Marie Juchacz Leben und Arbeit MARIE JUCHACZ LEBEN UN) ARBEIBIS 306 1 EITE ARBEITS- ORIGIAL FRITZMICHAEL ROEHL MUÜNCHEN 15 SCHUBERTSTR. 4 19- - 1- Vor r w ort Als ich mich- der Geburt nach ein Neffe von Marie Juchacz, der Erziehung und dem Leben nach aber ebenso gut eines ihrer Kinder- an die Arbeit machte, um die Biographie dieser Frau niederzuschreiben, standen mir nur die Aufzeichnungen zur Verfügung, diaxxxx* x* x* x* xx mit deren Niederschrift Marie Juchacz fünf Jahre vor ihrem Tode begann, nachdem sie aus der nordamerikanischen Enigration nach Deutschland zurückgekehrt war. Briefe und Berichte von Freunden ergänzten das Bild dieser Frau, machten es aber nicht vollständig. Im Gegenteil: je intensiver ich das umfangreiche Material durcharbeitete, desto schwieriger wurde für mich die Erarbeitung der Rxxxxxxux Antworten auf die Fragen: wer und was war sie nun in Wirklichkeit? Menschen, die- wie Marie Juchacz- schon sehr früh in das öffentliche Leben hineinwachsen, verlieren sehr leicht selbst bei den engsten Freunden und Mitarbeitern" das private Gesicht". Das war bei Marie Juchacz unsomehr der Fall, als sie" die Diskretion gegenüber dem persönlichsten Leben anderer als eine der schönsten Tugenden" hervorhebt. Das bedeutet, dass sie selbst von anderen die Diskretion gegenüber ihrem eigenen privatesten Leben erwartete. Sie hat es den Mengchen, mit denen sie in engster Arbeit und beruflicher Freundschaft verbunden war, durch ihr eigenes reserviertes Verhalten leicht gemacht, diesen Standpunkt zu respektieren. Fragen, die sich zwangsläufig gesprächsweise auch einmal auf ihre private Sphäre ausdehnten, wurden von ihr so allgemeingültig beantwortet, dass niemand dxxxxx irgend welche Schlüsse daraus ziehen konnte. Von sich aus schnitt sie Dinge, die sich in eigenen Hause abspielten, niemals an. Der Biograph, der gerade den Menschlichen dieser Frau nachgehen und auch gerecht werden will, steht also vor keiner leichten Aufgabe, umsomehr, als in beruflichen Leben von Marie Juchacz" das Private",* x* x ********* й das persönliche Erlebnis, der menschliche Kummer, das stan dige Sich- auseinander- setzen- müssen mit der eigenen, most bedrückenden Situation, der stärkste Motor war, der sie auch wenn es ihr selbst mitunter nicht ganz klar war oder bewusst nicht klar sein wollte- auf den Weg führte, den sie konsequent und in jeder Situation gegangen ist. • . • - 2- Als Marie Juchacz im" weisen Alter" begann, Stationen und Erlebnisse mit Stichworten, ausführlicheren Notizen und auch zusammenhängenden Abschnitten zu formulieren, musste sie sich nun selbst damit auseinandersetzen, ob und in welchem Umfange bei einem solchen" Rechenschaftsbericht über das eigene Leben" Ereignisse aus der privatesten Sphäre berücksichtigt oder eliminiert werden müssen. Sie hat au an diesen Formulierungen mit dem Fleiss und mit der Gründlichkeit gearbeitet, die sie immer auch für ihre politisch- beruflichen schriftlichen Arbeiten aufwandte. Das Schreiben fiel ihr schwer, sie strich vieles durch, formulierte neu, ergänzte, und nicht nur die Roh- Manuskripte ihrer politischen Aufsätze, sondern auch ihre leider unvollendeten Lebenserinnerungen zeigen wiklopit ihr Bemühen, jedem Gedanken oder Gesichtspunkt den besten stilistischen Schliff zu geben. er Für mich, der ich die ersten fünfundzwanzig Jahre meines Lebens in " gemeinsamer Häuslichkeit" mit Marie Juchacz verbrachte, und davon zwanzig Jahre im vollen Bewusstsein des Miterlebens, ist es nicht leicht gewesen, rückerinnernd den Schlüssel zum Menschen Marie Juchacz zu finden und Zusammenhänge zu ergründen, die besonders für das Leben Mempeken wichtig sind, die im Licht der Öffentlichkeit stehen. So erklärt sich das Bemühen des Biographen, im Sinne der von Marie Juchacz verstandenen Diskretion aus dem privaten und öffentlichen Leben dieser Frau die Symbiose zu finden, die ihren Charakter, ihr Wesen, ihre Art und ihr Wirken auf die engere und weitere Umgebung nachträglich deutlich und verständlich macht. Für viele, die sie kannten, mag es oft- meist sogar immer- den Anschein gehabt haben, als ob ihr Herz, und damit ihr Da- sein, nur ihrer politischen Aufgabe gehört habe. Die meisten ihrer besten und engsten Mitstreiterinnen und beruflichen Freunde haben zu ihren Lebzeiten und nach ihrem Tode versucht, sich selbst darüber klar zu werden. So sagt Anna Stiegler: " Wenn ich ehrlich sein soll: ich habe nie einen wirklich persönlichen Kontakt zu Marie Juchacz gefunden. Ob es an mir lag, oder an uns beiden? Ich weiss es nicht. Lotte Niehaus, die ich fragte, da sie ja von Anfang an in der Arbeiterwohlfahrt mit gearbeitet hat, sagte das selbe. Bei allen: Hoobachtung für ihre Leistungen, aber darüber hinaus haben wir alle sie kaum kennen gelernt, und das ist sehr schade!" Wie diskrepant lingt es dagegen, wenn Marie Juchacz oft auf Ihre Fragen, warum gerade sie für diese oder jene Funktion ausgesucht wurde, zur Antwort erhielt: . - 3- " Weil wir Sie kennen!" Vielleicht gelingt es mit diesem Buch, Marie Juchacz auch menschlich all denen nahe zu bringen, die über die Zusammenarbeit mit ihr hinaus das Bedürfnis hatten, etwas mehr von diesen Menschen und nicht nur von der Politikerin- zu wissen. - - Bald nach der Rückkehr aus der amerikanischen Emigration, im Jahre 1950. begann Marie Juchacz mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen. Viel Zeit blieb ihr dafür nicht, denn das, was im Nachkriegsdeutschland knapp zwei Jahre nach der Währungsreform- politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich neu erstand und zusammenwuchs, nahm ihr ganzes Interesse in Anspruch. Sie reiste durch das Bundesgebiet, war heute in Hamburg, morgen in Berlin, wenige Tage später in Düsseldorf und Bonn, um an Besprechungen, Konferenzen, Tagungen und Veranstaltungen teilzunehmen. Sie hielt kurze und längere Referate, besuchte Freunde, von denen sie sechszehn Jahre lang getrennt war, nahm zu den Problemen Stellung, mit denen sich die nach dem Zusammenbruch 1945 wiedererstandene" Arbeiterwohlfahrt" auseinandersetzen musste, und schrieb das Buch" Sie lebten für eine bessere Welt", Lebensbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts, 29. Kurzbiographien, die in ihrer Gesamtheit ein geschlossenes Bild der sozialistischen Frauenbewegung geben. Diesem Buch ist ein Brief vorangestellt, den Friedrich Stampfer, der kürzlich verstorbene Chefredakteur des sozialdemokratischen" Vorwärts" und jahrzehntelanger Mitstreiter und Parteifreund von Marie Juchacz, an sie schrieb: " Als Du mir das Manuskript zu lesen gabst, empfand ich es sofort als einen Mangel, dass von Dir selbst darin nicht die Rede ist. Du hast das Buch dem Andenken Deiner Mitkämpferinnen gewidmet, die vor Dir dahingegangen sind, aber so streng lässt sich die Grenze zwischen Leben und Tod nicht ziehen. Eine Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung in Biographien ist unvollständig, wenn darin Marie Juchacz nur als Erzählerin, nicht auch als Handelnde in Erscheinung tritt." Noch bevor Marie Juchacz die Fülle ihrer Aufzeichnungen zu einer geschle senen Autobiographie zusammenstellen konnte, um damit am Beispiel ihres eigenen Lebens ihren Beitrag zu leisten zur Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung im allgemeinen, und zur Entwicklungsgeschichte der Arbeiterwohlfahrt in besonderen, schloss sie- sechs Wochen vor ihrem 77. Geburstag- am 28. Januar 1956 für immer die Augen. Die von ihr nur zum Teil zusammengefassten Darstellungen einzelner Lebensabschnitte und die Fülle der hinterlassenen Notizen und Briefe er . wwww 4- gaben nach chronologis cher Ordnung das Gerüst, das mit dem Wissen und den Erzählungen von Freunden, Mitarbeitern und Angehörigen ausgefüllt wurde. Die Erinnerung des Verfassers an viele Einzelheitendürfte dazu beitragen, das Bild einer Frau zu vervollständigen, die sich vorbehaltlos in den Dienst der von ihr selbst gewählten und immer wieder neu erarbeiteten Aufgabe stellte, die ihr Herz der" Arbeiterwohlfahrt" gab- und deren wirkliches Herz nur wenige kannten. Neue Seite- Neñes Kapital Fritzmichael Roehl if Immer wieder einmal zurückschaven 28 Nachdem Marie Juchacz schon einige Jahre an der Niederschrift einzelner Lebensphasen gearbeitet hatte, xkaxkkx wollte sie in einem Vorwort mit grundsätzlichen Gedanken Stellung nehmen zu dem schon in Bruchstücken ausgeführten Entschluss, ihre Lebenserinnerungen in BuchForm herauszugeben: -5" Solange ich in der Arbeit des Tages stand, kam mir niemals der Gedanke, dass ich einmal über mein Leben im Zusammenhang schreiben würde. Wohl versuchte ich gern, wie es ja auch mit meiner Tätigkeit zusammenhing, Anderen meinex Gedanken, inneren Erlebnissex und Erkenntnissex zu vermitteln. Das Alter macht beschaulich. Seitdem ich nun auf so lange Jahre des Wirkens in der Öffentlichkeit zurücksehen kann, ist nun doch der Wunsch wach geworden, etwas aus diesen Erinnerungen aufzuschreiben. Zuerst ist dieser Gedanke von aussen her an mich he rangetragen worden. Ich habe ihn lange abgelehnt. Es erschien mir vermessen,- mein Schicksal und meine Arbeit für ein solches Unterfangen nicht bedeutend genug. Vertrauter wurde mir diese Idee, sie verdichtete sich zum eigenen Wunsch, nachdem ich nach anger Abwesenheit aus der Emigration wieder nach Deutschland zurückkehrte. Mein persönliches Schicksal hat mich auf so manchen verantwortungsvollen Platz in der Arbeiterbewegung gestellt. Ich habe mich niemals dazu gedrängt. Aber wenn ich dann vor einer Aufgabe stand, machte es mir Freude, sie nach bestem Können zu erfüllen. Die Verantwortung, die ich trug, das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, der ständige Gedankenaustausch mit Menschen gleicher Grundgesinnung, das als inneres Muß empfundene fortgesetzte Eindringen in sozialistisches Ideen- und Gedankengut gehören mit zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens. Mit vielen Menschen, Männern und Frauen, hat sich mein Lebensweg gekreuzt. Einige der grossen Sozialdemokraten habe ich nur noch ganz aus der Ferne verehrt, ich war damals viele noch sehr jung. Später lernte ich aus der nächsten Generation persönlich kennen. Beim Nachdenken über mein Leben und seine wechselvolle Zeit komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass sich vieles für mich aus Zufälligkeiten und aus Zeitumständen ergeben hat. Zufall war es, was mich schliesslich bis in die Spitze der sozialdemokratischen Partei, in den Vorstand führte. Mein Wille war nicht auf dieses Ziel gerichtet. Ich wurde immer irgendwie aufgespürt, für eine Funktion ausgesucht und vorgeschlagen oder gerufen. Niemals habe ich mich zu einem Amt gedrängt stets wurde mir die neue Verantwortung angeboten. Aber ich habe es immer als ein grosses Glück empfunden, am Werden und Wachsen der Arbeiterbewegung teilzunehmen und habe damit auch ein Stück deutsche Ge schichte bewusst miterlebt. -6tha Es sind heute nur noch wenige Frauen vorhanden, die sich eine lebendige Erinnerung an jene Zeit bewahren konnten, in der um das Frauenwahlrecht gekämpft wurde, in der es um den Schutz der Arbeiterin, um Mutter- und Kindesrecht im weitesten Sinne ging, und um die Zulassung zu vielen Berufen, die damals den Frauen verschlossen waren. Nur wenige sind noch da, die an dem Hochgefühl des endlichen Sieges teilgenommen haben, als die Frauen nach jahrzehntelangen Kämpfen endlich das allgemeine Wahlrecht erhielten. Die politische Mündigkeitserklärung der Frauen im Jahre 1918/1919 war nur eine Etappe auf dem Wege der Frauenemanzipation. Nachdem galt es, alte unerfüllte Forderungen der Frauen auf Gehalt und Berechtigung zu prüfen, sie in Formeln zu bringen, die in der Gesetzgebung und in der Praxis des Lebens realisierbar sind. Das nahm zu einem guten Teil die politisch tätigen Kraft der Frauen in der Zeit der Weimarer Republik in Anspruch, neben der Teilnahme an den allgemeinen politischen Fragen, die für das Volksganze von grosser Bedeutung waren. Das Gros der heutigen Frauengeneration weiss wenig, zum Teil garnichts davon. Von dem, was uns neben der erlebnismässigen Erinnerung an literarischen Hilfsmitteln zur Verfügung stand, um das Band zur Vergangenheit immer wieder neu zu knüpfen, ist wenig genug geblieben, und das Wenige ist aus den verschiedensten Ursachen durchaus nicht allgemein zugänglich, nicht einmal einem kleinen Kreis. In der Mentalität der jüngeren Generation hat sich seit 1933 bis heute so manches spürbar geändert. Ich stelle das nur fest, ohne Kritik daran zu üben, und wünsche nur, dass es mir trotzdem gelingen möge, auch von den jüngeren Frauen verstanden zu werden. Das wäre ein sehr schöner Lohn für die Bemühungen in diesem Buch. Was uns spürbar fehlt, ist, dass in d den Jahren, in denen der freie Gedankenaustausch unterbunden gewesen ist, der natürliche Prozess des aneinander Abschleifens unterbrochen war. Der einzelne Mensch stand mit seinen Gedanken allein. Da er sie nicht aussprechen, sie nicht für die Öffentlichkeit niederschreiben konnte, fehlte die Möglichkeit ihrer Überprüfung und der Weiterentwicklung. Das empfinden wir heute als Kluft zwischen den Generationen, wir fühlen es ganz besonders in der Frauenfrage. Mögen diese Erinnerungen eine Brücke sein. Wohl glaubte ich, der Idee, der ich mein ganzes Leben lang gedient habe, noch manches schuldig zu sein. Wenn man aber spürt, dass die körperliche Kraft nachlässt, hat man die Pfliaht, damit haushälterisch umzugehen. Ich glaube, dass es richtig ist, wenn ich mich auf diese sichtbare und hoffentlich nützliche Leistung konzentriere, um den Jüngeren . -7etwas zu hinterlassen, denen, die etwas von den Erfahrungen aus früherer Zeit benützen wollen, für das Verständnis sozialistischen Ideengutes, zur Erweckung und Erziehung des weiblichen Teils der um Erkenntnis und Fortschritt ringenden Menschheit. So freudig und gern wir alle in der Gegenwart stehen sollen, um darin auch für die Zukunft das Unsrige zu tun und um daran selbst zu wachsen, so wichtig ist es doch auch, immer wieder einmal zurückzuschauen, die Gegenwart an der Vergangenheit zu prüfen und sich selbst an dem, was daran gut war, neu zu orientieren." . + Marie Juchacz ( Faksimile) Bei den Eltern 8- muss es beginnen . . " Jede Lebensbeschreibung muss bei der Kindheit, im Elternhaus, bei den Eltern beginnen. Eindrücke, die man in der frühesten Jugend empfing, Charaktereigenschaften, die man von Eltern und Vorfahren mitbekam, auch das Temperament, das einem vererbt wurde, die Lebensumstände, - - mit denen man kämpfen, denen gegenüber man sich durchsetzen musste, das Maß von Willen, Energie und Fleiss, mit den man an sich arbeitete, bilden am Schluss die Summe, die zum Werden eines Menschen führt. Der Rückblick auf ein Leben zwingt wohl immer zur Prüfung und Sichtung der verschiedenen Umstände und Faktoren, die von früher Zeit her in Wachsen eines jeden Menschen mitbestimmend gewesen sind." Diese Zeilen schrieb Marie Juchacz kurz vor ihrem 75. Geburtstag, im Jahre 1954, nieder. Sie hatte das Alter erreicht, in dem axxixxxäktare besinnen!, die von Zeitereignissen und Menschen sich leichter auf Dinge von persönlichen Erlebnissen verschüttet waren und nun durch die Erinnerung an längst vergessene Einzelheiten zu, einer Vorstellung der Kindheit führten, wie man sie niemals als junger Mensch haben kann. Von dieser hohen Warte eines sich vollendenden Lebens aus sah sie noch einmal ihr Elternhaus: " Mein Vater Friedrich Theodor Gohlke stammte aus einer Familie, in der die Männer seit jeher gleichzeitig Bauern und Zimmerleute waren. Sie bestellten ihre kleinen Äcker und bauten den anderen Bauern ihre Wohnhäuser, Ställe und Scheunen, aber auch die Kirchen. Es waren fromme Leute, diese Männer, besonders aber ihre Frauen. Eine Brüdergemeinde war es, wahrscheinlich die Herrenhuter, der sich die Vorfahren meines Vaters mit ihren Familien angeschlossen hatten. Meinen Grossvater habe ich nicht mehr gekannt. Der älteste Sohn, Stiegbruder meines Vaters, hatte den Hof und das Baugeschäft im Warthebruch übernommen. Er war schon ein alter Mann, wohl an die siebenzig, als ich- ein Schulkind noch einige Male dort war. Er hätte wohl mein Grossvater sein - 89können und ich habe ihn auch so empfunden. Er hatte nach meiner Erinnerung einen feinen Kopf, ein intelligentes Gesicht und gute Augen. Die Tante empfand ich nicht so angenehm, ihre Freundlichkeit war nicht echt und herzlich. Auch schien sie es meinem Vater nachzutragen, dass er sich von der Brüdergemeinde fortentwickelt hatte. In diesem ehemals grossväterlichen Hause versammelten sich sonntags die Mitglieder der Gemeinde, die aus den umliegenden Dörfern zusammenkamen, zu Fuss, aber auch mit Pferd und Wagen. Da wurden in der grossen Stube Bänke in Reihen aufgestellt und Andacht gehalten, bei schönem Wetter auch auf dem Hof. Da ich nur gelegentlich in den Ferien dort war, um mich dann an selbstgepflückten Kirschen richtig satt essen zu dürfen können, waren die frommen Eindrücke nicht so stark. Die Erinnerung an den grossen Kirschbaum und an andere essbare schöne Dinge blieb haften. Die Eltern meines Vaters waren früh gestorben. Er und sein Bruder Johann waren noch Schulkinder, als sie Waisen wurden. Sie mussten zuweilen bei Verwandten unterschlüpfen, wo sie sich beim Hüter der Schafe nützlich maam st ZJ chen konnten und die Zahl der Esser in der Familie des Bruders vermindertan. Beide erlernten dann, aus der Dorfschule entlassen, beim Stiefbruder das Zimmererhandwerk. Die Lehre muss gut gewesen sein, jedenfalls gehörte das Bauzeichnen mit dazu, zum Beispiel der Aufriss und die Berechnung einer Balkenlage, der Treppen, der Verband des Dachgeschosses, ja selbst Wendeltreppen und der Verband eines Kirchturms. So hat es mir mein Vater öfter mit Stolz erzählt. Ich muss sehr empfänglich dafür gewesen sein und habe mich zeitlebens stark für das Bauen interessiert. Allerdings, so sagte mein Vater mir, habe er später beim Dorfschulmeister und aus Lehrbüchern sein Wissen und Können noch ergänzt. Der Vater ging schon sehr früh aus dem Elternhause und damit aus dem Warthebruch fort, um sich in einem anderen Dorf unweit Landsberg an der Warthe, in Heinersdorf, niederzulassen. Im Gegensatz zu dem schweren Bruchland war dort leichter, sandiger Boden, und die Landschaft wurde noch bestimmt- so lernte ich es in der Schule-" von den Ausläufern des uralischbaltischen Höhenzuges". Dort in dem Dorf wurde noch mein ältester Bruder Otto geboren, am 27. August 1872. Bald danach übersiedelte die kleine Familie in die Standt Landsberg, wo mein Vater als Bauunternehmer sein Glück versuchen wollte, es aber wirtschaftlich nicht fand. Um die Konkurrenz aufnehmen und durchhalten zu können, hätte er wahrscheinlich kapitalkräftiger und in seinem Verhalten skrupelloser sein müssen. !! * . - 10- * Als sich Friedrich Theodor Gohlke mit Frau Henriette und Sohn Otto in Landsberg niederliess, geschah das mit dem Web Wunsch, sich möglichst bald als selbständiger Bauunternehmer betätigen zu können. Das wenige Er sparte reichte am Anfang aber nur für die Miete einer kleinen Dachwohnung in einem Haus an der Warthe, also schon am Rande der Stadt, und für den Lebensunterhalt für die ersten arbeitslosen Wochen. Mutter Henriette rechnete damit, dass Vater Gohlke bald als Zimmerpolier und Bauschreiner in einer Baufirma anfangen würde, aber Theodor Gohlke glaubte, dass die Zeichen der Zeit es waren die" Gründerjahre"- auch für seine geschäftlichen Ambitionen als Unternehmer günstig seien. So bewarb er sich nicht um eine Stelle als Arbeiter, sondern versuchte, Aufträge für Zimmerarbeiten zu erhalten. Um diese Aufträge ausführen zu können, brauchte er Handwerkszeug, vor allem aber einen Arbeitsplatz. Mit kleineren Krediten**** X** X** X** X******* machte er die notwendigsten Anschaffungen und baute gleich hinter dem Haus einen Schuppen. Durch Anfangserfolge mutig geworden, verpflichtete er Lehrbuben und Gesellen, kam aber nicht recht vorwärts, denn die Bauschreinerei war saisonbedingt, und in den stillen Zeiten verbrauchten sich die geringen geschäftlichen Gewinne. Theodor Gohlke war an politischen oder sozialen Problemen nicht interessiert. Die Vorstellung, sich eine selbständige geschäftliche Position zu erobern, muss ihren Ursprung in den" Freiheitsbegriffen" gehabt haben, mit denen er auf dem Lande aufgewachsen war, als Sohn von Bauern, die ausserdem noch ein selbständiges Handwerk ausübten, als Schreiner, Schlosser, Wagenbauer oder Schniede. Hier in der Stadt waren die Probleme anders, und als im Laufe der ersten Landsberger Jahre noch zwei Kinder дækякяиxxкdяи zur Welt kamen, wurde die Lage zeitweilig nur noch schwieriger. Zu den finanziellen Sorgen kamen лæk die der grösser gewordenen Familie hinzu, und Theodor und Henriette mögen es als fragwürdige" Erleichterung" empfunden haben, dxxx als die in Landsberg geborenen Kinder, ein Mädchen und ein Junge, starben. Vater Gohlke wacht nur vom Pech verfolgt, Manches Haus in Landsberg war dazugekommen, an den er fleissig mitgearbeitet hatte. aber m l l l l l l l c k a Kindheit und Schulzeit шшшшшания Neue Seite- Nan Kapitel Es war kein besonderes Ereignis in wechselvollen Auf und Ab das Lebens der Familie Gohlke, dass am 15. März 1879 ein Mädchen geboren wurde, das den Namen Marie erhielt. Mutter Gohlke war mit ihren 32 Jahren und trotz eines arbeitsreichen und oft mühevollen Daseins jung und kräftig genug, und Vater Gohlke nahm die Geburt seiner Tochter mit der gleichen Freude • • • - 11- Ankunft der und den gleichen, etwas sorgenvollen Gedanken auf, wie das bei den anderen Kinder auch der Fall gewesen war. Der siebenjährige Otto hatte eine Schwester bekommen, und das Leben ging weiter, genau so wechselvoll wie bisher. Manchmal gab es viel Arbeit für Vater Gohlke, manchmal weniger, und ebenso oft mussten Lehrbuben und Gesellen entlassen und der Arbeitsschuppen geschlossen werden, Das war" die Kinderstube", in der Marie aufwuchs, unsorgt von der Mutter, versorgt vom Vater, und verwöhnt vom Bruder, der ihr Spielzeug anfertigte und sie mit dem jungenhaften" Erwachsensein" behandelte, wie das noch heute bei Kindern mit den gleichen Altersunterschied anzutreffen ist. Dazu gehörte sich, dass sich Otto mit 10 Jahren Gedanken machte, dass Marie mit drei Jahren nicht mehr ins Kinderbett gehöre. Vater und Sohn machten sich gemeinsam ans Werk und bauten ein älteres Sofa so un, dass Marie ein auf Rollen laufendes Bett erhielt, das wie ein Schubkasten in das Sofa hineingeschoben wurde, während die Rücklehne sich herunterklappen liess und so tagsüber der Mutter als Abstell- und Bügeltisch diente. Maries Kinderbett hatte ausgedient, und Vater und Mutter Gohlke hatten nichts dagegen, dass Otto es auseinandernahm und zu den alten Hölzern in den Schuppen hinter dem Haus legte. Schon mit jungen Jahren nahm Marie mit wachen Verstand alles auf, was Vater und Mutter ihr- bewusst oder auch nur deshalb, weil sie nun einmal" so" waren als Erziehung mit auf den Weg gaben. Später, als Vater Gohlke schon tot war und Mutter Gohlke bei Marie in Berlin lebte, rundete sich aus Erinnerung und Erzählung in der erwachsenen und in Berufsleben stehenden Marie das Bild ihrer Eltern- und ihres" Elternhauses", das immer nur aus bescheidenen Dachwohnungen bestand: " Ich wuchs trotz des fleissigen und hochstrebenden Vaters in einer kleinen, ärmlichen aber sehr sauberen Dachwohnung auf. Sie war sonnig und Dank der besonderen Haushaltungskunst und des Fleisses meiner Mutter Henriette immer blitzsauber und aufgeräumt. Nach meiner Erinnerung war immer Arbeit da für meinen Vater, ein geniete 12 - ter Bauplatz mit einem Schuppen, sehr vielem Holz und gutem Handwerkszeug. Aber niemals war reichlich Geld da, die stärkste Einschränkung gehörte zum Tag. Von den berühmt- berüchtigten Gründerjahren nach 1871 haben wir nur die Kehrseite zu sehen bekommen. Wohle ich heute noch das eine oder andere schöne Wohnhaus das mein Vater gebaut hat, aber von Geld, gutem Verdienst und reichlichem Leben war nichts zu merken. 1 - erinnere mich an Ich sehe meinen Vater genau vor mir mit seinem sauberen, ehrlichen Gesicht und profiliertem Kopf, mit klaren, klugen und so guten Augen. Er war immer gut zu uns Kindern wie auch zur Mutter, und konnte überhaupt nicht anhaltend böse sein. Wenn es einmal einen etwas heftigeren Wortwechsel zwischen ihm und unserer meist stillen, aber doch sehr temperamentvollen Mutter gab, so fielen niemals rohe Worte, und in wenigen Augenblicken war wieder Friede. Mein Vater pflegte dann meistens die Wohnung zu verlassen. Nach einigen Minuten kam er wieder herein, und es wurde freundlich miteinander gesprochen. Viel später, nach seinem Tode, als ich selbst schon eine reife Frau war, die ihr eigenes Lebensschicksal zu tragen hatte, erzählte mir meine Mutter einmal, dass es zu Beginn der Ehe nicht immer so gewesen sei. Sie hätte gelegentlich ihren Kopf durchsetzen wollen, und versuchte es mit längerem Bösesein. Das aber hatte für den feinfühligen Mann zur Folge, dass er sich krank und elend fühlte, wenn ihm Verstand und Einsicht nicht erlaubten, in der Sache nachzugeben. So- sagte sie mir wäre er gerade durch seine friedliebende Art immer der Stärkere gewesen. Aber sie fände das, nun auch aus der Brinnere rung, alles sehr richtig und sehr gut. So rühmte sie mir auch das grosse Pflichtbewusstsein des Vaters gegenüber der Familie. Wenn es auch arm bei uns zugegangen sei, so hätte er doch immer für das Notwendige gesorgt. Nur mit seinen hochfliegenden Plänen wäre sie niemals einverstanden gewesen. Ihr wäre es soviel lieber gewesen, wenn der Vater so wie Onkel Johann, der schon erwähnte jüngere Bruder meines Vaters, es getan habe sich mit der Stellung eines Poliers oder ersten Gesellen bei einem wohlhabenderen Bauunternehmer abgefunden hätte. - Es gab viele Kinder im Haus und in der Nachbarschaft. Wenn die Väter meiner Kindheits- Spielgefährten am Abend nach Hause kamen, gingen die Kinder meistens scheu an die Seite. Ich konnte es mir nicht erklären, warum das wohl so war. Wenn mein Vater nach Hause kam, freute ich mich, sprang ihm entgegen und hängte mich in seinen Arm. Ich hatte immer etwas zu fragen, und er antwortete ernsthaft und freundlich, sodass ich niemals Scheu empfand oder mich durch eine Antwort verletzt fühlte. Selbst auf heikle, geschäftliche Fragen bekam ich eine, meinem kindlichen Verständ 13 - 80nis angepasste Antwort. So habe ich ihn einmal gefragt, warum er, nachdem das grosse Haus am Markt nun endlich fertig sei, noch immer kein Geld übrig habe, damit die Mutter mir neue Stiefel kaufen könne. Auch da leuchtete mir seine Antwort so vollkommen ein, dass ich ihn verstand. Ich hätte ihn gegen jeden Vorwurf verteidigt, hätte ich je Gelegenheit dazu gehabt. Später habe ich wohl gemerkt, warum die anderen Kinder unseres Hauses und aus der Nachbarschaft Furcht vor ihren vätern hatten. Manchmal hatten sie getrunken, manchmal hatten die Kinder auch Strafe zu erwarten, weil die Mütter ihnen gedroht hatten, es dem Vater zu sagen, wenn sie etwas verpext hatten, und dann setzte es Schläge. Das kannten wir nicht. Vater schlug weder ein Kind noch einen Lehrbuben, er war dazu einfach nicht fähig. So hat meine Mutter es im Zorn öfter bei einem" Katzenkopf" bewenden lassen. Sie wusste genau, dass es gar keinen Zweck hatte, etwa am Abend noch über uns Kinder, über Otto und mich, zu lamentieren, wie sie es wohl auch zu Anfang versucht hat. Auch das fand sie später gut so. Meine Mutter war bei allem Pemperament, im Gegensatz zu dem sonnigeren Vater, eine schwerblütige, ernste Frau. Sie stammte aus Tagelöhnerkreisen vom Lande, aus der Neumark. Ihr Vater, so erzählte sie mir, sei Kuhhirt auf einem grossen Gut gewesen. Meine Grossmutter hätte sehr schwer und hart mitarbeiten müssen, nicht nur, weil d** x* x* x* x* x* x* x* x* x***** ************ die Bedürfnisse der Familie es erforderten, sondern auch, weil der Grossvater verpflichtet gewesen wäre, mindestens eine Arbeitskraft für das Gut zu stellen. Überhaupt gehörten Frauen und heranwachsende Kinder gewissermassen dem Gutsherrn. Bei den Gesprächen mit meiner Mutter hatte ich oft das Gefühl, als wären da noch alte Reste der längst aufgehobenen Leibeigenschaft in ihrem Unterbewusstsein wirksam. Es war in ihr eine seltsame Mischung aus rebellischem Geist, durchaus selbständigem Denken und Handeln, und aus diesen Gefühls resten einer von mir nicht verstandenen Vergangenheit.- Aber es war schon so, dass in der preussischen Gutsverfassung von damals der Gutsbesitzer noch bestimmte Rechte, allerdings auch gewisse Pflichten hatte. So war er zum Beispiel verpflich tet, für seine alten und kranken Tagelöhner zu sorgen. Ob und wie er jeweils diesen Verpflichtungen nachkam, ist eine Frage für sich. Aus der Erinnerung der Erzählungen meiner Mutter kann ich ein Beispiel nennen: die älteste Schwester meiner Mutter, mit einem Gutsarbeiter auf dem gleichen Gutshof verheiratet, wurde früh Witwe und relativ zeitig auch arbeitsunfähig. Der Gutsherr, ihr augenscheinlich ganz wohl gesonnen, beliess sie- zusammen mit ihrer halberwachsenen und ebenfalls auf dem Gut 14 . beschäftigten Tochter- in ihrer kleinen Wohnung. in ihrer kleinen Wohnung. Das junge Mädchen war sehr geschickt mit Nadel und Faden. Der Traum der beiden Frauen war, dass das Mädchen Schneiderin würde. Sie hatte sich bereits eine Lehrstelle in dem nahen Städtchen Brügge im Kreis Soldin gesucht. Der Wunsch wurde nun eines Tages dem Gutsbesitzer vorgetragen. Seine Antwort war kurz und bündig:" Gut, ich kann es nicht hindern. Dam muss das Mädel die Wohnung räumen, und Du kannst zweimal einen Kreide strich durch Deine Stube ziehen." Die Schwester meiner Mutter wusste, was das heissen sollte:" Hier kommen noch drei Betten herein, und Du teilst Deine Stube mit drei alten Frauen vom Gut, die ebenfalls das Gnadenbrot erhalten." Die Tochter wollte von der Mutter dieses Opfer nicht annehmen, verzichtete auf die Ausbildung als Schneiderin und blieb auf dem Gut, so lange, bis sie selber alt und verbraucht war. Wie es ihr ergangen ist, weiss ich nicht. Neun Jahre war meine Mutter alt, als sie bei fremden Leuten" um's Brot" verdingt wurde. Die Eltern waren tot, und deshalb war für sie kein Platz auf dem Gut. Sie" diente" nun in einer Müllerei, in der auch Brot zum Verkauf gebacken wurde. Der Brotteig wurde am Abend angesetzt. An jedem Morgen, vor Beginn der Schule, musste eine grosse Mulde Brotteig von schwachen Kinderarmen geknetet werden. Das war die Hauptbeschäftigung eines neunjährigen Kindes. Wenn es dann aus der Schule kam, gab es eine Fülle teils leichterer, teils schwererer Arbeit, bis in die späte Nacht hinein. Das Kind war übrigens eine gut lernende Schülerin, das der gleichaltrigen Tochter des Brotherren oft bei den Schularbeiten helfen musste. Zu essen scheint es genügendgegeben zu haben, aber die Mutter wies oft auf ihren gebeugten Rücken hin. Der sei durch die frühzeitige und zu schwere Arbeit so geworden. Die Schule, die meine Mutter besuchte, kann nicht schlecht gewesen sein. Ich konnte das ihren an Briefen einer Hutter sehen, die sehr gut im Deutsch und besonders plastisch im Ausdruck waren. Sie hatte eine natürliche Intelligenz und fand über Menschen und Dinge sehr schnell ein gesundes Urteil. Dazu war ihr Vieles an vernünftigen Lebensformen vollkommen bewusst, und sie hat das sehr gepflegt. So gab es in dem Hause neben uns noch einige recht 45 26arme Familien. So sehr sich aber die Frauen einschränken mussten, hatten sie doch immer noch etwas übrig für irgendeinen Firlefanz, für einen billigen Nippe skram, einen" Beduinenkopf", eine andere schreckliche " Plastik" oder ein geschmackloses Bild. Oder es gab eine bunte Topfgarnitur für die Küche, wobei womöglich noch bunte Schleifchen an die ach so schön geblümten Töpfe gebunden wurden.- Das alles gab es bei uns nicht. Es gab keine Nippesfiguren, keine bunten Töpfe mit noch bunteren Schleifen, keine gehäkelten Küchenspitzen mit durchgezogenen bunten Bändern, die schon nach kurzer Zeit verräuchert und grau in den ärmlichen Küchen der Nachbarhäuser herumhingen. Wenn ich, wie heranwachsende Mädchen es schon einmal tun, etwas bei uns" verschönern" wollte, konnte sich meine Mutter sehr hart und abfällig ausdrücken: Wir können keine Staubfänger gebrauchen", oder:" Das, was wir uns leisten könnten, wäre doch nur schlechtes, hässliches Zeug. Die paar Groschen legen wir besser aufeinander, und dann bekommst Du eine schöne leinene Schürze, so eine mit Achselbändern, die willst Du doch so gerne haben? Na- siehst Du!") Das hat sich mir alles deshalb so stark eingeprägt, weil meine Mutter ihre Entscheidungen fast immer mit einem kurzen, landläufigen Sprichwort. oder mit einem selbstgeformten Grundsatz bekräftigte, womit sie auch immer den Nagel auf den Kopf traf. Sie war darin unerschöpflich. Das Wort " Kitsch" gab es wohl nicht in ihrem Vokabularium, aber ihr Sinn und Tun war sehr energisch gegen billige überflüssigkeiten gerichtet. So sehe ich noch deutlich in unserer Küche die schlichten braunen irdenen und die schwarzen gusseisernen Gebrauchstöpfe. Aber auf einen sauber gedeckten Tisch, gute Tischmanieren und gewaschene Hände hielt sie viel. Sonnige Fenster hatten wir, und blühende Blumen auf den Fensterbrettern, und immer gut gewaschenes Bettzeug und saubere Handtücher. Sehr oft haben meine Schwester Elisabeth und ich uns später daran erinnert, wieviel Schönheit und Zweckmässigkeit in der schlichten Wohnungseinrichtung und Haushaltsführung unserer Mutter anzutreffen war. Wir haben es mit vollstem Bewusstsein mitgenommen auf unseren Lebensweg. Und wenn wir uns manchmal später ein wenig mehr leisteten, als unsere Mutter es konnte, so haben wir doch unsere immer bescheidenen Mittel niemals für Tahd und überflüssigen Kram ausgegeben." Schönheit gleich Zweckmässigkeit" wurde uns eine gemeinsame xxxxxRegel in der persönlichen Gestaltung unseres Lebens, unserer Wohnung und Kleidung. So war auch die Einteilung der mütterlichen Hausarbeit nicht nur von rationalistischen, sondern auch von hygienischen Gesichtspunkten bestimmt, nicht aus dem Wissen heraus, sondern aus dem Gefühl, dass es so am besten sei. Es standen den Frauen der Kleinstadt keinerlei technische Erleichterungen zur Verfügung. Wir hatten Petroleumbeleuchtung, das Wasser wurde herauf- und heruntergetra 16 19• gen. Trotzdem habe ich mich mein Leben lang bei vielen täglichen Handgriffen daran erinnert, das ich das schon zu Hause gesehen und als praktisch empfunden habe. Die Mutter hat wirklich bei ihrer Arbeit gedacht. So erinnere ich mich daran, dass eine unserer Nachbarinnen es des morgens immer besonders eilig hatte, ihre Betten zuzudecken, während sie bei uns erst immer eine sehr lange Zeit der frischen Luft ausgesetzt wurden. Auf meine Frage nach dem" warum?" erhielt ich die richtige Auskunft, ausserdem setzte meine Mutter hinzu:" Zu uns muss auch jemand in die Stube kommen können, wenn die Betten noch nicht zugedeckt sind."- Einem Kind gehen die Beispiele des Elternhauses unmerklich ein, Mütter haben auf ihre Kinder mehr Einfluss, als sie, selbst wissen. Was ich später, als ich etwas älter war, des öfteren an meiner Mutter kritisierte, war, dass ihr schönes rebellisches Gefühl gegen Vorrecht und Unrecht zu schnell zusammensank. Sie resignierte zu leicht. Das konnte ich natürlich nur an den kleinen Dingen des Lebens messen, die damals an sie herantraten. Zurückschauend weiss ich, dass sie für unseren Vater und für uns Kinder ein guter und treuer Lebenskamerad gewesen ist. Eine ganz hervorragende Eigenschaft meiner Mutter muss ich noch erwähnen, für deren beispielhaftes Vorleben ich ihr immer unendlich dankbar geblieben bin. Sie sprach niemals abfällig über andere. Sie gab mir damit eine gute, kluge Richtschnur für mein ganzes Leben.- Diese Eigenschaft meiner Mutter verdient schon deshalb besondere Erwähnung, weil das Klatschen und Tratschen, das Fällen vorschneller und abfälliger Urteile über andere, das Moralisieren mit hässlichen Ausdrücken und hämischen Randbemerkungen gerade zu den nicht sehr angenehmen Gewohnheiten der Menschen in unserer kleinen Stadt mit ihren beengten Verhältnissen und übervölkerten Wohnhäusern gehörte. Man hielt eine zeitlang dicke Freundschaft, spürte im Privatleben anderer Leute herum, suchte nach" schwarzen Flekken", sprach und urteilte dann in verletzender Weise darüber. Plötzlich ging die dicke Freundschaft in die Brüche, eine Partie davon befreundete sich mit der anderen Seite, und bald kam nach einer Zeit des Tuschelns und der üblen Nachrede der grosse Krach mit schlimmen Beleidigungen. Dann folgten die lauten Auseinandersetzungen im eigenen Hause, es ging zum Schiedsrichter, der dann mit dem Rattenschwanz von Tratsch und Klatsch fertig werden sollte. Gelang es ihm nicht, die streitenden Parteien zu einigen, wobei es dann gewöhnlich neben den Kosten- die Buße für die Armenkasse gab, ging es mit einer Beleidigungsklage vor das ordentliche Gericht. Wenn meine Mutter von dieser Zeit erzählte, geschah es immer mit einem gewissen Stolz, dass sie niemals" in solche Dinge" verwickelt gewesen sei. Sie hätte aber auch niemals eine solche dicke Hausfreundschaft gehabt, und" der Vater hätte es auch bestimmt nicht gerne gesehen!" - 17 Zu meiner Überraschung stosse ich jetzt, im Jahre 1950, wo ich mit der Niederschrift beginne, auf einen Zeitungsausschnitt aus dem Lokalblatt einer grösseren Stadt von etwa einer halben Million Einwohnern. Dort heisst es, dass 50% aller Hausstreitigkeiten durch die Tätigkeit des Schiedsmannes den Gerichten erspart werden konnten. Die Häufung der Streitigkeiten läge an der Wohnungsenge. Die täglichen kleinen Ärgernisse sammeiten ich an, bis es einen Sturzbach gegenseitiger Beleidigungen und sogar Tätlichkeiten gäbe. Die scheinbar bedächtigsten, zum grossen Teil auch gebildetsten Menschen entwickelten bei diesen Schimpfereien einen erstaunlichen Ideenreichtum in der Anwendung von beleidigenden Schimpfworten. Unter den Frauen seien gewisse Ausdrücke beliebt, die man nicht im Knigge fände. 25 Schiedsrichter der erwähnten Stadt hätten vollauf zu tun, um die täglich anfallende Arbeit zu meistern.- Doch scheint es sich hier um eine internationale Erscheinung zu handeln, die" ohne Organisation" überall zu finden ist. Davon konnte ich mich auch im amerikanischen Kleinstadtmilieu überzeugen. Die Menschen von heute haben das immer noch nicht überwunden. Dagegen war die Mutter zu den Nachbarn immer freundlich, hilfsbereit und teilnehmend. Wenn wir auch nicht viel besassen, so wuchs ich doch manches Wäsche- oder Kleidungsstück aus. Eine alte Frau kam mit einer Handnähmaschine, um mir- oft aus Altem- neue Kleider zu nähen. Dann wurde das, was wegzugeben war, bestimmt und ausgesucht. Es wurde aber niemals unterlassen, diese Stücke vor dem Weggeben sorgfältig zu säubern und auszubessern. + Otto, gut sechs Jahre älter als Marie, besuchte die Voksschule im letz ten Jahr, als sie zum Schulbe such angemeldet wurde. Während es Marie hatte gerne nies, von den Eltern gelegentlich gehätschelt zu werden, war Otto schon so erwachben, dass er sich dieser elterlichen Liebe- zumindest äusserlich entzog. Was er sich allerdings noch immer gefallen Sie wale liess, war der abendliche Besuch von Mutter Gohlke am Bett, nachgehen, ob die Kinder auch richtig zugedeckt seien. Das sollte noch lange für ihn und Marie zur" guten Nacht" gehören. Der einzige Mensch, von dem duldete Otto Zärtlichkeiten , war die aufgeweckte und wissbegierige Schwester Marie, die ihm oft Fragen stellte, auf die er selbst keine Antwort wusste. Hak Er gab diese Fragen an seine Eltern weiter, natürlich so, dass sie es nicht merkte, und wenn er glaubte, die richtigen Antworten zu wissen, brachte er das- scheinbar nebenbei zur Sprache. Woher sollte denn Otto auch wissen, woher das Petroleum kommt, warum Vater so wenig Geld hat, denn sie hätte gerne neue Schuhe gehabt(" Alle Kin der sind mit neuen Schuhen in die Schule gekommen, nurich nicht"), wie eine Nähmaschine so schnell nähen kann, кd was ein Verein ist, und warum der Reichstag nicht im Ka lender, steht. bb zu seinem Tod End 195 Anjany 1958 Otto erinnerte sich noch an den lebendigen Anteil, den sie an allen Dingen nahm, die sich im Hause ereigneten und über die gesprochen wurde. Sie sagte nicht viel, hörte genau zu, auch dann, wenn es sie garnichts anging, und verriet sich nur durch ihre Fragen an die Eltern und an Bruder Otto. In den Aufzeichnungen von Marie Juchacz befinden sich nur wenige Notizen über das enge Verhältnis, das zwischen den beiden Geschwistern bestand: ' Mir schien, mein Bruder Otto kam sich mächtig erwachsen vor, was mir zeitweilig imponierte, mich aber auch oft wütend machte, wenn er mal- wie alle Jungens im Alter von 12 bis 14 Jahren- recht flegelig wurde. Er war aber sehr nett im Grunde seines Wesens und muss sich mit mir gut verstanden und unterhalten haben, denn er baute mir allerhand schöne Spielsachen. An Holz, Nägeln, Leim und Handwerks zeug war kein Mangel. Unser grosszügiger und verständnisvoller Vater erlaubte ihm, alles zu nehmen, was er glaubte brauchen zu müssen, natürlich unter der Bedingung, dass nach Gebrauch alles wieder an seinen Platz gebracht und dass er vorher gefragt würde, ehe ein Stück Nutzholz der Säge zum Opfer fiel. Das ging so, bis mein Bruder Otto schon Geselle war." * Zwischen den Eltern Früher war schon einige Male die Rede davon gewesen, Otto. eine bessere Schul- und Berufsausbildung zu geben. Je mehr akka der Junge im Geschäft des Vaters mithalf, desto geschickter stellte er sich an, und Marie war Zeuge mancher Unterhaltung, in der Vater Gohlke seinen Wunschfür die Zukunft der hinder traumen nachhing, ohne dass ihr bewusst wurde, dass in den resignierenden Schlussfolgerungen, zu denen ihr Vater kam, zugleich auch ihr eigenes Bildungsziel so weit es von den Eltern bestimmt werden kann- abgegrenzt war. - - 19- So verging die Zeit in Landsberg, ohne dass sich etwas Besonderes ereignete. Otto half seiner Schwester Marie bei den Schulaufgaben, in den Ferien half er dem Vater in der Werkstatt und auf dem Bau, und als er mit der Schule fertig war, nahm ihn der Vater im eigenen Geschäft als Lehrbuben auf. xxixxkxx* x* x* x* x****************** XXXXXXXXX****** x* x* x* x Marie ging Jahr für Jahr in die leiche Volksschule, wurde x* x* x* x* x mit dem Lehrstoff schneller fertig als ihre Klassenkameradinnen, ging der Mutter bei der häuslichen Arbeit zur Hand und machte sich noch keine Gedanken über ihre Zukunft. Otto und Marie waren jett schon so alt, dass die Eltern sich in ihrer Gegenwart freimütig über alles unterhielten, auch wenn Marie manches noch nicht verstand. Die Eltern xk* x* x* x* x* x* xx waren der Meinung, dass es besser sei, alles so sebstverständlich wie möglich zu behandeln. Desto leichter würden es die Kinder einmal im Leben haben, meinte Vater Gohlke. Aus dieser Auffassung erklärt sich auch die Selbstverständlichkeit, mit der Marie viele Dinge mit ihrem jungen Verstand aufnahm und verarbeitete.- Otto und Marie waren dabei, als Mutter Gohlke eines Tages meinte, dass der Vater demnächst das alte Kinderbett aus dem Holzschuppen holen, zusammensetzen und etwas auffrischen müsse, denn es werde wohl bald wieder gebraucht werden. Als Marie sich 65 Jahre später an diese Zeit erinnerte, klang noch einmal die Erregung auf, die sich nicht nur in der Ankunft eines neuen Familienmitgliedes äusserte, sondern auch in den Zeitereignissen ihre Ursache hatte: . . -20" Mein Bruder Otto er ging ja bei meinem Vater in die Lehre- stand vor der Gesellenprüfung und ich war neuneinhalb Jahre alt, als uns noch ein kleines Schwesterchen, Elisabeth, geboren wurde. Das war am 22. August, in dem uns denkwürdig erscheinenden Jahr, denn in 1888 der Schule waren wir Kinder angesteckt von der Aufregung der Lehrer erregt über den Tod des alten Kaisers Wilhelm I., dann über den schnell folgenden Tod seines Nachfolgers Friedrich III. und die Thronfolge Wilhelms II. Die Lehrer versuchten, uns kleinen Dingern zu erklären, dass wir Geschichte erlebten. Jedenfalls machten die Gespräche in der Schule und auch im Hause einen starken Eindruck auf uns Kinder. Am stärksten beeindruckte mich aber die grosse Überschwemmung im Jahre 1888. Unser Haus stand mitten im Wasser, obwohl wir garnicht unmittelbar am Fluss wohnten. Ein mit der Warthe unterirdisch verbundener Graben brachte uns die Wassermassen, die die Gärten, den etwas höher gelegenen Bauplatz und die grossen Viehhöfe der Ausspannung, die unserem Hauswort gehörten, bis zur Strasse überfluteten. Die Familien aus den Kellerwohnungen wurden oben unter dem Dach aufgenommen. Wir Kinder fuhren mit Waschwannen auf dem Wasser umher, purzelten auch gelegentlich hinein, aber weiter ist uns nichts passiert. Am Abend aber hörten wir die Geschichten von den treibenden, mit Menschen besetzten Dächern, von Wiegen mit Kindern, die den Fluss heruntergetrieben wurden, von Hunden, die an der Hütte angekett sich tet und dadurch am Schwimmen verhindert waren und ertranken oder auf den Dächern der Hundehütten i festklammerten und gottserbärmlich heulten. Das war das erste soziale Erlebnis, das einen tiefen Eindruck auf mich machte und mir bis auf den heutigen Tag mit vielen Einzelheiten im Gedächtnis haften blieb. Und nun kam im gleichen Jahr die Geburt des Schwesterchens. Meine Mutter, schon über 42 Jahre alt( sie wurde am 31. Januar 1846 geboren), machte sich in ihrer schwerblütigen Art Gedanken über das späte Kommen recht törichte dieses jüngsten Kindes. Sibildete sich ein, dass es uns, meinem Bruder Otto und mir, im Wege sein müsse. Ich erinnere mich noch genau daran, wie Otto, der fünf Tage später seinen 16. Geburtstag feiern sollte, mittags zum Essen nach Hause kam und verschmitzt lächelnd fragte:" Nun? Wieviel Geschwister sind wir denn jetzt?", und wie bei dieser freundlichen . 21 044Cubes Landmen Frage gleich Sonnenschein über das ernste, von den Geburtswehen ermattete Gesicht meiner Mutter huschte. Sie hatte diesen Augenblick gefürchtet. Ich selbst hatte das überraschende Erlebnis und die Freude schon hinter mir, da ich etwas früher aus der Schule nach Hause gekommen war. Ich nehme an, dass ich in der Nacht vorher zu irgendwelchen nachbarlichen Freunden ausquartiert wurde, aber darauf kann ich mich nicht mehr genau besinnen. Ich war aber nicht etwa ahnungslos überrascht worden. Meine vernünftig denkende Mutter hatte mich auf das Ereignis vorbereitet. So weiss ich noch genau, dass sie mich mitnahm, um Stoff für Hemdchen und Jäckchen zu kaufen, und ich war dabei, wie sie ihn zuschnitt und zusammennähte. Sie rechnete mit mir zusammen aus, wieviel sie für je drei Stück dieser kleinen Wäschestücke brauchen würde. Auf meine verwunderte Frage, ob denn das ausreiche, denn sie hätte mir doch erzählt, dass man so ein kleines Kind täglich baden und frisch anziehen müsse, sagte sie:' Ja, das muss man, und wir werden viel Arbeit haben. Aber bei so wenig Wäsche kommt man niemals in die Verlegenheit, etwas in den Winkeln liegen zu lassen. Der Zwang zum schnellen Waschen und Trocknen ist so von selber da. Es würde sich ausserdem auch nicht lohnen, mein Kind, soviel Neues anzuschaffen, dass etwas übrig bleibt, weil es das letzte Kind sein wird, das ich bekomme. Ich habe damals nichts darauf geantwortet, aber in meinen Augen muss eine stille Frage gestanden haben, denn sie ergänzte ihre Rede:" Das ver stehst Du noch nicht, aber ich bin ja nun schon in dem Alter, in dem man eigentlich keine Kinder mehr bekommt. Sie sagte das alles ganz ruhig und natürlich, und so habe ich es auch aufgenommen. Aber ich habe auch die Seufzer gehört, die ihrer späten Mutterschaft galten. Als ich schon erwachsen war, hat sie mir von den schweren Gedanke erzählt, durch die sie sich während dieser Schwangerschaft quälen liess. Ich habe sehr schwer an der Verantwortung getragen, noch so spät ein Kind in die Welt zu bringen. Das war wohl auch die Ursache der irrigen Meinung, dass uns das Schwesterchen nicht lieb sein würde. An die Schule denke ich nicht so gerne zurück, und noch heute meine ich, dass sie recht schlecht gewesen sein muss: eine Volksschule mit vier Klassen. Die beiden unteren Klassen besuchte ich je ein Jahr, in der dritten musste ich dann zwei Jahre aushalten. Ich weiss heute nicht mehr, ob da im Unterricht ein Unterschied zwischen den beiden Abteilungen gemacht wurde, nehme es aber an. Dann blieben noch vier Jahre für die obere Klasse. Da gab es dann keine Teilung mehr im Lehrstoff, nach dem ersten Jahr war alles ödeste Wiederholung. Zwei Sätze aus dem Diktat unserer Klassenlehrerin im Deutschunterricht haben mich mein ganzes Leben lang verfolgt:" Dass die Wogen sich senken und heben, das eben ist des Meeres Leben." Manche Kinder schrieben auch noch im letzten Jahr:"..... das Eben ist Vielleicht dachten sie, dass" das Eben" so etwas sei wie" das Beben". Ich glaube, dass es die Lehrerin schon bei der Betonung darauf anlegte, die Ge dankenlosen zu fangen.- Der zweite" Lehrsatz" war:" Dienen lerne beizeiten das Weib nach seiner Besti mung, denn durch Dienen gelangt sie zum Herrschen!" Woher das Dichterwort stammte, sagte uns die Gute nicht, aber 22 in mir hat es damals schon gegärt und rebelliert. Nicht einmal fragen konnte und durfte man nach Sinn und Bedeutung. Dass die Lehrerin es sich nicht vorstellen konnte, dass die so erzwungenen Wiederholungen für die Kinder eine Pein waren, ist mir heute noch schleierhaft. Einen Horror hatte ich vor dem Rechenlehrer. Er begann regelmässig die Stunde mit der Frage:" Wo seid Ihr das letzte Mal stehengeblieben?".- Dann liess er sich das Aufgabenheft von einer schwachen Schülerin geben, schrieb flüchtig. an der Tafel die nächste Aufgabe auf und nach seinem stereotypen" So, nun rechnet, so weit Ihr kommt" setzte er sich an seinen Tisch und las in einem Buch. Am Schluss der Stunde sah er sich wiederum das Heft eines im xx Rechnen schwachen Kindes an und bemass danach die Schulaufgaben bis zur nächsten Stunde. S6 kam es, dass ich schon im ersten der vier Jahre immer beim Dividieren oder gar bei der Prozentrechnung angelangt war, während meine Schulgefährtinnen noch beim Addieren oder höchstens Subtrahieren waren. Ich konnte das durch die Hilfe meines Vaters, da ich ihn zu Hause nach der Technik der mir noch fremden Aufgaben fragte. Er erklärte sie mir MANA gerne und ausführlich. Da dann zu Ostern immer wieder neuer Zugang in die Klasse kam, ging die Quälerei des Wiederholens auch in der Rechenstunde wieder los. Und wenn dieser Lehrer einmal für die Erteilung der Zensuren die Hefte einsammmelte, hat er nicht ein einziges Mal gefragt, woher ich eigentlich meine кaяkxx Weisheit im Rechnen nähme. Ich war eine schlechte Zeichnerin. Wir mussten nach aufgehängten Modellen zeichnen, wobei ich nicht mitkam und die Blätter sehr verschmierte. Zensiert bekam ich sie überhaupt nicht. Besondere Mühe gab sich auch dieser Lehrerin nicht mit uns. Höchstens gab es Knüffe an den Kopf, wenn er im Vorbeigehen etwas , bemerkte, was sein Missfallen erregte. Dass man Kinder ganz anders malen lassen kann und muss, daran dachte damals noch kein Mensch. Natürlich wurde auch geschlagen in dieser Schule. Von der Klassenlehrerin an war das Lehrpersonal mit Rohrstock bewaffnet und machte auch fleissig Gebrauch davon. Ich habe kaum etwas davon zu schmecken bekommen, weil mir das Lernen leicht wurde und die allgemeinen Anforderungen an meine Fähigkeiten sehr gering waren. So habe ich es wenigstens damals schon empfunden.- Der Ungeduld und öden Langeweile habe ich wohl keinen Ausdruck gegeben, ich war innerlich immer mit allerhand beschäftigt, was nicht im Bereich der Schule lag. Es wäre aber für mich auch sicherlich nicht gut gewesen, wenn ich in die allgemeine Rohrstockprügelei einbezogen worden wäre. Ich war sehr sensibel und erinnere mich noch deutlich, dass schon eine leichte körperliche Strafe äusserst deprimierend auf mich wirkte. Als ich später Mitglied der Nationalversammlung war, hat mir meine ehemalige Klassenlehrerin geschrieben. Sie sei nun pensioniert. Wenn ich je 23 -CAT. mals in meine Vaterstadt käme, bäte sie mich um einen Besuch. Ich ging zu ihr. Sie war ein altes, verhutzeltes Frauchen geworden, und stockkonservativ. Ich habe ihr aber nicht erzählt, wie oft ich ihr- allein oder mit Kameradinnen zusammen- den Rohrstock entwendet und beseitigt habe. Es hätte ja auch niemand mehr genützt. Wie gerne wäre ich doch in die Bürgerschule gegangen. Nicht, weil ich glaubte, dann" etwas Besseres" zu sein, sondern weil dort sieben oder acht Klassen waren und ich dann- wie gerne wollte ich mich anstrengen! jedes Jahr in eine andere Klasse gekommen wäre, und weil es in den beiden oberen Stufen eine Fremdsprache gab. Wie verlockend ich mir das vorstellte! Desto mehr und drückender empfand ich unsere Armut. Als Handwerksmeister war mein Vater Mitglied des Gewerbe- und Handwerker- Vereins. Auch später war es ihm noch möglich, diese Mitgliedschaft aufrechtzuerhalten. Er war ständiger Benutzer der reichhaltigen und guten Bibliothek, wovon wir Kinder natürlich profitierten. Ich habe als Kind und in meiner Jugend alles gelesen, was nur erreichbar war, Gutes und Schlimmes. An die Bücher, die ich mir aus dem Zeichenpult meines Vaters herausholte, meist ohne sein Wissen, aber dennoch mit seiner stillen Billigung, erinnere ich mich gerne. Auch die neun Jahre jüngere Elisabeth sagte mir später oft, wieviel ihr diese Möglichkeit zu lesen doch gegeben habe. Ich weiss nicht einmal, ob unser Vater gewusst hat, was wir alles als Kinder zusammentrugen und durchlasen. Später habe ich mir vorgenommen, meinem Vater eine kleine Klassiker- Bibliothek zu schenken, damit er sie als sein Eigentum haben könne. Als ich es endlich hätte tun können, war es zu spät für ihn. # - Weil ich gesehen habe, wie meine Mutter sich einschränken musste, habe ich mich als Schulkind erboten, mir eine" Kinderstelle" zu suchen oder morgens( vor der Schule!) Frühstück auszutragen. Sie antwortete mit einem kategorischen" Nein!". Sie denke daran zurück, wie schwer es für sie gewesen sei, so jung schon so schwere Arbeit zu tun." Ich bin mir mit Vater völlig einig, dass das für Dich nicht in Frage kommt, verstanden? Sei froh, dass Deine Eltern noch da sind. Später habe ich, als ich schon in Berlin und in der Frauenbewegung tätig war, oft an dieses Gespräch zurückgedacht. Neben dem sozialen Zwang zur Kinderarbeit, neben der Skrupellosigkeit vieler Handwerksbetriebe, der Zeitungsagenturen, der wie Pilze emporwachsenden Industrien habe ich auch viel Unvernunft, mangelnde Einsicht und soziale Unbildung bei Eltern kennen und deshalb das einsichtige Verhalten meiner Eltern doppelt schätzen gelernt. Diese Erfahrung machte ich allerdings mehr als ein Jahrzehnt später. - . . 24 -WInzwischen wuchs die kleine Stadt Landsberg, die industriellen Anlagen mehrten sich, Wohnhäuser wurden gebaut. Aber trotzdem war es noch immer eine politisch zurückgebliebene Stadt. Als mein Bruder- es war im Jahre 1889- seine Gesellenprüfung machte, dachte noch niemand an eine Gewerkschaft in unserer Stadt, auch nicht für Maurer und Zimmerleute. Da gab es noch eine Prüfung mit" Bundeslade", alten Sprüchen, mit ganz feierlicher Handlung nach altem Handwerksbrauch. Das Ganze wurde gekrönt durch einen festlichen Umzug der alten und jungen Gesellen. Die Jung- Gesellen trugen das Winkeleisen, das durch einen Stab verlängert xxx und mit den****** *** X aus Messing geschnittenen Emblemen des Handwerks gekrönt war. Um den ganzen Stab waren Blumen gewunden und mit bunten und wehenden Bändern geziert. Auch die jungen Maurer gesellen waren entsprechend geschmückt. Für mich als zehnjähriges Mädchen war das damals eine interessante und aufregende Angelegenheit, und die ganze Stadt nahm an diesem Ereignis teil. Am Abend gab es einen Ball, bei dem dann die Junggesellen oder ihre Meister und Väter ein bestimmtes quantum Bier spendieren und bezahlen mussten. Als ich sechs Jahre später zur Arbeit ging, erst in einem Haushalt, dann in die Fabrik, war noch immer keine Gewerkschaft vorhanden. Das kam erst sehr viel später. Unser Bruder Otto wurde Soldat, als ich noch zur Schule ging. Wie die meisten Burschen dieses Alters hat er mich oft recht rauh behandelt. Trot dem hatte ich, als er fort war, grosse Sehnsucht nach ihm. Als er einmal auf Urlaub kam, machte es grossen Eindruck auf mich, dass er zu mir, der nun vierzehnjährigen, so ritterlich war. Ich muss mich aber einmal despektierlich über seine Uniform geäussert haben, denn ich erinnere mich an seine ernste Belehrung darüber, dass er" des Königs Rock" trage und dass er stolz darauf sei, ihn tragen zu dürfen. Als der Obergefreite der Artillerie aber dann nach dreijähriger Dienstzeit, zurückkehrte, das war ein Jahr nach diesem Intermezzo, erklärte er mir in seiner ernsten und etwas umständlichen Weise, dass er- und warum er Sozialdemokrat geworden sei. Er gab mir mit vielen Erklärungen einige Texte des Erfurter Parteiprogramms. Den ersten Teil verstand ich nicht, und seine Erklärungen ihu machten mir auch nicht verständlicher. Über den zweiten Teil, der sich mit Gegenwartsforderungen befasste, haben wir viel und ernsthaft diskutiert, wobei wir durchaus nicht immer einer Meinung gewesen sind. Ich konnte mir unter einer politischen Partei kaum etwas vorstellen, und einen sozialdemokratischen Parteiverein gab es bei uns noch nicht. Aber ich habe bei diesen Debatten über das Erfurter Programm schon damals mane ches gelernt. Es lehrte mich, über die allgemeinen Dinge nachzudenken, den Staat als etwas anzusehen, woran alle Menschen Anteil nehmen müssen. Aber schon vorher bin ich auf politische zusammenhänge aufmerksam geworden. Unser Vater war immer zum Wählen gegangen. Es kamen dann kleine . 1 25 Zettel mit den verschiedensten Namen ins Haus. Das hatte mich schon als Kind lebhaft interessiert, und Vater musste auf manche Frage Antwort geben, und gab sie auch in einer mir durchaus verständlichen Form. Wenn ich aber fragte:" Wen von diesen Männern wirst Du denn wählen?", sagte er mit schalkhaft- geheimnisvollem Lächeln:" Die Wahl ist geheim, mein Kind, auch Dir kann ich das nicht sagen!"- So stritt ich mich später auch gerne mit meinem Bruder herum, erregte auch das verwunderte Kopfschütteln nicht nur unserer Mutter, sondern auch anderer Leute, auch unserer jungen Freunde, de wohl glaubten, dass wir einen tüchtigen Spleen hätten. Das ging jahrelang so, aber wir suchten immer wieder eine Gelegenheit, um uns zu unterhalten. So wurde ich wach und aufmerksam und lernte manches begreifen, wofür mir vorher das Verständnis fehlte. Dank der eifrigen Bemühungen Unseres BürgerHier war die meisters ib Als meine kleine Schwester Elisabeth zur Schule kam ich war inzwischen 15 Jahre alt geworden-, hatten die Eltern die Wohngegend gewechselt. eta Volksschule we schon viel besser. Sie hatte wenigstens sechs Klassen und- so schien es mir damals- die Lehrer waren qualifizierter. Der grosse Altersunterschied zwischen Elisabeth und mir machte auch manches andere möglich. In der Erfüllung von kleinen Wünschen und Freiheiten konnte ich ihr nützen, indem ich für sie mit der Mutter sprach, ihr beim Schwimmenlernen half, die Angstlichkeit der Mutter überwand, wenn es darum ging, Schlittschuhe zu laufen, was Lisbeth schon in ihrer frühesten Kindjeit mit Leidenschaft besorgte. Bei der Kleidung konnte ich ihr durch sehr bescheidene Hilfe manche Freude in ihr kindliches Leben bringen. Es war von Beginn an eine schöne Freundschaft und Kameradschaft, die im Vertrauen und in der Liebe wurzelte und weit über das" Geschwister sein" hinausging. Das Kind fühlte, dass die grosse Schwester ihm Verständnis entgegenbrachte. Später, in der Zusammenarbeit, haben wir oft darüber gesprochen. Mit dem Verlassen der Schule musste ich Geld verdienen, der Zwang dazu ergab sich von selbst. Ich erinnere mich deutlich an den Schmerz darüber, dass es nun mit dem Lernen dürfen vorbei sei. Meinen Eltern gegenüber empfand ich keine Bitterkeit. Ich wusste, dass sie selber es gerne anders gesehen hätten. Fortbildungsschulen für Mädchen gab es nicht. Ich versuchte, eine Lehrstelle als Verkäuferin in einem guten Geschäft zu bekommen. Man sagte mir, dass meine Zeugnisse zwar sehr gut seien, dass aber die Volksschule, die ich besucht hätte, unmöglich genügend Kenntnisse für eine Lehrtätigkeit in diesem Geschäft vermittelt hätte. Ausserdem sei eine Fülle von Angeboten von Mädchen aus der" Bürgerschule" eingegangen. Was sollte ich nun beruflich tun? Die Fabrikarbeit kam nach allgemeiner Ansicht und vor allem nach der Meinung der Eltern für mich als Fünfzehnjährige nicht in Frage. Mit einer Schneiderlehre wurde es nach ernsthafter Überlegungen, zumeist wirtschaftlicher Art, auch nichts. So blieb mir nur Sibrig eine Stellung in einer Familie mit Kindern anzubehmen. Aber wo? " - 26- Haushalt, Fabrik und Muu Pflege anstalt Das Problem der Berufswahl der Kinder spielt in jeder Familie eine Rolle, sobald die Schulzeit zu Ende geht. So war es auch im Hause der Familie Gohlke, wobei es ur Maries älteren Bruder Otto leicht war, eifür ne Entscheidung zu treffen. Der Junge hatte nach gründlicher Ausbildung im Geschäft des Vaters noch seine dreijährige Militärdienstzeit absolfand gerade, viert und katxxxxxxx, Marie mit der Schule fertig war, eine gute Stelle in einer Baufirma.xxxxxdan Das geschah zur rechten Zeit, denn Vater Gohlke, 53 Jahre alt, musste sich xxxяя bei der Arbeit schon anstrengen und gelegentlich grössere Pausen einlegen, weil die Kräfte nachliessen. Rekry Für Marie war das Problem der Berufswahl wesentlich schwieriger zu lösen, denn zu dieser Zeit gab es für Mädchen mit einfacher VolksschulAusbildung keine grossen Möglichkeiten. Die Klassenkameradinnen von Marie wollten zuerst in einen Haushalt, in ein Geschäft, und dann so schnell wie möglich in die Fabrik, um hier in Akkordarbeit möglichst viel Geld zu verdienen und danach ebenso schnell zu heiraten. Für diesen" Berufsweg" verspürte Marie nicht die geringste Neigung. Sie katte schon so viel Neues aufgegriffen, hatte vieles gelesen und auch zu Hause mit den Eltern darüber gesprochen, sodass sich bei ihr eine wenn auch noch unklare Vorstellung gebildet hatte, dass auch eine Frau eine berufliche Aufgabe erfüllen kann. Ihr Bruder Otto hatte sie darin bestärkt, ohne ihr allerdings konkrete Vorschläge machen zu können. e wakoni einger mundalasingeswcielener Sociale. In diesen Tagen war er akkars der einzige Mensch, mit dem sie sich ausführlich über alles unterhalten konnte. Mit ihren fünfzehn Jahren hatte sie den sieben Jahre älteren und erwachsenen Mann geistig bereits eingeholt, sah aber noch nicht auf den Grund der Dinge und glaubte, dass Otto ihr dabei helfen könne. Wenn Marie ihm erklärte, dass sie einen richtigen Beruf erlernen wolle, mit Prüfungen und allem, was dazu gehört, konnte ihr Otto nur antworten, dass es mit Schulausbildung wahrscheinlich doch nur zur, Hausangestellten oder Fabrikarbeiterin reiche, wenigstens so lange, bis sie heiraten könne. Dann sei sie ja versorgt. Aber Marie woll te nicht" versorgt" sein. Ihre heimlichen Interessen watten sie schon auf den Weg gebracht, der einmal ihre Lebensaufgabe werden sollte, aber das wusste Marie noch nicht. Sie schnitt sich aus Zeitungen bestimmte Artikel aus, um sie mehrere Male durchzulesen und dadurch ganz zu verstehen, besorgte sich Bücher, in denen bereits politische Probleme anihrer . - 27- . geschnitten wurden, so das Anti- Kriegs- Buch von Bertha von Suttner und " Die Frau und der Sozialismus" von August Bebel. Diese Lektüre und die Unterhaltungen mit Bruder Otto über sozialistische Probleme, über das " Erfurter Programm" der Sozialdemokraten, das sie sich mit vieler Mühe als Druckschrift beschaffte, und ihre gute Beobachtungsgabe, xxx* x* мäk******************* mit der sie die Verhältnisse in Landsberg studierte, hatten Erkentnisse zur Folge, die für eine Fünfzehnjährige verblüffend waren, mit denen sie sich aber im luftleeren Raum abmühte, weil ihr die Antworten auf die vielen Fragen fehlten oder aber noch nicht verständlich waren. Sie wusste, dass die Sozialdemokraten für das Stimmrecht der Frauen kämpften, hatte sich schon ein Jahr vorher die Notiz aus der Zeitung herausgeschnitten, in der es hiess, dass in Neuseeland das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, und machte sich Gedanken darüber, dass sich Gewerkschaften bildeten, die sich für die Interessen der Arbeiterklasse einsetzten. Auch mit religiösen Fragen hatte sie sich schon als Schulkind beschäftigt und mit fast unbekümmerter Selbstverständlichkeit die Forderung des Erfurter Programms der Sozialdemokraten, dass Religion Privatsache sei, zu ihrer eigenen Auffassung gemacht. Marie hatte die schon damals die grosse Gabe, gut zuhören zu können, ohne selbst etwas zu sagen. So hatte sie einmal beim Einkaufen im Milchladen gehört, wie sich zwei Frauen über Nachbarsleute unterhielten, über eine Familie Kaiser, deren einer Sohn zur Bürgerschule ring," also mal was Besseres werden soll", während sich der andere als freireligiöser Wanderredner heruntrieb/. Später, als dieser" Wanderredner" in Landsberg eine wichtige Rolle spielte, entsann sich Marie an diese Klatscherei der Frauen, und an ihr eigenes Bemühen, unbedingt wissen zu wollen, was ein" freireligiöser Wanderredner" xxx sei. Je mehr sie sich mit diesen Dingen beschäftigte, desto unklarer wurde die Vorstellung von ihrem eigenen Lebensweg. Vater Gohlke durchschnitt eines Tages diesen gordischen Knoten und legte einige Adressen von Familien auf den Tisch, bei denen sich Marie als Hausmädchen vorstellensollte. Sie machte sich alleine auf den Weg, stellte sich bei einem Kaufmann vor, der einen grossen Haushalt mit vier Kindern hatte," etwas zu viel für ein so junges Mädchen", wurde von einem Gasthof besitzer weitergeschickt, weil in seinem Hause auch Reisende verkehrten und übernachteten, die sich zu sehr für das heranreifende Mädchen interessieren könnten, und kam zum Schluss zu einer Familie, deren Verhalten sie abschreckte und in deren Wohnung sie sich nicht wohlgefühlt hätte: - 28- " Alles war schmuddelig und verstaubt, überall lag und stand Krimskrams und Nippes herum, in einem grossen Zimmer hingen Fahnen an den Wänden. Die Frau hatte mich mit einem Satz begrüsst, der so ähnlich klang wie ' Ach, welch ein entzückendes deutsches Mädchen'. In der Diele hing ein stand mit grosses Bild von Kaiser Wilhelm II, davor eine Kommode, xxxxxxx einem darauf. grossen Blumenstrauss.xxxxdx Der Mann sagte mir, dass das eine Ehrung für den Kaiser sei, der einen sehr wichtigen Handelsvertrag mit Russland abgeschlossen habe, der die Vormachtstellung des Deutschen Reiched stärke." ihren Als Marie von den vergeblichen Versuchen zu Hause berichtete, beschloss Vater Gohlke, bei den weiteren Adressen selbst mit anzufragen, so wie es sich für einen Vater gehört. Sie einigten sich schliess lich bei einem Holzhändler über Entlohnung und Essen, Dauer der Arbeitszeit, freie Stunden an einigen Tagen und gelegentliche Besuche zu Hause. Vater Gohlke versuchte, seiner Tochter Marie klar zu machen, dass es sich hier bestimmt um eine gute Stelle handele, und wenn sie erst einmal mit der Arbeit angefangen habe und damit vertraut sei, würde es ihr auch sicher grosse Freude machen. Marie hatte den Eindruck, dass der Holzhändler etwas zu liebenswürdig, zuvorkommend und freundlich gewesen sei, behielt di* x* x* x* xxxk das aber für sich, weil sie sich selbst nicht darüber klar war, warum sie das Verhalten des Mannes gestört hatte. Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht, denn nach einigen Wochen kündigte sie kurzerhand und ging zu den Eltern zurück. Von einer Tätigkeit in einem privaten Haushalt wollte sie nichts mehr wissen. Durch einen Zufall erfuhr sie, dass die evangelischen Gemeindeschwestern ein Madchen für ihren Haushalt suchten: -29Ich hatte mich sofort entschlossen, diese Stellum anzu nehmen, aber nachträglich kann ich sagen, dass sie keine guten Lehrmeisterinnen waren, und ebensowenig, dass sie sehr schwesterlich handelten. Als ich merkte, dass ich dort nicht weiterkam, ging ich wieder nach Hause, wo wir kurz vorher schon einmal in Erwägung gezogen hatten, dass ich es schon auf Grund meiner Handfertigkeit und Geschicklichkeit im Nähen mit der Schneiderlehre versuchen sollte. Ich konnte nicht ahnen, dass der Augenblick, wo ich meine wenigen Sachen zusammenpackte und den Haushalt der Gemeindeschwestern verliess, denkbar schlecht gewählt war, denn just in dem Augenblick, in dem ich zu Hause ankam, wurde mein Bruder Ottovon einigen Arbeitskameraden ins Haus getragen. Er hatte sich mit der Axt ins Bein geschlagen, die Verletzung war böse und schwer. In der Folgezeit musste er sehr lange zu Hause liegen und bezog wöchentlich ein Krankengeld von 4 Mark und fünzig Pfennigen. Zu allem Überfluss bekam mein Vater zur gleichen Zeit eine schwere Lungenentzündung, schwebte in höchster Lebensgefahr und konnte sich hinterher lange Zeit nicht erholen. Seine Arbeit ruhte, der Verdienst fiel aus, und einer Krankenkasse gehörte er nicht an. Die 4.50 Mark waren also plötzlich das Familieneinkommen. Meine Mutter war mit der Pflege der beiden Männer vollauf beschäftigt. In dieser Zeit erklärte ich energisch, dass ich für einige Zeit in die Fabrik gehen würde. Die Männer waren zu krank, um mit Erfolg zu widersprechen, und der Mutter gegenüber konnte ich mich diesmal mit meiner Absicht behaupten. So ging ich also in eine Fabrik, in der alle Arten von Netzen hergestellt wurden, von den feinsten Gardinen bis zu den gröbsten Fischernetzen. Verdient habe ich nicht viel. Immerhin war das Wenige in der augenblicklichen Lage eine Hilfe. Zuerst wurde ich beim Spulen, dann an einer Maschine, die fertiges Netzgewebe knüpfte, angelernt. So wuchs der geringe Anfangslohn auf wöchentlich 7.50 Mark. Dieser Wochenlohn war noch garantiert, was in meinem Fall sehr wichtig war, denn als bald darauf die Akkordarbeit begann, wäre ich sowieso mit dem Lohn nicht höher gekommen, denn die Maschine, an der ich arbeitete, war alt und schlecht. Eine erfahrene Arbeiterin -30ging überhaupt nicht mehr an sie heran. Es wurde in Tag- und Nachtschichten gearbeitet, und ich erinnere mich noch heute mit Grauen an die qual dieser Nachtarbeit. Es ist aus der ganzen sozialen Schichtung der damaligen Zeit verständlich, dass die Fabrikarbeiterinnen von damals keinen guten Ruf hatten. In den ersten Tagen stand ich bei der Arbeit neben einer mich anlernenden Kollegin, die einen penetranten Körpergeruch aussträm/ te. Ich wusste nicht, zu wem ich etwas darüber hätte sagen können, aber es passierte mir, dass ich an einem der ersten Tage neben der Maschine umsank. Das aber war für die anderen Arbeiterinnen das Signal, dem anwesenden Meister einmal in ganz drastischer Form ihre Meinung über diese Kollegin zu sagen. Sie wurde sofort mit einem Brief zum Arzt geschickt und kam nicht wieder. In der Nachtschicht gab es zwei Ruhestunden, in denen wir uns aus fertigem Netzgewebe Ruhelager machten. Das war nicht unsauber und auch nicht unbequem. In diesen zwei Stunden sah ich bei dem" Gedankenaustausch" der Frauen und Mädchen in eine Welt hinein, die ich nicht kannte und auch nicht verstand. Ich hatte auch nicht den Wunsch, diese Welt kennenzulernen. Allerdings gab es auch sehr ordentliche Frauen darunter, die den anderen recht offen und derb ihre Meinung sagten und die überhaupt ein gutes Gegengewicht bildeten. Kräftig und ungeschminkt im Ausdruck waren sie alle. Ich war aber nicht reif genug, um das Ganze richtig zu verstehen. Sehr viel später hätte ich diese Zeit sehr gerne noch einmal zum ernsten Studium wiederholt. Trotz meiner Jugend und menschlichen Unreife aber hat mir diese Zeit doch genützt, wenn ich auch damals meine Umwelt und die Ursachen mancher Erscheinungen noch nicht begriff. Wenige Jahre später las ich dann in einem eindrucksvollen Artikel, wie sich ein in Berlin stattgefundener Streik von Fabrikarbeitern und-arbeiterinnen nicht nur in der Entlohnung und den sonstigen Arbeitsbedingungen, sondern auch sichtbar moralisch ausgewirkt habe. Die Arbeiterinnen bekamen das Bewusstsein ihrer besonderen Lage. Sie wussten plötzlich, dass ihre Arbeit ganz allgemein und auch volkswirtschaftlich etwas bedeutete, dass sie organisiert stärker waren. Sie wurden für die Bildungsarbeit der Gewerkschaften zugänglicher. Ihr ganzer menschlicher Typus änderte sich, im Aussehen und im Verhalten. Ich habe mich schon damals gefragt, ob ich diesen Artikel wohl mit dem gleichen Interesse und Verständnis gelesen hätte, wenn ich nicht selber diese Erfahrung gemacht hätte. Ein Ereignis hatte für mich während meiner Fabrikzeit eine aufrüttelnde Wirkung. Das Verbot der Nachtarbeit für Frauen in Fabrikbetrieben, bereits im Gesetz festgelegt, sollte in nächster Zukunft in Kraft treten. Für den Besitzer der Fabrik scheint das ein wirtschaftliches Problem gewesen zu sein. Die Fabrik beschäftigte nur Frauen. Da die Kessel Tag und Nacht ge 31heizt wurden, war der durchgehende Betrieb mit der restlosen Ausnutzung der teuren Maschinen rentabler. Plötzlich wurden einige junge Burschen eingestellt. Sie sollten durch die geschicktesten Arbeiterinnen angelernt werden. Wir jungen Fabrik- Mädchen kannten nicht im geringsten die Zusammenhänge. Die älteren Arbeiterinnen fragten die Meister nach der Bedeutung dieser Massnahme. Es wurde ihnen gesagt, dass von einem bestimmten Datum an in der Nacht von Männern gearbeitet werden müsse. Unter den Frauen entstand eine grosse Erregung, sie schrieen auf die Meister ein, mit wilden Worten und durcheinander, sodass kein Wort zu verstehen war. Die Meister wussten sich zum Schluss nicht anders zu helfen, als dass sie einige Frauen herauspickten und sie dem Chef ins Büro schoLinen ben, um ihre Sache dort zu vertreten. Nachher bekamen wir wenn auch sehr aufgeregten, so doch ganz klaren Bericht. Von einem bestimmten Tage an dürften laut Gesetz Frauen in Fabriken nicht mehr nachts arbeiten. Die Anlernung der jungen Männer bedeute die zukünftige Beschäftigung von Männern während der Nachtschicht, vorausgesetzt, dass das Experiment glücklich anliefe. Eins sei aber sicher: die Hälfte der Arbeiterinnen würdex entlassen werden. Sollte sich herausstellen, dass sich die Männer für die von Frauen besser zu bewältigende Arbeit nicht eignen, müsste der Betrieb wahrscheinlich geschlossen werden. Darüber würden aber noch Berechnungen und andere Überlegungen angestellt werden. Sollte es sich ergeben, dass der Betrieb nur mit Tags chicht weitergeführt werden kann, wäre es genau so sicher, dass dann ebenfalls die Hälfte der Arbeiterinner zur Entlassung käme, das sei doch wohl klar. So wurde den Arbeiterinnen die Lage dargestellt, mit dem Ergebnis, dass sie unverblümt auf die Regierung schimpften, die ein so arbeiterinnenfeindliches Gesetz gemacht habe. Mir wollte das Ganze nicht in den Kopf, nach meinem Gefühl stimate dabei etwas nicht. Ich suchte ein ruhiges Gespräch mit einer Arbeiterin. Sie war eine zwar etwas derbe, aber vernünftige Frau, und vor allen Dingen ein sehr anständiger Mensch, und kochte zuerst über:" Männer soll'n wir anlernen? damit sie uns nachher das Brot wegnemen? Nee, kommt ja garnicht in Frage!" " Aber Frau P., Sie selbst werden als eine der besten Facharbeiterinnen doch auf keinen Fall entlassen, das steht fest, und wir jungen und unerfahrenen Fabrikmädchen finden riegendwo anders wieder etwas. Die Nachtarbeit ist doch eine schreckliche Sache. Die Frauen sollten doch zufrieden sein, wenn sie nachts nicht mehr arbeiten müssen." " Ach! Was verstehst Du Küken schon davon! Mein Mann ist krank, ich allein muss ihn ernähren und durchbringen, und dazu noch zwei Kinder. Wenn die Nachtwoche ist, kann ich tagsüber die Wäsche machen und mich um die Familie kümmern." - 32- ihrem Marie Gohlke> Zum ersten Male in Mxxiak Leben stand xix Problemen gegenüber, xit denen sie noch nie begegnet war, zumindest nicht in dieser Form des eigenen Miterlebens. Alles, was sie bisher gelesen und gehört hatte über soziale, wirtschaftliche und klassenkämpferische Fragen und Zusammenhänge, war Theorie gewesen, die sie nach gründlichen Durchdenken aufnahm und zur eigenen Erkenntnis machte. Und jetzt gerieten diese theoretischen Erkenntnisse in Widerspruch zu den Schlussfolgerungen, die sie aus den Ereignissen in der Fabrik ziehen musste. Sie fand es nicht nur richtig, sondern sehr vernünftig, dass ein Gesetz erlassen wurde, das die Nachtarbeit für Frauen untersagte. Dieses Gesetz war also keineswegs arbeiterfeindlich. Aber waren es nicht die Folgen des Gesetzes? Wurden davon nicht viele Frauen betroffen, die mithelfen mussten, die Familie zu ernähren und die nun auf die Strasse gesetzt wurden? Zu Hause konnte sie sich nicht mit Vater und Mutter darüber unterhalten. Ihre Eltern waren keine" Proletarier", sondern Landbewohner, die in die Stadt gekommen waren, um sich als Handwerkerfamilie niederzulassen. Die nicht immer erfreuliche wirtschaftliche Situation deg Vaters, die beengten Wohnverhältnisse der Familie Gohlke in Dachgeschostrotzdem sen und die Einschränkungen im täglichen Leben hatten bei den Eltern niemals die Meinung aufkommen lassen, sich dem Arbeiterproletariat in irgend einer Form zugehörig oder verbunden zu fühlen. Anders war es mit Maries Bruder Otto, der nur unklare Vorstellungen von der Zeit hatte, da seine Eltern auf dem Lande lebten, der schon in der anwachsenden Kreisstadt Landsberg xx* x* x* x* x* x grossgeworden, xxx beruflich ausgebildet und jetzt als Zimmerarbeiter tätig war. Mit ihm konnte sich Marie über alles, was ihr unklar war, unterhalten. Ihn konnte Marie fragen, was mit den Familien geschehen würde, wenn die Frauen keine Arbeit mehr hätten, wovon sie leben würden, was mit den Kindern geschehen würde. Sie konnte ihn auf Widersprüche aufmerksam machen, die nach ihrer Meinung in diesem Gesetz lagen, dass nämlich viele der betroffenen Frauen sozialistisch denken, dass sie aber auch wüssten, dass die Sozialdemokraten sich für den Erlass dieses Gesetzes eingesetzt hätten und deshalb den politischen und sozialen Zusammenhang nicht mehr verstehen könnten und irre würden an ihrer eigenen sozialistischen Auffasssung. Otto versuchte, seiner Schwester klarzumachen, dass durch die Industrialisierung der Wirtschaft soziale Probleme entstehen, die unbedingt von Staats wegen gelöst werden müssten, und dass deshalb die Sozialdemokraten ganz klare Forderungen stellten, nämlich Umwandlung des kapitalistischen Eigentums in gesellschaftliches Eigentum, also Beteiligung der Arbeiterschaft an den Produktionsgewinnen und damit soziale Besserstellung des Arbeiters. Trotz ihrer fünfzehn Jahre xxxxxкiя versuchte Marie, so viel wie • - 33- möglich zu verstehen oder sich nach dem, was sie nicht verstand, zu erkundigen. So kam sie in diesen Tagen mit einem Abteilungsleiter der Fabrik ins Gespräch, der ihr die Ansicht" der anderen Seite", des Unternehmers, darstellte, dass man den Arbeiter niemals an der Produktion beteiligen könne, da er ja kein Risiko trage, während der Fabrikbesitzer den Betrieb mit sehr viel Kapital aufgebaut, teure Maschinen angeschafft und Rohstoffe gekauft habe, um den Betrieb in Gang zu bringen. Ausserdem müsse der Unternehmer auch laufend neue Gelder für Reparaturen in die Fabrik hineinstecken. Das war alles etwas zu viel für den Kopf einer Fünfzehnjährigen, die mit wachem Verstand, aber mit mässiger Volksschulbildung in dieses Dickicht von Auseinandersetzungen geriet. Bruder Otto wurde durch die Unterhaltungen mit Schwester Marie xxxxx* auf Dinge gestossen, auf die er vielleicht selbst nicht gekommen wäre, nach denen er sich aber erkundigte, weil er als eingeschriebener Sozialdemokrat Versammlungen und Parteiveranstaltungen besuchte. Marie liess sich immer davon erzählen, und je mehr sie hörte, desto umfangreicher wurde das Problem für sie. Es bedrückte sie, den erwachsenen Arbeiterinnen in der Netzfabrik keine sachlich fundierten und exakt durchdachten undxkagischen Antworten geben zu können, und diese erste Hilflosigkeit verstärkte noch mehr ihren Wunsch, sich mit aller Energie mit den sozialen Problemen der Arbeiterden sozial schaft zu beschäftigen: " Wie ich dann später feststellte, arbeitete die Fabrik weiter, und nur in Tagesschicht. Die Umstellung hat den Besitzer nicht sein Vermögen gekostet. Ich weiss aus der späteren Entwicklung meiner Vaterstadt, dass er immer zu den reichsten und einflussreichsten Bürgern 34gehörte. Es hiess auch, dass sich die jungen Burschen nicht für diese Arbeit geeignet hätten. Die Frauen seien durchweg geschickter und zuverlässiger gewesen. Die ganze Episode- die verzweifelte Wut der Arbeiterinnen, der Aufschrei dieser Mütter, die Unterhaltungen mit meinem Bruder Otto über diese Situation haben einen starken und nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Gerdade die Debatten mit Otto wurden immer konkreter, auch leidenschaftlicher und interessierter. - Es war ein Einblick in soziale Verhältnisse, für deren Verständnis mir noch der Schlüssel fehlte. Kein Mensch und, kein Buch waren einleuchtende, überzeugende für mich da, um mir dabei zu helfen, eine erklärung zu finden. Aber die Zeit in der Babrik mit allem Drum und Dran hat einen Einfluss auf mein allgemeines Denken genommen und mir später in der Erinnerung bei meiner ganzen Entwicklung viel und entscheidend geholfen.Als endlich freie Gewerkschaften in unserer Vaterstadt gegründet wurden, zuerst für die Bauhandwerker, Maurer und Zimmerleute, begrüsste ich freudig dieses Ereignis. Die Zeit war längst reif dafür, die patriarchalische Form zwischen Meister und Gesellen genügte längst nicht mehr." Als sich die Verhältnisse in der Fabrik xx zuspitzten, und Marie xxx damit rechnen musste, als eine der Ersten entlassen zu werden, wollte sie vorbeugen. Ihr solidarisches Gefühl für die Familie war so ausgeprägt, dass sie beschloss, sich sofort nach einer anderen Arbeitsmöglichkeit umzusehen, damit es keinen Verdienstausfall gäbe. Die Eltern befürworteten den Entschluss von Marie, waren aber gegen eine weitere Tätigkeit ihrer Tochter als ungelernte Fabrikarbeiterin. Wenn sie sich й** кж**** zuerst damit einverstanden erklärt hatten, dann nur deshalb, weil Vater Gohlke gesundheitlich noch immer nicht in Ordnung war. Die Lungenentzündung war noch nicht überwunden, und wenn er von gelegentlicher Aushilfsarbeit nach Hause kam und die Treppen hinaufxxstiegxx xxx, musste er zwischendurch ausruhen, um wieder xx Luft zu kaxxx bеkommen. Marie sah das mit grosser Besorgnis und wurde dadurch noch mehr bestärkt, so schnell wie möglich zu handeln. - 35- Schon am nächsten Tag ergab sich eine Möglichkeit. Die alte Netzmaschine, an der sich Marie eingearbeitet hatte und mit der sie es trotz mörderischer Akkordarbeit nur bis zum vereinbarten Normal- Lohn brachte, bekam einen Knacks, gab noch einige knirschende Geräusche von sich, und blieb stehen. Der Meister, der sich austoben wollte, weil" die blöde Göre" die schöne Maschine kaputtgemacht habe, konnte sich seiner Haupt nur durch die Flucht in das Zimmer vom Chef retten, weil sich auf einmal sämtliche Arbeiterinnen mit der kleinen Marie solidarisch erklärten. Meister und Chef erschienen bald darauf im Maschinensaal, und der Chef erklärte Marie mit gekünsteltem Wohlwollen, dass sie für den übrigen Teil des Tages frei habe, da es im Augenblick keine andere Arbeit für sie gäbe. Selbstverständlich bekäme sie das, was sie gearbeitet habe, bezahlt. Morgen früh sei die Maschine wieder repariert, und dann könne es ja weitergehen. Marie ging an diesem Nachmittag nicht nach Hause, sondern beschloss, sich einmal in Ruhe ihre Heimatstadt Landsberg anzusehen. Seitdem sie in der Fabrik war, hatte sich kaum noch Gelegenheit dazu geboten. Was sie nach einiger Zeit des Umherlaufens in der Friedeberger Chaussee wollte, war ihr selbst nicht klar, und sie wollte schon in eine Seitenstrasse einbiegen, um sich auf den Nachhauseweg zu machen, als sie das grosse Gebäude sah, von dem man ihr früher schon erzählt hatte, dass geistig nicht normale Menschen darin untergebracht seien. Sie hatte sich schon des öfteren Gedanken aber gemacht, nicht aus Neugierde, sondern aus den Bedürfnis, die Ursachen der Krankheiten, an denen diese Bedauernswerten litten, zu erfahren. Als sie einmal mit ihrem Vater darüber sprach, meinte er, dass es sich wahrscheinlich in der Hauptsache um Menschen handele, deren Eltern oder die selbst Alkoholiker seien, dass sich so etwas vererbe, und das sei auch der Hauptgrund, weshalb er ein Gegner des Alkohols sei. dar Marie ging auf das Gebäude zu, sah das Schild" Provinzial- Landes- Irrenanstalt" und folgte mehr einem Instinkt als einen vorgefassten Entschluss als sie die wenigen Treppen hinaufstieg und die Türe zu einem Treppenhaus öffnete, von dem nach links und rechts Gänge wegführten. Gleich am Anfang des rechten Ganges war eine Türe mit einem Schild, aus dem Marie entnahm, dass in diesem Raum die Verwaltung sei. Die Ruhe, mit der sie kurz entschlossen anklopfte, war nur äusserlich, denn aus der inneren Erregung spürte sie, dass sich hier ein Wunsch nach einer Tätigkeit erfüllen könne, die ihr mehr Befriedigung geben würde als die Arbeit eines Haus- oder Fabrikmädchens. -36Der sehr freundliche Mann, dem sie in kurzen und klaren Worten sagte, dass sie in der Irrenanstalt arbeiten wolle, machte sich einige Notizen, schrieb sich Namen und Adresse der Eltern auf, und bat sie, nach einigen Tagen noch einmal vorbeizukommen. Eine feste Zusage könne er ihr nicht geben, denn eigentlich sei sie für eine Pflegerin noch viel zu jung. Abersie hatte Glück: " Es war Zufall, dass ich bald nach diesen aufregenden Tagen die Aufforderung erhielt, den Dienst anzutreten, sodass ich nicht arbeitslos wurde und auch im Verhältnis ganz bedeutend mehr verdiente. Diese Art der Arbeit sagte mir auch viel mehr zu.- Zweiundeinhalbes Jahr war ich Wärterin in der Provinzial- Landes- Irrenanstalt zu Landsberg. Auch heute ist es so, dass in den" Heil- und Pflegeanstalten", wie sie nun heissen, weibliche Kräfte ohne Vorbildung eingestellt werden. Wir wurden nur angelernt. Heute machen die künftigen Pflegerinnen eine richtige Behrzeit durch. Sie erhalten neben der praktischen Unterweisung auch theoretischen Unterricht, machen ein Examen und führen den Schwesterntitel.- Wir mussten damals sehr schwer und sehr lange arbeiten. Freilich gab es durch den Direktor, die Ärzte und die Oberin den schwachen Versuch einer theoretischen Ausbildung und menschlichen Erziehung, was jedoch völlig unzureichend war, um Wissen und Kenntnisse vollwertig abzurunden. Doch lernte ich zweifellos sehr viele Dinge gründlich kennen. Das waren vor allem Sauberkeit und peinliche Ordnung,- dann die Einordnung in etwas Ganzes, Geschlossenes, also zwangsläufig damit verbunden die straffe Einteilung und Einhaltung der Arbeitszeit nach Minuten. Aber auch das Aufgehen im Krankenbetrieb und die Teilnahme am Kranken selbst wurden uns gelehrt und auch zur Pflicht gemacht. Darum war vor allem der Direktor der Anstalt bemüht, ein Mann, den ich als Mensch und Persönlichkeit in bester Erinnerung habe. Doch kam es bei allem sehr stark auf die Veranlagung und Aufnahmebereitschaft von uns Mädchen an. Trotz des besten Willens von meiner Seite stellte ich sehr schnell fest, dass der am deutlichsten spürbare Mangel dieser Anstalt darin bestand, dass trotz aller Bemühungen kein System vorhanden war, weil sich das bischen Theorie, das Wenige über Berufsethos und die Praxis auf neben- und nicht miteinanderlaufenden Wegen abspielten. Auch waren die Arbeitsbedingungen viel zu hart, sie lassen sich mit den Zuständen in den heutigen Pflegeanstalten garnicht vergleichen. Unser Dienst begann im Sommer morgens um 5 Uhr, wenn uns die Glocke vom Turm der Anstaltskirche weckte. Er ging durch bis 9 Uhr abends. Auch -37die weniger ausgenutzten Stunden waren gespannte Bereitschaft. Wir hatten keine eigenen Zimmer, nur ein Bett im Schlafraum der Kranken, damit wir auch des Nachts, wenn sich das als notwendig erwies, zur Stelle waren und handeln konnten. Das war je nach der Art und Zusammensetzung der Insassen auf den Stationen sehr verschieden. Um 9 Uhr abends waren die Kleider der kranken Frauen durchgesehen und lagen zusammengerollt auf ihren Stühlen im Ess- und Aufenthaltsraum. Abgemessene zehn Minuten hatten wir des morgens für unsere Toilette. Über Tag war alles Innen- oder Aussendienst, auch das Essen, das wir zugleich und an einem Tisch mit den Kranken einnahmen. Ab neun Uhr abends hatten wir dann eine Stunde lang die Möglichkeit, uns untereinander etwas zu unterhalten, unsere eigenen Kleider und Wäschesachen durchzusehen und zu reparieren. Ganz selten blieb auch einmal etwas Zeit übrig, wenn auch nicht viel, um zu lesen. Wir Wärterinnen waren in dieser Stunde zu dritt oder viert in einem Raum,*************** der in wenigen Schränken knappen Platz für persönliche Dinge des Personals bot. In diesem Raum wurde zur gleichen Zeit das Essgeschirr für 30 ki bis 40 Personen gewaschen und aufgestapelt, ausser den vielen anderen Gebrauchsdingen des Haushalts einer Kranken- Station. Eine Stunde später, um zehn, hatten wir im Bett zu sein. In dem erwähnten" Aufenthaltsraum' brannte ab lo Uhr hoch oben auf einem Schrank ein Öllicht, das von draussen vom Nachtwächter kontrolliert werden konnte. Auch machte die Oberin des nachts öfters unverhoffte Rundgänge. Sicher waren wir niemals vor Überraschungen. Trotzdem bin ich oft nach lo Uhr noch einmal aufgestanden, um noch- bei diesem Öllicht- etwas zu lesen. Was habe ich alles angestellt, um der peinlichen Entdeckung zu entgehen, bei dieser NachtLektüre erwischt zu werden.-Dass aber an jedem zehnten Tag dieser überlangen Dienstzeit noch eine Nachtwache angefügt wurde, wird man mir kaum glauben wollen. Diese Nachtwache dauerte von 9 Uhr abends bis 6 Uhr in der Frühe. Je zwei Kolleginnen teilten sich darin. Auch hier konnte man den Schlaf von knapp vier Stunden nur im Musaal bei den Patienten finden, durfte also den Raum nicht verlassen, damit man zur Hand war, wenn die wachende Kollegin Hilfe brauchte, was oft genug vorkam. Die Kontrolle wurde mit einer Steckuhr geregelt, die viertelstündlich bedient werden musste. Dass diese Zeiten eingehalten wurden, ist nur darauf zurückzuführen, dass man Routine bekam, auf einem harten, steifen und unbequemen Stuhl im Sitzen zu schlafen und trotzdem pünktlich an das andere Ende des Saales zur Steckuhr zu genen. Das Schlimme war, dass man während dieser Wachstunden nicht lesen oder eine Handarbeit machen durfte und auch nicht konnte. Ein Buch hätte ich mir schon eingeschmuggelt, aber das in Öl schwimmende -38Licht befand sich auch hier hoch oben an der Wand in einem verschlossenen Behälter. Der ganze Raum war nur in ein kümmerliches Dämmerlicht gehüllt. Trotzdem ist zu meiner Zeit niemals etwas passiert, ausser dass man sich gelegentlich bei der Oberin das" Bild" ansehen musste, das man in der Nacht auf dem Papierstreifen in der Kontrolluhr gestochen hatte. Oft folgten einer etwas grösseren Lücke die Punkte in ganz kurzen Zwischenräumen. Es waren eben keine ausgeruhten Menschen, die bei den ständig zu bewachenden und zu pflegenden oder gerade prisch eingelieferten Patienten sein mussten. Wenn wir wärterinnen am Sonntag mit unseren Pfleglingen in der Kirche waren, schliefen wir alle- ohne Ausnahme- während der Predigt ein. Der Pfarrer beschwerte sich, die Oberin stellte uns zur Rede, entrüstet über so viel religiösen Unverstand. Am nächsten Sonntag schliefen wir ungeachtet der strengen Oberin- Reden selbstverständlich wieder ein.- Immerhin habe ich zum ersten Mal in meinem Leben mit aller Gründlichkeit kennengelernt, was es bedeutet, Kranke, und vor allen Dingen geisteskranke Menschen, zu pflegen. Ganz zu schweigen davon, dass mir diese Arbeit trotz aller Härte sehr viel gegeben und mir für mein ganzes Leben und meine ganze Arbeit unendlich geholfen hat, möchte ich doch auch sagen, dass die Bezahlung- gemessen an jedem anderen, für mich möglichen Verdienst-auch für die damalige Zeit Crecht gut war." Als Marie schon zwei Jahre als Wärterin in der Landes- Irren- Anstalt gearbeitet hatte, bekam sie den ersten Urlaub, wenn auch nur wenige Tage. Aber sie konnte endlich einmal wieder zu Hause sein, erzählte von ihrer harten, aber doch sehr interessanten Arbeit, vermied es jedoch, auf irgend welche Einzelheiten einzugehen. Was sie mit den Patientinman oft erlebt hatte, konnte sie nicht wiedergeben. Eltern und Bruder bemerkten die Veränderung, die mit Marie vorgegangen war. Sie hatte kein überschäumendes Temperament, auch nicht als Kind, war von einer stillen Heiterkeit, hatte auch gerne gelacht. Aber jetzt sass sie da, ernst und mit grossen Augen, aft und überlegte das, was sie zu sagen hatte, ganz genau. Nach Ottos Meinung war es mehr ein Vortrag als eine Erzählung. Mit verständlicher Neugier versuchte Bruder Otto, Einzelheiten aus Marie herauszufragen, versteckte sich hinter allerlei Ausflüchte und meinte, dass man als Sozialist auch über diese Menschen und ihre Lage etwas wissen müsse. Maries Antworten waren dann immer so geschickt ausweichend, dass sie damit zwar die Fragen beantwortete, nicht aber das Wissenwollen der Fragenden, eine Eigenschaft, die sie später mit grosser politischer Klugheit in ihrem Berufsleben anwandte. Auf jeden Fall musste damals Otto aus manor Antwort entnehmen, dass sich Marie mit einer sehr verantwortungsvollen Aufgabe beschäftigte, worauf Mae zwar stolz war, wofür sie aber keine Bewunderung verlangte. manches Mal Maries Sie Sie - 39- Marie war zwar auf der Frauenstation beschäftigt, aber es ergab sich zwangsläufig, dass sie auch auf der Männerstation zugreifen musste, weil die Pfleger oft alleine nicht fertig wurden. Das war zuerst recht anstrengend nicht leicht für Max*** xabяк sie, obwohl es ihr nicht nur von den Pflegerinnen, sondern auch von den Pflegerin■■■ xleicht gemacht wurde, die ihre Arbeit verrichteten, als ob es sich nicht um Lebewesen, sondern um Gegenstände handele. Im Gegensatz zum übrigen Personal der Anstalt wusste Marie bei jedem Handgriff, dass sie es mit kranken Menschen zu tun hatte. Ihre Arbeit wurde ihr dadurch nicht zur Gewohnheit, bei der sie sich nichts mehr dachte. Im Gegenteil: sie dachte sehr viel über alles nach, was mit dem Ursächlichen zu tun hatte, und mit den Pflichten, die sich daraus für die gesunde Menschheit ergaben. Leider fand sie in der Anstalt keine Gesprächspartner, mit denen sie sich hätte unterhalten können. Mit Menschen ausserhalb dieser beruflichen Sphäre konnte sie nicht darüber reden, und Lektüre, die sich mit der sozialen Problematik) beschäftigte, gab es noch nicht oder war ihr nicht zugänglich. der Irrenanstalten - Je mehr Marie sich an ihrer Arbeit begeisterte, desto verschlossener wurde sie, und als sie längere Zeit in der Sterbeabteibung arbeitete, wozu auch das Bereitmachen der verstorbenen Pattienten für die Beerdigung gehörte, das Säkякяxdæкxxдяк An- und Auskleiden und das Säubern der Körper, wurde aus der Siebzehnjährigen ohne jede vorbereitenden Erfahrungen die ernste Frau, die sie ein ganzes Leben lang geblieben ist. problematische oder intensiv bewegende Über Einzelheiten aus dieser beruflichen Tätigkeit hat Marie nie etwas geschrieben, und nur wenige Male darüber gesprochen. In einem Gespräch- ein halbes Jahr vor ihrem Tod erwähnte sie nur, dass sie die Jüngste war, daste Pflegerinnen schon erfahrene Frauen waren, die Familie hatten, Männer und Kinder, und dadurch dem Leben ausserhalb der Anstalt verbunden blieben, und dass die wenigen unverheirateten Frauen altersmässig wesentlich später und mit einiger Lebenserfahrung zu diesem Beruf gekommen waren. Bei dem gleichen Gespräch wurde Marie auf eine Tatsache aufmerksam, die ihr hat nicht aufge fallen war, dass nämlich auf Arbeitsplätzen, auf denen unverheiratete Frauen und Männer gemeinsam beschäftigt sind, sich Freundschaften entwickeln, die meist zu Eheschliessungen führen, während in der Irrenanstalt das unverheiratete weibliche und männliche Personal zwar gelegentlich, wo es sich ergab, miteinander scherzte, aber dennoch keine engeren Bindungen entstanden und ein Kontakt ausserhalb der Anstalt nicht bestand. Marie konnte sich nicht erinnern, selbst von den Kolleginnen, mit denen sie sich besonders gut vertrug, jemals früher? . . - 40eine private Einladung erhalten oder selbst den Wunsch gehabt zu haben, eine solche auszusprechen. [ Familien- und Berufsprobleme] Wenn Marie einmal einen halben oder ganzen Tag frei hatte und zu Hause war, hatte sie manches Mal das Gefühl, dass das wirkliche Leben nicht mehr ihre Welt sei. Vater, Mutter und Bruder Otto machten sich ihre Gedanken darüber und überlegten oft gemeinsam, wie man es Maria fertigbringen könne, um Marie ausserhalb ihrer Arbeit Freude zu machen. So nahm sie Otto einmal zu einem Tanzvergnügen in das Landsberger Schützen haus mit, wo Marie einen Freund ihres Bruders kennenlernte, den Steinmetz Wilhelm Drews, zu dem sie ein gutes kameradschaftliches Verhältnis fand, das sich aber friedlich und ohne jede innere Aufregung löste, als der Steinmetz Landsberg verliess. Bruder Otto hatte damit gerech net, dass sich zwischen den beiden Menschen eine engere Bindung ergeben würde, und auch Vater und Mutter Gohlke hatten versucht, Marie in dieser Richtung zu beeinflussen. Auch das" gute Beispiel", mit dem Otto voranging, indem er sich im Juli des Jahres 1897 mit Eveline Strese, einer Fabrikarbeiterin, verheiratete, blieb auf Marie ohne Eindruck. Selbstverständlich freute sie sich darüber, dass ihr Bruder eine gute Lebenskameradin gefunden hatte. Er war alt genug mit seinen fast 25 Jahren, um eine Familie zu gründen, aber sie selbst, nun 18 Jahre alt, glaubte, sich jetzt schon ihr eigenes Welt- und Lebensbild machen zu können. Als in der Ehe des Bruders das erste Kind geboren wurde, war sie sich zwar klar darüber, dass nun eine grosse Familie entstanden sei, denn Vater und Mutter Gohlke wurden mit 57 und 52 Jahren Grossvater und Grossmutter, und Marie selbst und ihre 9 Jahre alte Schwester waren plötzlich Tanten. Marie nahm das mehr mit Humor als mit sogenanntem" familiären Sinn" zur Kenntnis. Diese Einstellung wird leichter verständlich, wenn man xxxh eine Formulierung Maries aus späterer Zeit zitiert:" Man kann яiяж* жяшк volles Verständnis für Familien haben, für Quch deren wirtschaftliche, seelische und geistige Nöte, wenn man selbst kei ne im bürgerlichen Sinne zu verstehende Familie hat." Später, wenn der Leser weitere Ereignisse aus dem кяяя privaten Leben von Marie Gohlke- Juchacz erfahren мяkяя hat, wird er begreifen, dass dieser Satz keine Entschuldigung dafür bedeutet, dass Marie Kinder zur Welt brachte, ohne eine Familie" im bürgerlichen Sinne" zu haben, sondern vielmehr eine Erklärung dafür ist, dass gerade die Menschen, die sich einer Aufgabe und nicht nur und ausschliesslich der Familie- widmen, oft einen ausgeprägteren Familiensinn entwickeln als" Familien". Hier liegen die ersten klaren Aversionen gegen eine Familiarität, die sich nach dem Buchstaben des Gesetzes und nach den Auffassungen der" Nachbarschaft" tarnt, aber keinen echten familiären Wert besitzt. . - 4 1- [ ALS - wenn Hinamas Otte das Elternhaus verliess und eine eigene Wohnung in Landsberg einrichtete, waren die Eltern mit ihrem jüngsten Kind, der neunjährigen Elisabeth, alleine. Marie erkannte schon zu dieser Zeit, dass grosswerdende Familien keine Familien mehr sind, sondern dass das" in Verwandtschaft ausartet". Die Eltern von Bruders Ottos Frau Eveline kamen ja noch dazu, und wenn alle- einschliesslich dem Neugeborenen in der kleinen Dachwohnung in daxxkaяd Landsberg zusamm mensassen, waren es 8 Menschen, viel zu viel für Marie, die sich durch ihre Arbeit in der Irrenanstalt nicht zu einem" Gesellschaftsmenschen" sondern in sein Gegenteil verwandelt hatte. Deshalb sass sie schweigend dabei, wenn sich die anddeen über Dinge unterhielten, die ihr zwar nicht fremd waren, weil sie nun enmal zum Leben der Menschen gehören, die ihr aber nebensächlich, ja unwichtig erschienen gegenüber den Fragen, die für die von Tag zu Tag umfassender wurden. Ihr Bruder Otte machte ihr in dieser Zeit gelegentlich Vorwürfe und deutete ihre Reserviertheit teils als Scham, teils als Überheblichkeit, ging aber mit diesen Feststellungen erheblich an den Rakxa********** wirklichen Ursachen vorbei, nämlich an der Tatsache, dass sich die geistigen Interessen von Marie schon zu dieser Zeit auf Gebiete erstreckten auch noch nicht in der Erkenntnis der klaren Zielsetzung-, die nicht sehr viel später schon zu ihrem sozial- politischen Aufgabengabiatbezirk gehören sollten. Wenn Marie nach fast vollendetem Leben schrieb, dass sich fast alles aus Zufälligkeiten und Zeitumständen ergab, vergass sie dabei die einzige wichtige Tatsache, dass zum Zufall und zum Zeitumstand noch etwas gehört: der Mensch mit einer bestimmten Veranlagung geistiger, seelischer und charakterlicher Art. Mit dieser besonders qualifizierten Veranlagung fügte sie sich in die Entwicklung einer Zeit, deren besonders Merkmal mal der Kampf des Proletariats um seine sozialen Rechte war. Marie war von Geburt und Erziehung weder Arbeiterin joch Proletarierin. Ihre Vorfahren waren Bauern und Handwerker, zum Teil hoch Leibeigene, in eine Provinzstadt verschlagen, vom Gefühl aus mehr dem Bürgertum als der Arbeiterschaft verhaftet, und durch die schlechte wirtschaftliche Situation nicht proletarisiert, sondern sehr oft" finaziell sehr eingeengt", also verarmt. Das sind zu dieser Zeit zwei grundverschiedene soziale Auffassungen, aber Marie ging den Weg der Arbeiterschaft, obwohl sie in ihrer wichtigsten Wachstums zeit mehr der kleinbürgerlichen als der proletarischen" Bestrahlung" ausgesetzt war. Sie musste diesen Weg schon deshalb gehen, weil sie instinktiv fühlte, dass die in weiter Zukunft liegende Entwicklung zwangsläufig zur Gleichberechtigung der Frau führen müsse. Der Kampf um diese Gleichberechtigung war ausschliesslich eine Forderung der Sozialdemokratie seit deren Bestehen. her - 42- Dieses rein gefühlsmässig erarbeitete Wissen, genährt von den kleinen und grossen Ereignissen des provinziellen Alltags, verarbeitet von einem Gehirn, das nur dem mässig funktionierenden Rhythmus einer unvollkommenen sechsklassigen Volksschule unterlag und deshalb seine eigenen Denkwege ging,- dieses Ahnen einer Entwicklung, eines Kampfes um das Recht des Menschen, um das Recht der Frau, ist uns Heutigen, die wir in den Genuss dieser Entwicklung gekommen sind, in seiner geschichtli chen Grösse fast kaum nocherkennbar, weil das, was Kampf war, verständliches Lebensrecht wurde. selbstAls Marie ihr Leben fast vollendet hatte und sich diese Zeit noch einmal in ihr Gedächtnis zurückrief, eliminierte sie alle Gedanken und Erkenntnisse, die ihrer damaligen geistigen Potenz nicht entsprachen. Sie versuchte, sich genau so in die Zeit zurück zu versetzen, wie sie war, keine leichte Aufgabe für einen Menschen, den das öffentliche Leben auf verheissungsvolle Höhen und in finstere und bittere Tiefen getragen hatte. Marie war jun schon mehr als zwei Jahre als Pflegerin in der Irrenanstalt, hatte sich** x* x dem" wirklichen" Leben etwas entfremdet, ohne dabei die tatsächlichen und für die Zukunft entscheidenden Wirklichkeiten zu verkennen. Sie sah zwar ihr eigenes Berufsproblem- obwohl es zu dieser Zeit für Frauen noch keine Berufsprobleme gab, denn Frauen, die arbeiten wollten, ergriffen keinen Beruf, sondern gingen in die Fabrik-, sie machte sich Gedanken über ihr eigenes berufliches Leben, und dachte doch immer an das Leben aller Frauen, die wirklich einen Beruf ausüben wollten: " Ich war mir immer klarer darüber geworden, dass man als Mädchen eine geschlossene Berufsausbildung braucht, wenn man an seiner Arbeit wirklich Freude haben soll. So spielte ich damals ernsthaft mit dem Gedanken, Diakonisse zu werden und besprach das auch mit meinen Eltern, nicht etwa deshalb, weil ich mich nun besonders zu einem solchen" Frauenorden" hingezogen sondern weil mir die Krankenpflege als Beruf besonders zusagfuble te und ich keine andere Ausbildungsmöglichkeit dafür sah und kannte. Es fehlte auch an erfahrenen Ratgebern, die mir hätten helfen können. Meine Eltern sahen das ganze Problem von einem anderen Standpunkt aus. Sie wollten wohl keine" frömmelnde" Tochter und sahen viel lieber die spätere Frau und Mutter in mir. Sie redeten mir zu, doch nun Weissnähen und Schneiderei zu erlernen. In den zweieinhalb Jahren meiner Tätigkeit in der Landes- Irrenanstalt hatte ich mir so viel zurückgelegt, dass ich es wagen konnte, vorausgesetzt, dass meine Eltern mir durch Wohnung und Verpflegung helfen würden, was sie mir auch gerne anboten. Damit könnte ich mir nach ihrer Meinung einmal in allen Lebenslagen helfen. So bin ich denn ihrem Rat gefolgt." 43Die Fortschritte, die Marie in der Weissnäherei und Schneiderei machte, waren so beachtlich, dass sie schon nach einem Jahr private Schneidereiaufträge annehmen und ausführen und sich dadurch zusätzlich zur Ausbildung Geld verdienen konnte. Sie kam nicht- nur in beruflichen Kontakt mit anderen Menschen, sondern wurde auch in Gespräche verwickelt, die sich mit den öffentlichen, wirtschaftlichen, industriellen, sozialen und politischen Ereignissen beschäftigten. Um dabei mitreden zu können, war es notwendig, sich mit der Problematik dieser Dinge intensiv zu\******* ** я befassen. So sah Marie mit lebendigem Interesse die Stadt Landsberg und ihre Menschen nicht nur in der Gesamt- Entwicklung, sondern zog aus manchem Detail ihre eigenen Schlüsse: " Landsberg war eine Industriestadt geworden. Eine grosse Maschinenfabrik war aus ehemals kleinen Anfängen entstanden. Der Familienbesitz war in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden. Die bereits erwähnte Netzfabrik hatte ihren Betrieb nach verschiedenen Richtungen hin erweitert. Der Besitzer einer ehemals schon ganz respektablen Sackfabrik baute eine grosse Jutespinnerei und zog auswärtige, hauptsächlich ausländische Arbeitskräfte mit ihren Familien heran, Italiener und Böhmen, letztere aus dem damals österreichischem Gebiet. Aus diesem Zuzug entstand eine grosse Wohnkolonie, zu der die" Einheimischen" in der ersten Zeit keinen Zugang hatten. Die Stadt wuchs ständig von aussen her. Die grossen Bauern und Gutsbesitzer der Umgebung fanden es zweckmässig und lohnend, jährlich im Sommer und Herbst Landarbeiter aus den polnischen Gebieten kommen zu lassen, Saison- Erntearbeiter, Schnitter, Drescher und auch Landarbeiter, die mit dem Viehzeug umgehen konnten. Diese Arbeiter gingen im Winter nur zu einem kleinen Teil wieder in ihre Heimat zurück, der grosse Rest ging in die Stast Landsberg und suchte sich dort Arbeit und Wohnung. Die Frauen und Mädchen erwarteten hier oft ihre Niederkunft. Ging das im Sommer verdiente Geld zur Neige, musste die ganze Familie zur Arbeit. So wurden sie sesshaft. Die Gutsbesitzer liessen neue Erntearbeiter kommen, die sich ebenfalls im Winter in der Stadt festsetzten. So ging das Jahr um Jahr, wie an einer Kette. Die Stadt wuchs, und mit ihr die Industrialisierung. Die fleissig ausgenutzte Gewerbefreiheit hatte sich auch im sozialen und kulturellen Leben der Stadt ihren Ausdruck gesucht. In der Heimatkunde der Schule hatte ich mit acht Jahren noch gelernt, dass Landsberg 20000 Einwohner beherberge. Nun waren es 40 000, und Landsberg war inzwischen längst Kreisstadt geworden. Das alles in zehn bis zwölf Jahren. Auch in der Arbeiterschaft machten sich die Strömungen der Zeit bemerkbar. Nachdem die Zimmerer und Maurer mit der Gründung ihrer gewerkschaftlichen Organisation vorangegangen waren, entwickelte sich das Organisation leben der Arbeiterschaft folgerichtig weiter. Aus dem Baugewerbe entstand - . -464auch die erste Lohnbewegung. Das war den" Meistern" etwas Neues, das sie durchaus nicht anerkennen wollten. So kam es zu einem Streik, der eine ziemliche Erregung, ein Für und Wider in der ganzen Stadt auslöste. Für uns und unsere Familie war dieser Streik noch von besonderer Bedeutung. Unser Vater hatte nach seiner schweren Krankheit und nach grossen Verluster in seinem Geschäft nun doch nicht mehr die Kraft und den Elan, weiter als Unternehmer zu arbeiten. Es muss ein schwerer Entschluss für ihn gewesen sein, nun als Zimmerge selle unter einem Meister zu arbeiten, aber es blieb wohl nichts anderes übrig. Ein junger Architekt, der einen Teil seiner praktischen Lehrzeit bei ihm absolviert hatte, sagte ihm, dass er sich eine Ehre daraus machen würde, seinen alten Lehrmeister zu beschäftigen. Der Bruder meines Vaters- mein Onkel Johann- war schon längere Zeit als Polier bei ihm tätig. Als nun, sehr zum Missvergnügen der Meister, die schon erwähnten Arbeiterorganisationen entstanden, kam es bald zu Lohnforderungen, und schliesslich zum Streik, an dem sich auch mein Vater und mein Bruder Otto beteiligten, während Onkel Johann als Polier auf dem Bauhof blieb. Zwischen den beiden Brüdern ist seitdem niemals mehr ein herzliches Verhältnis aufgekommen. Man muss aber die ganze Situation verstehen: es war von meinem Vater eine grosse moralische Leistung, sich an diesem Streik zu beteiligen. Er war ein alter Handwerksmeister, hatte Jahrzehnte lang Lehrlinge und Gesellen beschäftigt und weitergebracht, und es war ihm schwer geworden, als er nun selbst nach Arbeit anfragte. Der junge Meister hatte versucht, ihm den Übergang leicht zu machen. Unser Vater hatte eigentlich niemals Gelegenheit gehabt, sich mit der Ideenwelt der neugebildeten Gewerkschaften vertraut zu machen. Jetzt galt es plötzlich, die neue Lehre zu begreifen und mit beachtlichem moralischem Mut auch danach zu handeln. Mein Vater tat es. Zwei Brüder kamen auseinander, alter und mein Vater wurde auf die schwarze Liste gesetzt. Hiess das für immer arbeitslos? Geredet wurde darüber zu Hause nicht viel, wir waren harte Zeiten gewöhnt und wir alle wussten das moralische Recht auf seiner Seite. Nach einiger Zeit fand mein Vater wieder Beschäftigung bei seinem Neffen, der ein grosses und schönes Geschäft aufgebaut hatte. Dieser Neffe hatte es verstanden, die allgemeine Situation gut zu seinem Vorteil auszunutzen. Mit Vater hatte er einen guten Griff getan: Kenntnis und Erfahrung, und auch die Autorität und Pflichttreue des alten Meisters kamen seinem Geschäft zugute. Bezahlt hat er ihn genau nach dem Tarif, der" für alte Leute" festgelegt war, und liess sich dafür wacker für seine" Gutherzigkeit" loben. Als ihm einmal sein Mitteilungsbedürfnis durchging, rühmte er sich des" billigen Poliers". - Um vieles später, als ich zum Begräbnis meines Vaters nach Hause kam, hat mich dieser Cousin sehr kühl von oben herab behandelt. Ich war nun schon als Sozialdemokratin bekannt, die übrige Verwandtschaft hat mich ganz ge -45schnitten. Als ich dann gar in dortigen Versammlungen sprach, hiess es, dass es doch eine Schande wäre, als" Rote" in die Heimat zu kommen, ich müsste mich doch schämen. Ich habe es getragen. - Einige Zeit nach dem Entstehen der freien Gewerkschaften kam es auch zur Gründung eines sozialdemokratischen Ortsvereins. Ein Wanderbursche kam nach Jahren zurück zu seiner Mutter. Sie war Büglerin und hatte sich und ihre beiden Söhne als Witwe wacker und fleissig ernährt. Der nun zurückkehrende Älteste war sehr früh auf Wanderschaft gegangen. Die freundliche und recht gebildete Frau witterte Er ihrem Ältesten schon immer etwas Besonderes. Ich trug die Kragen und Manschetten meines Vaters gerne zu ihr und habe den Eindruck einer feinen und vornehm wirkenden Frau in der Erinnerung behalten. Sie gab sich freundlich und sicher, wusste wohl auch viel über Menschen und Dinge. Meine Mutter sprach immer mit besonderer Hochachtung von ihr. Die Familie sei als freireligiös bekannt man hätte sich früher, als der Mann noch lebte, auch Rat in manchen Dingen holen können, weil beide so vieles gewusst hätten. Aber sie seien, obwohl sie etwas Besseres waren, immer sehr freundlich und bescheiden geblieben. Nach dem Tode habe die Frau das Bügeln für Geld beginnen müssen. Der älteste der beiden Söhne sei nun schon seit einigen Jahren auf der Wanderschaft. Im Gedenken an diesen Sohn aber lasse Frau Kaiser keinnen Handwerksburschen unbeschenkt von ihrer Türe gehen. Ich musste im Milchladen in diesen Tagen, als der Wanderer heimkehrte, an das Gespräch des Mannes mitgehörte unsever Nachbarschaft denken, als ich noch nicht Kounter wisst dass der" freireligiöse Wanderredner" ein kluger Wanderbursche war, der sich die Welt ansah.- Dieser Sohn wurde der Gründer des sozialdemokratischen Parteivereins. Er schien finster und misstrauisch, war wortkarg und wirklich nicht übermässig freundlich. Und doch konnten seine Augen freundlich lachen, wenn man ihn ansprach und etwas vernünftiges fragte. Arbeit hätte er in der Stadt natürlich nicht bekommen, und ich glaube auch nicht, dass er gesundheitlich noch in der Lage gewesen wäre, in seinem Beruf als Stellmacher zu arbeiten. So wählte er sofort die Unabhängigkeit eines Zigarrengeschäfts. Vielleicht hatte er ein kleines väterliches Erbteil, aber auch die liebevolle Vorsorge der Mutter mag ihm dabei geholfen haben. Er heiratete bald, eine kluge, bescheidene Frau, eine Kameradin, die ganz in seiner Ideenwelt aufging. Mit dem Parteiverein kam Leben und Bewegung in die Stadt. Bald beteiligte sich die Arbeiterschaft mit einigem Erfolg an den Kommunalwahlen. Kaiser wurde Stadtverordneter,- doch da war ich nicht mehr daheim. Niemand - konnte ihm die Achtung versagen. Er war klug, belesen, nüchtern und schlagfertig. Die Fremde hatte ihn geformt und einen sicheren Sozialdemokraten aus ihm gemacht, der genau wusste, was er wollte. In unserer Stadt hatte der Liberalismus einen ziemlichen Anhang, was in • • -46der vielgelesenen liberalen" Neumärkischen Zeitung" und auch oft in der Stadtverordnetenversammlung seinen Ausdruck fand. In meiner Kindheit und frühesten Jugend war auch das kulturelle Leben recht abwechslungsreich und viel gestaltig, das liberale Bürgertum sorgte für gute Konzerte und Theatervorstellungen, wovon wir natürlich profitierten.. Mit dem Wachstum der Stadt und ihrer Industrialisierung aber hörte das auf. Warum?- Auch die Eisenbahn entwickelte sich zusehends. Fabrikanten, Geschäftsleute und höhere Beamte fanden es bequemer, eine dreistündige Fahrt im D- Zug zu machen und sich an den Darbietungen der Großstadt zu erfreuen. So verödetegerade infolge der wirtschaftlichen Entwicklung das Kulturleben der Stad Landsberg im Laufe dieses entscheidenden Jahrzehnts. Es erhielt erst wieder Leben und Wert, als sich die organisierte Arbeiterschaft selber half. So weit ging die Einsicht der Stadtväter nicht, das Kulturleben im Interesse der Gesamtbewohner zu pflegen. Und ihre Sympathie war durchaus nicht bei der immer bewusster werdenden Arbeiterschaft. Bald nach der Parteigründung wurde auch ein Konsumverein ins Leben gerufen. Es kam ein Mann aus Forst in der Lausitz, um den Gewerkschaftemitgliedern, den Sozialdemokraten und den am Rande mitlaufenden Frauen- wie wenige waren es! etwas über Zweck und Nutzen einer Konsumentenbewegung zu erzählen. Den gleichen Mann holte man sich bald als Lagerverwalter, und es war nun noch einer mehr da, mit dem wir uns über den Sozialismus) unterhalten konnten." - und die anderen Probleme unserer Zeit - 47- Ein Mann, zwei Zwei Kinder Kinder- u und die Politik . Wenn Marie in ihren Aufzeichnungen besonders hervorhebt, dass dieser oder jener zu dem kleinen Landsberger Kreis stösst, der in freiwilligen Zusammenkünften die Zeitprobleme diskutiert und versucht, Wege zu finden, um sich in den Gang der Ereignisse einzuschalten und diese zu beeinflussen, verdient das insofern besondere Beachtung, als die Provinzstadt Landsberg verhältnismässig langsam den Anschluss an die innerdie Bevölkerung politische Entwicklung in Deutschland fand und nur schrittweise durch die rühriger werdenden Bemühungen der Gewerkschaften und der Sozialdemokraten diexẞaxäkkaxяg über die Zusammenhänge in der" grossen Politik" aufgeklärt werden konnte. Dass Ma rie schon damals Pionierarbeit leistete, ist ihr selbst nicht klargewesen. Mit ihren 19 Jahren war sie meist die einzige weibliche Teilnehmerin an derartigen politischen Gesprächen, denn die Frauen der politisch interessierten Männer kümmerten sich um den Haushalt und die Kinder und nahmen an den Zusammenkünften nicht teil. Bei den abendlichen Diskussionen im kleinen Kreis ergab es sich zwangsläufig, dass politische Ereignisse zitiert wurden, die sich zwar erst kürzlich abgespielt hatten, aber dennoch zu einer Zeit, als Marie noch ein Kind war. Sie benutzte deshalb jede freie Minute, um mit Bewusstsein und Fleiss nachzuholen, was sich in den vergangenen letzten Jahren ereignet hatte. Se verstand sie erst jetzt den Kampf der Sozialisten gegen Krieg und Aufrüstung, der- als sie gerade lo Jahre alt war- im Jahre 1889 auf dem ersten sozialdemokratischen Friedenskongress während der Pariser Weltausstellung schon international vernehmbar geworden war. Erst jetzt wurde ihr klar, dass die sozialistischen Bestrebungen nicht allein ihre Ursachen in der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung, sondern auch in politischen Zusammenhängen hatten. Sie las jetzt die Zeitungen ganz anders, als das bisher der Fall war, und glaubte, nun besser die Auseinandersetzungen zwischen dem Reichskanzler Otto von Bismarck und Wilhelm II. zu verstehen, bemerkte auch die Widersprüche im Verhalten des Kaisers nachdem er seinen Kanzler endgültig in die Wüste geschickt hatte-, als er auf der einen Seite versuchte, mit grossen Reden die Arbeiterschaft zu gewinnen, auf der anderen Seite aber mit Waffengewalt drohte, falls die Sozialdemokraten nicht endlich aufhörten, das Volk aufzuwiegeln. - . . - 48- - Über die Eindrücke, die verschiedene politische Ereignisse auf sie machten, hat Marie keine Aufzeichnungen hinterlassen. Sehr viel später rief sie sich durch Zuhilfenahme von Büchern diese Dinge ins Gedächtnis zurück, wenn sie versuchte, Parallelen bei den Zeitereignissen festzustellen. In den Tagen des zu Ende gehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts stand Marie vor so vielen persönlichen Problemen, die ihre Zeit in Anspruch nahmen, dass sie zwar die Weltereignisse registrierte, aber nicht so verarbeitete, wie sie es ihrem Wissens hunger entsprechend wahrscheinlich gerne getan hätte, denn später hat sie manches Mal bedauert, in dieser Zeit- mit 21 Jahren keine aufmerksamere Beobachterin des Weltgeschehens gewesen zu sein. Zu Hause unterhielt sie sich zwar sehr oft mit ihren Eltern und auch mit Bruder Otto, wenn er zu Besuch kam, aber das waren meist Gespräche, bei denen man sich gegenseitig neue Dinge mitteilte, ohne über ihre Auswirkungen zu sprechen. Wahrscheinlich lagen diese neuen Dinge so fern, weil sie vorerst ohne jede Bedeutung oder Wirkung auf das Leben der Menschen blieben. Zumindest auf die Stadt Landsberg. Mit der Erfindung des Radiums durch Madame Curie konnte Marie nicht sehr viel anfangen. Es beeindruckte sie allerdings, dass es eine Frau war, die diese Leistung vollbracht hatte. Anders war es mit den Kriegsschauplätzen in verschiedenen Ländern und mit den Spannungen der Völker untereinander. Die schon sehr früh in Marie lebendig gewordene Ablehnung aller kriegerischen Auseinandersetzungen mag die Ursache gewesen sein, dass sie lebhaften Anteil an allen Gesprächen nahm, die sich damit beschäftigten. Als bei einem solchen Gespräch im Elternhaus einmal gesagt wurde, dass das Deutsche Reich nun auch zu einer gefürchteten Kolonial- und Flottenmacht emporwachse, wollte es ihr nicht einleuchten, dass Friede nur denkbar sei, wenn man sich voreinander fürchtet. Als bald darauf in einer Zusammenkunft der sozialistischen Gesinnungsfreunde das gleiche Thema noch einmal zur Sprache kam, ging Marie zum ersten Mal zum Erstaunen aller Teilnehmer ganz aus sich heraus. Noch fast 60 Jahre später konnte sich ihr Bruder Otto daran erinnern, welchen Eindruck es machte, als Marie sinngemäss- zum Ausdruck brachte, wie wichtig es sei, bei weittragenden Entscheidungen auch die Frauen mit anzuhören, was nur möglich sei, wenn man sie zu öffentlichen Berufen zulasse, so wie das in Amerika der Fall sei, wo man Frauen als Beamte der Justiz und als Richter zugelassen habe. Marie wollte sich mit diesem jugendlich- enthusiastischen Vorstoss nicht in den Vordergrund drängen und die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Sie war von ihren Fähigkeiten, politisch aktiv tätig zu werden, garnicht überzeugt, sondern betonte immer wieder, dass sie eine Ler - - 49- nende sei, die erst dann ihre Meinung sage und ihre Ansicht vertrete, wenn sie das Erarbeitete auch verarbeitet habe. Nach diesem Grundsatz hat Marie bis zum letzten Tag ihres Lebens gehandelt, und selbst in der Zeit, als sie mitten im öffentlichen Leben stand und mit der Materie ihres politischen Berufs und ihrer Aufgabe restlos vertraut war, legte sie immer diesen strengen Maßstab an sich selbst an und sagte oder schrieb nichts, bevor sie sich nicht längere Zeit intensiv damit beschäftigt hatte. In dieser Zeit ihrer ersten politischen Regsamkeit traf die junge Marie mit einem Menschen zusammen, der nicht nur einen grossen Eindruck auf sie machte, sondern sie auch so entscheidend beeinflusste, dass sie noch lange Zeit in Verbindung mit ihm blieb, auch dann, als sie selbst schon eine politische Rolle spielte. Es war der sozialdemokratische Abgeordnete Wilhelm Pätzel, der des öfteren seinen Landsberger Wahlkreis besuchte. Marie hatte schon von ihm gehört und suchte und fand auch die Gelegenheit zu einem ersten Gespräch mit ihm. Pätzel spürte, dass Marie eine junge Frau war, die schon jetzt- ohne grosse Vorbildung und Schulung aus eigenem Interesse und aus eigener Arbeit zu den sozialen Problemen der Zeit Stellung nehmen und selbst erarbeitete Gedanken dazu sagen konnte. Er bestärkte sie in ihrer Absicht, auf diesem Weg weiterzugehen. - Wilhelm Pätzel konnte Marie diesen Rat geben, weil er nicht wusste, woher sie kam und was sie machte. Er wusste nicht, dass sich Marie unter grossen Opfern die wenige Zeit stehlen musste, um an solchen Gesprächen teilzunehmen und um aus dem Schrifttum dieser Zeit zu lersich nen. Marie konnte nicht so xxx****** x damit beschäftigen, wie sie es am liebsten gewollt hätte, denn sie stand ja im Berufsleben, musste Geld verdienen, denn auf Unterstützung von zu Hause konnte sie jetzt nicht mehr rechnen. Im Gegenteil, ihr Vater war 60 Jahre alt und verdiente als Zimmergeselle reichlich wenig, sodass Marie und Otto zum Unterhalt beitragen mussten. Maries Ersparnisse aus der Arbeit in der Landes- Irrenanstalt waren für die Ausbildung als Weiß- und Kleidernäherin verbraucht worden, und ihr noch Kundenkreis war nicht so gross, dass es für die Eltern, für die kleine Schwester Elisabeth und für sie selbst gereicht hätte. Vielleicht hätte sie mehr verdienen können, wenn sie ununterbrochen an der Arbeit geblieben wäre. Aber die Arbeit kam nicht von selbst, sondern sie musste sich danach umsehen, musste Kundinnen aufsuchen und sich über deren Wünsche unterhalten, dann wieder zum Anprobieren in die Häuser gehen, wodurch sehr viel Arbeitszeit verlorenging. Als Marie bei einem Kun. - - 50- denbesuch den Schneidermeister Bernhard Juchacz traf und mit diesem ins Gespräch kam, ergab es sich fast von selbst, dass beide beschlossen, gemeinsam eine Werkstatt zu betreiben. Aus dieser beruflichen Zusammenarbeit ergab sich eine menschliche Bindung, die auak bald darauf zu einer Ehe führte. In ihren Aufzeichnungen ist Marie nur mit wenigen Worten auf dieses Ereignis eingegangen: um " Auch geheiratet habe ich. Dass ich in der Ehe nicht glücklich war, soll hier nicht besprochen werden. Dass ich zwei Kinder hatte, war mein grosses, wenn auch zuerst recht schmerzliches Glück. Dass ich damit aber alle Schwierigkeiten der åleinstehenden Frau aus eigener Erfahrung kennenlernte, und Elisabeth mit mir, soll hier doch erwähnt werden." Mit diesem kurzen Hinweis fand ich Marie Juchacz ab und brachte damit zum Ausdruck, dass es ihr Wunsch sei,-wenn sich Menschen später einmal Tabu- Erklärung mit ihrem Leben beschäftigen sollten-, diese xxxя zu respektieren. Um aber auch diesen Lebensabschnitt von Marie mit seinen vielfältigen menschlichen Komplikationen kennen und damit Wesen und Charakter dieser Frau besser verstehen zu können, musste der Biograph versuchen, auak aus dieser Zeit Informationen zu erhalten, was auch mit einiger Mühe möglich war, aber nicht mit der Absicht, sie mit allen Details wiederzugeben, sondern Ursachen und Wirkungen zu erkennen, xxxк Marie Gohlke und Bernhard Juchacz hatten sich nicht nur zusammengefunden, um in gemeinsamer Arbeit die wirtschaftlichen Möglichkeiten für zwei Menschen zu verbessern. Dass sie heiraten wollten, stand fest, denn Bernhard nahm Marie einmal zu seinen Eltem, die in Böhmen lebten, mit, um sie dort als seine zukünftige Frau vorzustellen. Dass sich Marie in dieser Zeit mit Bernhard gut verstanden haben muss, ist aus der Tatsache zu entnehmen, dass sie den strenggläubig katholischen Eltern Bernhards versprach, sich auf jeden Fall katholisch trauen zu lassen, was später auch geschah. Marie hatte auf Bernhards Eltern einen sehr guten Eindruck gemacht und sie waren mit dieser stillen, klugen, und fleissigen und strebsamen Sakrakkarx Schwiegertochter sehr einverstanden. Auf der anderen Seite wollte zwischen den Eltern von Marie und Bernhard kein engeres Verhältnis entstehen, obwohl Vater und Mutter Gohlke grundsätzlich eher damit einverstanden waren, dass Marie heiratete, anstatt sich um spätere berufliche Aufgaben zu sorgen. Von den zwei Kindern, die Marie erwähnt, wurde das erste, die Tochter Charlotte, am 3. Dezember 1903 geboren. Marie stand sowohl vor als auch nach der Geburt ihrer Tochter fest auf beiden Füssen, versorgte ihren kleinen Haushalt, arbeitete für das gemeinsame Geschäft, das so viel abwarf, dass es der dreiköpfigen Familie recht gut ging, denn Marie - 51- stellte keine grossen Ansprüche,- und hatte immer noch etwas Zeit für die politischen Diskussionsabende im engeren Bekanntenkreis und für die Lektüre politischer Schriften. Gelegentlich wuchs die Familie Juchacz auf vier Köpfe an, denn in dieser Zeit schloss sich Mariax Elisabeth, die mit der Schule fertig war und in einem Haushalt arbeitete, sehr eng an ihre Schwester Marie an. Mit ihren fünfzehn Jahren zeigte sie ein erstaunliches Interesse an allen Dingen, mit denen sich die neun Jahre älMarie tere Skar beschäftigte. In diese Zeit fällt das erste Auseinanderleben zwischen Marie und Bernhard Juchacz. Wer die Zusammenhänge nicht kennt, wird zu dem Schluss sind kommen, dass die Ursachen vielleicht darin zu suchen war, dass sich widmete Marie nicht genügend dem Hause, widexxadax der Tochter oder dem Mann, dass sie mehr an der Politik als an der Schneiderarbeit in der eigenen Werkstatt interessiert war, oder einen anderen Grund ausdenken, der sehr finden leicht zu Lasten von Marie geht. Aber nichts derartiges trifft zu. Es waren rein menschliche Gründe, die zu der Entfremdung führten, und Marie machte es sich durchaus nicht leicht, um das Gleichgewicht der Familie zu erhalten. Nur unter diesem Gesichtspunkt lässt sich ein Abschnitt x******** in den Aufzeichnungen von Marie Juchacz verstehen: " Mit der Sorge für meine Tochter Charlotte begann auch die grosse und schöne Kameradschaft mit meiner heranwachsenden Schwester Elisabeth. Auch zum Beginn dieser Aameradschaft hat das schöne menschliche Vertrauen, das ich zu meinem Vater hatte, beigetragen. In dieser Zeit verlangte es mich einmal danach, aus einer grossen seelischen Bedrängnis heraus zu ihm zu sprechen, mich mit ihm zu beraten. Dafür ergab sich eine Nachtstunde in der elterlichen Wohnung. Ich fand, was ich gesucht und gewusst hatte: volles menschliches Verständnis, moralische Unterstützung, die mir die innere Sicherheit zurückgab, die zu verlieren ich im Begriff war. Wir beide, mein Vater und ich, wussten aber nicht, dass uns das Kind, meine damals 15 Jahre alte Schwester Elisabeth, genau zuhörte, denn wir sahen einige Male hinüber zu seinem Bett und wähnten es ahnungslos schlafend. Sehr viel später hat Elisabeth mir einmal gesagt, dass sie alles mit angehört und auch begriffen hätte. Von dieser Stunde an habe sie die Liebe zu mir bewusst gefühlt und sich gelobt, mich niemals zu verlassen. Welche Belastung für ein Kind!