frauenbewegung, Herhig, Verlagsbuchhandlung, Berlin 1928 Gertrud Hanna ( 1876- 1944) Im" Internationalen Handbuch des Gewerkschaftswesens" ist zu lesen: " Hanna, Gertrud, Mitglied des Preussischen Landtages, Leiterin des" Zentral- Arbeiterinnen- Sekretariats" im" Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund", wurde am 22. Juni 1876 in Berlin geboren. Sie wurde nach dem Schulbesuch Buchdruckerareihilfsarbeiterin und schloss sich dem freigewerkschaftlichen Verband dieser Arbeiterinnen an, der sie bereits als" Einundzwanzigjährige" in seinen Hauptvorstand wählte. 1907 wurde sie dann die erste besoldete" Sekretärin des Arbeiterinnenkomitees", das von den Gewerkschaften ins Leben gerufen worden war. Als solche berichtet sie auf vielen Gewerkschaftskongressen. Stets fand sie durch die anmutige Sachlichkeit ihres Auftretens die Aufmerksamkeit der weit überwiegend aus Männern bestehenden Spitzenverbandstagungen. Seit 1916 war ihr die Schriftleitung der " Gewerkschaftlichen Frauenzeitung" übertragen und nach dem riege wurde sie Preussische Landtagsabgeordnete der Sozialdemokratischen Partei. Was für ein Mensch war Gertrud Hanna? Sie neigte zur Schwermut, war stets in Gefahr, sich von menschlichem Verkehr abzusondern. Die Arbeit für die Allgemeinheit brachte sie in dauernden, ununterbroche nen Kontakt mit geistig lebhaften Menschen und bewahrte sie lange vor diesem Versinken in die Einsamkeit. Dabei konnte sie aber auch recht lebensfroh sein, wobei sie einen feinen, klugen Humor entwickelte. Die moderne psychologische Wissenschaft lehrt uns, daß Erlebnisse der Kindheit ein ganzes Menschenleben beschatten können. Das wurde mir bei Gertrud Hanna oft recht deutlich bewußt. - 2- - 2- Nicht jeder Beobachter konnte das eehen. Aber wem sie einmal in vertrauter Stunde einen Blick in ihr inneres gestattete, war tief erschüttert. Bei der Zurückhaltung und Sprödigkeit ihrer Natur war das ein sehr seltener Vorgang, der aber dadurch nur desto stärker und nachhaltiger wirkte. Man vergaß es nie wieder. Die Mutter von Gertrud war unter einem bösen und harten Schicksal in Armut und Sorge selber sehr hart geworden, viel zu hart für ein besonders weiches und liebebedürftiges Kind, das die Lieblosigkeit viel stärker noch als den leiblichen Hunger empfand, unter dem die Familie ständig litt. Die Mutter lie- ß die Kinder entgelten, was das Schicksal ihr auferlegt hatte. Vom Vater sprach Gertrud wenig, ihr Erinnerungsbild schien von ihm nicht viel bewahrt zu haben. Es scheint aber auch nichts dagewesen zu sein, was sich dem Kindergemüt als besonderes Unrecht eingeprägt hatte. Früh, sehr früh ging es in die Erwerbsarbeit, mit 14 Jahren ist Gertrud Buchdruckereihilfsarbeiterin. Und sehr bald wird sie auch von dem gewaltigen Strom erfaßt, der die Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse, dieser Zeit so stark anzog. Das Wort" Sozialismus" wirkte wie ein strahlendes Licht, und die Bestrebungen der Gewerkschaft, die sich so bewußt der am meisten ausgebeuteten Schichten der arbeitenden Bevölkerung annahmen, stießen bei dem ernsthaften und intelligenten jungen Mädchen auf größte Empfänglichkeit. Das Charakteristikum von Gertrud Hanna war: Klugheit, Zurückhaltung, Fleiß, eine bei Frauen nicht zu häufig zu findende - 3- - 3- Sachlichkeit neben Bescheidenheit und Gründlichkeit. Das eingangs erwähnte" Arbeiterinnenkomitee" war schon frühzeitig von der" Generalkommission der Gewerkschaften" bestätigt worden. Es war aus der Initiative von bewußten Berliner Arbeiterinnen hervorgegangen. Der vierte Kongress der Gewerkschaften in Stuttgart( 1902) hatte einen Antrag angenommen, wonach die Bildung einer besonderen, aus Frauen bestehenden Agitationskommission gewünscht wurde, die unter der Aufsicht und Förderung der Generalkommission arbeiten sollte. In seinem Rechenschaftsbericht an den nächsten Kongress 1905 in Köln konnte der Vorsitzende der Generalkommission der Gewerkschaften, Carl Legien, berichten: " Wir haben die Agitation unter den Arbeiterinnen dadurch zu fördern geglaubt, daß wir einem" Frauenagitationskomitee", das sich in Berlin aus seit vielen Jahren in der gewerkschaftlichen Agitation tätigen Frauen gebildet hatte, einen Raum in den Büroräumen der Generalkommission zur Verfügung stellten Dieses Komitee, sozusagen in der Stille wirkend, machte sich aber doch schon auf diesem Kongress und in der Folge kräftig bemerkbar. Seine Anregungen wurden stets berücksichtigt. Daß ihm seine Existenz in dieser dunklen Zeit unter den Fittichen der Gewerkschaften ermöglicht wurde, ist ein gutes Zeugnis für den fortschrittlichen Geist und die Einsicht der leitenden Männer. So konnte Gertrud bei der Übernahme des Sekretariats 1907 schon an eine Tradition anknüpfen, als die Zeit für eine freigestellte, besoldete Kraft, die sich nun ganz der Arbeit widmen konnte, gekommen war. Ihr kam auch - 4- - 4- die fast ein Jahrzehnt praktische Arbeit und Erfahrung zugute, die sie an der Spitze des" Verbandes der Buchdruckereihilfsarbeiterinnen" hatte sammeln können. So war sie von frühester Jugend her in diese Arbeit hineingewachsen. Wenn wir ihr so oft auf den sozialdemokratischen Parteitagen und Frauenkonferenzen begegnen, so lag das neben der großen Anerkennung, die sie überall genoẞ auch an der Eigenart - - der proletarischen Frauenbewegung in ihrer Frühzeit.( Von der Mitte der sechziger Jahre bis zum Beginn des XX.Jahrhunderts). Die Frauen der Arbeiterklasse lernten es zwar bald, zwischen Partei und Gewerkschaft zu unterscheiden, aber es wurde- aus der Sache heraus selbstverständlich, daß man" Hand in Hand" miteinander arbeitete. Die ständig wachsende Frauenerwerbsarbeit war die Ursache und der treibende Motor für die Frauenbewegung. Aus ihr erwuchsen aber auch die umfangreichen, sozialen Probleme, mit denen die Gewerkschaften täglich in Berührung kamen, die auch der Sozialdemokratie die starken Motive für ihre" orderungen an die Gesetzgebung gaben und sie auch veranlaßte, das politische Bewußtsein der Frauen dauernd zu stärken und zu schulen. Die Notwendigkeit der Verständigung beider Flügel der Arbeiterbewegung besonders auf dem sozialpolitischen Gebiet ergab sich von selbst. Durch diese Schule war Gertrud Hanna gegangen, ihre Tradition war auch später immer deutlich spürbar bei allem, was sie tat und sagte. So war es selbstverständlich, daß sie sich niemals besonnen - 5- 1 . -5hat, wenn sie gebeten wurde, der sozialdemokratischen Frauenbewegung mit ihrem Wissen, mit ihrer Erfahrung, mit ihrem Einfluß zu nützen. Und wir vergaßen niemals, sie um Rat und Hilfe zu bitten, wenn es galt, der Frauenbewegung auf breiter Ebene zu dienen. endlich ganz entschlossen So standen wir kurz vor dem Ende des Krieges( 1914-18) zusammen in den Sophiensälen in Berlin, in jener, viel zu wenig im Bewußtsein gebliebenen Kundgebung der Frauen aller Richtungen, in der sie alle und infolgedessen geschlossen für die volle politische Gleichberechtigung eintraten. Das Gewicht der Vertreterin des Arbeiterinnensekretariats mit der Generalkommission der freien deutschen Gewerkschaften im Rücken, wurde von den Vertreterinnen der bürgerlichen Verbände sichtlich stark empfunden und sehr begrüßt. Dieser Kundgebung vor der Öffentlichkeit war einige Tage vorher ein Brief dieser Frauen aller Richtungen an den Reichskanzler und seinen Vertreter vorausgegangen, an dem auch Gertrud für das Frauensekretariat mitgearbeitet und den sie unterzeichnet hatte. Darin wurde die Notwendigkeit des allgemeinen und gleichen Frauenstimmrechts begründet und um eine Unterredung nachgesucht. Reichhaltig war die Arbeit Gertruds in der Kriegszeit. Sie wirkte bei der Vorbereitung der Arbeit sozialdemokratischer Frauen und in den Gewerkschaften mit, sowie im " Ausschuss für Frauenarbeit während des Krieges". - 6- . -6Als es der damaligen Reichsregierung klar wurde, daß ein starker Fraueneinsatz in der Kriegsindustrie nicht so einfach möglich war, hatte man eine Frau, Dr.Marie Elisabeth Lüders, vom Kriegsamt als Referentin für diese Fragen berufen. Bei aller akademischen Bildung hätte sie ohne die sachkundige Hilfe von solchen Frauen wie Gertrud ihre Aufgabe nicht lösen können. Die Arbeit in der Kriegsindustrie zwang ja die Frauen nicht nur tagsüber aus dem Hause heraus. Sie mußten in der Nacht und zum Teil am dritten Ort arbeiten, diese Möglichkeiten waren nur durch umfassende soziale Maßnahmen zu schaffen. Die Familien( Kinder, Alte) mußten versorgt werden, die Frage des Schutzes keimenden Lebens und die Sorge für die Mütter rückte den Herren in der Regierung, denen die Notwendigkeit der Lösung dieser Fragen bisher so weltenfern lag, bedenklich nahe. Ihr reaktionärer Instinkt witterte hinter den Augenblickmaßnahmen sehr wohl die sozialpolitische Forderung der Zukunft, gegen die sie sich ach so gern- abschließen wollten. 1916, als die politischen Meinungsverschiedenheiten zur Frage der Kriegskredite auch die Frauen stark ergriffen hatten und die damalige" Gleichheit" von vielen Frauen nicht mehr akzeptiert wurde, wurde die" Gewerkschaftliche Frauenzeitung" gegründet. Bis dahin war das Blatt der sozialistischen Frauenbewegung, das die vielseitigen Erscheinungen der Frauenerwerbsarbeit geschickt und ständig behandelt hatte, von den gewerkschaftlich organisierten Frauen gern gelesen worden. Nun aber we Ruf nach einer der " eigenen" Frauenzeitung recht dringend. Gertrud beauftragt - dazu redigierte diese neue Zeitung. Jede Nummer - 7- . . -7war eine gediegene Leistung, brachte eine Fülle von Nachrichten, von Betrachtungen über alle mit der Frauenerwerbsarbeit zusammenhängende Probleme und kam zu Schlußfolgerungen, die sich auch zu Forderungen verdichteten oder doch den Weg dahin wiesen. Alles war hieb- und stichfest, so daß man sich immer darauf verlassen konnte. 1917, als in den Räumen des Parteivorstandes in Berlin eine ausserordentliche Frauenkonferenz tagte, sprach Gertrud Hanna zu den fünfzig aus allen Teilen des Reiches kommenden Frauen über " Frauenarbeit und Krieg". Der Weltkrieg tobte noch, sein Ende war noch nicht zu sehen. Es galt in dieser Konferenz, die durcheinandergeschüttelte, sozialdemokratische Frauenbewegung wieder zusammenzufassen, sich auf einem sachlichen Boden zu finden und die Weiterarbeit zu organisieren. Kurz vorher war im Verlag für Sozialwissenschaft eine kleine, gediegene Broschüre von Gertrud Hanna erschienen, die den gleichen Gegenstand behandelte. Friedrich Ebert, damals Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei, hat mir bei der Vorbesprechung über die Abhaltung rinrt Frauenkonferenz geraten, Gertrud um dieses Referat zu bitten. Ihre sachlich gute Betrachtung aller Realitäten des damaligen Frauenlebens, so ruhig und klar vorgetragen, trug sehr viel zum Gelingen unserer Absichten bei. So war es selbstverständlich, daß der Parteivorstand später gerne unseren Vorschlag akzeptierte, auch auf der ersten Frauenkonferenz nach dem Kriege( 1919 in Weimar) Gertrud über" Frauenarbeit und Frauenschutz" sprechen zu lassen. Wie ich auch in diesem Zusammenhang betonen wi 11, - 8- . -8daß sich Gertrud bei den Mitgliedern des Sozialdemokratischen Parteivorstandes uneingeschränkter Achtung und Anerkennung erfreuen konnte. Ob ihr das jemals so ganz zum Bewußtsein gekommen ist? Ich weiß es nicht. Doch für das, worum es uns auf dieser Frauenkonferenz ging, war Gertrud die rechte Persönlichkeit: Die Situation der Frauen, die auf Erwerb angewiesen waren, war in der Demobilisierungsperiode sehr kompliziert und verwickelt. Man hatte während des Krieges die Frauen mit allen Mitteln in die Erwerbsarbeit hineingezogen, hatte ihnen die Arbeit gewissermaßen zur vaberländischen Pflicht gemacht. Nun wurde es ihnen als im allgemeinen Interesse liegend dringend empfohlen, den Arbeitsplatz wieder zu verlassen, um den heimkehrenden Männern Platz zu machen. Und die Demobilmachungsverordnungen bestimmten auch über die Entlassung weiblicher Arbeiter. Soweit sich das mit den eigenen Möglichkeiten deckte, waren natürlich viele Frauen froh, sich endlich wieder ihrem Zuhause widmen zu können, sie hatten unter der dreifachen Belastung schwer genug gelitten. Aber vielen Frauen erlaubte es ihre wirtschaftliche Lage nicht, vom Arbeitsmarkt zurückzutreten. Die allgemeine Verarmung war zu groß, naturgemäß strebten die Familien auch wieder in den Status des Lebens zurück, der vor dem Kriege da war, ganz abgesehen von den Kriegerwitwen, den Frauen der Invaliden und Kranken, den unverheirateten Frauen, die alle auf Arbeit angewiesen waren. Bei vielen Frauen waren auch die psychologischen - 9- . - 10- Wirkungen der jahrelangen wirtschaftlichen Selbständigkeit nicht ausgeblieben. Die aufgeblasene Kriegswirtschaft aber war nun plötzlich zusammengeschrumpft, der Neuaufbau der Wirtschaft konnte nicht so schnell folgen, die Kriegsteilnehmer waren zurückgeströmt und verlangten mit Recht ihre alten Arbeitsplätze, kurzum, viele Frauen, aus inneren und äusseren Gründen auf Arbeit angewiesen, standen mitten im Konkurrenzkampf und fühlten sich wie auf einem Schachbrett als Figuben hin- und hergeschoben. Der Begriff des " Rechtes auf Arbeit" war allgemein noch nicht so anerkannt. Zu all dem kam die dringende Notwendigkeit, den Schutz der Arbeit für die Frauen auszubauen und gesetzlich zu befestigen. Das alles war Grund genug, gerade Gertrud Hanna um dieses Referat zu bitten. Was an Klarheit zu gewinnen möglich war, das hat sie uns gegeben, wir konnten mit ihr und untereinander diskutieren und das schwierige Problem mit neuer Kraft angehen. 1922. In Hamburg( Internationaler Sozialistischer Arbeiterkongress) fanden sich auch die Frauen wieder auf der internationalen Basis zusammen. Wir baten Gertrud, dem Komitee beizutreten. Im Sommer 1927 hatte ich die Freude, als Gast an einer internationalen gewerkschaftlichen Frauenkonferenz in Paris teilzunehmen, sie war der Vorläufer des großen Internationalen Gewerkschaftskongresses. Gertrud Hanna hielt das Referat über" Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Frauenerwerbsarbeit". Klar, sachlich, <-10 ● . - 10- beleuchtete sie das ganze Problem. Inzwischen hatte sich manches gedanklich geklärt und Ideen befestigt. Sie fürchtete sich nicht, auch Dinge zu sagen, die der eine oder andere nicht so gern hören mochte. Weil sie es in ihrer klugen, sachlichen Art sagte, nahm auch niemand Anstoß daran, und es war unwiderlegbar. Meisterhaft abgefaßte Leitsätze lagen dem Referat zugrunde. Die dazu gehörende Resolution wurde später vom Kongress zu seinem Beschluß gemacht. Wir müssen wissen, daß hinter so einem gediegenen Referat schon eine Lebensleistung stand. Nicht nur die fleißige Arbeit von ein paar Stunden, nicht eines Tages, nicht einer Nacht. Man fühlte, daß dahinter ein Leben stand, in dem, neben der natürlichen Klugheit, der Fleiß, die Erfahrung, die ständige Selbstüberprüfung dauernd zusammengewirkt hatten. Ueberall stoßen wir beim Nachlesen von Gertruds Vorträgen und Artikeln auf die Spuren dieser Intensität. Das Problem der" Doppelverdiener" machte den Gewerkschaften, ebenso der Partei bei ihren parlamentarischen Arbeiten, aber auch in der Presse, viel zu schaffen. Der Begriff wurde oft vollkommen falsch überall dort angewendet, wo es den Gegnern, den Ministerien, den anderen amtlichen Stellen in ihr Rezept paßte. In der Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes" Die Arbeit" und an anderen Stellen führte Gertrud alles auf den richtigen Nenner zurück. Sie wurde den - 11- . - 11- Frauen volkswirtschaftlich, sozial und auch psychologisch gerecht. Wir schrieben das Jahr 1931. Die Wirtschaftskrise wütete und warf die arbeitenden Menschen aufs Pflaster. Gertrud schreibt: 1 Es ist selbstverständlich, daß in einer Zeit, in der etwa 16 von 100 der 1925 als erwerbstätig gezählten Menschen arbeitslos sind und ein anderery erheblicher Teil nicht voll beschäftigt ist, nach Mitteln und Wegen gesucht wird, um die Arbeitslosigkeit einzuschränken.." In sorgfältiger Sucharbeit ging sie dann allen Äusserungen von Personen und Organisationen aller Schattierungen zu dieser Frage nach, befaßte sich nachdenklich und kritisch damit, um dann zu dem Schluss zu kommen, daß die Menschen sich von solcher Art Kampf gegen eine Personengruppe ( nämlich die verheirateten Frauen), deren Mitglieder, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zwangsläufig erwerbstätig seien, endlich freimachen sollten. Sie sagte: " Der Kampf gegen die Erwerbsarbeit der verheirateten Frauen ist undurchdacht, unzweckmäßig und unsozial. Es muß bei allen, die ihn objektiv verfolgen, das bedrückende Gefühl auslösen, daß hier Energie verschwendet wird, die einer besseren Sache würdig wäre." - Frauen Es beschäftigt sie( 1927) wieder einmal die" Open- Door- von wenigen Ausnahmen abgesehen Bewegung". Es sind aus höherer Lebens- und Bildungsschicht, die aber Einfluß haben, die, ihrer persönlichen Situation entsprechend und dem Zuge der Zeit folgende, sich im öffentlichen Leben und im Beruf eine Position und auch einen Lebensinhalt suchten. -12 - 12- damals Was für die die im freien geistigen Beruf standen nicht akut war( der gesetzliche Ausbau des Arbeiterinnenschutzes), das verallgemeinerten sie und übertrugen diese Ansicht auf die gesamte Frauenerwerbsarbeit:" Kein besonderer sozialpolitischer Schutz für Frauen, weil das den Anspruch auf Gleichberechtigung vermindert oder zerstört!" So lautete es in allen Variationen, so wurde es mit der ganzen Kraft einer geschulten Dialektik vertreten. Und es war ein Vergnügen zu beobachten und nachzulesen, wie Gertrud, die aus den ärmsten Schichten hervorgegangene Frau, die sich alles Wissen autodidaktisch hatte erwerben müssen, mit dieser ganzen Argumentation fertig wurde, nicht demagogisch, sondern in ernstem Arbeiten und Durchdenken des Problems. Sachlich würdigt sie auch die Arbeit anderer, wenn sie z.B. ein Buch von Helene Simon über" Kinderarbeit auf dem Lande" bespricht. Man merkt, daß ein sachkundiger Mensch dieser Arbeit gerecht wird. So kann es nur jemand tun, der um die Dinge weiß und mit Liebe und Sachkunde urteilt. Oder es ist das damals akute Thema der" Fabrikpflege". Wir sind erstaunt über den klaren Blick, die Unbestechlichkeit und die Nüchternheit, die sie sich in ihrer Arbeit und Verantwortlichkeit erworben hat. In der Zeitschrift" die Arbeiterwohlfahrt" hat sich Gertrud über die sozialen Probleme der verschiedensten Art sachkundig geäussert. Auf einer bevölkerungspolitischen Tagung der " Arbeiterwohlfahrt"( September 1926) teilte sich Gertrud - 13- -13mit Dr. Julius Moses in der Behandlung des Themas:" Schutz der schwangeren Arbeiterin im Betriebe". Sie gab dort als Gewerkschaftlerin, als Berufsfrau für ihre Schwestern die Ergänzung zu dem, was der Arzt über diese Frage sagen konnte: " Aber selbst die Aussicht, daß tatsächlich den Frauen die Gelegenheiteur Erwerbung des Lebensunterhalts durch besondere Schutzbestimmungen für Frauen beschränkt werden, darf uns nicht abhalten, für wirksameren Frauenschutz, als wir ihn heute haben, einzutreten. Unsere Bestrebungen.. müssen Hand in Hand gehen 9 mit der Propaganda auf andere Bewertung der Mutterschaftsleistung durch Staat und Gesellschaft Versprechen Sie sich aber nichts von den Forderungen auf Verbot der Arbeit von Frauen an Maschinen... die Gesundheitsstörungen erwarten lassen, die jetzt so oft laut werden... Die Forderung:" Befreit die schwangere Frau von der Erwerbsarbeit", die von Ärzten ausgesprochen worden ist, darf bei der Übertragung auf die Braxis nicht lauten: " Nehmt den verheirateten oder auch nur den schwangeren Frauen, die auf Erwerbsarbeit angewiesen sind, die Gelegenheit hierzu in den Betrieben, ohne ihr ein angemessenes Existenzminimum zu sichern." Gertrud Hanna gekannt zu haben, ist neben der glückhaften eine sehr schmerzliche Erinnerung. Niemand schien bis vor kurzer Zeit um ihre letzte Lebenszeit etwas ganz Sicheres zu wissen. Der Nationalsozialismus nahm ihr die Möglichkeit zu arbeiten, nahm ihr die Existenz. Ein Menschnleben, das so wenig für sich, immer für andere da war, immer für andere da war, sollte für uns, die wir sie liebten und schätzten, so spurlos untergegangen sein? Nach langen, mühevollen Nachforschungen ist es den Freunden gelungen festzustellen, daß Gertrud zusammen mit ihrer Schwester Antonie am 26.2.44 den Freitod gesucht und gefunden hat. Es hatten- vor Hitler noch zwei Schwestern von Gertrud Hanna existiert. Sie hatten zu Beginn der Hitlerzeit in ihrer - 14 <- 14Wohnung einen Selbstmordversuch unternommen, wobei eine der Schwestern starb. Mit der überlebenden Schwester lebte nun Gebtrud zusammen in Berlin- Haselhorst. Sie schlugen sich mühselig mit Flickarbeiten durch. Wie es scheint, hat man Gertrud auch noch mit" Verhören" gequält, jedenfalls hat man sie auch noch gezwungen, in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt( NSV) zu arbeiten. Das alles scheint sie reif gemacht zu haben, mit ihrer noch mehr dafür prädestinierten Schwester Antonie diesen letzten Schritt zu tun. Uns bleibt das quälende Bewußtsein, daß diese- schon an sich zur Einsamkeit hingezogene - Frau in ihrer letzten Lebensnot entsetzlich einsam und verlassen gewesen sein muß. Die Lebensleistung von Gertrud Hanna trägt der heutigen und künftigen Frauengeneration die goldenen Früchte. LITERATUR " Internationales Buch des Gewerkschaftswesens", Verlag der Gewerkschaftskommission der Gewerkschaften Deutschlands Emma Ihrer:" Die Arbeiterin im Klassenkampf Verlag der Gewerkschaftskommission der Gewerkschaften Deutschlands, Hamburg. Paul Barthel: Handbuch der deutschen Gewerkschaftskongresse, Verlag Kaden& Co., Dresden Paul Umbreit: 25 Jahre Deutscher Gewerkschaftsbewegung, Verlag der Generalkommission deutscher Gewerkschaften, Berlin 1915 - 15- - 15- Karl Zwing: Geschichte der deutschen Gewerkschaften, Verlagsbuchhandlung Jena Anna Blos: Die Frauenfrage im Lichte des Sozialismus, Verlag Kaden& Co., Dresden Gedruckter Vortrag von Gertrud Hanna, gehalten auf der Internationalen Frauenkonferenz 1927 in Paris Protokoll der Tagung der Arbeiterwohlfahrt über Sozialismus und Bevölkerungspolitik. 1926 in Jena( Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt). . Luise Kautsky ( 1864- 1944) Wenn Männer wegen ihrer Lebensleistung anerkannt, manchmal auch gefeiert werden, pflegen sie oft zu antworten, daß ihre Arbeit nur mit dem Beistand und der Kameradschaft ihrer Lebensgefährtin getan werden konnte. So s chrieb es Karl Marx an Wilhelm Liebknecht, so hörten wir es an seinem siebzigsten Geburtstag von August Bebel, als er von seiner Julie sprach. So wissen wir es von dem sozialistischen Wissenschaftler und Schriftsteller Karl Kautsky, der uns Jungen von damals erst Karl Marx und den Sozialismus so nahe brachte, daß wir ihn verstehen konnten, Alle, die wir uns zu Ende des neunzehnten und in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts abmühten, um in die sozialistische Ideenwelt einzudringen, standen auf den Schultern von Karl Kautsky. Auch die, die ihn nicht oder nicht in allem anerkennen wollten, hatten sich zuerst einmal mit dem vertraut zu machen, was er uns berichtete. Wir wollen feststellen, daß die Frau des so intensiv arbeitenden, so oft angegriffenen Schriftstellers, der noch dazu nicht von robuster Gesundheit war, schon sehr viel geleistet hätte, wenn sie nur um diesen Mann herum eine ruhige und ungestörte, harmonische Atmosphäre geschaffen hätte, in der allein er so hätte arbeiten können, wie es geschah. - 2- - 2- Das allein hätte die Frau von Karl Kautsky um die Arbeiterbewegung verdient gemacht. Aber sie beschränkte sich nicht darauf, ihrem Mann eine gute, besorgte Hausfrau und die geliebte und liebende Mutter ihrer beiden Söhne zu sein. Sie war ihm die kameradschaftliche Mitarbeiterin. Mit ihr konnte er seine Ideen und Pläne besprechen. Friedrich Adler sagte von ihr: " Auf Theoretischem und literarischem Gebiet fühlte Luise sich stets als Sekundantin Karl Kautsky's und sie war wirklich eine brillante Sekundantin. Er schätzte ihr Urteil überaus hoch, sie war stets die erste, an der er die Überzeugungskraft seiner Artikel, Broschüren und Bücher erprobte." Um das ganz verstehen zu können, müssen wir wissen, daß es sich jahrzehntelang- bis zu Hitler - • keine deutsche Universitätsbibliothek hätte leisten können, ein Werk von Karl Kautsky etwa nicht anzuschaffen. Es waren also keine geringen geistigen Anforderungen, die an den weiblichen Kameraden gestellt wurden. Luise Ronsperger, am 11. August 1864 in Wien geboren, war schon zur bewußten Sozialistin erwacht, de sie Karl Kautsky kennen lernte. Es ist schade, daß sie niemals ihre Autobiographie geschrieben hat. Nach den wenigen Anfangsblättern, die ihr Sohn Benedikt uns- zusammen mit den Briefen Rosa Luxemburgs an Freunde zugänglich gemacht hat, wäre es sicher ein reizvolles Buch geworden, zu dem die Freundin Rosa die Anregung gegeben hatte. Sie hatte die Absicht gehabt, sich ratgebend zu beteiligen. Das Schicksal wollte es anders. Luise Kautsky sagt selber von ihr:" In ihrem Wesem lag es, auch von dem, was für sie nach ernster Arbeit - 3- - 3- " Lust und Spiel" bedeutete, der Welt Kunde zu geben". Und sie läßt Rosa sagen:" Aus nichts schöpfen die Menschen so reiche Belehrung zugleich mit Menschenkenntnis, nichts macht ihnen so viel Vergnügen, als die Lebensschicksale anderer studieren zu können". Luise Kautsky spricht von einer guten Kindheit, von einem schönen, alten Wiener Haus" mit dicken Mauern und gewölbten Zimmern", sie erzählt von Höfen, Kellerwinkeln und einem wundervollen parkartigen Garten, alles zusammen, das Verbotene und das Erlaubte, sei das Paradies für die Kinder gewesen. Sie standen mit dem pulsierenden Leben in innigem Kontakt. Da war ein großer Kuhstall, die Freundschaft der Kinder mit den schönen Töchtern des Milchhändlers, man half bei der Arbeit, um seine" Daseinsberechtigung" zu erweisen, d.h., um vom Hausmeister nicht aus dem Paradies vertrieben zu werden. Da waren die Arbeiterinnen der Korkfabrik, deren Sortiertische im Freien standen und die zu den Kindern freundlich waren. In einer Strohhutbleicherei konnte man die Arbeit beobachten; es kamen Lastwagen mit Waren und Fuhrleute auf den Hof, das Leben war für die Kinder unterhaltsam und lebensnahe. Luise Ronspergers Eltern führten eine Konditorei, es muß ein großer und wohlhabender Haushalt gewesen sein, in dem sie mit drei Brüdern zusammen aufwuchs. Eine neue Kinderfrau kam ins Haus, als die kleine Luise noch nicht vier Jahre gewesen sein kann. Diese Kinderfrau muß in ihrer Art eine starke Persönlichkeit gewesen sein. - 4- . <-4Luise sagt von ihr: " Trotzdem sie sich als Provinzlerin in unserem, etwa dreißig Köpfe zählenden Haushalt anfangs recht einsam und verloren gefühlt haben mochte, trotzdem die städtische Gottlosigkeit der bis zur Bigotterie gläubigen Katholikin ein Greuel gewesen sein muß, trotzdem das städtische Milieu an die vom Lande Kommende die größten Anforderungen stellte, überwand ihre zähe Energie und ihre Intelligenz in kürzester Zeit alle diese Schwierigkeiten. Für uns Kinder war der Tag ihres Eintritts in unser Haus ein Glückstag. Meisterhaft verstand sie es, den Eifer, das Pflichtbewußtsein, den Wissensdurst, die Arbeitsfreude, die sie selbst beseelten, uns mitzuteilen, uns zu unermüdlichem Fleiß anzuspornen, uns beizubringen, daß jede Art der Arbeit eine Lust sei. Spielend brachte sie uns alles bei, so daß ich noch vor Vollendung meines vierten Jahres lesen konnte und nicht müde wurde, von meiner neuen Wissenschaft Gebrauch zu machen. Sie war eine geborene Pädagogin." Wie stark muß der Einfluß dieser Kinderfrau gewesen sein, daß ihm Luise Kautsky im Alter noch so viel Bedeutung beimißt. Oda Olberg, die geistvolle sozialistische Schriftstellerin, sagt, daß sie( Luise) aus wohlhabendem, jüdischem Hause gekommen sei. Einziges Mädchen neben drei Brüdern, sei sie in der Kultur und Vielseitigkeit des Wiener Bürgertums aufgewachsen, bis sie sich später im Betrieb ihrer Eltern nützlich machte, wo sie dann die Romanschriftstellerin und glühende Sozialistin Minna Kautsky, die Mutter von Karl Kautsky, kennen lernte. Sie ahnte es damals nicht, in welch enges, verwandtschaftliches Verhältnis sie zu der Fraue treten würde, zu der sie eine große Freundschaft hinzog, die sie mit der sozialistischen Ideenwelt bekannt gemacht hat. Dann wurde die Sechsunszwanzigjährige die Frau des um zehn Jahre älteren Karl Kautsky. Und sie brachte ganz besonders - 5- - 5- glückliche Eigenschaften dafür mit, um die Gefährtin eines sozialistischen Gelehrten, Grüblers und Kämpfers zu sein, sich ganz hinter seine Arbeit zu stellen und ihm- still und unbemerkt- dabei zu helfen. Schicksalhaft war dieser Lebensbund für sie, denn von dieser Stunde an waren nicht nur zwei Menschen für das Leben verbunden, sondern gleichzeitig das Lebensschicksal der Frau mit der Arbeiterbewegung, mit ihren Kämpfen, mit ihrem Auf und Nieder, mit dem Internationalen Sozialismus, dessen geistige Träger aus aller Welt sie fast alle kennen lernte. Was immer in der Arbeiterbewegung geschah, was daraus erwuchs, das war auch für ihr Leben, für ihr Denken, mitbestimmend; denn sie war ja die Lebensgefährtin und Mitarbeiterin des in der internationalen Arbeiterbewegung bekannten und anerkannten Karl Kautsky geworden. Er war dankbar dafür, daß sie die geistigen Fähig keiten und die menschlichen Eigenschaften besaß, um der ihr zugefallenen Aufgabe gerecht zu werden. Eine ganz besondere Fähigkeit war ihr eigen, sie fand leicht die Verbindung zum anderen Menschen. Ihre Intelligenz, verbunden mit einem feinen Einfühlungsvermögen, die besonders leichte Art, mit Menschen plaudern zu können, und nicht zuletzt das Fehlen aller persönlichen Ambitionen, schlug die Brücke zu allen Menschen, die ihr begegneten. Die Kenntnis der politischewissenschaftlichen Materie und ihre große Sprachfähigkeit ließen sie ohne Schwierigkeiten Gespräche führen, die den Partner beglückten. Können wir wohl ermessen, was diese -6• - 6- Fähigkeiten für den Wissenschaftler Karl Kautsky, dessen Gedanken immer um seine Arbeit kreisten, bedeuteten? Vom Beginn dieser am 23. April 1890 geschlossenen Ehe an hatte sich Luise Kautsky mit dem vertraut gemacht, woran ihr Mann ständig und intensiv studierte, was er verarbeitete und niederschrieb. Die Jahreszahl sagt uns schon, unter welchen Umständen der Politiker Karl Kautsky und Luise ihre Ehe begannen. Die junge Arbeiterbewegung führte in Österreich ein schweres Dasein. Damals wurde von dem Einzelnen noch sehr viel Heroismus für die sozialistische Idee gebraucht und auch aufgebracht. Und auf Deutschland hatte bis dahin noch das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie mit seinen Verfolgungen, Strafen und Ausweisungen gelastet. Karl Kautsky, der 1883 die" Neue Zeit", eine sozialistischwissenschaftliche Monatsschrift, gegründet hatte, wollte nun mit seiner jungen Frau nach London gehen, um von dort aus die Zeitschrift zu redigieren. Aber just in diesem Augenblick fiel in Deutschland das Sozialistengesetz. Bismarck hatte im Reichstag dafür keine Mehrheit mehr gefunden, und er selber war bei dem jungen Kaiser in Ungnade gefallen. Die Deutsche Sozialdemokratie, nun vor einer anderen Situation stehend, faßte den Beschluß, nun die" Neue Zeit" in Stuttgart herauszubringen. So gingen die Kautskys nicht nach London, sondern nach Stuttgart, wo ihnen auch ihre drei Söhne geboren wurden. Dann übersiedelten sie nach Berlin. Es war für Frau Luise eine besondere Aufgabe- und eine für sie reizvolle dazu- - -7 - 7- für die zahlreichen Besucher aus aller Welt, die sich im Laufe der Jahre bei ihnen einfanden, immer die liebenswürdige, geistvolle Gastgeberin zu sein. Als sie schon in Berlin lebten, war August Bebel fast jeden Sonntag der gern gesehene Abendgast. Kein nach Deutschland kommender Träger des Internationalen Sozialismus versäumte es, dem geistigen Nestor des Sozialismus seinen Besuch zu machen. Sie fanden dann neben Karl Kautsky seine Frau mit ihrer so ganz besonders glücklichen Befähigung, Kontakte herstellen zu können, geistige Brücken zu schlagen und dabei auch eine wohltuend herzliche Gastfreundschaft zu üben. Sie kamen aus England, Frankreich, Italien, aus den nordischen Ländern, aus Rußland, aus allen Ländern, in denen der Sozialismus Fuß gefaßt hatte und geistig hochstehende Menschen sich damit beschäftigten. Bei solchen Gelegenheiten ergab sich oft genug neben den politischen Gesprächen und der Gastfreundschaft die Gelegenheit, einen persönlich wertvollen Rat, eine Auskunft zu geben oder eine Gefälligkeit zu erweisen. I Oda Olberg macht das Milieu des Hauses Kautsky sichtbar: " Luise, die Vielsprachige, die" Dame von Welt", war der Diplomat, der Minister des Auswärtigen, die liebenswürdige Hausfrau, die All- Helferin, die sich zum Niedrigsten herunterbeugte, und der Zerberus, der ihrem Mann die Ruhe zur Arbeit sicherte, die Kritikerin, auf die er vertraute, wirklich der Mittelpunkt: Gattin, Mutter, Freundin und Genossin. Niemand, der je in diesen Kreis eintreten durfte, wird ohne tiefe, innige Dankbarkeit daran zurückdenken." Begreift man, daß diese Art der Gastfreundschaft und des Verkehrs eine Notwendigkeit war, die durch diese seltenen menschlichen Fähigkeiten der Frau in so glücklicher Art gelöst wurde? -8. - 8- Luise Kautsky war eine lebensbejahende Frau. Sie wuchs bei dem lebhaften Umgang mit klugen Menschen, den sie in ihrem Haus und auf den gemeinsamen Reisen fand, immer mehr in jene menschliche Größe hinein, die so erstaulich war. Bei ihrer Freudigkeit, von den Gaben, die eine gütige Natur ihr gegeben hatte, reichlich und verschwenderisch mitzuteilen, wurde sie immer reicher. Noch einmal Oda Olberg: " Ich habe nie einen Menschen gekannt, der mehr dem Leben erschlossen gewesen wäre als Luise Kautsky. Alles fand in ihr Widerhall. Natur und Kunst, die großen Fragen der Menschheit und die kleinen Schicksale der Menschen. Sie hatte eine festgegründete sozialistische Bildung, aber sie war eigentlich Sozialistin von Geburt. Wer könnte sie sich als Nichtsozialistin vorstellen? Sie brauchte nur sie selbst zu sein und ihrem inneren Gesetz zu folgen". Es paẞt ganz zu dem Bild der geistig so vielseitigen und temperamentvollen Frau, daß sie sich auch selber literarisch betätigte. Ihr Interesse" am Menschen" führte sie auf das biographische Gebiet. Im" Handbuch der Frauenarbeit in Österreich" hat sie+ Lebensskizzen von Frauen aus der Internationale geschrieben, dann auch irgendwo eine Skizze über Eleonore Marx- Aveling, der Tochter von Karl Marx, und Erinnerungen an Paul Levy. Sie liegen uns leider nicht vor. Ihre" Briefe Rosa Luxemburge an Luise Kautsky" haben eine sehr weite Verbreitung gefunden, und sie haben zu ihrer innigen Freude auch das stark verzeichnete Bild dieser Frau in der öffentlichen Meinung um vieles verändert. Und schließlich wollen wir nach Friedrich Adler noch die streng- sachliche biographische Skizze erwähnen, die sie über ihren Mann im " Arbeiterführer 1930" von Lipinski geschrieben hat. -9 . -9Daß sie in die Problematik des wissenschaftlichen Sozialismus ganz eingedrungen war, hat sie durch eine Reihe wertvoller und schwieriger Übersetzungen bewiesen, z. B. 1909 des großen Werkes des amerikanischen Maxisten Louis Boudin: " Das theoretische System von Karl Marx" zur gleichen Zeit auch( aus dem Französischen ins Deutsche) eine Studie von Paul Lafargue:" Ursprung und Entwicklung des Begriffes der Seele". Ihre Fähigkeit auf diesem Gebiet wurde anerkannt, man beauftragte sie mit der Übersetzung historisch wichtiger Artikel von Marx und Engels aus den Jahren 1852-1862, die in englischer Sprache erschienen waren. Und sie hat die erste wirklich gute und vollständige Übersetzung der Inauguraladresse der Ersten Internationale von 1864 gemeistert. Aber das alles erschöpft die Individualität der Frau noch nicht. Auf der Gedenkfeier am 6.Juli 1945 in New York, die zu Ehren der am Konzentrationslager Auschwitz verstorbenen Luise Kautsky gehalten wurde, hielt ihr Friedrich Adler die Gedächtnisrede.( Ihr entnahmen wir auch die vorhergehenden Angaben über die wertvollen Übersetzungsarbeiten). Dort prägte Friedrich Adler so bedeutsame Sätze für eine ganz bestimmte menschliche Eigenart, daß man sie nur in der Ausgeprägtheit seiner Sprache wiedergeben kann: " Der politische Gegensatz zerreißt oft menschliche Bande. Viele von uns haben dieses harte Schicksal erlebt. Vielleicht niemand öfter und intensiver als Karl Kautsky. Für ihn war die politische Überzeugung der unabänderliche Leitstern, dem alles andere untergeordnet werden mußte. So hat er sich von dem intimsten Freund seiner Jugend, 10- - 10. - Eduard Bernstein, mit dem er in engster Kameradschaft schon seit ihrer Züricher Zeit zusammengewirkt hatte, trennen müssen, als Bernstein zu Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zum Wortführer des Revisions smus wurde. Der innigen Freundschaft folgte auch persönlich starke Entfremdung. Und dieses Erlebnis hat er später noch einmal gehabt, als seine Wege sich von denen Rosa Luxemburgs trennten. Auch von Rosa, mit der er durch Jahre in intimster, politischer Kampfgemeinschaft verbunden war, die ständig im Hause Kautsky verkehrte, trennte er sich auch persönlich, nachdem der politische Gegensatz, beginnend 1910 mit der Diskussion über den Massenstreik, immer schärfere Formen angenommen hatte. Dasselbe Schicksal erlebte er mit Lenin, aus Freundschaft wurde Feindschaft, dasselbe mit Franz Mehring, mit dem er Jahrzehnte in der" Neuen Zeit" zusammen gearbeitet hatte. Alle diese Tragödien lebte Luise mitm wurde von jeder auf das schwerste betroffen, aber ihr gelang es in weit höherem Grade, dem tragischen Zusammenstoß von politischer Härte und menschlicher Verbundenheit auszuweichen. Ihr, die nicht im öffentlichen Vordertreffen des politischen Kampfes stand, gelang es, menschliche Beziehungen trotz politischer Gegensätze aufrecht zu erhalten. Sichtbar für alle Welt wurde dies in ihrer Beziehung zu Rosa Luxemburg. Mit ihr war sie auf das innigste befreundet; wie tief diese Freundschaft ging, wissen wir aus dem Briefwechsel der beiden Frauen. Luise Kautsky war politisch fast immer an der Seite von Karl, sie wurde von seinen Argumenten fast immer bezwungen, aber in den acht Jahren von 1910- 1918, in denen der Gegensatz zwischen Karl Kautsky und Rosa Luxemburg immer schärfere Konturen annahm, hat sie an der persönlichen Freundschaft mit Rosa unverbrüchlich festgehalten, hat sie es niemals zugelassen, daß der politische Gegensatz ihre menschliche Verbundenheit zerreiße. Und das ist der Punkt, in dem wir heute, wo so tiefe und scharfe Gegensätze alte Kampfgenossen voneinander trennen, von Luise Kautsky zu lernen haben. Wir sollen verstehen, daß in den notwendigen Härten des politischen Kampfes die persönliche Verbundenheit nicht unterzugehen braucht, ja, daß wir uns bemühen sollen, uns nicht durch politische Leidenschaft verleiten zu lassen, die menschlichen Werte der Freundschaft zu vernichten" - 11- - 11- Der Krieg( 1914-1918), der die Deutsche Arbeiterbewegung zerriẞ, zerstörte auch die" Neue Zeit", die Zeitschrift, die durch Jahrzehnte das Sprachrohr für Karl Kautsky gewesen war. Das waren schmerzliche Erlebnisse. Nicht, daß er nun hätte verstummen müssen. Ja, villeicht gewann er sogar durch diese Loslösung von der regelmäßigen Pflicht noch mehr an innerer Freiheit für andere Aufgaben. Seine geachtete Stellung im Internationalen Sozialismus blieb ihm trotz zerstörter Arbeiterinternationale. Die Deutsche Revolution betraute ihn dann später in den Archiven der Republik, doch war das aus vielen, hier nicht zu erörternden Gründen nur kurzfristig. Ihn und seine Frau Luise zog es jetzt nach Wien. Die ruhige Arbeit des Forschens und Schreibens konnte er überall tun, warum nicht in Wien, wo sich die ganze- nun vergrößerte - Familie vereinen konnte. Von dort aus hat er uns und der Welt noch manches geben können- bis Hitler kam, bis der Nazismus auch Österreich und Wien" eroberte". Es gelang, die beiden Menschen nach Prag zu bringen, sie dann nach Amsterdam zu fliegen. Hier starb am 17.Oktober 1938, gerade, als die Kriegsgefahr wieder in ein akutes Stadium getreten war, der greise, nun vierundachtzigjährige Karl Kautsky. Er starb in Sicherheit( der Krieg hatte sich noch einmal um ein Jahr verschoben), umsorgt und gepflegt von seiner Luise. Weit weg waren die beiden ältesten Söhne, der jüngste aber, Benedikt, befand sich in den Konzentrationslagern Hitlers. Luise Kautsky - 12- - 12- war allein mit der Frau und den Kindern dieses Sohnes in einer nun inzwischen mehr als zweifelhaft gewordenen Sicherheit. Es ist verbürgt, daß die Freunde in England sehr gerne bereit waren, sie aufzunehmen, alles war geregelt. Aber sie zog es vor, in Holland zu bleiben. Warum? Von dort aus konnte sie hin und wieder einen Brief an ihren Sohn richten, was von England aus nicht möglich war, denn England befand sich im Krieg mit Hitler- Deutschland, während Holland ab 1940- nur" besetzt" war. Sie brachte es nicht über sich, Europa zu verlassen, wissend, daß für ihren Sohn ein liebevoller und Verständnis zeigender Zuruf der Frau und Mutter eine große seelische Hilfe war. Dieses mütterliche Opfer hat Luise Kautsky bezahlen müssen. Am 11. August 1944 wurde sie achtzig Jahre alt. Freunde hatten dafür gesorgt, daß sie sich an diesem Tage nicht verlassen vorkommen sollte. Sie berichtete darüber noch an ihre Kinder in USA. Wenige Tage später befand sie sich noch einmal in einem kleinen Freundeskreis im Hause von Frau Adama van Scheltema. Zwei Tage später wurde sie verhaftet und abgeführt. Dabei hatte sich eine Kette von kleinen Zufällen und Ungeschicklichkeiten ereignet, zu denen sie( der Lüge und Verstellung fern) selber beigetragen hatte. Die deutsche Besatzung spürte schon stark das Nahen der Alliierten, ein Grund mehr für den schnellen Abtransport der verhafteten jüdischen Menschen in andere Gebiete. So blieben die sofort unternommenen Versuche der Freunde, sie aus den Händen der Häscher zu befreien, ohne Erfolg. Luise Kautsky hatte, bei allem Schmerz um den Verlust des Gatten und Freundes, der großen Sorge um den Sohn, der - 13- - 13- Unsicherheit der Nazibesetzung und den auch ihr damit auferlegten Entbehrungen in dieser für das holländische Volk so bitterbösen Zeit, ihre große menschliche Liebenswürdigkeit und ihre geistige Lebendigkeit nicht eingebüßt. Bis ins tiefste erschütternd ist ein Bericht der Ärztin des Teillagers Birkenau, das zu dem Lager Auschwitz in Polen gehörte. Sie schreibt, daß Auschwitz die" Hölle in tausendfacher Potenz" gewesen sei. Durch Bemühungen und Zusammenarbeit von Ärztinnen kam Luise Kautsky in eine Krankenabteilung. Die Aufregung der Verhaftung, die bestimmt nicht komfortable Art des xxx sehr langen Transportes von Holland nach Polen, der Aufenthalt in einem stark überbelegten Block, das ständige Zusammensein mit zu vielen Menschen ohne Lagerstätte in überfüllten Kojen nicht zuletzt die Lagerkost hatten die Achtzigjährige um den Rest der körperlichen Kraft gebracht. Diese selbst internierten Ärztinnen des weit ausgedehnten Lagers haben das Möglichste an Erleichterungen für sie geschafft. Sie kam in die Krankenstation, es wurden ein Bett, Decken, ein kleines Kopfkissenund etwas Wäsche" organisiert". Sie bekam Diät. Aber auch diese Krankenkost so hieß es- sei unterwertig und viel zu kalorienarm gewesen, dazu in der Zubereitung lieblos und fade, geschmacklos. Es heißt: - und " Man muß sich vergegenwärtigen, was es für einen kranken und alten Menschen bedeutet, jeden Tag dieselbe geschmacklose Suppe und ein paar Scheiben Brot zu essen: kein Gewürz, kein Obst, kein Gedanken an Fleisch und kein Hauch von Süßigkeit, nichts, was den Gaumen reizte. . - 14- 14. Luise Kautsky, die wie sie erzählte- nie eine große Esserin war und leckere kleine Happen bevorzugte, konnte trotz ihrer Energie nicht einmal die winzigen Lagerportionen meistern." Ein wenig Milch, die der Lagerarzt genehmigte, etwas selbstbereitetes Essen von einer der Ärztinnen, die Pakete von fraussen bekam, Medikamente und Injektionen, die beschafft werden konnten, halfen tatsächlich so weit, daß man Luise Kautsky an einigen sonnigen Oktobertagen noch auf einem Stuhl draussen in die Sonne setzen konnte. Ergriffen liest man, welche erstaunliche geistige Elastizität noch in dem schwachen Körper vorhanden war. " Manchmal erwischten wir Zeitungen. Dann saßen wir an ihrem Bett- sie duzte uns, und wir hatten sie als Mut ter adoptiert. Die Kriegslage wurde durchgehechelt und jede Zeile auf ihren wahren Inka Gehalt geprüft. Mit Scharfsinn und politisch geschultem Verstand erörterte Luise Kautsky alle einschlägigen Probleme..... Sie war- darin lag ihre Anziehungskraft- in ihrer ganzen Haltung ein Beweis dafür, daß die Persönlichkeit auch im Konzentrations. lager noch durchdrang und selbst unter diesen schaurigen Verhältnissen ihre volle Wirkung ausübte." Das Los des Sohnes, den sie aber nicht sehen konnte("..der Stacheldraht trennt strenger als die größte Entfernung")+ hat sie sehr bekümmert, wie auch umgekehrt das Schicksal der Mutter eine seelische Belastung für den Sohn gewesen ist, was sie auch wußte. Er hatte es sie früher wissen lassen, daß er Mutter, Frau und Kinder mit seinen Gedanken viel lieber in Amerika suchen würde. Luises Betreuerin hatte Gelegenheit gesucht und gefunden, ihm Botschaft und Zettelchen von der Mutter zu bringen. 