- Sehr bald verband uns ein gemeinsames Leben, das nun erwachsene Kind von 15 und die Frau von 24 Jahren. Das Glück und der menschliche Wert dieser schwesterlichen Freundschaft und Kameradschaft lässt sich nicht darstellen. - Diese Blätter sollen deshalb auch zugleich Schlaglichter auf den Lebensweg von Elisabeth Kirschmann- Roehl werfen, sollen von unserer gemeinsamen Arbeit und ihrer Bedeutung für unsere nicht immer leicht selbsterwor- -52bene Lebenserkenntnis sprechen. Das ständige kameradschaftliche Zusammensein mit ihr war die am stärksten wirkende Kraft in meinem Leben. Diese gegenseitigen Beziehungen wurzelten in der Liebe, in der Freundschaft, in der gegenseitigen Anerkennung, in dem gemeinsamen Suchen nach Klarheit Wissen und Erkenntnis. Unser Zusammenleben in wirtschaftlichxx schwerer Zeit war das Fruchtbarste, was nur denkbar ist. Die Kinder mussten ernährt und erzogen werden. Das war wirtschaftlich schwer für eine einzelne Frau. Für zwei Frauen, die sich ergänzten, wurde es schon leichter. Das Zusammenstehen gab uns einen moralischen Halt, den wir immer stark empfun den haben. Wir konnten über jede Schwierigkeit sprechen, weil wir uns mit wenigen Worten verstanden. Das Wertvollste war der ständige, geistigseelische zusammenklang. Es war ein gemeinsamer Kampf zur Lösung aller Fragen des Lebens. Wir fühlten die gleiche Verpflichtung in unserer privaten Existenz und in den dadurch erwachsenden vielseitigen Aufgaben. Wir fühlten aber auch diese gleiche verpflichtung über das private Leben hinaus. Wir lasen die gleichen Zeitungen, die gleichen Bücher, soweit sie sozialen oder politischen Inhalts waren. Wir diskutierten darüber, bis wir glaubten, das Wesentliche darin erfasst zxxxxxxx und erkannt zu haben. Wir spürten gemeinsam, dass mit dem Willen, sich an einer politischen Bewegung zu beteiligen, auch die Verpflichtung entsteht und dauernd wächst, diese Bewegung in ihres Wesens Kern zu erfassen und immer wieder aufs Neue nach den neuen Wahrheiten zu suchen. Wir stellten unsere Irrtümer und neuen Erkenntnisse fest und wuchsen daran. Oft sind wir gefragt worden, wie wir zur Arbeiterbewegung gekommen sind. Nun, von uns beiden, meiner Schwester Elisabeth und mir, kann ich wohl sagen, dass wir- wenn auch uns selbst fast unmerklich- hineingewachsen sind. Warum das bei mir, ganz besonders aber bei meiner wesentlich jüngeren Schwester Elisabeth, schon in so frühen Jahren möglich war?- Damals reiften die Kinder nicht sehr bemittelter Eltern schnell zu selbständigen Menschen heran. Sie mussten sich mit dem Austritt aus der Schule zum mindesten selbst ernähren. So auch meine junge Schwester. Sie war ganz in meiner Nähe in einer Familie, wo sie das Kind betreute und etwas im Hause half. So hatten wir die Möglichkeit, oft beisammen zu sein. Erstaunlich war die Wissbegier des jungen Menschenkindes. Konnte sie an einer Versammlung nicht teilnehmen, musste ich ihr hinterher alles erzählen. Dabei machte ich die Erfahrung an mir, dass das Erlebnis auch für x mich lebendiger wurde und dass ich bei dem Rückerinnern auf viele vom Referenten erwähnte Dinge stiess und sie durchdenken musste, die sonst vielleicht bald vergessen worden wären. Es war das Ganze überhaupt eine entscheidende Zeit für mich. Wirtschaftliche Sorgen, Verantwortung und persönlichste, seelische Bedrängnis wa -53ren eine grosse Last. Die kindliche Kameradschaft der jungen Schwester war mir eine grössere Stütze, als mir wohl damals selbst ganz zum Bewusstsein gekommen ist. Ebenso war es aber auch das Eindringen in die sozialistische Ideenwelt, die mir sehr geholfen hat, mein Schicksal zu tragen. War mir, der Älteren, oder gar der nun sechszehnjährigen Elisabeth diese Entwicklung bewusst? Ja und nein. Später haben wir es bestimmt klarer gesehen. Ein intuitives Erfassen der Dinge aber war es bestimmt.- Eine kleine Episode, die mir gerade einfällt, möchte ich zwischendurch erzählen. Der bereits erwähnte Lagerhalter der Konsumgenossenschaft, mit dem wir oft diskutierten, amüsierte sich wohl im Stillen über den Enthusiasmus des jungen Kindes. Er neckte und ärgerte Elisabeth mit dem" Strohfeuer", das lichterloh in ihr brenne. Einmal sagte er ihr, dass dieses Feuer bei der Lektüre des ersten sozialistischen Buches, das er ihr geben würde, sofort und für immer verlöschen müsste. " Dann steken Sie mich doch mal auf die Probe!", war Elisabeths Antwort. Er gab ihr den ersten Band von Karl Marx'" Das Kapital". Nicht etwa die Volksausgabe, die kam ja erst 20 Jahre später heraus. Und nicht etwa eine volkstümliche Interpretation der Marx'schen Lehre. Das Kind begann, das Buch zu lesen, besorgte sich einige Fremwörterbücher zur Hilfe und kam natürlich nicht weiter, weil ihr jede Vorschulung für das Verstehen der Materie fehlte. Ich wusste zuerst davon überhaupt nichts Sie quälte sich des nachts damit ab, wenn ihre Arbeit getan war. Etwas spä ter sagte sie es mir. Sie war sehr unglücklich wegen ihrer Dummheit, und ich versuchte, sie damit zu trösten, dass selbst ich- fast zehn Jahre älter Schwierigkeiten hätte, das, was Karl Marx in diesem Buch geschrieben hätte, bis zum letzten Wort genau zu verstehen. Als Elisabeth - Jahre später einmal in unsere Vaterstadt zurückkam, um einer Parteipflicht zu genügen, hat sie den Lagerverwalter lächelnd gefragt:" Nun? Glauben Sie noch immer, dass es ein Strohfeuer war, das damals brannte?"- Der gute Mann war sichtlich verlegen, und er fragte sich nachträglich, ob es nicht eine kleine Torjeit war, ein wissbegieriges Menschen kind mit einem der am schwersten verständlichen Werke der sozialistischen Literatur abzuschrecken. in der sich Elisabeth an mich anschloss, war Die Zeit, auch der Beginn der gemeinschaftlichen Lektüre sozialistischer Zeitungen. Wenn ich- es war dies in der Familie mein freiwilliges tägliches Amt- den Leitartikel und den Parlamentsbericht der " Volksstimme"( sie erschien zuerst in Frankfurt/ Oder, in Kottbus, dann in Lebus) vorgelesen hatte, holte sich Elisabeth die Zeitung von mir. Es gab daraus Gesprächsstoff mit vielen wissens hungrigen Fragen. Nichts über diese Provinzzeitung, sie hatte einen stark informatorischen Charakter, der -54Leitartikel behandelte ein sozialistisches Problem oder nahm- wegen drohhender Bestrafung in der Form vorsichtig, in der sozialistischen Haltung aber sehr entschieden- zur Lage der Arbeiterklasse Stellung. Wichtig war auch immer der Parlamentsbericht. Es waren die Reden der sozialdemokratischen Abgeordneten" zum Fenster hinaus". Man sage nichts dagegen, denn es war Notwehr. Grosse Summen haben die Arbeiter von damals aufgebracht, um alle Strafen wegen" Majestätsbeleidigung" und anderer Dinge, die von den Strafrichtern zwischen den Zeilen herausgesucht wurden, zu zahlen. Hohe Gefängnisstrafen wurden über die verantwortlichen Zeitungs redakteure verhängt. So mancher Arbeiter zeichnete verantwortlich, war sogenannter" Sitz redakteur", um den begabteren und geschulteren, verantwortlich nicht in Erscheinung tretenden Redakteur für die notwendige Arbeit zu erhalten. Aber der Abdruck von Parlamentsreden war straffrei. Uns haben sie damals in ihrer Schärfe und Ausführlichkeit zum Verstehen der politischen Zusammenhänge geholfen. Man glaubt es heute kaum noch, wie eine einzige kleine Provinzzeitung ausgewertet werden und wie man sich dabei im Denken, Sprechen und in der Verarbeitung des Gedachten und in der so wichtigen Interpretation üben kann, wenn man interessiert ist und Ausdauer hat. Es blieb natürlich nicht bei den Debatten, die sich immer an die Lektüre der Artikel anschlos sen, sondern pflanzte sich fort in einem weiteren Freunde s- und Bekanntenkreis, mit dem man nach Feierabend zusammentraf. Ich lernte dadurch verschiedene Dinge: die Bedeutung des Staates für die Menschen, die in einem Staat leben, bekam ferner ein Urteil darüber, wie dieser Staat beschaffen war und wie man ihn sich denken kax*** und wünschen konnte, lernte die Macht und die Ohnmacht des damaligen Reichstages kennen, und Vieles über die Lage der lohnarbeitenden Menschen. Vor allem lernte ich eins: ganz allgemein zu denken, also nicht mit der Vorstellung von mir und meiner nächsten Umwelt als Mittelpunkt des Denkens, sondern betrachtete mich als einen kleinen, aber wichtigen Teil des Ganzen. Und- aus der Ferne lernte ich die Vertreter der Sozialdemokratie als Persönlichkeiten kennen: August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Paul Singer, Ignaz Auer, Zubeil, Stadthagen, antrik u.a. wurden mir ein Begriff. Gelegentlich sah man ihre Bilder, man hatte einen lebendigen Eindruck durch den fast wörtlichen Abdruck der Reden in den" eitungen, und bekam auch gelegentlich eine persönliche Schilderung direkt zu hören, wie zum Beispiel 1903, als der Reichstag neu gewählt wurde und Berliner Redner, natürlich auch der Reichskagskar didat für den Wahlkreis Landsberg/ Soldin in unsere Stadt kamen. Letzterer, Wilhelm Pätzel, hat sehr oft auf den Dörfern um Landsberg herum selber seine Einladungen von Haus zu Haus getragen und hat am Abend seine Versammlungen selbst leiten müssen, wenn ihn die Bauern überhaupt sprechen - -55liessen. Es gehörte sehr viel Mut und noch mehr Überzeugungstreue dazu, das alles durchzuführen und seinen Humor dabei zu behalten. Den hatte Wilhelm Pätzel, und dazu eine anschauliche Art, die Dinge einfach und klar darzustellen und sich auch sprachlich in die Zuhörer hineinzufühlen. Er war früher als junger, intelligenter und wissens hungriger Arbeiter in die Familie Wilhelm Liebknechts hineingezogen worden, hatte auf diese Weise eine grössere Anzahl führender Sozialdemokraten persönlich kennengelernt, und hatte ausserdem viel und intensiv gelesen. So war es wohl gekommen, dass er in der Verlagsbuchhandlung der Sozialdemokratischen Partei eine wichtige Stellung inne hatte.- Bei den Unterhaltungen, die sich an die Versammlungen anschlossen, war ich eine aufmerksame Zuhörerin. Jedenfalls wurde unsere kleine Gruppe in dieser Wahlzeit 1903 in Spannung gehalten. Alles, was damit zusammenhing, interessierte mich brennend, ich las jedes Flugblatt mit grösster Aufmerksamkeit, und die Vokszeitung erwartete ich täglich mit Ungeduld. Als die Wahlresultate der Stadt bekannt wurden, jubelten wir und glaubten, den Sieg schon zu erleben. Am nächsten Tage, beim tröpfelnden Bekanntwerden der ländlichen Ergebnisse, schien mir die Welt unterzugehen. Das alles mussten wir nun erst mit unserem ungeschulten Verstand verarbeiten, einschliesslich der Hoffnungen und Enttäuschungen. Überhaupt das Jahr 1903.- Mit leidenschaftlicher Anteilnahme verfolgten wir den heldenmütigen Kampf der Crimmitschauer Textilarbeiter. Es war garnicht zu begreifen, dass so viel Treue und Tapferkeit dieser Männer und Frauen nicht mit dem endlichen Sieg abschliessen sollte. Die den armen Textilarbeitern aufgezwungenen Lebensbedingungen, der Hunger, das E- lend der arbeitenden Frauen und дax Kinder, das erwachende Bewusstsein in dieser zum Verhungern verdammten Arbeiterschaft, und auf der anderen Seite das sture und unerbittliche Verhalten des Unternehmertums in diesem ungleichen Kampf und angesichts der erbärmlichen kxx sozialen Lage ihrer Arbeiterschaft, an der sie sich doch moralisch schuldig fühlen mussten, wenn sie nicht alles menschliche Fühlen verleugnen wollten. Das alles zusammen zeigte uns das Gesicht der Klassenkämpfe aus der damaligen Zeit. Diese Erfahrungen haben die Arbeiterschaft in ihrem Werden und Verhalten geformt. Die Behörden standen von vornherein und ohne jeden Skrupel au f Seiten der Unternehmer. Jeder Gesetzes paragraph, der in diesem Kampf nur in der unternehmer günstigen Form zu deuten oder umzubiegen war, wurde zum Schaden der um ihr Lebensrecht kämpfenden Textilarbeiterschaft angewendet. Die beispiellos tapferen Arbeiter und Arbeiterinnen und die hungernden Kin der hatten keine anderen Freunde als die übrigen arbeitenden Menschen, die sich aus eigenem Erleben in ihre Lage hineinversetzen konnten. Trotz ihrer schmerzlichen Niederlage haben die Crimmitschauer Textilarbeiter und andere nicht umsonst gekämpft. Die Tränen ihrer Frauen waren Dünger und Saat für den Fortschritt, der heute im Zeitabschnitt eines falsch ver- -56standenen beginnenden" Wirtschaftswunders", mit einer Selbstverständlichkeit als gültig hingenommen wird, als ob es niemals nötig gewesen wäre, nicht nur mit Rkukxxxяяяякя Tränen, sondern auch mit Blut um diese heute so selbstverständlichen Errungenschaften zu kämpfen. Wir begrüssten es, dass auch der Parteitag in Dresden im xxxxx denkwürdigen Jahre 1903 eine warmherzige Sympathiekundgebung zugunsten der 7500 kämpfenden Crimmitschauer Weber beschloss. Sie stünden im Kampf gegen ein rücksichtsloses Fabrikantentum unter der Beugung des Koalitionsrechtes und unter unglaublichem Polizeidruck. Dieser Kampf um einen Zehnstundentag sei die Etappe zur Erlangung des Achtstundentages für alle Arbeiter. Die moralische und materielle Unterstützung dieses Kampfes sei selbstverständliche Pflicht. Auch diesen Dresdener Parteitag, den ich in Inhalt und Auswirkung später noch oft mit erfahrenen Sozialdemokraten diskutierte, erlebte ich aus der Perspektive des interessierten Zuschauers. Aus der Ankündigung in der Zeitung sah ich, dass ein Parteitag etwas ganz Besonderes xxxxxxш**** für alle Sozialdemokraten sein müsse. Ich hörte auch in meinem Freundeskreis, von denen einige schon ein paar Mal in Berlin waren, von den Meinungsverschiedenheiten, die des öfteren heftig diskutiert würden. Es sei nicht immer alles" so einig" bei den Sozialdemokraten. Unser Volksblatt brachte auch die Verhandlungen des Parteitags relativ ausführlich, und sie wurden auch bei uns sehr lebhaft diskutiert, wobei ich mich sehr zusammennehmen und mich zur Aufmerksamkeit und Sachlichkeit zwingen musste. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mit dem duch die Parteitags debatten entstandenen Schock fertig wurde, denn August Bebel war für mich ein Gott gewesen, während mir Heinrich Braun, Georg Bernhard und andere damals noch unbekanntere Groessen waren. Innerlich war ich zuerst bereit, mich in der fraglichen Angelegenheit ganz und vorbehaltlos auf die Seite von August Bebel zu stellen, aber das Durchlesen,- sprechen und-denken der Berichte zwang mich zur kritischen Betrachtung der Differenzen, und ich weiss noch, dass ich zu dem Schluss kam, dass von beiden Seiten viel zu heftig und nicht genügend sachlich gekämpft worden war. Es handelte sich hauptsächlich um die Frage, ob es Sozialdemokraten erlaubt sein solle, an bürgerlichen Zeitungen und Zeitschriften mitzuarbeiten, sei es als Redakteur oder Schriftsteller, wenn in diesen Blättern an der sozialdemokratischen Partei gehässige oder hämische Kritik geübt würde. Erlaubt sollte diese Mitarbeit sein, wenn die Voraussetzung des " Gehässigen und Hämischen" nicht erfüllt sei. Doch sollten im Interesse der sozialdemokratischen Partei und der in solchen Stellungen tätigen Sozialdemokraten diesen keine Vertrauensstellungen gegeben werden. Der Antrag des Parteivorstandes wurde angenommen, August Bebel hatte gesiegt. Die Debatte, so unangenehm und deprimierend ich sie auch empfand, -57gab mir Einblick in manche Dinge; so in das Zeitungs- und Zeitschriftenwesen, und machte mir klar, dass Schriftsteller und Redakteure zum Proletariat gehörten und um ihre Existenz zu kämpfen hatten, dass die meisten bürgerlichen Blätter die Sozialdemokratie in völlig unsachlicher Form bekämpften( woran sich auch bis heute nicht geändert hat), und schliesslich vid auch, dass mancher in der Mitarbeit an bürgerlichen Blättern eine Möglich keit sah, um auf Bevölkerungskreise, die keine sozialistischen Zeitungen zu lesen bekamen, mit sozialistischem Gedankengut einzuwirken. Nicht zuletzt stellte ich fest, dass man sehr genau zwischen wissenschaftlichen Blättern und Zeitschriften, politischen Tagesblättern und Sensationsschriften unterscheiden musste. Ich muss in meiner sozialistischen Überzeugung schon ziemlich gefestigt gewesen sein, dass mich die Erfahrung dxx mit den Parteitags- Kämpfen aus der Ferne nicht unheilbar erschütterte. Eines habe ich bei den verschiede nen Gelegenheiten des Meinungsaustauschs an mir selber erprobt, nämlich die Fähigkeit, Gelesenes auch richtig zu interpretieren. Des öfteren wurde in unserem kleinen Kreis darüber gesprochen, was man gelesen hatte und welche Schlüsse man daraus zog. Und sehr oft konnte ich an Hand der Zeitung beweisen, dass man es falsch verstanden hatte. Darüber empfand ich R Freude und Befriedigung. - Als Frau stand ich gerade in Landsberg, und auch unter den persönlichen Verhältnissen, unter denen ich zu leben und zu arbeiten hatte trotzdem immer am Rande des politischen Geschehens. Das preussische Verei einsrecht erlaubte es uns nicht, uns zu organisieren, eine Vorstellung, mit der ich mich nicht abfinden konnte. In den politischen Versammlungen sass man als Frau an der Seite, eine politische aktive Betätigung wurde uns nicht gestattet. So dagte man zu mir, wenn das Gespräch darauf kam. Ich konnte das nicht so ganz glauben und hatte auch schon davon gehört und darüber gelesen, dass die Frauen der Großstadt Mittel und Wege gefunden hätten, am öffentlichen Leben teilzunehmen. In meiner Heimatstadt Landsberg aber gab es für mich nicht die geringste Möglichkeit, mit den Frauen meines Bekanntenkreises ein ernsthaftes Gespräch über diese Fragen zu führen. Sie schauten mehr entsetzt als verwundert, wenn ich versuchte, ein solches Gespräch anzufangen. Die gleichaltrigen Frauen, die ich von der Schule her kannte, und auch von der Arbeit in der Fabrik und in der Irren anstalt, hielten mich wohl für reichlich überspannt. Als ich versuchte, mit einigen älteren Frauen in dieser Richtung Kontakt aufzunehmen, stiess sich auf eine Gleichgültigkeit, die mich innerlich noch rebellischer machte und die meist in Formulierungen Ausdruck fand, wie" Wozu die Mühe und Aufregung, Frau Juchacz! Mit uns wird ja doch letzten Endes das gemacht, was die' hohen Herren' wollen." Auch das Denken und schliessliche Erkenntnisse brauchen Zeit bis zur -58- letzten Reife, Davon, dass die Frauenbewegung etwas Gesondertes war, das neben der Sozialdemokratie herging und seine eigene Bedeutung und Zukunft haben müsste, hatte ich damals selber noch keine genaue Vorstellung. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass just zur Wahl im Jahre 1903 in Berlin im Wahlkreis Teltow- Beeskow- Storkow- Charlottenburg, in Altona und in einigen anderen Städten für die Dauer der Wahlbewegung Frauenvereine gegründet wurden, wozu das preussische Vereinsgesetz die juristische Möglichkei bot. Arbeite frauen wollten mit diesen Frauenvereinen die politische Wahlbewegung der sozialdemokratischen Partei unterstützen und zugleich für das Frauenwahlrecht demonstrieren. [ In In dieser Zeit entstand zum ersten Mal ganz unten im Unterbewusstsein der Wunsch, Landsberg zu verlassen und in die Großstadt zu gehen. M Er blieb auch dann, als am 16. Mai 1905 mein Sohn Paul geboren wurdee" - 59- . . Der Anfang in Berlin Die Absicht, Landsberg zu verlassen, liess sich nicht so schnell verwirklichen, wie es Maries Wunsch war. Dass nur Berlin in Frage käme, stand von Anfang an fest. Umsomehr, als Bruder Otto inzwischen aus Landsberg fortgezogen, vorübergehend in Küstrin gewesen und dann endgültig nach Berlin gegangen war, wo er sich mit seiner schon auf sechs Köpfe angewachsenen Familie in der Stralauer Allee 20 b ansiedelte. In dieser Zeit stand Marie mit Bruder Otto in ständigem Briefwechsel, um sich nach allem zu erkundigen, was für sie von Bedeutung war. In jedem Antwortbrief erklärte Otto, dass Marie jederzeit nach Berlin kommen und zuerst einmal bei ihm Unterkunft finden könne, auch jetzt, gegen Ende des Jahres 1905, wo Ottos Frau Eveline das fünfte Kind erwartete. Für Marie gab es eine Fülle von Problemen, die richtig durchdacht und geklärt werden mussten. Ha 1s- über- Kopf- Entschlüsse hat es auch damals, wie niemals in ihrem Leben, gegeben. Nachdem Marie und Bernhard Juchacz übereingekommen waren, sich zu trennen, war es dennoch nicht möglich, sich mit der zwei Jahre alten Lotte und dem Sechs- Monate- Baby Paul einfach in den Zug nach Berlin zu setzen und die Brücken hinter sich abzubrechen. Elisabeth, siebzehnjährig, nahm auch an den Gesprächen über dieses Thema teil und erklärte unmissverständlich, dass sie zusammen mit Schwester Marie nach Berlin gehen würde. Das sei keine Belastung, sondern im Gegenteil eine Hilfe für Marie. Sie, Elisabeth, könne sich um Maries Kinder Lotte und Paul kümmern und dabei sogar noch Heimarbeiten ausführen, denn sie habe ja nun auch die Näherei und Schneiderei erlernt und sei eine gute und fleissige Schneiderin, die mehr dazuverdienen könne, als sie selbst verbrauche. Das klang sehr optimistisch, aber genügte doch noch nicht, um Marie zu einem schnelleren Entschluss zu bringen. Da waren ja noch die Eltern, Vater Gohlke, bald 65 Jahre alt, und die Mutter, die sich manches Mal während der Hausarbeit hinsetzen und ausruhen musste. Vater Gohlke arbeitete zwar noch und verdiente so viel, dass es gerade zum Sattwerden reichte, aber die Zuschüsse, die er von Marie und Elisabeth erhielt, trugen trotz ihrer oft geringfügigen Höhe dennoch dazu bei, den altwerdenden Eltern das Dasein etwas erfreulicher zu machen. Ausschlaggebend war endlich, zu Beginn des Jahres 1906, ein Brief von Otto aus Berlin, der nicht nur eine grössere Wohnung im gleichen Hause bekommen, sondern auch für sofortige Heimarbeit für Marie und Elisabeth gesorgt hatte. Es gab noch einmal eine recht ausführliche Unterhaltung -60im Elternhaus, bei der zum Schluss Vater Gohlke das Wort führte und kurzerhand se entschied, dass Marie mit den beiden Kindern und natürlich mit ihrer Nähmaschine- nach Berlin führe, sich einige Zeit dort einlebe und einarbeite, und dass Elisabeth dann nachkommen würde. Vater Gohlke stellte alles viel einfacher und leichter dar, als es in Wirklichkeit war, und Marie kannte seine Gründe. Sie war hellhörig und sensibel genug, brauchte also" den Ernstfall" nicht auszusprechen, an den Vater Gohlke dachte, als er meinte, dass man ja in wenigen Stunden mit der Eisenbahn von Berlin nach Landsberg fahren könne. Dann ging alles andere sehr schnell: " Es war unser Ziel, wirtschaftlich Fuß zu fassen, und ich machte mir keinerlei Illusionen. Ich hatte die Sorge für meine beiden Kinder und wusste, dass es schwer sein würde. Zuvor hatten wir noch vertrauensvolle Aussprachen mit unseren Freunden, weil wir in Berlin einen Weg finden wollten, um uns der sozialistischen Bewegung anschliessen zu können. Keiner der Männer wusste aber richtig Bescheid, wie es anzufangen sei. Einer gab uns eine Empfehlung an eine Frau mit, Ida Altmann, die sozialwissenschaftliche Mitarbeiterin der Gewerkschaften war." • Im Frühling des Jahres 1906, nachdem Marie gerade 27 Jahre alt geworden war, packte sie ihre wenigen Sachen zusammen und fuhr nach Berlin, wo Bruder Otto schon alles für ihren Einzug vorbereitet hatte: Betten für sie und die Kinder waren da, Schrank und Kommode, und ein schöner grosser Tisch, an dem sie arbeiten konnte. Auch die Nähmaschine bekam einen guten Platz am Fenster. Otto hatte sich auch schon nach Arbeit für Marie umgesehen. Im gleichen Hause wohnte eine Wäsche- und Kleidernäherin, die eine gelegentliche Hilfskraft gut gebrauchen konnte. Marie war dadurch nicht an icerdan when Arbeitsplatzgebunden, konnte in ihrem schönen grossen Zimmer ihre nähen und sich unka Kinder kümmern, die während ihrer gelegentlichen Abwesenheit von der Schwägerin Eveline gut versorgt wurden. Elisabeth hatte es nicht lange alleine in Landsberg ausgehalten. Wenige Monate später kam sie ebenfalls nach Berlin. Obwohl nun vier Personen in dem Zimmer zusammenleben mussten, war es nicht eng und unfreundlich. Ma rie und Lisbeth hatten von ihrer Mutter gelernt, wie man sich wenn auch bescheiden, so doch hübsch und mit gerineinrichten kann. gen Mitteln - - Jud- zeit - 61- Schon am nächsten Tag nach ihrer Ankunft hatte auch Elisabeth durch die Vorsorge von Marie und Otto Arbeit gefunden. Durch das grosse Wäschehaus Grünfeld erhielt sie Nähaufträge für Wäsche in Heimarbeit, und es kam nur darauf an, möglichst viele Wäsche stücke fertig genäht abzuliefern. Wenn Marie für die Nachbarin im Haus nichts zu tun hatte, half sie ihrer Schwester beim Nähen. So verdienten die beiden Schwestern genug, um nicht nur den Lebensunterhalt zu bestreiten und die Kinder von Marie gut zu versorgen, sondern auch ihren Mietanteil pünktlich an Bruder Otto abzuführen. In den wenigen Monaten, in denen Marie zuerst alleine in Berlin lebte, war sie durch die Anforderungen, die der Tag an sie stellte, so in Anspruch genommen, dass sie nicht daran denken konnte, ihre eigentliche Absicht zu verwirklichen, nämlich einen Weg zur sozialistischen Bewegung zu finden. Sie las zwar Zeitungen und unterrichtete sich über die kleinen und grossen politischen Ereignisse, hatte aber in Otto und Eveline nicht die richtigen Gesprächspartner. Otto besuchte zwar sozialdemokratische Versammlungen und nahm Marie mit, aber die vielen neuen Probleme, Gedanken und Gesichtspunkte, die da auftauchten, konnte sie mit Otto nicht diskutieren. Desto glücklicher war Marie, als sie in Elisabeth eine Gesprächspartnerin fand, der sie nicht nur alles sagen konnte, sondern von der sie jetzt viel besser verstanden wurde als zur Lands berger Zeit. Elisabeth war nicht nur älter geworden, sondern besass mit ihren achtzehn Jahren ein Auffassungs- und Denkvermögen, das für die wesentlich ruhiger denkende Marie verblüffend war. Ausserdem axяxshatte Elisabeth eine Gabe, die nicht nur in dieser Berliner Zeit ins Gewicht fiel und vieles leichter machte, sondern in der ganzen Zeit des Zusammenlebens dieser beiden Frauen bis zum Tode von Elisabeth auch für das Denken und die Entschlüsse von Marie entscheidend war: die Heiterkeit und Leichtigkeit, mit der sie alles anfasste, beurteilte, bearbeitete. Der Aussenstehende hätte das vielleicht manches Mal als oberflächlich, oder zumindest nicht sehr gründlich und durchdacht empfunden, und so ist Elisabeth auch später von Menschen, die sie nicht kannten, mitunter eingeschätzt worden. Marie, die das Durchdenken und Durchdringen von Preblemen, Aufgaben und Situationen schon von Kind an mit einem Ernst betrieb, der ihr bis in ihre letzten Tage das Wichtigste war, fühlte instinktiv, dass ihre neun Jahre jüngere Schwester etwas besass, was ihr selbst fehlte. Auf der anderen Seite sah Elisabeth in ihrer älteren und so viel ernsteren Schwester auch den klugen und klar denkenden Partner, der durch seine fast strenge Art ihr eigenes Gleichgewicht herstellte. Aus der Tatsache, wie sich diese beiden im Wesen grundverschiedenen, aber im Denken gleichgesinnten Schwestern gegenseitig die Waage hielten, ist das enge Verhältnis zu erklären, das niemals erschüttert wurde. - 62- Nachdem Marie und Elisabeth durch ihre Heimarbeit die finanzielle Grundlage geschaffen katkan und sich in vielen Gesprächen über die politischen Strömungen der Zeit manches Mal heiss geredet hatten, ergab es sich zwangsläufig, dass sie auch nach aussen einen Kontakt mit gleich denkenden Menschen suchten. Man unterhielt sich in der näheren und weiteren Nachbarschaft, beim Einkaufen, und auf Versammlungen mit Teilnehmern, mit denen man zufällig ins Gespräch kam. Aber diese Gespräche befriedigten nicht, regten nicht an, zeigten keinen Weg, um dahin zu kommen, wohin man eigentlich wollte. Wohin wollte denn Marie? Sie war sich selbst nicht klar darüber, hatte kein politisches Ziel, dachte an keine politische Aufgabe. Sie wusste nur, dass es notwendig war, mit Menschen in Verbindung zu kommen, die in der sozialistischen Bewegung aktiv tätig waren. Versuche, mit Rednern auf politischen Versammlungen Kontakt zu bekommen, waren gescheizu, waren tert. Wenn sich Marie und Elisabeth am Ende einer Versammlung bis zum Rednerpult durchschlagen wollten, kamen sie zu spät. Oder sie erreichten einen kleinen Funktionär, der mit dem Wunsch der beiden Frauen, Anschluss an die sozialistische Bewegung zu finden, nichts anfangen konnte oder sogar der Meinung war, dass es besser xi für die Frauen sei, wenn sie die Finger davon liessen. Auf ihre Erkundigungen nach irgendwelchen Frauenorganisationen erhielten sie negative Antworten. Im letzten Augenblick fiel ihnen ein, dass sie ja eine sehr genaue adresse aus Landsberg mitbekommen hatten, xaxe sozialwissenschaftliche Referentin der Gewerkschaften, Ida Altmann, musste gute Ratschläge geben können. Noch am gleichen Tag suchten Marie und Elisabeth die Referentin auf. " Sie war ein gebildeter Mensch mit grossem Wissen, sehr freundlich, an den sogenannten Frauenfragen aber garnicht interessiert. Auf dem Gebiet der personellen und organisatorischen Fragen kannte sie sich überhaupt nicht aus und gab das auch offen zu. Aber sie hatte schon etwas von -63Frauen- Leseabenden gehört, gab uns Literatur und riet uns, mit S.zialdemokraten unseres Wohnbezirks- im Osten Berlins- in Verbindung zu treten und mit ihrer Hilfe einen Frauenleseabend einzuA richten, wobei wir uns dann auch gemeinsam mit der in Frage kommenden Literatur bekanntmachen könnten. Das wäre auch der beste Weg, um in die politische Bewegung hineinzukommen. So geschah es. Mit Hilfe der sozialdemokratischen Genossen brachten wir es fertig, für unsere" Leseabende" einen kleinen Kreis von Männern und Frauen zu organisieren. Diese Abende waren aber nicht so und interessant uns das wohl von unserer Landsberger Exit Erfahrung vorgestellt hatten. Auch den anderen war das Ganze noch etwas ungewohnt. Wir beide, lisbeth und ich, waren an den ersten Abenden sehr still. Irgendwie fühlten wir uns den Männern wohl unterlegen. Unsere Unterhaltung begann erst, wenn wir wieder allein waren, wo wir dann das Für und Wider des Abends sehr kritisch unter die Lupe nahmen.*** Diese Debatten halfen uns, die besprochene Literatur besser zu verstehen. Daneben lasen wir für uns gierig den" Vorwärts", und benutzten jede Möglichkeit, die sich bot, um die eine oder andere grosse Versammlung zu besuchen, wie wir sie vordem nicht erlebt hatten. Aber eines Tages wurde es plötzlich interessant: als wir zum Leseabend in das kleine Lokal kamen, das unser Treffpunkt war, sass da eine kleine, rundliche Frau mit ausdrucksvollem Gesicht, straff zurückgekämmtem Haar, und führte das grosse Wort, während unsere männlichen Freunde mit verlegenen Gesichtern dabeisassen. Es es war Margarete Wengels, dixda Vertrauensperson für die sozialdemokratischen Frauen des Berliner Ostens, die uns wie es schien in grosser Erregung, aber in fliessender Rede und sehr ausführlich- schilderte, dass- und warum- wir a lles falsch gemacht hätten. Wir hätten uns bei ihr melden müssen und sie hätte uns dann gesagt, was zu tun sei. Sie schien sehr böse auf uns zu sein. Nachher erfuhren wir, dass Margarete Wengels eine sehr geachtete und tapfere Persönlichkeit in der Frauenbewegung sei. Sie hatte schon bald nach dem Fall des Sozialistengsetzes die Berliner Frauen- Agitationskommission als Vertrauensperson vertreten und war 1893 in ein ner Frauenssitung, die anlässlich des Kölner Parteitages stattgefunden hatte, dazu bestimmt worden, als Zentralvertrauensperson die Agitation unter den Frauen im Reich zu fördern, Wünsche entgegen zu - 64- nehmen, Rat zu geben, Rednerinnen zu vermitteln, überhaupt die sozialistische Frauenbewegung zu unterstützen. Sie löste diese Aufgabe zusammen mit der Redaktion der" Gleichheit", der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift, deren Redakteurin Klara Zetkin war. Margagehabt rete Wengels hatte dieses Amt bis 1899 inne, als sie dann von Ottilie Baader als" Zentralvertrauensperson der Genossinnen Deutschlands" abgelöst wurde. Nun war Margarete Wengels noch immer für den Berliner Osten verantwortlich, und keiner der so erfahrenen Sozialdemokraten hatte sich bei der Installierung unserer Leseabende daran erinnert! Zum Schluss der so stürmisch begonnenen Sitzung löste sich alles in Wohlgefallen auf. Ob Margarete Wengels begriffen hatte, dass wir " Provinzküken" von ihr nichts wissen konnten, habe ich nie erfahren. An diesem Abend waren wir nur die unbotmässigen Sünderinnen. Der Schluss aber war: weiter machen. Wir Frauerb bekamen noch den dringenden Rat, die" Gleichheit" zu abonnieren, die Versammlungen des Berliner Frauen- und Mädchen- Bildungsvereins zu besuchen und uns dort als Mitglieder eintragen zu lassen. Das erste und zweite haben wir befolgt, das dritte nicht." + . Dás und Gründe: hatte ganz persönliche* x* x* x* x. Elisabeth war neunzehn Jahre alt geworden hatte sich mit Christian Michael Gustav Und als Folge davon Roehl anbefreundet. Beide heirateten im Frühjahr 1907, Abenied elfen Lisbeth mit ihrem Mann und Marie mit ihren Kindern XXXXX gemeinsam nach Schöneberg bei Berlin, " An unserer Kameradschaft hatte das nichts geändert, im Gegenteil, sie wurde immer tief er. Unsere wirtschaftlichen Verhältnisse verMit der besserten sich durch diese Ehe nicht. чж**** Absicht, zusammen zu leben, Verantwortung gemeinsam zu tragen, gemeinsam zu lernen und Erfahrungen zu sammeln, uns mit der sozialdemokratischen Bewegung bekannt zu machen, in ihre Theorie einzudringen, uns mit ihrem Idealismus zu verbünden und stets das Unsrige dazu zu tun, waren wir schon nach Berlin gegangen. Es lag für mich, mit meiner bitteren Frauenerfahrung, als Mutter von zwei Kindern und fast zehn Jahre älter als die junge Kameradin an meiner Seite, ein grosser moralischer und ethischer Wert in dieser schwesterlichen Kameradschaft. Dankbar trug ich die xxxxxxяж* Verantwortung und empfand die moraelische Hilfe, die für mich in dieser Verbindung lag, mit dem gleichen Gefühl. Leicht war, der Lebenskampf nicht für uns. Das Schicksal . - 65- der Frau, die gleichzeitig Kinder zu ernähren und zu erziehen hat, ist für Millionen von Frauen das Gleiche. Und auch für die Kinder dieser Frauen ist es niemals leicht. Ich sage das nur xxxxdix mit Bezug auf die Notwendigkeit der Erwerbsarbeit für uns. Die Mitarbeit am öffentlichen Leben hatte damit wenig zu tun. Wohl bedurfte es des Nachdenkens und des guten Einteilens unserer Zeit. Wenn wir ' Opfer' brachten, was wir aber nicht als solche empfanden, so war das höchstens dem zu vergleichen, was die anderen arbeitenden Menschen für Erholung und Vergnügen aufwendeten. Wir verzichteten wohl auf das Meiste, was anderen unentbehrlich schien, und buchten die neuen Erkenntnisse und Erfahrungen als persönlichen Gewinn, als neuen Lebenswert. Hier in Schöneberg begann unsere bewusste und intensive Mitarbeit in der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Bis dahin war unser Blick eigentlich nur auf' Arbeiterbewegung' gerichtet gewesen. Mittlerweile war es uns nun wirklich klar geworden, dass wir mehr als gelegentliche' Mitläufer' sein wollten und deshalb den Weg über die sozialdemokratische Frauenbewegung zu gehen hatten. Wir gingen ihn." Da Schöneberg zu dieser Zeit ein Vorort von Berlin war, hatten sich Marie und Elisabeth trotz des Anratens von Margarete Wengels nicht beim Berliner Frauen- und Mädchen- Bildungsverein angemeldet. Sie ***** x stellten fest, dass es in Schöneberg ebenfalls einen solchen Verein gab, und wollten politisch dort' aktiv' werden, wo sie sesshaft waren. " In Schöneberg benutzten wir die erste Gelegenheit einer Versammlung des Frauen- und Mädchen- Bildungsvereins, um uns zur Mitgliedschaft anzumelden. Der Wille, ein freier und gleichberechtigter Mensch zu werden, gegen alle Hindernisse, war stark in unserem Bewusstsein. Wir waren bereit, Gefahren auf uns zu nehmen, Konflikte zu bestehen und gegen Vorurteile aller Art anzugehen. Dieses Gefühl beherrsd te uns vollkommen, als wir die erste Schöneberger Versammlung besuchten. Wir hatten erfahren, dass dort eine Frau Bäumler, die Frau des dortigen Vorwärts'- Spediteurs, die Vertrauensperson der Genossinnen sei. Wir sahen sie oben auf der Bühne am Vorstandstisch, eine imposante Erscheinung, gross, mit ganz weissem Haar und einem schönen Kopf. Die Leitung der Vereinsversammlung lag bei einer anderen Frau, -66etwas ängstlich, wie es uns schien. Zwei Polizisten sassen am Nebentisch, um die' staatsgefährliche' Versammlung zu überwachen. An einem der nächsten Tage gingen wir in die Wohnung von Frau Bäumler, um uns vorzustellen und von unserem Wunsch zu sprechen, uns an der sozialdemokratischen Frauenarbeit zu beteiligen. Sie war freundlich und schien erfreut über den Zuwachs, aber auch zurückhaltend und ein wenig misstrauisch. Der Frauen- und Mädchen- Bildungsverein sei als Mittel gedacht, die breiteren Schichten der Frauen zu erfassen, sie für die sozialistische Frauenbewegung zu interessieren und sie unter der durch Gesetz gebotenen Vorsicht allgemein und auch politisch weiterzubilden. Frau Bäumler wies uns darauf hin, dass das Vereinsgesetz in Preussen- ebenso wie z. B. in Schsen, Braunschweig und Thüringen- es den Frauen verbot, sich politisch zu organisieren. In süddeutschen Ländern, zum Beispiel in Baden, sei man etwas toleranter, Sie erzählte uns manches Vorkommnis aus ihren Erfahrungen, wie man bemüht sein müsse, die Versammlungsthemen möglichst allgemein und mit einem kulturellen Akzent zu umschreiben, wobei es dann von der Geschicklichkeit der Redner abhinge, den zuhörenden Frauen doch das zu sagen, worauf еs xxкäяяx ankomme. Man bekäme auch Übung darin, in Gegenwart der überwachenden Polizeibeamten vieles zu sagen, was der Gesetzgeber verhindern wolle. Sie kenne aber auch schon die einzelnen Polizeibeamten. Manche seien dumm und schläfrig und verstünden nichts von der Sache, andere seien wohl wach, aber bewusst tolerant, und vor manchen müsse man sich hüten, weil sie schlau seien und wenig wohlwollend, und ausserdem immer bereit, den proletarischen Vereinigungen etwas am Zeug zu flicken, während man den bürgerlichen Frauenbewegung viel mehr Spielraum und Entfaltungsmöglichkeit lasse, ja, sie sogar in vieler Hinsicht fördere.- Diese Tatsache ist mir sehr viel später von Frauen aus dem bürgerlichen Lager mündlich und schriftlich bestätigt worden. Erama Ihrer führt in ihrer schon 1898 erschienenen Broschüre' Die Arbeiterin und der Klassenkampf' eine ganze Beweis- Kette an, wie die Vereinigungen und Veranstaltungen der bürgerlichen Frauenbewegung von der' Hohen Obrigkeit nicht nur geschont, sondern offenkundig unterstützt wurden, während von den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts an bis zu seinem Ende jede Regung zu einer organisierten proletarischen Frauenbewegung mit brutalen Mitteln und gerichtlichen Strafen unterdrückt wurden. Frau Bäumler machte uns noch darauf aufmerksam, dass wir trotz aller Verbote die Möglichkeit hätten, uns politisch zu organisieren. . -67Wir könnten durch kleine freiwillige monatliche Zahlungen, für die man Quittungsmarken bekäme, die auf eine Karte aufgeklebt würden, zum Ausdruck bringen, dass wir uns zur sozialdemokratischen Partei zugehörig fühlen. Das werde von der Partei auch anerkannt. Um aber die Tätigkeit der Vertrauensperson zu ermöglichen- sowohl zentral als auch örtlich-, würden noch Bons zu fünf Pfennig vertrieben. Nachdem auch wir von unseren bisherigen Erfahrungen gesprochen hatten, schien sie wohl Vertrauen zu uns gefasst zu haben, denn sie nannte uns Zeit und Ort der heimlichen Zusammenkünfte eines kleinen Frauenkreises, der sich um die Vertrauensperson scharte. Ausserdem, SO sagte sie uns, fänden auch Leseabende statt, für die man einen sehr beweglichen und belesenen jungen Sozialdemokraten gewonnen hätte. Die Versammlungen des Frauen- und Mädchen- Bildungsvereins fanden in der Regel monatlich einmal statt und waren immer recht gut besucht. Die meisten Referenten verstanden es auch, aus dem Thema- trotz der Anwesenheit der Polizei-' etwas zu machen I Nur einmal sind wir in unseren Erwartungen enttäuscht worden. Es war ein Arzt gewonnen worden, Sozialdemokrat und am Ort wohnhaft, der sich erbot, das Thema ' Wie fesselt die Frau ihren Mann an das Heim?' zu behandeln. Wir versprachen uns sehr viel davon, hatten uns vorgestellt, dass er davon ausgehen würde, dass die Ehe eine Kameradschaft zwischen zwei Menschen sein solle, die bereit sind, alles gemeinsam zu tragen, und dass man diese Kameradschaft bewusst festigen könne, wenn man Verständnis für den Kampf der Männer um bessere Lebensbedingungen zeige, was doch wieder der Familie zugute käme. Bei solchem Verständnis würden die Männer auch bereit sein, die ihnen bleibende freie Zeit im Kreise der Familie, im eigenen Heim zu verbringen. Ein solcher Grundgedanke hätte sich bei einigem Geschick mit Beispielen ausbauen lassen, sodass alle Zuhörerinnen den' tieferen Sinn hätten erkennen können. Aber von diesen Gedanken sagte der Gute kein Wort. Stattdessen füllte er den ganzen Abend damit aus, den Frauen gute Ratschläge zu geben, wie sie Wurst- und Käseplatten mit Petersilie und Radieschen garnieren könnten, das koste nicht viel, usw. Er machte es nicht einmal reizvoll, und noch viel weniger taktvoll. Die meisten Frauen sassen wie auf Kohlen. Aber niemand fühlte sich in Gegenwart der Polizei, und auch nicht in Gegenwart von Frau Bäumler, die ja das Vereinsgesetz und seine Fußangeln so gut kannte, mutig genug, dem Herrn Doktor kräftig die Meinung zu sagen. Auf eine empörte Handbewegung, mit der ich mich zum Wort melden wollte, winkte Frau Bäumler be - 68- schwichtigend ab. Sie fürchtete, dass mein Temperament und meine ( von ihr mit Recht gefürchtete) Unkenntnis der Gesetze keine guten Folgen haben würde.- Es war ein verlorener Abend. Elisabeth und ich gingen betrübt nach Hause und erzählten uns gegenseitig, was man dazu alles hätte sagen können, ж****** Schon bald danach wurde ich Vorsitzende dieses Schöneberger Frauenund Mädchen- Bildungsvereins. Das kam so: Elisabeth und ich sassen bei unserer Heimarbeit. Sie war so eintönig, dass es dabei nicht viel zu denken gab. Wir konnten dabei über andere Dinge reden, die uns mehr bewegten. Die Türglocke ging, und es erschien eine Deputation von Frauen. Der Verein hätte doch demnächst seine Generalversammlung. Frau X. wolle von ihrem Posten als Vorsitzende zurücktreten. Ob ich wohl dieses Amt übernehmen würde. Wir hätten uns doch sofort nach unserem Zuzug in Schöneberg für die politische Frauenbewegung zur Verfügung gestellt. " Wir brauchen jüngere Frauen, die in die Bewegung hineinwachsen, und die Übernahme von Vertrauensfunktionen ist abhängig von Willen und Erkenntnis. Beides haben Sie!" Ich zögerte mit einer Antwort. Würde ich mich nicht doch zu sehr binden? Mit Arbeit überlasten? Auch fühlte ich mich noch garnicht so wissend, wie die Genossinen annahmen, und ich wollte niemanden täuschen. Als ich fragend zu Elisabeth hinübersah und sie mir energisch zunickte, sagte ich schliesslich doch' ja'. In der Generalversammlung wurde ich dann einstimmig gewählt. Nun war ich ein gutes Jahr lang, von 1907 bis 1908, die Vorsitzende des Vereins, bis das Reichsvereinsgesetz von 1908 den Frauen andere Möglichkeiten gab, sich öffentlich zu betätigen. Bis es aber so weit war, ereignete sich noch allerlei." Mit der Übernahme von Ämtern, Funktionen und besonderen Pflichten konnte Marie Juchacz ihre Erfahrungen ausbauen und erweitern. Das Kennenlernen neuer Menschen war für sie in dieser Zeit besonders wich tig und wertvoll. Einmal kam unverhofft Ottilie Baader, Vertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands, in eine der von Marie Juchacz geleiteten Versammlungen. Ob sie das Thema des Vortrags interessierte oder einen anderen Grund hatte, vielleicht den, festzustellen, xixxXXX** XX** X** X* x* x* x* x*\* x* x* xxxxärdexx wie ' die neue Vorsitzende' mit ihrer Aufgabe fertig würde, konnte Marie - وما- Juchacz in einem anschliessenden Gespräch mit Ottilie Baader nicht heraushören. Aber sie freute sich über das sparsame, zurückhaltende Lob: " Sie haben die Versammlung mit grosser Ruhe und Sicherheit geleitet, und ich freue mich, Sie kennen zu lernen, nachdem ich schon einiges von Ihnen gehört habe." Marie Juchacz schreibt in ihren Notizen von dieser Begegnung: " Auch ich freute mich, Ottilie Baader kennen zu lernen, sie war mir jawenn - wenn auch bisher nur aus der Ferne- keine Unbekannte mehr. Ich war auch dankbar führ Lob und die Anerkennung, schon allein deshalb, weil Frau Bäumler noch immer in heimlicher Angst dabei sass, da sie es mir noch immer nicht ganz zutraute, etwaige Klippen geschickt genug zu umschiffen. Doch hatte sich in Praxis und Auffassung der Polizei bestimmt schon einiges geändert und aufgelockert. Ausserdem glaube ich, vieles von dem, worauf es ankam, doch schon begriffen zu haben. Jedenfalls hatte ich vor der anwesenden Polizei keine Angst, und es ist auch nie etwas passiert." In einer anderen Versammlung wurde Marie Juchacz zum Schluss von einer ihr unbekannten Frau angesprochen: " Ich würde mich gerne einmal mit Ihnen unterhalten, Frau Juchacz. Besuchen Sie mich doch einmal, ich wohne ganz in der Nähe, und ich könnte mir denken, dass wir beide etwas davon haben." " Ich bin der Einladng gefolgt. Es war eine Frau aus der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie wollte mich nicht etwa für eine Organisation gewinnen, sondern sich mit mir ganz allgemein unterhalten, zu gegenseitigem Vorteil. Ihre Ehe stand kurz vor der gerichtlichen Trennung, die in beiderseitigem Einverständnis erfolgte. Der Mann bezahlte ihr noch de Kosten einer Berufsausbildung, sie wurde Dentistin. Wir haben danach sehr lange eine lose, aber dennoch persönliche Fühlung miteinander gehalten. Schon das erste Zusammentreffen war sehr fruchtbar. Es lenkte mich auf die vielseitigen Bestrebungen der bürgerlichen Frauenbewegung, auf ihre bisherige Geschichte, und auf das, was uns gemeinsam war und was uns trennte. Sie nannte mir manche charakteristische Persönlichkeit aus der bürgerlichen Frauenbewegung und bot mir auch Schriften, Broschüren und Bücher an, die ich- ebenso wie Hinweise auf weitere Literatur- dankbar akzeptierte." • -70Marie Juchacz hatte zu dieser ersten Unterhaltung selbstverständlich ihre Schwester Elisabeth mitgenommen, die sie auch bei späteren Besuchen begleitete. Sie sagte darüber: " Dieses Gespräch und seine Fortsetzungen liessen uns Schwestern manches, was uns bei der Lektüre der" Gleichheit" und anderer sozialistischer Frauen Schriften nicht immer verständlich war, aus der Möglichkeit des Vergleichs mit den Bestrebungen bürgerlicher Organisationen besser verstehen. Unsere Schöneberger Zeit von 1907 bis 1908 war überhaupt sehr bewegt. In Essen hatte der Parteitag stattgefunden, der von 19 Genossinnen aus dem ganzen Reich beschickt worden war. Durch die" Gleichheit", den" Vorwärts" und durch die Berichterstattung der Genossin, die nach Essen delegiert war, wurden wir in Atem gehalten. August Bebel hatte sich wieder einmal für die sozialdemokratische Frauenbewegung eingesetzt und erreicht, dass die männlichen Parteimitglieder sich verpflichteten, diese Bestrebungen intensiv zu unterstützen. Auch zwischen der proletarischen Frauenbewegung und den Gewerkschaften gab es von Anfang an sehr viele Berührungspunkte, genau so wie zwischen den Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei. Wir, auf der unteren Ebene', hatten die Anregungen, die von den Aongressen und von den zentralen Stellen kamen, stofflich- geistig aus der sozialen Lage des Proletariats heraus zu verarbeiten und in die praktische Arbeit zu übertragen. So hatte sich zum Beispiel die Sozialdemokratische Frauenkonferenz in Mannheim( 1906) schon mit der' Dienstbotenfrage befasst. Helene Grünberg, Arbeitersekretärin in Nürnberg, hatte dort eine moderne Haus angestelltenorganisation ins Leben gerufen. Auf der Mannheimer Frauenkonferenz hielt sie über ' Die Dienstbotenfrage' ein Referat.( Ich gebrauche im folgenden mit vollem Bedacht, aus Gründen der' Illustration', die Terminologie der damaligen Zeit. Worte und Begriffe haben sich inzwischen dem fortgeschrittenen Denken entsprechend geändert). Die in Mannheim aufgestellten Forderungen waren auf die Erfahrungen der Gewerkschaften abgestimmt.- Eine ausserordentliche sozialdemokratische Frauenkonferenz im November 1907 in Berlin stellte dann mit Genugtuung fest, dass die Gewerkschaften ganz im Sinne unserer Vorarbeiten operierten und dass die Organisierung der Dienstboten in den Orten mit einer lebendigen Frauen bewegung, von diesen gefördert, einen starken Auftrieb erhalten hatte. Die Organisation sollte das Mittel sein, um durch Selbsthilfe die versklavende Gesinde ordnung auszuschalten und die soziale Lage dieser Dienstboten- Frauenschicht zu heben. -71Etwas später, auf dem auch sonst ausserordentlich bedeutsamen Gewerkschaftskongress in Hamburg( 1908) wurde eine Resolution zu dieser Frage beschlossen. Die Förderung der Dienstbotenorganisation sollte durch die Gewerkschaftskartelle erfolgen. Eine Konferenz der Dienstboten sollte einberufen werden. Zu dieser Zeit hatte auch der Kampf der Arbeiterbewegung gegen das Dreikassenwahlrecht einen zeitweiligen Höhepunkt erreicht. Im November 1907 fand in Berlin ein Parteitag für Preussen statt, auf dem.. der Wahlrechtskampf naturgemäss eine stärkere Berücksichtigung finden musste.- Sc hon auf dem bereits erwähnten Essener Parteitag war zum preussischen. Dreiklassenwahlrecht und zu den Preussenwahlen Stellung genommen worden. Die ausserordentliche sozialdemokratische Frauenkonferenz, die parallel zum Preussen- Parteitag zusammengetreten war, gab der Frauenbewegung einen starken Auftrieb. Die Bewegung gewann an Ausdehnung, xx aber auch an innerem Gehalt. Die Frauenzentrale entfaltete eine lebhafte Tätigkeit, gab Zirkulare heraus, schaltete sich bei der Einberufung der Versammlungen ein, und arbeitete mit der Parteileitung eng zusammen. Die wirklich riesigen Versammlungen und Strassendemonstratopnen fanden unter stärkster Beteiligung der Frauen statt. Überall wurde das Frauenwahlrecht gefordert und auch von Frauen- Rednerinnen begründet. Die Frauenfunktionärinnen und Rednerinnen bekamen, unter anderem Material, auch die Broschüre von Klara Zetkin' Das Frauenstimmrecht( auf einem Parteitag hatte sie in einem gross angelegten Referat über dieses Thema gesprochen, der Vortrag wurde als Broschüre herausgegeben). Dieser Vortrag war uns, dem Nachwuchs, für lange Zeit eine wichtige und ständig benutzte Quelle für unsere Arbeit." [ DAS JAHR 1908] - Der Wahlkampf zog sich in das Jahr 1908 hinein. In den ersten Tagen dieses neuen Jahres fixxxxx ging es in Berlin sehr schnell von Mund zu Mund, dass am lo. Januar vor dem preussischen Abgeordnetenhaus in der Prinz Albrecht- Strasse eine grosse Demonstration stattfinden würde. Es war selbstverständlich, dass sich auch die Schöneberger Frauen daran beteiligen. Marie Juchacz hielt es für mitgehen nicht würde. besser, wenn ihre Schwester Elisabeth Lisbeth war zwar erst im vierten Monat, aber es war zu erwarten, dass falls die Demonstration grossen Zulauf haben würde die berittene Polizei eingesetzt würde. Aber Elisabeth war Feuer und Flamme, und so zogen die beiden Frauen am lo. Januar, an einem normalen, hellichten Arbeitstag, zum preussischen Abgeordnetenhaus. Ty . -72- " Wir Frauen versammelten uns direkt vor dem Gebäude und verlangten laut unsere Rechte, zugleich mit denen, für die die Arbeiter stritten und kämpften. Niemand von uns dachte an eine Gewalttat. Wir wollten mit dieser Demonstration nur bekunden, dass die Arbeiterfrauen dass wir Frauen einen Faktor darstellen, den man nicht übersehen kann, und der Anspruch auf politische Rechte han den grossen, der Strasse zugewandten Fenstern des Hauses erschienen die Gesichter von Abgeordneten, die sich die Demonstration zuerst etwas ängstlich ansahen. Plötz lich entstand Bewegung an den Fenstern. Sie hatten von oben, eher als wir unten auf der Strasse, bemerkt, dass berittene Polizei auftauchte, um uns zu zerstreuen." Marie und Elisabeth haben später ihren Kindern erzählt, was sich an diesem Tage ereignete: in breiter Front rückten die Polizisten mit ihren Pferden an und, ritten in die erregte, dichgedrängte Frauenmenge hinteren enz hinein. Während die xaxdaran Reihen яяяжжяиiяж* der demonstrierenden Frauen noch nicht begriffen hatten, was vor sich ging, wichen die vorderen Reihen zurück, wodurch das Gedränge noch grösser wurde. Es gab Quetschungen und leichte Verletzungen. Plötzlich gab der Wall der Frauen an einer Seite nach, und der Druck der Nachdrängenden war so stark, dass viele Frauen zu Boden fielen, darunter auch Elisabeth. Marie versuchte, ihr beizuspringen, wurde aber von den ausweichenden Frauen immer wieder zurückgedrängt. Ihr blieb das Herz stehen, als plötzlich die Pferde über die am Boden liegenden Frauen hinwegritten. Elisabeth zog den Kopf ein, шxя verschränkte dix* x darüber die Arme und versuchte, sich auf die Seite zu drehen. So traf sie ein Pferdehuf nur in det Hüfte. Die Prellungen und Tritte, die Elisabeth und die mit ihr am Boden liegenden Frauen von den Flüch tenden bekamen, waren weitaus schmerzhafter. Als sich die Demonstrantinnen zurückgezogen hatten, konnten sich einige der zurückgeblieben nen Frauen um die am Boden Liegenden bemühen. Es stellte sich xxxXXX gottseidank heraus, dass es keine einzige ernsthafte Verletzung gegeben hatte.* Marie Juchacz meinte später: " Nachträglich muss ich doch etwas zum Lobe dieser Polizeipferde sagen: sie tänzelten behutsam über die auf der Strasse liegenden Frauen hinweg, und wenn die eine oder andere Exau von einem Huf gestreift wurde, dann lag das an dem Gedränge. Die Polizisten dagegen bedienten sich einer rauhen und ungepflegten Sprache, gaben uns dabei auch häusliche Ratschläge für das' Strümpfestopfen",' Mittagkochen' und' Kinderkriegen' und verrieten mit ihren Redensarten das unbe -73greiflich niedrige Niveau, das sich scheinbar immer dann äussert, wenn xxxx uniformierte Männer zu einer kasernierten Masse zusammengefasst werden." Und wie war das Ergebnis dieser Demonstrationen, Versammlungen, Flugschriften und der anderen Protestaktionen? " Die Regierung und die Parteien des Landtages dachten garnicht daran, den Arbeitern irgendwelche Konzessionen zu machen. Nicht einmal der Zwang zur öffentlichen Stimmabgabe bei der Wahl wurde aufgehoben, was sich besonders moralisch negativ auswirkte, weil der kleine Geschäftsmann, der Beamte und überhaupt alle abhängigen Existenzen unter terroristischen Druck gesetzt wurden. Die sozialdemokratische Partei holte zu einem Gegenschlag aus. Überall versuchten die Frauen, ihren Einfluss als Käuferinnen in den Geschäften geltend zu machen. Je nach der wirtschaftlichen Struktur des Wahlbezirks forderten sie als Kundinnen vom Geschäftsmann entweder Stimmenthaltung oder offene Stimmabgabe für die Sozialdemokratie. Wir waren uns vollkommen klar darüber, dass diese Form des Kampfes nicht zu den üblichen Praktiken der кäxдfяx Arbeiterbewegung gehörte, aber dennoch wurde überall dort, wo das Klassenwahlrecht und die offene Stimmabgabe gültig waren, in derselben Art und Weise auf breitester Basis und stellenweise mit noch stärkeren Mitteln der Wahlkampf geführt. Terror von unten ist in den meisten Fällen Notwehr. Wir Frauen gründeten nach Bekanntgabe des Wahltermins auch allgemeine Wahlvereine. Das war, begrenzt für die Wahlzeit, möglich. Dass sich bei uns grösste Bereitschaft und initiativer Mut entwickeln konnten, dafür sorgten die Anregungen, die laufend aus dem Büro der" Vertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands", von Ottilie Baader kamen. Sie wurden sofort aufgegriffen und unverzüglich durchgeführt. Auftrieb gab uns auch die Vorbereitung des Reichsver einsgesetzes. Hier sollte uns grössere Freiheit winken, weil es die Frauen nicht mehr ganz aus dem öffentlichen und Organisationsleben ausschliessen wollte. Es versprach im Entwurf der Regierung( in dieser Zeit war Bülow Reichskanzler) auch das Koalitionsrecht der Arbeiter, was auch für die arbeitenden Frauen von grösster Bedeutung war( zu diesem Zeitpunkt waren vier Millionen Frauen als Arbeiterinnen tätig). Auf bürgerlicher Seite sahen wir die Bemühungen, den von den Arbeitern 74und den sozialdemokratischen Organisationen wachdam und kritisch aufgenommenen Regierungsentwurf im negativen Sinne der Arbeiterschaft zu verwässern. Die Sozialdemokratische Partei hatte schon früher im Einvernehmen mit den Gewerkschaften einen eigenen Entwurf für ein freies Vereinsrecht eingebracht. Wir Frauen im besonderen waren uns darüber einig, dass wir unser politisches Organisationsrecht anstrebten und so vorteilhaft wie möglich für uns erkämpfen wollten, dass es aber nicht gegen den Nachteil eines eingeschränkten Koalitionsrechts für alle arbeitenden Menschen erkauft werden durfte. Man muss sich vorstellen, wie das zentrale Frauenbüro mit äusserst geringen finanziellen und technischen Hilfsmitteln arbeiten musste, um uns in dieser bewegten Zeit laufend und schnell über alles zu unterrichten und mit Material zu versorgen. Mitten in diese aufregenden Tage hinein kam aus Landsberg die Nachricht vom plötzlichen Tod des Vaters Gohlke. Am 11. Mai 1908 war er im Alter von 66 Jahren gestorben. Lisbeth wäre zu gerne mit Marie und Bruder Otte zur Beerdigung gefahren, erwartete aber in vier Wochen ihre Niederkunft. Ausserdem wäre Lisbeths Mann mit Maries Kindern Lotte und Paul schlecht fertiggeworden. So fuhren Otto und Marie alleine nach Landsberg, wo es eine Fülle unerfreulicher Dinge zu erledigen gab. Es hatte sich schon vorher in Landsberg in einigen Kreisen herumgesprochen, dass die Töchter von Theodor Gohlke" Rote" seien. Die Folge war, dass Mutter Gohlke regelrecht vor die Türe gesetzt wurde. Ein Mieterschutzgesetz gab es damals noch nicht. So blieb nichts anderes übrig, als den Landsberger Haushalt aufzulösen und mit Mutter Gohlke дak mit nach Berlin zu nehmen. Otto war mit seiner siebenköpfigen Familie reichlich belastet, sodass es sich von selbst ergab, dass Mutter Gohlke in die Schöneberger Wartburgstrasse 13 zog, zu Marie mit den beiden Kindern, und zu Lisbeth und ihrem Mann. Zu diesen sechs Lebewesen wurde gegen Ende Juni ein siebtes erwartet. Zur Überraschung aller hatte Lisbeths Mann die von Marie getroffene Entscheidung, die Mutter aufzunehmen, gutgeheissen. Besonders gross war die Freude für Lotte und Paul, die vom ersten Augenblick an spürten, dass da jemand gekommen war, der sich ständig um sie kümmern und sich mit ihnen beschäftigen würde. Und so wurde Mutter bzw. Grossmutter Gohlke vollwertiges Mitglied der Familie Juchacz- Roehl. Als Marie die während ihrer Abwesenheit liegengebliebene Heimarbeit unter Zuhilfenahme von Nachtstunden aufgearbeitet hatte, stürzte sie sich wieder in die politische Arbeit. Inzwischen war das heissumstrittene Reichsver einsgesetz vom Reichstag angenommen worden. -75lige Aktionen der Polizeiorgane zur Folge gehabt hatten, während sich in Hamburg, Sachsen und Württemberg die sozialdemokratischen Frauen der Partei hatten anschliessen können. Wir, Elisabeth und ich, waren nicht nur froh, sondern auch stolz, uns der Sozialdemokratischen Partei anschliessen zu können, der einzigen Partei, die sich seit Jahrzehnten vorbehaltlos für die Rechte der Frauen eingesetzt hatte. Es ist gut, sich dieser Tatsache zu erinnern, gerade heute, wo viele Frauen von ihrem Stimmrecht und von ihrer ( allerdings noch nicht in jeder Beziehung verwirklichten) Gleichberechtigung Gebrauch machen( auch gegen die, die ihnen diese Rechte erkämpften), als ob es sich dabei um die grösste Selbstverständlichkeit handele. Dass die denken den Frauen seit jeher sozialpolitisch am stärksten interessiert waren, ergab sich aus ihrer sozialen Lage einmal als Mutter und Arbeiterin, zum anderen aber auch als Ehefrauen von sozial noch ungeschützten oder mangelhaft gesicherten Männern, und nicht zuletzt als an allen wirtschaftlichen Fragen beteiligte Hausfrauen. In dieser Zeit stand auch ein sozialpolitischer Gesetzentwurf der Regierung auf der Tagesordnung, der auch die Arbeitszeit für Frauen regeln sollte, aber nicht einmal den Zehnstundentag für alle Fabrikarbeiterinnen vorsah. Das forderte unseren schärfsten Protest heraus. In zahllosen Versammlungen, mit Flugschriften und Merkblättern über Frauen- und Jugendlichen- Schutz, mit der gründlichen Behandlung der Materie in Frauenabenden und Werkstubensitzungen haben wir unsere Pionierarbeit getan. Wenn ich noch erwähne, dass in dieser Zeit auch der internationale Sozialistenkongress und die internationale Frauenkonferenz sich mit diesen Themen beschäftigten, so geschieht das nur, um zu sagen, wie wichtig die Forderungen genommen wurden und wie wir Lernende und Werdende von diesen Strömungen erfasst wurden und uns auch bereitwilligst erfassen liessen. Wir ahnten nicht nur, sondern wussten, dass das Gefüge des Staates und der noch bestehenden" Gesellschaftsdie Regierenden Laufigkeit einer ordnung" sich selbst aushöhlten, weil die Zwangsläufigkeit einer Entwicklung nicht nur nicht erkannten, sondern auch- und dies mit den unzulänglichsten Methoden- dagegen angingen." + In den Notizen von Marie Juchacz befindet sich die Schilderung eines in diese Zeit fallenden kleinen Erlebnisses, mit dem Vermerk, dass diese Geschichte wegen des doch nebensächlichen Xxxxxkkxxx Themas bei späterer Überarbeitung ausgeklammert werden könnte. Aber gerade diese Erzählung wirft ein bezeichnendes Licht auf die Art, mit der -75" Es hatte Mängel im Koalitionsrecht, enthielt unter anderem böse Be- ch stimmungen gegen fremdsprachige Arbeiter und gegen Jugendliche, aber für uns Frauen waren nun endlich die Schranken gefallen, die bis dahin in Preussen, Bayern, Braunschweig und in einigen anderen Län- ns dern aufgerichtet und deren Nichtbeachtung bisher besonders böswil- n P, gerade heute, wo viele Frauen von ihrem Stimmrecht und von ihrer ( allerdings noch nicht in jeder Beziehung verwirklichten) Gleichberechtigung Gebrauch machen( auch gegen die, die ihnen diese Rechte erkämpften), als ob es sich dabei um die grösste Selbstverständlichkeit handele. Dass die denken den Frauen seit jeher sozialpolitisch am stärksten interessiert waren, ergab sich aus ihrer sozialen Lage einmal als Mutter und Arbeiterin, zum anderen aber auch als Ehefrauen von sozial noch ungeschützten oder mangelhaft gesicherten Männern, und nicht zuletzt als an allen wirtschaftlichen Fragen beteiligte Hausfrauen.- In dieser Zeit stand auch ein sozialpolitischez Gesetzentwurf der Regierung auf der Tagesordnung, der auch die Arbeitszeit für Frauen regeln sollte, aber nicht einmal den Zehnstundentag für alle Fabrikarbeiterinnen vorsah. Das forderte unseren schärfsten Protest heraus. In zahllosen Versammlungen, mit Flugschriften und Merkblättern über Frauen- und Jugendlichen- Schutz, mit der gründlichen Behandlung der Materie in Frauenabenden und Werkstubensitzungen haben wir unsere Pionierarbeit getan. Wenn ich noch erwähne, dass in dieser Zeit auch der internationale Sozialistenkongress und die internationale Frauenkonferenz sich mit diesen Themen beschäftigten, so geschieht das nur, um zu sagen, wie wichtig die Forderungen genommen wurden und wie wir Lernende und Werdende von diesen Strömungen erfasst wurden und uns auch bereitwilligst erfassen liessen. Wir ahnten nicht nur, sondern wussten, dass das Gefüge des Staates und der noch bestehenden" Gesellschaftsdie Refierenden ordnung" sich selbst aushöhlten, weil die Zwangsläufigkeit einer Entwicklung nicht nur nicht erkannten, sondern auch und dies mit den unzulänglichsten Methoden dagegen angingen." + - In den Notizen von Marie Juchacz befindet sich die Schilderung eines in diese Zeit fallenden kleinen Erlebnisses, mit dem Vermerk, dass diese Geschichte wegen des doch nebensächlichen Xxxxxkixxx Themas bei späterer Überarbeitung ausgeklammert werden könnte. Aber gerade diese Erzählung wirft ein bezeichnendes Licht auf die Art, mit der 76 - sie versuchte, auch mit" kleinneen" Problemen fertig zu werden. " Die Tätigkeit als Vorsitzende des Frauen- und Mädchen- Bildungsvereins war nicht immer reinste Freude. Die Diskussionen über jeweils zu erfüllende Aufgaben mündeten manchmal in Meinungen, die ich nicht akzeptieren konnte und wollte. Wir berieten zum Beispiel einmal im Vorstand über die Gestaltung des bevorstehenden Stiftungsfestes des Vereins. Das vorgeschlagene Programm schien mir garnicht so übel. Ich begriff, dass man seine Ansprüche nicht überspannen dürfe. Im übrigen war ich ja wirklich im Arrangieren solcher' Feste' ein blutiger Laie, ohne jede Erfahrung, und das ist auch bis heute so geblieben.- In unserem Falle erschien es mir nur selbstverständlich, dass Kinder an einem Nachtfest mit Tanz, Bier und anderem Alkohol nicht teilnehmen sollten. Irgend eine Bemerkung brachte mich dazu, auszusprechen, was ich als unbestritten voraussetzte. Ich erwartete eigentlich nur die Bestätigung meiner selbstverständlichen Annahme. Aber wie war ich damit ins Fettnäpfchen getreten! Unter uns war eine kleine, lebendige Frau, typische Berlinerin, die ich wegen ihres harten Lebens und ihrer tapferen Halt ung sehr schätzte. Sie bekam nur Zwillinge und Drillinge, manche starben, andere blieben am Leben. Es war ein ganzer Haufe kribbel der Wesen, die sie mit Hingabe betreute. Diese Frau nun fuhr auf, wie von einer Natter gebissen: " Was? Ohne die Kinder? Wissense was? Jetzt haben Sie's für immer mit mir verdorben, ein für alle Male! Wenn Sie das durchsetzen, haben Sie mich heute hier im Verein zum letzten Mal gesehen. Und zum Fest komme ich schon garnicht!" Ich hatte wirklich keinen Streit beabsichtigt, zum ersten Mal befand ich mich in einer menschlich unangenehmen Situation, mit der ich nicht fertig wurde. Frau Bäumler sah sofort meine Hilflosigkeit und rettete mit ihrer ruhigen Autorität die Situation, indem sie" die junge Genos sin"( das war ich) bat, von ihrem Verlangen Abstand zu nehmen, was ich ohne weiteres tat. Wenn es um dieser Frage willen zu Weiterungen gekommen wäre, wenn die Meinungsverschiedenheit***** xxx in die Mitgliedschaft hineingetragen worden wäre, ich glaube, ich wäre auch in späteren' Runden', die bestimmt noch auszutragen waren, alleine geblieben. Eines war mir sofort klar: zu Zänkereien unter uns Frauen durfte es unter keinen Umständen kommen, ohne jede sachliche Prüfung hätte man mit spöttischem Lächeln gesagt:' Nun ja, die Frauen...!'.- So zog ich auch aus dieser kleinen Niederlage eine Lehre. Ich habe dann später, in kleineren und grösseren Versammlun 77 10gen, diese Frage der Teilnahme von Kindern an Nachtfesten oft angeschnitten und immer nur Zustimmung für meine Ablehnung gefunden. Frau Bäumler hat mir übrigens nach der Sitzung gesagt, dass ich wohl sachlich im Recht gewesen sei, dass es aber nicht klug gewesen wäre, dieses Recht in dem fraglichen Augenblick durchzusetzen. Es wären nur die Eintracht des Vereins und des Festes gefährdet worden. Als es dann so weit war und das Fest ablief, lagen während des Tanzes die vielen Kinder( auch die der energischen Berlinerin) auf und unter den Bänken und Stühlen im. Staub und schliefen im Bier- und Kaffeedunst, nachdem sie vorher durch ihre Unruhe die Darbietungen für die Erwachsenen nicht genussvoller gemacht hatten. Mit diesem kleinen Beispiel wollte ich nur zeigen, dass auch Schwierigkeiten zu überwinden waren, die aus dem Kleinen und Menschlichen entstanden." Die Frauen- und Mädchen- Bildungsvereine, nicht nur in Berlin, Schöneberg und den anderen Berliner Vororten, sondern im ganzen Reich haben- ganz allgemein- wertvolle Pionier- und Kulturarbeit geleistet. Die meisten Veranstaltungen hatten Niveau. Nach Ansicht des Parteitags und auch der Frauenkonferenz waren durch das Koalitionsrecht, das auch den Frauen eingeräumt worden war, diese Vereine, d* x* x die als getarnte sozialistische Frauenorganisationen operierten, überflüssig geworden. Im Laufe der Zeit lösten sie sich auf, indem sie von anderen nunmehr frei auftretenden- Organisation nen aufgefangen wurden. Nur ein Verein in Berlin, der Dank hervorragender Mitarbeiter zu einem beachtlichen Sprachrohr geworden war, blieb noch einige Zeit bestehen. Maries Schwester Elisabeth hatte sich, seitdem Mutter Gohlke in Berwegendes zu erwartenden Kindes lin war, zwar ausserlich von allen Veranstaltungen distanziert, nahm aber nach wie vor Anteil an allem, was sich ereignete. Wenn Marie spät abends nach Hause kam, musste sie ihrer Schwester xxxяx von den Ereignissen des Tages berichten, woran sich dann noch Diskussionen anschlossen. Sie machte das nicht nur gerne, es war ihr trotz ihrer Müdigkeit ein Bedürfnis, die Probleme mit Elisabeth auch noch in späten Abend- und Nachtstunden durchzusprechen. Am nächsten Tag war Marie dann immer körperlich zerschlagen, was sie aber nicht hinderte, in aller Frühe aufzustehen, um sich mit ihrer Heimarbeitsnäherei zu beschäftigen. . - 78 Das war auch am Vormittag des 26. Juni 1908 der Fall. Marie hatte ihr Pensum genäht, zusammengepackt und war im Begriff, aus dem Haus zu gehen und die Arbeit abzuliefern. Sx* x* x* x* x* x* x* x* x* x Stattdessen musste sie alles stehen und liegen lassen, um die nicht weit entfernt wohnende Hebamme zu holen, die schon unterrichtet war, dass sie demnächst gebraucht würde. Sie kam gerade zur rechten Zeit, um mitzuhelfen, dass Elisabeths Sohn mühelos zur Welt gebracht wurde. Nachdem sich Elisabeth xяяxяяx erholt hatte, ergab sich die Notwendigkeit eines Wohnungswechsels. Die Wohnung in der Wartburg strasse 13 war nun doch zu klein geworden. Gemeinsam ging man auf Suche, und wenig später hatte sich auch etwas Brauchbares gefunden, in Neukölln, das zu dieser Zeit noch Rixdorf hiess. " Es war ein Arbeitervorort, mit einer guten Organisation, von starker Vitalität und wirklich erstaunlichem kulturellen Auftrieb.- Durch das neue Vereinsgesetz waren der Sozialdemokratie neue Aufgaben erwachsen und neue Möglichkeiten entstanden, um die Bildungsund Werbearbeit für die Frauen- auch vom Standpunkt der Partei aus in völlig neue Wege zu leiten. Und das war gut so. uns - Wir waren froh, dass wir hier, in Rixdorf, noch unbekannt waren und hofften auf xxxxx ein wenig Besinnungsmöglichkeit. Wir glaubten, dass es uns möglich sein würde, auf den Besuch der Veranstaltungen zu beschränken, ohne ein Amt zu übernehmen. Es hatte sich auf die Dauer doch nicht als einfach erwiesen, neben der Erwerbsarbeit und den Aufgaben für die Familie- wir waren ja inzwischen auf wachsen auch noch verpflichtende Ämter und die damit verbundene zeitliche, geistige und auch körperliche Anstrengung zu bewältigen. Wer das nicht selbst mitgemacht hat, weiss nicht, welches Mass von Energie und Arbeitskraft dafür aufgebracht werden muss. Sieben Köpfe angeund Wir mussten aber bald erkennen, dass wir uns getäuscht hatten. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass die beiden Genossinnen, die sich da soeben angemeldet hatten, keine absoluten Neulinge waren, als zu einer internen Frauenversammlung eingeladen wurde, gingen wir hin. Es sollte über die Einordnung der Frauen in die Parteibewegung und Parteiarbeit beraten werden. Der Zweck dieser Versammlung war einfach der, unter den Frauen, die sich bereits zur Sozialdemokratie bekannten, solche herauszufinden, die für die Werbungs- und Schulungs arbeit geeignet erschienen. Der Referent und Leiter der Zusammenkunft war vom Ortsvorstand der SPD direkt mit dieser Aufgabe betraut wor - 79 den, was Elisabeth und ich natürlich nicht wussten. Wir waren hingegangen, um uns einen sicher für uns sehr interessanten Vortrag anzuhören. Alle Bemühungen des Genossen F., die anwesenden Frauen aus der Reserve herauszulocken, waren vergeblich. Wir blieben alle stumm. Genosse F. sah mich besonders dringlich an, als er fragte, ob denn niemand etwas zu seinem Vortrag zu sagen habe. Da fasste ich Mut und meinte, es täte mir leid, keinen Anknüpfungspunkt finden zu können. Er habe in seinem Referat ein viel zu grosses Gebiet in viel zu kurzer Zeit behandelt. Schön, dem einen oder anderen Gedanken, der klar herausgearbeitet worden sei, könne man zustimmen, aber um strittige Gesichtspunkte aus der behandelten Materie herausgreifen zu können, fehle es uns allen sicher an den Vorkenntnissen. Ich würde doch vorschlagen, ein anderes Mal über ein mehr abgegrenztes Thema zu sprechen, das die Möglichkeit biete, sich mit den tatsächlichen Problemen, die uns als Frauen betreffen, zu beschäftigen. Die Fragestellungen dürften nicht verklausuliert*****, sondern müssten einfach und klar sein. Mir hatte bei meinen Ausführungen ein wenig das Herz geklopft, weil cnich ich noch völlig fremd in diesem kleinen Kreis- ik als Erste zum Wort gemeldet hatte. Die Berechtigung meiner Kritik wurde aber restlos anerkannt, auch von dem Genossen F., woraus sich ergab, dass wir uns bereiterklärten, beim Auf- und Ausbau dieser Abende mitzuhelfen. Wir waren damit in eine erfreuliche Arbeitsgemeinschaft aufgenommen worden. Mir ist heute noch nicht klar, ob es nicht ein Trick des Genossen F. war, diese Zusammenkunft so aufzuziehen, dass ich mich schliesslich doch äusserte. Bis dahin hatte ich munter und ohne Hemmungen Versammlungen geleitet, in Sitzungen die Verhandlungen geführt, mich in Frauenabenden an der Diskussion beteiligt und keine Scheu empfunden, weil sich all les natürlich entwickelte und von selbst ergab. Genau so erging es meiner Schwester: Wir machten das, was wir uns schon immer als den besten Weg vorgestellt hatten, ohne zu wissen, wie dieser Weg nun aussehen würde: wir wachsen hinein." Zum ersten Mal am Reduerpult + Einige Tage nach dieser Zusammenkunft Marie, Elisabeth und Mutter Gohlke sassen über ihrer Näherei brachte die Post einen Brief, der vom Ortsvorstand der SPD kam, die Unterschrift des Genossen F. trug, und in dem es hiess, dass xxx sich die Genos sinnen Juchacz und Roehl in dankenswerter Weise zur Mitarbeit bereit erklärt hätten. Nunmehr würden beide Genos sinnen gebeten, am sounsovielten im Lokal sowies ● 80 über das Thema" Religion und Sozialismus" zu sprechen. Das erste, was Marie nach der Lektüre sagte, war: " Heiliger Schreck, was nun?" " Am besten, Du gehst zum Genossen F., und zwar gleich. Er hat ja gesagt, dass er vormittags in der I' Vorwärts'- Filiale arbeitet und dass wir ihn dort jederzeit aufsuchen und sprechen können." Der Vorschlag von Elisabeth war gut. Wenige Minuten später war Marie auf dem Weg zur Xa' Vorwärts'- Filiale, xxx wo sie auch den Genossen F. antraf. " Sie wissen selbst ganz genau, dass wir mit unserer Bereitwilligkeit zur Mitarbeit etwas ganz anderes gemeint haben. Ich spreche da auch im Namen meiner Schwester, der Genossin Roehl, die garnicht daran denkt, mit ihren zwanzig Jahren in öffentlichen Versammlungen zu sprechen." " Sie und Ihre Schwester haben aber doch gesagt, dass sie zu jeder Aufbau- und Mitarbeit bereit seien, und dazu gehört auch das Reden in Versammlungen." " Mag sein, dass das nach Ihrer Meinung dazugehört, aber wir müssen dxxxauf unsere Zusage auf die Ausarbeitung der Programme für Frauenveranstaltungen und auf die Vorschläge für die Ausgestaltung der Abende beschränken, und sind auch bereit, diese Abende zu leiten. und die Diskussionen zu führen." " Wenn Sie in der Lage sind, diese Dinge zu machen, brauchen Sie keine Hemmungen zu haben, um in einer öffentlichen Versammlung über ein klar umrissenes Thema zu sprechen. Sie haben sich doch schon da mit beschäftigt!?" " Natürlich habe ich das, und ich habe auch eine klare Einstellung dazu. Aber das reicht noch nicht für eine Versammlung, auch nicht bei meiner Schwester." " Wir wollen ja garnicht, dass Sie unvorbereitet an dieses Thema herangehen. Selbstverständlich müssen Sie und Ihre Schwester sich noch einmal damit beschäftigen." " Ja, sollen denn wir beide an einem Abend reden? In einer Versammlung?" " Warum nicht?* So wortgewandte Frauen wie Sie kxxx können sich dabei grossartig ergänzen. Irgendwann müssen Sie einmal einen Anfang machen, das wissen Sie selbst." " Mag schon sein, aber nicht so plötzlich. Immerhin übernehmen wir mit der Bereitschaft, jxxXX** X* X** X öffentlich auf einer SPD- Versammlung zu reden, ja auch der Partei gegenüber eine grosse Verantwortung, und dazu muss man von sich aus bereit sein, und nicht L 81 nach Aufforderung." " Wir haben Sie ja nur aufgefordert, weil wir ganz genau wissen, dass Sie und Ihre Schwester ××××× д bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das habe ich schon bei unserem ersten Zusammentreffen gemerkt, als Sie mein Referat in Grund und Boden verdonnerten. " Und wenn es mir und meiner Schwester genau so geht? Wenn wir nach unseren Referaten von der Versammlung in Grund und Boden verdonnert werden?" " Da kann ich Sie jetzt schon beruhigen. Die Männer und Frauen, die in diese Versammlung kommen werden, wollen etwas lernen, wollen wissen, dass Religion und Sozialismus zwei Dinge sind, die sich überhaupt nicht miteinander vertragen, oder sogar sehr gut. Wenn man ihnen das in klarer Sprache- und das ist Ihre grosse Stärke, Genossin Juchacz! auseinandersetzt, verstehen Sie es. Und wenn sie es nicht verstehen, werden sie nach der Versammlung in der Diskussion danach fragen." " Haben Sie denn irgendwelche Unterlagen, die mir noch zu meiner eigenen Vorstellung Anregungen geben könnten?" " Habe ich bereits zusammengestellt." - " Mit einem Haufen Literatur und guten Ratschlägen kam ich als Gesel schlagene zu Hause an. Wir gingen mutig an die Arbeit, was blieb uns anderes übrig! Wir lasen, diskutierten, jeder machte für sich ein ausführliches Manuskript, das wir überall hin mitnahmen, um es immer zur Hand zu haben und unsere Konzeptionen zu überlesen. Dann machten wir Auszüge, die aber immer noch sehr ausführlich waren. Nun ja, ich glaube, ich habe es mit meinem ersten öffentlichen Vortrag auf dreissig Minuten gebracht, und bei Elisabeth dürfte es genau so lange gedauert haben.- Und das Lampenfieber! Aber es wurde, wie Genosse F. richtig vorausgesehen hatte, diskutiert, und das war dann sehr schön und anregend. Meiner schwesterlichen Liebe war es ähnlich ergangen, aber das Eis war gebrochen, bei uns beiden. Wir hatten es von nun ab noch notwendiger- das hatten wir gespürt-, an uns zu arbeiten und uns selber kritisch zu beobachten. Noch oft erinnerte sich der gute Genosse F. sehr stolz an seine Tat:" Tja, man muss die jungen Hunde ins Wasser werfen, wenn sie schwimmen lernen sollen!"- Ich möchte mich aber auch heute nicht dafür verbürgen, dass diese Methode immer die Richtige ist. Jedenfalls avancierten wir beide, Elisabeth und ich, zur gleichen 82 itts Zeit zu Rednerinnen, zuerstin für die sozialistische Frauenbewegung in kleinen sehr bald auch in grossen Frauen- und allgemeinen Parteiversammlungen. Was mir noch heute stille Bewunderung abnötigt, die Selbstverständlichkeit, mit der meine um fast/ zehn Jahre jüngere Schwester, 20 Jahre alt und mit einem einjährigen Sohn zu Hause, sich auf dem Podium an das Rednerpult stellte und das nicht sehr leichte Thema auch dann konsequent behandelte, wenn sie in der verständlichen Aufregung die Seiten ihres Manuskripts durcheinandergebracht hatte und so lange frei reden musste, bis sie die Blätter wieder geordnet hatte. Rax Meine Hemmungen waren dagegen viel grösser. Das merkte ich gleich in den nächsten kleineren Versammlungen, in denen ich zu sprechen hatte. So lange das Ausmass der Veranstaltungen nicht zu gross war, konnte ich meine erste Scheu immer sehr schnell überwinden. wollte Eines Abends xxx ich sehr eilig von meiner Arbeit nach Hause, weil ich noch in einer Versammlung gehen wollte, auf der Louise Zietz zum Thema" Die Frauenarbeit in der heutigenGesellschaft" sprechen sollte. An der Haltestelle der Strassenbahn stand, als ich hinkam, schon eine Gruppe mir bekannter Frauen, die mich bereits erwarteten: " Louise Zietz ist verhindert, Du musst einspringen!" " Ja, aber das geht doch nicht, so ohne weiteres...!" Yes geht, hier ist Dein Manuskript. Elisabeth hat es uns gegeben, und ein Butterbrot dazu. Du kommst gleich mit, der Saal ist schon brechend voll." Es war Elisabeths Manuskript, aber ich kannte es. Wir hatten den Stoff in der uns geläufigen Weise verarbeitet: erst jeder für sich, und dann beide zusammen. Zu meinem eigenen Erstaunen brauchte ich garnicht oft in die Notizen hineinsehen. Es rollte alles vor meinem geistigen Auge ab, aber es war nicht etwa auswendig Gelerntes, denn ich entdeckte zum ersten Mal ganz bewusst, dass man beim Sprechen auch gedanklich arbeitet. Wahrscheinlich hatte ich das schon früher getan, aber es bis jetzt noch nicht so deutlich gemerkt. Jetzt war es eine Offenbarung, die mich glücklich machte. Die Genossinnen drückten mir hinterher begeistert die Hände.- Mein väterlicher Protektor, Genosse F., stand während meiner Rede irgendwo in einer Ecke, dann war er verschwunden. Später fragte ich ihn nachseinem Urteil. " Am Inhalt habe ich nichts auszusetzen, Mariem aber Deine Gesten sind zu sparsam. Du wirkst viel zu ruhig, mitunter sogar steif. Du nimmst mir doch nicht übel, wenn ich das sage?" 83 WOOM Ich nahm das nicht übel, im Gegenteil,- aber ich bin trotzdem wohl immer sparsam in meinen Gesten geblieben. Jeder Mensch soll auch bei seiner Eigenart bleiben, nicht nur beim öffentlichen Reden, sondern auch in seinem übrigen Verhalen. Ein anderes Mal fragte mich der Genosse F., ob ich einen guten Rat annehmen wolle. " Aber natürlich! Jeder gute Rat ist wichtig." " Dann ziehe binde doch, wenn Du in Frauenabende gehst, eine Schürze 11 ми Die Frauen gehen bestimmt mehr aus sich heraus, wenn sie Dich auch äusserlich als ihresgleichen empfinden. Sie kommen doch direkt vom Kochherd, von der Haus- oder Heimarbeit in die Versammlungen. " Ja, bin ich denn nicht einfach und schlicht in meiner Kleidung?" O ja, doch, aber Du darfst mich nicht missverstehen...!" Ich dachte einen Augenblick nach. - " Hören Sie, Genosse F., was Sie verlangen, würden die Frauen bei mir als eine Maskerade empfinden, weil es nicht echt ist. Ausserdem wenn man mich sieht, wie ich aus der Strassenbahn aussteige, mit dem Hut auf dem Kopf, für mein Gefühl fertig angezogen, und wenn ich dann in der Versammlung plötzlich mit der Schürze erscheine, würde man mit Recht sagen, dass das nicht echt ist. Seien Sie mir bitte nicht böse, aber lassen Sie mir meine Art, es wird schon richtig sein, wie ich es mache." Ich habe oft an dieses Gespräch gedacht und mich immer wieder auf richtiges Verhalten in Anzug und Benehmen geprüft. Auch das war mir wichtig." Bald darauf wurden Marie und Elisabeth als Rednerinnen für SPDversammlungen in Berlin und der Provinz Brandenburg aufgefordert. Es hatte sich sehr schnell herumgesprochen, dass da zwei Frauen waren, die reden konnten. " Kurz vorher hatte man mich in den Vorstand des örtlichen Partei ver eins gewählt. Auch das war mit einer Überraschung für mich und mit einem. eranten Entschluss verbunden. Diesmal war es nicht der Genosse F., der das Experiment mit mir machte. Der gerade amtierende Vorstand schickte einen jüngeren Genossen, der in Rixdorf in unserer Strasse wohnte, mit der Frage zu mir, ob ich wohl in die Generalversammlung und für den Vorstand kandidieren wolle. Man hätte die Absicht, mich in Vorschlag zu bringen. Wieder antwortete ich sehr zögernd, es sei nicht meine Absicht, mich so bald an verantwortlichen Parteiämtern zu beteiligen, ich sei ja noch viel zu unbekannt. 84 100 Im Moment fühle ich auch noch nicht die Berufung dazu, ganz abgesehen davon, dass die Generalversammlung bestimmt nicht eine Unbekannte wählen würde. " Ja, wir kennen Sie aber. Wir wissen, dass Sie in Schöneberg den Frauenverein geleitet haben und glauben auch, dass Sie es hier schaffen werden." Ich hatte wirklich grosse Bedenken. Elisabeth gab mit ihrem Zureden wieder den Ausschlag. Bei der Arbeitsverteilung im neuen Vorstand hiess es, dass uns beiden Frauen die Pflege der Frauenbewegung obläge. Ausser mir war noch die Gertrud Scholz da, die Frau des Vorsitzenden, eine treue Kameradin, mit der mich im Laufe der Zeit eine gute Freundschaft verband. Der Genosse F. sei uns als Beistand zugeteilt. Mit ihm könnten wir, wenn wir Zweifel hätten, alles besprechen. Der Vorstand würde sich dann nur mit den ausgereiften Sachen beschäftigen und eventuell beschliessen. Wir hätten weitgehend freie Hand, man erwarte von Zeit zu Zeit nur Bericht. Es war ein gutes Arbeiten mit dem Genossen F., er hatte Verständnis für unsere Pläne und stand uns mit Rat und Tat zur Seite. Er hatte auch immer Zeit für uns, man man konnte schnell mal auf dem Wege bei ihm in der Vorwärts'- Filiale vorsprechen. Zu den dann regelmässigen Besprechungen in seinem Laden stand uns ein kleiner, ausgesuchter Frauenkreis zur Verfügung. Einmal konnte ich mich mit ihm alleine unterhalten. " Sagen Sie, Genosse F., warum ist man eigentlich seinerzeit zu mir gekommen, um mich in den Vorstand zu wählen?" " Das hatte gute Gründe, Marie." " Kann ich mir nicht denken, Genosse F., denn ich war völlig unbekannt, auch den Männenn. Mach hat die Wahl deshalb überrascht, weil ich weiss, dass es hier am Ort eine grosse Zahl von gescheiten und befähigten Frauen gibt. Warum also ich?" " Weil Du unbekannt warst, Marie!" " Wieso deshalb?" zu. " Tja, wir hatten festgestellt, dass die befähigten Frauen sich alle gut kannten, zu viel voneinander wussten und dieses intime Wissen umeinander noch nicht von der sachlichen Arbeit trennen konnten. Es kam also nur jemand in Frage, der von den Privatangelegenheiten der anderen keine Ahnung hatte, und seine Privatangelegenheiten für sich behalten kann. Dass Du das kannst, das kannst, Marie( ich müsste ja nun doch eigentlich" Sie" sagen), haben wir sofort fest 85 gestellt, und deshalb fiel die Wahl auf Dich." " Und warum nicht auf Gertrud Scholz?" " Sie ist die Frau des Vorsitzenden. Schon deshalb wäre es nicht gut gewesen, sie mit diesem Amt zu betrauen.- Aber nun ist es doch ausgezeichnet gegangen, oder nicht? Du warst nicht nur für uns hier ein unbeschriebenes Blatt, Du hast Dich auch nur auf die sachliche Arbeit konzentriert. Das solltest Du immer tun." Die Antworten zeigten mir, dass ich schon in Schöneberg instinktiv richtig gehandelt hatte." + Diese Unterhaltung hat so nachhaltig auf Marie Juchacz gewirkt, dass sie ihr ganzes zukünftiges Verhalten nicht nur beeinflusste, sondern auch in einer Form bestimmte, die- wir werden das später noch hören zu der Vorstellung selbst in engstem Freundes- und Bekanntenkreis führte, dass sie sich mitunter zu reserviert verhalte und einen undringlichen durchkxxxxxxxxx Schleier um sich lege, der jede persönliche- um nicht zu sagen privat- freundschaftliche Annäherung verhinderte. Dass es ihr selbst schwer fiel, mit vielen Menschen, mit denen sie zusammen arbeiten musste, nur in dieser sachlichen Arbeit verbunden zu sein, steht auf einem anderen Blatt. Dass es ihren erwachsener werdenden Kindern später immmer schwerer fiel, die disziplinierte, korrekte, sachliche, strenge und konsequente Politikerin alleine durch ihr DaSein daran zu erinnern, dass sie auch" Mutter" sei, ist nur den wenigen verständlich geworden, die sich im späten Alter mit Marie Juchacz darüber unterhalten konnten. Die Ursachen diesek haltungsmässigen Entwicklung hier, in Rixdorf. lagen " Es gab hier eine lebendige Frauenbewegung, bevor ich hinkam, aber man hatte sich wegen belangloser Dinge bauseinandergeredet. Es war ein Rattenschwanz daraus entstanden. Meine Wahl war das Durchhauen des gordischen Knotens. Die Männer wollten sich nicht mit dem Aufpuzzeln dieses Knotens befassen. Die Schöneberger Lehre, lieber einmal etwas zurückstecken, anstatt einen Streit heraufzubeschwören, hatte sich auch hier bewährt. Unsere Veranstaltungen blühten. In jedem der 24 Bezirke kam monatlich einmal ein kleinerer oder auch grösserer Frauenkreis zusammen. Unser Arbeitskreis legte die Themenfest, wir hatten eine hervorragende Rednerliste, der Genosse F. besorgte uns die Schreibereien einschliesslich Einladungen, und das Austragen besorgten in jedem Bezirk einige Genos sinnen. Ich regte auch an, schüchterne oder zögernde Frauen direkt aus den Wohnungen abzuholen, was sich als gut erwies. Im' Vor 86 wärts' hatten wir regelmässig eine Veröffentlichung unseres Versammlungskalenders. Wir beiden Schwestern hatten seit Beginn unserer Rednertätigkeit in den Frauen abenden viele Dinge zu überlegen. Uns schwebten die guten Erfahrungen der Arbeitsgemeinschaft in Schöneberg als Beispiel vor. Wir mussten einsehen, dass bei dem Umfang der Veranstaltungen und bei der mangelnden Vorbildung der grössten Zahl der Teilnehmerinnen, sowie bei dem dauernden Wechsel der Redner diese Methode nicht durchgeführt werden konnte. Aber wir sprachen das einmal in unserem Arbeitskreis durch, und in der Folge richteten wir monatlich eine Arbeitsgemeinschaft für fortgeschrittene und besonders interessierte Frauen ein. Wir haben dazu keinen Lehrer angefordert, sondern arbeiteten ganz für uns. Ich weiss noch, dass wir die Bearbeitung des Erfurter Programms von Karl Kautsky, dem anerkannten und besten Interpreten der Schriften von Karl Marx, ganz systematisch durchgenommen haben. Als männlichen Besuch hatten wir nur hin und wieder unseren Genossen F., der still in seiner Ecke sass und dann ebenso still und unbemerkt wieder verschwand. Die übrigen Mitglieder des Vorstands hatten immer ein leises Lächeln für unser Tun, was uns manchmal ärgerte. Ich erinnere mich gerne an andere Kurse, zu denen Lehrer der Parteiund schule kamen, u.a. Heinzich Schulz, Max Grunwald Konrad Haenisch, Volkswirtschaftler, Juristen und Ärzte sprachen in gut besuchten Versammlungen oft über soziale Probleme. Der Bildungsausschuss gab sich grosse Mühe um erstklassige Konzerte und gutes Theater." * - 87- [ Probleme der Kültür und Erziehung] Es erscheint uns heute Lebenden selbstverständlich von Ausnahmen natürlich abgesehen, dass wir uns so gut wie möglich kleiden, dass wir eine möglichst geschmackvolle eingerichtete Wohnung besitzen, was nicht unbedingt mit grossem Geldaufwand verbunden sein muss, denn die Industrie liefert auf allen Gebieten SerienErzeugnisse zu oft erstaunlich niedrigen Preisen, und dass wir uns in jeder Athmosphäre mit mehr oder weniger Anstand und Geschick zu bewegen verstehen. Unsere Schulen und anderen Bildungsstätten haben nicht nur äusserlich, sondern auch vom Lehr- und Erziehungsstoff her ein anderes, modernes, klareres Gesicht erhalten. Der Lebensstandard ist gestiegen, und es ist kein unerfüllbarer, in weiter Ferne liegender Wunsch mehr, ein Radiogerät, einen Plattenspieler, eine Tonbandapparatur oder einen Fernsehapparat zu besitzen zu wollen. Es soll nicht an die leider noch sehr zahlreichen Flüchtlinge, an Vertriebene und unter sehr eingeengten Verhältnissen Lebenden ansahen gedacht werden, die noch immer abseits vom Wirtschaft segen stehen. Die Menschen sind heute näher zusammengerückt, sie oft nur wissen mehr voneinander, auch wenn sich dieses Wissen auf Ausserlichkeiten beschränkt. Die unermüdliche Publizistik auf allen Gebieten führt uns tagtäglich die neuesten Errungenschaften vor die Augen und Ohren. Wir sind mitunter schon zu stark überfüttert und werden zu oberflächlicher Aufnahme der Dinge verurteilt, weil wir die Fülle des Gebotenen nicht mehr richtig verarbeiten können. Marie hat diesen Wandel unseres Daseins in zweifachen Miterleben beobachten können, als sie nach der saarländischen und französischen Emigrationszeit plötzlich nach Amerika kam, also von heute auf morgen aus der Enge des politischen Flüchtlings in die Weite des amerikanischen Kontinents mit der freiheitlichen Auffassung seiner Staatsbürger und der selbstverständlichen wirtschaftlichen Gesundheit seines Existenz, und dann- als sie 1949 in das ausgebombte Deutschland zurückkehrte wieder in die Enge des aufgespaltenen end mit seinen vielen Zonen, seinen Bemühungen um wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Gesundung. Als xie sich Marie nach ihrer Rückkehr aus Amerika vorübergehend auf dem von ihrem Sohn Paul verwalteten Provinzialgut in Weissenthurm bei Neuwied ausruhte, hatte sie Zeit und Rühe, um zum ersten Mal vergleichend die Erlebnisse und Ereignisse von ihrer Kindheit bis zur Gegenwart zu betrachten, ohne damals an eine Niederschrift dieser Überlegungen zu denken. Was hatte sich alles geändert? Alles war anders, vieles zum Guten, manches zum Schlechten gewandelt. Die Welt war seit Maries - - 88Geburt um 70 Jahre weitergekommen und älter geworden. War sie auch besser geworden? Darüber wollte und konnte sich Marie kein Urteil erlauben, obwohl sie den ersten Schritt in das weise Alter getan hatte. Aber trotz der schrecklichen Dinge, die sich seit 1914 in fast ununterbrochener Folge ereignet hatten, kam sie zu der Überzeugung, dass es gut und richtig war, dass sie sich schon als Kind für die sozialistische Ideenwelt begeistert und sie zur eigenen geistigen und politischen Weltanschauung gemacht hatte. Sie erkannte und empfand es als Bestätigung ihrer Lebensaufgabe, dass diese Welt ohne das sozialistische Gedankengut in ihrer Gesamtentwicklung niemals so befruchtet worden wäre. Sie brauchte sich nur in die Zeit zurückzuversetzen, in der sie und ihre Schwester Elisabeth zum ersten Mal als Rednerinnen in politischen Versammlungen auftraten, welche Themen sie beide damals behandelten, welchen Kampf sie austrugen: dem Arbeiter, der das Gros der Bevölkerung darstellte, ein menschenwürdiges Dasein zu erobern, und ihm Freiheiten zu garantieren, und ihn an den schönen Dingen dieses Lebens zu beteiligen, und ihm für die Zeit seines arbeitsreichen Lebens Sicherheiten zu erkämpfen und ihm und seiner Familie die Sorge der Existenz zu nehmen, wenn sein Lebensabend beginnt. Wer denkt denn heute noch bei allgemeinem, freiem und geheimem Wahlrecht an die Zeit des Dreiklas senwahlrechts, das- wie es sein Name besagt- die Menschen in Klassen einteilte und damit Menschengruppen in Gegensatz stellte? Kein Wunder, dass sich die grösste Klasse, der Arbeiter, dagegen auflehnte. Rix Marie war schon damals zu der Erkenntnis gekommen, dass dem Arbeiter nicht nur politische und bürgerliche Freiheiten zugestanden werden müssen, sie schaltete sich auch überall dort ein, wo es darum ging, Bildungsmöglich keiten für den Arbeiter zu schaffen. Das Bürgertum hatte alle kulturellen Domänen für sich gepachtet und das Arbeiterproletariat ausgeschlossen. Es wollte Marie nicht einleuchten, dass zum Beispiel im Jahre 1907 von allen Erwerbstätigen 52,5% Arbeiter waren, und davon wieder 33% Frauen, die keine andere Lebensaufgabe haben sollten als die- so formulierte es das Bürgertum:" Arbeiten und Kinder bekommen, die wieder Arbeiter werden." So wurde dem Proletariat durch das Bürgertum jeder Anspruch auf Teilnahme am kulturellen Leben versagt. - Es gehörte zum sozialistischen Ideengut und war schon immer einer der wichtigsten Punkte, die Marie in Wort und Schrift behandelte, das Proletariat nicht nur über seine soziale Lage aufzuklären, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, sich so zu entwickeln und zu bilden, wie es seiner Veranlagung und seinen Interessen ent- - 89- sprach. Aber wie war das zu erreichen? So lange eine Schulreform nicht auch dem Arbeiter diese Möglichkeiten brachte, so lange es keine besonderen Aus- und Fortbildungsschulen gab und solange der Arbeiter vom Hochschulstudium ausgeschlossen war, mussten die sozialistischen" Bildungsgruppen" zur Selbsthilfe greifen. Aus diesen Bemühungen, an denen Marie und auch Elisabeth lebhaft beteiligt waren, entstanden später die Volksbibliotheken, Volksbühnen und anderen Einrichtungen. Bevor es aber so weit war, mussten die Bildungsgruppen von sich aus handeln. Es klingt heute vielleicht primitiv, kennzeichnet aber desto deutlicher den Wandel, wenn man hört, was Marie Juchacz an einem Detail- Beispiel erläutert: " Bei allen kulturellen und künstlerischen Veranstaltungen waren auf der Rückseite des Programms die Regeln zu lesen, mit denen der Konzert- oder Theaterbesucher um richtiges Verhalten gebeten wurde und freundliche Anweisungen erhielt. Ich weiss, dass ich einmal bei einem grossen Konzert in einem Saal in der Hasenheide und mit einem der bekanntesten Dirigenten dieser Zeit mit Freunden nicht nur über die künstlerische Qualität des Konzerts, sondern auch über das mustergültige Verhalten des Publikums, das nur aus Arbeitern bestand, sprach, und man merkte mir wohl meine Begeisterung an." - Über diese Dinge wurde einmal sehr viel später im Haus von Marie und Elisabeth- als die Nationalsozialisten schon mit ihren politischen und geistigen Erziehungsprogrammen auftraten mit den erwachsen gewordenen Kindern von xkisakakk Marie und Elisabeth gesprochen. Marie und Elisabeth waren sich über die Problematik bei der Erziehung von Erwachsenen durchaus klar, aber Marie fand die einleuchtende Erklärung, dass die Aufklärung und Erziehung des Arbeiters in den Anfängen der sozialistischen Bewegung gleichzustellen sei mit der Erziehung und Aufklärung eines Kindes, dem man auch den Umgang mit Messer und Gabel beibringen müsse. Der Arbeiter sei damals sowohl politisch als auch in Bezug auf Bildung und Kultur " im Kindesalter" gewesen und hätte deshalb mit all dem, was politische und geistige Bildung und Kultur als" werkzeug" bedeuten, erst vertraut gemacht werden müssen. Heute wisse er, wie man damit umgehen müsse, und deshalb käme es nicht mehr auf das" Wie" an, sondern darauf, aus der Fülle des Gebotenen das herauszufinden, was gut шя sei und den Menschen ganz allgemein weiterbringe und dabei auch erfreue. 90 Dass sich Marie und Elisabeth in diesen Jahren mit noch grösserer Intensität ihren selbstgewählten politischen und sozialen Aufgabenwidmen konnten, war im wesentlichen darauf zurückzuführen, dass Mutter Gohlke den Haushalt in Rixdorf besorgte und sich um die drei Kinder kümmerte. Da Lotte und Paul schon" da" waren, als Lisbeths Sohn Fritz geboren wurde, ergab es sich, dass er- wie seine vermeintlichen Geschwister Lotte und Paul- zu Marie" Mutti" und zu seiner Mutter" Tante Lisbeth" sapt Obwohl smutter Henriette xxx sich xxxx die grösste fui dem Jungen beizubringen, dass das falsch und dass" Onkel Gustav" sein Vater sei, liess er sich davon nicht abbringen. Erst mit fünf Jahren, als Elisabeth ihren Sohn x* x* x zu verschiedenen Gelegenheiten mitnahm und es ihr selbst komisch vorkam, wenn er sie in Gegenwart anderer mit" Tante Lisbeth" ansprach, erklärte sich der Junge zu einem Kompromiss bereit. Marie und Elisabeth waren ab, nun" die grosse und die kleine Mutti". Daran hat dann auch später sich nichts geändert. Rixdorf, das mit" Dorf" nichts mehr gemein hatte, sondern im Gegenteil zu einem großstädtischen Vorort Berlins emporgewachsen war, erhielt in dieser Zeit den Namen" Neukölln". Die beiden Schwestern fühlten sich in dieser Gegend" Eu Hause", auch mutter Gohlke hatte sich sehr schnell akklimatisiert, und so entstand zwischen den drei Frauen ein sehr schönes Verhältnis. " Es waren unserer Mutter beste, knapp zugemessene Stunden, wenn sie mit einer von uns, oder mit uns beiden, über die Vergangenheit plaudern konnte. Wie gross der Vater doch in aller persönlichen und wirtschaftlichen Not gewesen sei, wie er über den Dingen gestanden habe, wie stark aber auch sein Verantwortungsgefühl xxx für sie und uns Kinder gewesen sei. Sie sei sich bewusst, dass sie ihm in seinem Geistesflug niemals habe folgen können. Nachträglich sei sie aber besonders froh darüber, dass er sie in seiner ihm eigenen Art über das Kleinstatleben hinweggehoben habe. " Das war nur deshalb möglich, Marie, weil Vater mir und Euch den ganzen privaten Kram und Klatsch der Nachbarn und der anderen vom Halse hielt, und niemandem яя** я unsere eigenen privaten Verhältnisse erzählte. Ihr Kinder habt das schon sehr früh begriffen und bis jetzt danach gelebt. Macht das auch weiter so." So wurde es mir nachträglich noch bewusst, dass eins der besten Dinge, die mir vererbt und anerzogen wurden, die Diskretion gegenüber dem persönlichsten Leben anderer war. Es sind in meinem langen Leben viele Menschen mit ihrer Not zu mir . - 91- gekommen, männer und Frauen. Es lag vielleicht in meiner Arbeit, vielleicht auch an meiner Art, dass ich in so viel menschlich- seelisches Leid hineinschauen musste. Wenn der Einzelne mit seiner verzweiflung, seinen Konflikten und Problemen zu einem von uns kommt, weil er sich nicht ohne menschlichen Beistand zu helfen weiss, haben wir un zuerst die Frage nach dem' Warum?' vorzulegen. Nicht das ' Moralisieren' ist dann unsere Aufgabe, und auch nicht das' Beurteilen müssen', oder gar das Verurteilen. Wir haben nur Rat zu geben und Hilfe- wenn wir das können( es ist leider nicht immer möglich). Das Selbstverständlichste aber ist die Pflicht des Schweigens, da, a wo es notwendig ist, und erst recht dort, wo indiskretes Sprechen dem anderen schaden kann. Ich würde mich mit dieser" rfahrung nicht so lange aufhalten, wenn ich sie nicht- bis in die jüngste Zeit hinein immer wieder bestätigt gefunden hätte." Gedanken Marie hat sich vielleicht deshalb ausführlicher mit diesen**** xxxxxx beschäftigt, weil sie sich bei ihren Aufzeichnungen immer wieder überlegte, inwieweit die Diskretion gegenüber ihrem eigenen Leben gewahrt werden könne, ohne die Darstellung ihres Lebens und ihrer Arbeit zu verfälschen oder durch Unvollständigkeiten zu verwässern. Der Biograph, der gerade dem Menschlichen dieser Frau gerecht werden will, steht schon deshalb vor keiner leichten Aufgabe, weil gerade" das Private", Maries persönlichste Situation, ihr eigenes Erleben und manches/ Erlebnis ausserhalb jeder Politik oft der stärkste Motor war, der sie auch wenn es ihr selbst nicht klar war oder sogar bewusst nicht klar sein wollte! auf den Weg führte, den sie konsequent und in jeder Situation gegangen ist, auch in der Emigration, in der sie nicht in der Form Anteil am sozialen und politischen Leben nehmen konnte, wie es ihrem Temperament und Bedürfnis entspruch. Als sich der Biograph eine halbes Jahr vor Maries Tod in München mit ihr über diese Dinge unterhielt und den Vorschlag machte, ein Tonbandgerät zu Hilfe zu nehmen, um Einzelheiten die vielen Dinge, die mehr oder weniger ausführlich auch aus der privaten Sphäre zur Sprache gekommen waren, festzuhalten, meinte Marie, dass es darauf nicht ankomme, denn es sei sowieso zu bezweifeln, dass sich ein Mensch, der über sich selbst etwas sagt oder schreibt, sich wirklich so sähe, wie er ist. Sie denke dabei an das Beispiel mit dem Spiegel, der lange Zeit das einzige Mittel für den Menschen gewesen sei, um sich selbst zu sehen. Als Fotografie und - 92- Film erfunden wurden, habe sich der Mensch erschreckt, sich nicht wiedererkannt und die Fotografie als' nicht echt' empfunden. Fotografie und Film gäben aber nach ihrer Meinung mehr' Echtheit' wieder wirkliche als das Spiegelbild, und deshalb ergäbe sich das Bild eines Menschen erst dann, wenn die Vorstellungen, die man von sich selbst hat, mit den Vorstellungen der Umwelt zusammenfinden. In Bezug auf ihr eigenes Leben sei es für den Aussenstehenden nicht leicht, zu einer objektiven Betrachtung zu kommen, denn ihre Umwelt habe ja ständig gewechselt, und der Eindruck, den sie auf viele Menschen gemacht habe, sei auch nur vorübergehend gültig gewesen, denn sie habe sich ja standig weiterentwickelt und auch noch im hohen Alter an sich gearbeitet. Es lag deshalb durchaus im Sinn von Marie, wenn sich der Biograph bemühte, Menschen zu finden, die sich von Marie und den verschiedensten Abschnitten ihres Lebens ein Bild gemacht hatten, um deren Eindrücke und Vorstellungen mit dem, was Marie von sich selbst sagte oder schrieb, zu dem vorliegenden Lebens- und Arbeitsbild zu************ sammenzufügen. Das war besonders schwierig für die frühe Zeit, aus der fast alle Unterlagen den Stürmen der Zeit zum Opfer fielen. Aber diese frühe Zeit es war die Pionierzeit der sozialistischen war für Marie? Bewegung- xx entscheidender und wichtiger als vieles, was sich später ereignete und einen reifen Menschen traf, der alles, was ihm begegnete, zielbewusst und klar verarbeitete. Damals, in der Pionierzeit, griff Marie alles auf, auch das Falsche, und machte manchen kleinen Schritt in falsche Richtungen, besass aber die Klugheit und vor allem die Energie, den kurzen und falschen Weg zurückzugehen und eine neue Richtung einzuschlagen. Und das alles aus freiwilligem Antrieb, in kostbaren freien Stunden, die zu Lasten der Arbeit gingen, mit der Marie ihre Familie erhalten musste. Es gehörte sehr viel Idealismus dazu- und Marie und Elisabeth besassen ihn-, um sich neben der Arbeit für den Lebensunterhalt noch mit politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kommunalen Zeitproblemen zu beschäftigen. Das geschah ausserdem" auf eigene - - 93- - Gefahr" im weitesten Sinne des Wortes. Abgesehen davon, dass es lange Zeit nicht ungefährlich war, als Sozialist an exponierter Stelle zu stehen, hatten die" Pioniere" von ihrer Tätigkeit nicht die geringsten materiellen oder finanziellen Vorteile. Am Gegenteil: wer sozialistisch verdächtig war, verlor seinen Arbeitsplatz. Wer keinen Arbeitsplatz hatte, wie vor allem viele Frauen, beschäftigte sich mit Heimarbeit. Wer sich und seine Familie- wie Marie Juchacz und Elisabeth Roehl mit Heimarbeit über Wasser hielt, hatte vollauf zu tun, um das Notwendigste heranzuschaffen. Wer sich schliesslich wie Marie und ihre Schwester- dann noch derartig intensiv um das Schicksal der Arbeiterschaft und notleidender Menschen kümmerte, kostbare, der Heimarbeit entzogene Zeit opferte, vom knappen Hяxxx Arbeitslohn Geld abzweigte, um es zur Weiterbildung zu verwenden, und sich in den Dienst der grossen Sache stellte, ohne einen Pfennig dafür zu erhalten, muss schon ein grosser Idealist gewesen sein. is war ja nicht so, dass der Auftraggeber den heimarbeitenden Näherinnen die Arbeit ins Haus schickte und sie nach einigen Tagen wieder abholen liess, und dass das ständig so weiterging. Es w eigenen - " Mit schlecht bezahlter, eintöniger Heimarbeit hatten wir begonnen BakdxfandanXXXXXXXXXxxxdexs mit dem Nähen von Schweissblättern. Bald fanden wir Näharbeit, die anders, interessanter und auch etwas besser bezahlt war. Nach pressierter Näherei( es war Saisonarbeit!) gab es eine Flaute, und dann wurde oft ganz ausgesetzt. Wer Heimarbeit als Neben arbeit machen konnte, wenn zum Beispiel die Männer regelmässig verdienten, wenn auch nicht genug, um die Familie ganz davon zu erhalten, konnte jahrelang für irgend einen Arbeitgeber tätig sein. Wir konnten das nicht, weil wir ja immer arbeiten mussten! So gingen wir viele Sparten der Heimarbeit durch. Wenn die eine Saison zu Ende ging- man wusste das ja-, süchten wir uns schon etwas anderes. So nähten wir einmal ganz leichte Kleider, ein anderes Mal leichte Kostüme und Mäntel, bald schwerere wollene Sachen, manchmal Kleider, manchmal Mäntel. Bis wir es für zweckmässig hielten, auch zur Arbeit aus dem Hause zu gehen. Wir haben in der 94 Maßarbeit und auch in der" besseren" Konfektion gearbeitet, Elisabeth eine Zeitlang in der ganz feinen Wäscheanfertigung in einem guten Spezialgeschäft, und in der Änderungsabteilung in einem guten Konfektionshaus. Alle diese wechselnden Arbeiten waren aber ebenfalls saisonbedingt, und das Aussetzen konnten wir uns nicht erlauben. Wir waren froh, als anlässlich einer Lohnbewegung des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen( wir waren daran nicht ganz unschuldig, und xxx es war nicht leicht, aus Gründen des Selbsterhaltungstriebs im Hintergrund zu bleiben) ein Lohntarif für Konfektion und Maßschneiderei eingeführt wurde, der die Arbeiter und Arbeiterinnen vor der gsten Ausbeutung schützte. Ich arbeitete damals gerade bei einer Firma, die in der anständigsten Form die Bedingungen des Lohntarifs erfüllte, ohne sich dabei auf Winkelzüge( die vielfach veree sucht und auch durchgeführt wurden) einzulassen. Als der Tag kam, von dem an wir den freien Samstag Nachmittag zu verlangen hatten, bedurfte es nur einer kleinen Erinnerung, um uns sofort freizugeben, während andere Arbeitgeber sich zuerst darum herumdrückten. Marie und Elisabeth benutzten jede Gelegenheit, um die Organisationen der Arbeiter und Angestellten zu stärken und durch die Gewinnun neuer Mitglieder auch die finanzielle Grundlage dieser Organisatio nen xxxxkärкяяу zu verbedsern. Die Beiträge dafür waren sehr niedrig. Trotzdem hatten sie nicht immer Erfolg damit. 11 " Schlimm war es mit manchen Kolleginnen, die die Nasen rümpften, garnicht daran dachten, sich in den Verband aufnehmen zu lassen und sich den organisierten Kolleginnen gegenüber auf einen ganz hohen Turm stellten, von dem sie verächtlich auf uns gewöhnliches Volk herabsahen. Wir waren' die Roten'. Aber sie freuten sich wie die Schneekönige über ihren höheren Wochenlohn, über die kürzere Arbeitszeit und den freien Samstag Nachmittag. Sie gaben sich nicht die geringste Rechenschaft darüber ab, dass die anderen es waren ( das gewöhnliche Volk'), die sich dafür stark gemacht und manches riskiert hatten. So viel günstiger und angenehmer die Arbeit in der Werkstatt und die geregelte Arbeitszeit war, wir mussten dann doch wieder mit Heimarbeit anfangen, wollten wir nicht die sich ständig erweiternde Arbeit für die Partei vernachlässigen." Zu dieser sich ständig vergrössernden politischen Tätigkeit führten in dieser Zeit die mehr und mehr in den Vordergrund tretenden Diskussionen über das Dreiklassenwahlrecht für die preussischen Gemeinden. 95 1450 " Das Gesetz verlangte, dass ein Teil der Stadtverordneten Hausbesitzer zu sein hätten. Das war eine der besonderen Tücken der Gemeindeordnung. Die dritte Klasse, das heisst ein Drittel des Gemeindepar laments, war in dem Industrieort Rixdorf- Neukölln spielend zu besetzen. Das zweite Drittel konnte mit Anstrengung erobert werden, die Steuerzahler sozialdemokratischer Gesinnung waren vorhanden. Wo aber sollten wir die Hausbesitzer- Kandidaten hernehmen? Wir haben es geschafft, eines schönen Tages hatten wir die Mehrheit. feilnahmen. so glaube Hugo Heymann in Berlin, ein vermögender Mann, muss in diesem Zusammen hang erwähnt werden, auch wenn" wir Neuköllner" an der grosszügigen Hilfe, die er der sozialdemokratischen Partei gab, nicht ich wenigstens- w .****** Heymann kaufte Grundstücke und baute Häuser, die den Kandidaten der Partei" übereignet" wurden. ( Er war der Besitzer des Gutenberg- Verlages, Stifter einer grossen öffentlichen Volksbibliothek, die er auch unterhielt, bis er sie später der Stadt Berlin, deren Ehrenbürger er war, übereignete. Als ' Marxist und Jude' von den Nazis verfolgt, gelang es ihm, nach 1933 in die Vereinigten Staaten zu gehen. Die von den Nazis aberkannte Berliner Ehrenbürgerschaft wurde ihm vom heutigen West- Berlin wieder zurückgegeben). Das Dreiklassenwahdrecht enthielt noch andere Bestimmungen: die gewählten Bürgermeister mussten damals von der königlich- preussischen Regierung bestätigt werden, was aber- wenn es sich um einen Sozialdemokraten handelte- mit Schwierigkeiten verbunden war. Ein.' Kuriosum' gab es zum Beispiel in der Provinz Brandenburg in einem" roten" Ort. Dort war die Hausbesitzerfrage von selbst gelöst, weil fast alle Bewohner ein eigenes Grundstück, mit einem bescheidenen Häuschen darauf, und einige Morgen Land hatten. Die Männer waren Bauarbeiter, die nach Frankfurt a.d. Oder oder nach Berlin zur Arbeit gingen und nur einmal wöchentlich nach Hause kamen. Deshalb fanden die Gemeindesitzungen dort auch immer sonntags statt. Diese überwiegend sozialdemokratische Mehrheit präsentierte drei Mal ihren Bürgermeister, und er wurde ihnen jedesmal abgelehnt.- Ich habe mehrfach dort gesprochen und wollte auch die Frauen der Männer dazu bringen, ebenfalls die Versammlungen zu besuchen. Sie taten es nicht, und die auf geklärten Ehemänner fanden das durchaus in Ordnung. Vielleicht deshalb, weil die Frauen im Haus sehr viel zu sagen' hatten. Sie bestellten ihre Acker mit dem Hunde gespann, brachten Eier und Butter per Rad zum Markt, und kauften für das Butter- Geld- Margarine ein, von der sie den Männern auch den Wochenvorrat zum Mitnehmen einpackten." 1 -96Als Marie Juchacz im Begriff war, gemeinsam mit ihrer Schwester einen Plan auszuarbeiten, um die Schulungs- und Aufklärungsarbeit im Neuköllner Bezirk noch zu intensivieren, erhielt sie die Mitteilung, dass sie in den Vorstand der Parteiorganisation für den Wahlkreis' Teltow- Beeskow- Storkow- Charlottenburg' gewählt worden sei. Das bedeutete ihr Ausscheiden aus dem Köuköllner Vorstand, nicht aber aus der ihr zur Hauptaufgabe gewordenen Frauenarbeit. Jede örtliche Verlagerung der Tätigkeit brachte in dieser Zeit eine grundsätzliche Umstellung mit sich, denn die nicht nur sozialen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen, sondern auch politischen Verhältnisse waren überall anders. So musste sie feststellen, dass dieser Wahlkreis an Seelen- und Wählerzahl der grösste im ganzen Reich war. Unter Berücksichtigung der' Ein- Mann- Wahlkreise", die damals in ihrer unterschiedlichen Grössen- Struktur gültig waren, ergab das in der Praxis, dass sehr viele Wähler doch nur einen Mann wählen konnten, dass also die Grösse des Wahlkreises ohne jede Bedeutung für die Zusammensetzung des Reichstags war. Sehr viel kleinere Wahlkreise, vor allem in Ostpreussen und Pommern, wählten" ihren Mann", sodass sich die groteske Situation ergab, dass* X** X* X* XX************ X* XXXXXXXXXXXXXXXXX **** X* XX*********** x* x* ekkenxxxxxxxxxxxxkkkкsisxmikx250x000 ***** X* XX***@ xKandidatexxdekaɣ************ axXXXXXXX die Zahl der Wähler ohne jede Bedeutung war für die Zahl der Abgeordneten. in ✓ vielen In dieser Zeit( von 1909 bis 1913) sprachen Marie und Elisabeth vielen Versammlungen. " Fast jeden Samstag und Sonntag waren wir draussen, und Gegner gab es auch. Sie waren aber meist aus den eigenen Reinen, und hatten nur eine andere Vorstellung von manchen Dingen. Das war gut. Als ich einmal nach einem Vortrag mit einigen Versammlungsbesuchern noch ins Gespräch kam, meinte einer:' Ihre Rede, Genos sin Juchacz, alle Achtung,- für eine Frau! Aber, wissen Sie, so wie der Genosse Z. können Sie's doch ** яxя noch nicht.' Wieso? Habe ich zum Thema nicht alles gesagt?' - ' Das schon, aber- es war viel zu kurz. Da müssen Sie mal den Z. hören, der spricht drei Stunden, und ohne Blatt, das ist was!! So, da hatte ich's.- Aber ich habe selten länger als eine bis fünfviertel Stunden gesprochen und fühlte mich jedesmal hinterher zwiefach erschöpft und ausgegeben." -97Da Marie Juchacz schon während ihrer Neuköllner Arbeit an allen Grossberliner Vorstandssitzungen teilgenommen hatte, war sie xxxx mit den Grossberliner Partei- und kommunalen Problemen schon vertraut. In seiner organisatorischen Form hatte" Gross- Berlin" schon x* x* x** k Ähnlichkeit mit dem sehr viel späteren" Gesetz Gross Berlin". " Man nannte dieses Gross- Berlin spöttisch' Wasserkopf', aber es war notwendig, dass es sich so entwickelte. Was in diesen Jahren die tapferen Berliner in ihrer politischen Agitation geleistet haben, kann man sich heute kaum vorstellen. Oder doch? Wenn man die politische Willensleistung der heutigen Berliner sieht, sagt man sich wohl, dass sich da dieselbe grosse und zähe Tapferkeit in einer ganz anderen Situation abzeichnet." [ auf Versammlings- Tour im Reich Names Rapitel rebenfalls nene feite - Elisabeth hatte inzwischen in Neukölln einen fest umrissenen Aufgabenkreis erhalten, sodass beide Frauen an der örtlichen Aufbauarbeit genug zu tun hatten. War es genug?- Louise Zietz, zu dieser Zeit Mitglied des Vorstandes der Sozialdemokratie Deutschlands, war schon seit längerer Zeit auf die beiden Schwestern aufmerksam geworden. - Eine kurze Unterhaltung genügte. Dann disponierte sie,- und Marie und Elisabeth lernten nicht nur Deutschland, sondern auch die Proleme eines ganzen Landes kennen. " Sie schickte uns abwechsend auf Versammlungsreisen ins Reich, sodass je eine von uns sehr oft vierzehn Tage bis drei Wochen unterwegs war.' Marie und Elisabeth kannten Landsberg an der Warthe, Berlin, ihre - 98 politische Aufgabe- und sonst nichts auf der Welt. Jetzt lernten sie Deutschland kennen. Es war eine völlig neue Welt, die sich da auftat. Es gab Städte, die einen mittelalterlichen Schlaf schenbar noch nicht überwunden hatten, und in denen die Probleme genau so unter den Nägeln æxxArkikax brannten wie in den Großstädten, es gab Täler, Berge, Seen, und es gab das Meer. Da waren Städte, die nur aus Fabriken xx bestanden, und Fabriken, die zu Städten heranschönsten. 1 wuchsen. Da waren Menschen, die in den Volkstrachten einhergingen und, Mitglieder irgend einer Gewerkschaft waren, und * andere, die in geräuschvollen Automobilen vorfuhren und sich wunderten, dass es soziale Probleme gab, von denen sie noch nie etwas gehört hatten. Die Überschneidungen der Verhältnisse und Situationen waren oft so grotesk, dass es beiden Frauen we 24 i countexaben kaum möglich war, alle Eindrücke zu verarbeiten. Vor Erschöpfung fielen sie in irgend ein Bett, das eine örtliche Organisation für sie vorbereitet hatte, und waren so überUnd müdet, dass sie nicht schlafen konnten die Nacht zum Tage machten, um ihre Eindrücke zu kurzen Berichten schriftlich zusammenfassen. " Wir lernten Sachsen, Thüringen, das Gebiet um Frankfurt am Main, Teile von Bayern, шxdxdxxxxxxxxxxк***** Han burg und das Rheinland Partei kennen, diesen grossen Bezirk' Obere Rheinprovinz', der von Köln bis Saarbrücken reichte. Daneben mussten wir in unserer Berufsarbeit sehr beweglich sein, mehr, als ich es jemals für möglich gehalten. hätte. Wir fanden auch eine Firma, für die wir musterten, selber die Kleider zuschnitten und fertignyähten. Da konnte dann eine von uns beiden ruhig einmal) Tage oder drei Wochen fortfahren." Vierzehn Daneben lief die Frauenarbeit in den Kreisen Neukölln und TeltowCharlottenburg weiter, in einer Zeit, in der es kaum einen Tag ohne Strassendemonstrationen gab." " Wir demonstrierten gegen die ungerechte Gemeindeordnung, gegen das äusserst reaktionäre Verhalten des Berliner Polizeigewaltigen von Jagow, gegen Zolltarif und Teuerung." diesen Am 27. November 1911, turbulenten Tagen Elisabeth gerade von einer Reise zurückgekommen und Marie im Begriff, los zufahren, starb Mutter Henriette Gohlke. Mit ihren 65 Jahren hatte sie bis zum letzten Augenblick den Haushalt Min Neukölln besorgt. Jetzt übernahm Maries Tochter Charlotte, im dritten Berliner Schuljahr, die Verantwortung für den Haushalt, den Bruder Paul und den Cousin Fritz. Die Achtjährige disponierte mit einer 99 - . Selbstverständlichkeit, die nicht nur mütterliches Erbteil, xxxx sondern in der Not der Zeit und der ganzen familiären und politischen Situation begründet war. Die Familie des Bruders Otto half mit, so gut es ging. Das Weihnachtsfest 1911 wurde ohne Grossmutter Gohlke gefeiert. Marie und Elisabeth standen noch unter dem Eindruck des Verlusts, aber Lotte hatte endlich ihre" Badewanne, in die die Puhpe reinpatzte", Paul war mit seinem Laubsägekasten beschäftigt, und Fritz verdarb sich den Magen an den" Salz- Zungen" aus Schokolade, die er sich von seiner Mutter- die kurz zuvor in Salzungen war gewünscht hatte. · So war das Jahr 1912 gekommen, das bedeutungsvolle Jahr der Reichstagswahl, das mit Demonstrationen eingeleitet wurde. " In Neukölln mussten wir mehrfach vor der gegen uns aufgebotenen und wirklich nicht zart vorgehenden Polizei des Herrn von Jagow fliehen." Im" Vorwärts" erschien dann eine Notiz, die verschlüsselt war und. den eingeweihten Sozialdemokraten verriet, dass eine grosse Gegendemonstration stattfinden würde,-" am nächsten Sonntag im Treptower Park". " Unsere Absichten bei diesen Demonstrationen waren absolut friedlich, sie sollten nur ein sichtbarer Willensausdruck sein, und es bestand kein Grund, sie zu verbieten. Aber es geschah trotzdem. Am Sonntag fanden wir uns alle an unseren Treffpunkten ein, und zu meiner Freude erhielt ich den Auftrag, einen Trupp zum Demonstrationsziel zu führen.' - Den Demonstranten war nicht ganz wohl, als sich die verschiedenen Trupps in Bewegung setzten. Herr von Jagow hatte unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass" die Strasse dem Verkehr" gehört und dass er die verhassten Sozialdemokraten- wenn sie eine Demonstration wager sollten zu Paaren treiben würde. Die Vorbereitungen dazu waren getroffen: alle in Berlin verfügbaren Polizeitruppen beritten und zu Fuß- wurden zum Treptower Park in Marsch gesetzt, das Gelände in weitem Umkreis umsteltt, mit offenen Einmarschlücken für die Demonstranten, um sie in die Falle gehen zu lassen. - " Bald merkten aber unsere demonstrierenden Genossen, dass wir sie nicht zum Treptower Park, sondern in entgegengesetzter Richtung, zum grossen Stern im Tiergarten führten, wo die Redner der Parteileitung schon bereitstanden." Viele Stunden später musste Herr von Jagow im Polizeipräsidium feststellen, dass man ihn und seine Polizei an der Nase geführt hatte, 100 dass die Demonstration im Tiergarten ohne Polizei und ohne jeden Zwischen fall verlaufen war und dass daran nicht nur Sozialdemokraten, sondern Tausende von verbitterten Berlinern teilgenommen hatten. Da in diesem Wahlkampfjahr Frauen als Rednerinnen sehr begehrt waren, ergab es sich von selbst, dass Marie Juchacz und Elisabeth Roehl sehr viel unterwegs waren. " Nach der Auszählung des ersten Wahlgangs waren viele Stichwahlen notwendig. Die Sozialdemokratie hatte mit der Fortschrittlichen Volkspar tei ein Abkommen getroffen, den Wahlkampf gegeneinander gedämpft zu führen, bei den Stichwahlen sich gegenseitig- je nach den Aussicaten zu unterstützen, um den Konservativen und den Nationalliberalen so viel Sitze wie nur möglich abzugewinnen. Der Erfolg war, dass die Sozialdemokraten mit 110 Mandaten in den neuen Reichstag einzogen. Es gab damals Auseinandersetzungen innerhalb der Partei über ' den gedämpften Trommelschlag'. Aber niemand hätte sich damals vorstellen können, dass die SPD- Fraktion dieses Reichstags vor die grosse Verantwortung der Bewilligung der Kriegskredite gestellt werden würde und dass deser Reichstag von 1912 den ganzen Krieg 1914-18 hindurch, ganz gegen die Bestimmungen, eine Lebensdauer bis zum November 1918 haben würde. Hier möchte ich eine kleine Episode am Rande erwähnen: durch das Abkommen mit der Freisinnigen Volkspartei ermutigt, hatten wir in der Provinz Brandenburg mit Männern dieser Partei vereinbart, uns Gelegenheit zu geben, auf dem Lande zu den Bauern sprechen zu können. Es war unmöglich, für sozialdemokratische Versammlungen Lokale zu bekommen, während man alle Säle der Freisinnigen Volkspartei überliess. Wir zogen ihnen nach und baten überall ums Wort, und erhielten es auch. Aber wir spürten deutlich die vollkommene Ablehnung der ländlichen Bevölkerung. Die Folge unseres gemeinsamen Vorgehens war, dass die Konservativen einen grossen Stimmenzuwachs in der Provinz Brandenburg erhielten. Die Bauern, durch unser gemeinsames Vorgehen politisch mobilisiert, fanden es richtig, wählen zu gehen, natürlich gegen uns und die Freisinnige Volkspartei. Aber trotzdem war damit eine erste Bresche geschlagen und die Arbeiterschaft auf dem Lande durch diese Gelegenheit endlich einmal angesprochen worden. hatten * x* x* x* x* x* x Bei dieser Reichstagswahl 4,5 Millionen Menschen ihre Stimmen für die Sozia ldemokraten abgegeben. - liff fas grösste. Schiff der H to AM zu einer Ersten Ferrt von Southemb61 reebonden Esburg zu zu 101 Weder Marie noch Elisabeth hatten jemals daran gedacht, ihre Arbeit für die Sozialdemokratische Partei und für die Frauen als Beruf auszuüben. Wohl als" Berufung" für die Freizeit, aber doch so, dass die Sorge für den Lebensunterhalt und für die Kinder das Wichtigste blieb, so weit sich eine politische Nebenarbeit eben verantworten liess. Eines Tages bekam Marie Juchacz von dem Vorstandsmitglied der Partei Louise Zietz eine Binladung, die in knapper Form aufforderte, im Bezirk Obere Rheinprovinz in einer Reihe von Versammlungen zu sprechen. Widerspruch wäre zwecklos geweren, denn Tag der Abreise und Treffpunkt- Termine waren bereits festgelegt. Nach kurzer Beratung mit ihrer Schwester fuhr Marie ab. " In Köln angekommen, erhielt ich einen sauber ausgeführten Plan für die nächsten Wochen. Ich wusste, wo ich an Tag zu sprechen hatte, erfuhr das Versammlungslokal, den Namen und die genaue Adresse des Vorsitzenden oder Vertrauensmannes der Partei am Ort, das Hotel, in dem ich absteigen kaxxte und sogar das Lokal, in dem ich gut und preiswert zu Mittag essen konnte. So fürsorglich war man eigentlich noch niemals und nirgends mit mir umgegangen. Es gab noch mündliche Auskünfte über landschaftliche Schönheiten, kulturelle Eigenarten, Sehenswürdigkeiten, und spezielle Informationen über die Verschiedenheiten der Bewegung je nach wirtschaftlicher und sozialer Struktur der Orte, in die ich gehen würde." Rax Der Sekretär der Partei in Köln brachte Marie noch zur Redaktion der Sozialdemokratischen Zeitung, wo sie den Chefredakteur Jean Meerfeld kennenlernte. " Damals sah ich ihn zum ersten Mal. Später hat uns Schwestern eine wertvolle Freundschaft mit ihm und seiner Frau Else verbunden, die ix trotz späterer räumlicher Trennung niemals aufgehört hat." Auf der" Rheinischen Zeitung" lernte Marie auch noch die Redakteure Dr. Wilhelm Sollmann und Georg Beier kennen. Sollmann sollte dreissig Jahre später in der nordamerikanischen Emigration zu denen gehören, die Marie Juchacz die Wege in den USA ebneten. ersten Die Wochen im Rheinland, so anstrengend sie auch waren, vergingen schneller, als es Marie lieb war. Tagsüber sah sie sich die Gegend an, in der sie sich aufhielt, besuchte Sehenswürdigkeiten, kam mit der Bevölkerung ins Gespräch, unterhielt sich mit den Vertrauensleuten der Partei über die Erwerbsverhältnisse der Bevölkerung, über die soziale Zusammensetzung, über eventuell vorhandene aktive Frau 102 engruppen, und über das Verhältnis der örtlichen Parteistellen zu den Behörden und zur Kirche. Mit diesem Wissen ausgerüstet stand sie abends am Rednerpult, und es sprach sich in den Bezirken sehr schnell nicht nur gute herum, dass Marie Juchaczkeine Propagandarednerin der SPD sei, sondern den Menschen sehr viel mehr als nur die Ziele der Sozialdemokraten in verständlicher Form näherbringe. So kam es, dass ihre Versammlungen auch von den katholischen Teilen der Bevölkerung besucht wurden, wobei es niemals zu harten oder ausfälligen Auseinandersetzungen kam. Marie Juchacz machte sich über diesen" Erfolg" ihre eigenen Gedanken: " Zum ersten Mal war ich mit einer unter dem Einfluss der katholischen Kirche erzogenen Bevölkerung in Verbindung gekommen. Ich merkte wohl intuitiv, dass man über viele Dinge des menschlichen Lebens sehr zurückhaltend und sehr vorsichtig sprechen müsse, um keine Taktfehler zu machen und nicht zu verletzen. Wieso mir das so gut glückte, weiss ich nicht. Auch später habe ich auf diesem Gebiet niemals Schwierigkeiten gehabt. Ich glaube, man muss viel natürliche Achtung vor dem Leben der anderen Menschen haben, dann formen sich Gedanken und Worte entsprechend. Dass ich unbewusst eine grosse Prüfung bestanden hatte, sollte ich erst sehr viele Wochen später erfahren." Voller Eindrücke kam Marie Juchacz nach Berlin zurück, wo das Leben nun wieder gemeinsam mit Schwester Elisabeth- weiterlief, als habe niemals ein politischer Ausflug ins Rheinland stattgefunden. Während der Abwesenheit von Marie war allerdings der Schatten, der über der Ehe von Elisabeth lag, grösser geworden. Christian Michael Roehl fühlte mehr und mehr, dass seine Frau ihm entglitt und sich in einer Gedankenwelt zu Hause fühlte, die ihm selbst fremd war. Wie diese Spannungen sich lösen liessen, wussten weder Elisabeth noch Marie. Ein Brief aus Köln, der, Anfang des Jahres 1913 in Berlin eintraf, leitete einen neuen Abschnitt nicht nur für Marie, sondern auch für Elisabeth ein. Absender war Jean Meerfeld. " In wenigen Zeilen wurde ich aufgefordert, mich zu einer bestimmten Berlin Zeit in einem bestimmten Cafe zu einer Unterredung mit Jean Meerfeld und dem Reichstagsabgeordneten Adolf Hofrichter einzufinden. Dort fragten sie mich, ob ich keine Lust hätte, als Parteisekretärin nach Köln zu kommen. Es war ein langes und inhaltsreiches Gespräch, in dem wir uns auch über die Aufgaben eines solchen Amtes verständigten. Nach einer anschliessenden und eingehenden Beratung zu Hause mit Elisabeth erfolgte meine Zusage an Adolf Hofrichter." - 103 Partei sekretärin in Köln At der erste Weltkrieg Der Entschluss vm Marie Juchacz, als Parteisekretärin nach Köln zu gehen, war ihr schwerer gefallen, als es nach aussen hin den Anschein hatte.