8--+ Benedikt Kautsky in einem Brief - 15 - 15- ".... ich bekam von ihrer Hand ein paar armselige Zettelchen, mühselig im Bett, im Halbdunkel geschrieben und doch, welche Tapferkeit sprach aus ihnen. Sie zeigten mir, daß sie ihre wunderbare Fähigkeit, sich Freunde zu erwerben, auch in dieser Zeit bewahrt hatte". Die Mutter sorgte sich, daß sie seinen fünfzigsten Geburtstag nicht verschönern konnte, und er, der Sohn, konnte ihr ein paar kleine Dinge schicken, die er von draussen erhalten hatte. Aber auch dieser armselige Trost war bald zuende; der Krankenbau, in dem Luise Kautsky Unterkunft gefunden hatte, wurde um zwei Kilometer verlegt in ein früheres Zigeunerlager: " Der Rummel und die Unruhe haben ihr, trotzdem sie vorsichtig im Krankenwagen transportiert wurde, den letzten Schock gebracht.... An einem Tage im Anfang Dezember 1944 gegen Mittag schlief Luise Kautsky ein, so friedlich, daß ich kaum die genaue Zeit auf dem Totenschein vermerken konnte. Sie lag noch einen Tag aufgebahrt auf ihrem Lager.... Den endgültigen Untergang eines verrotteten Systems hat sie nicht mehr erlebt, aber das Wissen um bessere Menschen und bessere Zeiten hat sie mit ins Grab genommen". Fast kommt man beim Niederschreiben der Arbeit für Luise Kautsky dazu, auch mehr von diesen tapferen Frauen zu schreiben, die unter Mißachtung eigener Gefahr so menschlich handelten, wenn nicht der Zweck des Buches berücksichtigt werden müßte. Das wäre sicher auch im Sinne der toten Frau, der diese Blätter gewidmet sind, deren stärkste menschliche Seite, Menschen für sich zu gewinnen, ihr bis zu ihrem Tode erhalten blieb. Dafür noch ein Beispiel, das uns zeigt, daß diese ihr so sehr eigene Gabe sie vor dem Gastod gerettet hat. - vielleicht - sogar - 16- - 16- Man hatte die Identität Luise Kautsky's solange als irgend möglich geheim gehalten. Man hatte eine ganz bestimmte Haltung und Praxis herausgebildet, um sich nicht zu Handlangern machen zu lassen, wenn Menschen für die Gaskammern ausgewählt wurden. In einem dieser Fälle war der Effekt ein Riesenkrach. Der Lagerarzt kontrollierte anhand der Listen sämtliche Patientinnen persönlich. So kam er auch zu Luise Kautsky. " Und nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Der Lagerarzt, SS- Hauptsturmführer, lehnte sie, die Verkörperung einer konträren Idee, nicht ab, sondern sprudelte gleichsam von Interesse für sie über und unterhielt sich mit ihr in so persönlicher Form, wie kaum je zuvor mit jemandem. Er erkundigte sich nach ihrem Lebensgang, nach ihrer Mitarbeit an dem Werk ihres Mannes, speziell dem Buch über den Weltkrieg, und war sichtlich im Bilde über die Details... Nicht nur für die Familie ist es- trotz allem Bitteren, was immer wieder hochsteigt - ein Trost, daß Luise Kautsky, wie leider so viele sie zweimal vorgemerkt gewesen sein soll, aber auf" höheren Befehl" wieder gestrichen wurde. Niemand weiß ihr Grab. Kein Stein mit einer Inschrift, gewidmet von denen, die sie liebten, zeugt von ihr. Karl Kautsky stellte seinem ab__ schließenden Werk über" Die materialis tische Geschichtsauffassung" im Jahre 1927 die Worte voran: nicht in der Gaskammer endete, für die Dieses Buch widme ich meiner teuren LUISE, der Mutter meiner Söhne, dem treuen Kameraden, der unermüdlichen und verständnisvollen Helferin bei meiner Arbeit, der begeisterten und tapferen Verfechterin unserer gemeinsamen Ideale". -17 - 17- LITERATUR: Luise Kautsky zum Gedenken. Nachrufe, herausgegeben von Paul Hertz, Williard Publishing Company, New York 11, N.Y. Rosa Luxemburg. Briefe an Freunde. Nach dem vin Luise Kautsky fertiggestellten Manuskript, herausgegeben von Benedikt Kautsky Anhang: Bruchstück einer Autobiographie von Luise Kautsky. and Minna Rautsky 1837 . 1912 Sie war die Mutter von Karl Kautsky des wissenschaftlichen Veteranen der deutschen # internationalen socialistischen Arbeiterder Schriften. bewegung, Interpret von Karl Marg und Friedrich Engels, Verfasser vieler Bücher und schritten auf die die überlebende wieder Bibliotheken Budleveien der deutschen und vieler ausländischer Universitäten nicht verzichten kannsen. Man geht sicher nicht fehl in der Annahme, dass diese Mutter dem Sohn einiges an Anlagen selbst gegeben hält für seine Lebensleistung mit gesehen hat, eine gute Portion Intellisenz Den Kvermögen mag auch von ihr stammen dazu Einfühlung vermögen, Aufgeschlossenheid Fleiss und Ausdauer, auch ein Minna Kautsky stammte aus Graz in der steiermark. Ihr Vater war wurde Blekobatts- Maler. Sie war das alteste von sieber Kindern die materiellen Sorgen, n der Familie waren drückend. 1845 ging es nach Prag, wo der Vater eine Anstellung als de bekorationsmaler am deutsohen Landestheader geklam bekommen hatte. Das phantas. ebegabte temperamentrolle Kind erlebte dort(1848), mit starker Anteil- nahme, die Revolution. In unmittelbarer Nähe des Eldernhauses waren Barrikaden errichtet, die anfangs im Spiel erklettert wurDauch den. Das Kind musste darüber steigen, wenn es Milch für die Mutter holen ging. Doch dann wurde es blutiger Ernst die Revolutionäre erlagen der Übermächd und Fürst Windisch grätz liess einen Teil der Stadt von den Höhen herab in Brand schiessen. Man musste mit den Geschwistern und mit der wieder vor einer Niederkunft stehenden Mutter – im Keller hooken während man am den Vater(Jaich) der in den Reihen der Bürgerwehr kampfte, die herzbeklem= mende Angst durchzustehen hatte. Die von den Revolutionären erwartete Hilfe des Asokechischen Landsturms blieb aus der Aufstand braok zusammen. Elf Jahre war damals das kind um diese zeit erhielt es den ersten geregelten Unterricht in einer zweiklassigen Valksschule. Diese Freude dauerte wohl zwei Jahre. Der Vater bemühde sich die Wissens lücken etwas auszufüllen; Arbeit materielle Sorgen und eigenes Unvermögen gestalteten diesen Ersatz für eine gute Schul- bildune nur unvollkommen, das Manko werde länge ze. v. schmerzhab empfunden. C Die Bevührung mit der Welt des Theaters weckte früh ein in dem Kind vorhandenes Talent zur darstellerischen Kunst. Zugleich fühlte das Kind sehr stark die Notwendig- keit wirtschaftlicher Entlastung des Edslichten Vaters. So débutierte die Dierzehnjährige bereits in einer Knabenvolle- und fand Beifall. Dieses privat Niclas Theater in Prag galt als hoffnungsvolle Vorschule zur junge Kunstler so mancher hatte von dort aus seine Laufbahn be= gonnen. Zeit und Umstände liessen das Kind schnell reifen. Mit sechszehn Jahren wurde sie die Frau des Landschaftsmalers Johann Kautsky. Materiek ging es nicht glänzend in der jungen Ehe. Minna Kautsky wollte aber auch aus innerem Drang bei der geliebten S1l Kunst bleiben. verhielt ein Engagemend nach "Plmütz, wo sie ich guten Rollen als juanstrafe. gendliche Liebhaberin erhielt. Die Gage war nicht gross, sie muss die sich bescheiden damit einrichten. Und es wurde harte Arbeit verlangen, Dazu kastete es græsse Energie beim S. R. beim Spielen einwex Schwangerschaftsotanee wie Ihr möglich zu verbergen hatte man 50g21, doch reine Erhöhung. Aber Bezüge ver- sehr späcken. Das Kind Karl warꝛart, die Mutter schlug ihm zuliebe. musschen sein vorteilhaftes Angebau nach Hamburg ausvöhligkeit. Dann wir ihr da Prager Landestheater ein Engagement an. Man versprach sich wie etwas von der jungen E Ehe künstlerin.- Wollt das im Berag und Matterschaft!!! 15 Nach fünfzehn wurde ein Mädchen nach Monaten 2 Jahren wieder ein Sohn E weideren. Und dann wurde diergange geboren. Vortheilung von Matter bösen Lungenleiden befallen. Ich ist nicht ein gewissen. von einer Bühnentätigkeit sollte nun Mehr vorläufig keine Rede sein. Minna Kautsch wuchs – als Persönlichkeit – an ihrer Mutterschaft und an ihrem Schicksal. Inzwischen wechselte Johann Kautsky von der – wenig Brot brincenden – Landschafts-aussammen zur Dekorationsmalerei an dem Theater aber, kurze auch materielle Erfolge wechselten mit Fehlschlägen ab Und so musste die junge Frau es doch sieder mit der Kunst am Theater ver- suchen, in beschwankter Wohnung Verstanzeten vor den Augen ihrer Kinder arbeitete sie besessen um sich für tragisoke kollen vorzubereiten, sie war noch nicht gesund. Wenn sie auswärts spielte litt. sie ausserdem seelisch unter der Trennung Von Mann und Kindern. So schue sie verheissungsvolll. Angebebote nach Hamburg, nach Berlin aus. Der Familie zuliebe erlernde sie mit grosser Energie die 4 schechische Sprache, um in irag bleiben zu können. Hier spielte sie vor einem begeisterten Publikum in einer Sprache die nicht ihre Muttersprache war, das “die Jungfrau "Gretchen" im Faust, Portia und Thekla im von Orleans. Wallenstein, Maria Stuart u. a. Rollen bis ein schwerer Rückfall ihres Leidens schauspieler Prüfung der Vierundwainzigjährigen Umstände I₍W " ein endgültiges Ziel sehrte. hatte, inzwischen dann d fand ihr MannWein Berufsglück. sein Wiener Atelier florierte nur zufriedenheit. Lange Jahre des Leidens und der er dadurch er- Ruhe 2 erwungenen Ruhe folgten s. Ihr wegen Geist spornte sie an, nur im Wetteifer mit ihren Söhnen zu lernen, die schmerzlichen WissensPare lücken auszufüllen. Dies indierte sie geschichtliche und philosophische Werke, u. a. regte die Lektäre von stuart Mill sie zum gründlichen Studium der Frauenfrage an. Ihr Verstand, ungewöhnlich scharf, kald erlaubte ihr bei der Verarbeitung der schwierigsten geistigen Sta- Ihren Sohn Karl soblass sie 1) Vergl. die Stadt, wurde derselben zu sich besonders innig an, mit dem ernsten Jüngling interessierte sie sich für alle Fragen der Politik und des öffentlichen Lebens. Es war eine bewegte Leid. In Paris brach der Kommuneaufstand aus, nicht der sozial. saische Gedankiem Funke zündete. in allen Länden Erwielen Hirner und in allen Ländern sich in denen der Kä moderne Kapitalismus ontwickelt hatte, man las Marq, Engels Lasalle und andere Schriftung eine e. ds. 04 de klein damals entsxand schön eine (demokratische Zeitung Kleine sozı auch natürlich in Wien, die xihren Weg zu Kautsky. fand. Der Sohn ging zur Universität sie tak es die Mutter levnte mit aber in der -9.7.44 weibliches ihr eigenen, ihremwesen entsprechenden Weise. So nahm sie intensiren Anteil an dem Geistes leben ihrer Zeit, so war sie geistiger Kamerad, ihres Sohnes, sie war noch immer krank, aber sie vergass fast ihren kranken. über Ausvand duubh di- grosse Freude. an ihrem geistigen Wachstum. Glück Ganz intensiv fühlte sie das i'met mełr Daseins des, sie wurde sich bewüsse Geistigern das Leben von einer hohenfwarte aus zu können, als überschauen. Auch Ihr Gesundheitszustand besserte sich ein Aufenthalt in den Alpen kannte möglich gemacht werden und vollendere den Heilungsprocess in der z. T. zerstörter Lunge. Fellit der Gesundung erwachte, in der nun ganz ausgereiften und wieder, wissenden Frauparkünschlerische schaffensdranz, Minna Kautsky begann zu schreiben. Sie masste gestaltem, was sich im ihrer ErKenntnis angeformt hatte. Karl Liebknecht interessierte sich(1874) eine schriftliche Arbeit für unsre Wirkung:-"Proletarierkind”, er erkannte ihrt. Una starkes Erzähler talen+ 1) Vergl. auch der Stadtgemeinschaft. sie zur Militär. und überlebend; werden sie auch nicht ist Bamals beit auf. Auch redigierte Bil die"Neue Welt", die literarische Aufsätze und E' Novellen und Und es Erzählungen brachte. Da war just die Zeit, in der ein so ur- sprüngliches Talent dieser Ar. Ich dem Lesere bei, wird 6080» ders Sei den weiblichen, grossen Anklame fand. Ihre Stoffe nahm in der Hauptsache sieraus dem sozialen Leben ihre Schilderungen waren Lebenswahr hende wenn auch vielleicht konnte der asthetisierende literarische Kritiker manches an Darstellungen etwas aussetzen, für die Frauen der damaligen Zeit war es echt, gut und und Frundbar mit, was ihnen da gegeben wurde. Minna Kautsky war mit dem Herren bei dem was sie schrieb ob e saum ein Aufsatz war über"Das deutsche 10 Theater der Neuzeid" oder über spiritismus war oder eine Erzäkling, ein Roman zu denen, die soziale Umwelt den Staff gegeben hatte. -on Im sommer 1879 war Minna Kantsky nach in dem kleinen vorbekannten Gébirgsart Hallstadt im Salzkammergut. Die intelligenten Arbeiter verrichteten hier eine aufreibende und gefährliche Tätigkeit und- o wunder- s se haren fand dord in diesem Wettabgeschiedenen Winkel freibeibliche Idem, die sich auf religiäs-poditisch- sozialem Fundament E's was gebildet hatten. Dies ist der Bauern philosoph konrad Deubler Herben, einen Freund von Feuerbach, der und David Strauss, dott wie in den fünfziger Jahren verbodenen materialistischen und philos nadarphilosophischen Schriften "unter der Arbeiterschaft vertreiter hafte. Dafür hatte er vier Jahre Kerker 16 10 Sie lernde Der Regierungsrath beschlossen wird. persönlich den tapferen Mannkennen und schätzen. Aus diesem Erlebnis ent- stand eine Fehr schöne und an- Arbeid. schaulige war ein Aufsatz über « Die Staatsarbeiter und die Hausindustrie im Salzkammergute Den Gestalten, die sie dord kennen dann fernte, begemeße wird, immer wieder DE+RÜMünger in ihren Arbeiten. wenn ich schon ein kleine Wasser. naturatur“Noie Altein” werden durch 1881 erschien ein Roman Stephan von Brillenhof" er erschien im Fortsetzungen in der"NeuenWelt" u.a. und enthieltereine Kraftvolle und reali- stische Schilderung der Grund des diesem - Auol Kvieges vor 1866. Das ihrer Haast, besonders eigen wer ernsthaften Roman finden wird dass der Ernst und die Realistik von einem frischen guten Humor überspield wurde. 1882 kommt ein zweibandiger Roman heraus:"Herrsollem edder Diener" sein Kern ist die Frauenfrage -"Das Weib soll nicht dienen. es soll aber auch nicht herrschen, In dem einen Verhältnis entwürdigt es sich selbst, in dem anderen den Mann.Gleichberech- tigung beider Geschlechter ist das einzig richtige, um aus Mann einrücken und Weib zusammen die harmonische Existenz eines wahren,wirklichen Menschen zu schaffen." 1884 erschien dann der Roman "Die Alden und die Neuen." in dem sie den Menschen aus dem Salz- Kammergud aufleben liess Kleingrer Eine grasse Reihe vorvorstellen, Vdy und Erzallunen(Minna Kantsk" haben uns bald diese Unterhal und tung, wunderzulassen kuldurellen Aufwieb. bessere Diermaterielle Besselsfah Basis späterer Zeit ermöglichte es/der für alles schöne aufgeschlossenen Frau zu reisen und einen Teil der Welt zu sehen, sie ha auch auch /dieses das Sehen und Schauen und Anynehmen zu einer Kunst gemacht an der sie Andere durch ihr Soll affem. pardin, je n'avais bien si ces Sie ist nicht mehr zu können. 13 Um Alles was sie an Beobachtungen auf nahm, verwandelte sich in ihr zu Erzahlungen Romanen Novellen in denen sich die Zeid und ihre allenschen spiegelten. In"Viktoria" 1887) ist ihr der Untergang des Handwerks der soziale Hintergrund (1895) sind es Charakter- in"Helene" Politischen dans Bspürärahrerumwelt die das Bila hafte der Erzahlung beherrschen. 1896 hatte sie den grossen Ihres Schmerz um den Verlust des geliebten Mannes durchzustehen. and mid guten Lebensgetahrden. Von da ab lebt sie ganz bei) ihren Kindern. Die jüngeren Söhne führten das grosse bekannt gewordene Atelier und Unternehmen des Vaters weiter, dehnten es noch erfolgreich aus. In Wien war sie Präsidentin des Künstlerinnen= und Schwichtstellerinnen- vereins gewesen, doch ich es sie nach Berlin, hier fand sie im der Nähe, was Sohnes Karl und seiner vielen Freunde aus dem Kreisen, daß in nationalein deutschem und internationalen Bezialdeme sozialismus das bewegte Geistes- Wie eg. Leben das ihrem Wesen gemäss Von hier aus/in war, Rückschauend auf – Von hier je aus, in der Rückschau auf da. Ihr Lieb! stadt Wien zur Heimat. nicht gewordene schreibt sie 15) einen Roman"Im Vaterhause" in der, Gestalten aus der Welt der Kunst auf- leuchteten, in dem man aber auch erkennen konnte, wie das böse Gift einer rückständigen antiſemitischen Geḍinnung sich schädigend auswirkte. Überall ihn den sozialistischen Blättern in Oesterreich anol, und Deutschland in Kalendern stiessen wir auf die echt-volktümlichen Errahlungen in denen sie sich mit dem Leben und Denken und Fühlen der kleinbürgerlichen Schichten und des emporstrebenden Proletariatsbeschäft ausseten. tigt und die inneren und inneren Wandlungen anéreigt.- Aber immer wieder reizt sie auch die darstellende Kunsd es entstehen. Sokauspiele und Kleine ostspiele u.a. das im Volkstheater im Wien preisyekronde Lustspiel:"Sie solützt Sich selbst Die schreibt literarische und Essays, z. B. über studie wird Hebbel, über Ebner. Eschenbach u. a, Besonders Hebbel sein. Herkunft, die Widrigkeiten seines Lebens das Heranwachsen seiner Dichter Indivi- daalitat hatten es ihr angetun, sie war voll ehrfurchtiger Bewunderun- für den 16) grossen Dichter. Bis in der hohes Al zum Abschluss ihres reichen Lebens wurde dies Frau niemals von ihrer grossen Freude am Schaffen und Gestalten verlassen. Sie war bis zu ihrem Tode von einem Kranz von Freunden von Kindern, Enkeln und Urenkeln I. I. wird, wenn sie auch nicht gewesen, zu geben. Sie müsste bei Lebreiden II manchen lieber Freund hergeben so 2. B. auch Natalia Liebknecht und Julie Bebel, Sie selber warde vom Alter nicht geschreckt. Der Reichtum ihres Lebens gestattete ihr immer wieder eine Erneuerung, die sie beglückend fühlde. Aus diesem Reichdum ihres Inneren hat sie ge- von damals schöpft, um dem Proletar. atvund seinem Frauen davon abzugeben. und selber beim Geben immer reider zu werden. Eine Unterstützung I Ihr Bewunderinnen widmetereinst das Goethewort 17/ "Sprich wie Du Dich immer und Immer ernenst 2’ "Kannst's auch wenn Du immer am grossen Bich freust. Das Grasse bleibt frisch erwärmend. belebend Im kleinlichen Frösteld das Kleinliche bebend. Elisabeth Kirschmann- Röhl ( 1888- 1930) Es ist garnicht so leicht zu sagen, worin eigentlich der Reiz dieser wi Persönlichkeit lag. Elisabeth hatte sehr viel echte Weiblichkeit. Dabei war sie klug und sachlich. Bei allem, sie stets beherrLaude schenden Gefühl, das sie nie verleugnete, war sie immer gesund in ihrem lebensreifen Urteil. Und sie war mit einer merkwürdig sicheren Menschenkenntnis ausgestattet. Der Vater war Zimmermeister gewesen, ein kleiner Unternehmer in einer mittelgrossen XXXXX märkischen Stadt, Er war ein tüchtiger, aufstrebender Handwerker, ausgestattet mit dem Sinn für alles Schöne, mit starkem kulturellen Auftrieb. Er war nicht kapitalkräftig genug, vielleicht auch nicht mit den robusten Ellenbogen versehen, um einen scharfen, geschäftlichen Konkurrenzkampf mit Erfolg führen zu können. Als das jüngste Kind- Elisabeth- geboren wurde,( Spätling und Nesthäkchen) hatte sich der Abstieg vom selbständigen Handwerksmeister zum Zimmergesellen bereits vollzogen. In der Familie änderte sich dadurch nichts, man hatte immer sehr sparsam und sehr eingeschränkt leben müssen. Höchstens, dass die im allgemeinen schwerblutige und puntu Mutter ein ganz klein wenig froher geworden war. Auch sie war mit natürlicher Klugheit ausgestattet und übte, im Kleinen gute Lebenskunst. Aber sie hatte den Streben des Vaters niemals folgen kön' nen und war froh, nun von der Angst VVVVVV vor dem Unbekannten, die sie immer geplagt hatte, befreit zu sein spätgeborene sie das das STS " wat Elisabeth besuchte die Volksschule sonnige Kind die 1 Freude der Familie. Dass sich vor die vierzehnjährige dann schon der ganze Ernst des Lebens stellte, tat ihrem sonnigen, warmen Temperament keinen Abbruch. Wohl hätte sie noch gerne gelernt, der Abschied von der Schule kam ihr zu früh. Aber angefochten hat sie das nicht. Eine Stellung in einem kleinen Haushalt mit einem sehr lieben Kind, sagte ihr dann durchaus zu. Kirschmann -2Es war ein Zufall, dass gerade in dieser Zeit die Arbeiter dieser Stadt sich auf ihr Menschentum besannen schnell entwickelt und wuchs ständig genossenschaft Die Industrie hatte sich sehr Gewerkschaft Partei Kunsumbluhdiese drei Säulen der modernen Arbeiterbewegung ten fast zur gleichen Zeit auf. Und es war ein weiterer Zufall für Elisabeth, dass ihre älteren Geschwister an diesem Werden so intensiv beteiligt waren So wuchs das wissenshungrige Kind schon ganz früh in diese Entwicklung mit hinein Es war Zuzug von ausserhalb gekommen die neuen Männer brachten auch die neuen Lehren mit und sie fanden dafür volle Aufnahmebereitschaft in einem bestimmten Kreis, er war noch nicht sehr gross. Man lächelte über das Kind das überall dabei sein wollte und so viele Fragen stellte Einer dieser Männer war töricht genug, dem fünfzehnjährigen Mädchen( als sogenannte Probe) ein Buch in die Hand zu geben:" D AS KAPITA L" von Karl Marx! Niemand hatte das beachtet, die meisten kannten es ja auch garnicht Aber Elisabeth besorgte sich ein Lexikon und XXXXXXXXXXXX und studierte in nächtlichen Stunden mit Todesverachtung gung fehlte greifen könne was zu verstehen ihr jede Vorbedinum dann verzweifelt zu gestehen, dass sie es nicht be- fand - Der kalte Guss hatte zum Glück nicht geschadet sie doch bei den Geschwistern hilfreiches Verständnis Mit sechszehn Jahren ging sie zusammen mit einer älteren Schwester nach Berlin Sie schlug sich dort tapfer durch und suchte sich mit klarem Wollen den leitenden Freyen dere. zur sozialistischen Frauenbewegung durch. Die Sozialdemokratie war den Frauen nur indirekt über die mit behördlichen Schwierigkeiten kämpfende- Frauenbewegung zugänglich. Der neue Lebensabschnitt bedeutete Lernen, nochmals Lernen- und Kampf Wissen und Lebensreife fielen den arbeitenden Frauen von damals ebensowenig in den Schoss wie denen von heute und es war besonders hart wenn man sich dabei wirtschaftlich so schwer durchkämpfen musste, wie dieses wie dieses junge Menschenkind und viele Frauen der damaligen Zeit. Als Glück empfand es Elisabeth - so sagte sie immer- dass sie Kämpfe und Wachtun in kameradschaftlicher Gemeinschaft erleben durfte. Eine frühe Ehe brachte ihr - Kirschmann -3nicht die erhoffte Glückserfüllung. Als sie sich darüber klar geworden war 18ste sie mutig und entschlossen dieses Band. Die Gradheit ihres Denkens gebot ihr auch darin die Konsequenz des Handelns. Es war ein bitteres Erlebnis, aber auch daran ist sie menschlich gewachsen Sehr bald übernahm Elisabth auch Verantwortlichkeiten innerhalb der Sozialdemokratie, waren doch, ab 1908, nachdem das Vereinsrecht die Möglichkeit dazu gab, die Frauen als Mitglieder willkommen. Schon mit zwanzig Jahren zählte sie zu den jungen Rednerinnen für Frauenbekleinen, geschlossenen wegung und Sozialismus. Zuerst sprach sie in/ Versammlungen am Ort, bald aber auch öffentlich in Berlin und seiner Umgebung. Nicht, dass sie sich dazu gedrängt hätte. Als man entdeckte, dass sie manches wusste, es auch formulieren konnte, wurde ihr gut zugeredet- mit etwas moralischem Druck- es doch einmal mit einem kleinen Vortrag zu versuchen. Als man sah, dass das Experiment gelungen war, gab es kein Entweichen mehr. Bei ihrer wachsamen Selbstkritik und natürlichen Bescheidenheit wurde-zum Glück- kein Schaden damit angerichtet. Das " Redenmussen" intensivierte nur noch die ständige Arbeit an sich selbst. Sehr bald schickte Louise Zietz- die 1908 in den Parteivorstand gewählt worden war- Elisabeth gerne ins Land hinaus. Von jeder Reise trente sicly kam sie bereichert zurück. Sie war aufgeschlossen, um das Land, seine Menschen, seine so verschiedene wirtschaftliche und soziale Struktur Sie kennen zu lernen. Das Jahr 1913 verpflanzte nun die junge Frau, nachdem sie sich in Berlin erst wenige Jahre aklimatisiert hatte ins Rheinland. Und es war wie ein Wunder, wie sich diese heitere Frau in das rheinische Milieu einfügte und wie sie auch willig aufgenommen wurde. Als wäre sie dort geboren, so ging sie in dem rheinischen Lebensrytmus auf. Dort in Köln fand sie auch ihren Lebenskameraden, der ihr und dem sie wohl das Möglichste menschlicher Erfüllung gegeben hat. an Aber während des Krieges( 19014- 18) verlernte die vorher so sonnig heitere Frau dann für lange Zeit das Lachen. Das war es nicht allein, dass der Lebenskamerad und so viele liebe Freunde hinaus ziehen mussten, was sie so tiefernst werden liess. Das blutige Schicksal der Menschen, Kirschmann -4das Leid der Frauen, das Schicksal der Kinder, die grosse Unbegreifdieses lichkeit eines grausamen Weltgeschehens drückte auf sie und beschäftigte sie stark. Es war dann die Arbeit, die ihr half, nicht etwa um ganz darüber hinweg zu kommen, aber doch, um innerlich soweit damit fertig zu werden, und nicht zu verzweifeln. Es half ihr sehr viel dass sie- wie viele Frauen damals- zum ersten mal Verantwortung und Reiz sozialer Arbeit kennen lernte, dass sie nun unmittelbar Hilfe geben konnte Die Vergangenheit war ja nicht nur graue Theorie gewesen, sondern lebendiges Erleben, an dem sie gewachsen war. Aber nun empfand sie dieses MAXXXXX Helfenkönnen, das aus innerem Drang heraus Helfenmüssen, noch ungleich stärker. Was noch fehlte, um die Persönlichkeit dieser( bei Ausbruch des Krieges) se chundzwanzigjährigen Frau auszuformen, waren die Erlebnisse dieser Zeit. Die Arbeit brachte sie mit vielen bürgerlichen Menschen auch mit der Stadtverwaltung in Kontakt. Es gab natürlich, neben der Befriedigung durch diese Arbeit, auch manche Enttäuschung, besonders in der ersten Zeit, bis sich alles miteinander eingelaufen hatte Dem biche Fussnote! * gab sie später einmal Ausdruck als sie schrieb: "... Es galt Front zu machen gegen den Geist, der die Unterstützung empfangenden Krieger frauen wie Ortsarme behandeln wollte. Wenn es sich durchgesetzt hat, dass hier in Köln sehr bald die beleidigenden Bemerkungen über die grossartige Lage, Genuss- und Vergnügungssucht der Kriegerfrauen verschwanden, dann wissen wir, dass es ein Verdienst unserer Zeitung war.....' An dieser Zeitung aber hatte sie selber einen starken Anteil, sie stand mit der Redaktion auf freundschaftlichem Fuss, regte vieles an und arbeitete mit. So hat sie jahrelang die Frauenbeilage, in freier Mitarbeit, zusammengestellt. ** Sehr dankbar war sie dem Geschick für das Kennenlernen der bürgerlichen Frauenbewegung und ihrer ernsten Arbeit. Sie schrieb: " Wir unterschätzen in diesen Tagen der Erinnerung keineswegs die Arbeit mutiger, bürgerlicher Frauen, die Vorkämpferinnen des Frauenstimmrechts waren. Wenigen, die jahrelang Pionierarbeit leisteten, ist es vergönnt, die Tage der Erfüllung zu erleben. Unter diesen wenigen nimmt Minna Cauer die jetzt achtzigjährige, den ersten Platz ein. Es geziemt sich auch der Sozialistin, ehrerbietig zu danken für ihr Lebenswerk Fussnote:* Rheinische Zeitung vom 1.April 1919, Jubiläumsnummer. ** Rheinische Zeitung vom 9.Nov.1921, Gedenkartikel zum 9.November 1919." Zum neuen Frauenrecht" Kirschmann -56 Ausführlicher hat sie das, was sie in den Kriegsjahren an Kenntnissen und Erfahrungen gesammelt hatte, unter lebhafter Zustimmung und ohne Widerspruch zu finden gesagt s.z.B. in der sozialdemokratischen Reichsfrauenkonferenz 1919 zu Weimar.( in der Debatte) "... Es ist viel vom weiblichen Einschlag in der Politik gesprochen worden. Dieser weibliche Einschlag wird in der kommenden Zeit sehr zu spüren sein. Und er wird von grosser kultureller Bedeutung für uns werden. Die Durchsetzung der Politik mit unserer weiblichen Persönlichkeit muss ein Leitsatz für uns werden. An uns liegt es, die neuen Methoden zu finden um auf dem Gebiet der Schulung der Frauen befruchtend wirken zu können. Ich bedaure deshalb, dass wir über die Frage des Frauenbeirates so hinweg gegangen sind.* Diese Frage wird wieder auftauchen und wir werden dann nicht daran vorbei kommen, dann eine Lösung zu finden. . Unsere bisherige sozialdemokratische Frauenbewegung ist in gewissem Sinne parteipolitisch gebunden, sie ist starr gewesen, und sie hat sich nicht so fruchtbar auswirken können wie die bürgerliche Frauenbewegung Die bürgerlichen Frauen sind uns in mancher Beziehung voraus; sie können in viel grösserem Mass die ganzen . Es sozialen Einrichtungen mit geschulten Kräften durchsetzen wird deshalb für uns eine Frage der Zeit sein, in systematischer Weise die gasamten sozialpolitischen Fragen, überhaupt die Fragen der Kultur von besonderen Gesichtspunkten aus zu behandeln. Wir brauchen dabei nicht von unserer bisherigen Taktik abweichen, wenn wir diesen Weg einschlagen Und in einem grossangelegten Referat über" Die politische Wirk und orga-/ XXX/ nisatorische Wirksamkeit der Frau in der Partei" auf der Sozialdemokratischen Reichsfrauenkonferenz zu Kassel, 1920: ..... Ich will die bürgerliche Frauenbewegung weder über- noch unterschätzen, aber es ist mir persönlich so gegangen- und ich glaube, einer ganzen Anzahl von Genossinnen auch- dass ich als junge Genossin den ganzen Umfang und den ganzen Inhalt der bürgerlichen Frauenbewegung nicht von vornherein klar überblickt habe, sondern das ich mir diese Kenntnis erst durch die Erfahrungen erwerben musste! Die Kenntnis darüber, dass die bürgerliche Wegung Frauenbewegung nicht eine Sportbewegung, sondern eine Arbeitsbewegung ist...... eine aus den Verhältnissen entstandene gexistige Bewegung.... in der etwa 26 nahmhafte Zeitschriften heraus gegeben werden.... dass sehr ernst zu nehmende Organe die individuellen Bedürfnisse der Frauenbewegung beleuchten...... ККИХІК Auf einer Tagung der Arbeiterwohlfahrt( Jena 1926) die unter dem Motto:" Sozialismus und Bevölkerungspolitik" stattfand, hatte Elisabeth ein Referat zu erstatten, mit dem sie sich im Kreise fachlich gut ver* Auf dem, der Frauenkonferenz voraufgehenden Parteitag hatte man- mit F tätiger Anteilnahme der XXX weiblichen Delegierten, einen Antrag ( Frankfurt) abgelehnt, der die Bildung eines weiblichen Beirates aus dem ganzen Reich gewünscht hatte. temperamentrolled Kirschmann -6sierter Redner eingliederte, sowohl nach der sachlichen, wie nach der ethischen Seite. Sie sprach über" Schwangerschaftsunterbrechung und -Verhütung Ihre Ausführungen waren von hohem sittlichen Ernst und Verantwortungsgefühl getragen. T ༣ ་ Ueberhaupt bedeutete die Arbeiterwohlfahrt ein grosses Stück Erfül3 - lung für sie. Hier konnte sie nun ihrer sozialistischen Erkenntnis und ihrem weiblich- sozialen Gefühl folgend, Le Arbeit am Menschen in Auftrag und zum Gedeihem der Arbeiterbewegung- leidten, die Arbeit, die sie in den Jahren 1914-18-trotz aller inneren Not- so beglückend empfunden hatte. Nun konnte sie, in enger Kameradschaft mit Gesinnungsfreunden, die Lösung schwieriger, sozialer Probleme versuchen, konnte sich an dem geistigen Rinen um neue Erkenntnisse beteiligen und weiter daran wachsen. Und so konnte sie sich auch daran freuen, dass jetzt, innerhalb der eigenen Bewegung Platz für eine Entfaltung weiblicher Kräfte da war, die sonst nicht das ihnen gemässe Betätigungsfeld gefunden hätten. Trotz ihres so stark beteiligten Gefühls liess sie sich niemals davon beherrschen. Wir sehen das immer wieder an dem, was sie von Zeit zu Zeit geschrieben hat. So zeigt sie einmal klipp und klar die Verantwortung auf, die die Arbeiterwohlfahrt z, B. mit der Einrichtung und Führung von Heimen übernommen hat. Sie sieht Gründung, Führung, Finanzierung, Ausgestaltung zusammen mit jer" Aufgabe an sich", trennt nicht eins vom anderen sondern verbindet es. Ein andermal schreibt sie über ihr Lieblings- und Sorgenkind, den Immenhof damals/ Sie nimmt Stellung zu dem/ heiss umstrittenen Problem der" Fürsorgeerziehung". Zur Manage" Frage eigener Heime" sagt sie:" Was können wir leisten, was dürfen wir tun und was müssen wir verlangen?" Sie spricht von den schon zu/ bis dahin noch oft unklaren Begriffen, die sich/ klären begonnen haben. Sie fordert die" Demokratisierung der Verwaltung" in dem Teil der mit der" 8ffentlichen Fürsorge betraut ist. Sie wertet die kurzen Erfahrungen aus, die mit dem Immenhof als" Berufserziehungsheim" gemacht wurden. ** * Zeitschrift Arbeiterwohlfahrt, Anfang 1928." Grundsätzliches zur AnstaltsVerlag Arbeiterwohlfahrt, Berlin. frage." ** Die Gemeinde.Halbmonatsschrift. Verlag J.H.W.Dietz, Berlin Kirschmann -7Elisabeth konnte schreiben. Der Stil war klar und einfach.Sie nadidem schrieb sofort druckfertig, wenn eine Arbeit in ihr ausgereift war. Sehr früh hatte sie begonnen kleine Sachen, Beobachtungen, Betrachtun gen, Plaudereien für die damals von Clara Zetkin redigierte" Gleichhei Ihren/ sie und für die lokale Presse zu schreiben. XXX Stil hatte K bei ihrer Art zu lesen, so geformt. Sie bevorzugte die Klassiker ohne dabei die modernen Schriftsteller und die sozialistische Literatut zu ver nachlässigen. Stets hatte sie mehrere Bücher zur Hand, die sie- abwechselnd- sehr aufmerksam und intensiv las. Neben einem Band von Goethe etwalden sie sehr gut kannte und genoss) oder auch von Fontane oder Wilhelm Raabe( die sie beide besonders liebte) las sie dann einen der oder ein Frauenbud modernen Schriftsteller der damaligen Zeit und ebenso interessiert eine politische oder soziale Schrift. Sie ruhte sieh bei dem einen von dem anderen aus. Dabei mehrte sich ihr Wissen. Ihr Sprachgefühl aber pflegte sie bewusst. Es gibt wenige- in Organisations und täglichem Kampf stehende Menschen- die sich beim Lesen so von ihrer Umgebung trennen können, wie sie es fertig brachte. Wenn ein Buch sie fesselte, konnte sie ihre Umgebung vollkommen vergessen.- Aber immer so gewonnenen/ suchte sie dann nachher andere an ihren/ Erkenntnissen zu lassen. teilnehmen - Interesse Das Handwerkerblut des Vaters und sein starker kulturelles Binsehag, hatte sich wohl auf Elisabeth vererbt. Man sah es an ihrer Wohnung, die sie immer mit den einfachsten Mitteln möglichst schön zu gewusste stalten suchte, an ihrer stets so einfachen Kleidung, die sie nach dem Grundsatzt wählte:" Was schön ist, muss auch zweckmässig sein und nur das Zweckmässige ist wirklich schön." Aus ihrem Kultur- und Schönheitsgefühl heraus hatte sich ein Wunsch in ihr entwickelt, nämlich, den Arbeiterinnen auch kulturelle, in ihrer Lebensgestaltung, zu helfen. Die, dem kulturellen Aufstieg der Frau dienende Zeitschrift:" Die Frau und ihr Haus sagte in ihrem Novemberheft 1930, in einem Nachruf auf Elisabeth Kirschmann- Röhl u.a.: Kirschmann -8" Mit unserer" Werbestelle für Deutsche Frauenkultur" war sie aufs engste verbunden..... Sie erstrebte" Frauenkultur" für die breiten Kreise der Frauen der Arbeiterschicht.1919 gründete sie mit uns.einigen Frauen) unsere" Frau und ihr Haus". Es mag selten sein, dass Menschen, aus ganz verschiedener Richtung kommend, sich so rasch und so vollkommen über ein gemeinsames Ziel einigen können, wie es hier der Fall war. In innigem Zusammenwirken mit der" Werbestelle für Deutsche Frauenkultur" ( Köln) hat sie Elisabeth Kirschmann dann für eine Reihe von Jahren aufs stärkste mit beeinflusst, im Sinne der Hebung häuslicher Kultur inbezug auf Kleidung, Hausrat, Gesundheitspflege. Sie war wohl die erste die die Entlastung der schwer arbeitenden Frau und Mutter durch Mütterferien forderte... Die Schwere der Zeiten( Inflation, d.V.) brachte es mit sich, dass die gemeinsame Arbeit an unserer Zeitschrift, an der Elisabeth Kirschmann mit ihrem Herzen hing, zerstört wurde. Der Einfluss jedoch, den sie hier und in den schönen Stunden der Aussprache ausgeübt hat, wird nicht verloren gehen...... Wir trauenn um diese lebens- und schaffens frohe, für alles aufgeschlossene Frau, diese Lebenskünstlerin, die trotz aller Schwere und Bitternis unserer Zeit Freude und Schönheit suchte und allen, die ihr näher standen, Beglückung schenkte. Sie verband mit der Politikerin die starke frauliche Art, die sie hinführte über die Politik und ihre Dogmen hinaus zu den im Menschlichen wurzelnden Aufgaben der Frau......' Die Zusammenarbeit, von der hier gesprochen wurde, führte 1919 auch zu einer Vereinbarung, von der sich Elisabeth für die sozialdemokratische Frauenbewegung viel versprach. Clara Bohm Schuch hatte in schwerer Zeit die Redaktion der" Gleichheit übernommen und sollte zugleich eine Beilage, XXXXXX" Die Frau und ihr Haus" erhalten, wozu aus der" Werbestelle für Frauenkultur" genügend Material zur Verfügung stand. Auch wenn die alles verschlingende/ / Inflation diesem Beginnen nicht ein frühes Ende gesetzt hätte, wäre es noch eine mühe volle und wahrscheinlich sehr aufreibende Arbeit geworden. Die Frauen waren- im allgemeinen- noch nicht sehr dafür geschult und auch noch nicht genügend phantasie begabt, um sich an einfachen Strichzeichnunggen orientieren zu können. Bei der Wahl zwischen einem falschen und richtigen Modell griffen sie noch immer nach dem, was Elisabeth und ihre Freun de( solche die nach dieser Richtung tendierten fur falsch hielten. Der Erfüllung des Wunsches nach der Gelegenheit zur Pflege einer Frauenkultur war eine zu kurze Frist gesetzt worden, um sichtbare Früchte tragen zu können. Elisabeth selber, als Persönlichkeit, hatte sich åher immer stärker XXXXXXXXXXX in dieser Richtung entwickelt. Es lebte und wehte in ihr. bemerkt Ganz in der Stille, ohne dass es von einem weiteren Kreis XXXIIeX wurde, waren diese kulturellen Kräfte in ihr zu einer schönen Vollendung gereift. Ihr engster Freundeskreis wusste darum und nahm gerne daran teil. * Die Inflation einrücken Kirschmann -9sich/ In ihrem schlichten Arbeitszimmer hatte XX/ eine kleine, aber auserlesene Bücherei angesammelt. In ihren Kunstmappen und ihrer Kunstgeschichte schen der jened. wusste sie Bescheid.Wenn ihre Reisen sie an irgend einen Platz geführten bildende/ hatten, an dem auch/ Kunst eine Stätte gefunden hatte, hatte sie es auch in ganz frühen Zeiten nicht versäumt, eine Stunde für sich allein, in zu verbringen. einem Museum, einem Dom, einer Kirche XXXXXX Nun hatte sie ihre Lieblinge an jeder Kunststätte, sie versäumte es nie, ihnen einen andächtigen Besuch zu machen, wenn sie der Weg dorthin führte. Und es waren nicht etwa immer die" Grossen", denen ihre Liebe und Bewunderun galt. Oft waren es kleine Kabinettstücke, die es ihr angetan hatten, die sie beim ersten Besuch mit fast traumwandlerischer Sicherheit herausgefunden hatte und an denen sie dann mit inniger Liebe hing. 1919 schickte die Sozialdemokratische Partei des Rheinlandes die nun fast Binunddreissig jährige in die Nationalversammlung nach Weimar, ( wechselte sie über audi später in den Preussischen Landtag. Ihre enge Verbundenheit mit einem grossen Teil der Kölner Bevölkerung und des sozialen Lebens dieser Stadt liess es auch angeraten sein, sie als Stadtverordnete aufzustellen. Das war zwar eine Tätigkeit nach ihrem Herzen, aber sie erkannte bald, dass sich zwei so verantwortungsvolle Funktionen nicht- zur inneren Zufrie/ noch eine andere/ denheit- miteinander verbinden lassen, zumal auch/ eine zentrale Taigkeit sie stark in Anspruch nahm. Im Preussischen Landaag war sie seit 1928 u.a.Vorsitzende des Sozialpolitischen Ausschusses*" Sie hat dort mit sicherem HXIAK Ueberblick die Arbeit geleitet. Sie verstand es die Kräfte zusammen zu fassen und auf einem( bei der gegenwärtigen politischen Konstellation) schwierigen Arbeitsgebiet die Fraktion zu Erfolgen zu führen." Elisabeth war Mitglied des Hauptausschusse für Arbeiterwohlfahrt und leitete die Anstaltskommission. Unermüdlich pendelte sie fast wöchentlich einmal zwischen Berlin und ihrem Wohnsitz XX Köln. Dabei musste sie neben der Parlamentsarbeit Zeit finden, um Knotwendige Reisen zu den Hei* Zeitschrift: Arbeiterwohlfahrt, Band 1930, Nachruf auf Elisabeth Kirschmann von Hedwig Wachenheim. Kirschmann -10/ die ihrer Aufsicht unterstanden./ men der Arbeiterwohlfahrt zu machen,/ Da sie kein Mensch dar trockenen Pflichter füllung XX, sondern mit dem Herzen dabei war, gab sie allem, was ihr als wertvolle Aufgabe erschien, ihre ganze Kraft. Diese zentrale Arbeit hatte sie aber nicht gehindert, die Arbeiterwohlfahrt Kölns und Czu helfen. ✓ freute Sie des Rheinlandes organisieren, auf- und ausbauen, XXX Dan XXXsich der Arbeit/ daran/ X¤¤¤¤¤¤¤X* XX** die ihre Freunde weiter/ leisteten und entwickelten. Mit der Rheinischen Arbeiterbewegung und ihren Frauen war sie ganz eng verbunden.Wenn man von einer Frau mit Sicherheit sagen konnte, dass sie von einem grossen Menschenkreis geliebt und anerkannt wurde, so war es hier, bet dieser Frau bestimmt der Fall. Das gab ihrer Arbeit sehr viel Gewicht und Erfolg. Man stösst heute noch immer wieder auf Menschen im und noch immand bedauernd/ Rheinland( und nicht nur dort die sich gerne/ der Frau erinnern, die schon 30 frück. mit 42 Jahren aus ihrem besten XXXXXXXXX Wirken gerissen wurde. Es war ein kurzes Frauenleben, von dem hier berichtet wird. Im Wahlkampf 1930, der den Nationalsozialisten ihren erstmaligen grossen Erfolg mit/ Wenige brachte, hat sie noch tapfer für die Sozialdemokratie/ gestritten Tage vor dem Wahltag zwang eine tückische Krankheit sie plötzlich nieder. Der Wahlsonntag fand sie dann schon im Krankenhaus und eine Woche später schlossen sich diese klaren Augen für immer. Ein feiner, bis ins letzte liebenswerter und kamerdschaftlicher Mensch war gegangen. Deutschlands standen schwerste Zeit musste ohne sie durchgekämpft werden. War sie ein Liebling der Götter, die ihr die bitteren Jahre, die bald kamen, ersparen damals wollten? Unsinnig erschien ihren Freunden das Schicksal, das sie so früh aus ihrem Kreis heraus und ihrer schönen, menschlichen Arbeit entriss. Wie die Freunde den Verlust empfanden, konnte man in den Tagen, die off diesem Tod folgten, vielfach lesen. Ein Beispiel für viele möge es sagen: .... Die mit ihr zusammen arbeiteten oder ihr freundschaftlich verbunden waren, werden ihren unermüdlichen Gestaltungswillen entbehren. Sie war eine liebenswürdige und liebenswerte Frau, ein Mensch; mit mütterlicher Liebe für den Gegenstand ihrer Arbeit, so auch für Menschen, mit denen sie arbeitete, immer bemüht ihren Mitarbeitern, Freunden, Verwandten eine wohltuende Umgebung zu schaffen. Persönliche Gegensätze glich sie durch Herzlichkeit aus. Sie war ein guter Kamerad in Stunden erregender, politischer Spannung. MXXX Sie hatte immer ein klares Urtei ein Gefühl für die Sache, war immer freundlich. Als junge Frau hat sie hart kämpfen müssen.Sie hat grosse Arbeit in den letzten Jahren geleistet. Ihr Zeitschrift: Arbeiterwohlfahrt, Band 1930, Nachruf auf Elisabeth Kirschmann von Hedwig Wachenheim. Kirschmann -11Ihr immer heiteres Wesen machte sie zur Freude für ihre Umgebung. In diesem Wesen liegt der andere Teil ihrer Bedeutung für die Arbeiterwohlfahrt und ihre Führerstellung im Sozialpolitischen Ausschuss des Landtags.Sie nahm sich der Menschen an und deshalb ordneten sich diese gerne ein......" " Jeder Mensch ist einzig in seiner Art, denn er ist das Resultat eines nie wieder vorkommenden geistigen Prozesses einziger Art; darum ist schlechthin jeder Mensch, der geboren wird, der Anlage nach eine Bereicherung seines Geschlechts und seiner Nation, und darum gibt es für jeden Menschen nur eine Bildung, die ganz speziell auf ihn berechnet und deren Aufgabe sein muss, aus ihm das zu machen, was irgend aus ihm gemacht werden kann. So gefasst, ist Bildung eine fortwährende Vermehrung des geistigen Wohlstandes der Nation. Auf sie hat jeder ein Recht, der geboren wird." Paul de Lagarde." Die eine Bildung" Rosa Luxemburg ( 25.12.1870- 15.1.1919) 1 Sie war eine der am meisten genannten Frauen der Arbeiterbewegung bis 1919. Den" Kampf um Frauenrechte" hatte sie nicht zu ihrem Arbeitsgebiet gemacht. Ihr ganzes Tun setzt e voraus, daß es sich für sie um eine Selbstverständlichkeit handele, den Frauen die Gleichberechtigung zu geben. Aber hd kein die Frauenbewegung waren spezielles Arbeitsgebiet. betless es das sie gern anderen Kräften. Wohl hat ihre Freundin Clara Zetkin manchen Leitartikel von ihr in der" Gleichheit" abgedruckt, doch handelte es sich dabei immer um die Behandlung politischer Tagesfragen. eine *** Uns heutigen gebührt es, at Frau Anerkennung und Würdigung zu zollen, die Aussergewöhnliches in ihrer Persönlichkeit darstellte, und Cie dankbare Feststellung, daß Rosa Luxemburg das, wofür sie stritt, auch sy für die freiheitsdurstigen Frauen, erstrebte, dürfen wir Rosa Luxemburg am wenigsten vorenthalten. Als sie sich noch sehr jung, aber schon sehr bewußt für ihre Teilnahme am und Wirksamkeit im politischen Leben entschied, wählte sie neben naturwissenschaftlichen Fächern das Studium der Volkswirtschaft und Jurisprudenz, weil ihr diese Kenntnison als das beste Rüstzeug für die Politik erschien. ganz Es ist nicht der Zweck dieser kleinen Abhandlung, in die Meinungs- und Richtungskämpfe einer vergangenen Zeitepoche einzudringen. Andere, Freunde von ihr, haben es getan. Wir wollen nur das sagen, was zum Verstehen dieser Persönlichkeit notwendig ist. Es ist immer wieder reizvoll, sich mit der interessanten Frau, der Politikerin, der Rednerin, 2- - 2- der Schriftstellerin zu beschäftigen. Heute soll die Frau, der Mensch, sein Werden, sein schließliches Schicksal im Vordergrund stehen. Rosa war das besonders geliebte Kind einer kulturell hochstehenden jüdischen Familie in Polen. Der Geburtsort, ein kleines Landstädtchen an der ehemaligen polnisch- russischen Grenze, Zamose im Gouvernement Lublin, stand unter zaristischer Herrschaft. Ihr Vater war Kaufmann, die Familie siedelte mit der inzwischen dreijährigen Rosa nach Warschau über. Neben den Eltern sorgten sich um das zarte und besonders intelligente Kind sieben Brüder, deren kleines Schwesterlein durch ein ärztlich nicht genau erkanntes Hüftleiden daran gehindert war, mit anderen Kindern herumzutollen. Sie hatte mit fünf Jahren, sozusagen als Ersatz für natürliches kindliches Spiel, schon lesen und schreiben gelernt. Die Lehrerin erwachte früh in ihr. Sie versuchte ihre Kunst am Personal des Hauses, das ja meistens analphabetisch war. Auch korrespondierte sie, von Zimmer zu Zimmer, mit Eltern und Geschwistern, wobei sie pünktliche Antworten verlangte. Die Familie Luxemburg gehörte zu der sehr schmalen Schicht jüdischer Großkaufleute und Intellektueller, die sich aus dem allgemeinen jüdischen Elend dieser Zeitepoche herauszuheben vermochte. Ihre geistig- kulturellen Onteressen waren nach Deutschland ausgerichtet, wenn auch der liberale Vater der polnisch- östlichen Kultur ebenfalls sein Interesse entgegen brachte. Die zaristische Fremdherrschaft lastete schwer auf der Gesamtheit der Bevölkerung. Rosa Luxemburg - 3- 7 - 3- 1 $ besuchte in Warschau das Gymnasium. Es wird angenommen, daß das sehr junge Mädchen schon in dieser Zeit mit den revalutionären Strömungen Fühlung hatte. Es entsprach dem Zuge der Zeit und den politischen Verhältnissen, daß die polnische Jugend im Zarentum den nationalen Unterdrücker sah und sich revolutionären Strömungen zuwandte. Wahrscheinlich war es der erziehliche Einfluß ihrer kulturell so stark nach Deutschland tendierenden Familie, daß die so früh geweckten revolutionären Neigungen Rosas sich niemals auf die polnisch- nationale Sicht verengten. Ihr früher Anschluß an die revolutionäre Bewegung hatte bald eine so starke Gefährdung ihrer Person zur Folge, daß das" Revolutionäre Komitee" beschloß, Rosa zu ihrer eigenen Sicherheit zu veranlassen, den Boden Russlands zu verlassen. Sie hatte gerade das Gymnasium mit Erfolg absolviert und war 19 Jahre alt. So gelangte sie nach einer romantisch- abenteuerlichen Flucht nach Zürich, ein unerfahrenes Kind, dazu klein als körperlich unansehnlich wird sie beschrieben. Die Folgen ihres früheren Hüftleidens zwangen sie. lahm zu gehen. Und doch erzwang sie sich dort kraft ihres Willens und ihrer Intelligenz sehr bald die Achtung der Studentenschaft und ebenso der dort lebenden politischen Emigration. Ihrer Energie und politischen Zielsicherheit verdankte sie sehr bald einen angesehenen Platz innerhalb der polnischrevolutionären Bewegung. Dabei blieb sie nicht stehen, - - 4- - 5- die deutsche und französische Arbeiterbewegung hatte es ihr angetan. Ihre Doktorarbeit machte sie( 1877) über " Die industrielle Entwicklung Polens". Schon auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Zürich( 1893) hatte die junge Revolutionärin allgemeines Aufsehen erregt. Aus den vielfältigen Wandlungen der polnischen Arbeiterbewegung war schließlich wieder eine neue politische Organisation hervorgegangen. Rosa hatte in Zürich inzwischen die Geschichte Polens, seine nationalrevolutionären und sozialistischen Bewegungen studiert, ohne dabei die theoretischen Grundlagen der internationalen Arbeiterbewegung zu vernachlässigen. Das Resultat dieses Studiums, zugleich in enger Zusammenarbeit mit der Führung dieser neuen polnischen Partei, zu deren führenden Köpfen sie selber gehörte, war ein umfangreiches Dokument, ein Bericht an den Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress in Zürich. Rosa Luxemburgs sorgfältige Erziehung, der Aufenthalt im Ausland haben ihr von jeher sprachliche Schwierigkeiten erspart. Vor allem war es die deutsche Sprache, die sie bis zur Meisterschaft beherrschte. Die deutsche und französische Arbeiterbewegung interessierte sie ungemein. Sie hatte nicht viel Gefallen am Emigrantendasein; z.B. blieben viele Russen ständig in der Schweiz, wo sie sich nur vom russischen Standpunkt aus mit der politischen Frage beschäftigten. Dieses Feld der Wirksamkeit war Rosa Luxemburg zu eng. - 5- A- - 5- Sie strebte nach der Unabhängigkeit von der nationalen Frage. Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris kommt sie 1897 nach Deutschland. 1898 begegnen wir ihr zum ersten Male auf dem Parteitag in Stuttgart, wo sie sich lebhaft und entschieden an der Debatte beteiligte. Damals war die Auseinandersetzung zwischen den beiden Richtungen:" Radikalismus und Revisionismus" schon in vollem Schwung. Sie hat die geistigen Träger der Arbeiterbewegung viele Jahre stark beschäftigt. Von London her wollte Eduard Bernstein, der noch immer im Exil leben mußte und im Ausland stark" umgelernt" hatte, den Marxismus revidieren. Er hatte auch in Deutschland Anhänger gefunden, und die Richtungskämpfe wurden mit Heftigkeit geführt. An diesen Kämpfen beteiligte sich Rosa Luxemburg sehr inters iv in Wort und Schrift, sie entwickelte dabei einen erstaunlichen Ideenreichtum und eine große Fähigkeit, die sozialen und psychologischen Probleme der modernen Arbeiterbewegung zu durchdringen. In der" Neuen Zeit" und auch in der Tagespresse darüber zu lesen, war für viele von uns damals hochinteressant. Wenn man Rosa Luxemburg sprechen hörte auf einem Parteitag, auf einer Berliner Generalversammlung, in irgendeiner öffentlichen Versammlung, war man immer tief beeindruckt von dieser klugen, mutigen, temperamentvollen Frau. Sie hat bei diesen Auseinandersetzungen manchmal geirrt, aber Der Gang der Weltgeschichte hat manchen von uns zum" Umlernen" gezwungen, <-6 -6wenn sich dieser Prozess auch bei den meisten in der Stille ein vollzogen hat. Es ist etwas anderes, ob sich jemand öffentlich am Widerstreit der Meinungen beteiligt und zu behaupten sucht oder ob er daran nur als Leser und Zuhörer beteiligt ist. Worauf es hier in diesem Lebensbild ankommt, ist dies: Wir sehen eine kluge Frau mutig und unerschrocken um die Durchsetzung ihrer Meinung kämpfen, WEIL SIE sie für richtig e und hält, weil nach ihrer Meinung davon für den Gang der Geschichte das Schicksal der Arbeiterklasse sehr viel abhängt. Sie führt diesen Kampf zu einer Zeit, in der die weitaus meisten Frauen auch die, soweit die schon in der sozialistischen Bewegung stehen, 1 sich auf Gebiete beschränken, in denen sie sich mehr zuhause fühlen und in denen sich keine prinzipiellen Angriffsflächen von solcher Bedeutung bieten und in denen sie den Gegenargumenten der politisch streitbaren Männer nicht ausgesetzt sind. Rosa aber kämpfte gegen eine Anzahl von Männern, die bei aller theoretischen Erkenntnis( auch der Frauenfrage und Gleichberechtigung) es noch nicht gewohnt waren, mit Frauen auf diesem Gebiet öffentlich die Klinge zu kreuzen. Und diese theoretischen Auseinandersetzungen waren hart. Sie wurden nicht von Männern geführt, die durch eine diplomatische Schule gegangen waren. Hier berühren wir aussende Gebiet der Geschlechterpsychologie, das auch heute noch nicht ausgeschöpft und restlos geklärt ist, das aber damals noch kaum durchdacht war. Rosa Luxemburg hatte sich ihrer Übersiedlung nach Deutschland die Anerkennung eines großen Teiles der führenden Genossen erworben: ein - nach -7 -7August Bebel, Paul Singer, Mehring u.a. Mit Clara Zetkin, mit Karl Kautsky und seiner Frau Luise verband sie Freundschaft zu Karl Kautsky hatte sie schon von der Schweiz her literarische Verbindungen gepflegt. Später zerbrachen diese Beziehungen zu Karl, während die Freundschaft der beiden Frauen hielt.+ Der Schriftstellerin hatte sich der Weg in die Parteipresse geöffnet, der guten Rednerin wurde die Tribüne der Versammlung gerne zur Verfügung gestellt. Aber auch Enttäuschungen mußte sie erleben. Sie fand auch Abwehr, Mißtrauen und VerCauch dort schlossenheit, wo es sich nicht um Gegner ihrer Meinungen handelte. Wir zitieren Paul Frölich: .. als sie gerade wieder eine böse Erfahrung ... gemacht hatte, schrieb sie an Bebel, sie sei von Anfang an in der deutschen Sozialdemokratie einer" merkwürdigen Aufnahme" begegnet, nicht nur bei den Gegnern ihrer Anschauungen. Sie suchte den Grund darin, daß sie Ausländerin sei. Wahrscheinlich war es böser. Der Frau galt vor allem der Widerstand, der Frau, die es wagte, sich in das Männerhandwerk der Politik einzumischen, dabei nicht bescheiden nach der Meinung der" Praktiker" fragte, sondern" frech" eigene Anschauungen entwickelte und- was das schlimmste war- Argumente brachte, vor denen man grollend kapitulieren mußte ft Eine dieser Enttäuschungen war, als sie( unerhört in der damaligen Zeit) 1898 die redaktionelle Leitung der" Sächsischen Arbeiterzeitung" übernommen hatte. Zwei bekannte Redakteure waren aus Sachsen ausgewiesen worden und hatten fals Bedingung für weitere Mitarbeit an dem Brat verlangt, daß Rosa Luxemburg die Leitung des Blattes übernähme. Es kam dann in der Folge zu einem großen kollegialen Meinungsstreit, einer Art von" Rebellion gegen den unbequemen Chef". + darüber noch einiges bei Luise Kautsky. -8 - 8- " Die Parteiinstanz, die über die Zeitung zu bestimmen hatte, stellte die Leiterin der Redaktion unter die Zensur ihrer Kollegen und verweigerte ihr.. das Recht, sich unter eigenem Namen gegen Angriffe zu verteidigen Sie waren verwundert, als Rosa Luxemburg ihnen den Bettel vor die Füße warf". 1899 wurde sie aufgefordert, in die Redaktion des" Vorwärts" einzutreten. Sie lehnte es ab. Sie wollte nicht mit Wilhelm Liebknecht, vor dem sie bei einiger politischer Gegnerschaft eine sehr große Achtung empfand, in Konflikte geraten. 1902 wurde sie( zum hellen Entsetzen der bürgerlichen Presse) als redaktionelle Leiterin an die" Leipziger Volkszeitung" berufen, doch legte sie auch diese Cheftätigkeit bald wieder nieder. Grund: Man wollte" der Frau" nicht die gleichen Befugnisse einräumen wie es bei ihrem verstorbenen Vorgänger geschehen war. Rosa Luxemburg wohnte in Berlin und arbeitete als freier Schriftsteller. Ihre Verbindungen mit den polnischen Sozialdemokraten hat sie niemals aufgegeben, sie fühlte sich in starkem Maße als Interpret der Erkenntnisse und Anschauungen, die( in Zusammenarbeit mit ihr) von dort kamen. Auch ihr Kampf mit dem Revisionismus ging durch die Jahre gleichmäßig weiter er brachte sie teilweise in eine starke Gegnerschaft zu den Gewerkschaften, spielte doch in diesem großen theoretischen Streit die Frage des" politischen Massenstreiks" eine große Rolle. <-9 - 9- Benedikt Kautsky sagt in seiner kurzen, aber meisterhaften biographischen Skizze über Rosa Luxemburg: ... in ihren Artikeln sind gleichzeitig die Vorzüge und die Begrenztheit ihrer Fähigkeiten zu erkennen Keiner ihrer Gegner konnte ihr Scharfsinn und Wissen absprechen, dazu führte sie eine geschickte, wenn auch meist zu scharfe Feder. Die Rücksichtslosigkeit, mit der russische Revolutionäre ihre politischen Streitfragen auszutragen pflegten, findet sich auch bei ihr, und man wird nicht behaupten können, daß dies eine Bereicherung der deutschen Parteipolitik gewesen wäre. Aber empfindlicher noch war der Mangel an Verständnis für manche Seiten der europäischen Arbeiterbewegung, von der sie eben doch nur Teile kannte. Das Wesen tief verwurzelter Demokratien blieb ihr stets fremd. Die Bedingungen etwa der englischen Arbeiterbewegung schätzte sie daher falsch ein uund versperrte sich damit den Weg zur richtigen Beurteilung der Aufgaben und der Tätigkeit der Gewerkschaften überhaupt." Rosa Luxemburg war- als politische und als öffentlich dauernd auftretende Frau- im kaiserlichen Deutschland natürlich gefährdet. Als Ausländerin wäre sie von vornherein vollkommen schutzlos gewesen. Darum hatte sie, um die Rechte und den Schutz einer deutschen Staatsbürgerin zu haben, schon in der Schweiz mit dem deutschen Sozialdemokraten Gustav Lübeck eine Ehe geschlossen. Er lebte in der Schweiz als freier Schriftsteller. Die russische Revolution von 1905, an der die inzwischer erstarkte, polnische Sozialdemokratie stare beteiligt war, hatte Rosa veranlaßt, tkrexidentit unter fremdem Namen nach Warschau zu gehen. Sie wurde dort verhaftet, ihre Identität bald aufgedeckt. War der Name Lübeck ihr nun ein Schutz? Die Weisheit der polnisch- russischen Juristen sagte: Die Ehe - 10- <-10mit Lübeck sei zwar nach deutschem Recht gültig, aber, da sie nicht von einem Rabbiner vollzogen sei, gelte sie in Russland nicht. Aber ein bischen scheint sie doch gegolten zu haben, auch vermutete man noch andere, politische Strömungen im Lande selbst. Rosa wurde nach mehrmonatiger Haft, die unter sehr widrigen Begleitumständen vollzogen warde wegen ärztlich festgestellter Krankheit gegen Kaution entlassen, doch durfte sie Warschau nicht sofort verlassen. Schließlich wurde auch das gestattet, und Rosa ging dann, nachdem sie noch einige nicht ungefährliche, aber im Sinne ihrer politie - schen Wirksamkeit wichtige Besuche bei Genossen an verschiedenen Plätzen in Russland gemacht hatte, nach Mannheim zum Parteitag.( 1906). Diese Zeit des unfreiwilligen Auf enthalts in Russland diente zugleich der Produktion von Artikeln und Streitschriften, wie z. B. der Broschüre:" Massenstreik, Partei und Gewerkschaften". Ihr Geist war durch die oft tückische und widerwärtige Behandlung während der Haft nicht gebrochen worden. Wohl aber verlangte ihre Konstitution. nach einer Zeit der Erholung, die sie in Italien suchte und fand. korpesiske s 1906 wurde von der deutschen Sozialdemokratie eine Parteischule ins Leben gerufen, an der ab 1907 Rosa Luxemburg als Lehrerin mitwirkte. Es wurde immer von ihr gesagt, daß sie eine hervorragende Lehrkraft gewesen sei, die den schweren Stoff mühelos beherrschte und es verstand, ihn den Schülern in meisterhafter Weise nahe zu bringen, so daß sie sich die - 11- -11Resultate selber erarbeiten konnten. Ihre Kunst, mit Menschen umzugehen, hätte sie dort unter Beweis gestellt. So ging es die ganzen Jahre, durch die verschiedenen politischen Probleme und Tätigkeiten hindurch, bis sich der Kampf der Meinungen durch die Ereignisse von 1914, die die Welt erschütterten, auf eine ganz andere Ebene verschob und schließlich zur Zersplitterung der deutschen Arbeiterbewegung führte. In dieser Zeit des blutigen Krieges und der schmerzhaftesten Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung lernte Rosa Luxemburg das Gefängnis in seiner verschiedensten Gestalt kennen. Es begann eigentlich schon 1913 vor dem Kriege( 1914-18). Ein Wort in einer Versammlung wurde ihr als" Aufforderung an Soldaten zum Ungehorsam" ausgelegt. Deshalb wurde sie angeklagt und 1914 in Frankfurt zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, aber nicht sofort verhaftet, wie der Staatsanwalt es gefordert hatte. Sie antwortete dem Staatsanwalt: " Zum Schluß noch ein Wort, das auf seinen Urheber zurückfällt. Der Staatsanwalt hat wörtlich gesagt...: es wäre ja unbegreiflich, wenn die Angeklagte nicht die Flucht ergreifen würde. Das heißt mit anderen Worten: wenn ich, der Staatsanwalt, ein Jahr Gefängnis abzubüßen hätte, dann würde ich die Flucht ergreifen. Herr Staatsanwalt, ich glaube Ihnen, Sie würden fliehen. Ein Sozialdemokrat flieht nicht. Er steht zu seinen Taten und lacht ihrer Strafen. Und nun verurteilen Sie mich." Sie sprach dann in der Folge dieser Verurteilung in vielen überfüllten Versammlungen, wo sie, genau so wie vor dem Gericht, - 12- 1 - 12- zu dem stand, was sie einmal gesagt hatte. Die Versammlungen, zusammen mit den scharfrn Artikeln, füllten bei der Justiz das Maß gegen sie. Wegen eines Artikels, in dem sie Soldatenmißhandlungen anprangerte, erhob der Kriegsminister Anklage wegen Beleidigung der Armee. Es meldeten sich cirka 30 000 Opfer und Zeugen von Soldatenmißhandlungen, so daß schließlicch der Vertreter des Ministers um Vertagung bitten mußte. So wurde dann dieser Monsterprozeß begraben. Noch im Juni 1914 wurde wegen einer Generalstreikresolution gegen sie und sämtliche Unterzeichner Anklage erhoben. Anfang August❤ Lunt unterbrach der Krieg) die Fahndung nach den Versammlungsteilnehmern, die dafür gestimt hatten. Auch sie wollte man Rosa unter Anklage stellen. Damals verband sie. Ek schon eine - aus gleichem politischen Temperament entstandenenFreundschaft mit Karl Liebknecht, einem der Söhne von Wilhelm Liebknecht, des geschätzten und verehrten Veteranen der internationalen Sozialdemokratie gestorben arbeiteten mit. Beide, dazu Olara Zetkin, Louise Zietz und eine Anzahl ( wie sie hinten -männlicher Gesinnungsfreunde, arbeiteten vom 4.August an gegen den Krieg, d.h., damit auch gegen den Bestand der Sozialdemokratie Deutschlands. Im Vordergrund stand die Frage der Kriegskredite. Verständigungsmöglichkeiten waren nicht mehr vorhanden, zu tief war die Kluft. Sobald Menschen, die bisher einer Bewegung angehörten, an einem Punkt angelangt sind, an dem man sich gegenseitig Motive des Handelns unterschiebt, die nur in der Abwegigkeit des Denkens zu suchen sind und ihre - 13- - 13- tiefste Ursache im Willen zum Verrat des anderen suchen, hört jede Verständigungsmöglichkeit auf. Nicht, daß es ganz an gutem Willen gefehlt hätte. Aber die Bemühungen auf beiden Seiten um Verständnis, die Mittel, die man dazu nötig hatte, um seine Meinung bekannt zu machen, waren stark geschmälert. Das Höchste, was es in der demokratischen Partei geben soll, nämlich, die Meinungsverschiedenheiten offen und kameradschaftlich miteinander auszutragen, schriftlich und mündlich, war in dieser Zeit des Krieges, der militärischen Diktatur, des Eingriffs der militärischen Macht durch Dezimierung der Mitgliederzahl( Einziehungen), durch die rücksichtslos ausgeübte Militärzensur, stark unterbunden. Das schon immer nicht ganz freie Versammlungsrecht war noch viel unfreier geworden. Und das alles bei einer solchen psychologischen Zerklüftung, die Mißtrauen und Mißdeutungen zur Folge hatten. Ende 1914 war Rosa im Krankenhaus. Danach war ihr für ihren Strafantritt eine Frist bis zum 31. März 1915 bewilligt worden. Da sie aber die Absicht hatte, mit Clara Zetkin nach Holland zu fahren, um die letzten Vorbereitungen für eine" Internationale Frauenkonferenz" zu treffen, musste sie die XXXXXX in Frankfurt/ ihr/ zudiktierte Strafe von einem Jahr Gefängnis zu Beginn des Jahres 1915 antreten. Die Konferenz hat stattgefunden, aber ohne eine sichtbare Wirkung zu hinterlassen. um die letzten Vorbereitungen für eine Internationale Frauenkonferenz"( gegen den Krieg) abzuschließen. Die Konferenz hat stattgefunden, ist aber ohne sichtbare Wirkung geblieben. Aber deshalb mußte sie ihre Strafe schon zu + - - 14- Beginn des Jahres antreten. Sie schrieb ihre Artikel und Anweis ungen aus dem Gefängnis. Unter ihrem Einfluß entstand am 1.Januar 1916 der" Spartakusbund", dessen Mitglieder aber in der Partei blieben. Ende Januar 1916 aus dem Gefängnis entlassen, fand sie eine Broschüre die erste Frucht ihrer Gefängniszeit noch ungedruckt vor, die nun + T - 3 " bald unter dem Pseudonym" Junius" erschien und großes Aufsehen erregte. buck ben 1906 wehrte sich Rosa Luxemburg gegen eine eigene Parteigründung:" man darf die Mitgliedschaft der Sozialdemokratie nicht ihren abtrünnigen Führern überlassen. Am 1.Mai 1916 wurde von" Spartakus" unter der Hand in den Betrieben eine Demonstration organisiert. Um 8 Uhr fanden sich auf dem Potsdamer Platz in Berlin die Demonstranten ein. Unter ihnen befanden sich Karl Liebknecht in der Uniform des Arbeitssoldaten and Rosa Luxemburg. Plötzlich erscholl aus seinem Mund der helle Ruf:" Nieder mit dem Krieg. Nieder mit der Regierung." Tumult, Verhaftung des Rufers und berittene Polizei. Liebknecht wurde zuerst zu zweieinhalb, schließlich zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 10.Juli wurde Rosa Luxemburg wieder verhaftet. Leo Jogishes, ein russischer Revolutionär, ihr Lebenskamerad, mit dem sie bis zu ihrem gewaltsamen Ende verbunden gewesen ist, übernahm die Leitung des" Spartakus" bundes. Rosa's Ichaft) Luxemburg war nicht verhaftet, man nannte" Schutzhaft", die immer von drei zu drei Monaten verlängert wurde. Es war eine" Ehrenhaft", keine Strafe, der Gefangenen war Selbstbeschäftigung erlaubt mit Ausnahme der Politik, und sie durfte die Kosten ihres Aufenthalts selber bezahlen. auel der soude + Junius, Vert englischen Verfassung gegen König angland - 25Ihre erste Station war wieder das Weibergefängnis in der Barnimstraße, doch wurde sie schon im September 1916 zwecks besserer Überwachung in das Gefängnis des Beiner Polizeipräsidiums überführt. Das hatte alle Merkmaleeiner Durchalepiner gangsstation, d.h., es war ungepflegt, verwahrlost, klaste verwanzt, schmutzig, im höchsten Grade primitiv, ohne Licht, so daß die Zelle ab 5 Uhr schon in Dunkel gehüllt war. Dazu in der Nacht das Klirren der Schlüssel, das Hallen der Schritte auf den langen Korridoren, das Schlagen der eisernen Türen, verbunden mit dem Vorbei donnern der Stadtbahnzüge, von denen die Zelle erbebte. Rosa, die nieme Klagelieder sang und kein Mitleid vertragen konnte, sagt später selber: " Der Anderthalbmonatige Aufenthalt dort hat auf meinem Kopf gbaue Haare und in meinen Nerven Risse zurückgelassen, die ich nie verwinden werde. Ende Oktober 1916, kommt sie in die Festung Wronke in Posen. Hier ist es erträglicher. Die Sie Zellen sind über Tag geöffnet. Rosa hat sogar ein paar Blumenbeete zum Pflegen. Im Juli 1917 ist es mit dieser Herrlichkeit aus, sie kommt nach Breslau ins Gefängnis. Das war Fin düsterer Bau, sie ist den ganzen Tag eingeschlossen der tägliche Spaziergang vollzieht sich in einem sehr engen Hof. Sie streift immer dicht an der Mauer entlang, weil nur dort ein wenig Sonne hinkommt. Ihr farbenhungriges Auge sucht ein wenig Grün. Wir zitieren noch einmal Paul Frölich -15 - - 16- draussen stand die Welt in Flammen. In Rosa's Innerm loderte der leidenschaftliche Wille zu wirken, zu lehren, zum Handeln anzutreiben, um im Chaos dieser Götterdämmerung den Grund für eine neue, soziale Welt zu legen; und sie war auf diese Toteninsel geworfen. Sie lebte wie unter einer Glasglocke in verdünnter Luft, in drückender Zinsamkeit und in einem Schweigen, in dem sie wochenlang die eigene Stimme nicht horte. Mit grauenhafter Dautlichkeit sah sie die zerfetzten Leiber in den Schützengräben, das Schicksal von Millionen. Sie empfand das wachsende Elend der Massen, das Sterben der Kinder, das Verkümmern einer ganzen Generation, die allgemeine Verrohung und die Zertrümmerung der Kultur" 6 Drei Jahre und vier Monate der Kriegszeit hat Rosa Luxemburg so hinter Kerkermauern verbracht, davon war nur das eine Jahre 1915 durch eine Verurteilung begründet. Inzwischen hatte sich die längst vorhandene Trennung der Geister auch nach aussen vollzogen. Die unabhängige Sozialdemokratie konstituierte sich am 1917 in Halle. Der SpartakusSpaltung bund lebte und wirkte weiter im Dunkeln. Für Liebknecht wurde am 1.Oktober 1918 frei, Rosa Luxemburg erst nach drei Wochen. die Revolution( öffnete in die Tore des Kerkers. Das tragische Ende dieses Frauenlebens naht mit Riesenschritten. Ob sie es wohl gefühlt hat? In einer meisterhaften Schilderung der Persönlichkeit Rosa Luxemburgs kommt Benedikt Kautsky, der Sohn des Altmeisters, zu dem Schluß, daf sie nach ihrer ganzen Einstellung und nach jeder von ihr aus dieser Zeit vorliegenden Äusserung wohl kaum an der Provozierung der Januarkämpfe 1919 beteiligt gewesen sein kann. Aber, so sagt er: 11..... sie hat jegliche innere Verbindung mit den anderen sozialistischen Richtungen in Deutschland verloren, und - 17- - 17- als ihr im Oktober 1918 die Freiheit geschenkt wird, da sucht sie keinen Anschluß bei den beiden proletarische n Parteien, sondern betreibt ihre eigene Politik. Obwohl sie, ebenso wie Karl Liebknecht, formell der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei angehört, verweigern beide ihr die Gefolgschaft, als sie mit der Mehrheitssozialdemokratie zusammen die Regierung bildet, und die Parole der beiden ist das" Weitertreiben der Revolution", bis zur äussersten Konsequenz. Wie weit Rosa Luxemburg, die aus der Abgeschlossenheit ihrer Zelle unmittelbar in den Strudel der Ereignisse gestürzt wurde, aktiv an den einzelnen Entschlüssen ihrer engeren Parteigenossen mitgewirkt hat, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Wir können nur konstatieren, daß sie in einzelnen wichtigen Punkten von der Meinung ihrer Freunde abwich, so z.B. in der Frage der Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung. Vergebens bemühte sie sich, auf dem Gründungskongress der Kommunistischen Partei Deutschlands der Ende Dezember 1918 stattfand, ihren Parteigenossen auseinanderzusetzen, daß die Wahlbeteiligung eines der wichtigsten Mittel zur propagandistischen Durchdringung der Arbeitermassen sei- die echten Bolschewiken, als deren Vertreter Karl Radeck auf dem Kongress erschienen war, hatten sich innerlich schon so weit von dem Gedanken der Parteidemokratie entfernt, daß sie den Luxemburgischen Vorschlag ablehnten". sagt dass wohl Benedikt Kautsky kommt zu dem Schluß, daß Rosa Luxemburg Wohlbaum an der Provozi ng der Januarkämpfe 1919 beteilige Muund gewesen sein kam Mu und Ehrgefühl haben es wohl nicht ihn ke gestattets in dieser Zeit anders zu handeln, es hätte bedeutet, sich selbst in Sicherheit zu bringen und die Kameraden zu verlassen. Am 11.Januar 1919 hatte, Rosa Luxemburg noch eine Zusammenkunft mit Freunden in der Nähe des Halleschen Tores, Liebknecht wurde dazu geholt. Da man beide, soweit es möglich schien, in Sicherheit wissen wollte, brachte man sie nach Neukölln in eine Arbeiterfamilie. Am 13.Januar aber wurde auch dorthin Gefahr gemeldet. War es falscher Alarm? Beide wurden .18- -18- daraufhin zu Freunden in Wilmersdorf gebracht. Rosa -Luxemburg wußte, daß die Revolution verloren war. Am 15.Januar wurden beide in ihrer letzten Zufluchtsstätte aufgespürt und verhaftet. Man brachte sie ins Edenhotel, wo sich die Garde- Kavallerie- Schützen- Division installiert hatte. Hauptmann Waldemar Pabst soll sie" vernommen" haben. Als weiterer Mitschuldiger wird der Kapitänleutnant und spätere Admiral Canaris genannt. Karl Liebknecht wurde schon beim Abführen vor dem Hotel mit Kolbenhieben niedergeschlagen. Man fuhr mit ihm in den Tiergarten, und in einer Berliner Rettungsstation wurde die Leiche eines " unbekannten Mannes" eingeliefert. Rosa wurde nach der Vernehmung draussen vor dem Hotel der Kopf durch Kolbenhiebe zertrümmert, dann schoß man ihr eine Kugel durch den Kopf. Am 19.Mai trieb eine Frauenleiche, die monatelang im Wasser gelegen hatte, ans Land. Lee Jogiches, der Freund und Lebens gefährte Rosa Luxemburgs von ihrer Studienzeit her, wurde am 10.März 1919 im Gefängnis des Berliner Polizeipräsidiums" auf der Flucht" erschossen. d.' Es gab aber auch noch eine andere Rosa Luxemburg, wie wir sie in der Sturm- und Drangperiode noch nicht kannten. Wir hätten sie auch nicht kennen gelernt, wenn nicht Freunde von ihr sie uns näher gebracht hättens ein tief empfindendex und empfindsamer Mensch- mit einem vielgeistigen Innenleben. Diese Seite ihres Wesens war es, die sie schon in der Jugend zum Studium der Naturwissenschaften getrieben hatte. Fran - 19 - 19- Sie hatte die Liebe zur Natur und zu aller lebendigen Kreatur. .Wenn nicht der fesselnde Reiz, den die geschichtliche und gegenwärtige Entwicklung der menschlichen Gesellschaft auf sie ausübte und wenn nicht( damit eng verbunden) der revolutionäre Drang in ihr das starke Übergewicht bekommen hätten, hätte sie sicher den Menschen auf dem einen oder anderen Gebiet die Erzeugnisse ihrer schöpferischen Kraft gegeben. Rosa Luxemburg konnte auch Freundschaften schließen und halten. Es waren ihrer nicht zu viele hier war sie nicht verschwenderisch-, aber diesen Freunden war sie treu ergeben. Sie suchte immer, auf Menschen einzuwirken, suchte das, was sie in ihnen erspürte, auch zu formen. Das, was sich in dem Kinde schon gezeigt hatte, was sie als Schriftstellerin, Rednerin, Lehrerin aus ihrem Inneren heraus entwickelte, war auch Wesensbestandteil ihrer Freundschaften. Hier übte sie am einzelnen Menschen und übersetzte ins Intime, was sie in einer größeren Gemeinschaft tat. Sie suchte zu gestalten, das Beste im Freund zu erwecken und zur Entfaltung zu bringen. spätes Das verraten uns die Briefe, die von ihren Freunden veröffentlicht wurden, mit denen sie sich nicht einer großen * Öffentlichkeit zu zeigen glaubte, die aber gerade in ihrer unverhüllten Innigkeit einen Menschen zeigen, der eingesperrt in Kerkermauern die Schönheit liebt und nach ihr dürstet, der in der Einsamkeit einer trostlosen Gefängnis zelle noch - 20- <-20-> an einem Käfer, an einem Grashalm seine innige Freude haben kann. O, diese Briefe verraten uns viel. Sie zeigen uns die liebende Seele, den Menschen, der geleitet wird von einer starken sittlichen Kraft, der ausgestattet ist mit einem Willen, immer und aus tiefstem Grund im Denken und Handeln der anständige Mensch zu bleiben.- Sie war ein von Grund auf künstlerischer Mensch. In der Malerei, in der Musik kannte sie sich aus. Ihr Leben lang hat sie gezeichnet, sie versuchte zu malen und erzwang sich durch Ausdauern Fleiß und Energie die Technik für diese Kunst. In dem Buch" Briefe an Freunde" finden wir ein Portrait ihres Freundes Hans Diefenbach, eines Berliner Arztes, das zweifellos Ausdruck hat. Paul Frölich sagt: " Rosa liebte die Musik, sie sang gern, besonders die Lieder von Hugo Wolf und Arien von Mozart". 1929 schreibt Luise Kautsky von ihr in den jungsozialistischen Blättern: " Rosa Luxemburg war der Typus der sich für ihr Ideal opfernden Heldin. Sie war Schwert und Flamme zugleich. Ebenso schonungslos, wie sie den Kapitalismus geißelte, wendete sie sich gegen Andersdenkende in den eigenen Reihen, bei denen sie Verrat an Prinzipien witterte. Ihre Kritik machte vor niemand halt, beugte sich keiner Autorität. Zuhause und ihren Freunden gegenüber war sie rücksichtsvoll, zartfühlend, voll Mitleid mit jeder Kreatur, schwärmerisch begeistert für alle Künste, Musik und Malerei, in der schönen Literatur ebenso zuhause wie in der Wissenschaft". mireinst Einen tiefen Einblick in ihres Wesens Art geben ihre Brie fe an" Karl und Luise Kautsky", an" Sonja Liebknecht" und spätes " Briefe an Freunde". Zur Einsicht und Gedächtnisstütze - 21- - 21- G steht, uns im Augenblick- nur das letztere zur Verfügung. Aber welch eine Schatzgrube ist das allein, um etwas von dem Menschen Rosa Luxemburg zu erfahren. So schreibt sie, einer älteren Erinnerung nachgehend im Gefängnis zu Wronke): Es war schon tiefe Dämmerung, doch am Horizont brannte noch ein düsterer Purpurstreif, der sich in der Havel spiegelte und die Wassertafel in ein großes Rosenblatt verwandelte. Eine leichte Böe strich darüber hin und kräuselte dunkle Schuppen auf dem Wasser, das von einem Schwarm schwarzer Punkte besprenkelt war. Es waren Wildenten, die auf ihrem Zug in der Havel Rast hielten und ihren gedämpften Schrei, in dem so viel Sehnsucht und Weite klingt, zu uns hinübersandten...."/- Dann, in die Gegenwart( der Gefängnismauern) zurückkehrend, heißt es: Gestern Abend gab es wunderschöne rosige Wolken über meiner Festungsmauer. Ich stand vor meinem vergitterten Fenster und rezitierte für mich mein Lieblingsgedicht von Möricke...." Wieder an einen vertrauten Freund:".... Sie wissen, ich fühle und leide mit jeglicher Kreatur, eine Wespe, die mir ins Tintenfass rutschte spüle ich dreimal in lauwarmem Wasser und trockne sie auf dem Balkon in der Sonne, um ihr das bißchen Leben zurückzugeben..."-- Den mit sich selber in der schrecklichen Einsamkeit des Gefängnisses ringenden Menschen zeigt sie und verbindet es mit der Bitte um Freundeshilfe:".... übrigens wäre alles viel leichter zu ertragen, wenn ich bloß nicht das Grundgebot vergessen würde, das ich mir fürs Leben gemacht habe: Gut sein ist Hauptsache! Einfach und schlicht, gut sein, - - 22- <- 22- Perücken. das löst und bindet alles und ist besser als alle Klugheit und Rechthaberei. Aber wer soll mich jier daran erinnern, wenn nicht einmal die( Katze) Mimi da ist? Die wußte mich zuhause manches Mal durch ihren schweigenden langen Blick auf den richtigen Weg zu führen....."- Und dann spricht der Mensch, der sich an Bildern innig erbauen kann: .... Kennen Sie die Christusbilder von Hans Thoma? So werden Sie in diesem Buche die Vision des Christus erleben, wie er schlank und von rötlichem Licht umflossen durch reife Kornfelder geht und um seine dunkle Gestalt rechts und links weiche Lilawogen um die silbernen Ähren fließen...." LITERATUR: Diverse Parteitage Paul Frölich: Rosa Luxemburg Verlag Friedrich Oetingen, Hamburg. Rosa Luxemburg; Briefe an Freunde, zusammengestellt von Luise Kautsky, herausgegeben von Benedikt Kautsky ( Europäische Verlagsanstalt&.m.b.H., Hamburg). ** Div. Bände der" Gleichheit. Div. Bände" Neue Zeit. " LUISE OTTO ( 1819-1895) Luise Otto wurde hineingeboren in die" liberale Kampfaera" Deutschlands. als das demokratisch fühlende Bügertum in dem Kampf um seine Mitbestimmung im Staat, aber auch um Gewerbe- Produktions- und Handelsfreiheit seine Forderungen anmeldete. Das war, als auch die studierende Jugend aus diesen Schichten leidenschaftlich nach einem einigen Deutschland verlangte und sich für Geistes- und Bürgerfreiheit, für Menschenrechte begeisterte und einsetzte. Damals wurde auch in vielen bürgerlichen Familien die geistige Atmosphäre etwas aufgelockert. Vor den Ohren der aufhorchenden Frauen wurden Gedanken laut, die man bisher immer als eine 2. reine Männersache betrachtet hatte. So auch im Elternhause Luise Ottos. Der Vater war Gerichtsdirektor in Meissen, entstammte einer sächsischen Patrizierfamilie und hatte sich seine Frau aus Künstlerkreisen gesucht. Mit Interesse an den politischen Stömungen seiner Zeit teilnehmend, las er Frau und Töchtern die spannendsten Ereignisse aus der Zeitung vor, so ihren Gesichtskreis erweiternd. Auch die Mutter, schöngeistig und literarisch interessiert, gab ihrer Tochter Luise wertvolles Bildungsgut mit auf ihren Lebensweg. Das war bestimmt eine wertvolle Ergänzung zu der -auch in diesen Kreisen- noch recht armseligen Mädchenschulbildung. In dieser Zeit erwachte auch das moderne Industrieproletariat, dessen Entstehung durch die Zeitentwicklung gefördert wurde, zu bewusstem Leben und schickte sich an, seinen Kampf um eine bessere und reichere Lebensgestaltung aufzunehmen. Dieser Kampf wurde schwer und hart. Aber mit dieser Entwicklung mit den Bestrebungen des Bürgertums und den Kämpfen des aufsteigenden Proletariats- war auch die moderne Frauenfrage verbunden. War doch diese neue Form der Frauenerwerbsarbeit eine soziale Erscheinung mit vielen Verzweigungen und Nebenerscheinungen, die das Zusammenleben der Menschen umgestaltete und Zeitprobleme entstehen liess, mit denen sich denkende Menschen beschäftigen mussten, Luise Otto war kein Proletarierkind.Sie wuchs/ / wuchs KAINAX hinein in eine gärende.Zaxx mit Problemen Überladene Zeit, in der die Industrialisierung Deutschlands ihren Ansick entwickelte fang genommen hatte,( schnell wuchs, dabei soziologische Probleme schaffend und aufreissend, mit denen Staat und Gelellschaft nicht so leicht und schnell fertig wurden. Ricarda Huch, die grosse Meisterin der Darstellung alles Zeitgeschehens schreibt von Luise Otto( Fussnote: Ricarda Huch: Alte und Neue Götter, 1848./Seite 393.Erschienen 1930. Deutsch- schweizerische Verlagsanstalt) dass sie eine liebliche Erscheider/ nung gewesen sei und dabei die" einzige Frau", die im/ achtundvierziger Revolution selbständig hervorgetreten sei. Die Mutter habe Luise, ihrer jüngsten Tochter ihr künstlerisches Temperament vererbt%; B wenn auch nicht eine starke, künstlerische Produktionsfähigkeit, so doch die Wärme des Empfindens, den Sinn und die Empfänglichkeit für alles 3. Schöne.Ihrem Lebensgefühl nach, sei Luise Otto bestimmt eine Dichterin elterlichen/ des gewesen. Dass die Atmosphäre des/ Hauses auf die empfängliche Seele heranwachsenden Mädchens stark gewirkt haben muss, ist schon an der Zwölfjährigen zu merken gewesen. Doch den ersten, ihr bewusst werdenden sozialen Eindruck scheint die Einundzwanzigjährige erhalten zu haben, als sie im sächsischen Erzgebirge den ihr bis dahin unbekannt gebliebehen Gegensatz zwischen den reichen Fabrikanten und den armen Spinden/ nern und/ Klöopplerinnen erlebte. Aeusserlich soll Luise Otto einen zarten und schüchternen Eindruck gemacht haben. Umso stärker wirkte es wie sie sich mit merkwürdig klarem Blick- gegen die von ihr erkannten Missstände und ihre Abhilfe einsetzte. dem Druck/ Dann wirkte sie furchtlos und sicher. Von dem/ im Erzgebirge gemachten Erfahrungen befreite sie sich seelisch in einem Roman" Schloss und Fabrik". Hier zeigte sie die Dinge so, wie sie sie gesehen hatte. Und in einer Audienz beim sächsischen Kultusminister bewirkte sie die Freigabe ihres, von der Zensür verbotenen Buches, wobei sie in einige Streichungen willigen musste, wenn das Buch erscheinen sollte. Aber sie erreichte ihr Ziel. 1844" Vaterlandsblätter, redigiert von dem Revolutionar Robert Blum, der in Wien erschossen wurde, die Frage auf:" Haben Frauen ein Recht zur Teilnahme an den Interessen des Staates?" Luise Otto gab die Antwort in einem enthusiastischen Artikel. Die Teilnahme daran sei nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht der Frauen. Die Begeisterung, mit der Luise Otto von Robert Blum und seinem Freundeskreis aufgenommen wurde, hat wieder auf sie zurück gewirkt. Das sagten/ ihre" Lieder eines deutschen Mädchen", die" echt aufrichtig und mit heiligem Ernst" den Geist der Zeit wiederspiegelten. Die Lerche des Vorfrühlings nannte man sie später.( Fussnote* Handbuch der Frauenbewegung, H.Lange und Verlag Gertrud Bäumer, 1.Teil, And II S.Moeser- Buchhandlung Berlin 1901/ XXXXXXXXXXXX und Anna Blos: Frauen der Deutschen Revolution 1948, Verlag Kaden u.Co.1928) Die gewerbliche Frauenarbeit war mit einer der grossen wirksamen 4. Kräfte zur Aufrüttelung der Frauen. Doch wäre die Erkenntnis darüber wohl kaum so nachhaltig und klärend in die Arbeiterbewegung eingedrungen, wenn nicht Wissenschaftler und geistige Pioniere wie Karl Marx und Friedrich Engels( z/ B. im Kommunistischen Manifest) auch die Frauenerwerbsarbeit als gesellschaftlichen Faktor gewürdigt hätten. An die Bohnarbeiterin, an die Mutterd, die der Kapitalismus ihrer Aufgabe gewaltsam entfremdete, wandte sich der Ruf" Proletarier aller Länder vereinigt Euch." langen/ Die Frauen, die später im/ Kampf um die Befreiung der Frau Glied um Glied in der Kette der Vorurteile lösen mussten und dessen kein Ende absehen konnten, wussten es zu schätzen, wenn vor ihnen eine einzelne Frau mutig für ihre Schwestern eingetreten ist.Luise Otto sah die Barrieren des Vorubteils, die den Frauen in ihren Bemühungen einen Arbeitsplatz Xind und damit Existenzmöglichkeiten zu finden, entgegenstanden. Es ist begreiflich, dass auch die Arbeiter der damaligen Zeit das Eindringen der Frauen in die Betriebe und in das Handwerk als Konkurrenz empfanden. Sowie sich die schlesischen Weber gegen das" Ungeheuer Maschine" gewendet haben, so sahen die Arbeiter in der Frauenarbeit die Schmutzkonkurrenz. Und sie war es ja auch,-nur- die Frauen waren nicht schuld daran. Die Arbeiter und die Frauen mussten den geschichtlichen Vorgang, der sich in dieser Zeit vollzog, erst begreifen lernen. In der Zeitschrift" Typographia", die sich zur Arbeiterzeitschrift entwickelte, trat Luise Otte nachdrücklich dafür ein, die damalige Zeitforderung nach" Organisation der Arbeit", auch für die Frauen zu erfüllen. Sie sagte den Arbeitern deutlich, wie sie die Dinge ansah.ANNEEXX Ausser" Schloss und Fabrik" hat Luise Otto noch zwei andere Romane heraus gebracht. Sie atmeten den gleichen Geist.XXXXXXXXX@ XX@ xx ( Fussnote:* Ludwig der Kellner( 1843) und Römisch und Deutsch( 1847) Sie atmeten den gleichen Geist." Wenn die Zeiten gewaltsam laut werden, so kann es nicht fehlen, dass auch die Frauen ihre Stimme vernehmen und ihr gehorchen"-das war ihre Schlussfolgerung aus der revolutionären Stimmung von 1948. Man sprach damals von Humanität, von Menschnrechten, Die Selbstverwaltung des Volkes war IX- als Forderung- damals zu einem populären Begriff geworden. viele Frauen verlangten jetzt danach, · 5. am öffentlichen Leben teilzunehmen. Sie besuchten die Kammerverhandlungen als Zuhörer, sie verschlangen die damals reichlich erscheinende, politische Lyrik, an der Luise Otto stark beteiligt war und von der sie einen sichtbaren Einfluss auf die Fraueng erwartete. Sie entwickelt in einem, von Robert Blum herausgegebenen" Vorwärts- Volkstaschenbuchy ********** XXXXX XXXXXXX auf das Jahr 1847" unter dem Titel:" Die Teilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben" ein Programm der Frauenebewegung Darin verlangt sie, dass dafür gesorgt wirde, dass die erwachten Frauen nicht wieder gleichgültig wurden. Das will sie durch eine bessere weibliche Erzihung und umfassendere Bildung erreichen.--" Die Erziehung und Bildung der Frauen steht mit underen staatlichen Verhältnissen in Widerspruch. Die Frauen sollten zur wirtschaftlichen Selbständigkeit befähigt werden. Sie sollten es nicht notwendig haben, sich durch eine" Versorgung sehe" zu entwürdigen."--Luise Otto war ein mutiger Mensch.Wie sie der Oeffentlichkeit und den Arbeitern ihre Ansichten mitteilte, so trat sie auch den Behörden gegenüber unerschrocken auf. Das sächstische Ministerium Oberländer berief eine Kommission ein, die über Gewerbe- und Arbeitsverhältnisse gehört werden sollte. Die Kommission und die Behörden erhielten die" Adresse eines deutschen Mädchens Luise Otto verlangte darin u.a. vermehrte und verbesserte Arbeitsgelegenheit für Frauen. Sie wies auf die sittlichen Gefahren hin, die für die Arbeiterinnen bei zu geringer Entlohnung entstehen müssten. Sie sprach den Bemifungen der Kommission und des Ministeriums den Erfolg ab, wenn man sich nicht bereit finden würde, die Frauen mit in die" Organisierung der Arbeit" me teinzubeziehen. Schliesslich gab Luise Otto 1849 auch eine Zeitschrift heraus, funter dem Motto:" Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen." Doch wurde diese bereits 1852 ein Opfer der einsetzenden Reaktion. Der Kampf um Freiheit, Bürher- und Menschenrecht war bis auf weiteres unterdrückt. Auch die Arbeiter mussten sich besinnen und sich auf neue Kämpfe in anderen Formen und unter anderen Bedingungen vorbereiten. Still wurde es auch für lange Zeit um die Frauenbewegung. Aus Luise Otto wurde schliesslich Luise Otto- Peters. Mit 17 Jahren hatte Mädchenzeit nicht sie beide Eltern verloren.So war sie schon in ihrer machen frei von materialler Sorge. Surch ihre mutige schriftstellerische und vielen andere war sie revolutionären/ Tätigkeit mit Kämpfern wie Robert Blum, Alfred Meissner, Ernst Keil u.a, O, in persönliche Verbindung gekommen. Bezeichnend für die damalige Zeit ist, dass sie ihre Beiträge an Zeitschriften mit einem Männernamen zeichnen musste, so wenig war es üblich, dass sich Frauen über Zeitfragen öffentlich äusserten. Sie sei eine geborene Journalistin, sagten Freunde von ihr. Zusammen mit diesen Freunden musste sie auch den Zusammenbruch ihrer Freiheitshoffnungen erleben. Die Reaktion setzte mit Erschiessen und Zucht< Robert Blum war in Wien erschossen worden. haus für Freiheitskämpfer ein. PHO Luise korrespondierte seit längerer Zeit mit August Peters, einem jungen Arbeiter mit starkem Bildungsauftrieb. Er hatte eine Freischar von Dresden nach Rastatt geführt; gefangen genommen, sollte er standrechtlich erschossen werden.Davor rettete ihn sein leidender Zustand.Aber die nahe Todesgefahr eng/ führte die Beiden/ zusammen. Siehen Jahre sass August Peters im Zuchthaus. Dann wurde eine Ehe geschlossen, die schon nach sechs Jahren durch den wieded Tod des Mannes ihr Ende fand.In dieser Zeit gab August Peters in Leipzig ein demokratisches Blatt heraus, Luise war seine engste Mitarbeiterin. Ihre wirtschaftlichen Verhältnisse waren nicht glänzend. Der Kampf um die Existenz und die Sorge um Mann und Kinder verbrauchten einen grossen Teil ihrer Kraft. Aber als die Frauenbewegung wieder erwachte und sich aus vielseitigen Bestrebungen zu einem Ganzen zu formen suchte, begegnen wir ihr wieder. Sie, die für die Frauenemanzipation innerhalb der Arbeiterklasse praestiniert erschienen war, bekannte sich nun zu der Ansicht, dass eine" Frauenbewegung" nicht im Programm einer Partei aufgehen dürfe. Aber immer noch sah sie es als Aufgabe an" im Dienste der Humanität und des Sozialismus" XXXWXKKNKXXX zu wirken. Was sie damit meinte.Getrud Bäumer deutet es so:" Sozialismus nicht als Parteiprogramm sondern als Form praktischer Tätigkeit, zu der die sozialen Verhältnisse * die Bekenner des Gedankens der Humanität verpflichten." Wir wollen darob nicht streiten. Wir können Luise Otte nicht selber darim befragen. Ihre Schriften sind nicht mehr aufzufinden. Aber ihr weiteres Interesse Gertend Baumer, Helene Lan Havoldellch der Heutscher Frauen bewegung Lange, J. Teil. Verlag elloeser u. Co. Berlin 1701 * 7 an der Lage der Arbeiterinnen zeigt uns auch bei späteren Begegnungen, wohin ihre Liebe und ihr Verständnis tendierte. Mit dem Jahre 1852 aber war es mit ihrer Pionierarbeit für die Arbeiterinnen zuende. 1865 wirkte sie mit Auguste Schmidt und Henriette Goldschmidt bei der Gründung des" Allgemeinen deutschen Frauenvereins mit. Das geschah in Beipzig, wo man auch" Unterhaltungsabende für Frauen der ärmeren Volksschichten" eingerichtet hat. Man wollte ihnen Kulturwerte vermitteln, sie für wichtige praktische und sittliche Fragen gewinnen. Kurz: Man suchte von oben her zu helfen. Was man bei diesen Bestrebungen nicht beachtete und auch nicht verstand, war das Denken und Fühlen innen der Arbeiteriкää. Ihnen wurde sehr bald von den freien Gewerkschaften und von der Sozialdemokratie gelehrt, dass" die Befreiung der Arbeiterк** *** nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann." Das entsprach Wie dem Gefühl und dem Denken der arbeitenden Frauen mehr. XXX Luise Otto ihr Weg auf das andere Gleis, das der bürgerlichen Frauenbewegung geführt/ hat, so fand die Arbeiterinnenbewegung Halt, Stutze und Förderung in den freien Gewerkschaften und in der Sozialdemokratie.Sie wuchs dort hinein und fand in der Kameradschaft mit der Arbeiterbewegung den ihr gemässen Nährboden für ihre Entwicklung. Emma Ihrer ( 1857-1911) heisstes Im Internationalen Handwörterbuch des Gewerkschaftswesens sagt von Emma Ihrer, dass sie die erste Führerin der freigewerkschaftlichen Arbeiterinnen gewesen sei. Sie habe der Generalkommission der deutschen Gewerkschaften von 1890 his 1892 angehört, das heisst von deren Gründung bis zum Gewerkschaftskongress in Halberstadt, der nach dem Fall des Sozialistengesetzes zum ersten mal abgehalten werden konntenach< den Kongress/ dem XXXX vorher( am 16.und 17. November 1890) eine/ vorbereitende ferenz in Berlin stattgefunden hatte, auf der sich die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands konstituierte und eine Leitung wählte. d Es heisst im" Intern.Hanwörterbuch wörtlich: rbu KonEmma Ihrer genoss das persönliche Vertrauen von Carl Legien in einem bei* dessen zurückhal tender Natur in einem seltenen Masse und übte dadurch auf die deutsche Ge werkschaftsbewegung grossen Einfluss aus, der ehenso auf ihrer Klugheit wie ihrem Eifer für die gewerkschaftliche Sache und auf der Wärme ihres ganzen Wesens beruhte". 