* x* x* x* x* x* x* x* x* x* x* x* x* x* x* xxpf Sie war niemals von dem" Brennenden Ehrgeiz" besessen gewesen, ein Parteiamt zu haben. Der Motor, der sie trieb, sich mit den politischen Zusammenhängen zu beschäftigen, in die Ideologien der politischen Parteien einzudringen, die Aufgabe der sozialdemokratischen Bewegung zu ihrer eigenen xxixxxx zu machen, erhielt seine Nahrung nicht aus der Sehnsucht nach politischen Ehren und Auszeichnungen, sondern aus dem Welt bild, das sie sich auf Grund ihrer häuslichen und Distigen aber Entwicklung selbst und mit sehr viel jugendlicher, wenn auch oft frühreifer verstandesarbeit zusammengebaut hatte. Und jetzt sollte sie nach Köln gehen, in eine wenn auch nicht hoch, doch ausreichend bezahlte Parteifunktion, sodass sie und ihre beiden Kinder nicht mehr von mühseliger Heimarbeit leben müssten. Sie könnte sich ganz ihrer politischen Arbeit hingeben, würde Kontakt mit wichti gen Menschen bekommen und durch die intensive Arbeit ihren kleinen Beitrag zu dem grossen Ziel der Verwirklichung sozialistischer Ideale leisten. Had Was würde aus Elisabeth? Dem Jungen? Und der Ehe? Sie, Marie, war jetzt 34 Jahre alt und eine reife Frau, die vom Leben nichts anderes mehr erwartete als die Begegnung mit grossen und schönen politischen Aufgaben, und wenn sie es konnte ja nicht anders sein auch noch so schwer waren, so sollte ihr das nur recht sein. Die Kinder, Lotte mit und Paul mit acht Jahren, könnten vorerst noch in Berlin bleiben. Elisabeth war ja sowieso ihre zweite Mutter. Ausserdem hätte Elisabeths fünfjähriger Sohn nur ungerne auf seine ihm liebgewordenen Geschwister verzichtet. Es wäre auch möglich, eine kleine finanzielle Hilfe von Kölh aus nach Berlin zu schicken, denn Lisbeth würde ja vorerst noch auf Heimarbeit angewiesen sein. Wenn Marie und Elisabeth zu dieser Zeit gewusst hätten, dass Jean Meerfeld und Adolf Hofrichter schon eine politische Aufgabe auch für Elisabeth vorbereiteten, wäre ihnen manche harte Überlegung und auch Elisabeths Mann unangenehme Unterhaltung mit erspart geblie . 104 rückte aber es ben.-* kx Der Tag von Maries Abreise nach Köln näherxxxkka, war noch immer keine endgültige Lösung für die Zukunft gefunden. Als die beiden Frauen sich auf den Weg machten, um im Kaufhaus von Tietz am Herrmannplatz noch einige Einkäufe für Köln zu machen, nahmen sie Lisbeths Sohn mit, da Lotte und Paul in der Schule waren. Ihre Unterhaltung füxxdix über die beste Regelung der Zukunft nahm sie so in Anspruch, dass sie nicht auf den Jungen achteten, der sich für den grossen Fahrstuhl interessierte und plötzlich alleine war. Eine Schokoladenberkäuferin versuchte, ihn auszufragen nach seiner Mutter. " Ich habe zwei Muttis, eine grosse und eine kleine Mutti." Und wie die Muttis denn aussehen, wollte sie wissen. " Die eine hat einen Hut auf mit Federn, und die andere mit ohne. Mit dieser Personenbeschreibung konnte die Verkäuferin nichts anfangen. Die beiden Muttis hatten inzwischen das Abhandenkommen, des Jüngsten bemerkt und ihn nach einiger Sucherei am Schokoladenstand schlafend wiedergefunden. Der Preis, den Marie für die von dem Junge aufgefutterte Schokolade bezahlte, war beträchtlich. Zu Hause zog Marie Schlüsse aus diesem kleinen Zwischenfall und meinte: " Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir uns mehr um unsere Kinder kümmern müssten." Elisabeth vertrat mit ihrer wenn auch nicht oberflächlichen, so doch leichteren Art den Standpunkt, dass auch Mütter, die sich nicht mit Politik beschäftigen, ihre Kinder gelegentlich in Warenhäusern verlieren können. Ausserdem seien die Gören gut erzogen und hätten alles, was sie für die Schule und zum Spielen brauchten, und ihre Anhänglichkeit beweise, dass sie mit ihren Müttern zufrieden seien. " Und wenn ich jetzt nach Köln gehe, hast Du vorerst die ganze Last alleine am Hals." Mit einer scheinbar leichten Antwort ging Elisabeth auch über diesen Einwand hinweg.* xf Auf dem Programm dieser letzten Tage stand noch, zu einem Fotografen zu gehen und von den Kindern, alleine und mit den Müttern, Aufnahmen machen zu lassen. Es wurde aber nichts mehr daraus. " Das holen wir nach, wenn ich mit den Kindern in den grossen Ferien nach Köln komme, um Dich zu besuchen, Marie." So blieb auch dieses" Problem" in der Schwebe. " Im März 1913 ging ich nach Köln, als Parteisekretärin für den Be . 105 zirk Obere Rheinprovinz. Das Gebiet, das mir anvertraut wurde, erstreckte sich den ganzen Rhein hinauf bis Bingen, umfasste noch das Moselgebiet und die Eifel, sowie den Hunsrück und das Saargebiet. Ein sehr, sehr grosser Arbeitsbezirk, landschaftlich wunderschön, unterschiedlich in seiner wirtschaftlichen und sozialen Struktur, und eindrucksvoll durch die Fülle seiner Kulturdenkmäler. Meine besondere Aufgabe war die Förderung und Pflege der Frauenbewegung. Das schloss aber mit ein, dass ich auf meinen Versammlungsfahrten vor Männern und Frauen auch die politischen Themen des Tages behandelte. So hatte ich zum Beispiel, wenn ich nach Aachen fuhr, um dort vielleicht an einem Freitag Meinen Frauenabend wahrzunehmen, oder vor Textilarbeitern zu sprechen, am Samstag Nachnittag und Abend je eine und am Sonntag womöglich insgesamt drei Versammlungen mit den Bergarbeitern des Wurmreviers. Die Schichtwechsel der Bergarbeiter und ein gutes Kleinbahnnetz machten diese zeitliche Ausnützung möglich. Wenn ich dann noch am Sonntag nachts nach Köln zurückfuhr, fühlte ich allerdings, was ich getan hatte." Marie Juchacz brachte es durch ihre Unermüdlichkeit fertig, sich diesen grossen Bezirk innerhalb weniger Monate politisch so zu erobern, dass nicht nur ihre Versammlungen ohne die geringste Propaganda immer überfüllt waren, sondern dass ihr ohne Pathos in Parteidiskussionen geäussertes Wort einen grossen Wert bekam, weil sie mit der kürzesten Formulierung das Wichtigste zu sagen verstand. Carl Zörgiebel, zu dieser Zeit Parteisekretär in Köln, sagte ihr einmal: " Wenn Du in Deine klugen Gedanken noch etwas mehr Wärme hineinlegen würdest, kördest Du die Menschen nicht nur politisch, sondern auch menschlich restlos gewinnen." Die Antwort von Marie auf diesen ersten und letzten Versuch von Carl Zörgiebel, die nach seiner Meinung verhärtete Schale dieser Frau aufzubrechen, hat er nie vergessen können: " Ein Baum wächst so, wie der Boden ihn ernährt und der Wind ihn zerzaust." Diese kleine Kontroverse trug dazu bei, dass sich Zörgiebel noch mehr als bisher bemühte, Marie bei der Arbeit belilflich zu sein, was besonders für das landschaftlich********** rauhe Klima der Eifel notwendig wurde, das einzige Gebiet, das von Marie nicht im Sturmlauf gewonnen werden konnte. " In der Eifel war es fast nicht möglich, eine Versammlung abzuhalten. In die abgelegenen Orte kamen wir garnicht hinein. Um nach der bewährten Methode mit Flugschriften zu arbeiten, hatten wir garnicht die Menschen. Schliesslich besorgte sich mein Kollege Carl Zörgiebel - 106 einige Adressbücher- sie waren zeitlich weit überholt-, nach denen Broschüren und Flugschriften mit der Post versandt wurden. Jeder Sendung lag ein Zettel bei mit der Aufforderung, uns zu schreiben. Und tatsächlich wurden auf diese Weise neue Stützpunkte gewonnen, auch wenn es eine mühselige Arbeit war. Was mir- am Rande bei dieser Aktion besonders auffiel, war die Tatsache, dass in vielen Ortschaften der Eifel höchstens drei oder vier verschiedene Familiennamen existierten. Wenn uns ein Name nur einmal in einem Ort begegnete, wussten wir sofort, dass es sich nur um einen jüdischen Ortseinwohner handeln konnte. Die Schlussfolgerung wart ganz eindeutig die, dass seiten einmal eine Vermischung mit dem Nachbardorf vorkam. In der Regel verheirateten die Familien eines Ortes ihre Kinder untereinander. Der bald einsetzende Krieg verhinderte mich, dieses Phänomen an der Bevölkerung näher zu studieren." Trotz der anstrengenden, in aller Frühe beginnenden und bis in die späten Nachtstunden dauernden Arbeit und trotz der strapazierenden Versammlungsreisen fand Marie Juchacz immer noch wenige Minuten, um ihrer Schwester Elisabeth nach Berlin zu schreiben. Mit gleicher Regelmässigkeit und Ausführlichkeit trafen Lisbeths Briefe in Köln ein. Die örtliche Trennung, die nun schon mehrere Monate andauerte, war für beide Frauen eine unausgesprochene Belastung. Kurz vor Beginn der grossen Ferien teilte Lisbeth ihrer Schwester mit, dass sie sich mit ihrem Mann dahingehend verständigt habe, dass eine Trennung vorerst vielleicht das Beste sei, dass sie Lotte und Paul von der Schule abgemeldet, um ihre Berliner Sachen bereits verpackt und expediert habe, und dass sie in einigen Tagen mit den drei Kindern in Köln eintreffen würde. Marie, die bis dahin in einem möblierten Zimmer gewohnt hatte, machte sich nach Erhalt dieses Briefes sofort auf die Suche nach einer Wohnung. Jean Meerfeld hatte ihr den Tip gegeben, sich im Vorort KölnKlettenberg umzusehen. Marie hatte Glück. In der Stenzelbergstrasse 1 fand sie im Gartenhaus in der ersten Etage das, was sie suchte, mit genügend Platz für sich und ihre Schwester, und vor allem für die Kinder. " So richteten wir wieder unseren gemeinsamen Haushalt ein, konnten zusammen arbeiten, und Lotte und Paul lebten sich in ihrer neuen Schule sehr leicht ein. Unser fünfjähriger Fritz fand xxxx schnell gleichaltrige Spielgefährten und sprach Berliner Dialekt mit kölnischem Einschlag." -107Die Familie Juchacz- Roehl fühlte sich in Köln und am Rhein zuhause, und die Freundschaften, die von den beiden Frauen geschlossen wurden, galten auch für die Kinder, die im Laufe der Zeit eine statt liche Zahl von neuen Onkels und Tanten aufzählen konnten. Trotz der" häuslichen Sesshaftigkeit" und der Fülle der zu bewältigenden Aufgaben waren sich Marie und Elisabeth Mieze und Lisbeth nannten sie sich) wie alle anderen politisch aufgeschlossenen Menschen Danzber klar, dass die Welt einem Verhängnis entgegensteuert. Die Politik Wilhelms II. und seines Kanzlers Bethmann- Hollweg war nicht geeignet, weder die Menschen in Deutschland noch das übrige Európa zu beruhigen. Die Gärung im Balkanbund und die verschiedenen Balkankriege, vor allem der österreichisch- serbische Konflikt des Jahres 1913 warfen böse Schatten auf die nächste Zukunft. Aus ein er Art Ohnmachtsgefühl heraus, gegen diese Entwicklung nichts unternehmen zu können, stürzten sich die beiden Frauen desto intensiver auf ihre politische Aufgabe, und die Themens cala der Versammlungen und Diskussionen, in denen sie als Redmerinnen auftraten, hatten Hochschulformat. Sie beschäftigten sich mit der Deutung dessen, was schlechthin unter Sozialismus zu verstehen sei, mit der Frauenerwerbsarbeit und ihren Auswirkungen auf Gesundheit, Familie und Erziehung der Kinder, mit der Umwandlung der Hauswirts schaft und des Familienlebens infolge der Technisierung der Gesamtwirtschaft und immer unter den damals gültigen sozialen, also meist asozialen Gesichtspunkten-, mit sozialistischer Kommunalpolitik, mit Erziehungsfragen, Kinderschutzgesetzen, sozialistischen Jugendorganisationen, Arbeiter- Turn- und Sportvereinigungen, Spielplätzen für Kinder, und Ferienwanderungen. - " Wir richteten in Köln Kinderferienwanderungen ein, wobei wir die Entdeckung machten, dass zwölfjährige Buben und Mädchen aus der Kölner Altstadt noch niemals in dem in einer halben Stunde erreichbaren schönen Stadtwald in Köln- Lindenthal xякяд gewesen waren. Die engen und verwinkelten Strassen, ohne Licht, Luft und Grünanlagen, waren. ihnen auch während der Schulferien die einzigen Spielplätze." Marie und Elisabeth hatten im katholischen Köln keinen leichten Stand. Diele streng katholische Frauen wurden Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei, weil sie nicht nur fühlten, sondern auch an Ergebnissen sahen, dass" die Roten" von guten Idealen besessene Menschen waren, die keine Kirchen anzündeten, sondern brennende Probleme, an die sich die Kirche bisher nicht herangetraut hatte, beherzt aufgriffen und in einer Form bewältigten, die der katholischen Kirche nicht den geringsten Abbruch tat. Den katholischen Organisationen blieb nichts anderes übrig, als mit ähnlichen sozialen Maßnahmen ihren Ein 108 100 fluss zu behaupten. Klöster und andere kirchliche Einrichtungen wurden mobilisiert, um gefährdetes Gelände zu sichern. " Sehr oft hatte ich im Sekretariat xxxxxxxxxxxxxxxxxxx den Besuch von Genossinnen, die persönlichen Rat haben wollten. Manche Familie gab es, die unseren Gedanken aufgeschlossen war, die aber glaubte, nicht ohne den regelmässigen Besuch der katholischen Schwestern und Nonnen leben zu können. Unter vielen Besuchen erinnere ich mich besonders an einen: es kamen zwei Genos sinnen, jede hatte ein etwa siebenjähriges Kind in der Schule. Beide Kinder waren nach Ansicht der Eltern zu zart, um die auch körperlich anstrengende Frühmesse besu-. chen zu können. Sie meinten, dass dieser Besuch der Frühmesse noch vor dem Schulunterricht doch gesundheitlich genau so schädlich sei, als wenn die Kinder Brötchen oder Zeitungen austrügen. Sie könnten es als Mütter nicht verantworten, die Kinder so viel früher als notwendig zu wecken, den langen Weg hin zur Kirche und zurückgehen zu lassen und dann halberschöpft in die Schule zu schicken. Deshalb hätten sie die Kinder einmal nicht zur Messe gehen lassen, und der Kaplan in der Schule habe sie dafür hart bestraft.- Jetzt sassen die Mütter vor mir und waren reichlich empört. Was sollte ich tun? " Eine geharnischte Notiz für die' Rheinische Zeitung schreiben", mein te die eine. " Bevor das geschieht, müssen Sie beide mit dem Kaplan ganz offen darüber reden. Er wird es einsehen, wenn Sie ihm die Gründe sagen." " Wie? Was sollen wir?" Sie sa hen mich ungläubig, dann fast mitleidig an. " Diesen Kaplan darüber aufklären? Da ist jedes Wort überflüssig. Es gibt nur eine Möglichkeit: das muss in die Zeitung!" Nachdem ich ihnen noch einmal zugeredet hatte, doch zu versuchen, mit dem Kaplan in aller Ruhe diese Angelegenheit zu bereden, verabredeten wir einen neuen Besuch, während ich versprach, mit meinen Freunden von der' Rheinischen Zeitung' darüber zu sprechen. Jean Meerfeld, Wilhelm Sollmann und Georg Beier waren genau meiner Meinung: die Eltern müssten dem Kaplan klar machen, dass es aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich sei, die Kinder zur Frühmesse zu schicken. Ausserdem könne ein Kaplan die Kinder ja nicht für die Verantwortlichkeit der Mütter bestrafen. Meerfeld meinte: " Wenn wir die Sache mit der Bestrafung aufgreifen, und es kommt zu einer Klage gegen die Zeitung, stehen die Mütter, die sich nicht trauen, mit dem Kaplan zu reden, auch als Zeugen nicht gerade." Bei dem späteren Besuch der beiden Mütter setzte ich Ihnen unsere Bedenken auseinander. Sie waren aber noch immer nicht damit einverstan 109 - 100- den und gingen reichlich unzufrieden davon. Böse waren sie mir aber deswegen nicht, und sie kamen nach wie vor regelmässig zu unseren Zusammenkünften." Es war unter diesen örtlich besonders komplizierten Verhältnissen für Marie Juchacz nicht leicht, die katholischen Frauen darüber aufzuklären, dass es keine Versündigung gegen Gott sei, wenn sie sich mit sozialen Problemen beschäftigten. Sie versuchte, diesen religiös oft sehr stark eingeschüchterten Menschen verständlich zu machen, dass diese Zeitprobleme ja nicht von den Sozialdemokraten erfunden worden seien, um der Kirche zu schaden, sondern eine aus der Entwicklung entstandene Problematik darstellten, mit der sich früher oder später auch die Kirche beschäftigen müsse und werde. " So versuchte ich, die Menschen zu folgerichtigen Denken und Hand eln zu führen, wobei ich natürlich jede Religionsfeindlichkeit vermied, was ja auch in keiner Weise den Tatsachen entsprochen hätte. Ganz abgesehen davon, dass ich immer sehr viel Achtung vor den Überzeugungen anderer Menschen empfunden habe." Im häuslichen Leben in der Klettenberger Stenzelstrasse fanden die politischen Aufregungen kein Echo. Die Kinder spürten zwar aus gelegentlichen Unterhaltungen der Mütter, dass Politik eine geistig sehr anstrengende Arbeit ist, xxxxx benahmen sich aber so, wie Kinder sich d. in solchem Alter zu benehmen pflegen: Lotte, zehn Jahre alt, kommanier te nicht nur das Hausmädchen, sondern auch den Rxxxxxxxk acht Jahre alten Bruder Paul und den fünfjährigen Cousin Fritz, weil sie sich trotz ihrer Jugend als Vertreterin der beiden Mütter dem Haushalt gegenüber verantwortlich fühlte. Paul, etwas schwächlich, leistete zwar keinen offenen Widerstand, tat aber dann doch, was er wollte, und Fritz verstand es mit seinen fünf Jahren, den Unschuldigen zu spielen. Das war schon in Berlin so gewesen, wo der Dreijährige zum Milchholen geschickt wurde, unterwegs etwas austrank und seelenrugig zu seiner Mutter sagte:" Der 01le hat mir zu wenig gegeben."- Lisbeth machte damals kein Donnerwetter, sondern schickte ihren Sohn nur noch zum Kartoffelholen. Maries Sohn Paul war in seiner Kindheit ein Unglücks junge, der viel Aufregung verursachte. Einmal war er dem etwas wendigeren Fritz über das Treppengeländer nachgerutscht, hatte das Gleichgewicht verloren und war vom ersten Stockwerk aus mit dem Kopf auf eine Eisenmatte gefallen. An der schweren Gehirnerschütterung hatte er lange - -1.10- zu tragen. Kaum gesund, stieg er seinem Cousin Fritz über einen Zaun nach, blieb beim Abspringen mit dem Fuss in einer Querleiste hängen und brach sich das Bein.- Obwohl Lotte von beiden Müttern den Auftrag hatte, nun- da sie alt genug sei- besonders auf die Jungens aufzupassen, stellten sie dennoch allerlei Unheil an. So hatten Paul und Fritz ein sehr gefährliches Spiel entdeckt: vor mit dem Toilettenfenster wuchs ein grosser Baum, xx einen starken Ast einen Meter von diesem Fenster entfernt. Das Spiel bestand darin, dass Fritz vom offenen Fenster aus an diesen Ast sprang und sich dann herunterhangelte. Paul hatte mehrere Male xxxxядкииx angesetzt, zum Sprung fehlte ihm aber immer der Mut.* kxx Ausgerechnet an einem Mittag, als die beiden Mütter früher als erwartet nach Hause kamen, sahen sie, wie Paul vom Fensterbrett aus einen Meter durch die Luft sprang, gerade noch den Ast erreichte und mühselig herunterkletterte. " Uns war das Herz stehengeblieben, Lisbeth hielt sich die Hand vor den Mund und ich war im Begriff, laut zu rufen. Aber wie immer, wenn wir mit unseren Kindern ein Hühnchen zu rupfen hatten, geschah es auch diesmal xxxxxxxxx ohne grosse Empörung. Wir meinten nur, dass das wohl kein schönes Spiel xei und ausserdem gefährlich sei, und die Jungens versprachen uns, nicht mehr vom Fenster aus an den Ast zu springen. Sie gaben uns mit Armesündermiene ihr Wort dxxxxf, und darauf konnten wir uns auch immer verlassen." Noch etwas ereignete sich in diesen Tagen: Elisabeth hatte bei ihrer Arbeit einen Mann kennen gelernt, mit dem sie sich vom ersten Tag an ausgezeichnet verstand: Emil Kirschmann. Er kam aus Oberstein an der Nahe aus einer Achat- und Edelstein- Schleiferfamilie, hatte sein Handlungsgehilfen- Examen gemacht und war durch seine journalistische Begabung zwangsläufig zum sozialistischen Schrifttum gestossen. Die" Rhei nische Zeitung" stellte den jungen Mann vor die ersten grösseren publi zistischen Aufgaben. " In unserem gemeinsamen Leben waren wir zu einer menschlichen, geistigen und politischen Gemeinschaft zu Pritt geworden. Es war, wenn überhaupt noch möglich, eine Verstärkung unserer geschwisterlich- freundschaftlichen Kameradschaft und auf jeden Fall eine grosse Bereicherung unserer Arbeit und unserer geistigen und ideellen Existenz." Hier in Köln wurde auch zum ersten Mal der Gedanke an eine eigene Wohlfahrtsorganisation der organisierten Arbeiterschaft geboren. " Unsere Arbeit drängte uns förmlich diese Gedanken auf. Sie wurden nicht nur von uns Dreien nach allen Seiten und Richtungen hin durch - 111 gesprochen, sondern auch im engeren und weiteren Freundeskreis hinund hergewälzt, Möglichkeiten erwogen und wieder verworfen, aber die Zeit zur Verwirklichung war noch nicht gekommen. Die Idee hat mich dann nie wieder verlassen." [ Furor tentouicus and rationale Fram envereiniging" I l yesight Малиш Nach sechszehn Monaten ihrer Tätigkeit im Bezirk Obere Rheinprovinz hatte Marie Juchacz das Bewusstsein, auf dem rechten Wege und im Begriff zu sein, etwas von Dauer aufzubauen. Meneher Plan wurde mit Erfolg verwirklicht, manche Idee entstand bei der Arbeit und half weiter. - " Da kamen die Juli- Tage 1914, die uns alle aus unseren Illusionen von einer kämpferischen und stetigen Aufwärtsentwicklung rissen und unsere Arbeit grausam unterbrachen. Es hatte- was uns innerlich immer beunruhigte- unter der Decke der' internationalen Beziehungen' geschwelt, sonst hätte der Mord in Sarajevo diesen Weltbrand nicht entzünden können.- Diese Julitage können wohl kaum in allen Nuancierungen, mit den durcheinandergebrachten Gedanken und Empfindungen beschrieben werden. Der Boden bebté plötzlich unter uns. Desto entschlossener versuchten wir, zu handeln. Meine Kollegen Adolf Hofrichter und Carl Zörgiebel fuhren in den Bezirk hinaus, um dort immer in der Hoffnung, dass es nicht zum Schlimmsten kommen würde, aber in den Dispositionen doch mit diesem Schlimmsten rechnend- mit unseren Leuten in Verbindung zu bleiben und alle Eventualitäten zu besprechen. Ich blieb in diesen Tagen vor der Mobilmachung verabredungsgemäss von früh bis spät in unseren Büroräumen, um dort die Entwicklung der Dinge und etwaige Nachrichten abzuwarten, um dann- für alle vorkommenden Fälle abgesprochen zu handeln. Wir wussten, dass geheime Verfügungen bestanden, um im Falle eines Kriegsausbruchs alle Sozialdemokratischen Zeitungen zu verbieten und die Sekretariate zu schliessen. Es lagen- auch das war uns bekannt- Listen bei den Behörden mit den Namen und Adressen führender Sozialdemokraten, die im Ernstfalle xx verhaftet werden sollten. Davor hatte niemand von uns Angst. Es war nur gut, es zu wissen. Sozialdemokraten waren es gewohnt, für ihre Überzeugung ins Gefängnis zu gehen. In unserem Bewusstsein waren wir ganz mit der Zeit der Sozialdemokratie verbunden. Wilhelms II. törichte Aussprüche von den ' vaterlandslosen Gesellen' und andere Drohungen waren in unserem Gedächtnis nur zu lebendig. grossen wie 112 Ich entsinne mich noch an die gewaltige Kundgebung gegen den Krieg im Volkshaus zu Köln: ( Rheinische Zeitung vom August 1914) 113 An diesem Abend glaubten wir, dass es nicht zum Kriege kommen würde. Wenn sich ein ganzes Volk dagegen wehrt?! Die ganze friedliebende Kraft der Bevölkerung stemmte sich gegen den Ausbruch eines blutigen Krieges. Und gerade hier in Rheinland, wo Frankreich so nahe war und auch gewisse, fast verwandtschaftliche Beziehungen bestanden, wo bestimmt keine Abneigung oder gar ein Hassgefühl gegen das französische Volk existierte, sollte man sich plötzlich damit vertraut machen, gegen Frankreich zu Felde zu ziehen? Das war unvorstellbar und unfassbar. So viele junge Gesichter in dieser Versammlung! Viele, die ich persönlich kannte. Sie waren eins mit uns im Denken und Fühlen- so meinten wir. War es wirklich so? - Wir gingen- Dr. August Erdmann und einige Freunde- den gleichen Weg nach Hause. Noch heute habe ich seine Worte im Ohr: " Es gibt keinen Krieg. Der internationale Kapitalismus ist so ineinander verwachsen, dass er sich keinen Krieg leisten kann. Die industriellen Bindungen, das Bank- und Geldwesen sind so ineinander verfilzt, dass man sich das Auseinanderreissen dieser Fäden garnicht vorstellen kann." Zur gleichen Zeit, im Juli 1914, fand in Paris eine Demonstration der Pariser Arbeiter gegen den Krieg statt. Jean Jaurès wurde ermordet. " Ein Freund des Friedens und der Völkerverständigung, ein grosser Mensch und Sozialist war feige getötet worden. War das nicht ein böses Omen? Ich hatte Jaurès einmal in Berlin erlebt, in einer Versammlung in der Hasenheide. Er war ein hinreissender, mit jedem Argument überzeugender Redner, der nicht mit Posen und Gesten, sondern mit der geschliffenen Rede und mit Tatsachen und den daraus zu ziehenden Konsequenzen überzeugte. Der Garten war restlos überfüllt, und Tausende standen auf der Strasse, um zuzuhören. Herr von Jagow ritt selber, inmitten seiner berittenen Polizei, am Strassenran d entlang, um die Menschen auf die Bürgersteige zu drängen, die genau so dicht mit Menschen besetzt waren wie die Strasse, die' dem Verkehr gehört', und nicht den Versammlungsteilnehmern. An diesem Tage konnte von Jagow mit seinen Berittenen nichts ausrichten. Wie eine Mauer standen die Menschen und wichen keinen Zentimeter.- Und jetzt war Jaurès tot." Wenige Tage später wurde die Mobilmachung verkündet, der Krieg war nicht mehr zu vermeiden. " Vor den Litfassäulen und Mauern standen die Männer und lasen die Anschläge. Wir Frauen wurden rücksichtslos beiseite gedrängt, Krieg war nur Männersache. So dachten die Männer. Wenn sie alle damals geahnt 114 199 hätten, welche Leistungen dieser Krieg den deutschen Frauen abverlangen würde!- Die Mobilmachung artete in eine Psychose aus, die von den Menschen Besitz ergriff, ihr Denken ausschaltete und sie entweder zu stupider Begeisterung hinriss oder, zu Instinkthandlungen trieb, nach der Parole, dass jeder sich selbst der Nächste ist. Die Hamsterei begann, in Waschkörben wurden alle nur erreichbaren Lebensmittel nach Haus geschleppt. Bald gab es weder Salz noch Zucker, weder Hülsenfrüchte noch Mehl oder Konserven.- Wo hatte das Militär plötzlich die neuen Uniformen her? Wir kannten es bisher nur im blauen Tuch, mit roten Biesen. Jetzt marschierten sie' feldgrau' im Parade schritt daher, quer durch die Stadt, als sichtbares Zeichen unserer militärischen Macht' War der Krieg doch so sorgfältig vorbereitet worden? O ja, jeder Mann, auch der Nicht gediente, hatte plötzlich seinen Militärpass und wusste, wo er sich zu stellen hatte. Die jüngeren Jahrgänge, die noch nie' zur Stellung gewesen waren, wurden aufgerufen, sich auf dem zuständigen Bezirkskommando einzufinden, wo sich darüberhinaus Freiwllige in grossen Mengen einfanden. Von dem' furor teutonicus' können sich nur die eine Vorstellung machten, die diese Tage selbst miterlebten.- Später wurde mir auf Befragen im Ausland erzählt, dass dagegen die Mobilmachun durch Hitler im Jahre 1939 auf eine Kirchhofsruhe gestossen sei. Nie werde ich die Kolonnen der eingezogenen Zivilisten vergessen, mit ihren braunen Pappkartons, mit denen sie ihre Zivilkleider zurückschicken sollten. Die meisten trugen Stecken, geschultert, an den Spitzen mit Blumensträussen geschmückt. Die Frauen und Bräute marschier ten begeistert nebenher, und auch viele Mütter.' Siegreich wolln wir Frankreich schlagen', so sangen sie. Elisabeth und ich, und viele andere, waren fassungslos. Wir begriffen den Stimmungsumschwung nicht mehr. Da zogen Männer und Frauen, die gestern, vorgestern und in den Wochen vorher in unseren Versammlungen waren, Menschen, die wir kannten, die zum Teil in unserer Umgebung wohnten.- Ich versuchte, einige anzusprechen, einen jungen Mann aus unserem Hause: - Nun wird es doch Ernst, aber von unseren Leuten wissen wir, dass sie draussen zumindest mit den Frauen menschlich umgehen werden, und auch von Ihnen weiss ich das!" " Meinen Sie? Mit Glacéhandschuhen fassen wir niemanden an, wenn's sein muss, auch nicht die Frauen. Das ist vorbei!" Ich konnte ihm nur kopschüttelnd nachsehen. sich zwei Frauen. " Ist das nicht schrecklich, Frau F.?" - Neben mir unterhielten " Schrecklich? Wieso? Die sind doch alle s o lustig. Übrigens, mein Mann braucht nicht mit." . 115 Ich schaltete mich in das Gespräch ein: " Aber denken. Sie doch an die jungen Menschen, das sind Söhne von Müttern, und sie gehen in den Tod!" Sie sah mich gross an. Ihr Mann kam dazu, er war sehr ernst: " Hören Sie nicht auf meine Frau, sie hat überhaupt noch nicht begriffen was wirklich los ist. Wenn sie es versteht, ist es sowieso zu spät." Eine andere Frau, jung und eben verheiratet, sagte: ) " Mein Mann wird gleich Offizier, dem passiert nichts. Und ich gehe zu meiner Mutter, die hat den ganzen Keller voll Konserven." Zwei Ausschnitte, es waren politisch indifferente Frauen," Bürgerinnen" des Wilhelminischen Staates.- Die sozialdemokratischen Frauen hatten todernste Gesichter, sie fühlten ihre eigene Mitverantwortung, und an manchie von ihnen trat sofort auch die Not und Sorge um die eigenen Männer und Söhne heran, und die Sorge um das eigene, nackte Leben. Ich war Mit dem Tag der Mobilmachung begann auch die Spionitis'. mir nicht bewusst, besonders aufzufallen, und auf der Strasse blieben Lisbeth und ich ruhig. Trotzdem wurden wir am zweiten Mobilmachungstag von zwei betrunkenen unteroffizieren festgenommen und in eine Kaserne gebracht. Es war nur unserer Ruhe zu verdanken, dass es nicht zu einem Auflauf und zu Misshandlungen kam, so wie es sich bei ähnlichen ' Verhaftungen', deren Zeuge ich leider war, abgespielt hatte. Instinktiv verhielten wir beiden Schwestern uns so, dass die Umstehenden annehmen mussten, dass wir mit den beiden Soldaten befreundet seien. In der Kaserne wurden wir dem diensttuenden Hauptmann vorgeführt, der sich zuerst an die beiden Unteroffiziere wandte: " Wodurch fielen Ihnen die beiden Damen auf?" Zackige Antwort: " Damen sprachen ein zu gutes Deutsch!" Der Hauptmann grinste, nach einigen weiteren Fragen konnten wir gehen.- Das war aber nicht der einzige Fall. Im Warenhaus, beim Metzger( wo ich bekannt war) und bei anderen Gelegenheiten stiess ich auf eine feindliche Stimmung. Die Menschen fühlten, dass ich in diesen Tagen durchaus nicht das Gleiche dachte wie sie." + Der Mitstreiter und Freund von Marie Juchacz, Adolf Hofrichter, war nach Berlin zur neichstags sitzung gefahren. Würde man dort die Kriegskredite bewilligen? Es war das stärkste Recht dieses sonst nicht machtvollen Parlaments, der autokratischen Regierung Steuern und Kredite zu bewilligen- oder auch zu versagen. Um das Wort von den" va 116 terlan dslosen Gesellen" vergessen zu machen, prägte Wilhelm II. das | göbbels- würdige Zitat:" Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!"- Waren die Sozialdemokraten jetzt gut genug, um dem Ausland ein" einheitliches Gesicht" zu zeigen?- Vor der Abreise Hofrichter's war mit allem Ernst über diese Frage gesprochen worden. Würden sich die Sozialdemokraten in Berlin" überfahren" lassen? -- " Nein nicht so würde man denken, sondern sachlich und politisch abwägen. Da kan schon die Nachricht durch: die Sozialdemokraten haben für die Kriegskredite gestimmt!- Adolf Hofrichter kam zurück nach Köln. Er erzählte von der Stimmung in der Fraktion, dass er- mit eini gen anderen gegen die Bewilligung der Kredite gesprochen habe, aber dann sei die sehr kleine Minderheit der Mehrheit unterlegen, weil sich in der Fraktion die Überzeugung durchsetzte, dass Deutschland sich in der Abwehr befinde. Es sei keine prinzipielle, sondern eine taktische Entscheidung gewesen. Im Falle eines Angriffs lasse man das Land nicht im Stich, sagte die Mehrheit.- Ich fühlte die Schwere der Entscheidung wie eine Zentnerlast, die mich bedrückte, wo ich auch war, zu Hause, bei unseren Freunden, bald auch in den Versammlungen, wo erregt darüber diskutiert wurde, was richtiger gewesen wäre. Die' Rheinische Zeitung mit Jean Meerfeld, Wilhelm Sollmann und Georg Beier war uns in diesen kritischen Tagen eine grosse Stütze. Dass sie vor der Militärzensur nicht kroch, davon zeugten die vielen weissen Stellen in den täglichen Ausgaben. Man liess sich dort nicht' umbiegen'.- Übrigens bestätigte es sich in den ersten Kriegstagen, dass tatsächlich eine Verfügung zur Unterdrückung der Sozialdemokratie bestand. Einer der Beamten des Regierungspräsidiums nahm das Papier irrtümlich- ohne Befehl- aus der Schublade, das Verbot der Zeitung wurde erlassen, die Verhaftungen sollten gerade erfolgen,- als man von höherer Stelle' erfuhr, dass noch kein Befehl dafür erlassen sei. Daraufhin wurden die Beschlagnahme- und Verhaftungsmassnahmen sofort wieder rückgängig gemacht." . Die Ereignisse dieser Tage lassen sich in den Geschichtsbüchern nachlesen. Marie, Elisabeth und Emil Kirschmann wurden- wie alle anderen Menschen- in diesen Tagen durcheinandergerüttelt, versuchten, in irgend einer Form zueinander zu finden, irgendetwas zu unternehmen, was sinnvoll. war. Aber was war denn sinnvoll? Was konnte man auf eigene Faust unternehmen?- Am 2. Am 2. August 1914 stellte die deutsche Regierung ein Ultimatum an Belgien, und schon am 4. August marschierten . 117 _ die deutschen Truppen unter Verletzung der belgischen Neutralität in das kleine Land ein, nachdem erst am Tag zuvor die Kriegserklärung gegen Frankreich herausgegeben worden war. Vier Wochen später tobte die Schlacht an der Marne.- Emil Kirschmann wurde eingezogen, aber nicht nur dieser wertvolle und kluge Berater musste die beiden Schwestern alleine lassen. " Mein Kollege Zörgiebel war Soldat, ebenso einige der Vorstandsmitglieder der Sozialdemokratischen Partei unseres Bezirks, und dabei war unser Vorstand nur sehr klein.- Der Tag verlangte sein Recht, und für die politische Arbeit, so wie wir sie bisher geleistet hatten, war jetz keine Möglichkeit mehr gegeben. Der' Kölner Stadtverband der Frauenvereine' rief alle Frauen auf, sich für die jetzt anfallenden Aufgaben gemeinsam zur Verfügung zu stellen. Bisher war es nicht üblich gewesen, dass sich die bürgerliche und die proletarische Frauenbewegung zu einer Zusammenarbeit zusammenfanden. Während wir Sozialdemokraten die Bürgerlichen gewähren liessen, wurden wir xxxxx von diesen Organisationen nicht nur gemieden, sondern mit nicht immer fairen Mitteln bekämpft Aber war hier nicht eine Situation gegeben, die in sich selber zwingend war?" Marie Juchacz musste eine schnelle und richtige Entscheidung treffen. Mit Elisabeth war sie sich darüяr über das, was zu tun war, einig, nämlich mit den bürgerlichen Verbänden auf jeden Fall zusammenzuarbeiten. Wie würden die sozialdemokratischen Frauen darüber denken? Und die wenigen Parteifreunde, die noch in Köln und der weiteren Umgebung sassen? " So weit ich ihrer habhaft werden konnte, waren sie für Mitmachen. Auch die Freunde auf der Redaktion redeten uns zu. So meldete ich mich telefonisch beim Kölner Verband der Frauenvereine an. Als Marie und Elisabeth zur verabredeten Zeit am Treffpunkt erschienen, mussten sie feststellen, dass ihnen keine der anwesenden. Frauen bekannt war. Die Begrüssung war reichlich förmlich, man stand sich fremd gegenüber. Aus den ersten zwanglosen Unterhaltungen konnten die Schwestern Juchacz- Roehl entnehmen, dass es sich um Vertreterinnen von katholischen, evangelischen, liberalen und sozialen Vereinigungen mannigfacher Art handelte. " Es waren zum grossen Teil recht' exklusive' Damen der Kölner Gesellschaft, die Frau des Oberbürgermeisters Wallraff war ebenfalls dabei. Nach der nicht nur sichtbaren, sondern fast peinlichen Neugier, mit der man uns zuerst behandelte, spürte ich sehr bald bei einigen die grössere Vorurteilslosigkeit heraus.- So, nun waren wir zusammen eine' Na . 118 WW tionale Frauengemeinschaft', in der wir beiden uns behaupten mussten." Die Arbeit dieser Frauengemeinschaft lief sehr bald auf vollen Touren. Die Stadtverwaltung gab ihr jede Unterstützung. Einzelne Mitglieder wurden zu verschiedenen städtischen Ausschüssen, denen ausser den beigeordneten Bürgermeistern und Stadtverordneten auch angesehene Bürger der Stadt angehörten, hinzugezogen. " Ich wurde in den Ernährungsausschuss gerufen, den Oberbürgermeister Wallraff persönlich leitete. Köln war als Festungsstadt besonderen Bestimmungen unterworfen, besonders auf dem Gebiet der Ernährung. Es mussten immer bestimmte Mengen von Lebensmitteln sachgemäss eingelagert sein. In den Lagern herrschte ständig Bewegung und Betriebsamkeit. Für die ausgegebenen Nahrungsmittel mussten die neu zu lagenden Bestände bereit liegen, eine Lücke durfte es nicht geben. Mit mir war die Vorsteherin des städtischen technischen Lehrerinnenseminars( der Name ist mir entfallen) in diesem Ausschuss. Die Arbeit, die wir verrichteten, war sachlich, aber nicht uninteressant. Mitunter wurde es kritisch, wenn der Nachschub nicht so anrollte, wie es notwendig war. Als die Knappheit der Lebensmittel einsetzte und das geschah sehr bald schon zu Beginn dieses unsinnigen Krieges-, kamen für uns als' Mitverantwortliche' böse Zeiten.- Dieser Krieg war technisch wahrscheinlich sehr gründlich vorbereitet worden( man nannte ihn ja den' Ingenieurkrieg'), aber ernährungsmässig war er ein Verbrechen. Die Schlängen vor den Laden wurden beängstigend lang. Viele Familien waren längere Zeit ohne die wichtigsten Lebensmittel. Die Notwendigkeit der Rationierung wurde hart umkämpft. Die Einsicht musste sich schliesslich der Notwendigkeit beugen.- Das Kölner' Brotbuch' mit seinem Markensystem und der dahinterstehenden Organisation wurde übrigens später als vorbildlich anerkannt." Dem Ernährungsausschuss, dem Marie Juchacz angehörte, oblag auch die Verteilung an den Einzelhandel und die Konsumvereine, sowie die Abrechmung. Dass in solchen Zeiten" Abzweigungen" vorgenommen werden, die dem schwarzen Markt zufliessen, um höhere Preise zu erzielen, ist eine Erleider wahrscheinlich scheinung, die es immer gegeben hat und immer geben wird, wenn Rationierungen erfolgen. Gerade als Sozialdemokratin legte Marie Juchacz bei ihrer Arbeit grössten Wert darauf, dass auch die zur freigewerkschaftlichen Arbeiterschaft tendierende Konsumgenossenschaft prozentual gleich wertig bedacht wurde. ************" Die Einzel- und K₁einhändler waren in ihrem Verhalten in 119 Bezug auf Verteilung der Waren an die Kunden und Abrechnung durchaus nicht vorbildlich. Wir von der Arbeiterbewegung erlebten eine Genugtuung, als Oberbürgermeister Wallraff zugeben musste, dass die beiden Konsumgenossenschaften( ausser der freigewerkschaftlichen gab es noch eine. christliche) gewissenhafter bei Verteilung und Abrechnung waren als der Kleinhandel, sodass es mit diesen beiden Organisationen keine Scherereien und auch keine Defizite gab. Die Folge war, dass auch die Damen der Gesellschaft', vorang die der' Nationalen Frauengemeinschaft', plötzlich Mitglieder der Konsumgenossenschaften wurden. Die Köchinnen und Hausmädchen der Damen waren damit nicht einverstanden, denn sie bezogen beim Kleinhandel recht hohe Rabatte." Marie tat als Mitglied der Nationalen Frauengemeinschaft und des Ernährungsausschusses- alles, was an Arbeit anfiel, aber trotz mancher ' Erfolge empfand sie den ganzen Betriebaals reichlich unproduktiv. Ausserdem wurde vieles in einer Form gehandhabt, die ihrem demokratischen Gefühl widersprach. Als sie eine Aktion x* x* x* x* akx für Kindergärten und Kleinkinder vorbereitete, die auch mit Aufrufen und Plakatierung verbunden war, stellte sie fest, dass diese Aktion" unter dem Protektorat der Frau Oberbürgermeister" anlaufen sollte, die lediglich aus" gesellschaftlichen" Gründen in dieser Form in Erscheinung treten wollte. Marie protestierte gegen diesen Unfug, weil sie der Sache unzuträglich sei. " Das waren aber Dinge, die sich mit der Zeit einrenkten. Auch hier bewahrheitete es sich, dass man- wenn ein wenig Wille vorhanden ist- in der Arbeit gegenseitig voneinander lernt. - Was ich allerdings sehr peinlich empfand, war die Art, in der manche meiner bürgerlichen Kolleginnen in der ersten Zeit unserer Zusammenarbeit von' den Kriegerfrauen' sprachen, mit einem Tonfall, als wenn das eine ganz besondere Schicht unkundiger und untenstehender Frauen dritter Ordnung wäre, denen man vom hohen Kothurn herunter- zwangsläufig helfen müsse. Es hatte zwar keinen Zweck, sich dauernd darüber aufzuregen, aber ich nahm jede Gelegenheit wahr, um die Dinge sprachlich und gesinnungsmässig zu korrigieren. Es hat mit der Zeit sichtbar geholfen. Es gab auch andere Enttäuschungen. Ich gebe am besten wieder ein Beil spiel: in der sozialdemokratischen Frauengruppe regte ich an, der Lederknappheit und Schuhlosigkeit der Frauen und Kinder durch Selbstfabrikation für den eigenen Bedarf zu begegnen. Innerhalb kürzester Zeit wurde ein aus Stoff und Ersatzmaterial angefertigtes Musterexemplar beschafft. Jetzt brauchten wir von der Stadt einen Raum, etwas Handwerks . - 120.- zeug und- für den Anfang- für den Anfang- einen Lehrmeister. Die interessierten Frauen, es hatten sich schon nach Bekanntwerden der Idee Hunderte gemeldet, wollten dort unter Aufsicht und unter Anlernung aus verfügbaren Abfallund Ersatzstoffen die ersten Schuhe für ihre Familien herstellen, um ihre Kenntnisse dann ȧh andere Frauen weiterzugeben. Den Schuhmachermeistern entstand dadurch keine Konkurrenz. Die Frauen, die nur Schuhe gegen Bezugschein kaufen konnten, aber meist keine bekamen, waren für die Maßarbeit der Innungsmeister sowieso nicht interessant. Das Besohlen wollten sie den kleinen Meistern nicht fortnehmen, sie waren froh, wenn sie überhaupt noch von ihnen bedient werden konnten, denn das Leder wurde immer knapper. Auch der Fabrikation entstand keine Konkurrenz sie hatte kein Leder und ausserdem wurden Bezugscheine nur auf Antrag ausgegeben bzw. meistens versagt, denn die Fabrikation arbeitete für die Soldaten.- Mit unserer Idee wäre auch den Handwerkern geholfen worden, denn das Schuhwerk, das gelegentlich für die Zivilbevölkerung freigegeben wurde, war so schlecht, dass es nur kurze Zeit hielt. Der beigeordnete Bürgermeister, in dessen Ressort unser Antrag fiel, machte uns unseren Plan kaputt, indem er die Schuhmacherinnung zur Beratung heranzog, die das Ganze für unmöglich und undurchführbar hielt. Dabei hatten die Innungsvertreter überhaupt nicht begriffen, worum es eigentlich ging. Hätten wir doch auf jede städtische Unterstützung und Hilfe verzichtet und irgendwo in einem Raum einfach mit unserer Arbeit angefangen, dann hätte die Innung vor dem fait accompli gestanden und ausserdem den Vorteil für die Arbeit ihrer eigenen Mitglieder eingesehen. Jetzt liess sich natürlich nichts mehr machen. - Dafür gelang ein anderer Versuch auf anderem Gebiet: wir hatten die Absicht, Frauen, die bisher noch keine Heimarbeit machten, Gelegenheit zum Nebenverdienst neben ihrer Unterstützung zu geben. Zu Anfang- in den wirren Tagen- hatte man schon alte Kleider gesammelt. Man behauptete, dass sie chemisch gereinigt wurden, aber die Fliegen waren in den heissen Tagen ganz wild danach. Aber aus diesem Haufen unmöglichen Zeugs, das wir säubern liessen und, so gut es ging, verarbeiteten, entstand die Idee, die Soldaten mit Hemden und Unterhosen, die doch in Fülle gebraucht würden, zu versorgen. Eine Verbindung mit dem Versorgungsamt in Koblenz brachte tatsächlich einen Auftrag herein.- Man sagt, die ersten Pflaumen seien madig. Das Resultat dieser ersten Arbeit war bestimmt nicht tadellos. Doch der Bedarf war gross, und man war nachsicht tig. Diese Heimarbeitszentrale entwickelte sich zu einer erstaunlichen Grösse: bald waren grössere Tische da, eine Zuschneidemaschine folgte, und neben den ehrenamtlichen Kräften, die bis zuletzt in der Verwaltung 121 blieben, wurden Fachkräfte eingestellt. Wir konnten den von uns angelernten Frauen einen bedeutend höheren Stücklohn zahlen, xxxxxx wie er von den Fabrikanten gezahlt wurde. Was unseren heimarbeitenden Frauen recht war, sollte der Masse der von den Fabrikanten beschäftigten Frauen nur billig sein, denn der Typ des Kriegsgewinnlers machte sich bereits bemerkbar. So benutzten wir eine gute Gelegenheit, die Herren im Versorgungsamt auf die von uns gezahlten Löhne aufmerksam zu machen und auf die wesentlich niedrigeren Löhne der Fabrikanten hinzuweisen. Die Folge war, dass den Fabrikanten zur Auflage gemacht wurde, die glei chen Löhne zu zahlen wie wir. Sie taten es, denn es blieb ihnen sie weiterarbeiten wollten- nichts anderes übrig. - wenn Wir beide- Elisabeth und ich hatten uns das Mandat zu dieser Arbeit vom Verband der Schneider, Schneiderinnen und Wäschenäherinnen geben lassen." Die beiden Frauen besassen ja aus ihrer eigenen praktischen Erfahrung die Kenntnisse auf diesem Gebiet, kannten sich in der Fachsprache aus, konnten disponieren und kalkulieren, und erhielten im Handumdrehen das Vertrauen des Verbandes. Wie richtig sie disponiert hatten, sollte sich zu Kriegsende zeigen Marie Juchacz war zu dieser Zeit nicht mehr in Köln, und Elisabeth war Stadtverordnete-, denn obwohl jedes Wäschestück nur mit einem halben Pfennig Gewinn angesetzt war, blieben nach Kriegsende bei der Auflösung der Heimarbeitszentrale viele tausend Mark übrig. " Elisabeth und ich hatten an dieser Arbeit unsere berechtigte Freude. Die Soldaten mussten ja nun einmal versorgt werden. Ausserdem gab es unter den Millionen, die an irgend einer Front im Westen o- der Osten standen, viele nächste Freunde und Bekannte, und auch Emil Kirschmann gehörte zu ihnen. Wichtig war ferner, dass die zu Hause wartenden Frauen eine Nebeneinnahme erhielten. So glaubten wir, mit unserer Arbeit die Auswirkungen dieses schrecklichen Krieges wenigstens etwas mildern zu können. Eine Zeit lang hatten wir unserer Heimarbeitszentrale einen kleinen Laden angeschlossen, in dem erfreulich hübsche Frauen- und vor allem Kindersachen aus Resten, mit buntem Material verziert, sehr billig verkauft wurden. Trägerin dieser Idee war eine Dame der Kölner Gesellschaft, eine Frau mit starker kunstgewerblicher Begabung, praktischem Sinn und pädagogischem Geschick. Sie war auch zum grossen Teil die Ausführende und Lehrmeisterin, die geschickten Frauen zeigte, wie sie aus Resten, mit geringen Mitteln und mit wenig Zeitverbrauch einfache, 122 zweckmässige und dennoch hübsche Dinge anfertigen konnten." Eines Tages meldete sich JeanMeerfeld bei Marie und bat sie, in die " Rheinische Zeitung" zu kommen, weil es einige Dinge zu besprechen gab. Н*** ××× яй**** Zuг gleichen Zeit fand sich auf der Redaktion eine Frau ein, die völlig verzweifelt war. In der Hand hielt siе****** ein Paket mit mehreren hundert Briefen. Es waren die Antworten auf Katholischen ein Inserat, das die Frau" Stadtanzeiger" aufgegeben hatte und mit dem sie einer bedürftigen Familie Bett und Kleiderschrank schenken wollte. Jetzt fiel ihr die Auswahl aus den vielen hundert Zuschriften schwer. Marie regte an, aus dieser Sache eine Veröffentlichung zu machen, was auch geschah, mit dem Ergebnis, dass sich sofort ein Geschäftsmann meldete, der sich bereit erklärte, wöchentlich eine grössere Summe zur Verfügung zu stellen, die an bedürftige Frauen ausgezahlt werden sollte, die sich trotz Unterstützung in wirtschaftlicher Not befanden, die sie nicht selbst meistern konnten. Diesem Geschäftsmann folgten weitere. Aus der ganzen Aktion ergab sich eine zusätzliche Arbeit für Marie, die sie gerne übernahm. Lange Zeit besuchte sie täglich zwei bis drei Familien, die ihr als bedürftig genannt wurden, um sich einen genauen Überblick über ihre Lage zu verschaffen.********* x* x* x* x " In vielen Fällen konnte ich mit gutem Gewissen helfen. Das war gewiss keine weltbewegende Arbeit in dieser' grossen Zeit, aber aus Kleinem setzt sich das Grosse zusammen.- Und so ähnlich war die Arbeit unserer Frauen im ganzen Reich. Man muss sich dabei immer wieder vor Augen halten, dass die Frauen bis dahin als Bürgerinnen garnicht gewertet wurden. Es gab zuerst in Köln ein paar katholische Waisenpflegerinnen, sonst nichts. Da die Frauen kein Wahlrecht besassen, konnten sie auch selbst nicht in Ämter gewählt werden, zum Beispiel als Stadtverordnete. Zu Armenpflegern machte man den Herrn Schlachtermeister, den Herrn Bäckermeister, gelegentlich einmal einen Lehrer. Aber nur ja keinen Sozialdemokraten. Kam das trotzdem einmal vor, war es Versehen, Zufall oder Ausnahme.- Jetzt schickte die Kölner Stadtverwaltung einige Frauen der' Nationalen Frauengemeinschaft' auf Informationsreisen, um sich über die Maßnahmen in anderen Städten zu unterrichten. Mik So hatten wir in Köln mit einer Stadtküche angefangen, und überall im Reich entsstanden ähnliche Einrichtungen, die wie Pilze aus dem Boden wuchsen. Wir sollten uns Aufbau und Organisation solcher und anderer Dinge ansehen, um dann daraus für Köln die aus der praktischen Kenntnis zu ziehenden Konsequenzen anzuwenden. Das Ernährungsproblem machte der Regierung in Berlin bereits schwer zu schaffen, und man wusste, dass . 123 - seine Lösung für den Fortgang des Krieges äusserst wichtig war, dass überhaupt die Kriegerfrauen' dabei ein gewichtiges Wort mitzureden hatten. Die Kölner Stadtverwaltung legte Wert darauf, dass ich mich an diesen Informationsreisen beteiligte. Ich fuhr also nach Berlin, wo man mich über alle möglichen Dinge' von Regierungsseite aus unterrichtete, womit aber wirklich nichts anzufangen war. Das Studium der praktischen Selbsthilfe gab bessere Aufschlüsse. Dann fuhr ich in andere Städte, nabh München, Stuttgart usw., wo ich sehr viel sah und hörte, was ich in Köln auf die dortigen Verhältnisse zugeschnitten- anwenden konnte." - work Da auch Elisabeth des öfteren von Köln abwesend war, blieben die Kinder alleine in der Wohnung, die inzwischen gewechselt werden musste. Man war in der gleichen Strasse geblieben, nur einige Hausnummern höher, und wohnte jetzt im Vorderhaus der Stenzelstrasse 13 im ersten Stock, mit einem schönen und grossen Balkonzimmer, vor dem drei grosse Kastanienbäume standen. Es war ein Eckhaus, und von der Wohnung aus konnte man auch auf die Siebengebirgsallee sehen. Durch die Kriegsereignisse waren die Kinder sehr viel allein auf sich angewiesen. Lotte, jetzt( im Jahr 1916) noch nicht ganz 13 Jahre alt, besuchte das Lyzeum, während Maries Sohn Paul und Lisbeths Fritz zur Volksschule gingen. Die Kinder, vor allem die schon sehr erwachsen wirkende Lotte, entwickelten eine grosse Selbständigkeit, und Fritz machte sich einen Sport daraus, auf die Lebensmittelmarken möglichst zwei Mal einzukaufen, indem er es fertigbrachte, das Abschneiden der Abschnitte beim ersten Einkauf zu' verschlabbern'. Den Müttern wurde davon nichts gesagt, weil die Kinder wussten, dass sie damit bestimmt nicht einverstanden sein würden. Gegenüber, auf der anderen ЯxxxxxxxSeite der Stenzelstrasse, befand sich ein Neubaublock, der zu Beginn des Krieges angefangen, aber dann nicht weitergeführt wurde. Diese Rx" Ruinen" waren für alle Kinder der Strasse und der näheren Umgebung ein beliebter Spielplatz. Die Eltern aller Kinder sahen es zwar nicht gerne, wenn die Jungens auf den Mauern herumturnten, aber was halfen schon solche Verbote. Bis dahin war ja auch noch nichts passiert. Während an einem dieser Tage der achtjährige Fritz beim Einkaufen war und auf die gleichen Abschnitte zum zweiten Mal kümmerlich wenige Kartoffeln besorgte( die ausserdem noch gefroren waren), versorgte Lotte den Haushalt und kochte Wäsche, wobei sie allerdings nicht daran dachte, dass die Jungenhemden, die auf dem Herd in einem Topf brodelten, aus Papierstoff waren. Paul turnte mit einigen Spielkameraden im Neubau herum, balancierte über einen grossen Eisenträger, wurde schwindelig . -124und stürzte aus erster Stockwerkhöhe herunter bis in den Keller, wo er mit dem Kopf auf einen dort liegenden Eisenträger aufschlug, der ihm den Kopf bis zu einer Länge von zehn Zentimetern aufspaltete. In Windeseile wusste die Stenzelstrasse, was geschehen war, auch Lotte stürzte die Treppe hinunter, boxte sich durch die Menschen hindurch, die sich um Paul bemühten und- als sie sah, was passiert war behielt sie den Kopf oben, dxxkkxxxxxx lief zum nächst erreichbaren Telefon und alarmierte die Lindenburg, eine im Vorort Köln- Lindenthal liegende grosse Krankenanstalt, die sofort einen Wagen schickte und Paul abtransportierte. Erst zwei Tage später kamen Marie und Elisabeth zurück.дия ×××× Es war ein schwerer Schock, auch wenn sich jetzt schon zeigte, dass es weniger schlimm um Paul aussah, als man zuerst vermuten musste. Marie und Elisabeth sagten ihre nächsten, schon disponierten Reisen in die nähere und weitere Umgebung ab, um in Köln bleiben zu können, bis es Paul besser ging. Eine weitere Komplikation trat ein, als der Junge eine schwere Blutvergiftung bekam. Den Ärzten war nicht aufgefallen, dass Paul sich auch den Daumen der linken Hand verletzt und verschmutzt hatte. Die farbigen Vergiftungsstreifen waren schon bis zur linken Schulter sichtbar, als die Ärzte- wirklich im letzten Moment- zugriffen. war Rx Das Krankenhaus durch die vielen Kriegsverletzten, die von der Westfront zurücktransportiert wurden, überfüllt.xxxxxxxxxxxxxxx wurde Kxxxxxxxxя Paulnach Hause geschickt. Da es mitten im Winter war, zog Fritz mit einem Schlitten und mit Decken los, um ihn abzuholen. Exk Ebenso wurde er wöchentlich einige Male zum Verbinden mit dem Schlitter hingefahren. xxnxxxxxxxx@ kxiaxd= xxxx@ XXXXXXXXXXXXXXXXXX Das machten die Kinder alles von sich aus, ohne dazu von ihren Müttern angehalten zu werden. Emil Kirschmann war an der Westfront verwundet worden, kam in ein Heimatlazarett, hielt sich auch einige Tage in Köln auf, und ging dann wieder zur Truppe zurück. Von den Kindern wurde er wie ein Onkel behandelt, den man noch nicht richtig kannte. Aber' Onkel Emil' war éin Mann, der grosse Fähigkeiten besass, die besonders dem Fritz imponierten: er konnte wunderbar Päckchen verschnüren und Schrift malen. Dichten konnte er auch. Auf ein ausgeblasenes Ei schrieb Onkel Emil einmal zu Ostern den sinnigen Spruch:" Gack, gack, gack, ich leg ein Ei, ruft mal schnell den Fritz herbei, dass er seh dass trotz Geschrei, in dem Nest ein Windei sei." 125 ша Das war Ostern 1916. Bald danach, zu Pfingsten, fielen in Köln die ersten englischen Bomben, mitten in die Altstadt hinein. In dieser Zeit deuteten sich die ersten Meinungsverschiedenheiten innerhalb der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion auf breiterer Basis an. " Mein Kollege Adolf Hofrichter hat die endgültige Spaltung nicht mehr miterlebt. Er gehörte in der Fraktion zur sogenannten" erweiterten Minderheit", das heisst er billigte nicht die Entscheidung der sozialdemokratischen Fraktion, für die Kriegskredite zu stimmen, aber im Plenum fügte er sich der Disziplin. Er gehörte aber zu denen, die die Spaltung um jeden Preis verhindern wollten und hatte durchaus ein Ohr für die Gründe der anderen Seite. Es war nicht Adolf Hofrichter allein, mit dem ich mich über diese ernsten Zweifelsfragen unterhalten konnte. Auch Dr. August Erdmann, Jean Meerfeld, Wilhelm Sollmann und andere verantwortungsvolle Männer standen wie wir alle me nitten in den internen Meinungskämpfen. - Ich erwähne das, weil wir jedesmal nach der Rückkehr Hofrichters aus Berlin immer lange Unterhaltungen über das Für und Wider dieser verhängnisvollen Streitfrage hatten, aber allen Bemühungen zum Trotz frass sich die Spaltung in der Partei immer weiter durch. Hofrichter wurde sehr krank, nicht zuletzt auch durch diese Sorgen. Als er in ein Krankenhaus gebracht werden musste, wusste er, dass es mit ihm zu Ende ging. Die Spaltung selbst hat er nicht mehr erlebt. Die Nachwahl zum Reichstag brachte unseren Freund Jean Meerfeld, politischer Redakteur der' Rheinischen Zeitung', ins Parlament." Die Ereignisse des Jahres 1916 frassen an den Nerven aller Menschen. Marie und Elisabeth versuchten, mit Ruhe und Gefasstheit durch die Wirren zu steuern und diese Sicherheit auf möglichst viele Menschen zu übertragen, ein löblicher Vorsatz, der ständig über den Haufen geworfen wurde. In Februar hatte der Angriff auf Verdun stattgefunden. Im Juli begann die französisch- englische Offensive an Somme und Ancre und leitete die erste grosse Materialschlacht ein. Karl Liebknecht war nach der Demonstration am 1. Mai verhaftet und nun zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Bei Jakobsstadt hatte eine russische Offensive eingesetzt, und Rumänien war in den Krieg eingetreten. Am 22. August feierte' Lisbeth ihren taxxx* x* x* 28. Geburtstag, was so vor sich ging, dass sie sich den Kindern eine Stunde lang widmete, und eine Woche später, am 29. August, wurde Hindenburg Generalstabs chef. Die Spaltung der SPD war Tatsache geworden, die" Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands" war entstanden. -126" Die beiden in dieser Zeit wohl bekanntesten Frauen, beide in verantwortlichen Positionen, Klara Zetkin als Redakteurin der' Gleichheit' und Mitglied der Kontrollkommission, und Louise Zietz als weibliches. chach Gotha Mitglied des Parteivorstands, gingen zum Gründungsparteitag der USPD', in deren Vorstand Louise Z. gewählt wurde. Die Zusammenarbeit im Vorstand der SPD war schon vorher lädiert. Der schon seit einiger Zeit verwaiste Posten von Louise Z. als zentrale Frauensekretärin konnte aber nicht vor Klärung dieser Angelegenheit neu besetzt werden. Die in die Wehen der Spaltung zwangsläufig mit hineingezogene Frauenbewegung nicht nur Berlins war zerrissen, die Frauen selbst verstört und misstrauisch. Mit dem Parteitag der USPD war nun die Spaltung endgültig vollzogen. Eine Wiedervereinigung blieb einer ungewissen Zukunft vorbehalten. Zuerst wurden gegenseitig noch viele Wunden geschlagen, die erst verheilen mussten." Frauensekretärin - Nines Rapitel[ Als zentrale Fraven sekretärin nach Berlin] Marie und Lisbeth, in erregter Unterhaltung über alles, was um sie herum vorging, besprachen gerade die Notwendigkeiten einer gutgegliederten Organisation für die Massenspeisungen in Köln, als ein Brief von Friedrich Ebert, dem Vorsitzenden der SPD, aus Berlin eintraf, in dem er Marie bat, zu einer dringenden Unterredung nach Berlin zu kommen. Ohne die geringste Vorstellung von dem, was man von ihr erwartete, fuhr sie los. Die Unterhaltung mit Fritz Ebert war kurz und klar: " Wollen Sie den Posten einer zentralen Frauensekretärin der Sozialdemokratischen Partei übernehmen und auch als Vorstandsmitglied der SPD in dieser Eigenschaft fungieren?" " Grundsätzlich bin ich dazu bereit, aber-- das ist doch die Funktion, die Louise Zietz bis vor einiger Zeit ausübte?" Ebert nickte nur, denn er wusste, was sich Marie Juchacz in diesen Sekunden überlegte: durch Louise Zietz war Marie auf den Weg gebracht worden, der sie nun als deren Nachfolgerin zu einer Runkkian Tätigkeit Zwang, die sich irgendwann einmal auch gegen Louise Zietz richten würde. Als Marie ihre Gedanken laut formulierte, meinte Ebert, dass er Marie als einen Menschen einschätze, der nicht nur die Klarheit, sondern auch die Festigkeit besitze, um auch mit solchen Schwierigkeiten fertig zu werden. Marie wusste, dass sie nach aussen hin diesen Eindruck machte, dass dieser aber nicht immer ihrer inneren Haltung entsprach. Im Falle Louise Zietz war sie sogar innerlich sehr erregt, erklärte sich aber bereit, das Amt der zentralen Frauensekretärin der Sozialdemokratischen Partei zu übernehmen. Wenn sie sich von Friedrich Ebert noch eine Übergangszeit erbat, dann nicht nur deshalb, weil sie ihre Kölner Arbeit nicht von heute auf morgen im Stich lassen wollte. Elisabeth sollte ihre Meinung dazu sagen, und falls es zum Umzug nach Berlin kommen sollte gab es ja noch viele familiäre Probleme. Elisabeth stimmte selbstverständlich zu. 127. In Köln wurde die Übersiedelung von Marie nach Berlin in allen Einzelheiten besprochen, wobei sich die beiden Frauen daran erinnerten, dass Marie immer der Wegbereiter war, während Lisbeth folgte. So war es auf dem Weg Landsberg- Berlin, so war es auf dem Weg Berlin- Köln, und so würde es wahrscheinlich demnächst auch wieder sein, sein. Aber diesmal sollte Elisabeth länger in Köln kaiken, als sie selbst dachte. Die Kinder sollten auf alle Fälle in Köln bleiben, eine Umschulung mitten im Krieg war mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Marie machte sich ernste Gedanken darüber, denn Lisbeth hatte jetzt die alleinige Verantwortung für die drei Kinder, und ausserdem ihre Arbeit, während sie, Marie, ohne jede Belastung familiärer Art in Berlin an die Arbeit gehen konnte. Aber auch dann, wenn Elisabeth selbst nicht von dem überzeugt war, was sie lediglich zur Verkleinerung effektiver Schwierigkeiten sagte, konnte sie Marie beruhigen, weil Lotte doch schon erwachsen und eine gute Hilfe sei," und mit Paul und Fritz werden wir Frauen schon fertig!" Marie war nicht ganz überzeugt davon. Ausserdem kannte sie ihre Schwester nur zu gut, um nicht zu wissen, wie Lisbeth es meinte. Aber sie machte dieses kleine Selbstbetrug- Spiel mit, weil es schliesslich keine andere und bessere Lösung gab. Trotzdem schob sie ihre Abreise nach Berlin noch hinaus und erlebte mit ihrer Familie den ersten grossen Kohlrübenwinters 1916/17, Morgens zum Anfang des Frühstück gab es eine Scheibe Kohlrübenbrot mit Kohlrübenmarmelade, dazu einen Schlück Kohlrübenkaffee. Mittags zogen Paul und Fritz mit einem Eimer los, um das Essen von der Massenspeisung zu holen. Diese Organisation war gerade erst angelaufen, und es gab noch nicht viele Verteilungsstellen. Zuständig für die Klettenbergstrasse war der Barbarossaplatz, am Ende der Luxemburgerstrasse. Mit der Strassenbahn brauchte man eine Viertelstunde, zu Fuß waren es hin und zurück gute zwei Stunden. Die Jungens wollten das Strassenbahngeld sparen und marschierten. Unterwegs organisierten sie alle möglichen Dinge zusammen. So vertauschten sie bei einigen Soldatenurlaubern Lederkoppel gegen Schuhfett, weil Fritz der Meinung war, aus dem Stiefelfett einen Brotaufstrich schmelzen zu können, Lisbeth und Marie mussten die Jungens davon überzeugen, dass der Tausch schlecht war, denn aus den Lederkoppeln hätte man Flecken für Schuhe herausschneiden können.- Wenige Tage später lagen dann" zufällig" neue Koppel in der Küche, und niemand fragte nach ihrer Herkunft. - 128- Die Mütter Marie und Elisabeth hatten zuerst versucht, besonders den beiden Jungens beizubringen, dass Not zwar erfinderisch machen kann, dass man aber nicht stehlen dürfe. " Wir tauschen doch nur!", war die дк***** ständige und prompte Antwort von Fritz, der alle möglichen Dinge zusammentrug, alte Weckeruhren, abgebrochene Messer, kaputte Scheren, um sie bei Spielkameraden in essbare Dinge" umzusetzen", in Brot, Rübenmarmelade oder Sacharin. Die Mütter drückten sehr oft beide Augen zu, auch wenn sie spürten, dass die Einflüsse dieser Kriegszeit auf die Kinder denkbar schlecht waren. Aber was sollten sie machen? Die Not brannte allen Menschen unter der Haut. se Seite Zu Beginn des Jahres 1917 fuhr Marie Juchacz nach Berlin, um ihre neue Funktion als zentrale Frauensekretärin der SPD zu übernehmen. " Friedrich Ebert, mit dem ich über den zweckmässigen Beginn meiner Arbeit sprach, gab mir den Rat, zuerst einmal in Berlin selbst zu beginnen. Elfriede Ryneck, die ebenfalls Mitglied des Gross- Berliner Vorstandes war, stellte mit mir zusammen aus dem Gedächtnis Listen von Frauen zusammen, mit denen wir in kurzen Zwischenräumen zusammenkamen, um gemeinsam den Neuaufbau der Frauenbewegung zu beraten und trotz der unruhigen Verhältnisse durchzuführen. So gelang es uns, einen Teil der vor der Spaltung so blühenden Frauenbewegung wieder zu beleben und zu festigen. Einige Male fuhr ich dann auch- meist auf Anforderung- ausserhalb zu Versammlungen und Zusammenkünften. Eine meiner ersten Reisen in diesem Schneewinter habe ich nicht vergessen. Der Zug Berlin- Königsberg blieb im Schnee stecken und musste buchstäblich freigeschaufelt werden, sodass ich erst am nächsten Morgen, statt am Abend vorher, in Königsberg ankam. Trotzdem führte ich meine Versammlungstour durch. Hier, nahe der russischen Grenze und dem östlichen Kriegsschauplatz, war von der Spaltung nichts zu spüren. Ich hatte in Königsberg, Tilsit, Gumbinnen und Memel sehr gut besuchte Versammlungen, mit vorwiegend weiblichen Raxx* x Besuchern, die alle bewusst und ernst wirkten. In Memel kamen sogar masurische Frauen, die weite Wege gemacht hatten. In ihrer Landestracht wirkten diese verschlossenen, kräftig gebauten Frauen in dämmrigen Saal vor mir wie ein schönes altes Gemälde. Ich habe ausser Königsberg- keine dieser Städte wieder gesehen." + Die ersten Monate waren für Marie Juchacz die schwersten. Louise Zietz war zwar zur USPD gegangen und auch in den Vorstand gewählt worden, aber -729- - trotzdem hielten viele Sozialdemokraten ihr die menschliche Treue und standen dadurch zwangsläufig der Nachfolgerin misstrauisch gegenüber. " Man darf nicht denken, dass ich nun unbestritten den Platz als Frauensekretärin im Büro des Parteivorstandes bezog. Louise Zietz war beliebt, sie war eine glänzende Rednerin und hatte ständig jüngere Kräfte gefördert. Schliesslich hatte sie ja auch mich selbst damals den Kölner Freun den empfohlen. In dieser Zeit nun gingen die Wogen mitunter hoch, weil ich selbstverständlich eine andere- sachliche Einstellung Einstellung zur gegenwärtigen Parteipolitik und-taktik einnehmen musste. Es war mir schmerzlich genug, mehrfach in Zeitungen lesen zu müssen, dass sich die Frau, die gerade durch Louise Zietz gefördert wurde,' sich auf deren Stuhl setzte'. Diese Vorwürfe wurden im wesentlichen aus USPD- Kreisen erhoben, aber auch innerhalb der SPD hat es einige Zeit gedauert, bis eine gewisse Animosität gegen mich verschwunden war. Das musste ich ruhig abwarten. Zuneigung und Vertrauen lassen sich nicht erzwingen, sondern nur durca sachliche Arbeit und eine gute menschliche Haltung erobern. So erinnere ich mich an eine Versammlung in Hamburg. Hanna Reitze hatte sie einberufen. Die USPD hatte Louise Zietz, die in Hamburg ihrer Herkunft und Kraft entsprechend- feste Wurzeln geschlagen hatte, als Rednerin geladen. Ich war innerlich sehr traurig über das hässliche Schauspiel dieser Versammlung, behauptete aber mit äusserer Ruhe meinen Platz am Rednerpult und man wa te es nicht, mich gewaltsam hinauszuzerren. Ich war nicht nachtragend, hätte mich gerne einmal alleine mit Louise Zietz ausgesprochen, um ihr zu sagen, dass mein Gewissen mich ja freisprach. Denn nachdem sie dem Vorstand der neugeründeten USPD angehörte, musste doch deshalb ihr ehemaliger Platz nicht frei bleiben. Sie war natürlich klug genug, das zu wissen, war aber trotzdem unversöhnlich. Mir hat es sehr leid getan." aus Hamburg + Als Marie Juchaczynach Berlin zurückkam, klang noch immer das unerfreuliche E Erlebnis nach, wie sie in das Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof kan, den grossen Saal betrat und sofort mit dem Antrag überfallen wurde, dass Louise Zietz als erste Rednerin- und ausserdem mit unbesckränkter Redezeit- sprechen müsse,- sprechen müsse,- wie dann Louise Zietz zum Rednerpult ging, un- ohne Abstimmung- sofort mit ihrer Rede zu beginnen, und wie Marie Juchacz, an einem höher als das Rednerpult gelegenen Tisch einfach aufstand und mit ihrer Rede begann. " Ich stand- rein örtlich gesehen- einige Stufen höher als sie, begann zu reden( es war ja schliesslich eine von der SPD einberufene Versammlung lung), und so viel ich mich entsinne, verliessen die SPD- Teilnehmer • Nause Im„ Vorwärts" much blättern! - 130- nach meinem Vortrag geschlossen den Saal.- Das Ganze war, wenn man an die schwere Kriegszeit denkt, eigentlich eine grosse Kinderei." Obwohl Marie im Zug von Hamburg nach Berlin kein Auge zugemacht hatte, fuhr sie von Bahnhof nicht in ihr gemietetes Zimmer, sondern sofort in ihr Büro in die Lindenstrasse 3, wo schon der Redakteur der Zeitung des" Gemeinde- und Staatsarbeiterverbandes" auf sie wartete. Zum gleich chen Abend war im Saal des Gewerkschaftshauses eine Gewerkschaftsversam lung einberufen und es fehlte noch die Rednerin für das Frauenreferat. Obwohl der Redakteur meinte, dass es wahrscheinlich ziemlich tumultuös zugehen werde und obwohl Marie völlig übermüdet war, sagte sie zu. " Es kam so, wie der Redakteur vermutet hatte. Das Thema des Abends, Kriegskredite- taktische oder grundsätzliche Frage?', erhitzte die Gemüter, die Versammlung artete in eine wilde Schreierei aus. Da war es ein ganz junger Mann, der mir imponierte, wie er die Versammlung wieder zur Ruhe zwang. Welche Haltung er selbst zum Thema einnahm, weiss ich nicht mehr, aber die innere Reife dieses jungen Menschen war verblüffend.- Ich begegnete ihm später mehrere Male: als Jungsozialist, als Parteisekretär, und dann in der Emigration. Er ist heute aus Überzeugung SED- Funktionär in der Ostzone Deutschlands." Während dieser ganzen Kriegsjahre hatte kein Parteitag der SPD mehr stattgefunden. Die einzuschlagende parteipolitische Linie war meist den örtlichen Funktionären überlassen, die sich zwar untereinander verständigten, aber auf viele Detailfragen keine Antwort wussten. So wurde ein Parteitag nach Würzburg einberufen, auf dessen programmatischen Ablauf hier nicht eingegangen werden soll. Für die Arbeit von Marie Juchacz war er von grosser Bedeutung: " Der Parteitag wählte mich in den Parteivorstand. Aus der Frauensekretärin wurde ein stimmberechtigtes Vorstandsmitglied mit den gleichen Funktionen wie bisher. Ich konnte nun meine Wünsche und Absichten in der kollegialen Körperschaft vertreten und mich an den anderen Arbeiten und Beschlüssen beteiligen. Aber wurde dadurch meine Arbeit leichter, oder gar gestützt?" Die Arbeit wurde schwerer und umfangreicher. Die innenpolitischen Ereignisse und die Vorgänge auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen waren alles andere als beruhigend. Als Marie Juchacz in den Maitagen des Jahres 1917 von einer schlesischen Versammlungsreise aus Breslau zurückkam- auf ihrer letzten dortigen Versammlung wäre sie beinahe ver 131 mahaftet worden, weil eine Diskussionsrednerin xxxxxx die von Marie Juchacz umschrieben formulierte Forderung der Frauen nach Gleichberechtigung allzu deutlich zum Ausdruck brachte-, kündigte sich bereits der Zusammenbruch des Kaiserreichs mit seinen ersten Vorzeichen an. Schon im März hatten sich die deutschen Truppen auf die Siegfriedstellung zurückgezogen. Emil Kirschmann hatte an Elisabeth in Köln einen Feldpostbrief geschrieben, der Deutschlands Zukunft in den dunkelsten Farben schilderte. Diesen Brief fand Marie jetzt in Berlin vor, zusammen mit einem Brief ihrer Schwester Elisabeth, die- entgegen ihrer sonstigen Einstellung einen sehr bedrückt klingenden Kommentar dazu schrieb. Zu allem Überdruss war Otto Gohlke krank geworden, und von Ottos Sohn Ernst, der als Soldat an der Front war, kam keine Nachricht mehr, sodass Marie nicht wusste, wo ihr der Kopf stand. Auf der einen Seite verlangte die politische Arbeit ihren ganzen Einsatz, auf der anderen Seite wuchsen die privaten Sorgen. Maries Bruder " Noch nie in meinem Leben bin ich richtig krank gewesen, aber jetzt fühlte ich mich- obwohl ich körperlich durchaus gesund war- so elend, dass ich es wahrscheinlich im ersten Augenblick als Erleichterung empfunden hatte, wenn ich wirklich krank geworden wäre." Marie Juchacz wurde nicht krank. Die Verantwortung für die ihr übertragene Aufgabe hielt sie aufrecht. Durch ihre Reisen von Berlin aus in alle Teile des Deutschen Reichs hatte sie viele neue Freunde gefunden, Mit Louise Schröder, Toni Pfülf, Dorothea Hirschfeld, Hedwig Wachenheim und vielen anderen war sie xxx schon sehr früh freundschaftlich verbunden. Besonders Louise Schroeder war ihr sehr schnell näher gekommen, aber doch nicht so nahe, dass sich diese beiden Frauen auch über private Probleme unterhalten hätten. Das geschah nur ein einziges Mal, als Louise Schroeder erfuhr, dass Marie zwei Kinder hat. " Ich bewundere Dich, Marie, wie Du trotz dieser Kinder Deine politische Arbeit bewältigst.". " Da musst Du meine Schwester Elisabeth bewundern, die nicht nur meine beiden Kinder, sondern auch noch ihren eigenen Jungen betreut und in Köln ihre politische Aufgabe erfüllt." Zur gleichen Zeit, am 12. März 1918, schrieb Elisabeth aus Köln- Klettenberg einen Brief an Eveline, die Frau ihres Bruders Otto in Berlin: " Ich denke sehr oft an Euch alle, und durch Mieze erfahre ich dann und wann etwas von Euch und Eurem Leben.- Heute lege ich einige Bilder von uns bei. Sie sind sehr natürlich, ganz besonders die Kinder. Sie sind mittlerweile alle drei sehr gross geworden, besonders Lotte erscheint schon sehr erwachsen, trotz ihrer kurzen Röcke. Paul entwickelt sich . - - 132körperlich und geistig auch sehr gut, besser, als wir bei seiner zarten Konstitution und bei seinen vielen Krankheiten annehmen konnten. Und mein Fritz ist auch gross geworden, und lustig und ruppig ist er, immer durcheinander. Eure Mädels könnten auch einmal schreiben, vielleicht besinnen sie sich noch auf ihre Tante Lisbeth, wo sie doch so oft zu uns nach Neukölln in die Warthestrasse zu Besuch kamen. Auch mein grosser Bruder darf ruhig einmal die Feder meinetwegen ins Tintenfass tauchen.- Von unseren Kindern soll ich grüssen, sie besinnen sich allerdings nicht mehr auf alles, besonders Fritz als Jüngster." Elisabeth war in dieser Zeit, in der sich das Kriegsende ankündigte), der treibende Motor, der trotz der mehr und mehr wachsenden Arbeit Die Zeit fand, die familiären Bande festzuhalten: " Wer weiss, wie das Ende sein wird. Die Oberste Heeresleitung hat zwar vom Auswärtigen Amt ein sofortiges Friedensangebot an die Entente verlangt, Hindenburg und Ludendorff haben schon vor einigen Wochen beim grossen Kronrat, den Krieg für verloren gegeben, und die Oberste Heeresleitung spricht sich auf einmal für die Einführung des parlamentarischer Systems aus. Gröber, Erzberger, Haussmann und Scheidemann sind seit wenigen Tagen Staatssekretäre ohne Portefeuille. Was sollen sie denn auf einmal ausrichten? Man erzählt hier in Köln, dass der Kaiser abdanken wird. Irgend etwas muss sehr bald geschehen, denn wir spüren hier im Rheinland schon längst das Ende. Wie sollen wir unsere Kinder satt bekommen? Fritz ist durch die Wassersuppen so blasenkrank, dass ich mir grosse Sorge mache. Lotte und Paul sind ebenfalls unterernährt, aber nicht krank. Wenn ich die notdürftig gekleideten verhungerten Kinder auf der Strasse sehe, zieht es mir jedesmal das Herz zusammen." Das war der letzte Brief, den Marie von ihrer Schwester aus Köln bekam. Dann überstürzten sich die Ereignisse. Die Dienstverweigerung von Matrosen auf dem Linienschiff" Markgraf" am 28. Oktober war der Auftakt. Was sich dann ereignete, ist bekannt.[ Revolution-tuation Gründung der AWNeue Seite ftation] Am 9. November 1918 um die Mittagszeit hatten sich die mehrheitssozialistischen Abgeordneten noch einmal mit den Mitgliedern des Parteiverstandes zusammengesetzt. Um 1 Uhr hatte der Reichskanzler, Prinz Max von Baden, die Abdankung des Kaisers bekanntgegeben. In diesem Tage ruhte in Berlin die Arbeit, die Garderegimenter waren zur sozialistischen Bewegung übergetreten, und ein Arbeiter- und Soldatenrat hatte sich gebildet, der mit den sozialistischen Parteien über die Bildung einer neuen Regierung im Reich und in Preussen verhandelte.- Um 3 Uhr übernahm Ebert das Reichskanzleramt. Kurz vorher hatte sich Marie Juchacz von ihm verabschiedet, um- wie sie sagte-' ihre Stellung in Neues Kapitel Das stimmt! 133 der Lindenstrasse zu beziehen'. " Euer Kampf hat sich gelohnt, Marie Juchacz. Wixxxxxxx Die Frauen sind wahlberechtigt. Jetzt macht den richtigen Gebrauch davon!" Nicht alle Frauen machten den richtigen Gebrauch davon. Marie Juchacz hat sich f später sehr Gedanken darüber gemacht: " Es ist viel darüber gestritten worden, ob das Frauenwahlrecht nun ein Segen oder Unsegen ist. Meine Antwort ist, dass man es zum Glück nicht mehr abschaffen kann. Dazu hat es sich schon zu sehr in der ganzen Welt verankert. Es wird, auch wenn der Lauf der Geschichte durch die Stimmabgabe von Frauen manche's Mal eine Richtung nahm, die nicht im Sinne derjenigen lag und liegt, die sich ein Leben lang für für dieses Recht eingesetzt und auch geopfert haben, doch das Mittel sein, mit dessen Hilfe die Frauen endgültig in ihre menschliche, politische, schaftliche und soziale Aufgabe hineinwachsen." + wirtNachdem am 19. Dezember 1918 auf einer Reichskonferenz der Arbeiterund Soldatenräte beschlossen warde, die schon am 9. November von Reichskanzler Ebert proklamierten Wahlen zu einer verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung abzuhalten, wurde die Wahl auf den 19. Januar 1919 festgesetzt. 18 Tage später, am 6. Februar, trat dieses Parlament zu seiner ersten Sitzung in Weimar zusammen. Zu den weiblichen Abgeordneten gehörten auch Marie Juchacz und Elisabeth Roehl, die beiden Schwestern, die sich hier wieder zu gemeinsamer politischer Arbeit zusammenfanden, кяdж*********** яx Es war ein Ereignis, das dem die Redaktion der" Berliner Illustrirte Zeitung" so viel Beachtung schenkte, dass sie ihrer Ausgabe von 9. März 1919 das Titelblatt mit dem. Bild der beiden Frauen widmete. Es war eine Sensation, als Marie Juchacz als erste Frau eines deutschen Parlaments ihren Platz in der ersten Reihe der Nationalversammlung verliess, zum Rednerpult ging und ihren Vortrag mit der Anrede begann:" Meine sehr geehrten Herren Herren und Damen!". Friedrich Stampfer, der inzwischen ebenfalls verstorbene Parteifreund von Marie Juchacz, sagte dazu: " Es war ein geschichtlicher Augenblick, als an einem Februartag des Jahres 1919 in der Nationalersammlung von Weimar zum ersten Mal eine Frau die Rednertribüne einer deutschen Volksvertretung betrat. Es war Marie Juchacz. Andere Frauen folgten. Sie hatte den ersten Platz, und sie hatte ihn verdient, nicht nur weil ihre Partei die stärkste war, sondern mehr noch, weil diese Partei- und Marie Juchacz mit ihr- allen 1 134 ика- anderen im Kampf um das gleiche Recht der Frau vorangegangen waren. Am lo. November 1918 wurde durch eine Proklamation der sozialdemokratischer Volksbeauftragten dese Forderung verwirklicht. Das war, was immer man sonst sagen mag, eine Revolution, und zwar- wie ich zuversichtlich hoffe- die segensreichste von allen. Denn mit ihr trat jene bis dahin rechtlos gewesene Hälfte der Menschheit in die Arena der Geschichte, die für die grauenhaften Untaten einer barbarischen Vergangenheit keine Verantwortung trug.- Mit der Rednerin Marie Juchacz tritt uns ein neuer, ein ganz anderer Typ entgegen. Vorbei ist die Zeit, in der Vorkämpferinnen einer Frauenbewegung glaubten, sie müssten durch die Annahme männlicher Allüren ihre Gleichwertigkeit mit den Männern beweisen, ja vielleicht durch übertriebene Lautstärke und Gestikulation ihre Überlegenheit zeigen. Marie Juchacz ist die Frau, die ihre errungenen Rechte mit würdiger Selbstverständlichkeit wahrnimmt. Es ist die Mütterlichkeit, die frauliche Menschenliebe, die mit ihr in der Volksvertretung das Wort ergreift. Angesichts einer solchen Erscheinung, die erfreulicherweise nicht vereinzelt bleibt, muss die Witzelei der Spiessbürger, die in früherer Zeit den Fortschritt der Frauenbewegung begleitete, einer stummen Verlegenheit Platz machen.- Durch Frauen wie Marie Juchacz wurde eine Tradition geschaffen, die im Bundestag ihre würdige Fortsetzung gefunden hat. Grosse Tage von der Art, wie sie der Bundestag bei der Debatte über die Gleichberechtigung der Geschlechter im Februar des Jahres 1954 erlebt hat, sind nur durch die Teilnahme von Frauen möglich geworden.- Als Marie Juchacz ein junges Mädchen war, gab es für Frauen noch nicht das Recht, zu wählen oder gewählt zu werden oder auch nur einem politischen Verein anzugehören. Sie hatte nichts als ihre Energie, mit der sie zu einer der führenden Gestalten des öffentlichen Lebens emporstieg, nichts als den Willen, Dienerin nicht einer' Herrschaft', sondern der ganzen Menschheit zu sein. So wurde sie zur Vorkämpferin einer friedlichen Revolution. dienach einem verlorenen Krieg sodringende Aufban Es war nicht leicht,) omarbeit in einer Zeit zu leisten, die trotz Kriegsende nicht zur Ruhe und zum sinnvollen Wiederaufbau kouw Am 22. 1919. und 23. Junieraandelte die Nationalversammlung in Weimar über die Unterzeichnung des Friedensvertrages. Fünf Tage später wurde er im Schloss zu Versailles unterschrieben. Marie Juchacz kannte seine Bedingungen nur zu gut und xxx wusste, dass sie in der unterschriebenen Form niemals erfüllt werden könnten. Mit ihrer Schwester Elisabeth, die inzwischen in Köln Stadtverordnete geworden war, hatte sie in Weimar während der Sitzungen der Nationalversammlung viel Gelegenheit, diese Probleme nach allen Seiten hin durchzudenken, ohne aber zu irgendwelchen Ergebnissen zu kommen. - 135- Es war für Marie eine bittere Enttäuschung, dass die Sozialdemokraten in der Nationalversammlung nur mit 163 Abgeordneten vertreten waren. Sie fragte sich und rechnete, ob es möglich sei, dass der von der SPD nominierte Kandidat für das Amt des ersten Reichspräsidenten, Friedrich Ebert, unter diesen Umständen gewählt werden würde oder nicht. Es war fast an ein Wunder, dass der Heichspräsident am 11. Februar nach der Wahl Friedrich Ebert hiess. Wahr scheinlich hatte der Weltkrieg alle früheren Konstellationen über den Haufen geworfen, denn von den mehr als 50% vor Beginn des Krieges sozialistisch gesinnten Arbeiterinnen und Arbeitern hatten bei der Wahl zur Nationalversammlung nicht м** x* x* x* x* kkal einmal die Hälfte ihre Stimme für die SPD abgegeben. Es gab in Weimar noch 42 Deutschnationale, 21 Deutsche Volksparteiler, 75 DeutschDemokraten, 75 Christliche Volksparteiler, 22 Unabhängige und 10 Splitter- Parteiler. Und in Deutschland ging es drunter und drüber. Hinzu kam der unselige Friedensvertrag, der schliesslich von Dr. Bell und Hermann Müller unterschrieben wurde. Die Diskussionen, Erwägungen und Prüfungen, ob unterschrieben werden solle oder nicht hatten Tage und Nächte gedauert. In einem brief Elisabeths aus Köln an Marie nach Berlin heisst es: " Was wäre gewesen, wenn sich niemand zur Unterschrift gefunden hätte? Clemenceau hat keinen Zweifel daran gelassen, was dann geschehen würde. Nach meiner Meinung hat wilson bei den ganzen und Verhandlungen keine Rolle gespielt, die Franzosen haben gegen alle Vernunft gehandelt. So und so nimmt das kein gutes Ende.' Dabei sollte es ein guter Anfang werden.- In vielen Unterhaltungen sagte Marie zu der bevorstehenden Entwicklung ihre Meinung, und mancher Parteifreund war der Meinung, dass sie zu schwarz sehe, wenn sie glaube, dass Deutschlands Wirtschaft Jahrzehnte benötigen würde, um sich nicht nur von den Folgen des Krieges zu erholen, sondern auch die Bedingungen des Friedensvertrags zu erfüllen. Dass die Radikalisierung, die sich schon in dieser Zeit ganz rechts und links in Putschen und Aufständen austobte, unter diesen innenund aussenpolitischen Verhältnissen weiter um sich greifen würde, stand wie ein böses Menetekel im Schatten aller politischen Zukunftsgespräche, durch die Maries eigene Aktivität allerdings nicht beeinträchtigt wurde. Sie ahnte das Böse und wollte das Gute. Der alte Gedanke, während des Krieges schon einmal im Rheinland diskutiert und wieder zurückgedrängt, tauchte wieder auf: die Arbeiterschaft muss der Arbeiterschaft helfen, die Not zu lindern. - 136" So wurde im Zentralpunkt Berlin gegen Ende des Jahres 1919 die Arbeiterwohlfahrt' geboren. Sie war in ihrem geistigen Keim schon viel früher entstanden, aber damals war der Boden noch nicht fruchtbar für sein Wachstum." Um zu verstehen, wie Marie Juchacz auf den Gedanken kam, eine Selbsthilfe- Organisation der Arbeiterschaft ins Leben zu rufen, müssen wir uns noch einmal in die Zeit zurückbegeben, in der sie während des Krieges in Rheinland tätig war: Vor und . -137" Es zeigte sich der, dass wir immer wieder bei den das Leben der Frauen berührenden Schwierigkeiten des Tages landeten: die Teuerung, die kleine Wohnung, der geinge Verdienst des Mannes( sofern er nicht Soldat war), die Notwendigkeit des Mitverdienens verheirateter Frauen, mancherlei Erziehungsschwierigkeiten, Krankheit in der Familie, Ehekonflikte, eine zu grosse Kinderzahl und Furcht vor neuen Zuwachs durch Geburt. Das waren die Sorgen, de die Frauen ganz aus dem individuellen Gesichtspunkt der erlebten und im engsten Kreis beobachteten Not zu besprechen suchten. Es war nicht zu schwer, sie in der Diskussion von der Erörterung nur persönlichen Erlebens azulenken, zumal ihnen der eigene Takt verbot, gar zu intime Erlebnisse aus der eigenen Familie vor mehr als zwei Ohren zu besprechen. Für mich galt es, das in persönlichen Gesprächen Aufgenommene für die allgemeine Duskussion in gesellschaftliche und soziale Zusammenhänge zu bringen, mit anderen Worten: sie erkennen zu lassen, dass fast ale ihre vielseitigen Nöte einen gemeinsamen Ursprung in den sozialen Verhältnissen hatten. Ich musste bei diesen Unterhaltungen bald erkennen, dass wir immer wieder an die Frage kamen:' Und wie helfen wir uns und den anderen?' Wie helfen wir uns schon heute, nicht erst in einer ferneren Zukunft, in der vielleicht durch eine soziale Gesetzgebung oder durch eine soziale Neuordnung der Produktion viele Nöte aufgehoben werden? Gibt es nicht schon jetzt- augenblicklich- einige Möglichkeiten der Selbsthilfe, sei es auch nur zur Überbrückung, bis zu einer Zeit allgemein fühlbarer Besserung der gesellschafftichen Zustände? Und bei diesen Debatten wurde wieder und wieder auf das Tun der kirchlichen Organisationen hingewiesen. Man wollte die Hilfe nicht so, in der Form einer frommen Barmherzigkeit, wie sie das Gefühl dieser und vieler anderer Frauen verletzte. Man wollte Hilfe auch nicht als Geschenk des Reichen an den Armen, worauf man ebenfalls sensibel reagierte, sondern mehr in Form der Selbsthilfe. Ich muss hier einfügen, dass die Sozialgesetzgebung damals nur die Unfall-, Alters-, Invaliden- und Krankenversicherung umfasste. Alle anderen Notstände sollten durch die' Armen gesetzgebung der Länder erfasst und erledigt werden. Armenpfleger rekrutierten sich aus den Reiken des Handwerks und des mittleren Bürgertums. Sozialdemokraten und Frauen waren zumeist ganz ausgeschlossen. Im Rheinland hatte man- welch Riesenfortschritt!- einige katholische Lehrerinnen in diese Arbeit aufgenommen. Eine moderne Wohlfahrtsgesetzgebung wurde erst nach 1919 begonnen. Es war in der Familie des Arbeiters verpönt,' Armenunterstützungen' anzunehmen. Obwohl es ich zum Beispiel bei den Krankenhauskosten für die - 138nichtversicherten Frauen oder Kinder nur um Darlehen handelte, die in jedem Fall auch abzutragen waren, ruhte das Wahlrecht des Mannes so lange, bis die Schuld getilgt war. In Familien, die längere Zeit, so z.B. bei Arbeitslosigkeit, Armenunterstützung annahmen, hatte der Mann kaum jemals wieder die Aussicht, ein vollberechtigter Bürger zu werden. Abgesehen von dieser empfindlichen Bestrafung der Armut galt es im öffentlichen Bewusstsein für eine Schande,' Almosenempfänger' zu sein. Das Selbstbewusstsein des organisierten Arbeiters vertrug das nicht mehr. Diese Stimmung übertrug sich in erfreulicher Weise auch auf die damals noch nicht wahlfähigen Frauen dieser Familien. Das war ein gutes Barometer für das Gefühl menschlicher Würde. Man muss wissen, dass im Deutschland dieser Zeit sich jede selbständige Entwicklung der Arbeiterbewegung in weltanschaulichem Kampf vollzog. Die Gegensätze bestanden nicht nur zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmmer. Der Staat und alle Institutionen waren stark gegen politische und soziale Forderungen der Arbeiterbewegung eingestellt. Es war alles Kampf. Die Kirchen und ihre Träger stellten sich fast durchweg- von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen- in den Dienst der Gegner der Arbeiterbewegung. Die Schärfe dieser Auseinandersetzungen un bessere Lebensbedingungen und im Bestreben der Sozialdemokratie um Besserung aller gesetzlichen Verhältnisse zugunsten der breiten Masse der Bevölkerung trat auf beiden Seitens stark in den Vordergrund. - So war es wohl kein Wunder, dass die Frauen, mit denen ich zu tun hatte, Hilfe für sich und ihre Familien von kirchlicher Seite kommend- ablehnten. Zum Teil wurde eine solca Hilfeleistung auch unter Erwartungen angeboten, die direkt oder indirekt mit Forderungen verknüpft waren, die man nicht erfüllen konnte oder wollte. Nach Kriegsende 1918 und nach der Revolution trat die Arbeiterbewegung in eine neue Phase ihrer Entwicklung. Schon allein durch das Frauenwahl recht bekam die oziale Situation ein neues Gesicht. Auf dem sozialen Sektor machte sch eine Verschiebung auch dadurch bemerkbar, dass nach Meinung der Träger der' traditionellen Wohlfahrtsorganisationen' plötzlich für sozialdemokratische Kräfte keine Verwendung mehr da sein sollte. Sozialistische Abgeordnete? Stadtverordnete? Ja natürlich, das geht ja( leider) nicht anders! Einzelne Bürger von Fall zu Fall? Ebenso! Aber darüber hinaus, in zentralen und regionalen Körperschaften?' Nein, denn sie haben ja keine derartigen Organisationen hinter sich.' Dabei waren die Notstände riegengross. Der Krieg 1914/18 war ernährungsmässig sehr schlecht vorbereitet gewesen. Die Schwierigkeiten der Versorgung brachten schon während des Krieges Unterernährung schlimmster Art für Frauen und Kinder. Dazu die Überarbeit der Frauen. Der Zusammenbruch Ende 1918 fand die soziale Not auf ihrem Höhepunkt. Die Männer kamen - -139- zurück, zum Teil krank, arbeitsunfähig, verworren, weil sie nicht ganz verstanden, was vor sich ging. Zum grössten Teil strebten sie ihren Arbeitsplätzen zu, soweit diese noch vorhanden waren, oder suchten sich neue Arbeitsplätze. Dabei lösten sie die Frauen ab, von denen nun viele plötzlich vor dem Nichts standen. Der Krieg hatte grosse psychologische Änderungen und solche der äusseren Lebens gewohnheiten und Anschauungen verursacht. Nahrungsmittelmangel, Teuerung, Massenerkrankungen von Kindern und Erwachsenen als Folgen vorhergegangener Unterernährung und vornehmlich auch bei Überanstrengung, Demoralisationserscheinungen der Jugend, zerrüttete Eheng, Verwilderung der Sitten, die sich ankündigende Geldentwertung und die allgemeine politische Verwirrung bestimmten das Bild des sozialen Lebens. In der Arbeiterbewegung lag damals der Gedanke nahe, nun die vielen freiwilligen sozialen Kräfte der Kriegszeit zusammenzufassen und da-raus etwas Zweckmässiges und Neues zu xxxяffяxx formen. Es wollte aber - - aus sehr vielen Schwierigkeiten- nichts derartiges zur Durchführung kommen. So oft diese Frage noch so dringlich im engsten Kreis durchgesprochen wurde-, wir kamen nicht über die ersten Schwierigkeiten hinweg. Der Reichspräsident Friedrich Ebert gab uns das Motto:' Die Arbeiter- Wohlfahrt ist die Selbsthilfe der Arbeiterschaft'. Nach den materiellen und konnten nun- durch die grosse und schöne Geste eines Freundes alle psychologischen und prinzipiellen Bedenken überwunden werden. Dass die Idee einer sozialen Organisation auf dieser Basis bereits in den Köpfen unserer Freunde wurzelte, ist durch zwei Dinge bewiesen: durch die Gründung des' Hamburger Ausschusses für soziale Fürsorge' schon in Sommer 1919, und durch die widerspruchslose Aufnahme der' Arbeiter- Wohlfahrt' im ganzen Reich, xxxxxxxx gegen Ende des Jahr res 1919, und durch ihr schnelles Wachstum. Bezirks-, Orts- und Kreissogar ausschüsse wurden gebildet, Vertrauensleute in kleinen Orten auf dem Lande- wurden gefunden, alles entwickelte sich in schneller Folge. Zuerst wurden die Aufgaben der' Arbeiter- Wohlfahrt' sehr allgemein gesehen: Hilfe von Mensch zu Mensch in grosser Not war zu leisten. Auslandshilfe unterstützte die ersten Bemühungen. Aus diesem Zustand wuch die' Arbeiter- Wohlfahrt' bald heraus. Es war erstaunlich, mit welcher Schnelligkeit die junge Organisation die Kinderschuhe austrat, wie, ein Arbeitsgebiet nach dem anderen erkannt und in Angriff genommen wurde, in wievielen Variationen die Hilfe von Mensch zu Mensch sich entwickel te, wie stark aber auch das Bedürfnis wuchs, mehr von den Notwendigkeiten dieser Arbeit zu wissen und dieses Wissen ständig zu erweitern und zu vertiefen. Organisation und Arbeitsgebiete der Auwachom] - 140 - Me- Vieles von den Entwicklungsmöglichkeiten unserer sozialen Arbeit war vorauszusehen gewesen. Neues, Überraschendes kan hinzu. Vom Reichstag her kam das Reichs jugendwohlfahrtsgesetz, Mitarbeiter der ArbeiterWohlfahrt' sassen in Parlament und trugen die Ideen moderner Jugendwohlfahrt in das Gesetz hinein, alles vollzog sich in dauernder Wechselwirkung. Die Länder, Städte und Landkreisex mussten sich mit der Ausführung der neuen Gesetzgebung praktisch beschäftigen. Die' Arbeiter- Wohlfahrt' musste die gewählten Vertreter in den Kommunen und ihre Mitarbeiterschaft mit der neuen Entwicklung vertraut machen.- Die Arbeitslosenversicherung und Fürsorge, wie der Ausbau der Sozialgesetzgebung überhaupt- stärkerer Arbeitsschutz, Schwangeren- und Wöchnerinnen- Fürsorge brachten nicht nur Hilfe für die Betroffenen. Sie trugen ebenfalls mit dazu bei, die moderne Auffassung über soziale Hilfsmassnahmen, die Verpflichtung der Allgemeinheit zur Teilnahme an sozialer Arbeit deutlich zu machen. Erwähnt zu werden verdient besonders das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten', in welchem mit ganz alten, längst überlebten Ideen aufgeräumt wurde. - Die von der' Arbeiter- Wohlfahrt' zu leistende Aufklärungs- und Bildungsarbeit war von Beginn an sehr intensiv und steigerte sich ständig. Für die ehrenamtliche Arbeit fanden laufend zentrale und regionale Kurse statt, um die Mitarbeiter mit der neuen Gesetzgebung und ihrer Ausführung bekannt zu machen. Um mit den Kräften der Arbeiter- Wohlfahrt' auch in die soziale Berufsarbeit vorzudringen, waren zuerst einige Sonderlehrgänge notwendig. Reife Persönlichkeiten, die auf Grund ihrer Berufserfahrung einen Abschluss und staatliche Anerkennung brauchten, nahmen daran teil. Darüber hinaus wurden mit Darlehen und Beihilfen der' Arbeiter- Wohlfahrt' jüngere Menschen in vorhandene soziale Schulen vermittelt. Für andere wurde die notwendige Vorschulung geschaffen, sie strebten mit Hilfe unserer Organisation über die Kindergärtnerin und Hortnerin zur Jugendleiterin oder auch über die Krankenpflege zur sozialen Berufsausbildung. Moderne Kommunalverwaltungen kamen uns mit der Bereitstellung von Plätzen für das soziale Vorpraktikum entgegen. Doch es stellte ich sehr bald die Notwendigkeit zur Schaffung einer eigenen sozialen Ausbildngsstätte der Arbeiter- Wohlfahrt' heraus, um der Notwendigkeit einer guten Berufsausbildung genügen zu können." Schon im Jahre 1918 war in Berlin- Schöneberg eine soziale Frauenschule entstanden, deren Programm auf die neue Zeit ausgerichtet war. Die Initiatorin und Leiterin***** war Dr- Alice Salomon.- Was sich Marie Juchacz unter den Aufgaben und Zielen der' Arbeiterund eigener Schulen Wohlfahrt vorstellte, sprengt bei weitem den Rahmen, der durch die damals aufgestellten Satzungen gezogen wurde. 141Menschen kamen zu Marie, die sie in ihren Überlegungen bestärkten, neue Gedanken beisteuerten und diese eigenen Gedanken mit eigener Initiative weiterentwickelten, wozu der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt nicht nur in diesen' Gründerjahren', sondern auf Grund der noch heute gültigen Gesamtkonzeption jede Möglichkeit bot. So muss eine Frau genannt werden, die sich in besonderem Maße um die Entwicklung der Arbeiter- Wohlfahrt verdient gemacht hat: Hedwig Wachenheim. Mit dem, was sie einmal niederschrieb, greigt sie zwar mit einigen Gedanken dem chronologischen Ablauf der biographischen Darstellung vor, яkarakterisiertxakerxzugihhxauch versucht aber gleibh zeitig, dem Wesen und Charakter von Marie Juchacz gerecht zu werden. Sie schreibt: - 142" Wie Marie J, chacz auf den Gedanken kam, die' Arbeiter- Wohlfahrt' zu gründen, weiss ich nicht mehr. Sie zog mich heran, als sie schon zur Gründung entschlossen war. Diese Gründung war eine ausgezeichnete Idee für die Frauensekretärin der Sozialdemokratischen Partei- Marie Juchacz's berufliche Stellung bis 1933-, denn die AW gab den Frauen der SPD eine Möglichkeit der Betätigung im Staats- und Gemeindeleben, die mancher Frau besser lie als nur über Politik zu lesen und zu diskutieren. Ich war damals eine der wenigen in der Partei tätigen Frauen, die in der Wohlfahrtspflege ausgebildet und schon einmal in einem Wohlfahrtsant tätig gewesen war. So bat Marie Juchacz mich, Mitglied des Hauptausschusses zu werden. Ich übernahm die Leitung der Ausbildungskommission, die ebenso wie die Anstaltskommission nicht nur über Fachfragen des Ausbildungswesens oder Anstalts wesens beriet, sondern fest mit zum Organisationsapparat des Hauptausschusses gehörte, denn die Ausbildungs kommission leitete die Ausbildungsarbeit des Hauptausschusses genau so wie die Anstaltskommission sene Anstalten. Selbst später, als der Hauptausschuss mehr Personal einstellen konnte, änderte sich das Verhältnis der beiden Kommissionen zum Hauptausschuss nicht. Ich hatte 1926 vorgeschlagen, eine Halbmonatsschrift mit dem Titel' ArbeiterWohlfahrt' herauszugeben und übernahm die Redaktion der Zeitschrift. 1928 gründeten wir die erste Wohlfahrtsschule der AW und ich wurde Vorsitzende des Ausschusses, der die Schule leitete. So gehörte ich zum Stab der AW, ohne von ihr angestellt gewesen zu sein. Das gleiche galt für Elisabeth( Kirschmann)-Roehl, die Vorsitzende der Anstaltskommission, Maries jüngere Schwester, die 1930 mit etwa 42 Jahren starb. Die gemeinsame Arbeit brachte mich beiden Frauen persönlich nahe, und besonders mit Elisabeth verband mich ene persönliche Freundschaft, die noch intimer wurde, als ich 1928 in den preussischen Landtag gewählt wurde, dem Elisabeth schon länger angehörte. Die beiden Schwestern waren von einer gegenseitigen Innigkeit, wie man sie selbst bei Schwestern selten beobachtet. Sie hatten sich, aus den einfachsten Verhältnissen kommend, zu einflussreichen Stellungen in der Arbeiterbewegung emporgearbeitet und lebten in Köln und Berlin zu -143Beide tranen sammen. Ihre drei Kinder gehörten ihnen gemeinsam. He waren sich äusserlich ähnlich, aber verschieden in ihrem Wesen. Marie war verschlossen und herb, voll strenger Würde. Elisabeth war gemütlich, weich, freundlich, fröhlich, den Annehmlichkeiten des Lebens zugetan. Sie schrieb gewandt und hübsch ohne viel Schwierigkeiten. Als Rednerin gefiel uns Marie besser. Sie war imposant durch ihre Schwere, während Elisabeth mir oft zu leicht und weiblich erschien. Elisabeth hatte eine leichte Auffassungsgabe und arbeitete sich schnell in die Probleme der Anstaltsfürsorge ein. Der Immenhof als Fürsorgeerzienungsanstalt der AW war ihre Idee, und sie hat unendlich viel von ihrer Arbeitszeit auf ihn verwandt. Sie hatte künstlerischen Geschmack, das sah man dem Haus an. In einem aber waren sich die Schwestern ähnlich: sie waren beide vollkommene ladies'. Ich verwende hier ausdrücklich den englischen Ausdruck, denn er vereinigt Gesinnung und äussere Form. Ich habe nie von einer der beiden ein unvornehmes Wort gehört, eine unvornehme Geste gesehen oder eine Intrigue erlebt. Marie konnte abweisend sein, aber launisch war sie nie, und nie unsachlich. Elisabeth war gelöster, aber im Wohlfahrtsausschuss der preussischen Landtagsfraktion übte auch sie ihr Amt mit Würde aus und ordnete mit heiterer Liebenswürdigkeit die verschiedenen Meinungen der Sache unter. Als sie tot war, wurde es uns viel schwieriger, einheitliche Meinungen zu erzielen und die natürlichen Eifersüchteleien aus zuräumen. Bei aller Verschlossenheit war Marie eine angenehme Vorsitzende der AW. Sie liess ihren Mitarbeitern freie Hand, verlangte aber dennoch, gefragt zu werden. Und ich frug. Das war ich selbstverständlich ihrer Stellung schuldig. Ich wusste ja auch, dass sie nie ohne guten Grund, den ich vielleicht nicht im voraus kennen konnte oder übersah,' nein' sagen würde. Sie war nicht weniger unternehmungslustig als ich selbst. Die Ausbildungsarbeit stiess in Gebiete vor, die sonst ausserhalb des Wirkungsbereichs der Arbeiterbewegung lagen. Durch die Zeitschrift konnte sie schnell und durch gute Fachleute ihre Meinung auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege formulieren und der Öffentlichkeit darlegen und durch die Schule die Verwaltung mit Menschen, die unmittelbar aus der Arbeiterschaft kamen, durchsetzen. Aber wenn ich das Gefühl hatte, dass ich der Öffentlichkeit oder auch unseren Schülern einmal ganz deutlich klar machen müsse, was die Arbeiterbewegung auf einem bestimmten Gebiet der Wohlfahrtspflege oder innerhalb der Schule mit gewissen Entscheidungen bezwecke, bat ich Marie um ihre Unterstützung. An der Zurückhaltung und dem Ernst, mit dem sie dann sprach, spürte man, wie schwer sie es 244- den, vor Ehe laut hin treten und ihre Meinung zu sagen. Aber gerade i lureb überm. m.te. nie ihre Mörer von der Redaktion, irer Worte all der Tatsuche, dass die Weinung für Arbeit ebenso zug nicht Weigeführt werden könne. Maffha Erich Ollenhauer-Hertha Gotthelf Ewa Parler-Prochownite-Dorotheattionsfeld Louise Schröder] J. der Arbeit von Marie Jesu es – und der vor letzten, der dannke anderen damals politischen[tätigen] Hinschen-pracht zu werden, genügt ein Vergleich mit der montigen Landesprepellik. Dort caland ist daar noch ie er gespalten in bat und Opt, kontinantale Problem haben, ich möglob ich Dir mainen anthändig ist, der wirdvoll ist doch die vor erzeußttert. Aber während konnte die Urtheilung der Dinge etc. in origonieren Fluss befindet, wirtschaftliche uns soviele Wollung auf xxxle naturisch-lokratischen Basis auszudien und plöst erlen, Herr ehte nach 1910 in Deut ehl ud ein Tohannbeln, der in keine Ordnungen begründet war. Jahren die mich in der persönl. unterziehen Winderheit vorin einem Sozialdokraten verwehten, die Republik zu fertigen, werden diese Bandes gen unentgebrenen Pfahr ist und verdatelt. Zuhlarbeit von links end rechts unter ist it. Jeden Verwahder politischen Theil eröfflichen Ordnung. Ich waren allbarer Eländerheit verbrachten konnte, welche Fängchen ihre Krafts. Lxxie Jeennes ind ihre Seluchter wird auch Bezal erhörten und den Unmäßigen, für siebt den führteten, fern die Diener die Sommer som, kund om iin vormenden, ilden dat opud m. Anna, wie in die konnte Regulatinnen lassen. So war werden Jahres nicht vor dienste then septembricht, als ist als mit Sied des ersten Richtungsausmößt, oder bezültigte die Auf dem als contrale Frauen Christuri. der TO, als Voreitsche der nach der Grüning: Facultiv annoch ander Arb it r-Wollfurt, agle Redherin und Schrift Velurin, and als Voretwas ist ist der Zuständigenen Arbeitung, al, der in viel Zeit diete, und i'm die Zorgen an die Freund verdrig lieb war. So Ihn jungen waren, so kommt wir die Gläubiger konnte es, wenn darum -145ren Kontakt bekam, gehörte auch Erich Ollenhauer, der seit dieser Zeit den Lebensweg von Marie Juchacz kennt. Heute, wo ihn seine Arbeit an die Spitze der SPD gestellt hat, sagt er: ta " Wir werden dem Lebenswerk von Marie Juchacz nicht gerecht, wenn wir es nur versinnbildlicht sehen in ihrem. engen Verhältnis zur Arbeiter- Wohlfahrt. Ihre Initiative und ihre Aufbauarbeit in diesem Stück der modernen Arbeiterbewegung entsprang tieferen Wurzeln als nur dem Bemühen, auch auf der Seite der Arbeiterbewegung das grosse Gebiet der Wohlfahrt und Fürsorge für die sozial Schwachen unter sozialistischen Gesichtspunkten zu organisieren. Der Lebensweg von Marie Juchacz war ein Weg des Kampfes und der Arbeit ein menschenwürdiges Dasein und für die Anerkennung der elementaren Grundsätzrechte, vor allem für die sozial Schwachen und dabei in erster Linie für die Frauen. Marie Juchacz hat in jungen Jahren den Kampf für die politische Gleichberechtigung der Frau aus sozialer, staatsbürgerlicher und menschlicher Benachteiligung aufgenommen und sie stand schon in der vordersten Reihe, als 1918 die Revolution den Fazuen das Wahlrecht verlieh und damit den ersten grossen und entscheidenden Schritt auf dem Wege der vollen Gleichberechtigung tat. Dabei war Marie Juchacz sebst in der Zeit der härtesten politischen Auseinandersetzungen alles andere als der Typ der' politischen Frau', die nur die politische Aufgabe sah. In den ersten Jahren der Weimarer Republik war sie als Mitglied des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands auch Mitglied des Vorstands der Sozialistischen ArbeiterJugend, und wir Jüngeren haben damals in der Zeit des Aufbaues der neuen sozialistischen Jugendbewegung immer in Marie Juchacz die verstehende, gute und mithelfende Kameradin gefunden. Auch Hertha Gotthelf, heute im Vorstand der SPD, kam aus den Reihen der Arbeiterjugend und fand schon sehr früh den ersten Kontakt mit Marie Juchacz: " Es muss so um 1920 gewesen sein, als ich Marie Juchacz das erste Mal bei einer sozialdemokratischen Frauenkonferenz in Breslau sah. Wir ' Jungen', die wir in unseren Abenden der Arbeiterjugend und der Jungsozialisten gewohnt waren, voller Selbstvertrauen unsere Meinung zu sagen und die' Alten' und besonders den Parteivorstand zu kritisieren, waren ganz still und kleinlaut in Gegenwart dieser herben, klugen und überlegenen Frau. Dass sich hinter diesem herben Wesen sehr viel warme Mütterlichkeit verbarg, merkte man erst, wenn man das Glück hatte, sie aus näherer Zusammenarbeit kennen zu lernen. Nicht nur zur Arbeit der AW, die immer ihr 146 liebstes Kind war, brachte sie neben ihrer grossen Erfahrung und ihrem klaren, praktischen Verstand ihre ganze menschliche Grösse und Anteilnahme. Gerade auch in der politischen Arbeit war sie immer und zuerst der gütige, warmherzige Mensch. Die Jahre des Wirkens os Leiterin der sozialdemokratischen Frauenarbeit Deutschlands waren Jahre des Aufstiegs. Von 1918 bis 1930, als die wirtschaftliche und politische Krise in Deutschland sich auch in ständig wachsenden Schwierigkeiten für die Organisationsarbeit der SPD auszuwirken begann, wuchs unter ihrer Führung die SPD- Frauenarbeit sowohl zahlenmässig als auch in der Vielfalt der Probleme, die angesprochen wurden. Fast ein Drittel aller Mitglieder der SPD waren damals Frauen, und im Reichstag gab es keine der gross en politischen, wirtschaftlichen, sozialpolitischen und kulturellen Fragen, in denen nicht auch die Frauen ein sehr gewichtiges Wort mitzusprechen hatten. Wir, die wir nun selber heute schon grau geworden sind, lernten in dieser Zeit des Aufstiegs und des Erfolges von Marie Juchacz nicht nur ' das Handwerkliche' der politischen Arbeit, sondern ihr Beispiel zeigte uns vor allem, dass für eine nachhaltige Wirkung der Arbeit für die Ziele unserer grossen sozialistischen Bewegung nicht nur ein Wissen um Form und Inhalt notwendig ist, sondern dass gerade diese Arbeit die Bereitschaft, den ganzen Menschen einzusetzen, verlangt. Ich glaube, nichts kennzeichnet Marie Juchacz besser als der unvergessliche Ausspruch, den sie einmal getan hat:' Wir dürfen nicht fragen, was bietet mir die sozialistische Bewegung, sondern was kann ich der sozialistischen Bewegung geben.- Gerade weil die Menschen, die mit ihr zu tun hatten, ob Freunde oder Gegner, diesen inneren Antrieb ihrer Arbeit spirten, war und ist sie x**** ********* weit über die Kreise der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands hinaus im In- und Ausland geachtet, bewundert und verehrt. Wir sind stolz, dass unsere Bewegung Menschen wie Marie Juchacz hervorgebracht hat." + Die Arbeiter- Wohlfahrt, am 13. Dezember 1919 gegründet, war noch in ihren allerersten Anfängen. Marie Juchacz befand sich auf einer Reise durch Oberschlesien und die deutschen Ostprovinzen, In Posen lernte sie Martha- Eva Parker- Prochownik kennen, eine an allen Problemen brennend interessierte Frau, die sie sofort zur Mitarbeit heranzog: " Im März 1920 hatte ich eine Konferenz mit Marie Juchacz in Berlin über die politische Lage in der Stadt und Provinz Posen, die sich -147ständig xxxxxxxxxx für die deutsche Minderheit verschärfte. Der deutsche Volksrat und Frauenrat bemühte sich um die Beratung und Hilfe für die Abwanderer, und es wurde von ihr erwogen, in wieweit es möglich und notwendig war, im Rahmen der Gewerkschaften und der SPD eine besondere Beratung zu organisieren. Marie wollte alles vermeiden, was parteipolitische Unterschiede verschärfen konnte, und betonte die Notwendigkeit, mit Politikern wie dem polnischen Reichstagsabgeordneten Korfanty enge Fühlung zu halten. Marie liess sich von mir regelmässig berichten, wei keine deutschen Abgeordneten, die zu den Linksparteien gehörten, im Reichstagvertreten waren, die aus eigener Erfahrung sprechen konnten. Sie interessierte sich vor allem für die ausschlaggebende Rolle, die der polnische katholische Klerus seit dem Beginn der Ansiedelungspolitik der preussischen Regierung in den Ostprovinzen gespielt hatte, der während des Krieges offen die Wiederherstellung des polnischen Staates nach dem Kriege verlangte. Sie war beeindruckt durch. den nachhaltigen Einfluss, der durch Kirche, Schule und Wohlfahrtspflege auf die Bevölkerung ausgeübt wurde, und erörterte sofort die Entwicklungsmöglichkeiten einer Arbeiterwohlfahrt.- Ich lebte damals in Posen und meine Ausweisung war zu erwarten. Sie erfolgte kurz darauf. In den Jahren 1920 bis 1922 nahm ich teil an Besprechungen und Konferenzen, die zwischen dem Deutschen Roten Kreuz und der Arbeiter- Wohlfahrt in Sachen der Fürsorge für Mutter und Kind stattfanden. Adele Schreiber war damals die Leiterin der Abteilung' Mutter und Kind' des Roten Kreuzes. Der damalige Rot- Kreuz- Geschäftsführer, General Draudt, äusserte oft seinen hohen Respekt vor der objektiven, sachlichen Behandlung aller einschlägigen Fragen. Er hatte im Anfang gefürchtet, dass es zu Zusammenstössen mit der' roten Frau Reichstagsabgeordneten' kommen würde. In der gleichen Zeit förderte Marie die Tätigkeit des Oberschlesischen Pressedienstes der Reichs regierung, der von Dr. Adolf Grabowsky geleitet wurde. Sie bemühte sich um eine grosse Kundgebung im Reichstag, bei der Friedrich Ebert sprach. In*********** ям Gesprächen ging sie oft auf die weittragenden Folgen ein, die das Abstimmungsergebnis auf das xxx Geschick von tausenden von Familien haben würde. Nach der Gründung der Reichsarbeitsverwaltung war Marie in steter Fühlung mit Gertrud Hanna und Franz Spliedt, die die Freien Gewerkschaften der Verwaltung gegenüber vertraten. Zu Marie's grundsätzlichen Forderungen, die sie mit Nachdruck vertrat, gehörten ein sehr viel weiter vorausschauendes Arbeitsbeschaffungsprogramm, das auch den Frauen grössere und bessere Arbeitsmöglichkeiten verschaffen sollte, vor allem den Frauen von Kriegsbeschädigten, deren finanzielle Lage bedenklich -748schlecht war. Sie verlangte die rasche Eröffnung von Kinderkrippen und Horten durch die Industrie und durch Stadt- und Kreisverwaltungen, weil die bestehenden Einrichtungen den Bedürfnissen längst nicht mehr genügten, und war besorgt über die Zunahme der Heimarbeit, die überwiegend völlig ungeschützt' war und bei der sehr oft kleine Kinder mitarbeiteten. Die sittlichen, sozialen und wirtschaftlichen Gefahren der beginnenden Inflation wurden nach ihrer Erfahrung in ihrer ganzen Schwere von den Verantwortlichen, von Politikern, Wohlfahrtspflegern, Ärzten und Theologen, nicht wahrheits getreu eingestanden, um die' Volksmoral' nicht. zu schwächen. Sie war über dieses Versagen weiter Kreise sehr enttäuscht und sagte bei einer Besprechung: ' Nach allem, was die Masse der Arbeiterschaft seit 1914 an Opfern gebracht hat, ist dieses kalts canäuzige sich- Abfinden mit den nicht wegzuleugnenden Tatsachen ein Verbrechen an der kommenden Generation.' Noch später, während der Hitlerzeit, als wir uns in der Emigration begegneten und von den Ursachen der ganzen Entwicklung sprachen, sagte sie des öfteren, dass die Unterlassungs sünden der Gesetzgeber, der Verwaltung und der Industrie zu Beginn der zwanziger Jahre zwangsläufig zu einer tiefgreifenden Erschütterung des Vertrauens zu Staat und Gesellschaft führen mussten. Sie war bedrückt über die mangelnde Energie und Voraussicht, die die in der Mehrheit befindlichen nicht- sozialistischen Parteien der Weimarer Republik in entscheidenden Fragen gezeigt hatten. Während der Besetzung des Rheinlands war Marie beschäftigt mit Fragen der menschlichen Annäherung und Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland, und mit den Möglichkeiten des Einflusses, der durch Frauund enstimarecht Frauenvertretung in den Parlamenten für die Zukunft erwartet werden könnte. Andererseits erkannte sie die mangelnde Bereiteeh schaft, sowohl hüben als auch drüben eine wirkliche und echte gegenseitige Verständigung zu erstreben. Schon damals gestand sie, dass es sie beunruhige, zu beobachten, dass- ganz allgemein gesprochen- die weiblichen Wähler durch Appelle an enttäuschte Hoffnungen, Vorurteile und Geltungsbedürfnis durch agitatorische Manöver radikaler Parteien und Strömungen zur Unterstützung von extremen Richtungen gewonnen werden könnten. - Marie hat während der zwanziger Jahre und auch rückschauend während ihres Aufenthaltes in den USA gerne von ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen im Reichstag gesprochen und auch immer anerkannt, dass die Zusammenarbeit mit den weiblichen Abgeordneten anderer Parteien befriedigend, oftauch erfreulich gewesen sei. . -149Ich selbst hatte besondere Gelegenheit, mit Marie während der Vorbereitung des Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten zusammen zu arbeiten. Sie fand es manches Mal belustigend, meist aber doch betrübend, mit welchem Ballast an vorgefassten Meinungen sehr viele Gegner der Gesetzgebung an die Fragen der Bekämpfung herangingen. Es wurde immer wieder die Furcht geäussert, dass eine Gewährleistung der leicht erreichbaren, freien ärztlichen Behandlung zu einer weiteren ' Demoralisierung der Massen' führen würde. Von Vertretern einer evangelisch- dogmatischen strenger Auffassung der Erbsünde- Lehre wurde immer wieder bekannt, dass die in der Gesetzgebung zum Ausdruck kommende Weltanschauung die moralische Grundlage der Familie auf das Schwerste gefährde und ein Freibrief für unverantwortliches Verhalten im Sexualverkehr sei. Marie war in Fühlung mit Dr. Magnus Hirschfeld, Professor Jadassohn- Breslau, Abraham Flexner, der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtskrankheiten, der' League of Nations, mit Iwan Bloch, A. Blaschko, Anna Popritz und vielen anderen. Sie interessierte sich für die Gründung der Pflegeämter und beteilgte sich laufend an den Besprechungen über die Organisation der neuen Einrichtung und die Einordnung in den Rahmen der öffentlichen Wohlfahrts- und Gesundheitspflege. Sie war überzeugt, dass die gesetzgeberischen Massnahmen gegen die Prostitution, gegen den Mädchenhandel und die Zuhälterei die stete Aufmerksamkeit der Gesetzgeber verlangten, weil die Strafbestimmungen und der Strafvollzug sowie die Bemühungen der öffentlichen Kontrolle sich in Großstädten oft als unwirksam erwiesen, gesehen vom Standpunkt der Vorbeugung und der Abschreckung. An diesen Beratungen nahm auch sehr oft Gustav Radbruch teil. In Gesprächen, die Marie nach 1919 besonders mit Arbeitern führte, erhielt sie den Eindruck, dass bei den Besitzern der Gross industrie und bei den von ihnen abhängigen Mittelbetrieben eine mehr oder weniger offene Neigung bestand, die Separatisteh- Bewegung in Rheinland zu stärken, da sie annahmen, dass jetzt- nach dem Kriege- durch den stärkeren Einfluss der SPD im Reichstag eine Steuer- und Sozialgesetzgebung mit verstärkten Lasten für die Betriebe zu erwarten sei. Marie war davon beeindruckt, dass die Arbeiter durch ihre Identifizierung mit der SPD und der Zentrums partei sich als' nationaler' erwiesen als die Kreise und Organisationen, die so gerne den Nationalismus als Aushängeschild, benutzten." Eine en der ersten Frau, die 1919 in ein Reichsministerium in den höheren Verwaltungsdienst berufen wurde, war Dorothea Hirschfeld. In der Abteilung" Soziale Fürsorge für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene" -150übernahm sie das Referat" Kriegerwitwen- und Kriegerwais enfürsorge" - " Die einzige deutliche Erinnerung an eine engere Zusammenarbeit mit Marie Juchacz- so sagt Dorothea Hirschfeld habe ich aus den Anfängen meiner Tätigkeit im Reichsarbeitsministerium. Es handelte sich damals darum, den Kriegerwitwen, deren Betreuung in mein Referat fiel, Berufsmöglichkeiten zu schaffen. Dabei war der Gedanke aufgetaucht, für einen verkürzten Nachschulungskursus für Wohlfahrtspflegerinnen, den Alice Salomon in ihrer Wohlfahrtsschule zum ersten Male plante, um den zahlreichen Frauen, die ich nach dem ersten Weltkrieg ohne genügende Vorbildung der Wohlfahrtspflege, zur Verfügung stellten, eine solche zu ermöglichen und auch geeignete Kriegerwitwen vorzuschlagen. Dieser Plan war zunächst zwischen Marie Juchacz und mir besprochen und dann an Alice Salomon herangebracht worden. Ich entsinne mich, dass eine grosse Zahl von Gesuchen von Kriegerwitwen eingingen, meist veranlasst durch die damals entstandenen Verbände der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen, an die die Anregung dazu von damaligen Reichsausschuss der Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenen- Fürsorge ergangen war. Diese Gesuche haben Marie Juchacz und ich sorgfältig geprüft, und ich habe damals einen ganz starken Eindruck davon gehabt, wie verständnisvoll und objektiv Marie Juchacz an diese Aufgabe heranging, wie sie in Rücksprachen mit den Antragstellerinnen es verstand, den Frauen die Anforderungen des sozialen Berufs klar zu machen und ihnen mit gütigen, aber bestimmten Worten zu sagen, wenn aus irgend welchen in der Person der Antragstellerin liegenden Gründen dem Gesuch um Aufnahme in den Kur sus nicht entsprochen werden konnte." Wenn Dorothea Hirschfeld auch nicht mehr direkt mit Marie Juchacz zu tun hatte, so blieb sie doch der Arbeiter- Wohlfahrt als Mitarbeiterin verbunden: " Sie wurde noch enger geknüpft, als die AW 1924/25 daran ging, einen Nachschulungskursus für in der Wohlfahrtspflege stehende Männer und Frauen zu veranstalten. Hier liegen die Anfange der systematischen Schulungsarbeit der AW, die dann einige Jahre später zur Gründung der eigenen Wohlfahrtsschule der AW führten. Ich habe von Anfang an an dieser Arbeit teilgenommen, wobei mir die Tätigkeit im Ministerium naturgemäss sehr zugute kam, und kann sagen, dass die Erinnerung an sie zu den schönsten meines Berufslebens gehört." + Bei der Charakterisierung der Aufbau- und Entwicklungsarbeit der AW darf auch die Stimme von Louise Schroeder nicht fehlen. Ein Jahr vor ihrem Tode liess die einstmals regierende Bürgermeisterin Berkins noch - 151 einmal die Septembertage des Jahres 1926 lebendig werden: " Vor mir liegt das Protokoll der bevölkerungspolitischen Tagung des Hauptausschusses für Arbeiter- Wohlfahrt in Jena vom September 1926. Es stimmt mich wehmütig und froh zugleich: wehmütig, weil der grösste Teil der damaligen Referentenwie Dr. Quarck, Dr. Moses, Gertrud Hanna, Elisabeth Kirschmann- Roehl uns seit langem- zum Teil infolge nationalsozialistischer Grausamkeiten- verlassen mussten. Nur Dr. Zadek und Dr. Kautzky weilen ausser mir selbst unter den Lebenden. Es stimmt mich aber auch froh und stolz zugleich, zu sehen, mit welchem Ernst die junge Arbeiterwohlfahrt die im Kaiserreich ungelöst gebliebenen und durch den ersten Weltkrieg so viel dringender gewordenen Probleme wenige Jahre nach ihrer Gründung in Angriff nahm und versuchte, nicht nur Schäden zu heilen, sondern die Ursachen zu ergründen und ihnen entgegenzuwirken. Sehen wir uns das Inhaltsverzeichnis an, so werden nach dem grundlegenden Referat über' Sozialismus und Bevölkerungspolitik' der' Schutz der schwangeren Arbeiterin im Betrieb', die Fragen der ' Prostituierung und Reglementierung' sowie der' Schwangerschaftsunterbrechung und-verhütung jeweils vom ärztlichen und vom sozialen Standpunkt untersucht und behandelt, in einer Weise, die heute nicht veraltet, sondern noch ausseordentlich aktuell ist. Wen verdanken wir diese Arbeit, ebenso wie mache andere? Hat auch Marie Juchacz die Tagung nur mit einigen wenigen sachlichen Worten eröffnet, so wissen wir doch, wie sie als Vorsitzende der AW hinter dieser Arbeit stand. Darüber hinaus finden wir als Angang zum Protokoll eine Eingabe, die Marie Juchacz im Namen der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands bereits im Jahre 1918 an den Richstag zu den Gesetzentwürfen über Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, Verhinderung der Geburten, Unfruch barmachung und Schwangerschaftsunterbrechung eingereicht hat. Was Marie Juchacz in dieser Eingabe niederlegte, zeigt ihre grosse Sorge um die Frauen und Mütter und um die gesunde Nachkommenschaft. So war die Jenaer Konferenz nur eine Folge ihrer schon früher angestellten Erwägungen, und dafür können wir, die wir in der Weimarer Zeit an der Lösung der Probleme mitarbeiten durften und auch heute noch vor gleichen Problemen stehen, ihr nur von Herzen dankbar sein." Familiars twigsonNemes kapitet[ id scule Entwicklung der Appid Achille at [ Noch vor der von Louise Schröder erwähnten Jenaer Konferenz hatte es in der privaten Sphäre der Schwestern Juchacz- Roehl einige Veränderungen gegeben, die nicht erschütternd waren, die aber erwähnt werden sollen, weil sie sowohl zum Bild der Zeit als auch zum Leben von Marie und Elisabeth gehören. Diese kleinen Veränderungen ergaben sich als Folge der politischen Tätigkeit der beiden Schwestern und entwickelten sich zwangsläufig aus dem Wachstum der Kinder. Schon mehérere Jahre vorher, 1921, war Elisabeth aus der Stenzelstrasse 13 in Köln- Klettenberg in die Nähe des sehr schönen Klettenbergparks gezogen. Hier war trotz aller Nachkriegswirrnisse ein - 152. Siedlungs- Komplex mit Ein- und Mehrfamilienhäusern entstanden,** In der Lorbergstrasse 28 im ersten Stock hatte sich Elisabeth eine kleine Wohnung gemietet, die sie ganz nach ihrem künstlerisc_hen Geschmack einrichtete. Maries Tochter Lotte hatte gerade ihr Abiturientenexamen bestanden, wollte Jura studieren und ging nach Berlin. Paul hatte schon mit jungen Jahren Geschmack an der Kandwirtschaft gefunden. Der noch in der Kriegszeit gemietete Schrebergarten in der Siebengebirgsallee war von ihm fachmännisch bewirtschaftet worden und hatte dazu beigetragen, die dürftige Kriegskost mit frischen Gemüsen, Salaten und Hülsenfrüchten zu bereichern. Es lag also nahe, dass er als landwirtschaftlicher Eleve in Freiburg im Breisgau beLisbeth gann. Marie blieb mit ihrem Fritz, der das Realgymnasium in Kölnlindenthal besuchte, vorerst alleine in Köln. Emil Kirschmann, der gesund aus dem Krieg nach Köln zurückgekommen war, betätigte sich sofort als eifriges Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und entwickelte dabei seine journalistischen Fähigkeiten, sodass es nicht lange dauerte, bis er als Redakteur in die Rheinische Zeitung in Köln eintrat und bei seiner Tätigkeit als politischer Journalist durch Wilhelm Sollmann und Georg Beier auf einen guten weg gebracht wurde. Emil und Elisabeth, die sich ja schon während des Krieges kennengelernt hatten, fanden sich nach dem Kriege in guter Kameradschaft wieder. Als dann endlich am 7. März 1922 die Scheidung von Elisabeth Roehl von ihrem Mann von dem sie seit dem Ausbruch des Krieges nichts mehr gehört hatte ausgesprochen wurde, heirateten Emil und Elisabeth, die jetzt unter dem Namen Elisabeth Airschmann- Roehl lebte und arbeitete. Sie war nach* x* xxdax Auflösung der Nationalversammlung durch den Bezirk Obere Rheinprovinz als Abgeordnete für den Preussischen Landtag aufgestellt und auch gewählt worden, fungierte als Stadtverordnete in Köln, und fand noch Zeit und Gelegenheit, sich auch journalistisch und schriftstellerisch zu beschäftigen. Emil Kirschmann war inzwischen auch als Abgeordneter in den Reichstag gewählt worden, dem auch Marie Juchacz seit seinem Bestehen angehörte, sodass es sich zwangsläufig ergab, dass das Dreigespann Juchacz- Kirsch mann- Roehl längere Zeit in Berlin sein musste. In dieser Zeit schlug Marie einige Male vor, in Berlin ein zweites Zuhause zu gründen. War sie selbst aus beruflichen Gründen im Rheinland, hatte sie in Köln immer eine Bleibe. Dasselbe erstrebte sie nun für Lisbeth. und Emil, die sich aber erst dann dazu entschlossen, als Emil als Oberregierungsrat in das Preussische Innenministerium gerufen wurde. Marie entdeckte in Berlin- Köpenick eine gerade entstehende Siedlung von kleinen Einfamilienhäusenn, sprach mit ihren politischen Freunden - - 153- in Berlin, die ebenfalls auf Wohnungssuche waren, und so ergab es sich von selbst, dass sich einige der noch nicht sesshafte gewordenen Sozialdemokraten in dieser Siedlung niederliessen. Während sich Marie, Lisbeth und Emil für das Häuschen in der Alten Dahlwitzerstrasse 83 entschieden, wählten Toni Pfülf, Elfriede Ryneck, Johannes Stelling und mancher andere die nähere oder weitere Nachbarschaft dazu. Die unmittelbare Sorge um die Kinder Lotte, Paul und Fritz waren die Mütter und der neue Stiefvater Emil insofern losgeworden, als Lotte nach wie vor eifrig Jura studierte, unter anderem auch im Ausland, so in Grenoble in Frankreich, während Paul nach und nach auf verschiedenen Provinzialgütern als landwirtschaftlicher Verwaltungsassistent und Praktikant für seine zukünftige Aufgabe als Gutsverwalter vorbereitet wurde. Fritz, dem die Großstadt- Athmosphäre mit ihren durch die Inflation besonders offenkundig gewordenen Gefahren allerlei Kummer machte und nicht nur ihm, sondern auch seinen Müttern und seinem Stiefvater suchte sich aus den verschiedenen Landschulheimen, die in Salem, in Juist, шяя im Odenwald und anderswo entstanden waren, Schloss Letzlingen in der Altmark aus, um dort die letzten beiden Jahre vor seinem Abitur zu lernen. Diese Trennung der Familienmitglieder voneinander hatte aber nicht die geringste Entfremdung zur Folge. Im Gegenteil, die Gelegenheiten, bei denen man sich im Familienkreis wiedersah, ergaben sich nicht nur in den Ferien. Da das Häuschen in Köpenick auf die Dauer für die Unterbringung aller Familienmitglieder zu klein war, und es sich herausgestellt hatte, dass nicht nur Marie einen eigenen Wohn- Teil haben müsse, sondern auch Lisbeth und Emil, weil alle drei zu den verschiedensten Tages- und auch Nachtzeiten ein- und ausgingen und auch zu Hause arbeiteten, wurden Erweiterungspläne für das Häuschen geschmiedet. Es war eine Art Ausgleichssport, mit eigenen innenarchitektonischen Ideen nicht nur theoretisch Raum für alle zu schaffen, sondern auch praktisch durchzuführen. Und was hier in Köpenick entstand, war wirklich praktisch und durchdacht bis in alle Einzelheiten. Manche Idee zur Lösung innerbaulicher häuslicher Probleme hätte nicht nur heute noch Gültigkeit, sondern könnte immer noch Beispiel sein. Zweifellos hat hier das Erbe, das Ma rie und Lisbeth von ihren Eltern mitbekommen hatten, mitgeholfen, aber beide Frauen übersetzten ihre natürliche Begabung auf zugleich in die Erfordernisse der Zeit, um die für alle Menschen schwer war.