8 Emma Ihrer kam aus XXX Glatz in Schlesien, aus kleinbürgerlichem Milieu. gab/ Klug, bildungshingrig, warmherzig, kam die vierundzwanzigjährige nach Berlin.Bismark regierte mit dem Sozialistengesetz gegen die Sozialdemokratie, gegen alle Arbeiter, die mit dem Sozialismus sympathisierten oder die durch ihr Tun diesen Anschein erweckten. Dieses Ausnahmegesetz brachte in den zwölf Jahren seines Bestehens für die Verfolgten viele Jahre Gefängnis, Ausweisungen, menschliche Aechtung.Arbeiter kamen auf die schwarzen Listen, wurden brotlos, wenn sie sozialistische Ideen zeigten. Emma Ihrer hatte sich mit einem Apotheker in Velten bei Berlin verheiratet. Er hatte Verständnis für die Interessen seiner Frau. Durch die Ehe war sie Soncid an Berlin gebunden, das bestimmte in vielen Dingen( gie mit Ortswechsel zusammen hingen) ihr Verhalten. Und die Frauen der damaligen Zeit? Was dachten sie, was taten sie? Das Preussische Vereinsrecht von 1850, so auch das der meisten Bundesländer AKI/" Frauenspersonen"/ das Recht, sich nicht/ politisch zusammen zu schliessen. Und was Politik war, bestimmte die Polizei nach dem Motto:" wenn zwei das Gleiche tun, so ist es nicht das Gleiche." Es war eine gärende Zeit. Die Frauenerwerbsarbeit wuchs.Die mechanisch arbeitende Maschine machte die Beschäftigung williger und billiger Frauen- und Kinderhände möglich und gewinnbringend. Emma Ihrer gehörte zu der-dünn gesäten- Frauenschicht, die die soziale Lage der arverstehend/ beitenden Frauen und Mütter begreifen, sie AZIAI/ überschauen konnte, Und sie sah sie auch als Zeiterscheinung, durch die Entwicklung bedingt. Leidenschaftlich mitfühlend, dabei ohne persönlichen Ehrgeiz, stand sie bald im Mittelpunkt der Berliner Frauenbewegung. 1881 beteiligte sie sich an der Gründung eines Frauenvereins, der noch stark die Zeichen dillettierender Versuche aufwies.Zwei ehrliche Frankfurter Demokratinnen ( aus der Zeit der 48ger Bewegung) veröffentlichten statistisches Material über krasse Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft, erliessen Aufrufe, veranstalteten Versammlungen. Es kam in Berlin zur Gründung des:" Frauen hilfsvereins XXXXXXXREXXX für Handarbeiterinnen" Emma Ihrer gehörte zum Vorstand. In dem Namen des Vereins drückte es sich schon aus, dass man keine Fabrikarbeiterinnen aufnehmen wollte. Die Meinung- auch wohlwollender Menschen war damals жExк vielfach noch, dass Frauenarbeit in der Fabrik eigentlich verboten werden müsste.- Die Arbeit unter den schlechtesten Arbeitsbedingungen, die nur denkbar sind, zog nicht die Elite der Arbeiterinnen an, die Aermsten, die es am nötigsten hatten und denen andere MöglichVerhältnisse keiten verschlossen waren, gingen in die Fabrik. So wirkte Die Umstände dort wirkten Cauch nicht veredelnd auf die Arbeiterinnen ein. Umso mehr Ursache wäre es gewesen, sich dieser Frauen besonders anzunehmen, sie für die eigene und BesserungsAGS. Lage******* möglichkeiten zu interessieren./Aber die innere Gesetzmässigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung war eben noch nicht begriffen worden. n/ Nun, dieser Frauenhilfsverein versprach seinen Mitgliedern viel, viel mehr, als man für so geringe Beiträge und bei kleiner Mitgliederzahl halten konnte. So beschloss man die Aufnahme ausserordentlicher Mitglieder, mit einem höheren Jahrsbeitrag. Dadurch waren die Mitglieder von vornherein in zwei verschiedene Schichten geteilt. Für die Versammlungen bemühte man sich um Schulräume, um den Mitgliedern zu ersparen öffentliche Lokale besuchen zu müssen." Für solche Frauenzimmer sind die Räume nicht da", sagte der mensch freundliche Schulrat, der sie für" Damenveranstaltungen hergab. Und die Arbeiterinnen waren misstrauisch. Der Verein roch ihnen nach Wohltätigkeit.- Als der Verein gescheitert war, blieb als Gewinn ein Häuflein unentwegter Frauen, die bei den verschiedenen kleinen, vergeblichen Versuchen schon vorher gelernt hatten und die auch +1 schon hellhörig für ihre Zeit geworden waren. Die kritische Emma Ihrer hatte sich schon ein Bild eines zukünftigen Vereins geformt, in dem die Arbeiterinnen, auch die aus der Fabrik, ihre Angelegenheiten selber in die Hand nehmen würden.[ Doch wollen wir hier erst noch ein wichtiges Zwischenspiel festhalten, das den Frauen Ihrer und ihrem Kreis Gelegenheit gab, zahlenmässig stärkere Frauenschichten wachzuratteln. 1883 hielt der" Deutsche Kulturbund" öffentliche Versammlungen ab.Thema?" Wie kann man die Sittlichkeit der Arbeiterinnen heben?" Etras 10 }}/ ei nackte Da haben nun die erwähnten Frauen diese Versammlungen geschickt benützt, um von den Hungerlöhnen der Arbeiterinnen als Ursache der Prostitutionzu sprechen. Sie geisselten dabei schonungslos das Verhalten mancher Arbeitgeber, die sich nicht scheuten, die wirtschaftliche Notlage ihrer Arbeiterinnen noch besonders auszunützen. Sie zogen die Schlussfolgerung, dass die Arbeiterinnen durch organisierte Selbsthilfe ihre Situation verunabhängig und/ bessern müssten. Nur, wenn sie wirtschaftlich/ in der Lage seien, sich gegen Zumutungen ihrer Arbeitgeber schützen, ohne den Verlust ihrer Arbeit fürchten zu müssen, wäre ihnen geholfen. Auch dürfe die makte Not sie nicht Und;/ auf die Strasse zwingen./wenn Frauen wirtschaftlich auf eigenen Füssen stehen mussten, könnten sie auch verlangen vor dem Gesetz als selbständige Menschen anerkannt zu werden.- Es war das erste mal, dass bekannte Persönlichkeiten aus den verschiedenen Parteirichtungen in aller Oeffentlichkeit sachlich und ernsthaft diskutierten. Die Besucherinnen aus den arbeitenden Kreisen waren aufgerüttelt. Ein guter Auftakt zur Gründung eines neuen Vereins war gegeben. Die Initiative lag bei Emma Ihrer. Der" Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen" trat 1885 ins Leben. Der Anfang war vielversprechend und in kurzer Zeit stieg der Verein auf mehrere Tausend Mitglieder. Sein Programm war realistischer als der seines gescheiterten Vorgängers.Man spurt den starken Einfluss gewerkschaftlicher Gedankengänge.Es sagt: Hebung der geistigen und materiellen Interessen der Mitglider, Besserung der Lohnverhältnisse, gegenseitige Unterstützung bei Lohnstreitigkeiten, Aufklärung durch fachgewerbliche und wissenschaftliche Vorträge, Gründung einer Bibliothek, Pflege der Kollegialität durch gesellige Zusammenkünfte, Errichtung eines Arbeitsnachweises. Bald entstanden Zweigvereine in anderen, grösseren Städten. Wurde die Das Fallbeil des Preussischen wachsende Bewegung dem Staat gefährlich? XXXXXXXXXXXXXXXX Vereinsgesetzes sauste herunter, der Verein wurde am/ / 1. Mai 1886 aufgelöst, die leitenden Frauen wurden unter Anklage gestellt Aber was hatte in diesem einen Jahr nicht alles getan. Cund bestraft man Und nichts war an dem Verein politisch gewesen. Wodurch waren die Frauen so staatsgefährlich? Sie hatten mit einigen einsichtigen Arbeitgebern gute Vereinbarungen über Löhne getroffen.Sie strebten saubere Werkstätten an, mit Waschvorrichtungen, mit anderen Ver besserungen der Hygiene und hatten auch darin einiges erreicht. Sie wollten Schutz vor Schmutz, Staub und gewerblichen Giften und vor Unfallsich gefahren. Deshalb forderten sie eine gewerbliche Fabrikinspektion die NIEM entwickeln aus den eigenen Reihen hervorgehen sollte. Die Arbeiterinnen wollten dieser an der Auswahl der betr. Persönlichkeiten beteiligt sein.Man wünschte den Schutz schulpflichtiger Kinder vor Ausbeutung.Man bemühte sich sogar mit Erfolg) in einer Petition zugunsten der Heimarbeiterinnen, gegen einen geplanten Garnzóll.Die Regierung hatte sogar den Wunsch nach einer Enqute erfüllt, die die Arbeitsbedingungen in der Wäschefabrikation und Konfektion( meistens Heimarbeit) untersuchte. Das Resultat liess auf sich warten. Dies und vieles andere taten und wünschten die Frauen. Inzwischen waren die Gewerkschaften- trotz Ausnahmegesetz- neu erstarkt. 1889 besuchte Emma Ihrer den" Internationalen Arbeiterkongress" in Paris. Die Berliner Arbeiter hatten sie dazu bestimmt.Es war der Kongress, der auch die Arbeitsruhe am ersten Mai beschlossen hat. Dieser sie. Pariser Kongress war ein grosses Erlebnis für KAXINA Klara Zetkin hatte dort über die Frauenfrage gesprochen. Eine, für die Frauenbewegung wichtige Resolution war angenommen worden. E.I.kam mit neuem Mut erfüllt zu ihren X* XX** X** XXXXяEk Genossinnen zurück.Sie machte den Vorschlag die Frauen versuchsweise, wenn auch in losester Form, wieder zu organisieren. Man bestimmte eine Agitationskommission, es waren nur wenige Frauen. Nach kurzer Zeit war Anklage und Auflösung wieder da. Festellung des Gerichts:" Die Frauen haben nichts böses getan." Aber bestraft wurden sie doch. Bei einer Haussuchung in der Wohnung Ihrer hatte man auch noch aus der Korrespondenz festgestellt, dass sie die Bewegung der Frauen persönlich gefördert habe. Schlisslich gründete Emma Ihrer eine Zeitschrift: ersten/( nach dem Sozialistengesetz/ " Die Arbeiterin". Auf dem Parteitag/ in Halle 1890 berichtete sie über ihre seigne sie Bemühungen. Sie sagte, dass Die Vorarbeiten nahezu abgeschlossen, seien sodass es nur noch der Zustimmung der Genossinnen bedürfe.Sie appelliert um/ A/ Verständnis und Unterstützung durch die Genossen.1891 erscheint t " Die Arbeiterin". Es ist möglich geworden durch das Verständnis und die materielle Hilfe des Ehemannes Ihrer.1892 wurde es zweckmässig" Die Arbeiterin" in Stuttgart herzustellen, wo unter der tatkräftigen und auch 12 123 einruck opferwilligen Leitung des Verlegers J.H.W.Dietz schon mehrere sozialherangegeben demokratische Zeitschriften verlegt wurden. Emma Ihrer war durch ihre Ehe an Berlin gebunden.Aber sie arbeitete weiter an der Zeitschrift Ilw mit, die nun den Namen" Gleichheit" erhielt. Emma Thrers Name erschien noch längere Zeit mit am Kopf der Gleichheit. Klara Zetkin- nunmehr aus Paris zurück und in Stuttgart wohnhaft, übernahm die Redaktion. Der Parteitag zu Halle 1890 beschloss unter dem Einfluss von E.I. ein Organisationsstatut mit dem Paragraphen 1:" Zur Partei gehörig wird jede Person betrschtet, die sich zu den Grundsätzen des Parteiprogramms bekennt und die Pattei nach K Kräften unterstützt. Def Parteitag beschäftigte sich auch u.a.mit der Frage eines Pargewählt, teiprogramms. Es wurde eine Kommission zur Vorbereitung XXX zu der auch Emma Ihrer gehörte.Das Programm wurde 1891 in Erfurt beschlossen. Wenn von gewerkschaftlicher Seite der grosse Anteil gewürdigt wird, dieser Frau den Emma Ihrer am Aufbau der Gewerkschaften hatte, so ist es nicht weniger Pflicht auch für die Sozialdemokratie festzustellen, wie gross der Anteil dieser Frau an der Emanzipation des gesamten weiblichen Geschlechtes ist und wieviel grade sie zur Erweckung der proletarischen Frau beigetragen hat. Die weibliche Lohnarbeit war der Quell, der das politische Bewusstsein der Frauen wachsen liess. Die Art, in der Emma Ihrer wirktediente sowohl dex Erkenntnis der Klassenlage der Eohnarbeiterin, die in den gewerkschaftlichen Kampf einmünden musste, aber auch dem politischen Bewusstsein, das nach der Erfüllung durch die pol.Gleichberechtigung verlangte. Emma Ihrer starb mit 54 Jahren, am 8. Januar 1911.Sie hat es noch erlebt, dass das rückstadige Vereinsrecht, das ihr so viel zu schaffen gemacht hatte, durch das Reichsgesetz von 108 abgelöst worden ist. Der Krieg blieb ihr erspart, nach seinem Ablauf erhielten wir Frauen das Wahlrecht durch die Männer, die sie aus ihrer Pionierarbeit kannte. Wir können nicht alles aufzählen, XXXXXXX woran sie massgebend mitgewirkt hat. Aber der schönste Satz, der alles umreisst, steht auf ihrem Grabstein " Zu wirken für andere, war ihres Lebens ergiebigster Quell." Toni Pfulf ( 1877-1933) Ein zierliches Figürchen, wie Filigran erschien sie manchem von uns, als sie, als Abgeordnete für den Wahlkreis Oberbayern und Schwaben in der Nationalversammlung zu Weimar erschien. Es sei gleich gesagt, daß sie auch später dem Reichstag angehörte, bis 1933, bis zu dem Zeitpunkt, wo Hitler und die, die seiner Gewaltherrschaft dienten, dem demokratischen Deutschland für längere Zeit ein Ende machten. Dieser zierliche Mensch Toni Pfülf trug einen, von scharfer Gedankenarbeit durchgezeichneten Kopf, mit klugem Gesicht, mit, manchmal ein klein wenig spöttischen, aber immer gütigen Augen. Wer sie erkannte, gewann sie lieb. Ihrem Gedankenflug, ihrer reifen Beurteilung von Menschen und Dingen, traute man unwillkürlich mehr als die vierzig Jahre zu, die sie damals zählte. Das Leben hatte es ihr nicht leicht gemacht. Toni stammte von der väterlichen wie mütterlichen Seite her aus Kreisen, in denen höhere Offiziere, Juristen und Vertreter der hohen, katholischen Geistlichkeit zu finden waren. Ihr Vater war Major gewesen, die Familie war einmal recht wohlhabend; dann teilte sie das Schicksal einer großen Schicht, die zuende des vorigen Jahrhunderts von der Verarmung betroffen wurden. Das war kein menschliches Schuldkonto, lag vielmehr im Zuge der Entwicklung, das vielleicht bei einiger Weitsichtigkeit, mit etwas kluger Vorsicht von manchen noch ein wenig hätte aufgehalten werden können. Tragisch war nur, dass die Lebensanschauungen in diesen so betroffenen Kreisen nicht mit dieser - 1- Entwicklung Schritt hielten. Man schloss die Augen vor dem wirtschaftlichen Niedergang und zog in seinem Verhalten nicht die Konsequenzen daraus. Die Opfer dieser Rückständigkeit des Denkens waren die Kinder, vor allem die Töchter, denen man nicht erlauben wollte, mit ihrer Zeit zu gehen. Man erzog sie nach wie vor für die zukünftige Verheiratung, ohne aber die materielle Voraussetzung für die, als notwendig angesehene" standesgemäße" Ehe schaffen zu können. Die Frauenbewegung kämpfte in dieser Zeit um das Recht etwas bessere auf Bildung und Berufsausübung. Nun, eine gute Schulbildung gestand man in den achtziger- und neunziger Jahren mittlerweile den Töchtern schon zu, weil auch das" standesgemäss" war. Um aber, wie hier, im speziellen Falle von Toni Pfülf, eigenem Wunsch und innerer Einsicht entsprechend, Volksschullehrerin werden zu können, mußte sie es auf einen Bruch mit der Familie ankommen lassen. Die Eltern erklärten sich nicht mit solchen" obskuren" Wünschen einverstanden. Dabei hätten sie den Wunsch der Tochter nach wirtschaftlicher Selbständigkeit, unter dem Zusammenschmelzen des Vermögens einsehen müssen. Sie konnten die Zukunft der Töchter in keiner Weise sicher stellen. Jedoch die Scheuklappen des Standesbewußtseins erlaubten ihnen diese Einsicht nicht. So machte sich Toni, inzwischen grossjährig geworden, schliesslich ganz von der Familie frei, um mit geborgtem Geld die Lehrerinnenbildungsanstalt in München besuchen zu können. Dieser Bruch mit der Familie ist ihr nicht etwa leicht geworden, es waren doch viele, gute, menschliche Bindungen da und Toni sowohl wie ihre Eltern haben viel später- auch - - 2- die familiären Fäden wieder geknüpft. Vorläufig aber hieß es, auf Jahre hinaus, die Zähne fest zusammenzubeißen, durchzuhalten. Ihre ersten Stellungen als junge Dorfschullehrerin absolvierte sie im schönen Oberammergau im bayrischen Hochgebirge und in Lechhausen( von 1902-1907) dann ging sie nach München, wo sie bis 1915 ebenfalls unterrichtete. Aber diese Jahre gingen nicht ohne Störungen vorüb er. In einem der beiden Dörfer wurde ihr die nichtdesinfizierte Wohnung einer an Tuberkulose verstorbenen Kollegin angewiesen. Die vorhergegenden Entbehrungen hatten sie nicht widerstandsfähig gegen den Krankheitsherd gemacht, in den man sie mitten hineingesetzt hatte. Die Folge war ein längerer Aufenthalt im Sanatorium. Bis das der ungeduldigen Toni zuviel wurde. Kurzentschlossen setzte sie sich hoch oben im Gebirge in eine Sennhütte, die ihr billig überlassen wurde und lebte dort in der Einsamkeit sehr vernünftig, bis sie wieder arbeitsfähig war. Ein Riese an Gesundheit ist sie nie mehr geworden, aber sie hatte in ihrer Eigenwilligkeit schon das Richtige getan. Auch später mußte sie zeitweilig noch ihre Tätigkeit krankheitshalber unterbrechen. Aber niemals hat das Kranksein sie daran gehindert ihren Geist intensiv und planmäßig weiter zu schulen, sich für Politik und öffentliches Leben zu interessieren wobei sie sich von Beginn an, zur Sozialdemokratie bekannte. Der Krieg( 1914- 18) gab ihr die Möglichkeit in München als Armen- und Waisenrätin zu arbeiten. So fand die Revolution Nov. 1918 sie auch als Mitglied des Landesarbeiterrates, als Vorsitzende des Ortslehrerrates und des Bundes sozialistischer Frauen. - 3- Toni war ein treuer Freund; wenn sie sich jemandem angeschlossen hatte, hielt ihre Freundschaft allen Stürmen stand. Ihr Grundsatz- aus dem Herzen kommend- - war, daß man nicht aufhören dürfe eine einmal geknüpfte Freundschaft festzuhalten. Wenn man an dem anderen etwas entdecke, was einem als menschliche Schwäche erscheine, dann müsse man ihn nur umso lieber haben. Diese Liebe, die sie für Menschen aufbrachte( individuell und allgemein) hatte sie im besonderen auch für die Sozialdemokratische Partei. Ihr stets nach vorwärts gerichteter Geist sah auch hier manches, was sie anders wünschte, sie hatte dafür immer eine geschichtliche, oder in der Erziehung liegende Erklärung. Sie liebte und verstand diese große Bewegung und ihre Menschen. Kein Wunder, daß dieses Denken und Fühlen sich in ihres Wesens Art ausprägte und ihr die Herzen gewann. Sachlich war ihre Partei- und Parlament sarbeit von allergrößtem Wert. Adolf Braun führte 1920 einen Auftrag zur Vorbereitung eines neuen Parteiprogramms aus, in dem er Aufsätze zu den einzelnen Problemen sammelte und zu einem vorbereitenden Büchlein verband:" Das Programm der Sozialdemokratie",( Vorschläge zu seiner Erneuerung). Tonis Begabung erkennend, beauftragte er sie mit dem Kapitel:" Die Frauenfrage", Sie löste diese Aufgabe glänzend und schloss mit folgenden Sätzen:" Das Erfurter Programm verlangt: Abschaffung aller Gesetze, die die Frau in öffentlicher oder privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne benachteiligen. Es ist selbstverständlich, daß diese Forderung, deren Erfüllung eine Aufgabe der nächsten Zukunft ist, aufrecht erhalten bleiben muss. einduck en -4 ABER neben dieser rein negativen Gesetzesarbeit stehen eine Reihe positiver Forderungen, deren Umsetzung in die Tat nicht nur die wirtschaftliche und soziale Gleichberechtigung der Frau herbeiführt und mit einer großen Zahl ungeschriebener Rechte aus dem reinen Männerstaat aufgeräumt, sondern welche geeignet erscheinen, das blutleere Gebilde des Staates in eine von reichem Gemeinschaftsleben durchpulste Gesellschaft umzuwandeln." In der Nationalversammlung interessierte sich Toni vornehmlich für das neuentstehende Verfassungswerk. Sie war von Beginn an ein ständiger Besucher im Verfassungsausschuss. Sie hatte sofort erkannt, daß es auf Fleiß und alAusdauer ankommt, wenn man im Parlament etwas leisten, vor sich selber bestehen wollte. Sie hatte eine angeborene Begabung für juristisches Denken und juristische Formulierungen. So arbeitete sie auch später im Reichstag- ununterbrochen im Justizausschuß mit. Sie war dort die rechte Hand des alten Strafrechtslehrers Wilhelm Kahl. Er hatte den Vorsitz im Ausschuß, war Professor an der Universität Berlin, wo er über Strafrecht las. Politisch gehörte er der Deutschen Volkspartei an. Der Traum seines Lebens war, noch ein neues Strafrecht in Deutschland fundieren zu können. Er hatte die Aussichtgehabt, es trotz seines Alters noch zu erleben, wenn der Nazismus nicht zur Herrschaft gelangt wäre. Toni Pfülfs Name wäre ebenfalls mit diesem Werk verbunden gewesen. Herr Kahl wurde sichtlich nervös, wenn die" Frau Abgeordnete Pfülf" als Schriftführerin und seine erkorene. Assistentin nicht gleich zur Stelle war. Ganz gefehlt hat sie kaum einmal in einer Sitzung des Rechtsausschusses. Galt doch ihre parlamentarische Arbeit auch der" Vermenschlichung des Strafvollzugs" - 5- Soweit es ihr aber irgend möglich war, arbeitete sie an vielen Vorlagen und Plänen mit, die Schulgesetzgebung, das Familienrecht, die Jugendfrage und andere Materien hatten immer ihre ganze Teilnahme. Der Reichstag, Sozialdemokratische Parteitage, zentrage und regionale Frauenkonferenzen, die schriftliche Mitarbeit an Zeitschriften und an der Tagespresse gaben ihr die Möglichkeit der Meinungsäußerung zu allen Fragen, I mit denen sie sich intensiv beschäftigte und für die sie Interesse voraussetzte und auch erwecken wollte. Alles, was sie sagte oder schrieb, war ernsthaft erarbeitet. Dabei war sie fähig, sich" über die Dinge zu stellen", auch an der Partei und an der Frauenbewegung( immer dort, wo der rechte Platz dafür war) treffende Kritik zu üben. So z. B. sagte sie in der Reichsfrauenkonferenz zu Weimar 1919: " Es ist soviel von der Gleichberechtigung der Frauen gesprochen worden, dass ich hier auch einmal über die Gleichberechtigung der Genossinnen untereinander sprechen möchte. Die große Hemmung in unserem Wirken ist nicht die mangelnde Anerkennung der Frau durch die Genossen, sondern die mangelnde Anerkennung der Genossinnen untereinander. ( Der Bericht verzeichnet lebhafte Zustimmung) Die Frauen müssen den Grad von Selbstbewusstsein bekommen, der für die Menschenwürde notwendig ist. Das ist ja allerdings sehr schwer; denn wer lange Sklave gewesen ist, wird nicht auf einmal ein freier Mensch. Eine unserer höchsten Aufgaben wird sein, die Menschenwürde in uns selbst zu X pflegen, damit wir uns gegenseitig erkennen und uns die Arbeit erleichtern. ημη ιδ - 7- 1 einsucken Der Parteitag in Magdeburg( 1920) gab Toni Gelegenheit ihre große Kenntnis des Schulwesens und der allgemeinen Schul bedürfnisse unter Beweis zu stellen und ihre Ansicht zu vertreten. Ein unter dem Namen Pfülf laufender Antrag nimmt Bezug auf die Verfassung, wonach die Vorlage eines Reichsschulgesetzes zu erwarten war. Ihr Antrag verlangte die Weltlichkeit des Schulwesens. Er betonte ausdrücklich, daß die Forderung nicht einer Feindseligkeit gegen religiöse Erziehung entspringe. Durch die Übertragung des Religionsunterrichtes auf die kirchlichen Gemeinschaften würde der Weg für die Einheitsschule frei und so ergäbe sich die Möglichkeit der Zusammenfassung der Kinder und die Gliederung der Schulen( schultechnisch und pädagogisch) unbeschadet der konfessionellen und X weltanschaulichen Gegensätze. In diesem Sinne begründete sie auch den Antrag vor dem Parteitag, sachlich, mit Wärme und Toleranz; im Lassallischen Sinn, wonach Verfassungsfragen Machtfragen sind, wissend, daß wichtige gesetzliche Bestimmungen nur mit Hilfe einer, im öffentlichen Bewußtsein verankerten Meinung durchzuführen sind, sagt sie: "..... Draußen im Lande aber muss Vorarbeit für dieses Gesetz geleistet werden. Der Reichstag wird nur dann ein fortschrittliches Schulgesetz zustande bringen, wenn durch eine entschiedene Stimmung im Lande ein Zwang auf den Reichstag ausgeübt wird. Ich halte es für eine große Unterlassungssünde der Partei organisation draußen im Lande, daß sie sich den Einfluss auf die Elternorganisationen hat entgehen lassen. Was in dieser Beziehung noch nachgeholt werden kann, muß in der kurzen Zeit, bis das Gesetz zur Beratung kommt, noch geschehen, Dann wird mit Hilfe der Elternbeiräte und der Gesamtpartei hoffentlich ein - - 8- fortschrittliches Schulgesetz zur Verabschiedung gelangen." Wir sehen, das ist jene Kritik gegen die Gesamtpartei, die einer wohlwollenden geistigen Haltung entspricht, die die Selbsterkenntnis und das Verantwortungsgefühl wecken und den Fortschritt herbeiführen will. So auch auf der Frauenkonferenz in Kassel( 1920), sie teilt sich dort mit Elisabeth Kirschmann- Röhl in die Beantwortung der Frage nach der politischen und organisatorischen Wirksamkeit der Frauen in der Partei. Sie stellt dort eingangs ihres Referats die wichtige Frage, ob sich durch das Frauenwahlrecht nur eine Vermehrung der Stimmen und eventuell dadurch Verschiebungen im Stärkeverhältnis( unter den Parteien) ergäben oder ob die Politisierung der Frauen nicht doch wohl langsam eine Wandlung der Politik nach Inhalt und Geist ergeben könne. Sie streift die verschiedentlich aufgestellte Behauptung, daß die Mitarbeit der Frauen nicht in" politisches Neuland" zeige und sagt dem Sinne nach: Selbst dann wäre die Verleihung des Stinnrechtes an die Frauen als eine Großtat der Sozialdemokratie zu buchen als Akt der Gerechtigkeit an dem bisher rechtlosen Teil der Staatsbürger. Aber- so fährt sie fort durch die Tatsache der Gleichberechtigung würde auch das Persönlichkeitsbewußtsein der Frau gehoben. Damit sie der wichtigste Antrieb für ihre individuelle Entwicklung gegeben. Das sei eine Wirkung, die nicht an der Oberfläche zu suchen sei. Sie bedrohe im Effekt die schöne Fabel vom höheren Wert des männlichen Geschlechts und damit das Monopol auf die Herrschaft des XXXXXXXXXXXXXXXX Mannes in der Familie und im Staat. Sie stellt die kritische Frage an die sozialdemokratische Männerwelt: - 9- nrücken. " Wie steht es innerhalb der Sozialdemokratie?" si'e sagt: " Intellektuell treten die Sozialdemokraten natürlich für die individuelle Entwicklung der Frauen ein; für ihre wirtschaftliche und soziale Befreiung, denn sie wissen, welche Gefahr für die sozialistische Entwicklung im Gegenteil bedeuten würde. Aber die große Masse der organisierten Arbeiterschaft ist in ihrem Herzen nicht für die Befreiung der Frau und man mag über Gefühlsmomente noch so verächtlich denken, im letzten Ende sind sie doch immer Der Geschlechtsstolz trägt eben die stärkeren nur zu gern den Sieg über die Prinzipien. Die Erkenntnis, daß die Befreiung der Frau nur durch die Frau selbst erkämpft werden kann zeigt uns bereits, daß es in der Tat besondere Arbeitsgebiete für Frauen gibt......... Toni spricht auch ablehnend von den Bestrebungen nach einer eigenen Frauenpartei, die selbständige Listen zu den Parlamenten aufstellen will. Das sei u. a. schon deshalb unmöglich, weil gar keine Geschelchtssolidarität vorhanden sei. Aber davon abgesehen, wie könnten so verschiedene Anschauungen sich zu einer Partei vereinen? Sie erinnert u. a. an die unterschiedliche Einstellung der Frauen zum Ehe- und Ehescheidungsrecht, zu den Rechten der unehelichen Mutter, wie z. B. die Postund Telegraphenbeamtinnen auf ihrem 9. Verbandstag in Hamburg, mit 220 gegen eine Stimme beschlossen: " Das Wesen des Beamtentums bedingt, XXX im Gegensatz zu den freien Berufen, die Unterordnung der vollen Persönlichkeit unter Gesetz und Sitte, die in der unehelichen Mutterschaft einen Makel sieht." Man könnte in Versuchung geraten, dauernd große Stücke aus <- 10-> * Fassnode 17 oken dem Referat zu zitieren, um die Geistikeit und den persönlichen Mut dieser Frau aufzuzeigen, Frau aufzuzeigen, ebenso die Lauterkeit ihres Denkens, wenn es nicht den Rahmen der Arbeit sprengen würde. 1924 half sie unserer Sache sehr viel damit, dass sie das neue Jugendrecht in Zeitschriften interpretierte.((" Gemeinde", 1. Juliheft 1924, Verlag Vorwärts, Berlin. Komunale Praxis ebenda) 1927 beteiligte sich Toni an der Diskussion über einen Vortrag von Dr. Walter Friedländer über" Fürsorge für die schulentlassene Jugend"( unter besonderer Berücksichtigung der Hilfe für erwerbslose Jugendliche).( Reichstagung der Arbeiterwohlfahrt in Kiel)+927) Das Problem der erwerbslosen Jugend brannte uns damals schon auf den Nägeln. Zu welchem Problem sie sich aber auch äußern mochte, sie wußte es zu gestalten, schöpfte aus einem grossen Vorrat eines ernst verarbeiteten Wissens, das ihr zur Erkenntnis geworden war.-- In der" Arbeiterwohlfahrt", Zeitschrift der Organisation Arbeiterwohlfahrt, Jahrgang 3, Januar 1928 schreibt sie über" Die Reform des Eherechts". Sie stellt die Rechtslage dar, zeigt ihre Stellung dazu auf, hat Verständnis für die Tragik im Leben der Kinder aus zerrütteten Ehen, kommt bei allem Für und Wider zu klaren Lösungen und sagt zum Schluß: " Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß derartige Änderungen im Eherecht nicht.... eine Verwilderung von der Auffassung der Ehe herbeiführen, sondern die Geschlechtsund Gesinnungsgemeinschaft der Ehe auf eine reinere Höhe zu führen in der Lage sind und das Schicksal der Kinder, die aus Ehen stammen, die eine Irrung gewesen sind, ihrer größten Härte entkleiden." - 11- Auf dem Parteitag in Kiel sprach sie kritisch und klug über die Taktik der Partei zu der Frage des" Volksentscheids über die Fürstenabfindung". Auf diesem Parteitag wurde auch die Frage der" Überorganisation" diskutiert, wie es eine so große Partei wohl von Zeit zu Zeit notwendig hat, wobei auch die Haltung und Ausdrucksform der " Jungsozialisten" einer scharfen Kritik unterzogen wurde. Toni, der Pädagogin und warmherzigen Freundin der Jugend, wandte sich gegen den temperamentvollen Vorsitzenden und Referenten Otto Welsidem sie in herzlicher Freundschaft zugeten wur: " Verlangt Ihr wirklich von den Jungen, daß sie alle alt sein sollen? Sollen sich wirklich diese jungen Menschen, in denen es gärt, die sich nicht über ihre Probleme klar sind, mit der abgeklärten Ruhe unserer alten Genossen zu den Dingen einstellen?...... # Ihre Attacke änderte nichts an der grossen, persönlichen Wertschätzung, die sie für den temperamentvollen Vorsitzenden und Reichtstagskollegen Otte Wels, diesen xxx echten, klugen Sohn des Volkes und Urherliner hegte. Und umgekehrt, behielt auch er seine hohe Meinung von dieser Frau, er brachte es oft zum Ausdruck. Auch von der Kieler Frauenkonferenz, die im Anschluss an diesen Parteitag stattfand, liess uns Toni nicht unbeschenkt nach Hause gehen. Teilnehmerinnen hatten einen Antrag angebracht, der den Frauen eine stärkere Vertretung in öffentlichen Ämtern und in der Parteiorganisation sichern sollte. Toni sagte dazu u. a.: " Der Einfluß der Frau in der Partei, namentlich in den Fragen der Politik, kann nicht allein dadurch zum Ausdruck gebracht werden, daß die Frauen besonders diejenigen Din12- ge beraten, die sie am nächsten betreffen. Wenn wir.... entsprechend vertreten zu sein wünschen, ist Voraussetzung dafür, daß.... dort, wo es sich um die großen, allgemeinen Fragen sozialistischer Politik handelt, die Frauen nicht schweigen. Wir müssen das..... Minderwertigkeitsgefühl überwinden, uns in die großen politischen und wirtschaftlichen Fragen einschalten, die in der Arbeiterbewegung eine Rolle spielen." Sie begründete weiter die Notwendigkeit der allgemeinen Mitarbeit der Frauen in der Publizistik. Niemals habe ich gehört, daß Toni in der Partei oder Frauenbewegung als Fremdkörper empfunden wurde, auch habe ich nicht erlebt, dass sie mit ihrer Kritik auf Übelnehmen gestoßen wäre. Ganz eindeutig und unbezweifelbar stand die saubere Gesinnung hinter ihren Worten und ihrem Wollen. Niemals hat sie selber sich etwa beklagt, daß sie sich fremd und unwillkommen fühle, das stand bei ihr außerhalb jeder Erwägung. Auch die Frauenbewegung war wohlnun endlich aus diesem Stadium hinausgewachsen. Aber etwas anderes machte ihr in ihrem letzten Lebensjahrzehnt großen Kummer. In diesen Jahren der intensivsten Arbeit im öffentlichen Dienst überfielen uns alle drohend die Schatten des Kommenden. Toni gehörte zu der Schar der Wissenden, die sich keine Illusionen über die Zukunft mehr machten. In ihr verband sich die weibliche Intuition mit einem großen Wissensfundas, ihrer menschlichen Reife zu einer Urteilsfähigkeit, vor der man oft stumm werden mußte. Als nach dem sogenannten" Umbruch" die zweite Reichtstagssitzung unter Hitler stattfinden sollte, führ sie noch einmal nach Berlin. Nicht, an der - 13- Sitzung teilzunehmen, sondern um die sozialdemokratische Rumpffraktion davon abzuraten. Als das nicht gelang, machte sie auf der Rückfahrt von Berlin nach Münschen den ersten Versuch," aus eigenem Willen für immer einzuschlafen". Die Zeit hatte wohl nicht ausgereicht, um es gelingen zu lassen. Nach einigen Wochen Krankenhaus wurde sie nachhause entlassen, wo sie jetzt bessere Vorsorge treffen konnte, um ungestört den letzten Weg gehen zu können. Ihre nächsten Freunde haben immer gewußt, daß diese Frau einen einmal mit Überlegung gefaßten Entschluß auch durchführen würde. Der Tod ist nicht das letzte Wort, das über das Leben gesprochen wird. - 14- Adelheid Popp 1869-1939 1. Sie war eine der liebenswürdigsten Erscheinungen der Internationalen Sozialistischen Frauenbewegung, kam sehr oft zu Parteitagen und Frauenkonferenzen zu uns nach Deutschland und war regelmäßig Teilnehmerin an den Internationalen Kongressen. So war sie auch von Beginn an eine der Pionierinnen der Internationalen sozialistischen Frauenbewegung. In Oesterreich redigierte sie seit 1882 die in Wien herauskommende " Arbeiterinnenzeitung". Und jahrelang war sie einer der wichtigsten Mitarbeiterinnen der für die deutschen Sozialistinnen herausgegebenen " Gleichheit". Wir wußten stets über die Bewegung in Oesterreich Bescheid. Wenn sie unsere Parteitage besuchte, kam sie als Vertretung der Oesterreichischen Partei oder zu den Frauenkonferenzen als Repräsentantin der oesterreichischen Genossinnen. Von den führenden Männern der Partei wurde Adelheid mit freundlichem Respekt anerkannt und geachtet. Bei den Frauen genoß sie Liebe und Achtung. Eine so glänzende Stellung in einer Bewegung schien doch vorauszusetzen daß Adelheid Popp, geborene Dworak ein freundliches Elternhaus und eine gute Schule hatte, die dem heranwachsenden Kind eine geschlossene Ausbildung zuteil werden lies? Mußte man nicht bei dieser Begabung eine sorgfältige Berufsausbildung und besondere Förderung durch das Elternhaus voraussetzen? So war es aber nicht, wir müssen von alleden das Gegenteil feststellen.- Der Vater war ein sehr armer Weber. Das war das schlimmste nicht. Er war dem Alkohol ergeben, schlug die Mutter, gönn te der Tochter,( dem einzigen Mädchen neben vier Knaben) kein freundliches Wort. Die Familie war unvorstellbar arm, es fehlte oft am notwendigsten. Die Mutter war unter der Not des Lebens hart und rauh geworden. Sie war mit einem guten Verstand ausgestattet, hatte aber keine Schule besucht, konnte nicht lesen und schreiben. Mit sechs Jahren war sie" in Dienst" gegeben worden. Das mangelnde Schulwissen hat sie aber leider nicht vermißt, auch bei ihren Kindern - 1- 1- 2 hielt sie es für überflüssig. Die endlich gesetzlich eingeführ- te Schulpflicht nannte sie ein" neumodisches( 1) Gesetz". " Sie fand es ungerecht, daß andere Menschen den Eltern vorschrieben, was sie mit ihren Kindern zu tun hätten".- . Ihr Leben lang hat Adelheid unter dieser Kindheit gelitten. Die etwas über Dreißigjährige schrieb es sich einmal von der Seele: " Die meisten Menschen...... denken an ihre schöne, glückliche, sorgenlose Jugendzeit zurück...... Wenn es nur noch einmal so würde! Ich stehe den Erinnerungen an meine Kindheit mit anderen Gefühlen gegenüber. Kein Lichtpunkt, kein Sonnenstrahl, nichts vom behaglichen Heim, wo mütterliche Liebe und Sorgfalt meine Kindheit geleitet hätte, ist mir bewußt. Trotzdem hatte ich eine aufopfernde Mutter ...... Was ich von meiner Kindheit weiß, ist düster und hart, so fest meinem Bewußtsein eingewurzelt, daß es mir nie entschwinden wird. Was anderen Kindern Entzücken bereitete und glückseligen Jubel auslöste: Puppen, Spielzeug, Märchen, Näschereien und Weihnachtsbaum, ich kannte das nicht. Ich kannte nur die große Stube, in der gearbeitet, geschlafen, gegessen und gezankt wurde. Ich erinnere mich an kein zärtliches Wort, an keine Liebkosung, nur an die Angst, die ich, unter dem Bett verkrochen, ausstand, wenn es eine häusliche Szene gab..... Der Vater Adelheids starb dann früh, an einem Krebsleiden, während der langen Krankheit wuchs die Not der Familie, der Tod wurde als Erlösung empfungen, jedoch für die Mutter wuchs nun Last und Verantwortung ins Aussichtslose. Der achtzehnjährige Älteste ging in die Fremde, ein zweiter, fleißiger Bursche erlitt einen Unfall und starb nach jahrelangem Siechtum an Knochentuberkulose. Die Mutter war froh, wenn sie im Dorf eine Hauswäsche machen durfte. Sie teilte dann die - 2- 3 Mahlzeit mit der kleinen Adelheid. Aus Gasthäusern holte man sich sonst die Brühe, in der die Wurst gekocht worden war, um sie zu einer " sättigenden" Suppe zu verwenden. Mitleidige Nachbarn helfen ein wenig. Adelheid- zwischen sieben und neun Jahren- strickte Strümpfe für Geld, macht Botergänge, durfte Kinder warten, schließlich lehrte Më man sie Perlmuttknöpfe auf Silberpapier aufzunähen. Das gab wenige, aber willkommene Kreuzer. Die armsten Dorfkinder- darunter Adelheid gingen zu den Wohlhabenden, um ein gutes Neujahr zu wünschen, da gab es kleine Geschenke. Das zarte Kind mußte dabei seine Angst vor den Hunden überwinden. Arme Kinder wurden ausgesucht, um dem Sarge eines verstorbenen Kindes wohlhabender Eltern zu folgen, jedes bekam dann 10 Kreuzer. Ja, eine so große Armut war mit unendlich vielen Demultigungen verbunden, die noch später, der erwachsenen Adelheid, in der Seele brannten. Wie oft mußte sie der Schule fernbleiben, weil sie weil es an Schuhen, en der nötigsten Kleidung, en Nahrung fehlte. Die Mutter, des Schreibens unkundig, unterliess die vorgeschriebene Entschuldigung. Das trug ihr einmal eine Arreststrafe von 12 Stunden ein. Sie kam der Aufforderung zum Strefantritt nicht nach, konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wie man eine ehrliche Person deshalb einsperren könne. Denn mußte sie erleben von zwei Gendarmen abgeholt und durch den Ort zum Arresthaus geführt zu werden. Der Oberlehrer versicherte ihr, daß aus dem begabten Kind etwas werden könne- wenn es regelmäßig zur Schule kime. Die Mutter verstand nicht, wozu das gut sein konnte. Dem Vormund genügte es, sein Mündel" bruv und fromm zu wissen. Die Misere des Hungers und der fehlenden Kleider wurde dadurch nicht aufgehoben. Kurze Zeit ging es ein wenig besser, die Familie hatte eine vornehme Gönnerin gefunden. Die neunjährige Adelheid träumte davon, einmal Kammerzofe, wie sie es bei ihrer Gönnerin geseSamn hen hatte, oder Lehrerin zu werden. Vielleicht trugen eid und Mißgunst der armen Nachbarn das ihrige dazu bei, den kurzen Traum auszulöschen Mutter Dworak ging mit dem sehneinhalbjährigen Mädchen nach Wien. Das Schulseugnis, das die kleine Adelheid aus diesem Anlass bekam, erklär -3 . 4 te sie für reif für die vierte Volksschulklasse. Ganze drei Jahre hatte sie die Volksschule besucht- abzüglich der vielen erwähnten Fehltage von einem weiteren Sobulbesuch in der großen Stadt war keine Rede mehr trotz gesetzlicher Schulpflicht. Sie mußte ja verdienen! Wegen ihrer Jugend kamen nur kleine Zwischenmeister als Arbeitgeber infrage. Morgens um sechs Uhr, wenn andere Kinder noch schliefen, ging es aus dem Hause, abends um acht Uhr wieder heim. Heim? Man wohnte za anfang mit einem alten Ehepaar in einem Zimmer. Oft brachte das Kind am Abend noch Arbeit zum Fertigmachen mit. Der einzige, sehnsüchtige gedachte Wunsch war, einmal ausschlafen zu können, bis man von selber wach wurde! Aber dieses Glück gab es nur bei Arbeitslosigkeit und Krankheit. Und Krankheit kam es after, war ein Wunder? Jedesmal wurde Ruhe und reichliche Nahrung verordnet. Zwölf Jahre alt war Adelheid, da nähte sie Posamenten war Aufputz für die Damenkonfektion aus Seidenschnüren und Perlen, wieder- der Jugend wegen bei einer Zwischenmeisterin, die natürlich die Situation weidlich ausnutzte. Die drei Schuljahre waren das Glück und die Bildungsquelle für Adelheid Dworak gewesen. Wie hätte das lebhafte phantasiebegabte Kind sich sonst so entwickeln können. Hören wir sie selber: " Ich las gerne. Ich las wahllos, was ich in die Hinde bekommen konnte, was mir Bekannte liehen, die auch nicht zwischen Passendem und Unpassendem unterschieden, und ich las, was ich im Antiquariat der Vorstadt für eine Leihgebühr von zwei Kreuzern, die ich mir vom Munde absparte, erhalten konnte. Indianergeschichten, Kolportageromane, Familienblätter, alles schleppte ich nach Hause. Neben Räuberromanen, die mich beonders fesselten, interessierten ich mich lebhaft für die Geschicke unglücklicher Königinnen." Sie las Jesuitenromane und die Schauerromane, die in 100 und mehr Einzelheften erschienen, der Zufall spielte ihr aber auch manches Buch in die Hand, das ihr geschichtliche Kenntnisse vermittelte. Bei ihrer unkontollierten Lektüre lebte sie außerhalb der wirklichen Welt, vieles - 4 5 verstand sie noch gar nicht, weil ihr die Reife fehlte. Vom 12.- 14. Lebensjahre sollte Adelheid eine sogenannte Lehre durchlaufen. Mutter und Tochter träumten von besserer Arbeit und höherem Verdienst. Aber man nutzte das noch schulpflichtige Kind als schenputtel aus, von wirklichem fachlichen Lernen war gar nicht die Rede: Wassertragen in schweren Holzgefässen war Gang und Gebe. Die" Lehrfrau" sagt: " eine gnädige Frau wirst Du ja doch nicht werden", und ihre Kinder übten ihre Bosheiten an dem" armen Mädchen" aus. Da es sich aber um Saisonarbeit handelte, gab es auch ausen von einigen Wochen, in denen Adelheid überall, wo das Schild einen Kleinbetrieb irgendwelcher Art anzeigte, ihr" Bitt schön ich möchte Arbeit" vortrug. Sie empfand noch als reife Frau die Demütigung, die sie dabei empfunden hat. Mit 13 Jahren kam das Kind sich fast erwachsen vor und fand Arbeit bei einem Bronsefabrinkanten, wo sie vom Inhaber als geschickt erkannt und wohlwollender behandelt wurde. Das waron ununterbrochene zehn Monate mit etwas besserem Verdienst, der ihr sogar erlaubte, eich netter anzuziehen, was bei jungen Mädchen so selbstverständlich ist. Mit einer bösen Erkrankung mußte Adelheid die zu frühe Jugendarbeit bezahlen. Der Arzt untersagte die Arbeit in der Bronzefabrik. Out gesagt und sehr wohlwollend, aber wie befolgt man einen solchen Rat? Man versucht es in einer Metalldruckerei, dann in einer Patronenfabrik, wo es viel schlimmer, anstrengender ist und landet schließlich im Krankenhaus: .... Es war das die boste Zeit, die ich bisher erlebt hatte. 錄.... Alle Menschen waren gut gegen mich, die Ärzte, die Pflegerinnen und auch die Patienten. Ich bekam einigemal am Tag gute Verpflegung, selbst gebratenes Fleisch und Kompott, das ich vorher nicht gekannt hatte...... Ich hatte, für mich allein, ein Bett und immer reine Wäsche..... Dann las ich Bücher, die mir einer der Ärzte licht die Werke Schillers und von Alfons Dafideft, die grospen Eindruck auf mich machten......" Nach dieser von Adelheid als glücklich empfundene Zeit begann die Ar- 5- 6. in beitssuche aufs neue. Sie versuchte sich bei einer Kartonagenfabrik, bei einem Schuhfabrikanten, beim Fransenknüpfen, an türkischen Chawls, wo grüne Farben aufgetragen wurden usw. Der Schluss war wieder das Krankenhaus- und- de niemand dort zahlte- Armenahus und drohender Abtransport in eine unbekannte Heimatgemeinde im Böhmischen. Die Mutter brachte für ihre Verhältnisse große Opfer, Adelheid sollte in vier Wochen Weißnähen lernen, sie wurde in dieser Zeit vornehmlich als Kindermädchen ausgenutzt, das Lehrgeld hatte die Zwischenmeisterin eingesteckt. Jetzt sah sie sich nach einem neuen" Lehrmädchen" um, um daran su verdienen. Adelheid fand schließlich Dauerarbeit in einer größeren Fabrik, wo sie, gemessen an der früheren Entlohnung bei Zwischenmeistern, wesentlich mehr verdiente. Für die reifer werdende, pachüber held a denkende, junge Arbeiterin gab es he hier viel Gelegenheit, die Lebensverhältnisse ihrer Kolleginnen a studiezen und darüber nachzudenken. Sie sah und erfuhr auch vieles, was sie noch nicht verstand, woran sie sich aber später mit geschulterem, sosialen Überblick verstehend erinnerte Noch war Adelheid kinderfromm, nooh war die" Firmung" das ihr an schönsten dünkende Ziel, wobei natürlich auch die Vorstellung an Kleid und Schuhe, an Sonnenschirm, Handschuh und Hut die Phantasie nährten. Mit der Zeit war Adelheid in ihrer Lektüre sehr viel anspruchsvoller geworden. Sie wußte sich leihweise bessere Bücher zu verschaffen und las auch Klassiker und geschichtliche Werke, Romane und Erzählungen. Die so absorbierende Verwendung jeder freien Stunde mit Lektüre bildete nicht nur Geist und Gemüt, es hielt das junge Menschenkind auch davon ab, an den" Vergnügungen" teilzunehmen, von denen ihre Kolleginnen in der Fabrik sich treiben liessen. Aber an den öffentlichen Ereignissen war sie lebhaft interessiert. Mit fünfzehn Jahren erlebte sie in Wien den über die Stadt verhängten militärischen Ausnahmezustand, las die angeschlagenen Proklamationen und begriff, das etwas besonderes vorgehen müsse, wenn das Beisammenstehen von mehreren Personen auf der Strasse schon als eine strafbare Handlung bezeichnet wurde. Dabei schwärmte sie noch für Kaiser und Könige, sowie für" hochgestellte" Leute. Es e 6- Z war in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Die aufstrebende Arbeiterbewegung erregte Aufmerksamkeit, Zustimmung in Arbeiterkreisen, Verwunderung und eisige Abwehr bei Unternehmern und in politischen und Regierungskreisen. Anarchisten wurden beschuldigt einige geheimnisvolle Morde insceniert zu haben, man benutste die schöne Gelegenheit, auch Sosialdemokraten mitansuklagen. Adelheid kaufte sich unter Verzicht auf andere Dinge Zeitungen, las die ausführlichen Berichte über diese Anarchietenprosesse, die Verteidigungereden der mitangeklagten Sozialdemokraten und lernte dadurch zum ersten mal doren Anschauungen kennen. Sie schreibt selbst von sich, de sie begeistert war, daß ihr jedoch diese Männer wie Helden erschienen. Die Arbeitslosigkeit in einer bösen Wirtschaftskrise- nahm rapidez, die große Not trieb zu Unruhen, die Polizei 18ste Fachvereine auf, konfissierte die Kassen. Die Arbeiter beantworteten diese Massnahme mit Demonstrationen. Militär rückte in die" bedrohten" Straßen ein, die Soldaten standen" Gewehr bei Fuß aufgereiht, auch" hoch su Roß". Das fürwitzige junge Mädchen mußte, wenn die Fabriktore sich hinter ihm geschlossen hatten, überall dabei sein. In dieser Zeit wünschte sie sich ein lisan zu sein, weil Politik und öffentliches Leben nur für Männer den do su pein schien. Adelheide Brüder hatten sich abseits von ihrem Familie Ieben.- au Socialisten entwickelt. Jetzt kam sie mit ihnen und ihren Kollegen zusammen. Sie lernte den Unterschied zwischen Sozialismus und Anarchismus. Sie las nun regelmäßig das wöchentlich erscheinende Blatt der Partei. Das allee brachte langsam und sicher die innere Wandlung. In der Fabrik trat sie aus ihrer scheuen Reserve heraus; ohne es selbst su wissen und zu erkennen wurde sie zum Agigator für die Sozialdemokratie und ihre Zeitung. Den Werkmeister, der die Arbeit kontrollierte, war sie länget verdächtig, er verklagte sie bei den Pabrikanten der es aber bei einer Verwarnung bewenden ließ, weil an ihrer Arbeitsleistung nichts zu bemängeln war. Adelheid wußte noch nichts von einer Frauenfrage. Es war dumpf in ihrem -7. - 7- Bewußtsein, daß da noch eine Lücke in ihren neuen Erkenntnissen war. Es drängte sie zu einer Betätigung, sie wußte aber nicht wo und wie anzufangen," weil eben Politik Männersacher war". Ihrem starken Lesebedürfnis stand jetzt auch die Bibliothek des Arbeitervereins offen, so kam sie an die Schriften von Friedrich Engels, Ferdinand Lassalle, Wilhelm Liebknecht u. a. In den sozialdemokratischen Versammlungen, zu denen sie auf ihre Bitte vom Bruder mitgenommen wurde, war sie oft die einzige Frau, manchmal waren außer ihr noch zwei andere anwesend. Auch dort wandte man sich nur an die Männer. " Ich empfand es schmerzlich, daß man über die Arbeiterinnen nicht sprach, daß man sich nicht an sie wandte, um sie zum Kampfe aufzurufen." An einem Sonntagvormittag ging Adelheid allein in eine Branchenversammlung. Sie fand etwa 300 Männer und neun Frauen vor, trotzdem in dieser Branche sehr viele Frauen arbeiteten. Zum ersten Mal hörte die Zwanzigjährige einen Redner über" Frauenarbeit" sprechen. Er zitierte auch Bebel: Die Frau und der Sozialismus. Auch davon hatte sie noch nie gehört. Als der Redner schloß, folgte die Aufforderung zur Diskussion. " Ich hatte das Gefühl, daß ich reden müßte. Ich bildete mir ein, alle Augen sei- en auf mich gerichtet, man warte, was ich zur Verteidigung meines Geschlechtes zu sagen habe....... Als ich die Srufen hinaufging, flimmerte es mir vor den Augen, ich spürte es würgend im Halse. Aber ich überwand diesen Zustand und hielt meine erste Rede. Ich sprach von den Leiden, von der Ausbeutung und der geistigen Vernachlässigung der Arbeiterinnen, der Grundlage aller rückständigen Eigenschaften..........."/ Zugleich fing Adelheid an zu schreiben, wobei sie mit ungeheuerer An_ strengung ihre geringe Schulbildung, besonders ihren Mangel der Rechtschreibung zu überwinden hatte. Es sei daran erinnert, daß sie nur - 8. 9. knapp drei Jahre die Schule besucht hatte. Es ging nun mit Siebenmeilenstiefeln. Die der sozialistischen Frauenbewegung war da. Hier und da gab es im Lande schon Frauen, die sich für Gewerkschaft und Politik interessierten und anfingen, sich zu betätigen. Neben der Fabrikarbeit, gegen den harten Widerstand einer Mutter, die das Mädchen und ihr Tun niemals begreifen lernte, unter körperlichen Strapazen und mit persönlichen Entbehrungen ging auch Adelheid in die Rednertätigkeit. Das war nicht so einfach in der damaligen Zeit. Als schon die ersten Lügen über annormal hohe Einkommen der sozialistischen Führer kolportiert wurden, entbehrten oft ihre klügsten Köpfe und besten Charaktere das Notwendigste zum Leben, während sie ihre Aufsätze für die mit geringen Mitteln fundierten Zeitungen schrieben und im Lande herunreisten. In dem Buch:" Das Denkmal der unbekannten Proletarierin"( Kleinberg- Blatny) heißt es: " Um 1890 waren auch im alten Oesterreich..... die notwendigen, objektiven Voraussetzungen für die Entstehung einer sozialistischen Arbeiterinnenbewegung vorhanden,- es bedurfte nur noch der Frau, die genug Zuversicht, Zähigkeit und mitreißende Kraft besass, um die der Erweckung harrenden Klassengenossinnen zu sammeln, um ihrem unklaren Murren und Wollen Richtung zu geben, und um sie der größeren allgemeinen Bewegung am rechten Platz einzuordnen. Sie tauchte, als die Zeit schon förmlich nach ihr zu schreiben schien, plötzlich aus dem Nichts dunkelster Namenlosgkeit auf, war ein blühendfrisches und bildhübsches Arbeitermädel in den ersten zwanziger Jahren und hieß Adelheid Dworak. Sie konnte und wußte just soviel, als man damals bei Versammlungen, im neugegründeten" Arbeiterinnenbildungsverein" und aus der Zeitungs- und Broschürenlektüre lernen konnte; aber von dem Augenblick an, da sie zu Pfingsten 1891 als Gast des zweiten Oesterreichischen Parteitages den aufstand, um den versammelten Männern und besonderen materiellen und geistigen Notstand der Arbeiterinnen zum Bewußtsein zu bringen, - 9- 10 galt sie, was für ihre angeborene Führersendung zeugt, als die berufene Sprecherin der sozialistischen Frauen....... Später heiratete Adelheid den Parteikassierer Julius Popp. Er war bedeutend älter als sie und leider recht krank. Diese schöne menschliche menn Kameradschaft wurde nach Jahren durch den Tod des Mannes zerschnitten. Er hat die Frau ermuntert und gefördert, hat ihr nach bestem Vermögen geholfen, die Lücken ihrer Bildung, die sie schmerzlich empfand, auszufüllen. Aber auch von anderer Seite hatte schon ihr leidenschaftliches und rastloses Streben un nach Wissen beste Förderung erfahren. Emma Adler, die Frau von Viktor Adler, des großen Führers der oesterreichischen Sozialdemokratie nahm sich ihrer aufs wärmste an und unterrichtete sie; auch sie hat ihren großen Anteil an dem Werden der Redakteurin, Schriftstellerin und glänzenden Rednerin Adelheid Popp, die ein Leben lang immer mutig und geschickt für die Interessen der arbeitenden Frauen eintrat. Am 2. Okt. 1891 erschien ein Aufruf in der Wiener" Arbeiterzeitung", der zur Gründung einer" Arbeiterinnenzeitung" aufforderte. Sie erschien zuerst am 1. Januar 1892 als Beilage der" Arbeiterzeitung", zweimal im Monat. Im Oktober 1892 konnte Adelheid Popp die Redaktion übernehmen, die sie bis zum Einbruch Hitlers führte. Tastend, vorsichtig ging darin Adelheid zuerst den Frauenproblemen nach, bis die Bewegung ihre zielklare Richtung erworben hatte. Es war für Frauenbewegung und Zeitung auch innerhalb der Arbeiterbewegung mancher Kampf um Form und Geltung zu bestehen, bis eine ganz klare Unterstützung und Anerkennung gewonnen war. Dabei soll dankbar anerkannt werden, daß die oesterreichische Sozialdemokratie sich auch international bald voll und ganz hinter die Frauenforderungen stellte, wie ihre Führer überhaupt zu den fortschrittlichsten, modernsten und einsichtigsten in Bezug auf die Frauenfrage gehörten. Die" Arbeiterinnenzeitung" hatte viele Jahre in harter Werbearbeit leicht unter den Frauen zu wirken, es war nicht ihr in den armen Frauenschich- - 10- 11. ten eines weitschichtigen, national differenzierten Landes eine bleibende sichere Heimstätte zu sichern. Die Genossinnen von damals mußten aufreibende und mühevolle Agitationsfahrten machen, un unter den Frauen zu werben, wobei Adelheid immer eine der eifrigsten und leidenschaftlichsten gewesen ist. Zu Anfang des Jahrhunderts erschien eine kleine anonyme Schrift:" Jugendgeschichte einer Arbeiterin", die in glühenden Farben das Leben eines Arbeiterkindes schilderte. August Bebel interessierte sich für die Verfasserin und schrieb dann für die zweite Auflage eine warmes Vorwort. Hier hatte sich Adelheid Popp die ganze Aual Qual ihrer Jugend vom Herzen geschrieben. Sie liess zuerst diese Schrift auch deshalb ohne ihren Namen erscheinen, weil sie ihr eigenes Schicksal als typisch für die meisten Frauen der Arbeiterklasse ansah, womit sie zweifellos Recht hatte. Doch als allgemein bekannt wurde, wer die Verfasserin war, fiel der Grund für diese Anonymität von selber fort. 1918 erhielten auch in Oesterreich die Frauen das Wahlrecht. Adelheid zog in den Gemeinderat ihres geliebten Wien ein und es war dann auch selbstverständlich, daß sie in das Parlament gewählt wurde. Dort wirkte sie mit der ihr eigenen Begeisterung im Interesse der Frauen und Arbeiter bis zur Niederwerfung der Arbeiterbewegung durch den Heimwehrfaschismus im Jahre 4935 1934. In der sozialistischen Fraueninternationale war sie immer eine vorwärts treibende Kraft, von der Ideen ausgingen, die sie mit glühender Begeisterung vertrat. Nachdem Clara Zetkin während des 1. Weltkrieges zum Kommunismus übergegangen war, war es ganz selbstverständlich, daß Adelheid die Vorsitzende des internationalen Frauenkomitees wurde. Ihr Leben war nicht leicht. Wer der lebensbejahenden, so begeisterungsfähigen und andere begeisternden Frau begegnete, konnte kaum annehmen, daß ihr das Leben so viel Schweres auf die Schultern gelegt hatt. Von ihrer besonders schweren Kindheit und Jugend sprachen wir. Den Mann, - 11- 12. ⚫ der ihr Lebenskamerad im besten Sinne gewesen war, verlor sie nach kurzen neun Jahren, als ihre beiden Kinder noch recht klein waren. Daß sie für die nicht merh arbeitsfähige Mutter Sorge trug, war ihr selbstverständlich. Daß sie von dieser Mutter in ihrem Tún niemals begriffen wurde, gehörte mit au den schmerzlichen Dingen, die sie zu tragen hatte. Der geliebte älteste Sohn blieb im Krieg 1914 1918 und der zweite starb mit drei undzwanzig Jahren an einer tückischen Angina. Dann kam der Februar 1934. Mit der niedergeschlagenen Arbeiterbewegung zerbrach auch das, was ihr teuer war und woran sie lebenslang mitgebaut hatte. Sie vegetierte nur noch zwischen Krankenhaus und Rekonvaleszentenheim. Hitler und seine Horden überfielen zu Beginn 1939 das Land. Aber Adelheid Popp starb am 9. März 1939. So blieb es der glühenden Freundin der arbeitenden Menschen erspart, die tiefe Erniedrigung zu erleben, durch die auch Oesterreich durch Hitlers Gewaltherrschaft gehen mußte, So aber konnte sie auch das Glück der Befreiung und den Wiederaufstieg der Arbeiterklasse nicht erleben. Benützte Literatur: Diverse Bände der" Gleichheit", I.H.W. Dietz, Stuttgart Jugendgeschichte einer Arbeiterin von Adelheid Popp, mit Vorwort von August Bebel, Verlag Ernst Reinhardt, München 1930 Das Denkmal der unbekannten Proletarierin, Kleinberg- Fanny Bla t- ny, Verlag Graphia, Karlsbad 1937 Persönlaihe Mitteilungen österreichischer Genossinnen. Adelheid Popp. 1869-193 sie war eine der liebenswürdigsten Erscheinungen der Internationalen Sozizialistischen Frauenbewegung, kam sehr oft zu Parteitagen. und Frauen nach Dchtsohland konferenzen nach Deutsch zu uns und war regelmässig Teilnehmerin an den Internati- onalen Kongressen. So war sie auch von Beginn an eine der Pionierinnen der Internationalen sozialistischen Frauenbewegung. In Oesterreich redigierte sie seit 1892 die in Wien, herauskommende "Arbeiterinnen zeitung" Und jahres Bürebar, war dieeine am pientisten Mitarbeiterinnen der für die Leute schen sortiernner herausgeschienen"reichkeit". Mit äusstem seits über die Rechnung in Oesterreich Bescheide, wenn sie unsere Parteilage besuchte kam sie als Vertretung der oesterreichischen Partei oder als Vertreterin zu den Frauenkonferenzen als Repräsentantin der oesterreichischen Genossinnen. Von den führenden Männern der Parte: wurde Adelheid mit freundlichem Respekt& anerkannt und geachtet. Bei den Frauen genoss sie Liebe und Achtung. Eine so glänzende Stellung in einer Bewegung Schien Dass diese Adelheid doch voraus zu setzen. und +seg x dl. chez Papp, geborene Doorak ein geme Elternhaus eine gute Schule hatte, die dem heranwachsenden Kind Ans 6ildung. Zuteil werden liess? eine geschlossene Nassde mam bei dieser Begelegten nicht Man könnte eine sorgfaltige Berufsausbildung und besöydere. soll s. g. Förderung(durch das Elternhaus voraussetzen? massen. So war es aber nicht, wir können von alledem das Gegenteil feststellen.- Der Vater war ein sehr armer Weber. Das war das schlimmste nich teste dem das Weberdasein zugleich der Tebegriff der Aschuld war. Er war dem Alkohol ergeben schlug die Mutter gönnte der Tochter(dem einzigen Müdchen neben vier Knaben) kein freundliches Wort. Die Familie war anvorstellbar arm, es fehlte oft am notwendigsten Die Mutter war unter der Not des Lebens hart und rauf war einem guten geworden. Zwar war Sie mit angeborenem Klaren Verstand ausgestattet, hatte aber keine Schule besucht, konnte nicht lesen und schreiben, wie Was aber auch bildungsfreitmäßlich Schweizwissen Mit sechs Jahren war sie in Dienst" gegeben Dabei wider worden. Das mangelnde Schulwissen hat sie(nicht gachs vernisst voei ihren Kindern hielt sie es für aberflussig. Die- endlich- gesetzlich eingeführte Schulpflicht nannte sie ein neumodisches(1) Ge- setz. "Sie fand es ungerecht, dass andere Menschen den Eltern vorschrieben, was sie mit ihren Kindern zu tun hätten. Ihr Leben lang hat Adelheid unter dieser Kindheit gelitten. Die etwas über Dreissig= jährige schrieb es sich einmal von der Seele a* "Die meisten Menschen nun denken" ihre schöne glückliche, sorgenlose Jugendzeit zuvück..... Wenn es nur nach einmal so würde! Ich stehe den Erinnerungen an meine Kindheid mit anderen Gefühlen gegenüber kein Lichtpunkt kein Sonnenstvahl, nichts vom behaglichen Heim, wo mütterliche Liebe und sorgfalt meine Kindheit geleitet hätte. ist mir bewusst. Trotzdem hatte ich eine aufopgevungsvolle Mutter... Was ich von meiner Kindheit weiss, ist düster und hart so test meinem Bewusstsein eingewurzelt, dass es mir nie entschwinden wird. Was anderen Kindern Entrücken bereitete und glückseligen Jubel auslöste: Puppen, Spielzeug, Marchen, Näscheveien und Weihnachtsbaum ich kannte das nicht. Ich konnte nur die grosse Stube in der gearbeitet, geschlagen, gegessen- und gezunkt wurde. Ich erinnere mich an kein zärt- liches Wort, an keine Liebkosung, nur an die Angst, die ich, unter dem Bett verkrochen ausstand wenn es eine häusliche Szene gab....." dagr Der Vater Adelheids starbxfrüh an einem Krebslanger. leiden während der Verkrankheit wuchs die Not der Familie, der Tod wurde als Erlösung em- pfanden, jedoch für die Mutter wuchs man Last und Verantwortung ins Aussichtslose. Der Achtzehn= Altesse jährige ging in die Fremde ein zweiter, fleissiger Bursche erlitt einen Unfall und starb nach jahrelangen Siechtum an Knochentuberkulose. Die Mutter war froh, wenn sie im Dorf Hauswasche machen durfte. Sie teilte dann die Mahlzeit mit der kleinen Adelheid. Aus Gasthäuser Stupf holte man sich die Brühe, in der die Wurst ge25 211 kocht worden war, umreiner"sättigenden" suppe daran zu verwenden. Mitleidige Nachbarn halfen ein wenig. Adelheid – zwischen Fund 7 sieben und neun Jahren – strickte strumpfe für Geld macht Botengange, durgte Kinder warten, schliesslich lehrte man sie Perlmuttknöpfe auf Silberpapier aber aufzunehen. Das gab wenige, willkommene Kreuzer. Die ärmsten Dorfkinder- darunter Adelheid- gingen (e. m. g. u. des zu den Wohlhabenden und Neujahr zu wünschen, da gab es kleine Geschenke. Das rurte Kind musste dabei seine Angst vor den Hunden überwinden. Arme Kinder wurden ausgesucht um dem Sarge eines verstorbenen kindes wohlhabender Eltern zufolgen, jedes bekam dann 10 Kreuzer. Da, Eine so grosse Armut war mit unendlich vielen Demütigungen verbunden, die noch Adelhoid später, der erwachsenen Menschen in der Seele brannten 5. Wie oft musste Adelheid der Schule terableiben, weil es an Schuhen, an der nötigsten Kleidung, an Nahrung fehlte. Die Mutter, des Schreibens unkundig, anterliess Otto die vorgeschriebene Entschuldigung. Das ihr einmal eine Arreststrafe von zwölf Stunden ein März. Sie kam der Aufforderung zum Strafantritt nicht nach könnte sich nicht vorstellen, wie man eine ehrliche Person deshalb einsperren konne. Dann Wei musste sie erleben vorübendarmen abgeholt und durch den Ort zum Arresthaus gebührt zu werden. Der Oberlehrer versicherte ihr, dass aus dem be- e jem gabten kind etwas werden ko"nne Die Mutter verstand nicht, wenn das gut regelmässig zur Schule kamme. Dem vormund genugte es sein Mündel"braw und fromm" zu wissen: Die Misere des Hungers und der fehlendem Kleider wurde dadurch nicht aufgehoben. Eine Kurze Zeit ging es ein wenig besser, die Familie hatte eine vornézme Gönnerin" geçunden. Die neumjährige Adelheid traumte davon einmal (wie sie Sie bei ihrer Gänzw, in Schloss gesehen hatte) Du werden. Kammerzöge oder Leswech ist der armen Nachbarn Vielleicht tragen Neid und Missgunst das ihrige dazu bei, dem kurzen Traum auszulöschen Ordrak Die Mutter ging mit dem zehneinhulbjährigen die klei Adelheig Wien. Das Schulzeugnis, das ist Mädchen nach auş giesem Anlass bekam für die Übersiedeung Ich erklärte sie reif. für die — 5. vierte Volksschulklasse eure. Jahre hatte sie erwähnigen Schule besucht – mit abrüglich der vielen die -Freitage – von einem weiteren Schulbesuch in der grossen Stadt war keine Rede mehr – trotz gesetz- licher Schulpflicht. Adelheid meldete sich nicht und an als sie die Esamulare für ausfüllté. Sie musste ja verdienen. Wegen ihrer Jugend ummerkleine zwischen= 1)### und der meister als Arbeitgeber in Frage. Es wurden Tücher geinhelt Morgens um 6 Uhr, wenn andre Kinder nach schliefen, ging es aus dem Hause, abends um 8 Uhr wieder heim. Heim? Man wohnte, zu anfang, mit inem alten Ehepaar in einem Zimmer. Ohd das Kind am Abend brachte sie noch Arbeit zum Fertigmachen mit. Der einzige, sehnsüchtig gedachte Wunsch war einmal ausschlafem zukönnen bis man von selber wach wurde! Aber dieses Glück gab es nur bei Arbeitslo"siekeid" und Krankhein öfter Und Krankheid kam, war das ein Wander Jedesmal wurde Ruhe und reichliche Nahrung verordnet. Mit zwölf Jahren konnte die Als Adelheit Adelheid Zwölf Jahre alt war Frücke die Mutter der Vermögensanwähte sie Posamenten es war Aufputz für die Damenkonfektion aus Seidenschaüwen und Perlen, wieder- der Jugend wegen-bei einer Zwischenmeisterin die natürlich die Situation weidlich ausnützte. die Die drei Schuljahre Ich waren einen Glück und Bildungsquelle für Adelgewesen. Sie hätte uns verhegte paartasie begebte Kirch Neid Dwovak Werin T sion sonst zu empfangen können. Hören wir sie selber! "Iohlas gerne. Ich las wahllds, was ich i'm die Hände bekommen konnte, was mir bekannte liehen, die auch nicht zwischen Passendem und Alnpassenden, unterschieden, und ich las was ich im Antiquariat der Vorstadt far eine Leihgebüh+ um zwei Kreuzery. die ich mir vom Mande absparte erhalten, konnte. Indianergeschichten, Kolportagevö= mane, Familienblätter, alles scheppde ich nach hause. Neben Räubesvommen, die mich besonders gesselten, interessierte ich mich lebhaft für die Geschicke unglückliches Konieinneŭ " Neben"Rinald Rizaldini" sie nimmt n. a."Rimalas" hinakdirekt. Sie las Jesu- in itexromane und die Johanervomane, die der zusäh und mehr Einzelheften erschienen, sie bekam spielte ihr aber auch manches Bach in die Hand, das ihr geschichtliche Kenntnisse vermittelte. Bei ihrer unkontrollierten Lektüre lebte sie ausserhalb der wirklichen Welt vieles] verstand sie noch ihr noch Reife fehlte. o/ garnicht weil dem Kind sollte Adr. eid sd à l'année. - 14. Lebensjãk-1 a Mutter und Töchter Straunter sonbesserer Arbeit und Übkeren, verdienen Vom 1. das eigentritt noch "genannte"“Lehre” mich mich vor Weitere (da-röp taufen) nun Schulpflichtige Kind als Aschenputtel aus von wirklichem, fachlichen Lernen war garnicht die Rede: Wassertragen in schweren Halzgefassen war gang und gäbe. Die"Lehrfrau" sagte: eine gnadige Frau wirst Du und ihre ja doch nicht werden,” Die Kinder der Lehrforn obtem ihre Bosheiten an dem,"armen Mädchen aber aus. Da es sich um Saisonarbeit handelte, gab es auch Wochem Pausen von einigen Wochen in denen Adelheid übevall, wo das Schild einem kleinbetrieb irgend welcher Art anzeigte, ihr"Bitt sokon, ich möchte Arbeit“ wortung. Sie empfand noch als reife Frau die Demuxigung, die sie dabei empyänden hat. Mit 13 Jahren das Kind kam sich . fast erwachsen, vor, fand sie Arbeit bei einem böse Bronze fabrikantem, wo sie vom Inhaber 7 als geschickt erkannt und wohlwollende behandelt wurde. Das waren ununterbrochene zehn Monate mit etwas besserem Verdienst, der ihr sogar er- laubde sich netter anzuziehen, was bei jungen Mädchen so selbstverständlich ist. Mit einer Erkrankung, die ihr musste Adelheid die erfrühe Jugendarbeit beruhlen. Der Arzt undersagte, die Arbeit in der Bronzefabrik was aber nicht kinderte, dass sie gut gesagt und sehr wohl= wollend, aber wie befolgd man einen solchen Rat? Man versucht es in einer Metalldruckerei dann riel in einer Patromenfabrik, wo es vöhlimmer an- strengender ist und landet schliesslich im Krankenhaus. "... es war das die beste Zeit, die ich bisher zerlebt hatte. Alle Menschen waren gut gegen mich, die Aerzte, die Pflegerinnen und auch die Patienten. Ich bekam einigemal am Tag gute Nahrung, selbst gebratenes Fleisch und Kampott, das ich vorher nicht gekannt hatte …. Ich hatte, für mich allein ein Bett und immer reine Wäsche... Dann las ich Bücher, die mir einer der Ärste lieh: die Werke Schillers und von Alfons Daudex die grossen Eindruck auf mich machten... Nach dieser von Adelheid als glücklich empfundenem Zeit begründete Arbeitssuche aufs neue Sie versuchte sich in einer Kartonage fabrik bei einem Sohuhfabrikanten beim Fransenknüpfen an türkischen Chawls, wo grüne Farben aufgetragen wurden usw. Der Sohluss war wieder 8) das Krankenhaus- und- da niemand dort zahlte – Armenhaus und drohender Abtrans- port in eine unbekannte Heimatgemeinde. Böhmischen. Die Mutter brachte – für ihre Verhältnisse – grosse Opfer, Adelheid sollte in vier Wochen. Weissnahme lernen, sie wurde in dieser Zeit vornehmlich als Kindermädchen haffe ausgenützt, das Lehreld stechte die Zwischen gesteckt. Jetzt meisterin ein auch sah sich, nach ein einem am daŧa a zų veroſíoŋen, neuen"Lehrmädchen" um, für das Lehrgeld Méd gezahld wurde und das als Kinder= warten und Botengangen beschäftigt werden konnte. Adelheid fand sokliesslich Dauer- arbeit... einer grosseren Fabrik, wo sie, getrüheren. messen an der bisherigen Entlohnung bei der ein Zwischenmeistern, wesentlich mehr verdiente. indohdenkende jünge Für die deifer werdender Arbeiterin gab es hier viel Gelegenheid die Lebens- erhältnisse ihrer Kolleginnen in stadieren und darüber nachzudemken. Sie sak und erfuhr auch vieles, was sie noch nicht verstand, woran sie sich aber später grasseren mit geschulteren, sozialen terstehend Überblick, verstandnisvoll erinnerte kanntag. Noch war Adelheid Kinderfromm. nach war die"Firmane" das ihr dunkende Ziel, wobei Ich muß nicht auf dem Tod geschlagen. die Vorstellung an natürlich auch das Nie etwas Schuhe, und an Sonnenschir: Handschuh und Hat die Phantasie nährten [okid der Teid war Adelheid ist in ihrer Lek ture sehr viel anspruchsvoller geworden [eik weigte sie Unterstellungskommen besten wusste s.ch. bessere Bücher)(zu verschaffen und las auch Klassiker (Romane und Erzählungen)(and geschicktliche Werke Auch interessierte sie stark was Dir so ab- ✓ sorbievende Verwendung jeder treien Stunde mit Lektüre bildete nicht nur beist und Gemüt, es hielt das junge Menschenkind auch davon ab an den"Vergnügungen" teilzumehmen von denen ihre Kollecinnen in der Fabrik sich treiben liessen. Aber de Im öffentlichen Leben war si Ereignissen war sie lebhaft interessiert. Mit fünfzehn Jahren erlebte sie in Wien den militarisober über die Stadt verhängten X Ausnahme rastand, las die An angeschlagenen Pro- klamationem und berrift, dass etwas Doch dargäße. besondenes müsse, wenn das Beisammen stehen von mehreren Personen Als eine "f der Strasse schon etwas strafbare Handlung gezeichnet wurde. Dabei schwarmte sie noch für Kaiser und könige, sowie für"hoohgestellte Leute. Es war in dem achtr. zur Jahren des 19. Jahrhundert Die aufstrebende Arbeiterbewegung erregte ein, g Aufmerksamkeit,& Zustimmung in Arbeiterkreisen, uns Verwunderung und eisige Ab- wehr bei Unternehmern und in politischen und Regierungskreisen. Anarchisten wurden geheirnistolle beschuldigt einige, Morde insceniert an Schöne man die Polizei benützte die belegen. ha ben. heit auch sozialdemokraten mit anzuklagen vnter verzicht auf andere Dinge zeitungen. 10. (Adelheid) las die ausführlichen Berichte über "diese Anarchistenprozesse sie las die Ver- teidigungsreden der mitangeklagten So- zialacmokraden) und lernte dadurch zum erstermal deren Anschauungen kennen. süsig bei. Sie schreibt selbst von sich dieser Mannes geistert war, dass ihr iederwie eine Held erschien. Die Arbeitslosigkeit-, in einer basen wirtschaftskrise- nahm rapide za, die grosse Not trieb zu Unvaken die Polizei hält löste Fachver- eine schwesterriss auf, konginierte die Kassen. Die Arbeiter beantworteten diese Massnahme mit Demonstrationen Militär rückte in die"bedrokten" Strassen ein, die Soldaten standen Gewehr bei Fuss aufgeweihd, auch"hook in Ross", Das turwitzige, junge Mädchen musste, wenn sile. Sie Fabriktorexhinder ihm geschlossen hatten, aber all dabe. se.n. In dieser Zeid wunschte sie sich ein Mann in sein, weil Politik und öffentliches Leben nur für Männer da zu sein schien Adelheids Brüder hatten sich— abseits von stem ihrem Leben- aux sozialistischen Lebensanschauung entwickelt. Jetzt kam sie m. d. ihnen und ihren Kollegen zusammen. Sie lernte den Unterschied zwischen Sozialismus und Axarohisma. // Sie las nur regelmassie das wookentlich versoheinende Blatt der Partei. Das alles (erfsam wret sicher) brachte anmählig die innere Wandlung. In der Fabrik trat sie ebenfall aus es, ihrer scheuen Reserve heraus; ohne derselbst za wissen und zu erkennen warde sie ʔam Agitator für die Sozialdemakratie und ihre Zeitune. Dem Werkmeister der längst. die Arbeit verontrollierte, war sie ver- daͤchtig, er beklagte sich bei dem Arbeit aber, der aber Fabrikanten, der es aber bei einer Verwarnung bewendenliess weil an ihrer Arbeitsle, stung nichts zu bemangeln war.[Adelheid wasste noch nichts von einer Frauenfrage. Es war dumpf in ihrem Bewussksein, dass da noch nem eine Lübke nur in ihren VErkenntnisser Far. Es drängte sie zu einer Betätigung sie wusste aber nicht wo und wie an- zufangen, weil eben Politik Männer sache war. Ihrem die starken Lesebedürfnis stand jetzt auch die Bibliothek des Arbeiterreveins offen so kam sie an die Schriften von Friedrich Engels, Fer- dinand Lassalle, Wilhelm Liebknecker, u. a. In den sozialdem skratischen Ver- sammlungen zu denen sie auf ihre Bitte 12 vom Bruder mitgenommen wurde war sie soft die einzige Frau, manchmal waren besser ihr noch zwei andere anwesend. Auch dort wandte sprach man immer an röm haben haben die Männer. – ‖“Ioh empfand es söhmerzlich dass (man uber die Arbeiterinnen nicht sprach dass man sich nicht an sie wandte, um " sie zum Kampfe aufzurufen. Aneinem Somelac vormittes ging Adelheid allein in eine Brandenverſammlune. Sie fand Petwa 300 Manner und neun Frauen vor Sehr trotzdem in dieser Brancherviele Frauen ar waaropfährige beiteten. Zum erstemmal hörde diese, nen Redner über"Frauenarbeit" sprechen. Er zitierte auch Bebel: Die Frau und der Sozia= Audt. noch nie geht h. Lismus. Baron hätte Adel sie zum ersten und All. Als der Redner schloss folgte die Aufforderung zur Diskussion" "Ioh hatte das Gefähl dass ich redem musste Ich bildete mir ein alle Augen seien auf mich gerichtet, man wurde, was ich zur Verteidigung meines Geschlechtes zu sagen habe....... Als ich die Stufen hinaufging, flimmerte es mir vor den Augen, ob spürte es wurgend im Halse. Aber ich überwand diesem Zustand und hield meine erste Rede. Ich sprach von den Leiden von der Ausbeadung und der geistigen Vernachlässigung der Arbeiterinnen, der brandlage aller rückständigen Eigenschaften zagleich fine Adelheid an zu schreiben, wobei Sie mit ungeheurer Anstrengung die geringe 13. Schulbildung, besonders ihren Mangel der Recht schreibung zu überwinden hatte. Es – sei daran erinnert, dass sie nur knapp drei Jahre die Solicle besucht hatte. Es ging mir mich mit Sieben meilenstiefeln. Die Zeit der sozialistischen Frauenbewegung war da. Neben der Fabrikarbeid, gegen und den harten Widerstand einer Mutter, die t attenta(? das Mädchen und ihr Tun begreifen S 2 ternfd. »konnte, unter körperlichen Strapazen und Mit persönlichen, finairie Entbehrungen lanoh Adelheid Oas - „ging es‟... die Rednervätigkeit. Es war nicht so einfach in der damaligen Zeit erster Was sich schon d. erlugen aber annormal hohe Einkommen der sozialistischen Führer kolportierd wurden entbehrten oft ihre klagsten Kopfe und besten Charaktere das e Votwendigste zum Leben, während sie Artikel ihre Aufsätze für die mit ge- ringen Mitteln fundierten Zeitungen schrie- oben und im Lande herumreisten. In einem Buch:"Das Denkmal der unbekannten Prole- tavierin,(kleinberg-Blatny) heisst es: "Um 1890 waren alle auch im alten Oesterreich um die notwendigen, objektiven Voraussetzungen für die Entstehung einer schialist, sohen Arbeiterinnenbewegung vorhanden. es bedürfte nur noch der Frau, die genau zuversicht, Zähigkeit und mitreissende Kraft besass, um die der Erweckun- has- Lunde. 14) mehrohrem Klassemynossinnen zu sammeln um ihrem anklaren wollen Marren und Wollen Richtung zu geben und um sie der grösseren allgemeinen Bewegung am rechten Platz ein- zu ordnen. Sie tauchte, als die Zeit schon förmlich nach ihren schreien schien plötzlich aus dem Nichts dunkelster Namen= lasigkeit auf, war ein blühendfrisches und bildhübsches Arbeitermäßel in den ersten zwanziger Jahren und hiess Adelheid dwožak. Sie konnde und wusste just soviel als man damals bei Versammlungen, im neugegründeten"Arbeiderinnen bilduresverein", und aus der Zeitungs= und Bröschürenlektüre lernen konnte; aber von dem Augenblick an, da sie zu Pfingsten 1891 als Gast de zweiten Oesterreich, schon Partei tages aufstand, um den versammelten Mannern den besonderen materiellen und geistigen Notstand der Arbeiterinnen zum Bewusst- sein zu bringen, galt sie, was für ihre angeborene Fuhrersendung zeugt, als die berufene Sprecherin der sozialistie " schen Frauen Später heiratete Adelheid den Parteikassierer Julius Popp. Er war bedeutend älter als sie und leider recht krank. Diege Ehe wurde schöne anenschliche Kameradschaft wurde nach 9 Jahren durch den Tod des Mannes verschnitten. Er hat die Frau ermuntert und gefördert, hat der 15/4 Uhr nach bestem Vermögen aehölfen, die Lücken ihrer Bildung, die sie schmerzlich empfand auszufüllen. Aber auch von anderer Seite die Forderung hatte sonen ihr leidenschaftliches und rastlases Milletero streben nach Wissen noch Baldang beste Forderung erfahren. Emma Adler die Frau des von Viktor Adler, des grossen Führers der oesterreichischen Sozialdemokratie nahm sich ihrer aufs wärmste an und unterrichtete auch grossen sie, is je hat ihrer Anteil an dem Werden der Redakteurin, Schriftstellerin und Glaurenden Rednerin Adelheid Popp, die Pein Leben lane immer matig und geschickt für die Interessen der arbeitenden Frauen eintrat. Am 2. Okt. 1891 erschien ein Aufruf in der "Arbei Wiener"Arbeiterzeitung", der war Gründune einer"Arbeiterinnenzeitung" auchforderte. Sie erschien zuerst am 1. Januar 1892 als Beilage der"Arbeiterzeitung" zweimal O, m Monat. Am I m Oktober 1892 konnte Adel- heid Popp die Redaktion übernehmen, war die sie bis zum Einbruch Hilters führte darin zuerst tastend, vorsichtig zingrtheilheid den Frauenproblemen nach bis die Bewegung: hre zielKlave Richtung erworben hatte. Es warum für Frauenbewegung und Zeitung- anoh- innerhalb der Arbeiterbewegung- mancher kampf um Form und Geltung zu bestehen. bis eine ganz klare Unterstützung und Anerkennung gewonnen war. ... 6/ soll dankbar anerkannt werden, dass die auch desterreische Sozialdemokratie sich vinterinternational bald voll und ganz hinter- die Frauenforderungen stellte, wie ihre Führer überhaupt in den fortschritt lichsten, modern stem und einsichtigsten. Abering auf die Frauenfrage gehörten. Die"Arbeiterinnenreitung" hatte viele Jahre in harter Agit Werbearbeit unter den Frauen ikke zu wirken, es war nicht leicht,"der armen Frauenschichften eines weidschichtigen national differenzierten Landes eine bleibenden sichere Heimstätte zu sichern. Die Genossinnen von damals masschen aufreibende und mühevoll Agitationsfahrten machen, um unter den Frauen za werben, dabei Adelheid immer eine der eifrigsten und leidenschaftlichsten gewesen ist Ich Anfang des Jahrhunderts erschien. anbegre eine kleineschrift:"Jugend geschichte einer Arbeider, die in glühenden Farben das Leben eines Arbeiterkindes sohilderde. August Bebel interessierte sich tär die Verfasserin und schrieb dann für die zweite Auflage ein warmes Vorwort. Hier hatte sich Adelheid Popp die ganze QuaL ihrer Jugend vom Herzen geschrie= ben. Sie liess zuerst diese Schrift auch deshalb ohne ihren Namen erscheinen, weil sie ihr eigenes Schioksal als typisch tär die meisten Frauen der Arbeiterkasse ansah, womit sie zweifellos Recht hatte. Doch als allgemein bekannt wurde, wer die Verfasserin war fiel der Grund für diese Anonymität von selber fort. /7 * 5 erhielten auch in Oesterreich 1918 die Frauen da's Wahlrecht. Adelheid zog in den Gemeinderat ihres ge- Die bten Wien ein,"was war dann auch selbstverständlich, dass sie im das Parlamend gewählt wurde. Dort wirkte sie mit der. Er eigenen Begeisterung im Interesse der Frauen und Arbeiter bis zur Niederwerfung der Arbeiterbewegung durch den Heimwehrfa- Schismus im Jahre 1934. sir scriapistischen Ia der Fraueninternationale war immer eine vorwärts treibende Kraft, von der Ideen ausgingen, die sie mit glühen- der Begeisterung vertrat. Nachdem Clara Letkin während des 1. Weltkrieges zum Kommunismus übergegangen war war es ganz selbstverstandlich, dass Adelheid die Vorsitzende des internationalen Frauenkomitees wurde der Ihr Leben war nicht leicht, wer die Le- bens bejahenden, so begeisterungsfähigen und andere begeisternden Frau begegnete konnte kaum achmen, dass ihr das Leben soviel schweres auf die Schultern gelegt hatte. Von ihrer besonders soh werden Kindheit und Jugend 18/ sprachen wir. Pen, etia dann der bens kamerad im vesten Sinne gewesen war. verlor sie nach kurzen, wenn Jahren als ihr beiden Kinder noch recht klein waren. Dass sie für die nicht mehr arbeitstähige Mutter sorge trug, war ihr selbst verständlich. Dass sie von dieser Mutter in ihrem Tun niemals begriffen wurde, gehörte mit zu den schmerzlichen Dingen die sie zu tragen Ratte. Der geliebte älteste Sohn bliebt im Krieg 1914-18 und der zweite starb mit dreinundwanzig Jahren an einer tückischen Angina. Dann kam der Februar 1934. Mit der niedergeschlagenen Arbeiter bewegung zerbrach auch das was ihr teuer war und voran Sie lebenslang mitgebaut hatte sie regetierte nur noch zwischen Kran- kenhaus und Rekonvaleszentenheim. "Hitler* und seine Horden, überfielen zu Beginn 1939 das Land. Aber Adelheid Popp starb am 9. März 1939. So blieb dies der glühenden Freundin der arbeitender Menschen und erspart, die tiefer Erniedigung zu erleben, durch die auch Ibitte wenden. sonichiscistischen 1948 erkielten auch in Oostenreich Die Kranken Oesterreich durch Hitlers gebl Gewalt= herrschaft gehen musste. So aber komnde sie auch das black der Befreiune und den Wieder aufstieg der Arbeiterklasse nicht erlebe. Benützte L'erar. Diverse Bände der"Gleichheid" d. H. W. Dietz, Stuttgart. Jugendgeschickte einer Arbeiterin von Adelheid Popp, mit Vorwort von August Bebel verlag Ernst Reinhardt, München 1930 Das Denkmal der unbekannten Proletarierin Kleinberg-Fanny Blatny, Verlag Graphia Karlsbad Pessouliotze 1937 Aufzeichnungen desterreichischer Gepassinnen Mitteilunglens Johanna Reitze 1878- 1949 Sie war ein Proletarierkind. Aber- anders als manche unserer Vorkämpferinnen konnte sie schon einen geregelten, achtjährigen Volksschulbesuch aufweisen. Von ihrem Elternhaus wissen wir nicht viel. Nur, daß sie aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie kam und mit dem Ende des Schulbesuches selber für ihren Lebensunterhalt zu sorgen hatte, wie so viele junge Kinder des Proletariats. Johanna wurde in einen Haushalt gegeben, wurde Dienstmädchen und war es zweiundhalb Jahre lang. Dann wurde sie Hilfsarbeiterin in einer Buchdruckerei. 1900 schloss Jahonna Leopold die Ehe mit dem Sozialdemokraten Jean Reitze. Das war in Ordnung so. Das junge Mädchen war nicht von der Art, sich in der Misere des damaligen Fabriklebens zu verlieren. Aufstrebend und aufgeweckt dachte sie bald über ihre eigene und ihrer Mitarbeiterinnen Lage nach. Der Ruf des Sozialismus hatte sie bereits erreicht. Und so war es folgerichtig, daß die Ehe dieser beiden Menschen den hohen Wer einer guten geistiges Kameradschaft bewies, einer Kameradschaft, die geistig es nicht zuläßt, daß der eine Teil verkümmert, während der andere seinen Weg nach oben geht. Man las und debattierta e gemeinsam, einer machte es dem anderen möglich, sich am Aufstieg in das Reich des Geistes zu beteiligen. So- als Erhöhung des Lebenswertes, als innere Bereicherung wurde damals das intensive Eindringen in den Sozialismus empfunden. Es war ein Nachholen aus eigenem Wollen, aus eigener Kraft, was die Gesellschaft den Kindern des Proletariats schuldig geblieben war. Johanna hatte in Hamburg schon sozialistische Kurse besucht. Nun ging sie- zusammen mit ihrem Mann- nach Berlin, um dort an der" Parteischule" mitzulernen, das dauerte sechs Monate lang. Bald darauf lasen wir in der" Gleichheit", wie eine junge Frau in Vegesack( unweit Bremen) eine sosialistische Frauenorganisation aufgezogen hat, geschickt, eifrig umsichtig. Das Lernen hatte ihr Nut gemacht, ihr Selbstgefühl gesteigert - 1- 2. die psychologischen Hemmungen gelöst. Wir erfahren, daß sie schon längere Zeit vorher in der Kleinarbeit tätig war, die Teilnahme an den wissenschaftlichen Kursen hatte ihr den Mut zu selbständigen Vorgehen gegeben. Am anfang ihrer Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei war sie sehr zurückhaltend. Ein Vortrag Aufust Bebels, schon zu Anfang des Jahrhunderts, hatte sie der Partei endgültig zugeführt. In Hamburg war möglich, was den Frauen in Preussen u. a. Ländern verwehrt gewesen ist. In diesen Jahren war Johanna eine eifrige Flugblattverbreiterin und Versammlungsbesucherin, was das heißt wissen die wenigen Alten, die heute noch leben und die Zeit in Erinnerung haben, in der man wohl Mühsal und Verachtung aber keine Lorbeeren erntete. Von der Parteischule aus schlug das Ehepaar Reitze zuerst noch einmal sein Domizil in Vegesack, im Weser- Ems- Gebiet auf, das Resultat kennen wir bereits. Bald wird der Mann nach Hamburg gerufen, als Redakteur an das" Hamburger Echo". Der frühere Besuch der Kurse in Hamburg und Berlin, Hannas starkes Lese- und Lernbedürfnis, hatte ihr zu einem umCand hely fangreichen Wissen verholfen, das sie nun wieder für ihre politische Organisationsarbeit verwenden konnte. Sagen wir es ruhig: Nicht jede unserer Vorkämpferinnen für den Sozialismus und die Befreiung der Frau war in einer so glücklichen Lage wie Hanna. Sie lebte in einer relativ gesicherten Wirtschaftslage und wurde getragen von dem Verständnis und der steten Hilfsbereitschaft ihres Lebenskameraden, sie konnte ganz ihrem inneren Drang folgen. Man meint auch rückschauend, daß diese Harmonie ihres Lebens äußerlich Ausdruck gefunden hat. Immer freundlich, immer aufgeschlossen für die Gedankengänge Anderer, immer hilfsbereit, war ihr der Dienst an der Allgemeinheit etwas Selbstverständliches. Das ist wohl auch das Geheimnis dieser so geschlossenen Persönlichkeit, in der es keinen Bruch gegeben hat. Hamburg gibt ihrem Arbeitsbedürfnis reiche Möglichkeiten, das politische Leben in der Arbeiterschaft ist lebhaft, der Verkehr mit den führenden - 2- 3. N Menschen der Bewegung ist bereicherndes Element. Und so manche Versammlungstournee führt sie außerdem hienaus ins Land." Man lernt beim Lehren dieser Erfahrungssatz bewährt sich auch an ihr, sie hatte Erfolg mit ihrem Werben für die Partei des Sozialismus- und sie hatte Freude daran. So wurde sie mit allen Erfahrungen zu der Persönlichkeit, als die ei sie uns später in ihrer parlamentarischen und in ihrer Parteiarbeit erschienen ist. Ihre Versammlungstouren im Reich fielen in die Zeit, in der die Besucher äußerst empfänglich waren für weibliche Redner und sie gerne hörten. Darum waren die wenigen Frauen, die zur Verfügung steanden, ganz allgemein, als Referenten sehr begehrt. Bald gehörte Hanna dem Hamburger Parteivorstand an. Es wurde ihr gerne bestätigt, daß sie dort immer und mit offenem Blick die Interessen der Frauen wahrgenommen hat. Als 1908 das Reichsvereinsgesetz den Frauen die Möglichkeit politischen Arbeitens einräumte, konnte auf auf dem Parteitag in Nürnberg festgestellt werden, daß der Partei bereits 30 000 ordentliche weiblich Mitglieder angehörten, sie kamen aus den weni? en Bezirken, in denen es weniger gesetzliche und plolizeiliche Beschränkungen gab. Dazu gehörte Hamburg. Und Johanna Reitze war zum ersten Mal zu einer zentralen Fraueunkonferenz delegiert worden, wo sie ins Präsidium gewählt wurde. Die Kreigszeit( 1914- 1918), die den Frauen allgemein grössere Möglichkeiten der Betätigung gab( als wenn vorher diese Notwendigkeit nicht vorhanden gewesen wäre) löste in der warmherzigen, stets zur Hilfebebereiten Frau alle Impulse für soziale Arbeit aus. Sie wurde Mitgleid des" Hamburger Versorgungsamtes" des" Speiseausschusses für Kriegsküchen", sie arbeitete in der Kreigsfolgenhilfe und in der Hinterbliebenenfürsorge. So war es selbstverständlich und unbestritten, daß die politische Gleichberechtigung auch Hanna Reitze bereit fand. Das Vertrauen der Wähler trug sie in die" Hamburger Bürgerschaft" und in die Nationalversammlung, in dem Reichstas später dem sie bis 1931 angehörte. In der parlamentarischen Arbeit infast bis zum Sokluss - 3- 4. teressierten sie alle Probleme, die mit dem neuen Frauenrecht in Verbindung standen und der gesetzlichen Regelung bedurften. Sie sprach zum Hausgehilfengesetz, forderte die Fortbildungsschulpflicht und die gesetzliche Regelung des Arbeitsverhältnisses. Der damals zu erwartende Friedensvertrag interessierte sie besonders lebhaft. Sozialpolitik und Wohlfahrtsfragen, Wohungs- und Siedlungsfragen waren später im Reichstag ihre bevorzugten Arbeitsgebiete. In Weimar erschloss sich ihres Wesens Art auch noch in anderer Weise. Wir erlebten ja damals alle sehr stark die endliche Befreiung aus dem halbabsoluten Regime des Kaiserreichs, die wir Frauen doch besonders schmerzlich gefühlt hatten. Dazu kam, daß der Druck des Krieges von uns genommen war, wir waren wohl alle offener, empfänglicher, hungriger für das Schöne und Edle, für die Kulturwerte des Lebens. Hanna Reitze war über all mit uns, wenn es galt Gemeinsames, Schönes zu erleben. Wir wanderten durch den Park, zu Goethes Gartenhaus, nac Tiefurt, nach Belvedere. Die Zeit Goethes und Schillers wurde uns lebendig. Wir standen vor dem Haus Charlotte von Steins, vor dem Grab Christianes, gingen durch das Haus am Frauenplan. So war durch das, gleichzeitige Dichter als soust, Erleben eine Atmosphäre geschaffen, die Aussprachen ermöglichte, Freundschaft entstehen ließ, die Dauer hatte, deren menschlicher Untergrund nicht zerstört werden konnte. Es soll aber auch hier nicht verschwiegen werden, wie leidenschaftlich Hanna an den Streitfragen teilnahm, in die Frauen der Partei während des Krieges und nachher mit hineingerissen waren. Die Wogen um die Frage der Bewilligung der Kriegskredite gingen ( and hoch. Heute wissen wir, daß es nicht soviel war, was uns voneinander trennte, niemand sah den Krieg als erwünschtes Mittel der Politik an. Nur mit der gegebenen Tatsache des Krieges fanden wir uns verschieden ab, die einen folgten der Minderheit, die anderen der Mehrheit. Aber ich erinnere& mich einer Versammlung im Hamburger Gewerkschaftshaus, in der die Frauen sehr temperamentvoll und entschieden ihren Streit ausgefochten haben. Hanna gehörte in dieser Frage zu denen, die die Haltung der Mehrheit bejaht haben. - 4- 5, Johanna Reitze hat im Laufe der Zeit manchen Parteitag, manche Frau\ achen sie feic enkonferenz besucht. 