[ Der verlorene Krieg, udie darauf folgenden Wirren mit Putschen, Streiks und Unruhen, die Inflation, die die Gegensätze noch deutlicher und bitterer machte, die deutsche Wirtschaft, die [ Ridolf Wine- Ema Naguns – Toranna Hegman J - 154- sich dadurch und durch die in Versailles gemachten Friedensvertragsbedingungen unmöglich davon erholen konnte,- das alles war die Ursache für den luftleeren Raum, in dem xxxk die Menschen der Weimarer Republik knapp sieben Jahre nach Kriegsende atmen mussten. So versuchten Marie und Elisabeth, dem arbeitenden Menschen wieder klare Vorstellungen vom Wert des Daseins zu geben, von der Notwendigkeit, sich mit wenn auch noch so bescheidenen Mitteln die Athmosphäre zu schaffen, die das Leben lebenswert macht. Da in Zeiten der grossen Not die Menschen selbst nicht mehr die Kraft aufbringen, einen neuen Anfang zu machen, mussten die wenigen Menschen, die über diese Kraft und über das Wissen um die Notwendigkeiten verfügten, eingreifen. Auch diese Gedanken waren ursächlich für den plötz lichen Entschluss, im Augenblick der höchsten politischen und wirtwchaftlichen Not die Arbeiter- Wohlfahrt ins Leben zu rufen. Marie verstand es, nicht nur ihre Parteifreunde, sondern auch die Allgemeinheit so für ihre Idee zu gewinnen, dass sich die Organisation der AW schneller vollzog und zur praktischen Arbeit kam, als das jemals zu erwarten war. Marie Juchacz war noch während der Nationalversammlung für den dann folgenden ersten Reichstag im Wahlkreis Spandau- Potsdam- Osthavelland als Kandidatin der Sozialdemokratischen Partei aufgestellt worden, zusammen mit Rudolf Wissel und Rudolf Breitscheid. Als Rudolf Wissel dax dann das Arbeitsministerium übernahm, fand die AW in ihm einen wohlwollenden Förderer, der als Sozialdemokrat erkannte, welche Aufgaben dieser" Institution der Arbeiterschaft für die Arbeiterschaft" erwuchsen: " Mit dem Anwachsen der Arbeiterbewegung wurde zwar immer wieder an das soziale Gewissen der Regierungen appelliert, aber das, was uns heute so selbstverständlich erscheint, wurde in schweren Kämpfen in den Parlamenten und durch Streiks erzielt. Aber so manche individuelle Not wurde nicht erfasst. Den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden standen keine solchen gegenüber, die von der Arbeiterschaft selbst getragen wurden. Schaut man auf die von Marie Juchacz ins Leben gerufene Arbeiter- Wohlfahrt und auf die Anfänge dieser Gründung zurück, so weiss wohl niemand besser als ich, welche Sorgen ihr durch diese Einrichtung erwuchsen. Auch ich konnte ihr dabei in meiner Tätigkeit als Arbeitsminister helfen. Im Haushalt des Arbeitsministeriums waren schon lange vorher Mittel zur Unterstützung der privaten Wohlfahrtsorganisationen vorgesehen. Der Verteilungsschlüssel der dafür eingesetzten Beträge lag in der zur Verfügung stehenden Bettenzahl der Anstalten. In dieser Hinsicht konnte aber die junge Arbeiterwohlfahrt, die sich im wesentlichen nur auf die Beiträge ihrer Mitglieder aus Arbeiterkreisen stützen - 155- konnte, nicht konkurrieren. Der vorgesehene Verteilungsschlüssel konnte also nicht beibehalten werden. Es war nicht leicht, die schon bestehenden christlichen Wohlfahrtsverbände von der Notwendigkeit einer Änderung zu überzeugen. Aber der schliesslich gefundene Weg machte es möglich, auch die Arbeiterwohlfahrt an den Zuschüssen der Reichsregierung zu beteiligen." Das Arbeitsministerium war nicht die einzige staatliche Stelle, die den Bemühungen der jungen AW gegenüber aufgeschlossen war. Marie benutzte jede Gelegenheit, um durch Wort und Schrift das grundsätzliche Ziel der Arbeiter- Wohlfahrt aufzuzeigen, es nicht nur dem Gesetzgeber, sondern auch dem, der vom Gesetz betroffen ist, nämlich der dem durch Gesetze gelenkten Staatsbürger. So schrieb sie im Jahre 1922: " Das Goethe- Zitat' Gesetz ist mächtig, mächtiger ist die Not' hat seine Wahrheit zu jeder Zeitepoche erwiesen. Die kapitalistische Wirtschaftsepoche wirfty Massen in Elend und Not. Verbrechen und Vergehen gegen Gesetz und Sitte sind ihre Begleiterscheinungen. Menschen, die vielleicht niemals vom Wege abgeȧrrt wären, straucheln und fallen. Hilflose Geschöpfe, Kinder, Kranke und Greise leiden gesundheitlich und moralisch, und gehen zugrunde, wenn ihnen nicht mildtätige Hände- oder die Gesetzgebung und die öffentlichen Einrichtungen helfen. Die Maldtätigkeit, die ihren Boden in der Kirche und in kirchlichen Vereinigungen fand, konnte zu allen Zeitennur in beschränktem Umfange helfen. Auch liegt es auf der Hand, dass sie in der Regel parteiisch verfuhr und heute noch verfährt. Heuchelei und Lüge, Demoralisierung der Hilfsbedürftigen sind oft unerfreuliche Folgeerscheinungen dieser privaten Mildtätigkeit. Das gesunde Gegenstück dazu sind Aktionen der Selbsthilfe, so wie sie in den Reihen der Arbeiterschaft geübt werden, durch durch die Sozialdemokratische Partei, Gewerkschaften, Bildungsausschüsse durch die Jugendbewegung und durch Arbeiterwohlfahrtsausschüsse. Von diesen soll hier die Rede sein. Die gesetzliche Festlegung der Krankenversicherung, die Unfall-, Alters- und Invalidenversicheung des Reiches sind die***** x* x** Erfüllung von Forderungen, die von der Arbeiterschaft immer wieder gestellt wurden. Die Abstellung oder Milderung aller sozialen Nöte ist jedoch damit nicht im entfertesten erschöpft. Die geistigen Kräfte der Arbeiterschaft wirken weiter in den Parlamenten, in der Gesetzcöffentlichen gebung und im Selbstverwaltungskörper, also in Einrichtungen, die neben der Gesetzgebung auf dem Wege der Verwaltung manche Maßnahmen zur Abstellung sozialer Not einleiten können. 156nun Aber der Krieg und seine Folgen haben die soziale Not ungeheuer vergrössert. Die Demokratie hat xxx Kräfte x Kräfte ausgelöst in der Allgemeinheit zu ihrer Bekämpfung. Das Bewusstsein, dass die Arbeiterschaft nicht mehr nur ukjakt Objekt, sondern auch Subjekt bei Hilfsaktionen sein kann und will, ist in weite Kreise gedrungen. In den Städten, in Landkreisen, in amtlichen und privaten Körperschaften sind heute Männer und Frauen der Arbeiterschaft ehrenamtlich und in geringe- rer Zahl auch gegen Entgelt für die Abstellung der sozialen Nöte tätig. Um diese Kräfte zu sammeln und diese Entwicklung zu fördern, sind innerhalb der Sozialdemokratischen Partei die Ausschüsse für Arbeiterwohlfahrt entstanden. Nicht das ist ihr Ziel, dass sie Gelder sammeln und Almosen verteilen, dass sie in den ausgetretenen Bahnen der privaten Mildtätigkeit weitergehen und dadurch alle vom Gesichtspunkt der Volkserziehung, der sozialen Ethik und der Moral so verderblichen Fehler mitmachen. Nein, sie wollen die soziale Arbeit mit einem neuen Geist beleben. Als die besten Träger dieses modernen Geistes betrachten sich die Männer und Frauen der Arbeiterschaft selbst. Sie kennen die sozialen Nöte der" eit aus eigener Erfahrung und Anschauung. Kann man auf dem Wege, den man dabei zurücklegen muss, einzelnen unglücklichen Weggenossen Hilfe bringen, nun gut, so soll das geschehen. Jedoch das Ziel ist: Ab stellung der sozialen Not durch Gesetzgebung und pflegerische und fürsorgerische Arbeit der Selbstverwaltungskörper. Das heisst, dass wir nicht Almosen bringen wollen, sondern das Recht für die Opfer einer Gesellschaft, deren sozialer Aufbau und deren Wirtschaftssystem die Menschen einer solchen Gesellschaftsordnung zu deren eigenen Opfern macht. Dieses Ziel soll erreicht werden durch Zusammenfassung aller in der Wohlfahrtspflege tätigen Frauen und Männer, durch Gewinnung neuer Kääfte, durch Schulung der bereits tätigen und der neu herangezogenen Kräfte, durch Stellungnahme zu allen Wohlfahrtsfragen in der Öffentlichkeit und durch ihre wissenschaftliche Durcharbeitung, durch Wahrnehmung der Interessen der Arbeiter bei der Besetzung von Stellen und bei der Vermittlung ahrenamtlicher Hilfskräfte auxяk für die öffentliche Wohlfahrtspflege, durch Vertretung der Arbeiterschaft bei den Behörden des Reichs, der Länder und der Selbstverwaltungskörper, bei Zusammenschlüssen der Wohlfahrtsorganisationen sowie bei der Zusammenarbeit mit gleichartigen Organisationen. Deshalb ist der Hauptausschuss für Arbeiter- Wohlfahrt entstanden, deshalb findet diese Idee nicht nur in der gesamten Partei fruchtbaren Boden, sondern in der ganzen Öffentlichkeit, wie das durch die Bildung der Ortsausschüsse für Arbeiterwohlfahrt und durch das rege - 157- Leben in diesen Ausschüssen von Tag zu Tag mehr bewiesen wird." Dieser programmatische Artikel, zwei Jahre nach der Gründung des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt niedergeschrieben und zu Beginn des Jahres 1922 in einem" Jahrbuch für Arbeiterfrauen und Töchter" veröffentlicht, ist nur einer von vielen, mit denen Marie das Gewissen der Öffentlichkeit wecken wollte. Im gleichen Jahrbuch finden wir übrigens als Autorinnen von Aufsätzen die Namen von Frauen, die zu den damals aktuellen Problemen stellung nahmen, Frauen, die- wie Marie Juchacz nach dem Weltkrieg zum ersten Mal im Licht der politischen Öffentlichkeit standen. So schrieb Marie Juchacz noch über " Das Wahlrecht der Frau"," Die Frau als Staatsbürgerin", Louise Schröder schrieb zum Thema" Mutterschaft", Clara Bohm- Schuch über " Die Frau und der Friede", Gertrud Hanna über" Frauen in der Gewerkschaftsbewegung", Johanna Reitze über" Die Macht, der Presse", und über" Arbeiterinnenschutz" Toni Pfülf über" Ziele des Sozialismus", und diesen aktuellen Problemen der Frauenkleidung". - scheinbar abseits von schrieb Elisabeth Roehl" Über die Mode Es war für den Aukaxxx******* dd Biographen verlockend, diesen Abstecher zu machen, der sich aber entschuldigen lässt, weil alle oben genannten Frauen zu Maries engsten und oft besten Mitarbeitern und Freunden rechneten so weit man bei dėésen Freundschaften das ganz Private ausschaltet. Eine Frau, die ebenfalls xxx sehr früh den Lebensweg von Marie Juchacz kreuzte, war Erna Magnus, die xxx später in der Emigration in den Vereinigten Staaten von Amerika wieder mit ihr zusammentraf. Was Erna Magnus grundsätzlich zum Thema Wohlfahrtspflege und über die Entwicklung der Arbeiterwohlfahrt zw. über ihre Aufgaben sagt, könnte ebensogut von Marie Juchacz gesagt worden sein. Deshalb soll sie hier zu Worte kommen: " Mitarbeit ehrenamtlicher Kräfte war seit der Einführung des Eäberfelder Systems um die Mitte des 19. Jahrhunderts charakteristisch für die Wohlfahrtsarbeit in Deutschland geworden.. Für Jahrzehnte aber waren breite Schichten der Bevölkerung von solcher Mitarbeit praktisch ausgeschlossen gewesen durch lange Arbeitstage und auch durch Vorurteile mancher Art gegen die Angehörigen der Minderbegüterten, denen der Zugang zu einer umfassenderen Schulung für lange Zeit verschlossen war. Lebensbedingungen zu schaffen, die es den Menschen ermöglichen, ihre eigenen Kräfte voll zu entfalten und ein menschenwürdigeres, freudeerfülltes Dasein zu führen, darum war es der Arbeiterwohlfahrt von An - 158- beginn ihres Bestehens zu tun. Das bedeutete für die Mitarbeiter der Arbeiter- Wohlfahrt zweierlei: es verlangte erstens politische Mitarbeit, Teilnahme an der Gestaltung der sozialen und sozialpolitischen Gesetze, durch die die Arbeitsverhältnisse, Arbeitsbedingungen und Lebensumstände entscheidend beeinflusst werden Es verlangte zweitens Mitarbeit, tagaus, tagein, in unzähligen Gemeinden, in Stadt und Land, an der Durchführung der sozialen Gesetze. Denn davon, wie diese Gesetze und im besonderen Wohlfahrtsgesetze verstanden werden, hängt ja das Wohlergehen der vielen einzelnen, der vielen Familien ab, auf die die Gesetzgebung praktische Anwendung findet. Marie Juchacz erkannte bei der Gründung der Arbeiterwohlfahrt, dass erfolgreiche Mitarbeit auf dem Tebiet der Gesetzgebung sowohl wie auf dem der Verwaltung nicht nur bei den ehrenamtlichen, sondern mehr noch bei den in beruflicher Arbeit tätigen Kräften gute allgemeine Kenntnisse und gute Fachkenntnisse voraussetzt. Deshalb sah Marie Juchacz für die Arbeiter- Wohlfahrt im Rahmen der allgemeinen Ziele und der orNotwendigkeiten ganisatorischen Aufga zwei besondere wichtige Aufgaben, um deren Erfüllung sie sich mit ungemeiner Energie bemühte. Einmal kam es darauf an, dass die Männer und Frauen, die auf Grund veränderter politischer Verhältnisse nach 1918 zur ehrenamtlichen und beruflichen Mitarbeit in Gemeinden und Gemeindeverbänden in der Wohlfahrtsarbeit herangezogen wurden, in der Lage waren, sich sachkundig an der Mitarbeit zu beteiligen. Diese Einsicht führte in den zwanziger Jahren zur Schaffung von Schulungskursen für ehrenamtliche Mitarbeiter in allen Teilen Deutschlands. Wesentlich war, dass die Teilnahme von ehrenamtlichen******** Kräften an diesen Schulungskursen, die häufig acht oder zehn Tage dauerten, sich nicht auf die Menschen in Großstadtgemeinden beschränkte, sondern sehr planmässig und überlegt die ehrenamtlichen Helfer aus kleinen Gemeinden und Landkreisen heranzog. Die Bereitschaft zu lernen, die innere Anteilnahme jedes einzelnen dieser Männer und Frauen meist waren es Gruppen von etwa dreissig Teilnehmern, von denen viele lange arbeitslos gewesen waren gab diesen Kursen ein ungewöhnliches Gepräge. Unter den Leitern und Lehrkräften waren höhere Verwaltungsbeamte, Lehrkräfte von Schulen u.a. Die Lebenserfahrung der Teilnehmer ermöglichte es, für schwierige gesetzliche und Verwaltungs- Probleme Verständnis zu schaffen, selbst da, wo die allgemeine Schulung auf Grund wirtschaftlicher und sozialer Umstände sehr begrenzt war. - - Die zweite****** Aufgabe, die Marie Juchacz im Rahmen der Schulungsarbeit der Arbeiter- Wohlfahrt sah, bestand darin, Frauen und Männer aus allen Kreisen der arbeitenden Bevölkerung für vollberufliche Mitarbeit in Jugend- Wohlfahrts- und Gesundheitsämtern vorzubereiten. Dazu war . - • 159- fachliche Schulung, das heisst eine Sozialarbeiter- Ausbildung erforderlich. Diese Einsicht führte im Jahre 1928 unter der Initiative von Hedwig Wachenheim zur Schaffung der Woglfahrtsschule des Hauptausschusses für Arbeiter- Wohlfahrt in Berlin. Wesentlich war, dass es jungen Menschen aus der Arbeiterbevölkerung im ganzen Lande, die den Wunsch hatten, in der Wohlfahrtspflege zu arbeiten und die menschlich geeignet erschienen, möglich gemacht wurde, eine Berufsausbildung zu erlange gen, wie sie seit Jahrzehnten jungen Mädchen in den von Alice Salomon begründeten Sozialen Frauenschulen zugänglich war. Bevor es zur Gründung der Wohlfahrtsschule kam, war ein langer Weg zurückzulegen, der trotz der Unruhe der Zeit und der Unbeständigkeit der politischen Entwicklung der Weimarer Republik immer nach oben führte. Die Arbeiter- Wohlfahrt war noch nicht fünf Jahre alt, als Marie Juchacz zusammen mit Johanna Heymann zum ersten Mal mit einem Bericht über ihre Arbeit vor die Öffentlichkeit trat. Dieser Bericht, ein umfangreiches Buch mit 236 Seiten, gibt nicht nur ein Bild der Arbeit von Marie Juchacz und ihren Mithelferinnen und Mitstreitern in Stadt und Land, zeigt nicht nur das Wachstum einer Organisation, die aus privater Initiative entstand und über Nacht zum nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil der allgemeinen Wohlfahrt in Deutschland wurde, sondern ist zugleich ein Spiegelbild der politischen und sozialen Strömungen dieser Zeit. Wenn über Leben und Arbeit von Marie Juchacz berichtet werden soll, ist dieser Abschnitt von 1919 bis 1933 wohl der wichtigste, weil Marie hier die Möglichkeiten hatte, in der Praxis zu dokumentieren, was sie sich in ihrer nicht leichten Jugend mit vielen Mühen theoretisch erarbeitet hatte. Die Vorstellungen, die sich aus der Not ihres jungen Lebens und ihrer auf Landsberg beschränkten Erfahrungen entwickelten, und die Erlebnisse des ersten Weltkriegs in Köln drängten ihr die Initiative direkt auf, als nach der Revolution von 1918 die junge Weimarer Republik auf Grund der neuen Gesellschaftsordnung die Voraussetzungen zu praktischen Maßnahmen schuf. Als Marie Juchacz und Johanna Heymann dann 1924 den ersten Buch- Bericht herausgaben, war das zugleich ein Rechenschaftsbericht, der die Richtigkeit der 1919 mit der Gründung der Arbeiter- Wohlfahrt eingeschlagenen Richtung unterstrich. Was Marie in ihrer Einleitung sagt, umreisst besser als alles andere Rxa das Programm und das Ziel dieser Organisation: " Arbeiter- Wohlfahrt also Wohlfahrt nur für Arbeiter? Nein eine Wohlfahrtspflege, ausgeübt durch die Arbeiterschaft. Eine Organisation, hervorgewachsen aus der Arbeiterbewegung, mit dem bewussten Willen, ihre eigenen Ideen in das grosse akik Arbeitsgebiet der Wohlfahrts- - - 160- pflege hineinzutragen, die Ideen der Selbsthilfe, der Kameradschaftlichkeit und Solidarität, aber auch die Idee, dass Wohlfahrtspflege vom Staat und seinen Organen getrieben werden мxxxx und dass auch diese Arbeit bewusst ausgeübt werden muss von lebendigen Menschen. Arbeiterwohlfahrt: das bedeutet aber auch den Willen, darauf hinzuwirken, dass die durch die Organe des Staates ausgeübte Wohlfahrtspflege nicht nur auf bürokratische Formeln beschränkt bleiben darf. Die Behörden sollen nicht nur Statistiken führen und Denkschriften über die Not ver fassen, sondern vor allem vobeugende Arbeit leisten. Sie sollen die Grundbedingungen für ein menschenwürdiges Dasein, das heisst Raum, Licht, Luft, Sonne, Reinlichkeit und Nahrung schaffen, bevor Tuberkulose und moralische Schäden sich eingefressen haben. Die Personen, denen Hilfe gebracht wird, sollen weder bei der eigenen Wohlfahrtsarbeit noch bei der Mithilfe in der amtlichen Wohlfahrtspflege von parteipolitischen Rücksichten ausgewählt werden. - Alle Organisationen der Wohlfahrtspflege nehmen für sich in Anspruch, dass sie bei der Ausübung ihrer Tätigkeit den zu betreuenden Menschen absolut neutral gegenüberstehen. Das tut die Arbeiter- Wohlfahrt auch. Bei der Ausübung der Wohlfahrtspflege und-fürsorge fragen wir weder nach der Konfession noch nach dem politischen Bekenntnis. Wir machen auch nicht Halt beim Arbeiter und den Kindern der Arbeiterschaft in dem Sinn, wie bürgerliche Kreise den Begriff der Arbeiterschaft auffassen. Die Objekte unserer Arbeit auch in der Einzelfürsorge erstrecken sich weit in die Kreise derer, die immer dem Mittelstand zugezählt werden. Das sei hier öffentlich allen gesagt, die uns• weil wir als Träger der Organisation und als Ausübende immer ehrlich unser sozialdemokratisches Gesicht zeigen- zu einer zu einer' parteipolitischen' Organisation machen wollen, deren Tätigkeit sich nur auf die Kreise der Partei und höchstens der Gewerkschaften beschränkt. Das Gegenteil ist der Fall. In den Kreisen der parteipolitisch organisierten Arbeiterschaft ist- abgesehen von dem ganz abnormen, sozialen xxxкand Ausnahme zustand der letzten Jahre, der fast alle Kreise in Mitleidenschaft gezogen hat der Prozentsatz der Hilfsbedürftigen relativ klein. Zur Sozialdemokratie kommen in der Regel schon die geistig gesunden und arbeitstüchtigeren Menschen, deren seelische und moralische Kräfte durch den Lebenskampf noch nicht aufgebraucht wurden, sodass sie noch immer Kraft übrig haben, um den Kampf für ihre schwächeren Brüder und Schwestern zu führen. Die Arbeiterwohlfahrt will nicht wohlwollend geduldet sein, sie verlangt das Recht zur Pflicht erfüllung im Staat und in der Gesellschaft. Sie will nicht politische Funktionen der Sozialdemokratischen - 161Partei übernehmen, aber sie will dadurch, dass sie in den ihr gezogenen***** natürlichen Grenzen an der Verhütung, Linderung und Aufhebung sozialer Notstände mitwirkt, und auch durch ihre Erziehungsund Schulungsarbeit im staatsbürgerlich demokratischen Sinne wirken." Zum Schluss dieser Einleitung schreibt Marie Juchacz: " Ob die Arbeiter- Wohlfahrt das Recht hat, von ihren Leistungen zu sprechen und Anerkennung zu verlangen, mögen nach dem Lesen dieses Buches Freunde und Gegner beurteilen." Nach fast fünfjährigen Rätigk** k Bestehen der Arbeiterwohlfahrt konnte diese Organisation Leistungen nachweisen, die- wenn sie nicht gewesen wären wahrscheinlich noch schneller zu der Radikalisierung des politischen Lebens geführt hätten, als es durch die allgemeine wirtschaftliche und politische Not dieser Weimarer Republik- Zeit geschah. Dabei erwuchsen der jungen Arbeiter- Wohlfahrt nicht vorausgeahnte Schwierigkeiten: " Die junge Organisation wurde ausserhalb der Arbeiterbewegung mit Neugier, Misstrauen und Zweifeln, aber auch mit einigem wohlwollen und Entgegenkommen aufgenommen. Innerhalb der Arbeiterklasse verhielt man sich zum grössten Teil abwartend und zurückhaltend. Ohne jede Reklame, aber auch ohne falsche Bescheidenheit trat sie in die Arbeit. Sie fühlte sich von Anfang an nicht nur als Vertreter einer kleinen Schicht, di die als Wohltäter wirken und als solche von den Objekten ihrer Tätigkeit anerkannt werden wollten. Ihre Vertreter kamen mit der ihnen selbstverständlich gewordenen anschauung in die soziale Arbeit, dass der Staat die Pflicht hat, die durch die kapitalistische Gesellschaftsordnung herbeigeführte, durch den Krieg und seine Folgen verschärfte Not, so weit dies möglich ist, abzustellen, mindestens aber zu lindern. Aus ihrem demokratischen Gefühl heraus erkannten sie die Pflicht, ihre Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Diese Anschauung wurde auch von den sozialistischen Frauen und Männern geteilt, die durch die Demokratisierung in solche staatlichen und städtischen Ämter gekommen sind, in denen sie mit der allgemeinen Wohlfahrtspflege zu tun haben. Die Arbeiter- Wohlfahrt hatte noch keine Tradition in der Wohlfahrtspflege. Mit dem Augenblick aber, wo sie die seit Jahren auf diesem Gebiet wirkenden Kräfte organisatorisch zusammenfasste, konnte sie sich mit gutem Recht mit allen alten Organisationen in Reih und Glied stellen, die die Entwicklung erst zur geistigen Umstellung gezwungen hat. Welche Wohlfahrtsorganisation verfügt wohl über mehr moralische Kräfte, wie sie in den unverbrauchten breiten Massen, die hinter, der Arbeiterwohlfahrt stehen, vorhanden sind." - 162Einem Teil der heute lebenden älteren Generation werden die Namen einer Reihe der damals öffentlich bekannten Persönlichkeiten geläufig sein, die allein dem damaligen Arbeitsausschuss und dem Beirat angehörten. Es waren u.a.: Marie Juchacz als Leiterin des Arbeitsausschusses. Johanna Heymann als Sekretärin. Fr. Bartels als Kassierer und Max Fechner als sein Vertreter. Elfriede Ryneck und Ernst Schulze vom ADGB( Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund). Hedwig Wachenheim, Regierungsrat im Reichsministerium des Innern. Generalkonsul M. Schlesinger. Anna Nemitz, M.d.R.( Mitglied des Reichstags). Landeshauptmann Dr. Caspari aus der Provinz Grenzmark. Karl Schulz vom Verband der Krankenkassen Gross- Berlin. Gertrud Hanna, M. d. L.( Mitglied des Landtags. Im Beirat waren: Marie Ansorge, Neusalzbrunn in Schlesien. Lore Agnes, M.d.R., Düsseldorf. Clara Bohm- Schuch, M.d.R., Berlin. Lina Ege, M.d.L., Frankfurt/ Main. Stadtrat Dr. Friedländer, Berlin. August Frölich, M.d.R., Weimar. Peter Grassmann, M.d.R.( ADGB), Berlin. Prof. Dr. Grotjahn, Berlin. Alfred Henke, M.d.R., Berlin. Paul Hirsch, M. d. L., Berlin. Dorothea Hirschfeld, Ministerialrat im Reichsarbeitsministerium, Berlin. Else Höfs, M.d.L., Raxkinx Stettin. Elisabeth Kirschmann- Roehl, M.d.L., Köln. Albert Kohn, Allgemeine Ortskrankenkasse, Berlin. Stadtarzt Dr. med. Korach, Berlin. Bertha Neumann- Lawatsch, M.d.L., Breslau. Anna Matschke, Berlin. Christopg Pfändner, Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Berlin. Antonie Pfülf, M.d.R., München. Minna Schilling, Döbeln in Sachsen. Afele Schreiber- Krieger, Berlin. Louise Schröder, M.d.R., Altona. Heinrich Schulz, Staatssekretär im Reichsministerium des Innern, Berlin. Stadtmedizinalrat Dr. Silberstein, Neukölln. Enny Stock, Berlin. Dr. med. Laura Turnau, Berlin. Minna Todenhagen, Gross- Berlin. Stadträtin Klara Weyl, Berlin. Frau S. Wronsky, Archiv für Wohlfahrtspflege, Berlin. Stadtrat Wutzky, Berlin. Welchen Umfang die Organisation der Arbeiter- Wohlfahrt schon nach viereinhalbjähriger Tätigkeit hatte, geht aus der Tatsache hervor, dass im Juli 1924 dem Hauptausschuss zweiunddreissig Bezirksausschüsse angeschlossen und 1200 Orts- und 50 Kreisausschüsse gemeldet waren, nicht gezählt die Vielzahl der Vertrauensmänner in den kleineren Orten. Zwei [ Reichstagungen und Reichskonferenzen draw Noch nicht x Jahre nach der Gründung der Arbeiter- Wohlfahrt konnte- am 15. September 1921 in Görlitz eine grosse Richstagung stattfinden: " Sie war ein Erlebnis für alle Teilnehmer, die aus dem ganzen Reich zusammengekommen waren"- so schreibt Marie Juchacz." Die Beteiligung war viel grösser, als man erwarten konnte. Viele kamen trotz der ungünstigen Zeit auf eigene Kosten, weil noch keine pekuniär leistungs - 163fähige Organisation hinter ihnen stand.- Zwei grosse Themen wurden auf dieser Tagung behandelt und diskutiert. Das eine konzentrierte sich in dem Referat von Helene Simon:' Aufgaben und Ziele der neuzeitlichen Wohlfahrtspflege', das andere wurde von Dr. Caspari, damals noch Bürgermeister in Brandenburg an der Havel, behandelt:' Die gesetzlichen Grundlagen der Wohlfahrtspflege'. Es fehlte nicht an Widerspruch aus den Reihen der Hörer, von denen einige der Ansicht waren, dass beide Redner das Gebiet der Wohlfahrtspflege zu weit abgesteckt hätten, aber das eine soll hier als grösstes Verdienst der ersten grossen öffentlichen Tagung herausgestellt werden: sie hat viele, die der jungen Organisation skeptisch gegenüberstanden, zu Anhängern und Förderern der Bewegung gemacht. Sie hat manchen, die der ausführenden Arbeit wohl sympathisch, aber doch etwas unsicher gegenüberstanden, die so sehr erwünschte Klarheit gebracht. Manche, die da glaubten, es handele sich hier nur um einen grossen Unterstützungsverein, ist erst das geistige Fundament und die Perspektive für die Arbeit gegeben worden." Anderthalb Jahre später, am 30. und 31. Januar 1923, fand in Berlin im Reichstag eine vom Hauptausschuss einberufene' Fachkonferenz über das Reichs jugendwohlfahrtsgesetz'statt. " Es handelte sich dabei nicht um eine öffentliche Tagung, sondern um eine gründliche Aussprache Sachkundiger über das Gesetz selbst, über die von Reich und Ländern zu erwartenden Ausführungsbestimmungen und die von der Arbeiter- Wohlfahrt zu verbreitende Aufklärung und zu leistende Schulungsarbeit, um dem Gesetz mit unseren Kräften die grösste Auswirkungsmöglichkeit zu sichern. Trotz der Erschwerung der durch die politischen Ereignisse geschaffenen Lage waren 120 Teilnehmer, unter denen sich auch viele Kommunalpolitiker befanden, aus dem ganzen Reich erschienen." Die dritte Konferenz der Arbeiter- Wohlfahrt, die am 9. Dezember 1923 in Köln stattfand, war zwar keine Reichskonferenz, umfasste aber die Bezirke des besetzten Gebiets. Von ausländischen Organisationen waren die amerikanischen Quäker, das Internationale Rote Kreuz, die Internationale Kinderhilfe, die englische Militärmission und die ausländische Presse vertreten. Kundgebungen hatten die dänische, schwedische, holländische und belgische Arbeiterschaft gesandt. " Die Veranstaltung wurde, ohne dass die Veranstalter es im Grunde wollten, zu einer Kundgebung von erschütternder Gewalt. Vor den ausländischen Gästen entrollten die Sprecher rückhaltlos das deutsche Elend. Ihre Reden mündeten in dem Notschrei: Helft, wenn Ihr nicht wollt, daß . 164ein grosses Volk zugrunde geht! Wir können uns nicht mehr selber helfen!" Marie Juchacz sagte als Verhandlungsleiterin, dass alle Schleusen der Verelen dung von Tag zu Tag weiter geöffnet würden, und erwähnte die Hunderttausende von Kindern, die in engen, kalten Zimmern, ohne ausreichende Nahrung und Bekleidung regelrecht vegetieren müssen. 11 Über dieses Thema gab der Hauptredner, der Kölner Stadtarzt Dr. Braubach, eine so grosse Fülle von anschaulicher Beweiskraft, dass er mit Recht an das furchtbare Wort von Clemenceau erinnern durfte: in Deutsch land seien zwanzig Millionen Menschen zu viel! In den geschwächten, blutarmen Körpern der Kinder, die keine Milch mehr haben, im Winter nichts Warmes mehr tragen und nur zu einem geringen Bruchteil gebrauchs fähige Schuhe besitzen, bleibt die Tuberkulose aktiv, und im bäühenden Alter werde es unter dieser Generation ein wahres Massensterben geben. Schon heute übertrifft die Zahl der Gestorbenen die der Neugeborenen! Braubachs ein dringliche Rede wurde ergänzt durch den Kölner Wohlfahrts- Bürgermeister Dr. Billstein, den Reichstagsabgeordneten Wilhelm Sollmann und durch Vertreter und Vertreterinnen des besetzten Gebiets. Überall das gleiche Elend! Überall 50 bis 75% der gesamten Bevölkerung ohne Arbeit, auf die kärgliche Unterstützung angewiesen. Und überall reicht die Selbsthilfe längst nicht mehr aus. Es kostet Überwindung, an die Mildtätigkeit der Welt zu appellieren. Aber es bleibt kein anderer Weg. Es geht um das nackte Leben! Auf einem Tisch war die Wochenration eines Arbeitslosen, die er sich mit der Unterstützung kaufen kann, ausgebreitet. Wohlgemerkt, der Unterstützung eines Kölner Arbeitslosen, dessen Bezüge höher sind als diejenigen im Reich: ein Brot, ein Häufchen Hülsenfrüchte, einige Briketts man brauchte von der Menschheit Jammer nicht mehr zu reden, wenn man diese Ration vor Augen hatte." - Die heute lebende jüngere Generation, die den zweiten Weltkrieg, sein Ende und die Besatzungs- und Reichsmark- Zeit miterlebte, hat zu einem grossen Teil schlimme Zustände erlebt und gesehen. Sie waren aber nur zum Bruchteil so hart und verworren wie das, was sich nach dem ersten Weltkrieg ereignete. Wieviel schwerer war es damals, den Menschen wieder Boden unter den Füssen zu geben. Und um wievieles mehr wurde die Arbeit einer neuen und jungen Organisation erschwert, die bewusst in einer neuen Richtung arbeitete. Marie Juchacz kannte den Wert des gedruckten Worts und fühlte das Fehlen eines eigenen Organs umsomehr, als in der Arbeiterschaft, unter den Arbeitslosen und allen anderen in Not geratenen Menschen ein Lesehunger bestand, den man gerade im - 165Interesse der Bestrebungen der Arbeiterwohlfahrt positiv hätte befriedigen können, aber die Geldmittel dazu waren nicht vorhanden. " Um der Bewegung erst einmal einen bestimmten geistigen Boden und eine Richtung für die Arbeit zu geben, wurde anfangs den Ortsausschüssen die Frauenzeitschrift' Die Gleichheit' unter Kreuzband gratis geliefert. Später wurde dies wegen der daraus entstehenden und mit der Zahl der Ausschüsse wachsenden technischen Belastung der Geschäftsstelle aufgegeben un d den Ortsleitungen zur Pflicht gemacht, die ' Gleichheit' zu abonnieren, was auch geschah. Die Steigerung der Inflation ins Gigantische nahm uns dann im Jahre 1923 diese Möglichkeiten, die' Gleichheit' musste ihr Erscheinen einstellen. Dafür wurde die Tagespresse, soweit das nur möglich war, mit Artikeln in Anspruch genommen. Das geschah alles in dem Bewusstsein, dass eine junge Organisation ruhig und besonnen arbeiten muss und sich xxx nicht durch grosses Geräusch ankündigen, sondern durch zielbewusste und zähe Aufklärungsarbeit sich den Boden erobern muss." killer- Puta News Ray.tet[ Not- Juflation- Nation - -All State Die ungeheure Notdes Winters 1923/1924 veranlasste Marie Juchacz, zu Kundgebungen Zuflucht zu nehmen. Im Dezember 1923 verfasste sie zusammen mit Paul Löbe, dem Leiter der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde, einen Aufruf für die' Nothilfe der Arbeiterwohlfahrt': " Furchtbar wüten Hunger und Not in Deutschland. Hungerlöhne und Goldmarkpreise, Erwerbslosigkeit und Kurzarbeit zehren von Tag zu Tag stärker an der Kraft der deutschen Arbeiterschaft. Am schwersten trifft die Not die Zukunft der deutschen Arbeiterklasse: die Kinder! Bürgerliche Mildtätigkeit ist bereits hier und da am Werke, Brosamen vom Tische der Reichen für die Ärmsten der Armen zu sammeln. Die Arbeiterschaft im In- und Auslande will so schwer die Not auf ihren eigenen Schultern lastet selber helfend eingreifen. die Rettung der Kinder der deutschen Arbeiterschaft soll, so weit es ihr möglich ist, auch das Werk der Arbeiterschaft selbst sein. Wir beabsichtigen, keinen neuen Verwaltungsapparat aufzuziehen, durch den ein grosser Teil der Mittel vergeudet würde, sondern wir wollen dort, wo die Not am grössten ist, wo der Wille und die Organisation zur Abhilfe bereit sin d, mit unserer Hilfe unmittelbar eingreifen. Unsere weitverzweigten und gut durchgebildeten Organisationen gewährleisten ein schnelleres und sicheres Arbeiten. Unsere Kinder hungern! Gebt schnell und jeder nach seinen Kräften!" - Zur gleichen Zeit wies Hand Wingender in Köln mit einem Aufruf auf den vollkommenen wirtschaftlichen Zusammenbruch an Rhein und Ruhr - 166hin, durch den zwei Drittel der Bevölkerung arbeitslos wurden. Ein halbes Jahr später, im Sommer 1924, als das Ruhrgebiet von Franzosen besetzt wurde, erliess Marie Juchacz für den Hauptausschuss einen weiteren Aufruf für' Bergarbeiterhilfe'. " Unsere Bemühungen waren, obwohl die wirtschaftliche Kraft der Arbeite in der ganzen Welt durch eigene Arbeitslosigkeit und durch Abwehrkämpfe dauernd geschwächt oder stark in Anspruch genommen war, erfolgreich." In ihrer Schilderung dieser Zeit erwähnt Marie Juchacz, wie sich in Holland, Belgien, Dänemark, Lettland und in der Tschechoslowakei die Menschen rührten und selbst unter Umgehung gesetzlicher Vorschriften mithalfen, der deutschen Not und vor allem dem Kinderelend zu begegnen: " Die Arbeizer Lettlands boten Kindern des besetzten Gebiets Gastfreundschaft und Liebe in ihrem Land an, in dem es nur einen ganz kurzen Sommer gibt. Und dann schickte man die glänzend herausgefütterten Kinder mit zentnerschweren Kisten, gefüllt mit hochwertigen Lebensmitteln und Kleidern, nach Hause zurück." Weitere Beweise der Solidarität und des Vertrauens kamen aus der Schweiz, aus Österreich, Bulgarien, Italien, Nord- und Südamerika, und aus England. Marie Juchacz war manches Mal erschüttert durch den Idealismus, mit dem die Menschen, die sie für ihre Arbeit gewonnen hatte, zugriffen. " Wenn man zum Beispiel in einem Bericht aus einer mittelgrossen Industriestadt liest:' Die Vorsitzende der hiesigen Arbeiterwohlfahrt, eine Arbeiters frau, ist Stadtverordnete, als solche Mithlied der Deputation des städtischen Wohlfahrtsamtes, der Krankenhausdeputation, des Ortsausschusses für die Auslandshilfe, der Kreishebammenstelle, des Kriegsbeschädigtenbeirats, im Kuratorium der Invalidenstiftung und des Bürgerrettungsfonds', und wenn man dann mit eigenen Augen sieht, wie Notspeisung, Kinderverschickung, Aufnahme notleidender Kinder und Greise in Familien, Kinderferienwanderungen, Nähstube, Einkleidung von Schulentlassenen und Bedürftigen, und Sammlungen bis ins Detail durchorganisiert sind, dann muss man Respekt bekommen vor der Arbeitsleistung und dem Idealismus einer solchen Arbeiterfrau, der selbst in ihrem persönlichen Leben bittere Sorgen nicht erspart wurden. Wir sind stolz auf die grosse Zahl dieser tüchtigen und opferwilligen Frauen!" Wer das Interesse hat und sich die Mühe nimmt, einmal in diesem ersten Berichts- Buch der Arbeiterwohlfahrt aus dem Jahre 1924 zu blättern, wird erschüttert sein von der Fülle an Kleinarbeit, die in allen Teilen des Reichs in dieser schwersten Not- Zeit Deutschlands geleistet wurde. - 167- In ihrem Schluss- Wort zu diesem Buch sagt Marie Juchacz: " Was wir bringen konnten, sind Bruchstücke aus einer ungeheuren Fülle, die nicht entfernt die Arbeit wiedergeben können, die wir uns gemacht haben. Wenn das Buch dazu beiträgt, zu zeigen, was die Arbeiterwohlfahrt ist, hat es seinen Zweck erfüllt. Wir sind nicht so vermessen, zu sagen, dass die Arbeiterwohlfahrt die Organisation sei, die das soziale Elend x* x***** ки zum grossen Teil verhindern oder gar abschaffen kann. Die Träger der Bewegung sind sich bewusst, dass andere Machtfaktoren an der Umformung der wirtschaftlichen und der dadurch bedingten sozialen Verhältnisse mitwirken müssen. Dass aber die Arbeiterwohlfahrt in den ihr gezogenen Grenzen dazu beiträgt, Kindern und jungen Menschen in ihrer Entwicklung zu helfen, reife Menschen in ihrem Existenzkampf zu stützen, Alten und Invaliden wirtschaftliche Hilfe und etwas Sonnenschein zu geben, und die Ausführenden durch die Arbeit selbst zur Pflichterfüllung im Dienst der Allgemeinheit zu erziehen, glauben wir gezeigt zu haben." und In diesem Jahre 1924 meldete sich auf der Wohlfahrtsschule der AW in Berlin die Tochter eines Königsberger Tischlermeisters an: Lotte Lemke. Mit ihren damals 21 Jahren konnte sie nicht ahnen, dass sie einmal das Erbe von Marie Juchacz nicht nur übernehmen, sondern aus dem Nichts des Zusammenbruchs 1945 zu neuem und noch grösserem Leben wiedererwecken würde. Sie war schon als Kind an sozialen Problemen interessiert, gehörte der Königsberger Arbeiterjugend an und kam dadurch zur Sozialdemokratie. Auf einer sozialen Frauenschule wollte sie sich auf den Beruf der Fürsorgerin vorbereiten auf der Berliner Wohlfahrts schule xxkkk* x* x* ihr Examen als Wohlfahrtspflegerin ablegen. In dieser Zeit hatte Lotte Lemke noch keinen Kontakt zux Marie Juchacz und zu den grossen Aufgaben der Arbeiterwohlfahrt, maяж* я bestand mit Erfolg ihr Examen und ging dann als Kreisfürsorgerin in den Landkreis Kalau. Marie Juchacz hat in dieser Zeit nicht einmal ihren Namen gehört. Sie war restlos eingespannt in ihre Tätigkeit als Vorsitzende des Hauptausschusses, als zentrale Frauensekretärin und Vorstandsmitglied der Sozialdemokratischen Partei, als Mitglied des Reichstags und als journalistische und schriftstellerische Mitarbeiterin von Zeitungen und Zeitschriften. Ganz zu schweigen von den Reisen, die sie unternehmen musste, um überall in Deutschland auf kleinen und grossen Versammlungen, Konferenzen und Tagungen zu sprechen. Während Lotte Lemke sich auf ihr Examen vorbereitete, war Marie Juchacz in Hannover, um die zweite Reichskonferenz des Hauptausschusses, der Bezirks-, Kreis- und Ortsausschüsse für Arbeiter- Wohlfahrt im Beethoven - - 168- saal der Stadthalle von Hannover zu leiten, nicht weit entfernt von der Stelle, an der 22 Jahre später Lotte Lemke in der Dachkammer eines zerbombten Hauses ohne jegliches Möbel und ohne Beleuchtung mit dem Wiederaufbau der durch Nationalsozialismus und Krieg völlig zerschlagenen Arbeiter- Wohlfahrt begann. Auf dieser Septemberkonferenz 1924 stellte Marie Juchacz mit der schon damals bei ihr so ausgeprägten Nüchternheit, Sachlichkeit und Kürze fest: " Als die Arbeiter- Wohlfahrt am 15. September 1921 zu ihrer ersten Reichskonferenz in Görlitz zusammentrat, blickte sie auf eine nicht ganz zweijährige Tätigkeit zurück. Zwei Jahre Leben sind für eine Organisation eine kurze Spanne Zeit. Deshalb war es damals noch ein Tasten und Suchen nach der geeigneten Organisationsform und nach den Betätigungsmöglichkeiten. Nicht, dass man sich über die grossen Ziele der Arbeiter- Wohlfahrt nicht klargewesen wäre, aber in den Formen und überall Möglichkeiten der Betätigung war man noch nicht so sicher wie jetzt. Ich habe oft während der nicht gerade geringen Arbeitslast daran denken müssen, dass wir wenn die Kindernot, die Inflation mit ihren Nebenerscheinungen und die vielen anderen Schwierigkeiten nicht dagewesen und uns alle so in Atem gehalten hätten, wir viel mehr theoretisiert hätten. Und in solchen Debatten hätten Prinzipien und Statuten. sicher eine bedeutende Rolle gespielt. So aber hatten wir einfach keine Zeit dafür." wären - Wenige Monate später, am 4. Januar 1925, fand in Berlin eine Konferenz des Hauptausschusses und der Bezirksvertreter statt, auf der die in Hannover vorgebrachten Anträge durchgearbeitet wurden. Einer dieser Anträge behandelte die Zusammensetzung des Hauptausschusses und des Sachverständigen- Beirats, der sich in zehn Fachkommissionen aufgliederte: Organisation der AW: Vorsitz Elfriede Ryneck. Organisation der Wohlfahrtspflege bei den Selbstverwaltungskörpern: Vorsitz Landeshaupt mann Dr. Caspari. Allgemeine Fürsorge: Vorsitz Ministerialrat Dorothea Hirschfeld. Jugendwohlfahrt: Vorsitz Stdtrat Dr. Friedländer. Kindererholungsfürsorge: Vorsitz Stadtarzt Dr. Silberstein. Anstaltswesen: Vorsitz Elisabeth Kirschmann- Roehl, M.d.L. Sozialhygiene: Vorsitz Adele Schreiber- Krieger. Sozialpolitik: Vorsitz Louise Schröder, M.d.R. Ausbildung, beruflich und ehrenamtlich: Vorsitz Regierungsrat Hedwig Wachenheim. Ausschuss für literarische Arbeiten und Archivwesen: Vorsitz Frau S. Wronski. Diese Aufstellung wurde nicht nur deshalb gegeben, um anzudeuten, mit welchem Aufgabenkomplex sich die junge Arbeiterwohlfahrt beschäftigte. Sie enthält auch den Namen von Elisabeth Kirschmann- Roehl als Vor - 169sitzende der Anstaltskommission. Trotz der Fülle der Arbeit, mit der *** k die beiden Schwestern überlastet waren, fanden sie in ihrer privaten Sphäre immer wieder in der schwesterlichen Zuneigung zusammen, die sie seit frühester Zeit verband. Es gab ja nicht nur die eigenen sozialen und politischen Aufgaben, über die sich beide Frauen nach wie vor verständigten. Da waren die innen- und aussenpolitischen Ereignisse, die jede Planung ständig über den Haufen warfen. Wenn man sich die Erschütterungen vergegenwärtigt, von denen Europa damals heimgesucht wurde, und dann den Aufstieg der Arbeiterwohlfahrt mit ihren unwahrscheinlichen Erfolgen betrachtet,******* lässt sich erst die Leistung erkennen, die dahintersteckt. Die Weltereignisse schlugen ja immer mit ihren Wellen bis nach Deutschland hinein, wie zum Beispiel die Entwicklung in Italien, die Ende 1922 zum Sieg Mussolinis adar und des Faschismus' führte, oder die Übernahme des Regierungssteuers in Frankreich durch Poincaré, der als Ministerpräsident und Aussenminister fast noch engstirniger als Clemenceau an den Versailler Bestimmungen festhielt. Elisabeth Kirschmann- Roehl bekam die Auswirkungen der Poincaré- Politik im Rheinland zu spüren, denn am 11. Februar 1923 marschierten die Franzosen in das Ruhrgebiet ein. Rxx Die nächste Folge war die Ausrufung des passigen Widerstandes durch das Kabinett des cein Mann wie Albert Leo Schlageter, Reichskanzlers Cuno. Nur in einer solchen Zeit konnte der ehemalige Kriegsoffizier, Freikorpsmann und Anhänger eines gewissen Adolf Hitler durch seine Aktionen zum Nationalhelden emporsteigen und seine Erschiessung auf der Golzheimer Heide bei Düsseldorf als Märtyrertod in die" Geschichte des nationalen Aufstiegs Deutschlands und des Nationalsozialismus" eingehen. Als am 26. September 1923 der passive Widerstand im Ruhrgebiet abgeblasen wird, weiss man nicht, was danach kommt. Einen Monat später wissen es Marie Juchacz, Elisabeth Kirschmann- Roehl, und alle anderen: die Separatistenbewegung hat eingesetzt, mit dem Bestreben der Abtrennung des Rheinlands vom Reich. Und wieder einen Monat später, am 8. November 1923, veranstaltet Adolf Hitler es ist eine Kettenreaktion, die xxx wie nach einem Fahrplan жжядя abläuft seinen Münchener Putsch. Marie und Elisabeth lesen in den Zeitungen, was Adolf Hitler am 9. November plakatieren liess: " Proklamation an das deutsche Volk! Die Regierung der Novemberverbrecher in Berlin ist heute für abgesetzt erklärt worden. Eine proviserische deutsche National- Regierung ist gebildet worden. Diese besteht aus General Ludendorff, Adolff Hitler, General von Lossow und Oberst Seisser. - 11 - - In Berlin war in diesen Tagen Marie Juchacz gerade mit der******** * XXX Vorbereitung der schon erwähnten dritten Konferenz der Arbeiter Gür Köln - 170. Wohlfahrtybeschäftigt. Sie nimmt nur am Rande Kenntnis davon, dass sich von Kahr, Generalstaatskommissar in Bayern, sowie General von Lossow und Oberst Seisser von den Hitler- Putschisten distanzierten und die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und einige sogenannte' Kampfverbände" auflösten. Noch unter dem Eindruck der Kölner Konferenz mit den Versicherungen der vielen ausländischen Vertreter, die ihre Hilfe zugesagt haben, liest sie in der Eisenbahn von Köln nach Berlin die Berichte über den Münchener Putsch, dass der in einer Villa am Staffelsee vergaftete Anführer der Putschisten, Adolf Hitler, demnächst vor ein Gericht gestellt und abgeurteilt würde. Endlich ein Ausblick, dass wenigstens von dieser innerdeutschen Seite keine Ruhestörungen mehr erfolgen werden. Rafür In Berlin stürzt sie sich in eine neue Arbeit, denn die um die Jahreswende erfolgte Stabilisierung der Mark zwingt die Arbeiter- Wohlfahrt, sich auf die neuen Währungsverhältnisse einzustellen. Ausserdem hat ein amerikanischer Finanzexperte, Charles Dawes, einen neuen Pfan ausgearbeitet, der für Deutschland eine Chance bedeutet, auch wenn das Reich bis 1928 jährlich 1 Milliarde und 750 Millionen Mark, und von 1928 ab pro Jahr 2 Milliarden und 500 Millionen Mark an Entschädigungen zu zahlen hat. Dafür fliessen ausländische, vor allem amerikanische Kredite zum Aufbau der Wirtschaft nach Deutsch land. Bei den Verhandlungen über Annahme oder Ablehnung des Dawes-Planes lässt Marie keine Sitzung im Reichstag aus. Die Zeit, die sie für ihre andere Arbeit verliert, holt sie in den Nächten nach. Das gleiche Pensum wird von allen anderen Parlamentariern absolviert. Kein Wunder, dass*** Marie, nun 45 Ja hre alt, manches Mal seelisch, geistig und körperlich völlig erschöpft ist. Sie treiben alle Raubbau mit ihren Kräften, aber dieses Übermaß von Arbeit scheint sich zu lohnen, denn Ende Juli 1924 räumen die Franzosen das Ruhrgebiet, und im August werden auch Düsseldorf, Duisburg, Mülheim und Oberhausen besatzungsfrei. Es hat den Anschein, als ob sich die Lage in Deutschland nun beruhigen würde, umsomehr, als in Frankreich und England, den Erbfeindländern, linksgerichtete Regierungen zur Macht kommen: der Radikalsozialist Herriot und der Arbeiterführer MacDonald, [ Das währe Gesicht des verlorenen krieges] Doch die Arbeiter- Wohlfahrt steht vor schier unlösbaren Aufgaben, denn jetzt zeigt sich erst das wahre Gesicht des verlorenen Krieges mit seinen unzähligen Folgeerscheinungen: auf der einen Seite die kleine Schicht der Kriegs- und Inflationsgewinnler, die sich in Handel und Industrie Schlüsselpositionen geschaffen haben und aus Furcht vor irgendwelchen Sozialisierungsmöglichkeiten jede nationalistische Strömung unterstützen, und auf der anderen Seite die Masse der restTrotz · . - 171- los Enteigneten, die kein Gefühl mehr für die Möglichkeiten eines gesunden Mittelwegs haben und sich nach rechts und links anschliessen, bei den extremen Nationalisten und bei den Kommunisten. Und zwischen diesen beiden Lagern die Reichswehr, die nach wie vor von ehemaligen Generalen des Kaiserreichs kommandiert wird. Das war der Gesamt- Tenor des Jahres 1925, in dem der erste Reichspräsident, Friedrich Ebert, starb, um zwangsläufig von einem angeblich ruhenden Pol- dem greisen Generalfeldmarschall von Hindeburg- als zusammenführende Kraft abgelöst zu werden, mit dem Ergebnis, dass alles, was einstmals glorreich und national einwandfrei galt, wieder zu Ehren kam, einschliesslich der Farben schwarz- weiss- rot, die nun wieder offiziell nebenden Farben schwarz- rot- gold, und erstaunlicherweise offiziell bei den Auslandsvertretungen des deutschen Reichs, gezeigt werden. Trotz dieser Strömungen geht der deutsche Aussenminister Gustav Stresemann nach Locarno und erreicht durch seine Verhandlungen, dass mit einer gegenseitigen Garantie die Grenzen zwischen Frankreich, Belgien und Deutschland als unantastbar gelten und dass sich die Vertragspartner verpflichten, keinen Krieg mehr gegeneinander zu führen und alle Auseinandersetzungen auf freidlichem Wege zu klären. Die Völker Europas glauben an den Frieden und an den friedlichen Wiederaufbau. Auch in Deutschland glaubt man daran, zumindest in den Lagern, die diesen friedlichen Wiederaufbau auf ihre Fahnen geschrieben haben. Und erst recht bald danach, als Deutschland in den Völkerbund aufgenommen wird. Von den 50 000 Exemplaren eines Buches mit dem Titel" Mein Kampf" ist in dieser Zeit kein einziges in die Hände von Marie Juchacz gekommen. Sie weiss zwar, dass es in den radikalen Zentralen schwelt und brodelt, ist aber davon überzeugt, dass man den Radikalismus aller Richtungen am besten dadurch überwindet, dass man zur wirtschaftlichen und sozialen Ordnung beiträgt und damit den Menschen auch den inneren Frieden wiedergibt. Den äusseren haben sie ja erhalten. 1925 So bereitet, Marie für das Ende des Jahresydie erste Reichssitzung der Arbeiter- Wohlfahrt für Berlin vor, die insofern eine organisatorische Veränderung brachte, als Parlamentarier nur noch als Sachverständige nicht mehr als Vertreter hinzugezogen wurden. " Wir tagten also nicht mehr als Vertreterkonferenz, sondern waren als Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt versammelt, der damit seine erste Reichssitzung abhielt." Es ist erstaunlich, mit welcher Fülle von Gesamt- und Detail- Fragen im Zusammenhang mit allen Aufgaben der Arbeiterwohlfahrt sich Marie Juchacz befasste. Sich damit befassen bedeutete für Marie immer und ihr ganzes Leben lang: jedes Problem mit beinahe wissenschaftli - 172cher Gründlichkeit durcharbeiten. Viele Hilfskräfte standen ihr bei ihrer Arbeit nicht zur Verfügung. Der Raum in der Lindenstrasse 3 im Hause des" Vorwärts" war knapp, der Arbeitsanfall wurde immer grösser. Das Jahr 1926 brachte Höhepunkte und Veränderungen: " Naturgemäss hat eine junge, rasch aufstrebende Organisation in einer Zeit allgemeiner Krisen vor allem auch mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu reяжяяя ringen, deren Überwindung einen besonders starken Aufwand an Arbeitsenergie und Dispositionsvermögen erfordert. Die Geschäftsstelle musste die sich im Jahre 1926 steigernde Arbeitsfülle mit einem Mindestmaß von Arbeitskräften und technischen Hilfsmitteln bewältigen. Die knappen Verwaltungsmittel bedingten eine starke Beanspruchung der Arbeitskräfte und eine aussergewöhnliche Inanspruchnahme des ehrenamtlichen Mitarbeiterkreises. Die rapide Steigerung des Geschäftsverkehrs mit den Organisationen der Arbeiter- Wohlfahrt im Reich, mit den Behörden, den befreundeten oder nahestehenden Organisationen und Einzelpersonen dokumentierte sich in einem Anschwellen des tählichen Postein- und-ausgangs. Mit fünf technischen Arbeitskräften wurde die ungemein vielseitige und umfangreiche Arbeit, die durch die Einrichtung unseres Schwarzwalheims' Ludwig xxx Frank', durch die Vorbereitung für die Jenaer bevölkerungspolitische Tagung und durch die Herausgabe unserer Zeitschrift' Arbeiterwohlfahrt im Jahre 1926 eine besondere Belastung erfuhr, geleistet. Ausserdem wurden auch die einleitenden Arbeiten für die Zentralwarenlotterie, zu deren Durchführung später eine eigene Lotterieabteibung eingerichtet wurde, erledigt. Durch die Arbeitsvermehrung und das dadurch angewachsene Material waren schliesslich die Büroräume in der Lindenstrasse nicht mehr ausreichend. Demzufolge wurde eine Verlegung der Geschäftsstelle nach dem Belle Alliance- Platz 8 notwendig, wo anstatt der drei Räume jetzt fünf zur Verfügung standen. Unsere Fachzeitschrift' Arbeiterwohlfahrt', die erstmalig zum 1. Oktober 1926 mit einer Auflage von 10 000 Exemplaren erschien und rasch eine weit über unseren Mitarbeiterkreis hinausgehende Beachtung fand, liess den Plan der Einrichtung einer Sichtkartei, die gleichzeitig dem Versand, der Abrechnung und Werbung dient, entstehen. Die Redaktion der Zeitschrift übernahm Hedwig Wachenheim."[ 20 Huise in Berlin- Köpenick] Bei der Inangriffnahmeg grösserer Probleme sprach Marie nach wie vor zuerst mit ihrer Schwester Elisabeth und natürlich auch mit ihrem Mann, Emil Kirschmann. In beiden Menschen hatte sie kritische, aber gute Berater. Es war nicht so, dass Marie alleine keine Entscheidungen treffen wollte. Sie war manches Mal in ihrem Leben, wo niemand ihr zur Seite stand, dazu gezwungen, aж* к und was sie entschied, hatte - - 173- auch - Gültigkeit auf lange Sicht, war hieb- und stichfest und überzeugte worauf es sehr oft ankam manchen Gegner im Freundes- und Feindeslager. Aber sie fühlte sich selbst sicherer, wenn sie zu manchen Dingen, die entschieden werden mussten, zuvor die Meinung anderer hörte, vor allem die von Lisbeth und Emil, die zu ihr und zur Familie gehörten wie das Häuschen in Köpenick mit seinem Garten- und mit dem Dackel und dem Kater, die in dieser Zeit als neue Mitglieder zur Familie kamen. Es wurde ein seltenes, aber mit desto grösserer Freude genossenes Vergnügen für Marie, mit Pummeline, der wasch- und rasseechten Dackelhündin an der Leine, kurze Abendspaziergänge vor Sonnenuntergang zu machen, in den Köpenicker Wald, der 2 zwanzig Schritte vom Haus entfernt begann. Kater Murr, mit einem grossgezeichneten weiss- grauen M auf der Stirne, begleitete die beiden ein Stück Wegs und machte sich dann selbständig. Auf diesen Spaziergängen die ersten bewusst erlebten, erholenden Stunden in Maries Leben,-versuchte sie, nicht an die immer drückender werdenden politischen Entwicklungen zu denken, sondern sich ablenken zu lassen durch das, was sie an Pflanzen und Tieren sah. Manches Mal kam sie mit einem kleinen Waldblumenstrauss nach Hause, der dann- in einer einfachen, geschmackvollen Vase untergebracht- ihren Schreibtisch schmückte. Aber diese Spaziergänge lassen sich aufzählen, so selten waren sie. Wenn Lisbeth und Emil in Berlin waren, und das war sehr oft der Fall, oder auch Lisbeths Sohn Fritz in Schloss Letzlingen Ferien hatte und nach Berlin kam, wurden diese Spaziergänge gemeinsam durchgeführt. Die Anwesenheit von Fritz, der öfter nach Berlin kam als Maries Kinder Lotte und Paul, wurde als dankbare Ablenkung empfunden, weil' die drei Eltern' endlich Gelegenheit hatten, sich mit den Problemen eines jungen Mannes zu beschäftigen, der kurz vor dem Abitur shaad und dann vor der Wahl der nächsten beruflichen Schritte stand. Während Lotte in der Jurisprudenz und Paul in der Landwirtschaft gute Berufs- und Zukunftsaussichten sahen, war es bei Fritz problematischer. Er spielte schon recht gut Geige, war überhaupt musikalisch, weshalb Lisbeth manchmal mit dem Gedanken spielte, ihn Musik studieren zu lassen. Emil war völlig anderer Meinung und sah in ihm einen zukünftigen Lehrer. Marie enthielt sich meistens bei solchen Unterhaltungen der Stimme, benutzte aber manche Gelegenheit unter vier Augen, um mit dem Jungen, der ihr genau so ans Herz gewachsen war wie ihre eigenen Kinder, ein offenes Wort zu reden. Sie gab dann auch bald darauf den Ausschlag mit ihrer Stimme, dass Fritz in Berlin bleiben und mit dem Studium der Neuphilologie beginnen solle, da er eine ausgesprochene Begabung für moderne Sprachen habe. Der stille Wunsch des Jungen, Journalist zu werden, wurde vorerst be -174graben. Nur ein einziger Mann unterhielt sich einmal ernsthaft mit ihm darüber: Dr. Hans Hirschfeld, Ministerialrat im Preussischen Innenministerium, ein Freund von Emil und durch diesen auch zum Freund der Familie geworden. Er wollte bei Gelegenheit versuchen, den Jungen als Redaktionsvolontär bei einer Berliner Zeitung unterzubringen. Hans Hirschfeld, heute Pressedirektor des Berliner Senats, gehörte später in der Emigrationszeit zu den wirklich engsten Freunden von Marie und Emil. Diese Freundschaft hat sich dann automatisch auf die' Nachkommenschaft übertragen, als Marie яæяk aus der Emigration nach Deutschland zurückkehrte. Hans Hirschfeld wird noch zu Wort kommen, wenn von der Amerika- Zeit von Marie Juchacz die Rede ist. Lehr bids or word falits plage- Dusshe Eigeng Anstalten andilding Hier in Berlin, 1927, ahnte man nichts von dieser bitteren Zukunft, die fünf Jahre später beginnen sollte. Neben der parlamentarischen und parteiamtlichen Arbeit war die Arbeiter- Wohlfahrt nach wie vor Maries grösstes Arbeitsfeld. Vieles hatte sich weiterentwickelt, in erster Linie das' Anstaltswesen', dem sich mit besonderer Liebe Lisbeth widmete. Als Vorsitzende der Fachkommission entwickelte sie eine Aktivität und einen Spürsinn für gute Möglichkeiten, der wesentlich dazu beitrug, dass sich die Arbeiterwohlfahrt auch in dieser Richtung entscheidend entwickelte. - - geben. Die fast nüchterne Darstellung von Marie Juchacz über einen solchen Abschnitt lässt nur vermuten, was wirklich dahintersteckte: " Bedeutsame, nicht gerade immer dankbare Aufgaben von besonderer Tragweite hatte die' Fachkommission für Anstaltswesen' zu lösen. Infolge reicher praktischer Erfahrungen und des Überblicks, den diese Fachkommission über die Entwicklung des Anstalt swesens im gesamten Reichsgebiet hat, konnte sie wirklich zweck dienliche Beratungen erteilen, Ausbauvorschläge bearbeiten und bestimmte Hinweise- durch Aufbau, Zielsetzung und Arbeitsmethoden unserer Organisation bedingt Oft erwiesen sich dringliche Warnungen vor geplanten Neugründungen, die von den Unterorganisationen entweder als Härte oder ungerechtigkeit empfunden wurden, in der Folge als nur zu berechtigt. Durch die Errichtung der Reichskinderheilstätte' Schwarzwaldheim Ludwig Frank' sowie durch die Umgestaltung des Betriebes im Kurhaus Clausthal in Kellinhusen in Mittelholstein und den Ankauf des' Immenhof' bei Lützel in der Lüneburger heide fiel dieser Kommission noch die Erledigung besonderer praktischer Aufgaben anheim.- Mit dem Erwerb des' Immenhof', der von Lisbeth' entdeckt und der ihr liebstes Kind wurde, konnte ein lange gehegter Plan, nämlich die Errichtung eines eigenen interkonfessionellen Erziehuggsheims, verwirklicht werden. Das 250 Morgen grosse Gelände mit ausgedehntem Waldbestand, weiten Wiesenflächen, . . - · 175- Acker- und Gartenland, einigen massiven Gebäuden, die voneinander abgelegen sind, bot besonders günstige Möglichkeiten für eine mannigfache Gestaltung des geplanten Heims." Vielleicht genügt ein kleines Streiflicht, um zu zeigen, wie sich die Errichtung zum Beispiel von Kinderheimen auf die jugendlichen Bewohner auswirkte. Als am 6. März 1926 der Bezirksausschuss Berlin die ersten Berliner Kinder in das gerade fertiggestellte August- Bebel- Heim in die Sächsische Schweiz schickte, schrieb ein Kind schon am nächsten Tag eine Postkarte nach Hause, auf der nur dieser eine Satz stand: " Hier hat jedes Kind sein eigenes Bett!" Überall im ganzen Reichsgebiet waren eine Fülle von Heimen aller Art und für alle Zwecke entstanden: Heime für Mütter, Frauen und Mädchen zu reinen Erholungszwecken, ebenso für Männer und Jungens, Häuser für psychopathische Kinder, Kindergärten, Ferienkolonien, Säuglingsheime usw. Darüberhinaus nahm sich die Organisation der Jugendgerichtshilfe und der Schutzaufsicht an. Im Zusammenhang mit diesen wachsenden Aufgaben wuchsen auch die Probleme des Ausbildungswesens: 491 " Aus vielfachen Gründen wurde eine Zentralisierung des Ausbildungswesens für Wohlfahrtspfleger und-pflegerinnen angestrebt. Das wachsende Interesse in den Kreisen unserer Organisation für die soziale Arbeit, die Schwierigkeit der Mittelbeschaffung für die langdauernde und verhältnismässig kostspielige Ausbildung forderte sowohl eine sorgfältigere Auswahl der Auszubildenden, als auch eine Fülle von Massnahmen zur Unterbringung von zukünftigen Sozialbeamten und-beamtinnen. Der Wert einer guten hauswirtschaftlichen Durchbildung sowie einer guten Allgemeinbildung war die Veranlassung zur Beschaffung von Schülerinnenplätzen in unseren eigenen Anstalten und zur Anbahnung von Verhandlungen mit nahestehenden und befreundeten Organisationen, deren Heime zum glei chen Zweck zur Verfügung zu stellen. Eine stattliche Zahl von Anwärterinnen für die sozialen Berufe wurde im R* x** kкядякк Jahre 1926 entweder als Schülerinnen in hauswirtschaftliche oder pflegerische Vorbildung gegeben oder bereits auf die Wohlfahrtsschulen entsandt. In einigen Städten wurden Kurse für die Vorbereitung zur schulwissenschaft lichen Prüfung, die eine in gewissem Grade berechtigte Forderung der aufnehmenden Wohlfahrtsschulen, Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminare usw. war, abgehalten." Als Marie und Lisbeth sich einmal über das Problem der ehrenamtlichen Mitarbeiter unterhielten, wurde deutlich, dass diese Mitarbeiter ebenfalls eine Ausbildungsmöglichkeit erhalten müssten, da sie sonst hinter der Entwicklung der Dinge zwangsläufig zurückbleiben müssten. Ohne T - - 176- み die Fülle dieser ehrenamtlichen Mitarbeiter war die praktische Arbeit aber nicht zu bewältigen. Die Anregung kam von Lisbeth, und Marie griff sie sofort auf: " In sämtlichen Bezirksausschüssen wurden Lehrgänge auf arbeitsgemeinschaftlicher Grundlage für den ehrenamtlichen Mitarbeiterstab eingerichtet. Borträge und Tagungen, bereichert durch Führungen, Besichtigungen und Ausstellungen förderten und erweiterten die Kenntnisse der Helfer. Vor allem wurde in den Arbeitsgemeinschaften die Wohlfahrtsgesetzgebung und ihre Durchführung im einzelnen gründlich behandelt und an praktischen Beispielen erläutert. Auch die schriftliche Berichterstattung wurde geübt, um die Mitarbeiter insbesondere für die öffentliche Wohlfahrtspflege vorzubereiten. Aus den Berichten, die für dieses Arbeitsgebiet von insgesamt 24 Bezirken im Jahre 1926 vorliegen, konnte eine Teilnehmerzahl von rund 28 000 Personen festgestellt werden." Kurz zuvor wurde einmal die Zentralwarenlotterie erwähnt. Der Gedanke dazu wurde schon lange vorher geboren, aber jeder Schritt, den Marie dazu unternahm, endete vor irgend einer technischen, organisatorischen oder bürokratischen Wand, Jede Verhandlung mit zuständigen Stellen führte zu dem Ergebnis, dass der Vorbereitungsaufwand das wahrscheinlich fragwürdige Ergebnis nicht lohne. Aber gerade an diesem Beispiel zeigte sich die Zähigkeit, mit der Marie eine einmal gefasste Idee, von der sie sich etwas versprach, so lange verfolgte, bis sie es dann doch schaffte: jen " Nach unendlichem Bemühen war es gelungen, die Genehmigung zum Zusammenschluss der Länderlotterien zu einer Zentralwarenlotterie für das gesamte Reich zu erhalten. Das Spielkapital von zwei Millionen Mark er gab eine Loszahl von vier Millionen, und das erfreuliche Ergebnis war, Lehrkräfte geben einer Schule ihr Gesicht so gut wie Schüler. Beide hauptamtlichen Lehrkräfte der Schule, Dr. Erna Magnus und Dr. Suse Schulze- Hirschberg, wurden mir von Marie Juchacz empfohlen, und von den nebenamtlichen Kräften Louise Schroeder. Die Lehrkräfte vereint, unter ihnen auch Dr. Hilde Oppenheimer, Franz Goldmann, Walter Friedländer und Dorothea Hirschfeld, haben dieselbe Freude empfunden wie ich an unserem Experiment, an der ersten vollen Berufs- und Fachschule. der Arbeiterbewegung mitzuwirken." festhielt. liche. Abschliessend sagt Hedwig Wachenheim: r Wir haben vereint versucht, eine Schule zu fördern, die auf die Besonderheiten des einzelnen Schülers und der Schüler als Kollektiv einging, sie mit den Idealen und dem Charakter der Arbeiterbewegung ver 177traut machte und ihnen trotz dieser Besonderheiten eine normale Ausbildung gab. In dieser Arbeit fanden wir immer das Verständnis und die Unterstützung des Hauptausschusses und besonders seiner Vorsitzenden Marie, Just aftrichen Eine der Lehrkräfte dieser Schule war Dr. Erna Magnus: " Die Arbeiterwohlfahrtsschule machte es sich zur Aufgabe, durch Gestaltung des Lehrstoffplanes und durch die Qualität der Lehrkräfte eine Ausbildung zu gewährleisten, die die Abselventen der Fachschule als vollwertige Fachkräfte neben die Absolventen anderer Schulen stell te. Dieses Ziel wurde bei der Auswahl der Schiller aus einer sehr grossen Zahl von Anwärtern stets im Auge behalten. Zulassung zur fachlichen Schulung auf einer Wohlfahrtsschule im Jahre 1928 verlangte als die Schule gegründet wurde entweder eine Fachausbildung als Kindergärtnerin, Hortnerin oder Krankenschwester, oder mehrjährige Berufsarbeit. Ausbildungsgang und Lehrstoffplan der Schule entsprachen denen der anderen******* Ausbildungsstätten für Wohlfahrtspflegerinnen. Das Gesicht unserer Schule aber war ein anderes a als das der älteren, sc hon bestehenden Schulen. Marie Juchacz hatte sich eingesetzt für die Begründung einer Wohlfahrtsschule, das heisst also einer Ausbildungsstätte, an der Frauen und Männer gemeinsam für die gemeinsame Arbeit vorbereitet wurden. Die Arbeiterwohlfahrt hat von Anfang an, mit Genehmigung des zuständigen Ministeriums, Männer und Frauen als Schüler aufgenommen. Damit hat sie eine Schulform geschaffen, die heute von einer grossen Zahl der Fachvertreter nicht nur als eine wünschenswerte, sondern bereits als selbstverständliche Ausbildungsform anerkannt ist.- Die Frauen und Männer, die in der Berliner Arbeiterwohlfahrtsschule während ihres fünfjährigen Bestehens von 1928 bis 1933 für den Sozialarbeiterberuf vorbereitet wurden, und die vielleicht heute noch in Stadt- und Landgemeinden, in Wohlfahrts- und Jugendämtern oder in Heimen als Sozialarbeiter tätig sind, haben Grund, mit Stolz und in grosser Dankbarkeit an Marie Juchacz zu denken, deren Einsicht und Verständnis, deren Tatkraft und Hingabe an eine Idee so viel dazu beigetragen haben, ihnen den Weg zu ebnen." In einer Biographie lässt es sich nicht vermeiden, durch das Zitat von Aussagen und Niederschriften anderer Menschen bestimmten Dingen voraus zugreifen, um dann noch einmal zurückzublenden. Das ist auch jetzt** f* x* x* кkiяk der Fall und erforderlich, denn bevor es zur Gründung der eigenen Fa chschule kam, wurde vom Hauptausschuss eine Vorarbeit geleistet, die ihren Niederschlag in dem 435 Seiten umfangreichen" Lehrbuch der Wohlfahrtspflege" fand, das 1927 bereits im Eigen - 178- verlag xxx des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt herausgegeben wurde. Die wesentlichen Mitarbeiter dieses Standardwerks der sozialistisch orientierten Wohlfahrtspflege waren neben Marie Juchacz noch Dr. Hanna Colm, Hedwig Wachenheim, Dr. Helene Simon, Louise Schroeder, Martha Eva Prochownik, Dorothea Hirschfeld, Walter Friedländer, Dr. Hans Maier, Dr. Laura Turnau und Dr. Carl Mennicke. Die Redaktion des Buches besorgte Hedwig Wachenheim, die damit den gesamten Lehrstoff der zukünftigen Schule zusammentrug und bearbeitete. Dieses Buch dürfte heute mit der Fülle auch des statistischen Materials, das es bringt, noch immer für Wix Sozialwissenschaftler eine Fundgrube sein. Im letzten Kapitel dieses Buches fasst Marie Juchacz noch einmal all das zusammen, was grundsätzliches Ziel der Arbeiterwohlfahrt ist, behandelt das Thema ' Arbeiterbewegung und Wohlfahrtsfragen vor 1918' und geht dann sehr ausführlich auf die schon in der Idee im Jahre 1902 entstandenen Kinderschutzkommissionen ein, die sich mehr und mehr entwickelten und die der eigentliche Anlass für Marie waren, alle in der sozialen Wohlfahrtspflege tätigen Kräfte endlich im Jahre 1919 zusammenzufassen.Mit der Redaktion dieses Buches setzte sich Hedwig Wachenheim ein gedrucktes Denkmal. Ihr Biograph wird es zu würdigen wissen. - normale' [ Lotte Lemke kommit- Elizabeth Tod] - Neben der Arbeit an dem Buch lief die Arbeit für Hedwig Wachenheim sie war Ministerialrat, redigierte die Zeitschrift' Arbeiterwohlfahrt' und war gleichermassen in den Apparat der Sozialdemokratischen Partei eingespannt weiter. Als Marie Juchacz das Heft 3 des dweiten Jahrganges der Zeitschrift' Arbeiterwohlfahrt' in die Hand bekam, las sie auch einen kleinen Artikel über" Neue preussische Ausführungsbestimmungen zum Reichs jugendwohlfahrtsgesetz', öhne sich di* x* x den Verfase ser dieses kurzen, sachlich definierenden Berichts einzuprägen. Er stammte von Lotte Lemke, deren Na me damit erstmalig publizistisch in Erscheinung tráty. Mehr als ein Jahr später veröffentlicht sie im Novemberheft des Jahres 1928 unter dem Titel' Zehn Jahre öffentlicher Wohlfahrtsarbeit eines Landkreises' als Kreis fürdorgerin in Calau N.-L. im Alter von 25 Jahren einen sehr ausführlichen und fundierten Artikel, den auch Marie Juchacz mit grossem Interesse las, weil er im Rahmen **** я der Wohlfahrtsarbeit eines Landkreises alle Probleme anschnitt, die für Marie Juchacz zu den Grundsätzen ihrer eigenen Arbeit gehörten. Ein Gespräch, das Marie Juchacz und Hedwig Wachenheim darüber führten, lässt sich leider nicht mehr rekonstruieren. Wber Es geschah zur rechten Zeit, dass sich Hedwig Wachenheim an Lotte Lemke erinnerLotte Lemke te. Aber das sagt sie selbst viel besser: " Es war im Sommer 1929, da wurde ich- die junge Fürsorgerin in einem - 179. Landkreis des Niederlausitzer Braunkohlenreviers, von Hedwig Wachenheim aufgefordert, eine Arbeit im Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt zuj übernehmen. Ich sollte mich zu einer Besprechung******** bei Marie Juchacz in ihrem Berliner Partei büro einfinden. Ich habe den Tag im August noch lebhaft in Erinnerung, an dem ich die Treppen im Hause Lindenstrasse 3 hinaufstieg, zaghaft an die Türe mit ihrem Namensschild klopfte und ihr dann in dem langen, schmalen Zimmer, dem einige gut gehaltene Blattpföanzen viel von seiner sachlichen Strenge nahmen, gegenüber sass. Was lag näher, als dass die junge Fürsorgerin unsicher und zaghaft fragte:' Warum gerade ich? Und bin ich denn nicht viel zu jung?!, und Marie Juchacz lächelnd antwortete:' Das letztere ist ein Fehler, der mit jedem Tage mehr verschwindet, und im übrigen haben wir Vertrauen zu Ihnen'. Das Gefühl der Verpflichtung, das sich aus dem Stolz und der Freude über diese Auszeichnung entwickelte, hat mich niemals verlassen. Und auch niemals das Gefühl der Ergebenheit, das damals gegenüber der ruhigen, ernsten Frau von meinem Herzen Besitz ergriff. Am 14. September 1929 trat ich meinen Dienst im Hauptausschuss an. Selten wird ein Mensch bei Antritt einer neuen Tätigkeit auf so viel freundliche und kameradschaftliche Bereitschaft stossen wie ich damals. Die Mitglieder des Vorstandes, der Lehrkörper der AW- Wohlfahrtsschule, die Mitglieder der verschiedenen Fachausschüsse alles Namen von gutem Klang in der Fachwelt-, nicht zuletzt die Mitarbeiter in der Geschäftsstelle nahm en mich ohne Vorbehalt auf, stützten mich und halfen mir, wo immer sie konnten. Marie Juchacz, ernst, herb, spannte stellte mir Aufgaben, xax den Rahmen meiner Verantwortlichkeit immer weiter, regte an, ermutigte. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals über Persönliches gesprochen haben, aber die sachliche Kameradschaftlichkeit war ungeheuer stärkend und gab ein gutes Gefühl von Sicherheit auch im Menschlichen. - Wenige Monate nach Aufnahme meiner neuen Tätigkeit beging der Hauptausschuss die Feier seines zehnjährigen Bestehens. Im Plenarsaal des ehemaligen Preussischen Herrenhauses sprach Marie Juchacz: unpathetisch, klug und klar gab sie in vorbildlich kurzer Rede einen Überblick über die Entwicklung der jungen Organisation:' Die Arbeiterwohlfahrt fand in der Demokratisierung des öffentlichen Lebens ihre Lebens bedingungen. So musste sie entstehen. Wir wünschen ihr weiteres Wachstum nach innen und aussen. Alles flies st. Es gibt noch viel Brachfeld für eine moderne Wohlfahrtsorganisation im neuen Deutschland.' Ja, es gab viel Brachfeld. Die Weltwirtschaftskrise kündigte sich an.y In dieser Situation, in der die deutsche Arbeiterbewegung in allen ihr ren Zweigen einen verzweifelten Kampf um die Aufrechterhaltung ihrer - - 180- Errungenschaften und um die politische Freiheit und Demokratie in Deutschland führte, fielen der Arbeiterwohlfahrt eine Fülle von Aufgaben zu. Ich war- nach knapp einem Jahr im Juli 1930 mit der Geschäfts führung des Hauptausschusses betraut worden. Es gehört zu meinen unvergesslichen Erinnerungen, mit welcher Aktivitä, welchem ungebrochenem Mut, unter welchen äussersten Opfern unsere Helfer in Stadt und Land damals arbeiteten. Es kam ihnen zugute', dass sie selber weitgehend vom Schicksal der Arbeitslosigkeit betroffen waren und somit... Zeit hatten, Zeit, die sie darauf verwandten, ihnen Schickdalsgefährten zu helfen." - tai So schrieb Lotte Lemke** x** ккя über das Jahr 1930, in dem drei M.Hen nate vor ihrer Beauftragung als Geschäftsführerin Geschäftsführerin- im März Brüning die Kanzerschaft übernahm und anfing, mit Notverordnungen zu operieren. Wie sollte er auch anders daxxx mit der deutschen Krise fertig werden? Es war ja eine Weltwirtschaftskrise, nicht nur die deutschen Banken legten Feiertage ein, die ganze Welt wirtschaftskrank. war " Die Nationalsozialisten machen es sich leicht, und die meisten Menschen fallen darauf herein. Wenn man ihnen zu erklären versucht, dass der französische Franc ins Wanken geraten ist, dass Wiener Banken keinen Ausweg mehr sehen, dass England an Arbeitslosenunterstützung bis heute( August 1930) etwa 30 Millionen Pfund ausgegeben hat und den Goldstandard aufgegeben hat, antworten sie mit dem Schlagwort, dass ' wir Erfüllungspolitiker' an allem Schuld sind. Sie täuschen die Menschen, indem sie ihnen die Wahrheit verschweigen, und man glaubt ihnen, immer mehr. Wer weiss, wohin das führen soll?" Die Schwestern Marie und Elisabeth, Emil Kirschmann, und mit ihnen alle, die noch immer nicht die Hoffnung aufgeben, dass eine Wendung zum Guten möglich ist, zehren sich in ihrer Arbeit auf. Der Tod Gustav Stresemanns am 3. Oktober 1929 zieht zugleich einen Schlußstrich unter die Bemühungen dieses Staatsmannes, Europa nicht nur zu versöhnen, sondern auch zu der Rotfrontkämpferbund einen. Die braunen Kolonnen der SA und* x* x******* der KPD' erobern' sich die Strasse. Es wird gefährlich für politisch exponierte Persönlichkeiten, zu leben. SPD, Gewerkschaft und die Versammlungs- Schutzorganisation des' Reichsbanner' haben sich zur' Eisernen Front' zusammengeschlossen, nicht um zu demonstrieren und oder mit den braunen oder roten Ruhestörern Strassenkämpfe auszutragen, sondern um den Schutz des Restes von demokratischen Freiheiten, die es in diesem zerrütteten Deutschland noch gibt, zu übernehmen - 181- Für den Herbst 1930 sind für den Preussischen Landtag Neuwahlen ausgeschrieben worden. Elisabeth Kirschmann- Roehl befindet sich auf einer Versammlungs- Tour im Rheinland, in ihrem Wahlkreis. Sie jagt von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, spricht zu den Menschen und wird von ihnen ruhig angehört, schaltet sich überall dort ein, wo um das Ursächliche der Weltkrise diskutiert wird, gerät auch in eine Versammlung der Nationalsozialisten, wo sie sich zum Wort meldet, obwohl sie weiss, dass sie sich in Gefahr begibt, wird niedergeschrien, vom Podium gezerrt, und von wenigen Freunden zu einem Seitenausgang gebracht, vorbei an rauflustigen SA- Männern, die Revolver und Messer in den Händen halten, die Mützen mit Riemen unter dem Kinn festgebunden, junge Menschen, die nicht politisch denken, sondern nur hassen, blind und wütend, ohne Verstand, aufgeputscht durch die Tiraden des Rattenfängers Adolf Hitler. Stramew Nicht weit vom Versammlungslokal, an einer dunklen Rcke, bricht Elisabeth zusammen. Die Freunde sind ratlos, einer versucht, einen Arzt zu finden. Elisabeth kommt zu sich, wird in das kleine Zimmer des Gasthofs gebracht, in dem sie abgestiegen ist, und fällt in einen tiefen Schlaf. high Am nächsten Morgen ist sie auf und schon unterwegs zum nächsten Versammlungsort. Ein anderer Redner muss einspringen, Elisabeth ist auf dem Weg zum Versammlungssaal mit schweren Schmerzen liegengeblieben. Wieder greifen die Freunde zu, ein Auto bringt sie auf dem schnellsten Weg nach Köln, in das Westsanatorium. Wenige Stunden später liegt sie auf dem Operationstisch. Lotte Juchacz, Maries erwachsene Tochter, übernimmt die Initiative, benachrichtigt ihre Mutter und Lisbeths Mann, die ihre politische Arbeit unterbrechen und nach Köln kommen. Lisbeths Sohn Fritz, wird der in Berlin- Köpenick ist, wird am nächsten Tag telefonisch verständigt, dass eine zweite und dritte Operation erforderlich wurde. Die Ärzte hoffen. Der Sohn hofft. Schwester und Schwager hoffen. Lisbeth wird es überstehen. Knapp drei Wochen vorher, am 22. August, wurde sie 42 Jahre alt. Lisbeth ist zu jung, um zu sterben. Ihre Aufgabe ist noch nicht erfüllt. in Berlin Am 19. September ruft Lotte in Berlin an:" Setz Dich sofort in einen Zug und komm nach Köln, die kleine Mutti will Dich sehen". Fritz hatte schon Tage vorher einen kleinen Koffer gepackt, weil er auf diesen Anruf wartete. Als er am nächsten Morgen von der Strassenbahnhaltestelle durch die Kölner Lorbergstrasse zur Wohnung lief, kam er an offenen Fenster daxxa Wolp einer Wohnung vorbei, in dem ein Radiopparat stand, der die Frühmeldungen brachte:" In den tribes Morgenstunden starb heute im Kölner Westsaa torium die sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Elisabeth KirschmannRoehl nach kurzer, aber schwerer Krankheit." So erfuhr Fritz den Tod seiner Mutter. - FLRA . — . Fortsetzung Pester 232- 250 ans techn. Gründen überspungen. ORIGINA Seiten 251-356 Ich The R. August 1958 - 251- XXXXXXX . Im den Heft Nr. 19 der Zeitschrift" Arbeiterwohlfahrt" vom 1. Oktober 1930 schrieb Hedwig Wachenheum; die für die Zeitschrift verantwortlich zeichnende Redakteurin: - " Am Sonntag, dem 21. September, starb nach schmerzvollem zehntägigen Krankenlager Elisabeth Kirschmann- Roehl, Mitglied es Preussischen Landtags, mit 42 Jahren. Sie war Vorsitzende der Anstaltskommission der Arbeiterwohlfahrt und als solche Mitglied des Hauptausschusses. Elisabeth hat nie auf ihre Gesundheit oder körperliche Kraft Rücksicht genommen und bis zum Zusammenbruch in Wahlversammlungen gesprochen. Neben ihrer politischen Tätigkeit, die einen dauernden Wechsel zwischen ihrem Kölner Wahlkreis und Berlin bedingte, ist sie fast jede Woche zu den Heimen der Arbeiterwohlfahrt gefahren. Dabei war sie kein Mensch trockener Pflichterfüllung. Die Aufgabe war es, die sie zur Unermüdlichkeit drängte. Der' Immenhof' sollte ein sozialistisches Erziehungsheim werden. Die Arbeit, die dazu notwendig war- und sie war nicht gering tat sie im Drang zum Ziel. Wie ihre ganze Umgebung hat sie auch den' Immenhof' schön haben wollen und ihn aus eigenem Gestaltungsvermögen modern, praktisch und schön eingerichtet. Nur mit ihrer starken Liebe zur Sache konnte, was dort geleistet worden ist, geschaffen werden. Mit dieser Arbeitsfreude hat sie ihre Aufgabe in der Arbeiterwohl fahrt auch auf vielen anderen Gebieten erfüllt. Sie hat die Arbeiterwohlfahrt im oberrheinischen Bezirk aufgebaut. In die Ausbildungsarbeit brachte sie immer neue Ideen, regte andere durch sorgfältige Berichterstattung und Vorschläge für neue Methoden an. Die Leser dieser Zeitschrift haben ihre liebenswürdige und lebendige Art, ihre Gedanken niederzuschreiben, kennengelernt. Als Vorsitzende des sozialpolitischen Ausschusses der preussischen Landtagsfraktion seit 1928 hat sie mit sicherem Überblick die Arbeit geleitet ,, die Arbeitskräfte zusammengefasst und auf einem bei der gegenwärtigen politischen Konstellation schwierigen Arbeitsgebiet die Fraktion zu Erfolgen geführt. Wer mit Elisabeth zusammen gearbeitet hat oder ihr durch Freundschaft verbunden war, entbehrt heute noch mehr als ihren unermüdlichen Gestaltungswillen. Sie war eine liebenswürdige, liebenswerte Frau, ein Mensch, in dessen Nähe zu sein wohltat. Die mütterliche Liebe, die sie den Gegenständen ihrer Arbeit zuwendete, hatte sie auch für die Menschen, mit denen sie arbeitete. Sie war immer bemüht, Mitarbeitern, Freunden und Anverwandten eine wohltuende Umgebung zu schaffen. Scharfe persönliche Gegensätze glich sie durch ihre Herzlichkeit aus. Für Stunden erregender politischer Spannung wusste ich mir keinen besseren Kameraden. Mit klarem Urteil, im Gefühl ganz erfüllt von der Sache, blieb sie immer freundlich. Sie hat als junge Frau hart kämpfen müssen - 252- und grosse Arbeit geleistet in den letzten Jahren. Ihr Wesen aber blieb immer heiter, immer eine Freude für ihre Umgebung. In diesem ihrem Wesen liegt der andere Teil ihrer Bedeutung für die Arbeiterwohlfahrt und igre Führerstellung im sozialpolitischen Ausschuss der preussischen Landtagsfraktion. Sie nahm sich mit ihrer liebenswürdigen Güte der Sache und der Menschen an, und darum ordneten sich diese gerne ein. Ihr Tod ist für die Arbeiterwohlfahrt ein harter Schlag." Lotte Lemke, die kurz zuvor als Geschäftsführerin des Hauptausschusses berufen worden war, schreibt im Jahrbuch der AW 1930 in einem Nachruf: " Durch den Tod von Elisabeth Kirschmann- Roehl verlor der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt eine Persönlichkeit, die seit den Anfängen der Arbeiterwohlfahrt an ihrem Aufbau und Ausbau mit grosser Tatkraft mitgearbeitet hat. Ihrem starken Lebenswillen und ihrer Tatkraft verdanken wir wertvolle Impulse und Erfolge. Über die Organisation hinaus nahm sie maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung der öffentlichen Fürsorge. Ihre Tätigkeit in der Nationalversammlung und im Preussischen Landtag ist für die soziale Gesetzgebung von Bedeutung gewesen. Unvergesslich wird die Arbeit bleiben, die sie als Vorsitzende der Anstaltskommission für die Arbeiterwohlfahrt geleistet hat. Das umfangreiche Arbeitsgebiet dieser Frau lässt sich kaum umreissen. Doch eins verdient besonders hervorgehoben zu werden: mit grosser Liebe und der ihr eigenen Zähigkeit half sie an dem Aufbau unseres Berufserziehungsheimes' Immenhof'. Wenn einmal der Versuch der Arbeiterwohlfahrt, neue Wege der Fürsorgeerziehung einzuschlagen und neue Formen zur Lebensertüchtigung der gefährdeten und vom Wege abgee irrten Kinder zu finden, verwirklicht ist, so wird ihr Name an erster Stelle genannt werden. Der Hauptausschuss verliert in ihr eine Mitarbeiterin, in der die soziale Idee ihre reinste Verkörperung gefunden hat." Der Leser wird sich mit Recht wundern, dass sowohl Hedwig Wachenheim in ihren Nachrufen, als auch Lotte Lemke zwar dem Wesen von Elisabeth und igrer geleisteten Arbeit gerecht wurden, dass aber keine von beiden in irgend einer Form in diesem Zusammenhang den Namen von Marie Juchacz erwähnte, die Schwester, die mehr als nur ihre beste Mitarbeiterin verlor, nämlich einen Teil ihres eigenen" Ichs". Den beiden Verfasserinnen und Mitarbeiterinnen war es auf Grund des eigenen Verhaltens von Elisabeth und Marie im Augenblick der Niederschrift dieser Nachrufe garnicht zum Bewusstsein gekommen, auf die seelische und geistige Bindung und . - 253- Verbindung der beiden Schwestern hinzuweisen oder näher darauf einzugehen. Elisabeth und Marie hatten nach aussen verschiedene Namen und verschiedene Aufgabengebiete, und in ihrer gemeinsamen beruflichen Zusammenarbeit war der sachliche Tonfall ausschlaggebend, umsomehr, wenn Freunde oder Bekannte bei dieser Zusammenarbeit mitwirkten. Darüberhinaus ging marie unmittelbar nach Elisabeths Tod ihrer Arbeit mit einer Selbstdisziplin und Gründlichkeit nach, die sich zwangsläufig audh auf die Umgebung von marie Juchacz auswirkte. Man respektierte auch hier das Tabu, das Marie und Elisabeth- in erster Linie aber Marie zwischen den beruflichen Aufgaben und dem privaten Dasein aufgestellt hatten. Vier Tage nach Elisabeths Tod, am 25. September, wurde sie auf dem Südfriedhof in Köln beigesetzt,* x* x* x********** die Beerdigung war zugleich eine Demonstration gegen den Wahlerfolg der Nazis vom 14. September, die statt bisher 12 jetzt 107 Abgeordnete im Reichstag aufmarschieren liessen. Mehr als tausend Menschen gaben Elisabeth das letzte Geleit an diesem heissen Septembertag, die engsten Freunde und Mitarbeiter sprachen letzte Worte und Grüsse. Marie sass vorne in der ersten Reihe, direkt dem Sarg gegenüber, mit steinernem Gesicht, ohne zu hören und zu sehen, was um sie herum vorging. Später erinnerte sich Metti daran, dass ihr einmal kurz durch den Kopf gegangen war, dass im gleichen Augenblick, als sie letzten Abschied von ihrer Schwester Elisabeth nahm, Adolf Hitler in einem Reichswehrprozess als Zeuge vor dem Reichsgericht auftrat. Sie [ Die Nazi- Zeichen der Zeit-- 1] Die politischen Ereignisse der folgenden Wochen verdeckten den Schmerz um den Verlust der Schwester. Knapp drei Wochen später, am 14. Oktober 1930, musste sich Marie mit ihren Parteifreunden mühselig einen Weg durch randalierende Nazi- Demonstrationen vor dem Reichstag bahnen. In der Leipziger Strasse waren die Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen worden. Die Zeichen der Zeit rückten mehr und mehr auf Sturm. In diesen bewegten Tagen fand im Hause von Marie Juchacz in Berlin- Köpenick eine Zusammenkunft von Freunden statt. Paul Löbe, kurz zuvor wieder zum Reichstagspräsidenten gewählt, Carl Severing von Ministerpräsident Braun zum preussischen Innenminister ernannt, der frühere preussische Innenminister Albert Grzesinski, Otto Wels als Rax*** Vorsitzender der SPD, Emil Kirschmann und Marie sassen bis in die späten Nachtstunden zusammen, um zu beraten, wie Preussen als Damm gegen die nationalsozialistische Flut verstärkt und ausgebaut werden könne. An diesem Abend wurde beschlossen, Grzesinski den Polizeipräsidentenposten von Berlin anzuvertrauen, um die Berliner Polizei in der Hand zu behalten. - 254- Seine Ernennung erfolgte schon wenige Tage später, am 4. November 1930. + Sie Ma rie trauerte nur noch im Unterbewusstsein um den Tod ihrer Schwester, täglich Sie Safi Köpenicker Haus die vielen Dinge, die Elisabeths persönlichen Stil lebendig erhielten. Alles blieb, wie es xx* x***** angeordnet und hingestellt hatte. Mit Emil Kirschmann wurde die Kameradschaft durch die******* идg niemals ausgesprochene, aber**** к innerlich lebendige Erinnerung noch enger. Und L- sbeths Sohn Fritz, im zweiten Neuphilolostand gie- Semester auf der Berliner Universität, xXX**** x* x* x wie ein vererbtes Bindeglied zwischen Stiefvater Emil und Tante Marie, Die Kinder von Marie, Lotte und Paul, selten oder kaum zu Hause, da Lotte nicht in Berlin studierte und Paul als Verwaltungsassistent auf einem Gut arbeitete, waren dem Haus schon entwachsen. So bekam Fritz die neue elterliche Liebe mit der Wärme zu spüren, die den Aussenstehenden stets verborgen blieb. Die Gelegenheiten für familiäre Zusammenkünfte und persönliche Gespräche ausserhalb der politischen Ereignisse wurden sehr bald immer seltener, und nicht nur im Hause Juchacz- Kirschmann- Roehl geriet das Privatleben endgültig in den Sog des politischen Strudels, um darin unterzugehen. Das ist kein Wunder, wenn man sich die kleinen und grossen Begebenheiten dieser Zeit ins Gedächtnis ruft. Schon zwei Tage nach Elisabeths Beisetzung in Köln fand an der Wohlfahrtsschule des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt in Berlin das erste Staatsexamen statt, mit einem so guten Prüfungsergebnis, dass die der Prüfung beiwohnenden Staatskommissare sich nur mit grösstem Lob äussern konnten. Aber was nützte dieser schöne Erfolg in dieser schweren Zeit? Marie Juchacz, die Vorsitzende der AW, und Hedwig Wachenheim als Leiterin der Schule, spürten auf Schritt und tritt, dass dieses Ergebnis nur mehr für jene Menschen bedeutungsvoll war, die nicht nur an die Gesundung des politischen dwirtschaftlichen und sozialen Lebens glaubten, sondern sich auch täglich dafür einsetzten. Aber diese Menschen gerieten mehr und mehr in die Minderheit. In dem einzigen von Nationalsozialisten regierten Landesteil, in Thüringen, braute der Nazi- Minister Frick" in der Garküche experimenteller Politik" als Vorgeschmack für das, was Deutschland bei einem nationalsozialistischen Sieg zu erwarten hätte, einen sozialen Brei, der nur als asozial, bezeichnet werden konnte. In Thüringen wurden Filme und Theaterstücke verboten, weil ihre Schöpfer nicht arisch waren oder weil sie dem germanischen Held enbegriff der Nazis zuwiderliefen.- Als am 5. Dezember im Mozartsaal in Berlin zum dritten Mal der Film" Im Westen nichts Neues" laufen sollte und Goebbels mit seiner SA, mit weissen Mäusen und Stinkbomben einen Tumult verursachte, der zur Absetzung und zum Verbot des Filmes führte, war Marie Juchacz - - 255and. gerade unterwegs nach Saarbrücken, um mit Angela Braun- Stratmann die letzten Besprechungen zu führen wegen des neuen Hauses der Arbeiterwohlfahrt, das aux durch Umbau eines ehemaligen Militärgebäudes entstehen Be An den Plänen für dieses Haus hatte noch Elisabeth mitgearbeitet: " Es erfüllt einen doppelten Zweck: als Raum und Rahmen für eine Laienwohlfahrtsschule der AWvdes Saargebiets, mit einem hellen Lehrsaal und mit allem, was er braucht, Radioanlage mit einbegriffen. Dann eine Bibliothek mit anschliessendem Lesezimmer. Und endlich ein Saal, der bis 500 Menschen fasst, mit Bühne, Radio, Lautsprecher und eingebauter Kinoanlage. Die oberen Stockwerke werden aufgeteilt als weibliches Ledigenheim, mit Einzelzimmern, die mitsamt den notwendigen Wirtschaftsräumen, mit Bädern, Toiletten usw. den berufstätigen Mädchen und Frauen als Wohnung dienen. S. einfach diese möblierten Zimmer auch sind, so schön sind sie: mit Farben, die zueinander passen, mit eingebauten Möbeln, guten Beleuchtungsanlagen und schönen Beleuchtungskörpern, mit fliessendem kalten und warmen Wasser, und nirgends eine Kante oder Ecke als Staubfänger." Als das Heim дияялдx9x eingeweiht wurde, sagte Angela Braun- Stratmann: " Der Andrang, ein solches möbliertes Zimmer zu bekommen, war begreiflicherweise sehr gross. Man stelle sich nur vor, was im allgemeinen als' mö bliertes Zimmer' angeboten wird!- Sachlich wie unsere Arbeit, neu und jung wie unsere Bewegung, ist der Stil des Hauses und seiner Räume. Die nicht leichte Aufgabe, aus einem ak* яяx verbauten, altmodischen Militärgebäude ein Haus zu schaffen, das den Anforderungen unserer Zeit entspricht, ist von den Architekten ausgezeichnet gelöst worden. Aber Zweckerfüllung bedeutet nicht kalte Nüchternheit und Ungemütlichkeit in Konstruktion und Ausgestaltung. Man fühlt sich sehr zu Hause in unserem AWHaus, und man steht immer wieder erschüttert vor dem Wandbild im Treppenhaus zum ersten Stock, einem Sgraffito von Käthe Kollwitz." Marie Juchacz kommt gerade noch rechtzeitig aus Saarbrücken zur Feier eines Jubiläums nach Berlin Aus der Erinnerung schreibt Lotte Lemke: " Wenige Monate nach Aufnahme meiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt beging der Hauptausschuss die Feier seines zehnjährigen Bestehens. Im Plenarsaal des ehemaligen Preussischen Herrenhauses sprach Marie Juchacz: unpathetisch, klug und klar gab sie in vorbildlich kurzer Rede einen Überblick über die Entwicklung der jungen Organisation" * - 256Was aber in mühevoller zehnjähriger Arbeit aufgebaut wurde, fiel mehr und mehr den Notverordnungen zum Opfer. Marie Juchacz sah als einzigen Weg nur noch wenigstens die Erhaltung des Geschaffenen Die Reichstagung der Arbeiterwohlfahrt in Probstzella am 14. und 15. Mai 1931 befasste sich mit den Gefahren des Abbaues der Wohlfahrtspflege. Mit zwei gressen Entschliessungen, an denen sie intensiv mitarbeitete, wandte sie sich an die Öffentlichkeit. Das Ansehen, das Deutschland durch die wachsende nationalsozialistische Bewegung im Ausland verlor, beeinträchtigte auch die Möglichkeiten der Zusammenarbeit internationaler sozialistischer Organisationen. Als am 24. Juli 1931 in Wien die Sozialistische Internationale tagte, wurde auf Initiative von Marie Juchacz eine Konferenz der Internationalen Arbeiterwohlfahrt in Wien einberufen, auf der neben Deutschland und Österreich noch Belgien, Estland, Finnland, Griechenland, Polen, Ungarn, die Schweiz und die Tschechoslowakei vertreten waren. Im November nahm Marie in Zürich an der zweiten Konferenz für sozialistische Wohlfahrtspflege in der Schweiz teil. Sie war unermüdlich, heute in Köln, morgen in Berlin, dann irgendwo im benachbarten Ausland, nahm sehr ihre Aufgabe als Parlamentarierin ernst, schrieb, konferierte, redete. Mit ihren nun 52 Jahren verbrauchte sie ihre körperlichen Kräfte wie ein junger, noch im Vollbesitz dieser Kräfte befindlicher Mensch von 25 Jahren. Nur wenige erlebten Marie Jчchacz in Augenblicken, w sie bedrückt und verzweifelt war.********** XXX* XX** XXякx\ aкkkя* R************** к Zu diesen wenigen gehörten' die engsten FamilienmitCzu dieser Zeit auch dabei way als glieder, und das waren Emil und Fritz, der miterlebte, wie Marie Anfang 1932 aus der Zeitung vorlas, dass der braunschweigische NaziInnenminister Klagges Adolf Hitler zum Regierungsrat ernannt und ihm dadurch die deutsche Staatsangehörigkeit verschafft habe." Das ist der Anfang der Katastrophe. Wenn Hitler im März bei der Reichspräsidentenwahl kandidiert und gewinnt, beginnt der Untergang Deutschlands. von. Nur um ein Jahr hatte sich Marie Juchacz getäuscht: am 13. März 1932 ceiner Differenz unterliegt fler mitysieben Millionen Stimmen****** к dem alten Reichspräsidenten Hindenburg, der im zweiten Wahlgang am lo. April die abnoch stärker als bisher solute Mehrheit erhält.[ Die Politiker aller Parteien werden auch weiterhin strapaziert. Während Hitler mit einer aus großindustriellen Quellen finanzierten Propagandamaschine grössten Stils auffährt, stehen den anderen Parteien nur die aus normalen Beiträgen fliessenden Geldmittel zur Verfügung, um die Wahlen in den Kändern Preussen, Bayern, Württemberg und Anhalt durchzuführen. In allen Landtagen bis auf den bayerischen werden die Nationalsozialisten zur stärksten Partei. - 257Marie Juchacz und ihre Parteifreunde stehen der Entwicklung der Dinge ohnmächtig gegenüber. Sie alle können lediglich zur Kenntnis nehmen, dass Hindenburg seinen Kanzler Brüning entlässt und Franz von Papen einsetzt, der nichts Eiligeres zu tun hat als das von Brüning kurz zuvor erlassene Verbot von SA und SS wieder aufzuheben und den Reichstag auzulösen. Am 31. Juli erhält die NSDAP 230 Sitze, die SPD hat 133. Es reicht nicht zu Hitlers Kanzlerschaft. Wieder wird der Reichstag crutschen ab aufgelöst und neugewählt. Mikker Die Sitze der NSDAP> kkakkaк auf 196, die SBD verliert 12 Mandate und hat 121 Sitze. Die Kommunisten haben auf loo Mandate aufgeholt. Als sich die radikale Linke und Rechte, Nationalsozialisten und Kommunisten, noch überlegen, ob якя gemeinsame Sache RinExempel statuier en wallen in Beylin nicht am besten sei und dazu einen Verkehrsstreik benutzen, der von Und Nationalsozialisten Kommunisten und auch sosialisten getragen wird, sieht Hindenburg Gefahr und xafk beruft den Reichswehrminister von Schleicher zum Kanzler. [ Reichskanzler Adolf Hitler] Als Ma rie Juchacz ann am 30. Januar bei einer Fraktionssitzung im Reichstag mit den anderen zusammen erfährt, dass Hindenburg Hitler mit der Regierungsbildung beauftragt habe, sagt sie nur:" Oh, armes Deutschland!" Am 1. Februar verlangt Hitler von Hindenburg erneut die Auflösung des Reichstags. Die Neuwahlen werden auf den 5. März festgesetzt. Hitler als Kanzler und Göring als preussicher ministerpräsident arbeiten mit dem gesamten Staatsapparat und mit der bewaffneten SA und SS, die als Hilfspolizeitruppe eingesetzt wird. Die von diesen Gruppen inszenierten Überfälle werden als kommunistische Störmanöver ausgegeben. [ Nicht nuv Antworten" and CAn Berlin- Köpenick schleichen in diesen Nächten Trupps um die Häuser der sozialdemokratischen Abgeordneten. Marie Juchacz lässt sich überreden, auch in ihr Haus eine kleine Gruppe von ehemaligen Polizisten zu legen, die wegen ihrer sozialistischen Einstellung aufx* x* x* x* x* x* x*•* дяиx von Göring fristlos entlassen wurden. Dolche und Pistolen der SA und SS sitzen locker, und die sozialistischen Reichsbannerleute haben bettenfalls einen Gummiknüppel. Während Marie Juchacz am Abend des 27. Februar auf Wahltournée ist, sitzt Fritz, der inzwischen im Mosseverlag als Journalist arbeitet, im im Reichstag Sekretariat der SPD- Fraktion mit dem Sohn von Breitscheid und der Sekretärin Erna Boxheimer zusammen. Der Sekretär Jakubowicz arbeitet im Nebenraum. Es ist 8 Uhr abends, und an der Zeit, nach Hause zu gehen. In der Wandelhalle begegnet ihnen der kommunistische Abgeordnete Torgler, in Hut und Mantel, Man raucht eine Zigarette zusammen, und verabschiedet sich. Erna Boxheimer tritt den Rest ihrer Zigarette im dicken Teppich des Wandelganges aus, so wie das alle machen. Bipher begleitet von einem anderen KPD- Abgeordusten und einer sekretärin. - - 258- Eine Viertelstunde später verlassen sie den Reichstag. Fritz, der in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstrasse noch eine Kleinigkeit gegessen hat und im Begriff ist, mit der Stadtbahn nach Hause zu fahren, gerät in den Menschenstrom, der zum Reichstag drängt. Der Reichstag brennt. " Das war die Zigarette von Erna Boxheimer", denkt Fritz und stürzt zum nächsten Telefonapparat, um Erna anzurufen. Auch sie ist fassungslos. Bis auf den Sekretär Jakubowicz musste keiner der Drei als Zeuge im Reichstagsbrandprozess aussagen. Forgler war mit einer KPD Sekretärin und einem anderen KPD- Abgeordneten im Begriff, ebenfalls den Reichstag zu verlassen. Bei Aschinger xxxkxxkzxdxxxdxxxKRK am Bahnhof Friedrich strasse sah Fritz die drei KPDLeute in seiner Nähe beim Abendbrot wie Die Folge des Brandes war das Verbot der KPD.) durfte. Zumindest war das erste Ergebnis, dass auch Die SPD ihre Zeitungen nicht mehr erscheinen lassen. Hate Für das Organ" Arbeiterwohlfahrt" zeichnete für die Nr. vom 15. März noch Lotte Lemke verantwortlich für den redaktionellen Teil, und Hedwig Wachenheim********* für die Schriftleitung. Hitler hatte zwar am 5. März nicht die absolute Mehrheit erhalten, sondern" nur" 43,9%, und musste mit dem Stahlhelm, en Deutschnationalen und anderen Nationalisten zusammengehen, aber die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten. Die Ausgabe der" Arbeiterwohlfahrt vom 1. April gibt als Verantwortlichen für den redaktionellen Teil Fritz Schreiber an. Von Hedwig Wachenheim bleibt nur die Adresse, der Druckerei- Vermerk lautet noch auf den" Vorwärts", aber auch das änSchon vorher dert sich am 15. April in Xxx A. G. Lindenhaus" Am 17. März, hatte der Ag Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt eine Reichstagung einberufen, die sich mit der Lage der Wohlfahrtspflege befasste 11 Auf dieser Tagung wurde auch eine Änderung der Richtlinien der Arbeiterwohlfahrt beschlossen. Die neuen Richtlinien, die an Stelle der alten treten, sehen die völlige Unabhängigkeit der Arbeiterwohlfahrt vor. Nach den neuen Richtlinien bezweckt die Arbeiterwohlfahrt die Mitwirkung der Arbeiterschaft bei der Wohlfahrtspflege aus dem Geist solidarischer Selbsthilfe. Sie will die gesetzliche Regelung und die sachgemässe Ausführung der Wohlfahrtspflege fördern und die praktische Durchführung unterstützen. Dieses Ziel soll erreicht werden durch Zusammenfassung und Schulung der Mitarbeiter, durch Stellungnahme zu allen Frage gen der öffentlichen Wohlfahrtspflege und durch unmittelbare Beteiligung an der praktischen Arbeit. Bei den zu Betreuenden soll wie bisher kein Unterschied in politischer und weltanschaulicher Beziehung gemacht werden. Die Gliederung der Arbeiterwohlfahrt in Haupt asschuss, Bezirks- und Ortsausschüsse bleibt bestehen. Während jedoch bisher die Organisation - - 259- . nur Mitarbeiter kannte, sehen die neuen Richtlinien jetzt die feste Form der Mitgliedschaft vor, die bei den Ortsausschüssen zu erwerben ist." ganze Organisation der Das war eine( vorbeugende Maßnahme, um zu retten, was zu retten war. Welchen Weg auch die Arbeiterwohlfahrt gehen musste, deutet eine Mitteilung in der Zeitschrift" Arbeiterwohlfahrt" vom 1. Mai 1933 an. Unter der Überschrift" Beurlaubungen und Entlassungen" heisst es: " Aus der Tages presse ist unseren Lesern bekannt, dass zahlreiche Beamte in den Wartestand versetzt odee beurlaubt, viele Angestellte öffentlicher Verwaltungen gekündigt sind aus politischen Gründen wegen nichtarischer Abstammung. Unter ihnen ist mancher, der Mitarbeiter dieser Zeitschrift war oder in der Freizeit seine Kräfte der Arbeiterwohlfahrt zur Verfügung stellte. Wir haben bisher immer davon abgesehen, diese Beamten oder Angestellten im einzelnen zu nennen oder ihre Verdienste um die Wohlfahrtspflege zu würdigen. Wir wollen auch heute davon absehen, von Oberbürgermeistern, Stadträten und Landräten im einzelnen zu sprechen, da wir die vielen Frontarbeiter der Fürsorge nicht einmal anführen können. Wir würden auch ungerecht handeln, wenn wir hier nur diejenigen nennen, die der Arbeiterwohlfahrt in irgend einer Form nahestehe und nicht auch die, die in keiner Verbindung mit der Arbeiterwohlfahrt standen und auch jetzt aus den oben angeführten Gründen ihre Arbeit in der Fürsorge aufgeben müssen. Die Leistung vieler dieser Fürsorgearbeiter ist der Entwicklung der Wohlfahrtsgesetzgebung und-verwaltung aufgeprägt, aber auch das, was der einzelne Fürsorger an Hilfe geleietet hat in den letzten Jahren, die für jeden, der mit menschlichem Mitleiden die furchtbare Not so unmittelbar miterleben musste, so hart waren, kann nicht vergessen werden. Aufgabe ein er Wohlfahrtsorganisation ist die menschliche Anteilnahme am Schicksal aller, die aus ihrer sozialen Bahn geschleudert werden. So gedenken wir jetzt derer, die ihre Aufgabe verloren haben." Das klingt nicht nur wie ein Nachruf, es war auch einer. Schon mit der nächsten Ausgabe vom 15. Mai stellte die Zeitschrift" Arbeiterwohlfahrt" ihr Erscheinen ein. Reichlich spät, wenn man bedenkt, dass am 23. März Hitler dem Reichstag das Ermächtigungsgesetzt vorlegte. Marie Juchacz und Emil Kirschmann hatten dafür gesorgt, dass ihr Fritz Zugang zur Pressetribüne erhielt, denn die Abgeordneten der SPD waren auf alles gefasst. Die von SA, SS und Polizei hermetisch abgeriegelte Kroll- Oper, die als Parlamentsgebäude schnell hergerichtet worden war, machte den Eindruck eines Gefängnisses, in das 94 SPD- Abgeordnete mit Heldenmut hineingingen, weil sie alle glaubten, es nur als Gefangene zu verlassen. Fritz wäre in diesem Falle der einzige, der sofort informiert gewesen, wäre und Lotte und Paul, die Kinder von Marie, hätte verständigen können. - 260- Die Zuversicht von Marie war bewunderungsürdig: " Sie werden uns genau so frei herausgehen lassen, wie wir das Haus betreten. Wenn wirklich etwas geschehen sollte, wird es nur von kurzer Dauer sein, dann sind wir wieder zu Hause." Marie dachte dabei vielleicht an das Ausland, das sich unter solchen Umständen bestimmt eingeschaltet hätte, aber Marie rechnete nicht mit der Raffinesse der Nationalsozialisten, die die mutige Rede von Otto Wels, der als einziger Oppositions redner gegen das Gesetz sprach, anhörten, auslachten, und die SPD- Abgeordneten ziehen liessen, um sie dann desto gründlicher mit Methoden zu eliminieren, die normalerweise nur mit Mord bezeichnet werden können. Wenige Tage später wurde der Abgeordnete Johannes Stelling aus einem kleinen Flusslauf bei Köpenick tot herausgefischt. Toni Pfülf beging aus Verzweiflung über diexx Entwicklung Selbstmord. Einem Teil der SPD- Abgeordneten gelang es, nach Prag oder Saarbrücken zu entkommen.[ Wanderjahre der Emigration] Ramit begann Für Marie Juchacz und Emil Kirschmann in Leidensweg, der erst 16 Jahre später für Marie- für Emil Kirschmann Vimmer sein Ende finden sollte. Während die SA das Häuschen in der Alten Dahlwitzerstrasse plünderte, gingen Marie und Emil bei Forbach- Saarbrücken über die grüne Grenze. Emil war wenige Stunden vorher von der Fran seines Parteifreundes Johannes Doetsch vorder Gestapt gewarntworden. mit Blume Judaez lange Erna und Jola Lang, Freunde von Marie und Emil, die heute in Amerika leben, schrieben rückerinnernd: ( nach - - für " Wir wollen nur jener Daten und Ereignisse gedenken, die zu den grausigsten der Menschengeschichte gehören, durch die Du, Marie, 1933- wie Tausend und Abertausend andere vertrieben wurdest. Deine erste Station war das Saargebiet. Dort wurde aus der deutschen Reichstagsabgeordneten plötzlich die Inhaberin eines Mittagstisches, der aber nicht nur seine Gäste bewirtete, sondern zugleich der Mittelpunkt politischer Flüchtlinge wurde." - JuristenWährend Ma ries Tochter Lotte, kurz vor ihrem letzten Examen stehend, in Deutschland blieb, zusammen mit Fritz, der in die thüringische Provinz ging, um dort als chefredakteur in Apolda und Saalfeld zwei" überpolitische Tageszeitungen" gleichzeitig zu redigieren, war Maries Sohn Paul ebenfalls nach Saarbrücken gegangen, um zuerst bei der Einrichtung des Mittagtisches mitzuhelfen. Fritz kam einige Male trotz Abriegelung der Grenzen nach Saarbrücken und stand vor der nicht leichten Aufgabe, sich für die Emigration oder für das Verbleiben in Deutschland zu entschliessen. Vor der letzten Entscheidung brachten Paul und Fritz es fertig, einige gefährdete Polizeibeamte ins Saargebiet zu schmuggeln, u.a. den Polizeiwachtmeister Grumbach, der es inzwischen im Saargebiet zu hő . - 261- heren polizeilichen Ehren brachte und auch heute noch dort tätig ist. in Saarbrücken arbeiteten Emil Kirschmann und Wilhelm Sollmann zuerst bei der von Max Braun redigierten" Volksstimme" mit, eine Arbeit, von der beide Männer nicht ausgefüllt wurden, weshalb sie sich zusätzlich des Kurierdienstes annahmen, der zwischen dem in Prag angesiedelten Parteivorstand der SPD, England, dem Saargebiet und Nazi- Deutschland pendelte. So sammelte Emil Material für den Untersuchungsausschuss des Reichstagsbrandprozesses, der in London abgewickelt wкda und als dessen Ergebnis das" Braunbuch" herausgegeben wurde, das bei dem Prozess in Leipzig eine wesentliche Rolle spielen sollte. Marie war an diesen Arbeiten, ohne direkt aktiv zu werden, insofern beteiligt, als sie jede Gelegenheit wahrnahm, um bei den vielen Diskussinen dabei zu sein und ihr Wort mit in die Debatten zu werfen. An ihrem Mittagstisch sammelten sich täglich neue Menschen, die Deutschland verlassen mussten. Die erte Zuflucht fanden sie bei Marie, die sie auf irgend einem Weg weiterschleuste. Viele dieser politischen Flüchtlinge blieben nicht lange in Saarbrücken, sondern versuchten, sich bald nach England, in die Schweiz oder in die USA abzusetzen. So war auch Wilhelm Sollmann einer der ersten, der in die Vereinigten Staaten ging, wo er sehr bald- noch vor dem Ausbruch des Krieges- eine Professur an einer Universität erhielt. Wer in Saarbrücken blieb, sollte das später mit sehr viel Schwierigkeiten bezahlen. Auch darüber haben Erna und Jola Lang etwas zu sagen? Sie Schrieben an Marie: " Trotz Eures Eingreifens in die Kämpfe um die Abstimmung im Saargebiet überspülte die Nazi- Flut auch dieses Land, und ihr musstet weitermarschieren. Nur wenige Kilometer, ins Elsass, nach Mülhausen, nahe der Grenze, damit die Verbindung in die Heimat nicht abriss. Immer wieder erschienen die Freunde von drüben, um Informationen und Material zu empfangen, Helden, deren Namen die Chronik nicht verzeichnet.' - Auch Lotte Lemke gehörte damals zu den Kurieren, die- als Ausflügler getarnt über die grünen Grenzen wanderten, die кucksäcke voller Material, und die eine Kaltblütigkeit zeigten, die manchesmal an Selbstmord grenzte. So wurde Lotte Lemke eines Tages von Grenzpolizisten angehalten. Im Rucksack hatte sie den auf ganz dünnem Papier gedruckten " Vorwärts". Wie sie es damals fertigbrachte, die beamten zu überreden, sie ungeschoren weiterziehen zu lassen, damit sie noch rechtzeitig zu ihrem Zug käme, ist ihr selbst heute noch ein Wunder. Aber sie schaffte es nicht nur einmal, sondern immer wieder. Zu Masse und Emil war schon im Jahre. 1935 eine junge Sozialistin gestossen. die sich dem"Haushalt Juchacz-Kirschmann" angeschlossen hatte und seit diese Zeit als guter kamerad, dem später wichtige Aufgaben zufallen. sollten, algeschlossen„dazugehörte:“"Karthe Fey. Sie blieb mit im Mühlchansen, während Zu unserer'Kolinie' gehörte auch mein Freund Max Hof- mann, mit dem ich schon in Forbach und Metz- und jetzt in Mühlhausen- die'Freiheitskorrespondenz' herausgab. Er stammte aus Sachsen, war Funktionär der Sozialdemokratischen Partei vor der Hitler-Zeit, in Chemnitz Stadtver ordneter und- was ihm den besonderen Hass der Nazis eingetragen hat ‒ zweiter Vorsitzender des'Reichsbanners für das ganze Reichsgebiet. Er emigrierte in die Tschecho slowakei, von dort weiter nach England, und kam dann ins Saargebiet, um dort bei der Abstimmung zu helfen. Er wur- de- an Stelle des unrühmlichen Klöpfer- Geschäftsführer der'Volksstimme' und hat als solcher eine fabelhafte Ar- beit geleistet. Er musste- wie wir alle- weiter wandern, nachdem kurz zuvor seine Familie, die bis dahin noch in der Tschechoslowakei gelebt hatte, ins Saargebiet gekom- men war: seine Frau, eine Tochter und zwei Söhne. Von Mühlhausen gingen wir – wir drei: Marie, Käthe und ich—, die Familie Hofmann und eine unserer Freuntinnen aus Mühlhausen, Margrit Leuthe, Redakteurin am Mühlhauser Par teiblatt, in die südfranzösische Emigration. 262So wie diese Auriere, die in der Heimat Gebliebenen und auch die Emigranten ständig um ihre Freiheit spielten, xa um den Glauben an die bessere Zukunft wach zu halten, so setzten sich auch Marie und Emil im Elsass ein. Die Gestapo scheute damals schon vor keinem Mittel zurück, und mehr als einmal geschah es, dass Gestapo- Beamte, als zivilisten getaænt, ein all zu deutliches interesse für das Tun und Treiben der im Elsass lebenden Emigranten, zu denen auch marie und Emil gehörten, an den rag legten Wie es weiterging, sagen Erna und Jola " " Dann kam der unheilvolle Sommer 1939. Kriegsausbruch. Wieder mussten überstürzt die wenigen Habseligkeiten zusammengepackt werden. Es ging nach Paris. Keiner von uns hat viel von den besungenen Schönheiten dieser Stadt empfunden, wir hatten andere Sorgen. Es blieb uns auch nicht viel Zeit, denn die Kriegsmaschine Hitlers überrollte die Maginotlinie, und wiruasten wieder einmal davonlaufen. Pétains Verrat war unsere Rettung So konnten wir wenigstens in Südfrankreich für die weiteren Abenteuer Atem schöpfen. Nur ein Wunder konnte helfen. Und seltsam genug: das Wunder geschah. Das Jewish Labor Committee und die AF of L. veranlassten die Rooseveltsche Administration, durch den amerikanischen Konsul in Marseille einigen hundert Flüchtlingen Notvisa zu erteilen. Doch die einzige passierbare Grenze Franco- Spanien war geschlossen. Erst in letzter Minute, im Frühjahr 1941, konntest Du, Marie, mit ande ren Freunden auf einem französischen Dampfer nach Martinique, der malerisch- exotischen, Rum- reichen Insel entkommen. Neues monatelanges Warten, bis Euch ein Schiff nach Amerika brachte. Endlich Mitte 1941. konnten wir, denen es gelungen war, vorher schon durch andere Notausgänge zu schlüpfen, am Pier in New York stehen und Euch in Empfang nehmen. - - - Herta und Erich Lewinski, Freunde von Marie und Emil, die heute ebenfalls ebenfalls in den USA leben, haben ihren Beitrag zu dieser Biographie geleistet: " Welches war das entscheidende Erlebnis in den Jahren der politischen Emigration, und woraus schöpften wir die Kraft, um durchzuhalten? Um etwas von dem Schwung, dem beflügelnden Auftrieb unserer jungen Jahre hinüberzu retten in die Arbeit der kommenden Zeitt? Es war das Erlebnis der Solidarität, der selbstverständlichen Bereitschaft füreinander. Es war der Umstand, dass wir ein deutliches Gefühl entwickelt hatten dafür, wo Einsatz nötig wurde, wo Hilfe not tat. Das Symbol für solche Haltung, das grosse Beispiel dafür war für uns in den Jahren der Wanderschaft Marie Juchacz! Sie, die reife, ausgegliche -262So wie diese Kuriere, die in der Heimat Gebliebenen und auch die Emigranten ständig um ihre Freiheit spielten, xa um den Glauben an die bessere Zukunft wach zu halten. so setzten aich Auf Seite 262 einschalten! Marie und Emil keinem Mittel zueamte, als zivias Tun und TreiEmil Kirschmann hat in einem Brief an seinen Bruder August die Erinnerung an diese Zeit kurz festgehalten: " Nach der missglückten Abstimmung im Saargebiet, die ein einziger, grosser politischer Betrug war, den die zu die arie und Emil ser Zeit führenden Politiker Europas zugunsten Hitlers an der Saarbevölkerung verübten, gingen wir nach Frankreich, zuerst nach Metz, und dann nach Mühlhausen. Schon in Forbach startete ich mit Freunden- und setzte das dann intensiv in Mühlhausen fort eine NachrichtenErna und ela Wieder mussten Schönheiten dieb uns auch nicht r die weiteren Und seltsam gesammlung, die" Freiheitskorrespondenz", über Vorgänge in werden. us ging Deutschland und fütterte damit eine grosse Zahl europäischer und auch amerikanischer Zeitungen und Organisationen. Unser Betrieb entwickelte sich sehr gut, bis dann der endgültige Kriegsausbruch eine völlige Änderung erzwang. Es ist richtig, dass erst der lo. Mai 1940 die die Maginotlinie, eigentliche Wendung brachte, denn während der acht Monarat war unsere te' phoney war' sassen wir im zwar verdunkelten Mühlhausen, waren aber sonst ungestört und machten unsere Arbeit.- Am 9. Mai 1940, abends, kamen mein Freund und ich auf einer unserer nicht immer leicht durchzuführenden Informations- und Beobachtungsreisen in Esch in Luxe xemburg an. Am nächsten Morgen, dem Tag des Kriegsausbruchs, machten wir mit kleinem Gepäck' und zu Fuss unseren Weg durch die Linien der deutschen ParachuteTruppen, kamen unbemerkt über die französische Grenze und endlich auch nach Mühlhausen, wo uns unsere Leute, bereits aufgegeben hatten. Desto grösser war die Freude, Marie, mit ander dass wir es nach vielen Tagesfussmärsehen und mit eini- inique, der malegen abenteuerlichen Umwegen doch noch schafften. Aber diese Freude war kurz." die AF of L. veramerikanischen sa zu erteilen. war geschlossen. onatelanges WarMitte 1941- andere Notausin Empfang nehie heute ebenfalls Bereits im Sommer 1939 hatte sich die bis dahin fest zusammenhaltende Gruppe der Emigranten trennen müssen.① Erna und Jola Lang, Maries und Emils gute Freunde, Wa-> ren nach Paris gegangen:" Keiner von uns hat viel von den besungenen Schönheiten dieser Stadt empfunden. Wir hatten andere Sorgen. Es blieb uns auch nicht viel Zeit, denn die Kriegsmaschine Hitlers überrollte die Maginotlinie, und wir mussten wieder einmal davonlaufen." Marie und Emil erging es mit den wenigen Freunden genau hie geleistet: " Am 14. Juni, dem Tage der Besetzung von Paris, mussten er politischen wir Mühlhausen räumen. Mit einem kleinen Lastwagen kamen wir bis Belfort, und von dort ging es mit dem wirklich allerletzten Zug nach Südfrankreich Nach zehntägi ger, beschwerlicher Reise landeten wir in den Pyrenäen, wo wir für in der Nähe von Pau in einem kleinen Dorf die Dauer von acht Monaten Unterschlupf be Bauern fan- füreinander. Es so: den Ich sehe heute noch unsere kleine Mühlhausener Kolonie auf der Flucht, jeder von uns ein kleines Bündel in der Hand, Marie mit einem Marktnetz mit einem Paar Schuhe darin und einem zerrissenen Kleid. Das war alles. Und es war nicht das erste Mal, und nicht der Schluss. hzuhalten? Um jungen Jahre das Erlebnis lt hatten dawar für uns in e, ausgeglicheh 262So wie diese Auriere, die in der Heimat Gebliebenen und auch die Emigranten ständig um ihre Freiheit spielten, xa um den Glauben an die bessere Zukunft wach zu halten, so setzten sich auch Marie und Emil im Elsass ein. Die Gestapo scheute damals schon vor keinem Mittel zurück, und mehr als einmal geschah es, dass Gestapo- Beamte, als zivilisten getæant, ein all zu deutliches interesse für das Tun und Treiben der im Elsass lebenden Emigranten. zu denen auch Marie und Emil Erna und ela Cdes Dorfcheus Sauvagnon Diese Menschen werden in unserer Erinnerung immer einen Ehrenplatz einnehmen. Sie waren hilfsbereit, anständig in Wieder mussten Gesinnung und Haltung, und haben uns- obwohl sie wussten wer wir waren- niemals fühlen lassen, dass wir zwar Emi- werden. us ging granten, aber dennoch Angehörige einer' feindlichen' Nation waren. Auch dann nicht, als sie von und durch die Besatzung recht viel Bedrückung und Knappheit auf allen Gebieten zu erleiden hatten. Erna und Jola Lang ergänzen diesen Bericht: □ so konnten wir wenigstens frankreich 0 - - in fid- Hier erfuhren die schon früher in USA angekommenen Freune Einzelheiten xxxxxxx über den beschwerlichen Weg, den Marie Juchacz, Emil Kirschmann und Kaethe Fey gehen muss en: Schönheiten dieb uns auch nicht die Maginotlinie, rat war unsere r die weiteren Und seltsam gedie AF of L. veramerikanischen sa zu erteilen. war geschlossen. Marie, mit ander Die Einreise- Visa für die USA hatten wir uns schon Ende inique, der maleeptember 1940 in Marseille geholt, aber abgereist sind - Mitte 1941 - ir erst im März 1941, da wir in Frankreich" überwintern" onatelanges Warollten. Es fiel uns schwer, Europa zu verlassen, denn ir alle wussten, dass die Entscheidung auf dem europäschen Festlande fallen würde, und wir wollten den Dingen andere Notausoch möglichst nahe bleiben. Dass wir uns dann schliessich doch entschlossen haben, den letzten Schritt zu tun, erdanken wir der Gestapo, die an uns ein so grosses Ineresse hatte, dass sie der französischen Regierung verot, uns das Ausreise- Visum zu geben." Es war einer der seltenen Glücksfälle, dass MaTie Juchacz und Kaethe Fey im letzten Augenblick dann doch das Ausreise- Visum erhielten und auf ein Schiff gebracht wurden, das sie zur Insel Martinique brachte. Beim Abschied war Emil Kix Kirschmann guten Muts. Trotz seiner angegriffenen Gesundheit- beim Holzfällen in Sauvagnon hatte er sich körperlich überanstrengt und einen leichten Schlaganfall erlitten- wollte er alles versuchen, um so schnell wie möglich nach Martinique nachzukommen, um dann von dort aus gemeinsam mit den beiden Frauen über den Ocean zu fahren. - Was Emil Kirschmann nach der Abreise, der beiden Frauen erlebte, könnte aus einem billigen Roman stammen. Er war wirklich einer der letzten, der in der Nähe von Marseille blieb, und wurde ausserdem von der Gestapo gesucht. Ein französischer Oberst aus verständlichen Gründen soll sein Na me nicht genannt werden- brachte es fertig, Emil Kirschmann nachts auf einen Frachter zu schmuggel der noch in den frühen Morgenstunden nach Casablanca auslaufen sollte. Dieser Oberst, der über die Absichten der Gestapp gut unterrichtet wurde, gab ihm noch eine Giftkapsel mit, für den wirklich äussersten Notfall. In Casablanca hatte das Schiff noch nicht richti festgemacht, als schon einige Zivilisten an Bord erschienen und unter einem Vorwand mit der Durch suchung begannen, die sich auch auf die unterste Lagerräume, indenen sich Emil Kirschmann verstec hatte, erstreckte. Dass er nicht entdeckt wurde, lag an der spärlichen Beleuchtung und****** daran, dass die Herren es waren Beauftragte der Gestapo- keine Taschenlampen bei sich hatten. So gingen sie an dem grossen Sack vorbei, hinter dem sich Emil zusammengekauert versteckt hielt, die Giftkapsel des französischen Obersten in der Hand, ehe ihn zu bemerken. - Bei Nacht und Nebel wurde Emil dann vom Frachter heruntergebracht und wieder durch die vorsorgende Unterstützung des französischen Obersten auf ein anderes Schiff gebracht, das sofort dara nach Martinique auslief. Auf der Insel feierte Emil dann mit Marie Juchac und Kaethe Fey, die zusammen mit anderen Emigran ten in einem Sammellager untergebracht waren, ein herzliches Wiedersehen. in Empfang nehlie heute ebenfalls hie geleistet: er politischen hzuhalten? Um r jungen Jahre r das Erlebnis füreinander. Es elt hatten dar war für uns in fe, ausgegliche - - 263- ne, gütige Frau verkörpert sich in unseren Gedanken als ein Beispiel für all die guten Eigenschaften, die in jener Zeit stärker als sonst in unserem Leben entwickelt wurden. Die unerschütterliche Ruhe, die von ihr ausgeht und die Selbstverständlichkeit des Helfens überzeugten ohne jede Worte. Sie brauchte garnichts zu sagen, sondern einen nur anzusehen, wenn sie einen Akt der Solidarität, der Hilfe, erreichen wollte. Es war eine starke Wirkung, die von ihr ausging: die Wirkung des Menschen, vor dem man nicht bestehen kann, wenn man das berechtigte Anliegen, das er an einen hat, nicht ausführt- und Maries Anliegen waren immer berechtigt Wir haben noch unsere erste Begegnung am Bahnhofsplatz in Marseille vor Augen, an einem dunklen Abend, in der Illegalität. Alles war nervös, rings um uns herum fanden Razzien und Verhaftungen der Menschen statt, die das gleiche Schicksal trugen wie wir. Marie verlor nie ihre Ruhe. Vor ihr ging eine Sicherheit aus, die ansteckend wirkte. Als wir dann am Pier in New York standen, um den Dampfer, der Marie von Frankreich über Martinique nach New York brachte, zu erwarten, hatten weder die Mühen der Reise noch die Aufregungen der Wanderschaft etwas von ihrer Sicherheit genommen, eine Sicherheit und Ruhe, die nur ein ganz starker Mensch aufbringen kann." Der heutige Pressedirektor des Berliner Senats, Dr. Hans E. Hirschfeld, in der Weimarer Republikzeit Ministerialrat im Preussischen Innenministerium und in dieser Zeit nicht nur ein Kollege, sondern einer der besten Freunde von Emil Kirschmann, erlebte viele Stationen gemeinsam auch mit Marie Juchacz. Zu ihrem 75. Geburtstag am 15. März 1954 schrieb er: " Andere, Berufenere, werden die Politikerin Marie Juchacz, die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt, eine der grossen Frauengestalten der deutschen Arbeiterbewegung, schildern und ehren. Ich will nur von unserem gemeinsamer Erleben sprechen. Wir haben uns gekannt, oft getroffen und freundschaftlich miteinander verkehrt in den Jahren der Weimarer Republik, als Marie Juchacz, die rastlos tätige. Reichstagsabgeordnete, Mitglied des Parteivorstandes der deutschen Sozialdemokratie, Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, ein unruhiges, mit den politischen Sorgen dieser Zeit ausgefülltes Leben führte. Die freundschaftlichen Bande, die über unseren Emil Kirschmann und Elisabeth Kirschmann- Roehl, die beiden unvergesslichen Menschen geknüpft waren, hielten auch uns in Freundschaft zusammen. Doch die wahre menschliche Grösse dieser Frau zeigt sich erst ganz in der Zeit nach 1933 ,, als das Grauen Hitlers und des Nazismus über Deutschland kamen. Da habe ich den Menschen Maria Juchacz erst rich - 264- tig erfassen und lieben gelernt. Die Partei und ihre Organisationen wurden zertreten wir wurden hinausgetrieben aus Deutschland, das - nicht mehr unser Deutschland war, herausgerissen aus der Bahn, aus der tägöich gewohnten und geliebten Arbeit, Männer und Frauen. Ratlos viele, hilfslos alle, nicht wissend wohim, nicht wissend, wovon leben. Du, Marie, hast in Saarbrücken ohne viel Worte den vielen Schicksalsgenossen ein Beispiel gegeben, wie man versuchen muss, auch unter den widrigsten Umständen Hand anzulegen, zu arbeiten, zu helfen. Ich sehe noch in der Bahnhofstrasse in Saarbrücken die Räume, in denen Du, das Parteivorstandsmitglied, die Reichstagsabgeordnete, die Politikerin, ohne viele Worte zu machen, in der Küche standest, einen Mittagstisch einrichtetest und damit einen Zufluchtsort und ein Heim für die vielen durcheinandergewürfelten Menschen schufst, die Du mit Speise und Trank und mehr noch durch Zuspruch versorgtest. Du hast gekocht, gewaschen, warfst hin und wieder einige Bemerkungen in die Diskussionen, die von morgens früh bis abends spät gingen, Du hast geklärt, geschlichtet und geholfen. Die ganze grosse Menschlichkeit, Deine Güte und Deine praktische Nächstenliebe haben sich mir damals im hellsten Licht gezeigt, so dunkel und so wenig gemütlich auch diese Wohnung in der Saarbrückener Bahnhofstrasse sein mochte. Und was im Jahre 1933, wenige Wochen nach dem Beginn des" Dritten Reichs", von Dir geschaffen wurde, das hast Du fortgesetzt in den trüben und schweren Jahren der Emigration, des Wanderns durch die Länder und Kontinente, in Sarbrücken, Metz, Mlhausen, Paris, Marseille, auf Martinique und später in New York. Die praktische Nächstenliebe, die täglich bewiesene Bewährung in den widrigsten Tagen dieses Lebens hast Du gezeigt und ohne viele Worte und ohne jeden Aufwand uns allen ein Beispiel gegeben, das viele Jüngere verstummen liess, die geneigt waren, über das harte Los der Emigration zu klagen. Marie in der Küche, Marie an der Nähmaschine, im Haushalt, in der Waschküche, als Mutter, aber auch Marie in den Versammlungen der Gruppen und Zirkel der Emigranten, gleich ob es in Frankreich, in der Schweiz oder in den Vereinigten Staaten war. Du warst immer die gleiche, Marie, immer die Starke, die Gebende- aber auch die Hörende. Jeder, der in diesen Jahren mit Dir zusammenkam, fühlte: hiert ist ein Mensch, der über eigenem Leid und eigenem Ungemach niemals vergisst, dass wir Menschen dazu da sind, einander zu helfen, zu stützen und zu beraten. In diesen Jahren von 1933 ab, da ist unsere Gemeinschaft in vielem Leid und wenig frohen Stunden gewachsen, da wurde das Band noch enger geknüpft, das uns umschlungen hielt, und das durch nichts zerstört werden - . . -265kann.