1913 Van dem Parteitag zu Jena, der nach dem Tode August Bebels stattfand, nahm sie teil. Als wir im Sommer 1917 uns wieder sammelten, gehörte sie zu denen, die die Hamburger Genossen zu der außerordentlichen Frauenkonferenz nach Berlin schickten. Auf anit Gesokiote dem Parteitag in Würzburg 1917 verwies sie darauf, wie sich die Frauen während des Krieges umstellen mußten, um als angelernte Kräfte in Wochen oder bestenfalls Monaten Arbeitsfertigkeit zu erlangen, für die langjährige Ausbildung der Männer üblich ist und daß trotz dieser kurzfristigen Ausbildung sich die Frauen bewährt hatten. So trafen wir uns in Kassel, in Kiel und auf anderen gemeinsamen Tagungen. In Augsburg 1922 referierten wir beide in den großen Frauenkundgebungen, die anlässlich des Parteitages abgehalten wurden. ceine In Görlitz Hart 6, Die Nationalsozialistische Herrschaft konnte ihr die Gesinnung nicht nehmen und den ut nicht brechen, das trug ihr noch 1944, zusammen mit anderen, Gefängnisaufenthalt ein. Größer war wohl der Schmerz Lebeaskamerade dented um den Sed dem sie in dieser Zeit von ihrem Lebenskemeraden trennte, Cins das war ein besonders bitteres Schicksal und am schwersten zu ertragen. Der Luftkrieg brachte sie um ihre schöne saubere Häuslichkeit, das war ein Schicksal, das sie mit vielen teilte. Sie fand Zuflucht und dauernde Wohnung in der schöen Heimstatt des Hamburger Staates. Sie tely fühlte sich wohl dort und schrieb mir einen lieben herzlichen Brief ins Ausland ces aber nach New York sie lud mich ein bei ihr abzusteigen, wenn mich der belfred Rukkeht Weg über Hamburg führen würde. Sie war froh darüber, daß sie trotz der Beschränktheit des eigenen Raumes in der Heimstätte die Möglichkeit hatte, den einen oder anderen Gast haben zu können. Ich hatte nicht erfahren, wie krank sie schon war. Als ich dann kam, konnte ich nur noch einen Blick über ihr letztes Domizil werfen, in dem sie einsam ihre Schmerzen gelitten hatte. Einsam? Nicht im Sinne des gänzlichen Verlassenseins. Es haben sich immer Freunde um sie gekümmert, und sie hat auch keine materielle Not gelitten. Aber einsam, wie jeder alte und kranke Mensch das seelische Leid und den körperlichen Schmerz durchzustehen hat, den nur die Nähe des Allernächsten mittragen kann. Wir sollen dieser immer tatbereiten Hamburgerin mit dem geschlossenen Gesicht, dem so natürlich- liebenswürdigen Wesen, mit ihrer Hilfsbereitschaft und Güte dankbar sein für ihr Dasein. Sie hat, in der nur ihr eigenen Weise, der Frauenbewegung Bausteine gegeben. . - 6- Elfriede Ryneck ( 1872- 1951) Herkunft und Kindheit war auch für das Leben dieser Frau damit nicht ohne Bedeutung. Fast alle reifen Menschen sprechen gerne über die Eltern, die Kindheit, Erlebnisse und Eindrücke der Jugend, sie zeigen oft ungewollt an, was den größten Einfluß auf ihr Werden hatte. Auch Elfriede erinnerte sich gern. Wer sich das heranwachsende Kind und die Einflüsse auf sein Leben vorstellen will, sollte sich das Lebensbild der Mutter, Pauline Staegemann, ansehen. Es muß durchaus nicht immer so sein wie in diesem Fall, daß Kinder auch später den politischen oder weltanschaulichen Anschauungen derer folgen, die ihnen Erzieher und Beispiel waren. Aber die Tapferkeit, die Stärke und die Lauterkeit des Charakters dieser Mutter waren als Vorbild bestimmt nicht auszulöschen. Bei Elfriede aber kam hinzu, daß sie von ganzem Herzen bejahte, wofür ihre Mutter so tapfer eingestanden war. Auch daß Mutter und Tochter ein so inniges Band der Liebe umschloss und daß diese schöne menschliche Gemeinschaft von so langer Dauer war, wird mitgewirkt haben. Elfriede war schon eine reife Frau, als ihre Mutter die Augen für immer schloss. Auch der Lebenskamerad, den sie gefunden hatte, war Sozialdemokrat. Es war in der kleinen Familie von Mann, Frau und Sohn niemals eine Streitfrage, ob die Frau und Mutter ihre Zeit und Kraft der Arbeiterbewegung und der sozialen Arbeit schenken solle oder nicht. Im Gegenteil, wo es -2 -2möglich war, ihr diese Arbeit durch Hilfe zu erleichtern, da geschah es. Hier zeigte sich in menschlich schöner Form der Wert einer Gesinnungsgemeinschaft innerhalb der Familie. Bei Elfriede Ryneck hat man es so recht sehen können, wie wertvoll es ihr war, von Jugend auf so viele bedeutende- Menschen der Arbeiterbewegung näher zu kennen. Ihr waren diese Bekanntschaften- von der Mutter her- selbstverständlich und lieb. Sie gaben so oft freundliche Anknüpfungspunkte; nicht etwa so, daß ihr schlichter Sinn ihr eingegeben hätte, zu ihrem Vorteil von diesen Bekanntschaften Gebruach zu machen. Davon war sie weit entfernt. Was sie innerhalb der Arbeiterbewegung an Vertrauen genoss, das hat sie sich redlich selber durch Arbeit und Treue erworben. Aber rein as menschlich war es für sie von großem Wert, wenn sich führende Genossen gelegentlich gerne an ihre Mutter erinnerten; sie freute sich darüber und war dann in guter Stimmung. Emma Ihrer, Klara Zetkin wurden von der Mutter sehr verehrt; Louise Zietz, Lily Braun, Eduard Bernstein, manche Berliner Lokalgrößen, auch Waldeck- Manasse u.a. waren ihr aus den Jugendeindrücken lebendig geblieben, sie hatte sie eben schon als Kind miterlebt. 1890. Die Berliner Arbeiterschaft feierte zum ersten Male ihren ersten Mai, entsprechend dem Beschluß auf dem ersten Internationalen Arbeiterkongress 1889 in Paris. Es war nach dem Fall des Sozialistengesetzes, die Wogen der Begeisterung - 3- . - 3- gingen hoch. Elfriede, die noch nicht Achtzehnjährige, feierte mit. Es war ein großes Erlebnis, an das sie sich immer gern erinnerte. Im ersten Jahrzehnt ihrer Ehe verbot Krankheit ihr, sich mit ganzer Person der Parteiarbeit zu widmen. Die örtliche Arbeit in ihrem Wohnbezirk: Baumschulenweg bei Berlin, dazu der Besuch der Arbeiterbildungsschule, füllten sie in diesen Jahren aus. Die Genossen am Ort wußten, was sie ihnen als Funktionärin wert war. Keine Kleinarbeit war ihr zuviel. Durch die Teilnahme an einem Schulungskurs für Rednerinnen( 1910) wurden dann aber alle Hemmungen beseitigt. Sie stellte sich danach( trotz eines bösen Basedowleidens, das ihr zeitlebens zu schaffen machte) nun ganz in den Dienst der Arbeiterbewegung. Es waren vor allen Dingen die praktischen sozialen Aufgaben, die sie stark anzogen. In der Kinderschutzkommission fand sie das Arbeitsgebiet, das sie fesselte, das sie aber auch bald über die örtliche Arbeit hinaus führte. 1912 wurde sie dann• als Vertreterin der Frauen in den sozialdemokratischen Vorstand des Wahlkreises" Teltow- Beeskow- Storkow- Charlottenburg" gewählt. Es war ein Riesenwahlkreis, gemessen an der Wählerzahl anderer Kreise, mit einem großen und interesanten Hinterland, wo es viel zu lernen gab. Der erste Weltkrieg fand Elfriede bereit, sich mit ihrer ganzen Person in die so notwendige soziale Arbeit dieser Zeit zu stellen. Diese Zeit war die Schule, die uns Frauen - 4- 4- auch Elfriede- für die Ausübung des passiven Wahlrechts reif machte. Nur wußten wir damals noch alle nicht, daß dieses Ereignis schon so dicht vor uns stand. Elfriede tat einfach das, wozu ihr Herz sie trieb. Im Jahre 1917, dem Jahr der Parteispaltung, fanden wir sie im Parteivorstand von Groß- Berlin als Vertreterin der Frauen, d.h. beauftragt, die Frauenbewegung nach besten Kräften zu fördern. Wir ersehen daran, wo sie ihren politischen Standort gewählt hat. Es war keine leichte Aufgabe, die Verheerung, die die Kriegszeit auch in der sozialdemokratischen Frauenbewegung angerichtet hatte, wieder zu heilen. Mit vereinten Kräften ist gelungen, was manchmal kaum möglich erschien. Die Genossinnen waren bald wieder handlungsfähig. Vereinter Wille vermag viel. " Wir Frauen fordern den Frieden und werden uns jedem Versuch, ihn hinauszuzögern, entgegensetzen". So hieß es in einem Aufruf im Oktober 1918, den auch Elfriede mit unterschrieben hatte. Mit hellen, unbestechlichen Augen schaute sie sich in der Welt um; es entging ihr so leicht nichts. Und sie fürchtete sich nicht, im Gegenteil, sie hielt es für ihre Pflicht, über Dinge zu sprechen, die ihre Kritik herausgefordert hatten. Intuition und sicheres Gefühl gaben ihr die Richtung an, inder sie niemals schwankte. 1919, das Frauenwahlrecht war da. Es war ein Geschenk der führenden Sozialdemokraten dieser stürmischen Zeitperiode an die deutschen Frauen. Gewiß, eine bestimmte Schicht von Frauen hatte dafür gekämpft. Elfriede hatte mit zu denen gehört, - 5- -5die den Kampf der vorhergehenden Generation bewußt und tapfer weitergeführt hatten. Das wußten die Berliner und die Genossen des Bezirks Brandenburg sehr gut. Kein Wunder, daß Elfriede 1919 mit zu den sozialdemokratischen Frauen gehörte, die in die Nationalversammlung gewählt worden waren. Und im gleichen Jahr noch, auf dem Parteitag zu Weimar, wurde sie auch als Beisitzerin in den Zentralvorstand der deutschen Sozialdemokratie gewählt. Ja, die Weimarer Zeit war schon etwas Besonderes für uns Frauen. Wir fühlten die Verantwortung, die uns plötzlich übertragen worden war. Sie machte uns ernst und veranlaßte uns zur Selbstkritik. Aber wer will es leugnen, wir waren auch zusammen froh im Bewußtsein unseres neuen Menschentums, das uns aus dem Gefühl der Gleichberechtigung erwuchs. Und Elfriede war mit eine der lebhaftesten unter uns; auch in ihrem Wesen drückte sich dieses neue amenschliche Wertbewußtsein aus, machte sie fröhlich und beschwingt, war sie doch von Natur aus ein heiterer Mensch, der dankbar des Lebens Schönheiten genießen konnte. Aber das Wochenende verbrachte sie regelmäßig in ihrem großen Wahlkreis. Sie mußte doch ihren Wählern über die Arbeit, über die Zweifelsfragen, die sie bedrängten, sprechen. Sie verteidigte die Politik der Partei. Sie sprach auch zu den Frauen des Wahlkreises über Hoffnungen, Befürcht ungen und noch ausstehende Forderungen, die das weibliche Leben so stark berührten. Nach der Nationalversammlung gehörte sie dem Reichstag bis 1924 an, 1925 wurde sie in den Preussischen Landtag gewählt, dem sie dann bis 1933 angehört hat. L r -6 - 6- Im Preussischen Landtag gehörte sie dem sozialpolitischen und bevölkerungspolitischen Ausschuss an. Nach dem Tode von Elisabeth Kirschmann- Röhl übernahm sie in ersteren den Vorsitz. Im engeren Bezirk Treptow aber arbeitete sie ehrenamtlich in der Jugend- und Wohlfahrtspflege. So war es nur ihren Neigungen zur sozialen Arbeit entsprechend und folgerichtig, daß sie 1919 auch bei der Gründung der Arbeiterwohlfahrt mitwirkte. Sie wurde die zweite Vorsitzende im Hauptausschuss und übernahm verschiedene Funktionen, in denen sie sich mit ihrem gesunden und gar nicht sentimentalen, aber immer treffenden und menschlichen Urteil jederzeit als wertvolle Mitarbeiterin erwies. - Wer Elfriede aus der engeren Zusammenarbeit kannte, vergegenwärtigt sich noch immer gerne eine Gebärde, die nur ihr eigen gewesen ist. Wie sie mit den Fingern ihrer rundlichen Rechten auf den Rücken der linken Hand klopfte und im Takt dazu sagte:" Darüber muß gesprochen werden". Aus dem immer aufnahmebereiten Brillenfutteral kamen bei der passenden Gelegenheit die Zettelchen, die als Gedächtnisstützen dort hineingewandert waren, zum Vorschein. Dann wurde darüber gesprochen. Nicht so, daß sie nun selber in unseren vielen Sitzungen und Besprechunge lange Reden gehalten hätte. Sie schnitt nur das Thema an, stellte ihre Beobachtungen und ihre Kritik zur Debatte. Dabei spürte man dann an der Körperhaltung, dem Gesichtsausdruck und gelegentlichen Zwischenbemerkungen ihre Ansicht und ihr Urteil. Gelegentlich kam Ausdruck, der den scharfen -7 7- Mutterwitz der Berlinerin und die mütterliche Reife der immer lebensnahen Frau blitzartig aufleuchten ließ. Richtig lernte man Elfriede erst im eigenen Heim kennen, wenn sie als heitere, liebenswürdige Wirtin sich ganz um das Behagen und Wohlergehen ihrer Gäste kümmerte. Wir alle sahen damals das Unglück der Hitlerzeit auf uns zukommen. Wir schlossen die Augen nicht davor. Es wäre aber falsch zu sagen, daß wir ganz ohne Hoffnung gewesen wären. Wir taten weiter gemeinsam das, was wir für unsere Pflicht hielten; es waren ja Pflichten, die uns lieb geworden waren. Ein Jahr, bevor dann das Verhängnis" Hitler" da war, verlor Elfriede ihren Lebenskameraden. Wie doppelt schwer war es, so allein zu sein. Wohl hatte sie ihren Sohn, an dem ihr Herz hing. Aber Kinder wachsen heran. Der Sohn hatte inzwischen Familie, und dann gehörte er ebenfalls sofort zu denen, die aus politischen Gründen aus der Stellung mußten. Aber dieses Jahre 1932 zeigte uns auch Elfriede in ihrer ganzen menschlichen Stärke. Alle, die Elfriede in der Nazizeit erlebt haben, waren des Lobes voll über ihre Tapferkeit und ihre menschliche Haltung während dieser schwarzen Periode. Anders war es aber auch von dem schlichten, graden Menschen nicht zu erwarten. Diese zwölf Jahre waren eine lange Zeit. Die Freunde, die sie des öfteren sahen, fürchteten sehr, daß sie, die so sichtbar unter der Krankheit litt, das heißersehnte Ende dieser Zeit nicht erleben würde. Dabei scheute sie keine Anstrengung, - 8- - 8- wenn sie sich irgendwo mit Freunden aus alter Zeit sehen konnte. Arbeitsfähig war sie nicht mehr, als die Hitlerzeit endlich vorbei war, Nur die Hoffnung hatte sie am Leben erhalten und Schwerstes ertragen lassen. Der Sohn hatte sie - kurz vor dem Ende dieser Epoche doch noch überreden können, Berlin während der schlimmsten Zeit zu verlassen. Aber bei dem ersten Zeichen der Sammlung sozialdemokratischer Freunde war sie in dem Schlupfwinkel nicht mehr zu halten. Auf einem Kohlenwagen kam sie in Berlin an. Und dann gab ihr die Erfüllung ihrer Hoffnungen doch noch einige Lebensjahre, die sie- zwar körperlich leidend aber in geistiger Frische und wie erlebte! Elfriede wohnte im Ostsektor. erlebte Sie blieb in dieser Wohnung bis zum Schluß. Mutig hielt sie zur Sozialdemokratie in allen Wirren und Komplikationen der" Einigungszeit" und später, die Jahre hindurch, tapfer, ehrlich, instinktsicher bis zur letzten Stunde. Auch die lookendsten östlichen Angebote konnten sie nicht verleiten, von ihrer Linie abzugehen. Wie stark die Seele dieser Frau war, können wir daran ermessen, daß sie es im Kampf der letzten Lebenstage bewußt und klaglos ertragen hat, den geliebten Sohn nicht um sich zu fühlen. Sie wußte, er war gefährdet, wäre er zu ihr gekommen. Deshalb war es ihr dringender Wunsch, ja, ihr letzter Befehl, daß er ihr fernblieb. Er hatte diesen Wunsch zu respektieren. " Darüber durfte nicht gesprochen werden". <- 9- ANNA SIEM SEN ( 1882-1951) Ich gehe sehr zaghaft an den Versuch heran, aus diesem, in seiner grossen geistigen Leistung so vielseitigem, weiblichen Leben die Seite der Persönlichkeit herauszustellen, die wir unseren Lesern zeigen möchten: die für Fortschritt und Sozialismus wirkende Frau und den Menschen Anna Siemsen, nach deren Tod uns noch immer lebendige Geistesquellen fliessen, an denen bilden die heutige Frauengeneration sich laben und daran wachsen kann. Herkunft und Kindheit haben das Wachsen und Reifen dieser Frau mitbestimmt. She war das zweite Kind Ides konservativen Pfarrers Siemsen, der in der alteren Schwester westfälischen Gemeinde Mark amtierte. Neben der um zwei Jahre XXX waren es noch drei Brüder, mit denen Anna immer in gegenseitiger Liebe verbunden blieb.Frühzeitig zeigte sich die( wohl in fast jedem Kind vorhandene) Phantasie, bei Anna war sie produktiv und gestaltungsfähig.Der Bruder August der erinnert sich noch selbsterfundenen Märchen, mit denen sie den Jüngeren beglückte. Nachdem Anna sich die elementaren Grundbegriffe der Dorfschule erworben sich/ hatte, durfte sie/ durch ihre Schwester Paula in die" höhere Mädchenschule" nach Hamm kutschieren lassen, wo sie dann- wegen ihrer Zartheit und Kränklichkeit soviel vom Unterricht versäumte, dass sie das Ziel der Schule nicht erreichte. Danach hat sich Anna dann die notwendigen Kenntnisse zum Lehv= rinnenexamen( 1901 in Münster) im Selbststudium erworben. Bei fortschreitender Gesundung und intensive Arbeit an sich selbst, war es ihr bei ihrer lebhaften Phantasie möglich, besonders geschichtliche Ereignisse, die ihre Lekmit angespannter sell, scher kreft türe bildeten, intensin mitzuerlehen. Es war auch die Atmossphäre des Elternhauses, die geistige Ausrichtung aller Familienmitglieder, die lebhaften Debatten über Sagen und Geschichten des Altertums/ und späterer Zeiten, über klassische Dichtungen und auch das Schriftum der neueren Zeit, die befruchtend auf den Geist wirkten. So ging es in dieser Familie zu, bis aus dem Dorfschukind und der-so unfähigen-" höheren Tochter" das junge Mädchen der damaligen Zeit geworden war. Der Vater las AK oder Shakspeare vor, die Kinder lasen klassische und moderne Werke mit verteilten Rollen und waren an dem Ganzen Goethe 2, stets an ngespannde innig beteiligt. Dieses intensive, geistige Klima brachte es mit auch die grossen Zeitereignisse, wie z.B.die Dreyfusaffäre in Frankreich, der Burenkrieg anteinehmend miterlebt wurden.Sicher sind Anna auch die soüber den ihre wellen zialen Spannungen, die XXX Rande des Ruhrgebiets te schlugen, nicht später/ verborgen geblieben. Alle fünf Kinder dieses positiv gläubigen, protestantischen Pfarrers sind Sozialisten geworden. Die Mutter entwickelte sich ebenfalls in dieser Richtung, trat sogar/ aus Protest gegen die Kriegshaltung der Kirche aus der evangelischen Kirchengemeinschaft aus. Wie es überhaupt das Kriegserlebnis gewesen zu sein scheint, dass/ auf die Geschwister revolutionierend gewirkt hat. auch/ Jedoch wollen wir nun nur noch von Anna Siemsen sprechen, von dem, was sie selber war, was sie uns Frauen auch weiterhin sein soll ein menschliches Vodbild, das uns zeigt wie der Mensch durch Arbeit an seinem Geist, zu einer ( in seinen individuellen Grenzen liegenden) möglichst hohen Entfaltung seiner Geisteskräfte un und nd Charakterstärke gelangen kann, damit aber auch zu einem ganz persönlich- menschlichen, auch vielleicht manchmal etwas schmerzhaften das mit einer Glück gelangen kann, weкX@ xuaк solchen Entwicklung verbunden ist. wenn anderen - 1902 Aus dem Westfalenland ging die Familie( wegen Pensionierung des Vaters nach Osnabrück. Das Pfarrhaus mit seinem grossen Garten wurde mit der Mietwohnung vertauscht. Vor Anna tat sich eine andere Welt mit landschaftlichen Schönheiten, mit neuen Reizen und Bildungsmöglichkeiten auf. Das Elternhaus, die westlische Heimat, die Familie hatten ihr vieles für ihr Werden mitgegeben. Die neue Heimat gab manches dazu. Hören wir den Bruder: " Am üblichen gesellschaftlichen Leben nahmen die Schwestern, als Töchter eines Pfarrers, der das Tanzen verwarf, nicht teil. Anna hat das wohl keinen Augenblick bedauert. Sie war ausreichend damit beschäftigt, die neue Umwelt zu verstehen, mit ihrem Studium und ausgiebiger Lektüre." Dieser Satz charakterisiert den jungen, weiblichen Menschen und seinen Interessenkreis. Nun drängte es Anna zu Berufserfahrungen, sie wollte ihre Kräfte als Lehrerin erproben, auch den elterlichen Haushalt materiell etwas entlasten. So wurde sie Privatlehrerin in einem Pfarrhaus, in einer ganz von konservativem Geist geformten Umgebung, wo sie, u.a. auch manche Curiosita erlebte, nett nachzulesen. Man bedenke, dass es um die Jahrhundertwende war: In irgend einer C!) benachbarten Dorfgemeinde sollte zum ersten mal eine sozialdemokratische Ver 3. mlung stattfinden. Der Pfarrer des Ortes ergriff zu Beginn der Versammlung gemeinsam/ . das Wort und schlug vor, dass man/" Heil Dir im Siegerkranz" singen und dann nachhause gehen wolle.So geschah es. Anna wollte sich ihren Wohnraum, der zugleich dem Unterricht diente, ein wenig nach ihrem Geschmack einrichten. Ein von ihr aufgehängtes Bild zeigte die Madonna, wie sie dem Jesuskind die Brust reichte.Es erregte Anstoss und musste entfernt werden." Das Bild zeigt, wovon es schon schändlich ist, zu reden"(!) sagte der Herr Pfarrer, der sieben Kinder gezeugt hatte. Dafür glaubte er an Hexen und an den Werfolf,-den er selbst gesehen hatte: Nachdem sich Anna als Lehrerin, aber auch in Geduld und Diplomatie, im Umgang mit allerhand Menschen geübt hatte, schaffte sie es in zwei Jahren intensiven Selbststudiums, als Aussenseiter ihr Abiturienten= examen am humanistischen Gymnasium in Hameln zu machen. Sie studierte dann i München und Bonn( ein zusätzliches Sommersemester in Münster) machte mit dazu Auszeichnung ihren Dr.phil. ein besonderes Examen in Deutsch, Philosophie und bestand/ Latein und/ ein Jahr später in Detmold noch eine Prüfung in" Religion für die Oberstufe".Als Lehrerin war sie dann in Detmold, Bremen, Düsseldorf tätig.In igen/ Bremen war es eine pravate höhere Mädchenschule, die dort/ sich/ Erfahrungen veranlassten sie für höhere Gehälter für das ganz ungemein unterbezahlte auch war sie danach dieser Erfahrung Lehrpersonal einzusetzen, XXX immer gegen Privatschulen. Mexxext Die Zeit/ ihres Studiums war zugleich auch eine solche höchster Einschränkung, die geliebten Kulturgenüsse wie: Oper, Theater, Fahrten ins Gebirge, mussten mit Entbehrungen anderer Art erkauft werden. Das aber machte ihr nichts aus, Anna Siemsen war immer ein einfacher und-für sich- sparsamer Mensch. Nachdem der Vater star gestorben war( 1910) lebte sie- soviel es nur möglich war- mit der geliebten Mutter zusammen, die ihr eine mütterliche Freundin gewesen xx sein ( ausserdem muss, Anna's Familiensinn war stark ausgeprägt. Der Ausbruch des Krieges überraschte sie in der Schweiz.So schnell, wie ✓( wo sie am Mädchengymnasium unterrichtete)/ möglich nach Düsseldorf/ zurückkehrend, erlebte sie noch genügend von dem XNXX Aufflackern eines so sinnlosen" furor teutonicus" der damals so viele von uns erschütterte. Zu Anfang positiv in ihrem Erleben des ersten Weltkrieges erkannte sie auch ihn bald als das, was Kriege immer sind. Die Wahrheitsliebende empfand schmerzlich die Lügenpropaganda und Eroberungsforderungen der" Patrioten", erlebte das schamlose Kriegsgewinnlertum und die Ausbeutung der arbeitenden Menschen, was sich bis zum Friedens 4. es schluss und über die Inflation hinaus, fortsetzte.Aus diesen Erlebnissen erwuchs eine sehr entschiedene Kriegsgegnerschaft, der sie fortan einen sehr fünfunddreissig grossen Teil ihrer Kraft widmete.Wir finden die jährige als streitbare Schriftstellerin, wie sie sich u.a.mit einem sehr respektierten Professor über dessen Kriegsphilosophie auseinander setzte. Sie wird in dieser Zeit Mitglied des" Bund Neues Vaterland", aus dem sich später die" Higa für Menschenrecht" entwickelt hat. Dort gehört sie-bis zu Hitler- dem Vorstand an, was ihr bis zum Schluss des Krieges( 1914-18) polizeiliche Ueberwachung eintrug.In dieser Zeit kam sie auch zum Sozialismus. Auch trat sie in die " Frauenliga für Frieden und Freiheit" ein. In eine Schablone lässt sich diese Individualistin nicht pressen. XXXX Es war ganz ihrem Wesen entsprechend, dass sie in die sozialistische Idee ganz von der Wissenschaft her, eindrang. Und zugleich war es ihren inneren Erlebnissen gemäss, dass sie später Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratie wurde, die sich- vornehmlich wegen der Bewilligung der Kriegskredite- von der Mehrheit der Sozialdemokratischen Partei abgesondert hatte. Man darf sich die Frau, mit dem Hirn eines Gelehrten. nicht trocken und gefühllos vorstellen. In der exakten Geistesarbeiterin MEXИ / mitfühlendes/ Ihr Denken war stark schlug ein/ Herz und pulsierte warmes Leben, XXX auf die grossen, allgemeinen Linien eingestellt. Die Zeit der schmerzhaftem Spaltung der Sozialdemokratie hier aufzurollen ist in diesem Rahmen nicht möglich.Anna Siemsen war nicht der Mensch kleinlicher Gefühle.Wurde sie auch durch manches enttäuscht, so sehen wir doch aus ihrem ganzen Werdegang, bis zum Schluss, dass sie im Sozialismus die grosse, bewegende, geistige Kraft erkannt hat, der sie mit der ihr eigenen Wahrheitsliebe diente. Ich bin sicher dass sie denen, die sich ehrlich eine andere Erkenntnis erworben hatten, nichts nachtrug. Ihr Bekennermut hat sie in der Besatzungszeit der zwanziger Jahre öfter in unangenehme Situationen gebracht. War doch diese ganze Zeit aufregend genug.Als illustrierende Zeiterscheinung sei die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erwähnt, ebenso die Wirren und schlimmen Ereignisse in Bayern, Thüringen, Berlin, Mitteldeutschland und die Separatistenbewegung im Rheinland, das waren alles Ereignisse, die die vorhandenen nationalistischen Leidenschaften noch aufstachelten, das verhang nis vollen alles empfand Anna Siemsen als Vorboten kommenden Entwicklung. eined 5. Sie war mit ihrem ganzen Sein Pädagogin und fand das ihr gemässe Arbeitsfeld eine Zeitlang auf dem Gebiet des Vokshochschulwesens.Der Wissensdrang der Arbeiter gefiel ihr und interessierte sie.Es ist sehr schade, dass bürokratische Hindernisse es ihr nicht erlaubten, ihren Gestaltungswillen auf diesem Gebiet ganz frei und ungehindert zu entfalten, sie hätte sich dabei sicher glücklich gepriesen. Sie wollte durch Sprachunterricht zum Denken führen.H8ren wir sie hier selbst: " Wie der Stoff des Denkens.... ein unendlicher ist, so ist auch die Art des rechten Denkens eine unendlich geistige Bewegung.Wer damit beginnt, der wird in Frage und Antwort, in Satz und Gegensatz, im Verneinen und Bejahen, im Zustimmen und wieder In- Zweifel- Ziehen kein Ende finden. Und gerade in dieser Arbeit wird er in Rede und Gegenrede die Sprachbeherrschung lernen, die er sucht, indem er seine Gedanken meistern lernt. Und ein solcher Sprachunterricht wird mitten hinein führen in die eigentliche Arbeit der Volkshochschule, die ja auch zum Nachdenken, zum Suchen und fortschreitenden Erkennen führen will." Unmittelbar nach der Revolution war Anna Siemsen Stadtverordnete in Düsseldorf. 1919 wurde sie ins Preussische Volksbildungsministerium nach Berlin gerufen. Trotz ihrer ganz linke gerichteten Einstellung hat sie sich dort der Achtung für ihre Leistung und persönlicher Wertschätzung erfreuen können. Dann war der Kapputsch da. Wie sah sie ihn später? " Es hat nie einen Putsch gegeben, der so rasch, so vollständig, so friedlich zu einem Ende gebracht wurde, wie der Kapp- Putsch. Und niemals hat sich die Macht einer geeinten und entschlossenen Arbeiterschaft so wirksam und zugleich so anspruchlos gezeigt. dazu/ Nach dem Kapp- Putsch bestimmte man Anna Siemsen/ in Dusseldorf Beigeordnete zu werden. Sie hatte dort als Leiterin des Fach- und Berufsschulwesens grosse Handlungsfreiheit. Die Rheinische Städteordnung bestimmte die Beigeordneten -in ihrem Ressort- zu Stellvertretern des Oberbürgermeisters. Ihr grosses fachliches Können und eine innere Sicherheit liessen es zu, ihre Kräfte in schönster Weise zu entfalten. Natürlich hatte sie auch manche Fehde zu bestehen. Das Fach- und Berufsschulwesen war damals noch ein Feld für Pioniere, die ja doeh immer mit Widerständen zu kämpfen haben. Bald wurde sie in gleicher Mission nach Berlin gerufen, wo das Amt und die zu leistende Reformarbeit ihre ganze Kraft verbrauchte.Die Bürokratie, die sich aus ihrem Amt ja nicht ausschalten liess, hat ihren ehrlichen Zorn erregt. Der Bruder August zitiert aus ihrem ungedruckten Manuskipt" Erinnerungen" die folgenden Sätze: " Preussisch- deutsche Bürokratie hat eine Bedeutung für Leben und Politik, die in anderen Ländern schwer zu begreifen ist. Ku Tucholsky hat einmal gesagt, das deutsche Volk zerfalle in zwei Hälften, die eine sitze 6 hinter dem Schalter, die andere stehe davor. Man kann indessen hinzufügen, dass noch eine dritte Schicht vorhanden ist, welche sich bemüht hinter die Schalter zu dringen.Grade diese ist für Entstehen und Erfolg des Nationalsozialismus entscheidend.Beinahe ganz fehlen dagegen die, welche die Schalter zu beseitigen suchen. Die Ereignisse führten mich ohne mein Zutun hinter die Schalter und gaben mir Gelegenheit, Wesen und Wirksamkeit der Bürokratie zu studieren und ihren entscheidenden Einfluss auf den Gang der Dinge kennen zu lernen." Zu dem, was wir immer mit Kadavergehorsam bezeichneten sagt sie ebenso treffend:" Als ich meinen Berliner Beamten untersagte, mich in der dritten Person anzureden, glaubten sie, mir auf der Nase tanzen zu können. Ich musste mich dazu überwinden, sie einigemale sehr nachdrücklich herunter zu machen.Als sie gelernt hatten, dass man auch unter höflichen Formen einen festen Willen haben könne, ging die Sache recht ordentlich." Ich XXX erinnert wich gerne daran, wie se Anna $ Sonkenski Siemsen einmal kennen lernte. Es war zu irgend einer uns wichtigen Beratung in der Zentrale der Arbeiterwohlfahrt, zu der eine Reihe sachkundiger Menschen zusammen gerufen waren. Sie fiel durch ihre versteigen und sachkundig- interessierten Ratschläge auf und wir hatten das Gefühl, dass diese kluge Frau unsere Arbeit voll und ganz bejahte. Sie kam una dann-- wahrscheinlich durch einen Wechsel des Wohnsitzes und dae Tätigkeit- wieder aus dem Blickfeld/- bis 1928, als sie in den Reichstag kam. Mid. Es war 1923. Die Inflation hatte Anna Siemsen ihr Tätigkeitsgebiet in Berlin abgeschnürt.So folgte sie einem Ruf nach Thüringen. Dort hoffte sie auf ein fruchtbares Arbeitsfeld in der damals noch sozialistischen Regierung, die schon eine Schulreform vorbereitet hatte. Die für sie so erfreuliche che Arbeit wurde wiederum durch politische Ereignisse unterbrochen. Man nahm Kommunisten in die Regierung auf, was dann- in der Verbindung mit den politischen/ Ereignissen in Bayern zu einem militärischen Einmarsch und in der Folge zu einer katasrophalen, reaktionären Entwicklung führte. Die nachfolgende in Thüringen Wahl des Landtags/ 1924 ergab eine Einheitsfront mit Einschluss der Nationalsozialisten gegen die Sozialdemokratie. Anna Siemsen musste ihr geso hoffnungsvolles/ liebtes/ Amt aufgeben. Die ihr durch die Regierung des Landes Thuringen verliehene Professur konnte man ihr- trotz aller Bemühungen- nicht nehmen. Sie übte das Lehramt bis 1932 aus. Ohne das Schulamt hatte sie nun XXX -neben den Vorlesungen- Zeit für ihre literarischen Arbeiten, für Kursusarbeit im Übrigen Deutschland und Europa. 1928 wurde Anna Siemsen in den Reichstag gewählt. Wir haben es wohl schon begriffen, dass die Eigenwillig 7. keit ihrer ganzen Erscheinung sie innerhalb der Partei immer ein wenig/ ten fremd erscheinen liess. Nicht als fremdkörper, dazu war ihr Wollen zu gut und echt. Aber ihr grosses Wissen und ihre Sprachkenntnisse kamen sicher noch nicht in dem Umfang zur Verwendung, wie es wünschenswert gewesen wäre. Ihre persönliche Stärke und das Versöhnende an ihr war ihre grosse Sachlichkeit, die es ihr niemals erlaubte, irgend eine Empfindlichkeit zu zeigen. Jedoch stellte sie sich 1932 nicht mehr zur Wahl, es hiess, dass ihre Gesundheit sie daran hinderte. Im März 1933 musste Anna Siemsen Deutschland verlassen. Sie wählte die Schweiz. und lehrende/ predestinierte Frau, deren ganzes und sie/ Diese, ganz für wissenschaftliches/ Arbeit sich/ sich/ Leben darauf aufgebaut war, Erkenntnisse zu erarbeiten/ anderen Menschen schriftlich oder mündlich mitzuteilen, sollte/ nun dem in der Schweiz für Ausländer geltenden Arbeitsverbot fügen? Sie war dort keine Fremde, in der Sozialdemokratie war sie bekannt und anerkennt, auch zur Mitarbeit hochwillkommen. Der Jugendsekretär Walter Vollenweider bot ihr an, der gesetzlichen/ Form nach mit ihm eine Ehe zu schliessen und sich dadurch die ungestörte Arbeitsmöglichkeit zu sichern. So geschah es. Nunkonnte sie als Rednerin, Lehrerin und Schriftstellerin wirken, konnte die Redaktion der sozialistischen Frauenzeitschrift:" Die Frau in Leben und Arbeit" übernehmen, konnte in der Bildungszentrale mitwirken und vieles andere tun. Aus der Schweiz wurde mir)- Im Zusammenhang mit der politischen Ehe Anna Siemsens geschrieben:" Einige intellektuelle Frauen hatten es sich zur Aufgabe gemacht, gegen das erheiratete Schweizer Bürgerrecht zu agitieren. Zur Ehre des" Verbandes Schweizerischer Frauenvereine" sei gesagt, dass er damit nichts zu tun hatte. In jener Zeit hatten sich manche Ausländerinnen das Schweizer Bürgerrecht durch eine Heibat erworben, wobei auch der Kaufpreis eine Rolle spielte. Die politische Ehe von Anna Siemsen war damit garnicht in einem Atemzuge zu nennen. Wir alle waren dem Genossen dankbar, dass er auf diese Weise Anna Siemsen das Arbeiten möglich gemacht hat, das doch unserer Bewegung zugut gekommen ist." Die Schweizer Freunde sind Frauend noch immer des Lobes voll über diese Zusammenarbeit und ihre fruchtbare Tätigkeit in der Zeit von 1933-1946. Die Schweizer Genossinnen 8. Sagen Aniges sen aitherth:" Als Anna Siemsen.... zu uns kam, war sie uns keine Fremde mehr. Sie hatte sich schon Heimatboden bei uns geschaffen."..... an/ " Sie hat in zahllosen Versammlungen gesprochen und vielen Kursen mitgewirkt. Es war erstaunlich, wie sehr sie sich... einfühlen konnte."... " Einvielfarbiges Blumengärtlein, immer wieder anregend, nannte sie unsere Schweiz."....." Ihr Sozialismus war Humanität"......" Sie verstand es, politische, wirtschaftliche, kulturelle und Erziehungsprobleme klat und durchsichtig/ warm und eindringlich darzulegen.Recht schwierige Dinge wurden durch ihre Erklärung einfach, anschaulich, jeder hörte gerne zu, konnte folgen, auch die Männer......" Von männlicher Seite wurde gesagt:" Sie ist einfach eine sehr kluge Frau, die bedeutende Politikerin, die Lehrerin, deren geistige vielleicht/ Ueberlegenheit wir nicht so neidlos anerkennen würden, wäre sie nicht zugleich die mütterliche Frau.........." Wir empfanden unsere Isoliertheit sehr.Wir hatten immer von der deutschsprachigen Bewegung viel Anregung empfangen.Die Propagandaeinflüsse des dritten Reiches waren sehr spürbar. Anna Siemsen war in schwieriger Zeit für uns der Fels im Meer, die Rugerin und Mahnerin. In Artikeln und Vorträgen führte sie den Kampf gegen Diktatur und Unmenschlichkeit, gegen den drohenden Krieg."............" Der zweite Weltkrieg kam, Anna Siemsen trat nun erst recht.... ein für Gerechtigkeit, Freiheit, Internationale Verantwortung. Sie ist auch manchmal missverstanden worden, musste Verdächtigungen" als Deutsche" erfahren.Aber sie liebte die Schweiz, unsere Grundsätze waren ihr teuer, wir durften ihr mit gutem Gewissen unser Vertrauen schenken " Sie war für sich anspruchlos, führte einen harten Kampf um ihre Existenz, immer bereit, den Geschwistern, Freunden, Emigranten, Hilfe suchenden aller Art beizustehen.....""..Sie litt masslos unter dem, was in Deutschland und unter dem deutschen Namen geschah.Sie litt unter dem tragischen Schicksal der deutschen Jugend und ihrem Missbrauch." 1946 1946.Anna Siemsen kehrt in die zerschundene Heimat zurück. Dort erlitt sie Hunger und Kälte mit den Menschen, die ihr lieb waren und versuchte zu arbeiten. Sie hatte sich in der Schweiz bereits eine Vorstellung der körperlie chen, geistigen und charakterlichen Verwüstung des deutschen Menschengutes gemacht, hatte ihre pädagogischen Aufbaupläne vorbereitet, Pläne für die Weggeistigen/ Mit/ räumung der Trümmer, für das Erwecken neuen Lebens. In Emigrantenkreisen in der Schweiz hatte sie hatte sie schon angefangen vorbereitende Arbeit zu machen. Sie bereitete Unterrichts- und Lesematerial vor, machte Lehrpläne für die Jugend, wollte die Tore öffnen für ein neues Leben in dem Menschennach/ würde und Gerechtigkeit zuhause sein sollten. Das Deutschland hat Anna Siemsen nicht gewährt, was sie sich gewünscht hatte. Dass die geistigseelischen Verwüstungen unvorstellbat gross waren, hat sie gewusst.Sie konentrierte sich in Hamburg- in einem Kursus darauf, Menschen mit Lebenserfahrung und gutem Willen zu Lehrkräften zu schulen. Ihre Meinung war, dass Mens schenbildner das Leben in seiner Vielseitigkeit und Verflechtung überschauen müssen Geistiges Leben und Kultur, Wirtschaft und Politik sah sie als eins an. Sie fand auch bald das Vertrauen bei den Teilnehmern des Kurses. Doch sei, so sagt der Bruder August Siemsen, ihr Versuch hier wieder mit der Bürokkratie in Konflikt geraten. Jedenfalls konnten wir aus der Ferne feststellen, dass Anna Siemsen unermüdlich ihren Idealen und Erkenntnissen folgte, sie war bis zuletzt Lehrerin der Jugend, Kupferin für einen dauernden Frieden und für ein geeintes Europa. noch Es ist heute bestimmt noch schwer für eine Frau mit soveränem Geist, die Kameradschaft für gemeinsames Arbeiten zu finden, die schöpferische Frau wird sich immer Wunden holen, wenn sie die Barrieren zu übersteigen sich anschickt. Das hat Anna Siemsen sicher erfahren müssen. Die Frauenfrage war für sie eenfalls bis zuletzt selbstverständliches Kampffeld, hier stand sie auf eins ihrer Wortehoher Warte, TXXXXX/ War hoher Warte, XXXXXXXX/ war:(" Sozialismus ist Gerechtigkeit im Zusammenleben der Menschen." Benutzt wurde: Anna Siemsen, Leben und Werk, von Dr August Siemsen. Aufzeichnungen und Briefe aus der Schweiz. Viele Artikel von Anna Siemsen( z.B.aus der" Gleichheit) Artikel über Anna Siemsen, Nachrufe 1946.Anna Siemsen kehrt in die zerschunde ne Heimat zurück. Dort erlitt sie Hunger und Kälte mit den Menschen, die ihr lieb waren und versuchte zu ar" beiten. Sie hatte sich in der Schweiz bereits eine Vorstellung der körperli chen, geistigen und charakterlichen Verwüstung des deutschen Menschengutes gemacht, hatte ihre pädagogischen Aufbaupläne vorbereitet, Pläne für die Weggeistigen/ Mit/ räumung der Trummer, für das Erwecken neuen Lebens. ✓ Emigrantenkreisen in der Schweiz hatte sie hatte sie schon angefangen vorbereitende Arbeit zu machen. Sie bereitete Unterrichts- und Lesematerial vor, machte Lehrpläne für die Jugend, wollte die Tore öffneh für ein neues Leben in dem Menschennach/ würde und Gerechtigkeit zuhause sein sollten. Das Deutschland*** 1946 hat Anna Siemsen nicht gewährt, was sie sich gewünscht hatte. Dass die geistigeSeelischen Verwüstungen unvorstellbat gross waren, hat sie gewusst.Sie konzentrierte sich in Hamburg- in einem Kursus darauf, Menschen mit Lebenserfahrung und gutem Willen zu Lehrkräften zu schulen. Ihre Meinung war, dass Mens- schenbildner das Leben in seiner Vielseitigkeit und Verflechtung überschauen müssen Geistiges Leben und Kultur, Wirtschaft und Politik, sah sie als eins an. Sie fand auch bald das Vertrauen bei den Teilnehmern des Kurses. Doch sei, so sagt der Bruder August Siemsen, ihr Versuch hier wieder mit der Bürokratie in Konflikt geraten. Jedenfalls konnten wir aus der Ferne feststellen, dass Anna Siemsen unermüdlich ihren Idealen und Erkenntnissen folgte, sie war. 122 bis zuletzt Lehrerin der Jugend, Koferin für einen dauernden Frieden und für in geeintes Europa. Es ist heute bestimmt noch schwer für eine Frau mit soveränem Geist die Kameradschaft für gemeinsames Arbeiten zu finden. Die schöpferische Frau wird noch dies sich immer Wunden holen, wenn sie ✓ Barrieren zu übersteigen sich anschickt. Das hat Anna Siemsen sicher erfahren müssen. Die Frauenfrage war für sie bis zuletzt selbstverständliches Kampffeld, hier stand sie auf hoher Warte, XXXXXXXX/ war:" Sozialismus ist Gerechtigkeit im Zusammenleben der Menschen. bis Benützt wurde: Anna Siemsen, Leben und Werk, von Dr August Siemsen. Aufzeichnungen und Briefe aus der Schweiz. Viele Artikel von Anna Siemsen( z.B.aus der" Gleichheit) Artikel über Anna Siemsen, Nachrufe - Pauline Staegemann ( 1838-1909) ein wahrscheinlich Pauline Schuck hiess das unerfahrenes, junge Mädchen, das vom Lande, aus dem Oderbruch, in die Hauptstadt kam, um sich dort als Magd zu verdingen. Der Boden der Mark Brandenburg gab der wuchernden Grossststadt viele kraftvolle, aufstrebende Menschen. Es gehörte schon einiger Mut dazu, um als junger, weiblicher Mensch alles hinter sich zu lassen und in die grosse Stadt zu gehen, um dort auf sich selbst gestellt- den Lebenskampf zu wagen. So vollzog sich schon von vornherein für das von aussen/ / wachsende Berlin eine Art natürlicher Auslese, es waren die Mutigeren, A . die den Schritt wagten, die sich stark genung fühlten. Was tat ein jung ges Arbeitermädchen, das nach Berlin kam? Viel Auswahl gab es nicht Pauline Schuck ging in einen Haushalt, als Dienstmädchen, wie der damalige Term hiess. Wir wissen nichts von ihren Erlebnissen, von ihren Hoffnungen, Erfolgen und Enttäuschungen, von den Freuden und Leiden, die ihr wohl kaum erspart geblieben sind. Wir sehen sie erst wieder, als sie als sie d Mutter geworden ist. Sie war nun die Frau des Maurers Staegemann, eine resolute, aufstrebende, fleissige, aber auch aufrechte Frau, bemüht ihren vier zu geben/ Kindern eine frohe Kindheit/ den beiden Söhnen eine gute Schulbildung XX möglich zu machen. Bauhandwerker verdienten zuzeiten wohl relativ gut, aber es war immer ein Beruf, der von den Wirtschaftskrisen besonders getroffen wurde.Pauline Staegemann aber betrieb einen Gemüsekeller in der Landsberger Allee, ihre Mitarbeit erhöhte das Familieneinkommen und machte die Familie( sowirtschaftlich/ weit das möglich war)/ sicherer und unabhägiger. Sie MFHM lebten in dem Teil Berlins, in den beide- der Mann und die Frau- ihrer Veranlagung nach, hingehörten, in einer Wohngegend der Arbeiter, die sich ihrer sozialen Lage frühzeitig bewusst geworden waren, wo das politische Bewusstsein zeitig erwacht war. Veranstaltungen der Arbeiterschaft Demonstrationen, das Versammlungsleben waren bald vertraute Dinge.Bald war der Gemüsekeller Treffpunkt für die Funktionäre der jungen- dauernd gefährdeten- Arbeiterbewegung. Der Maurerpolier Staegemann ist schon früh gestorben. Das Interesse of der Frau Pauline stezera, die nun allein für ihre Kinder zu sorgen hatte, galt wohl der gesamten Arbeiterbewegung, konzentrierte sich aber doch * auf das Schicksal der lohnarbeitenden Frauen und ihre Not, in besonderem Masse aber galt ihre Sorge den Heimarbeiterinnen, den Wäsche und Mäntelnäherinnen unter ihnen. 1873 wurde der erste" Arbeiter frauen und-Mächenverein" ins Leben qe gerufen. Und Pauline Strugemann wurde seine Vorsitzende. Wir wollen festhalten: noch einige Namen von Frauen, die dabei gewesen sind, igenne Frau Cantius, deren Name fast immer mit dem von Pauline Staegemann zusammen genannt wird, Frau Hahn und Grundemann, Johanna Schackow, die die / bei Inkraftreten des Sozialisten Schriftführerin des Vereins wurde und die später- zusammen mit ihremolant, -aus Deutschland ausgewiesen worden ist. Dieser Berliner Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse hatte schon eine klare sozialistische Tendenz und gewerkschaftliche Vorstellungen. Er bestand nicht ganz fünf Jahre, bis 1877, als er dem berüchtigten Paragraphen MAX 8 des Preussischen Vereinsgesetzes zum Opfer fiel. Man fühlte schon den scharfen Luftzug des kommenden Gesetzes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie. Der" Neue Sozialdemokrat" hatte dem gewidemet Verein bei seiner Gründung Worte herzlichster Begrüssung ex :" wir wissen wohl, dass die Frauen bei allen grossen Bewegungen eine bestimmende Rolle spielen." Für die den Verein leitenden Frauen fand es mit der Auflösung des Vereins nicht etwa sein Bewenden. Die Frauen Cantius und Staegemann, wur3 2 Zusammen den am stärksten, die übrigen Vorstandsmitglieder etwas gelinder bestraft, А hiesses im XXXXXX/:" Geldstrafe oder Gefängnis, Im Schuldspruch wurde festgestellt " dass nicht zu bezweifeln sei, dass der Verein die Tendenz befolgt habe, durch die Frauen auf die Männer und auf die Kindererziehung sozialist tischen Einfluss auszuüben. Frau Staegemann und Frau Cantius hatten es ausserdem gewagt eine öffentliche Versammlung einzuberufen, in der 7 die unchristliche Härte eines Geistlichen am Grabe eines Selbstmörders gebührend angeprangert wurde, wofür beide Frauen im Barnimer Frauen 3 gefängnis eine Strafe abzusitzen hatten. Wir lassen dahingestellt, ob es dass Wochen oder Monate waren und ob die Bestrafung wegen Beleidigung oder Gotteslästerung erfolgt ist, Die Lesarten gehen in den verschiedenen Quellen auseinander.Fest steht, dass Pauline Staegemann als Ueberzeugungstäterin ind Gefängnis gehen musste. Es ist ebenso sicher anzunehmen, sie in dieser Zeit ihr Gewissen prüfen konnte und bestimmt dabei zu dem Schluss kommen musste, recht gehandelt zu haben. Daran wächst der Mensch. Dass sie von ihrem Schicksal nicht verbittert wurde, ist gleichfalls verbürgt, sie fühlte sich später besonders wohl in einer Wohnung, die ihr einen usblick auf das Frauengefängnis gestattete. Es ist wesentlich, dass man in seinem Tun von dem Vertrauen der Gesinnungsfreunde getragen wird, das war bei Pauline Staegemann der Fall. ( von anderer Seite)/ Nachdem sich( 1881) noch ein Frauenhilfsverein für Handarbeiterinnen und aus Mangel an Mitteln- und an Mitgliedern aus den Kreisen der angesprochesich selber aufgelöst hatte/ fanden sich eine Anzahl men Handarbeiterinnen) Xaried AXXNXT von Frauen sozialistischer Ueberzeugung und mit manchen Erfahrungen zu-sammen- nicht in einem Verein. Aber sie kannten sich, und sie fanden Mittel und Wege der persönlichen Versteigung. Sie beobachteten gemeinsam das Zeitgeschehen um sich herum. Ausser Frau Saegemann und Vantius waren es: XXXX Emma Ihrer, die Frau eines Apothekers aus Velten bei Berlin, Johanna Jagert, ( die später nach London ging/, XXXXXXXXXXXXXXX sie war in einen politischen Prozess verwickelt worden; Otto Erich Hartleben hat eins seiner Stücke nach ihr genannt) Frau von Hofstetten, Margarete Wengels( die tapfere Berliner / in einer späteren Periode/ Berlinde, Genossin, die auch eine Zeitlang Vertrauensperson war) Martha Rohrlack Tietz, ( die zu den besonders Verfolgten gehörte und Monate im Gefängnis zubringen musste) Diesen Frauen begegnen wir noch jahrelang, sei es als Funktionärinnen, und eifrige Versammlungsbesucherinnen/ sei es auf sozialdemokratischen Parteitagen oder( spätermnach 1900) auf den Frauenkonferenzen. Da war auch Frau Marie Hofmann, eine sehr gebildete Frau, die zuerst massgebend an bürgerlichen Veranstaltungen teilnahm, sich dann aber sehr nachdrücklich zur sozialdemokratischen Frauenbewegung bekannte, ebenso wie Frau Gertrud Guilleaume-Schack, von der noch besonders die Rede sein wird, und Agnes Wabnitz. Das waren aber auch die Frauen, die - etts negroа us rebaix etdi 101 miells aus etb.asmеgest emilus doob reds dota eteit, еwedretied A metмsaеg reb Idow tIsg JoИ еd бau MUST nebetiedτsadof reb Isaxoido asb tus FEL Nеb, еяlettediemieH meb еgo ед tisg reds saasм meтеbдозed at medel ani" nierevnedoBM- bau USTetedIA" stars Ieb ebxuw ST8I Mellow TW.ebestiarov eяie ebu tus bu ແອມ 98 : Jim, bяia meaеweg tedsb etb.eusτ яOV ем egiate doom -US Regesta entius mov meb tim remmi test emsИ mеreb, auitas0 UST eib etb.woxosdo sol, smеbau bau adsH UST, bitw Jaяsя -Metalistsoa asb metered\ mendi tim m- 19Bqa elb bu ebчuw antereV aeb at 19aela( 191дI mm dosИ).Jai nebrow eaеtwegaus basIdoatued aus- M моdoa ettвд eaasIxretted A reb medobBM bau еUBT 101 еe remed дезяulletarov edofittedoarеweg бau sebеT edoattatistsoa 918I ente netgitored meb re als, V8I aid, edel 101 SB3 Jdota bastaed H .Ieit retqo mus aesteaeganiеrеV medoalaauer asb 8 and -eus aesteaed деbдемmоx aеb gusttul metsdoa neb modoa etIn01 BM meb etten texomebistsoa euel red.ettsomebisiso reb gautqmx temebiweg XX aged retadot Isten etroW gauba Tentea led miereV nie geweй деaаоrе ells led meυSTI sib aasb, Inow reaalw IÌw": ".meletqa effof ebnemmiteed -IеV aеb gлvaöltuA 19b Jim ae bлst NOUSTT nebettel terеV neb elb 10T -IUW gesta ba auttms MOUSTT eiα.mebaеwe niea Bwte dola ante Jieitaed rebaileg aswte rebellgtimabastarоV meglid elb.net s neb : Jim tlletaegtast ebxuw douτqabludo& mI.aingate rebo etsitable:\ eded tooted smеbneT elb alereV reb aasb, tea alettewsed us doin aasb" talistsoa gaudeiserebaix eib tus bau 19яяBM elb tus neusτ stb doдub netted auitas UST бau gest USTI.eduusaus auftat med alt reb at, metu redusate gauImmsaеV edotetto este tgsweg mebre arеbrömtade aemis eds10 MB medol Itale aente et BH edottatinomu etb -MOUS reminis mt neus ebied flow, ebxuw 1993 4. in den achtziger Jahren mutig und unerschrocken für ihre menschlichen aus der Arbeider klasse. Schwestern eintraten, als der" Deutsche Kulturbund" Versammlungen abhielt. Thema:" Wie kann man die Sittlichkeit der Arbeiterinnen heben?" Die genannten Frauen waren auch dabei, als schliesslich im Jahre 1885 wieder ein " Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen" ins Leben gerufen wurde. Die Frauen Creutz, Staegemann, Emma Ihrer, Haase, Cantius, Marie Hofmann und Leuschner übernahmen die Leitung. Emma Ihrer war ganz massgebend an der Gründung beteiligt, ihr besonders ausgeprägtes Gefühl für die gewerkschaftlichen Forderungen der Arbeiterinnen, ihr klarer Verstand und lauterer Charak ter machte sie zu einem besonders wertvollen und das Ganze fördernden Mitardieses beiterin des Vereins, der so schnell aufblühte und in kurzer Zeit grosse Dieser Umstand Erfolge praktischer wie moralischer Natur für seine Mitglieder erntete. Das hatte es auch dem antisemitischen Hofprediger Stöcker angetan, Als die Frauen -in ihrem sicheren Instinkt und Reinlichkeitsgefühl- die ihnen gelegten Leimruten( in Gestalt von grossen Versprechungen) nicht berührten, bekam er und Max seine Anhänger es mit der Wut/ und Rachsucht. Nach einer Versammlung, in der man die Frauen vergeblich umworben hatte, empfing diese draussen in finsterer Nacht, ein Steinhagel, vor dem sie sich nur mit Mühe retten konnten. Die tapferen Mannen, die das fertig brachten, hatten sich- mit Anweisungen für den Eventualfall- hinter dem Bühnenvorhang aufgehalten und traten dann in Aktion. 1886 wurde der Verein jedoch schon wieder aufgelöst. Wieder wurde ein Verfahren axaxan gegen die leitenden Frauen eröffnet, wieder endete es XXXXX Bestrafungen. Da Frau Saegemann und Cantius wegen des gleichen Deliktes schon einmal bestraft waren, fiel das Urteil gegen sie härter aus als gegen die anderen Frauen. Die Polizei ging in diesen Jahrzehnten, besonders aber während des Sozialistengesetzes( 1878-1890) so scharf wie möglich gegen Frauen, wollten/ die XXX Versammlungen besuchten/ vor. Jedes, als ungerecht empfundene. Verbot aber reizt zur Uebertretung, so gingen eben die Frauen vielfach in Männerkleidern in die Versammlungen. Das geschah nicht etwa aus Arbeiterwohlfahrt ( mit Abzügen für die Kreis- und Ortsausschüsse) Rundschreiben Nr.: 61/1952 Zur Kenntnisnahme übersandt Betr.: Entgegennahme von Spenden für die Flüchtlinge aus der Sowjetzone auf Grund des Aufrufs der Bundesregierung. Durch Presse und Rundfunk werden Sie über den Aufruf unterrichtet sein, mit dem die Bundesregierung, die Länderregierungen und die politischen Parteien die westdeutsche Bevölkerung zu einer Hilfsaktion für die Sowjetzonenflüchtlinge auffordern. Während Gelds penden auf bestimmte Konten eingezahlt werden sollen, ist vorgesehen, daß Sachs penden von den örtlichen Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege entgegengenommen werden. Durch das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen werden den Bezirksausschüssen in diesen Tagen Plakate übersandt werden. Wir hitton Probate in allen Caschäftstellen der Sensationsbedürfnis, sondern aus Notwehr und mit ruhiger Ueberlegung. hatten nicht etway edungen Shatten 475ment Die Verfolgungen und Bestrafungen das Interesse der Frauen an der Arbeiterbewegung tatin gett.Sie waren( fleissige, Versammlungsbesucherinnen. Wenn die Polizei glaubte dass sie das Vereingesetz auch auf den Besuch öffentlicher Versammlungen ausdehnen müsse, so zogen sich viele Frauen Männerkleider an, um ihr ein Schnipp chen zu schlagen. Unter dem Namen Paul Staegemann war Pauline St/ XXX als regelmässige/ Versammlungsbesucherin- in den Anzügen ihres ältesten Sohnes- bald eine bekannte Figur. Bei ihren Bemühungen, die Heimarbeiterinnen zu organisieren, wirkten Pauline deremy taegemann und Agnes Wabnitz eine Zeitlang sehr eng zusammen, Zu/ herben Naturell und deren Verbitterung sie das angenehm ausgleichende Element gewesen ist. Agnes Wabnitz( 1842-1894) hatte selber alle Not und Sorge der Heimarbeiterinnen kennen gelernt.Sie stammte aus einer ehemals wohlhabenden, bürgerlichen Familie Oberschlesiens und war von hause aus mit einer guten Schulbildung ausgestattet worden, die ihr aber später, als sie mit ihrer Familie in wirtschaftliche Bedrängnis gekommen war, wenig nützte. Man siedelte nach Berlin über, wo Agnes versuchte, mit Arbeit an der Nähmaschine, die Mutter und ie Familie des Bruders über Wasser zu halten. Sie war, zusammen mit Pauline Staegemann, die treibende Kraft bei der Gründung eines Vereins der Mäntelaherinnen.Beide waren auch beteiligt an dem Werden eines Arbeiterinnenvereins" Berlin Nord" Z ein Zweigverein zu dem Berliner" Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen". Die Wege für die Mitglieder waren weit und der genannte Verein schon sehr gross geworden. Aus Agnes Wabnitz wäre sicher, unter günstigeren Umständen, eine wertvolle Kraft für die Frauenbewegung herangewachsen, begabt, lernfreudig, eine gute Rednerin, sprach sie in vielen Versammlungen( auch ausserhalb Berlins, im Reichsgebiet).Sie wurde ganz besonders von den Polizeibehörden aufs Korn genommen und musste wegen ihrer Ueberzeugung verschiedentlich Gefugnisstrafen verbüssen. Sie protestierte im Gefängnis gegen unwürdige Behandlung mit Hungerstreik und wurde deshalb schliesslich in die Charité, Abteilung für gemeingefährliche Geisteskranke, überführt. Dort machte sie einen Selbstmordversuch. Schliesslich entlassen, hörten die behördlichen Verfolgungen nicht etwa aus.Sie wählte- zwischen Gefängnis und Irrenhaus stehend den Tod.Auf dem" Friedhof der Marzgefallenen IMXIX von 1848" nahm sie das tödliche Mittel, das alle Leiden beendigte. Viele besonders Tausende forgten ihrem Barz and bedeckten ihr Grab vollständig mit Blumen. XVon ihren vier Kindern ist nur Elfriede, das dritte Kind, ihren politischen Spuren gefolgt. 6. Sie ist von den Berliner Arbeitern nicht vergessen worden. Der 18.März, MAY THE an dem zufällig Pauline Staegemann Geburtstag hatte) war der Tag, an dem die Berliner Arbeiter zu, Friedhof der Märzgefallenen pilgerten, auf/ um dort für die Opfer der Revolution und/ dee Graber der dort beigeder Besinnung/ setzten Arbeiter fürer Blumen zulegen und zu pflegen, sich wieder zu sehen und sich zu erinnern.) Dann bekam auch Agnes Wabnitz ihre steds Blumen. Ihr immer waches Interesse und ihre gleichbleibende Aktivität brachte Pauline Staegemann die Bekanntschaft mit mit vielen Berliner Arbeiterführern der damaligen Zeit, die sie schätzten und achteten. Unter dem Sozialistengesetz DeckIhre persönl gab es viele Vereine, die unter den verschiedensten amen liefen. e Anschlussfähigkeit war ein grosser Gewinn für sie selbst und andere.Sie war ein Mensch, der Freundschaften schliessen konnte und dem die Gleichgesinnten gerne Freundschaft hielten. Ottilie Baader sagt von ihr: " Pauline Staegemann, eine Frau mit klarem Blick und grossem Herzen, ist eine der bekanntesten unter den ersten führenden Genossinnen gewesen. Sie stand recht tatkräftig mitten im Leben, und ihre Familie hat n nicht unter ihrer Arbeit für die Allgemeinheit gelitten.Bis kurz vor ihrem Tode hat sie sich auch der Kleinarbeit, die unsere Bewegung er-fordert, nicht entzogen." ber Ihr Enkel schreibt von ihr:" Der Urquell ihrer Tätigkeit war soziales Mite empfinden, und sie hat ohne die heute üblichen, damals noch fehlenden Schulungmaglichkeiten ihre Arbeit geleistet.Es kam ihr zugute, dass sie durch die aksdemische Ausbildung ihrer beiden Söhne, auch in ihrer Bildung ihre Dorfschulkenntnisse hinauswuchsy.... Ein XXXNXXX Studienkollege ihres altesten Sohnes, der im politischen Leben Berlind als deutschnationaler Stadtverordneter bekannt wurde( XXXXXXXXXXXXX XPANXXXXXXX schrieb anlässlich MX Todes an seinen Freund: ihres/ " Sie war Dir und Deinen Geschwistern eine treue Mutter.Dann steht sie vor mir als die grosse Idealistin, die unter den reichsten, persönlichen Opfern auf ihre Weise zu einer Zeit für die Befreiung der Frau eintrat, als nur wenige daran dachten. Jetzt, wo die Frauenemanzipation in aller Munde ist und immer mehr Verständnis findet, ist es leicht dafür zu wirken.Aber in der ersten Zeit mit ihrem Sturm und Drang gehörte Mut dazu. Trotzdem ihre und meine Auffassungen auseinander gingen, habe ich sie, die schlichte und doch so gedankenreiche Frau bewundert. Sie hat wahrhaftig eine eingehende Würdigung XXX ihres Wirkens verdient. Eins ist für Euch festgestellt, dass sie trotz Hohn und Verfolgung, mit Mut nicht nur der Partei gedient hat, sondern dass sie wertvolle Anregungen für die ganze Entwicklung der Frauenfrage, Bewertung der Frauenarbeit und Schutz der Frau gegeben had. Sie ist eine von denen, dessen Leben nicht vergeblich war. " Treffendste Das Schönate aber schrieb die um zwanzig Jahre jüngere Emma Ihrer, die durch ihre enge Zusammenarbeit mit ihr der beste Kronzeuge ist 7. in ihrem Nachruf 1909: 7 " Für ihre schwere, wie schöne Aufgabe vereinigte sie die glücklichsten Gaben: Mutt und Energie, volles Verständnis für die Seele des arbeitenden Volkes und ein warmes Herz fürseline Leiden. Pauline Saegemann hatte auch eine aussergewöhnliche Rednergabe, die sie befähigte, ohne Weitschweifigkeit, immer den Kern der Frage in packender Weise zu treffen und die Zuhörer fortzureissen." Literatur: Emma Ihrer:" Die Arbeiterin im Klassenkampf".Hamburg 1898 Verlag der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Ottilie Baader Ein steiniger Weg.1921.Verlag J.H.W.Dietz, Nachf. Berlin. Anna Blos; Die Frauenfrage im Licht des Sozialismus, Buchverlag Kaden und Co.Dresden 1930, Handbuch der Frauenbewegung, Helene Lange, Gertrud Bäumer.1901 Band I.und II. Berlin S.Moeser Buchhandlung. Aufzeichnungen des Enkels Erich Rynek, Berlin. Dr. Phil. Hilolegard Wegscheider – Ziegler 1870-1953 warf Künderin der Menschenliebe der Titel den ikr Paul Löbe in einem warmen Nederuf gab als unsere Hildegarauf zu Grabe getragen wurde. war. Die Ausstrahlungen dieses 0 grauenlebens sind so reich und soho"n, dass wir immer im Ehrfurcht und Liebe ihrer einrigartigen Persönlichkeit gedenken soll I had sie uns ten. Sie hab Ihren Lebenswegselbst be- schrieben, sie sagtechdsprin: "Wie sich Verdienst und Glück verbetten das fällt den meisten Menschen erst im späten Alter ein. Dann aber kann es zu einem reichen Erlebnis werden, wenn einem langsam aufleuchtet, wie Herkunft und Umwelt im wunderbarer Zusammen, arbeid ans einem Kinde einen Menschen gebaut haben wie man von den wögendes grossen Welt'meeres getragen, auch wohl von seinen Aarmen gejagt wurde, wie dann schliess cich dieses ganze Leben zu dem einen grossen Hafen führt, der fern und unerreichbar doch immer als Ziel von weither geleuchtet hat Ziegler Hildegard war ein Pastorer/ sind. Als sie ge ihr Vater boren wurde, war der Theologie Ziegler Hilfslehrer am Berliner"Gymnasium" zum grauen Kloster. Er wurde als Lehrer ent- lassen, weil er nach Meinung seiner Vorund gesetzten Bibeltende (ìbera) Über Theologen und ausgelegt hatte. Er soe warb sich um eine Pastovenstelle in Liegnitz, wobei er sowohl dem Kultus ministerium, wie der Kirchenbehörde. gegen über Kein kirchl joh#, Hehl aus seinem l. veralen Gesimune maohde. Trotzdem erhielt er diese Stelle. So wurde Liegnitz und Schlesien die Heimat von Hildegard Ziegler. Es war eine Töökterfamilie in der s. e. aufwuchs. T Sieben. Kinder wurden ergeboren, die drei gedock, Kraben Zedeel Fungen-starben grüh. Von den vier Mädeln war Hildegard das älteste. Wie alle glädchen der damaligen Zeit wurdex sie "für die Ehe erzogen. Trotzdem hatte es aber die Erziehung in diesem eine d
    Eltere haus schon etwas anders Tradition. treten die‘s werden. In der"autterlichen Linie" rückwärts erhieten, obter bereits eine Berufs aus Bildung sie d'ingagten ihr Examen aus Leprevin, für den Fall der Nichtverheiratang. So war eine Tante von Hildegard (schwester ihrelt Mutter unverheiratete d! tê ?/ Lehrern an der Königin Luiseschule in Berlin. Der zweite Grund war aber Aack das Bewusstsein der Eltern, dass die Töchter dieser Schickt für ihr Leben auch dann einen grösseren Bildungs- Ꝭ fandus brauchten, wenn sie – durch die Ehe ge- - sohützt – keinen Beruf ausüben müssten. XX sehr Die kleine Mutter Hildegards war einer strenge Erzieherin. Aber ihre Strenge und scheinbare Härte entsprung einer sehr grossen mütterlichen Liebe und Verantwortung. Sie war Zum Besten der Kinder der Überzeugung dass sießo handeln musse Das Vater u Verhalten des Vaters da den basierte sichtbar auf Kindern gegenüber manschlössen seiner Liberalensbrund haltung, er war Beobt nachsiehtig und verstehend. Beide Eltern waren in der Bildungsfrage wir ihre Töchter weitherzig und auch mutig. Ein gewisser moralischer Mut gehörde darchaus dazu, um entgegen allgemein herstsohender Meinung eine Tochter auf ihren 2. 8. wünsch hin, rins Ausland zu schicken gehen zu lassen, um dort zu studieren. Ia Deutzen land konnten die Mädchen von damals nock keine Gymnasialbildung erwerben. Der Besuch einer“Schule für höhere Trätter” öffnete ihnen hochsten die Besuch Posten eines Lehrerinnen seminars. Da Hildegard sich in der fraglichen Zeit verlobte musste sie dieses Seminar wieder verlassen. Die Verlobung führte nicht zur Ehe. Hildegard hatte inzwischen im Nachttisch ihrer Mutter: August Bebel,"Die Frau und der 4/Sozialismus enddeckt und eifrie studiert. Man schrieb das Jahr 1889 und das Buch war noch verboden. Ausserdem kann sie- eigenem Nachdenken über das Leben folgend- zu dem Entschluss, nicht mehr zur Kirche und zum Abendmahl zu gehen. Der Brändigam Theologe wie ihr Vater, konnte das nicht verstehen auch nicht ertragen, während der ctum Vater philosophisch lachelud sagte:"Dem Auf- richtigen lasst der Herr es gelingen."Die Forgede Ver= und Entlobung war, dass Hildegard sich privat auf das Lehrevinnenegamen vorbereiten musste was sie dann auch am 1. Okt. 1892 bestand. Dass sie hellwach geworden war für die Stromungen der Zeit, passe ca ihrem Wesen. Die Frauen ihrer Kulturschicht drängten weiter. Auch Hildegard wanschte sich stadieren zu können, wie es z. B. die erste deutsohe Ärzt in Franziska Tiburtius getan hatte. Im Deutschland konn. ten Mädchen kein Gumnasium besuchen, auch gab es keine besonderen Einrichtungen für sie, um sich auf das Abiturium vorzubereiten, was ja die Vor- stufe zum Besuch einer Universität war. So gingen die Gedanken und Wänsche Hildegards nach Zürich wo sie schon eine Zeitlang im Mädchenpensionäd gewesen war. Als dort wurden nämlich Frauen mit bestandenem Lehreregamen zum Besuch der Universität zugelassen. So grundverschieden die Eltern Hildegards in ihrem Naturell waren und in ihrer praktischen Einstellung zum Leben waren(der Vater ein philoso= phischen und weltfremd, die Mutter praktisch und streng ausserst discipliniert) so einig waren sie sich in der Ausbildungsfrage für ihre Töchter. Kamen doch beide aus der gleichen schieht, beider Väter waren Gymnasial= direktoren gewesen, waren liberal in ihren politischen Anschauungen waren Gegner der Bismarkpolitik schon der Grossvater Ktehl Kaempf(von der (mütterlichen Seite), war acht und vieriger Jahre ge- 5/ein Rebell der sìd spáter wesen derwegen seiner Tätigkeit eine Art von Polizei aufsicht gefallen lassen musste. Er war in das Preussische Abgeordneten haus ge- Preuß. wählt worden und dieχrecierung musste ihm schliesslich als Direktor des Gymnasiums in Landsberg à.d.W. bestätigen. Das mütterliche Elternhaus war nur streveer, einfacher be- tand und leidenschaftlich pflichtbewusst wäh= rend a.s Elternhaus Ziegler musischer kurschwisober weicher, vielleicht ein wenig weltfremder einziehe war. Der Bruder der Mutter war ub also Onkel von Hildegard war übrigens der Johannes langjährige, sehr bekannte kaempf, der greisianige liberale Reichs Abge- ordnete und Präsident des Reichstags. besser So verstellen wir andere Strenge, mit der Hildegard von der Mutter erzogen worden, nach war, weil diese Mutter der Tradition ihres Elternhauses lebte sie meinde, immer den Lebenswillen ihrer Kinder durch unnachGiohtliche Strenge stählen zu müssen, stiess(Hildegards Wunsch nach dem bestandenen stiess Egamen in der Schweiz zu studieren, und auf ein schwerwiegendes Bedenken. Konnde die Eltern-bei vier Töchtern, die alle Geld kosteten – es sie die Ausgabe leisten. Die Mutter fuhr nach Berlin zu Helene Lange, nach Dresden zu Auguste Schmidt, um sich beraten in Casson. Helene Lange leitete den"Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein" war schon eine bekannte Persönlichkeit, die sich das Ziel gesteckt hatte, den Frauen im Gehörer Ausbildung und Berufsbedähigung zu helfen. Auguste Schmidt, gleichfall's Lehrerin, von den gleichen vielen aus- gebend leitete mittlerweile dem"Akge- meinen Deutschen Frauenverein. Von beiden Seiten wurde dringend gereden. Hildegard sehr bald nach Zuvioh gehen zu Cassen vom Allgemei neben dem guten Rat wurde sprang sogar noch ein Stipendium von 200 Mark pro Semester gegeben sodass es für Hildegard nicht notwendig wurde, sich das Studium mit einer Verpflichtung als Erzieherin oder durch Stundengeben zu verdienen, wie sie es sich vorgestellt patte. So kognde sie – bei bescheidenstam Leben – studieren und sich zugleich auf Das Abiturienden examen vorbereiten, wäre anwässig Hildegard Ziecler nach Herkunft, wird Bildunes ganz und aktiven Naturell, dazu, prädestiniert gewesen. eine Leuchte der damaligen bürgerlichen Frauenbewecung zu werden. Aber- als dev. Universitätsdi Rektor der Universität i züvjok den Ausländerinnen sagte, dass es in einęm freien, demokratisch ex Lande jedeszeig seiner politischen Meinung zu Sei. möglich. . nicht/ da folgen wenn diese Meinung. Gesetzen der Schweiz widerspräche Kschweizer meldede sich Hildegard bei der Vsozial als Mitglied an. Sie tolode démokratie Namen alle welche, sowie Gesühl 5.7.47 damit. Brem+ berechtigkeit zugelassen ihrer Menschenliebe. Die Erkenntnis vom Wesen und der Wissenschaft des sozialismus habe sie sich – so sagd selbst Sie, – erst später erworben. Sie war 2 Jahre alt, als sie diesen Schritt tat und S. O had dem Sozialismus in Sturm und Wetter bis zu ihrem Tode die Treue gehalten. Semester in Zarìok zu (Berdr die vier. tiolltete ende gingen stillte Hildegard die Abla bittein ach das preussische Kultusminis- terium, ihr die Abituriendemprufung zu ermögl. oben.("Trotz meines weiblichen Geschlechts ein weiDer Boden dafür hatte sich an voreinem sehr gelookert. Helene Lange hatterRealkarse für + Gute Nach, Mädchen e. agerichtet. Wir Jahren Schalzer schnten diese Schülerinnen geprüft werden. So zeigte man sich in Berlin geneige einen Vorversuch zu machen. Es war ausser der preuss. Regierung dem noch ein besonderes Entgegenkommen ter die Prüfung dass man die Stadt Sigmarineen dem aus suchte, weil sie- eine preassische Enflove im Süden – von Zürich aus leicht zu erreichen war, sodass zwischen dem schriftlichen das junge Malchen. 7/ wiesest mündlichen Examen in Elibblick. Es 1 un, Gemester in Zürich vollendem Kannte Natürlich erregte diese erste Präfang eines weiblichen Abiturienden in Deutschland allgemeines Aufsehen. Es waren nicht gemässiger Gymnasiasten. d. Nr. Land sonstiger Einweisung S "Abiduriendin" Thoth Merbbr. die, ünserer Bewunderung entgegen. I„deresse“ und sch glänzind bestandene braakter. Diesēɔ təamen mu̍sstẽ dá mamohos Folgen haben, wo allein den Anspruch auf das Studium in Deutschland. Als sie aber sich im Berlin zur Zulassarie an der Ani- versidät bewarb sagte der Dekan Treitsake. "Ein Student der nicht sanfen kann? war Um möglich. Schliesslich hatte die Universitätsbehörde in Halle zu einem Versuch geneigt. Das Studium im aṣʷʼeŋe ṣaʔiŋ) Dalle war nicht wicht. Die Atmosphäre war nachternen, trockener, provinzieller als in Zürich. Dord war man an die Teiln Stadendinnen gewöhnt und kam ihnen aufgeschlossen entgegen. Hier war Hildegard die erste und vor- dieser Gattung, läufig einzige Stadtation. Nicht einmal die Professoren fanden sofort den rechten, aber sachlichen Als nach der Tan. Das wurde besser 9) Prüfung der Helene Lange-Kurse weibli- cher Zuwachs kam. So wurde Hildegard also auch pécéd Ziegler ward er der erste weibliche philotg Osche+ der seinx Egamen in Deutschland gemachd hat im Marz 1898. Sie em= dann pfand es als Glück an den Kursen von mitarbeiten zu können. e 4 Lange. s'l Herren nur vier Wochersdunden. Eccli Die sehr ernschaften. Schülerinnen waren z. T. älter als ihre Geschichtslehrerin sie versuchten mit grossem Eifer Ouholen, was ihnen die Schule nicht"Johann" geben hätte. Im übrigen war viel und es wicht sich Gelegenheit durch Privatstunden und der ⸗ kulturgeschichtlichen Vortragszuklen das inodwendige Einkommen zu sichern. Es wäre nicht natürlich gewesen hätte nicht möglich Hildegard auch ein besondere "habby" gepabt. Sie war nicht nur selber abstinent, sondern beteiligte sich überall wo sie nur Eingang finden konnte an gäter — Bewegung zur Bekämpfung des müs Alkoholltung der Zucht a-s Zu tiefst davor Esfolgüder überzeugt, dass der Arbeiterbewegung aufs eagste davon abhängig war, wieweit sie in ihrer Gesandte: Abstiner übüh machte sie die Bekümpigung des Alkpholis aus zu, ihrer besonderen Aufgabe. forderde, die schreibt sie es ihrem Eingluss auf Heinrich Schulz zu, dass er die Ar- beiterjagend bewegung erfolgreich gegen jeden Alkahalgemiss oberinfüsste. greppen. I„der Berliner Parteiversammlungen, die und in kleinem Wirtschaft erleichsamkeiten kommen kamen in kleinen Wirtschaften zusammen. Dort fand man auch Hildegard Liegler II und einige ihrer Freunde mitten nie bei einem Glas Zucker. wasser für 5 Pfarrige. Ende der neunzi- zer Jahre wurde auch ein Arbeiterabstinentenband gegründet in dem sie eifrig mitarbeitete. Dortlernte sie Dr. Macg. Wegscheider kennen, sehr eines bekannten Arzte. aus dem Berliner Geheimratsviertel und selber ebenfalls Arzt, mit dem i e sìok Wollte sie nur 1899 verheiratete. Als Lehrw. u. Grotz dieser Verheiratung, Lehrerin bleiben 2. Unerhört in damalieer Zeit. Sie selbst und Mäg Wegscheidês waren der Ansicht, dass die Heirat die Frau nicht daran hindern sollte, Wenn sie selbst die Berufung dafür fühlte. Helen's Lange stellte sofort die Frage ab H. W. wohl sicher sei, dass die junie Ehe vorläufig kinderlas bleiben wurde, was diese entrüstet Verneinte, später verstand sie wohl dass Helene Frl Lange um ihr jünges Unternehmen bangte. Sie hatte sich das Ziel gesteckt den jungen(und älteren) Medehen des Burgertums die hohere Schulausbildung und damit dem Weg in einem geistigen Bernd zu offnen. Und Unsere stützung einflussreicher Persönlichkeiten Auf daß bäbte der schulischen Ausbildung schlechthin wollte sie die Gleichberechtigung erreichen Geistiger Beruf und Mutterschaft, Lehrerin und Matterschaft, das war ihr die Frage spätere eine II./. Zeit. Um ihr abgestecktes Ziel zu erreichen, zum brauchte sie die Unterstützung einfluss reicher Persönlichkeiten, auch politischer. Sie wünschte auch die Protektion der Kaiserin. So gesehen empt and. so war Sohn" die Tätigkeit der soz. aldemokra- tin an ihrer Schule als Belastung. Und dann etwa gar eine angehende, junge Mutter? Hildegard wurde eine Illus, da zerstört, hat dafür eine Erkenntnis gewonnen, hatte dem Kampf für die verbeiratete Lehrerin mit auf ꝓa ñe h ˀi ên Aber die Erfahrungen bei der bisherigen# Lehrtatigkeit an den blieb wertvoll. Wir Frewer! “Ioh kam mit dem Klassen in eine ganz nahe menschliche Verbindung, die sich nicht auf den Unterricht beschränkte. Wenn ich des Sonntags wanderte oder eins der Berliner Museen auf- suchte, waren immer einige Schülevinnen mit mir. Das verband uns sehr fest und nach meiner Heirat hatte ich jeden Monat einen „offnen Abend“ der in erster Linie für die Schülevinnen gedacht war. Mit einigen von ihnen bin ich bis heute befreundet. Sie sind nicht alle Sozialistinnen geworden, aber wir waren immer darin einig, dass wir Achtung vor jedem Menschen, wer er auch sei und welcher Gesellschaftsklasse er auch angehörte zur Grundlage unseres Handeln zu machen suchten . Wir setzen diese charakteristische Stelle aus den Lebenserinnerungen deshalb hierher, weil sie Richtschnur durch ein ganzes langes Leben ge- blieben. St. sie offervart das Geheimnis der 12) ständiger einem B. nolume zwischen dem Kömmensöklicher Menschsa, der Frau Hildegard Wegscheider und den vielen juneeren Menschen, mit denen sie ständig Verb. udure hatte die immer und so ihre Nähe saohten Vertrauen in ihr hatten Liebe und Hochachtung für sie tähldem. Das Ausscheidenmüssen aus der geliebten Kursusarbeit schaffte keine wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die weibliche Nachfrage nach Privatstunden zur Vorbereitung auf das Abitur war in Berlin eine gross. Hildegard hospitierte – mit Erlaubnis des preuss. Ministeriums-an einem der neugegründeten Reform gymnasien für knaben in Charlottenburg una machte dort: hre praktischen Erfahrungen in der Aufnahmefähigkeit und Verarbeitung des Lehrstoffes zwischen Knaben und Mädchen, Erfahrungen, die sie auch wissenschaftlich auswertete und in der Zeitschrift des Vereins für Kinderpsychologie veröffentlichte. Der"Verein für Frauenwohl"(Leiterin Minna Cauer) war für die Frage:“Verheiratete Lehrerin“ durchaus aufgeschlossen. Er bot seine Hilfe bei der Grundung einer Mädchenschule mit gymnasialem Charakter an. Man hatte dort mit Sympathie aner zustimmung zur Kenntnis genommen, dass die Arbeiterbewlgune – der wirtschaftlichen Entwicklung und ihrer Konsequenzen folgend- die Gleichberechtigung der Frau auf den allgemeinen Arbeits- markt anerkannte und zur Geltung bringen recht. Dabei sollte die Lehrerin keine Ausnahme machen. Warum sollte die verheiratete Frau und Mutter ausgeschlossen sein von einer Erziehung. arbeit in der sie vielleicht stärker geeignet war als eine durch ihr Geschick zur Epelosigkeit bestimmte Frau in der vielleicht manches verkummern massde 2 Hildegard war inzwischen selbst Mutter geworden und erlebte aus ihrem Naturell aus eigener Erfah- rung alle Probleme einer werden gewenden Leit intệmsiv mit, auch den Konflikt zwischen Beruf und Matterschaft. Mit Hilfe des"Vereins Frauen." wohl" warde die besagte Schule gegrundet, es war die erste Mäldenschule mit Gymnasialem Charakter zur schulpflichtige Mädchen. Wir sehen, nicht nur der Bildungsgang Hildegards war für ihre Zeit aussergewökni. oh gewesen. Alles, was sie dann hinterhertet, trag dem Stempel des Aussergewöhnlichen. Es war eine echte Pionierarbeit, in der die Impulse nur aus ihrer Persönlichkeit kommen konnten und zu deren Durchführung das zielbewusste Zusammenhalten mutiger Menschen gehörte. Es vom Stadt gab noch keineranerkannden höheren Schulen dieser Art für Mädchen. So musste man die Eltern, die ihre Mädchen in eine solche Schule schicken wollten, veranlassen eine"Familienschule zu gründen. Einer der Väter wurde als Vorsitzender gewählt. Er war nun in und bevollmächtigt, der Lagefind der Bezirksverwaltung für Schulwesen die notwendigen Verhandlung zu führen. Man kann sich leicht den Charakter einer solchen Schule vorstellen. Lehrkräfte Eltern und Schülerinnen waren eine interessierte Gemeinschaft, die genau wussten was sie wollten. Die äusseren Umstände waren denksich bar be einzt. Man musstex. m den abgeson- derten Winkeln einer Knabenschule einrichten. Dazu wurden für den Nachmittag sprechstan- der für Eltern Wegspeiderschen, Schülerinnen und Lehrer in der viviratwohnung Hildegards einge- richtet und abgehalten. [Hildegard erwartete das zweite Kind. Die damit Eltern warenseinverstanden, dass sie solange wie es ihr möglich sein würde unterrichtem sollte und verspreichen sich einen erzieherischen Einfluss auf ihre Töchter, wenn bert. mehr die Lehrerin bei dieser Gelegenheid eine Abgebied der Erziehung pflegen konnte, das zu= hanse doch noch sehr im argen lag, weil die Eltern(wie sie offen zugaben) darum ericht fähig ans Unsicherheid waren. So weit so gut. Bei der Besichtigung der Schule durch einen Schulrat erhielt dieser Kenntnis wurde diesem durch Kollegen von der Knadieser bensohule, der"Zustand"# der leitendem Lehrevin zur Kenntnis gebracht. Folge: Die Klassenväter erhielten die Mitteilung, dass besagte Lehreria,"aus Grunden der Sittlich keit“ innerhalb+ vierzehn Tagen die Schule verlassen haben müsse. Widrigenfalls würden die Klasser geschlossen werden, Dass die Schule darüber nicht eingehen durfte, war klar, Das Opfer war die Mutter, die sich so tapfer eingesetzt hatte. 't sie gedieh und wurde später als Studienanstalt der Augusta – Viktor.aschule aufgebaut. die Leidung eheredes Eins Hamburger Aneebod, Veiner dort entstandenen studienanstalt zu übernehmen, musste abgelehnt 14/ nt. werden. Denn mann war ich viel ich uns ich verheiratet und der Mann war mitten im Aufbau seiner arzt- tischen Praxis. Trotz des zweiten von sopnes blieb ungenützte Zeit. Eine Anstellung als 1.½ à Privatdozentin fürmkulturgeschichte der deutschen und enelischen Sprache füllte die Lücke aus. Es war 1904. Noch hatte Hildegarn kaixh" offentlichkeit Vorträge gehalten. In Berlin fand ein grosser internationaler Frauenkongress statt. Die Rednerin für die Alkoholfrage war plötz lich gestorben. Ohne mehr als zehn Minuten leid zur Vorbereitung zu haben, trat Hildegard in die Lücke. Neben dem momentanen Grossen ernzete Sil. Beifall zahlreiche Bitten um Vorträge Auch Dezr"Arbeiter abstinentenbund" hielt hatte eine grosse Propagandatour organisiert für die er Wiener Sozialisten verpflichte’t hatte, Aber – die preassische Polizei wies der erfolgreichsten Redner als lästigen Ausländer aus. Er war zu deutlich sozialisch. Hildegard sprang für ihn e.m. Ein grosser Streik im Fuhrgebiet erforderte vielle Versammlungsvere= redner. Die Streikleidung wunschte u. a. auch " meberbei – durch diese versäumlichen Tholfrage, wenn so kein Aufklärer. sierauch unmittelbar m.& Frauen der Arbeiderschaft bespäch ins Berührung. Alles was sie erlebte war wertvoll und schulte die Rednerin und Sozi- Cistin. Aber sie musste auch die Erfahrung war xxx riel/ machen, dass esvleichderrainige nach Unterrichter Stunden Untersichten das Hausfru verlassen, als tagelang für Vortragstouwen von Hansi abwesend zu sein. Es gibt doch verschiedene Gradmesser für die Verbindung von Ehe Haushalt und Mutterschaft mit den Verpflichtungen ausserhalb 15 16 dieser Spkare. moralische ]] Es war bestimmt nicht die/ Schuld der beiden Wegscheiders wenn sie ihre Ehe lösten. Er das Leben des Mannes war eine andere Frau ge- treten. x Hildegard holte noch das Examen für das Lehramt an höheren Schulen nach das zur als es endlich den Frauen gestattet wurde. Man treppete sich auf möglichst anständige 2. menschlich 5. Weise 2 und nahm ein Lehramd in Bonn an einer Mädchens schule an. Einsützlich Ihre beiden Jungen nahm sie mit. Es erkoplich war kluge Taktik dass sie sich bei der Stadtverordnetenversammlune dieser Stadt mit Zentrums majo= rität offen als Sozialdemokrat in bereichnete Man brauchte die Vollakademikerin und man nahm sie trotzdem. Nur musste sie versprechen zwei Jahre lang a. obt in öffentlichen Versammlungen zu sprechen. An diese Verpflichtung hielt sich Hildegard. Sie war gevenbei, a vollang beschäftigt in Bonn und Köln im angendrevenstaltumeen geschlossener Charakters und in Kursen zu sprechen. und zu unterwichten. Ihre Abstimmbarbeie vergass sie darüber nicht, wenn es dort am Rhein bei der weinfrohen Bevölkerung auch schwerer war. Aber waren sie ihr Herr gehannd hatte, das tat sie ganz. Mich die Alkoholfraße beschäftigte drang sie wissenschaftlich ein auch sie beschäftigte sich damit wederisch und organisatarisch; es kam ihr aber auch nicht ganz praktisch) darauf an die B. eine betrunkene Frau von der Ef strasse mit naokhause zu nehmen sie zuerst in die Badewanne dann in ihr eigenes Bett *zu stecken. Dies nur ein Beispiel für viele eben Das Herz ging ihr sagd durch. Hildegard gebürte zu den Frauen die von frähester Jugend an bewust lebten, ihre Umwelt im -engen und reiden Kreis zu verstehen- etter. Das Elternhaus mit seiner demakratischen Grund. einstellung und seine beznerschaft gegen d' sevelsat Bismarksoche Politik liess sic unymckeksam. Das sperufl. studium der Geschichte die die eigenwillige junge Frau frühzeitig zur eigenen Urteilsbilden. an. In die Arbeiterbewegung wuchs sie aus inre- míd rer Neigung und gründlichen Wissen hinein. Persönlich-menschliche Erlebnisse formdentlich Ihre sie jemals überwiesen ihre Persönlichkeit. Der Kriegsausbrück 1914 erlebte sie dann im Rheinland. Sie schildert die Spaarungen die Ar"beid, die Erlebnisse dieser Leid, in der die Frauen der kriegführenden Länder hineinwürdigen da ihre sociale. Umwelt und zu StaatsXX ALS der Krie, endlich Fürgerinnen wurden. würde eine priess sich dem Mutter Hildel gand glückt? ich dass sie im dem die Frau und Matter soviel Leid und Elend gesehen mit. erlebt und mit erlitten hatte priess sie sich glücklich, dass sie zu den Änserwählten gehörte die ihrén jungen Sohn bald in die Arme Pohliessen könne. Es kam anders. Die Revolution war schon dieser Satze Der Heimreise über Berlin the da, als e-k-a'n auf Dürfend Die kl. Berühr kommend – zu seinem Vater ich dort durch eine Verkettung androklicher Umstände Der Schlaf derstidd durch Gasvergiftung erlitt. Diesen Zahlung hat sie wohl niemals ganz verwanden, trotz aller per hat sie 18) sonlichen Tapferkert immer schwer daran Ich ist nicht auf ein 1919 Cie Frauen bleibte wählden – zum ersten mal. Alt Das Rheinland hatte Hildegard in den Preus Landtag gewähld: „Unvergesslich der“ Anfang.... Wir Lehrer berieten, was wir für die Schulen forden sollten, alle alten acht undvierziger Ideale lebten auf ...... Die politische Lage war doch so ernst und sohwer, dass es uns schrbald klar gemacht wurde, dass wir nicht einzelne, wenn auch noch soberechtigte Forderungen durchdrücken konnten. e's ging um die Erhaltung Deutschlands ... Wir wussten, dass wir diese Reichseinheid nur erhalten konnten, wenn wir mit dem katholischen Teil Deutschlands einig waren, ann. Verzicht auf alles, was dem tentrum ein Zusammengehen mit uns unmöglich gemacht hätte........ Paul Hirsch, damals Prins. Ministerpräsident sagte in seiner ruhigen Art:"Vòm uns allein haugt es ab, dass Dentschland ein einiges Reich bleibt, dass die deutsche Wirt schaft sich wieder erholen, dass das deutsche Vdr leben kann. Sowie wir das erreicht haben werden, wird die Reaktion, die jetzt noch Raõksicht anf uns nehmen mass, sìok mié aller Kraft gegen uns wenden. Sie werden "Dies dann aus Kreuz schlagen." Hildegard Wesscheider hatte viele bekannte und anerkannte Männer und Frauen der Geistes=velt und Kulturwelt und des po= des Ir= und Auslandes litischen Lebens>kennen und schätzen ge stets lernt. Auch das warxein Born der Freude und der wertrollenen inneren Bereicherung für sie gewesen. Jetzt, im Parlament, erlebte Sie beglückt die sachliche Zusammenarbeid mit reiches Männern und Frauen auf eine reiche po- könnten witsohe Erfahrung zurückschaußen, deren sich Bliok für das Wünschenswerte aber auch Mogliche geschult war. (2)(1) So steht die Frau, die dann Überschulvätin in Preussen ausgewahlt wurde, zum Staat und zur Politik. Sie lernt es abzuwagen zwischen dem was wünschenswert und was erreichbar Vot, Wiss, dass alles Wachstum ist. Von der Einstellung der Arbeiter in Deutschland 144 sagt sie, dass da vieles in Denken heran- im Laufe der Zei- geweist ist, dass ein Bewusstsein des Heimat- Sei rechtes entstanden, das sie mit deni immer starkeren Eindringen in die Mitausbreiden und verantwortung naturnotwendigkeit: eben ausste. Ihre Einstellung zur Demokratie ist tief verank in ihrem Denken und Fähler verankert. Das wird uns ganz klar beim vom Wesen ihrer Lebenserinnerungen, beim Nachblättern in ihrer kleinen Broschüre“Die Frau im de 20/11 mokratischen Staat. (Sie war) so stark die mit ihren einer grossen zahl ehe- maliger Schülerinnen verbunden, mit denen sie Bindungen eine ine, die bis ans Ende ihres Lebens reichten. Das Gleiche war der Fall, vielleicht nach intensiver, mit den jungen Menschen der Arbeiterbewagung. Und ein herzliches Verhältnis verband sie mit ihrem schlesischen Wählern. Aber in der Hitlerzeit wissen diese Verbindungen nicht etwa ab, wenn sie sich auch – aus dem Zwange wie es in dieser Beispiellosen Unfreiheit anders gestalten müssten. Die schreiberin dieser Abhandlung über traf Hildegut einmal zu einer verschl an der Grenze zwischen c. nêgü. Es war Basel und Frankreich aɔ Κέμεδημενεςς ἔϛϛειμύστελίμανεναι ein unbeschreibliohe Erlebnis(d.e se tapfere gütige Frau so anzuschmalert ihre Klugheit ihr Einsicht und philosophische Überlegenheid bewahrt hatte. Das war das Bild von ihr, das ich mit: die Ferne trag Dabe, war es doch ein ganz sor der grusses Lebenswerk, das sie gezwungenweise den war, das man zer hatt verdväred i Ihre Ásüle schlagen hatte. Alle schulen ihres Amtsbezirks waren ihr ans Herz gewachsen besonders aber (unter Ov. :schule im Neukölln die Karl Mar. d.'c 14/1 Karsen und mit Dr. Keere wünschen za cinest amgassenden Bildungsinstitut herangewachsen war, in dehn sich eine und Volksüberle eine Aufbauschule Arbeiterkurse eine Oberrealschule und ein Realgymnasium zu einem Ganzen vereinigt hattenx und wo derkbar diermodernste und erfolgreichste padagrogische Praxis ihre Pflege stätte gefunden hatte. Auch in dieser Pflanzstätte menschlicher Bildung und Kultur 21/ nahm sie die Prüfungen ab stand sie mit wehren und Schülern in einem guten Vte mensche lichen du und zum Teil sehr freundschaftlichen Verhältnis. Das alles verschwinden zu sehen war schon er woran das Herzblut hine, war schon eine menschliche Tragödie und es gehörte ein grosser, starker philosophischer auch glaubiger Geist dazu, eine Persönlichkeit, wie sie dort ruhig und lächelnd neben mir am französisch-schweizerischen Grenzstein sass. Die Jugend blieb ihr freu: Bei mir versammelten sich jeden Sonntagsmorgen eine kleine Zahl meist jusendlicher Genossen zum Fruhstuck. Dieses Frühstück hat sich oft lange hingerogen. Für uns alle war dieser zusammenhang von der grassten Bedeutung Es waren Entschlüsse zu yassen, man musste besprechen, wenn man vertrauen könne und wo Vorsicht am Platze sei sohiem..... Dann wurden einzelne Gendssen eineerdgen und nänkam die Leid, wor man Feldpost- briefe schrieb und bekam. Ich besitze viele und bemerkenswerte Soldatenbriefe und bewahre sie als einen Schatz... von allen meinen junge”n Freunden hat es nur ein einziger über den Oberfeldwebel hinaus gebracht und dieser einzige, der dann sogar nach Officier wurde konnte sohliesslich auch nicht ganz treu bleiben... . Aber dann schreibt Hildegard 22) von der grossen verzweiflungsvollen Rech- asigkeit unter der Alle zu s. e. alle solang standen. Sie dieses stets zum Einsatz beiseiten, die unter eigener befahr so vielen jüdischen und anderen bedränzten Menschen noch geholfen hatte musste unter dem Übermass des schrecklichen Erlebens wohl einen Teil ihrer grossen inneren Kraft einbüssen "Noch immer versuchte ich die Menschen um mich und die Menschen im Luftschutzkeller zu ermädigen, es war doch nur das Abrollen einer lang geübten Melodie. Ich selbst konnte mit all diesem Unglück nicht fertig werden! Die Depression ging so weit, dass ich nicht mehr wagte, n die Laden zu sehen. und durch mein Essen anderen Leuten speise weczunehmen. plötzlich Das isdkeine ganz andere Hildegard, wie nicht wir sie bisher kannten. Sie konnte den allensohen, die ihrer bedarften nicht mehr helfen. "Und so tief wirkte dieses Ohnmachtsgefühl auf sie ein, dass sie verzweifelte Nicht mehr helden können. "Von den getauften Jüdinnen die bei mir ein- und ausgingen, wurde immer wieder die eine oder andere weggehold. Eine von ihnen war so schlecht untergebracht. dass ich mir die grössten Selbstvorwürfe machen musste, weil ich ihr nicht helfen kærnte...... Einen bei ihr wohnenden Deserteur konnte sie 23/ um seinetwillen nicht mit in den Keller nehmen, er versteckte sich in Trünmern "Meine Kraft reichte nicht mehr! Alles um mich und in mir war haffnuneslas [Sie empfand als Schuld, wofür sie im Grunde keine Verabtwertnis II a die Hildegard war- in ihrer Art immer ein tief religiöser Mensch. Besetzt. Jetzt aber in ihrer tiefen Not und Verzweiflung branckte wie ein müsste sie sich nicht vor sich selber sicht- bar und fühlbar) im einer kleine Klasse allensohengruppe ansoluiessen, die ganz anderen, Art in einer naiven dankbar einzwischenweise wahrheitssucker waren. Sie sagt, dass ihre asthetischen Empfindunen dort nicht be- friedigd worden seien x und daşs sie sich erst ganz langsam in diese ihr neue Art es Denkens und Fühlens hineinfinden musste Aber: C" I oh stand nicht mehr allein unter meiner Schald, sondern erlebte die Kraft einer Erlosung von aller Schuld." Sie hat selbst empfunden, dass die vielen Freunde, ihrer Entwicklung mit Befremden tief, zusähen. Aber sie hat war anohybeglückt, dass sie trotzdem zu ihr hielten und zu verstehen suohten. Und dass sie an ihrem socialismus nicht zweifelten Die furchtbaren Tage vor der Kapitula. tiden und der grausame Hunger nachher wurden gemeinsam durchgestanden man, das die sich Gemeinsam erlebte. 24/ sich wieder Zusammenfinden der socialdemokraten. Welches Glück. Und wie stark war, hre Erkenntnis der Grundgesetze alles Sie. Ge. aberte sich. demokratischen Lebens· das einseht“, in dem grossen Rincen, russ die Udeherschein sozialdemokratem, die man in die"Einheitsparte. hineinzwingen wollte. „Jede Phase dieses Kampfes habe ich mit glükender Anteilnahme durchgemacht. Es war sehr schwer zu verstehen, was die Genossen zur Nachgiebigkeit gegenüber dieser For- dernne(Bildung der Einkeitspartei) bewog. Es war ein schwarzer Tag, als Grotewahl seine letzte Entscheidung traf. Abholtswitt dann im Admiralspalast und nachher in Achten Sie war voll Bewanderung für die klarer blickenden Genossen die sind Aussicht und schne umsichtig und'tatkraftig die Trummer sehr schnell sammelten und eine neue Bewegung aufbauten. Es war ein Aufbau an dem sie noch teilnehmen konxde. Bei allem Glück Das sie empfand wurde sie aber auch die Besorgnis um das Ganze nicht los 30 sohvie le sie noch am 1.10.51 nach ihrem u. a. achtigsten Geburtstagsauf einer Karte: "Wir sind doch unserer Partei tren geblieben, weil sie die einzige Partei ist, um der Menschen unserer Art leben können. Ick wollte nur, die Frauen waren noch etwas wirkender und tatiger in der Bekämpfung der drohend Nachgestiegenen Reaktion 25 Sollen wir noch sacen, dass sich eine officielle Ehrend terdienskreuzes durch den durch Verleihung des erkleit "Bandespräsidenten war? Dass ihre lieben Berliner die Hildegard wegscheider Schule" naoh ihr nannten hat sie gegreut. Das Sohonste von allem ist das bedenken der Freuͤnde, die einer viel jüngeren beneration angehören. Darum setze ich auch einige von dem"Abschiedsworten eines jungen" Verblüfftes trug sie auch. Dein Amt Freundes”, hierher: mußtest du verlassen, aber die Zeit der Verfolgung wurde für dich die Zeit der Bewährung. Menschenfurcht kunntest du nicht. Du kanntest nur eins, helfen. Jüdische Kinder wurden ir christlichen Lehrerfamilien unterge- bracht, jüdische. Bürger versteckt, ge- speist und weitergeleitet. Die kleine Wohnung in der Sächsischen Straße wurde in dieser grausamen Zeit ein Hort der Menschlichkeit, in dem du als Priesterin der Nächstenliebe gewaltet host. In diesen Jahren, da Un menschlichkeit und Barbarei regierten, da scharten wir uns um dich, und du fragtest nie nach Stand und Namen nach Religion oder Parteizugehörig- keit. Wen die große Not traf, dem halfst du ohne Vorbehalt. In diesen Tagen der großen Not war es wohl, daß dich der Weg immer mehr zur Re- ligion, zum religiösen Sozialismus führte. Nie frömmelnd, immer voller Witz und Humor, kristallisierte sich in dir wahres Christentum. So ist es geblieben, als 1945 das Nazireich zu- sammenbrach und wir aus den Kellern herauskrochen, da warst auch du, 74 Jahre alt, wieder zur Stelle. 11 Literatur: Iebens erinnere= Weide Welt im einem Spiegel. rungen von Dr. Hildegard wegscheider. Das Sozialische Jahrhundert. Erster Jahrgang Die Frau im demokratischen Staat Dr. Hildegard Weescheider. Verlas Das Volk, Berlin. Sordssin 1949, Nr. II"Nie i'0h Sozialdemokrat in wurde. Genoss'n Nr. 9 Es ist das Recht zu gewissen. Diverse Zeitungsausschritte. Aldane Clara ( 1857 - Zetkin 19337 Sozialdemokratischer Parteitag, abgehalten zu Berlin im November 1892. Es ist die dritte Jahrestagung der Partei nach dem Fall des Sozialistengesetzes. Hier begegnet uns zum ersten Male eine Frau, die gleicherweise durch ihre Intelligenz wie durch ihr Temperament auffällt. Es ist Clara Zetkin. Sie ist aber kein unbeschriebenes Blatt mehr. Auf dem" Internationalen Arbeiterkongress in Paris" ( 1889) hat sie ein Referat über" Die Frage der Frauenarbeit" gehalten. Der Vortrag hat zu dem folgenden Beschluß geführt: " Der Kongress erklärt, daß es die Pflicht der Arbeiter ist, die Arbeiterinnen als gleichberechtigt in ihre Reihen aufzunehmen, und fordert prinzipiell gleiche Löhne für die gleiche Arbeit für die Arbeiter beiderlei Geschlechts und ohne Unterschied der Nationalität". Unter dem Titel" Die Arbeiterin und die Frauenfrage der Gegenwart" ist 1889 eine Broschüre herausgekommen( Berliner Arbeiterbibliothek, 3. Heft). Sie hat großes Aufsehen erregt und ist wahrscheinlich das erste handfeste Material gewesen, das der Frauenbewegung international zur Verfügung gestellt wurde. Clara Eissner( so war ihr Mädchenname) wurde am 5.Juli 1857 in Wiederau in Sachsen geboren. Das industrielle Sachser war ein klassisches Land für den Fortschritt, für den Sozialismus, aber auch ein bedeutendes Versuchsfeld für die - 2- -2: allgemeine Frauenbewegung. Aus bürgerlichen Kreisen wuchs ein starkes Begehren nach geistiger und wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Der" Allgemeine Deutsche Frauenverein" war 1865 in Leipzig gegründet worden, als Clara noch ein Kind war. Zu den Gründerinnen gehörte( neben Luise Otto) auch die Lehrerin Auguste Schmidt, die auch mit Helene Lange für eine gediegene Mädchenschulbildung wirkte. Auguste Schmidt war die Vorsitzende des" Allgemeinen Deutschen Frauenvereins( von 1865-1900), der in dieser zentralen Organisation sehr bald alles umschloss, was" die Frauen bewegte". Das war die Lehrerin, die es nicht versäumte, das Interesse ihrer Schülerinnen auf die modernen Zeit strömungen hinzulenken. Clara Eissner, die dem Lehrerinnenberuf zustebte, besuchte das von Auguste Schmidt geleitete Steyberg'sche Lehrerinnen, seminar zu Leipzig. Wir gehen sicher nicht fehl in der Annahme, daß auch ihr von Auguste Schmidt weit mehr als nur ein gutes Allgemein- und Berufswissen vermittelt wurde. Jedenfalls hat Clara des Unterrichts und der Förderung ihrer Persönlichkeit immer in großer Dankbarkeit gedacht, trotzder sie mit der" bürgerlichen Frauenbewegung" während der ganzen Zeit ihres selbständigen öffentlichen Wirkens in bitterer Fehde lebte. Sie hat es nicht versäumt, den Namen dieser Lehrerin sogar in ihren Aufzeichnungen für das Reichstagshandbuch zu erwähnen. So traten die Frauenfragen -3 -3frühzeitig in das Blickfeld der jungen Clara. Ihr glühendes Temperament und ihre Freiheitsliebe trieben sie frühzeitig zum Sozialismus, der als Lehre und als geistig- revolutionäre Bewegung seine Anziehungskraft auf das junge temperamentvoll Mädchen ausübte. Wer von diesem Geist und Temperamten dazu jung-fühlte sich in den achtziger Jahren wohl in Deutschland?