- Es ist so leicht, Freunde zu haben, wenn es uns gut geht. Wenn aber die Zeiten dunkel und trübe sind, dann so sagt das Sprichwort ist der Mensch allein. Du bist nie allein gewesen, Marie. Denn Du hast in den dunklen Jahren der Verbannung vielen Freundschaft und Liebe erwiesen, die sich heute stolz und froh zu Dur bekennen, zu der Freundin und Frau, die wir lieben und verehren, weil sie uns ein Beispiel menschlicher Grösse gab in hellen und dunklen Tagen." . . + Einer, der Marie sehr lange und sehr gut kannte und in der Arbeit und in Freundschaft mit ihr verbunden war, ist John Caspary, der aus CaliBXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX* XX* x* x* x* x* x* x* XXXX fornien schreibt: " Es war die Natur von Marie, zu helfen, wo immer sie glaubte, helfen zu müssen. Als ich es war vielleicht im Spätsommer 1933- aus Paris nach Saarbrücken kam, um dort mit meinem alten Freund Emil Kirschmann und mit Wilhelm Sollmann Angelegenheiten der Zeitung' Freiheit' zu besprechen, führte mich Emil am Abend zu Marie, die mitten in der Arbeit war, politischen Emigranten, die nach Saarbrücken geflohen waren, eine Art, Heim zu schaffen. Für Marie war, was sie dort tat, eine solche Selbstverständlichkeit, dass sie kaum darüber reden wollte.' Es muss doch etwas für diese Menschen unternommen werden', so oder so ähnlich waren ihre Worte, als ihr Schwager Emil mir gegenüber betonte, welches Maß von Arbeit auf ihr lastete. Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Marie konnte manchmal bitterer werden, als es die Gelegenheit forderte. Ich weiss aber auch, dass sie danach sehr darunter litt. Ich erinnere mich noch ihrer harten Worte, die sie für Otto Wels und die anderen Mitglieder' des emigrierten Parteivorstandes fand, der- wie sie mir sagte- sie einfach ausgeschaltet habe. Dass sie in ihrer Kritik am Parteivorstand und in ihrer Verbitterung über die Behandlung, die ihr seitens des Parteivorstandes zuteil geworden war, zu weit ginge, habe ich ihr wiederholt offen gesagt, und ebenso, dass ich ihre Bewunderung für den Mann, der sich besonders ablehnend gegen den Parteivorstand äussere, nicht begreifen könne." Obwohl John Caspary einer der wirklich guten und engsten Freunde von Ma' rie war, muss er zugeben: " Ich habe Marie fast vier Jahrzehnte gekannt, und ich darf wohl sagen, dass ich mich zu ihren Freunden zählen durfte. Und doch weiss ich s ● wenig, das dazu beitragen könnte, das Wesen von Marie Juchacz deutlicher werden zu lassen. Ich weiss genug über ihren politischen und . 266beruflichen Weg. Aber Einzelheiten aus der privaten Atmosphäre sind mir kaum bekannt. In den fast vierzig Jahren, die ich Marie gekannt habe, hat sie nur ein einziges Mal über ihre Ehe zu mir gesprochen, und was sie mir sagte, war so vertraulich, dass ich das nicht wiedererzählen kann und will. Dasselbe trifft zu auf das Verhältnis, das Marie zu ihrer Tochter Lotte und zu ihrem Sohn Paul hatte. Dass sie wenn sie es auch nicht zu zeigen versuchte darunter litt, dass ihr Sohn Paul, zu dem sie ein wärmeres Verhältnis hatte als zur Tochter, in seiner eigenen privaten Sphäre nicht recht glücklich wurde, kam hier und da zum Durchbruch, und dem Autor der Biographie wird auch das sicherlich bekannt sein." - - Selbstverständlich sind dem Bearbeiter dieser Biographie viele Einzelheiten bekannt, die nicht nur auf das Verhältnis von Marie zu ihren Freunden und Mitarbeitern, sondern auch auf dxx die Beziehungen zu ihren Kindern ein besonderes Licht werfen. Diese Dinge wurden, so weit sie bisher von Wichtigkeit waren, mit der Diskretion gestreift, die der sachlichen Arbeit an diesem Buch zuträglich und der Diskretion, mit der Marie diese Dinge selbst behandelt und erwähnt hätte, nicht abträglich noch sund Ausserdem spielen viele Einzelheiten, die er angedeutet werden sollen, im chronologischen Ablauf der Ereignisse erst sehr viel später eine wenn auch nicht ausschlaggebende, sondern erwähnenswerte Rolle. Als Marie Juchacz emigrierte, blieb ihre Tochter Lotte in Deutschland, wo sie unmittelbar nach der Machtübernahme Hitlers ihr letztes Juristenexamen ablegte, und dies vor einer Prüfungskommission, deren Vorsitzender der später berüchtigte Staatskommissar Freisler war. Dass Freisler schon damals die familiäre Herkunft seines Mandanten und damit die politische belastung der Mutter kannte, und die Methoden der Sippenhaft und Sippenbestrafung schon zu Beginn des' Dritten Reichs' als üble Gepflogenheiten der Erpressung geübt wurden, bekräftigt nur, dass Lotte Juchacz eine gehörige Portion Mut aufbrachte, als sie sich dieser Kommission stellte. Ausserdem war ihr die nicht sehr dankbare Aufgabe zugefallen, das in Berlin- Köpenick verwaist zurückgebliebene und zerstörte Häuschen zu verkaufen, was nicht ohne Schwierigkeiten möglich war und schliesslich auak wenn auch gegen einen Spottpreis gelang. Ferner gab es noch die Wohnung in Köln- Klettenberg, die bis 1933 weiterbestand und ebenfalls aufgelöst werden musste. Dass Lotte Juchacz mit diesen Abwicklungsarbeiten in Deutschland alleingelassen wurde, hat sie Paul - ihrer mutter) nicht zum Vorwurf gemacht. Sie noch mit an, dass ihre Vutter, selbstverständ his gluan so wie zum Beispiel Löbe, von den Nazis bestiment in Ruhe gelassen würde. . - -267Dass sich Kinder, wenn sie erwachsen sind, gerne und in den meisten Fällen von ihren Eltern nicht nur äusserlich, sondern auch menschlich entfernen, ist kein Einzelfall, der nur auf Lotte Juchacz zutrifft sondern gehört zu den zwangsläufigen Entwicklungs- und Erscheinungsformen des menschlichean Daseins. In diesem Falle umso mehr, als sich Lotte zu einer Binzelgängerin entwickelte, die es schon in jungen Jahren den Menschen, mit denen sie auch privat zusammenkam, schwer machte, engeren Kontakt zu finden. Wer- wie der Autor Mutter und Tochter sehr gut kennt, sieht darin keine menschliche Tragik, sondern eher Ähnlichkeiten, also gleichnamige seelische, geistige und menschliche Pole, die sich bekanntlich nicht anziehen, sondern abstossen. def nur auf Lotte Juchacz zutrifft Wenn Lotte es fertigbrachte, während der ganzen Nazizeit ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin nachzugehen, ohne ein Jota ihrer Meinung und Überzeugung preis zugeben, und wenn sie trotz allem zwar nicht unbehelligt, aber ungeschoren blieb, verdient das Anerkennung genug. Das Verhältnis von Paul zu seiner Mutter und umgekehrt-war deshalb freundlicher, weil Paul schon während seiner Kindheit durch die vielen Unglücke, die er hatte, zum Sorgenkind geworden war. Als dann Paul in Saarbrücken seiner Mutter zur Hand ging und mit seinen grossen und starken Landwirts- Händen schwerbeladene Porzellan- Tabletts von der Küche in den Speiseraum trug, und den Emigranten und Flüchtlingen das Essen servierte und sich überall dort, wo es notwendig war, nützlich erwies und zupackte, ohne ein Wort darüber zu verlieren, entwickelte sich zwischen dem erwachsenen Sohn von 28 Jahren und seiner Mutter ein neues menschliches Verhältnis, das vorher durch die ständige und lange Abwesenheit Pauls aus dem Elternhaus ein wenig gelitten hatte. Marie hatte in Paul für ihren Mittagstisch die beste Hilfe, und trotzdem bemühte sie sich, eine bessere Tätigkeit für ihn zu finden, obwohl sie wusste, dass ihre eigene Arbeit dadurch noch mehr anwachsen würde. Emil bemühte sich gleichermassen, bis es den beiden gelang, Paul auf dem Gutsbetrieb eines saarländischen Parteifreundes als Verwalter unterzu gehen haben zubringen. Ohne zu ahnen, welchen Leidensweg seine Mutter hoch zurück lagen würde, legte Paul damals die Grundsteine für die Brückenpfeiler, über die Marie Juchacz später aus der amerikanischen Emigration nach Weissenthurm auf das von Paul verwaltete Nette- Gut zurückkehren konnte. - 268+++ Die ersten USA Stationen i have Aus keiner Unterlage aus der saarländischen, südfranzösischen oder Martinique- Emigrationszeit sind Einzelheiten zu entnehmen, die von den vielen und unendlichen Schwierigkeiten erzählen, mit denen Marie zu kämpfen hatte. Sie selbst hat nie etwas darüber geschrieben und nur ganz selten davon xxxäkkk gesprochen. Dass sich Marie, zusammen mit einer kleinen Emigrantengruppe, einmal wochenlang in den Pyrenäen verbergen und von mühselig zusammengetragenen Brosamen ernähren musste, ist von ihr nur einmal ganz nebenbei erwähnt worden. Dass sie, als sie in Martinique den französischen Dampfer' Duc d'Aumal' bestieg, als Gepäck nur eine Handtasche und ein Netz bei sich hatte, war niemals erwähnenswert. Als Marie an einem der letzten Tage des Septembers 1940 auf dem USGenaral- Konsulat in Marseille vorsprechen und sich Fingerabdrücke abnehmen lassen musste, glaubte sie, in wenigen Wochen alles überstanden zu haben. Es war gut, dass sie diesen Glauben hatte. Hätte sie zu dieser Zeit die Schwierigkeiten gekannt, die ihr nicht nur in Europa, sondern auch noch in den Vereinigten Staaten begegnen würden, wäre es vielleicht mit ihrer Kraft zu Ende gewesen, entgegen der Meinung ihrer Freunde, die ihre Standhaftigkeit und Zuversicht bewunderten und sich daran ein Beispiel nahmen und selbst aufrichteten. Neun Wochen brauchte die' Duc d'Aumal', bis sie endlich, am 29. Mai 1941, in New York Harbour einlief. Wer von den Freunden der saarländischen und französischen Emigrationszeit abkömmlich war, hatte sich einRobert gefunden. Ganz vorne am Pier standen Kirschmann, und ein Bruder Von Emil Robert, der schon im Jahre 192 aus Idar Oberstein an der Nahe ausgewandert und schon sehr bald rechtmässiger amerikanischer Staatsbürger geworden war. Bruder Robert hatte es als selbstverständlich angesehen, dass Marie und Emil erst einmal zu ihm nach Meriden kommen würden, um Ruhe zu finden. ergeben. zur Besinnung zu kommen. Alles andere würde sich dann schon finden. Robert Kirschmann und seine Frau Ida waren damals mit drei Sähnen in die USA gekommen, hatten sich nach vielen Mühen eine Existenz aufgebaut und ein wenn auch nicht üppiges, so doch befriedigendes Auskommen gefunden. Während einige der Emigranten, mit denen sie zuletzt in Marseille var, das französische Ausreise- Visum erhielten, musste sie mit xxxgan anderen Schicksalsgenossen einen umständlicheren und anstrengenderen Fluchtweg nehmen, der sie nach Martinique brachte, wo sie vier Wochen lane in einem Lager Leben musste. DANN erst konnte sie auf ein Schiff gehen. Keber bei Robert Kirschmann. Aufnahme fand. Sie wird 269— Obwohl im Huus von Robert Kirschmann zeitweilig fünf menschen zusammen leben mussten, kam es auf diesen Zuwachs ja nicht an, denn es wür- de bestimmt nur ein Übergangszustand sein. „notürlich auch Kathe Fey, die Es muss noch erwähnt werden, dass sich in den saarländischen und französischen Emigrationsjahren###ichter an Marie und Emil ange- schlossen hatte; eine stille junge Frau die in der Arbeit für die Ba Sozialdemokratische Partei grossgeworden war. Die selbstverständliche Hilfs- bereitschaft, mit der sie in der führen Emigrationszeit Marie und Emil Duelt zur Hand ging; mochte siexzum vollwestigen mitglied der Hausgemeinschaft Jochacz-Kirschmann. Die gemeinsamen, meist sehr harten mit bitteren Erlebnisse hatten diese drei Menschen so zusammenge- schmiedet, dem Raethe Fej ohne grone Worte einfach da zugehörte. Das war gut und wichtig für Dane und Emil, und sollte später das noch wichtiger sein werden, als Marie und Emil in diesen 9 Wochen der überfahrt von Martinique nach New York jemals für möglich hilfen. und Kaete Fey /bei Emils Bruder Robert und seiner Frau Ida [Marie, xxx Emil/wa_ren vorerst zwar/gut aufgehoben, aber doch von der zinzeleite Unruhe getrieben, Schritte zu unternehmen, um möglichst schnell den Aufbau einer Existenz in Angriff zu nehmen. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass erst einmal die Verwaltungsbürokratie der USA über sie hereinbrechen und sehr viel Zeit beanspruchen würde. Mit einem proviso- rischen Visum waren sie angekommen- als Deutsche oder Staatenlose- inzwischen und die USA befanden sich mit Deutschland im Kriegszustand. So wurden sie zuerst einmal als"alien enemies" registriert, mit beschränkter Aufenthalt angenehmigung und ebenso beschränkter Bewegungsmöglichkeit. Das hinderte sie aber nicht, sofort Erkundigungen einzuziehen, um fest- zustellen, wo sich Freunde von früher befinden könnten. Einer dieser Freunde, Wilhelm Sollmann, den Marie ja schon aus ihrer ganz frühen Zeit in Köln kangte, hatte eine Professur an einer Quaeker-Universität in Pendle Hill. Der Kontakt zu ihm war sehr schnell hergestellt, und Sollmann informierte umgehend Hertha Kraus, die beim"America Friends Service Committee in Philadelphia in Pennsplvanien als"Consultant" tätig war. Marries und Emils alter Freund, Hans Hirschfeld, hatte sich in dieser Zeit ebenfalls mit Hertha Kraus in Verbindung gesetzt, um fest - 270- zustellen, welche Berufsmöglichkeiten es für Marie und Emil geben könn te. So schrieb Hertha Kraus am 14. Juli 1941 ihren ersten Brief an Marie: - " Liebe Marie Juchacz, eben höre ich von Sollmann, dass Sie und Emil Kirschmann nun wirklich in der neuen Welt gelandet sind, sicher nach den schwersten und Strapazen und Aufregungen. Heute nur einen kurzen, herzlichen Willkommensgruss Ihnen beiden. Ich hoffe, Sie bald einmal in Ruhe zu sehen. Hans Hirschfeld, der selbst mit eigenen Sorgen angefüllt mich aufsuchte und sich erkundigte, welche Berufsaussichten es für Sie gäbe, habe ich gesagt, dass ich überzeugt sei, dass Sie als ehrlicher und klarer Mensch eine schönfärbende Äusserung verachten Würden. Als ersten- und wichtigsten- Schritt habe ich die Beherrschung der Landessprache betont. Alles andere muss in Ruhe überlegt werden. Ich wünsche Ihnen und EmilX Kirschmann einen leichten und guten Anfang." Am 28. Juli 1941 antwortete Marie Juchacz: " Liebe Frau Doktor Kraus, ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeilen, die Sie mir über Wilhelm Sollmann zugehen liessen. Ich möchte nicht auf die einzelnen Dinge eingehen, die mir Hans Hirschfeld erzählte. Er meinte es gut mit mir und wollte mich vor einer Enttäuschung bewahren. Dass ich den Eindruck hatte, als unwillkommener, überflüssiger und unbequemer Gast dieses Landes angesehen zu werden, wirkte- ich befand mich in diesen Tagen sowieso in einem Zustand tiefster Depression( und bei allen Neuankommenden ist das nur- nach Lage und Temperament-******** graduell verschieden)- so niederschmetternd auf mich, dass ich meine Absicht, Ihnen bald nach meiner Ankunft zu schreiben, nicht durchführen konnte. Es war nicht etwa die Zerstörung irgendwelcher materieller Hoffnungen, sondern eine tiefe menschliche Enttäuschung, die mich so schmerate. Das ist ein Artikel, von dem ich nicht mehr viel vertragen kann, aber das ist jetzt aus dem Wege geräumt. Emil Kirschmann und ich danken Ihnen herzlich für Ihren Willkommensgruss. Wir leben vorläufig hier in Meriden in Connecticut im Hause von Emils Bruder Robert Kirschmann. Dass Robert seinem Bruder sein Heim und seine Existenzmittel zur Verfügung stelle, ist bei dem Verhältnis zwischen den beiden Brüdern selbstverständlich. Dass er, seine Frau und seine drei erwachsenen Söhne Freundschaft, Gastlichkeit und Hilfsbereitschaft in so grosszügiger Weise und angenehmer Art auch auf mich ausdehnen, schätze ich dankbar ein. Dass ich hier sein kann, erspart mir die sonst unausbleiblichen Bitterketten des Emigrant nschicksals in New York und bewahrt mich vor der grossen menschlichen Einsamkeit. Ausser uns beiden gibt Robert Kirschmann auch noch einem jungen Mädchen, das mit uns gekommen ist, Obdach und Nahrung. Davon schreibe ich noch weiter unten. - 271- Meine Tage sind angefüllt. Morgens und abends lerne ich Englisch. Dazwischen mache ich mich im Haushalt und an der Nähmaschine nützlich, u.a. auch durch das Ändern geschenkter Kleider für mich. Ich will an der Nähmaschine auch meine Kräfte üben, um selbst ein Urteil über meine Leistungsfähigkeit in praktischer Arbeit zu bekommen, muss aber doch bis jetzt feststellen, dass ich nicht genügend mehr kann, um das etwa als Grundlage für einen Beruf zu machen. So kann ich im Augenblick noch nicht sagen, was ich wohl anfangen könnte, um mich- mit meinen jetzt 62 Jahren mit Aussicht auf Erfolg wieder auf eigene Füsse zu stellen. In New York haben mich einige Freunde auch zu einem Committee geschickt, zum' American Committee for Christian Refugees'. Das waren Dinge, die mir neu und schrecklich waren. Ich kam dort zu einer Miss Day und obwohl ich noch immer nicht mit meiner' inneren' Situation fertig bin sagen und sachlich feststellen, dass die menschliche Art der Dame geradezu vorbildlich genannt werden muss. Der praktische Erfolg meiner Besuche bei ihr war, dass man Verständnis zeigte, da ich lieber in Meriden leben wollte als in New York. Man gab mir sogar ein Taschengeld für einen Monat und empfahl mich hier an das' Committee Welfare Association'. Generalsekretärin ist eine Miss Firestone. Ich schreibe Ihnen das so ausführlich, weil die Dame bei der Frage nach etwaigen Verbindungen, die Emil Kirschmann und ich haben, auch Ihren Namen nannte. Kennen Sie Miss Firestone? Ich bin sehr froh über die Empfehlung von New York hierher, weil ich noch in einer ganz besonderen Verlegenheit war. Man bezahlt mir eine ziemlich hohe Zahnarztrechnung. Sie werden sicher verstehen, dass ich durch den schlechten Stand meine Zähne sehr gehemmt war. Das Selbstgefühl leidet sehr, wenn man nicht in Ordnung ist. sie Miss Firestone will uns auch einen Sprachunterricht vermitteln. Die öffentlichen Kurse hier beginnen erst zum Winter. Wir wären natürlich froh über eine solche Hilfe. Wenn Sie nun auf Grund dieser Mitteilungen noch irgend einen guten Rat geben könnten, würde ich Ihnen herzlich dankbar sein. Vielleicht ist es Ihnen im Falle Kaethe Fey noch leichter, zu кx* x raten:***** xxxx lebt mit uns zusammen in****** X****\*\* x* x* x* x* x* gemeinsamem Haushalt seit dem Sommer 1935. Ich füge einen Lebenslauf bei, aus dem alles notwendige zu ersehen ist. Miss Fey möchte sich gerne als Krankenpflegerin betätigen und ausbilden lassen. Sie kennt die Schwierigkeiten, die sich für diesen Beruf in diesem Lande ergeben, insbesondere, welcher Bildungsgang gefordert wird. Aber es soll auch Ausnahmen geben. Miss Fey hat bereits Verbindungen in New York angeknüpft. Wenn, dann wird frühestens zum Spätherbst etwas zu machen sein. Vielleicht haben Sie im Rahmen Ihrer Organisation die Möglichkeit, einen nützlichen Rat - 272- zu geben.- Der Brief ist sehr lang geworden. Dabei ist noch lange nicht alles gesagt, was mich eigentlich zu sagen drängt. Doch will ich es für heute bei diesen persönlichen Dingen bewenden lassen." Zumgrössten Teil Dieser erste von Marie Juchacz ausgestreckte Fühler, festeren Boden unter den Füssen zu bekommen, zeigt besser als jeder Kommentar die Ehr/ bei lichkeit und Nüchternheit/ der Beurteilung der eigenen inneren und äusseren Lage. Bei familiären Gesprächen im Hause von Robert Kirschmann kam schon zwar des öfteren zum Ausdruck, dass die Emigranten, die й 1935, oder etwas später, nach Amerika gingen, unter ungleich günstigeren Bedingungen eine Existenz aufbauen konnten, denn da waren sie Flüchtlinge, die unter Lebensgefahr erst Deutschland und dann das von den Nazis heimgesuchte übrige Europa verlassen hatten und mit offenen Armen aufgenommen wurden. Diese Emigranten waren inzwischen, noch vor Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg, amerikanische Staatsbürger geworden, hatten gute Stellungen als Professoren an Universitäten, als wissenschaftliche und organisatorische Experten oder auch als Geschäftsleute gefunden. Diese Feststellungen wurden ohne jeden Neid getroffen. Im Gegenteil: Marie sah darin die grösseren und besseren Möglichkeiten, jetzt unter diesen ******* и neuen, für heutige Emigranten wesentlich erschwerten BedingunZuerst gute Hilfe zu erhalten. Wie spärlich diese Hilfeysein sollte, ahnte sie nicht, und noch viel weniger wusste sie, dass es ausschliesslich auf die eigene Initiative ankommen würde. Möglichkeiten boten sich im Voraussetzungen, Laufe der nächsten Zeit in grosser Menge an, aber die gen - um data, ( , etwas daraus zu machen, waren nie erfüllt. Waven bei ihr? - gegeben. Einen Monat später, Ende August, antwortet Hertha Kraus: " Ich bin sehr froh, dass Sie und Ihre beiden Fahrtgenossen nicht in dem Gewühl New Yorks zu bleiben brauchten, sondern in dem kleinen Meriden ein Stückchen Behaglichkeit und menschliche Wärme, fernab vom Großstadtgewühl, gefunden haben. Es ist keine angenehme Arbeit im Anfang, die ungewohnte Sprache zu meistern, aber doch die Voraussetzung für alle Wirksamkeit in diesem Lande.- Ich würde Sie sehr gerne wiedersehen. Im persönlichen Gespräch lässt sich viel besser überlegen, was Sie vielleicht anfangen können, um möglichst unabhängig zu werden. Es ist ja auch schon mehr als acht Jahre her, dass wir uns zuletzt sprachen, und viele neue Dinge und Eindrücke sind auf uns alle eingestürmt. Würde es Sie interessieren, für ein bis zwei Wochen in unsere sehr schöne Gegend zu kommen, zwei Stunden yon New York entfernt, wo ich vielleicht für Gastfreundschaft sorgen könnte. Für Kaete Fey schreibe ich auf besonderem Bogen." - (ein von den Aäkern eingerichtetes Haus in Soattergood, in dem Emigranten für einige Zeit untergebracht, mit den wichtigsten Voraussetzungen für einen zuleünftigen Beruf vertrant gemacht, und von dort aus auch in Stellungen untergeblich warten. D. V. vermittelt. - 273Wovon hätte Marie die Fahrt zu Hertha Kraus bezahlen sollen? Von dem dass wenigen Taschengeld, das sie von Miss Day vor längerer Zeit bekommen die hatte und dass xxx für ganz kleinen Dinge des Alltags schon längst draufgegangen war? Oder sollte sie Emils Bruder um ein kleines Darlehen bitten, das sie vorerst nicht hätte zurückzahlen können? Es würde sich schon ein Weg finden, dachte Marie, und so verabredete sie ein Treffen mit Hertha Kraus in der Zeit ab lo. September. Den Aufenthalt in New York benutzte Marie dazu, auch eine ehemalige Bekannte, Frau Ceck, aufzusuchen: " Ich war in Mannheim öfter ihr Gast und mochte sie sehr gerne. Sie hatte viele Jahre ein gut florierendes Modeatelier und konnte technisch und geschäftlich sehr viel." Marie dachte im Stillen daran, den ersten Anfang, etwas Geld zu verdienen, mit Näharbeit zu machen. " Eine ganz leise Hoffnung habe ich still begraben müssen. Frau Ceck lebt bei Tochter und Schwiegersohn- selbst Emigranten - selbst Emigranten- und verdient sich ein kleines Taschengeld mit einer ganz elend bezahlten Heimarbeit." cebenfalls hinfuhr, Die Unterhaltungen mit Hertha Kraus in Bryn Mawr College, wo Marie vor bor war, hatten zumindest dazu geführt, den menschlichen Kontakt zwischen Marie und Hertha Kraus durch das persönliche Begegnen nicht nur wiederherzustellen, sondern auch zu vertiefen. Hertha Kraus gab ihr eine Empfehlung an das New Yorker Büro der" American Friends" mit. [" In diesem Büro begegnete man mir mit grossem Verständnis, doch schien es mir, als ob die Dame, mit der ich mich unterhielt, sich nicht viel von einer Arbeitsvermittlung für mich verspreche. Sie brachte von selbst das Gespräch auf das IOWA HOSTEL und meinte, es seien im Augenblick acht Personen dafür vorgemerkt, die auf Platz warteten. Von irgendwelchen Kosten haben wir nicht gesprochen. Ich habe ihr nur gesagt, dass ich völlig mittellos bin. Ob ich nun als Neunte zu den acht Wartenden gekommen bin, weiss ich nicht." Aus allen weiteren Empfehlungen in New York wurde nichts, in erster Linie deshalb, weil Marie bis jetzt nur wenige Worte Englisch beherrschte. am 11. OkLangsam und zähflüssig liefen Maries Bemühungen weiter, bis sie von der Dame des New Yorker Büros der.' American Friends"* x* x* x tober die mitteilung erhielt: " Wir sind sehr erfreut, dass Sie Interesse an einer Gaststelle im Iowa Hostel haben. Es erscheint uns, dass ein Aufenthalt in diesem Hostel Ihr Hostel) habe in Scattergood . . - 274Bestreben, englisch zu lernen und amerikanische Gebräuche kennen zu lernen, von grösstem Wert ist. Es kann aber November werden, bis sie sich dorthin begeben können. In der Zwischenzeit werden wir in unseren Bemühungen nicht nachlassen, für sie einen Platz zu finden, wo Sie englisch lernen und Dienst im Rahmen ihrer körperlichen Fähigkeiten leisten können." Marie legte nun aber nicht die Hände in den Schoß, sondern arbeitete: in Meriden " Montags, Dienstags und Mittwochs gehe ich jetzt hier in die Abendschule, wo ich aber leider nicht die schnelle Förderung erfahren kann, die ich mir wünsche. Die Teilnehmer zu Beginn der Aurse sind zu einem grossen Teil schon länger im Land, manche sogar schon Jahrzehnte. Sie können alle so viel englisch sprechen, wie für den Tagesgebrauch notwendig ist. Sie können daher ohne Mühe die ausgezeichnete- Lehrerin verstehen. Aber die wenigsten können lesen und schreiben. Daher wird ein grosser Teil der Lehrkraft von diesen elementarsten Notwendigkeiten in Anspruch genommen. Miss Firestone glaubt alter, mir helfen zu können, denn sie hat mir in Aussicht gestellt, dass ich an zwei Abenden in der Woche noch Einzelunterricht haben kann, bei einer Dame, die auch etwas deutsch spricht, sodass ich ihr sagen kann, worauf es mir ankommt." Am 20. Oktober 1941 schreibt Hertha Kraus an Marie: " Ich glaube, es besteht gute Aussicht für Sie, in Scattergood Hostel aufgenommen zu werden, trotz der Warteliste, und ich bemühe mich, diese Angelegenheit zu regeln. Es war ein guter Entschluss, dass Sie sich für einige Monate in Scattergood entschieden haben." Aufenthalt Trotz der guten Aussichten mit Scattergood vertrat Emil Kirschmann den Standpunkt, noch mehr Eisen ins Feuer zu legen. Als er nach New York fuhr, um in eigener Sache Fühler auszustrecken, sprach er auch bei Miss Day vom American Committee for Christian Refugees vor, die ihm eine Möglichkeit in Montclair unterbeitete, wo eine Gruppe von Menschen bereit war, Flüchtlingen zu helfen, und sei es nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Platz in Scattergood frei würde. Aber Montclair zerschlug sich. Dafür Hinzu kam neue Unruhe, weil die Aufenthaltserlaubnis für Marie, Emil und Käte Fey ablief. Auch hier/ sprang Miss Helen Day wieder ein, bearbeitete die' application forms', tippte sie, liess sie im Postweg unterschreiben und schickte sie an" The Honorable Commissioner of Immigration and Naturalization, Ellis Island, New York Harbor, New York." . -275Es war bedrückend für Marie, so lange- und zu Dritt- dem Bruder Emils zur Last zu fallen. Seit der Ankunft der' Duc d'Aumal' waren inzwischen über sechs Monate vergangen, Marie, чxd Emil und Kaete hatten schon sehr gute Fortschritte in der englischen Sprache gemacht, was sich bei Marie dadurch verriet, dass sie in deutschen Briefen englische Satzstellungen gebrauchte und beim Sprechen englische Worte völlig unbewusst mit eingliessen liess.- Wenn Marie sich nicht im Haushalt von Robert nützlich machen konnte, sass sie an der Schreibmaschine, um- unterstützt von Emil und Käte Briefe zu schreiben, Gesuche und Form- - blätter zu entwerfen und auszufüllen. So ging das Jahr 1941 zu Ende, und das neue begann, ohne dass sich etwas Besonderes ereignet hätte. Doch, eine Änderung hatte es gegeben: Emil Kirschmann und Käte Fey hatten beschlossen, dem Bruder wenigstens die Sorge um sie beide abzunehmen, und waren nach New York gegangen. Marie hatte sich entschlossen, noch zu bleiben, weil ja jeden Tag die Entscheidung für Scattergood fallen konnte. Die Möglichkeit, vorübergehend zu Ereun den nach Navy Yard zu gehen, scheiterte daran, weil dieser Bezirk- wahrscheinlich aus militärischen Gründen- für Fremde, also für Ausländer, gesperrt war. Die Mitteilung, die Marie kurz zuvor von Helen Day erhalten hatte, dass nämlich die Beschränkungen für' aliens enemies' bald aufgehoben oder **** andere Klassifizierungen erfolgen würden, sodass sie" einige Zeit nach dem ersten Tag im neuen Jahr" nach Scattergood reisen könne, war zwar tröstlich, erwies sich aber als trügerisch. Als sich Marie entschliessen wollte, das Angebot einer Professorin in Wellesley College, einer der berühmtesten Frauen- Universitäten der Staaten, anzunehmen und bei ihr bis April zu bleiben, kam plötzlich die Entscheidung, dass sie nach Scattergood fahren könne. Auch hier war es wieder Helen Day, die alle Formalitäten vorbereitete, alle Einzelheiten klärte, auch die Reisekostenfrage löste, sodass Marie am 26. Januar in Scattergood eintraf, wo sie gleich einen Brief von Hertha Kraus vorfand: " Nur ein kurzer Willkommensgruss, um Ihnen das Beste für Scattergood. und auch für später zu wünschen. Hoffentlich war die lange Reise nicht zu anstrengend, sodass Sie den Wechsel der Szenerie wenigstens etwas geniessen konnten. Scattergood und das Leben im Hostel werd Ihnen am Anfang vielleicht etwas seltsam vorkommen, aber ich weiss, dass Sie es in Ihrer Art verarbeiten, als eines der zahlreichen Abenteuer unseres Lebens. Alle Freunde in Scattergood werden Ihnen natürlich behilflich sein, und fragen Sie ruhig, wenn es etwas zum Fragen gibt. Bitte blei 276XKA ben Sie mit mir in Verbindung. Von allen Freunden in Bryn Mawr und Pendle Hill sollich herzlich grüssen."* über ihr vorläufiges Asylin Scattergood So sehr sich Marie freute, so unangenehm war ihr der Beigeschmack, der dieser Reise dadurch anhaftete, dass sie nur mit einem - " Enemy alien travel permit", notariell beglaubigt und auf sechs Monate Abwesenheit befristet, fahren konnte, und dass sie verpflichtet war, sich sofort nach Ankunft beim' United States Attorney' in Des Moines in der Nähe von Scattergood zu melden. Sie stand in diesem freien Land ständig unter Kontrolle und konnte ohne Erlaubnis keinen Schritt unternehmen. mitfühlende Andererseits war sie tief berührt besonders durch die Art von Helen Day(" Nach jeder bösen Nacht ist sie der gute Tag"), die sich bis nach Scattergood erstreckte. Sie nahm Marie den ganzen bürokratischen Kram ab, der sich zwangsläufig ergab. Ihre Hinweise und vorformulierten Rubriken der Formblätter waren ein Wegweiser, ohne den sich Marie alleine niemals ausgekannt hätte. Unterlagen Diete, die aus den Wochen um die Jahreswende 1941/1942 vorliegen, sind so umfangreich, dass ihre Erwähnung in diesem Buch nicht möglich int te beweisen aber die Aktivität, mit der Marie und Emil am Werke cauch waren, um nicht nur für sich selbst, sondern für viele andere Hilfe hatten, noch in ihrer Meriden- Zeit zu finden. Marie und Emil on sich des ofteren in New York und anderswo mit früheren Freunden, mit Grzesinski, Brauer, Hirschfeld, und während sie manchmal selbst nicht wussten, woher sie etwas Geld bekommen könnten, dachten sie an andere, die in der gleichen misslichen Lage waren. Betrallen Diese Bemühungen hörten auch nicht auf, als Marie in Scattergood ankam und sich sofort in die Arbeit stürzte, indem sie die ihr zugewiesene haushälterischen Arbeiten ausführte und an den englischen Sprachkursen im Haushalt teilnahm. " Ich arbeite gerade in englisch- systematisch ein Buch durch, es enthält zwölf stories über berühmte Leute, die sich unter Schwierigkeiten durchgekämpft haben. In englisch sollte ich einen gedrängten Bericht darüber geben. Es ging für mein Gefühl sehr schlecht, aber ich habe hart gearbeitet und werde nicht nachlassen. Letzten Mittwoch habe ich den x*************** я rischen Bergarbeiterfilm gesehen. Nachdem waren einige von uns mit in einem Studentinnenheim zum Dinner, und dann ging es in ein Konzert zum Union University Studentenheim. Das Essen mit mehreren hundert girls in einem grossen Diningroom bei Kerzenbeleuchtung und Bedienung durch Studentinnen war aufgemacht wie eine grosse festliche Veranstaltung, aber man hatte trotzdem das Gefühl, dass es der tägliche Betrieb ist. In den parlours herrscht Reichtum und Bequemlichkeit. Und von dem anderen Haus und seinem Reichstum kann - - - 276ben Sie mit mir in Verbindung. Von allen Freunden in Bryn Mawr und Pendle Hill sollich herzlich grüssen."* über ihr vorläufiges Asylin Scattergood So sehr sich Marie freute, so unangenehm war ihr der Beigeschmack, der dieser Reise dadurch anhaftete, dass sie nur mit einem" Enemy alien t An Emil Kirschmann schrieb Marie noch am Tage ihrer Ankunft in Scattergood: von n- ch " Nun bin ich an Ort und Stelle, es hat alles geklappt. Der Wagen, in dem ich fuhr, war fast leer, er war für ladies reserviert. Die New Yorker Zeit differiert mit der in Scattergood um 55 Minuten, ich glaubte zuerst m an eine Verspätung. Friedländer war am Wagen und es ging alles nach Wunsch. Ich sah und sprach ausser Friedländer und seiner Frau, bei denen ich wohnte: Rouise Morgenstern alias Oppenheimer, die bis 1939 noch in Düsseldorf war und oft mit Lotte zusammen war. Dann: Dr. Erna Magnus, Dr. Hanna Hellinger, Martha- Eva Parker, Felix Kautsky, den ältesten Sohn. Mit h den letzten Vier und Friedländers habe ich vor der Abfahrt geluncht. Dann wurde ich in den Wagen gesetzt und fuhr ab. Hier wurde ich bereits erwartet, xxx die tausend Grüsse bin ich auch schon los, und an der versten Abendmahlzeit habe ich auch schon teilgenommen. Das Heim ist praktisch, einfach und sauber, der erste Eindruck sehr sympathisch. Ich teile das Zimmer mit der alten Frau Hackel, über die Du durch Minna informiert wurdest. Wie es mit der Postbestellung funktionieren wird, werde ich ja bald erfahren. Es ist zehn Uhr, und ich bin nun doch recht müde. Du wirst inzwischen eine Karte von Friedländers erhalten haben, sie wollten Dir an meiner Stelle schon vorher Bescheid geben, wie alles abgelaufen ist." e ene en enthält zwölf stories über berühmte Leute, die sich unter Schwierigkeiten durchgekämpft haben. In englisch sollte ich einen gedrängten Bericht darüber geben. Es ging für mein Gefühl sehr schlecht, aber ich habe hart gearbeitet und werde nicht nachlassen. Letzten Mittwoch habe ich den x*************** я Arischen Bergarbeiterfilm gesehen. Nachdem waren einige von uns mit in einem Studentinnenheim zum Dinner, und dann ging es in ein Konzert zum Union University Studentenheim. Das Essen mit mehreren hundert girls in einem grossen Diningroom bei Kerzenbeleuchtung und Bedienung durch Studentinnen war aufgemacht wie eine grosse festliche Veranstaltung, aber man hatte trotzdem das Gefühl dass es der tägliche Betrieb ist. In den parlours herrscht Reichtum und Bequemlichkeit. Und von dem anderen Haus und seinem Reichstum kann - - Sehr umfangreichen. . • 277man Wunderdinge berichten. In den USA tut man wirklich etwas für die Jugend, und trotzdem hat man mitunter das Gefühl, als müsste man diese lachende Jugend, die dennoch Fischblut in den Adern zu haben scheint, in aller Freundschaft wachrütteln, um ihnen von der Welt zu erzählen, wie sie wirklich ist, um sie vor einem späteren, weit schrecklicheren Erwachen zu bewahren." Marie sieht aber in den ersten Tagen in Scattergood nicht nur die Menschen, sondern auch ihre Umgebung, entdeckt" Bäume, auf denen das Auge ausruhen kann", Siedlungen, das Land und das Vieh: " Die Fahrt von hier nach dem xxxx eine gute Stunde entfernten Iowa geht durch gewelltes Land. Hier und da sieht man einen grösseren Bauernhof, jeder hat einen Windmotor. Man sieht auch hohe, gemauerte Silos, und Schweine und Kühe sind selbst- wie jetzt- bei dickem Schnee draussen. Grosse, lang ausgedehnte Maisfelder- das Rohr steht noch Landstrasse. Deshalb gibt es hier viel Schweine zucht. Milch gibt es int überreichlich, sie steht auch hier im Heim in jeder Menge zur Verfügung. Und alles ist tiefster Friede. Fast unheimlich. X- Und heute Abend wird ' Valentins Day' gefeiert." ( vorhanden - säumen die Nach knapp drei Wochen Aufenthalt in Scattergood schreibt Marie am 11. Februar 1942 an Emil Kirschmann: " Alles, was Du mir über das Lernen der Sprache schreibst, ist tröstlich, aber ich habe oft schwarze Stunden. Mein Bedarf an' Sensationen' ist reichlich gedeckt, die ganzen wohltuend ruhige Atmosphäre hier tut mir wohl, sehr wohl. Dagegen quält mich die Weltsituation sehr. Ich höre und lese zu wenig Unmittelbares. Radio? Es wäre schon etwas wert. Der schöne Apparat im living- room wird immer dann, wenn ich mir eine freie Stunde machen kann, zum Abhören von Musik gebraucht. Ein Teil der Mitbewohner kann seinen News- Bedarf im Zimmer decken, sie haben eigene Apparate, und andere begnügen sich gerne mit dem, was sie im Vorbeigehen auffangen. Uninteressiert ist keiner, aber gerade in dieser Beziehung quält mich die Sprachhemmung doppelt. Ich bin im Unterricht, bei Tisch und bei der Abendunterhaltung gehemmt, ein Gespräch anzuschneiden oder durch Fragen dahin zu lenken, wohin ich es haben will.- Hast Du Dich in Deinen wenigen politischen Randbemerkungen nicht verschrieben? Du sagst: die Achsenmächte, scheint mir, erleben einige ihrer schwarzen Tage. Mir scheint, dass es im Augenblick gerade umgekehrt ist. Aber sonst stimmt alles das, was Du schreibst, haargenau. Bob( ein Lehrer in Scattergood) ochst jetzt mit mir die unregelmässigen Verben und die Zeitformen durch. Erweiss genau, dass ich nicht anfange zu sprechen, wenn ich das Gefühl habe, im Dunklen zu tappen.' Michaels mother told him, that she has always felt as if she were blind, for although she had eyes, she - . - - 278could not read."-- So ungefähr sind auch noch meine Gefühle gegenüber diesem Land und seinen Menschen." cauf die allgemeinen politischen and soziale Dinge bezogen ,, Das deckt sich mit dem, was sehr viel später aus der Erinnerung Martha- Eva Parker- Prochownik darüber sagte: " Während des Aufenthalts in Amerika war Marie- wie viele andere Einwanderer- erstaunt über die Schwäche der sozialistischen Gruppen, denn von einer wirklichen Partei kann kaum gesprochen werden. Durch die Kriegslage und durch die soziale Gesetzgebung in der Amtszeit von Roosevelt spielten Parteigegensätze vom Standpunkt der Arbeiter in Wahlzeiten fast nur eine Rolle im Kampf gegen die Republikaner, die in ihrer Propaganda gegen den Präsidenten weit über das Ziel hinausschossen, sodass sie sich selbst schadeten. Als Ausländerin hat sich Marie natürlich einer direkten politischen Wirksamkeit enthalten. Sie war überrascht, dass in der ersten Zeit ihres Aufenthalts, als die Arbeitslosigkeit noch gross war, bis sie durch die Kriegsindustrie überwunden wurde, es in der Arbeiterbevölkerung an Interesse und innerer Bereitschaft fehlte, um am' Free Enterprice System' als solchem Kritik zu üben. Die langanhaltende Krise, die einen schlimmen Absturz in der Lebenshal tung gebracht hatte, wurde als unvermeidlich hingenommen, es wude Kritik geübt an der Hoover- Regierung, die viel zu lange nichts getan hatte, um die Notlage zu mildern und die Wirtschaft anzukurbeln. Die Kommunisten gewannen etwas Boden, aber hauptsächlich unter neu eingewanderten Europäern. Es kamen in diesen Jahren auch einige Sozialisten aus Deutschland in die USA, und sie waren erstaunt und ungläubig, wenn Marie oder andere ( so wie ich) versuchten, sie davon zu überzeugen, dass Ausführungen über Klassenkampf und Ansprache der Anwesenden als Proletarier nur Ablehnung und Missverständnis bringen könnten. Es war für Europäer schwer, zu verstehen, dass der Amerikaner ohne Rücksicht auf Arbeits- und Berufslage sich mit dem" American Way of Life" identifiziert. Er erstrebt gewisse Reformen und Verbesserungen, aber keine grundsätzliche Änderung, und lehnt alles ab, was in Europa von den sozialistischen Parteien propagiert wird. Es ist überraschend, dass an dieser Auffassung auch in den Krisenjahren festgehalten wurde." Mit dem gleichen Takt, mit dem Marie die politischen Themen im Rahmen ihrer Sprechmöglichkeiten behandelte, verfuhr sie auch mit den Menschen selbst, und als sie eines Tages einmal jemand aufforderte, doch morgens mit zum' meeting' zu kommen, ging, sie aus Neugier, und ein wenig inaber auch nerer Bereitschaft, hin. - " Wenn ich noch sage, dass ich öfter des morgens ins meeting- oder man kann auch' Andacht' sagen - gehe, ist das nicht zum Lachen. Ich war ein . - 279- mal dort und gehe nun so oft wie möglich hin. Es ist ein leerer und kahler Raum, der nur einfache Bänke hat mit Rückenlehnen, ebenso kahle, weisslich- graue Wände, in der Mitte ein glühender ofen. Dort sitzt man ganz still. Jeder denkt, an was er will, an seinen Gott, an den vergangenen Tag oder an den, der kommen wird. Wenn die Viertelstunde oder zwanzig Minuten( ich habe noch nie nach der Uhr gesehen) um sind und man tritt ins Freie, dann ist man wunderbar erfrischt und ausgeruht. Oft steht dann unmittelbar vor Dir der grosse, aufgehende Sonnenball in der weiten, schweigenden Schneelandschaft, und Du siehst diese Schönheit und empfängst sie wie ein Geschenk. Es erfüllt mich mit starker Freude, dass ich das noch immer so aufnehmen kann. Jetzt, beim Schreiben, kommt mir der Gedanke, wie klug es doch ist, ein solches meeting einzurichten, in das a 1 1 e gehen können. Es ist der Ausdruck einer klugen Toleranz, mehr lebensklug und wissend, als fromm. Unter den Gästen in Scattergood befand sich auch ein Ehepaar Adler: " Er ist Arzt, es fehlt ihm ein Bein, er trägt eine Prothese. in Frankfurt hat er praktiziert und war dann in Paris, wo er draussen in der Turmsiedlung wohnte und utto Wels bis zum Tode behandelt hat." gläubiger, Da Adler ein jüdischer Arzt war, interessierte es Marie, wie das kirchliche Problem mit diesem Manne gelöst würde: " Mehr als irgendwo, noch mehr als zum Beispiel in Meriden, ist die Kirche gesellschaftlicher Zentralpunkt. Die whist- und Bridge- Party, gesellige Veranstaltungen aller und jeder Art, Versammlungen usw. gehen von der Kirche aus. im Ort hier sind zwei Kirchen verschiedener Art, und sie tauachen freundschaftlich ihre Pfarrer aus. Als Adler sagte, dass er Jude sei, war die Antwort:' Aber das macht doch nichts, uns stört das nicht, es kann jeder zu uns kommen. Das sieht aus wie eine gelächelte Selbstverständlichkeit und Toleranz, und ist doch im Grunde vielleicht keine, denn ebenso lächelnd und ohne weiter darüber zu eifern werden sie dann dem Betreffenden in seiner Einsamkeit belassen." " Wenn Menschen- so wie Mazie- in eine in sich abgeschlossene Sphäre kommen, stürzen sie sich begreiflicherweise auf alle Einzelheiten, auch auf die nebensächlichsten, um damit de Lücken auszufüllen. Wenn man die Briefe von Marie an Emil aus dieser Zeit durchliest- sie sind zum grössten Teil erhalten-, bekommt man nicht nur eine Vorstellung von Scattergood, sondern auch vom problemerfüllten Einzeldaseina aller Einwohner. Maric machte aber mit ihren Briefen insofern eine Ausnahme, als einem anderen Lehrer. in s’cattergood(wir nennen ihn - 280- harmlose 2u Aber and kleiner Episode hat sie in mandre Brife eingeflochten we 2. B. überſ. sie keine kleinen und unbedeutenden' Tatsachen' berichtete, sondern 41les, was ihr begegnete, sofort in Beziehung zu bringen versuchte zu allgemeingültigen Problemen Auf der anderen Seite froute und etwas zu haben, worüber sie schreiben konnte, und wennes auch nur die beiden Hunde, tanen, die sich im Hause aufhielten: " Bei einer Abschiedsparty gaben unsere Leiten Hunde- das stand natürlic - nicht im Programm eine Sondervorstellung: Mckushla, der junge Purzelbaumschläger und Macy( dazu machte Marie eine kleine, drollige Zeichnung), ein schwarzer, ganz kurz beiniger, heuchlerisch- würdiger Knabe. Sie kamen in so ulkiger und possierlicher Art ins Spielen und Jagen, dass die ganze Gesellschaft sich köstlich amüsierte. Wenn irgend jeค mand von uns grossväterlich oder mütterlichen pupils spazieren geht, ist Macy stets dabei, aber er tut so, als ob man ihn nichts angeht. Er spaziert voraus, oder hinterher, ohne sich mit Dir einzulassen." In den März- Tagen, in denen Marie dies niederschrieb, starb in New York Toni Wels, die Frau von Otto Wels. An Emil schrieb sie: Zum Tod von Toni Wels und allen damit zusammenhängenden Dingen möchte ich nichts mehr sagen. Du wirst mir- hoffe ich noch Eindrücke vom Begräbnis vermitteln. Dein Brief sagte mir, dass wir in der Beurteilung von Menschen und Dingen ganz konform gehen." Einer dieser Briefe enthält auch das durchschnittliche Tagesprogramm, das Marie in Scattergood absolvieren musste: " Um sieben Uhr stand ich auf. Bis Viertel vor acht war ich, gewaschen und gebraust, am Frühstückstisch. Inzwischen lüftete das Bett. Nach dem Kaffee: Bettmachen, meeting, dishes washing( Geschirrspülen), Staub in unserem Zimmer wischen, dann war es neun Uhr. Von 9 bis 12 Grammatik gearbeitet und gelesen. 12 bis 12.15 unser Badezimmer geputzt( beide Dinge, Geschirr und Bad, sind mein Wochendienst). Dann zum Essen fertig gemacht. 12.30 gab's lunch. Von 1 bis 2 hatte ich Stunde bei Bob. Von 2 bis 3 habe ich für die Phoneticstunde gearbeitet, von 3 bis Viertel xx nach vier war Phoneticunterricht bei Jean), Dann habe ich mir aus der Küche eine Tasse Kaffee geholt und bin danach zwanzig Minu_ten die Landstrasse entlaggelaufen. Um 5 Uhr gab Bob eine Stunde in' American Cenergisch History', Er hat mir erlaubt, daran teilzunehmen, weil ich ihm sagte, dass ich nicht genügend gut, deutlich und langsam sprechen höre. Und jetzt läutet es zum dinner. Nach dem Essen: ein Vortrag über' Bankwesen in Amerika'. Während dieses Vortrags werde ich stricken. Wir haben eine Menge Wolle bekommen und stricken daraus Sachen für German Refu - 281- . gees in France. Ich hatte Gelegenheit, einen Quäkerbericht zu lesen, der davon spricht, dass die Menschen teilweise so apathisch sind, dass sie nicht mehr zur Selbsthilfe fähig sind, wenn ihnen Material irgend welcher Art zur Verfügung gestellt wird.". Am 15. März 1942 wurde Marie in Scattergood 63 Jahre alt: " Der Tag verlief wie alle anderen, mit dem Unterschied, dass mir am Abend das' happy birthday' gesungen xxxdя und dann gemeinsam der birthday- cake verzehrt wurde." Dafür gab es acht Tage später eine desto grössere Aufregung in Scattergood: Marie schreibt am 22. März: - " Hast Du schon von der Sängerfamilie Trapp gehört? Sie sind in Salzburg zu Hause, haben schon bei den Festspielen mitgewirkt und reisen nun, seit Hitler, in der Welt umher: Mann, Frau und zehn Kinder, von denen sieben mitwirken. Zwei Mädchen sind noch schulpflichtig, ein ' little Johannes' ist drei Jahre alt und wurde****- gleich nach Ankunft in den USA hier geboren. In den Konzerten wirken die Mutter( 50), zwei Söhne( der älteste 30%, hat Medizin studiert) und fünf Töchter mit. Ausserdem noch der Hausgeistliche Dr. Franz Wassner. Der Vater war früher in Österreich ein bekannter Musiker, wirkt aber nicht mit, sondern arrangiert die Fahrten und begleitet die Familie. Nicht unbeteiligt an dieser' Wander- Idee' soll die Sängerin Lotte Lehmann sein, die im Trapp- Haus in Salzburg, in dem immer gute Musik gepflegt wurde, verkehrte. Die Seele des Ganzen ist die Mutter, die mit viel echtem, garnicht kitschigem Charme das Wort führt und unverkennbar die Autorität ist. Sie singen und spielen klassische Musik, Choräle, aber auch Volks- songs, und jodeln können sie auch. Die ganze Familiengedie Trapps schichte ist mir deshalb so geläufig, weil sie uns get och besuchten, nachdem sie gestern in Iowa ein Konzert gegeben hatten. Ein hier im Hause lebender österreichischer Musiker hatte sich nach dem Konzert seinen Landsleuten vorgestellt und der interessante Besuch der Sängerfamilie in Scattergood war die Folge. Sie platzten mitten in unseren lunch, mit dem eine Kindergeburtstagsfeier verbunden war, und der Geburtstagskuchen stand aufgeschnitten als Nachtisch bereit. Mit Kaffee. So war es zugleich eine gute und schnelle Möglichkeit, die zehn Gäste zu bewirten und wir hatten die beste Gelegenheit und Möglichkeit zur Unterhaltung und zum Ausfragen. Natürlich machten sie uns auch noch eine schöne Hausmusik, und die Mutter, die sich in den vorhergegangenen Gesprächen über das Haus und seine Insassen informiert hatte, hielt uns eine kleine Englisch- Rede über ihre Ankunft in New - 282- York, er ihre damalige wirtschaftliche Lage und ihren Lebenskampf, wobei sie psychologisch sehr geschickt vorging und auch den lieben Gott Quchund Wilhelm Busch zitierte. Ein bissel Theater und ein bissel Schwindelei mag dabei mit unterlaufen sein, aber das störte garnicht, sondern gehörte im Gegenteil dazu." Wenig später hatte Marie Gelegenheit, ein typisch amerikanisches Farmerhaus zu sehen: " Es sind überall die billigen, leichten Holzhäuser, innen gut ausgestattet, mit Gasherd( wie auch in Scattergood) für Flaschengas, denn mit Holz und Kohlen in der Küche gibt man sich nicht ab. Natürlich mit Eisbox, xx elektrischem Kocher neben dem Gasherd, Toaströster, kurz und gut mit allem, was zu einem modernen Haushalt gehört. Unten neben der Küche drei Wohn- und Essräume, mit Sofas, Sesseln, Polster- und Schaukelstühlen. Im Essraum viele Blumen, und alles schlicht gehalten, trotz Klavier, gefüllten Bücherregalen usw. Die Schlafräume sind upstairs, insgesamt drei Doppelräume. Die Frau macht das Haus alleine, es wäre auch garnicht möglich, hier in dieser Gegend eine Hilfe zu bekommen. Auch ein Knecht, der dem Manne auf dem Acker und im Stall hilft, ist nicht da. Dabei sind diese beiden Menschen stets gut und sauber angezogen, sie könnten auch aus der Stadt zu Besuch gekommen sein. Die Frau ist immer gut frisiert und erscheint nicht im geringsten abgehetzt. Auch das ist alles ganz anders als in Deutschland oder Europa." - Neben dem ausgefüllten Tagesprogramm und - den immer als abwechslungsreich empfundenen Neben- Dingen Besuche im Hause, Besuche von Konzerten, Veranstaltungen, Ausstellungen, kleinen und grösseren Feiern benutzte Marie die wenigen freien - wirklich freien- Minuten, um BrieMaschine hatte, musste sie alles fe zu schreiben. Da sie keine the mit der Hand schreiben. Wen sie alles bedachte, ist kaum zu glauben. Sie muss halbe Nächte dafür verwendet haben. Zwischen den Briefen machte sie auch noch ihre Haus- und Vorbereitungsaufgaben für den Unterricht sodass man den Stoßseufzer in ihrem Brief an Emil vom 17. April 1942- nach dreimonatigem Aufenthalt in Scattergood gut verstehen kann: - " Natürlich spielt sich der Wechsel der lage für mich nicht ganz ohne Krisen ab. Wenn ich sehr müde bin und das Gefühl habe, dass nichts mehr hineingeht in den müden Kopf, sehe ich die Welt und mein Dasein schwarz in schwarz, und finde, dass es zwecklos ist, so viel Mühe an mir zu verschwenden. Einige Tage später sieht es dann wieder etwas freundlicher aus." -283Sollte es denn gar keine Möglichkeit für sie geben- auch wenn sie die Sprache nicht so beherrschte, wie das wünschenswert gewesen wäre-, um eine wirklich lohnenswerte und dankbare Aufgabe zu erfüllen, ohne kör perliche Anstrengung als Näherin, Hausdame oder' Kindermädchen'? Die Emigranten, die in der ganzen Welt verstreut waren, standen sicher vor den gleichen Problemen wie sie und Emil. Da müsste sich doch ein Kontakt herstellen lassen, eventuell ein Netz, das im Sinne des Kampfes der Alliierten gegen Nazi- Deutschland nicht nur mit Informationen, sondern auch in anderer Form tatkräftig mithalf. Deshalb griff sie jeden auf, von dem sie hörte, schrieb an Emil, um ihm um Hilfe dabei zu bitten, denn er hatte ja in New York die Schreibmachine und konnte mit Durchschlägen arbeiten. So erklären sich die Adressen und Namen, die in Maries Briefen erwähnt werden, in Amerika, England und in der Schweiz, und es bahnen sich briefliche Unterhaltungen zwischen den Emigranten an. Frie Louise drich Stampfer, Erich Ollenhauer, Fritz Heine, Hans Hirschfeld, Hilde Oppenheimer, Marie Juchacz, Emil Kirschmann,- sie hören alle voneinander, und jeder von ihnen hat irgendeine Idee oder Vorstellung, aber es ist vorerst doch nur ein gegenseitiges Abtasten, das zu keinem praktischen Ergebnis führen kann. Dr. Paul Herz, Heita Gotthelf, - denn Käthe Fey machtzeine Ausbildung als KrankenPflegerin Emil, alleine in New York, versucht, seine journalistische Erfahrung und sein Wissen um viele Dinge und Zusammenhänge in Artikel- Form für die verschiedensten Zwecke der Veröffentlichung zu fassen. Jeder Artikel geht zuerst einmal nach Scattergood, zur Korrektur und Ergänzung an Marie. In jeder Antwort an Emil geht Marie mit kurzen und klaren Formulierungen darauf ein, wobei sie des öfteren auch an drucktechnische Möglichkeiten denkt, wenn sie zum Beispiel antwortet: " Der vorletzte Absatz müsste in Cicero( Schriftgradgrösse) gesetzt und rot gedruckt werden, und die Herren, die es angeht, müssten gezwungen sein, es zu lesen." war Es ixkCallein schon eine physisch anstrengende Arbeit, jeden zweiten Tag einen ausführlicheren Brief von mindestens sechs Seiten Umfang an Emil nach New York zu schicken. Wenn im folgenden ein solcher Brief nur mit geringfügigen Auslassungen wiedergegeben wird, dann deshalb, um zu zeigen, was in dieser Zeit in Marie vorging: " Heute kam Dein Brief mit den Fritz Heine- Einlagen, die ich in zwei Exemplaren unterschrieben zurückgebe. Ich hätte heute manches anders geschrieben, aber es mag so hingehen, da ich sachlich doch nichts zu ändern habe. Ich danke Dir ganz herzlich für die Mühe und die nun folgende . - 284Weiterbeförderung.- Es geht mir gut, und im Augenblick bin ich sogar etwas' vergnügungssüchtig': Bob nahm mich mit in den Film' The Male und Animal', einen für amerikanische Verhältnisse guten Film, sehr gut gespielt, um einige ernsthafte, oft nur angedeutete Themen waren teilweise lustige oder lustig sein sollende Dinge herumgebaut. Am Nachmittag fand eine tee- party statt, im home einer lady, die sich geschickt auf Krücken bewegte, jung, gepflegt, gross und schlank, mit sehr kurzem Kleid, so wie es fast jede Dame hier trägt. Die Frauen sehen manchmal wie Balletteusen aus. Bei dem Tee gab es viel How- do- You- do, I- am- gladto- see- You, It- was- very- nice, Very- glad- to- meetYou, Is- nt- it- wonderful?, Please- come- again unds oweiter. Das sind die Floskeln, die ich noch lernen muss, ich kann sie besser schreiben als sprechen. Es war alles xxkx oberflächlich und konventionell, mit einigen Ausnahmen, mit denen man xx sich in kleinerem Kreis hätte gut unterhalten können. Käte hat also etwas nun ihr first paper. Das ist gut. Sie schickte mir- ich nehma an, anlässlich des Muttertags- ein woman- magazin, und aus dem Absender ersah ich, dass es wohl mit einer Stelle als Säuglings- nurse noch nichts geworden ist.- Dass das Jewish Labor Committee Léon Blum ehrt, finde ich doch sehr gut and fine. In der Volkszeitung vom 2. Mai las ich einen Artikel von Dr. Mirtil Weil. Einige Stellen darin waren mir etwas zu tränenvoll, aber im ganzen habe ich ihn doch gerne gelesen. Dass man auch hier in den USA an sich schöne Veranstaltungen durch Überlänge entwertet, überrascht mich, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Es freut mich aber, zu wissen, dass Du Dein Einsiedler- Dasein manchmal unterbrichst. Aus den Zeitungen, die Du mir schickst, finde ich stets einige interessante und für mich wichtige Dinge heraus. Mein Englischlernen ist allmählich zu einem sozialen Studium geworden. Bob gibt mir Lektüre aus seiner eigenen Sammlung, so zwei Broschüren,' Americans Children' und ' Youth in the world of today', zwei Essays aus der organisatorischen Arbeit Amerikas. Diese beiden Broschüren ackere ich regelrecht durch und schreibe darüber. Ich habe Dir in letzter Zeit nichts von diesem Material geschickt, weil ich die Sachen für meine Arbeit zusammenhalten muss. Gelegentlich bekomme ich hier gute Monatsschriften, wie' Womans Press' oder' Survey', letzteres eine soziale Monatsschrift, sodass ich tatsächlich mit den Fragen aus meinem früheren Fach beschäftigt bin. Neben dem sachlichen Interesse ist es ja auch tatsächlich so, dass mir diese Terminologie am bekanntesten ist. Bob gab mir ausserdem kürzlich ein dickes Exemplar von' Fortune'- man findet es nur noch in librariesdas wertvolle Beiträge aus dem Wirtschafts- und sozialen Leben Amerikas - - 285- enthält. Das ganze Heft- eine Zusammenfassung von Februar 1930 bis Ende 1940 ist wundervoll illustriert und mit Statistiken versehen, und natürlich amerikanisch aufgemacht, mit Riesenziffern usw., aber dennoch eine ernsthafte und packende Angelegenheit. - In Ich möchte dazwischen aber doch auf das Problem zurückgreifen, das Dich und mich stark beschäftigt: Deutschlands- oder auch Europas Gesicht XX nach diesem Kriege. Wenn Du es schaffst, eine Arbeit zu machen, wie Du sie angefangen hast, würde ich mich sehr darüber freuen. Davon mache aber bitte einen Durchschlag mehr, den ich für mich behalten kann. diesem Zusammenhang: Stampfer besprach das Buch' Two Way Passage' by Louis Adamic. Ich entnahm daraus, dass es sich mit' Amerikas Sendung in Europa' beschäftigt. Solltest Du es nicht bei Willi finden und einsehen können?- Von wem ist eigentlich' Europe Speaks'? Churchills Rede habe ich ganz zufällig gehört( manchmal hat man Glück), aber alles verstanden habe ich nicht. Da war es mir doppelt lieb, sie nachlesen zu können. Am Mittwoch machten wir einen grösseren Trip zu - Gerhard einer Siedlung deutschen Ursprungs.' Amana' heisst das Kind. Der Name ist biblischen Ursprungs und der Zusammenhalt der Siedlung und ihrer Bewohner religiös- sektiererhaft. Die wirtschaftliche Organisation dieser Siedlung war bis 1932 ganz kommun und ist jetzt genossenschaftlich mit Einordnung in die allgemeingültige Form der Nationalwirtschaft. With other words: they make business. Ich will nicht viel darüber schreiben, zumindest war ich die einzige, die 25 Cents für ein Heft ausgegeben hat, um die' History of Amana' zu verstehen. Du kannst es später einmal überlesen. Es gibt viele ähnliche Siedlungen in den USA, und in der letzten Volkszeitung war auch ein Beispiel in Segers Reisebericht. Hier in Scattergood häuft sich die Arbeit, besonders für die Männer: Fensterputzen, Verkitten, Ausbessern, ein wenig mit Farbe arbeiten, Fliegenfenster einhängen, Kasen schneiden. Das ist nicht schlimm, wenn es aufgeteilt wird. Prinzip ist, dass zwischen staff and other people k kein Unterschied gemacht wird, und das wird auch eingehalten. Wenn wirklich einmal hier und da etwas gelockert wird, dann zugunsten der Frauen, indem man bestimmte Dinge als man's work bezeichnet. Dabei komme ich natürlich mit meinem Alter gut weg. So hatte ich diese Woche für dishes washing after breakfast and lunch eingetragen. Beides nimmt jedesmal eine knappe Stunde in Anspruch. Da hat man after lunch' gestrichen und mich für' mangling' eingeschrieben. Das sind zwar auch drei mal eine ( Waschmangel Stunde, aber ich sitze dabei an der elektrischen Maschine und es ist wirklich nicht anstrengend. Solche jobs gibt es mehrere. Aber auf eins kommt es an: auf die Einstellung, die man dem hostel gegenüber hat. Keine Dankbarkeit zur Schau tragen und nicht devot sein, sondern alles als mich für - - 286- selbstverständlich hinnehmen, das ist das nichtige. Wie man aber in geradezu rührender Weise sich in die Schwierigkeiten der foreigners hineinfühlt, Schwierigkeiten, in die jeder versetzt wird, wenn er in dieses grosse und fremde Land kommt, muss uns doch veranlassen, das alles innerlich ohne es gross auszusprechen- dankbar anzuerkennen. Dabei können natürlich auf seiten der Gastgeber Irrtümer vorkommen, sie kennen uns ja auch nicht. Aber auf die Generallinie kommt es an." Scattergood war für Marie die beste Gelegenheit, um sich mit dieser Generallinie vertraut zu machen. Schon nach kurzer Zeit war sie eine der wenigen, die aus dieser Erkenntnis heraus zum amerikanischen Wesen vorgedrungen war. Dieses Wissen sollte ihr später eine gute Hilfe bei der Arbeit sein, die sie in New York in Angriff nahm. Mit brennendem Interesse verfolgte sie aber auch die kriegerischen Ereignisse, und war erschüttert, als sie die ersten Bilder aus dem zerbombten Köln zu Gesicht bekam: " Dieser Krieg ist blutig, und er muss zu einem Ende kommen, natürlich nicht zugunsten desjenigen, der ihn angezettelt hat, und je schneller, desto besser. Aber mir wurde schlecht, als ich diese Bilder sah, und der Zwiespalt zwischen menschlichem Mitgefühl und verstandesmässiger Einstellung kann selbst den stärksten Charaktem umwerfen." Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überschatteten jeden Tag das Leben von Marie in Scattergood. Die Vergangenheit insofern, w*** als zum Beispiel Rauschning einmal nach Iowa kam, um einen Vortrag zu halten: " Der Mann sprach, nein er las sehr schnell und in schlechter Aussprache ein ungeheures Vokabularium herunter. With other words: I did understand, and others too. Was mich dabei peinlich berührte: er hat den Nazis als Senatspräsident von Danzig alle Türen geöffnet und mit ihnen zusammen agiert. Als es dann nicht mehr auf Kosten der anderen, sondern an die eigene Haut ging, machte er sich dünn, schrieb dicke Bücher und ist jetzt im Ausland ein berühmter Mann. Und meine Reise nach Grinnel, um im dortigen Institut an einer Vortragsreihe teilzunehmen, wurde vom attorney abgelehnt.' Alien Enemy'- ein Feind, der Gast der Amerikaner A ist. X- Übrigens bekam ich heute einen Brief von Hertha Gotthelf. Du bekommst ihn, wenn ich geantwortet habe." Cans London's 1 Wenige Tage später kam die Nachricht vom US- Department of Justice, dass die Värübergehende Aufenthaltserlaubnis für Marie bis zum 15. Dezember 1942, also um fast sechs Monate, verlängert wurde. Ein kleiner Lichtblick auf die Zukunft. Emil fand gleichzeitig in New York eine Arbeitsmöglichkeit in einer Fabrik. Aus der materiellen Not machte er eine Tu. . ( Kommt fast an den Schluss der nächsten Seite 287!) Louise Oppenheimer- Morgenstern, die für diese Biographie einige Unterlagen zur Verfügung stellte, schrieb dazu: " Ich kannte Marie Juchacz seit 1921, kam damals durch Dr. Adolf Braun zu ihr, der ein gemeinsamer langjähriger Freund von uns beiden war. Jedoch wüsste ich aus den zwanziger Jahren kaum etwas zu berichten, was von besonderem interesse sein könnte"-Sie stellte aber xxxx einige Briefe zur Verfügung, die sie von Marie Juchacz in grösseren zeitabständen erhielt, so u.a. auch aus Scattergood am 5. Juli 1942, wo Marie an sie berichtet: " Es war schon lange mein Wunsch, Ihnen zu schreiben und Ihnen für die freundliche Übersendung des' Aufbau' zu danken- was wirklich seinen Zweck erfüllt hat. Aber das sollte nicht der einzige Anlass sein, ich wollte auch von mir berichten. Die Tage in diesem in jeder Beziehung freundlichen Haus verlaufen ruhig und ohne grosse reignisse. ich arbeite viel, weil es das Erlernen der Sprache erleichtert, aber nicht nur, weil ich diese Notwendigkeit fühle, sondern auch aus innerem Drang. Dabei sind die sprachlichen Fortschritte nur bescheiden, mein für mechanisches Lernen zu ermüdetes Gedächtnis will nicht. Ich kann Zeitungen und Bücher lesen, wobei mir die Sachen politischen und sozialen Inhalts leichter werden. Die Sprache des Tages mit ihren Kürzungen, Idioms und Slang- Ausdrücken fällt mir wesentlich schwerer." Informationen und Und wenige Tage später in einem weiteren Brief an Louise Oppenheimer; mit dem sie sich für übersandtes Druckschriftenmaterial bedankt: 11 Vor allen Dingen las ich gerne die kleinen news von Freunden, auf diese Weise bleibt man wenigstens indirekt über Menschenschicksale unterrichtet. Ebenso stark sind wir wohl alle de interessiertxxxxxx an dem, was man in der Fremde mit dem Sammelbegriff" Sozialistische Bewegung" bezeichnet. Doch geht es mir wie Ihnen. Und Carl Herz schreibt mir:' The time after the war ist doch das interessantere Kapitel.'- Wir hatten sogar darüber hier im Hostel eine Debatte, die noch eine Fortsetzung haben soll. Das hat für den Verlauf der Weltgschichte nichts zu bedeuten, aber für mich selbst sehr viel. Ich fühle sofort den elektrischen Strom, wenn eine ernsthafte Debatte geführt und mit den Problemen gerungen wird.- Ich bekam auch aus London Nachricht von Herta Gotthelf, die- nach ihrer Schilderung zu urteilen-' schwimmt und plätschert'. U.a. schreibt sie aber auch:' So lernen wir alle hier ein bischen gegenseitige Toleranz, und das kann uns allen nichts schaden. Die menschliche Anständigkeit ist ja schliesslich die Hauptsache.!- Scattergood Hostel liegt übrigens wie eine Farm im freien Feld, hat aber grosse Rasenflächen und einige Bäume." -287- gend des Fleisses, die ihm gesundheitlich durchaus nicht gut bekommen sollte, schon deshalb nicht, weil er trotz dieser körperlich anstrengenden Tätigkeit auf seine geistige Arbeit nicht verzichten wollte. Dazu gehörten die vielen Gedanken, die schon jetzt auftauchten, um für den Fall der baldigen Beendigung des Krieges für das bis dahin wahrscheinlich völlig zerstörte Deutschland von Amerika**** жй* aus eine Hilfsorganisation aufzubauen, wenn möglich sogar eine deutsch- amerikanische Arbeiterwohlfahrt. Marie hatte ihm in vielen Briefen ihre Gedanken und Vorschläge darüber mitgeteilt, und Emil verarbeitete sie nach seinen eigenen Ansichten, um sie ergänzt und korrigiert an Marie zurückzugeben. Es waren Diskussionen um Dinge ohne greifbare Voraussetzungen, aber sie trugen später dazu bei, schneller aktiv zu werden. Dass es einmal dazu kommen könnte, bezweifelte Marie, und sie hatte auch allen Grund, denn sie war geduldet in diesem Lande: - - " Das Dumme ist doch, dass ich' nur' emigriert und nicht ausgebürgert bin. Die Listen darüber liegen ja in Washington. Und Jude bin ich auch nicht. Ich kann doch nicht an Hitler schreiben, die versäumte Ausbürgerung nachzuholen!, sondern habe nur die Hoffnung, dass unter unseren Freunden doch noch der eine oder andere vorhanden ist, dem es genau so geht wie mir verstehe mich recht- nur insofern, als er, wie ich, nur ein visita visum hat, nicht ausgebürgert* x* und kein Jude ist. Dann muss man doch für uns eine Lösung finden." - Das Gute war, dass es immer wieder etwas gab, was von bedrückenden Überlegungen ablenkte. So fuhr Marie zwischendurch zu einem Kinderheim, lernte in der Nähe von Chicago einen Komplex' social settlements' kennen und kameй auch mit diesen Menschen wegen möglicher Zukunftsaussichten ins Gespräch. " Dann fuhr ich zurück zu Oppenheimers( Louise Morgenstern), wo ich wohnte. Sie und Friedländers luden an diesen Abenden einige Male Gäste ein: Ernst Haase und Frau, Felix Kautsky, Hanna Hellinger, Olly Scharz( ihr Mann war als Mediziner in Wien sehr bekannt und geachtet), auch Siegfried Marx kam, ich kannte ihn noch aus Breslau. Dann sprach ich mit dem langen, blonden Butamann, dem Berliner, der mit uns von Martinique auf der Duc d'Aumal in die Staaten kam. Auch Eva Parker sah ich wieder, sie hat mir inzwischen einen langen Brief geschrieben." + Die Unterhaltungen mit den Menschen ihrer früheren Vergangenheit brachten Marie noch intensiver zu Überlegungen über Gegenwart und Zukunft, Zukunft auch des Landes, in dem sie lebte: " Es ist traurig, weil auch dieses grosse und schöne Land wahrscheinlich Siphe Seile vorher Ein vielen unbekanntes, aber dennoch für Marie Juchacz/ typisches Gesicht- richtiger wäre: Herz! zeigte sie, als sie einen kleinen - Koffer, den sie sich von" ouise Oppenheimer ausgeliehen hatte, zurückschickte und dabei auch einen Kurton', in englisch Brief für die Tochter Oppenheimer beilegte: geschriebenen " My dear HannaH, when I travelled from Chicago to Iowa City, I red a newspaper. You remember, Your father had bought it for me and I had time to read it four hours. In this newspaper I found a picture of a doll and clothes for cutting out. You will find them in this envelop. When reading, I thought about You and in the same moment I remembered my childhood. When I was a little girl like You, I liked" Anziehpuppen very much and I could enjoy them for many hours, particularly if it was a rainy day or if it was too cold for me to play outside. And now I thought: little Hannah perhaps will have the same pleasure as I had formerly, and therefore I bought two cut- out- books for You. You will find them in the suit- case, which Your mother lend me and which I send back to Your mother by mail." - 288- aus********* igar Mangel an rechtzeitiger Erkenntnis - und aus allem, was nun einmal damit zusammenhängt- ebenfalls durch ein Meer von Blut waten muss, wenn auch nicht auf eigenem Boden, aber durch die zwangsläufige Zerstörung seines wirtschaftlichen Fundaments zur Erkenntnis längst herangereifter Notwendigkeiten gehen muss. Vielleicht ist das alles' historische Notwendigkeit', ohne die es nun einmal nicht zu Funktionieren scheint." * gehen ständigen In Scattergood war Marie durch den Wechsel der Insassen allmählich zum nicht nur an Jahren ältesten Gast des Hostels geworden. Ausserdem hatte sich der geistige Boden so verschoben, dass sie daran dachte, möglichst bald aus Scattergood heraus zukommen und Arbeit zu finden. " Es liegt mir daran, nach New York zu kommen. Aber das Committee in N.Y. möchte ich nicht' verprellen'. Ausgesprochener Zweck von Scattergood ist- neben language and American life- the settlement of European people in the Middle West. Ausnahmen werden zugelassen. Zu diesen erlaubten Ausnahmen will ich mich zählen dürfen. Was tun, wenn bei allen Versuchen, sich verständlich zu machen, die schneller denkenden Amerikaner stets den eigenen Gedanken in der falschen Richtung vorauseilen? Ich schrieb also- in englisch einen Brief an an Hertha Kraus, den ich aus bestimmten Gründen Bob zur Korrektur vorlegte. So wusste er, worum es ging und könnte, wenn er im Herbst nach Pennsylvania fährt, mit Hertha Kraus darüber reden. Mir kam es darauf an, sowohl die Leitung hier als auch Hertha Kraus davon zu überzeugen, dass ich nach New York zurück muss und dass bei der Auswahl einer Arbeit für mich auf Alter, Lebenserfahrung Körperkraft und psychologische Dinge Rücksicht genommen werden müsste. Hier in Scattergood scheint das gelungen zu sein." Um sich nicht nur auf die von den verschiedenen Committees herauszufindenden Berufsmöglichkeiten zu verlassen, versuchte Marie, verschiedene Aussenstehende für ihr Schicksal zu interessieren: " Ich habe einen sehr ausführlichen Brief an Elsa Brandstroem geschrieben, die bekannte Schwedin und' Engel von Sibirien'. Sie heiratete in Deutschland den Parteifreund Ulich, der im Sächsischen Kultusministerium in höherer Funktion tätig war und jetzt Professor in Cambridge ist. Sie arbeitet in ähnlicher Art, wie sie es in Deutschland getan hat, aber nur mehr für skandinavische Kreise." Auch mit Eva Parker- Prochownik korrespondierte sie, und es ergaben sich eine Reihe von Möglichkeiten, an die gedacht werden musste. Auf jeden Fall stand es für Marie in diesen Septembertagen fest, nach New York zu gehen, sobald sich eine Gelegenheit ergab. - 289- Die Beurteilung ihrer Situation wäre in diesen Tagen wahrscheinlich ganz anders ausgefallen, wenn sowohl Marie als auch Washington gewusst hätten, dass der' Deutsche Reichsanzeiger und Preussische Staatsanzeiger" in der Nr. 225 vom 25. September 1942 eine Bekanntmachung veröffentlichte, nach der auf Grund des in der Hitlerzeit gültig gewordenen Gesetzes auf Widerruf von Einbürgerungen und Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit etwa 75 Personen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt* x* x* x* x* adaxak wurde. Auf dieser Liste der nunmehr Staatenlosen stand an 27. Stelle Marie Juchacz. Während Marie zur Staatenlosen wurde, xxxxx****** 88***** g* a* x* x* x****** ** X* XNXXökkigxandeкx nahm sie in Scattergood etwas völlig anderes in Anspruch: " Heute bin ich stark beschäftigt. Wir führen für eine kleine Studentin, die wieder ins Semester zurückgeht, zum Abschied ein Märchen mit Schattenbildern auf. Das Märchen ist von mir, ich habe auch die Idee für die Schattenbilder entworfen. Die Sache steigt Sonntag Abend." * Wenige Tage später schreibt sie an Emil: " Ich richte alles darauf ein, am 29. September hier die Zelte abbrechen zu können. In Chicago will ich einen Abschiedstag, oder auch zwei, einlegen, um noch den einen oder anderen unserer Freunde zu sehen und zu sprechen. Von Bella bekam ich übrigens einen schönen Brief, in dem sie auch sagte, dass bei ihr stets' ein Bett und ein warmer Löffelstiel' für mich bereit seien." # So bereitete Marie ihren Abschied von Scattergood vor, der aжax von ihr nur noch von einem abhängig gemacht wurde: von einem Telegramm von Emil Kirschmann aus New York, falls er der Meinung sei, dass sie doch noch bleiben solle. Mit der ihr angeborenen Gründlichkeit bei der Festlegung von Terminen hatte sie auch in Chicago für den kurzen Aufenthalt alles vorbereitet: " Heute kam ein Brief von Friedländers aus Chicago, dass sie mich erwarten. Minna umarmt mich schon brieflich. Sie fährt Mittwoch von Chicago ab, Hilde Peschke ist auch dabei. Wenn ich mitfahre, sind wir am Donnerstag in New York, und Minna lädt mich herzlich ein. Wenn es aber bis dahin mit der gemeinsamen Wohnung mit Lewinskis geklappt hat, ist es mir natürlich lieber, wenn ich gleich' zu Hause' sein kann." In der Ausgabe vom 27. September 1942 brachte das vom Hostel vervielfältigte" Scattergood Hostel News bulletin" einen vierseitigen Bericht als J- T- 289Die Beurteilung ihrer Situation wäre in diesen Tagen wahrscheinlich ganz anders ausgefallen, wenn sowohl Marie als auch Washington gewusst hätten, dass der' Deutsche Reichsanzeiger und Preussische Staatsanzeiger" in der Nr. 225 vom 25. September 1942 eine Bekanntmachung veröffentlichte, nach der auf Grund des in der Hitlerzeit gültig gewordenen Gesetzes auf Widerruf von Einbürgerungen und Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit etwa 75 Personen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt* x* x* x* x* adaxak wurde. Auf dieser Liste der nunmehr Staatenlosen stand an 27. Stelle Marie Juchacz. Während Marie zur Sta ** X* X* XX** kigxander Anspruch: " Heute bin ich stark die wieder ins Semest tenbildern auf. Das M Schattenbilder entwor Mit gleicher Post ging ein Brief an Dr. Walter Friedländer ab: " Lieber Walter Friedländer, ich hoffe, Sie und Ihre Frau sind mir nicht böse, weil ich mich nach den vielen Freundlichkeiten, die ich in den ChiWenige Tage später so cagoer Tagen von Ihnen erfuhr, nicht einmal mel" Ich richte alles da zu können. In Chicago legen, um noch den e sprechen. Von Bella in dem sie auch sagt Löffelstiel' für mic # So bereitete Marie i ihr nur noch von ein Emil Kirschmann aus noch bleiben solle. legung von Terminen alles vorbereitet: un " Heute kam ein Brief ten. Minna Chicago ab, Hilde Pes am Donnerstag in New bis dahin mit der gem mir natürlich lieber, In der Ausgabe vom 27 tigte" Scattergood Ho dete. Von Hertha Kraus bekam ich einen Brief, in dem sie ausdrückt, dass sie es versteht, dass ich nach New York zurückgehen will. Sie will mir auch helfen, wirtschaftlich Fuss zu fassen, das heisst sie schlägt vor, es als' practical nurse' oder mit etwas ähnlichem zu versuchen. Ich glaube nicht, dass ich das noch kann, hatte ihr vorher auch deutlich geschrieben, dass ich zu körperlichen Leistungen von irgendwelcher Bedeutung nicht mehr fähig bin. Merkwürdigerweise schreibt sie garnichts von dem Plan, den man mir hier- unter mitteilte. Diskretion Altersheim!" - - Da für fühlte sich Marie ber nun doch noch nicht alt genug, und ihr Verstand arbeitete ja genau so intensiv und gründlich wie früher, ihre Interessen waren ja nicht erlahmt, im Gegenteil, sie brannte ja darauf, etwas zu leisten, aber die Zeit war noch nicht reif dafür, der Krieg hatte einen Höhepunkt erreicht, und niemand wusste, wie es weiter- oder gar ausgehen würde, und die Interessen der Menschen waten auf den eigenen persönlichen Kreis eingestellt. I 289Die Beurteilung ihrer Situation wäre in diesen Tagen wahrscheinlich ganz anders ausgefallen, wenn sowohl Marie als auch Washington gewusst hätten, dass der' Deutsche Reichsanzeiger und Preussische Staatsanzeiger" in der Nr. 225 vom 25. September 1942 eine Bekanntmachung veröffentlichte, nach der auf Grund des in der Hitlerzeit gültig gewordenen Gesetzes auf Widerruf von Einbürgerungen und Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit etwa 75 Personen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt* x* x* x* xdxxxk wurde. Auf dieser Liste der nunmehr Staatenlosen stand an 27. Stelle Marie Juchacz. Während Marie zur Sta Anspruch: " Heute bin ich stark die wieder ins Semest Mit gleicher Post ging ein Brief an Dr. Walter Friedländer ab: tenbildern auf. Das" Lieber Walter Friedländer, ich hoffe, Sie und Schattenbilder entwor Ihre Frau sind mir nicht böse, weil ich mich nach den vielen Freundlichkeiten, die ich in den Chiegner Tegen von Ihnen erfuhr * night 1- Wonin 茶 Nach diesem kleinen Fest, das sie sehr ermüdet hatte, setzte sie sich in ihrem Zimmer doch noch zu einem schnellen Brief an Louise Oppenheimer hin: - - - - Dr. uch sst r i- er " Ich brebhe nun hier meine Zelte ab und werde, wenn keine Störung eintritt, am 28. hier abfahren. Inzwischen habe ich ein von Friedlanders geliehenes Buch mit grossem Inter' Men in Europe', by Simone esse gelesen, es ging wie in Deutsch, weil mir die geschilderten Vorgänge aus eigenem Erleben und aus Zeitungen bekannt waren. Jetzt zum cht Abschied lese ich noch' Twenty Years Hull- House', by Jane Addams. Paul Hertz kam auf der Durchreise an Scattergood vorbei, für eine Stunde. Die Nachrichten aus Frankreich sind schlecht: Hanna Kirchner- Frankfurt ist den Deutschen ausgeliefert worden, andere Bekannte ebenfalls. Es wurde meinem Schwager aus der Schweiz geschrieben und ist ein ganz sicherer Bericht. Ich hatte ein paar sehr schlechte Tage, als ich das hörte, und werde die Vorstellung daran immer noch nicht los. Auch als ich neulich am Radio von dem fünfzigsten und diesmal sehr schweren Bombardement Düsseldorfs hörte, war mir sehr elend, da helfen alle Vernünftgründe nichts mehr." cht SO S- I a) e tigte" Scattergood Ho einen Hone punкt erreicht, und niemand wusste, wie es weiter- oder gar ausgehen würde, und die Interessen der Menschen waren auf den eigenen persönlichen Kreis eingestellt. - - 290- ' Farewell to Marie Juchacz'. Es war ein umfangreicher Artikel mit der Lebensgeschichte von Marie, mit den wichtigsten beruflichen Stationen, über die vielen und mannigfaltigen Aufgaben, die ihr begegneten und die sie löste, mit der Geschichte ihrer Emigration und der endlichen Möglichkeit, Europa zu verlassen. - " And so Marie Juchacz came to America. She was weary and needed so much the hope and encouragement that the new world could give her. Befor she could find her real place in this strange land, she had to learn its language. This, she fully realized, and as she herself has said:' When I came to America it was clear in my mind, that I had to learn the English language. At the same time I knew that it would be hard for me. Why? Behind me there lay a long life, filled with work an experience of x* x* various kinds. And my memory was very tired and worn out, during a long period of hard mental work. But only my memory was tired- I think never my intellect. Well then, I am what Americans call a self- made woman.' Und so kam Marie Juchacz nach Amerika. Sie war erschöpft und brauchte Hoffnung und Ermutigung, Dinge, die ihr die neue Welt geben könnten. B* x* x* x* x aber hier ihren richtigen Platz zu finden, musste sie zuerst die Sprache des Landes lernen. Das war ihr selbst nur zu klar, und sie sagte se' Als ich nach Amerika kam, stand es für mich fest, dass ich in erster Linie die Sprache des Landes lernen müsse. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass das sehr schwer für mich sein würde. Warum? Hinter mir lag ein langes Leben, angefüllt mit Arbeit und Erfahrung verschiedenster Art. Und mein Gedächtnis war sehr müde geworden und verbraucht durch eine lange Zeit schwerster geistiger Arbeit. Aber nur mein Gedächtnis war müde geworden, nicht aber- so denke ich mein Verstand. Nun gut, ich bin das, was die Amerikaner eine self- made woman nennen. Um - 11 Ein' Sonderkorrespondent' des bulletin hatte sich darüberhinaus die cin launiger Form Aufgabe gestellt, über die zeit von Maries Aufenthalt in Scattergood zu schreiben. Der Einfachheit halber sei gleich die deutsche Übersetzung gebracht. Unter der Überschrift" Arbeiter- Führerin organisiert Scattermit good" und den Unterzeilen" Altes Regime über Bord geworfen Traurige Ausbeuterei hat ein Ende" schreibt er: " West Branch, Scattergood, Iowa, Sept. 26, 1942: In den vergangenen sechs Monaten sind in Scattergood Hostel Wunder vollbracht worden, und das alles als ein Werk von Marie Juchacz, der bekannten Arbeiter- Führerin. früheren Chaos des Quaker Resettlement Project erstand eine neue Harmonie. Als Manie Juchacz vor acht Monaten in Scattergood ankam, fand sie ein System mit schwarzen Listen vor, eine Ausbeuterei in der Küche, wo ohne - 291- Rücksicht auf Entlohnung und Dienstzeit gewirtschaftet wurde, und machte bittere Erfahrungen, als eine unserer Diktatorinnen des öfteren gewisse Türen versperrte. Das waren u.a. die traurigen Verhältnisse, die marie Juchacz bei ihrer Ankunft hier antraf. Aber bald spürte Scattergood unter*** ihrem Einfluss einen neuen Geist. Sie arbeitete selbst sehr schwer, um andere vor der Überarbeitung zu bewahren, und sehr oft bei der vorbereitung des Frühstücks konnte sie Streiks verhindern, indem sie selbst den besten Kaffee und die schönsten Toastbrote zubereitete. Die grösste Aufgabe, die sie löste, war die gege die Erziehungsabteilung- und welche Arbeit das machte. Das bedeutete für sie, sich auch des nachts mit den Schwierigkeiten der englischen Grammatik und Aussprache herumschlagen zu müssen. Ende Juni war dann der Augenblick für den grossen Schlag gekommen. Der reguläre Unterricht sollte durch die Beteiligung der Arbeiterschaft umgestellt werden, Demokratie statt Diktatur war die Parole, und gemeinsames vorgehen und Handeln wurde verlangt. Das Ergebnis war, dass marie und einige ihrer Kollegen eine abendliche Diskussion abhielten über Europäische Fragen', aus der wir Amerikaner tatsächlich allerlei lernen konnten. Maries Kampf in Scattergood bestand nicht aus heftigen Attacken. Sie erreichte alles mit Freundlichkeit. Jetzt verfügt sie über eine umfangreiche Liste mit Namen von lauter Freunden, sowohl in Scattergood selbst als auch ausserhalb, die alle von sich sagen können, dass diese Freundschaft mit Marie ihnen allen neuen Mut und neue Hoffnung für die neue Welt gegeben hat, und die Liste der Freunde ist genau so lang, die ihr jetzt alles Gute wünschen und nicht' good bye', sondern' Auf Wiedersehn sagen. Von Scattergood aus geht Marie in ein neues Leben. Sie geht nach New York, um dort mit Freunden zusammen zu sein und um eine Arbeit zu finden, die ihren Fähigkeiten und langen Erfahrung entspricht. Wir wissen, dass sich diese Arbeit finden lässt, und dass Marie auch jetzt wie in ihrem früheren Leben allen anderen helfen und sie leiten wird bei ihhelfen ren Bemühungen, eine bessere Welt erstehen zu lassen, eine Welt, in der alle die gleichen Rechte haben und in der niemand vergessen wird." - Trotz der bei solcher Art' KLassenzeitungen' üblichen humorigen Einleitung verrät dieser Bericht doch sehr viel über das, was Marie in Scattergood ihrerseits fruchtbar mitformte und auf sie selbst in ihren Notizen niemals einging. we Rückkehr - - 292- nach New York Die Überschrift dieses Kapitels bedarf insofern einer kurzen Erklärung, als der Leser sich sagen wird, dass Marie Juchacz ja vorin New York her nichtxxxxxxxxxk' beheimatet' war. Aber sie spricht ja selbst in ihren Briefen von einer Kückkehr dorthin, und das hat bei der ganzen gefühlsmässigen Einstellung von Marie zu dieser Zeit auch seine Berechtigung. Emil war seit fast einem Jahr in dieser Stadt, sie schrieb an ihn, und von dort bekam sie seine Antworten. Innerlic mit New war sie dx* x* x* x** schon heimatlich verbunden, denn sie kam ja auch dort an, wurde durch die verschiedenen Instanzen durchgeschleust und erhielt die Genehmigung, zusammen mit Emil vorerst und vorübergehend zu Bruder kobert nach Meriden zu ziehen. So gut auch diese Meriden- Zeit zur Überbrückung gewesen sein mag, so sehr sich auch dort шx in der Atmosphäre der brüderlichen Familie die Erlebnisse der ersten bitteren Emigrationszeit niederschlagen und abklingen konnten, desto intensiver dachte sie an diaxx New York, wo ********; x* x* auch die wichtigsten Stellen waren, mit denen sie wegen ihres weiteren Verbleibs in Kontakt stand. Deshalb war ihre Fahrt dorthin eine Rückkehr, eine innere Rückkehr chefreundeten zu den Menschen, vor allem zu Emil, der während der ganzen Zeit immer ihre grösste menschliche, seelische und geistige Stütze war. Sie bezog ja ihre Kraft, um mit allen Widerwärtigkeiten fertig zu werden nicht aus sich selbst, aus einem unerschöpflichen Reservoir. Man musste ihr auch etwas geben, was ihre naturgegebenen geistigen Kraft quellen speiste. Und Emil war dieser Mensch, dem sie sich nicht nur deshalb verbunden fühlte, weil er mit ihrer Schwester Elisabeth einmal eine glückliche, leider zu kurze Ehe führte. Emil war damals zu dem Schwestern- Duett dazugekommen, hatte es zu einem Trio mitgeformt weil er sich nicht nur auf seine Ehefrau Elisabeth, sondern auch auf seine Schwägerin Marie mit seinem ganzen inneren Fundus einstellte. Es war das menschliche Haus, in dem sie auch weiterhin zwangsläufig zusammen wohnen mussten. Deshalb kehrte Marie nach New York zurück. - Vierzehn Tage nach ihrer Ankunft schrieb sie an Louise Oppenheimer: " Jetzt bin ich schon volle zwei Wochen hier, in New York, und in einer- sozusagen eigenen Wohnung, die zwar von fremder Hand möbliert wurde, aber doch in ihrer Art so erträglich ist, dass ich ehrlich sagen kann, dass ich mich wohlfühle. Das macht sehr viel - 293- aus, Sie wissen es!- Die Washington Terrace( wir wohnen Nr. 18) ist eine kleine Sackgasse, sie geht ab von der W.186th Street. Die Häuser erinnern ein wenig an unsere Klettenberg- Siedlung in Köln, oder an irgend eine andere kleine Siedlung in Germany. Es sind zwei Zimmer und Küche, das zweite Zimmer ist sehr klein, die Küche ebenfalls. Aber es geht gut, man kann sich helfen. In dem grösseren Zimmer haben wir noch ein zusätzliches Sofa zum Schlafen, sodass wir uns auch am Tage darin wohlfühlen können, zumal dieses Zimmer einen Blick auf den Harlem River gestattet. So allmählich komme ich in das Leben der grossen stadt hinein. Ich muss die Subway und andere Verkehrslinien kennen lernen, muss mir Buchstabenbezeichnungen( eine grosse Stärke bzw. Schwäche der Amerukaner!) einprägen und das ist das Schrecklichste für mein Gedächtnis-, muss lernen, das Gedröhne der Subway zu ertragen( es gibt Menschen, die unbeirrt dabei lesen können), und anderes mehr. - Sie können mir nachfühlen, wie stark ich den Kontrast zwischen hier und Scattergood empfinde. Ich werde wohl etwas müde, das werden andere auch, aber ich fühle mich- Dank Dr. Haase bin froh darüber. - · recht wohl und Über Berufsaussichten kann ich noch garnichts erzählen, es ist manches in ganz vager, leiser Vorbereitung. Nicht mehr. Ich sehe viele Menschen und darunter wirkliche Freunde. Dass ich in Chicago wirkliche Freunde zurückliess, wusste ich genau und war dankbar dafür, dankbar meinem Schicksal, das mich immer und überall mit wertvollen menschen in Berührung brachte. Aber wie gross die Kameradschaft und gute Gesinnung dort für mich ist, habe ich erst gestern erfahren. Das wird meinen mut, es aufs Neue mit dem harten Leben aufzunehmen, stärken. Nach einer Notiz in der Volkszeitung zu urteilen muss Dr. Hieber einen recht guten Vortrag über den Sender gehalten haben. U.a. hat er auch aus dem Buch' Last Train from Berlin' zitiert. Ich soll dieses Buch jetzt geliehen bekommen und freue mich darauf." Marie war direkt besessen darauf, alles an Literatur zu erhalten, was sich mit den sozialen und politischen Problemen in der ganzen Welt beschäftigte. Da ihre finanziellen Mittel äusserst beschränkt waren- der Verdiener in der Familie war ja Emil, der in die Fabrik W ging, xx und Kaete steckte noch in der Ausbildung als к**** к¤¤à¤¤ ********** x Krankenpflegerin-, musste sie sich diese Literatur laufend ausleihen. Auf der anderen Seite erkannte sie selbst nur zu deutlich das - - 294. - Dilemma, in dem sie sich befand: sie war, mit fast 64 Jahren, in dem Alter, wo sich andere unter normalen Verhältnissen schon mit dem Gedanken tragen, sich allmählich für den Rest ihres Lebens zur Ruhe zu setzen, während sie fest daran glaubte, sich doch noch eine Existenz aufbauen zu können, nicht für sich selbst, um ruhig davon leben zu können, sondern um mit dem Gefühl der materiellen Sicherheit an die Aufgaben heranzugehen, die ihr vorschwebten, die auch einmal direkt auf sie zukommen würden. Das wusste sie rein gefühlsmässig sehr genau, und sie sollte auch recht damit behalten, x* x* x* wenn auch mit dem Unterschied, dass sie an diese Aufgaben ohne feste finanziellen Boden unter den Füssen herangehen musste. Sie hätte, wenn sie körperlich noch bei Kräften gewesen wäre, irgend eine Aufsichtsfunktion in einem Heim übernehmen кжжжяя odег auch eine mit Handarbeit verbundene Pflegetätigkeit ausüben können, aber sie war beim besten Willen nicht mehr dazu fähig. Den besten Willen hatte sie,-während der ganzen bisherigen Emigrationszeit konnte sie ihn laufend unter Beweis stellen. Der von ihr in Saarbrücken aufgezogene Mittagstisch verlangte damals den ganzen Einsatz ihrer körperlichen Kräfte. Damit war es aber jetzt vorbei. Um eine geistige, zum Beispiel sozialwissenschaftliche Lehrtätigkeit ausüben zu können, fehlten ihr die besonderen Sprachkenntnisse. Auch das wusste sie nur zu genau. Hätte sich Amerika nicht im Kriegszustand befunden, und wäre aus Europa inzwischen nicht ein umgepflügter Kriegsacker geworden, hätte es für sie weitaus besser ausgesehen. Aber die Kriegsereignisse engten die Beweglichkeit aller so sehr ein, dass jeder davon zwangsläufig gepackt wurde, auch wenn er nicht direkt betroffen war. Das verrät auch Maries Brief an Louise Oppenheimer vom 23. Dezember 1942 Es war ein Weihnachtsbrief!: " Wir stehen wohl alle bewusst unter den Kriegsereignissen und vor allem unter dem Eindruck der Grausamkeiten, die in den vergangenen Monaten in unvorstellbarer Weise an Juden und Polen verübt wurden. Man schämt sich und kann doch nichts dafür. Schmerzlich genug ist auch das Geschrei: die Deutschen sind ja doch alle gleich und müssen in gleicher Weise bestraft werden. Ich muss dann daran denken, dass meine Kinder und viele, viele unserer Freunde ohnmächtig da drüben sitzen und sich nicht wehren können, nicht gegen den Hitlerterror und nicht gegen die Landsleute hier, die im sicheren Port sitzen und schmähen. Das ist kein guter Weihnachtsbrief, aber ich hoffe, Sie verstehen - 295- es, wenn mir diese Dinger in die Feder fliessen. Ich mache jetzt gerade eine kleine Gelegenheitsarbeit über nationalsozialistische Wohlfahrtsarbeit. Wenn ich in Chicago wäre, würde ich mir von Ihnen etwas darüber erzählen lassen, in welcher Weise zum Beispiel man der jüdischen Wohlfahrt noch gestattete( oder auch von ihr verlangte), zu arbeiten, so lange Sie noch drüben waren. Das gehört ja mit zum allgemeinen Bild." Die Kriegsanstrengungen, die die USA machen mussten, шx wenn ihr Eingreifen in die europäischen Kriegswirren tatsächlich eine Wendung bringen solltex, strapazierten natürlich auch die amerikanischen wirtschaftlichen Verhältnisse. Auch das spielte beinden Überlegungen von Marie, wie sie sich eine Existenz aufbauen könne, eine grosse Rolle, denn bei aller Einschränkung, der jeder amerikanische Staatsbürger unterworfen war, stellte sie immer wieder die grosse Zuversicht fxxxx dieser Nation fest, die davon überzeugt war, dass es sich um eine zwangsläufige Notwendigkeit handele, die aber einmal und wahrscheinlich sehr bald- überwunden würde. Über dieses Thema hatte Marie mit vielen ihrer Freunde längere Unterhaltungen, und Martha- Eva Parker- Prochownik fasst mehrere Gespräche als Summe in folgender Formulierung zusammen: - " Marie sagte einmal bei einer Unterhaltung über den grossen Optimismus der Amerikaner, der mit Gewissheit eine Besserung erwartete, dass ihrer Auffasssung nach der Einfluss der Persönlichkeit von Roosevelt wohl ausschlaggebend gewesen sei, der durch seine' Fireside Talks' durch seine' Gespräche am Kamin'- im Radio eine ähnliche Wirkung erzielen konnte wie Churchill, der in den schlimmsten Tagen des Krieges den Willen und den Glauben an den Sieg kraft seiner Persönlichkeit schuf. Beide Männer waren, wie Marie sagte, in ihrer Wirkung die Gegenpole gegen Hitler.-n den USA wurden einige Male Reden von Adolf Hitler im Rundfunk übertragen, die im Gegensatz zu den Reden von Roosevelt und Churchill eine so überwältigend- überzeugende Wirkung hatten durch ihre verlogene Dialektik, dass Marie sagte:' An der Minderwertigkeit dieser politischen Gangster kann kein normaler Mensch zweifeln!" - Es ist nicht verwunderlich, wи dass die geistige und finanzielle nicht nur in Unsicherheit unter den einzelnen Emigrantengruppen den USA, sondern auch in der Schweiz und in England auch auf die persönlichen Beziehungen der Emigranten untereinander nicht immer - - - 296- erfreulich abfärbte und zu Missverständnissen führte, die manches Mal eine Verständigungsmöglichkeit illusorisch machte. Selbst Marie, die ihrer ganzen Haltung nach auch jetzt noch erst einmal über alles nachdachte und dem' Gegner' gründlich zuhörte, noch gründlicher über das Gehörte oder Gelesene nachdachte, und dann erst ihr Urteil abgab, verfiel des öfteren der Versuchung, sich in diesen inneren Meinungsstreit mit hineinziehen zu lassen, brachte es dann aber immer wieder fertig, sich zu distanzieren, um sich dann ums. intensiver als Mittler einzuschalten. Auch darüber kann Martha- Eva Parker- Prochownik etwas sagen: " Marie war während dieser Kriegstage immer bemüht, die Spannungen zu mildern, die sich durch die Erregungen und Enttäuschungen über den Zusammenbruch der sozialistischen Arbeiterbewegung in Deutschland zwischen den einzelnen Gruppen und Persönlichkeiten der deutschen Emigranten entwickelten. Sie bedauerte die verschiedenen Anklagen und Untersuchungen, die die so notwendige Zusammenfassung aller Kräfte zum Wideraufbau einer leistungsfähigen deutschen sozialistischen Partei nach Kriegsende ernstlich gefährdeten. Sie war besonders beunruhigt über die Angriffe gegen Paul Hagen alias Karl Frank, der durch die Gruppe' Neues Beginnen' in Deutschland und auch im Ausland politische Widerstands- und Erziehungsarbeit leistete." Diese Spannungen konnten sich nur deshalb entwickeln, weil die einrichtigen zelnen Emigrantengruppen als sie noch keinen Kontakt miteinander hatten - - in irgend einer Form aktiv wurden, meist in der Richtung der Zusammenfassung aller, die erreichbar waren, in einer Art Organisation. Als dann mehrere solcher Organisationen und Vereinigungen bestanden und es darauf ankam, sich auf einer höheren Ebene zusammenzufinden, begannen die ersten Schwierigkeiten. Schon 1940/1941 hatte sich eine" German Labor Delegation in the United States" gebildet. Präsident war der ehemalige Preussische Innenminister und Polizeipräsident von Berlin, Albert Grzesinski, Zu seinem" Stab" gehörten noch Dr. Rudolf Katz( Altona), Siegfried Aufhäuser, Max Brauer( früher Bürgermeister von Altona), Dr. Alfred Braunthal, Professor Alfred Kaehler, Gerhart H. Seger, Wilhelm Sollmann und Hedwig Wachenheim. Mit mehr als dreissig' sponsors' versuchte diese' delegation', von New York aus aktiv zu werden.- Als Marie, Emil und Kaetе xxx in den USA ankamen, nahmen sie selbstverständlich mit dieser Gruppe Verbindung auf, denn viele von ihnen gehörten zum ehemaligen Freundes- und Mitarbeiterkreis. Warum aus - 297- einer praktischen und positiven Mitarbeit innerhalb dieser Gruppe nichts wurde, lässt sich jetzt nicht mehr rekonstruieren. Dass es von Seiten von Marie und Emil nicht an Versuchen gefehlt hat, Anschluss zu finden, zeigen viele Briefe. Dass auch innerhalb dieser Gruppe Anstrengungen gemacht wurden, um für Marie und Emil irgend eine Form der Wirksamkeit zu finden, ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. So hatte Rudolf Katz schon im Oktober 1941 die Vorstellung, dass es möglich sein müsse, gerade Marie Juchacz, die auch zu dieser Zeit unter der deutschen Bevölkerung noch einen guten Namen hatte, bei der in deutscher Sprache verbreiteten AntiNazi Propaganda nach Deutschland via Wort xd( Rundfunk) und Schrift einzusetzen. Dass die" German Labor Delegation" selbst nicht richtig weiterkam mit ihrer Arbeit, steht auf einem anderen Blatt, geht aber daraus hervor, dass sich diese Gruppe umformte in die" Association of Free im Oktober 1942( als Marie Scattergood Germans Inc." XXX schon verlassen hatte und in New York war) ******* Zum" Board of Directors" gehörten - jetzt neben dem Präsidenten Grzesinski- noch Max Brauer, Dr. Carl Misch( früher politischer Redakteur bei der' Vossischen Zeitung' in Berlin), Dr. Rudolf Katz, Dr. Horst Baerensprung( früher Polizeipräsident von Magdeburg) und Fritz Tejessy( früher preussischer Ministerialrat). Die Resolution, mit der diese Gruppe vor die amerikanische Öffentlichkeit trat, war von sehr vielen in den USA lebenden Emigranten unterzeichnet. Die Namen von Marie Juchacz und Emil Kirschmann fehlten. Zwei Drittel der Unterzeichner hatten bereits die amerikanische Staatsbürgerschaft. - Da Marie trotz aller Bemühungen keinen Anschluss an diese Gruppe fand, wollte sie ihre Zeit wenigstens dadurch nutzen, dass sie sich über die Lage der amerikanischen Arbeiterschaft und über die Probleme der USA- Gewerkschaften, die ja völlig anders************* aufgebaut waren und auch anders arbeiteten als in Deutschland, ein genaues Pild machte, indem sie an einem besonderen Kursus teilnahm. Wie wichtig das Marie war und warum sie das tat, beweist ein Brief von Wilhelm Sollmann an sie vom 20. Dezember 1942: " Es ist gut, dass Sie diesen Kuraus mitmachen. Sie werden daraus lernen, wievieles hier alders ist als drüben, und wie kindlich es ist, mit europäischen Begriffen und Erfahrungen hier in der Arbei - - 298- terbewegung herummurksen zu wollen. Hören Sie ruhig zu und warten Sie mit dem Diskutieren. Selbst ich habe jetzt noch manchmal Schwierigkeiten, mich korrekt auszudrücken. Man wird leicht missverstanden, wenn man nicht die richtigen Worte und die richtigen Formulierungen braucht. Sobald ich Kobert M.W. Kempner sehe, der seit Monaten unsichtbar geblieben ist, werde ich mit ihm über die Möglichkeit sprechen, Sie zu kundfunkvorträgen heranzuziehen.( Kempner war bis 1933 Oberregierungsrat im Preussischen Innenministerium und sowohl mit Emil Kirschmann als auch mit Hans E. Hirschfeld befreundet. Er spielte nach dem Kriege als Generalankläger bei den Nürnberger Prozessen eine entscheidende Rolle. D. Verfasser). Ich habe seit meinem Vortrag im Sommer nichts mehr von ihm gehört.- Kann nicht Paul Hagen • Sie in seine Arbeit mit einspannen? Ich freue mich über Ihr Verständnis für die Quäker. Es ist oft nicht erfreulich, wie unwissend und von oben herab viele Emigranten urteilen. Die Quäker sprechen nicht darüber, aber sie wissen es sehr genau, und es erhöht nicht das Ansehen der deutschen Emigration. Es sind nicht nur politische Gründe, wenn die deutsche Emigration gerin ger eingeschätzt wird als jede andere( abgesehen von rein fachlichen Leistungen natürlich ich meine jetzt die menschlichen Eigenschaften). Das Schlimme ist, dass viele deutsche Intellektuelle zum Beispiel über Religion mit einem Horizont urteilen, den jeder quäker wegen der Enge des Denkens belächelt. Die guten Kritiker haben oft keine Ahnung, welche Tiefe und Weite des Denkens von uns quäkern oft vermittelt wird. Ich denke an das Goethe- Zitat:' Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen. Der Strebende wird immer dankbar sein.' Und was hat man denn noch auf Erden zu tun, wenn man nicht mehr lernt und strebt? Wer von uns weiss heute noch, wo wir recht haben und wo nicht? Es ist alles so unsicher geworden. Da ich den Vorzug habe, nur noch wissenschaftlich zu arbeiten, kann ich mir das ruhig eingestehen." - Diese Dinge werden deshalb in dieser Ausführlichkeit wiedergegeben, weil sie besser als jeder Kommentar die Zerrissenheit wiederspiegeln, mit der sich jeder Emigrant- mochte er nun schon länger oder erst seit kurzem in den Staaten sein abquälte. Dass dieser Brief Sollmanns an Marie ihr in vielem aus dem eigenen Herzen geschrieben war, steht fest. Andererseits machte sie aber kein Hehl daraus, dass ****** nicht alle Gesichtspunkte Sollmanns ihrer eigenen Ansicht ent sprachen.- So lebten sich die Emigranten, meist zu ihrem eigenen - 299- Schaden, auseinander und gingen ihre eigenen Wege, die dadurch noch bittere. schwieriger und härter wurden. Auch Marie musste diese Erfahrung machen, die noch bedrückender wurde durch den täglichen Existenzkampf, denn man lebte ja nur von heute auf morgen, ohne zu wissen, was über morgen sein würde. [ Marie- chairman im Workmen's Circle] Erna und Jola( Joseph) Lang haben die Schwierigkeiten und den weitere Gang der Dinge in einem Bericht zusammengefasst: - Selbst " Wie sollten und konnten die Alltagsprobleme gelöst werden? im' reichen' Amerika war das nicht so einfach. Die meisten von uns sprachen noch nicht richtig Englisch. Mit Hilfe der Quäker, des Refugee Service, der Labor Aid und des International Rescue Committee gab es schliesslich eine bescheidene materielle Sicherheit. Jeder von uns nahm jede nur mögliche Arbeit an. Aber eine grosse Sorge blieb: was wird aus Deutschland, was aus der Welt? Denn inzwischen hatte die braune Pest fast ganz Europa verseschlungen, und der siegeszug der Nazis schien unaufhaltsam. in dieser Zeit, als die Hoffnungslosigkeit in unseren neihen umging, als auch viele' Prominente' innerlich kapitulierten, da haben wir uns oft genug in Deiner kleinen Wohnung, marie, in der Bronx zusammengefunden, ein Fähnlein der sieben Aufrechten', um uns zu beraten und uns Mut zuzusprechen. Auf die Dauer war das aber nicht genug. Gleich uns hatten auch die anderen' newcomer' deutscher Zunge das Bedürfnis nach einem Zusammenhalt, um in gemeinsamen Unterhaltungen eine Neuorientierung zu finden. Wir mussten daher eine Organisation suchen, die uns s ● zusagen Gastfreundschaft gewährte. Wir fanden sie schliesslich im ' Workmen's Circle, im' Arbeiter- Ring', einer Selbsthilfevereinigung, die um die Jahrhundertwende von jüdischen Einwanderern geschaffen wurde und in der wir jetzt eine' German speaking Branch' bildeten. Auch in Amerika braucht jeder Verein einen Vorstand, und wir konnten wirklich keinen besseren Vorsitzenden finden als Dich, Marie. Und so hast Du Dir in Deiner langen Laufbahn wieder einmal eine neue Aufgabe und einen neuen Titel verdient: Du warst der Chair man, der unsere Zusammenkünfte mit Takt und Geschick leitete. Es ging manchmal sehr stürmisch zu, und die Meinungen platzten aufeinander, aber Du hast dieses heterogene Häuflein gut zusammengehalten. Erinnerst Du Dich noch unserer Debatten, unserer Pläne und Resolutionen, gerade so, os ob die Welt nur noch auf unsere Erkenntnisse warte? Wir zerbrachen uns die Köpfe, wie es nach dem sogenannten tausendjährigen Reich in Deutschland aussehen würde, was zu tun sei, um Nationalsozialismus und Intoleranz gründlich zu besei 300tigen, um die Fundamente für ein anderes Deutschland zu sichern. Wir mühten uns, diese Zeit so gut wie möglich zu nutzen. Natürlich standen wir mit den' Oldtimern', den guten und treuen Freunden, die schon in den zwanziger Jahren in die Staaten auswanderten, in enger Verbindung. In dankbarer Freundschaft gedenken wir der Hilfe, mit der sie uns beistanden. Sie wahrten die Tradition, indem sie xx sich in der deutschen Sprachgruppe der Social Democratic Federation zusammenfanden. Als wir dann, im Jahre 1944, Deinen 65. Geburtstag feierten, zeigte sich schon ein kleiner Hoffnungsschimmer, und wir rüsteten für den Tag, an dem ein Land nach dem anderen vom Gestapo- Terror befreit werden würde. Die deutsche Sprachgruppe des Workmen's Circle gründete auf Grund Deiner Anregung und Initiative einen Solidaritätsfonds. Keine Gelegenheit war uns zu schlecht, kein Mittel wurde von uns verschmäht, um Geld und Kleider, Schuhe und Lebensmittel zu sammeln. Ein Glück, dass wir Dich mit Deinen Arbeiterwohlfahrts- Erfahrungen zur Seite hatten. Wir folgten den alliierten Armeen auf dem Fusse mit unseren Paketen, die wir den überlebenden Parteifreunden in Frankreich und Holland, in Belgien und Dänemark schickten. Endlich kam es dann dazu, dass Deutschland Stück um Stück seinen Totengräbern entrissen wurde. Das war der Tag, auf den wir lange und sehnsüchtig gewartet hatten. In unseren Träumen hatten wir ihn uns allerdings anders vorgestellt. Gleichviel: nun galt es, erfinderisch zu sein, um denen, die unserem Herzen am nächsten standen, den Befreiten aus Konzentrationslagern und Zuchthäusern, den Gesinnungstreuen und Verfemten, die zwölf Jahre böses Leid überstanden hatten, zu helfen. Das war eine schwere Aufgabe, denn es gab keinen Postverkehr mit dem xиxкxяd besiegten Feindland. Aber unsere' boys' waren hilfsbereit, couragiert und phantasievoll genug, um mit den geringen Anhaltspunkten, die wir ihnen geben konnten, die Freunde einzeln ausfindig zu machen, sodass wir bald ein Netz von Verbindungen und Vertrauensleuten hatten." Wie sah es aber яæяжxяx unmittelbar nach Beendigung des Krieges, Anfang Mai 1945, im privaten Dasein von Marie Juchacz aus? In einem Brief an Louise Oppenheimer vom 9. Mai 1945 fasst sie alles," was ihr eigenes, privates Dasein und ihre Existenz mit den ganz kleinen, aber doch unerlässlichen Wichtigkeiten ausmachte, zusammen: . - 301- " Man kann sehr beschäftigt sein, auch wenn man- wie ich- keinen richtigen' job' hat. Die Situation hat sich im Laufe der Zeit verhältnismässig angenehm und erträglich gestaltet. Zu Anfang war es hier in New York recht karg und***** quälend für mich. Emik Kirschmann arbeitete für einen geringen Lohn in einer Fabrik, und mir wurde gelegentlich von Freunden geholfen. Dadurch, dass wir keine Möbel hatten, wohnten wir zu erst sehr teuer, und ich bemühte mich immer wieder, und immer vergebens, um eine Arbeit für mich, die ich tun konnte, ohne in absehbarer Zeit auf der Nase zu liegen. Dann gelang es uns, wenigstens mit ganz billigen Heilsarmee- Möbeln einen Anfang zu machen. Wenn die Einkünfte gering sind, fallen zwölf Dollar Miete- Ersparnis mächtig ins Gewicht.- Aber von da an ging es etwas aufwärts. Emil Kirschmann traf zufällig einen Jugendgefährten, der schon vor 1933 hierher kam und sich des Tellerwaschens und ähnlicher Arbeiten müde- mit einem kleinen bescheiden Kapital seiner Frau ein kleines Geschäft aufgebaut hatte. Er schneidet und schleift Rubine und andere echte und synthetische Steine, die er direkt von seinem Betrieb aus an Händler. Er bot Emil sofort an, Steine direkt an Fabrikanten zu verkaufen, weil ihm der Verkehr mit den Zwischenhändlern nicht zusagte, aber in erster Linie wohl deshalb, weil er einem alten Freund damit helfen konnte. Das hat sich auch sehr gut angelassen, weil die Zeit dafür besonders günstig war. - Während der Fabrikarbeit, aber eigentlich schon vorher, hatte sich bei Emil Kirschmann eine viel zu zeitige und in ihrem Verlauf sehr ernst zu nehmende Arteriosclerose gezeigt, die besonders die Nieren mutgenommen hatte. Der befreundete Arzt verbot mit allem Ernst die Fabrikarbeit, und Gegenwart und Zukunft sahen wirklich sehr, sehr schwarz aus, bis dann die Wandlung zum Guten eintrat. Unsere junge W Freundin, Kaete Fey, die seit 1935 mit uns zusammen lebte, beendete in dieser Zeit ihre Lehre als' practical nurse', fand sofort eine Stelle und beteiligte sich dann- als sie verdiente- auch sofort wieder an unserem Haushalt. Jetzt ist es so, dass ich diesen kleinen Haushalt für uns drei führe, wobei mir manches erleichtert wird, sodass ich so leben kann, wie es nötig ist, ohne immer mit dem penny rechnen zu müssen. Infolge der körperlich so viel leichteren Beschäftigung und Dank der dauernden ärztlichen Behandlung und Aufsicht von Emil Kirschmann mit der nun möglichen Diät hat sich sein Gesundheitszustand relativ gut entwickelt.- Er wäre nicht damit einverstanden, wenn er wüsste, dass ich Ihnen all das schreibe. Das liebt er garnicht, und ich bitte Sie, - 302in einer Antwort an mich nicht darauf einzugehen.- Aber ich kann Ihnen mitteilen, dass ihm Ihre klugen politischen Urteile über Aufbau, Volkszeitung, Einstellung der Menschen in der Selfhelp und ähnlichen Kreisen sehr gefallen hat Mir auch! Ich war richtig froh darüber, weil ich es hoch einschätzen muss, wenn jüdische Menschen mit ihren Erfahrungen gute und objektive Beurteiler bleiben. Sie können sich wohl vorstellen, dass*** X* XX** X** XX** й es jetzt anfängt mich zu quälen, dass ich noch immer nichts von meiner Toch ter Lotte, von meinem Sohn Paul und seiner Frau und den Kindern erfahren konnte. Ich gab mir selbst grosse Mühe, etwas zu hören, aber bisher vergebens. Mein Sohn war ja dicht bei Metz auf einer Farm tätig, und es ist wohl anzunehmen, dass er noch zum Soldaten gemacht oder zu einer anderen militärischen Arbeit gezwungen wurde, und ich kann mir nicht denken, dass er noch dort ist. Da dieses Gebiet noch bis vor kurzem als Operationsraum behandelt wurde, ist Post dahin noch nicht zugelassen. Auf der anderen Seite hören wir von Freunden, die wir in Frankreich zurücklassen mussten, weil keine Visen für sie zu haben waren oder andere unüberwindliche Hindernisse vorlagen, eine ganze Menge. Manche wurden aufgegriffen und deportiert, die Familien blieben zum Teil in bitterster Not zurück und leben noch immer unter den schlimmsten und notdürftigsten Verhältnissen. Zum Teil sind die Freunde tot, manche tauchen plötzlich wieder auf, krank und verhungert. In der Regel werden sie, wenn sie noch lebend in einem Lager waren, zurückgehalten, aber gelegentlich rutscht jemand dan doch in einen Transport mit hinein. Manche waren bei den Maquis, andere sind mit Hilfe französischer Freunde auf dem Lande versteckt worden, manchen gelang es, mit Hilfe französischer Papiere über die Zeit zu kommen. Durch die persönlichen Verbindungen, die man hier in New York pflegen kann und durch die Beziehungen, die wir zu den Committees verschiedener art hier haben, werden uns Adresser und nähere Lebensumstände der sozialistischen politischen Flüchtlinge in Frankreich nach und nach alle bekannt. Es hat sich schon ein recht lebhafter Briefverkehr zwischen den Freunden hüben und drüben entwickelt und die individuelle Hilfe von Mensch zu Mensch ist im Gange. Dabei stellte sich aber doch heraus, dass darüberhinaus etwas Richtiges organisiert werden muss, damit die, die sich bis jetzt aufrecht erhalten und schlecht und recht durchgeschlagen haben, nicht zuletzt doch noch vor die Hunde gehen. Die Franzosen als Menschen sind im Durchschnitt alle sehr hilfsbereit, und - - 303- die französischen Sozialisten verhalten sich tadellos. Aber in materieller Hinsicht können Sie jetzt*** жxxxяkelbgt beim besten Willen noch nicht helfen, denn sie haben ja selbst nichts. Frankreich Die sogenannte' Administration' Sie hat sich wenig geändert, das heisst unsere Freunde geraten noch sehr oft in die Hände der Fremdenpolizei, der gewöhnlichen Polizei oder auch der Gendarmerie, und bekommen es dann sehr deutlich zu fühlen, dass sie Fremde im ehemals klassischen Land der Freiheit sind. Uns, die wir dort als Emigranten gelebt haben, klingt vieles von den Berichten gar zu vertraut. Wir sind nun dazu gekommen, eine kleine Hilfsaktion auf die Bene zu stellen. In diesen Tagen sind in enger Verbindung mit dem Jewish Labor Committee und mit seiner organisatorischen Hilfe die ersten achtzig Pakete an unsere Freunde abgegangen. Jedes ist siebzehn Pfund schwer. Dadurch, dass das Committee eine' licence' und*** gute Einkaufsmöglichkeiten hat, und dass die Pakete als Sammelsendung abgehen und weniger Porto kosten, können wir das durch uns gesammelte Geld in seiner Kraft bedeutend vermehren. Ich leite schon seit längerer Zeit als Chairman eine kleine deutschsprachige Gruppe des Workmen's Circle, eine früher einmal aus jüdischen, meist östlichen Kreisen hervorgegangene Kranken- und Sterbekasse. Ich wurde dringend von Freunden um diese Funktion gebeten, obwohl ich wegen zu hohen Alters!- nicht einmal Mitglied werden mich kann, sondern nur als' local member', also ohne alle Rechte und Ansprüche an die Organisation, in der gewünschten Weise betätigen muss. - - Unsere ganze Situation ist ja mehr auf persönliche Fühlungnahme zugeschnitten und reizt wenig zum öffentlichen Auftreten'. Jetzt bin ich doch recht froh darüber, ausgehalten zu haben, weil sich die Gelegenheit bietet, xxxж**** и über den hiesigen Rahmen hinaus zu helfen, um bei den weniger begünstigten Freunden einen Teil des Schuldgefühls abzutragen, wie es der mehr Begünstigte doch immer haben muss. Auch wenn wir wissen, dass unsere Hilfe vorerst nur klein und unbedeutend sein kann, ist doch der moralische Wert unserer Haltung ein nicht zu unterschätzender Faktor. Wenn Sie uns mit Adressen und Empfehlungen helfen könnten, den Kreis zu verbreitern, wäre ich Ihnen sehr dankbar, zumal ja schon jetzt vorauszusehen ist, dass wir nicht bei Frankreich bleiben werden. Doch darüber später, wenn die zeit reif ist. Es gibt hier in jüdischen Emigrantenkreisen viele, mit denen man nicht über Peutschland reden kann. Die Zeit hat verständlicherwei - 304- - se bei sehr vielen so manche alte Überzeugung über den Haufen geworfen, ohne Neues dafür zu geben. Das ist fast ebenso schlimm, als wenn durch die gewaltigsten Änderungen sich in Denken und Betrachten fast garnichts ändern soll. Den Nationalismus, den die' Volkszeitung' hier vertritt- und dem sich auch Friedrich Stampfer verschrieben hat, halte ich auch besonders für die Zukunft gesehen für verhängnisvoll. Niemandem von uns ist das deutsche Schicksal auch als ganze Nation gesehen nicht gleichgültig. Wir internationalen Sozialisten sollen es uns dreifach und öfter überlegen, ob wir die nationale deutsche Frage in nächster Zukunft so deutlich in den salen Vordegrund stellen und die schwachen Kräfte einer sich kaum wieder aufrichtenden Arbeiterbewegung von vornherein damit belasten. Unsere Gedanken und Kräfte sollten sofort europäisch und weltpolitisch ausgerichtet werden. Die Einstellung von Vogel und Ollenhauer in London sagt mir bisher xxxx sehr viel mehr zu, weil man sich dort Mühe gibt, ohne Scheuklappen mit Sozialisten aller Richtungen zusammen zu arbeiten. Nur eins hätte ich dabei noch zu wünschen: dass man mit der Parteivorstands- Spieletei aufhört und sich einen anderen Rah organisatorischer Art!- schafft, in dem man nicht als allein bestimmender Politiker, sondern als Mitarbeiter und Berater sich zur Verfügung stellt. Auf die Form, auf den geistigen Gehalt und auf die morakische Verfassung einer zukünftigen Arbeiterbewegung wird es sehr ankommen, was sich in der Zukunft in Europa herausbildet. Auch unsere Einstellung zu Russland muss zumindest den Willen zur Objektivität haben." men - Wie sehr Marie Juchacz mit diesen gegenüber Louise Oppenheimer geäusserten Gedanken fast prophetisch der späteren Entwicklung voraus eilte, können wir Heutigen un besonders gut beurteilen. Neben den Gedanken, die sich Manie Juchacz über die Zukunft Deutschlands machte und wobei sie mit ihren zahlreichen und unermüdlichen Briefen an alle nur erreichbaren Freunde' am Hebel der Zeit' blieb, vergass sie nicht den Alltag, der sie ständig brauchte. Das' Fähnlei der sieben Aufrechten' in der New Yoerker Bronx, zu dem Erna und Jola Lang gehörten, gönnte ihr keine Ruhe: " Was immer wir für den X' Solifonds' sammelten, wie gross auch die Opferbereitschaft aller war,- es reichte nicht aus. Da bist Du, Marie, wieder in die Bresche gesprungen und hast mit den Freunden vom jüdischen Arbeiter- Kommittee, die den kassenwahn Lügen straften und uns immer wieder verständnis und vorbildliche Hilfsbereitschaft erwiesen, verhandelt. Sie gaben uns namhafte Beträge und' adoptierten' - 305- Adressen für CARE- Pakete. und dann kamen endlich die Briefe, zuerst auf Umwegen, dann direkt. was waren aufregende Monate. Wir freuten uns über jeden Wiederentdeckten, und trauerten um jene, die verfolgung und Bomben hinweggerafft hatten. Wie oft haben wir miteinander telefoniert, uns gegenseitig Neuigkeiten vorgelesen und die briefe ausgetauscht." Obwohl Marie- wie sie vorher schon an Louise Oppenheimer schrieb keinen' job' hatte, nahm die Arbeit für sie bald xxxgx einen solchen Raum noch Umfang an, dass sie es nicht mehr schaffen konnte. Hinzu kam der unwahrscheinlich heisse Sommer in New York, der sich lähmend auf jede Aktivität legex wollte und immer wieder überwunden werden musste. ☑ Der auf Marie lastende Druck wurde ausserdem noch durch die Ungewiss heit über das Schicksal ihrer Kinder erhöht, obwohl sie alles versucht hatte, um bis nach Düsseldorf und Metz vorzustossen. Noch am 3. September 1945 wusste sie nichts über den Verbleib von Lotte und Paul: " Heute habe ich anHerta Gotthelf und Ida Braun nach London geschrieben. Da Düsseldorf Englisch besetzt ist, müsste es doch möglich sein, über befreundete Soldaten von dort etwas zu erfahren. In manchen Fällen hat der Zufall auch mitgeholfen, mir ist er nicht günstig." Dafür war das Schicksal ihr in anderer Form gut gesinnt: Anfang Juli 1945 erhielt sie die Nachricht, dass sie nun offiziell eingewandert und ein freier Mensch sei, und dass sie die Möglichkeit habe, unter Beachtung der Vorschriften im Laufe der Zeit die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Trotzdem war sie mit ihren Kräften am Ende. Durch Zufall ergab sich die Möglichkeit, New York vorübergehend zu verlassen und wenn auch nur kurze Zeit auszuspannen: " Zuerst lebte ich in einer einfachen und billigen Pension, in der ich mich sehr wohl fühlte, und zuletzt dann bei Freunden. Während ich in New York vegetierte, habe ich hier wirklich gelebt." - - Aber auch während dieses kurzen Urlaubs hielt sie die nun einmal gesponnenen Fäden der Hilfsaktion in der Hand: " Wenn wir unsere Hilfe auf Deutschland endlich ausdehnen können, müssen wir uns an breitere Kreise wenden, denn dann werden die Anforderungen wesentlich grösser." Das sollte aber noch mit grossen Schwierigkeiten verbunden sein, denn: - - 306- " Ich bin traurig, wenn ich in die Zeitungen sehe und lesen muss, wie sehr doch die Nazi- Ideologie das Denken der ganzen Welt über den Haufen geworfen und vergiftet hat." [ Grundung der New Yorker Arbeite Holi Die' Vergiftung' machte sich dadurch bemerkbar, dass gerade die finanzräftigen Kreise, die Marie einzuspannen beabsichtigte, den Standpunkt vertraten, dass ganz Deutschland aus Nazis bestehe, auch jetzt noch, nach dem Kriege, und dass man unmöglich den Nazis auch noch helfen könne. Was solte sie nun machen?- Joseph Lang sagt es: " Damals wurden Dank Deiner Initiative eine New Yorker Zweigstelle der Arbeiterwohlfahrt gegründet, ein' gift- parcel- business' organisiert und Weihnachtsbazare veranstaltet." Dieser nüchterne Satz verrät nichts von der Arbeitsleistung, die tatsächlich dahintet stand. Die Unterlagen darüber, die sich im Nachlass von Marie Juchacz befanden, füllen dicke Aktenbündel, und es würde im Rahmen dieser Biographie zu weit führen, auf viele Einzelheiten och einzugehen. Erich Lewinski,**** кx mit seiner Frau Herta einer der wirklich engsten und besten Freunde der New Yorker Zeit, sagt darüber: " Яx* x* xxx Marie Juchacz war die erste, die mit Selbstverständlichkeit die Hilfsaktionen für die deutschen Freunde in Gang brachte, die sich bald als notwendig erwisen. In dem kleinen trüben Lokal in Yorkville wurden die ersten Keime für die Hilfsarbeit geschaffen. Marie inmitten eines Kreises von immer bereiten Parteifreunden schaffte bis in die späten Nachtstunden hinein. Adressen wurden gesammelt, Mittel ausfindig gemacht, Pakete wurden gepackt und abgeschickt. Und die Ruhe der Befriedigung, die bei dieser Arbeit von ihr Mia ausging, übertrug sich auf uns alle. In diesen Jahren besonde ders hat sich eine Freundschaft entwickelt, die stärker ist als nur persönliche Beziehung, die ihre Wurzel hat in der Gemeinsamkeit der Überzeugung und der Ideen. Wir alle haben es stets als einen grossen Gewinn und einen Vorzug empfunden, gerade in dieser schweren Zeit der Emigration einem Menschen von solcher Tiefe und Lauterkeit, von solcher Güte und selbstverständlicher Solidarität begegnet zu sein, und wir sind- ohne Ausnahme- dankbar, ihre Freunde sein zu dürfen! - 307- Wie konnte man aber dieser Dankbarkeit und Freundschaft sichtbaren Ausdruck geben? Am 15. März 1945, zu ihrem 66. Geburtstag, lag ein Buch auf dem nicht sehr reich bedachten Gabentisch: neu " Es ist Bebels' Die Frau und der Sozialismus', Nr. 9 der schönen internationalen Bibliothek und die 26. Auflage des Buchs mit Bebels Vorrede zur 25. Auflage aus dem Jahre 1895, in der er sich mit der Kritik an seinem Buch und mit seinen Gegnern auseinandersetzt. Engste Freunde haben es mir in New York geschenkt, nachdem ich es mit meiner gesamten Bücherei einbüsHeute, wo ich diesen Vorgang rückerinnernd niederschreibe, nehme ich es noch einmal ehrfürchtig in die Hand, um zu sehen, wie sein Inhalt auf mich wirkt. Seine Blätter sind vergilbt, an den Rändern schon bräunlich. Man muss es vorsichtig behandeln, damit das Papier nicht sen musste. - - bricht. Dieses Buch hat mich in meiner Wachstumszeit nie verlassen, und jetzt habe ich es wieder bei mir." Das ist eine der ganz seltenen Äusserungen von Marie Juchacz, in denen cihr sie- wenn auch sparsam und mit der eigenen Zurückhaltung- etwas von ihren inneren Gefühlen zwar nicht verrät,***** кя wohl aber zwischen den Zeilen mitklingen lässt. XX - 308- Das Hilfswerk für Deutschland läuft an Eine wenn auch in ihren Auswirkungen traurige Krönung xxxx* x* x* x* x* x** des 66. Geburtstags von Marie Juchacz war das sieben Wochen später zu Ende gehende und deutscherseits völlig sinnlos gewordene Kriegsgeschehen. Das war überstanden. Aber wer hatte es überstanden? Was war aus den Kindern von Marie, aus Lotte und Paul, und aus Fritz geworden, was aus den Angehörigen von Emik Kirschmann und Kaethe Fey? Schon vor Ende des Krieges hatten Marie und Emil ihre Fühler nach Engaand, Frankreich und in die Schweiz ausgestreckt, und es waren ja schon eine ganze Anzahl von Paketen an bedürftige Freunde nach Frankreich und Belgien abgeschickt worden. Auf grossen Umwegen trafen Dankbriefe ein, mit den ersten Nachrichten über Freunde, von denen man glaubte, dass sie lebten und die tot waren, und über Totgesagte, die plötzlich aus den Schlupfwinkeln, in die sie sich jahrelang und zum Schweigen verdammt verkrochen hatten, hervorkamen. Zu denen, die aus eigener Initiative versuchten," die Amerikaner" aufzuspüren, gehörte Fritz, der nach Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft im Sommer 1945 bei der US- Militärregierung in München beim Theatre Control Office arbeitete und in Gerard W. Van Loon, dem Theater- Kontrolloffizier, einem Sohn des Schriftstellers Henrik W. Van Loon, sehr bald einen verständnis vollen Vorgesetzten und wenig später einen guten Freund fand. Der einzige Anhaltspunkt war eine alte Adresse von Emil Kirschmanns Bruder Robert in Meriden. Gerard Van Loon mobilisierte seine in New York lebende Mutter, die sehr bald die Adressen von Marie und Emil ausfindig machte. Auf dem gleichen illegalen Weg ging der erste Brief von Fritz an seine" grosse Mutti" und an seinen Stiefvater. Ernest Langendorff, heute in entscheidender Position beim Radio Freies Europa, der in der Publication Section der Militärregierung arbeitete, war der erste Aurier, der noch 1945 das erste " Bücherpaket", das Marie, Kaethe und Emil zusammengepackt hatten, nach München schleuste. Sein Inhalt bestand aus Wäsche und Lebensmitteln. Die einmal gesponnenen Fäden der endlich wiedergefundenen Beziehungen wurden weitergezogen, und schon Ende 1945 bestand ein lebhafter, wenn auch noch nicht offizieller Briefverkehr zwischen Marie und Emil und den vielen Freunden und wenigen Angehörigen in der Heimat. Für diese Angehörigen gab es noch eine besondere Überraschung, als noch im Jahre 1945 der Sohn von Robert Kirschmann, Paul Kirschmann, der als Sanitätssoldat in der US- Army diente, vor den mehr oder weniger zerstörten oder ausgeplünderten Wohnungen der nächsten Angehörigen der Juchacz- Kirschmann- Familie erschien, um grosse Pakete und Kisten aus einem Jeep auszuladen. - 309- - Auch Maries Kinder Lotte und Paul standen schon in brieflicher Verbindung mit ihrer Mutter, sodass die familiären Ängste überstanden waren. So weit das möglich war, wanderten die ersten Familienbilder hin und her zwischen Deutschland und Amerika, und man stellte hüben und drüben fest, dass die Zeit an allen ihre Spuren hinterlassen hatte. So schrieb Marie zu einem Bild, das sie am 16. April 1946 an August( und Klara Kirschmann nach IdarOberstein schickte: Emils Brider( dessen Fran Kirschmann " Hier habt Ihr die sehr alt gewordene Marie Juchacz. Ihr habt geglaubt, dass ich bei dem' Bildermachen' sehr schlecht wegkomme, und auch sonst bei den verschiedenen Gelegenheiten des Vergnügens und der Unterhaltung, wobei ja auch manchmal geknipst wird, stiefmütterlich behandelt werde. Weisst Du, wer so oft im Leben für Bilder hat herhalten müssen, der drängt sich nicht mehr danach. Im Gegenteil: der kneift aus, wenn sich nur eine Kamera zeigt. Aber diesmal war es so: ein Freund, der mir gerne etwas zu meinem 67. Geburtstag schenken wollte, machte das in Form von Aufnahmen. Sie wurden nicht retuschiert, es ist jede Runzel und Falte zu sehen. So soll es ja auch sein. Aber Ihr werdet daraus auch noch etwas anderes sehen können: dass ich trotz allem sehr lebendig und sehr energisch geblieben bin. Ich bin froh, dass mich' die neue Zeit' noch so gesund und arbeitsfähig angetroffen hat. Wenn schon, denn schon! Ich will sagen, wenn man schon noch lebt in dieser Zeit und die ganze Misere ertragen hat, dann lohnt es sich doch eigentlich nur, wenn man noch etwas tun kann. Mit aller Bescheidenheit, die durch das Altern nicht verringert sein soll, die durch die räumliche Entfernung von der Heimat auch nicht ihre Notwendigkeit und Berechtigung einbüsst,- mit dieser Einschränkung will ich für die Menschen in der Heimat arneiten, denen meine Liebe nach wie vor gehört. Und wenn mir dann- etwas später- noch das Glück zuteil werden sollte, meine Kinder und Euch alle wiederzusehen, dann ist mein Leben erfüllt. Wenn aber das Schicksal früher spricht, dann kann ich es auch nicht ändern, und das Gute wird sein, dass ich selber es ja dann nicht weiss." Marie Juchacz arbeitete nicht mit der Bescheidenheit, mit der sie ihre New Yorker Tätigkeit tarnt, sondern mit der Energie eines jungen Menschen. Sie dachte nicht nur an die nächsten Angehörigen und an die vielen Freunde und den grossen Bekanntenkreis, sondern an das grosse Ziel einer umfassenden Hilfe für alle, die vom Elend des verlorenen Krieges in Deutschland und in den Nachbarländern betroffen waren. Später, in Deutschland, antwortete sie einmal auf die Frage, wer denn in den USA eigentlich die Menschen waren, die für die Hilfe nach Deutschland angesprochen werden konnten: " Die Arbeiter- Wohlfahrt in den USA war eine kleine Gruppe von мяяжяжя Emigranten und Deutschamerikanern mit Tradition aus der früheren deutschen Arbeiterbewegung. Wir machten es uns zur Pflicht, üverall dort, wo es nur ir - 310- gend möglich war, Mittel zu sammeln, dafür Mangglwaren einzukaufen und in möglichst grossen Posten abzuschicken. Wo wir sammeln konnten? Uns blieben die Arbeiter- Sport- und Kulturvereine, von denen es eine grosse Anzahl gibt: den Arbeiter- Sängerbund mit seinen vielen Zweigvereinen, die über die ganzen Staaten verteilt sind, den Arbeiter- Turnerbund, die grosse ArbeiterKrankenkasse, die Arbeiter- Feuerversicherung. Das alles sind Organisationen der Selbsthilfe, geschaffen von ehemals deutschen Arbeitern, die sich im fremden Land selbst vor Unglück schützen wollten. Sie alle verdienen, rühmend erwähnt zu werden mit ihrer echten Solidarität. Wir hatten viele und gross Schwierigkeiten zu überwinden. Die allgemeine Stimmung gegen Deutschland war nicht wohlwollend. Dass man in einem typischen Einwanderungsland, wie es die USA sind, auch alle nationalen Schattierungen in Zu- und Abneigung auf breiter Ebene finden muss, kann man sich leicht vorstellen. Breite Schichten uns gesinnungsmässig nahestehender Menschen xxx waren jüdischer Herkunft. Diese Andeutung mag vieles zeigen. Mit kommunistischen Strömungen in einzelnen Organisationen hatten wir es ebenfalls zu tun. Wir suchten die Klippen zu umschiffen, weil wir keine Zeit und keine Kraft****** übrig hatten für Haarspaltereien. Unser Ziel war, schnell und so viel wie möglich an Hilfe zu bringen." Zur gleichen Zeit, als sich Marie Juchacz bemühte, ein Hilfswerk aufzubau, das sofort und entscheidend aktionsfähig war, beschäftigte sich Alfred Nau Ende 1945 als Mitglied des" Büro Dr. Schumacher" in Hannover mit Plänen zur************* к Wiedererrichtung der Arbeiterwohlfahrt, die parallel mit dem Wiederaufbau der Sozialdemokratischen Partei erfolgen sollte. Als er im Frühjahr 1946 im Auftrag der ersten Zonenkonferenz nach Berlin flog, um Lotte Lemke die Übernahme der Hauptgeschäftsführung der Arbeiterwohlfahr anzutragen, war er sich klar darüber, dass für diese Aufgabe keine fachlich höher qualifizierte, aber auch keine menschlich und politisch zuverlässigere Kraft gefunden werden konnte. Er hatte diese Gewissheit aus der Erfahrung einer langjährigen Zusammenarbeit, zum Teil unter Umständen, die für Lotte Lemke Umstände höchster Bewährung waren. Als Lotte Lemke im Frühjahr 1946 in Hannover die Arbeit aufnahm, stand sie buchstäblich vor dem Nichts. Die kleine Dachkammer in einem halbzerbombten Haus, in der der Hauptausschuss sein Quartier aufschlug, enthielt bei ihrer Ankunft weder Tisch noch Stuhl. Es gab nicht einmal eine Beleuchtung. Durch den Mangel an Verkehrsmöglichkeiten und die unterschiedlichen Rechtsverhält nisse in den vier Besatzungszonen wurde die Inangriffnahme des Wiederaufbau werks im Anfang ausserordentlich behindert. Wichtig war es zuerst einmal, der Organisation ein neues Fundament zu schaffen und die hier und dort auf lokaler oder regionaler Ebene angelaufene Arbeit- wenn sie sinnvoll sein sollte- zu koordinieren. Bei der Lösung dieser Aufgabe schreckte sie auch - 311- vor illegalen Reisen in die verschiedenen Zonen nicht zurück. Sie besass ja wesentlich gefahrvoller************ x gesammelte Erfahrungen beim Überschreiten' grüner Grenzen'. Eines der wichtigsten inneren Anliegen Lotte Lemkes war es, möglichst schnell Kontakt mit Marie Juchacz in New York zu bekommen. Am 19. Juni 1946 schrieb sie folgenden Brief: " Liebe und verehrte Genoss in Juchacz! Seit dem Parteitag in Hannover bin ich hier und habe wieder die Geschäftsführung des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt für die drei Westzonen übernommen. Ich bin sehr glücklich, wieder in der alten, so sehr geliebten Arbeit zu stehen. Durch die Genossen Ollenhauer und Heine sowie durch Hedwig Wangenheim hörte ich einiges von Ihnen und Ihrer sich schon so segensreich auswirkenden Tätigkeit in der New Yorker Arbeiter- Wohlfahrt. Ich freue mich unendlich, dass Sie gesund sind und mit solch starker Aktivität und solchen Erfolgen arbeiten. Hertha Gotthelf, die zum Parteitag hier war, konnte mir auch noch manches von Ihnen berichten. Über mein eigenes Ergehen in den zwölf Jahren will ich nur so viel sagen, dass ich gesund und ungebrochen alles überstanden habe und froh darüber bin, dass ich meine Kraft und die Erfahrungen, die oft unter schweren Umständen gemacht wurden, nun unserer gemeinsamen Sache wieder zur Verfügung stellen darf. Ich lebte zuletzt in Ostpreussen, wo ich nach jahrelanger Tätigkeit als Büroangestellte in sehr gedrückter Stellung, zum Schluss noch einige Zeit als Fürsorgerin beim staatlichen Gesundheitsamt in Heilsberg tätig war und beim Einzug der Russen das Schicksal der Millionen Flüchtlinge teilen musste, die Heimat zu verlassen. Meine Familie ist in alle Winde zerstreut und stark dezimiert. In der kurzen Zeit meiner Tätigkeit habe ich mich vor allem darum bemüht, persönliche Fühlung mit den Bezirksausschüssen zu bekommen und im völlig zerbombten Hannover eine Geschäftsstelle einzurichten. Am 1. Juli werden wir die erste Arbeitsausschuss- Sitzung haben, und zum Herbst planen wir die erste Richskonferenz der Arbeiterwohlfahrt nach 13 Jahren. - Es ist heute wie zu der Zeit, als Sie die Arbeiterwohlfahrt ins Leben riefen: ein verlorener Krieg, ein zusammengebrochenes Regime, eine zerstörte Wirtschaft, Hunger und Arbeitslosigkeit,- nur mit dem Unterschied, dass das Ausmass der Not im allgemeinen und die Härte der Not im Einzelfall heute unendlich viel grösser sind. Aber wir haben den Vorteil, dass die Idee der Arbeiterwohlfahrt nicht erst geschaffen zu werden braucht, sondern als starke Kraft bereits vorhanden ist, und dass Menschen da sind, die diese Ideetragen und aus der Zeit von vor 1933 über reiche Erfahrungen verfügen. Namen wie Lore Agnes- Düsseldorf, Minna Sattler- Dortmund, Andreas Dreher- Stuttgart, Lina Ammon- Nürnberg, Elisabeth Frerichs, Fritz Rippmann und viele andere xx sind Ihnen sicher noch geläufig und Sie werden sich freuen, zu hören, dass i - 312- die alle wieder in der Arbeiterwohlfahrt aktiv tätig sind. Notzeiten, wie wir sie augenblicklich durchmachen, lassen für die Arbeiterwohlfahrt*** eine Unmenge von Aufgaben erstehen und verlangen eine bis ins letzte Dorf getragene Organisation. - Wir haben Bezirksausschüsse, in denen die Arbeit in der Tat wirklich schon in das letzte Dorf vorstösst, andere, die überall Kreisausschüsse und örtliche Vertrauensleute haben, und eine Reihe von Bezirksausschüssen, die erst im Begriff stehen, die Organisation auch auf das flache Land auszudehnen. Nach Fertigstellung eines Gesamtberichts werde ich Ihnen eine Abschriftbzuschicken, denn es ist ja doch Ihre Arbeiterwohlfahrt, und wir wissen hier alle, wie stark Sie daran teilnehmen. Dieser Brief soll nur ein erster Gruss sein, ein erstes Händereichen über den Ozean." Dieser Brief von Lotte Lemke, am 19. Juni 1946 geschrieben, war nun nicht das erste Kontakt signal zwischen New York und Hannover. Marie- in ihrer unermüdlichen Aktivität von fast gnadenloser Energie griff jedes Zeichen aus der alten Heimat auf, kurbelte any und knüpfte bereits die Fäden, ohne noch genau zu wissen, wo und wie das andere Ende des Fadens aufgehängt werden könnte. Sie wusste nur, dass es sehr bald einen Aufhänger für ihre Aktionen geben würde. So stand Marie in ständigem Briefwechsel mit Hertha Kraus in Bryn Mawr in Pennsilvanien, und noch bevor Lotte Lemke ihren ersten Brief an Marie Juchacz schrieb, hatte diese schon mit ihrem Brief vom 13. Juni gehandelt: " Ich weiss zwar, dass auch das' Friends Servive Committee' an die einengenden Sammelbestimmungen gebunden ist. Aus den verschiedensten Meldungen schöpfe ich aber die Hoffnung, dass vielleicht stillschweigend mit der erweiterten Durchführung des Rкøgк ×××× erweiterten Programms, dass das Friends Srvice Committee aufgestellt hat, begonnen werden darf. Was ich sehr gerne als Entwicklung sähe, wäre, dass beider Durchführung dieses Programms- so weit es zweckmässig und, im Interesse der Hilfsarbeit, nützlich ist die Arbeiterwohlfahrt oder doch zumindest kräfte aus der AW hinzugezogen werden. Ich bin mir völlig klar darüber, dass diese praktischen Fragen nur an Ort und Stelle entschieden werden können. Aber so weit ich dazu imstande bin, will ich gerne mit Angaben von Personen, die drüben schon tätig sind, dienen. So hörte ich vor wenigen Tagen, dass Lotte Lemke in Hannover die Geschäftsführung der Arbeiterwohlfahrt übernommen hat, ich nehme an: für das ganze westliche Gebiet. Es würde sich bestimmt lohnen, mit ihr den Komplex der Zusammen- und Mitarbeit durchzusprechen. Hier vereinigt sich doch die sachliche Fähigkeit und die organisatorische Zuständigk it auf das Beste. So viel ich aus Berichten weiss, hat jede Stadt schon wieder ihre AW, und ich könnte auch schon mit einer ganzen Reihe von Einzeladressen - - 313dienen, falls Sie sie haben wollen. So weit meine Anregung und Bitte zugleich." An anderer Stelle des Briefes heisst es: " Wir, das heisst: die Arbeiterwohlfahrt New York, haben uns nun, um ebenfalls im Rahmen der Lizenzen mitsammeln zu können, der' League of Human Rights'- das ist die' Federation of Labor'- als auxilary committee angeschlossen. Der Erfolg ist auch für unsere Möglichkeiten bisher nicht schlecht." Mit einer Auflage von mehreren hundert Exemplaren schickte Marie, unterstützt von Emil Kirschmann und Kaethe rey, einen Rundbrief nach Deutschland: " Wir sind fleissig beim Sammeln von kleidern, Wäsche, Schuhen, Lebensmitteln und Medikamenten, nachdem die Regierung endlich die Erlaubnis dazu gegeben hat. Was wir bisher tun konnten, musste ganz unter der Hand geschehen, und das reichte natürlich nicht sehr weit. Jetzt dürfen die grossen Organisationen, die eine Lizenz haben, auch für Deutschland sammeln, was bisher nicht erlaubt war. Die kleinen organisationen und die, die sich erst jetzt und zu dem Zweck der Hilfe für Deutschland gebildet haben, dürfen benfalls sammeln, wenn ie sich einer der grossen mit Lizenz ausgestatteten Urganisationen anschliessen. Hier besteht seit längerer Zeit ein Ausschuss für Arbeiter- Wohlfahrt New York, der schom im Stillen- und weil es nicht anders ging- in bescheidenem Umfang gesammelt xxxx und der auch Wege gefunden hat, das Ergebnis nach Deutschland hereinzubringen. Jetzt kann diese Tätigkeit intensiviert und erweitert werden. Dazu gehört u.a. auch die Bearbeitung der Presse, soweit sie schon für die Behandlung deutscher Fragen empfänglich ist. Diese Presse muss natürlich unterrichtet werden, wenn sie unsere Bitten und Inserate aufnehmen soll. Was wir brauchen: etwas über das Wirken und die Auswirkungen der Ausschüsse für Arbeiterwohlfahrt, so bunt und mannigfaltig, wie es sich aus der Arbeit selbst ergibt. Dann etwas über die Lage der Kin- der und Jugendlichen, was man bereits tut, was man noch tun möchte, - wenn man dieses oder jenes hätte. Ferner etwas über den Gesundheitszustand der Kinder, der Jugend, der Erwachsenen. Etwas über Heime, Nähstuben, andere Einrichtungen. Auch Stimmungsbilder, Zeitungsausschnitte usw. Unsere AW- Mitarbeiter müssen versuchen, dass sie in die Verteilungsausschüsse kommen. Die Sachen werden zum Teil schon hier für die empfangende Organisation bezeichnet, für uns mit' Arbeiterwohlfahrt'. Es kommen auch nicht bezeichnete Sachen, z. B. durch die Quaker, die dann der. gerechten Verteilung überlassen bleiben. Das ist Sache der Vertretung in den Ausschüssen. Es gibt schon heute manchen Weg zur Weiterleitung der Mittei - 314. lungen nach New York." Wenn Marie Juchacz in den letzten beiden Kriegsjahren- auch ohne direkten Beruf- schon alle Hände voll zu tun hatte, um die anfallende Arbeit, die in der Hauptsache in der Erledigung von Korrespondenz bestand, zu bewältigen, um an an Versammlungen und Besprechungen teilzunehmen, um den Haushalt und den durch Krankheit immer anfälliger werdenden Schwager zu versorgen, denn Kaethe Fey war ja noch zu dieser Zeit in der Ausbildung,- nahm die Arbeit jetzt Formen und einen Umfang an, der bereits Büro- Charakter hatte. Sie richtete sich Mappen und Karteien ein, führte Buch und arbeitete nach dem Kalender wie in den Rageя frühesten Tagen ihrer höchsten Beanspruchung. Die Räder des kleinen Apparats, der sich bisher in New York drehte, griffen in andere Räder, die Maschine lief immer schneller, und ihr Motor war und und Blieb Marie Juchacz. Sie riss mit, feuerte an, ihre Initiative löste andere Kräfte aus. So erhielt sie am 19. Juni 1946 von Andreas Dreher aus Stuttgart einen Briefbericht über die Situation der AW in Nord- Württemberg und Nord- Baden, worin es zum Schluss heisst: " Wir beide, Sie- Marie Juchacz, und ich, sind ja in den letzten 13 Jahren älter geworden, aber wir erfüllen trotzdem unsere Pflicht bis zum äussersten. Das ist auch nötig, weil der Nachwuchs, unsere Jugend, noch nicht so ist, wie sie sein sollte und weil es bis jetzt an jüngeren Kräften fehlt.' Erst am 5. August 1946 konnte Marie ausführlicher an Lotte Lemke nach Hannover schreiben: " Lassen Sie sich von Herzen Glück wünschen zu der schweren, verantwortungsvollen und- vielleicht- nicht sehr dankbaren Aufgabe, die Sie aufs Neue und unter so tausendfach ungünstigeren Umständen übernommen haben. Ich bin mit meinem ganzen Herzen bei dieser Arbeit und möchte meine Kraft vervielfältigen, um Sie und damit die gesamte Arbeiterwohlfahrt viel mehr unterstützen zu können. - Trotz der Überbeanspruchung fand Marie zwischendurch immer wieder etwas Zeit, um auch an ihre Angehörigen zu denken.***** x* x* x* x* x* x* x*\ к × ¤ ××*** £ ¤¤ × ¤ × ¤ ×* x* x* k** яd Mit ihren privaten Briefen schaltete sie sich verbindend und ausgleichend ein und trug damit zur Überbrückung mancher- teils aus höherer Gewalt, teils aus menschlicher Unzulänglichkeit entstandenen Lücke bei. Ihr Brief an Schwager August Kirschmann nach Oberstein vom 11. September 1946 ist in dieser Beziehung besonders aufschlussreich: " Inzwischen hat mir auch Fritz aus München geschrieben, dass Du ihn dort besucht hast. Er hat sich so gefreut, dass er mir sofort darüber berichtete. Er schrieb auch, dass Du Dich ein wenig darüber beklagt hast, dass meine Lotte Dir nicht auf Deine Briefe antwortet. Sie ist dafür bekannt, und ich selber kann ein Lied davon singen. Seit Monaten warte ich auf ein Lebenszeichen von ihr- vergeblich. Wenn sie nicht sonst so brav wäre und ich von dritter. - 315- Seite nicht immer wieder Nachricht bekäme, dass sie ein so guter, anständiger und hilfsbereiter Mensch ist, könnte ich über ihre Schweigsamkeit gute verzweifeln. So aber will ich ihr das Urteil der Anderen anrechnen und ruhig und geduldig weiter warten.- Wie hast Du Fritz in München vorgefunden und was macht seine Frau Maria für einen Eindruck auf Dich? Ich freue Solu mich, dass Du mit meinem Paul in einem so guten Kontakt stehst und dass Du auch an seinen beiden Jungs Gefallen gefunden hast Ich würde mich freuen, wenn Du mir das gelegentlich direkt bestätigen könntest, denn Du kannst Dir denken, dass mein Grossmutterherz dabei ein wenig schlägt.- Habt Ihr Euch schon mit Eurer AW- Organisation bei Lotte Lemke in Hannover, Friedrichstrasse 15, angemeldet? Dort ist die Hauptgeschäftsstelle für die drei westlichen Zonen, und Robert Görlinger, Köln, Grafenwerttrasse 8, ist der Vorsitzende. Ich will Euch nicht an eine Pflicht erinnern, ich weiss sowieso, dass Ihr alles tut, was in Euren Kräften steht. Und ich bin voller Bewunderung dafür, mit welchem Mut und mit wieviel Energie alle Freunde dort drüben an die Arbeit gehen. Demnächst können wir auch Postpakete in die französische Zone schicken- but this department belongs to Kaethe, and it will disturb her, when I write about parcels. So she may write for herself. Was Emil anbetrifft- und dass ich in seine Funktion als Briefschreiber eingreife-, muss ich erklärend sagen, dass er nicht so sehr kräftig ist. Wenn er des Tages Last und Mühe getragen hat, kann er sich nur schwer zum Schreiben aufraffen. Nimm es nicht krumm." " die nicht Arbeit für den Edelstein- und Achat- Händler Max Steinmetz Des Tages Last und Muhe- das war für Emil Kirschmann die mit der er das Geld verdiente, das zum Bestreiten des Haushalts gebraucht wurde. Er war zwar erst 58 Jahre alt, aber- wie er selbst einmal sagte Strapazen der politischen Arbeit und vor allem der Emigration waren in meinen Kleidern hängen geblieben." Es ging ihm oft schlechter, als er nach aussen hin zeigte, aber er hätte noch mehr darunter gelitten, mit den Händen im Schoss zuzusehen, wie die anderen sich abracken. Wenn er abends aus der Nei nach Hause kam, half er mit, wo es Not tat, und es gab immer und oft bis in die Nächte hinein zu tun. An seinen Bruder August schreibt er darüber am 26. November 1946, 13 Tage nach seinem 58. Geburtstag: " Wir möchten Euch so gerne einen Teil Eurer Last abnehmen, und wir tun, was wir können. Marie ist den ganzen Tag lang mit der Arbeiterwohlfahrt und mit dem Hilfswerk für drüben beschäftigt. Diese Arbeit nimmt allmählich ein Gesicht an, aber es ist schwer, sehr schwer, und der Widrigkeiten sind gar viele, persönliche und sachliche. Aber zähe, wie Marie nun einmal ist, setzt sie immer wieder neu an, und so ruckt die Karre langsam aber stetig ihrem Ziel zu. Käthe ist in ihrer Freizeit und darüberhinaus mit Paketen beschäftigt: Zusammenschleppen, d.h. betteln und kaufen, einpacken, Pakete versandfertig machen, zur Post rennen, und was alles damit verbunden - - 316- ist. Und ich gehe natürlich täglich meiner Arbeit nach. Langsam, viel langsamer als früher, aber es muss halt auch so gehen. Gesundheitlich sind wir im Grossen und Ganzen wohlauf, wenn sich auch die Strapazen von vor und nach 1933 manchmal unangenehm bemerkbar machen. Die Jahre im Saargebiet, dann in Frankreich, und auch in diesem reichen und schönen Land waren eben keine Zuckerlecke. Und auch sonst war nicht immer alles so, wie man es gern gehabt hätte.- Ich habe neulich einem Manne geschrieben- er klagte sehr, wie bitter seine Frau den Verlust der Möbel und der schönen Wohnung ertrage-, man könne auch ein und mehrere Male alles, und immer wieder bis aufs Letzte, verloren haben, ohne jemals ausgebombt worden zu sein." Während Marie Juchacz, unterstützt von ihren wenigen engsten Freunden, in New York alle Hebel ansetzte, um der neuerstandenen Arbeiterwohlfahrt in Deutschland die Wege zu ebnen und ihr die Mittel zu verschaffen, praktische Arbeit zu leisten, war man in Hannover nicht weniger aktiv. Viele Briefe, die in dieser Zeit von Lotte Lemke geschrieben in die Staaten gingen, - - verraten oft nur am Rande etwas von der Unerbittlichkeit der ersten Nachkriegszeit, von den Anstrengungen, die weit über das normale Mass geistiger und körperlicher Leistungsfähigkeit hinausgingen, aber auch von der festen Überzeugung, das man sich auf dem richtigen Weg befinde. Am 23. August 1946 schreibt Lotte Lemke: " Seit der ersten Sitzung des Hauptausschusses sind nun schon wieder acht Wochen vergangen, und in der Zwischenzeit hat die Arbeit in den einzelnen Bezirken sich wesentlich vertiefen können. Es ist erfreulich, wie jeder Tag neue Aufgaben bringt und unsere Organisation vor die Notwendigkeit stellt, neue Gebiete in Angriff zu nehmen und neue Einrichtungen zu schaffen. Unsere Mitarbeiter in den einzelnen Bezirken und Orten sind durch die praktische Arbeit so ausserordentlich stark in Anspruch genommen, dass sie sich zu Berichten schwer aufraffen können. Sind sind alle bis an die Grenzzen ihrer Kräfte in Anspruch genommen und es ist jetzt die gleiche Situation, wie sie immer in der Arbeiterwohlfahrt anzutreffen war: es wird viel getan, und es wird wenig darüber geredet und geschrieben. Einige persönliche Mitteilungen werden Sie sicher erfreuen: vor einigen Wochen erschien unerwartet Marie Ansorge im Hauptausschuss, um deren Schicksal wir alle in grosser Sorge waren. Sie ist von den Polen ausgewiesen worden, hatte aber das Glück, an der Grenze nicht wie sonst alle- ausgeplün dert zu werden. Das Wiedersehen mit ihr war mir ein grosses Erlebnis. Sie ist recht alt geworden, aber innerlich völlig ungebrochen, Ees strahlt von ihr viel Kraft und Wärme aus, und sie ist von einer unerhörten geistigen Lebendigkeit und wundervollen reifen Menschlichkeit. Sie hofft, in Marl bei Recklinghausen bei einer Freundin ihr Leben neu aufbauen zu können - 317mit monatlich 45 Mark Angestelltenrente. Mit den vielen Flüchtlingen aus Schlesien kommen viele unserer alten Mitarbeiter in die britische Zone. So erschien vor kurzem auch Frieda Hauke- Ratibor, sehr elend, in ausserordentlich schlechter Kleidung, aller Existenzsehr mittel und allen Besitzes beraubt, und der Mann****** krank, mit Hungerödemen und schweren Herzschäden. Aber auch sie will, wenn sie wieder etwas bei Kräften ist, wieder mitarbeiten. Als neulich Paul Löbe in Hannover sprach, da war sie trotz ihres elenden Zustandes unter den Zuhörern, obwohl sie um nach Hannover zu kommen- erst einen strapazierenden Weg zurücklegen muss. Eine ebenso grosse Freude hatte ich, als unlängst das Ehepaar Moser aus Liegnitz ankam. Sie hatten ein ganz kleines Bündelchen mit Wäsche bei sich, aber unter der Bluse trug die Frau die Fahne der SPD, sie hatte sie durch alle Kontrollen hindurchgeschmuggelt.- Das sind alles Erlebnisse, die ungeheure Verpflichtungen bringen, aber auch mit grosser Hoffnung erfüllen." Für Ma rie, Emil und Kaethe gab es bei ihren Sammelaktionen für private Bakete nur den Grundsatz: alles für die anderen, nichts für uns selbst. Im Gegenteil, wenn es in einem solchen Paket noch ein Logb gab, in das man etwas hineinstopfen konnte, kaufte Kaethe aus den privatesten bescheidenen Geldern des Haushalts Juchacz- Kirschmann- Fey noch zusätzlich Lebensmittel. Für die offiziellen Care- und cralog- Paketsendungen wurde nach dem Grundsatz der gerechten Berücksichtigung und Verteilung vorgegangen. So haben Lotte in Düsseldorf, Fritz in München, Paul in Weissenthurm bei Andernach, August Kirschmann in Oberstein, und die****** näheren Freunde,* Meerfelds in Bonn, Lotte Lemke in Hannover und die vielen anderen, in der Hauptsache nur Sendungen erhalten, die aus der eigenen Tasche des New Yorker Dreigespanns finanziert waren. Die offiziellen Sendungen gingen an die unendlich zahlreicheren und wesentlich bedürftigeren Menschen, die von der Arbeiterwohlfahrt bedacht wurden. In den Privatpaketen lagen oft Dinge, die nicht mehr ganz neu waren, und Marie Juchacz legte manchem Privatpaket Briefe bei, mit denen sie sich dafür entschuldigte: - " Als wir als Emigranten in dieses Land kamen, sind wir auch nicht beleidigt gewesen, dass man uns Dinge angeboten hat, die schon andere getragen hatten. Als ich nach unserer grossen Flucht durch Frankreich im Süden landete, wäre ich froh gewesen, wenn ich eine solche Hilfe gefunden hätte. Man ist hier in diesem Land doch recht kameradschaftlich, so wie es aus dem demokratischen Gefühl kommt und wie es heranwächst in einem Land mit grossen Einwanderungsquoten, wo der Helfende seine eigene Vergangenheit noch nicht vergessen hat. So wird eben anders, viel selbstverständlicher und kamerad - 318- schaftlicher gegeben, als wir es von früher gewohnt sind. Aber auch die Emigration als solche war untereinander viel hilfsbereiter im eigenen Kreis, und ich kann mir denken, dass auch bei vielen Menschen drüben aus unseren Kreisen das Gefühl der Kameradschaftlichkeit gestiegen ist, sodass wir es von hier aus' wagen' können, privat so zu helfen, wie es uns möglich ist, ohne den anderen zu verletzen." sich nicht Es fällt schwer, xxxk in der Fülle des Materials, das aus der Zeit nach 1945 vorliegt, x* x* x* x* k* zu verlieren, aber der Wiederaufbau der Arbeiterwohlfahrt, gesteuert von der Hauptgeschäftsführerin Lotte Lemke, die in x ständigem Kontakt mit Marie Juchacz stand, gehört zum Leben und zur Arbeit von Marie Juchacz, auch wenn sie von New York aus unter den postalisch sehr erschwerten Umständen nur in grossen Zügen auf diese Entwicklung einwirken konnte. Lotte Lemke hat das Wiedererstehen der Arbeiterwohlfahrt selbst in einem Bericht zusammengefasst: " Als die Arbeiterwohlfahrt auf dem materiellen, physischen und psychichen Trümmerfeld, das uns das Dritte Reich hinterlassen hatte, ihre Arbeit wieder aufnahm, da begann sie ohne jede finanzielle Grundlage und ohne die geringste Andeutung eines Organisationsapparats. Es war ergreifend und unendlich ermutigend, wie an allen Orten Ansätze entstanden, die alten Arbeiterorganisationen wieder ins Leben zu rufen. Auch für die Arbeiterwohlfahrt regten sich solche Kräfte. Von der vorher so bedeutenden Organisation und ihren schönen Einrichtungen war nichts weiter übrig geblieben als der gute Wille und die Erfahrungen einiger weniger Menschen, die mutig die Arbeit wieder aufnahmen. In dieser Anfangssituation, die ge ennzeichnet war durch den nie versiegenden Flüchtlingsstrom, durch das Heer der zurückflutenden Kriegsteilnehmer und die Scharen der auf den Landstrassen herumirrenden Jugendlichen, war der Kampf zu führen um Obdach, Kleidung und Hausrat für die Flüchtlinge, Evakuierten und Ausgebombten. Den Kriegsversehrten und Kriegs hinterbliebenen, den Heimkehrern musste geholfen werden, aber vor allem brauchten Hilfe die Kinder, die der Nahrungsnot und allen anderen Folgeerscheinungen des x verlorenen Krieges ausgesetzt waren und diesen Gefahren am wenigsten Widerstand entgegen zu setzen hatten. Geholfen werden musste auch der elternlosen Jugend, die heimat- und obdachlos über die Landstrassen zog, gefährdet und andere gefährdend. Nicht zuletzt brauchten Hilfe auch die Alten, die in der Unsicherheit und Trostlosigkeit ihres Lebens vertrauensvoll zur Arbeiterwohlfahrt kamen. Der Aufbau der Arbeit vollzog sich zunächst auf der örtlichen Ebene, ohne irgendeine Anweisung von' Oben', und ohne jeden Auftrag. Es bestand auch zu nävhst gar keine Verbindung untereinander. Erst allmählich bildeten sich Kreis- und Bezirksausschüsse, und ganz zuletzt erst, Anfang 1946, trat der - - 319Hauptausschuss in Aktion, um zusammenzufassen, zu koordinieren. und Es konnte nicht ausbleiben, dass die so sehr erschwerte Fühlungnahme die in jeder Besatzum gszone anders gelagerten Voraussetzungen und Bedingun gen die einheitliche Entwicklung der Organisation erheblich störten und dass es notwendig wurde, in Besprechungen und Konferenzen verschiedenartige und Entwicklungen, gegensätzliche Auffassungen aufeinander abzustimmen. Das ger schah im allgemeinen in dem gegenseitigen Bemühen, einerseits die Einheitlichkeit in Organisationsform, Arbeitsweise und Zielsetzung zu gewährleisten, andererseits berechtigte, regional bedingte Sonderentwicklungen nicht ohne Not zu hemmen. Die erste Reichskonferenz der Arbeiterwohlfahrt im Mai 1947 in Kassel einigte sich denn auch auf Richtlinien, die von den Vertretern aller Bezirke in den drei westlichen Besatzungszonen und von Berlin einstimmig angenommen wurden." Hilfs Wenn Lotte Lemke in diesem zusammenfassenden Bericht nichts von den aktionen sagt, die vom Ausland gestartet wurden, dann ist das keine Unterschlagung eines wichtigen Entwicklungsvorganges, sondern ein bewusster Verzicht auf die Darstellung der abertausend Kleinaufgaben, die schon immer zum Erfüllungsprogramm der Arbeiterwohlfahrt gehörten, die aber gerade in den Jahren bis zur Währungs reform in besonderem Umfange gelöst werden mussten. Was die Arbeiterwohlfahrt auf diesem Gebiet leistete, ging in Berichtform laufend nach New York, wo das Material von Marie Juchacz in die für die Weiterführung und Ausweitung der Aktionen so wichtigen Kanäle******* x geleitet wurde. Aber Marie konnte natürlich nie genug Material bekommen: " Mich interessiert sehr stark, was die Partei und die Arbeiterwohlfahrt machen und ich bin dankbar für jede Nachricht und vor allem für lebendige Schilderungen der Tätigkeiten. Ich möchte am liebsten dort bei Euch mitwühlen, muss es aber auch hier tun, und tue es gerne. Aber nichts ruft ein so grosses Gefühl des Heimwehs herauf, als wenn man etwas über die alte und so geliebte Arbeit hört." Im gleichen Brief, den sie am 17. Januar 1947 an August und Klara Kirschmann schrieb, geht sie auch auf einige private Dinge ein: Paket " Reizend ist Euer' Geständnis', dass Ihr Lottes' beraubt habt. Sie wird sicher darüber gelacht haben. So faul sie im Schreiben ist, auch uns gegenüber, so gerne gibt sie ab. Else Meerfeld schrieb mir heute:" Lotte lässt überhaupt nichts von sich hören. Jean wollte sie auf einer Fahrt nach Mülheheim besuchen, wollte aber den Tag nach Lottes Freizeit richten. Bis jetzt ist aber keine Antwort da.'. Das kenne ich aber! Eines Tages platzt sie dann mit schlechtem Gewissen und irgend etwas herzlichem Mitgebrachten herein. Oder wenn man kommt, weiss sie nicht, was sie alles Liebes und Nettes tun soll. Sie hatte eben als Kind schon ihren' Privatkopp', das ist e- ben meine Lotte. Du siehst, ich werbe richtig für sie, bitte darum, es ihr - 320- nicht übel zu nehmen, wenn sie nicht schreibt. Obwohl ich mich natürlich selber über ihr Schweigen ärgern muss, es geht nicht anders. Aber muss nich ein Jeder von uns so verbraucht werden, wie er geschaffen und schliesslich gewachsen ist?- Aus München haben wir übrigens eine Probe davon bekommen, dass die Frau von Fritz, Maria, wirklich eine grosse Künstlerin und sehr begabt ist, und das freut uns ja doch sehr.- Dass Ihr bei Paul wart, ist fein, und ich danke Euch, dass Ihr so gut von ihm und den Jungens berichtet." Dass Marie in ihren Briefen an die nächsten Angehörigen und Freunde auf private Dinge************* einging und dabei manches Herzensgefühl verriet, ist nur dadurch zu erklären, dass sie durch die Emigration von allen getrennt war und für ihre eigene Arbeit etwas von der menschlichen Wärme der ihr Nahestehenden spüren wollte. Desto sachlicher, nüchterner, bestimmter und klarer war der Ton, den sie in allen Briefen, die sich mit ihren eigenen Aufgaben in New York und mit denen der AW in Deutschland beschäftigte ten, anschlug. UMIJ Resto Cuberraschter war Lotte Lemke, als sie am 29. Januar 1947 folgenden Brief von Marie erhielt: " Ich beglückwünsche Dich und die AW zu den Leistungen, die man doppelt und dreifach hoch einschätzen muss, wenn man weiss, wie die Mitarbeiter heute noch selber unter der Vergangenheit der Hitlerzeit und unter den Entbehrungen der Gegenwart zu leiden haben. Aus den vielen Briefen, die ich bekomme, kann ich bei aller persönlichen Zurückhaltung doch herauslesen, dass die Schreiber selber in mancherlei bitterer Bedrängnis sind. Und dann habe ich dauernd ganz stark den Wunsch, mehr- viel mehr tun zu müssen, um auch von hier aus diesen Berg von Elend abtragen zu helfen. Vor dem Willen der bedrängten Menschen, unter allen Umständen und gegen alle Widerstände die Not zu bezwingen, habe ich immer wieder die grösste Hochachtung.- Bitte grüsse alle und jeden, und sage ihnen, dass es mir nicht möglich ist, jedem einzeln zu antworten, so gerne ich das täte. Aber es ist aus physischen und auch aus zeitlichen Gründen einfach unmöglich." Im gleichen Brief wirft Marie einen Gedanken auf, den sie in dieser Form niemals niedergeschrieben hätte, wenn das von ihr ohne jede vorherige Ankündigung Lotte Lemke gegenüber gebrauchte' Du' nicht gewesen wäre: " Wir haben hier immer etwas Sorge, und besonders mir geht es so, dass Ihr drüben und besonders Du glauben könntet, dass man von hier aus mitbe- - stimmend in die Gestaltung der organisatorischen Notwendigkeiten eingreifen will. Nichts liegt mir ferner als das." Sofort nach Erhalt dieses Briefes, am 21. Februar 1947, schrieb Lotte Lemke in ihrer Antwort: - 321- " Liebe Marie Juchacz! Sie verwenden in Ihrem Brief vom 29. Januar, den ich heute erhielt, das kameradschaftliche' Du'. Damit machen Sie mir eine grosse Freude, und wenn auch das Gefühl der Verehrung, das ich für Sie empfinde, gewisse Hemmungen in mir hervorruft, dieses' Du' zu erwidern, so bin ich doch auf der anderen Seite sehr glücklich über diesen Ausdruck Ihres Vertrauens und werde mir Mühe geben, nicht darüber zu stolpern, wenn ich nun im Laufe der weiteren Korrespondenz diese Anrede auch Ihnen gegenüber gebrauchen werde. Zunächst die Mitteilung, dass ich vor einigen Tagen Dein Kleiderpaket erhalten habe, dass Du mir mit Deinem so freundlichen und verständnisvollen Brief bereits angekündigt hattest. Es war in den ersten Monaten für mich wirklich sehr schwer, mich immer ordentlich anzuziehen und frisch auszusehen. Die wunderbare weisse Bluse wird mein Selbstgefühl heben, und das Kostüm braucht nur ein wenig enger gemacht zu werden. Ich kann Dir garnicht sagen, welche Freude mir dieses Paket gemacht hat. Aber Du wirst es Dir vorstellen können, denn Du bist ja während Deiner Emigration sehr oft in der gleichen Lage gewesen. Ein Paar Schuhe habe ich, Dein Einverständnis voraussetzend, meiner Mitarbeiterin Emma Schulze- früher Regierungsrätin beim Oberpräsidium in Königsberg- gegeben, die immer nasse Füsse hatte." Im gleichen Brief geht Lotte Lemke- scheinbar so nebenbei- auf die Möglichkeit eines Besuchs von Marie Juchacz in Deutschland ein: " Vor einigen Tagen war Regina Kägi hier und es war für uns ein rechtes Erlebnis, mit dieser reifen und warmherzigen Fraudzusammen sein zu können. und von ihr zu hören, wie es in den anderen Ländern, die vom Naziterror heimgesucht worden, aussieht. Ich musste in diesen Tagen immer denken: wie würde es sein, wenn Marie Juchacz einmal zu uns käme? Tatsächlich, lässt sich das nicht verwirklichen? Ich glaube, unsere Arbeit würde einen sehr schönen Aufschwung bekommen und viele der alten und neuen Mitarbeiter würde sehr glücklich sein, Dich hier zu haben. Was Herta Krauss möglich gewesen ist, müsste nun langsam auch für Dich möglich sein. Die Strapazen sind ja noch sehr gross, und die Reise ist sehr teuer, aber vielleicht können die Gewerkschaften die Reisekosten übernehmen. Wir würden uns alle unendlich freuen, Dich wiederzusehen." Dieser von Lotte Lemke aufgeworfene Gedanke blieb nicht ohne Wirkung, die sich aber nicht darin äusserte, dass Marie nun alle Hebel in Bewegung setzte, um eine Reise nach Deutschland zu ermöglichen. Bei ihrer Energie hätte sie das in wenigen Wochen geschafft. Sie liess sich das nur durch den Kopf gehen, um alles, was damit zusammenhing, gründlich zu durchdenken, wobei sie zu dem Ergebnis kam, dass es dann nur eine Möglichkeit geben müsste: die endgültige Heimkehr nach Deutschland, und nicht nur für - 322- sie, sondern auch für Emil Kirschmann und Kaethe Fey. Aber dazu war die Zeit noch nicht reif. In New York, 339 East, 173rd Street," in der Bronx" wo Marie, Emil und Kaethe in gemeinsamem Haushalt lebten, wurde nicht viel darüber gesprochen. Noch bevor die Reaktion von Lotte Lemke auf das' Du' in New York eintraf, stellte Marie beim Ablegen der Kopien fest, " dass mir in meinem letzten Schreiben das' Du' unterlaufen ist. Das passiert mir jetzt öfter, weil ich in der Emigration gelernt habe, mich mit sehr vie len Menschen leichter zu duzen, und dann liegt es auch daran, dass das Englische keinen Unterschied zwischen Du und Sie macht. Jetzt bin ich nun in Verlegenheit: soll ich dabei bleiben, oder nimmst Du( nehmen Sie) es übel auf?" Marie Juchacz blieb dabei, noch bevor Lotte Lemkes Antwort in New York eintraf. xxx. So schloss sich auch menschlich der Kreis um diese beiden Persönlichkeiten, die sich einmal als' Vorgesetzte' und als' Mitarbeiterin' zwanzig Jahre zuvor zum ersten Mal begegnet waren. Marie hatte einen neuen Freund gewonnen, dem sie nun ihre eigenen Freundschaften weitergab: " Demnächst wird dort ein alter Parteifreund, Dr. Erich Lewinski, eintreffen. Er war früher ein bekannter Rechtsanwalt in Kassel. Ich lernte ihn erst in der Emigration kennen und schätzen. Er folgt einem Ruf als Landgerichtspräsident für den dortigen Bezirk, wahrscheinlicher Sitz in Kassel. Er wird manches berichten können- wie wir leben, arbeiten, und auch über personalitas. Das ist besser als geschrieben,- ist farbiger und illustrativer." Am 21. März 1947 geht Marie auf Lotte Lemkes Anregung zu einem Besuch in Deutschland ein: " In letzter Zeit klingt- nicht nur bei Dir- in Briefen an mich die Bemerkung an, dass ich doch einmal herüberkommen sollte nach Deutschland. Natürlich zieht es mich auch, aber- es ist wirklich keine Uberheblichkeit, wenn ich für den Augenblick bei näherer Prüfung zu dem Schluss komme: im gegenwärtigen Zeitpunkt fühle ich mich- in Eurem interesse drüben!- so unabkämmlich, dass ich nicht einmal die Energie darauf verwenden möchte, diesen Gedanken zu verfolgen, oder gar Vorbereitungen zu treffen, deren Resultat dann in absehbarer Zeit eine solche Reise wäre. Warum,- das kann ich in einem solchen Brief nicht so deutlich sagen, aber das Emigrationsmilieu, seine ideologische, seelische, charakterliche und sonstige Aufspaltung, sind schon zu allen Zeiten ein Problem für sich gewesen. Und wenn sich dann diese Emigration noch zusammenfinden muss mit den richtig Eingewanderten, die nebenbei- so weit sie sozialistisch gesinnt sind- sehr grosses Verantwortungsgefühl haben und gerne helfen wollen, wird das Pro - 323blem noch schwieriger. Aber vielleicht wickelt sich hier alles viel schneller zu meiner zufriedenheit ab, als ich im Augenblick des Schwarzsehens annehmen kann. Dass ich dann zugänglicher für Einladungen' bin, brauche ich wohl nicht extra zu betonen. Ich schrieb schon von Dr. Erich Lewinski, - der einen juristischen Posten in Kassel übernehmen soll. Wir sind befreundet, er und seine Frau Hertha werden sich der Partei und der AW zur Verfügung stellen. Augenblicklich sind sie noch in England, kommen aber in kürze bei Euch an. Er kann ein guter Interpreter sein, wenn ich mit ihm, und mit Dir, dann aber auch er und seine Frau mit Dir in gutem nontakt bleiben.- Ich habe wirklich nach wie vor den wunsch, zu allen zu sprechen und unserer so geliebten Aufgabe in jeder Weise mit meinen Erfahrungen und mit meiner schwachen Kraft zu dienen." - Jeder* x* x* x Brief aus dieser Zeit verrät die Art, in der Marie dieser Aufgabe nicht nur diente, sondern sich mehr verbrauchte, als es ihre körperlichen Kräfte erlaubten. Der Gedanke, nichts zu versäumen, was dazu beitragen könne, praktische Hilfe nach drüben zu bringen, zwa ng sie bis in die tiefen Nachtstunden an die Schreibmaschine, wo sie alle, die sie in die grosse Aufgabe einspannen konnte, in ausführlichen Darstellungen zu gewinnen versuchte. Sie schaltete sich bei allen Care- und Cralog- Stellen ein, die mit dem Paketversand nach Deutschland zu tun hatten, um dafür zu sorgen, dass die AW beim Verteilungsschlüssel in gerechter Weise mit berücksichtigt würde. Ihre Anregungen kamen in so dichter Folge, dass selbst der allmählich sich einspielende Apparat der Hauptgeschäftsführung in Hannover alle Mühe hatte, diese Anregungen weiter zu verfolgen und in den meisten Fällen zu einem guten Ergebnis zu bringen. Das New Yorker Dreigespann war fast besessen von dem Erfüllung der Aufgaben, die sich jeder selbst stellte, wobei sich eine Art' Interessengebiets- Abgrenzung' einstellte, die wunderbar funktionierte. Emil mobilisierte den ganzen Bekanntenkreis, um ihn für Privatinter epicen paketsendungen nach Deutschland zulieren. Von Marie erhielt er die aus der Korrespondenz herausgezogenen Namens- und Adressenlisten, die er aufschlüsselte und jedem in die Hand drückte, der gelegentlich einige Dollars für ein gift- parcel abzweigen konnte. Kaethe Fey warr- neben ihrer Tätigkeit als Krankenpflegerin vollauf damit beschäftigt, den privaten' Kundenkreis' zu bedenken, also die Familie und alles, was damit zusammenhing. Sie brauch te dafür keine Listen. Einige Worte von Marie blieben so lange in ihrem Gedächtnis, bis sie von ihr erledigt wurden. Marie hatte es übernommen, die Pakete in ihren Briefen anzukündigen und auch die Inhaltszettel auszuschreiben. So ergab es sich zwangsläufig, dass sich jeder bei ihr bedankte, wofür sich aber Marie nicht zuständig hielt: - " Der Dank ist immer an mich, und damit an die falsche Adresse gerichtet. Wohl begleiten meine guten Wünsche jedes Stück, das an Euch, an meine Kinder oder - - 324- an gute Freunde abgeht. Aber die Gerechtigkeit gebietet mir, bei solchem häufigen Lob doch zu sagen, dass es Kaethe Fey ist, die ihre ganze Zeit und Kraft darauf verwendet, unseren grossen Verwandten- und Freundeskreis mit den notwendigsten Dingen zu versehen, und es ist ganz erstaunlich, wie sie sich in die Bedürfnisse eines jeden, mit dem wir in solcher Verbindung stehen, hineindenkt. Trotzdem danke ich Euch doch für die gute Meinung, die Ihr von meiner Tüchtigkeit habt, ich nehme ganz gerne einen kleinen Sonnen strahl auf, auch wenn es nicht ganz gerecht ist. Wir sind ja so froh, dass in der Mitte zweier, die nicht mehr so können, wie sie gerne möchten, doch einer ist, der diese Lücke ausfüllt. Allerdings haben wir es in den letzten beiden Wochen auch gespürt, als Kaethe eine Darmgrippe hatte. Abgesehen davon, dass es uns leid tat, dass sie krank war, mussten wir aus eigenem Zupacken erkennen, was sie tagtäglich leistet." Noch amgleichen Tag- es ist der 7. April 1947, und Marie ist inzwischen 68 Jahre alt geworden- kurbelt sie in einem Brief an Lotte Lemke eine kleine Dank- Aktion an, die dazu beitragen soll, der Öffentlichkeit zu beweisen, wie die Arbeiterwohlfahrt- im Gegensatz zu den kirchlich ausgerich teten Organisationen- bei ihren Hilfsmassnahmen nicht nach Glaubens bekenntnissen vorgeht, sondern ausschliesslich nach dem Gesichtspunkt der grössten Bedürftigkeit: " Man kann auch in unseren Kreisen nichts dagegen haben, dass einmal ganz öffentlich die Wahrheit darüber gesagt wird, und ich finde, dass es Zeit ist!- Meine Gedanken kreisen Tag und Nacht um Euch und Eure Arbeit, um die Not-- und meine Ohnmacht. Verstehe bitte, dass ich Dir zwischendurch einmal nur einen Rat geben will, es aber voll und ganz Dir überlasse, ob und wie Du ihn durchführst. Man kann von hier aus nicht immer alles so deutlich übersehen, um immer das Richtige zu treffen. So wirst Du es mir auch nicht verübeln, wenn ich einmal mit meinen Anregungen dahebentippe." Aber Marie tippte selten daneben. Mit ihrem Brief vom 17. April konnte Lotte xxx Lemke nach Amerika berichten: - - wenn " Ich muss immer wieder sagen, welch grosse moralische und praktische Hilfe es für uns ist, dass von Amerika aus bereits eine gerechte Aufschlüsselung der Spenden erfolgt. Sie ist nun schon einige Male erfolgt, einmal bei den Care- Freipaketen, jetzt bei der Sammlung der Staat szeitung* und qua vorerst noch ohne praktisches Ergebnis- bei der Planung der grossen Aktion der Gewerkschaften. Wir führen im Zentralausschuss für die Verteilung von Auslandsspenden einen unentwegten Kampf um den sogenannten Leistung sschlüssel. Die konfessionellen Verbände wollen ihn so errechnen, dass alles einbezogen wird, was an Anstalten und hauptamtlichen Berufskräften aufzuweisen ist. Wir lehnen diesen Schlüssel ab mit der Begründung, dass es sich bei der Verteilung von Auslandsspenden um die Bekämpfung der Ernährungsnot Einschalten auf Seite 325 bei Solche Briefe gaben Ma rie die Anregung, von sich aus weitere Schritte zu unternehmen, um zu einer gerechteren Aufschlüsselung zu kommen, wobei sie nicht nur die in den Staaten zuständigen Stellen zu beeinflussen versuchte, sondern auch manchen Brief nach Deutschland schrieb, an alle, die in irgend einer Form xxxxxж* am grossen AW- Hilfswerk mitarbeiteten und die schon an entscheidenden, politisch wichtigen Stellen****** и wirkten, um deren Einfluss mit in die Waagschale zu werfen. Zu diesen gehörte auch Louise Schröder in Berlin, mit der Marie schon sehr bald Fühlung aufgenommen hatte, und nicht nur aus' beruflichen', mehr noch aus menschkichfreundschaftlichen Gründen. Louise gehörte zum alten Stamm und war mit Marie in besonderer Freundschaft verbunden. Keine vergass den Geburtstag der anderen, auch wenn sich an solche Geburtstagswünsche meist längere berufliche Abhandlungen anschlossen. So schrieb Marie am lo. April 1947 nach Berlin: " Meine liebe Louise, zuerst meine nachträglichen, herzlichsten Glückwünsche zu Deinem Geburtstag. 60 Jahre! Man stellt sich nach einem so ausgefül ten Leben die Feier des Sechszigsten etwas anders vor. Nicht mitten in solcher Nervenqual, wie Ihr sie dort in den harten Wintermonaten habt durchleben müssen. Lass mich in diesem Zusammenhang darüber schweigen. Nimm von Emil und mir- aber auch von unserer Hausgenossin Käthe Fey, der Du durch unsere Gespräche auch ein Begriff geworden bist- unsere allerherzlichsten Wünsche entgegen. Hier bei uns scheint nun die Sonne, und ich hoffe, sagen zu dürfen, dass auch für Dich und alle Deine Schützlinge die auch Euch wärmenden Sonnenstrahlen das schönste Geschenk sein mögen. Und dass wir weiter wünschen, dass die Folgen dieser Kälteperiode so gering wie überhaupt nur möglich sein sollen. Wir waren an Deinem Geburtstag in Gedanken bei Dir, wenn ich auch erst heute dazu komme, Dir zu schreiben." 1f Der weitere Inhalt des Briefes enthäkt dann eine Fülle von Wünschen über Unterlagen, Material, Berichten, um damit in New York arbeiten zu können: " Ich lasse die Leitung des Berliner AW- Büros bitten, mir nicht böse zu sein, dass ich wiede einmal den Weg über Dich gehe. Aber die Sache ist so wichtig, dass man sie doch mit Dir besprechen muss, sodass es schon aus diesem Grunde wichtig ist, diesmal den Weg so herum zu gehen, obwohl ich mir der Belastung für Dich sehr wohl bewusst bin und auch verstehen kann, dass Deine Mitarbeiter Dich gerne etwas entlasten möchten. Und dass noch ein anderer Grund da ist, diesen Weg zu gehen, ist auch klar. Darüber kein Wort. Und, bitte, sei mir nicht böse, dass ich so viel verlange." - In keinem Brief an Louise fehlten auch die herzlichsten Grüsse für Paul Löbe, dem Marie ebenfalls in bester Freundschaft verbunden war. Louise Schröders Antwort liess nicht lange auf sich warten: " Dir, Emil und Käthe Fey vielen herzlichen Dank für Eueren Brief vom lo. April und Euere lieben Wünsche zu meinem Geburtstag. Ja, ich bin nun wirklich schon sechs zig Jahre alt, und eigentlich eine alte Frau, nur dass ich mir das leider immer noch nicht erlauben kann. Many verlangt von mir, dass i ich wie eine Junge arbeite, und ich probiere es auch. Von unserer Oberbürgermeister- Krise werdet Ihr ja gehört haben. Es waren wieder recht schmerzliche Wochen. Nichts ist schlimmer als Unstimmigkeiten in der eigenen Familie. Das hat zwar nicht gehindert, dass man mir zu meinem 60. Geburtstag so viel Glückwünsche, Blumen und Geschenke und so viele liebe Worte gewidmet hat, dass ich selbst darüber ganz beschämt bin. Es hin dert aber auch nicht, dass man mir mit der Stellvertretung des Oberbürgermeisters eine neue, schwere Last auferlegen möchte, von der ich noch garnicht recht weiss, ob ich sie tragen soll. Zu unserer Arbeiter- Wohlfahrt: ich stikme Deinen Ausführungen in allem bei. Es ist leider wirklich so, dass die Kämpfe um die Gaben nicht aufhören, und ich bin manchmal geradezu etwas verzweifelt, wenn sie im Beisein von Ausländern ausgetragen werden. Vor einer guten Woche nahm ich an einer Parteiausschuss- Sitzung in Bad Meinberg teil und traf dort zu meiner Freude nicht nur Max Brauer, sondern auch Carl Severing zum ersten Mal nach 14 Jahren wieder. Mit Max Brauer, Ru dolf Katz und Hermberg war ich an meinem Geburtstag bei meiner Schwester in Altona zusammen. Ich hatte mir dort einige Tage für die Familie gegönnt, allerdings in Verbindung mit Wahlversammlungen in Schleswig- Holstein. Der Wahlerfolg hat ja nun Hermann Lüdemann zum Ministerpräsidenten gemacht. Ich wünsche Euch Dreien alles Gute!" In New York hatten sich inzwischen in der Zusammensetzung des Gremiums der Arbeiterwohlfahrt einige Änderungen ergeben. - 325- im Rahmen der offenen Fürsorge handelt und dass an dieser Arbeit alle Verbände gleichmässig interessiert und beteiligt sind. Es entspricht einem Grundsatz der Billigkeit und Gerechtigkeit, dass der Arbeiterwohlfahrt, die durch das Naziregime völlig zerschlagen war und die sich heute wieder unter unsäglichen Mühen und Opfern zu einer sehr starken Organisation zusammengefunden und entwickelt hat, nicht durch kleinliche Errechnungsmethoden ihr Aufbau erschwert und damit das begangene Naziunrecht verewigt wird. Wir verlangen darum* und haben es- zumindest in der britischen Zone immer durchsetzen können, die völlige Parität. Damit sind nun schon so viel le Präzedenzfälle geschaffen worden, dass wir hoffen, recht bald zu einer generellen Klärung dieses Grundsatzes zu kommen. 11 Am 18. Mai 1947 schrieb Marie an Lotte Lemke auf einem Briefbogen der Arbeiter- Wohlfahrt, den sie nur aus informatorischen Gründen benutzte: " Ich gebrauche grundsätzlich sonst mein eigenes Papier, weil ich keine Konfusion stiften will. Diesmal tue ich es nur, damit Du an der aufgedruckten Korrektur siehst, wie die Körperschaft der AW in Wirklichkeit zusammengesetzt ist. Ich bin nun zum' Präsidenten' aufgerückt, aber es fanden sich noch mehrere Bogen, die erst aufgebraucht werden müssen." Wenn Marie geglaubt hatte, dass sich die Arbeit in New York einspielen würde, dass es zu einer Entlastung kкяяяяя und damit doch zu einem möglichen Besuch in Deutschland kommen könnte, hatte sie sich geirrt. Das Gegenteil war der Fall, die Arbeit nahm solchen Umfang an, dass sie einfach nicht mehr mitkam. Am 16. Juni macht sie ihrem Herzen in einem Brief an Lotte Lemke Luft: - " Ich führe eigentlich für mein Alter ein zu geschäftiges- besser: beschäftigtes Leben. Es bleiben Briefe liegen, werden nicht beantwortet, und andere, wichtigere, werden nicht geschrieben. Ich will nicht von der Primitivität meiner Arbeitsbedingungen sprechen, das wäre vermessen, denn ich habe Papier und andere Hilfsmittel, so viel ich bezahlen und verbrauchen kann. Im Gegensatz zu Euch drüben. Aber ich muss alles alleine und selbst schreiben, und wehe mir, wenn ich an einem Tage nicht fertig werde mit dem, was an diesem Tage angefallen ist. Am nächsten Tag liegt dann schon wieder so viel anderes vor, an Schreibarbeiten, Sitzungen, Telephonaten usw. Nicht allein die Zeit fehlt dann, es wird so viel aus dem armen, überlasteten Hirn verdrängt, was am Tag vorher schon fest wie ein Felsen dastand und nur getippt zu werden brauchte." Dass sie es aber dann doch schaffte, ist- wenn xxxx man sich heute alle Akten vornimmt und durchblättert keine übermenschliche Leistung, sondern noch mehr: ein Wunder. Hätte Marie einen ganz kleinen Büroapparat gehabt, - eine Sekretärin, der sie hätte diktieren, - - 326- können, die für die Ablage aller Dinge gesorgt, eine gute Registratur geführt***** und auch manches Telefonat abgenommen hätte, wäre das Ergebnis ihrer Anstrengungen, von New York aus zu helfen, ungleich grösser gewesen, ganz zu schweigen von den Kräften, die sie sich gespart hätte, um ihr Leben zu verlängern. Aber ging es in diesen schweren Tagen nicht allen Menschen so, die vor der Lösung von menschlichen und organisatorischen Aufgaben standen und es einfach nicht mehr schaffen konnten? Auch Lotte Lemke wuchsen die Aufgaben über den Kopf, jxd und noch mehr spürte sie, dass sie zu den wenigen gehörte, die aus der Arbeiterwohlfahrt mehr machen wollte als nur eine caritative Hilfsorganisation. So schrieb sie am 25. Juni 1947 an Marie Juchacz: " Ich habe das sehr starke Bedürfnis, mich mit Dir über viele Fragen und Probleme auszusprechen, und ich leide darunter, dass das nicht sein kann. Es gibt hier nicht viele Menschen, die mit unserer Sache wirklich so ganz verwachsen sind und über den Dingen stehen. Die rein organisatorischen Fragen sind gut in Fluss gekommen und werden sich auch weiterhin zufriedenstellend entwickeln. Was mich bewegt und mir eigentlich niemals Ruhe lässt, ist der innere Ausbau, das Ethos, der geistige Gehalt der Arbeiterwohlfahrt. Wir sind sehr schnell gewachsen und die Organisa tion ist überall grösser, stärker und einflussreicher als früher. Die Aufgaben fallen uns, wie das ja in solchen Notzeiten nicht anders sein kann, zu. Auch die Zeit hat für uns gearbeitet. Viele Dinge, um die wir früher kämpfen mussten, sind heute selbstverständlich. An dem moralischen Prestige, das heute weethin alle Bestrebungen geniessen, die auf dem Boden des demokratischen Sozialismus stehen, nimmt auch die Arbeiterwohlfahrt lebhaft teil. Das erleichtert vieles, aber es besteht die Gefahr, dass viele Dinge als Verdienst gewertet werden, die durch die Gunst der Verhältnisse sich entwickelt haben, und dass weiterhin das Organisatorische, Technische- und damit das Ausserliche überwiegt. Ich meine, dass alles darauf ankommen müsste, aus der Arbeiterwohlfahrt mehr zu mabhen als nur einen Apparat, der Hilfe vermittelt. Wenn wir es schaffen, die in unserer Arbeit überall spürbare lebendige Ethik weiter zu entwickeln, dann könnte die AW in späterer Zukunft einmal* x* x die Wohlfahrtsorganisation in Deutschland sein. Ich habe die Hoffnung, dass sich die Dinge doch noch einmal dahin entwickeln. XX Aber nun brauchen wir Dich. Xxx Es hat lange gedauert, bis ich mich entschlie ssen konnte, es Dir so unumwunden zu schreiben, denn ich weiss, was ein solcher Brief an Dich bedeutet, und Du wirst in Konflikte gestürzt zwischen den Aufgaben, die drüben zu erfüllen sind, und denen, die Deiner hier warten. - - 327Ich habe zu niemandem darüber gesprochen und ich werde- wie auch Deine Antwort ausfällt- niemandem etwas davon sagen. Du sollst Dich ganz frei fühlen in Deiner Entscheidung und wissen, dass ich sie in jedem Falle respektiere. Ich rechne eigentlich wenn ich mir Deine ganze Situation überlege - damit, dass Du nicht zusagen kannst, wenigstens***** im Augenblick noch nicht. Aber ich fühle mich verpflichtet, Dir zu schreiben, weil ich fest daran glaube, dass Du einen starken Einfluss auf die künftige innere Entwicklung der Organisation haben könntest. Während ich diesen Brief schreibe, muss ich daran denken, dass ich überhaupt nicht weiss, wie Dein Leben in New York aussieht, welche persönlichen Verpflichtungen und Bindungen Dich unter Umständen halten. Ich weiss, dass Emil Kirschmann recht krank sein soll, und ich kann mir vorstellen, dass Du ihn jetzt nicht verlassen möchtest. Von Dir selbst hast Du niemals etwas geschrieben, und ich weiss nur durch Dritte, dass es Dir gesundheitlich gut gehen soll, und entnehme im übrigen Deiner Aktivität, dass vu sehr leistungsfähig bist. Aber es gibt so viele Imponderabilien, die bei solchen Entscheidungen, die Du zu treffen hast, mitspielen, dass ich das von hier aus garnicht übersehen kann. Ich hoffe, dass Du mich nicht************** x* x* missverstehen***** und diesen Brief als ganz persönlich an Dich geschrieben nehmen wirst, wenngleich ich sicher bin, alle unsere Menschen damit hinter mir zu haben." Marie Juchacz hat lange Zeit nicht auf diesen Brief geantwortet, nicht darauf antworten können, weil so vieles lief und neu dazukam, dass nach ihrer Meinung kein Trennungs schnitt möglich war. Die Vorbereitungen zum Weihnachts bazar waren bereits angelaufen, Dr. Kurt Schumacher und Fritz Heine waren im Begriff, ihre Amerika- Reise anzutreten, viele Aktionen für die versendung von Paketen verlangten ihr ständiges' Dabei bleiben', denn sie übersah die Dinge und spielte auf diesem instrument. Erst am 9. Oktober 1947 raffte sie sich zu einer Antwort auf: " Liebe Lotte,- heute will ich Dir auf den persönlichen Brief antworten. In Gedanken habe ich das schon sehr, sehr oft getan und dabei gewünscht, dass es ein Zwiegspräch sein könnte, und dass man sich dabei auch ansehen sollte. Aber ich mache es doch kurz und will auch versuchen, es möglichst klar und verständlich zu machen und auch Sentimentalitäten, von denen selbst der Stärkste in der Fremde nicht verschont wird, dabei auszuschalten. Du wirst Dir denken können, dass es mich herüberzieht, aus zwei Gründen: es ist die Bewegung, die ein Stück meines Seins ist und mein ganzes Denken ausfüllt. Dann möchte ich natürlich auch gerne meine Kinder und meine Enkelkinder sehen, so lange das möglich ist, denn ein Toter sieht nichts mehr, und ich bin immerhin jetzt mehr als 68 Jahre alt. - 328- Was meine Frische anbelangt, von der Du in Deinem Brief sprichst, für den ich Dir besonders herzlich danke, so habe ich das Gefühl, als sei ich wohl noch schnell ×××× ¤ ×××× к¤¤*** ¤¤¤¤¤¤яяджияяx in meiner Reaktionsfähigkeit und Handlungsfreude. Auch möchte ich nach ganz ernsthafter Selbstprüfung sagen, dass mein Urteil über Menschen, über die Dinge und ihre sachlichen Zusammenhänge eher reifer gewordenist, seitdem ich Deutschland verlassen habe. Von meiner körperlichen Frische sagt man, dass sie erstaunlich sei, doch weiss ich es besser, dass nämlich die Ausdauer der körperlichen Leistungsfähigkeit stark nachgelassen hat. Hier trügt der Schein, und das ist ja auch etwas durchaus Natürliches. Du sprachst davon, dass Du von Emils angegriffener Gesundheit gehört hättest und dass Du Dir denken kannst, das mich das vielleicht auch am Kommen hindert. Nun, es ist leider so, dass Emil, der sonst wahrscheinlich längst drüben wäre, seit Jahren durch seine angegriffene Gesundheit in seiner Bewegungsfreiheit behindert war. Wir hoffen aber, dass es bald so ist, dass ihn diese Unpässlichkeit nicht mehr hindern wird, seinem Wunsch zu folgen. Es wäre wegen dieser Umstände nicht unbedingt notwendig, hierzubleiben für mich, denn für Emils Pflege und Ordnung wäre auch während meiner Abwesenheit gesorgt. Für immer möchte ich natürlich nicht wegbleiben, viel eher einen vorübergehenden Aufenthalt dazu mithenutzen, um eine spätere Übersiedlung eventuell in etwa schon vorzubereiten. Starke Hinderungsgründe sind in meiner hiesigen Arbeit enthalten. Mein Wunsch wäre es gewesen, die ganze Arbeit für Deutschland vorzubereiten und so in Gang zu bringen, dass ich entbehrlich sein würde. Dieser starke Wunsch hat sich auf gRund verschiedener Umstände nicht erfüllt, bis heute auf jeden Fall noch nicht, und ich kann es auch noch nicht absehen, ob und wann ich es vor mir selber verantworten könnte, für einige Zeit hier fortzugehen. Eine weitere Schwierigkeit liegt bei der sogenannten' höheren Gewalt'. Das wäre zu überwinden. Stampfer hat es ja auch fertiggebracht, und man müsste ernsthaft den Anfang machen, wenn ja wenn die anderen Fragen gelöst sind. - Dann wäre noch das finanzielle Problem. Das Reisegeld hin und zurück ist x auch in diesem Land nicht so leicht aufzubringen. Stampfer weiss garnicht, mit wievielen Schwierigkeiten das verbunden war, und er soll es auch nicht wissen. Du weisst aber, dass, wenn man erst einmal die Nase hineingesteckt hat in diese und ähnliche Zusammenhänge und- wenn man auch das Menschliche dabei berücksichtigt, werden die Hemmungen, die man hatte, noch viel grösser. Dieser Brief ist nur scheinbar so kühl, wie er sich lesen wird. Ich habe mich gezwungen, alles ganz nüchtern auszudrücken. Trotzdem wirst Du daraus entnehmen, dass ich gerne kommen möchte und dass ich Dir ganz herzlich - 329- für das Vertrauen danke, das in Deinem Brief zum Ausdruck kommt. Es tut mir leid, dass ich in diesem Brief nicht auf die Schwierigkeiten eingehen kann, die mich noch hierhalten. Aber wenn Du alles, was ich Dir geschrieben habe, aufmerksam liest, wirst Du manches von selber verstehen. Ich meine es nun so: Du denkst vielleicht dort an eine Gelegenheit, mich für irgend einen wirklichen Zweck anzufordern oder einzuladen, oder auch einladen zu lassen, und ich sehe hier nach Gelegenheiten, die mich eventuell in die Lage versetzen, einer Einladung Folge zu leisten. Daneben wird es nach wie vor meine Aufgabe sein, die Dinge innerhalb der AW- Hilfsorganisation so zu meistern, dass ich tatsächlich überflüssig werde und die Arbeit ohne mich weiterläuft, was zur Stunde weniger der Fall ist denn je. Einverstanden?" - - Selbstverständlich hatte Marie den Inhalt des Briefes- bevor sie ihn endgültig beantwortete-mehrere Male mit Emil und Käthe durchgesprochen, aber man war niemals zu einem richtigen und- nach Meinung aller- guten Ergebnis gekommen. Die letzte Erkenntnis war immer die, dass Marie von New York aus fж* x* x* x* ж** яя mehr tun könne, als wenn sie zurück nach Deutschland ginge. Vielleicht wäre es an ders gekommen, wenn Emil gesund geworden und seinen ausgeprägten Wunsch, sich in Deutschland noch einmal nützlich zu machen, hätte verwirklichen können. Dann wäre auch Käthe mitgegangen. Da Marie ihre Arbeit restlos und ausschliesslich ehrenamtlich leistete und auf die finanzielle Unterstützung durch Käthe und zu einem geringen Teil durch Emils gelegentliche Arbeit angewiesen war, hätte sich zwangsläufig auch ihre Übersiedlung nach Deutschland daraus ergeben. So lange die allgemeine wirtschaftliche und soziale Not in Deutschland andauerte und kein Ende dieses grauenvollen Zustandes abzusehen war, und je mehr sich die Hilfsaktionen für die drei Westzonen ausdehnten, desto selbstverständlicher erschien Maries weiterer Verbleib, um von hier aus bei der Lenkung der Hilfsmittel im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitzusteuern. Das war ihre neue Aufgabe geworden, und sie konnte erst dann als erfüllt angesehen werden, wenn sich die Verhältnisse in Deutschland endgültig zum Guten wendeten. So blieb alles beim jetzigen Zustand, und die Tage in New York vergingen für alle drei- Marie, Emil und Käthe- mit der gleichen Arbeitslast wie bisher. Zu den bisherigen Aufgabenkamen neue hinzu, und die alten Probleme mussten nach wie vor laufend gelöst werden. So schreibt Marie in einem Brief vom 7. November 1947 an Emils Bruder August: " Uns geht es, den Verhältnissen entsprechend, gut. Emil ist relativ wohl, und Käthe geht ihrer nicht leichten Aufgabe at Krankenpflegerin nach, und macht ausserdem Pakete. Wenn wir zwishhendurch einmal eine solche Bestellung aufgeben, dann empfindet sie das als Erleichterung. Wenn wieder ein ' Selbstgepacktes' abgeschickt wird, dann bekommt Ihr den Zettel, und ich - 330- glaube bestimmt, dass die kleinen Wünsche alle notiert sind und auch erfüllt werden. Wie Käthe das alles gedächtnismässig schafft, ist mir ein Rätsel.- Ich sitze in der Arbeit, möchte gerne einmal aufatmen, aber es wird immer mehr. Ich muss mich damit abfinden, und Euch geht es sicher nicht besser damit." Ebenso ein Kätsel wird es dem Leser bleiben, wie Marie- allein auf sich selbst gestellt- alles schaffte. Am 5. Dezember 1947 heisst es in einem Brief nach Hannover in die AW- Zentrale: " Wir haben soeben unseren Weinachtsbazar absolviert. Es war die erste Veranstaltung********** der Arbeiterwohlfahrt dieser Art in New York und- wie ich glaube- auch in den USA.- Im allgemeinen werden hier von Organisationen viele Verkaufsbazare gemacht, aber um eine solche Arbeit durchzuführen, braucht es neben der Erfahrung, die man ja immer zum ersten Mal machen muss, auch Menschenkräfte, die ebenfalls erst geworben werden müssen. Gemessen daran war unser Bazar eine gelungene Sache, es wurde mit Umsicht, Fleiss und Hingabe gearbeitet. Natürlich können wir uns nicht- an Grösse der Veranstaltung- xxxx messen mit mancher anderen Veranstaltung, z. B. mit dem Riesenbazar der plattdeutschen Vereine, aber unsere Sache hatte Geschmack und ein solides Gesicht, und wir haben gesehen, dass wir Menschennkräfte als Helfer und Propagandisten mobilisieren und auch Käufer auf die Beine bringen." Im gleichen Brief kurbelt Marie aber schon Möglichkeiten für den nächsten Bazar an, weil sie der Meinung ist, dass bei gründlichster Vorbereitung das nächste Ergebnis noch besser werden dürfte. Sie erbittet Material, Bildtafeln mit entsprechender Beschriftung, Ausstellungs- und Verkaufsgegenstände, z. B. Spielzeug, das in den Bastelstuben der AW entsteht und dass sich ohne weiteres in den USA verkaufen lässt, ohne dass damit dem notleidenden Deutschlan lebenswichtige Dinge entzogen würden. Noch bevor dieser Brief in Hannover sein kann, kommt von dort Lotte Lemkes Stellungnahme zu Maries Antwort auf die Möglichkeit eines Deutschland- Besuchs: " Diesen Brief schreibe ich in erster Linie, um Dir für Deinen persönlichen Bruef von ganzem Herzen zu danken, in dem Du von Deinem Herüberkommen schreibst. Ich bin sehr glücklich darüber. dass Du grundsätzlich bereit bist, für einige Zeit herzukommen und Du wirst es mir sicher nicht verübeln, dass ich in der Freude meines He zens mit Herta Gotthelf darüber gesprochen habe, di sich genau so freut. Jetzt müssen wir von hier und von drüben die notwendigen Schritte einleiten, um den Plan zu verwirklichen. Die Aussicht, dass wir Dich dann im neuen Jahr hier haben werden, ist ein rechter Lichtblick in dieser dunklen Zeit. Ich hoffe, dass dieser Brief, wenn auch nicht mehr zu Weihnachten, so doch zu Neujahr bei vir sein wird. Er soll meine Grüsse und innigen Wünsche für ein gesundes und befriedigendes neues J - 331- Jahr Dir, Emil und Käthe bringen. Ich will aber das alte Jahr nicht zu Ende gehen lassen, ohne vir noch einmal von ganzem Herzen für all die Hilfe und Unterstützung zu danken, die ich in meiner Arbeit durch ich gehabt habe. In herzlicher Verbundenheit und Treue!" So ging das Jahr 1947 zu Ende. Marie hatte so viele Grüsse und Wünsche bekommen, dass es ihr nun völlig unmöglich war, jedem zu xantworten. Der vervielfältigte Rundbrief er machte noch genügend Arbeit, und auch das Adressenschreiben war unproduktiv und zeitraubend- war ihr letzter Ausweg. Aber selbst in diesem auf der Maschine im Büro der AW abgezogenen Rundbrief wusste sie allen etwas zu sagen: New Yorker " Seit einem Jahr erhalte ich eine solche Fülle von aufschlussreichen, aber auch mit Fragen verschiedenster art angefüllten Briefen, dass es zur unmöglichkeit wird, ie einzeln zu beantworten. Deshalb wähle ich die Form des Rundbriefes.- Zuerst meinen Dank für das freundliche Interesse. Ich bin mir bewusst, dass es gemeinsam Erlebtes aus früherer Zeit ist, das mich noch heu te mit so vielen wertvollen Menschen zusammenbindet. Einige der immer wiederkehrenden Fragen sind, was ich wohl erlebt habe und wie ich schliesslich in dieses Land gekommen bin. Das geschah weder freiwillig noch leichten Herzens. Wie mir ist es vielen ergangen. Das mag genügen. Aber es wäre ein grosses Unrecht, wollte ich nicht dankbar die freundliche Gastfreundschaft anerkennen, mit der man hierzulande den politischen Flüchtlingen entgegengekommen ist. Man hat uns auch dann, als die USA selbst mit im Kriege war, kaum fühlen lassen, woher wir stammen. Trotzdem ist es für einen nicht mehr jungen Menschen in einem fremdsprachigen Lande, mit anderen Sitten und Gebräuchen, mit anderen Lebensanschauungen und-bedingungen, nicht leicht, neue Wurzeln zu schlagen. Das trifft für mich und sehr viele Schicksalsgenossen zu. Es wird mir oft zu der' Position', die ich mir er ungen hätte, Glück gewünscht Ich weiss nicht, was ich mit diesen Glückwünschen anfangen soll. Es müssen schon eine ganz besondere Begabung und ebensolche Glücksumstände zusammenwirken, um hierzulande als Einwanderer so etwas wie eine Position zu bekommen. Ich gehöre nicht zu denen, die solche Glückwünsche entgegen zu nehmen haben, vermisse aber auch ebensoweng die' Position'. Zur Frage, wie ich hier lebe: sehr bescheiden, wie es die Situation gebietet. In diesem Lande, so reich es auch ist an natürlichen Schätzen, die durch den Fleiss und die Intelligenz seiner Bewohner wertvoll gemacht werden, untersteht der Einzelne den gleichen Bedingungen, wie sie bisher noch- in jedem Lande der Welt gültig sind: niemand kann mehr kaufen, als ihm die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen, erlauben. - Seit 1941 habe ich mir Mühe gegeben die Sprache dieses Landes, die sozialen - 332- Zusammenhänge und auch die allgemeine Mentalität kennen zu lernen. Das Resultat dieser Bemühungen ist sehr unvollkommen geblieben. Ich habe noch immer zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Jedoch manches davon kommt schon den Bemühungen, drüben zu helfen, zugute. - - Das Ende des Krieges brachte uns de Gewissheit der vorauszusehenden Folgen. Über die Verpflichtung der im Auslande lebenden Parteifreunde war man sich klar. Ich möchte in diesem Zusammenhang den Briefschreibern danken, die mir mitteilen, dass sie nicht trübsal blasen und fest zupacken, um- nicht nur für sich neu anzufangen. Eine solche Einstellung erleichtert es, von hier aus mit selbstverständlicher Verpflichtung die notwendige Hilfsarbeit zu tun. Dass diese Arbeit bei der allgemeinen Not auch einen allgemeinen Charak ter tragen muss, versteht sich wohl von selbst. Sicher, es geht mir genau so wie vielen meiner anderen Freunde: wir müssen unser Herz sehr oft zusammenpressen. Die Menschen, die wir kennen und schätzen, stehen unserem Fühlen besonders nahe. Wir möchten ihnen gerne persönlich helfen. Und wir versuchen es, immer wieder. Aber es sind ihrer so viele, dass es zur Unmöglichkeit wird wenn man ein Mensch mit mageren Einkünften und kein Muktimillionär ist. Und so weitet sich in dem Augenblick, in dem man sich um Hilfe an die Öffentlichkeit wendet, diese Arbeit ins Allgemeine, von Organisation zu Organisation. Dabei gibt es ungeschriebene Gesetze, die nicht verletzt werden dürfen, will man nicht die Arbeit selber gefährden. Es Ich bin mir völlig im Karen darüber, dass bei jeder Hilfsarbeit nur bescheidenes Stückwerk herauskommen kann. X bleibt nur das Gefühl, dass man getan hat, was eben nur möglich war, so wie Ihr dort drüben auch nur mit grösster Geduld und Ausdauer in diesem Meer von zerbrochenen Schicksalen und zerstörten Existenzen wirken könnt, Ihr erlebt die Not der Jugend und der Familien unmittelbar in ihrer mannigfaltigen und immer bitteren Form. Ihr führt den Kampf gegen Hunger, Krankheit und Verelendung. Und Ihr wisst, dass über allem die Hoffnung auf endliche Besserung steht und die Gewissheit, dass wir es schaffen müssen! Das alles las ich in Euren Briefen, und dies ist die Antwort, die ich darauf geben kann.- Ich grüsse Euch alle mit guten Wünschen für das Jahr 1948." in Marie Juchacz auf Diese Zeit kurz vor Weihnachten 1947 brach manchen Damm, hinter dem sich viele Gedanken aufgestaut hatten. In allem, was sie in diesen Tagen niederschrieb, gab es Auflehnung und Resignation, Hoffnung und Bedrückung, und auch Kraft und Schwäche. Keine geistige oder körperliche Schwäche, sondern die des Unvermögens, das zu tun, was eigentlich getan werden müsste, also die Ohnmacht der eigenen, privaten Situation. Drei Tage vor Heiligabend schreibt sie an Lotte Lemke: " Ich weiss, dass die Not der Welt unvorstellbar gross ist, ich weiss, dass die Kin der der Welt gerettet werden müssen. Ich weiss, dass durch' Deutsch - 333- land' der Welt so viel angetan wurde, dassées sich niemals wird ausmessen, geschweige denn jemals ganz austilgen lassen wird. Aber ich кж**** verzweifele, wenn ich über a 11, bei allen Gelegenheiten von Wichtigkeit, zusehen muss, dass Deutschland nicht mit einbezogen ist in den Kreis derer, denen geholfen werden muss.- Hie ist z. B. eine Weltorganisation. Sie erfreut sich der grössten Protektion. Dr. Martha E. ist einer der Chefs im Kinder- Büro in Washington. Diese Organisation mit halbamtlichem Charakter und höchster Protektion, auch gesetzlich verankert, steht in enger Verbindung mit der obengenannten Organisation. Das Ganze wäre sehr schön und es lohnte sich, alles dafür zu tun, wenn-- nicht Deutschland vollkommen dabei verschwiegen würde! Ich meine immer, da wir hier wie die Vogelscheuchen im Winde stehen und nur Bewegungen machen, die die Spatzen im weiteren Umkreis garnicht scheuchen, dass etwas von dort, von Deutschland aus geschehen müsste, um die Gewissen wachzurütteln und zu schärfen. Nicht von einer Person, sondern von Organisationen und Persönlichkeiten.- Deutschland ist noch immer Feindland, ist noch nicht in der' Familie der Völker' aufgenommen, was aber nicht hindert, dass sein e Kinder hungern und verkommen, wie die vieler anderer vom Krieg heimgesuchter Nationen. Ich will, wenn ich Dir das Heft' Amerikanische Jugend für Welt jugend' übersende, nur etwas zum Nachdenken geben. Überlege es Dir doch bitte einmal ganz gründlich. Ich hätte noch viele Beispiele und wichtige Sachen, Tatsachen, zu erzählen, aber mir ist bei aller Arbeit niemals gut zumute, weil ich nicht fähig bin, mir über die' Grösse' unserer eigenen Leistung hier im Lande Illusionen zu machen. Ich sehe zu nüchtern, und dabei sind meine Wünsche zu heiss. Hertha Gotthelf fragte an, ob ich whl zum Frauentag käme, wenn sie mich offiziell einladen würde. Ich habe absolut keine Neigung, aber viel Widerwillen gegen öffentliche Versammlungen, und ich glaube, dass ich das auch nicht überwinden kann. Ich würde nur kommen, wenn ich mit kleinen Gruppen zusammentreffen würde, und könnte dann sehen, prüfen und lernen, um das Ergebnis hier oder an anderer Stelle befruchtend weitertugeben. Im übrigen: mein Ehrgeiz nach öffentlicher Tätigkeit ist vollkommen gestillt." Wieder drei Tage später geht ein Brief an August Klara Kirschmann nach Oberstein: und " Es ist Weihnachtstag. Morgen ist die Stimmung hierzulande schon wieder vorbei, weil es nur einen gesetzlichen Feiertag gibt. Dafür aber geht es zu Sylvester noch einmal hoch her, wovon wir aber so gut wie unberührt bleiben. Wir waren es ja vonj jeher gewohnt, diese Tage alleine oder höchstens mit engsten Freunden zu verbringen.- Es werden hier viele Fusswege gemacht in der weihnachtlichen Vorbereitungszeit, die Menschen laufen sich müde dabei. Bekannte von uns klagen, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnten, weil sie so viel zu tun hatten mit Einkäufen, mit dem Verpacken in Bunt - 334papier, dem Verschnüren, mit dem Baum und den Vorbereitungen für die' Companyan evenings'.- Dass wir das alles nicht so wichtig nehmen, könnt Ihr Euch wohl denken. Noch weniger tun wir es in dieser Zeit, wenn wir an Kälte und Hunger bei Euch da drüben denken.- Aber wir waren gestern Abend bei lieben Freunden, die ein Kind haben, und freuten uns mit ihnen darüber. Ausserdem konnten wir wieder einmal über alles sprechen, was uns am Herzen liegt. Das war seit längerer Zeit einmal wieder so. Seit alles das, was wir befürchteten, in Deutschland eingetroffen ist und noch viel schlimmer und umfangreicher, als wir es vermuteten-, frisst die praktische Tat unsere Kräfte, und wir haben kaum noch Zeit zu irgend einer Unterhaltung über andere Dinge. So nehmen wir unser Leben, wie es ist. Aber es tat gut, wieder einmal mit richtigen Freunden beisammen zu sein.- Wenn Ihr, während ich schreibe, meine Gedanken spürt, dann werdet Ihr fühlen, dass ich heute mit besonders warmen Wünschen bei Euch bin, und sie gelten nicht nur für heute, sondern für das kommende Jahr- und für die Zukunft." An Max Schlesinger schreibt sie: - " Manchmal möchte ich drüben in Deutschland sein, aber ich möchte mich nicht mehr in Linienkämpfen und anderen' Quisquilien' abquälen müssen, sondern nur ruhig arbeiten, wie es mir ichon*** in den letzten Jahren vor der Emigration eigentlich das Liebste gewesen wäre. Haben Sie auch manchmal etwas Heimweh?" Nachdem die Postverbindung zwischen Deutschland und den USA sich ebenfalls gebessert hatte und Briefe nur noch wenige Tage brauchten, und es sich allmählich in weiten Kreisen herumgesprochen hatte, dass Marie Juchacz, unterstützt von Emil Kirschmann und Käthe Fey, eine von starkem Idealismus getragene Aktivität entwickelten, um der Not in Deutschland zu begegnen, trafen auch für Emil Kirschmann so viele private Briefe ein, dass er Anfang 1948 ebenfalls zum Hilfsmittel des vervielfältigten Rundbriefs greifen musste. Auch darin klingen schon Töne mit, die zeigen, dass das Heimweh gross ist: " Mich zieht es in die alte Heimat zurück, gerade weil es nicht so gut geht dort drüben. Und weil ich dieses Gefühl nicht verstecke, sondern ruhig und vertrauensvoll zeige, sollt Ihr nicht drängen. Sobald es möglich ist, werde ich kommen." Der Gedanke, doch einmal in absehbarer Zeit die New Yorker Zelte abzubrechen, hatte sich bei allen Dreien, Marie, Emil und Käthe, schon festgesetzt. Aber man forcierte nichts, traf noch keine Vorbereitungen, sondern ging noch intensiver der Arbeit nach, so weit das körperlich möglich war. Marie hatte sich so in das von ihr aufgezogene Verbindungsnetzt eingespielt- wobei ihre grosse und starke Persönlichkeit für den wirklichen Erfolg doch immer den letzten Ausschlag gab-, dass es ihr klar wurde, dass es für die Funktion, die sie sich selbst zugedacht und mit aller Energie ausgefüllt hatte, keinen Nachfol - 335- ger geben könne. Da konnte eines Tages, wenn es so weit war, nur ein Wunder helfen, oder aber sie liess alles in New York regelrecht im Stich, ein Gedanke, mit dem sie sich niemals anfreunden würde. Sie dämmte aber auch den Apparat, den sie in Gang gesetzt hatte, nicht ein. Im Gegenteil: jeder kleinen Anregung von Lotte Lemke aus Hannover, von New York aus als Steuermann für die Aufbringung und Lenkung bestimmter Mittel zu fungieren, ging sie mit einer Besessenheit nach, dass in den meisten Fällen der ursprünglich erstreb te Erfolg** X** X** XX** XXXж*** и bei weitem übertroffen wurde. Als Marie einmal zwei Tonnen Cotton und vier Tonnen Cellulose organisierte, hiess es in ihrer Ankündigung nach Hannover: " Wir waren sehr erfreut, über die Möglichkeit, Euch einmal in einer fuehlbaren, auch mehr sichtbaren Form helfen zu können." Neben diesen kurzen Mitteilungen gab es seitenlange, engzeilig geschriebene Briefe, die Marie in alle Welt hinausschickte," um das Eisen zu schmieden", wie sie selbst immer wieder mit Nachdruck betont. Gelegentlich findet sich darin ein kurzer Absatz, der mit maries Besuch in Deutschland zu tun hat, so in einem brief von Lotte Lemke vom 16. Januar 1948: " Ich habe an Rudolf Katz geschrieben und ihm um Vermittlung zur AFL gebeten. Diese Organisation sollte es eigentlich fertig bekommen, Dir den finanziellen Teil der Reise abzunehmen. Soll ich Dir selbst noch eine offizielle Einladung schicken? Hier in Deutschland können wir in vollem Umfange die Sorge für Dich übernehmen, aber Deine Reise können wir leider in keiner Weise finanzieren. Hertha Gotthelf träumt davon, einige ganz grosse Versammlungen für Dich zu organisieren. Ich hatte gleich Hemmungen, als sie davon sprach und erzählte ihr, wie ich mir für die Arbeiterwohlfahrt Dein Hiersein denke. Nun entnehme ich Deinem Brief vom 19. Dezember, dass wir beide da ganz einer Meinung sin d. Ich hoffe nur, dass Du Deinen Aufenthalt in Deutschland nicht zu kurz bemessen wirst, damit wir wirklich einmal miteinander in der Arbeit leben und alle Probleme gemeinsam erkennen und besprechen können. Schön wäre es, wenn es Dir gelingen würde, etwa im Mai zu kommen, damit Du nicht in der allerheissesten Jahreszeit- die in den Ruinenstädten sehr unangenehm ist- hier anfängst." Marie konnte diese Mitteilung von Lotte Lemke nur zur Kenntnis nehmen, denn sie stand eingekeilt in einem Wust von Aufgaben, die sie im wesentlichen nur schriftlich erledigen konnte. Ausser verschiedenen" am Rande mitlaufenden" Dingen, wie klärende und deshalb sehr umfangreiche norrespondenz mit Kurt Heinig in Stockholm oder mit Fritz Heine wegen eines in englischer Sprache herausgegebenen Flugblatts," das psychologisch leider an den ganz anderen Verhältnissen in den USA vorbeigeht und deshalb* x* x* x* xк nur Schaden anrichten kann", sass sie vom frühen Morgen bis in die späten Nachtstunden an der Maschine. Emil Kirschmann hat das in einem brief vom 27. März festgehalten: - - - 336- " Wir arbeiten. Jeder an seinem Ort. Marie ehrenamtlich in der Hilfsarbeit, aber viel, sehr viel. Ihr einziger Schmerz ist, dass der Erfolg die grossen Anstrengungen nicht auszahlt. Aber sie macht unentwegt, trotz Ärger, viel Ärger und noch mehr Schwierigkeiten, weiter, und mit so viel Energie und Spannkraft trotz ihrer 69 Jahre- die ist sie am 15. März geworden-, dass ' wir Jüngeren' uns manchmal fragen, wie sie es möglich macht. Ich darf ganz objektiv sagen, dass ohne Maries Arbeit und ohne ihre Sachkenntnis die nach meiner Ansicht sehr beachtlichen Erfolge( sie, Marie, ist der Ansicht, dass es viel zu wenig ist) nicht möglich gewesen wären.- Käthe macht täglich ihre sechs bis sieben Krankenbesuche. Meist hat sie schwere und hoffnungslose Fälle. Wenn sie innerlic nicht so elastisch wäre, hielte sie den Beruf einfach nicht mehr lange aus. Und ich selbst krebse mich durch meinen Tag. Max Steinmetzt hat sich wirklich als ein grundanständiger Mensch ausgewiesen, und ich habe- so hoffe und glaube ich ihm auch manchen wertvollen Dienst leisten können. Es war zuerst nicht leicht für mich, mit mehr als 50 Jahren nun als Fabrikarbeiter Geld zu verdienen, der ich mein bisheriges Leben am Schreibtisch, auf dem Redaktionsstuhl, in der Verwaltung, auf der Rednertribüne, in der Partei- und Parlamentsarbeit zugebracht hatte. Fabrikarbeit ist keine Herabsetzung, hier in diesem Lande schon garnicht, und ich wäre ein schlechter Vertreter der demokratischen Idee, wenn solche Gedanken je in mir aufkämen. Aber die Umstellung des an solche Anstrengungen nicht gewöhnten Körpers fiel nicht leicht. Dazu kam, dass ich früher nie sehr sparsam mit meiner Körper- und Nervenkraft umgegangen bin, wie alle anderen auch nicht, die immer in den vordersten Reihen standen. Dann fand ich zufällig den mir aus meiner Heimat bekannten Max Steinmetz. Bei ihm bin ich seither beschäftigt, und damit bin ich zu dem einmal in meinen jungen Jahren erlernten Beruf zurückgekehrt." Selbst- - Wie wenig berechtigt die Kritik am geringen Erfolg ihres eigenen grossen Arbeitsaufwandes war, zeigen die vielen guten Nachrichten, die Marie laufend nach Deutschland gab: " In der gestrogen Sitzung wurde entschieden, dass zu den bereits von uns bestellten Tonnen Zellulose noch 6 dazukommen werden. Die Bettjacken, von denen ich schon schrieb, und dazu noch 45 Pfund Wolle gehen über CRALOG an Dich. Bei diesen Spezialsendungen wechselt die Sendefirma, sodass es möglich ist, dass die Nähutensilien, die im ware- house der IRRC verpackt wurden, unter diesem Absender abgegangen sind. Wir haben dann noch beschlossen, für den Rest des verfügbaren Geldes Schmalz zu kaufen.> Wir r schwankten zwischen Schmalz und Schuhen, aber die Nachrichten der letzten Tage aus Deutschland gaben den Ausschlag.- Ripp schickte uns ganz entzückende Trachtenpostkarten. Ich verspreche mir etwas davon, obwohl das grosse Kartengeschäft hier erst nach dem 1. September einsetzt, wenn sich alles ein - 337- Zustimmend deckt mit Weihnachts- und Neujahrskarten. Ich habe ihm positiv geantwortet und freudig bejaht." einem einzigen Brief von, Und diese positiven Nachrichten alle in MariexXXXX** an Lotte Lemke vom 17. Februar 1948! Das war kein Ausnahmefall, es ging laufend so.- Lotte Lemke hatte mit ihrem Mitarbeiterstab alle Hände voll zu tun, um nicht nur *** die aus den drei Westzonen für den Hauptausschuss anfallende, sondern auch die von Marie initiierte Arbeit zu bewältigen, sodass es kein Wunder war, dass sie am 21. Januar zusammenklappte, wovon Marie aber erst vier Wochen später erfuhr: " Ich war erschrocken und bestürzt und bin immer noch in grosser Unruhe. Ein Wunder ist es nicht, wenn Ihr dort zusammenbrecht. Was kann man nur tun? Wie kann man helfen? Bitte lass mich sofort wissen- Du wirst ja Besuch durch Freunde und Mitarbeiter haben-, ob von hier aus etwas geschehen kann. Dass ich mit allen guten Wünschen bei Dir bin, dessen sei sicher, eben so ist es Emil. - - Ich will nichts Geschäftlich s schreiben, der Brief gilt ja Dir persönlich. Deshalb nur noch etwas über meine beabsichtigte Reise: Geschäftsleute bekommen sehr leicht die Einreisemöglichkeit. Sie haben Rat und Hilfe durch eine Art von Handelskammer und können sich für die Erledigung der technischen Vorbereitungen einer Agentur bedienen, die bis zum Pass alles besorgt. Private Gronde etwa den Besuch bei meinen Kindern gibt es in meinem Falle bis jetzt noch nicht. Eine Mutter von über 75 Jahren würde ausreichen, und die ist leider nicht da. Eine Einladung durch eine Behörde für einen bestimm ten Zweck würde es tun, vielleicht auch durch eine Organisation, wenn ihr das noch durch eine Behörde bestätigt würde. Vielleicht besprichst Du die Frage meines vorübergehenden Dortseins einmal mit Ministerialrat Menzel in Hertha Gotthelf muss sich ihre Ambitionen von wegen Versammlungen leider ganz und gar verkneifen. Ich kann aus vielerlei Gründen, die sie x verstehen wird, nicht redend durch Deutschland ziehen. Ich bin auch der Meinung, dass selbst dann, wenn mir meine innere Entwicklung das nicht verbieten würde, ich meine Kräfte für andere Arbeiten zu verbrauchen habe. Man darf sich mit 69 Jahren nicht mehr zersplittern, es gibt nur das eine oder das andere. Und sie wird auch verstehen, dass den Freunden beizubringen, dass es so richtig ist. Ich werde mich darauf beschränken, mit Dir und natürlich auch mit ihr- sachlich zu arbeiten und Erfahrungen dabei zu Düsseldorf. sammeln. - Die Stelle, an die Du wegen der" eckung meiner Reisekosten denkst, kommt leider nicht in Frage. Meine Beziehungen sind nicht dazu angetan. Wahrschein lich würde man mir helfen, etwa noch auftauchende Schwierigkeiten technischer Art zu beseitigen. Die Geldfrage steht auf einem anderen Blatt. Da ich mir aber Zeit nehmen werde, kann ich auch mit einem Schiff fahren, das ist billi - 338- ger als mit dem Flugzeug. So wird es vielleicht möglich sein, mit einigen Beihilfen das Reisegeld selber zusammenzubringen. Die Amerikaner haben ein Wort, das sie mit Vorliebe im täglichen Leben praktisch anwenden:' take it easy'- nimm es leicht. Wir Deutsche können das nicht, aber wir müssten es lernen, es hilft bei vielen Dingen. Das wollte ich Dir noch zum Schluss sagen, obwohl ich selber immer noch zu den Schülern gehöre." Wenige Tage später, a m 25. Februar, konnte Marie der noch immer kranken Lotte Lemke die erfreuliche Mitteilung machen, dass am 3. März die" Gretna Victory", ein Spen denschiff der Pazifik- Staaten Nordamerikas, mit 5 1/2 Mil ionen Pfund Lebensmitteln und Kleidungsstücken, bestimmt für Deutsche und Österreicher, in Bremen anlaufen würde. Vom deutschen Anteil sollten zur Verteilung 12% auf die Arbeiterwohlfahrt entfallen: " Wir verdanekn es der IRRC und den Unitarian's in erster Linie, dass die AW beteilugt wurde. Wir selbst konnten nur indirekt auf die Verteilung einwirken." Erst am 9. März erfuhr Marie, wie es um Lotte Lemke stand: " Sie leidet an einer angina pectoris, hatte schon Anfang des Jahres heftige Anfälle und wir waren ernstlich besorgt um sie. Dazu kam eine völlige körperliche Überanstrengung,- sie hat wirklich zu viel gearbeitet. Die wenigen Wochen Krankenhausbehandlung haben ihr zum Teil gut getan. Als sie aber wieder zu Hause war, konnte sie die Arbeit nicht ganz liegenlassen, und es wurde wieder schlechter. Nach Aussage des Arztes wird das Herz nie wieder so ganz richtig in Ordnung kommen. Lotte hate sich vorgenommen, in Zukunft nicht mehr wie ein auf Hochtouren geschraubter Motor zu arbeiten. An uns allen wird es liegen, sie gelegentlich daran zu erinnern. Damit sie sich wirklich ric htig erholt, hat sie sich nach langem Zureden von uns endlich entschlossen, für einige Wochen in die Schweiz zu gehen, ins Tessin." Da sich die Pass- Besorgung für sie noch etwas verzögerte, konnte sie noch einmal ausführlich an Marie s chreiben, u.a. auch- am 17. März: " Ich habe eine offizielle Einladung an Dich geschrieben, sie wird durch das Sozialministerium************** Niedersachsens noch bestätigt werden. Nach Erledigung dieser Formalität geht sie Dir sofort zu.- Ja, Du musst diesen Sommer kommen, Du glaubst nicht, wie viel zu besprechen ist. Und, bitte, bring Dir Zeit mit!" Auch während des Aufenthalts von Lotte Lemke im Tessin ging Maries intensive Arbeit in New York weiter. Sie versuchte, zwischen der neu entstandenen ' American Oversaes Aid' und der AW in Hannover einen Kontakt herzustellen, bearbeitete die noch laufende Ak tion für die hinterbliebenen Opfer des 20. Juli, und stellte einen umfassenden Bericht von 5 engzeilig beschriebe - 339- Seiten zusammen' Vom Beginn der Arbeiterwohlfahrt USA bis zum März 1948'. Um die Spender von Geldbeträgen,■■* x* x* x Lebensmitteln, Kleidungsstücken und anderen Utensilien zu überzeugen, in welcher Form die Spenden verwendet würden, machte sich Marie eine beinahe unheimliche Arbeit: - " Wie ich den nach Eurer Meinung so überzeugenden Be icht über die Nähstuben fertigbrachte? Ich habe aus jedem der Briefe privater Art, die ich erhielt stets herausgeschrieben, was über die Arbeit der AW gesagt wurde. Wenn es mir richtig und zweckmässig erschien, habe ich dann Durchschläge an Hertha Krauss, an Sollmann und an andere geschickt. Immer mit persönlichen Anschrei ben. Auch an Elsa Brandstroem, die ja nun nicht mehr unter uns ist. Hertha Kr. und Sollmann haben sich von allen als die fruchtbarsten erwiesen. Durch Sollmann habe ich für viele Einzelpersonen Pakete bekommen. Das ging so vor sich: seine Schule( Quaeker- College) hat am Essen gespart, um jede Woche ein Paket senden zu können. Studenten, die etwas mehr Geld haben- meist sind sie arm, manchmal haben sie aber auch Bindungen in andere Länder- schicken dann auch mal selber oder zu zweit etwas nach Deutschland. Das ist nur beispielhaft skizziert. Sollmann hat auch sonst viele Freunde, die er animierte. Er macht auch Vortragsreisen, und wenn ich ihm dann gerade eine frische und persönliche Schilderung schickte, hat er das in seine Vorlesungen mit eingeflochten. Ihm gegenüber musste ich also Wert legen auf Einzelfälle. Bei Hertha Kraus habe ich mehr das allgemein soziale aus der Arbeit verwendet. Was ihr dann inter essant erschien, hat sie zusammengefasst, übersetzt und im' Friends Service Committee' ausgewertet- sie ist ja dort nur beratend tätig. Ihr Beruf ist Unterrichten, denn sie ist am Bryn Mawr College als Professor tätig. Da ich doch Auszüge machen musste, auch für unsere Propaganda, habe ich das ganze Material gesammelt. Es sind dicke Mappen, die nicht etwa sachlich geordnet sind. Hinzu kam, dass mir durch Max Hofmann in Schweinfurt, Lieselotte Weiss in Frankfurt und durch einige andere Stellen Zeitungsausschnitte zugingen. Auch aus dem Saargebiet bekam ich Zeitungen, dann den Telegraf aus Berlin, die Rheinische Zeitung aus Köln, gelegentlich die Freiheit aus Mainz, und ab und zu ein Münchener Blatt. Natürlich war der Briefverkehr die lebendige Ergänzung, das ist doch unmittelbarer. Aber auch die' Mitteilungen',' Neues Beginnen' und das Batt von Paula Petrasch- Keller aus Franken sollen bei dieser Aufzählung nicht vergessen werden. - - - Und jetzt ist es so, dass ich die Zeit für diese Arbeiten- so wichtig sie auch sind- einfach nicht mehr aufbringe. Wenn ich mehrmals in der Woche im AW- Büro bin, nebenbei unsere kleine Häuslichkeit versorge, die nicht kleine Korrespondenzź recht und schlecht pflege, Sitzungen besuche und vieles andere mehr, dann kann ich keine noch so primitive Archivarbeit mehr machen und die Sammlung auch nicht auswerten. Das ist vorbei. Wie es weitergehen - - 340soll, wenn ich nicht mehr hier bin, sehe ich noch immer nicht. Es wird so xxi sein, als ob der Motor aus einem Wagen herausgenommen wird. Aber ich hoffe doch, nein.- Übrigens habe ich noch mit niemandem darüber gesprochen, es wird immer noch Zeit sein, wenn ich den ersten Schritt tue." Der letzte Teil dieses Briefes verrät mehr, als Marie vielleicht sagen wollte: dass sie sich innerlich schon mit dem Gedanken beschäftigte, nicht nur einen kurzen Besuch in Deutschland zu machen, sondern ihre Tätigkeit in New York endgültig zu beenden. Denn genau so wie in Hannover, wo der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt trotz Krankheit und Erholungsurlaub von Lotte Lemke geschäftsmässig so weiterlief, dass es keine Pannen gab, genau so wäre es bei Maries Umsicht möglich gewesen, einen Stellvertreter für die kurze Zeit ihrer Abwesenheit zu finden, der den amerikanischen AW- Wagen am Laufen hielt. Vielleicht wollte sie sich deshalb auch nicht um einen Stellvertreter bemühen, sondern stürzte sich auf alles, was ihr für den Fortgang ihrer Arbeiten und zum Studium der Erfordernisse notwendig erschien. Dazu gehörte auch der Besuch eines evangelischen Pfarrers in New York, der im Auftrag des Evangelischen Hilfswerks diese Reise unternommen hatte. Nachdem sich dieser Pfarrer inzwischen in Deutschland zu einer profilierten politischen Persönlichkeit entwickelte, ist es besonders interessant, zu lesen, was Marie Juchacz in ihrem Brief vom 9. Mai 1948 darüber an Lotte Lemke berichtet: " Ich erwähnte bereits, dass ein Pfarrer Gerstenmaier hier war und wahrscheinlich noch hier ist. Ich las in der Staatszeitung, in welcher Kirche er sprechen würde und ging kurzerhand hin, aber nicht, um mich an seiner Predigt zu erbauen. Ich wollte ihn von seiner Seite unbefangen- hören, um ihn hinterher um eine Unterredung zu bitten. Es war wirklich keine Predigt, sondern ein Bericht über Deutschland. Seine Schlussfolgerung: in Deutschland und Europa werden die Digge nur anders, wenn wirtschaftlich grundlegende Anderungen vor sich gehen. Mit Wohltun ist nichts gemacht. Für ein Volk, das bis zu 60% hilfsbedürftig geworden ist, kann man nur etwas tun und ihm helfen, wenn man ihm von der ökonomischen Seite her SO hilft, dass dadurch die Arbeitsmögli lichkeit angespornt wird. Nicht nur psychologisch und von der wohlfahrtsseite her, sondern bewusst von der ökonomischen.- Hier in USA ist es üblich, dass der Pfarrer beim Kommen und Gehen noch ein paar freundliche Worte mit den Kirchgängern wechselt. Das tat der amerikanische Pfarrer dieser Kirche beim Eintritt. Nach der nede seines deutschen Kollegen gab er bekannt, dass auch dieser sich verabschieden wolle, wobei man ihm noch Fragen stellen und ihm eventuell auch eine Botschaft mit nach Deutschland geben könne. Also hatte ich noch einmal Gelegenheit, an der Türe ein Frage- und Antwortspiel mit anzu hören, wovon mir folgendes als besonders plastisch im Gedächtnis blieb: Ihr seid zwar gute Leute, Ihr schickt Pakete, Ihr bezahlt sogar Eurer Regierung für die deutsche Sache Eure Steuern. Aber das, worauf es ankommt, tut Ihr nicht in genügendem Umfang. Wenn das evangelische Hilfswerk noch einmal so - - 341- viel Rohbaumwolle und Cellulose bekommen würde, oder z. B. Rohwolle aus Austra lien, dann wäre das volkswirtschaftlich viel mehr wert als alle Eure Pakete. Und warum? Weil sich dann Eure cents und dollars in viel grössere volkswirtschaftliche Werte umsetzen lassen würden.- Gerstemier machte dann eine improvisierte Rechnung auf, wonach sich etwa aus dem Wert von 1000 Arbeitshoser 100 000 solcher Hosen ergeben würden, wenn das Evangelische Hilfswerk in Deutschland die Löhne zahlt. Das sei immer noch nicht genug( der Tropfen auf den heissen Stein), aber doch schon fühlbarer im Effekt. Ausserdem gäbe es Arbeit und Arbeitslohn im Innern.- Zum Ende stellte ich mich vor und bat um eine Unterredung an einem anderen Platz und zu einer Zeit, die er bestimmen wolle. Er war interessiert, rief mich tatsächlich an und wir plauderten eine halbe Stunde. Er bestätigte mir mit noch deutlicheren Worten, als er es in der Kirche getan hatte, dass er an eine wirtschaftliche Entwicklung in der Richtung einer Sozialisierung denke, und dass er davon überzeugt sei, dass es so kommen müsse. müsse. Zuvor hatte er sich vergewissert, dass ich nicht die Absicht habe, seine Worte öffentlich zu gebrauchen. Diese Zusage habe ich gegeben, bitte also auch Dich, Dich danach zu richten. Er sagte aber auch manches Kritische, dass er einmal einen unserer alten Gewerkschaftler gefragt habe, wie er sich zur Sozialisierung stelle, und die Antwort hätte gelautet:' Ich bin zufrieden, wenn ich meine Leute bei der Stange halte, diese Frage werfe ich erst garnicht vor ihnen auf.' Gerstenmaier frante mich dann, ob ich nicht meine, dass dies die Umkehrung der Dinge gegen früher sei,- dass er, der evangelische Geistliche, heute der Fortschrittlichere x sei. Er meinte dann noch etwas anderes, was mir sehr interessant war:' Wenn Eure Gewerkschaften überall mit grossem Nachdruck erklären würden, dass die AW ihre, also der Gewerkschaften Organisation sei, die bestimmte Dinge im Auftrage der Gewerkschaften durchführt,- dass die Gewerkschaften hinter der AW und ihren Zielen stehen, wäre sicher manches besser für die AW.'- Und weiter:' Die SPD hätte den besten Mann erwählen und gänzlich freistellen sollen, um die AW überall zu repräsentieren und um ihre Interessen wahrzunehmen! - Als ich ihm von der Geschäftsführung und ihrer Sachkunde sprach, warf er ein:' Ja, sicher, aber man lässt eben diese Geschäftsführung ganz allein, oder stellt ihr höchstens einen vollkommen überlasteten Mann zur Seite.' Ich wurde bei diesem Gespräch lebhaft an die Zeit erinnert, als der Postdienst kaum oder schlecht funktionierte. Damals habe ich zaghaft versucht, zu informieren. Und nur so, wie sich mir die Digge im Ausland darstellten. Unsere Entwicklung hat einmal unser Denken bestimmt und tut es auch heute noch. Das heisst: wir haben unsere Lektion gelernt und kommen davon nicht mehr los. Hier ist das Gleiche geschehen, aber die Entwicklung, die Bedingungen in diesem Lande, die dieses Denken bestimmten, waren eben anders als bei uns, und so ist auch das Resultat hier ein anderes.- Aber es ist wohl kein Wunder, wenn diese Gedanken nicht nur durch dieses Gespräch, - Auf Seite 342 einfügen bei Nicht nur mit Lotte Lemke besprach sie in ihren Briefen diese Gedanken und Probleme, sondern auch mit allen, die die Verbindung zu ihr wieder gefunden hatten,* x* x* x* к auch wenn dieser' Zuwachs' an Freunden noch mehr zu Lasten ihrer Zeit ging. Belangloses wollte und konnte Marie niemals schrei ben, es war immer mehr als nur ein Gruss, immer ein neuer Gedanke, ein Bemühen um neue Erkenntnis, oder es waren Fragen, Vorschläge und Kommentare zu kleinen und grossen Dingen. Mit den ganz nahen Freunden unterhielt sie sich auch brieflich über Neues un d Vergangenes, und wenn einmal eine Adres se auftauchte von einem guten alten Freund, dann ergriff sie von sich aus die Initiative und nahme die seit 1933 abgerissenen Verbindungen wieder auf. So hatte ihr Adressenbuch bis zum Mai 1948 einen beträchtlichen Umfang erreicht. Dieses Buch war gleichzeitig ein guter Wegweiser für sie, um bestimmte Gedanken und Pläne in die richtigen Kanäle zu schleusen. Als das Problem ihrer Reise nach Deutschland auftauchte, schrieb sie nach diesem Wegweiser an alte Freunde, u.a. auch an Carl Severing nach Bielefeld, der mit seiner Antwort nicht lange auf sich warten liess und auch Gutes mitzuteilen wusste. Am 27. Mai schrieb er ihr: " Liebe Ma ie, Deine Mitteilungen, dass Du zur richtigen Beurteilung der deutschen Situation einen Besuch in Deutschland selbst für erforderlich hältst, haben mich sehr erfreut. Auch ich bin der Meinung, dass wichtiger als das geschriebene Wort und belehrender und überzeugender zugleich der persönliche Eindruck ist. Ich habe darum unmittelbar nach Eintreffen Deines Briefes mich mit der Arbeiterwohlfahrt in Verbindung gesetzt, und ebenso mit dem Sozialminister von Nordrhein- Westfalen. Beide teilen meine Auffassung und laden Dich recht herzlich ein, bald herüber zu kommen und die deutschen Verhältnisse zu studieren. Also komme bald! Auf der Reise nach Frankfurt zu den Festlichkeiten der Paulskirche war ich einige Tage in Koblenz, die wenigen Freunde, die ich dort gesprochen habe, berichteten mir von ihren Erinnerungen an die Versammlungen, die ich mit Emil un d Elisabeth in und um Koblenz abgehalten habe. Das ist das eine, was ich Dir von die sem Besuch be ichten wollte. Das andere ist, dass ich Deinen Sohn Paul gesehen und gesprochen habe, der sehr erfreut war über meine Mitteilung, dass Du von der AW eingeladen seist und voraussichtlich bald nach Deutschland kommen würdest. Mache das also wahr!- In Frankfurt habe ich einige Rückwanderer wie Hans Simons und Max Brauer gesehen. Auch Reuter war aus Berlin gekommen. Von Stampfer erfahre ich soeben, dass er im Sommer eine neue Europpreise antreten wird, um dann endgültig in Deutsch land zu bleiben. Im Sinne dieser radikalen Wille äusserung möchte ich Dich noch nicht beeinflussen, aber um so dringlicher wiederhole ich den Wunsch: komm und siehe es!" -342sondern auch durch die täglichen, leider oft sehr unangenehmen Erfahrungen wieder aufgerührt werden. Nun brauchst Du aber nicht zu denken, dass ich mit irgend jemand von Euch rechten will. Ich nehme an, dass es garnicht möglich gewesen wäre, wie sie mir zum Besten der AW- vorschwebte." die Entwicklung so zu beeinflussen, + Die mit Arbeit angefüllten Wochen vergingen hüben und drüben schneller, als es den AW- Beteiligten in New York und Hannover bewusst wurde, und auch die Währungsreform wurde- zumindest von den' Amerikanern', von Marie, Emil und Käthe nicht so zur Kenntnis genommen, wie es wahrscheinlich unter weniger arbeitsüberlasteten Umständen der Fall gewesen wäre. - Erst am 16. September 1948- zu einer Zeit, als das Dreigespann eigentlich schon längst in Deutschland sein wollte- meldete sich Marie bei Lotte Lemke mit einem privaten Brief: " Du schweigst in allen Sprachen. Ich kann mir nur denken, dass Du entweder wieder krank bist, beruhige mich aber dann mit dem Gedanken, dass ich dann doch sicher von einer dritten Stelle etwas darüber gehört hätte, von Deinen Mitarbeitern oder von Hertha Gotthelf. - Wenn man hier so' in der Arbeit steht', wird man oft gefragt:' Was hören Sie jetzt, nach der Währungsreform, von drüben? Wie sieht es aus? Nach den Briefen, die wir von unseren Freunden, Verwandten und Bekannten bekommen, nehmen wir hier an, dass die Notwe dnigkeit, drüben zu helfen, stark nachgelassen hat, man kann ja drüben alles kaufen....'. Darauf muss ich antworten können, denn selbst die lebhafteste und gesundeste Phantasie muss etwas Nahrung haben, um in Wort und Schrift auf solche Bemerkungen reagieren zu können. Aus Deinem Brief vom 1. Juli- so lange ist das nun schon wieder her!- ersehe ich, dass Du alle Hände voll zu tun hast, um mit den Schwierigkeiten der Währungsreform fertig zu werden. Davon habe ich mir im grossen Rahmen eine Vorstellung machen können, d.h. auch schon vorher, denn die' Gründungen' waren an Zahl und Umfang für mein Gefühl beängstigend. Auch erinnere ich mich, dass Robert Görlinger einmal eine solche Befürchtung aussprach. Aber im einzelnen weiss ich natürlich doch nicht so recht Bescheid. Das ist an sich auch nicht nötig, denn für meine Orientierung würde schon ein summarischer, anschaulicher Bericht genügen. Meine Reiseangelegenheit schwebt. Stampfer und sicher auch Sollmann, der ja drüben war, haben Euch darüber erzählt, dass es in den meisten Fällen einige Monate dauert, bis alles erledigt ist und man fahren darf. Einzelheiten erspare ich mir und Dir, aber ich komme. Und schreibe oder telegraphiere, sobald ich etwas Bestimmtes sagen kann." - - 343- Eine Woche vorher hatte Emil einen ausführlichen Brief an seinen Bruder August geschrieben. Sein Inhalt bestätigt, dass es nicht nur die Arbeit war, die Marie in New York festhielt. Emil war Anfang Mai so krank geworden, dass das Schlimmste zu befürchten war, aber weder Marie noch Käthe hatten darüber etwas nach Deutschland geschrieben, weder an die Angehörigen noch an die Freunde. Marie sagte später einmal, dass das mit der gant bewussten Absicht geschehen sei, um keine Verwirrung zu stiften und neben der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Unruhe noch mit familiären Sorgen die schon stark beanspruchten Gemüter zu belasten. Ausserdem habe sie immer das starke Gefühl gehabt, dass Emil diese Krise überwinden würde. Sie hat mit diesem Gefühl recht behalten, denn Emil schreibt am 9. September nach Idar- Oberstein: mich " Ihr habt Euch gewundert, dass ich in meinen kurzen, seltenen Briefen gelegentlich schrieb, dass auch Max Steinmetz wieder einmal besucht hat. Wie auch jetzt erst, vor wenigen Tagen. Daraus könnt Ihr entnehmen, dass ich noch immer lahmgelegt bin. Das geht nun schon seit dem 12. Mai so, d.h. es geht mir jetzt sehr viel besser als im Frühjahr und ich glaube, dass jeder weitere Tag ein Stückchen vorwärts hilft. Dank ausgezeichneter ärztlicher Hilfe und aufopfernder Pflege daheim habe ich es so weit geschafft, dass ich u. a. z. B. wieder ein paar Bri fe schreiben kann. Zu mehr langt es noch nicht. In der Stadt herumlauf n oder gar kleine Reisen machen, um diesen oder jenen Kunden zu besuchen, ist völlig ausgeschlossen. Wennes nach Marie und Käthe geht, werde ich das überhaupt nicht mehr tun. Wir wollen einmal abwarten. Der Sommer mit der grossen Hitze und quälenden Feuchtigkeit ist nun vorbei, gott seidank, ich sagte neulich einem Freund, dass ich im letzten August- Drittel an manchen Tagen das Gefühl hatte, in einem römischen Dampfbad zu sitzen. Das Schlimme- für mich erst recht für mich erst recht ist es, dass es in diesem Land keine noch nicht, und wann, weiss ich auch nicht Sozialversicherung gibt. Vor allem keine Krankenkasse. Wohl einige private, wie die von Deutschen gegründete' Arbeiterkrankenkasse' mit recht ansehnlichen Leistungen, und daneben noch private Versicherungsgesellschaften für den Krankheitsfall. Aber diese Einrichtu gen haben- um das Risiko zu verringern Altersgrenzen einge- - - - führt. Wenn ich sofort, 1941, mich angemeldet hätte, wäre es noch gegangen. Ab er Ihr wisst ja, wie das ist. Und so geht es mir wie den meisten in diesem Lande: Verdienstausfall, kein Krankengeld, keinen Arzt frei, und keine Medikamente. Wenn xxxk* ich nicht mit einigen Ärzten sehr gut befreundet wäre, die wirklich alles aus guter Freundschaft und in selbstlosester Weise für mich taten,- der Bankrott wäre vollständig gewesen. Das soll um Gotteswillen keine Klage sein, denn- wie gesagt ich habe gute, wirkliche Freunde. Es gibt viele, viele Tausende, vielleicht Millionen, die nicht das Glück haben wie ich, oder wir, und denen gilt mein Plaidoyer mehr als mir. - 344- Wir sind nun fest entschlossen, dass dieser Sommer der letzte in diesem Lande gewesen ist, und denken, im Frühjahr nächsten Jahres die keise zu machen. Wir planen, dass Marie zuerst fährt und dass Käthe und ich hier liquidieren und nachkommen. Marie hat eine offizielle Einladung von der AW, und ich eine vom Innenminister von Nordrhein- Westfalen, meinem Parteifreund Menzel, den ich aus sozusagen gemeinsamer Arbeit sehr gut kenne. Nur hatte Menzel das Permit der britischen Militärregierung vergessen, worum ich jetzt gebeten habe. Aber bitte: behaltet diese Informationen vorerst ganz für Euch." Da Marie und Käthe in diesen Wochen zu stark beansprucht waren, hatte Emil es übernommen, kurze Informationen nach Deutschland zu schicken, so am 19. September: " Marie und Käthe sind beide mit den Vorbereitungen zum diesjährigen Wohltätigkeitskonzert beschäftigt, bei dem die AW Mitträger ist. Ich kann mir die Fahrt dorthin noch nicht zumuten. Das Konzert wird höchstwahrscheinlich, und leider, nicht den Errtrag bringen wie im vorigen Jahr. Die Kreise, an die man sich für solche Zwecke wenden muss Karten und Spenden, haben mit sich selber zu tun. Aber- hoffentlich!- sehe ich zu schwarz." Emils Vermutungen trafen leider zu. Marie schrieb am 29. September nach Hannover: - " Das Konzert ist vorbei. Es war, wie vorauszusehen, nicht der Erfolg, doch auf die Ursachen komme ich demnächst noch einmal zurück." Während Marie noch nicht recht wusste, wie es ihr gelingen könnte, die New Yorker Zelte- kurzfristig oder für immer kurzfristig oder für immer- abzubrechen, stellte sich Lotte Lemke nicht nur auf die endliche Rückkehr von Marie ein, sondern spann bereits Fäden, die sich aus der Lage der AW in Deutschland zwangsläufig ergaben. Am 16. Oktober macht sie ihrem Herzen Luft: " Tagesgespräch unter den alten Mitarbeitern der AW ist jetzt der Zeitpunkt Deines Eintreffens. Wir alle haben cas Gefühl, dass Du sozusagen schon auf dem Wege bist und leben entspred hend in grosser Erwartung. Du schreibst, dass auch Emil und Käthe für de Rückreise rüsten und zum Frühjahr herkommen wollen. Da Emil auf keinen Fall nach Amerika zurück will, ist bei mir die Hoffnung erwacht, dass auch Du Dich vielleicht entschliessen könntest, ganz hier zu bleiben. Muss ich Dir sagen, dass wir darüber sehr glücklich wären? Görlinger spricht wieder und wieder davon, dass er den Vorsitz demnächst niederlegen müsse, weil es für ihn eine zu grosse Belastung sei, auch noch dieses Amt auszufüllen, da er wegen der anderen Aufgaben, die er bewältigen muss, restlos überbelastet sei. Es ist erklärlich, dass durch Robert Görlingers gelegentliche Äusserungen sich verschiedene ehrgeizige Leute veranlasst sehen, sich den Kopf über die Nachfolge zu zerbrechen. Das wäre ausgestanden und überhaupt kein Problem mehr in dem Augenblick, in dem Du Dich entschlies - 345- sen könntest, in Deutschland zu bleiben. Entschuldige, wennich so mit der Türe ins Haus falle und Dir ohne jede Überleitung so schwere Brocken hinwerfe. Aber ich denke mir, dass es auch für manche Deiner Entscheidungen, die im Zusammenhang mit Emils Ubersiedlung zu treffen sind, gut ist, wenn Du weisst, dass Du hier nötig bist und erwartet wirst. Du sollst nicht meinen, dass Du mir darauf antworten musst. Das kann alles geschehen, wenn Du erst einmal gier bist. Aber vielleicht freut es Dich, zu wissen, wie stark wir hier alle im Grunde mit Dir rechnen." Nicht nur dieser Brief von Lotte Lemke, auch die Mitteilungen, die Marie von ihren Kindern aus Düsseldorf, Weissenthurm und München erhielt, und von vielen engsten Freunden, sowie der endlich gut vorwärtsgehende und für eine Überfahrt nun einmal notwendige Papierkrieg gaben den Ausschlag, dass Marie am 31. Oktober 1948 mit der klaren und bündigen Art reagierte, die eine besondere Stärke von ihr war und die sich in einer kurzen' Mitteilung' niederschlug: " Als Tag meiner Abfahrt von hier habe ich den 6. Januar 1949 festgelegt. Ich werde diesen Termin innehalten, sofern nicht höheren urts anders bestimmt wird. Es wird ein sogenannter Frachter sein, mit dem ich fahren werde. Das bedeutet: ich werde ohne Zwischenstation etwa 1o Tage später in Hamburg oder Bremen ankommen. Etwa eintretende verzögerungen werden sofort brieflich gemeldet. Diese Mitteilung geht an meine Kinder, an Lotte Lemke und Herta Gotthelf. Ein Telegramm wird meine schliessliche Abreise an Lotte Lemke melden. Das Büro der AW wird von mir hiermit herzlich gebeten, den Inhalt dieses Telegramms an die Adressen meiner Kinder weiter zu geben. Auch sollten sich diese untereinander und mit Lotte Lemke und Herta Gotthelf verständigen, wie die erste Zeit am b sten genützt werden kann, unter Berücksichtigung meines Wunsches, dass ich zuerst einmal mit meiner Familie zusammen sein möchte." Mit dieser klaren Mitteilung hatte sich Marie' freigeschwommen', aber die New Yorker Arbeit blieb ein schwerer Klotz an ihrem Bein: - " Ich will nun gerne, sehr gerne, Schluss hier machen, und werde dabei das dumme Gefühl nicht los, dass ich von den Dingen, die ich noch für notwendig ansehe, nicht einmal den wichtigsten Bruchteil bis dahin erledigen kann. Aber Du sollst Dich darum nicht sorgen, es war nur ein Stoẞseufzer.- Was Du mir an Würden und Bürden zugedacht hast- darüber reden wir zuerst einmal ganz alleine, bevor irgend etwas, auch in mir selbst, entschieden wird. Es ist natürlich der Wunsch meiner Kinder, mich erst einmal bei sich zu haben, und da voraussichtlich die Jahreszeit im Januar und Februar doch nicht so angenehm für alle möglichen Exkursionen und Strapazen sein wird, wäre es eigentlich eine schöne Sache, wenn Du einige Tage mit mir zusammen bei meinem Sohn Paul in Weissenthurm sein könntest. Das wäre auch eine gute Gelegen - 346- heit, sich über manches klar zu werden. Ich werde auch in diesem Sinne an meinen Jungen schreiben." Lotte Lemke hatte sich in den Nachkriegs jahren* x* x* x* x nicht nur wegen der gemeinsamen Sache, sondern aus einem starken menschlichen Mitgefühl heraus in Briefen so kameradschaftlich und warm an Marie angeschlossen, dass sie alle Dinge spürte, die zwischen den Zeilen von Maries Briefen mitklangen. Sie ging mit offenem Herzen auf alles ein, aw was Marie gut tun konnte. Am 18. November antwortete sie: und " Deinen Plan, erst einmal ein paar Tage bei Deinem Sohn mit Dir zusammen schön. zu sein, finde ich xxx. Das lässt sich natürlich einrichten und es wird gut sein, ohne Ablenkung und Hast über alles zu sprechen. Die Zeit bis zu Deinem Kommen wird nun sehr schnell vergehen, xxxx für Dich wird sie noch mit grossen Strapazen verbunden sein. Aber ich wünsche Dir, dass Du alles gut überstehst. Vor allen Dinge hoffe ich, dass Emil, falls er gleich mitkommen sollte, bis dahin wieder gesundheitlich hergestellt ist. Ich glaube, es wird keiner unserer' Rückkehrer' mit so viel herzlicher Freude und nur wenige werden mit solchen Hoffnungen erwartet wie Du. Vielleicht hilft dieser Gedanke Dir über die nächste und nicht ganz leichte Zeit hinweg." Emil verständigte wenige Tage Später- am 23. November- seine Angehörigen in Idar- Oberstein: - " Marie hat für den 6. Januar 1949 einen Schiffsplatz gebucht. Wenn also bis dahin die Papierangelegenheiten in Washington erledigt sind, werdet Ihr sie************ к zu Beginn des neuen Jahres dort begrüssen können. Es i ist durchaus möglich, dass der Termin um einige Tage verschoben werden muss, denn auch hier, in diesem kяnd im allgemeinen formlosen Land gibt es eine Bürokratie, von den Amerikanern' red tape' genannt, mehr als gut und den Betroffenen lieb sein kann. Haltet bitte die Daumen und vorläufig den Schnabel. Maries Ankunft wird schnell genug bekannt werden. Es liegt ihr garnicht, wenn zu viel Aufhebens gemacht wird.- Der zweite für uns und Euch wichtige Punkt: Kaethe war gets ren bei der Schiffahrtsagentur und hat für sich und mich für April gebucht. Aber auch für uns gilt dasselbe wie für Marie: nicht darüber reden.- Der dritte- für mich allein wichtige- Punkt, und haltet Euch fest: Kaethe und ich sind am 16. November beim Standesamt gewesen und haben unserem Bund den Stempel geben lassen. Ihr habt also nun auch offiziell' die Schwägerin' bekommen, und ich weiss, Ihr freut Euch darüber und werdet sie in der Sippe der Kirschmänner begeistert begrüssen. Die Meridener, Bruder Robert, die Ida- Tante und die drei Jungens wissen noch nichts von dem Glück. Ich werde ihnen das aber umgehend mitteilen. Wir macht ten natürlich garnichts daher. Zeugen waren Marie und ein guter Freund von uns, Dr. Hans Hirschfeld. Zum Mittagessen war dann noch meine Ärztin, Dr. - 347Minna Flake, politischer Flüchtling wie wir und bester Freund von uns, dabei. Das war alles. Der feierliche Akt war, wie fast alles in diesem Lande, formlos und einfach, dabei doch nicht trivial. Ich benötige noch meinen Geburtsschein, um die Prozedur für die Ausreise abzukürzen. Beinahe alles ist in den USA einfach. Nur wenn Du das Land verlassen willst, muss man peinlichst genau korrekte Fragen seitenweise beantwor ten. Je schneller der Schein hier ist, desto sicherer könnt Ihr mit unserer Ankunft Ende April oder Anfang Mai rechnen." Käthe, die den Auftrag hatte, den Brief so schnell wie möglich mit der Post zu besorgen, schrieb mit der Hand noch einige Zeilen dazu: - " Nun habe ich den Brief doch noch bis zum nächsten Morgen behalten, weil ich Euch noch ein paar Worte über Emils Zustand sagen wollte. Er ist doch sehr matt und kraftlos, so sehr er versucht, es nicht wahrhaben zu wollen. In den Nächten liegt er trotz Medizin wach und grübelt über tausend Probleme, und das ist nicht gut. Sein Zustand ist nach ärztlichem Urteil-' so gut, wie das eben bei seiner Krankheit möglich ist', oder:' Man weiss nie, wann sich so etwas wiederholt' und' Je länger die Pause zwischen zwei Attacken, desto besser'. Dr. Minna Flake meint:' Wenn sich bis zum Herbst nicht wieder etwas Unvorhergesehenes einstellt, dann ist er kräftig genug, um eine Wiederholung des Lungen- Oedöms zu überstehen. Ich bereite adeo alles für die Rückreise vor, weil auch das Klima hier für ihn Gift ist und er keinen Sommer mehr hier in New York verbringen darf, ganz abgesehen davon, dass er auch durch die lange Untätigkeit ganz kribbelig wird. Ich hoffe sehr, dass er durchhält, und wir sehen uns dann im nächsten Frühjahr. Es ist nicht immer ganz leicht, ihn davon zu überzeigen, dass er die Hände in den Schoss legen muss, um Kräfte zu sammeln für seine Erholung und für seine zukünftige Arbeit drüben, vor allem aber auch für die anstrengende Reise. Das alles soll Euch aber nicht das Herz schwer machen. Ich hielt es nur für meine Pflicht, Euch in aller Offenheit zu sagen, wie es um ihn steht, denn einmal müsst Ihr es ja doch erfahren. Marie lag übrigens in dieser Woche mit bösen Ischias- Schmerzen im Bett." - Der Briefwechsel zwischen Marie Juchacz und Lotte Lemke klang in diesen Tagen ab. Am lo. Dezember kam noch einmal ein Brief aus Hannover: " Der Tag rückt nun immer näher, an dem Du New York den Rücken wenden wirst. Hoffentlich stellen sich Deinen Plänen nicht noch irgend welche bürokratischen oder sonstigen Hemmungen entgegen. Die Durchführung Deines Entschlusses ist sicher nicht einfach, aber wir sind hier alle froh darüber, dass Du kommst und ich denke, dass Du es nie zu bereuen haben wirst. Paul, Dein Sohn, und Fritz Roehl in München habn an mich geschrieben, und Paul hat mich sehr herzlich eingeladen, mit Dir zusammen einige Tage auf dem Nette- Gut zu verbringen. Darüber freue ich mich sehr und werde es auch so einrichten. Fritz - - 348- Roehl möchte Dich am liebsten mit seinem kleinen Wägelchen direkt in Bremen abholen und zu Paul kutschieren, aber es ist für ihn eine Benzin- und Kostenfrage. Ich glaube, für Dich ist e bequemer, wenn wir für Deine Abholung und Weiterbeförderung sorgen. Du kannst Dich darauf verlassen, dass wir alles so einrichten werden, dass Du nicht unnötig Kräfte drangeben musst." Dieser Brief, der mit Luftpost nach New York ging, wurde von Marie auf dem gleichen Wege und postwendend, am 13. Dezember, beantwortet: " Deine Mitteilungen im letzten Brief freuen mich. Und dass ich mich selbst auf das Wiedersehen und auf sachliches Arbeiten noch mehr freue, kannst Du mir glauben. Ic stecke noch so tief in allerhand Arbeiten, dass ich kaum zur Besinnung komme. Übrigens im Vertrauen: Emil und Kaethe kommen nun als legales Ehepaar. Ich habe ein wenig gedrängt, u.a. auch deshalb, weil ich mir von dieser Legalisierung eine Erleichetrung der ganzen Situation erhoffe. So gerne und selbstverständlich ich über Tag die Pflege Emils übernahm, so halte ich es doch für besser und in jeder Beziehung für alle leichter, wenn ich in Deutschland wieder ganz freizügig disponieren kann. Zudem ist Käthe Krankenpflegerin, und wenn wieder einmal etwas eintreten sollte, was eine intensive Pflege notwendig macht( aber hoffentlich wird es nicht notwendig sein!), dann soll es selbstverständlich sein, dass sie zur Verfügung steht, während sie ja hier in New York verdienen musste. Ausserdem ist es so, wie es in den vergangenen Monaten gewesen ist, auch körperlich für mich zu schwer geworden. Das wird sich nun alles irgendwie regeln." Neben der weiteren Bearbeitung der AW- Angelegenheiten und neben den Reisevorbereitungen stahl sich Marie manche späte Abendstunde, um sich wenigstens к brieflich von vielen Freunden zu verabschieden, die ihr während der USA- Zeit menschlich und freundschaftlich sehr nahe gekommen waren. So schickte sie am 28. Dezember diesen Abschiedsbrief an Dr. Walter FFriedländer: - -349" Herzlichen Dank für Ihre guten Wünsche und für alles, was Sie mir zugefallen getan haben. Und unsere- Emil Kirschmanns, Kaete Fey- Kirschmanns und meine guten und herzlichen Wünsche für Sie und Frau Li für 1949 und für spätere Zeiten. Ich fahre nun am 20. Januar herüber und denke, dort zu bleiben und zu arbeiten. Die Rechtfertigung für mein Noch- Hiersein sah ich nur in der Möglichkeit, für' drüben' etwas Nützliches tun zu können. Das war und ist nur in beschränktem Masse möglich gewesen. Man sagt mir zwar jetzt aus dem Kreise meiner bisherigen Mitarbeiter, dass das doch sehr viel war, aber.... Die Bitten von drüben wurden sehr dringend, und ich habe jetzt selbst das Gefühl, noch etwas nützen zu können, auch mit den gesammelten Erfahrungen und eventuell auch als eine Art Interpret hiesiger Mentalität und hiesiger Organisationsformen. Illusionen mache ich mir keine! Ich freue mich, meine Kinder zu sehen, meine Enkel.