( Sozialistengesetz 1878-1890). Clara Heiratete Ossip Zetkin, einen russischen Revolutionär, ging nach Paris, studierte an der Sorbonne und führte das typische Emigrantenleben mit vielen Anregungen und ebensoviel materiellen Entbehrungen. Sie verlor den Mann, der ein Opfer der Tuberkulose wurde, und ernährte und erzog tapfer ihre zwei Söhne. 1890 fiel das Sozialistengesetz. Clara Zetkin kam nach Deutschland zurück. Auf dem Parteitag zu Berlin 1892 ist sie zum ersten Male als Delegierte. Sie war gewählt von der Parteiorganisation Mannheim/ Weinheim und von den Frauen Württembergs. Sie hatte in Stuttgart Wohnung genommen. Ja, diese Frau ging bewußt und mit dem Willen, mitzuschaffen, aber auch Einfluß auszuüben, ihren Weg durch die Zeitgeschichte. Es ist unsere heutige Pflicht, diesem Lebensweg nachzugehen und das festzuhalten, was darin für die Entwicklung der sozialistischen Frauenbewegung wichtig war und was im engen Zusammenhang damit für diese starke Frauenpersönlichkeit charakteristisch gewesen ist. 4- - 4- Ihr Aufstieg in der Deutschen Sozialdemokratie war einem Meteor gleich. Nach 1892 hat es keinen sozialdemokratischen Parteitag, keinen Internationalen Sozialistenkongress, keine sozialdemokratische Frauenkonferenz mehr gegeben ohne die tätige Gegenwart Clara Zetkins, bis 1913, dem letzten Parteitag vor Ausbruch des Weltkrieges 1914/18. Und auf keiner dieser Tagungen versäumte sie es, mehrfach das Wort zu nehmen( Auf den Frauenkonferenzen hat sie immer die Leitung in der Hand, auch hält sie stets ein wichtiges Referat). Und auf den Parteitagen beschränkt sie sich nicht etwa auf die sogenannten Frauenfragen. Furchtlos, geistig unabhängig, nimmt sie an den oft hitzigen Debatten teil. Und sie kämpft, z.B. finden wir sie auf dem Parteitag zu Stuttgart 1898, wie sie leidenschaftlich an einer großen Debatte gegen die Vorwärts- Redaktion beteiligt ist. Diese Beispiele ließen sich beliebig vermehren, wenn Platz und Gelegenheit es erlauben würden. des Ihre Tätigkeit als Redakteurin der Gleichheit, von Emma Ihrer unter dem Titel" Die Arbeiterin" gegründeten Frauenblattes, die tax sie( von 1892 bis 1916) ausübte, machte es ihr möglich, ihren reichen Geist zu entfalten, aber auch weithin hörbar manches zu sagen, wozu sie ohne dieses Frauenblatt sonst doch nicht immer die Gelegenheit gefunden hätte, trotzdem sich der begabten Schriftstellerin leichter als manchem anderen die Parteizeitungen und Zeitschriften öffneten. -5 - 5- Die 1895 erfolgte Wahl in die Kontrollkommission der Partei gab ihr Anerkennung und verstärkte noch ihre schon ges festigte Stellung innerhalb der Bewegung. Neben dem darin ausgesprochenen Vertrauen hatte sie nun eine noch engere Fühlung mit den Partei organen und in der Folge noch mehr Informationsmöglichkeiten. Aber wichtiger war noch, daß derselbe Parteitag einstimmig den Antrag annahm, daß der nächste Parteitag den Punkt" Frauenagitation" behandeln solle. Als Referent wurde Clara Zetkin bestimmt. Agitation, was hieß das? Was Clara daraus machte? Sie warf die ganze Problematik der Frauenfrage auf. In diesem Falle Geschichtliches, Soziologisches, Oekonomisches, alles, was an sczialen Schäden da war und dem Proletariat und seinen Frauen zu schaffen machte, wurde darunter behandelt. So faßte Clara ihre Aufgabe auf, und so hielt sie dann auch am 16.Oktober 1896 auf dem Parteitag zu Gotha unter dem Titel" Frauenagitation" ihr großes Referat, das dann, als Broschüre herausgebracht, ein Stück geistiges Fundament für die Frauenbewegung geworden ist. Sie ist heute noch aufschlußreich. Eine Resolution, die Quintessenz des Vortrages, wurde vom Parteitag einstimmig angenommen, der auch die Herausgabe des Referats als Broschüre beschloß. Die Resolution, die hier nur in knappen Auszug wiedergegeben, stellt fest: - 6- - 8- daß die moderne Frauenfrage das Ergebnis wirtschaftlicher Umwälzungen ist. Die Rednerin unterscheidet nach drei Klassen. 1. Die Frauen der" Oberen Zehntausend" mit eigenem Vermögen. Hier wächst die Frauenfrage nur aus der Rechtsstellung heraus. Die Frau will das Verfügungsrecht über ihr Vermögen. 2. Die Frauen der" mittleren und kleinen Bourgoisie" und" bürgerlichen Intelligenz" Hier wächst die Zahl der ehelosen Frauen, die auf eigenen Verdienst angewiesen sind, und der Familien, in denen der Verdienst des Mannes nicht genügt. Die Frauen drängen in " liberale" Berufe. Die Folge ist die Konkurrenz zwischen Mann und Frau. Gefordert wird von diesen Frauen die gleiche Berufsausbildung und Möglichkeiten der Berufsausübung. Das ist wirtschaftlicher Interessenkampf zwischen den Geschlechtern. Aber jeder Interessenkampf wird zu einem politischen, dem nach Gleichstellung. 3." Die Proletarierin": Das Ausbeutungsbedürfnis des Kapitals zwingt die Frau in die Erwerbsarbeit hinein. Das führt zur wirtschaftlichen Gleichstellung mit dem Mann ihrer Klasse. Die Ausbeutung der Frau ist härter, doch ergibt sich keine Konkurrenz mit dem Mann. Gemeinsam ist ihnen die Notwendigkeit der Aufrichtung von Schranken gegen die Ausbeutung. Die Frau bedarf aber auch der politischen Gleichstellung mit dem Mann. Ebenso bedarf sie der rechtlichen Gleichstellung, z. B. des Verfügungs- 7- -7rechts über den Lohn usw. Trotz dieser Berührungspunkte in den Forderungen hat die Proletarierin nichts Gemeinsames mit den bürgerlichen Frauenschichten. Ihre Emanzipation ( sprich Befreiung) muß gemeinsmes Werk des gesamten Proletariats sein. Daher muß die Agitation unter den Frauen sozialistische Agitation sein. Frauen müssen durch sie zum Klassenbewußtsein erweckt werden. Frauenbewegung muß sich streng im Rahmen der allgemeinen Arbeiterbewegung halten. Aber die Gesamtbewegung muß auch im Interesse der Arbeiterin und Frau wirken. ( Es werden noch praktische Maßnahmen für die mündliche und schriftliche Agitation präzisiert). Hier, in diesem Referat, und in der Folge auf allen Frauenkonferenzen und in der Gleichheit, auf Parteitagen, und wo immer sich die Gelegenheit bot, wurde die Linie gegen die bürgerliche Frauenbewegung gezogen, natürlich nicht ganz ohne Widerspruch, je nachdem mehr oder weniger geschickt, dem autoritären Geist und der scharfen Dialektik von Clara Zetkin war so leicht niemand gewachsen. Es verging z.B. kein Parteitag, auf dem sie nicht gegen Anträge zu kämpfen hatte, die sich mit den Popularisierungswünschen für die Gleichheit befaßten. Sie vertrat ihren Standpunkt geschickt und mit großer Leidenschaft und mit sichtlicher Freude; zu kämpfen war ihr innerstes Bedürfnis. Viele Genossinnen sagten uns - 8- -8( im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts), daß sie die Leitartikel der" Gleichheit" gar nicht erst zu lesen versuchten, sie seien ihnen zu" hoch"; sehr wertvoll aber sei ihnen der übrige Inhalt: Sozialpolitik, Berichte, Kulturfragen, Erziehung und die Kinderbeilage. Andere wieder freuten sich an der leidenschaftlichen, geschliffenen Sprache der Leitartikel und an ihrem Inhalt. So blieb das Interesse an dem Blatt immer lebendig. Anna Blos sagte 1930(" Die Frauenfrage im Lichte des Sozialismus", Verlag Kaden& Co.): " Diese sozialistische Zeitung war zweifellos eine der besten, wenn nicht die beste Frauenzeitung in Deutschland überhaupt. Es war gewisse nicht leicht, die Zeitung auf diese Höhe zu bringen und auf ihr zu halten. Es war schwer, einen Stab von geeigneten Mitarbeiterinnen zu finden, lange Zeit war die Mitarbeit unentgeltlich. Der Vorwurf, die Zeitung sei nicht populär genug, ist immer wieder gemacht worden. Clara Zetkin hat sie bewußt nicht populär gehalten. Ihr Wille war: einGegengewicht zu schaffen gegen die damals so beliebten Frauenzeitschriften, die heute noch so gern gelesen werden. Selbst die Unterhaltungsbeilage sollte möglichst wenig Romane, keine Modeberichte, keine Rezepte bringen, sondern dem Wissen dienen". Die Frage der wenn auch nur gelegentlichen Zusammenarbeit- ( etwa durch die Teilnahme an Kongressen, Kundgebungen usw.) mit der bürgerlichen Frauenbewegung zog sich wie ein roter Faden durch die Jahre hindurch, weil sich immer wieder- auch ernsthafte, erwägenswerte Gelegenheiten dazu ergaben.( Diese biographischen Skizzen bieten jedoch nicht den Platz zur Abhandlung früherer Streifragen. Sie registrieren nur). - Der Wille von Clara Zetkin war dominierend. Die Mehrzahl der Genossinnen, soweit sie an internen Verhandlungen teilnahmen, - 9- -9stand stets hinter ihr. Es gab natürlich auch Opposition; Clara war stärker. Ein Beispiel bietet der" Internationale Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen"( 19.- 26.Sept. 1896) in Berlin. Lily Braun hatte sich als Referentin für die " Arbeiterinnenfrage" verpflichten lassen. Sie zog auf Wunsch der Genossinnen ihre Zusage zurück. Auf dem Kongress motivierte sie das damit, daß ihr die Redezeit zu kurz sei. Dagegen sprachen aber Clara Zetkin und Lily Braun als Gäste in der Debatte, erstere absolut polemisch. Diese Frage der Nichtbeteiligung führte gelegentlich zu kleineren Auseinandersetzungen auf den Parteitagen und Frauenkonferenzen, wo auch männliche Genossen diese Abstinenz nicht guthießen. Clara benützte ihre Autorität in der Gleichheit, berief sich dabei auch auf Emma Ihrer und ihre Broschüre( Emma Ihrer," Die Arbeiterin im Klassenkampf"). Dort hat wohl diese aus ihrer Erfahrung heraus sich gegen ein ständiges Zusammengehen ausgesprochen, hat aber für ihre Person und von Fall zu Fall- bei gelegentlich an sie herantretenden Bitten wohlgesinnter bürgerliche r Frauen, sie mit der proletarischen Frauenfrage bekannt zu machen, nicht versagt. Das sah sie als Pflicht an und tat es. Sie hatte die starke Stütze der Generalkommission der Cewerkschaften hinter sich, die einem Frauenkomitee Raum und Einfluß eingeräumt hatte. Der Initiative und zähen Energie von Clara Zetkin verdanken wir es, daß die sozialistischen Frauen internationale Beziehungen knüpften und pflegten. Ihr großes historisches Wissen, -10 <-10ihre Kenntnis der sozialen Zusammenhänge, nicht zuletzt ihre reichen Sprachkenntnisse befähigten sie, das, was auf den internationalen Konferenzen bearbeitet und beschlossen wurde, auch durchzuführen. Sie war der treibende Motor und- im Theoretischen und Schriftlichen- die ausführende Kraft. Als sich in Stuttgart( 1907) das internationale Frauenkomitee konstituierte, wurde Clara zur internationalen Sekretärin und die Gleichheit zur" Zentrale der Internationalen Frauenorganisation" bestimmt. Das Frauenmaterial aus den beteiligten Ländern ging durch ihre Hände, wurde von ihr verarbeitet und erhielt ihre Interpretation. In Kopenhagen ( 1910) beschleß die internationale Konferenz durch Zetkins Initiative den Internationalen Frauentag. Die Gleichheit gab ihr die Möglichkeit in Deutschland- ständig dafür zu wirken, diesem Tag immer neuen Inhalt zu geben, Begeisterung dafür zu wecken und das Feuer ständig zu schüren. Durch das Wachstum der internationalen sozialistischen Frauenarbeit bekam die Gleichheit wachsende Bedeutung. Ihre Auflage wuchs ständig, sie wurde im Ausland geleen und sehr beachtet. Wurde Frau Clara Zetkin geliebt? Diese Frage ist nicht mit einem glatten Ja zu beantworten. Hierzu müßte man die Synthese ziehen können zwischen der menschlichen Klugheit und Intelligenz, die sich mit jedar menschlich- reifen Weisheit paart, die" immer über den Dingen" steht und die immer gütig ist, die auch andere, kluge Menschen neben sich erträgt, sie toleriert, sie zu verstehen sucht und sie fördert, die es - 11- -11gelernt hat und auch ständig übt, den Anderen, den Ebenbürtigen wenn auch andersartigen auf der gleichen Ebene gelten zu lassen und sich gegebenenfalls in der Aufgabe mit ihm zu teilen. Von dieser Art war Clara nicht. Ihrem Temperament nach mußte sie herrschen. Aber der Hang zum Herrschen und diese eben gezeichnete Weisheit schließen einander aus und die von solcher Leidenschaft beherrschte Intelligenz kommt dann auf Kosten letzter Sachlichkeit zum Ziel.. Bei der engen, sachlichen Zusammenarbeit mit Männern( auch wenn sie die Frauenfrage verstandesmäßig bejahten) kam es naturgemäß aus einer geschichtlich gewachsenen, psychologisch verständlichen Befangenheit der Frau gegenüber leicht zu Spannungen, besonders bei einer Frau wie Clara Zetkin. Bei den unvermeidlichen Debatten bildete sich oft auf beiden Seiten eine Kampfund Abwehrstellung heraus. Das ist beim Durchblättern der Parteitagsprotokolle leicht sichtbar. Und die Frauen? Manche liebten und verehrten sie. Alle anerkannten ihren scharfen Verstand, ihren Ideenreichtum, sie beugten sich ihrer Energie und Dialektik. Jahrzehntelang hat sie mit ihrem Geist und Temperament die Frauenkonferenzen beherrscht. Anregungen, die von ihr ausgingen und solche, die sie aufgriff, fanden ihren Niederschlag in der Bewegung durch die reichen Möglichkeiten, die ihr offenstanden. Clara Zetkin interessierte sich stark für kulturpolitische, besonders für Erziehungsfragen. Auf der Frauenkonferenz in Bremen 1904, die sie auch als Vorsitzende leitete, hielt sie - 12- - 12 ein groß angelegtes, mit Material gut unterbautes Referat über" Schule und Erziehung". Sie geißelte die Volksschule als Armenschule und sagte manches, was heute noch in der modernen Pädagogik Gültigkeit hat. Von einer Debatte und Beschlüssen wurde abgesehen, weil es nicht beabsichtigt war, einem späteren Parteitag vorzugreifen. Auf dem Parteitag in Mannheim 1906 teilte sie sich mit Heinrich Schulz in die" Schul- und Erziehungsfrage". Clara Zetkin übernahm die in Leitsätzen niedergelegten Grundsätze auf das prolebarische Elternhaus, sie Selbsterziehung und die praktischen Bildungsaufgaben der Partei. Sie war unglücklicherweise nicht wohl; trotzdem sprach sie geistvoll eineinhalb Stunden bis zur Erschöpfung. Der Vorsitzende Genosse Singer sagte dann:".... ich bin überzeugt, daß der letzte Teil des Referats der Genoss in Zetkin das gleiche Interesse finden würde..... Unsere Pflicht ist es, sie zu schonen.. Ich schlage vor, daß wir sie ersuchen, ihr Referat und den noch fehlenden Text im Druck zu veröffentlichen". Clara verläßt unter tosendem Beifall das Rednerpult. Beschluß: Beide Referate werden in Massenauflage- als Broschüre herausgegeben. In dem Bericht an den( wegen des Krieges nicht abgehaltenen) Parteitag, der für 1914 in Würzburg vorgesehen war, wurde die Auflage, die die Gleichheit erreicht hatte, mit 125 000 angegeben. Von 191* 1914 an stand Clara Zetkin auf der Seite derer, die die Kriegspolitik der Sozialdemokratie nicht - 13- - 13verstehen konnten. Sie setzte als Redakteurin der Gleichheit ihr praktisches Handeln mit dieser Politik in Gegensatz. ( Die nachfolgenden Angaben habe ich von Freunden, die es wissen). Sie versuchte, die durch den Kriegsausbruch abs gerissenen Fäden wieder neu zu knüpfen. Der verfolgte Zweck war, die Frauen( international) als Kriegsgegner zu aktivieren. 1915 brachte sie in Bern eine internationale Frauensitzung zustande. Von dort ging ein Manifest" An alle Frauen der kriegführenden Länder" heraus, in dem zum Eintreten für den Frieden aufgefordert wurde. Wegen dieses Manifestes saẞ Clara unter der Anschuldigung des Hochverrats dreiviertel Jahr in Untersuchungshaft. Ausserdem wurde sie wegen der Herausgabe der Zeitschrift" Internationale" zusammen mit ihrer Freundin Rosa Luxemburg und mit Franz Mehring in Anklagezustand versetzt. Diese Zeit ist heute Geschichte geworden, wir haben Abstand davon gewonnen. Es ging natürlich nicht an, daß in einem Kapf der Geister, der auf Leben und Tod ging, die Sozialdemokratie eine von ihr getragene Einrichtung einfach der Opposition überließ. So wurde 1916 Clara ihres Amtes als Redakteurin der Gleichheit enthoben. 1917 schloß sie sich ( bei der Gründung in Gotha) der" Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" mit an. Sie warnte damals vor einer Gründung der kommunistischen Partei( die Zeit erschien ihr noch zu früh), aber nach der Gründung trat sie dann dieser bei, ebenso der Kommunistischen Internationale. Sie konnte - 14- 2 - 14aufgrund ihres Namens sowohl in der KPD wie in KI und dank der verhältnismäßigen Meinungsfreiheit, die ungefähr bis zu Lenins Tod bestand, zumindest für die nichtrussischen Parteileute ihre persönliche Meinung vertreten, auch dann, wenn diese von der Parteilinie abwich. So opponierte sie z.B. gegen die Frauenthesen, die der zweite Kongress der KI beschlossen hatte und die ganz auf die russische Bewegung zugeschnitten waren. Von den Grundlagen, die sie für die IK- Frauenbewegung geschaffen hat, ist heute kein Buchstabe mehr vorhanden. Clara Zetkin galt später durchaus nicht mehr als" zuverlässig". Der Tod, am 20.Juli 1933, hat sie erlöst. Sonst hätte sie nach der Meinung ihrer Freunde wahrscheinlich das Schicksal vieler Kommunisten geteilt, d.h. sie hätte gleich denen, die im" Vaterland der Werktätigen" Schutz vor dem Faschismus suchten, Verbannung und Tod durch die KPU erleiden müssen. Dem deutschen Reichstage gehörte Clara Zetkin- als Kommunistin von 1920 bis 1933 an. Zu den Sitzungenkam sie meistens aus Moskau, wo sie sich viel aufhielt. Ihr Wohnsitz war immer noch Stuttgart. Ihre Reden im Reichstag fanden stets die achtungsvolle Aufmerksamkeit, wie es die Persönlichkeit dieser Frau auch verdiente. Im Jahre 1932, beim Zusammentritt des neugewählten Reichtags, war die Fünfundsiebzigjährige mit Geschick als Alterspräsidentin tätig, bis der gewählte Präsident sein Amt von ihr übernahm. Dieser Präsident aber - 15- - 15- war nicht Paul Löbe, sondern Hermann Göring. Der Abstieg der Republik hatte begonnen, der" Umbruch" folgte. Die sozialdemokratischen Frauen haben Clara Zetkin sehr viel zu danken. Daran darf die Tatsache, daß sie den Weg, den sie uns bahnte und führte, nicht bis zum Schluß mit uns gegangen ist, nichts ändern. Sie handelte in der Überzeugung, auf diese Weise der Arbeiterbewegung am besten zu dienen. Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen, das sind die Weisen. LITERATUR Sämtliche Protokolle der Parteitage und Frauenkonferenzen 1892 1913. Mitteilungen von Freunden. Luise Zietz ( 1865- 1922) Luise Zietz geborene Körner, Sekretärin in Berlin. Dritter Wahlkreis Berlin. Unabhängige Sozialdemokratische Partei. Geboren am 25. März 1865 zu Bargteheide/ Schleswig_ Holstein, evangelisch. Besuchte die Volksschule, später die Fröbelschule zur Ausbildung als Kindergärtnerin. Seit dem Jahre 1892 innerhalb der Sozialdemokratie agitatorisch, organisatorisch und schriftstellerisch, auf politischem und sozialpolitischem Gebiet tätig. Verfasserin der Schriften" Zur Frage der Frauenerwerbs" Zur Frage des Mutter- und Säuglingsschutzes" " Wie gewinnen arbeit" - " Die Frauen und der politische Kampf" wir die Frauen für das politische Leben?" " Die Sozialdemokratie und die Landarbeiter" u.a.m. So hat Luise Zietz es selber für das Handbuch der Nationalversammlung, in die sie( 1919) einzog, geschrieben. Nach Ablauf der Nationalversammlung wurde sie in den ersten Reichstag der Republik gewählt. Am 26.Januar 1922 erlitt Luise Zietz an der Reichstagssitzung, nicht ganz siebenundfünfzig Jahre alt, einen Schlaganfall. Am Tage darauf starb sie in ihrer Wohnung in Berlin- Hasenheide. Ein opfervolles, dem Wohl der männlichen und weiblichen Arbeiterschaft gewidmetes Frauenleben hatte damit aufgehört zu sein. - 2- - 2- 1897 nahm Luise Zietz zum erstenmal als Delegierte an einem sozialdemokratischen Parteitag teil, es war in Hamburg. Sie war schon als Rednerin bekannt geworden. Die Hamburger Parteileitung und die Gewerkschaften hatten der jungen, temperamentvollen und mutigen Frau ihre Aufmerksamkeit geschenkt. So war es nicht ausgeblieben, daß ihr Ruf auch über die heimatlichen Grenzen hinaus drang und andere Orte sie baten, auch zu ihnen zu kommen. Auf dem Parteitag merkt man ebenfalls, daß sie zwar noch Anfängerin, aber kein absoluter Neuling mehr ist, denn sie sprach -31898 hält die Sozialdemokratie ihre jährliche Heerschau in Stuttgart ab. Luise Zietz ist wieder delegiert und spricht dort zu einem Antrag. Sie bittet die Reichstagsfraktion darum, vor dem Reichstage Beschwerde darüber zu führen, daß der Paragraph 153 der ehemaligen Gewerbeordnung eine miẞbräuchliche Anwendung fände. Dann spricht sie für die Beteiligung an den preussischen Landtagswahlen zu einer Frage, die damals in der Partei noch strittig war angesichts der vollkommenen Aussichtslosigkeit, die das Dreiklassenwahlrecht den Wählern dent dritten Klasse( den Arbeitern) bot. Schließlich nimmt sie noch einmal das Wort, um zur Frauenagitation etwas zu sagen. Es lag nämlich ein Antrag der anwesenden Frauen vor. Dabin wurde an den Parteitagsbeschluß von Gotha( 1896) erinnert, wonach überall dort weibliche Vertrauenspersonen zu wählen seien, wo ihre Tätigkeit zur Förderung einer planmäßigen Agitation unter dem weiblichen Proletariat notwendig und möglich erscheine. Luise Zietz begründete den Antrag. Sie sagte, daß sich das" System der Vertrauenspersonen wohl bewähre, nur manche dieser" Vertrauenspersonen erfüllten noch nicht die ihr gestellten Aufgaben. Sie verkenne nicht die großen Schwierigkeiten, aber es lohne sich nicht mitzutun, wie es der Hamburger Hafenarbeiterstreik bewiesen habe. Die Gewerkschaften hätten sich dort zum X + Preussische und andere Vereinsgesetze ließen keine politische Frauenorganisation oder Anschluß an Parteien zu( eine Person kann nicht aufgelöst werden) -4 - 4- erstenmal an die Frauen gewandt. Nicht zum geringsten Teil sei es dem Eifer und der Hilfe der Hamburger Genos sinnen zu danken, daß die( bisher nicht organisierten) Hafenarbeiter treu zusammenhielten, solange der Streik währte. Man sähe, die Frauen könnten auch ohne das Stimmrecht zu haben Einfluß ausüben und ebenso für alle möglichen Funktionen innerhalb der Arbeiterbewegung zur Verfügung stehen. ( Luise Zietz war es gewesen, die die Hamburger Frauen angefeuert und mitgerissen hatte). Unter dem Begriff der" Agitation" wurde damals vieless fast alles zusammengefaßt, was zur politischen und gewerkschaftlichen Aufklärung der Frauen diente und womit man sie für irgendeine der im Bereich des Möglichen. liegenden Organisierung zu gewinnen suchte. Agitation bedeutete also auch, daß der oder die" Agitierende" sich mit der Materie, um die es ging, genau vertraut zu machen hatte. Wer aufklären wollte, mußte selber etwas wissen, wer weibliche Mitglieder gewinnen wollte, mußte die essens Bedingungen kennen, unter denen die Frauen lebten, warum es so war und worin damals die Möglichkeiten einer Abhilfe bestanden. Wenn die Frauen der neunziger Jahre sich abmühen mußten, um in die Gedankengänge des Sozialismus hineinzukommen, so bedeutete es für sie, die oft nur eine geringe Schulbildung hatten, heißes Bemühen und harte Arbeit im Selbststudium. Oft war es so: je naiver man den Dingen gegenüber stand, je weniger man von dem Tatsächlichen - 5- -5wußte, umso leichter konnte man dazu ein Urteil fällen. Wenn dann den Eifrigen ein Licht darüber aufging, daß doch war nicht alles so einfach sei, um die schwierigen Probleme der Zeit beurteilen zu können, fiel ihnen für eine Weile das Sprechen schwerer, fühlten sie die Verantwortung stärker. Für Luise Zietz müssen wir feststellen: zu den Leichtfertigen des Wortes gehörte sie nicht. Sie verlangte von sich selber sehr, sehr viel, aber sie verlangte es auch ihr Leben lang von den anderen. Doch woher kam Luise Ziet? Sie war die Tochter des Wollwirkers Körner aus Schleswig- Holstein. Wer nur ein wenig Ahnung hat von dem hoffnungslosen Kampf, der in dieser Zeit noch vom Webstuhl aus gegen die mechanisch getriebene Maschine geführt wurde, kann sich eine Vorstellung der Rückständigkeit des Denkens und von dem Elend in diesen Weberfamilien machen. Der" Webermeister" war noch immer stolz auf seine" wirtschaftliche Selbständigkeit", als die Maschine sich längst auf ihrem wirtschaftlichen Siegeszug befand. Er wehrte sich noch immer, ein" Fabrikarbeiter" zu werden und opferte dieser längst zu einem Phantom gewordenen Selbständigkeit nicht nur seine eigene Arbeitskraft und Gesundheit. Die Frau mußte ebenso über ihre Kraft arbeiten, und die vier Körner- Kindern, bis zum kleinsten herunter, wurden um Gesundheit und Jugendglück betrogen. Die Wollweber brauchten z.B. die Kratzmaschine zur Vorbereitung der Rohwolle, zu deren Antrieb gewöhnlich enge80hitt zwei Hunde gebraucht wurden. Gelegentlich mußten das aber - 6- <-6** auch die kleinen Kinder tun. Und regelmäßig mußten sie das Spulrad treiben bis zur Übermüdung der zarten Glieder, ganz zu schweigen von dem Raub an kindlicher Lebensfreude. beabsichtigt. Diese Grausamkeit der Eltern war nicht gewollt Unfähig, die große wirtschaftliche Umwälzung, in die sie durch die technische Entwicklung hineingezwungen waren, zu überau oh schauen, wurden sie ungewollt, jedoch unerbittlich, hart zu ihren Kindern. Es war der nackte Hunger, der Hunger ihrer Kinder, der sie dazu trieb, den Kamof der menschlichen Arbeitskraft gegen den Mechanismus der- das Vielfache leistenden - Maschine zu führen. Die neunjährige Luise wurde mit dem Liefern der schweren Fertigware betraut. Auch das ging weit über die Kraft des Kindes. Aber wenn sie etwa gar so glücklich war, das Geld für die abgelieferte Ware nach Hause zu bringen, gab es an diesem Abend besseres und reichlicheres Essen und als besondere Belohnung die Erlaubnis, lesen zu dürfen. O, dieses Glück! Die Schulbibliothek lieh ja so gute Bücher aus. Wieviel lachendes, seliges Kinderglück ist diesem Kinde inser Luise und den Geschwistern verloren gegangen? Diese Kinderjahre waren immer der Schatten über dem Leben Luises, aber auch der Stachel, der sie vorwärts trieb. Das Große an ihr aber war, daß sie fähig wurde, sich diese Jugenderlebnisse aus dem großen wirtschaftlichen Entwicklungsprozeß heraus zu erklären, d.h., ihre Bitterkeit ins Sachliche zu - 7- -7sublimieren. Diese Erkenntnis aber verdankt sie wiederKneben ihrer natürlichen Intelligenz, ihrer beipiellosen Energie, ihrem rastlosen Fleiß, mit dem sie die Lücken ihrer Schulbildung schloß und mehr- mit dem sie ihr Leben hindurch rastlos an sich und ihrer Weiterbildung arbeitete. Das junge Mädchen wurde, nachdem es die verlangte Volksschule verlassen hatte, zuerst einmal Dienstmädchen. Es waren Verwandte, zu denen sie gegeben wurde. Aber welcher hartherzigen Ausbeutung begegnete sie dort! Mar unbegrenzter Arbeitszeit bei schwerer Arbeit. Ein Buch zu lesen, blieb weder Zeit noch Kraft übrig, es hatte auch niemand Verständnis für diesen Drang in ihr. Jugendfreude? Ein unfaßbarer Begriff. Luise versuchte es mit anderer Arbeit. Nach vielem Mühen gelang ihr in Hamburg der Eintritt in die Fröbelschule, um Kindergärtnerin zu werden. Bewußter, reifer geworden, sah sie in der Großstadt viele Möglichkeiten zur Weiterbildung. Sich Wissen anzueignen, war ihr rastloses Streben. Eine Ehe mit einem Hamburger Hafenarbeiter war kurz. Sie scheint ohne Glück gewesen zu sein. Aber Luise kam mit der Hamburger Arbeiterbewegung in Berührung. Alles, was sich an Bitterkeit des Gefühls in ihr aufgestaut hatte, fand hier seine wohltätige Auslösung. Hier waren Menschen ihrer Art und ihres Denkens, hier fand sie Verständnis für ihr Streben nach Wissen und Erkenntnis, hier fand sie auch den Weg zu den Bildungsmöglichkeiten: zu Vorträgen, Unterricht und Büchern. - 8- - 8- Es waren nicht mehr die Helden ihrer Jugendbücher, die sie begeisterten, es war der Sozialismus, der so viele willkommene Anforderungen an ihr selbständiges Denken, an ihren Bildungstrieb, an ihr Wissenwollen stellte. Sie fühlte, wie die Menschen der Partei ihr Vertrauen entgegen brachten. Man übertrug ihr Aufgaben, die die in ihr schon vorhandene organisatorische und rednerische Befähigung zur Entfaltung kommen ließ. Wie lohnte es sich nun, ganze Nächte hindurch über den Büchern zu sitzen, erschlossen sie doch in ihr eine ganze Welt. Iuise Zietz war eine von den Frauen, die mit Intelligenz, mit einer unerschöpflichen Energie, mit zielklarem Wollen alle Hemmnisse überwand, die sich durch die große Armut ihres elterlichen Hauses, durch eine trübe Kindheit und eine für ihre Begabung unzureichende Schule, durch die große Ausbeutung ihrer Jugendzeit vor ihr aufgebaut hatten. Die Hamburger Arbeiterschaft und die Frauen delegierten sie in diesen Jahren ihres Wachsens und Werdens zu jedem Parteitag. Es war zu sehen, wie sie von Jahr zu Jahr mehr in die sozialistische Erkenntnis hineinwuchs, wie auch ihre Persönlichkeit sich entwickelte. 1899 auf dem Parteitag in Hannover, für den sie auch zur Schriftführerin gewählt wurde, tritt sie temperamentvoll Eduard Bernstein gegan Exx entgegen. Neigt doch der Grundzug ihres Wesens zum Radikalen. An den Erkenntnissen, die sie sich erworben hatte, ließ sie so leicht nicht rütteln. Und wie es sich - - - 9- - 9- aus ihrem ernsthaften Nachdenken ergab, mußte sie es sagen. Luise war opferfähig, zu jedem persönlichen Einsatz bereit." Agitationstouren" zu machen, das war in der damaligen Zeit ungeheuer anstrengend und mit sehr vielen Unbequemlichkeiten verbunden. So kam sie oft in einen kleinen Ort und stellte fest, daß ihre Versammlung noch gar nicht bekannt gemacht war. Dann trug sie eben selber noch die Handzettel dafür von Haus zu Haus und lud zu ihrer Versammlung ein. Wie oft blieb keine andere Möglichkeit übrig, als in einer kinderreichen, dafür desto ärmeren Familie in der Nacht irgendwe und irgendwie mit unterzuschlüpfen. Irgendwann und wo wurden einmal ihre Versammlungen polizeilich verboten. Es war ihr dort auch. nicht gestattet, in der Diskussion zu sprechen. Ein andermal aber konnte sie berichten, wie sie nach einer Zehnminutenrede des Vorsitzenden anderthalb Stunden in der Debatte sprechen konnte. In einem Fall, wo man ihr und einer anderen Genossin das Nachtquartier verweigert hatte, gab ihnen die Wirtin heimlich gegen Wissen und Willen des Gastwirts und der Dorfbewohner- einen Notunterschlupf, aber sie mußten im Morgengrauen, ehe das Dorf wach geworden war, den Bahnhof erreicht haben. Das waren die Erlebnisse der Frauen, die sich der Agitation für den Sozialismus verschrieben hatten. Unter ihnen war Luise Zietz eine der -10 [ einrücken. <- 10- erfolgreichsten, bestimmt auch klügsten, sprachlich besonders gewandtesten. Wie manchen Straußgab es mit der Polizei zu bestehen. Das Vereinsrecht unterschied sich in den einzelnen deutschen Ländern voneinander und ausserdem differierten in Preussen die Auslegungen der örtlichen Polizeibehörden. [".... Wir schreiben 1900. Am 15.November fand die erste sozialdemokratische Frauenkonferenz Deutschlands in Mainz statt. Luise Zietz war als Schriftführerin in das Präsidium gewählt worden und beteiligte sich lebhaft an den Arbeiten der Konferenz. Das schon bestehende System der Vertrauens personen wurde nach einem Vortrag von Clara Zetkin untermauert. Mutig angreifend sagte diese: in der Theorie sind die Genossinnen( innerhalb der Partei) sch on gleichberechtigt. In der Praxis aber hängt der Philisterzopf den männlichen Genossen noch ebenso im Nacken, wie dem ersten besten Spießbürger". Der auf die Konferenz folgende Parteitag stimmte ganz rückhaltlos den Anträgen der Frauenkonferenz zu und nachte sie dadurch zu seinen eigenen Beschlüssen, damit auch die Gesamtpartei verpflichtend. In die Kommission zur Durchführung des Organisationsstatus wählte man neben Emma Ihrer und Clara Zetkin auch Luise Zietz. Wir sehen, daß auch die zentrale Anerkennung 24 dieser Frau und ihrer Leistung durch die sozialdemokratische Partei nicht ausblieb. Viele Jahre stand Luise Zietz - 11- - - 11- in der Agitationsarbeit. Es war mühevoll und aufreibend. lang sam Die sozialdemokratische Frauenbewegung wuchs zahlenmäßig dir und an geistigem Gehalt. Für ihre Persönlichkeitsent2tets wicklung und für die Sache, der Luise mit ganzer Hingabe ******* diente, war es ebenso fruchtbar. Ihre organisatorischen, schriftstellerischen und rednerischen Fähigkeiten konnten sich dabei entwickeln. Nech Ihren Gefühl, lohnt sich, die Nächte hindurch über Büchern zu sitzen, erschlossen a sie ihr doch eine ganze Welt. Sie, die" Körnerarbeit" so glühend haẞte, arbeitete aus freiem Entschluß und viel länger und härter, wobei auch keine goldenen Früchte zu pflücken waren, keine Ehren und keine Mandate winkten. Das war etwas, was in kühnsten Träumen nicht erdacht wurde. Auf der Frauenkonferenz in München 1902 setzte sich Luise Zietz nun mit den inzwischen immer reicher gewordenen Erfahrungen und mit ihrer ganzen feurigen Beredsamkeit für" methodisch geleitete Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen" ein, sie empfahl diese für kleine Kreise. Mit seiner Losung" Wissen ist Macht" hatte Wilhelm Liebknecht in der Arbeiterschaft Brücken zur notwendigen Bildungsarbeit geschlagen. Auch die Frauenbewegung machte von dieser Devise freudig Gebrauch. Wir wollen hier gleie einschalten, daß im Laufe der langen Jahre, in denen Luise Zietz 12- -12agitatorisch, lehrend und schriftstellerisch arbeitete, sehr viele junge Genossinnen von ihr gefördert worden sind. Mit der ihr eigenen Energie erzwang sie auch von denen Anderen in denen sie Fähigkeiten entdeckte, daß sie Befangenheit und Hemmungen fahren ließen, sich auf Parteitagen und Konferenzen zum Wort meldeten, in Diskussionsveranstaltungen ihre Meinung formten und aussprachen. So manche Genossin hat durch ihre- etwas strenge- Aufmunterung Selbstvertrauen bekommen. sie - 1903 war das Kinderschutzgesetz im Reichstag angenommen worden. Es trat mit Beginn 1904 in Kraft. Die Frauenkonferenz, die 1904 in Bremen stattfand, befaßte sich mit der Gesamtmaterie des Kinderschutzes. Es erwies sich, daß die Referentin Luise Zietz sich mit dem Stoff innig vertraut gemacht hatte. Ihr Referat wurde- zur Broschüre verarbeitet- und hat ein Jahrzehnt lang als wertvolles Material für Lehrende und Lernende gedient. Überhaupt war Suisei eine der anregendsten Schriftstellerinnen. Wenn men sich literarisch streiten wollte, hem mancher vielleicht zu anderen Urteileff. Die sachliche Verarbeitung des Materials und seine Anordnung aber war es, die den Frauen, die ihre Broschüren und Artikel benützten, zusagten. Sie waren genau das, was die sozialistische Frauenbewegung von damals notwendig hatte. Wenn man z. B. heute ihre Broschüre" Die Frau und der politische Kampf"+ durchsieht, so staunt man über die plastische, gemeinverständliche Darstellung der Zeiterscheinung:" Frauenerwerbsarbeit". Sie zeichnet dort die Wandlungen der Anschauungen auf, die sich in Verbindung +1908 Buchhandlung Vorwärts, Paul Singer, Berlin SW - 13 - 13damit vollzieht, vollziehen muß. Sie benützt die Statistik der verschiedenen Volks- und Berufszählungen und zeigt daran die daraus erwachsenden sozialen Umwälzungen in der menschlichen Gesellschaft und speziell im Lwben der Frauen. die Sie führt den Leser durch zu der sozialpolitischen Miẞständen und hin zu den Forderungen, die sich von selbst daraus ergeben. So führt sie weiter, bis in die große Politik hinein, an der die Frauen Anteil nehmen sollen. Sie zeigt ihnen, wie sie zum Objekt einer Entwicklung wurden, aber zum schließlichen Mithandeln berufen sind." Die Frau gehört ins Haus" rufen dieselben Leute, die die Frauen wissentlich und unwissentlich aus dem Haus herauszwingen, weil sie oder die Angehörigen ihrer sozialen Schicht die billige Frauenkraft gebrauchen können, und weil( wie ein Keil den anderen treibt) die Frauen aus ihrer Lage heraus zur Erwerbsarbeit gezwungen sind. Durch diese und ähnliche Schriften und nur dadurch konnten die proletarischen Frauen von damals das Selbstbewußtsein und damit die sittiich Kraft entwickeln, sich sehend und fordernd aus ihrer Lage zu erheben. Th ihrer politischen Haltung begegnete sich Luise Zietz mit Clara Zetkin. Dafür mag ein Beispiel dienen: 1904 hatte auch der Frauenweltbund( bürgerlich) in Berlin eine Tagung abgehalten. Schon nach dem internationalen Kongress von 1896 hatte es in der sozialistischen Frauenbewegung <- 14- - 14eine Kontroverse wegen Beteiligung oder Nichtbeteiligung gegeben. Das war nicht vergessen. Luise Zietz stand in diesen Fragen immer neben Clara Zetkin. Auch diese Konferenz wurde von den sozialistischen Frauen nicht beschickt. In der Frauenkonferenz in Bremen wurde dann gesagt von einem männlichen Teilnehmer diese Frage aufgeworden. Er fand, daß zur Verhütung mancher Beschlüsse die Teilnahme sozialistischer Frauen ratsam gewesen wäre. Leidenschaftlich gegen ihn polemisierend, sagt Luise Zietz schließlich: " Wir haben Wichtigeres zu tun, als auf Konferenzen bürgerliche Frauen vor ihren Dummheiten zu bewahren." Für die Frauenkonferenz 1906 in Mannheim war Luise Zietz die Behandlung der" Lage der Landarbeiterinnen" übertragen worden. Das Referat war wieder eine Glanzleistung in der Bewältigung einer schwierigen Materie. Ausserdem beteiligte sie sich mit Eifer und Geschick an der von Helene Grünberg , in Angriff genommenen Dienstbotenorganisation. Der Vortrag über die Landarbeiterinnen wurde in 10 000 Exemplaren systematisch verbreitet. Die später ausgebaute Broschüre gehörte dann ebenfalls zum wertvollen Hilfsmittel für die Frauen, die in der Arbeit standen. Es ist wohl kein Wunder, daß diese aktive Frau, als das für die Frauenbewegung so wichtige Jahre 1908 herangekommen war, ganz im Vordergrund stand. Auf der Frauenkonferenz im Einverständnis mit dem Parteisssstand in Nürnberg ta* 1908 hielt sie das Referat, daß die α - 15- Ich kurze Einzug a.n. Protokoll Ich ist nichts gewesen. dice 190 tadt Kassel stattfindenden s konferenz fahrt Hessen Nord. 2010 gez. Hans Ni tsche 1. Vorsitzender - 15- organisatorische Eingliederung der Frauen in die Partei( auf dem Pardeidae - organisation behandelte. Wir sehen deutlich, daß sink die Referentin der Frauenkonferenz und der Berichterstatter dieses Punktes an den Parteitag es war der junge Hermann Müller aufeinander abgestimmt waren. Er weist auf die vortrefflichen Ausführungen der Genossin Luise Zietz, die ja schon durch die Presse bekannt geworden seien, hin und empfiehlt die Resolution der Frauenkonferenz zur einstimmigen Annahme. Es waren Grundsätze die statutenmäßige Eingliederung geschah auf dem nächsten Parteitag 1909 in Leipzig. Aber Luise Zietz wurde die erste Frau, die auf einem Parteitag offiziell in den Parteivorstand gewählt wurde. Und in Leipzig hielt sie auf dem Parteitag ein Referat über" 1910 entwickelte sich dann ein Streit zwischen den Frauen, Es wurde in der in der" Gleichheit seinen Niederschlag fand. XXXIXANAX axwartete diesem Jahr wieder eine Frauenkonferenz erwartet. Luise Zietz hatte auch im Parteivorstand dafür plädiert, hat sich dann aber den Gründen gefügt, die für eine Verschiebung bis 1911 sprachen. Der stärkste Grund war das Stattfinden der Internationalen Konferenz in Kopenhagen( mit Frauenkonferenz) an der die deutschen Genossinnen so zahlreich wie möglich teilnehmen sollten. Es war das erstemal, dass die Frauen in der Partei spüren mussten, dass sie sich mit ihren Wünschen dem Willen der Gesamtpartei einzufügen hatten. Das war weiter nicht tragisch. Die haushohen Wellen verebbten wieder. Die Zeitspanne von 1908-1914( Ausbruch des 1. Weltkrieges) stark waren wohl die fruchtbarsten unter den en so so sehr mit Arbeit ausgefüllten Jahren. Dann wurde der Krieg zur unabanderlichen, harten Tatsache. Er brachte den großen Konflikt auch in das Leben der Fraud, hinter deren etwas hart erscheinendem Wesen ein so warmes Herz schlug. Politisch stand sie auf der Seite der Genossen, die später die Unabhängige Sozialdemokratie( USP) gründeten. Daß sie bei diesem politischen Erdbeben den auch mit den Frauen und Kindern fühlte, bewies sie durch ihr Handeln in den ersten 16 17die sich in den Unterstützungskommissionen abspielen würden, in denen sich unsere Genossinnen Eingang und Einfluß x suchen müßten. Die Notwendigkeit einer ausgedehnten Beaufsichtigung schulpflichtiger und vorschulpflichtiger Kinder angesichts der allgemeinen Zustände, läger die sich immer noch zum schlechten entwickeln, würden auf der Hand liegen: Die Beschaffung der notwendigen Räume zum Zusammenführen der Kinder würde schwierig sein, wenn Schulen und andere Häuser für Lazarette gebraucht würden. Die Kommunen müßten veranlaßt werden, dabei zu helfen. Für Krankenhilfe wurde auch Haushaltshilfe auf freiwilliger Grundlage vorgesehen. Es war ein ganzes Programm der kameradschaftlichen Solidarität, das in diesem Rundschreiben entwickelt wurde. Aufgrund dieser Anweisungen und Ratschläge hat sich die Eingliederung der sozialdemokratischen Frauen in den" Nationalen Frauendienst" vollzogen, wodurch sich eine Entwicklung anbahnte, die nicht wieder abgerissen ist, sondern sich folgerichtig fortsetzte.- Diese Entwicklung war damals noch nicht so zu überschauen. Luise Zietz hat dann diese Gedankengänge weiter ausgebaut. Sie wurden in der" Neuen Zeit niedergelegt. Schließlich( 1917), als sich die Differenzen sehr zugespitzt hatten und die USP sich installierte, übernahm Luise Zietz einen Sekretärposten im Vorstand dieser Partei. Es waren ihr + Neue Zeit, Jahrgang 1915. Ergänzungsheft 21, Vorwärts Verlag, Berlin - - 18- Etatrede. Freier W ARBEITER Frau Marie Juchacz Bezirksve -18- sicher seelische Wunden geschlagen, die besser hätten ausheilen können, wenn es zu vertrauensvollen Aussprachen hätte kommen können. Das war ihr nicht mehr vergönnt, sie hat das Ende des Bruderstreites nicht erlebt. Sie war voll des inbrünstigen Wunsches, daß es ihrer Richtung gelingen möge, dem blutigen Ringen ein Ende zu machen. Wir alle nun den verschiedenen Parteien angehörend, sehnten wohl gleichmäßig dieses Ende herbei. Die geschichtliche Entwicklung wollte, daß der Waffenstillstand und die Revolution vom November 1918 zusammentrafen, um das Endex des blutigen, verhängnisvollen Krieges zu besiegeln. Die Revolution brachte den Frauen das Wahlrecht. Es war selbstverständlich, daß Luise Zietz mit in das Parlament einzog. Sie wollte ursprünglich die Wahlhandlung noch hinausgeschoben wissen, jedoch waren die Strömungen für eine Wahlhandlung zum möglichst nahesten Termin stärker. Im Parlament schaltete sie sich mit der ihr eigenen Energie in die Arbeit ein. Am 1919 sagte sie in einer Etatrede u.a.: - 19- Menschen Es gab 1919 viele erwartungsvolle Frauen in Deutschland, die glaubten, daß die Frauen der Parlamente in vielen Fragen eine Phalanx bilden würden. Das war jedoch nur selten der Fall und auch nicht so einfach, die politischen Gegensätze zu überbrücken. Wo es möglich war, verschloß sich auch Luise Zietz einem gemeinsamen Vorgehen nicht. Als am 1.März 1919 in der Nationalversammlung eine Interpellation der Frauen gegen die Fortsetzung der Hungerblockade und für die Herausgabe der Kriegsgefangenen eingebracht wurde, stand darunter auch ihr Name. Leider war ihre parlamentarische Arbeit nur kurz, wurde von dem jähen Tod unterbrochen. Die beiden Flügel der Arbeiterbewegung näherten sich bereits sichtlich wieder einander an, die Zeit wirkte heilend, das Verbindende begann das Trennende zu überschatten. Luise hat die Stunde der t Vereinigung nicht mehr erlebt. Sicher ist es, daß sie met solange sie in der Arbeiterbewegung gestanden hat weit über ihre Kraft gelebt hat. So konnte dieses Leben wohl nur kurz sein. Paul Iöbe, Präsident des Reichstags, sagte von ihr: " Wer ihr persönlich näher treten durfte, der weiß, daß unter dem Harnisch der Kämpferin- und darum für die Welt draussen verborgen-ein mütterlich- sorgsames Herz schlug, das ihr durch die Härte des Kampfes nicht zerstört werden konnte". Die" Freiheit"+ sagte am Schluß eines warmes Nachrufs: + " Diese Frau mußte mitten im Kampf hingerafft werden, nur auf äusserstem Posten konnte der Tod sie treffen an anderen Stelle zu stehen, war sie nicht gewohnt". Organ der USB. 20 - 20- Der Vorwärts nennt die Verstorbene mit bewundernder Anerkennung" den Typus der aufstegenden Arbeiterin, die unter den schwierigsten Verhältnissen ruhelos arbeitete am wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt". Selbst der deutschnationale Lokalanzeiger sagte: " Sie war nicht ohne Größe und gab alles hin für fremde Not." So versuchten viele jeder in seiner Art- der menschlichen Persönlichkeit dieser Frau gerecht zu werden. Die Sozialdemokratie insgesamt und alle sozialdemokratischen Frauen trauerten um Luise Zietz, die ihre letzte Ruhestätte auf dem Zentralfriedhof in Friedrichsfelde inmitten bekannter Vorkämpfer des Sozialismus gefunden hat. 1. 2. 3. LITERATUR: Parteitagsprotokolle und Protokolle von sozialdemokratischen Frauenkonferenzen von 1897 bis 1913 ( Verlag Vorwärts, Berlin) Luise Zietz: Die Frauen und der politische Kampf ( Verlag Vorwärts, Berlin) Protokoll der Nationalversammlung zu Weimar 1919 4. " Neue Zeit" 1915, Ergänzungsheft 21 ( Verlag J.H.W. Dietz, Stuttgart). 5." Bleichheid, Jahrgang 1910.