- Leben Sie wohl. Ich werde immer und gerne an Sie denken, an Ihr Verständnis, Ihre Hilfsbereitschaft, Igre und Ihrer Frau grosse und schöne Menschlichkeit. Emil Kirschmann war den ganzen Sommer hindurch recht krank. Wir haben viel Angst um ihn ausgestanden und hatten es nicht leicht mit seiner Pflege. Wenn wir die gute Minna nicht wieder einmal zur Seite gehabt hätten ich, nein: wir sind ihr sehr dankbar. Jetzt ist Emil sehr viel wohler und auch die Ärzte sind der Ansicht, dass ihm das Klima besser bekommen wird als das hiesige. So werden Kaete und Emil mir im April folgen. - Durch die Anspannung bei der Pflege und die Hitze des Sommers habe ich die' Arbeiterwohlfahrt' notgedrungen stark vernachlässigen müssen. Die einmal angekurbelte Maschine ist, etwas verlangsamt, automatixch weitergelaufen, aber ich fürchte, dass der gute Wille einiger guter Leute den schliesslichen Stillstand nicht wird verhindern können. Am Donnerstag, den 30. Dezember, ist noch eine Abschiedsversammlung für mich anberaumt, und ich will die Gelegenheit wahrnehmen, der Versammlung zu sagen, was man- und wie man es- und wie man es- hier noch machen könnte, um den Freunden drüben bei einer eminent wichtigen demokratisierenden und erziehenden Aufggbe zu helfen. Aber bei der Ausarbeitung dieser Gedanken werde ich doch recht bitter, weil es in etwas anders ausgedrückter Form das ist, was ich vor mehr als zwei Jahren gewollt habe und worin man mir nicht gefolgt ist. Ich werde aber diesem bitteren Gefühl beim Sprechen keinen Raum geben, weil es keinen Zweck hat. Ich weiss noch nicht, wo ich mein Domizil aufschlagen werde. Für's erste gehe ich zu meinem Sohn Paul auf das Nette gut bei Weissenthurm Einfügen auf Seite 350 bei Auch Luise Oppenheimer wurde Anfang Januar 1949 noch mit einem Abschiedsbrief bedacht: " Es wird wohl keine zu grosse Überraschung für Sie sein, wenn Sie von mir hören, dass ich nun dieses gastliche Land verlassen werde. Mein Schiff ge geht am 20. Januar, es ist ein Frachter. Zehn Tage später werde ich in Bremerhaven oder Hamburg landen. Lotte Lemke, Hertha Gotthelf und viele andere schrieben sehr oft, dass ich doch kommen möge. Ich glaube auch, das Mögliche hier getan zu haben. Es war immer meine Absicht, noch einmal nach Pittsburgh zu kommen, aber mein Schwager war seit Mitte Mai vorigen Jahres recht krank und brauchte Pflege. Da hatte ich es den heissen Sommer über nicht leicht, und konnte auch bis heute einfach nicht weg. Es geht ihm nun schon bedeutend besser und er will mit seiner Frau Käthe im Aprib nachkommen, um nicht wieder hier in einen New Yorker Somme hineinzugeraten. Auch die Ärzte versprechen sich etwas von einem KlimaWechsel. - - in einem( fast Ich habe in dieser Zeit meine Korrespondenz- auch mit drüben- sehr vernachlässigen müssen. Schwierig ist die Überleitung der hiesigen AW, weil sie durch die natürliche Müdigkeit nach langer Anspannung auch in der p psychologischen Verbindung mit der Währungs reformd drüben möchte ich sagen) krisenhaften Zustand ist. Doch trifft diese Bezeichnung sachlich wohl nicht ganz zu, nur fehlt es mir an der Zeit für eine ausführliche Erklärung für diese Situation. Ich freue mich doch recht auf Lotte, auf Paul, meinen Sohn, und seine Familie. Die beiden Buben sind nun schon 13 und 14 Jahre alt. Paul schreibt oft, von Lotte hatte ich jetzt ein paar Zeiben, die sie zu Weihnachten geschrieben hat, als sie bei meinem Sohn zu Besuch war. Sie hatte anscheinand nach der Währungsreform eine wirtschaftlich sehr schwie rige Zeit, wie alle' freien' Berufstätigen. Dazu kam noch die Schliessung der Gerichte- ich weiss nicht, ob es ausgedehnte Ferien waren oder ob das eine Folge der Währungsreform war. Sie klagt- wie immer- nicht, es tönt nur ganz leicht durch undich kann dann nur kombinieren, weil mir auch von anderen manches wohlwollend über sie zugetragen wird. Dann ist da auch noch Fritz Roehl und seine mir noch unbekannte Frau, auf die ich mich freuen kann. Sie leben in München, aber wir werden uns erst einmal alle bei meinem Sohn sehen, weil das am bequemsten für uns alle ist. So bleibt mir nur noch übrig, Ihnen, Ihrem Mann und Hannah ein herzliches Lebewohl zuzurufen. Ich scheide von Ihnen mit meinen herzlichsten Grüssen und Wünschen. Soeben erhalte ich noch Ihren lieben Brief. Dann waren die Zeitungsmeldu ngen doch schneller, als ich es sein konnte. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre guten Wünsche sowie für die Nachrichten aus Berlin, wohin ich j ja wahrscheinlich nicht so schnell kommen werde." . - 350bei Andernach am Rhein, in der Französischen Zone. Er hat die beste Möglichkeit, wohnungs- und ernährungsmässig Besuch zu haben, und ich will zuerst mit verschiedenen Menschen sprechen, ehe ich mich auf eine längere Reise begebe. Ich weiss nur eines ganz sicher: dass ich bemüht sein werde, meine letzte Kraft nicht zu zersplittern. Das heisst, dass ich mich nicht in den Parteienkampf und in die Propaganda xkakkя, sondern d* x* x* x* **** nur- sachlich fachlich. der' Arbeiterwohlfahrt' zur Verfügung stellen werde, sofern alle Vorbedingungen( für mein Gewissen) erfüllt sind. Und ich glaube, dass es so ist. - Ich höre von den verschiedensten Seiten, dass man die Leistung der ' Arbeiterwohlfahrt' und besonders die von Lotte Lemke sehr bewundert und man hat Achtung vor der Heistung einer ganzen Reihe anderer Persönlichkeiten, zum Beispiel Ida Wolffin Berlin u.a.- In den letzten Tagen bekam ich auch wieder Briefe von Adama van Scheltema aus Amster dam, die einmal Lotte Lemke bei sich hatte und die selbst jetzt auch einmal in Deutschland war. Auch Hertha Kraus schrieb mir in diesem positiven Sinne von der Leistung. Sie, die der AW gegenüber besonders kritisch war und ist, fällt deshalb besonders ins Gewicht. Auch Wilhelm Sollmann war jetzt drüben, drei Monate. Wir hatten ihn einen Nachmittag in der Wohnung. Dann hörte ich ihn in einer Versammlung und las Berichte über seine Vorlesungen im Extrakt. Vielleicht werde ich vieles, ja manches, ganz anders ansehen, als er es tut, aber er ist nachdenklich und versucht, hinter die Dinge zu schauen." + Am 5. Januar 1949 schrieb Marie an Lotte Lemke von New York ihren letzten Brief: " Meine Reise wird nun nicht mehr aufgeschoben( nachdem der Abreisetag vom 5. Januar hinfällig wurde). Ich fahre am 20. Januar, obgleich ich nicht fertig werde. Das Schiff heisst' Raphael Semmes', ist ein Frachter und hat die Reisenummer 15. Das Ziel heisst: der erste deutsche Hafen, was bedeutet, dass das Schiff dort anläuft, wo es die meist Fracht abzuladen hat, in Bremen oder Hamburg. Es wird um den 30. Januar herum dort sein. Alles andere bleibt so, wie ich es schon erbeten hatte und wie Du es mir bestätigt hast. Dass mich Fritz mit seinem Wägelchen abholen will, ist eine Schnapsidee, die er aufstecken muss. Kleider und Wäsche werden unge flickt und ungebügelt in die Koffer gepackt, Papiere können nicht restlos geordnet werden, es verging zu viel Zeit mit dem Aussortieren. Die Ordnung mache ich mir dort, wo ich mein Arbeitsplätzchen xxxxx bekomme. Die Organisation hier lasse ich' in schwebendem Zustand' zurück. Immer mehr verknüpfen sich die - 351 Probleme von hier mit denen von drüben. Emil sagte mir heute, er sähe mich im Geiste nach einem Vierteljahr schon wieder für vorübergehend nach hier abdampfen.- Meine Abschiedsversammlung liegt hinter mir. Alle Tage kommt Besuch, für mich, für Emil, für uns alle Drei. Das Telefon geht ununterbrochen, Gäste bleiben zum lunch, zum Kaffee oder zum Abendessen. Käthe muss noch zur Arbeit gehen, fast so lange, als ich noch hier bin.- Wenn einer der männlichen Freunde nach drüben abzieht, macht ihm die Frau sein persönliches Gepäck tadellos zurecht und besorgt noch die notwendigen Gäng ge, er kann für seine Papiergeschichten sorgen. Aber ich?- Das ist ein letzter Stoẞseufzer, und ich werde zufrieden sein, wenn ich mich auf dem Kahn ausstrecken kann und einmal nicht zu denken und zu handeln brauche." Lotte Lemke hatte inzwischen von Hannover aus alles so hervorragend vorber reitet, dass es keine Panne mehr geben konnte. Ein kleiner Apparat war in Bewegung gesetzt worden, um sich laufend zu unterrichten, wann und wo das Schiff voraussichtlich eintreffen würde. Am 31. Januar schrieb Lotte Lemke noch einmal an Emik Kirschmann nach New York: " Seit 8 Tagen ist nun hier grosses Rätselraten über die Ankunft des Schiffes. Jeden Tag kommen andere, einander widersprechende Informationen. Heute scheint es nun endgültig festzustehen, dass das Schiff am Mittwoch, den 2. Februar, gegen 11 Uhr in Bremerhaven sein wird. Hertha Gotthelf und ich werden- zusammen mit Lotte Juchacz- hinfahren, um Marie in Empfang zu nehmen. Quartier ist im Gästehaus der Stadt Bremen, aber vorsichtshalber auch im deutsch- englischen Club in Hannover bestellt. Wir wollen alles von Maries Entscheidungen abhängig machen und davon, wie sie sich nach der Reise fühlt. Von Paul kommen sehr warmherzige Briefe, aus denen hervorgeht, wie sehr er sich auf seine Mutter freut und wie er in seinem Hause alles zu ihrem Empfang und wie er hofft- dauerndem Aufenthalt eingerichtet hat. Auch Fritz Roehl korrespondiert ständig mit mir und erwartet Marie mit Ungeduld. Im Kreise unserer Freund ist die Wiedersehens- Vorfreude schon sehr gross. Von Louise Schröder kam ein Begrüssungstelegramm, und die Hamburger AW möchte Marie am liebsten gleich für eine grosse Veranstaltung mit Beschlag legen. Die Freunde vom parlamentarischen Rat in Bonn haben die Hoffnung, dass sie dort bald auftamehen wird. Ich glaube, dass ich in Maries Sinne gehandelt habe, wenn ich alles in der Schwebe hielt, um alles ihrer eigenen Entscheidung überlassen zu können.- Nun werden wir bald Dich und Käthe hier haben. Auch darauf freue ich mich sehr." - [ Auf dem Schiff hatte Marie Zeit, einen Blick in die vielen Unterlagen zu werfen, die sich in den letzten beiden Wochen vor ihrer Abreise angesammelt hatten und die ungelesen zur Seit • - 352gelegt werden mussten, so auch der in der' Neuen Volkszeitung New York' erschienene Bericht über' Die Abschiedsfeier für Marie Juchacz': " Die Präsidentin der Arbeiterwohlfahrt New York wird, wie bereits gemeldet, noch im Laufe dieses Monats nach Deutschland zurückkehren. Zahlreiche alte Freunde und Mitarbeiter und viele neue Freunde, die Marie Juchacz während der Jahre ihres Wirkens in den Vereinigten Staaten gewonnen hat, waren am 30. Dezember zu der von der Arbeiterwohlfahrt New York veranstalteten Abschiedsfeier erschienen. Sie alle hatten den dringenden Wunsch Marie Juchacz Lebewohl zu sagen und ihr von ganzem Herzen für die aufopfern de Arbeit im Dienst unserer gemeinsamen Aufgabe zu danken. Auch die Vertreter befreundeter Organisationen, die nicht zum engeren Kreis um die AW gehören, haben an diesem Abend gezeigt, wie stark sie sich der Persönlichkeit unserer Präsidentin verbunden fühlen und wie sehr sie ihre ungewöhnliche Arbeitsleistung bewundern." Noch manches andere war in den Aktendeckeln, aber es blieb nur beim Überblättern. Dann machte sie das wahr, wovon sie schon vorher geträumt hatte: sie' streckte auf dem Kahn die Beine aus' und genoss- seit sehr langer Zeit in ihrem Leben nun endlich wieder zum ersten Mal- den Zustand, an keine dringende Aufgabe oder Arbeit denken** X** XX** X oder in irgend einer Form aktiv sein zu müssen. Nach 1 6 Jahren wieder in De unt s chland Am Mittwoch, den 2. Februar 1949, traf Marie Juchacz in Bremerhaven als ausgeruhter Mensch ein, dem man keine Reisestrapazen anmerkte und der es gerne sah, dass er im Gästehaus des Senats von Senator van Heukelum sehr herzlich begrüsst wurde. Sie hatte während der Schiffs reise wieder so viel innere Kraft gesammelt, dass sie vom Wiedersehen mit ihrer Tochter, mit Lotte Lemke und Herta Gotthelf, und mit den ersten Freunden, die sich von sich aus eingefunden hatten, nicht überwältigt wurde. Sie hatte Herzklopfen, als sie nach 16 bitteren Emigrationsjahren als Staatenlose jetzt wieder auf deutschen Boden trat, und war in den ersten Minuten dakxx** k* innerlich trotz allem Bemühen, es nicht zu zeigen- doch recht bewegt. Aber das kleine Programm, dass Lotte Lemke vorbereitet hatte, lenkte ab und nahm in Anspruch, sodass der erste Bann sehr schnell gebrochen war. Da Maries Tochter Lotte als einziges Familienmitglied nach Bremerhaven kam und Baul und Fritz unabkömmlich waren, wurden sie durch Telegramme von der glücklichen Ankunft verständigt. Nach einer Zwischenstation in Hannover, wo sie von der Wiedersehensfreude vieler Freunde überwältigt war und wo sich begreiflicherweise keine Möglichkeit ergab, irgendwelche trächtigen Zukunftspläne zu besprechen, kam Marie zu ihrem Sohn Paul auf das Nette- Gut in Weissenthurm bei Andernach am Rhein. Paul hatte seiner Mutter ein kleines Zimmer eingerichtet, - 353- hell und luftig, die Möbel von ihm selbst frisch und sauber gestrichen. Wenn Marie geglaubt hatte, wirklich ungestört und ganz nach eigenem Willen erst einmal mit sich selbst fertig werden zu können, war das ein Irrtum,* x* x* x* x***************************** иxйяккяxяkkя dessen inд stilles Eingeständnis sie selbst garnicht überraschte. Sie wusste, dass sich sehr bald manches rühren und regen würde, aber sie wollte in ihren Entscheidungen frei bleiben. Einen kleinen Kummer gab es, als ihr Sohn Paul wenige Tage nach ihrer Ankunft krank wurde und mit hohem Fieber zu Bett gehen musste. Dann kamen die ersten Briefe mit Einladungen und mit Bitten, auf Bezirkskonferenzen, Tagungen, Versammlungen und Zusammenkünften aller Art grundlegende Referate zu halten oder zumindest zu irgend welchen Problemen das Wort zu ergreifen. Sie hatte eigentlich von sich aus anders disponiert und erst einmal mit den engsten Freunden private Treffen verabredet. Schon am 17. Februar geht ihr erster Brief an Lotte Lemke nach Hannover: " Am Mittwoch wollte ich in Bonn sein. Paul Löbe telephonierte, dass keine Sitzung sei, er würde anrufen.- So warte ich. Heute, Donnerstag, wollte Fritz Roehl mit seiner Frau aus München kommen, im letzten Augenblick musste er telegraphisch absagen. Auf jeden Fall möchte ich ab Montag in Düsseldorf sein.- Tatsächlich würde ich gerne zur Konferenz des Bezirksvorstandes Franken am 2. April nach Nürnberg gehen. Irgendwann und irgendwo muss ja der Anfang gemacht werden, aber gleich mit einem grundlegenden Referat? Ich habe das Gefühl, erst einmal ganz warm werden zu müssen. Das kommt ganz aus meinem Gefühl, ich kann es nicht begründen.- Soeben ruft Bonn an, ich werde sofort abgeholt." Kaum 8 Tage später macht Marie von Düsseldorf aus mit Lotte Lemke brieflich Programm: " Mit einer kurzen Ansprache in Hamburg und Nürnberg bin ich einverstanden. Mit Referaten möchte ich es doch bei dem jetzigen Zustand lassen. Meine Hemmungen sind eher noch stärker geworden.( Dazwischen liegt jetzt das Telefongespräch mit Dir). Ich hoffe, Du kannst mich unterbringen, denn ich möchte zum 2. März nach Hannover kommen und von dort mit Dir dxxx nach Westerland und dann nach Hamburg gehen." Fülle ZV Mitten in diese Reisezeit hinein fièè Maries 70. Geburtstag, den sie auf dem Nette- Gut bei ihrem Sohn verbrachte. Noch nie hatte das kleine Postamt in Weissenthurm eine solche von Briefen und Telegrammen bewältigen. esen Schon einige Tage vorher setzte die erste Flut ein, die sich bis zum glücklichsten Tag von Marie zu einer wahren Sturmflut steigerte. Aus dem In- und Ausland kamen die Karten, Briefe, Luftpostsendungen und Tele - - 354. - gramme, und das arme Fräulein an der Telegrammaufnahme konnte es nach den ersten frühen Stunden dieses 15. März nicht mehr alleine schaffen. Obwohl es vom Postamt bis zum Nette- Gut nicht weit war und der Telegrammbote ein Fahrrad besass, mussten zwei Hilfs boten eingestellt werden. Der Leiter des Postamts sah seine Ehre darin, der postalischen Bestimmung zu genügen, dass jedes Telegramm sofort nach Aufnahme zugestellt werden müsse.- Und es fehlte niemand unter den Gratulanten, von den besten Freunden in Amerika angefangen über Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer bis zu Frauensekretariaten, Schwesternschulen, Heimleitungen, und nicht zu vergessen die befreundeten Organisationen des europäischen Ausla lands, Schwedens, Österreichs und der Schweiz. Dieses gewaltige Treue- und Freundschaftsbekenntnis, das einen dicken Akt füllt, war Maries eigentliche Heimkehr nach Deutschland: " Ich war überwältigt, ja erschüttert von all diesen Beweisen der Freundschaft, xxx des Verständnisses und der Wertung meiner bescheidenen Arbeit." Marie Juchacz hat sich niemals in ihrem Leben auf irgendwelchen Lorbeeren ausgeruht. Am 16. März, einen Tag nach diesem Geburtstag, machte sie ihren Terminkalender, der sie vom 17. März bis 8. April nach Kassel, an den Niederrhein, nach Köln, Nürnberg- und dann für einen achttägigen ' Urlaub zu Fritz und Maria Roehl nach München bringen sollte. Am 18. April ist sie wieder in Weiss enthurm, x* x* x* von wo sie am 13. an Lotte Lemke nach Hannover schreibt: " Ich fand einen grossen Haufen Post vor, u.a. auch die Nachricht, dass Emils Bruder Robert aus Amerika in Idar- Oberstein angekommen ist. Mein Sohn Paul und ich wollen morgen hinfahren, denn mir liegt daran, ihn zu sprechen. Er ist nur 4 Wochen hier, und eine ist bereits vergangen. Weiter kam die Nachricht, dass das Ehepaar Eugen und Frieda Albrecht bereits in Deutschland sind. Mit den beiden hatten Käthe und Emil die gemeinsame Reise vor.- Ich war etwas nevös, als ich Euch gestern verliess. Ich habe auch vergessen, Dir für das Knäckebrot Marken dazulassen. Sie werden mir hi er nur faul." - Diesem Brief liegt ein Irrtum zugrunde, der nicht zu klären war, denn am 13. April dem Datum dieses Briefes, hatten August Kirschmann, Fritz Roehl und einige andere Familienmitglieder bereits ein Telegramm von Käthe Kirschmann- Fey und Robert Kirschmann in Händen, dass Emil Kirschmann am 11. April seinem quälenden Herzleiden erlegen war. Ausserdem hatte Robert Kirschmann seine Reise nach Deutschland verschoben, weil die - 355- Dauer seines Aufenthalts in der französischen Zone nur auf zehn Tage befristet war, wofür sich die grossen Kosten für Hin- und Rückflug nicht lohnten. Es ist nicht anzunehmen, dass Marie von Robert und Käthe nicht ebenfalls verständigt wurde, aber in den wenigen Unterlagen aus dieser Zeit- und die wichtigste wäre Maries Brief vom 13. April gewesen- findet sich keine Zeile, mit der Marie auf den Tod ihres Schwagers Emil, der auch der Stiefvater von Fritz Roehl war, eingeht. Auch ein Brief vom nächsten Tag an Lotte Lemke, also vom 14. April, beschäftigt sich ausschlie sslich mit den Dingen, die gerade zur Debatte stehen, u.a. auch mit ihrer Reise nach Berlin am 25. April. Genau so überraschend ist es, dass auch die Öffentlichkeit nichts vom Tode Emil Kirschmanns erfuhr. Die der AW befreundeten New Yorker Zeitungen berichteten zwar ausführlich über das Ableben und die Trauerfeierlichkeiten, aber in Deutschland******* я brachten nur einige wenige Parteizeitungen der SPD eine kurze Notiz. Aus allem lässt sich entnehmen, dass Marie Juchacz diesen zweiten schweren Schlag ihres Lebens nur dadurch tragen konnte, dass sie das ganz für sich alleine mit sich selbst abmachte und nach aussen bewusst vermied, darüber zu sprechen oder zu schreiben, oder darüber angesprochen zu werden. Schon einmal hatte sie in der gleichen Art reagiert, 1930, als ihre Schwester Elisabeth starb. Emil war ihr durch das gemeinsame Erleben und Zusam menarbeiten, mehr aber noch durch das Zusammenleben als' kleine Familie' so nannte sie einmal nach 1930 die durch Elisabeths Tod g entstandene Situation- wie ein Bruder ans Herz gewachsen, und in vielen ihrer ganz nahen Briefe nannte sie ihn' mein lieber Junge'. Xxx Damals, nach dem Verlust ihrer Schwester, stürzte sie sich in die Arbeit, und so machte sie es auch jetzt. Die Vorbereitungen für ihre Anwesenheit auf verschiedenen Tagungen und Konferenzen in den drei Westzonen, vor allem aber die Reise nach Berlin lenkten sie ab. Ende April, nachdem sie schon ein umfassendes Reiseprogramm bewältigt hatte, war es so weit. In einem 21 Seiten umfassenden, für die USA bestimmten - Bericht aus Deutschland' sagt sie zum Anfang: " In mehreren Städten war ich öfter, in anderen nur einmal. Einige wenige habe ich nur bei mehrfacher Durchfahrt per Wagen und Bahn gesehen, aber dann so, dass ich eine Übersicht und einen starken Eindruck davon bekommen habe. Ich nenne einige davon, die Liste ist nicht erschöpfend und nach der Zeitfolge meiner Besuche aufgeführt: Bremen, Hannover, Köln, Koblenz, Düsseldorf, Duisburg, Wupertal( Elberfeld- Barmen), Hagen, Hamburg, die Insel Sylt, Kassel, Paderborn, Nürnberg, München, Würzburg, Kissingen, Mühlheim/ Ruhr, Essen, Bochum, Dortmund, Oberhausen und andere, und schliesslich Berlin." - 356- Über diesen ersten Berlin- Besuch schreibt der' Sozialdemokrat' in seiner Ausgabe vom 29. April 1949: " Flugplatz Bückeburg- eine kleine westdeutsche Delegation, die zur Tagung der Berliner Arbeiterwohlfahrt fliegen will, wartet seit Stunden in der üblichen Ungewissheit auf den Aufruf ihrer Namen. Unter den Mitgliedern der Delagtion sitzt Marie Juchacz, die nach langen Jahren der Emigration aus den USA zurückgekehrt, ih altes Wirkungsfeld Berlin besuchen will. An der Arbeiterwohlfahrt, die sie einst in dieser Stadt gegründet hat, hängt ihr ganzes Herz. Endlich beginnt der Aufruf der Namen, aber niemand ruft:' Marie Juchacz'. Sie ist zurückgestellt und muss mit einem Abend flugzeug nachfliegen. So lernt Marie Juchacz gleich bei ihrem ersten Berli ner Besuch all das kennen, was so charakteristisch für die einzige Verbindung Berlins mit dem Westen ist. - - Dann sieht sie diese Stadt wieder. Sie ist erschüttert über das Aussehen sie ist bewegt über den herzlichen Empfang.' Die Freude und Herzlichkeit, mit der man mich hier empfangen hat, waren so überwältigend... darüber kann ich jetzt noch garnicht sprechen.' Als sie die ehemalige " eichstagsabgeordnete- am Donne stag für einige Zeit das Stadtparlament besucht, nimmt das Begrüssen kein Ende.' All die alten Freunde von damals wiederzusehen ist so wunderschön!', ч meint sie, und untergehakt wie zwei junge Mädchen gehen sie und Louise Schröder, Berlins regierender Bürgermeister, plaudernd und lachend in den Wandelgängen des Berliner Parlaments spazieren. Zwei Frauen, die jede zu ihrer Zeit und an ihrem Platz so unendlich viel für ihre Mitmenschen taten.- Lachend erzählt die heute 7ojährige von ihren damaligen ersten englischen Sprachstudien:' Das Gedächtnis wollte nicht mehr so recht. Lesen ging bald, aber zum Ausdrücken all der komplizierten Gedanken, die uns auf politischem Gebiet bewegten, da reichte der Wortschatz nicht mehr aus. Und von den üblichen oberflächlichen Unterhaltungen über das Wetter und so halte ich nichts.' Dann erzählt sie von den USA:' Es ist ein schönes und grosses Land mit sehr freundlichen Menschen. Und doch ist es mir in gewisser Beziehung immer etwas fremd geblieben.' Sehr beeindruckt ist sie von der amerikanischen Lebensform, der Demokratie, die dort gelebt wird:' Es ist den Menschen schon von Jugend an ganz ins Gefühl übergegangen, den anderen zu achten, in geistigem Kampfe mit ihm um politische Ansichten zu ringen, fair zu sein, sich überzeugen zu lassen und doch ein stolzer Mensch mit eigener Überzeugung zu bleiben. Die jungen Menschen drüben erleben das bereits, und sie leben es dann einfach weiter, ohne es immer als Ausdruck und Eigenart eines politischen Systems zu empfin den. Mit umfassender K₁arheit entwickelt die 7ohährige diese Gedanken und fügt erklärend hinzu:' Ich habe keine Gelegenheit in diesen Jahren versäumt, das soziale und politische Leben meines Gastlandes zu studieren.' Juchacz Marie Leben und BA Arbeit ORIGINAL es - - 357- Und nun ist sie in Berlin.' Wissen Sie', meint Marie Juchacz dann,' es ist wie ein Wunder, dass xx trotz Hitler und allem, was durch ihn über uns alle Menschenken, heute noch oder wieder- so viel Freude und Liebe unter den Menschen gibt', und dabei betrachtete sie lächelnd die Stiefmütterchen und die roten Rosen, die Franz Neumann ihr schenkte, während der Beifall der Abgeordneten sie im Parlament begrüsste." Allmählich hatte sich Marie auch wieder daran gewöhnt, dass sie als Frau, feld die im Blick der Öffentlichkeit stand, damit auch die Verpflichtung hatte, der Berichterstattung für die Öffentlichkeit zur Verfügung zu stehen. Schon in München- Harlaching, im April gab sie während ihres Besuchs bei Fritz und Maria Roehr, wo sie sich acht Tage lang etwas verwöhnen liess, dem Bayerischen Rundfunk- damals noch' Radio Munich'- über Else von Reventlow ein Interview, das zur Folge hatte, dass sie eine ganze Reihe von Zuschriften bekam von Menschen, die sie kannten und die erst jetzt Kunde von ihrer Wiederkehr erhielten. Bei allen Interviews, die sie für Funk und Presse gab, konzentrierte sie sich immer auf Fakten, die sie sich zusammengetragen hatte. Das Wenige, das sie sagen wollte, hatte immer Gewicht und Gesicht. So sagte sie einem Journalisten, der etwas über die Hilfeleistung von Amerika wissen wollte, in zwei Sätzen mehr, als sich oft in spaltenlangen Abhandlungen in der Presse findet: caus " Auf dem Höhepunkt der privaten Hilfe von Mensch zu Mensch zählte die Post mehr als eine Million von Paketen im Monat, das waren an Porto damals ungefähr 2,8 Millionen Dollar. Dies mag Ihnen zeigen, was in diesem Lande der grossen Hilfsbereitschaft trotz aller Schwierigkeiten von einer kleinen Zahl von Menschen getan wurde, ganz im Sinne brüderlicher und sozialistischer Solidarität." Die Tage in Berlin gehörten zu den schönsten, die Marie seit ihrer Rückkehr bisher erlebte, und die Zeit war so in Anspruch genommen, dass sie es gerade noch ***** schaffte, einen heimlichen Abstecher in den Ostsektor der Stadt zu ma chen, um ihren Bruder Otto aufzusuchen, der inzwischen 79 Jahre alt geworden war. Dieser Besuch in Ost- Berlin war nicht ganz ungefährlich für sie, aber sie hätte sich grosse Vorwürfe gemacht, auch wenn sie zu Otto seit langem nichts anderes mehr verband als die Tatsache, dass er ihr Bruder war. Sie schwelgten in Erinnerungen, längst Vergessenes wurde lebendig, und der gegenseitige Gedankenaustausch hatte das Gute, dass sich aus dieser Unterhaltung wieder vieles von dem niederschlug, was Marie in den ersten Kapiteln dieses Buches schildert. + Als Marie nach Berlin flog, war die Blockade noch immer nicht beendet, sodass sie diesen Zustand aus eigenem Augenschein in seiner ganzen bedrük - - 358- sah kenden Schwere miterlebte. Sie erkak die Belastung der Frauen, die mit vier Stunden elektrischem Strom auskommen mussten, davon zwei Stunden am Tage, die sie als Berufstätige meist garnicht wahrnehmen konnten, um dann für zwei Stunden in der Nacht extra aufzustehen, um zu nähen, flicken, waschen und zu bügeln. Sie sah, dass es kein Gas gab zum Kochen, und- noch viel schlimmer- dass es kaum etwas zum Kochen gab, kein frisches Gemüse, keine Kartoffeln. Sie sah die Folgen dieser sowjetischen Unmenschlichkeit, mit der versucht wurde, eine Stadt mit drei Millionen Menschen buchstäblich aus zuhungern. Sie sah aber auch, wie die von den Amerikanern eingerichtete ' Luftbrücke' unter dem höchsten Einsatz von Menschen und Material spürbare Ergebnisse brachte. Noch als sie in Amerika war, hatte die Blockade eingesetzt. Aus allen Berichten konnte sie sich zwar ein Bild machen, aber cetzt was sie mit eigenen Augen sah, übertraf die kühhste Phantasie, in jeder Beziehung zum Guten und zum Schlechten. Dass der Berliner Arbeiterwohlfah in der Blockadezeit besonders wichtige Aufgaben zufielen, ergab sich von selbst, und es war eine wenn auch traurige Befriedigung für Marie, als sie sah und hörte, wie in erster Linie den Berliner Kindern geholfen wurde, wie sie hinausgeflogen wurden aus dem Kessel, um nicht nur in Westdeutschland, sondern auch im Ausland für mehrere Wochen Ergolung zu finden.- Die Arbeiterwohlfahrt legte damals den Grundstein zu den Kinderaktionen, die heute weit über den damals möglichen Rahmen hinausgehen. Das Jahr der Wiederkehr von Marie nach Deutschland brachte für sie so viele Höhepunkte, dass die Zeit schneller verging, als ihr selbst lieb war, oder gar bewusst wurde. Kaum von Berlin zurück in Weissenthurm, hörte sie, dass Emils Brudere, Robert Kirschmann, nun doch schon- und diesmal wirklich für Wochen nach Idar- Oberstein kommen würde. Was sie vier Wochen vorher beabsichtigte, konnte sie jetzt wahr machen: mit ihrem Sohn Paul in die Doppelstadt an der Nahe fahren. Natürlich wurde das Wiedersehen überschattet durch Roberts Erzählungen von den letzten Stunden Emils in New York, dass Käthe im letzten Augenblick die Schiffsplätze abbestellen und das Ehepaar Albrecht alleine reisen musste, und dass Emil am 12. April sanft entschlafen war. Robert hatte sich mit Käthe um die Erledigung der zwangsläufig damit verbundenen Dinge gekümmert, es gab einige erschütternde Trauerkundgebungen, und dann nahm Käthe das Angebot Roberts an, sich erst einmal in Meriden von allen Anstrengungen auszuruhen und in Ruhe zu überlegen, wie das Leben nun für sie als junge Witwe weitergehen könne. Käthe hatte noch eine der letzten Bitten erfüllt und seine Asche in einer Urne aufbewahren lassen, um sie, sobald es sich ergeben würde, nach Deutschland mitnoch zunehmen, damit* x* x* x* er auf deutschem Boden doch seine letzte Ruhe finde. - 359- [ Übersiedlung nach Düsseldorf- Oberkassel] Da Weissenthurm, gegenüber von Neuwied am Rhein gelegen, von Hannover cund in diesen Tagen doch sehr weit entfernt war, und die Vereinigung der drei Westzonen zur sollte. Bundesrepublik erfolgte, die als provisorisches Regierungszentrum Bonn wählte, und der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei und der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt entgegen ihren Absichten und dem inneren Bedürfnis, wieder nach Berlin als dem**** к********* zwar wundesten, aber dennoch zentralen Punkt zu gehen, sich zwangsläufig mit dem Gedanken trugen, die Hauptquartiere in der neuen bundesdeutschen Hauptstadt aufzuschla gen, nahm Marie eine sich schnell bietende Gelegenheit wahr und mietete in einem Haus in Oberkassel- nicht weit vom Wohnsitz ihrer Tochter Lotte entfernt- ein Zimmer, dessen Balkon mit seinen Pflanzen ihr besondere Freude machte. Von hier aus konnte sie genau so wie von Weissenthurm aus den Rhein und die Schiffe sehen, und sie nahm gerne die Mühe in Kauf, sich in den Tagen, in denen sie in Düsseldorf war, selbst in der kleinen Küche versorgen zu müssen. Das machte ihr sogar grosse Freude. Die Vorstellung von Maries Sohn Paul, seiner Mutter einen ruhigen Lebensabend zu bereiten, mag von seiner Seite aus berechtigt und auch gut und herzlich gemeint gekonnte wesen sein, aber er чxxxяsch selbst davon überzeugen, dass für Marie noch lange nicht die Zeit gekommen war, sich zur Ruhe zu setzen'. Seine Mutter war nach kurzer Zeit des Besinnens wieder in den Strudel der Ereignisse hineingezogen worden, und so weit es in ihren körperlichen Kräften stand, liess sie sich bedenkenlos mitziehen. Hier in Düsseldorf in dem schönen und grossen Zimmer konnte sie sich ausbreiten, konnte alles so liegen und stehen lassen, wie sie wollte, was natürlich nicht Unordnung bedeutete. Marie war kein Pedant, aber die Dinge hatten bei ihr immer ihren Platz, auch in ihrem Verstand und Gedächtnis.- Ihre erste Station in Weissenthurm hatte für ihr Leben und für ihre Arbeit insofern grosse Be• und fern deutung, als sie hier- in der Abgeschlossenheit des Gutsbetriebes von jeder großstädtischen Belästigung- mit der Ordnung aller Unterlagen яxxx und mit den ersten Niederschriften ihrer Erinnerungen begann. Aus dieser Unterlagen Zeit stammen viele der Mampen, die dem Bearbeiter Unterlagen jetzt zur Verfügung standen. In Düsseldorf konnte sie diese Arbeiten nicht mehr so kontinuierlich fortsetzen, weil ihr Terminkalender von Tag zu Tag umfangreicher und weitläufiger wurde. Die Übersiedelung nach Düsseldorf bedeutete aber nicht die endgültige Aufgabe Weissenthurms als ruhendem Pol. Ihr Reisekalender aus den letzten Monaten des Jahres 1949 nennt immer wieder für einige Tage das Nette- Gut, und die beiden Buben von Paul freuten sich am meisten auf sie, denn' die et Oma brite immer was Schönes mit.' . • - 360- Es würde den Rahmen dieser Biographie sprengen, wollte man alles aufzählen, was Marie im weiteren Verlauf dieses Jahres unternahm, wo sie überall sprach, was sie besichtigte, wo sie sich einschaltete, was sie alles anregte. Sie fuhr kreuz und quer durch das neue deutsche Bundesland, spann jetzt von Deutschland aus die Fäden nach Amerika, verhandelte mit USA- Gruppen, die nach Deutschland kamen, nahm Fühlung auf mit allen Menschen, Organisationen und Gruppen, von denen sie sich mögliche Hilfe für die Stiefkinder des Glücks versprach, stellte umfangreiches Material zusammen, das nach ihren Anregungen in alle Welt verschickt wurde, schrieb immer wieder irgend etwas, das ihr wichtig erschien, Brie fe, Memoranden, Aufsätze, Berichte, nahm mit kurzen Notizen zu Zeitproblemen Stellung, versorgte nicht nur die deutsche Parteipresse, sondern auch ausländische Zeitungen mit Material,- sodass es verständlich ist, wenn sie in den ersten Septembertagen des Jahres 1949 in einem Brief an Lotte Lemke am Rande Xxx von einem grossen Ruhebedürfnis spricht. Aber niemand wollte es der Siebzigjährigen glauben, denn ihre Aktivität zeigte das Gegenteil. Auch Lotte Lemke, in dieser Zeit Maries bester Kamerad, wollte sich nicht damit befreunden, dass sich Marie Juchacz zurückziehen könne: Schon " Du schreibst von einem grossen Ruhebedürfnis. Ich kann es gut verstehen, denn die letzten Monate waren für Dich ja ausserordentlich anstrengend. Ab er Dein Brief ist so temperamentvoll, dass ich nicht den Eindruck habe, dass Du diesem Bedürfnis auch nachgibst. Und ich plage Dich schon wieder, denn am 15. September haben wir in Kronberg im Taunus die Schlussbesprechung mit den Amerikanern, und ich freue mich sehr darauf, Dich nun bald wiederzusehen." Wenige Tage später trifft ein weiterer Brief von Lotte Lemke ein: " Unsere Zeitschrift' Neues Beginnen' will aus Anlass der 30- Jahrfeier der Arbeiterwohlfahrt eine Sondernummer herausbringen. Dazu wird ein Foto von Dir benötigt, und man erwartet von Dir auch einen Aufsatz über das Thema" Dreissig Jahre AW". Das alles kann aber, bei der Kürze der Zeit, kein Mensch von Dir verlangen." So nahm Lotte Lemke ihr die Arbeit ab und redigierte aus mehreren Aufsätzen, die sich mit der Entwicklung der AW beschäftigten, den Jubiläumsaufsatz zusammen, zur vollsten Zufriedenheit von Marie. Das war aber nur eine kleine Entlastung, denn das wichtigste Ereignis dieses Jahres, die Feierstunde und Reichskonferenz der Arbeiterwohlfahrt aus Anlass ihres dreissigjährigen Bestehens, musste zwangsläufig mit allen wichtigen- und audh unwichtigen- vorbereitenden Details auf sie als die - 361- Begründerin dieser Organisation zukommen. Archive und Unterlagen gab es schon, aber Wissen und Gedächtnis von Marie mussten die Lücken, die ********** es noch gab, ausfüllen. Dabei machte sie die Feststellung, dass eigentlich alles, was mit der Entstehung und Entwicklung dieser Organisation zusammenhing, ihr bisher gelebtes Leben war, und ihr Sohn Paul war der einzige omgoh, den sie- ж********* и mehr ein Bekenntnis als ein Geständnis- mit ruhiger Freude sagte: Clinmat " Ich glaube, ein gutes und auch recht nützliches Leben hintermich gebracht zu haben." Dieses Bekenntnis war aber zugleich die***** Erkenntnis von Marie, den Lebensabend erreicht xxxжяжяx und damit auch ihre Aufgяkя menschliche und berufliche Aufgabe erfüllt zu haben. Diese Erkenntnis galt aber nicht für die Menschen, die sie nach wie vor in Anspruch nahmen, und für die Probleme dieser Zeit, die- ein gutes Jahr nach der Währungsin noch grösserer Zahl' - reform nach einer Lösung verlangten, an der alle mitarbeiten mussten, also auch sie mit ihrem Bedürfnis nach äusserer Rækя und innerer Ruhe. Sie liess sich von den Strömungen tragen, und wenn sie von einer Welle an Land getragen wurde und Boden unter den Füssen spürte, stand sie fest und gerade da, mit dem altersweisen und klaren Ausdruck, der dem nur zu gerne mit unzutreffenden Beiwort" würdevoll" bedacht wird, und sah schon mehr durch als als auf auf die Dinge, die um sie herum vorgingen. Es klingt wie ein Widerspruch in sich, dass sie mit dieser würdigen Ruhe trotzdem betriebsam blieb, denn überall dort, wo sie erschien, geschah ja auch etwas, für sie selbst, für andere, und für die ( Weiterentwicklung Organisation und Arbeit der Arbeiterwohlfahrt, die in viereinhalbjähriger Nachkrieggs- Neuentwicklung grösser geworden war als bei ihrer radikalen Ausradierung im Jahre 1933. ans Anlass des 30jährigen Bestekens der AW Die Solinger Jubiläumstage rückten schnell näher. Marie Juchacz nahm an der Tagung mit den USA- Vertretern im Taunus teil, war einen Sprung in Köln, bereiste das Bergische Land, machte eine kurze Ruhepause in Düsseldorf, und fuhr dann zum Schauplatz des festlichen Ereignisses, - nach Solingen, wo in der Stadt und auf Schloss Burg vom 9. bis 11. Oktober 1949 das Festprogramm ablaufen sollte. Diese" Deierstunde und zweite Reichskonferenz" wurde beherrscht von drei profilierten Köpfen: Marie Juchacz, der Begründerin, Robert Görlinger, dem ersten Vorsitzenden, und Lotte Lemke, der Hauptgeschäftsführerin. Was alle drei bei ihren Begrüssungen zu sagen hatten, war knapp, unpathe tisch und klar. Bei ihrer Ehrung zeigte Marie mit keiner Regung, was in ihr vorging. • - 362- Wenige Monate vor ihrem Tode erzählte sie einmal von diesen Solinger Tagen, von dem Wiedersehen mit vielen Menschen, die sie als Jungsozialisten kennengelernt hatte und die ihr nun als reife Menschen und wertvolle Mitarbeiter an der grossen Aufgabe der Arbeiterwohlfahrt gegenüber Cfreudigen standen, und von ihrer Erschütterung über die Tatsache, dass zwölf Jahre Naziterror die Idee der sozialistischen Selbsthilfe nicht auslöschen konnten. weil " Eigentlich hätte man nicht mir die Ehren erweisen müssen, дxxx ich einmal zu denen gehören durfte, die am Werden und Wachsen der Arbeiterwohlfahrt mithelfen konnten, sondern all den Namenlosen, die unsere Idee so fest in sich trugen, dass sie aus eigenem Entschluss und mit eigener Kraft nach diesem letzten schrecklichen Krieg von vorne anfingen, ohne Befehl und Auftrag, und die dazu beitrugen, unsere Organisation der Selbsthilfe grösser und wirksamer wiedererstehen zu lassen als je vor 1933." Als zum Schluss der Solinger Tagung der Vorstand neugewählt wurde, weil T Kaum ein Jahr in Deutschland, hatte sie xxxx ganz klare Vorstellungen, wie dieser Ausklang nach ihren Wünschen verlaufen müsse. In Lotte Lem ke hatte sie in diesem Deutschland- Jahr einen so guten, kameradschaftlichen Freund gefunden, dass in den Briefen, die sie an Lotte Lemkesie schrieb, mehr mitklang, als sie ganz allgemein nach aussen zeigte. Wie sehr sie das Echo bei Lotte Lemke suchte- und auch fand, zeigt Maries Brief vom 2. Januar 1950: " Es war mein erstes, heimatliches Weihnachtsfest nach vielen Jahren, aber es kam mir dennoch kaum so recht zum Bewusstsein. Ich vermisste Emil sehr, und auch Käthe war nicht hier. An Fritz Roehl und seiner Maria hatte ich grosse Freude, die Beiden sind gut aufeinander abgestimmt. Leider war Maria etwas unpässlich, es tat mir leid. Die Jungens, meine Enkel, waren trotz schlechter Schulzeugnisse sehr vergnügt, und mein Sohn hat mich sehr hötig. Das wunschte ich mir eigentlich anders. Und Du selbst bist nun wieder in der Mühle, und das Leben stellt seine Anforderungen. Es ist ja so, dass sich unsere Wünsche xx hier immer begegnen, sie müssen sich einfach treffen. Ich danke Dir wirklich für Deine guten Wünsche. Ich will auch gesund bleiben, und von dem Augenblick an, wo der Organismus seinen Dienst versagt, soll mich ein gütiges Geschick ganz schnell wegnehmen, damit ich mir und den Freunden' die Ruine' erspare. Bis dahin hoffe ich, mein Weniges tun zu können. Es geht mir so vieles durch den Kopf und durchs Herz, was ich sagen und tun möchte. Aber auch dabei neigt man leicht dazu, die Möglichkeiten zu überschätzen. Ich hoffe und wünsche, Dich bald zu sehen." . Heinrich USA - 362- Wenige Monate vor ihrem Tode erzählte sie einmal von diesen Solinger Tagen, von dem Wiedersehen mit vielen Menschen, die sie als Jungsozialisten kennengelernt hatte und die ihr nun als reife Menschen und wertvolle Mitarbeiter an der grossen Aufgabe der Arbeiterwohlfahrt gegenüber Cfreudigen standen, und von ihrer Erschütterung über die Tatsache, dass zwölf Jahre Naziterror die Idee der sozialistischen Selbsthilfe nicht auslöschen konnten. weil " Eigentlich hätte man nicht mir die Ehren erweisen müssen, dass ich einmal zu denen gehören durfte, die am Werden und Wachsen der Arbeiterwohlfahrt mithelfen konnten, sondern all den Namenlosen, die unsere Idee so fest in sich trugen, dass sie aus eigenem Entschluss und mit eigener Kraft nach diesem letzten schrecklichen Krieg von vorne anfingen, ohne Befehl und Auftrag, und die dazu beitrugen, unsere Organisation der Selbsthilfe grösser und wirksamer wiedererstehen zu lassen als je vor 1933." Als zum Schluss der Solinger Tagung der Vorstand neu gewählt wurde, weil Robert Görlinger durch seine Tätigkeit als Oberbürgermeister von Köln nicht mehr in der Lage war, die Bürde des ersten Vorsitzenden zu tragen und seinen ersten Platz dem niedersächsischen Flüchtlingsminister Albertz freimachte, ergab es sich von selbst, dass Marie Juchacz zur Ehrenvorsitzenden emannt wurde. [ So schliesst sich der Kreis] Damit hatte sich für Marie Juchacz der Kreis geschlossen, sie war dorthin zurückgekehrt, wo sie einmal angefangen hatte, und was sich jetzt noch ereignen würde, konnte eigentlich nur noch Ausklang sein. Das war Maries feste Überzeugung, die sie in manchem Brief an Freunde und Bekannte hüben und drüben zum Ausdruck brachte. An Luise Oppenheimer in der schrieb sie am 21. Juli 1950 aus Berlin: " Ich arbeite noch in einer mich sehr befriediegenden Art in der Arbeiterwohlfahrt mit, so weit meine Kraft das noch hergibt. Dadurch bin ich zum zweiten Mal nach Berlin gekommen, weil der Hauptausschuss zusammen mit der Berliner Organisation und einem Team von Amerikanern( Unitarians) einen dreiwöchigen Kurs abhielt. Er geht heute zu Ende, war interessant und voller Ergebnisse: sachlich, moralisch, menschlich und zukunftsträch tig. Zufällig fand in der Nähe, im August- Bebel- Heim in Berlin- Wannsee, zur gleichen Zeit ein Kurs für politische Funktionärinnen statt und man hatte mich gebeten, etwas von meinen Erlebnissen und Eindrücken in den USA zu erzählen, was ich gerne tat. Uber meine Eindrücke in Deutschland zu schreiben ist in diesem kurzen Brief nicht möglich. Nur eines möchte ich Ihnen sagen: dass es doch für ich und eine Anzahl von Sozialdemokraten von grosser, innerer Bedeutung TE . - 363ist, wieder hier, in der Heimat, sein zu können. So geht es Dr. Hertz, Dr. Hans Hirschfeld und einigen anderen Freunden und Bekannten,* x* x* x* x* denen es nicht gelang, in den USA Wurzeln zu schlagen, wie es mit jungen Menschen doch so ganz anders ist.- Es sieht noch nicht sehr hoffnungsvoll aus, im Grossen und Ganzen, hier in Europa. Aber das wissen Sie so gut wie wir anderen. Absolut hoffnungslos ist es nun auch nicht, und wenn kein neuer Krieg über die Menschen kommt, dann werden wir mit Hilfe des generativen,********* politischen und wirtschaftlichen Wachstums endlich auch die Kluft überbrücken können, die durch den Hitlerismus, den Krieg und alle damit zusammenhängenden Folgen aufgerissen wurde.- Ich bin sehr froh, dass ich noch das Einfühlungsvermögen habe in die völlig neue und andersartige Problematik unseres Gesamtlebens, dass ich das alles nicht nur mitfühlen, sondern auch verstehen kam. Ich wünsche mir nur das eine: dass mir diese Kraft bleiben möge, so lange ich atme.- Dass Emil Kirschmann Deutschland nicht mehr wiedersehen konnte, haben Sie ja erfahren. Er hatte es sich so dringend gewünscht, dass ich als' Quartiermacher' vorausfahren sollte, es war- hier wie dort- alles fertig, als er plötzlich starb, und der einzige Trost, den mir einer unserer Arttfreunde gab, war der, dass die Überraschung des sehr plötzlichen Todes ihm nicht zum Bewusstsein kommen liess, dass seine grosse Sehnsucht nach Europa und nach der Möglichkeit der Mitgestaltung des Neuen sich nicht mehr erfüllte." Für Marie selbst war es ein жякиж* дandas traurig- glückliches Gefühl, dass Emil Kirschmann dann doch in seine Heimat kam. Käthe Kirschmann- Fey hatte im Herbst 1949, als sie aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland xxxx fuhr, die Urne mit der Asche mitgebracht. In einer stillen Trauerfeier im kleinsten Freundeskreis fand Emil auf dem Kölner Südfriedhof in der Grabstätte von Elisabeth Kirschmann- Roehl seine letzte Ruhe. Einige Zeit danach, als die Schrift für den Grabstein angefertigt werden sollte, sagte Marie zu Fritz Roehl: " Der Stein ist so schön, und so gross, wir haben alle Platz darauf. Einmal sind wir dann akka wieder zusammen. Aus allem, was Marie Jд chacz sagt und schreibt, spricht nicht das Ahnen eines baldigen Endes, sondern das Wissen um das Altwerden, und das Bedürfnis, mit den letzten Körperkräften so sparsam wie nur möglich umzugehen. Ihre geistige Bereitschaft und sehr oft auch der Wunsch, die Menschen, die noch immer mit ihr rechnen, nicht zu enttäuschen, xxx manches Mal ihre mach Absicht, sich endgültig zurückzuziehen, zunichte.+ Obwohl sich schon zu dieser Zeit des öfteren leichte Schmerzen einstellen und sie mehr und mehr ärztliche Hilfe braucht, steht sie zur Verfügung, . • + -363叉 ist, wieder hier, in der Heimat, sein zu können. So geht es Dr. Hertz, Dr. Hans Hirschfeld und einigen anderen Freunden und Bekannten,********* denen es nicht gelang, in den USA Wurzeln zu schlagen, wie es mit jungen Menschen doch so ganz anders ist. Es sieht noch nicht sehr hoffnungsvoll aus, im Grossen und Ganzen, hier in Europa. Aber das wissen Sie so gut wie wir anderen. Absolut hoffnungslos ist es nun auch nicht, und wenn kein neuer Krieg über die Menschen kommt, dann werden wir mit Hilfe des generativen, Xxxжxкиxx politischen und wirtschaftlichen Wachstums endlich auch die Kluft überbrücken können, die durch den Hitlerismus, den Krieg und alle damit zusammenhängenden Folgen aufgerissen wurde.- Ich bin sehr froh, dass ich noch das Einfühlungsvermögen habe in die völlig neue und andersartige Problematik unseres Gesamtlebens, dass ich das alles nicht nur mitfühlen, sondern auch verstehen kam. Ich wünsche mir nur das eine: dass mir diese Kraft bleiben möge, so lange ich atme.- Dass Emil Kirschmann Deutschland nicht mehr wiedersehen konnte, haben Sie ja erfahren. Er hatte es sich so dringend gewünscht, dass ich als' Quartiermacher' vorausfahren sollte, es war- hier wie dort- alles fertig, als er plötzlich starb, und der einzige Trost, den mir einer unserer Arttfreunde gab, war der, dass die Überraschung des sehr plötzlichen Todes ihm nicht zum Bewusstsein kommen liess, dass seine grosse Sehnsucht nach Europa und nach der Möglichkeit der Mitgestaltung des Neuen sich nicht mehr erfüllte." Für Marie selbst war es ein ж*** ж* дandяx traurig- glückliches Gefühl, dass Emil Kirschmann dann doch in seine Heimat kam. Käthe Kirschmann- Fey hatte im Herbst 1949, als sie aus den Vereinigten Staate nach Deutschland kaшx fuhr, die Urne mit der Asche mitgebracht. In einer stillen Trauerfeier im kleinsten Freundeskreis fand Emil auf dem Kölner Südfriedhof in der Grabstätte von Elisabeth Kirschmann- Roehl seine letzte Ruhe. Einige Zeit danach, als die Schrift für den Grabstein angefertigt werden sollte, sagte Marie zu Fritz Roehl: " Der Stein ist so schön, und so gross, wir haben alle Platz darauf. Einmal sind wir dann akka wieder zusammen." Aus allem, was Marie Jч chacz sagt und sehreibt, spricht nicht das Ahnen eines baldigen Endes, sondern das Wissen um das Altwerden, und das Bedürfnis, mit den letzten Körperkräften so sparsam wie nur möglich umzugehen. So schreibt sie am 8. November 1950 an Lotte Lemke: " Mir geht es im Augenblick gesundheitlich recht gut, ich habe mir in der letzten Zeit wöchentlich zwei Spritzen geben lassen, mit gutem Erfolg. Am 15. November muss ich meine geliebte Klausur unterbrechen, um in Koblenz an einer Frauenkonferenz teilzunehmen, und ich werde wie üblich- Dekoration sein. Deshalb gehe ich trotzdem hin!" - - 364- 97 wenn sie gerufen wird. Ihr Reisekalender aus dem Jahre 1950 ist genau so umfangreich und weitläufig wie vorher, sie ist in Hamburg, auf dem Immenhof, in Kiel, auf Westerland, in Hannover, Dortmund, Mainz und Frankfurt, nimmt an AW- Konferenzen in Reutlingen und anderen Orten teil, wohnt einer Sitzung der sozialdemokratischen Landtagsfraktion in Koblenz bei, fliegt von Hamburg nach Berlin und wieder zurück, und zwischendurch ergibt sich immer wieder eine Möglichkeit, mit Lotte Lemke zusammen zu*** я treffen. Nach solchen Begegnungen hat sie das Bedürfnis, in Briefen nicht nur den Wert dieser Begegnungen festzuhalten, sondern dieser Frau, die heute das fortsetzt, was sie einmal begann, nicht nur von der Arbeit zu sprechen, sondern auch von sich selbst, von dem, was in ihr vorgeht und was sie ganz persönlich bewegt. Auf der Zentralen Frauenkonferez in Fulda, Mitte Oktober 1951, übernahm sie noch einmal den Vorsitz: die greise Marie Juchacz " Die wenigen Sätze, die xxx an diese Konferenz richtete, leuchteten von geistiger Frische und kämpferischer Entschlossenheit. Sie sagte:' Es ist für mich immer eine Ehre gewesen, der Sozialdemokratie anzugehören, und es ist eine grosse persönliche Ehrung, dass ich in meinem hohen Alter noch einmal einer sozialdemokratischen Frauenkonferenz meine Kräfte leihen darf. Es ist vielleicht das letztemal- und vor mir sehe ich in dieser Stunde die vielen klugen und mutigen Frauen, die unserer Bewegung das geistige Gesicht gegeben haben: Kara Zetkin, Luise Zietz, Rosa Luxemburg, Lily Braun und die vielen anderen, die der Tod schon aus unseren Reihen genommen hat. Ich durchlebe im Geiste noch einmal die entscheidenden Tage und Ereignisse, die von 1900 bis 1908, dann bis 1918, und danach bis 1933 *********** жйкføкgяx unserer Frauenbewegung die schönen Erfolge gebracht haben. Und ich sehe jetzt vor mir die vielen jungen Frauen, die mit gleicher Klugheit, gleichem Mut und in zielklarer Entschlossenheit das vollenden wollen, was vor einem halben Jahrhundert begonnen wurde.'- Was Marie Juchacz mit ihren ruhigen Worten, die von den Delegierten und Gästen mit aufrichtiger Ergriffenheit angehört wurden, als' Reminiszenzen am Rande' bezeichnete, war in Wirklichkeit eine in sich abgerundete Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung, geläutert und vertieft aus der Schau eines reich erfüllten und langen Lebens. Der herzliche Beifall, der der Rednerin am Ende dargebracht wurde, war eine tiefempfundene Ehrung, die die Konferenz Marie Juchacz darbrachte- und durch die die sozialdemokratischen Frauen von heute sich und ihr Werk selbst ehrten." Wieder in Düsseldorf, schreibt sie am 24. Oktober 1951 an Lotte Lemke: " Nun bin ich endgültig zu Hause. Die Tage vor Fulda waren nur eine flüchtige Episode beim Nachhausekommen. Und es war gut, wieder einmal mit -365- - Dir beisammen gewesen zu sein, und auch einiges zu hören, was mich' ins Bild setzte.' Nach Hause kommen: das ist der Unterschied, der sich aus der Altersspanne und vielleicht aus der' Sesshaftigkeit der Emigrationszeit ergibt. Es genügt mir nicht ein Tag oder eine Woche, um mich wirklic h zu Hause zu fühlen. Und noch manches andere macht mir das Altern ebenfalls deutlich. Das Interesse am einzelnen Menschen hat doch stark nachgelassen. Nur eine kleinere Zahl von denen, mit denen mich das gleiche Denken und Fühlen verbindet, behen ganz und klar vor mir und ich fühle mich mit ihnen- mehr oder weniger stark · verbunden. Gefühl und Gedächtnis weigern sich einfach, ältere, vergessene Freundschaften und Bekanntschaften wieder lebendig und gegenwärtig zu machen, oder gar neue Bindungen einzugehen. So stark ich noch im Sachlichen wurzele und ständig um xx neue Erkenntnisse und um das Erfassen der zeitlichen Strömungen ringe, so wenig sind mir doch die Menschen als Einzelne dabei wichtig. Bis auf die Einzelnen selbstverständlich, und das ist noch eine ganz erkleckliche Zahl. - Nun hat auch Hertha Gotthelf ihre Frauenkonferenz hinter sich. Es war eine stattliche Zahl intelligenter Frauen, die daran mitwirkte, und ich glaube, dass die Arbeit und die Ausstrahlung dieser Frauen ihre Früchte für die Zukunft tragen kann und wird.- Heute habe ich noch einmal Dein Referat gelesen. Es ist doch ein geschlossenes Ganzes, und ich wünschte, dass es als Lehrstoff Verwendung findet und von vielen Funktionären genau so aufmerksam gelesen wird wie von mir, und dass manes durchdenkt und die Nutzanwendungen daraus ziehen möge. Die Lebendigkeit Deines Vortrags hat Zweifellos etwas gelitten, weil Du Dich ans Manuskript gehalten hast, abe das Lesen ist ein umso grässerer Genuss.- Als ich in Frankfurt schon im Zug sass, stiegen Louise Schröder und Lisa Albrecht zu mir. Sie wollten nach Bonn und waren vnn Mrs. Osterman im Wagen bis Frankfurt mitgenommen worden. Ich habe nun den Wunsch, recht lange zu Hause bleiben zu können, möglichs mit mir allein, nur unterbrochen durch Besuche von Dir und einigen anderen." In einem Brief an Luise Oppenheimer in die USA vom 7. November 1951 findet vieles, womit sich Marie beschäftigte, seinen Niederschlag: " Das Jahr geht schon wieder seinem Ende zu, und ich habe das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Als Ihr BVief mich erreichte, wurde ich gerade aus dem Krankenhaus entlassen, wo ich zwölf Wochen lang mit einer Gürtelrose zugebracht habe, nachdem ich vorher schon hier in Düsseldorf und später bei meinem Sohn in Weissenthurm wochenlang im Bett zugebracht hatte. Nun bin ich aber endlich wieder auf Deck', wenn ich auch noch in ärztlicher Be - - 366handlung bin. Sie sehen also, dass es mit meiner vermeintlichen Tatkraft, die Sie bei mir vermuten, auch nicht mehr so weit her ist. Ich habe in den Monaten meiner Krankheit sehr viel gelesen. Au ch war es mir ganz interessant, einmal mit Menschen ganz anderer Weltanschauung in Berührung zu kommen. Es war nämlich ein katholisches Krankenhaus, und die Pflege erfolgte durch Nonnen. Der behandelnde Arzt ist ein guter Katholik, ebenso wie seine Assistentin, die besonders fromm ist. Aber über menschliche und soziale Probleme kann man auch mit Andersdenkenden sehr gut sprechen, wenn sie das Leben und seine Bedingungen ernst nehmen.- In der Arbeit habe ich in dieser Zeit manches versäumt und das hat mich geschmerzt, es war Nationales und Internationales. Inzwischen habe ich nun allerdings schon wieder an einer zentralen Konferenz der Arbeiterwohlfahrt in Stuttgart teilgenommen und sie sogar eröffnet. Auch konnte ich mich in vermittelnder Form beteiligen, was nicht ganz ohne Wert war, auch in Hinblick auf die zukünftige Entwicklung. Dann fand noch eine sozialistische Frauenkonferenz in der alten Bischofsstadt Fulda statt, die ich einen halben Tag lang leitete und bei der ich mich an der Debatte beteiligte. Es waren etwa 200 sehr intelligente und lebendige Frauen dort, Die Juristin Elisabeth Selbert behandelte die Frauenfrage vom Rechtsstandpunkt aus gesehen. Da ist noch immer sehr viel zu tun, wie einem bei einer solchen Konferenz erst wieder so recht bewusst wird, wenn das ganze Problem in Referat und Diskussion vor den Teilnehmern behandelt wird. Ein Erlebnis für alle Teilnehmer war der zweite Tag mit einem Vortrag von Minna Specht, einer Pädagogin in meinem Alter. Die Rednerin ist eine bis zur Kristallklarheit ausgereifte Persönlichkeit, die ganz über den kleinen Dingen steht. Ich glaube aber, dass Sie mit Ihrer Annahme, dass ich mitten im politischen und ben sozialen Geschehen stehe, doch nicht so ganz recht. Wenn Alter und schwindende Kraft zur ungewollten Schonung verurteilen, wird man automatisch wieder mehr zum Zuschauer. Der Unterschied liegt nur darin, dass die inneren Bindungen zum angestammten Land und zu seinen Menschen stärkere sind als die, die man zur später erworbenen Heimat nicht mehr so eng- in vielen Fällen überhaupt nicht- knüpfen kann. Das ist wohl nur dort möglich, wo man zur Schule ging, gross wurde und ganz in die menschliche Gemeinschaft hineinwuchs.- Im Sommer war eine Verwandte von mir in USA, im Austausch für Lehrer, drei Monate lang. Sie durfte sich ihre Reisetour selbst zusammenstellen und hatte augenscheinlich, neben der eigenen guten Vorbereitung, noch sehr viel freundschaftliche Hilfe, sodass sie sehr bereichert zurückgekommen ist. Ihr schriftlicher Bericht ist hochinteressant und sie hat unendlich viel gesehen und verarbeitet. Das kann sie aber auch gebrauchen, denn sie ist Direktorin einer staatlichen Stickereischule im oberfränkischen Bayern, in N_aila. Diese Schule musste sie erst aufbauen, - 367inden USA in einer Gegend, in der Stickerei und textile Betriebe schon seit längerer Zeit beheimatet sind. Natürlich sind die Bedingungen für eine solche Schule heute ganz anders als früher, weil sie an der modernen und auch industriellen Entwicklung und an der Absatzfähigkeit der Erzeugnisse nicht vorbeigehen darf. Aber es ist hocherfreulich, wie Maria Roehl( ihr Künstlername ist Neppert- Boehland), aufnahmefähig und-willig, aber auch sehr kritisch xxxxx sich alesangesehen hat und ihre Nutzanwendung daraus zieht. Bei Maria handelt es sich um die Fraw/ von Fritz Roehl. Er ist ja eigentlich- Sohn meiner Schwester Elisabeth aus ihrer ersten Ehe mein Wahlsohn, und ich bin froh, dass er diese Lebens kameradin gefunden hat. Sie ist eine Baltin, Graphikerin und Malerin, dazu modisch besonders begabt und- im Gegensatz zu manchen anderen Künstlern- auch sehr praktisch. Für Sie selbst vollzieht sich ja nun auch der Prozess, der uns Müttern nicht erspart bleibt, und auch Sie haben eine Tochter, die sich nun ihr Leben selbst formt und ihre Persönlichkeit entwickelt. Alles in unserem Leben ist zugleich schön und ein wenig schmerzhaft, auch da, wo es gut geht. So glaube ich, dass auch meine Tochter Charlotte es ganz angenehm empfindet, dass ich meinen Arbeits- und Interessenkreis ein wenig abseits verlegt habe. Wir wohnen aber nur fünf Minuten Fußweg voneinander entfernt. Da mir ihre Treppen zu hoch snd, kommt sie hin und wieder abends für eine Stunde zu mir. Sie hat ihren Beruf als Rechtsanwältin sehr gerne, aber den Anwälten- überhaupt den' freien' Berufen- geht es wirtschaftlich ganz allgemein nicht gut. Das muss aber getragen werden, es liegt in der ganzen zur Zeit noch gültigen wirtschaftlichen Struktur.- Wenn Sie von Ihrem Garten schreiben, steht mein Häuschen in Köpenick vor mir auf, mit dem hübschen kleinen Garten. Es soll alles zerschlagen sein, ich habe es noch nicht wieder gesehen, es liegt in einem Ostberliner Vorort." Wenige Wochen später traf sich die Familie wieder in Weissenthurm, um gemein sam Weihnacht zu feiern. Maries Tochter Lotte hielt nicht viel von diesen Familienfesten, es genügte ihr, wenn sie ihre Mutter bei ihren Aufenthalten in Düsseldorf wöchentlich in einigen Abendstunden sah und sprach. Und Marie glaubte auch, die Ursachen zu kennen, durch die ihre Tochter sich ganz hinter ihren anwaltlichen Beruf verschanzte und nur mit wenigen Menschen persönlichen Kontakt aufnahm. So machte sie einmal- zu Anfang des Jahres 1952, als sie sich mit den familiären und beruflichen Sorgen und Problemen ihrer Kinder und ihres Wahlkindes beschäftigt hatte- ihrem Herzen in einem Brief an Luise Oppenheimer Luft: " Meine Tochter Lotte ist nach meinem Gefühl leider kein sehr glücklicher Mensch. Die hinter ihr liegende Zeit hat ihr doch wohl zu sehr zugesetzt. Sie ist aber ganz und garnicht damit - 368- einverstanden, dass ich einmal etwas von ihr oder aber sie sage, denn sie findet das alles falsch und überflüssig. So würde sie auch bestimmt sehr böse werden, wenn sie mir bei der Niederschrift diser Sätze über die Schulter sehen könnte." Im gleichen Brief setzt sie sich aberdach mit den politischen Strömuggen der Gegenwart auseinander: " Zum ersten Mal kann ich beobachten, dass das Für und Wider der Tagespolitik ein leidenschaftliches Interesse in der Bevölkerung findet. Der Bundestag liess seine Verhandlungen über den deutschen Wehrbeitrag an Menschen und Material in ganzer Breite über den zur europäischen Armee Rundfunk gehen. Ich stellte fest, wie im Hause bei mir( es befindet sich ein grosses Modeatelier darin) der Radioapparat den ganzen Tag lief. Auf der Strasse und in der Elektrischen war die Übertragung auch noch nachher das Gespräch. Die Zeitungen waren davon angefüllt. Die Anteilnahme, aber auch die Angst vor einem Schicksal, wie es Korea erleiden musste, kommt sehr stark zum Ausdruck. Es herrscht keine Panik, aber es ist der leidenschaftliche Wunsch zu spüren, den Frieden auf die Dauer zu erhalten. Wie wird das Ganze noch einmal enden? Die Weisheit aller Staatsmänner des In- und Auslandes imponiert mir nicht. Und all das Kleinliche, was nebenher läuft, erst recht nicht. Es fehlen doch die grossen Linien. Auch möchte ich in diesen Fragen jede Gehässigkeit vermissen, und ich glaube nicht, dass diese Art der Betrachtung nur dem rein weiblichen Gefühl entspringt. Ich glaube vieleher, dass dieses Denken und Fühlen das Normale ist, und trotzdem habe ich viel auszusetzen an weiten Schichten des deutschen Volks. Wohl verstehe ich, dass junge Menschen, die sich unter schwie rigen und ganz anormalen Bedingungen durch das Leben schlagen mussten, wäh rend der ganzen Hitlerzeit, den ganzen Krieg hindurch und erst recht nachher, eine andere Form des Denkens entwickeln mussten. Sie finden sich schon wieder zurecht. Mit der Normalisierung des Lebens kann das von selber komme und es entwickeln sich dann auch wieder die allgemein gültigen, menschlie chen und moralischen, Anstandsbegriffe- aber dies nicht im spiessigen Sinne gemeint. Dass aber die militanten Begriffe, die sogenannten rassischen Anschauungen, die Sucht zu herrschen( und das mit allen Konsequenzen) wieder sowie nationalsozialistisches Denken immer deutliche sichtbar werden und an Boden gewinnen, das gibt mir sehr zu denken und auch Anlass zu mancherlei Befürchtungen. Ich glaube es den regierenden Herrschaften in Bonn nicht ganz, dass sie genügend Stärke zur Bekämpfung entwickeln können-- oder wollen. Es gibt so un endlich viele Strömungen, und manche davon sind sogar recht gefährlich. Aber ich lasse mich davon nicht unterkriegen, nur: wenn ich so ins Schreiben komme, laufen einem die Gedanken schon einmal . - 369- in die Finger, und plötzlich merkt man, dass man Dinge geschrieben hat, die unter********* Umständen zu grösseren Befürchtungen Anlass geben können, als berechtigt und zutreffen ist. Nur- es wird im besten Fall noch eine ganze Weile dauern, bis die deutsche M** к******** к Bevölkerung in ihrer Mehrheit zu wirklichen Demokraten geworden ist." isti Diese defaitische Beurteilung der Strömungen im Zusammenhang mit dem deutschen Wehrbeitrag hatenichts mit dem Altern von Marie Juchacz zu tun.e habt. Wenn ihr Körper auch nicht mehr so mitmachte, wie sie selbst manches Mal aus eigenen Entschlüssen doch noch wollte, so war doch ihr Verstand klarer und schärfer als je zuvor. Sie schrieb, vorübergehend ans Krankenbett gefesselt oder in der freiwillig auferlegten Klausur, ständig an irgen welchen Aufsätzen. Exxgabxxxxxnikкжжикжяжиx* x* x* x* X* XX***** Es waren immer mehrere Themen, die sie reizten: " Ich arbeite hin und wieder an der jetzigen' Gleichheit' mit, und auch an anderen Publikationen unserer Bewegung und Organisation." Ob es sich um parteipolitische Zukunftsaufgaben handelte oder um Probleme Eiler der Jugenderziehung,- sie arbeitete mit dem gleichen Fleiss daran, mit dem sie sich schon als junges Fabrikmädchen Wissen und Bildung erarbeitet hatte. Seitenlange Manuskripte und Veröffentlichungen aus dieser Zeit zeugen von diesem besessenen Fleiss.- Als sie am 15. März 1952 73 Jahre alt wurde, meinte sie im Kreis ihrer Familie mit einem Scherz und Lächeln, in dem sehr viel Ernst mitklang: " Den 75. Geburtstag möchte ich doch noch ganz gerne erleben, das ist eine runde Zahl und auch das richtige Alter, um die Augen zuzumachen." Auch in diesem beginnenden Frühjahr 1952 vergass sie nicht den Geburtstag eines Menschen, dem sie innerlich verbunden war und blieb, auch wenn lange Monate des Nicht- sich- sehens oder des Nichts- voneinander- hörens dazwischen lagen: Louise Schröder. Diese beiden Frauen hielten sich gegenseitig die menschliche Treue, die eigentlich nur darin bestand, dass sie sich gelegentlich die Hand drückten oder sich ein paar Worte schrieben. Die Art ihrer Verbundenheit war für keinen Aussenstehenden sichtbar, oder erkennbar. Sie wussten auch nicht viel xxxx voneinander aus ihren privaten Erlebnissen, und trotzdem genügte eine Andeutung, um sich zu verstehen. Sie waren besorgt umeinander, und jeder gab jedem gu te Ratschläge für Arbeit und Gesundheit. Um diese Zeit schrieb sie auch An Martha- Eva Parker- Prochownik, mit der Schrieb sie etwas später sie in ständigem Gedankenaustausch tand, einen längeren Brief nach Chicago, eine Art Sammelbericht über das, was sich seit Weihnachten und dem Beginn des Jahres 1953 alles eregnet hatte: - - 370- " Vom 24. bis zum 27. Dezember war ich bei meinem Sohn und seiner Familie auf dem Nettegut in Weissenthurm. Doch dann bin ich von Freunden mit nach Winterberg im Sauerland mitgenommen worden, wo ich das neue Jahr im dicker Schnee anfing. Ich war zehn Tage dort, und es ist mir gut bekommen. Diese Art Mütterheime sind von kurz vor Weihnachten bis zum 8. oder lo. Januar leer, weil man in diesen Tagen die Mütter nicht bekommt, was ja zu begreifen ist. So ist es möglich, einmal einige Tage dort ganz alleine zu leben.- Meinen Kindern geht es gut, und meine Enkelkähder, Pauls Söhne, entwickeln sich prächtig und sind bereits einen Kopf grösser als ich. Der Älteste, 17, ist als Lehrling in einer Obstbaumschule, der zweite, ete was über 15, arbeitet dort vorläufig als Jungarbeiter. Mein Sohn konnte noch keine Lehrstelle für ihn finden, er will ins technische Fach, wenn möglich: Ackerbaumaschinen. Auf 20 Angebote kommen zweihundert Bewerber.Ich schicke Dir eine' G- eichheit' zu, die etwas von mir über Gertrud Hanna enthält. Es ist nicht alles, was ich über sie zu sagen habe, aber Herta Gotthelf bat mich sehr darum. Das kommt in einem Buch ausführlicher zur Sprache, an dem ich immer wieder arbeite, Biographien über' Frauen ihres Jahrhunderts'.- Du siehst also: Gertrud Hanna ist nicht vergessen, aber in den zentralen Büchereien finde ich sehr wenig Material für meine Arbeit. Die Hitlers haben verheerend auch darin gehaust, und der Parteivor stand hat alle Mühe, wieder ein halbwegs anständiges Archiv aufzubauen. Um so wichtiger erscheint es mir, x aus eigener Erinnerung und aus dem Webigen, das man zusammentragen kann, ein Bild dieser wertvollen Frau zu zeichnen.- Ja, die Schule und das Erziehungsproblem, so wie Du es von dort aus siehst: wir haben in jedem der deutschen' Länder' ein anderes Schulsystem, und keines ist gut. Am besten ist es in West- Berlin aufgebaut, auch jetzt noch. Aber als es mit der sozialistischen Mehrheit zu Ende war, wurde es auch dort verwässert. Ich glaube, dass es sehr schwer ist, von aussen her die' herrschende Mentalität' ganz zu verstehen. Wir, die wir lange Zeit fort waren und viele von denen, die sich im Winkel verstecken mussten, verstehen sie jetzt auch noch nicht. Eine Reihe guter und moderner Pädagogen versuchen, das zu ändern. Solange die CDU politisch den Ton angibt, wird das nicht zugelassen, das steht fest. Der Weg ist noch sehr weit für eine Änderung des Schulsystems. Ich glaube auch, dass Mccloy und seine katholische Frau deutscher Herkunft Herrn Konrad Adenauer in dieser Beziehung nicht widersprochen und das heutige System für Deutschland wohl für richtig gehalten haben. Die' Gleichheit ist nicht der Platz, um darüber zu diskutieren. Das geschieht gründlich und eingehend im Neuen Vorwärts', veranlasst durch den' Kulturausschuss' und die ' Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Lehrer'. Da es sich hier um ein Zentralproblem handelt, dürfte das die richtige Stelle sein. Auch die' Welt . - 371- der Arbeit, das Zentralblatt der Gewerkschaften, ist eine gute Zeitung. Natürlich ist die Einstellung der' Einheits- Gewerkschaft' zur Partei heute anders als früher, das könnte auch nicht anders sein. Es muss ja alles erst zusammenwachsen, was vorher in den verschiedensten Richtungen selbständig war. Das wird der ganzen Zukünftigen Entwicklung noch seinen Stempel gebben. Schlimm ist auch, dass es keine kraftvolle bürgerliche Schulbewegung zu geben scheint, und ich weiss selbst nicht, ob sie abgestorben ist oder nur schläft.- Unsere Sozialgesetzgebung ist jetzt ein einziges uneinheitliches Stückwerk, kaum ein Mensch findet sich darin zurecht. Wir schreien direkt nach einem einheitlichen Sozialplan. Die Nazis haben an manchen Stellen etwas aufgehoben, anderes dazu getan. Dann kam die Nachkriegszeit mit ihren problemen, die das konfuse Bild noch mehr verwirrten. Es wurde hier ein Gesetzchen gemacht, dort etwas angehängt, und das Ganze ist ein bunter Flickenteppich.- Natürlich sehen hier alle Menschen der weiteren Entwicklung in Bezug auf Europafrage, Verhältnis der USA zu Europa und insbesondere zu Deutschland, und auf die Gefahr vom Osten mit Sorge und Spanung entgegen. Auch die Gefahr im Inneren ist noch lange nicht restlos ausgestanden. Wir brauchen eine neue Generation. Und da kommen wir immer wieder auf die Schulfrage und auf alles, was damit zusammenhängt, zurück. Hier beisst sich die Katze in den Schwanz.- Du wunderst Dich über meine Spannkraft. Ich tue es ebenfalls, aber ich bin froh darüber. So kann ich noch manches tun, und wenn ich auch angesichts der Riesenaufgaben keine Bäume aus der Erde reissen kann, ist doch das, was ich leiste, noch von einigen Wert. Meine Spannkraft wird sicher noch dadurch erhöht, dass ich das, was ich zu geben habe, in dem Bewusstsein beisteure, dass man es noch gerne aufnimmt und darauf hört, was ich sage." Krankheit Arbeit Reisen] Marie Juchacz jetzt und einschwerer Jusall Am liebsten hielt sie sich in ihrer Oberkasseler Wohnung in Düsseldorf auf, stellte sich einen*** x Tisch auf den überdachten Balkon, und arbeitete. Und da alles, was sie zu überdenken hatte, mit Vergangenheit, beim Nachdenken, Gegenwart und Zukunft zusammenhing, ergab es sich von selbe, dass sie zuweilen die Arbeit ruhen liess, um mik ihren Gedanken wandern zu lassen. Es wurde für sie zur erholsamen Freude, zu sinnieren, ohne dabei zu grübeln. Manches Mal, wenn sie scheinbar gedankenverloren dasass und zum Rhein und zu den stromauf- und stromabfahrenden Schiffen und Schleppkähnen hinübersah, kam sie ins Träumen. Aber auch diese Wach- Träume waren geistige Arbeit und oft blieb sie mit ihren Gedanken an einem Problem hängen, das sie schon in ihrer Jugend beschäftigt hatte und das sie jetzt, rückerinnernd, in seinen mannigfaltigen Wandlungen in den vergangenen Zeitläuften noch einmal erlebte. Die Erkenntnisse, zu denen sie dann kam, fanden in Aufsätzen und Briefen ihren Niederschlag als prägnante, klare - 372- mit und kurze Postulate für alle schwebenden Fragen, die mit der sozialistischen Bewegung, mit der Partei, den Gewerkschaften,** кx* x* x* ¯¯¯¯¯¯¯¯ fxxxx, der innen- und aussenpolitischen Entwicklung, den gegenwärtigen und zukünftigen organisatorischen und strukturellen Möglichkeiten und Notwendigkeiten für das Wohlergehen ihres Lieblingskindes, der Arbeiterviele wohlfahrt, zusammenhingen. In diesen Stunden wurden in Gedanken munoher kritische Sätze formuliert, de sie später auf mancher Veranstaltung, Konferenz oder internen Zusammenkunft aussprach. Marie Juchacz empfand diese Düsseldorfer Wochen und Monate als produktiv und schöpferisch, und bedauerte es zuerst, wenn sie aus dieser geistigen Idylle herausgerissen wurde. Das war aber immer nur ein kurzer Augenblick, dann hatte sie sich auf das, was man von ihr wollte, umgestellt und war mit ganzem Herzen und mit grösster Aufmerksamkeit dabei. Schlimmer war es, wenn die Beschaulichkeit in der San Remostrasse durch Krankheit unterbrochen wurde. Das war ihr deshalb besonders unangenehm, weil sie dann das Altern spürte, denn so gross auch ihr eigener Wille war, mit der Krankheit fertig zu werden, so wenig machte ihr geschwächter Körper bei diesen Anstrengungen zur Überwindung des Kranks eins mit. Dann gab es Stunden, in denen sie mutlos wurde, das Weiterleben nur noch für eine Quälerei hielt underlich auf die letzte Abberufung einstellte. War sie dann frei von Schmerzen, waren diese bitteren Stunden und Gedanken weggewischt. Meistens ergab es sich, sobald sie sich wieder erholt hatte, dass sie zu irgend einer Konferenz im Bundesgebiet fahren musste. Das lenkte sie ab, nahm sie in Anspruch, machte sie geistig frisch, sodass der Aussenstehende zwangsläufig den Eindruck erhalten musste, dass Maries Spannkraft unerschütterlich sei. So war es auch Oktober zum Ende des Jahres 1953, als sie nach kurzer Anfälligkeit auf besondere Bitte von Louise Schröder zur Reichstagung der Arbeiterwohlfahrt Ende Ok tober nach Berlin flog. Das Zusammensein mit alten Freunden, das wieder einmal von ihr erlebte Schicksal dieser tapferen Stadt und dann das grosse Gremium der Reichstagung, auf der sie das Wort ergriff, das alles machte sie stark und gross und liess sie an die Zukunft denken, die ihr selbst ja nichts mehr, der übrigen Welt aber alles zu geben hatte: " Es ist ein sehr schönes, aber auch verpflichtendes Gefühl, gerade hier auf der Reichstagung der Arbeiterwohlfahrt an diesem Platz stehen zu dürfen, hinüberzuschauen zu einem geknebelten Teil Berlins und des deutschen Volkes, und dabei der Hoffnung Ausdruck zu geben, dass auch wir als Arbeiterwohlfahrt auf unserem besonderen Sektor das unsrige tun werden, damit Berlin und damit Deutschland wieder vereinigt wird und dann nach un seren Ideen weiterbaut." - 373- - Die Berliner Tage hatten ihr so grossen Auftrieb gegeben, dass sie sich sofort nach Düsseldorf zurückgekehrt an die Arbeit für einen umfassenden Weihnachtsaufsatz für die Zeitschrift der Arbeiterwohlfahrt' Neues Beginnen' machte:" Gedanken um die Jahreswende" schrieb sie nieder, wobei sie aus dem vollen und vielfältigen eigenen Erlebnis schöpfte. Vielleicht hat sie an sich selbst gedacht, als sie diesen Satz**** formulierte: " Die Menschen sind hart geworden in der Notzeit der Vergangenheit. Wir wollen die, die noch- oder schon wieder- ihre Existenz gesichert haben, feinfühlig und hellhörig machen für die tiefe Seelennot eines einsamen Alters, das einmal seine Kraft hergegeben hat, um jetzt an der Kälte der Jüngeren zu verzweifeln." Dann ereignete sich etwas, was den Mitgliedern der Familie, den Freunden und Mitarbeitern den ersten grossen Schrecken einjagte: Marie wurde von einem Motorradfahrer angefahren und zu Boden geschleudert. Es sah sehr schlimm aus. Hoffnung hatte niemand mehr für die nun fast 75 Jahre alte Frau, dег**** яяя alle ein besseres Ende wünschten als dieses. Tagelang schwebte sie in grösster Lebensgefahr. Дяй ×× йж¤к* x* x* x* x* x* x* x* x* *** ¤ ××× ¤¤¤¤¤ × кк* яяя Ihre Tochter Lotte war Tag und Nacht auf den Beinen, um die Fäden in der Hand zu behalten. Da geschah das. nächste Unglück: Maries Sohn Paul war in diesen Tagen, in denen sie gerade die schlimmste Krise überwunden hatte, seiner Mutter im Tod vorausgegangen. Alle- Ärzte, Familienmitglieder und engste Freunde waren sich klar darüber, dass die Wahrheit verschwiegen werden musste, wenn man Maries Leben retten wollte. So hatte Lotte die traurige Aufgabe, ohne Wissen der Mutter den Bruder unter die Erde zu bringen. Noch schlimmer war es, wenn Marie sich im Krankenhaus in wachen Stunden nach verschiedenen Dingen erkundigte, nach dem Befinden von Angehörigen und Freunden, und mit Ausreden getäuscht werden musste. Als sich dann Maries Zustand erheblich besserte 954 und sie Anfang Februar in das Mütterheim der Arbeiterwohlfahrt nach Winendlich terberg im Sauerland gebracht werden konnte, glaubte Lotte Juchaczyden endlicher Zeitpunkt gekommen, um der Mutter die traurige Wahrheit zu unterbreiten. Marie nahm sie mit der Gefasstheit auf, die sie bei allen harten Schlägen ihres bisherigen Lebens- beim Tod ihrer Schwester Elisabeth und dem Emil Kirschmanns gezeigt hatte, und es gibt keine einzige schriftliche Zeile in den Briefen, die sie danach an ihre Freunde schrieb, in denen sie vom Verlust ihres Sohnes oder gar von Gefühlen darüber spricht. Den ersten Brief schreibt sie aus Winterberg an MarthaEva Parker- Prochownik nach Chicago: Oun 11. Felmar 10,54 . - 374- " Zwei Briefe habe ich von Dir bekommen, während ich im Krankenhaus lag. Am 13. November 53 erlitt ich einen Strassenunfall. Es sah zuerst nicht so böse aus, es waren linksseitige Verstauchungen, aber die innerlichen und äusserlichen Folgen: eine Rippenfell- und eine Lungenentzündung, mit allem Drum und uran, wee bei meinem Alter nicht anders zu erwarten. Ich hatte schon aufgegeben, man hat mich aber doch noch durchgebracht. Jetzt bin ich hier, um die Gesundung abzuwarten. Herz und Nieren arbeiten noch nicht richtig, und am linken Arm ist als Folge noch eine böse Nervenentzündung geblieben. Aber es ist sehr schön hier, und es geht langsam aufwärts mit mir. Dies ist der erste Brief, den ich selber schreibe. Vor mei ner Erkrankung sah ich Dorothea Hirschfeld in Berlin, sie besuchte unsere Jahreskonferenz und ist von einer erstaunlichen Frische, dazu gütig und weise.- Es fällt mir noch schwer, so mache ich Schluss, aber mein Gewissen ist nun entlastet." - - Dieser Brief war wie die meisten an private Freunde- natürlich mit der schon in Amerika Hand geschrieben, und sie hatte sich angewöhnt, nicht mehr im fliessenden und zusammenhängenden Schriftbild zu schreiben, sondern jeden Buch staben einzeln, wobei sie sich im Laufe der letzten Jahre eine so grosse Übung erworben hatte, dass sie genau so schnell schrieb wie früher. Einmal danach gefragt, wieso sie zu dieser Art des Schreibens gekommen sei, wusste sie für sich selbst keine andere Antwort als die, dass sich das im Laufe der Zeit so ergeben habe und sie sich trotzdem sehr wohl dabei fühle. Mit solchen Antworten verstand sie es, derartige kleine Dinge zu den Akten zu befördern. Der 75. Geburtstag] 9 Acht Tage vor ihrem 75. Geburtstag schrieb sie noch einmal einen kurzen Brief, der sich nur xxx mit ganz sachhichen Dingen abgab, an Martha- Eva Parker nach Chicago, dann kam der grosse Tag, auf den sie sich nicht freute, sondern vor dem sie sich fürchtete. Warum, wusste sie selbst nicht, und' das Programm' das für den Ablauf dieses Tages vorgesehen war, interessierte sie nur am Rande. Sie wusste, dass sie mit den zu treffenden Vorbereitungen bei Lotte Lemke am besten aufgehoben war. Lotte Lemke hatte es verstanden, diesen Tag so zu arrangieren, dass Marie im Kreise ihrer wirklich engsten Freunde blieb. Louise Schröder hatte sich die Mühe gemacht und war aus Berlin herausgeflogen. Wenige Tage nach dem 15. März schrieb Marie an sie: " Meine liebe Louise, wie schön war es, dass Du an diesem Tage bei mir und uns sein konntest. Ich hatte- nach allem- Angst vor diesem Tag, fühlte mich dann aber im Kreis der Freunde, mit denen mich die Erinnerung an gemeinsames Erleben verbindet, doh geborgen. Ich danke Dir ganz herzlich für Dein Kommen und Deine guten Wünsche." Zum Ausklang dieses bemerkenswerten - 375- Festtages gehörte das Studium der Zeitungen und Zeitschriften, die sich nicht nur mit der Vollendung des 75. Lebensjahres, sondern schlechthin mit ihrem ganzen Leben beschäftigten. Die Zeitschrift der Arbeiterwohlfahrt' Neues Beginnen' hatte unter der Initiative von Lotte Lemke eine Sonderausgabe vorbereitet, worüber Lotte Lemke selbst sagt: " Noch nie, seit ich für die Schriftleitung des' Neuen Beginnen" verantwortlich bin, hat mir die Arbeit an einer Nummer so viel Freude gemacht wie an dieser Sondernummer zu Ehren von Marie Juchacz's 75. Geburtstag. Dass von 20 Persönlichkeiten, die um einen Beitrag gebeten wurden, 18 positiv reagierten und ihre Manuskripte sogar pünktlich einsandten, war Balsam auf das oftsmals verwundete Redakteurherz.. Wenn nun der Redakteur noch dazu von dem menschlichen und sachlichen Inhalt der verschiedenen Beiträge innerlich stark berührt wird, dann iste es wohl verständlich, dass er sich inspiriert fühlt, um auch seinerseits aus seinen Erfahrungen und Erlebnissen mit der Arbeiterwohlfahrt- und das ist gleidhbedeutend mit Marie Juchacz- zu beichten." Bericht In Ihrem Schilderung erwähnt Lotte Lemke das erste Zusammentreffen mit Marie Juchacz im Jahre 1929 in Berkin und schildert dann die Entwicklung der Organisation, wie sie von ihr miterlebt wurde. Zum Schluss sagt sie: " Jetzt sind es fünf Jahre, seit Marie Juchacz wieder in Deutschland ist. In diesen Jahren hat sie unermüdlich an allem Anteil genommen, was in de Arbeiterwohlfahrt vorging, an der Entwicklung, dem Wachstum der Organisation, und auch an ihren Sorgen und Problemen. In diesen Jahren haben wir vieles gemein sam getragen und es hat sich zwischen uns eine Freundschaft gebildet, die mich mit demselben Gefühl der Verpflichtung erfüllt, wie vor 25 Jahren das Vertrauen tat, mit dem Marie Juchacz mich es in die Arbeit berief." Der Sondernummer hatte Heinrich Albertz als Erster Vorsitzender des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt ein Wunsch- und Grusswort vorangestellt: " Wenn ich als der derzeitige Vorsitzende des Hauptausschusses dieser Festschrift für Marie Juchacz einige Worte voranstellen darf, dann gehen meine Gedanken auf jenen Tag zurück, an dem ichas ein wahrhaft Spätgebore ner dieser verehrungswürdigen Frau zum ersten Mal begegnet bin: es war 1949 auf der Reichskonferenz in Solingen. Man hatte mich, der ich zu der Generation gehöre, die erst seit 1945 frei arbeiten und sich politisch frei entscheiden konnte, für diese Tagung zu einem Hauptreferat gebeten, und ich sprach das erste Mal vor einem Kreis, in dem ich die Wenigsten persönlich kannte. In der ersten Reihe des grössten Saales der Stad - 376- - sass Marie Juchacz- damals eit einigen Monaten aus der Heimatlosigkeit der Emigration nach Deutschland zurückgekehrt und begrüsste den jungen Mann, von dem sie wahrscheinlich wusste, dass er zwei Tage später zum Vorsitzenden des Hauptausschusses und damit zu einem igrer Nachfolger vorgeschlagen werden sollte. Mir war zu Mute wie einem Prüfling, der vor seinem Examinator steht. Ich weiss nicht mehr, was in diesen ersten Minuten zwischen ihr und mir geredet worden ist, aber ich weiss, dass von diesem Augenblick an für mich se viel Jüngeren der Weg ein er Erfahrung begann, der sich seit jenem herbstlichen Tage des Jahres 1949 wie ein schöner grosser Bogen durch die Jahre hin fortgesetzt hat, einer Erfahrung, die selten ist: dass nämlich ein altgewordener Mensch aus seinem langen Leben, aus den Erfolgen und bitteren Enttäuschungen, die es brachte, sich aufgeschlossen, verstehend und mittragend allem Neuem und heute und jetzt Notwendigem zuwendet. Denn das ist Marie Juchacz doch für uns alle geworden: ein Mensch, der die grosse Tradition der Arbeiterbewegung in ihrem besten Sinne lebendig unter uns darstellt und in dieser Tradition doch nicht verhärtet ist,- ein lebendiges Beispiel dafür, dass Alter ein Reichtum sein kann und kein Gegensatz zur Jugend ist, und über allem Diskutieren, Reformieren und Verändernwollen einfach durch sein Dasein eine Verbindung schafft, die aus den Kämpfen des untergehenden Kaiserreich und den Erfahrungen der Weimarer Republik durch die Verbotszeit nach 1933 und das Lernen und Sehen in einem fremden Lande uns, die wir wieder ganz von vorne anfangen mussten, Hilfe und Bestätigung ist. - So hat Marie Juchacz ohne ein formal gegebenes*** und im Statut festgeleg tes Amt einfach durch ihre Person ihre ständige Wirkung auf uns alle gehabt, hat unermüdlich an unseren Sitzungen und Tagungen teilgenommen, hat das Land bereist, hat im Stillen so viele Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten aus dem Wege geräumt, und ist dadurch zu einer ständigen Quelle der Hilfe und der Freude geworden. Dafür ihr heute in dieser Schrift im Namen der Arbeiterwohlfahrt, die sie selbst gegründet hat, zu danken, und uns zu wünschen, dass uns der Reichtum ihrer erfahrenen, gütigen und selbstverständlichen Menschlichkeit noch lange erhalten bleibt, soll der Sinn dieses einleitenden Wortes sein." Alle Freunde hatten sich mit mehr oder weniger längeren Ausführungen zu diesem Tage gemeldet: Exich Ollenhauer, Herta Gotthelf, Paul Löbe, Rudolf Wissel, Friedrich Stampfer, Louise Schröder, Dorothea Hirschfeld, Dr. Walter Friedländer, Hedwig Wachenheim, Erna und Jola Lang, Dr. Hans Hirschfeld, Herta und Erich Lewinski, Dr. Regina Kägi- Fuchsmann aus Zürich, Jean Luyten vom Internationalen - 377- Arbeiterhilfswerk Brüssel, Gabriele Proft für das Frauen- Zentralkomitee Österreichs und im Namen der sozialistischen Frauen Österreichs, Helen Fogg aus Boston/ USA, Dr. Erna Magnus aus Baltimore/ USA, Fritz Wittelshoefer aus London und Professor Siegmund- Schulze aus Dortmund. Sie alle dachten zurück an die Zeit, in der Marie Juchanz zum ersten Mal eine inder Nationalversammlung dann Rolle in der Öffentlichkeit, spielte, als sie die Arbeiterwohlfahrt gründete und durch ihre Initiative den Stein für eine soziale Neuorientierung ins Rollen brachte, der zu einer Lawine anschwoll und im Interesse des gesamten sozialen Lebens zu Erfolgen führte, die heute als staats- soziale Selbstverständlichkeiten gesetzlich verankert und gesichert sind. [ Hiobs- Botschaft vor dem Ende] Marie hatte ihren 75. Geburtstag gut überstanden, obwohl die letzten Spuren des Strassenunfalles vom November des Vorjahres noch nicht restlos getilgt waren und obwohl sich verstärkt und sporadisch Schmerzen einstellten, die sie bis dahin in dieser Form und in diesem Ausmaß noch nicht kannte. Nach kurzer Beratung mit Lotte Lemke wurde beschlossen, dass sie noch einmal nach Winterberg im Sauerland gehen und dort eine gründliche Untersuchung mitmachen solle. Am 29. Juni erhielt sie die Mitteilung über das ärztliche Untersuchungsergebnis. Es war eine HiobsBotschaft, und es ist charakteristisch für Marie, wie sie sofort an Lotte Lemke darüber berichtet: " Liebste Lotte, vor einer Stunde war ich bei Dr. R. Die gynäkologische Untersuchung ist doch hier im Krankenhaus gemacht worden. Es war ein klei ner Eingriff, und die Sache wurde dann zur Untersuchung fortgeschickt. Das Ergebnis war nun heute da. Es ist etwas ungewiss, aber eines ist sicher: es ist etwas da, wofür eine Radiumbestrahlung empfohlen wird. Es ist aber noch nicht erwiesen, ob es die bösartigste von den drei Sorten ist. Dr. R. nimmt es nicht an. Er ist aber für eine Bestrahlung, zur Sicherheit. Unmittelbar darauf soll eine biologische Behandlung folgen, mit entsprechender Umstellung der Ernährung. Morgen wollen wir entscheiden, wohin ich zu dieser Bestrahlung gehe, nach Marburg oder Düsseldorf. Das wird zwei bis drei Tage kosten. Ich soll dann sofort zurück. Wie mir scheint, hat Dr. R. sehr grosse Erfahrungen, nicht nur selbsterlebte, sondern auch durch seinen lebhaften Austausch.- Es ist vielleicht nicht richtig, Dir alles in dieser Form zu schreiben, aber ich hätte es zum Beispiel für falsch gehalten, wenn Dr. R. mich heute nicht so deutlich unterrichtet hätte und ich dann später hätte feststellen müssen, dass er mir nicht die Wahrheit gesagt hat.- Ob ich nach Berlin gehen kann, ist nun sehr zweifelhaft geworden, doch lasse ich das noch ganz offen für einige Tage. Lass Dick aber durch das Obige' nicht deprimieren, es - Tgelegent liche und - 378- kommt doch alles, wie es soll. Herzliche Grüsse, immer Deine Marie." Acht Tage später schreibt sie an Martha- Eva Parker nach New York mit der gleichen intensiven interessiertheit an allen Fragen, als ob es niemals die Nachricht für sie gegeben hätte, dass sie sich für den Rest ihres Lebens mit einer heimtückischen Krankheit abquälen muss: " Ich sehe aus Deinem letzten Schreiben Deinen eigenen Fleiss und weiss aus eigener Erfahrung, dass wir beide wohl nicht ruhen können. Und die lebenslange Erfahrung hilft uns doch sehr, um unseren Lebensabend noch fruchtbar und befriedigend zu gestalten. Ich bin erst gestern von mei- ner Nachkur nach Hause gekommen, und ich sage Dir ja nichts Fremdes: wenn man in meinem Alter so schwer krank wird, dauert es doch sehr lange, bis man die Kräfte wieder beisammen hat. Da kann der Wille zur Gesundung noch so stark sein.- Lotte Lemke war in Toronto, sie nahm an dem grossen Kongress teil. Sie will noch eine Stipvisite in New York und vielleichá auch in Washington machen, aber die Zeit ist leider sehr knapp, und Lotte ist hier nicht länger zu entbehren." So ging das Jahr 1954 zu Ende, ohne weitere grosse Aufregungen und Veränderungen. Eines hatte sich allerdings als notwendig erwiesen: Marie brauchte ständige Pflege, und es lag nahe, Käthe Kirschmann- Fey, die sich inzwischen zu einer tüchtigen Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt entwickelt hatte, darum zu bitten. Käthe hatte sich mit besonderer Liebe des Kindererholungs heims auf Norderney angenommen und war ganz in ihre neue Aufgabe hineingewachsen. Jetzt verlangte das Schicksal ein zweites Mal die Zurückstellung ihrer eigenen Aufgabe. Mit der ruhigen Selbstverständlichkeit und ohne grosse Worte ünernahm sie die neue Pflicht der Pflege von Marie Juchacz, die zugleich eine Verpflichtung für sie war. Sie wurde Maries ständige Begleiterin, die immer dann, wenn es notwendig wurde, mit der schmerzstillenden Spritze zur Hand war. olann, als es Trotz dieser beschwerlichen Umstände ging Marie Juchacz ihrer Arbeit Sich als nut- nach, nicht mehr ganz so intensiv, und nicht mehr so viel auf Reisen, Wendig erwies aber mit Fleiss und Ausdauer. Das Buch" Frauen ihres Jahrhunderts" mit den Biographien sozialistischer Vorkämpferinnen ging seiner Vollendung entgegen. Marie war bemüht, gute Fotos dafür zu bekommen. Sie schrieb an alle Menschen, die als Bildbesitzer in Frage kamen, und aus der Erinnerung wusste sie, dass Louise Schröder oder Paul Löbe noch ein gutes Bild von Toni Pfülf besassen. Ihr Brief vom 23. Januar 1955 an Louise Schröder zeigt ihr unermüdliches Bemühen selbst um das kleinste Detail: " Ich möchte gerne ein Bild von Toni haben und vermute, dass Du oder Paul ein Foto in Eurem Besitz habt. Das wäre doch schöner, als wenn nach den kleinen Bildern in den Handbüchern kopiert werden müsste. Ich würde • Einschalten auf Seite 379 Die ärztliche Betreuung nahm sie sehr in Anspruch und lenkte sie zwar ab, nahm ihr aber zugleich auch die Zeit, sich geistig mit den verschiedensten Problemen so zu beschäftigen, wie sie es aus innerem Bedürfnis noch immer wollte. Wäre diese Krankheit nicht gewesen, dann wäre ihr Leben allmählich zu ihrer vollsten Zufriedenheit und mit einem glücklichen Gefühl ausgeklungen. So aber trat das ein, was sie befürchtet hatte und was ihr in schwachen Stunden jede Lebenslust nahm: sie musste sich quälen, fiel anderen zur Last, und wurde' die Ruine', die sie sich selbst und den anderen ersparen wollte. Exxgikt Ein einziges Mal machte sie in ihrem Brief an Lotte Lemke vom 2. Mai 1955- ihrem Herzen plötzlich Luft: - " Ich weiss nicht, wo Du gerade steckst, aber sicher bist Du viel unterwegs. Am Samstag war Minna Sattler für ein paar Stunden hier. Ich habe mich sehr gefreut. Nun wären in einigen Tagen, am 6. Mai, die vier Wochen herum, die ich mir gesetzt hatte. Ich wollte zehn Tage zu Hause sein und dann mit nach Lübeck kommen. Wollte! Mein Zustand ist noch so, dass ich ale paar Tage, manchmal auch täglich, noch die heftigen Leibschmerzen bekomme. Auch Dr. R. führt das auf die Nachwirkungen der Bestrahlung zurück. Er ist begeistert von Kissingen, ich habe mich dort für den 1. Juni angemeldet, von dem Kissinger Wasser erhofft er sich etwas. Augenblicklich spannt er für vier Wochen aus, er hatte es nötig. Eine weibliche Vertretung ist hier, sehr vernünftig. Dr. R. hat viele Dinge ohne Erfolg versucht, um mir zu helfen. Dann haben wir noch besprochen, dass ich eine Zehn- Tage- Kur nach der Methode eines ungarischen Arztes versuche, mit einem Präparat, das hier in Friedrichsdorf im Taunus hergestellt wird, in einer Form, dass man jede Mahlzeit in einer Minute statt mit stundenlangem Kochen herstellen kann. Diese Kurz soll ich hier in Winterberg noch versuchen. Erst heute ist das Mittel hier angekommen. Das schiebt meinen Abreisetermin etwas hinaus, wir müssen uns über Lübeck also noch unterhalten. Wird es nicht besser- nicht ganz gut, hat mein Mitfahren keinen Zweck. - Ach, ich hasse es, so dahin zu vegetieren, ich kann es garnicht sagen, wie sehr. Vor einigen Jahren erschien mir das Alter noch so schön und lebenswert. Nun fühle ich mich in meinem persönlichen Glück so betrogen und unglücklich, und werde dazu dauernd von Unpsslichkeiten geplagt. Verzeih! Es sind keine Mai- Gedanken, wie ich sie zum Beispiel gestern früh hatte, als die Frauen von ihrem Mai- Frühspaziergang zurückkamen und vor meinem Fenster sangen. Ich hatte gut geschlafen und war ohne Schmerzen. Aber da fing der Tag erst an." b. w.!! Nach der zehntägigen Weizenkur fühlte sie sich wesentlich besser und versprach sich von der anschliessenden Kur in Bad Kissingen einen noch besseren Erfolg, der sich dann auch tatsächlich einstellte, wenn auch nicht in dem Umfange, wie es ihr für ihre Reisepläne wünschenswert er- schien. [Zehn Tage später, am 12.5.55 schreibt die nicht mehr ganz 20 deprimiert – oder nicht ganz so offen und ausführlich an Emils Brüder August und seine Frau Clara Kirschmann Ich nach Idar-Oberstein: "Ihr lieben Zwei, eigentlich wolltexich schon um den 5. oder 6. Mai zu Hause in Düsseldorf sein. Mein Aufenthalt in Winterberg wurde auf Befehl von Minna Sattler immer wieder verlängert, weil ich in meinem augenblicklichen labilen Zustand Ochalleine in Düsseldorf sein sollte. Ich werde noch immer in unregelmässigen Abständen von unangenehmen, krampfartigen Schmerzanfällen, wahrscheinlich im Dickdarm, heimgesucht. Das hatte ich schon einige Wochen vorher, in Düsseldorf. Ist der Schmerz – er dauert viele Stunden – dann endlich vorbei, dann meine ich, er kommt nicht wieder, und schmiede neue Fläne. Bisher trotzt meine Krankheit jedem Mittel. ir heute und die folgenden Tage hatte ich eine Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zur zweiten Bundesfrauenkonferenz in Doctmund. Eine grosse Sache, und die Einladung machte mir grosse Freude. Aber in diesem Zustand darf ich mich nicht weit von meinem Bett entfernen. So, habe ich auch – schweren Herzens – auf das zentrale Himmelfahrtstreffen der Sozialarbeiter der Aw in Lübeck verzichtet. Das alles tut doch ein bischen weh. Als Dasse endlich Winterbuc verlassen und nach Düsseldorf zurüche- kehren konnte, wurde Räthe Kirschmann vorerst endgültig nachdem sie vorher schon einige Vale mit ihrer Hilfe eingesprungen war – nach Düszel/orf„versetzt”. Räthe abernahm den größsten Teil der Korrespondenz und untermostete ab sofort dem Kreis der Angehörigen und engsten Freunde über das wohlseischen und die kleinen Alltäglichkeiten, die dem anderen wissenswert waren. So unterrichtet sie auch einmal dingiert und prana Kirnhmann, die sich in dieser Zeit besonders intensiv um Marie kümmerten. "Vor einigen Wochen waren Füllenbachs aus Koblenz hier, nur kurz, aber wir haben uns trotzdem über den Überraschenden Besuch gefreut. Seit dem 15. Juli bin ich nur ganz in Düsseldorf, vorläufig kann ich nicht nach Norderney zurück." - - 379- T . schön aufpassen, dass ich es zurückbekomme. Ich schreibe im gleichen Sinne an Paul Lobe, weil mir die Angelegenheit jetzt eilt. Es ist durch mein langes Kranksein und die anderen Dinge viel Zeit ins Land gegangen, und jetzt drängt der Dietz- Verlag, was mir nicht unlieb ist." wenn mit Marie bekam, was sie wollte, auch en Verzögerungen, Unausgefüll te Wartezeit gab es auch jetzt nicht für sie. Hatte sie eine freie Stund de, dann schrieb sie an die guten Freunde, mit denen sie in ständigem Briefwechsel stand. Dazu gehörte nach wie vor Martha- Eva Parker in Chicago, die einen am 11. Februar 1955 geschriebenen Brief von Marie érhielt: " Obwohl ich nach einem recht schlimmen Jahr jetzt relativ wohl bin, habe ich mir vorgenommen, sehr viel zu Hause zu sein. Es wird zu den Ausnahmen gehören, wenn ich dienstlich nach Bonn zur AW fahre, und man wird mich dann stets mit einem bequemen Wagen holen. Nach Winterberg im Sauerland holt man mich in gleicher Weise, das Klima dort bekommt mir gut und der dortige Arzt macht jedes Mal eine kleine Aufbau- Kur mit mir Ihm danke ich es, dass ich jetzt so wohl bin. Alt zu werden ist ja unser aller Schicksal, aber es kommt doch sehr darauf an, wie sehr viel oder wenig man von Schmerzen oder Schwäche gequält wird. Froh bin ich darüber, dass der Verstand noch immer mitmacht, ich möchte auch gerne, dass das bis zum Schluss so bleibt. Und dass man keine materiellen Sorgen hat, ist auch sehr schön. Ich freue mich für Dich, dass auch Du das schöne Gefühl kennst, das man hat, wenn man ohne Sorgen tun kann, was man für richtig hält und was Freude und Genugtuung gibt. Ich freue mich sehr über das, was Du mir aus der Zeit mit Rosa Luxemburg schreibst- und zugleich über Deine Arbeit von damals." Als sie( am 15 März 1955 ihren 76. Geburtstag feierte, war das nur eine stille Bestätigung dessen, was sie schon längst wusste: dass die Tage, die ihr nun noch bleiben würden, knapp bemessen sein würden. Grosse Aufgaben waren nicht mehr zu bewältigen. Auch das Buch mit den Biographien sozialistischer Frauen hatte sie im Manuskript fertig. Was blieb ihr noch zu tun? 1955[ Zum letzten Mal auf der Reichskonferenz Für den frühen Herbst des Jahreswar eine Reichskonferenz der ArhoitorKurz vor ihrer Abfahrt schreibtsi August und Klava Marie Cam 16.10.55 an Kirschmanns in Idar- Oberstein: " Ich konnte in diesen Monaten nicht viel schreiben, weil ich es körperlich einfach nicht schaffte. Unser Telefongespräch war ein wenig verunglückt. Ich hatte gerade grosse Schmerzen und war froh, dass ich den Hörer an Käthe abgeben konnte. Hoffentlich habt Ihr beide Euch gut erholt. Eigentlich dürften zwei Menschen, die zusammengehören, nie zur gleichen Zeit krank werden.- Ich fahre nun, zusammen mit Käthe, in dieser Woche nach München zur grossen Reichskonferenz der Arbeiterwohlfahrt. Eigentlich dürfte ich noch nicht, aber der Doktor sieht wohl auch ein, dass ich noch immer so etwas brauche. Aber Käthe muss mit, weil ich noch immer Spritzen brauche. Am Montag, 24. Oktober, sind wir wieder daheim. Käthe besichtigt gerade die Kunststoff- Austellung. Nehmt deshalb über mich auch ihre Grüsse." . - - 379- schön aufpassen, dass ich es zurückbekomme. Ich schreibe im gleichen Sinne an Paul Lobe, weil mir die Angelegenheit jetzt eilt. Es ist durch mein langes Kranksein und die anderen Dinge viel Zeit ins Land gegangen, und jetzt drängt der Dietz- Verlag, was mir nicht unlieb ist." wenn mit Marie bekam, was sie wollte, auch n Verzögerungen, Unausgefüll te Wartezeit gab es auch jetzt nicht für sie. Hatte sie eine freie Stund de, dann schrieb sie an die guten Freunde, mit denen sie in ständigem Briefwechsel stand. Dazu gehörte nach wie vor Martha- Eva Parker in Chicago, die einen am 11. Februar 1955 geschriebenen Brief von Marie érhielt: " Obwohl ich nach einem recht schlimmen Jahr jetzt relativ wohl bin, habe ich mir vorgenommen, sehr viel zu Hause zu sein. Es wird zu den Ausnahmen gehören, wenn ich dienstlich nach Bonn zur AW fahre, und man wird mich dann stets mit einem bequemen Wagen holen. Nach Winterberg im Sauerland holt man mich in gleicher Weise, das Klima dort bekommt mir gut und der dortige Arzt macht jedes Mal eine kleine Aufbau- Kur mit mir Ihm danke ich es, dass ich jetzt so wohl bin. Alt zu werden ist ja unser aller Schicksal, aber es kommt doch sehr darauf an, wie sehr viel oder wenig man von Schmerzen oder Schwäche gequält wird. Froh bin ich darüber, dass der Verstand noch immer mitmacht, ich möchte auch gerne, dass das bis zum Schluss so bleibt. Und dass man keine materiellen Sorgen hat, ist auch sehr schön. Ich freue mich für Dich, dass auch Du das schöne Gefühl kennst, das man hat, wenn man ohne Sorgen tun kann, was man für richtig hält und was Freude und Genugtuung gibt. Ich freue mich sehr über das, was Du mir aus der Zeit mit Rosa Luxemburg schreibst- und zugleich über Deine Arbeit von damals." Als sie Cam 15 März 1955 ihren 76. Geburtstag feierte, war das nur eine stille Bestätigung dessen, was sie schon längst wusste: dass die Tage, die ihr nun noch bleiben würden, knapp bemessen sein würden. Xxx Grosse Aufgaben waren nicht mehr zu bewältigen. Auch das Buch mit den Biographien sozialistischer Frauen hatte sie im Manuskript fertig. Was blieb ihr noch zu tun? Zum letzten Mal auf der Reichskonferenz] 1955 Für den frühen Herbst des Jahres war eine Reichskonferenz der Arbeiterwohlfahrt in München geplant. Bei ihrem körperlich geschwächten Zustand konnte sie nicht daran denken, diese weite Reise von Düsseldorf aus zu unternehmen. So dachte nicht nur sie. Als es aber so weit war, nahm sie noch einmal ihre ganze Kraft zusammen Dann fuhr sie Kirschmann- Fey, die seit m die seit mals einem Jahr nicht mehr von ihrer Seite wich, nach München, um nicht nur auf der offiziellen Eröffnungssitzung das erste Wort zu ergreifen, sondern mit sondern ihrer Ansprache auf der interhelben , begleitet von Käthe • • - 380- nen Arbeitskonferenz ein langes und grundlegendes Referat hielt, das sie sorgfältig vorbereitet hatte: " Ein paar Worte, die zugleich aber auch der Sache selbst zu dienen haben, möchte ich zu Ihnen sagen. Ich habe in den letzten Tagen so ein wenig geblättert in älteren und neueren Schriften der Arbeiterwohlfahrt, um daran festzustellen, wie schnell oder wie langsam die Arbeiterwohlfahrt in den Jahren seit 1945 gewachsen ist. Und da muss ich Ihnen nun offen gestehen: ich habe ein wenig Angst bekommen. Es wurde mir ganz besonders deutlich, dass die AW ein rapides Wachstum hinter sich hat, und das in so kurzen Jahren. Ich wurde daran erinnert, dass es manchmal jungen Menschen so geht, dass sie hochschiessen und dass dann der Arzt feststellen muss, dass das Herz und andere innere Organe etwas zurückgeblieben sind, dass der Atem knapp wird und dass Gefahr im Verzug ist. Es ist eine sagen wir es ganz ruhig- etwas hektische Entwicklung in den letzten Jahren vor sich gegangen. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man zu dem Schluss kommen: eine erfreuliche Entwicklung! Und ein gesundes Wachstum. Das ist doch eine erfreuliche Kraft, die dahinter steckt! Ich will nun nicht etwa eine Gardinenpredigt halten. Eine Orden Organisationsvertretern, die hier vor mir sitzen, - ganisation, deren lebendige Träger Sie sind, besteht aus Kindern ihrer Zeit, die den Gesetzen einer sozialen Entwicklung folgen und mit der Gesetzgebung Schritt halten müssen. Aus einer Entwicklung aber ergeben sich Konsequenzen, denen man sich nicht entziehen kann. Sie verstehen also, dass die etwas kritischen Töne, die ich anschlage, nun nicht im Sinne eines Vorwurfs hier vor Ihnen ausgesprochen werden." gute halbe So sprach Marie fast eine ganze Stunde, setzte sich mit allem auseinander was sie bewegte, schnitt Probleme an, die bis dahin unbemerkt und ungelöst mit der Entwicklung mitgelaufen waren, schlug mit logischer Sicherheit Brücken von der Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft, und wurde von allen verstanden. - Dass diese intensive Teilnahme an der Münchener Reichskonferenz weit über ihre Kräfte ging, liess sie sich nicht anmerken. Alleine in ihrem Münchener Hotelzimmer in der Schillerstrasse, konnte sie sich gehen lassen und sank erschöpft ins Bett, Nachdem ihr Käthe Kirschmann- Fey noch eine Spritze gegeben hatte, um sie von den einsetzenden Schmerzen zu befreien, fiel sie in einen tiefen Schlaf, der sie so erfrischte, dass sie am nächsten Tag für einige Stunden wieder dabei sein konnte. Auch ihren Wahlsohn Fritz Roehl besuchte sie in seiner Münchener Wohnung. Sie hatte ihn längere Zeit nicht mehr gesehen, und das Bedürfnis, sich einmal gründlich miteinander auszusprechen, war auf beiden Seiten gleich gross. Am Spätnachmittag des letzten Tages der Reichskonferenz, . - 381- als der grösste Teil der Delegierten einen Ausflug an den Tegernsee mach• halter te, sass Fritz Roehl für mehrere Stunden neben dem Bett seiner grossen Mutti'. Das Gespräch drehte sich ausschliesslich um familiäre, persönliche Dinge. Fast alles, was sich Marie in diesen Stunden vom Herzen und von der Seele redete, war nur für die Ohren des Neffen bestimmt. Als das Gespräch auf die biographischen Notizen kam, die Marie im Laufe der vergangenen Jahre gemacht hatte, meinte sie, dass es nun für sie zu spät sei, aus diesen Rudimenten noch ein fertiges xxxx Ganzes x* x* x* x* x wеrden zu lassen. Sie bedauerte es, den schon vor mehreren Jahren gegebenen nicht Rattigt und ihre Erinnerungen einfach auf ein Tonband gesprochen zu Jauch jetzt norbchen oder Monate haben. Obwohl Fritz Roehl bereit war, sich für einige um mit einem Tonbandgerät zur Verfügung zu stellen, stand sie bereits über ihrem eigenen persönlichen Leben und gebrachte das Beispiel mit dem Spiegel, das schon an anderer Stelle dieses Buches zitiert wurde. Als sich Fritz Roehl verabschiedete, wussten beide, dass sie sich wahrscheinlich zum letzten Male gesehen hatten. Es war erschütternd, wie Fritz seine grosse Mutti zum ersten Mal in seinem und ihrem Leben weinen sah. Am nächsten Tag fuhr Marie Juchacz zurück nach Düsseldorf. Sie wusste, dass ihre Teilnahme an der Münchener Reichskonferenz der letzte berufliche Höhepunkt ihres Lebens war. Schon manches Mal in den Jahren vorher hatte sie gedacht, dass es das letzte Mal gewesen sei. Sie hatte sich gottseidank immer getääaebt. Jetzt war es für sie eine glasklare Gewissheit so wie sie es in München Fritz Roehl gegenüber gesagt hatte:" Mein Leben ist zu Ende, mein Junge. Ich habe keine Kraft mehr, und auch keine Lust. Gewaltsam das verlängern zu wollen würde die Qual noch grösser machen. Je schneller es jetzt geht, desto besser für mich und alle anderen. Was sie aber nach wie vor auf ihre Umwelt ausstrahlte, stand in krassem Widerspruch zu ihrer eigenen inneren Situation. Sie bemühte sich, nach aussen so zu wirken, denn nichts wäre drückender für sie gewesen als ein ständiges Mitleid ihrer Freunde und Mitarbeiter. So erklärt sich auch der Inhalt des Briefes, den Marie am 3. November von Louise Schroeder aus Berlin erhielt: " Ich habe zu meiner Freude gehört, dass Du auf der Tagung der ArbeiterDich. wohlfahrt in München warst und dort in alter Frische und Lebhaftigkeit an der Arbeit beteiligt hast. Um so mehr bedauere ich, dass ich wegen der Tagung des Europarates nicht nach München kommen/ konnte. Aber ich bin glücklich darüber, dass es Dir offensichtlich wieder so viel besser geht und will nur hoffen, dass es so bleibt bzw. dass Deine Gesundheit sich noch weiter bessert. T . Dr. R. - 382- Inzwischen habe ich nun auch Dein Buch erhalten und freue mich sehr darüber, dass Du es herausbringen konntest. Es wird sicher für unsere Jugend, die von den Vorkämpferinnen so wenig weiss, sehr wertvoll sein, und für uns Alten ist es eine schöne Erinnerung an die vergangene Arbeit. Ich hoffe, dass das Buch eine ausgedehnte Verbreitung finden wird, da bin mit allen guten Wünschen bei Dir." Marie antwortete postwendend: " Ja, ich war in München und es ging recht gut, wenn ich auch meistens nach mittags im Bett war. So habe ich von dem Beisammensein mit Freunden und vo München nicht so viel gehabt, wie meinem Wunsch entsprach. Ich hätte Dich gerne dort gesehen, zumal mir zu meiner Freude von verschiedenen Seiten gesagt wurde, dass auch Du Dich nach Deiner schweren Krankheit sehr sichtbar erholt hast. Unlängst waren hintereinander Hanna Hertz und Bella Hirsch feld bei mir, die mir das Gleiche berichteten. Wie schön ist das. Und in München sah ich u.a. auch Anna Nemitz und Dorothea Hirschfeld. Anna besuchte mich am Tage ihres Abflugs noch in Düsseldorf.- Nun werdet Ihr bald Pauls 80. Geburtstag feiern. Ich wünschte, dass ich dabei sein könnte, aber ich werde viel an Euch denken." vor Unmittelbar xxxx Weihnachten gab es im Befinden von Marie Juchacz einen unerfreulichen Rückfall, der sie zu konsequenter Bettruhe und völliger Untätigkeit zwang. Käthe Kirschmann- Fey musste einspringen, um daк die briefliche Verbindung mit den vielen Freunden aufrecht zu erhalten, auch wenn das, was sie zu schreiben hatte, unerfreulich war. [ Ein grosses Leben klingt aus te Es mag wie eine symbolhafte Fackel gewesen sein, als zur gleichen Zeit, langsamen in der sich Marie Juchacz zum Sterben schicke anschichte, durch einen elektrischen Kurzschluss der grösste Gebäudeteil in Bonn, in dem der Hauptausschuss der Arbeiterwohlfahrt residierte und an dessen Entstehung Marie lebhaften Anteil genommen hatte, niederbrannte. So brannte auch ihr Leben aus. Am 28. Januar 1956, gute sechs Wochen vor ihrem 77. Geburtstag, verliess sie die Welt, der sie ihr Leben geopfert hatte. Maries Tochter Charlotte Juchacz hatte es nach Verständigung mit Lotte Lemke übernommen, den familiären und engeren Freundeskreis zu verständigen. Am Mittwoch, den 1. Februar 1956, trafen sich im Krematorium des Westfriedhofs in Köln- Bickendorf die vielen Freunde und Mitarbeiter zum letzten Abmeldete sind noch mit einem Trauergruss bei Mavies Arzt aus Winterberg am 1. Februar 1956 K₁ara und August Kirschmann: Es ist ein Jammer, dass mit den üblichen Methoden dem Leiden von Marie Juchacz nicht beizukommen war. Sie hätte noch lange als guter Geist der Arbeiterwohlfahrt wirken können Gerne hätte ich Ihnen heute Nachmittag in Köln bei der Trauerfeier mein Beileid ausgesprochen, aber nach kurzer Fahrt musste ich wieder umkehren, da bei der aussergewöhnlichen Kälte mein Wagen defekt wurde. - 382- Inzwischen habe ich nun auch Dein Buch erhalten und freue mich sehr darüber, dass Du es herausbringen konntest. Es wird sicher für unsere Jugend, die von den Vorkämpferinnen so wenig weiss, sehr wertvoll sein, und für uns Alten ist es eine schöne Erinnerung an die vergangene Arbeit. Ich hoffe, dass das Buch eine ausgedehnte Verbreitung finden wird, bin mit und allen guten Wünschen bei Dir." Marie antwortete postwendend: " Ja, ich war in München und es ging recht gut, wenn ich auch meistens nach mittags im Bett war. So habe ich von dem Beisammensein mit Freunden und vo München nicht so viel gehabt, wie meinem Wunsch entsprach. Ich hätte Dich gerne dort gesehen, zumal mir zu meiner Freude von verschiedenen Seiten gesagt wurde, dass auch Du Dich nach Deiner schweren Krankheit sehr sichtbar erholt hast. Unlängst waren hintereinander Hanna Hertz und Bella Hirsch feld bei mir, die mir das Gleiche berichteten. Wie schön ist das. Und in München sah ich u.a. auch Anna Nemitz und Dorothea Hirschfeld. Anna besuchte mich am Tage ihres Abflugs noch in Düsseldorf.- Nun werdet Ihr bald Pauls 80. Geburtstag feiern. Ich wünschte, dass ich dabei sein könnte, aber ich werde viel an Euch denken." vor Unmittelbar xxxx Weihnachten gab es im Befinden von Marie Juchacz einen unerfreulichen Rückfall, der sie zu konsequenter Bettruhe und völliger Untätigkeit zwang. Käthe Kirschmann- Fey musste einspringen, um dxx die briefliche Verbindung mit den vielen Freunden aufrecht zu erhalten, auch wenn das, was sie zu schreiben hatte, unerfreulich war. Den hatte, unerfreulich war. klingt aus langsamen Es mag wie eine symbolhafte Fackel gewesen sein, als zur gleichen Zeit, in der sich Marie Juchacz zum Sterben schalte, durch einen elektrischen Kurzschluss der grösste Gebäudeteil in Bonn, in dem der Hauptausschuss der Arbeiterwohlfahrt residierte und an dessen Entstehung Marie lebhaften Anteil genommen hatte, niederbrannte. So brannte auch ihr Leben aus. Am 28. Januar 1956, gute sechs Wochen vor ihrem 77. Geburtstag, verliess sie die Welt, der sie ihr Leben geopfert hatte. Maries Tochter Charlotte Juchacz hatte es nach Verständigung mit Lotte Lemke übernommen, den familiären und engeren Freundeskreis zu verständigen. Am Mittwoch, den 1. Februar 1956, trafen sich im Krematorium des Westfriedhofs in Köln- Bickendorf die vielen Freunde und Mitarbeiter zum letzten Abschied. Ein eisiger Wind fegte um das Gebäude, und die unzähligen Blumen und Kränze, die aus aller Welt geschickt worden waren, erstarrtem zu glashart gefrorenen Gebilden. Alle, die es irgendwie schaffen konnten, waren gekommen, auch Louise Schröder, selbst schon im anfälligen Alter und geschwächt von dem harten Leben, das hinter ihr lag. -383" Unsere Arbeit" inzwischen umgetaufte Die Zeitschrift der Arbeiterwohlfahrt?*************** widemete den grössten Teil ihrer Februarausgabe der Erinnerung an Marie Juchacz: " Vier Tage lang wehte von dem Gebäuderest des AW- Hauses in Bonn, den der Brand verschont hatte, die Flagge auf Halbmast. Die Arbeiterwohlfahrt trauerte um Marie Juchacz. Mit ihren Angehörigen vereinten sich noch einmal viele Freunde aus ganz Westdeutschland und aus Berlin um ihren Sarg, um Abschied zu nehmen. Eine kaum übersehbare Fülle von Blumen und Kränzen zeugte von der Liebe und der Dankbarkeit, die ihr entgegengebrach wurden. Worte der Trauer wurden gesprochen, ihr Leben und Wirken, ihr Bei spiel und Vorbild gewürdigt und das Bekenntnis abgelegt, in ihrem Geiste weiterzuarbeiten und ihr Werk fortzusetzen. Für die Arbeiterwohlfahrt sprachen Worte des Abschieds Heinrich Albertz und Lotte Lemke, Herta Gotthelf sprach im Namen des Parteivorstandes der SPD, Theo Burauen als Bürgermeister******* иx der Stadt Köln, von welcher Marie Juchacz' politische und sozialpolitische Arbeit ihren Ausgang genommen hat und in welcher sie ihre letzte Ruhestätte neben ihrer geliebten Schwester Elisabeth Kirschmann- Roehl haben wird. Für die Frauen des alten Reichstages und für die Bonner Bundestagsfraktion der SPD sprach Louise Schroeder. Im Namen der Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege würdigte Frau Frieda Cleve die Persönlichkeit von Marie Juchacz. Der enge Freundeskreis wusste seit langem, dass eine ernste Krankheit an ihrem Lebensmark zehrte. Wir sahen mit Sorge den zunehmenden Kräfteverfall, erlebten aberbach voller Bewunderung ihr stets gleichbleibendes Interesse an der Arbeiterwohlfahrt und die gütige und verständnisvolle Anteilnahme an menschlichen Schicksalen. So ist sie bis in ihre letzten Lebenstage hinein mitdenkend und mitfühlend uns eng verbunden gewesen. Dass der Tod schliesslich Erlösung von qualvollem Leiden brachte, nimmt unserem Schmerz zwar die Bitterkeit, mindert aber nicht die Trauer. Die Lücke, die ihr Tod in unsere Reihengerissen hat, werden wir immer schmerzlich empfinden, aber eines wird uns dabei ein Trost sein können: in ihrem Werk, in der Arbeiterwohlfahrt wird Marie Juchacz weiterleben. So wie der Same, aus dem ein Baum wird, mit seinen Kräften und Anlagen den Baum durchzieht und durchdringt bis in die Blätter, die Blüte und die Frucht, die wieder Samen wird für neue Bäume, so wird auch das, - was Marie Juchacz an Vorstellung und Plan, an Geist und Idee in den jungen Wohlfahrtsverband Arbeiterwohlfahrt hineingegeben hat, in ihm wirksam bleiben. Wir aber sind die Erben! Die Erben auch ihres Geistes, dieses leidenschaf lichen Geistes im Kampf gegen das Elend . gegen alle - 384. Ungerechtigkeit und Unfreiheit auf dieser Welt." Ctrotz Jahrzehnte langer Zusammenarbeit Friedrich Stampfer, mit dem Marie Juchacz in mancher politischen Frage jimmer alten und nenen nicht einig war, was ober der menschlichen Freundschaft keinen Abbruch tat, sondern sie im Gegenteil vertiefte, schrieb: " Als einer der letzten ihrer noch lebenden Kollegen vom einstigen Vorstand der Sozialdemokratischen Partei sei mir vergönnt, den Gefühlen des Schmerzes über das Hinscheiden von Marie Juchacz, dieser wahrhaft edlen Frau, Ausdruck zu geben. Wer sie kante, dem hat sich das Bild ihres Wesens und Wirkens unauslöschlich eingeprägt. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die durch leichtgefälliges Wesen von vornherein für sich einnehmen. Die Schwere ihres Lebens haftete an ihr, nur langsam kamen die Worte über ihre Lippen, und sie liebte es, schweigend zuzuhören. Aber auch als Rednerin blieb sie eine Frau, deren ruhige, kluge Mütterlichkeit an Herz und Verstand appellierte. Alt und krank, hat sie noch einmal xx der Sache, der ihr Leben gehörte, einen grossen Dienst geleistet. Wir verdanken ihr das schöne Buch' Sie lebten für eine bessere Welt', in dem sie uns vom Werk und Schicksal ihrer Vorgängerinnen in der sozialistischen Arbeiterbewegung berichtet. Kurz nach Vollendung dieses Werkes ist sie nun selbst zu denen gegangen, die für eine bessere Zukunft der Menschheit gelebt, gestritten und viel gelitten haben." Lotte Lemke, die zuerst brieflich zwischen Deutschland und den USA mi Maries mit Marie Juchacz, und nach ihre Heimkehr erst recht menschlich und kameradschaftlich Freundschaft geschlossen hatte, sprach von diesen sieben Jahren, in denen Marie- und in welcher Form- noch immer wirkte: " Vom Tage der Gründung bis zum Verbot der Arbeiterwohlfahrt war sie deren Vorsitzende. Dann kam sie zurück, nachdem sie seit 1945 von Amerika aus mit ungewöhnlicher Tatkraft unendlich segensreiche Hilfe für Deutschland geleistet hatte. Sie kam zurück und wollte nichts anderes, als ohne Amt und ohne Titel der Organisation und den Menschen in ihr dienen. Seitdem hat sie in diesen sieben Jahren- wenn nicht Krankheit sie hinderte- keine Vorstandssitzung des Hauptausschusses, dessen Ehrenvorsitzende sie wurde, versäumt, und keine der grossen Fachkonferenzen mit sozialen Berufsarbeitern, und keine der Reichskonferenzen der AW. An vielen Arbeitstagungen, Schulungswochen, auch an so mancher Beratung, die der Beilegung aufgetretener Konflikte diente, war sie beteiligt. Dabei war sie eigentlich niemals aktiv. Das überliess sie den Jüngeren. Aber wenn sie dann das Wort ergriff, so geschah es vorsichtig, abwägend, beratend, klärend, und niemals lehrhaft oder auf Erfahrung pochen - 385- und Autorität pochend,- immer auch bereit zu lernen. Niemals versagte sie sich einer Bitte, auch nicht, nachdem sie seit dem Herbst 1953 fast immer krank war. So lebte sie mit uns und nahm Anteil, freute sich über jeden Fortschritt litt mit uns unter Enttäuschung und Rückschlag. Aber obwohl sie unser Leben teilte, dieses harte Leben voller Unrast und Betriebsamkeit, war sie ihm doch auf eine bestimmte Weise enthoben. Sie war- ich kann es nicht anders ausdrücken- in die Stille gegangen,-und das ist doch wie ein grosses Wunder, dass ein Mensch, der ganz herzenswarm teilnimmt an un seren Sorgen und Nöten, der die Unruhe und den Lärm unserer Tage teilt, sich doch abzusetzen und die Distanz zu gewinnen vermag, aus der die Dinge in ihrer richtigen Proportion gesehen werden können. Das machte ihr Urteil für uns so wertvoll und ihren Rat so hilfreich. Als im vergangenen Herbst die Reichskonferenz der AW in München bevorstan d, da war Marie Juchacz schon sehr krank. Dass sie dann doch die weite Reise machte, vom An fang bis zum Schluss der Konferenz beiwohnte, ein starkes und für die zukünftige Entwicklung der AW wegweisendes Referat hielt es ist das grosse und unerklärliche Wunder vom Sieg des Geistes. Alle Teilnehmer der Konferenz waren ergriffen und tiefbewegt, und mancher ahnte wohl, dass es die letzte Reichskonferenz für Marie Juchacz sein sollte. - Nun hat sie die Fackel aus den Händen gegeben und sie in unsere Hände gelegt. Wir fühlen die Schwere, aber auch das grosse Glück und die Schönheit solcher Verpflichtung. Wir wollen die Flamme wahren, um sie einmal un versehrt von uns in die Hände der Nachrückenden zu geben." Wie sehr auch Louise Schröder durchdean verlust getroffen wurde, zeigen die vielen Veröffentlichungen. Wenn irgendwo Anlass bestand, der Arbeiter wohlfahrt öffentlich das Wort zu reden, fand Louise Schröder die Zeit und Kraft, an Marie Juchach und ihr Leben und Arbeiten zu erinnern. Als die Arbeiterwohlfahrt Ostwestfalen- Lippe auf eine zehnjährige Wirksamkeit seit Kriegsende zurückblickte, schrieb sie in der Jubiläumsschrift ' Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit Marie Juchacz': " Wenn wir heute die Büros und Heime der Arbeiterwohlfahrt besuchen, so uns blickt aus jedem das Bild der ernsten, warmherzigen Frau entgegen, die vor 37 Jahren die Arbeiterwohlfahrt in Deutschland gegründet hat. Nachpolitisch dem Marie Juchacz jahrzehntelang um die Gleichberechtigung der********* *********** Frauen und um die soziale Gerechtigkeit für die Arbeiterklasse gerungen hatte, erkannte sie, dass es neben dieser politischen Arbeit ausserordentlich notwenig war, die Selbsthilfe der Arbeiterschaft zu . - 386- organisieren.- Es war für sie, die 1933 in die Emigration gehen musste, sicher die grösste Freude, bei ihrer Rückkehr aus Amerika zu sehen, wie trotz der grausamen Unterbrechung durch die nationalsozialistische Zeit in ihrem Sinne weitergearbeitet worden war.X- So ist ihr Tod ein schwerer Schlag für ihre Angehörigen und für die Arbeiterwohlfahrt. In ihrer letzten Lebenszeit hat sie sich mit dem Buche' Sie kämpften für eine bessere Welt' selbst noch ein Denkmal gesetzt. Ohne aber zu ahnen, dass sie bald zu jenen gehören würde, von denen wir Abschied nehmen mussten, hat ihr Freund und Kollege Fried rich Stampfer dem Buch eine Einleitung voraus geschickt, die Marie Juchacz in einer wundervollen Weise ehrt." Aber auch Louise Schroeder und Friedrich Stampfer haben Marie Juchacz nicht lange überlebt. Inzwischen sind die Reihen der Alten noch lichter geworden, viele der Freunde und Mitarbeiter von Marie Juchacz sind ihr bald gefolgt, und noch weitere werden folgen, denn das Leben geht für jeden Menschen einmal zu Ende. Nur wenigen ist es vergönnt, durch besondere Leistungen oder Werke ihr Leben zumindest in der Erinnerung der Nachwelt zu verlängern. Dieser Aufgabe soll das Buch über" Leben und Arbeit von Marie Juchacz" dienen. - the dem immerwährenden Denkmal, Arbeiterwohlfahrt"- als Erganding 20 -1Vorwort Als ich mich der Geburt nach ein Neffe von Marie Juchacz, der Erziehung und dem Leben nach aber ebenso gut eines ihrer Kinder an die Arbeit machte, um die Biographie dieser Frau niederzuschreiben, standen mir nur die Aufzeichnungen zur Verfügung, tiax* x* x* x* xxx mit deren Niederschrift Marie Juchacz fünf Jahre vor ihrem Tode begann, nachdem sie aus der nordamerikanischen Emigration nach Deutschland zurückgekehrt war. Briefe und Berichte von Freunden ergänzten das Bild dieser Frau, machten es aber nicht vollständig. Im Gegenteil: je intensiver ich das umfangreiche Material durcharbeitete, desto schwieriger wur de für mich die Erarbeitung der Rxxgaяxxx Antworten auf die Pragen: wer und was war sie nun in Wirklichkeit? Menschen, die wie Marie Juchacz schon sehr früh in das дxi öffentliche Leben hineinwachsen, verlieren sehr leicht selbst bei den engsten Freunden und Mitarbeitern" das private Gesicht". Das war bei Marie Juchacz umsomehr der Fall, a ls sie" die Diskretion gegenüber dem persönlichsten Leben anderer als eine der schönsten Tugenden" hervorhebt. Das bedeutet, dass sie selbst von anderen die Diskretion gegenüber ihrem eigenen privatesten Leben erwartete. Sie hat es den Menschen, mit denen sie in engster Arbeit und beruflicher Freundschaft verbunden war, durch ihr eigenes reserviertes Verhalten leicht gemacht, diesen Standpunkt zu respektieren. Fragen, die sich zwangsläufig gesprächsweise auch einmal auf ihre private Sphäre ausdehnten, wurden von ihr so allgemeingültig beantwortet, dass niemand xxxxx irgend welche Schlüsse daraus ziehen konnte. Von sich aus schnitt sie Dinge, die sich im eigenen Hause abspielten, niemals an. Der Biograph, der gerade den Menschlichen dieser Frau nachgehen und auch gerecht werden will, steht also vor keiner leichten Aufgabe, unsomehr, als im beruflichen Leben von Marie Juchacz" das Private", zixx *********** das persönliche Erlebnis, der Menschliche Kummer, das stän dige Sich- auseinander- setzen- müssen mit der eigenen privaten und meist bedrückenden Situation, der stärkste Motor war, der sie auch wenn es ihr selbst mitunter nicht ganz klar war oder bewusst nicht klar sein wollte auf den Weg führte, den sie konsequent und in jeder Situation gegangen ist. -2Als Marie Juchacz im" weisen Alter" begann, Stationen und Erlebnisse mit stichworten, ausführlicheren Notizen und auch zusammenhängenden Abschnitten zu formulieren, musste sie sich nun selbst damit auseinandersetzen, ob und in welchem Umfange bei einem solchen" Rechenschaftsbericht über das eigene Leben" Ereignisse aus der privatesten Sphäre berücksichtigt oder eliminiert werden müssen. Sie hat auch an diesen Formulierungen mit dem Fleiss und mit der Gründlichkeit gearbeitet, die sie immer auch für ihre politisch- beruflichen schriftlichen Arbeiten aufwandte. Das Schreiben fiel ihr schwer, sie strich vieles durch, formulierte neu, ergänzte, und nicht nur die Roh- Manuskripte ihrer politischen Aufsätze, sondern auch ihre leider unvollendeten Lebenserinnerungen zeigen rein optisch ihr Bemühen, jedem Gedanken oder Gesichtspunkt den besten stilistischen Schliff zu geben. Für mich, der ich die ersten fünfundzwanzig Jahre meines Lebens in " gemeinsamer Häuslichkeit" mit Marie Juchacz verbrachte, und davon zwanzig Jahre in vollen Bewusstsein des Miterlebens, ist es nicht leicht gewesen, rückerinnernd den Schlüssel zum Menschen Marie Juchacz zu finden und Zusammenhänge zu ergründen, die besonders für das Leben der Menschen wichtig sind, die im Licht der Öffentlichkeit stehen. So erklärt sich das Bemühen des Biographen, im Sinne der von Marie Juchacz verstandenen Diskretion aus dem privaten und öffentlichen Leben dieser Frau die Symbiose zu finden, die ihren Charakter, ihr Wesen, ihre Art und ihr Wirken auf die engere und weitere Umgebung nachträglich deutlich und verständlich macht. Für viele, die sie kannten, mag es oft meist sohar immer- den Anschein gehabt haben, als ob ihr Herz, und damit ihr Da- sein, nur ihrer politischen Aufgabe gehört habe. Die meisten ihrer besten und engsten Mitstreiterinnen und beruflichen Freunde haben zu ihren Lebzeiten und nach ihrem Tode versucht, sich selbst darüber klar zu werden. So sagt Anna Stiegler: " Wenn ich ehrlich sein soll: ich habe nie einen wirklich persönlichen Kontakt zu Marie Juchacz gefunden. Ob es an mir lag, oder an uns beiden? Ich weiss es nicht. Lotte Niehaus, die ich fragte, da sie ja von Anfang an in der arbeiterwohlfahrt mitgearbeitet hat, sagte dasselbe. Bei allen: Hoohachtung für ihre Leistungen, aber darüber hinaus haben wir alle sie kaum kennen gelernt, und das ist sehr schade!" Wie diskrepant lingt es dagegen, wenn Marie Juchacz oft auf Ihre Fragen, warum gerade sie für diese oder jene Funktion ausgesucht wurde, zur Antwort erhielt: -3" Weil wir Sie kennen!" Vielleicht gelingt es mit diesem Buch, Marie Juchacz auch menschlich all denen nahe zu bringen, die über die Zusammenarbeit mit ihr hinaus das Bedürfnis hatten, etwas mehr von diesem Menschen und nicht nur von der Politikerin zu wissen. 1109 Bald nach der Rückkehr aus der amerikanischen Emigration, im Jahre 1950, begann Marie Juchacz mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen. Viel Zeit blieb ihr dafür nicht, denn das, was in Nachkriegsdeutschland knapp zwei Jahre nach er Währungsreform politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich neu erstand und zusammenwuchs, nahm ihr ganzes Interesse in Anspruch. Sie reiste durch das ganze Bundesgebiet, war heute in Hanburg, morgen in Berlin, wenige Tage später in Düsseldorf und Bonn, um an Besprechungen, Konferenzen, fagungen und Veranstaltungen teilzunehmen. Sie hielt kurze und längere Referate, besuchte Freunde, von denen sie sechszehn Jahre lang getrennt war, nahm zu den Problemen Stellung, mit denen sich die nach dem Zusammenbruch 1945 wiedererstandene" Arbeiterwohlfahrt" auseinandersetzen musste, und schrieb das Buch" Sie lebten für eine bessere Welt", Lebensbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts, 29 Kurzbiographien, die in ihrer Gesamtheit ein geschlossenes Bild der sozialistischen Frauenbewegung geben. Diesem Buch ist ein Brief vorangestellt, den Friedrich Stampfer, der kürzlich verstorbene Chefredakteur des sozialdemokratischen" Vorwärts" und jahrzehntelanger Mitstreiter und Parteifreund von Marie Juchacz an sie schrieb: " Als Du mir das Manuskript zu lesen gabst, empfand ich s sofort als einen Mangel, dass von Dir selbst darin nicht die Rede ist. Du hast das Buch dem Andenken Deiner Mitkämpferinnen gewidmet, die vor Dir dahingegangen sind, aber so streng lässt sich die Grenze zwischen Leben und Tod nicht ziehen. Eine Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung in Biographien ist unvollständig, wenn darin Marie Juchacz nur als Erzählerin, nicht auch als Handelnde in Erscheinung tritt." Noch bevor Marie Juchacz die Fülle ihrer Aufzeichnungen zu einer geschlss senen Autobiographie zusammenste len konnte, um damit an Beispiel ihres eigenen Lebens ihren Beitrag zu leisten zur Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung in allgemeinen, und zur Entwicklungsgeschichte der Arbeiterwohlfahrt im besonderen, schloss sie sechs Wochen vor ihrem 77. Geburstag am 28. Januar 1956 für immer die Augen. Die von ihr nur zum Teil zusa, mengefassten Darstellungen einzelner Lebensabschnitte und die Fülle der hinterlassenen Notizen und Briefe er - 4- gaben nach chronologischer Ordnung das Gerüst, das mit dem Wissen und den Erzählungen von Freunden, Mitarbeitern und Angehörigen ausgefüllt wurde. Die Erinnerung des Verfassers an viele Einzelheiten schliesslich dürfte dazu beitragen, das Bild einer Frau zu vervollständigen, die sich vorbehaltlos in den Dienst der von ihr selbst gewählten und immer wieder neu erarbeiteten Aufgabe stellte, die ihr Herz der" Arbeiterwohlfahrt" gab und deren wirkliches Herz nur wenige kannten. WOH ✕ Fritzmichael Roehl Nachdem Marie Juchacz schon einige Jahre an der Niederschrift einzelner Lebensphasen gearbeitet hatte, glamkia wollte sie in einem Vorwort mit grundsätzlichen Gedanken stellung nehmen zu dem schon in Bruchstücken ausgeführten Entschluss, ihre Lebenserinnerungen in BuchForm herauszugeben: - 8- Bei den Eltern muss es beginnen " Jede Lebensbeschreibung muss bei der Kindheit, in Elternhaus, bei den Eltern beginnen. Eindrücke, die man in der frühesten Jugend empfing, Charaktereigenschaften, die man von Eltern und Vorfahren mitbekam, auch das Temperament, das einem vererbt wurde, die Lebensumstände, mit denen man kämpfen, denen gegenüber man sich durchsetzen musste,- das Maß von Willen, Energie und Fleiss, mit den man an sich arbeitete, bilden am Schluss die Fumme, die zum Werden ein es Menschen führt. Der Rückblick auf ein Leben zwingt wohl immer zur Prüfung und sichtung der verschiedenen Umstände und Faktoren, die von früher Zeit her in Wachsen eines jeden Menschen mitbestimmend gewesen sind." Diese Zeilen schrieb Marie Juchacz kurz vor ihrem 75. Geburtstag, in Jaare 1954, nieder. Sie hatte das Alter erreicht, in den xxixxäk**** Menschen sich leichter an Dinge erinnern, die von Zeitereignissen und von persönlichen Erlebnissen verschüttet waren und nun durch die Erinnerung an längst vergessene Einzelheiten zu einer Vorstellung des Elternhauses führten, wie man sie niemals als junger Mensch haben kann. Von dieser hohen Warte eines sich vollendenden Lebens aus sah sie noch einmal ihr Elternhaus: -10Als sich Friedrich Theodor Gohlke mit Frau Henriette und Sohn Otto in Landsberg niederliess, geschah das mit dem stillen Wunsch, sich möglichtt bald als selbständiger Bauunternehmer betätigen zu können. Das wenige Er sparte reichte am Anfang aber nur für die Miete einer kleinen Dachwohnung in einem Haus an der Warthe, also schon am Rande der Stadt, und für den Lebensunterhalt für die ersten arbeitslosen Wochen. Mutter Henriette rechnete damit, dass Vater Gohlke bald als Zimmerpolier und Bauschreiner in einer Baufirma anfangen würde, aber Theodor Gohlke glaubte, dass die Zeichen der Zeit- es waren die" Gründerjahre" auch für seine geschäftlichen Ambitionen als Unternehmer günstig seien. So bewarb er sich nicht um eine Stelle als Arbeiter, sondern versuchte, Aufträge für Zimmerarbeiten zu erhalten. Um diese Aufträge ausführen zu können, brauchte er Handwerkszeug, vor allem aber einen Arbeitsplatz. Mit kleineren Krediten kxxgk** X* XXXXXX** g* machte er die notwendigsten Anschaffungen und baute gleich hinter dem Haus einen Schuppen. Durch Anfangserfolge mutig geworden, verpflichtete er Lehrbuben und Gesellen, kam aber nicht recht vorwärts, denn die Bauschreinerei war saisonbedingt, und in den stillen Zeiten verbrau chten sich die geringen geschäftlichen Gewinne. Theedor Gohlke war an politischen oder sozialen Problemen nicht interessiert. Die Vorstellung, sich eine selbständige geschäftliche Position zu erobern, muss ihren Ursprung in den" Freiheitsbegriffen" gehabt haben, mit denen er auf dem Lande aufgewachsen war, als Sohn von Bauern, die ausserdem noch ein selbständiges Handwerk ausübten, als Schreiner, Schlosser, Wagenbauer oder Schmiede. Hier in der Stadt waren die Probleme anders, und als im Laufe der ersten Landsberger Jahre noch zwei Kinder gaaXXXXax zur Welt kamen, wurde die Lage zeitweilig nur noch schwieriger. Zu den finanziellen Sorgen kamen xaxk die der grösser gewordenen Familie hinzu, und Theodor und Henriette mögen es als fragwürdige" Erleichterung" empfunden haben, dxxx als die in Landsberg geborenen Kinder, ein Mädchen und ein Junge, starben. Vater Gohlke wafbficht nur vom Pech verfolgt, und manches Haus in Landsberg war dazugekommen, an dem er fleissig mitgearbeitet hatte. 15. März 1879 Es war kein besonderes Ereignis in wechselvollen Auf und Ab das Lebens der Familie Gohlke, dass am 15. März 1879 ein Mädchen geboren wurde, das den Namen Marie erhielt. Mutter Gohlke war mit ihren 32 Jahren und trotz eines arbeitsreichen und oft mühevollen Daseins jung und kräftig genug, und Vater Gohlke nahm die Geburt seiner Tochter mit der gleichen Freude - 11- und den gleichen, etwas sorgenvollen Gedanken auf, wie das bei den anderen Kindern auch der Fall gewesen war. Der siebenjährige Otto hatte eine Schwester bekommen, und das Leben ging weiter, genau so wechselvoll wie bisher. Manchmal gab es viel Arbeit für Vater Gohlke, manchmal weniger, und ebenso oft mussten Lehrbuben und Gesellen entlassen und der Arbeitsschuppen geschlossen werden, Das war" die Kinderstube", in der Marie aufwuchs, unsorgt von der Mutter, versorgt vom Vater, und verwöhnt von Bruder, der ihr Spielzeug anfertigte und sie mit dem jungenhaften" Erwachsensein" behandelte, wie das noch heute bei Kindern mit dem gleichen Altersunterschied anzutreffen ist. Dazu gehörte auch, dass sich Otto mit 10 Jahren Gedanken machte, dass Marie mit drei Jahren nicht mehr ins Kinderbett gehöre. Vater und Sohn machten sich gemeinsam ans Werk und bauten ein älteres Sofa so um, dass Marie ein auf Rollen laufendes Bett erhielt, das wie ein Schubkasten in das Sofa hineingeschoben wurde, während die Rücklekne sich herunterklappen liess und so tagsüber der Mutter als Abstell- und Bügeltisch diente. Maries Kinderbett hatte ausgedient, und Vater und Mutter Gohlke hatten nichts dagegen, dass Otto es auseinandernahm und zu den alten Höltern in den Schuppen hinter dem Haus legte. Schon mit jungen Jahren nahm Marie mit wachem Verstand alles auf, was Vater und Mutter ihr bewusst oder auch nur deshalb, weil sie nun einmal" so" waren- als Erziehung mit auf den Weg gaben. Später, als Vater Gohlke schon tot war und Mutter Gohlke bei Marie in Berlin lebte, rundete sich aus Erinnerung und Erzählung in der erwachsenen und im Berufsleben stehenden Marie Das Bild ihrer Eltern und ihres" Elternhauses", das immer nur aus bescheidenen Dachwohnungen bestand: " Ich wuchs trotz des fleissigen und hochstrebenden Vaters in einer kleinen, ärmlichen aber sehr sauberen Dachwohnung auf. Sie war sonnig und Dank der besonderen Haushaltungskunst und des Fleisses meiner Mutter Henriette immer blitzsauber und aufgeräumt. Nach meiner Erinnerung war immer Arbeit da für meinen Vater, ein geniete - 18- Früher war schon einige Male die Rede davon gewesen, Otto eine bessere Schul- und Berufsausbildung zu geben. Je mehr kia der Junge im Geschäft des Vaters mithalf, desto geschickter stellte er sich an, und Marie war Zeuge mancher Unterhaltung, in der Vater Gohlke seinen Wunschträumen nachhing, ohne dass ihr bewusst wurde, dass in den resignierenden Schlussfolgerungen, zu denen ihr Vater kan, zugleich auch ihr eigenes Bildungsziel so weit es von den Eltern bestimmt werden kann- abgegrenzt war. . . - 19- So verging die Zeit in Landsberg, ohne dass sich etwas Besonderes ereignete. Otto half seiner Schwester Marie bei den Schulaufgaben, in den Ferien half er dem Vater in der Werkstatt und auf dem Bau, und als er mit der Schule fertig war, nahm ihn der Vater im eigenen Geschäft als Lehrbuben auf. Max* ExkxXxKkxxxxxx@****************> N¤NXÌNNEKX\ ¤ × ¤ × ¤ ×\********* Marie ging Jahr für Jahr in die gleiche Volksschule, wurde x* x* x* x* x mit dem Lehrstoff schneller fertig als ihre Klassenkameradinnen, ging der Mutter bei der häuslichen Arbeit zur Hand und machte sich noch keine Gedanken über ihre Zukunft. Otto und Marie waren jezt schon so alt, dass die Eltern sich in ihrer Gegenwart freimütig über alles unterhielten, auch wenn Marie manches noch nicht verstand. Die Eltern я*********** яx waren der Meinung, dass es besser sei, alles so sebstverständlich wie möglich zu behandeln. Desto leichter würden es die Kinder einmal im Leben haben, meinte Vater Gohlke. Aus dieser Auffassung erklärt sich auch die Selbstverständlichkeit, mit der Marie viele Dinge mit ihrem jungen Verstand aufnahm und verarbeitete.- Otto und Marie waren dabei, als Mutter Gohlke eines Tages meinte, dass der Vater demnächst das alte Kinderbett aus dem Holzschuppen holen, zusammensetzen und etwas auffrischen müsse, denn es werde wohl bald wieder gebraucht werden. Als Marie sich 65 Jahre später an diese Zeit erinnerte, klang noch einmal die Erregung auf, die sich nicht nur in der Ankunft eines neuen Familienmitgliedes äusserte, sondern auch in den Zeitereignissen ihre Ursache hatte: . - 26Haushalt, Fabrik und Irrenpflege Das Problem der Berufswahl der Kinder spielt in jeder Familie eine Rolle, sobald die Schulzeit zu Ende geht. So war es auch im Hause der Familie Gohlke, wobei es bei Maries älterem Bruder Otto leicht war, eine Entscheidung zu treffen. Der Junge hatte nach gründlicher Ausbildung im Geschäft des Vaters noch seine dreijährige Militärdienstzeit absolviert und xxxxxxxxxxxk, de Marie mit der Schule fertig war, eine hand gerade, gute Stelle in einer Baufirma.xxxxx Das geschah zur rechten Zeit, denn Vater Gohlke, 53 Jahre alt, musste sich xxxx bei der Arbeit schon anstrengen und gelegentlich grössere Pausen einlegen, weil die Kräfte nachliessen. Für Marie war das Problem der Berufswahl wesentlich schwieriger zu lösen, denn zu dieser Zeit gab es für Mädchen mit einfacher VolksschulAusbildung keine grossen Möglichkeiten. Die Klassenkameradinnen von Marie wollten zuerst in einen Haushalt, in ein Geschäft, und dann so schnell wie möglich in die Fabrik, um hier in Akkordarbeit möglichst viel Geld zu verdienen und danach ebenso schnell zu heiraten. Für diesen" Berufsweg" verspürte Marie nicht die geringste Neigung. Sie hatte schon so viel Neues aufgegriffen, hatte vieles gelesen und auch zu Hause mit den Eltern darüber gesprochen, sodass sich bei ihr eine wenn auch noch unklare Vorstellung gebildet hatte, dass auch eine Frau eine berufliche Aufgabe erfüllen kann. Ihr Bruder Otto hatte sie darin bestärkt, ohne ihr allerdings konkrete Vorschläge machen zu können. Er war als königstreuer Rekrut in die Kaserne eingezogen und als eingeschriebener Sozialdemokrat nach Hause gekommen. In diesen Tagen war der * kkaxe Bruder der einzige Mensch, mit dem sie sich ausführlich über alles unterhalten konnte. Mit ihren fünfzehn Jahren hatte sie den sieben Jahre älteren und erwachsenen Mann geistig bereits eingeholt, sah aber noch nicht auf den Grund der Dinge und glaubte, dass Otto ihr dabei helfen könne. Wenn Marie ihm erklärte, dass sie einen richtigen Beruf erlernen wolle, mit Prüfungen und allem, was dazu gehört, konnte ihr Otto nur antworten, dass es mit dieser Schulausbildung wahrscheinlich doch nur zur Hausangestellten oder Fabrikarbeiterin reiche, wenigstens so lange, bis sie heiraten könne. Dann sei sie ja versorgt. Aber Marie wollte nicht" versorgt" sein. Ihre heimlichen Interessen hatten sie schon auf den Weg gebracht, der einmal ihre Lebensaufgabe werden sollte, aber das wusste Marie noch nicht. Sie schnitt sich aus Zeitungen bestimmte Artikel aus, um sie mehrere Male durchzulesen und dadurch ganz zu verstehen, besorgte sich Bücher, in denen bereits politische Probleme an - 27geschnitten wurden, so das Anti- Kriegs- Buch von Bertha von ruttner und " Die Frau und der Sozialismus" von August Bebel. Diese Lektüre und die Unterhaltungen mit Bruder Otto über sozialistische Probleme, über das " Erfurter Programm" der Sozialdemokraten, das sie sich mit vieler Mühe als Druckschrift beschaffte, und ihre gute Beobachtungsgabe, XXX*** kä** x* x* x* x* x* x* xxg mit der sie die Verhältnisse in Landsberg studierte, hatten Erkentnisse zur Folge, die für eine Fünfzehnjährige verblüffend waren, mit denen sie sich aber in luftleeren Raum abmühte, weil ihr die Antworten auf die vielen Fragen fehlten oder aber noch nicht verständlich waren. Sie wusste, dass die Sozialdemokraten für das Stimmrecht der Frauen kämpften, hatte sich schon ein Jahr vorher die Notiz aus der Zeitung herausgeschnitten, in der es hiess, dass in Neuseeland das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, und machte sich Gedanken darüber, dass sich Gewerkschaften bildeten, die sich für die Interessen der Arbeiterklasse einsetzten. Auch mit religiösen Fragen hatte sie sich schon als Schulkind beschäftigt und mit fast unbekümmerter Selbstverständlichkeit die Forderung des Erfurter Programms der Sozialdemokraten, dass Religion Privatsache sei, zu ihrer eigenen Auffassung gemacht. Marie hatte in schon damals die grosse Gabe, gut zuhören zu können, ohne selbst etwas zu sagen. So hatte sie einmal beim Einkaufen in Milchladen gehört, wie sich zwei Frauen über Nachbarsleute unterhielten, über eine Familie Kaiser, deren einer Sohn zur Bürgerschule E," also mal was Besseres werden soll", während sich der andere als freireligiöser Wanderredner heruntriebt. Später, als dieser" Wanderredner" in Landsberg eine wichtige Rolle spielte, entsann sich Marie an diese Klatscherei der Frauen, und an ihr eigenes Bemühen, unbedingt wissen zu wollen, was ein" freireligiöser Wanderredner" ixkx sei. Je mehr sie sich mit diesen Dingen beschäftigte, desto unklarer wurde die Vorstellung von ihrem eigenen Lebensweg. Vater Gohlke durchschnitt eines Tages diesen gordischen Knoten und legte einige Adressen von Familien auf den Tisch, bei denen sich Marie als Hausmädchen vorstellen sollte. Sie machte sich alleine auf den Weg, stellte sich bei einem Kaufmann vor, der einen grossen Haushalt mit vier Kindern hatte," etwas zu viel für ein so junges Mädchen", wurde von einem Gasthof besitzer weitergeschickt, weil in seinem Hause auch Heisende verkehrten und übernachteten, die sich zu sehr für das heranreifende Mädchen interessieren könnten, und kan zum Schluss zu einer Familie, deren Verhalten sie abschreckte und in deren Wohnung sie sich nicht wohlgefühlt hätte: . - 28- " Alles war schmuddelig und verstaubt, überall lag und stand Krimskrams und Nippes herum, in einem grossen Zimmer hingen Fahnen an den Wänden. Die Frau hatte mich mit einem Satz begrüsst, der so ähnlich klang wie ' Ach, welch ein entzückendes deutsches Mädchen'. In der Diele hing ein stand mit grosses Bild von Kaiser Wilhelm II, davor eine Kommode, xxxxxx einem darauf. grossen Blumenstrauss.xxxxx Der Mann sagte mir, dass das eine Ehrung für den Kaiser sei, der einen sehr wichtigen Handelsvertrag mit Russland abgeschlossen habe, der die Vormachtstellung des Deutschen Reiches stärke." Als Marie von diesen vergeblichen Versuchen zu Hause berichtete, beschloss Vater Gohlke, bei den weiteren Adressen selbst mit anzufragen, so wie es sich für einen Vater gehöre. Sie einigten sich schliesslich bei einem Holzhändler über Entlohnung und Essen, Dauer der Arbeitszeit, freie Stunden an einigen Tagen und gelegentliche Besuche zu Hause. Vater Gohlke versuchte, seiner Tochter Marie klar zu machen, dass es sich hier bestimmt um eine gute Stelle handele, und wenn sie erst einmal mit der Arbeit angefangen habe und damit vertraut sei, würde es ihr auch sicher grosse Freude machen. Marie hatte den Eindruck, dass der Holzhändler etwas zu liebenswürdig, zuvorkommend und freundlich gewesen sei, behielt*** x* x* x* xxкk das aber für sich, weil sie sich selbst nicht darüber klar war, warum sie das Verhalten des Mannes gestört hatte. Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht, denn nach einigen Wochen kündigte sie kurzerhand und ging zu den Eltern zurück. Von einer Tätigkeit in einem privaten Haushalt wollte sie nichts mehr wissen. Durch einen Zufall erfuhr sie, dass die evangelischen Gemeindeschwestern ein Mädchen für ihren Haushalt suchten: . -32• ihrem Marie Gohlke Zum ersten Male in Mxxixx Leben stand xta Problemen gegenüber,** denen sie noch nie begegnet war, zumindest nicht in dieser Form des eigegen Miterlebens. Alles, was sie bisher gelesen und gehört hatte über soziale, wirtschaftliche und klassenkämpferische Fragen und Zusammenhänge, war Theorie gewesen, die sie nach gründlichem Durchdenken aufnahm und zur eigenen Erkenntnis machte. Und jetzt gerieten diese theoretischen Erkenntnisse in Widerspruch zu den Schlussfolgerungen, die sie aus den Ereignissen in der Fabrik ziehen musste. sie fand es nicht nur richtig, sondern sehr vernünftig, dass ein Gesetz erlassen wurde, das die Nachtarbeit für Frauen untersagte. Dieses Gesetz war also keineswegs arbeiterfeindlich. Aber waren es nicht die Folgen des Gesetzes? Wurden davon nicht viele Frauen betroffen, die mithelfen mussten, die Familie zu ernähren und die nun auf die Strasse gesetzt wurden? Zu Hause konnte sie sich nicht mit Vater und Mutter darüber unterhalten. Ihre Eltern waren keine" Proletarier", sondern Landbewohner, die in die stadt gekommen waren, um sich als Handwerkerfamilie niederzulassen. Die nicht immer erfreuliche wirtschaftliche Situation des Vaters, die beengten Wohnverhältnisse der Familie Gohlke in Dachgeschostrotzdem sen und die Einschränkungen im täglichen Leben hatten bei den Eltern niemals die Meinung aufkommen lassen, sich dem Arbeiterproletariat in irgend einer Form zugehörig oder verbunden zu fühlen. Anders war es mit Maries Bruder Otto, der nur unklare Vorstellungen von der Zeit hatte, da seine Eltern auf dem Lande lebten, der schon in der anwachsenden Kreisstadt Landsberg xx✰** XX** X** grossgeworden, xxx beruflich aus gebildet und jetzt als Zimmerarbeiter tätig war. Mit ihm konnte sich Marie über alles, was ihr unklar war, unterhalten. Ihn konnte Marie fragen, was mit den Familien geschehen würde, wenn die Frauen keine Arbeit mehr hätten, wovon sie leben würden, was mit den indern geschehen würde. Sie konnte ihn auf Widersprüche aufmerksam machen, die nach ihrer Meinung in diesem Gesetz lagen, dass nämlich viele der betroffenen Frauen sozialistisch denken, dass sie aber auch wüssten, dass die Sozialdemokraten sich für den Erlass dieses Gesetzes eingesetzt hätten und deshalb den politischen und sozialen Zusammenhang nicht mehr verstehen könnten und irre würden an ihrer eigenen sozialistischen Auffasssung. Otto versuchte, seiner Schwester klarzumachen, dass durch die Industrialisierung der Wirtschaft soziale Probleme entstehen, die unbedingt von Staats wegen gelöst werden müssten, und dass deshalb die sozialdemokraten ganz klare Forderungen stellten, nämlich Umwandlung des kapitalistischen Eigentums in gesellschaftliches Eigentum, also Beteiligung der Arbeiterschaft an den Produktionsgewinnen und damit soziale Besserstellung des Arbeiters. Trotz ihrer fünfzehn Jahre kkxMxxi versuchte Marie, so viel wie - 33- möglich zu verstehen oder sich nach dem, was sie nicht verstand, zu erkundigen. So kam sie in diesen Tagen mit einem Abteilungsleiter der Fabrik ins Gespräch, der ihr die Ansicht" der anderen Seite", des Unternehmers, darstellte, dass man den Arbeiter niemals an der Produktion beteiligen könne, da er ja kein Risiko trage, während der Fabrikbesitzer den Betrieb mit sehr viel Kapital aufgebaut, teure Maschinen angeschafft und Rohstoffe gekauft habe, um den Betrieb in Gang zu bringen. Ausserdem müsse der Unternehmer auch laufend neue Gelder für Reparaturen in die Fabrik hineinstecken. Das war alles etwas zu viel für den Kopf einer Fünfzehnjährigen, die mit wachen Verstand, aber mit mässiger Volksschulbildung in dieses Dickicht von Auseinandersetzungen geriet. Bruder Otto wurde durch die Unterhaltungen mit Schwester Marie xxkkxk auf Dinge gestossen, auf die er vielleicht selbst nicht gekommen wäre, nach denen er sich aber erkundigte, wil er als eingeschriebener Sozialdemokrat Versammlungen und Parteiveranstaltungen besuchte. Marie liess sich immer davon erzählen, und je mehr sie hörte, desto umfangreicher wurde das Problem für sie. Es bedrückte sie, den erwachsenen Arbeiterinnen in der Netzfabrik keine sachlich fun dierten und exakt durchdachten*********** Antworten geben zu können, und diese erste Hilflosigkeit verstärkte noch mehr ihren Wunsch, sich mit aller Energie mit den sozialen Problemen der Arbeiterschaft zu beschäftigen: ● . - 34- Als sich die Verhältnisse in der Fabrik xx zuspitzten, und Marie*** damit rechnen musste, als eine der Ersten entlassen zu werden, wollte sie vorbeugen. Ihr solidarisches Gefühl für die Familie war so ausgeprägt, dass sie beschloss, sich sofort nach einer anderen Arbeitsmöglichkeit umzusehen, damit es keinen Verdienstausfall gäbe. Die Eltern befürworteten den Entschluss von Marie, waren aber gegen eine weitere Tätigkeit ihrer Tochter als ungelernte Pabrikarbeiterin. Wenn sie sich ihxxxxxx zuerst damit einverstanden erklärt hatten, dann nur deshalb, weil Vater Gohlke gesundheitlich noch immer nicht in Ordnung war. Die Lungenentzündung war noch nicht überwunden, und wenn er von gelegentlicher Aushilfsarbeit nach Hause kam und die Treppen hinaufgastiegen xxx, musste er zwischendurch ausruhen, um wieder xx Luft zu kaкnanz bekommen. Marie sah das mit grosser Besorgnis und wurde dadurch noch mehr bestärkt, so schnell wie möglich zu handeln. - 35- geistig nicht normale Menschen darin untergebracht seien. Sie hatte sich schon des öfteren Gedanken über diese Menschen gemacht, nicht aus Neugierde, sondern aus dem Bedürfnis, die Ursachen der Krankheiten, an denen diese Bedauernswerten litten, zu erfahren. Als sie einmal mit ihrem Vater darüber sprach, meinte er, dass es sich wahrscheinlich in der Hauptsache un Menschen handele, deren Eltern oder die selbst Alkoholiker seien, dass sich so etwas vererbe, und das sei auch der Hauptgrund, weshalb er ein Gegner des Alkohols sei. Marie ging auf das Gebäude zu, sah das Schild" Provinzial- Landes- Irrenanstalt" und folgte mehr ehen Instinkt als einen vorgefassten Entschluss als sie die wenigen Treppen hinaufstieg und die Türe zu einem Treppenhaus öffnete, von dem nach links und rechts Gänge we führten. Gleich am Anfang des rechten Ganges war eine Türe mit einem Schild, aus dem Marie entnaam, dass in diesem Raum die Verwaltung sei. Die Ruke, mit der sie kurz entschlossen anklopfte, war nur äusserlich, denn aus der inneren Erregung spürte sie, dass sich hier ein Wunsch nach einer Tätigkeit erfüllen könne, die ihr mehr Befriedigung geben würde als die Arbeit eines Haus- oder Fabrikmädchens. . - 39- Marie war zwar auf der Frauenstation beschäftigt, aber es ergab sich zwangsläufig, dass sie a uch auf der Männerstation zugreifen musste, weil die Pfleger oft alleine nicht fertig wurden. Das war zuerst nicht leicht für Maxkaxxxжк sie, obwohl es ihr nicht nur von den Pflegerinnen, sondern auch von den Pfleger/ nxxxxleicht gemacht wurde, die ihre Arbeit verrichteten, als ob es sich nicht um Lebewesen, sondern um Gegen stände handele. Im Gegensatz zum übrigen Personal der Anstalt wusste Marie bei jedem Handgriff, dass sie es mit kranken Menschen zu tun hatte. Ihre Arbeit wurde ihr dadurch nicht zur Gewohnheit. bei der sie sich nichts mehr dachte. Im Gegenteil: sie dach Wel über alles ach, was mit dem Ur de ten, die sich daraus für Mit verständlicher Neugier versuchte Bruder Otto, Einzelheiten aus Marie herauszufragen, versteckte sich hinter allerlei Ausflüchte und meinte, dass man als Sozialist auch über diese Menschen und ihre Lage etwas wissen müsse. Maries Antworten waren dann immer so geschickt ausweichend, dass sie damit zwar die Fragen beantwortete, nicht aber das Wissenwollen der Fragenden, eine Eigenschaft, die sie später mit grosser politischer Klugheit in ihrem Berufsleben anwandte. Auf jeden Fall musste damals Otto aus mancher Antwort entnehmen, dass sich Marie mit einer sehr verantwortungsvollen Aufgabe beschäftigte, worauf Marie zwar stolz war, wofür sie aber keine Bewunderung verlangte. der Körper aus der siel bereitenden Erfahrungen die ernste Frau, die sie ein ganzes Leben lang geblieben ist. problematische oder tengly bewegende Über Einzelheiten aus dieser beruflichen Tätigkeit hat Marie nie etwas geschrieben, und nur wenige Male darüber gesprochen. In einem Gespräch ein halbes Jahr vor ihrem Tod erwähnte sie nur, dass sie die Jüngste war, dass faite Pflegerinnen schon erfahrene Frauen waren, die Familie hatten, Männer und Kinder, und dadurch dem Leben ausserhalb der Anstalt verbunden blieben, und dass die wenigen unverheirateten Frauen altersmässig wesentlich später und mit einiger Lebenserfahrung zu diesem Beruf gekommen waren. Bei dem lishen Gespräch wurde Marie auf eine Tatsache aufmerksam, die ihr xakkxt nicht aufgefallen war, dass nämlich auf Arbeitsplätzen, auf denen unverheiratete Frauen und Männer gemeinsam beschäftigt sind, sich Freundschaften entwickeln, die meist zu Eheschliessungen führen, während in der Irrenanstalt das unverheiratete weibliche und männliche Personal zwar gelegentlich, wo es sich ergab, miteinander scherzte, aber dennoch keine engeren Bindungen entstanden und ein Kontakt ausserhalb der Anstalt nicht bestand. Marie konnte sich nicht erinnern, selbst von den Kolleginnen, mit denen sie sich besonders gut vertrug, jemals Mit verständlicher Neugier versuchte Bruder Otto, Einzelheiten aus Marie herauszufragen, versteckte sich hinter allerlei Ausflüchte und meinte, dass man als Sozialist auch über diese Menschen und ihre Lage etwas wissen müsse. Maries Antworten waren dann immer so geschickt ausweichend, dass sie damit zwar die Fragen beantwortete, nicht aber das Wissenwollen der Fragenden, eine Eigenschaft, die sie später mit grosser politischer Klugheit in ihrem Berufsleben anwandte. Auf jeden Fall musste damals Otto aus mancher Antwort entnehmen, dass sich Marie mit einer sehr verantwortungsvollen Aufgabe beschäftigte, worauf Marie zwar stolz war, wofür sie aber keine Bewunderung verlangte. 39Marie war zwar auf der Frauenstation beschäftigt, aber es ergab sich zwangsläufig, dass sie a uch auf der Männerstation zugreifen musste, weil die Pfleger oft alleine nicht fertig wurden. Das war zuerst nicht leicht für Maxiaxxxkxx sie, obwohl es ihr nicht nur von den Pflegerinnen, sondern auch von den Pflegerinкяxleicht gemacht wurde, die ihre Arbeit verrichteten, als ob es sich nicht um Lebewesen, sondern um Gegen stände handele. Im Gegensatz zum übrigen Personal der Anstalt wusste Marie bei jedem Handgriff, dass sie es mit kranken Menschen zu tun hatte. Ihre Arbeit wurde ihr dadurch nicht zur Gewohnheit, bei der sie sich nichts mehr dachte. Im Gegenteil: sie dachte sehr viel über alles nach, was mit dem Ursächlichen zu tun hatte, und mit den Pflichten, die sich daraus für die gesunde Menschheit ergaben. Leider fand sie in der Anstalt keine Gesprächspartner, mit denen sie sich hätte unterhalten können. Mit Menschen ausserhalb dieser beruflichen Sphäre konnte sie nicht darüber reden, und Lektüre, die sich mit der sozialen Problematik beschäftigte, gab es noch nicht oder war ihr nicht zugänglich. der Irrenanstalten Je mehr Ma rie sich an ihrer Arbeit begeisterte, desto verschlossener wurde sie, und als sie längere Zeit in der Sterbeabteibung arbeitete, wozu auch das Bereitmachen der verstorbenen Pa tienten für die Beerdigung gehörte, das Shaxnxя********* An- und Auskleiden und das Säubern der Körper, wurde aus der Siebzehnjährigen ohne jede vorbereitenden Erfahrungen die ernste Frau, die sie ein ganzes Leben lang geblieben ist. problematische oder tengly bewegende Über Einzelheiten aus dieser beruflichen Tätigkeit hat Marie nie etwas geschrieben, und nur wenige Male darüber gesprochen. In einem Gespräch ein halbes Jahr vor ihrem Tod- erwähnte sie nur, dass sie die Jüngste war, dass faite Pflegerinnen schon erfahrene Frauen waren, die Familie hatten, Männer und Kinder, und dadurch dem Leben ausserhalb der Anstalt verbunden blieben, und dass die wenigen unverheirateten Frauen altersmässig wesentlich später und mit einiger Lebenserfahrung zu diesem Beruf gekommen waren. Bei dem gleichen Gespräch wurde Marie auf eine Tatsache aufmerksam, die ihr xakkst nicht aufgefallen war, dass nämlich auf Arbeitsplätzen, auf denen unverheiratete Frauen und Männer gemeinsam beschäftigt sind, sich Freundschaften entwickeln, die meist zu Eheschliessungen führen, während in der Irrenanstalt das unverheiratete weibliche und männliche Personal zwar gelegentlich, wo es sich ergab, miteinander scherzte, aber dennoch keine engeren Bindungen entstanden und ein Kontakt ausserhalb der Anstalt nicht bestand. Marie konnte sich nicht erinnern, selbst von den Kolleginnen, mit denen sie sich besonders gut vertrug, jemals . <- 40-> eine private Einladung erhalten oder selbst den Wunsch gehabt zu haben, eine solche auszusprechen. Wenn Marie einmal einen halben oder ganzen Tag frei hatte und zu Hause war, hatte sie manches Mal das Gefühl, dass das wirkliche Leben nicht mehr ihre Welt sei. Vater, Mutter und Bruder Otto machten sich ihre Gedanken darüber und überlegten oft gemeinsam, wie man es Maxi fertigbr ingen könne, um Marie ausserhalb ihrer Arbeit Freude zu machen. So nahm sie Otto einmal zu einem Tanzvergnügen in das Landsberger Schützen haus mit, wo Marie einen Freund ihres Bruders kennenlernte, den Steinmetz Wilhelm Drews, zu dem sie ein gutes kameradschaftliches Verhältnis fand, das sich aber friedlich und ohne jede innere Aufregung löste, als der Steinmetz Landsberg verliess. Bruder Otto hatte damit gerech net, dass sich zwischen den beiden Menschen eine engere Bindung ergeben würde, und auch Vater und Mutter Gohlke hatten versucht, Marie in dieser Richtung zu beeinflussen. Auch das" gute Beispiel", mit dem Otto voranging, indem er sich im Juli des Jahres 1897 mit Eveline strese, einer Fabrikarbeiterin, verheiratete, blieb auf Marie ohne Eindruck. Selbstverständlich freute sie sich darüber, dass ihr Bruder eine gute Lebenskameradin gefunden hatte. Er war alt genug mit seinen fast 25 Jahren, um eine Familie zu gründen, aber sie selbst, nun 18 Jahre alt, glaubte, sich jetzt schon ihr eigenes Welt- und Lebensbild machen zu können. Als in der Ehe des Bruders das erste Kind geboren wurde, war sie sich zwar klar darüber, dass nun eine grosse Familie entstanden sei, denn Vater und Mutter Gohlke wurden mit 57 und 52 Jahren Grossvater und Grossmutter, und Marie selbst und ihre 9 Jahre alte Schwester waren plötzlich Tanten. Marie nahm das mehr mit Humor als mit sogenanntem" familiären Sinn" zur Kenntnis. Diese Einstellung wird leichter verständlich, wenn man xiak eine Formulierung Maries aus späterer Zeit zitiert:" Man kann***** volles Verständnis für Familien haben, für deren wirtschaftliche, seelische und geistige Nöte, wenn man selbst kei ne im bürgerlichen Sinne zu verstehende Familie hat." Später, wenn der Leser weitere Ereignisse aus dem kan privaten Leben von Marie Gohlke- Juchacz erfahren kяk hat, wird er begreifen, dass dieser Satz keine Entschuldigung dafür bedeutet, dass Marie Kinder zur Welt brachte, ohne eine Familie" im bürgerlichen Sinne" zu haben, sondern vielmehr eine Erklärung dafür ist, dass gerade die Menschen, die sich einer Aufgabe und nicht nur und ausschliesslich der Familie widmen, oft einen ausgeprägteren Familiensinn entwickeln als" Familien". Hier liegen die ersten klaren Aversionen gegen eine Familiarität, die sich nach dem Buchstaben des Gesetzes und nach den Auffassungen der" Nachbarschaft" tarnt, aber keinen echten familiären Wert besitzt. -41Hinzu kam, dass Otto das Elternhaus verliess und eine eigene Wohnung in Landsberg einrichtete. So waren die Eltern mit ihrem jüngsten Kind, der neunjährigen Elisabeth, alleine. Marie erkannte schon zu dieser Zeit, dass grosswerdende Familien keine Familien mehr sind, sondern dass das" in Verwandtschaft ausartet". Die Eltern von Bruder Ottos Frau Eveline kamen ja noch dazu, und wenn alle einschliesslich dem Neugeborenen in der kleinen Dachwohnung in xxxжяжя Landsberg zusam mensassen, waren es 8 Menschen, viel zu viel für Marie, die sich durch ihre Arbeit in der Irrenanstalt nicht zu einem" Gesellschaftsmenschen" sondern in sein Gegenteil verwandelt hatte. Deshalb sass sie schweigend dabei, wenn sich die anderen über Dinge unterhielten, die ihr zwar nicht fremd waren, weil sie nun ehmal zum Leben der Menschen gehören, die ihr aber nebensächlich, ja unwichtig erschienen gegenüber den Fragen, die für sie von Tag zu Tag umfassender wurden. Ihr Bruder Otto machte ihr in dieser Zeit gelegentlich Vorwürfe und deutete ihre Reserviertheit teils als Scham, teils als Überheblichkeit, ging aber mit diesen Feststellungen erheblich an den* x* x* x* x* x*** wirklichen Ursachen vorbei, nämlich an der Tatsache, dass sich die geistigen Interessen von Marie schon zu dieser Zeit auf Gebiete erstreckten wenn auch noch nicht in der Erkenntnis der klaren Zielsetzung-, die nicht sehr viel später schon zu ihrem sozial- politischen Aufgabengxxxxkbezirk gehören sollten. Wenn Marie nach fast vollendetem Leben schrieb, dass sich fast alles aus Zufälligkeiten und Zeitumständen ergab, vergass sie dabei die einzige wichtige Tatsache, dass zum Zufall und zum Zeitumstand noch etwas gehört: der Mensch mit einer bestimmten Veranlagung geistiger, seelischer und charakterlicher Art. Mit dieser besonders qualifizierten Veranlagung fügte sie sich in die Entwicklung einer Zeit, deren besonders Merkmale der Kampf des Proletariats um seine sozialen Rechte warжк. Marie war von Geburt und Erziehung weder Arbeiterin noch Proletarierin. Ihre Vorfahren waren Bauern und Handwerker, zum Teil hoch Leibeigene, in eine Provinzstadt verschlagen, vom Gefühl aus mehr dem Bürgertum als der Arbeiterschaft verhaftet, und durch die schlechte wirtschaftliche Situation nicht proletarisiert, sondern sehr oft" finaziell sehr eingeengt", also verarmt. Das sind zu dieser Zeit zwei grundverschiedene soziale Auffassungen, aber Marie ging den Weg der Arbeiterschaft, obwohl sie in ihrer wichtigsten Wachstums zeit mehr der kleinbürgerlichen als der proletarischen" Bestrahlung" ausgesetzt war. Sie musste diesen Weg schon deshalb gehen, weil sie instinktiv fühlte, dass die in weiter Zukunft liegende Entwicklung zwangsläufig zur Gleichberechtigung der Frau führen müsse. Der Kampf um diese Gleichberechtigung war ausschliesslich eine Forderung der Sozialdemokratie seit deren Bestehen. her 9 . - 42- • Dieses rein gefühlsmässig erarbeitete Wissen, genährt von den kleinen und grossen Ereignissen des provinziellen Alltags, verarbeitet von einem Gehirn, das nur dem mässig funktionierenden Rhythmus einer unvollkommenen sechsklassigen Volksschule unterlag und deshalb seine eigenen Denkwege ging, dieses Ahnen einer Entwicklung, eines Kampfes um das Recht des Menschen, um das Recht der Frau, ist uns Heutigen, die wir in den Genuss dieser Entwicklung gekommen sind, in seiner geschichtlichen Grösse fast kaum nocherkennbar, weil das, was Kampf war, selbstverständliches Lebensrecht wurde. Als Marie ihr Leben fast vollendet hatte und sich diese Zeit noch einmal in ihr Gedächtnis zurückrief, eliminierte sie alle Gedanken und Erkenntnisse, die ihrer damaligen geistigen Potenz nicht entsprachen. Sie versuchte, sich genau so in die Zeit zurück zu versetzen, wie sie war, Kein leichte Aufgabe für einen Menschen, den das öffentliche Leben auf verheissungsvolle Höhen und in finstere und bittere Tiefen getragen hatte. QUAD Ma rie war nun schon mehr als zwei Jahre als Pflegerin in der Irrenanstalt, hatte sich xkxxx dem" wirklichen" Leben etwas entfremdet, ohne dabei die tatsächlichen und für die Zukunft entscheidenden Wirklichkeiten zu verkennen. Sie sah zwar ihr eigenes Berufsproblem obwohl es zu dieser Zeit für Frauen noch keine Be ufsprobleme gab, denn Frauen, die a beiten wollten, ergriffen keinen Beruf, sondern gingen in die Fabrik-, sie machte sich Gedanken über ihr eigenes berufliches Leben, und dachte doch immer an das Berufsleben aller Frauen, die wirklich einen Beruf ausüben wollten: . - 47Ein Mann, Zwei Kinder. und die Politik Wenn Marie in ihren Aufzeichnungen besonders hervorhebt, dass dieser oder jener zu dem kleinen Landsberger Kreis stösst, der in freiwilligen Zusam enkünften die Zeitprobleme diskutiert und versucht, Wege zu finden, um sich in den Gang der Ereignisse einzuschalten und diese zu beeinflussen, verdient das insofern besondere Beachtung, als die Provinzstadt Landsberg verhältnismässig langsam den Anschluss an die innerdie Bevölkerung politische Entwicklung in Deutschland fand und nur schrittweise durch die rühriger werdenden Bemühungen der Gewerkschaften und der Sozialdemokraten* ixxaxakkaxxng über die Zusammenhänge in der" grossen Politik" aufgeklärt werden konnte. Dass Ma rie schon damals Pionierarbeit leistete, ist ihr selbst nicht klargewesen. Mit ihren 19 Jahren war sie meist die einzige weibliche Teilnehmerin an derartigen politischen Gesprächen, denn die Frauen der politisch interessierten Männer kümmerten sich um den Haushalt und die Kinder und nahmen an den Zusammenkünften nicht teil. Bei den abendlichen Diskussionen im kleinen Kreis ergab es sich zwangsläufig, dass politische Ereignisse zitiert wurden, die sich zwar erst kürzlich abgespielt hatten, aber dennoch zu einer Zeit, als Marie noch ein Kind war. Sie benutzte deshalb jede freie Minute, um mit Bewusstsein und Fleiss nachzuholen, was sich in den vergangenen letzten Jahren ereignet hatte. So verstand sie erst jetzt den Kampf der Sozialisten ge en Krieg und Aufrüstung, der im als sie gerade lo Jahre alt war Jahre 1889 auf dem ersten sozialdemokratischen Friedens kongress während der Pariser Weltausstellung schon international vernehmbar geworden war. Erst jetzt wurde ihr klar, dass die sozialistischen Bestrebungen nicht allein ihre Ursachen in der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung, sondern auch in politischen Zusammenhängen hatten. Sie las jetzt die Zeitungen ganz anders, als das bisher der Fall war, und glaubte, nun besser die Auseinandersetzungen zwischen dem Reichskanzler Otto von Bismarck und Wilhelm II. zu verstehen, bemerkte auch die Widersprüche im Verhalton des Kaisers nachdem er seinen Kanzler endgültig in die Wüste geschickt hatte-, als er auf der einen Seite versuchte, mit grossen Reden die Arbeiterschaft zu gewinnen, auf der anderen Seite aber mit Waffengewalt drohte, falls die Sozialdemokraten nicht endlich aufhörten, das Volk aufzuwiegeln ● - 48- Über die Eindrücke, die verschiedene politische Ereignisse auf sie machten, hat Marie keine Aufzeichnungen hinterlassen. Sehr viel später rief sie sich durch Zuhilfenahme von Büchern diese Dinge ins Gedächtnis zurück, wenn sie versuchte, Parallelen bei den Zeitereignissen festzustellen. In den Tagen des zu Ende gehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts stand Marie vor so vielen persönlichen Problemen, die ihre Zeit in Anspruch nahmen, dass sie zwar die Weltereignisse registrierte, aber nicht so verarbeitete, wie sie es ihrem Wissens hunger entsprechend wahrscheinlich gerne getan hätte, denn später hat sie manches Mal bedauert, in dieser Zeit mit 21 Jahren keine aufmerksamere Beobachterin des Weltgeschehens gewesen zu sein. Zu Hause unterhielt sie sich zwar sehr oft mit ihren Eltern und auch mit Bruder Otto, wenn er zu Besuch kam, aber das waren meist Gespräche, bei denen man sich gegenseitig neue Dinge mitteilte, ohne über ihre Auswirkungen zu sprechen. Wahrscheinlich lagen diese neuen Dinge so fern, weil sie vorerst ohne jede Bedeutung oder Wirkung auf das Leben der Menschen blieben. Zumindest auf die Stadt Landsberg. Mit der Erfindung des Radiums durch Madame Curie konnte Marie nicht sehr viel anfangen. Es beeindruckte sie allerdings, dass es eine Frau war, die diese Leistung vollbracht hatte. Anders war es mit den Kriegsschauplätzen in verschiedenen Ländern und mit den Spannungen der Völker untereinander. Die schon sehr früh in Ma rie lebendig gewordene Ablehnung aller kriegerischen Auseinandersetzungen mag die Ursache gewesen sein, dass sie lebhaften Anteil an allen Gesprächen nahm, die sich damit beschäftigten. Als bei einem solchen Gespräch im Elternhaus einmal gesagt wurde, dass das Deutsche Reich nun auch zu einer gefürchteten Kolonial- und Flottenmacht emporwachse, wollte es ihr nicht einleuchten, dass Friede nur denkbar sei, wenn man sich voreinander fürchtet. Als bald darauf in einer Zusammenkunft der sozialistischen Gesinnungsfreunde das gleiche Thema noch einmal zur Sprache kam, ging Marie zum ersten Mal zum Erstaunen aller Teilnehmer ganz aus sich heraus. Noch fast 60 Jahre später konnte sich ihr Bruder Otto daran erinnern, welchen Eindruck es machte, als Marie sinngemäss- zum Ausdruck brachte, wie wichtig es sei, bei weittragenden Entscheidungen auch die Frauen mit anzuhören, was nur möglich sei, wenn man sie zu öffentlichen Berufen zulasse, so wie das in Amerika der Fall sei, wo man Frauen als Beamte der Justiz und als Richter zugelassen habe. Marie wollte sich mit diesem jugendlich- enthusiastischen Vorstoss icht in den Vordergrund drängen und die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Sie war von ihren Fähigkeiten, politisch aktiv tätig zu werden, garnicht überzeugt, sondern betonte immer wieder, dass sie eine Ler - 49- nende sei, die erst dann ihre Meinung sage und ihre Absicht vertrete, wenn sie das Erarbeitete auch verarbeitet habe. Nach diesen Grundsatz hat Marie bis zum letzten Tag ihres Lebens genandelt, und selbst in der Zeit, als sie mitten im öffentlichen Leben stand und mit der Materie ihres politischen Berufs und ihrer Aufgabe restlos vertraut war, legte sie immer diesen strengen Maßstab an sich selbst an und sagte oder schrieb nichts, bevor sie sich nicht längere Zeit intensiv damit beschäftigt hatte. In dieser Zeit ihrer ersten politischen Regsamkeit traf die junge Marie mit einem Menschen zusammen, der nicht nur einen grossen Eindruck auf sie machte, sondern sie auch so entscheidend beeinflusste, dass sie noch lange Zeit in Verbindung mit ihm blieb, auch dann, als sie selbst schon eine politische Rolle spielte. Es war der sozialdemokratische Abgeordnete Wilhelm Pätzel, der des öfteren seinen Landsberger Wahlkreis besuchte. Ma rie hatte schon von ihm gehört und suchte und fand auch die Gelegenheit zu einem ersten Gespräch mit ihm. Pätzel spürte, dass Marie eine junge Frau war, die schon jetzt ohne grosse Vorbildung und Schulung a us eigenem Interesse und aus eigener arbeit zu den sozialen Problemen der Zeit Stellung nehmen und selbst erarbeitete Gedanken dazu sagen konnte. Er bestärkte sie in ihrer Absicht, auf diesem leg weiterzugehen. eigh Wilhelm Pätzel konnte Marie diesen Rat geben, weil er nicht wusste, woher sie kam und was sie machte. Er wusste nicht, dass sich Marie unter grossen Opfern die wenige Zeit stehlen musste, um an solchen Gesprächen teilzunehmen und um aus dem Schrifttum dieser Zeit zu lersich nen. Marie konnte ja nicht so xxxdi**** X damit beschäftigen, wie sie es am liebsten gewollt hätte, denn sie stand ja im Be ufsleben, musste Geld verdienen, denn auf Unterstützung von zu Hause konnte sie jetzt nicht mehr rechnen. Im Gegenteil, ihr Vater war 60 Jahre alt und verdiente als Zimmergeselle reichlich wenig, sodass Marie und Otto zum Unterhalt beitragen mussten. Maries Ersparnisse aus der Arbeit in der Landes- Irrenanstalt waren für die Ausbildung als Weiß- und Kleidernäherin verbraucht worden, und ihr noch Kundenkreis war nicht so gross, dass es für die Eltern, für die kleine Schwester Elisabeth und für sie selbst gereicht hätte. Vielleicht hätte sie mehr verdienen können, wenn sie ununterbrochen an der Arbeit geblieben wäre. Aber die Arbeit kam nicht von selbst, sondern sie musste sich danach umsehen, musste Kundinnen aufsuchen und sich über deren Wünsche unterhalten, dann wieder zum Anprobieren in die Häuser gehen, wodurch sehr viel Arbeitszeit verlorenging. Als Marie bei einem Kun. . . 50denbesuch den Schneidermeister Bernhard Juchacz traf und mit diesem ins Gespräch kam, ergab es sich fast von selbst, dass beide beschlossen, gemeinsam eine Werkstatt zu betreiben. Aus dieser beruflichen Zusammenarbeit ergab sich eine menschliche Bindung, die xxxk bald darauf zu einer Ehe führte. In ihren Aufzeichnungen ist Marie nur mit wenigen Worten auf dieses Ereignis eingegangen: um " Auch geheiratet habe ich. Dass ich in der Ehe nicht glücklich war, soll hier nicht besprochen werden. Dass ich zwei Kinder hatte, war mein grosses, wenn auch zuerst recht schmerzliches Glück. Dass ich damit aber alle Schwierigkeiten der aleinstehenden Frau aus eigener Erfahrung kennenlernte, und Elisabeth mit mir, soll hier doch erwähnt werden." Mit diesem kurzen Hinweis fand ich Marie Juchacz ab und brachte damit zum Ausdruck, dass es ihr Wunsch sei,-wenn sich Menschen später einmal Tabu- rklärung mit ihrem Leben beschäftigen sollten-, diesex xxxxxx zu respektieren. Um aber auch diesen Lebensabschnitt von Marie mit seinen vielfältigen menschlichen Kom likationen kennen und damit Wesen und Charakter dieser Frau besser verstehen zu können, musste der Biograph versuchen, xxxx aus dieser Zeit Informationen zu erhalten, was auch mit einiger Mühe möglich war, aber nicht mit der Absicht, sie mit allen Details wiederzugeben, sondern Ursachen und Wirkungen zu erkennen, xxdXXXXX Marie Gohlke und Bernhard Juchacz hatten sich nicht nur zusammengefunden, um in gemeinsamer Arbeit die wirtschaftlichen Möglichkeiten für zwei Menschen zu verbessern. Dass sie heiraten wollten, stand fest, denn Bernhard nahm Marie einmal zu seinen Eltem, die in Böhmen lebten, mit, um sie dort als seine zukünftige Frau vorzustellen. Dass sich Marie in dieser Zeit mit Bernhard gut verstanden haben muss, ist aus der Tatsache zu entnehmen, dass sie den strenggläubig katholischen Eltern Bernhards versprach, sich auf jeden Fall katholisch trauen zu lassen, was später auch geschah. Marie hatte auf Bernhards Eltern einen sehr guten Eindruck gemacht und sie waren mit dieser stillen, klugen, fleissigen und strebsamen яxkx* x* яakkxxx Schwiegertochter sehr einverstanden. Auf der anderen Seite wollte zwischen den Eltern von Marie und Bernhard kein engeres Verhältnis entstehen, obwohl Vater und Mutter Gohlke grundsätzlich eher damit einverstanden waren, dass Marie heiratete, anstatt sich um spätere berufliche Aufgaben zu sorgen. Von den zwei Kindern, die Marie erwähnt, wurde das erste, die Tochter Charlotte, am 3. Dezember 1903 geboren. Marie stand sowohl vor als auch nach der Geburt ihrer Tochter fest auf beiden Füssen, versorgte ihren kleinen Haushalt, arbeitete für das gemeinsame Geschäft, das so viel abwarf, dass es der dreiköpfigen Familie recht gut ging, denn Marie . . 900 - 51- stellte keine grossen Ansprüche, 6919 und hatte immer noch etwas Zeit für die politischen Diskussionsabende im engeren Bekanntenkreis und für die Lektüre politischer Schriften. Gelegentlich wuchs die Familie Juchacz auf vier Köpfe an, denn in dieser Zeit schloss sich Maxias Elisabeth, die mit der Schule fertig war und in einem Haushalt arbeitete, sehr eng an ihre Schwester Marie an. Mit ihren fünfzehn Jahren zeigte sie ein erstaunliches Interesse an allen Dingen, mit denen sich die neun Jahre älMarie tere xxxx beschäftigte. sind In diese Zeit fällt das erste Auseinanderleben zwischen Marie und Bernhard Juchacz. Wer die Zusammenhänge nicht kennt, wird zu dem Schluss kommen, dass die Ursachen vielleicht darin zu suchen xxxx, dass sich Marie nicht genügend dem Hause, xxxxxxxxxxx der Tochter, oder dem Mann, widmete dass sie mehr an der Politik als an der Schneiderarbeit in der eigenen Werkstatt interessiert war, oder einen anderen Grund ausdenken, der sehr leicht zu Lasten von Marie geht. Aber nichts derartiges trifft zu. Es waren rein menschliche Gründe, die zu der Entfremdung führten, und Marie machte es sich durchaus nicht leicht, um das Gleichgewicht der Familie zu erhalten. Nur unter diesem Gesichtspunkt lässt sich ein Abschnitt x******** in den Aufzeichnungen von Marie Juchacz verstehen: 59- Der Anfang in Berlin Die Absicht, Landsberg zu verlassen, liess sich nicht so schnell verwirklichen, wie es Maries Wunsch war. Dass nur Berlin in Frage käme, stand von Anfang an fest. Umsomehr, als Bruder Otto inzwischen aus Landsberg fortgezogen, vorübergehend in Küstrin gewesen und dann endgültig nach Berlin gegangen war, wo er sich mit seiner schon auf sechs Köpfe angewachsenen Familie in der Stralauer Allee 20 b ansiedelte. In dieser Zeit stand Marie mit Bruder Otto in ständigem Briefwechsel, um sich nach allem zu erkundigen, was für sie von Bedeutung war. In jedem Antwort brief erklärte Otto, dass Marie jederzeit nach Berlin kommen und zuerst einmal bei ihm Unterkunft finden könne, auch jetzt, gegen Ende des Jahres 1905, wo Ottos Frau Eveline das fünfte Kind erwartete. Für Marie gab es eine Fülle von Problemen, die richtig durchdacht und geklärt werden mussten. Ha 1s- über- Kopf- Entschlüsse hat es auch damals, wie niemals in ihrem Leben, gegeben. Nachdem Marie und Bernhard Juchacz übereingekommen waren, sich zu trennen, war es dennoch nicht möglich, sich mit der zwei Jahre alten Lotte und dem Sechs- Monate- Baby Paul einfach in den Zug nach Berlin zu setzen und die Brücken hinter sich abzubrechen. Elisabeth, siebzehnjährig, nahm auch an den Gesprächen über dieses Thema teil und erklärte unmissverständlich, dass sie zusammen mit Schwester Marie nach Berlin gehen würde. Das sei keine Belastung, sondern im Gegenteil eine Hilfe für Marie. Sie, Elisabeth, könne sich um Maries Kinder Lotte und Paul kümmern und dabei sogar noch Heimarbeiten ausführen, denn sie habe ja nun auch die Näherei und Schneiderei erlernt und sei eine gute und fleissige Schneiderin, die mehr dazuverdienen könne, als sie selbst verbrauche. Das klang sehr optimistisch, aber genügte doch noch nicht, um Marie zu einem schnelleren Entschluss zu bringen. Da waren ja noch die Eltern, Vater Gohlke, bald 65 Jahre alt, und die Mutter, die sich manches Mal während der Hausarbeit hinsetzen und ausruhen musste. Vater Gohlke arbeitete zwar noch und verdiente so viel, dass es gerade zum Sattwerden reichte, aber die Zuschüsse, die er von Marie und Elisabeth erhielt, trugen trotz ihrer oft geringfügigen Höhe dennoch dazu bei, den altwerdenden Eltern das Dasein etwas erfreulicher zu machen. Ausschlaggebend war endlich, zu Beginn des Jahres 1906, ein Brief von Otto aus Berlin, der nicht nur eine grössere Wohnung im gleichen Hause bekommen, sondern auch für sofortige Heimarbeit für Marie und Elisabeth gesorgt hatte. Es gab noch einmal eine recht ausführliche Unterhaltung • - 60- im Elternhaus, bei der zum Schluss Vater Gohlke das Wort führte und kurzerhand so entschied, dass Marie mit den beiden Kindern 6009 und natürlich mit ihrer Nähmaschine nach Berlin führe, sich einige Zeit dort einlebe und einarbeite, und dass Elisabeth dann nachkommen würde. Vater Gohlke stellte alles viel einfacher und leichter dar, als es in Wirk lichkeit war, und Marie kannte seine Gründe. Sie war hellhörig und sensibel genug, brauchte also" den Ernstfall" nicht auszusprechen, an den Vater Gohlke dachte, als er meinte, dass man ja in wenigen Stunden mit der Eisenbahn von Berlin nach Landsberg fahren könne.• Dann ging alles andere sehr schnell: exp " Es war unser Ziel, wirtschaftlich Fuß zu fassen, und ich machte mir keinerlei Illusionen. Ich hatte die Sorge für meine beiden Kinder und wusste, dass es schwer sein würde. Zuvor hatten wir noch vertrauensvolle Aussprachen mit unseren Freunden, weil wir in Berlin einen Weg finden wollten, um uns der sozialistischen Bewegung anschliessen zu können. Keiner der Männer wusste aber richtig Bescheid, wie es anzufangen sei. Einer gab uns eine Empfehlung an eine Frau mit, Ida Altmann, die sozialwissenschaftliche Mitarbeiterin der Gewerkschaften war." . ● 61Schon am nächsten Tag nach ihrer Ankunft hatte auch Elisabeth durch die Vorsorge von Marie und Otto Arbeit gefunden. Durch das grosse Wäschehaus Grünfeld erhielt sie Nähaufträge für Wäsche in Heimarbeit, und es kam nur darauf an, möglichst viele Wäschestücke fertig genäht abzuliefern. Wenn Marie für die Nachbarin im Haus nichts zu tun hatte, half sie ihrer Schwester beim Nähen. So verdienten die beiden Schwestern genug, um nicht nur den Lebensunterhalt zu bestreiten und die Kinder von Marie gut zu versorgen, sondern auch ihren Mietanteil pünktlich an Bruder Otto abzuführen. In den wenigen Monaten, in denen Marie zuerst alleine in Berlin lebte, war sie durch die Anforderungen, die der Tag an sie stellte, so in Anspruch genommen, dass sie nicht daran denken konnte, ihre eigentliche Absicht zu verwirklichen, nämlich einen Weg zur sozialistischen Bewegung zu finden. Sie las zwar Zeitungen und unterrichtete sich über die kleinen und grossen politischen Ereignisse, hatte aber in Otto und Eveline nicht die richtigen Gesprächspartner. Otto besuchte zwar sozialdemokratische Versammlungen und nahm Marie mit, aber die vielen neuen Probleme, Gedanken und Gesichtspunkte, die da auftauchten, konnte sie mit Otto nicht diskutieren. Desto glücklicher war Marie, als sie in Elisabeth eine Gesprächspartnerin fand, der sie nicht nur alles sagen konnte, sondern von der sie jetzt viel besser verstanden wurde als zur Landsberger Zeit. Elisabeth war nicht nur älter geworden, sondern besass mit ihren achtzehn Jahren ein Auffassungs- und Denkvermögen, das für die wesentlich ruhiger denkende Marie verblüffend war. Ausserdem hæя*** hatte Elisabeth eine Gabe, die nicht nur in dieser Berliner Zeit ins Gewicht fiel und vieles leichter machte, sondern in der ganzen Zeit des Zusammenlebens dieser beiden Frauen bis zum Tode von Elisabeth auch für das Denken und die Entschlüsse von Marie entscheidend war: die Heiterkeit und Leichtigkeit, mit der sie alles anfasste, beurteilte, bearbeitete. Der Aussenstehende hätte das vielleicht manches Mal als oberflächlich, oder zumindest nicht sehr gründlich und durchdacht empfunden, und so ist Elisabeth auch später von Menschen, die sie nicht kannten, mitunter eingeschätzt worden. Marie, die das Durchdenken und Durchdringen von Problemen, Aufgaben und Situationen schon von Kind an mit einem Ernst betrieb, der ihr bis in ihre letzten Tage das Wichtigste war, fühlte instinktiv, dass ihre neun Jahre jüngere Schwester etwas besass, was ihr selbst fehlte. Auf der anderen Seite sah Elisabeth in ihrer älteren und so viel ernsteren Schwester auch den klugen und klar denkenden Partner, der durch seine fast strenge Art ihr eigenes Gleichgewicht herstellte. Aus der Tatsache, wie sich diese beiden im Wesen grundverschiedenen, aber im Denken gleichgesinnten Schwestern gegenseitig die Waage hielten, ist das enge Verhältnis zu erklären, das niemals erschüttert wurde. - 62- Nachdem Ma rie und Elisabeth durch ihre Heimarbeit die finanzielle Grundlage geschaffen xx*** und sich in vielen Gesprächen über die politischen Strömungen der Zeit manches Mal heiss geredet hatten, ergab es sich zwangsläufig, dass sie auch nach aussen einen Kontakt mit gleich denkenden Menschen suchten. Man unterhielt sich in der näheren und weiteren Nachbarschaft, beim Einkaufen, und auf Versammlungen mit Teilnehmern, mit denen man zufällig ins Gespräch kam. Aber diese Gespräche befriedigten nicht, regten nicht an, zeigten keinen Weg, um dahin zu kommen, wohin man eigentlich wollte. Wohin wollte denn Marie? Sie war sich selbst nicht klar darüber, hatte kein politisches Ziel, dachte an keine politische Aufgabe. Sie wusste nur, dass es notwendig war, mit Menschen in Verbindung zu kommen, die in der sozialistischen Bewegung aktiv tätig waren. Versuche, mit Rednern auf politischen Versammlungen Kontakt zu bekommen, waren gescheitert. Wenn sich Marie und Elisabeth am Ende einer Versammlung bis zum Rednerpult durchschlagen wollten, kamen sie zu spät. Oder sie erreichten einen kleinen Funktionär, der mit dem Wunsch der beiden Frauen, Anschluss an die sozialistische Bewegung zu finden, nichts anfangen konnte oder sogar der Meinung war, dass es besser xai für die Frauen sei, wenn sie die Finger davon liessen. Auf ihre Erkundigungen nach irgendwelchen Frauenorganisationen erhielten sie negative Antworten. Im letzten Augenblick fielax ihnen ein, dass sie ja eine sehr genaue Adresse aus Landsberg mitbekommen hatten, xax die sozialwissenschaftlichen Ref rentin der Gewerkschaften, Ida Altmann, musste gute Ratschläge geben können. Noch am gleichen Tag suchten Marie und slisabeth die Referentin auf. " Sie war ein gebildeter Mensch mit grossem Wissen, sehr freundlich, an den sogenannten Frauenfragen aber garnicht interessiert. Auf dem Gebiet der personellen und organisatorischen Fragen kannte sie sich überhaupt nicht aus und gab das auch offen zu. Aber sie hatte schon etwas von -000 -74und den sozialdemokratischen Organisationen wachdam und kritisch aufgenommenen Regierungsentwurf im negativen Sinne der Arbeiterschaft zu verwässern. Die Sozialdemokratische Partei hatte schon früher im Einvernehmen mit den Gewerkschaften einen eigenen Entwurf für ein freies Vereinsrecht eingebracht. Wir Frauen im besonderen waren uns darüber einig, dass wir unser politisches Organisationsrecht anstrebten und so vorteilhaft wie möglich für uns erkämpfen wollten, dass es aber nicht gegen den Nachteil eines eingeschränkten Koalitionsrechts für alle arbeitenden Menschen erkauft werden durfte. Man muss sich vorstellen, wie das zentrale Frauenbüro mit äusserst geringen finanziellen und technischen Hilfsmitteln arbeiten musste, um uns in diebewegten Zeit laufend und schnell über alles zu unterrichten und mit Material zu versorgen. 11 se . Mitten in diese aufregenden Tage hinein kam aus Landsberg die Nachricht vom plötzlichen Tod des Vaters Gohlke. Am 11. Mai 1908 war er im Alter von 66 Jahren gestorben. Lisbeth wäre zu gerne mit Marie und Bruder Otto zur Beerdigung gefahren, erwartete aber in vier Wochen ihre Niederkunft. Ausserdem wäre Lisbeths Mann mit Maries Kindern Lotte und Paul schlecht fertiggeworden. So fuhren Otto und Marie alleine nach Landsberg, wo es eine Fülle unerfreulicher Dinge zu erledigen gab. Es hatte sich schon vorher in Landsberg in einigen Kreisen herumgesprochen, dass die Töchter von Theodor Gohlke" Rote" seien. Die Folge war, dass Mutter Gohlke regelrecht vor die Türe gesetzt wurde. Ein Mieterschutzgesetz gab es damals noch nicht. So blieb nichts anderes übrig, als den Landsberger Haushalt aufzulösen und mxk Mutter Gohlke xxxk mit nach Berlin zu nehmen. Otto war mit seiner siebenköpfigen Familie reichlich belastet, sodass es sich von selbst ergab, dass Mutter Gohlke in die Schöneberger Wartburgstrasse 13 zog, zu Marie mit den beiden Kindern, und zu Lisbeth und ihrem Mann. Zu diesen sechs Lebewesen wurde gegen Ende Juni ein siebtes erwartet. Zur Überraschung aller hatte Lisbeths Mann die von Marie getroffene Entscheidung, die Mutter aufzunehmen? gutgeheissen. Besonders gross war die Freude für Lotte und Paul, die vom ersten Augenblick an spürten, dass da jemand gekommen war, der sich ständig um sie kümmern und sich mit ihnen beschäftigen würde. Und so wurde Mutter bzw. Grossmutter Gohlke vollwertiges Mitglied der Familie Juchacz- Roehl. Als Marie die während ihrer Abwesenheit liegengebliebene Heimarbeit unter Zuhilfenahme von Nachtstunden aufgearbeitet hatte, stürzte sie sich wieder in die politische Arbeit. Inzwischen war das heissumstrittene Reichsver einsgesetz vom Reichstag angenommen worden. - - 87. Es erscheint uns heute Lebenden selbstverständlich von Ausnahmen natürlich abgesehen, dass wir uns so gut wie möglich kleiden, dass wir eine möglichst geschmackvolle eingerichtete Wohnung besitzen, was nicht unbedingt mit grossem Geldaufwand verbunden sein muss, denn die Industrie liefert auf allen Gebieten SerienErzeugnisse zu oft erstaunlich niedrigen Preisen, und dass wir uns in jeder Athmosphäre mit mehr oder weniger Anstand und Geschick zu bewegen verstehen. Unsere Schulen und anderen Bildungsstätten haben nicht nur äusserlich, sondern auch vom Lehr- und Erziehungsstoff her ein anderes, modernes, klareres Gesicht erhalten. Der Lebensstandard ist gestiegen, und es ist kein unerfüllbarer, in weiter Ferne liegender Wunsch mehr, ein Radiogerät, einen Plattenspieler, eine Tonbandapparatur oder einen Fernsehapparat xx besitzen zu wollen. Es soll nicht an die leider noch sehr zahlreichen Flüchtlinge, an Vertriebene und unter sehr eingeengten Verhältnissen Lebendenxxxxxxxx gedacht werden, die noch immer abseits vom Wirtschafts segen stehen. Die Menschen sind heute näher zusammengerückt, sie oft nur wissen mehr voneinander, auch wenn sich dieses Wissen auf Ausserlichkeiten beschränkt. Die unermüdliche Publizistik auf allen Gebieten führt uns tagtäglich die neuesten Errungenschaften vor die Augen und Ohren. Wir sind mitunter schon zu stark überfüttert und werden zu oberflächlicher Aufnahme der Dinge verurteilt, weil wir die Fülle des Gebotenen nicht mehr richtig verarbeiten können. Marie hat diesen Wandel unseres Daseins in zweifachen Miterleben beobachten können, als sie nach der saarländischen und französischen Emigrationszeit plötzlich nach Amerika kam, also von heute auf morgen a us der Enge des politischen Flüchtlings in die Weite des amerikanischen Kontinents mit der freiheitlichen Auffassung seiner Staatsbürger und der selbstverständlichen wirtschaftlichen Gesun dheit seiner Existenz, und dann als sie 1949 in das ausgebombte Deutschland zurückkehrte wieder in die Enge, des aufgespaltenen Deutschland mit seinen vielen Zonen, seinen Bemühungen um wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Gesundung. Als xxx sich Marie nach ihrer Rückkehr aus Amerika vorübergehend auf dem von ihrem Sohn Paul verwalteten Provinzialgut in Weissenthurm bei Neuwied ausruhte, hatte sie Zeit und Rühe, um zum ersten Mal vergleichend die Erlebnisse und Ereignisse von ihrer Kindheit bis zur Gegenwart zu betrachten, ohne damals an eine Niederschrift dieser Überlegungen zu denken. Was hatte sich alles geändert?- Alles war anders, Alles war anders, vieles zum Guten, manches zum Schlechten gewandelt. Die Welt war seit Maries . • - 88- Geburt um 70 Ja hre weitergekommen und älter geworden. War sie auch besser geworden? Darüber wollte und konnte sich Marie kein Urteil erlauben, obwohl sie den ersten Schritt in das weise Alter getan hatte. Aber trotz der schrecklichen Dinge, die sich seit 1914 in fast ununterbrochener Folge ereignet hatten, kam sie zu der Überzeugung, dass es gut und richtig war, dass sie sich schon als Kind für die sozialistische Ideenwelt begeistert und sie zur eigenen geistigen und politischen Weltanschauung gemacht hatte. Sie erkannte und empfand es als Bestätigung ihrer Lebensaufgabe, dass diese Welt ohne das sozialistische Gedankengut in ihrer Gesamtentwicklung niemals so befruchtet worden wäre. Sie brauchte sich nur in die Zeit zurückzuversetzen, in der sie und ihre Schwester Elisabeth zum ersten Mal als Rednerinnen in politischen Versammlungen auftraten, welche Themen sie beide damals behandelten, welchen Kampf sie austrugen: dem Arbeiter, der das Gros der Bevölkerung darstellte, ein menschenwürdiges Dasein zu erobern, xd ihm Freiheiten zu garantieren, ihn an den schönen Dingen dieses Lebens zu beteiligen, uxt ihm für die Zeit seines arbeitsreichen Lebens Sicherheiten zu erkämpfen und ihm und seiner Familie die Sorge der Existenz zu nehmen, wenn sein Lebensabend beginnt. Wer denkt denn heute noch bei allgemeinem, freiem und geheimem Wahlrecht an die Zeit des Dreiklas senwahlrechts, das wie es sein Name besagt die Menschen in Klassen einteilte und damit Menschengruppen in Gegensatz stellte? Kein Wunder, dass sich die grösste Klasse, der Arbeiter, dagegen auflehnte. Rix Marie war schon damals zu der Erkenntnis gekommen, dass dem Arbeiter nicht nur politische und bürgerliche Freiheiten zugestanden werden müssen, sie schaltete sich auch überall dort ein, wo es darum ging, Bildungsmöglichkeiten für den Arbeiter zu schaffen. Das Bürgertum hatte alle kulturellen Domänen für sich gepachtet und das Arbeiterproletariat ausgeschlossen. Es wollte Marie nicht einleuchten, dass zum Beispiel im Jahre 1907 von allen Erwerbstätigen 52,5% Arbeiter waren, und davon wieder 33% Frauen, die keine andere Lebensaufgabe haben sollten als die so formulierte es das Bürgertum:" Arbeiten und Kinder bekommen, die wieder Arbeiter werden." So wurde dem Proletariat durch das Bürgertum jeder Anspruch auf Teilnahme am kulturellen Leben versagt. Es gehörte zum sozialistischen Ideengut und war schon immer einer der wichtigsten Punkte, die Marie in Wort und Schrift behandelte, das Proletariat nicht nur über seine soziale Lage aufzuklären, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, sich so zu entwickeln und zu bilden, wie es seiner Veranlagung und seinen Interessen ent- 89sprach. Aber wie war das zu erreichen? So lange eine Schulreform nicht auch dem Arbeiter diese Möglichkeiten brachte, so lange es keine besonderen Aus- und Fortbildungsschulen gab und solange der Arbeiter vom Hochschulstudium ausgeschlos en war, mussten die sozialistischen" Bildungsgruppen" zur Selbsthilfe greifen. Aus diesen Bemühungen, an denen Ma rie und auch Elisabeth lebhaft beteiligt waren, entstanden später die Volksbibliotheken, Volksbühnen und anderen Einrichtungen. Bevor es aber so weit war, mussten die Bildungsgruppen von sich aus handeln. Es klingt heute vielleicht primitiv, kennzeichnet aber desto deutlicher den Wandel, wenn man hört, was Marie Juchacz an einem Detail- Beispiel erläutert: " Bei allen kulturellen und künstlerischen Veranstaltungen waren auf der Rückseite des Programms die Regeln zu lesen, mit denen der Konzert- oder Theaterbesucher um richtiges Verhalten gebeten wurde und freundliche Anweisungen erhielt. Ich weiss, dass ich einmal bei einem grossen Konzert in einem Saal in der Hasenheide und mit einem der bekanntesten Dirigenten dieser Zeit mit Freunden nicht nur über die künstlerische Qualität des Konzerts, sondern auch über das mustergültige Verhalten des Publikums, das nur aus Arbeitern bestand, sprach, und man merkte mir wohl meine Begeisterung an." . - Über diese Dinge wurde einmal sehr viel später im Haus von Marie und Elisabeth als die Nationalsozialisten schon mit ihren politischen und geistigen Erziehungsprogrammen auftraten mit den erwachsen gewordenen Kindern von xxixxkxkk Marie und Elisabeth gesprochen. Marie und Elisabeth waren sich über die Problematik bei der Erziehung von Erwachsenen durchaus klar, aber Marie fand die einleuchtende Erklärung, dass die Aufklärung und Erziehung des Arbeiters in den Anfängen der sozialistischen Bewegung gleichzustellen sei mit der Erziehung und Aufklärung eines Kindes, dem man auch den Umgang mit Messer und Gabel beibringen müsse. Der Arbeiter sei damals sowohl politisch als auch in Bezug auf Bildung und Kultur " im Kindesalter" gewesen und hätte deshalb mit all dem, was politische und geistige Bildung und Kultur als" Werkzeug" bedeuten, erst vertraut gemacht werden müssen. Heute wisse er, wie man damit umgehen müsse, und deshalb käme es nicht mehr auf das" Wie" an, sondern darauf, aus der Fülle des Gebotenen das herauszufinden, was gut Aй sei und den Menschen ganz allgemein weiterbringe und dabei auch erfreue. - 91- gekommen, Männer und Frauen. Es lag vielleicht in meiner Arbeit, vielleicht auch an meiner Art, dass ich in so viel menschlich- seelisches Leid hineinschauen musste. wenn der Einzelne mit seiner Verzweiflung, seinen Konflikten und Problemen zu einem von uns kommt, weil er sich nicht ohne menschlichen Beistand zu helfen weiss, haben wir un zuerst die Frage nach dem' Warum?' vorzulegen. Nicht das ' Moralisieren' ist dann unsere Aufgabe, und auch nicht das' Beurtei len müssen', oder gar das Verurteilen. Wir haben nur Rat zu geben und Hilfe- wenn wir das können( es ist leider nicht immer möglich). Das Selbstverständlichste aber ist die Pflicht des Schweigens, da, x wo es notwendig ist, und erst recht dort, wo indiskretes Sprechen dem anderen schaden kann. Ich würde mich mit dieser" rfahrung nicht so lange aufhalten, wenn ich sie nicht bis in die jüngste Zeit hinein immer wieder bestätigt gefunden hätte." Gedanken Marie hat sich vielleicht deshalb ausführlicher mit diesen herkes XXXXяx beschäftigt, weil sie sich bei ihren Aufzeichnungen immer wieder überlegte, inwieweit die Diskretion gegenüber ihrem eigenen Leben gewahrt werden könne, ohne die Darstellung ihres Lebens und ihrer Arbeit zu verfälschen oder durch Unvollständigkeiten zu verwässern. Der Biograph, der gerade dem Menschlichen dieser Frau gerecht werden will, steht schon deshalb vor keiner leichten Aufgabe, weil gerade" das Private", Maries persönlichste Situation, ihr eigenes Erleben und manches Erlebnis ausserhalb jeder Politik oft der stärkste Motor war, der sie auch wenn es ihr selbst nicht klar war oder sogar bewusst nicht klar sein wollte!- auf den Weg führte, den sie konsequent und in jeder Situation gegangen ist, auch in der Emigration, in der sie nicht in der Form Anteil am sozialen und politischen Leben nehmen konnte, wie es ihrem Temperament und Bedürfnis entsprach. Als sich der Biograph eine halbes Jahr vor Maries Tod in München mit ihr über diese Dinge unterhielt und den Vorschlag machte, ein Tonbandgerät zu Hilfe zu nehmen, um die vielen Dinge, die mehr oder weniger ausführlich auch aus der privaten Sphäre zur Sprache gekommen waren, festzuhalten, meinte Marie, dass es darauf nicht ankomme, denn es sei sowieso zu bezweifeln, dass sich ein Mensch, der über sich selbst etwas sagt oder schreibt, sich wirklich so sähe, wie er ist. Sie denke dabei an das Beispiel mit dem Spiegel, der lange Zeit das einzige Mittel für den Menschen gewesen sei, um sich selbst zu sehen. Als Fotografie und . . - 92- Film erfunden wurden, habe sich der Mensch erschreckt, sich nicht wiedererkannt und die Fotografie als' nicht echt' empfunden. Fotografie und Film gäben aber nach ihrer Meinung mehr Echtheit' wiede: wirkliche als das Spiegelbild, und deshalb ergäbe sich das Bild eines Menscher erst dann, wenn die Vorstellungen, die man von sich selbst hat, mit den Vorstellungen der Umwelt zusammenfinden. In Bezug auf ihr eigenes Leben sei es für den Aussenstehenden nicht leicht, zu einer objektiven Betrachtung zu kommen, denn ihre Umwelt habe ja ständig gewechselt, und der Eindruck, den sie auf viele Menschen gemacht habe, sei auch nur vorübergehend gültig gewesen, denn sie habe sich ja ständig weiterentwickelt und auch noch im hohen Alter an sich gearbeitet. Es lag deshalb durchaus im Sinn von Marie, wenn sich der Biograph bemühte, Menschen zu finden, die sich von Marie und den verschiedensten Abschnitten ihres Lebens ein Bild gemacht hatten, um deren Eindrücke und Vorstellungen mit dem, was Marie von sich elbst sagte oder schrieb, zu dem vorliegenden Lebens- und Arbeitsbild zuXXXX******* X sammenzufügen. Das war besonders schwierig für die frühe Zeit, aus der fast alle Unterlagen den Stürmen der Zeit zum Opfer fielen. CD Aber diese frühe Zeit es war die Pionierzeit der sozialistischen war für Marie. Bewegung -* x* entscheidender und wichtiger als vieles, was sich später ereignete und einen reifen Menschen traf, der alles, was ihm begegnete, zielbewusst und klar verarbeitete. Damals, in der Pionierzeit, griff Marie alles auf, auch das Falsche, und machte manchen kleinen Schritt in falsche Richtungen, besass aber die Klugheit und vor allem die Energie, den kurzen und falschen Weg zurückzugehen, um eine neue Richtung einzuschlagen. Und das alles aus freiwilligem Antrieb, in kostbaren freien Stunden, die zu Lasten der Arbeit gingen, mit der Marie ihre Familie erhalten musste. Es gehörte sehr viel Idealismus dazu und Marie und Elisabeth besassen ihn-, um sich neben der Arbeit für den Lebensunterhalt noch mit politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kommunalen Zeitproblemen zu beschäftigen. Das geschah ausserdem" auf eigene 107Aus ein er Art Ohnmachtsgefühl heraus, gegen diese Entwicklung nichts unternehmen zu können, stürzten sich die beiden Frauen desto intensiver auf ihre politische Aufgabe, und die Themens cala der Versammlungen und Diskussionen, in denen sie als Redmerinnen auftraten, hatten Hochschulformat. Sie beschäftigten sich mit der Deutung dessen, was schlechthin unter Sozialismus zu verstehen sei, mit der Frauenerwerbsarbeit und ihren Auswirkungen auf Gesundheit, Familie und Erziehung der Kinder, mit der Umwandlung der Hauswirts schaft und des Familienlebens infolge der Technisierung der Gesamtwirtschaft und immer unter den damals gültigen sozialen, also meist asozialen Gesichtspunkten-, mit sozialistischer Kommunalpolitik, mit Erziehungsfragen, Kinderschutzgesetzen, sozialistischen Jugendorganisationen, Arbeiter- Turn- und Sportvereinigungen, Spielplätzen für Kinder, und Ferienwanderungen. . Marie Juchacz musste eine schnelle und richtige Entscheidung treffen. Mit Elisabeth war sie sich xxxx über das, was zu tun war, einig, nämlich mit den bürgerlichen Verbänden auf jeden Fall zusam menzuarbeiten. Wie würden die sozialdemokratischen Frauen darüber denken? Und die wenigen Parteifreunde, die noch in Köln und der weiteren Umgebung sassen? " So weit ich ihrer habhaft werden konnte, waren eie für Mitmachen. Auch die Freunde auf der Redaktion redeten uns zu. So meldete ich mich telefonisch beim Kölner Verband der Frauenvereine an.' " Elisabeth und ich hatten an dieser Arbeit unsere berechtigte Freu de. Die Soldaten mussten ja nun einmal versorgt werden. Ausserdem gab es unter den Millionen, die an irgend einer Front im Westen o- der Osten standen, viele nächste Freunde und Bekannte, und auch Emil Kirschmann gehörte zu ihnen. Wichtig war ferner, dass die zu Hause wartenden Frauen eine Nebeneinnahme erhielten. So glaubten wir, mit unserer Arbeit die Auswirkungen dieses schrecklichen Krieges wenigstens etwas mildern zu können. rung hatte er lange Kopf auf eine Eisenmatte gefallen. An der schweren Gehirnerschüttedas Gleichgewicht verloren und war von ersten Stockwerk aus mit dem etwas wendigeren Fritz über das Treppengeländer nachgerutscht, hatte Unglücks junge, der viel Aufregung verursachte. Einmal war er dem zum Kartoffelholen.- Maries Sohn Paul war in seiner Kindheit ein würde. Als Marie ihre Gedanken laut formulierte, meinte Ebert, dass er Marie als einen Menschen einschätze, der nicht nur die Klarheit, sondern auch die Festigkeit besitze, um auch mit solchen Schwierigkeiten fertig zu werden. Marie wusste, dass sie nach aussen hin diesen Eindruck machte, dass dieser aber nicht immer ihrer inneren Haltung entsprach. Im Falle Louise Zietz war sie sogar innerlich sehr erregt, erklärte sich aber bereit, das Amt der zentralen Frauensekretärin der Sozialdemokratischen Partei zu übernehmen. Wenn sie sich von Friedrich Ebert noch eine Übergangszeit erbat, dann nicht nur deshalb, weil sie ihre Kölner Arbeit nicht von heute auf morgen im Stich lassen wollte. Elisabeth sollte ihre Meinung dazu sagen, und- falls es zum Umzug nach Berlin kommen solite- gab es ja noch viele familiäre Probleme.- Elisabeth stimmte selbstverständlich zu. - 127- In Köln wur de die Übersiedelung von Marie nach Berlin in allen Einzelheiten besprochen, wobei sich die beiden Frauen daran erinnerten, dass Marie immer der Wegbereiter war, während Lisbeth folg te. So war es auf dem Weg Landsberg- Berlin, so war es auf dem Weg Berlin- Köln, und so würde es wahrscheinlich demnächst auch wieder sein, sein. Aber diesmal sollte Elisabeth länger in Köln kkkk, als sie selbst dachte. Die Kinder sollten auf alle Fälle in Köln bleiben, eine Umschulung mitten im Krieg war mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Marie machte sich ernste Gedanken darüber, denn Lisbeth hatte jetzt die alleinige Verantwortung für die drei Kinder, un d ausserdem ihre Arbeit, während sie, Marie, ohne jede Belastung familiärer Art in Berlin an die Arbeit gehen konnte. Aber auch dann, wenn Elisabeth selbst nicht von dem überzeugt war, was sie lediglich zur Verkleinerung effektiver Schwierigkeiten sagte, konnte sie Marie beruhigen, weil Lotte doch schon erwachsen und eine gute Hilfe sei, und mit Paul und Fritz werden wir Frauen schon fertig!" Marie war nicht ganz überzeugt davon. Ausserdem kannte sie ihre Schwester nur zu gut, um nicht zu wissen, wie Lisbeth es meinte. Aber sie machte dieses kleine Selbstbetrug- piel mit, weil es schliesslich keine andere und bessere Lösung gab. Trotzdem schob sie ihre Abreise nach Berlin noch hinaus und erlebte mit ihrer Familie den ersten grossen Kohlrübenwinters 1916/17, Morgens zum Anfang des Frühstück gab es eine Scheibe Kohlrübenbrot mit Kohlrübenmarmelade, dazu einen Schlück Kohlrübenkaffee. Mittags zogen Paul und Fritz mit einem Eimer los, um das Essen von der Massenspeisung zu holen. Diese Organisation war gerade erst angelaufen, und es gab noch nicht viele Verteilungsstellen. Zuständig für die Klettenbergstrasse war der Barbarossaplatz, am Ende der Luxemburgerstrasse. Mit der Strassenbahn brauchte man eine Viertelstunde, zu Fuß waren es hin und zurück gute zwei Stunden. Die Jungens wollten das Strassen - 135- Es war für Marie eine bittere Enttäuschung, dass die Sozialdemokraten in der Nationalversammlung nur mit 163 Abgeordneten vertreten waren. Sie fragte sich und rechnete, ob es möglich sei, dass der von der SPD nominierte Kandidat für das Amt des ersten Reichspräsidenten, Friedrich Ebert, unter diesen Umständen gewählt werden würde oder nicht. Es war fast an ein Wunder, dass der Reichspräsident am 11. Februar nach der Wahl Friedrich Ebert hiess. Wahrscheinlich hatte der Weltkrieg alle früheren Konstellationen über den Haufen geworfen, denn von den mehr als 50% vor Beginn des Krieges sozialistisch gesinnten Arbeiterinnen und Arbeitern hatten bei der Wahl zur Nationalversammlung nicht* x* x* x* x* x* kkal einmal die Hälfte ihre Stimme für die SPD abgegeben. Es gab in Weimar noch 42 Deutschnationale, 21 Deutsche Volksparteiler, 75 DeutschDemokraten, 75 Christliche Volksparteiler, 22 Unabhängige und 10 Splitter- Parteiler. Und in Deutschland ging es drunter und drüber. Hinzu kam der unselige Friedensvertrag, der schliesslich von Dr. Bell und Hermann Müller unterschrieben wurde. Die Diskussionen, Erwägungen und Prüfungen, ob unterschrieben werden solle oder nicht hatten Tage und Nächte gedauert. In einem Brief Elisabeths aus Köln an Marie nach Berlin heisst es: " Was wäre gewesen, wenn sich niemand zur Unterschrift gefunden hätte? Clemenceau hat keinen Zweifel daran gelassen, was dann geschehen würde.- Nach meiner Meinung hat wilson bei den ganzen und Verhandlungen keine Rolle gespielt, die Franzosen haben gegen alle Vernunft gehandelt. So und so nimmt das kein gutes Ende." Dabei sollte es ein guter Anfang werden.- In vielen Unterhaltungen sagte Marie zu der bevorstehenden Entwicklung ihre Meinung, und mancher Parteifreund war der Meinung, dass sie zu schwarz sehe, wenn sie glaube, dass Deutschlands Wirtschaft Jahrzehnte benötigen würde, um sich nicht nur von den Folgen des Krieges zu erholen, sondern auch die Bedingungen des Friedensvertrags zu erfüllen. Dass die Radikalisierung, die sich schon in dieser Zeit ganz rechts und links in Putschen und Aufständen austobte, unter diesen innenund aussenpolitischen Verhältnissen weiter um sich greifen würde, stand wie ein böses Menetekel im Schatten aller politischen Zukunftsgespräche, durch die maries eigene Aktivität allerdings nicht beeinträchtigt wurde. Sie ahnte das Böse und wollte das Gute. Der alte Gedanke, während des Krieges schon einmal im Rheinland diskutiert und wieder zurückgedrängt, tauchte wieder auf: die Arbeiterschaft muss der Arbeiterschaft helfen, die Not zu lindern. ☉ Schnellhefter Rapld MARIE JUCHACL LEBEN UND ARBEIT SEITE 2b0 BIS 306 [ARBEITSKOPIE] - 260Die Zuversicht von Marie war bewunderungsürdig: " Sie werden uns genau so frei herausgehen lassen, wie wir das Haus betreten. Wenn wirklich etwas geschehen sollte, wird es nur von kuraer Dauer sein, dann sind wir wieder zu Hause." Marie dachte dabei vielleicht an das Ausland, das sich unter solchen Umständen bestimmt eingeschaltet hätte, aber rechnete nicht mit der Raffinesse der Nationalsozialisten, die die mutige Rede von Otto Wels, der als einziger Oppositions redner gegen das Gesetz sprach, anhörten, auslachten, und die SPD- Abgeordneten ziehen liessen, um sie dann desto gründlicher mit Methoden zu eliminieren, die normalerweise nur mit Mord bezeichnet werden können. Wenige Tage später wurde der Abgeordnete Johannes Stelling aus einem kleinen Flusslauf bei Köpenick tot herausgefischt. Toni Pfulf beging aus Verzweiflung über diex Entwicklung Selbstmord. Einem Teil der SPD- Abgeordneten gelang es, nach Pons, England Prag oder Saarbrücken zu entkommen.[ Wanderjahre der Emigration] Damit egen Für Marie Juchacz und Emil Kirschmann ein Leidensweg, der erst 16 Jahre später für. Marie für Emil Kirschmann immer sein Ende Jammer finden sollte.- Während die SA das Häuschen in der Alten Dahlwitzerstrasse plünderte, gingen Marie und Emil bei Forbach- Saarbrücken über die grüne Grenze. Erna und Jola Lang, Freunde von Marie und Emil, die heute in Amerika leben, schrieben rückerinnernd: " Wir wollen nur jener Daten und Ereignisse gedenken, die zu den grausigsten der Menschengeschichte gehören, durch die Du, Marie, 1933- wie Tausend und Abertausend andere vertrieben wurdest. Deine erste Station war das Saargebiet. Dort wurde aus der deutschen Reichstagsabgeordneten plötzlich die Inhaberin eines Mittagstisches, der aber nicht nur seine Gäste bewirtete, sondern zugleich der Mittelpunkt politischer Flüchtlinge wurde." Während Maries Tochter Lotte, kurz vor ihrem letzten Examen stehend, in Deutschland blieb, zusammen mit Fritz, der in die thüringische Provinz ging, um dort als chefredakteur in Apolda und Saalfeld- zwei" überpolitische Tageszeitungen" gleichzeitig zu redigieren, war Maries Sohn Paul ebenfalls nach Saarbrücken gegangen, um zuerst bei der Einrichtung des Mittagtisches mitzuhelfen. Fritz kam einige Male- trotz Abriegelung der Grenzen nach Saarbrücken und stand vor der nicht leichten Aufgabe, sich für die Emigration oder für das Verbleiben in Deutschland zu entschliessen. Vor der letzten Entscheidung brachten Paul und Fritz es fertig, einige gefährdete Polizeibeamte ins Saargebiet zu schmuggeln, u.a. den Polizeiwachtmeister Grumbach, der es inzwischen im Saargebiet zu hö - 261- heren polizeilichen Ehren brachte und auch heute noch dort tätig ist. In Saarbrücken arbeiteten Emil Kirschmann und Wilhelm Sollmann zuerst bei der von Max Braun redigierten" Volksstimme" mit, eine Arbeit, von der beide Männer nicht ausgefüllt wurden, weshalb sie sich zusätzlich des Kurierdienstes annahmen, der zwischen dem in Prag angesiedelten Parteivorstand der SPD, England, dem Saargebiet und Nazi- Deutsc land pendelte. So sammelte Emil Material für den Untersuchungsausschuss des Reichstagsbran dprozesses, der in London abgewickelt xxxяa und als desser. Ergebnis das" Braunbuch" herausgegeben wurde, das bei dem Prozess in Leipzig eine wesentliche Rolle spielen sollte/. Marie war an diesen Arbeiten, ohne direkt aktiv zu werden, insofern beteiligt, als sie jede Gelegenheit wahrnahm, um bei den vielen Diskussionen dabei zu sein und ihr Wort mit in die Debatten zu werfen. An ihrem Mittagstisch sammelten sich täglich neue Menschen, die Deutschland verlassen mussten. Die erte Zuflucht fanden sie bei marie, die sie auf irgend einem weg weiterschleuste. Viele dieser politischen Flüchtlinge blieben nicht lange in Saarbrücken, sondern versuchten, sich bald nach England, in die Schweiz oder in die USA abzusetzen. So war auch Wilhelm follmann einer der ersten, der in die Vereinigten Staaten ging, wo er sehr bald- noch vor dem Ausbruch des Krieges- eine Professur an einer Universität erhielt. Wer in Saarbrücken blieb, sollte das später mit sehr viel Schwierigkeiten bezahlen. Auch darüber haben Erna und Jola Lang etwas zu sagen Sie Schrieben an Marie: " Trotz Eures Eingreifens in die Kämpfe um die Abstimmung im Saargebiet überspülte die Nazi- Flut auch dieses Land, und Ihr musstet weitermarschieren. Nur wenige Kilometer, ins Elsass, nach Mülhausen, nahe der Grenze, damit die Verbindung in die Heimat nicht abriss. Immer wieder erschienen die Freunde von drüben, um Informationen und Material zu empfangen, Helden, deren Namen die Chronik nicht verzeichnet." Auch Lotte Lemke gehörte damals zu den Kurieren, die als Ausflügler getarnt über die grünen renzen wanderten, die Rucksäcke voller Material, und die eine Kaltblütigkeit zeigten, die manchesmal an Selbstmord grenzte. So wurde Lotte Lemke eines Tages von Grenzpolizisten angehalten. Im Rucksack hatte sie den auf ganz dünnem Papier gedruckten " Vorwärts". Wie sie es damals fertigbrachte, die beamten zu überreden, sie ungeschoren weiterziehen zu lassen, damit sie noch rechtzeitig zu ihrem Zug käme, ist ihr selbst heute noch ein Wunder. Aber sie schaffte es icht nur einmal, sondern immer wieder. 262So wie diese Kuriere, die in der Heimat gebliebenen und auch die Emigranten ständig um ihre Freiheit spielten, xa um den Glauben an die bessere Zukunft wach zu halten, so setzten sich auch Marie und Emil im Elsass ein. Die Gestapo scheute damals schon vor keinem Mittel zurück, und mehr als einmal geschah es, dass Gestapo- Beamte, als Zivilisten getant, ein allzu deutliches interesse für das Tun und freiben der im Elsass lebenden Emigranten, zu denen auch Marie und Emil gehörten, an den Tag legten. Wie es weiterging, sagen Erna und Jola Lang: " Dann kam der unheilvolle Sommer 1939. Kriegsausbruch. Wieder mussten über türzt die wenigen Habseligkeiten zusammengepackt werden. Es ging nach Paris. Keiner von uns hat viel von den besungenen Schönheiten dioser Stadt empfunden, wir hasten andere Sorgen. Es blieb uns auch nicht viel Zeit, denn die Kriegsmaschine Hitlers überrollte die Maginotlinie, und wir mussten wieder einmal davonlaufen. Pétains Verrat war unsere Rettung. So konnten wir wenigstens in Südfrankreich für die weiteren Abenteuer Atem schöpfen. Nur ein Wunder konnte helfen. Und seltsam genug: das Wunder geschah. Das Jewish Labor Committee und die AF of L. veranlassten die Rooseveltsche Administration, durch den amerikanischen Konsul in Marseille einigen hundert Flüchtlingen Notvisa zu erteilen. Doch die einzige passierbare Grenze Franco- Spanien war geschlossen. Erst in letzter Minute, im Frühjahr 1941, konntest Du, Marie, mit ander ren Freunden auf einem französischen Dampfer nach Martinique, der malerisch- exotischen, Rum- eichen Insel entkommen. Neues monatelanges Warten, bis Euch ein Schiff nach Amerika brachte. Endlich Mitte 1941- konnten wir, denen es gelungen war, vorher schon durch andere Notausgänge zu schlüpfen, am Pier in New York stehen und Euch in Empfang nehmen." Herta und Erich Lewinski, Freunde von Marie und Emil, die heute ebenfalls in den USA leben, haben ihren Beitrag zu dieser Biographie geleistet: " Welches war das entscheidende Erlebnis in den Jahren der politischen Emigration, und woraus schöpften wir die Kraft, um durchzuhalten? Um etwas von dem Schwung, dem beflügelnden Auftrieb unserer jungen Jahre hinüberzuretten in die Arbeit der kommenden Zeitt? Es war das Erlebnis der Solidarität, der selbstverständlichen Bereitschaft füreinander. Es war der Umstand, dass wir ein deutliches Gefühl entwickelt hatten dafür, wo Einsatz nötig wurde, wo Hilfe not tat. Das Symbol für solche Haltung, das grosse Beispiel dafür war für uns in den Jahren der Wanderschaft Marie Juchacz! Sie, die reife, ausgeglichene, gütige Frau verkörpert sich in unseren Gedanken -263ne, gütige Frau verkörpert sich in unseren Gedanken als ein Beispiel für all die guten Eigenschaften, die in jener Zeit stärker als sonst in unserem Leben entwickelt wurden. Die unerschütterliche Ruhe, die von ihr ausgeht und die Selbstverständlichkeit des Helfens überzeugten ohne jede Worte. Sie brauchte garnichts zu sagen, sondern einen nur anzusehen, wenn sie einen Akt der Solidarität, der Hilfe, erreichen wollte. Es war eine starke Wirkung, die von ihr ausging: die Wirkung des Menschen, vor dem man nicht bestehen kann, wenn man das berechtigte Anliegen, das er an einen hat, nicht ausführt und Maries Anliegen waren immer berechtig Wir haben noch unsere erste Begegnung am Bahnhofsplatz in Marseille vor Augen, an einem dunklen Abend, in der Illegalität. Alles war nervös, rings um uns herum fanden Razzien und Verhaftungen der Menschen statt, die das gleiche Schicksal trugen wie wir. Marie verlor nie ihre Ruhe. Vor ihr ging eine Sicherheit aus, die ansteckend wirkte.- Als wir dann am Pier in New York standen, um den Dampfer, der Marie von Frankreich über Martinique nach New York brachte, zu erwarten, hatten weder die Mühen der Reise noch die Aufregungen der Wanderschaft etwas von ihrer Sicherheit genommen, eine Sicherheit und Ruhe, die nur ein ganz starker Mensch aufbringen kann." Der heutige Pressedirektor des Berliner Senats, Dr. Hans E. Hirschfeld, in der Weimarer Republikzeit Ministerialrat im Preussischen Innenministerium und in dieser Zeit nicht nur ein Kollege, sondern einer der besten Freunde von Emil Kirschmann, erlebte viele stationen gemeinsam auch mit Marie Juchacz. Zu ihrem 75. Geburtstag am 15. März 1954 schrieb er: " Andere, Berufenere, werden die Politikerin Marie Juchacz, die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt, eine der grossen Frauengestalten der deutschen Arbeiterbewegung, schildern und ehren. Ich will nur von unserem gemeinsamen Erleben sprechen. Wir haben uns gekannt, oft getroffen und freundschaftlich miteinander verkehrt in den Jahren der Weimarer Republik, als Marie Juchacz, die rastlos tätige Reichs tagsabgeordnete, Mitglied des Parteivorstandes der deutschen Sozialdemokratie, Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, ein unruhiges, mit den politischen Sorgen dieser Zeit ausgefülltes Leben führte. Die freundschaftlichen Bande, die über unseren Emil Kirschmann und Elisabeth Kirschmann- Roehl, die beiden unvergesslichen Menschen, geknüpft waren, hielten auch uns in Freundschaft zusammen. Doch die wahre menschliche Grösse dieser Frau zeigt sich erst ganz in der Zeit nach 1933 ,, als das Grauen Hitlers und des Nazismus über Deutschland kamen. Da habe ich den Menschen Maria Juchacz erst rich 264 - tig erfassen und liebek gelernt. Die Partei und ihre Organisationen wurden zertreten wir wurden hinausgetrieben aus Deutschland, das hicht mehr unser Deutschland war, herausgerissen aus der Bahn, aus der tägöich gewohnten und geliebten Arbeit, Männer und Frauen. Ratlos viele, hilfslos alle, nicht wissend wohin, nicht wissend, wovon leben. Du, Marie, hast in Saarbrücken ohne viel Worte den vielen Schicksalsgenossen ein Beispiel gegeben, wie man versuchen muss, auch unter den widrigsten Umstanden Hand anzulegen, zu arbeiten, zu helfen. Ich sehe noch in der Bahnhofstrasse in Saarbrücken die Räume, in denen Du, das Parteivorstandsmitglied, die Reichstagsabgeordnete, die Politikerin, ohne viele Worte zu machen, in der Küche standest, einen Mittagstisch einrichtetest und damit einen Zufluchtsort und ein Heim für die vielen durcheinandergewürfelten Menschen schufst, die Du mit Speise und Trank und mehr noch durch Zuspruch versorgtest. Du hast gekocht, gewaschen, warfst hin und wieder einige Bemerkungen in die Diskussionen, die von morgens früh bis abende spät gingen, Du hast geklärt, geschlichtet und geholfen. Die ganze grosse Menschlichkeit, Deine Güte und Deine praktische Nächstenliebe haben sich mir damals im hellsten Licht gezeigt, so dunkel und so wenig gemütlich auch diese Wohnung in der Saarbrückener Bahnhofstrasse sein mochte. Und was im Jahre 1935, wenige Wochen nach dem Beginn des" Dritten Reichs", von Dir geschaffen wurde, das hast Du fortgesetzt in den trüben und schweren Jahren der Emigration, des Wanderas durch die Länder und Kontinente, in Sarbrücken, Metz, Mlhausen, Paris, Marseille, auf Martinique und später in New York. Die praktische Nächstenliebe, die täglich bewiesene Bewährung in den widrigsten Tagen dieses Lebens hast Du gezeigt und ohne viele Worte und ohne jeden Aufwand uns allen ein Beispiel gegeben, das viele Jüngere verstummen liess, die geneigt waren, über das harte Los der Emigration zu klagen. Marie in der Küche, Marie an der Nähmaschine, im Haushalt, in der Waschküche, als Mutter, aber auch Marie in den Versammlungen der Gruppen und Zirkel der Emigranten, gleich ob es in Frankreich, in der Schweiz oder in den Vereinigten Staaten war. Du warst immer die gleiche, Marie, immer die starke, die Gebende aber auch die Hörende. Jeder, der in diesen Jahren mit Dir zusammenkam, fühlte: hier ist ein Mensch, der über eigenen Leid und eigenem Ungemach niemals vergisst, dass wir Menschen dazu da sind, einander zu helfen, zu stützen und zu beraten. In diesen Jahren von 1933 ab, da ist unsere Gemeinschaft in vielen Leid und wenig frohen Stunden gewachsen, da wurde das Band noch enger geknüpft, das uns umschlungen hielt, und das durch nichts zerstört werden - - 265- kann. Es ist so leicht, Freunde zu haben, wenn es uns gut geht. Wenn aber die Zeiten dunkel und trübe sind, dann- so sagt das Sprichwort ist der Mensch allein. Du bist nie allein gewesen, Marie. Denn Du hast in den dunklen Jahren der Verbannung vielen Freundschaft und Liebe erwiesen, die sich heute stolz und froh zu Dar bekennen, zu der Freundin und Frau, die wir lieben und verehren, weil sie uns ein Beispiel menschlicher Grösse gab in hellen und dunklen Tagen. Einer, der Marie sehr lange und sehr gut kannte und in der Arbeit und in Freundschaft mit ihr verbunden war, ist John Caspary, der aus CaliBxixxXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX* XX* X* x* x* x* x* x* XXXX fornien schreibt: - " Es war die Natur von Marie, zu helfen, wo immer sie glaubte, helfen zu müssen. Als ich es war vielleicht im Spätsommer 1933- aus Paris nach Saarbrücken kam, um dort mit meinem alten Freund Emil Kirschmann und mit Wilhelm Sollmann Angelegenheiten der Zeitung' Freiheit zu besprechen, führte mich Emil am Abend zu Marie, die mitten in der Arbeit war, politischen Emigranten, die nach Saarbrücken geflohen waren, eine Art Heim zu schaffen. Für marie war, was sie dort tat, eine solche Selbstverständlichkeit, dass sie kaum darüber reden wollte.' Es muss doch etwas für diese Menschen unternommen werden', so oder so ähnlich waren ihre Worte, als ihr Schwager Emil mir gegenüber betonte, elches Maß von Arbeit auf ihr lastete. - Wo Licht ist, da ist auch chatten. Marie konnte manchmal bitterer werden, als es die Gelegenheit forderte. Ich weiss aber auch, dass sie danach sehr darunter litt. Ich erinnere mich noch ihrer harten Worte, die sie für Otto Wels und die anderen Mitglieder des emigrierten Parteivorstandes fand, der wie sie mir sagte- sie einfach ausgeschaltet habe. Dass sie in ihrer Kritik am Parteivorstand und in ihrer Verbitterung über die Behandlung, die ihr seitens des Parteivorstandes zuteil geworden war, zu weit ginge, habe ich ihr wiederholt offen gesagt, und ebenso, dass ich ihre Bewunderung für den Mann, der sich besonders ablehnend gegen den Parteivorstand äussere, nicht begreifen könne." Obwohl John Caspary einer der wirklich guten und engsten Freunde von Marie war, muss er zugeben: " Ich habe Marie fast vier Jahrzehnte gekannt, und ich darf wohl sagen, dass ich mich zu ihren Freunden zählen durfte. Und doch weiss ich so wenig, das dazu beitragen könnte, das Wesen von Marie Juchacz deutlicher werden zu lassen. Ich weiss genug über ihren politischen und <-266beruflichen Weg. Aber Einzelheiten aus der privaten Atmosphäre sind mir kaum bekannt. In den fast vierzig Jahren, die ich Marie gekannt habe, hat sie nur ein einziges Mal über ihre Ehe zu mir gesprochen, und was sie mir sagte, war so vertraulich, dass ich das nicht wiedererzählen kann und will. Dasselbe trifft zu auf das Verhältnis, das Marie zu ihrer Tochter Lotte und zu ihrem Sohn Paul hatte. Dass sie- wenn sie es auch nicht zu zeigen versuchte- darunter litt, dass ihr sohn Paul, zu dem sie ein wärmeres Verhältnis hatte als zur Tochter, in seiner eigenen privaten Sphäre nicht recht glücklich wurde, kam hier und da zum Durchbruch, und dem Autor der Biographie wird auch das sicherlich bekannt sein." Selbstverständlich sind dem Bearbeiter dieser Biographie viele Einzelheiten bekannt, die nicht nur auf das Verhältnis von Marie zu ihren Freunden und Mitarbeitern, sondern auch auf xxx die Beziehungen zu ihren Kindern ein besonderes Licht werfen. Diese Dinge wurden, so weit sie bisher von Wichtigkeit waren, mit der Diskretion gestreift, die der sachlichen Arbeit an diesem Buch zuträglich und der Diskretion, mit der Marie diese Dinge selbst behandelt und erwähnt hätte, nicht abträglich war. Au serdem spielen viele Einzelheiten, die soer angedeutet wernoch den sollen, im chronologischen Ablauf der Ereignisse erst sehr viel später eine wenn auch nicht ausschlaggebende, so erwähnenswerte Rolle. doch S Als Marie Juchacz emigrierte, blieb ihre Tochter Lotte in Deutschland, wo sie unmittelbar nach der Machtübernahme Hitlers ihr letates Juristenexamen ablegte, und dies vor einer Prüfungskommission, deren Vorsitzender der später berüchtigte Staatskommissar Freisler war. Dass Freisler schon damals die familiäre Herkunft seines Mandanten und danit die politische Belastung der Mutter kannte, und die methoden der Sippenhaft und sippenbestrafung schon zu Beginn des' Dritten Reichs' als üble Gepflogenheiten der Erpressung geübt wurden, bekräftigt nur, dass Lotte Juchacz eine gehörige Portion Mut aufbrachte, als sie sich dieser Kommi sion stellte. Ausserdem war ihr die nicht sehr dankbare Aufgabe zugefallen, das in Berlin- Köpenick vereaist zurückgebliebene und zerstörte Häuschen zu verkaufen, was nicht ohne Schwierigkeiten möglich war und schliesslich xxEK- wenn auch gegen einen Spottpreis gelang. Ferner gab es noch die Wohnung in Köln- Klettenberg, die bis 1933 weiterbestand und ebenfalls aufgelöst werden musste. Dass Lotte Juchacz mit diesen Abwicklungsarbeiten in Deutschland alleingelassen wurde, hat sie ihrer mutter nie zum Vorwurf gemacht. 75 267Dass sich Kinder, wenn sie erwachsen sind, gerne und in den meisten Fällen von ihren Eltern nicht nur äusserlich, sondern auch menschlich entfernen, ist kein Einzelfall, der nur auf Lotte Juchacz zutrifft, sondern gehört zu den zwangsläufigen Entwicklungs- und erscheinungsformen des menschlichead Daseins. In diesem Falle umsomehr, als sich Lotte zu einer inzelgängerin entwickelte, die es schon in jungen Jahren den Menschen, mit denen sie auch privat zusammenkam, schwer machte, engeren Kontakt zu finden. Wer wie der Autor- Mutter und Tochter sehr gut kennt, sieht darin keine menschliche Tragik, sondern eher Ähnlichkeiten, also gleichnamige seelische, geistige und menschliche Pole, die sich bekanntlich nicht anziehen, sondern abstossen. Wenn Lotte es fertigbrachte, während der ganzen Nazizeit ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin nachzugehen ,, ohne ein Jota ihrer Meinung und Überzeugung preis zugeben, und wenn sie trotz allem zwar nicht unbehelligt, aber ungeschoren blieb, verdient das Anerkennung genug. Das Verhältnis von Paul zu seiner Mutter und umgekehrt war deshalb freundlicher, weil Paul schon während seiner Kindheit durch die vielen Unglücke, die er hatte, zum Sorgenkind geworden war. Als dann Paul in Saarbrücken seiner Mutter zur Hand ging und mit seinen grossen und starken Landwirts- Händen schwerbeladene Porzellan- Tabletts von der Küche in den Speiseraum trug, den Emigranten und Flüchtlingen das Essen servierte und sich überall dort, wo es notwendig war, nützlich erwies und zupackte, ohne eine Wort darüber zu verlieren, entwickelte sich zwischen dem erwachsenen Sohn von 26 Jahren und seiner Mutter ein neues menschliches Verhältnis, das vorher durch die ständige und lange Abwesenheit Pauls aus dem Elternhaus ein wenig gelitten hatte. Marie hatte in Paul für ihren Mittagstisch die beste Hilfe, und trotzdem bemühte sie sich, eine bessere Tätigkeit für ihn zu finden, obwohl sie wusste, dass ihre eigene Arbeit dadurch noch mehr anwachsen würde. Emil bemühte sich gleichermassen, bis es den beiden gelang, Paul auf dem Gutsbetrieb eines saarländischen Parteifreundes als Verwalter untergehen zubringen. Orne zu ahnen, welchen Leidensweg seine Mutter noch subick lagen würde, legte Paul damals die Grundsteine für die Brückenpfeiler, über die Marie Juchacz später aus der amerikanischen Emigration nach Weissenthurm auf das von Paul verwaltete Nette- Gut zurückkehren konnte. -268Die ersten USA- Stationen +++ Aus keiner Unterlage aus der saarländischen, südfranzösischen oder Martinique- Emigrationszeit sind Einzelheiten zu entnehmen, die von den vielen und unendlichen Schwierigkeiten erzählen, mit denen Marie zu kämpfen hatte. Sie selbst hat nie etwas darüber geschrieben, und nur ganz selten davon xxxäkkk gesprochen. Dass sich Marie, zusammen mit einer kleinen Emigrantengruppe, einmal wochenlang in den Pyrenaen verbergen und von mühselig zusammengetragenen Brosamen ernähren musste, ist von ihr nur einmal ganz nebenbei erwähnt worden. Dass sie, als sie in Martinique den französischen Dampfer' Duc d'Aumal' bestieg, als Gepäck nur eine Handtasche und ein Netz bei sich hatte, war niemals erwähnenswert. Als Marie an einem der letzten Tage des Septembers 1940 auf dem USGeharal- Konsulat in Marseille vorsprechen und sich Fingerabdrücke abnehmen lassen musste, glaubte sie, in wenigen Wochen alles überstanden zu haben. Es war gut, dass sie diesen Glauben hatte. Hätte sie zu dieser Zeit die Schwierigkeiten gekannt, die ihr nicht nur in Europa, sondern auch noch in den Vereinigten Staaten begegnen würden, wäre es vielleicht mit ihrer Kraft zu Ende gewesen, entgegen der Meinung ihrer Freunde, die ihre Standhaftigkeit und Zuversicht bewunderten und sich daran ein Beispiel nahmen und selbst aufrichteten. 7 +++ Neun Wochen brauchte die' Duc d'Aumal', bis sie endlich, am 29. Mai 1941, in New York Harbour einlief. Wer von den Freunden der saarländischen und französischen Emigrationszeit abkömmlich war, hatte sich einRobert Emily gefunden. Ganz vorne am Pier standa Kirschmann, und gein Bruder von/ Rabatt, der oven im Jahre 1926 aus Idar70berstein an der Nahe ausgewandert und schon sehr bald tiger amerikanischer Staatsbürger geworden war. Bruder Robert hatte es als selbstverständlich angesehen, dass Marie und Emil erst einmal zu ihm nach Meriden kommen würden, um zur Besinnung zu kommen. Alles andere würde sich dann schon finden. Robert Kirschmann und seine Frau Ida waren damals mit drei Sähnen in die USA gekommen, hatten sich nach vielen Mühen eine Existenz aufgebaut und ein wenn auch nicht üppiges, so doch befriedigendes Auskommen gefunden. Während einige der Emigranten, mit denen sie zuletzt in Marseille war, das französische Ausreise- Visum erhielten, musste sie mit* inigяn anderen Schicksalegenossen einen umständlicheren und anstrengenderen Fluchtweg nehmen, der sie nach Martinique brachte, wo sie vier Wochen lang in einem Lager leben musste. DANN erst konnte sie auf ein Schiff gehen. -269My Obwohl im Huas von Robert Kirschmann zeitweilig fünf Menschen zusammen leben mussten, kam es auf diesen Zuwachs ja nicht an, denn es würde bestimmt nur ein Übergangs zustand sein. Es muss noch erwähnt werden, dass sich in den saarländischen und französischen Emigrationsjahren ein Mensch dichter an Marie und Emil angesch ossen hatte: Kaete Fey, eine einzuleiten / und Kaete Fey / bei Emils Bruder Robert und seiner Frau Ida Marie'Emil waren vorerst zwar/ gut aufgehoben, aber doch von der Unruge getrieben, Schritte zu unternehen, um möglichst schnell an den Aufbau einer Existenz in Angriff zu nehmen. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass erst einmal die Verwaltungsbürokratie der USA über sie hereinbrechen und sehr viel Zeit beanspruchen würde. Mit einem provisorischen Visum waren sie angekommen als Deutsche oder Staatenlose-, und die USA befanden sich mit Deutschland in Ariegszustand. So wurden sie zuerst einmal als" alien enemies" registriert, mit beschränkter Aufenthalt genehmigung und ebenso beschränkter Bewegungsmöglichkeit. Das hinderte sie aber nicht, sofort Erkundigungen einzuziehen, um festzustellen, wo sich Freunde von früher befinden könnten. Einer dieser Freunde, Wilhelm Sollmann, den Marie ja schon aus ihrer ganz frühen Zeit in Köln kannte, hatte eine Professur an einer Quaeker- Universität in Pendle Hill. Der Kontakt zu ihm war sehr schnell hergestellt, und Sollmann informierte umgehend Hertha Kraus, die beim" American Friends Service Committee" in Philadelphia in Pennsylvanien als" Consultant" tätig war. Ma ries und Emils alter Freund, Hans Hirschfeld, hatte sich in dieser Zeit ebenfalls mit Hertha Kraus in Verbindung gesetzt, um fest 270zustellen, welche Berufsmöglichkeiten es für Marie und Emil geben könne te. So schrieb Hertha Kraus am 14. Juli 1941 ihren ersten Brief an Marie: 6 " Liebe Marie Juchacz, eben höre ich von Sollmann, dass Sie und Emil Kirschmann nun wirklich in der neuen Welt gelandet sind, sicher nach den schwersten und Strapazen und Aufregungen. Heute nur einen kurzen, herzlichen Willkommens gruss Ihnen beiden. Ich hoffe, sie bald einmal in Ruhe zu sehen. Hans Hirschfeld, der selbst mit eigenen Sorgen angefüllt mich aufsuchte und sich erkundigte, welche Berufsaussichten es für Sie gäbe, habe ich gesagt, dass ich überzeugt rei, dass Sie als ehrlicher und klarer Mensch eine schönfärbende Ausserung verachten würden. Als ersten- und wichtigsten- Schritt habe ich die Beherrschung der Landessprache betont. Alles andere muss in Ruhe überlegt werden. Ich wünsche Ihnen und EmilX Kirschmann einen leichten und guten Anfang." Am 26. Juli 1941 antwortete Marie Juchacz: " Liebe Frau Doktor Kraus, ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeiler, die Sie mir über Wilhelm Sollmann zugehen liessen. Ich möchte nicht auf die einzelnen Dinge eingehen, die mir Hans Hirschfeld erzählte. Er meinte es gut mit mir und wollte mich vor einer Enttäuschung bewahren. Dass ich den Eindruck hatte, als unwillkommener, überflüssiger und unbequemer Gast dieses Landes angesehen zu werden, wirkte- ich befand mich in diesen Tagen sowieso in einem Zustand tiefster Depression( und bei allen Neuankommenden ist das nur nach Lage und Temperament XXXXXKIE graduell verschieden) so niederschmetternd auf mich, dass ich meine Absicht, Ihnen bald nach meiner Ankunft zu schreiben, nicht durchführen konnte. Es war nicht etwa die Zerstörung irgendwelcher materieller Hoffnungen, sondern eine tiefe menschliche Enttäuschung, die mich so schmerzte. Das ist ein Artikel, von dem ich nicht mehr viel vertragen kann, aber das ist jetzt aus dem Wege geräumt. Emil Kirschmann und ich danken Ihnen herzlich für Ihren Willkommensgruss. Wir leben vorläufig hier in Meriden in Connecticut im Hause von Emils Bruder Robert Kirschmann. Dass Robert seinem Bruder sein Heim und seine Existenzmittel zur Verfügung stelle, ist bei dem Verhältnis zwischen den beiden Brüdern selbstverständlich. Dass er, seine Frau und seine drei erwachsenen Söhne Freundschaft, Gastlichkeit und Hilfsbereitschaft in so grosszügiger Weise und angenehmer Art auch auf mich ausdehnen, schätze ich dankbar ein. Dass ich hier sein kann, erspart mir die sonst unausbleiblichen Bitterketten des Emigrant nschicksals in New York und bewahrt mich vor der grossen menschlichen Einsamkeit. Ausser uns beiden gibt Robert Kirschmann auch noch einem jungen Mädchen, das mit uns gekommen ist, Obdach und Nahrung. Davon schreibe ich noch weiter unten. · <- 271Meine Tage sind angefüllt. Morgens und abends lerne ich Englisch. Dazwischen mache ich mich im Haushalt und an der Nähmaschine nützlich, u.a. auch durch das Ändern geschenkter Kleider für mich. Ich will an der Nähmaschine auch meine Kräfte üben, um selbst ein Urteil über meine Leistungsfähigkeit in praktischer Arbeit zu bekommen, muss aber doch bis jetzt feststellen, dass ich nicht genügend mehr kann, um das etwa als Grundlage für einen Beruf zu machen. So kann ich im Augenblick noch nicht sagen, was ich wohl anfangen könnte, um mich mit meinen jetzt mit Aussicht auf Erfolg wieder auf eigene Füsse zu stellen. In New York haben mich einige Freunde auch zu einem Committee geschickt, zum American Committee for Christian Refugees'. Das waren Dinge, die mir neu und schrecklich waren. Ich kam dort zu einer Miss Day und 62 Jahren muss - obwohl ich noch immer nicht mit meiner' inneren' Situation fertig bin sagen und sachlich feststellen, dass die menschliche Art der Dame geradezu vorbildlich genannt werden muss. Der praktische Erfolg meiner Besuche bei ihr war, dass man Verständnis zeigte,**** ich lieber dass in Meriden leben wollte als in New York. Man gab mir sogar ein Taschengeld für einen Monat und empfahl mich hier an das' Committee Welfare Association'. Generalsekretärin ist eine Miss Firestone. Ich schreibe Ihnen das so ausführlich, weil die Dame bei der Frage nach etwaigen Verbindungen, die Emil Kirschmann und ich haben, auch Ihren Namen nannte. Kennen Sie Miss Firestone? Ich bin sehr froh über die Empfehlung von New York hierher, weil ich noch in einer ganz besonderen Verlegenheit war. Man bezahlt mir eine ziemlich hohe Zahnarztrechnung. Sie werden sicher verstehen, dass ich durch den schlechten Stand meiner Zähne sehr gehemmt war. Das Selbstgefühl leidet sehr, wenn man nicht in Ordnung ist. sie - Miss Firestone will uns auch einen Sprachunterricht vermitteln. Die öffentlichen Kurse hier beginnen erst zum Winter. Wir wären natürlich froh über eine solche Hilfe. Wenn Sie nun auf Grund dieser Mitteilungen noch irgend einen guten Rat geben könnten, würde ich Ihnen herzlich dankbar sein. Vielleicht ist es Ihnen im Falle Kaetle Fey noch leichter, zu xxxx raten:* x* x* xx lebt mit uns zusammen in dixxxxxxxxxxxxxxxxxdXX gemeinsamen Haushalt seit dem Sommer 1935. Ich füge einen Lebenslauf bei, aus dem alles not endige zu ersehen ist. Miss Fey möchte sich gerne als Krankenpflegerin betätigen und ausbilden lassen. Sie kennt die Schwierigkeiten, die sich für diesen Beruf in diesem Lande ergeben, insbesondere, welcher Bildungsgang gefordert wird. Aber es soll auch Ausnahmen geben. Miss Fey hat bereits Verbindungen in New York angeknüpft. Wenn, dann wird frühestens zum Spätherbst etwas zu machen sein. Vielleicht haben Sie im Rahmen Ihrer Organisation die Möglichkeit, einen nützlichen Rat <-272zu geben. Der Brief ist sehr lang geworden. Dabei ist noch lange nicht alles gesagt, was mich eigentlich zu sagen drängt. Doch will ich es für heute bei diesen persönlichen Dingen bewenden lassen." Zbei zum grössten Teil Dieser erste von Marie Juchacz ausgestreckte Fühler, festeren Boden unter den Füssen zu bekommen, zeigt besser als jeder Kommentar die Ehrlichkeit und Nüchternheit/ der Beurteilung der eigenen inneren und äusseren Lage. Bei familiären Gesprächen im Hause von Robert Kirschmann kam schon zwar des öfteren zum Ausdruck, dass die Emigranten, die 1935, oder etwas später, nach Amerika gingen, unter ungleich günstigeren Bedingungen ine Existenz aufbauen konnten, denn da waren sie Flüchtlinge, die unter Lebensgefahr erst Deutschland und dann das von den Nazis heimgesuchte übrige Europa verlassen hatten und mit offenen Armen aufgenommen wurden. Diese Emigranten waren inzwischen, noch vor Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg, amerikanische Staatsbürger geworden, hatten gute Stellungen als Professoren an Universitäten, als wissenschaftliche und organisatorische Experten oder auch als Geschäftsleute gefunden. Diese Feststellungen wurden ohne jeden Neid getroffen. Im Gegenteil: Marie sah darin die grösseren und besseren Möglichkeiten, jetzt unter diesen ******* к neuen, für heutige. Emigranten wesentlich erschwerten BedingunXÄXXAKAN gen gute Hilfe zu erhalten. Wie spärlich diese Hilfe sein sollte, ahnte sie nicht, und noch viel weniger wusste sie, dass es ausschliesslich auf die eigene Initiative ankommen würde. Möglichkeiten boten sich im Laufe der nächsten Zeit in grosser Menge an, aber die Voraussetzungen dafür, etwas daraus zu machen, waren nie erfüllt. e Einen Monat später, Ende August, antwortet Hertha Kraus: " Ich bin sehr froh, dass Sie und Ihre beiden Fahrtgenossen nicht in dem Gewühl New Yorкs zu bleiben brauchten, sondern in dem kleinen Meriden ein Stückchen Behaglichkeit und menschliche Wärme, fernab vom Großstadtgewühl, gefunden haben. Es ist keine angenehme Arbeit im Anfang, die ungewohnte Sprache zu meistern, aber doch die Voraussetzung für alle Wirksamkeit in diesen Lande.- Ich würde Sie sehr gerne wiedersehen. Im persönlichen Gespräch lässt sich viel besser überlegen, was Sie vielleicht anfangen können, um möglichst unabhängig zu werden. Es ist ja auch schon mehr als acht Jahre her, dass wir uns zuletzt sprachen, und viele neue Dinge und Eindrücke sind auf uns alle eingestürmt. Würde es Sie interessieren, für ein bis zwei Wochen in unsere sehr schöne Gegend zu kommen, zwei Stunden von New York entfernt, wo ich vielleicht für Gastfreundschaf sorgen könnte. Für Kaete Fey schreibe ich auf besonderem Bogen." 273Wovon hätte Marie die Fahrt zu Hertha Kraus bezahlen sollen? Von dem wenigen Taschengeld, das sie von Miss Day vor längerer Zeit bekommen die hatte und des xxx für ganz kleinen Dinge des Alltags schon längst draufgegangen war? Oder sollte sie Emils Bruder um ein kleines Darlehen bitten, das sie vorerst nicht hätte zurückzahlen können? Es würde sich schon ein Weg finden, dachte Marie, und so verabredete sie ein Treffen mit Hertha Kraus in der Zeit ab lo. September. Den Aufenthalt in New York benutzte Marie dazu, auch eine ehemalige Bekannte, Frau Geck, aufzusuchen: " Ich war in Mannheim öfter ihr Gast und mochte sie sehr gerne. Sie hatte viele Jahre ein gut florierendes Modeatelier und konnte technisch und geschäftlich sehr viel." Marie dachte im Stillen daran, den ersten Anfang, etwas Geld zu verdienen, mit Naharbeit zu machen. - " Eine ganz leise Hoffnung habe ich still begraben müssen. Frau Geck lebt bei Tochter und Schwiegers ohn selbst Emigranten- und verdient sich ein kleines Taschengeld mit einer ganz elend bezahlten Heimarbeit. ebenfalls hinführ Die Unterhaltungen mit Hertha Kraus in Bryn Mawr College, wo Marie vat Mettwa, hatten zumindest dazu geführt, den menschlichen Kontakt zwischen Marie und Hertha Kraus durch das persönliche Begegnen nicht nur wiederherzustellen, sondern auch zu vertiefen. Hertha Kraus gab ihr eine Empfehlung an das New Yorker Büro der" American Friends" mit. " In diesem Büro begegnete man mir mit grossem Verständnis, doch schien es mir, als ob sich die Dame, mit der ich mich unterhielt, sich nicht viel von einer Arbeitsvermittlung für mich verspreche. Sie brachte von selbst das Gespräch auf das IOWA HOSTEL und meinte, es seien im Augenblick acht Personen dafür vorgemerkt, die auf Platz warteton. Von irgendwelchen Kosten haben wir nicht gesprochen. Ich habe ihr nur gesagt, dass ich völlig mittellos bin. Ob ich nun als Neunte zu den acht Wartenden gekommen bin, weiss ich nicht." Aus allen weiteren Empfehlungen in New York wurde nichts, in erster Linie deshalb, weil Marie bis jetzt nur wenige Worte Englisch beherrschte. Langsam und zähflüssig liefen Maries Bemühungen weiter, bis sie von der Dame des New Yorker Büros der' American Friends" XXXXXX am 11. Oktober die Mitteilung erhielt: " Wir sind sehr erfreut, dass Sie Interesse an einer Gaststelle im Iowa Hostel haben. Es erscheint uns, dass ein Aufenthalt in diesem Hostel Ihr -274Bestreben, englisch zu lernen und amerikanische Gebräuche kennen zu lernen, von grösstem Wert ist. Es kann aber November werden, bis Sie sich dorthin begeben können. In der Zwischenzeit werden wir in unseren Bemühungen nicht nachlassen, für sie einen Platz zu finden, wo Sie englisch lernen und Dienst im Rahmen Ihrer körperlichen Fähigkeiten le sten können. Macrie legte nun aber nicht die Hände in den Schoß, sondern arbeitete: " Montags, Dienstags und mittwochs gehe ich jetzt hier in die Abendschule, wo ich aber leider nicht die schnelle Förderung erfahren kann, die ich mir wünsche. Die Teilnehmer zu Beginn der Aurse sind zu einem grossen Teil schon länger im Land, manche sogar schon Jahrzehnte. Sie können alle so viel englisch sprechen, wie für den+ ages gebrauch notwendig ist. Sie können daher ohne Mühe die- ausgezeichnete- Lehrerin verstehen. Aber die wenigsten können lesen und schreiben. Daher wird ein grosser Teil der Lehrkraft von diesen elementarsten Notwendigkeiten in Anspruch genommen. Miss Firestone glaubt ater, mir helfen zu können, denn sie hat mir in Aussicht gettellt, dass ich an zwei Abenden in der Woche noch Einzelunterricht haben kann, bei einer Dame, die auch etwas deutsch spricht, sodass ich ihr sagen kann, worauf es mir ankommt." Am 20. Oktober 1941 schreibt Hertha Kraus an Marie: " Ich glaube, es besteht gute Aussicht für Sie, in Scattergood Hostel aufgenommen zu werden, trotz der Warteliste, und ich bemühe mich, diese Angelegenheit zu regeln. Es war ein guter Entschluss, dass Sie sich für einige Monate in Scattergood entschieden haben." Trotz der guten Aussichten mit Scattergood vertrat Emil Kirschmann den Standpunkt, noch mehr Eisen ins Feuer zu legen. Als er nach New York fuhr, um in eigener Sache Fühler auszustrecken, sprach er auch bei Miss Day vom American Committee for Christian Refugees vor, die ihm eine Möglichkeit in Montclair unterbeitete, wo eine Gruppe von Menschen bereit war, Flüchtlingen zu helfen, und sei es nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Platz in Scattergood frei würde. Aber Montclair zerschlug sich. Raxx Hinzu kam neue Unruhe, weil die Aufenthaltserlaubnis für Marie, Emil und Käte Fey ablief. Auch hier/ sprang Miss Helen Day wieder ein, bearbeitete die' application forms', tippte sie, liess sie im Postweg unterschreiben und schickte sie an" The Honorable Commissioner of Immigration and Naturalization, Ellis Island, New York Harbor, New York." <- 275Es war bedrückend für Marie, so lange und zu Dritt- dem Bruder Emils zur Last zu fallen. Seit der Ankunft der' Duc d'Aumal' waren inzwischen über sechs Monate vergangen, Marie, xxd Emil und Kaete hatten schon sehr gute Fortschritte in der englischen Sprache gemacht, was sich bei Marie dadurch verriet, dass sie in deutschen Briefen englische Satzstellungen gebrauchte und beim Sprechen englische Worte- völlig unbewusst mit eingliessen liess.- Wenn Marie sich nicht im Haushalt von Robert nützlich machen konnte, sass sie an der Schreibmaschine, um unterstützt von Emil und Käte- Briefe zu schreiben, Gesuche und Formblätter zu entwerfen und auszufüllen. So ging das Jahr 1941 zu Ende, und das neue begann, ohne dass sich etwas Besonderes ereignet hätte. Doch, eine Änderung hatte es gegeben: Emil Kirchmann und Käte Fey hatten beschlossen, dem Bruder wenigstens die Sorge um si beide abzunehmen, und waren nach New York gegangen. Marie hatte sich entschlossen, noch zu bleiben, weil ja jeden Tag die Entscheidung für Scattergood fallen konnte. Die Möglichkeit, vorübergehend zu Ereun den nach Navy Yard zu gehen, scheiterte daran, weil dieser Bezirk wahrscheinlich aus militärischen Gründen für Fremde, - also für Ausländer, gesperrt war. Die Mitteilung, die Marie kurz zuvor von Helen Day erhalten hatte, dass nämlich die Beschränkungen für' aliens enemies' bald aufgehoben oder **** andere klassifizierungen erfolgen würden, sodass sie" einige Zeit nach dem ersten Tag im neuen Jahr" nach Scattergood reisen könne, war zwar tröstlich, erwies sich aber als trügerisch. Im Scattergood- Hostel bei lowa] Als sich Marie entschliessen wollte, das Angebot einer Professorin in Wellesley College, einer der berühmtesten Frauen- Universitöten der Staaten, anzunehmen und bei ihr bis April zu bleiben, kam plötzlich die Entscheidung, dass sie nach Scattergood fahren könne. Auch hier war es wieder Helen Day, die alle Formalitäten vorbereitete, alle Einzelheiten klärte, auch die Reisekostenfrage löste, sodass Marie am 26. Januar in Scattergood eintraf, wo sie gleich einen Brief von Hertha Kraus vorfand: " Nur ein kurzer Willkommensgruss, um Ihnen das Beste für Scattergood und auch für später zu wünschen. Hoffentlich war die lange Reise nicht zu anstrengend, sodass Sie den Wechsel der Szenerie wenigstens etwas geniessen konnten. Scattergood und das Leben im Hostel wird Ihnen am Anfang vielleicht etwas seltsam vorkommen, aber ich weiss, dass Sie es in Ihrer Art verarbeiten, als eines der zahlreichen Abenteuer unseres Lebens. Alle Freunde in Scattergood werden Ihnen natürlich behilflich sein, und fragen Sie ruhig, wenn es etwas zum Fragen gibt. Bitte blei as Ima Боо swadat dod eVente ma tadndow dot redated net dol sb 16 xxx tod ea IdembredA bau dostats tim remmiS Jaeb dim as el ante mados fed on - 276ben Sie mit mir in Verbindung. Von allen Freunden in Bryn Mawr und Pendle Hill sollich herzlich grüssen." über ihr vorläufiges Asylin Scattergood, So sehr sica Marie freute, so unangenehm war ihr der Beigeschmack, der dieser Reise dadurch anhaftete, dass sie nur mit einem " Enemy alien - travel permit", notariell beglaubigt und auf sechs Monate Abwesenheit befristet, fahren konnte, und dass sie verpflichtet war, sich sofort nach Ankunft beim' United States Attorney' in Des Moines in der Nähe von Scattergood zu melden. Sie stand- in diesem freien Land ständig unter Kontrolle und konnte ohne Erlaubnis keinen Schritt unternehmen. Cmitfühlende Andererseits war sie tief berührt besonders durch die Art von Helen Day(" Nach jeder bösen Nacht ist sie der gute Tag"), die sich bis nach Scattergood erstreckte. Sie nahm Marie den ganzen bürokratischen Kram ab, der sich zwangsläufig ergab. Ihre Hinweise und vorformulierten Rubriken der Formblätter waren ein Wegweiser, ohne den sich Marie alleine niemals ausgekannt hätte. Die Daten, die aus den Wochen um die Jahreswende 1941/1942 vorliegen, sind so umfangreich, dass ihre Erwähnung in diesem Buch nicht möglich ist. Sie beweisen aber die Aktivität, mit der Marie und Emil am Werke auch waren, um nicht nur für sich selbst, sondern für viele andere Hilfe zu finden. Marie und Emil trafen sich des öfteren in New York und anderswo mit früheren Freunden, mit Grzesinski, Brauer, Hirschfeld, und während sie manchmal selbst nicht wussten, woher sie etwas Geld bekommen könnten, dachten sie an andere, die in der gleichen misslichen Lgge waren. Diese Bemühungen hörten auch nicht auf, als Marie in Scattergood ankam und sich sofort in die Arbeit stürzte, indem sie die ihr zugewiesene haushälterischen Arbeiten ausführte und an den englischen Sprachkursen teilnahm. " Ich arbeite gerade- in englisch- systematisch ein Buch durch, es enthält zwölf stories über berühmte Leute, die sich unter Schwierigkei ten durchgekämpft haben. In englisch sollte ich einen gedrängten Bericht darüber geben. Es ging für mein Gefühl sehr schlecht, aber ich habe hart gearbeitet und werde nicht nachlassen. Letzten Mittwoch habe ich den xxx* x* x* x* x* x* x* xx frischen Bergarbeiterfilm gesehen. Nachdem waren einige von uns mit in einem Studentinnenheim zum Dinner, und dann ging es in ein Konzert zum Union University Studentenheim. Das Essen mit mehreren hundert girls in einem grossen Diningroom bei Kerzenbeleuchtung und Bedienung durch Studentinnen war aufgemacht wie eine grosse festliche Veranstaltung, aber man hatte trotzdem das Gefühl dass es der tägliche Betrieb ist. In den parlours herrscht Reichtum und Bequemlichkeit. Und von dem anderen Haus und seinem Reichstum kann <- 276ben Sie mit mir in Verbindung. Von allen Freunden in Bryn Mawr und Pendle Hill sollich herzlich grüssen."+ über ihr vorläufiges Asylin Scattergood, So sehr sica Marie freute, so unangenehm war ihr der Beigeschmack, der 24 ཤ ︽ ཉཿསྩ ། ། ། D ཀ ཨཀ 1 ཀཀ ཕབས་ པའ་ ས་ , fahren konnte, ha Munato At An Emil Kirschmann schrieb Marie noch am Tage ihrer Ankunft in Scattergood: " Nun bin ich an Ort und stelle, es hat alles geklappt. Der Wagen, in dem ich fuhr, war fast leer, er war für ladies reserviert. Die New Yorker Zeit differiert mit der in Scattergood um 55 Minuten, ich glaubte zuerst an eine Verspätung. Friedländer war am Wagen und es ging alles nach Wunsch. Ich sah und sprach ausser Friedländer und seiner Frau, bei denen ich wohnte: Louise Morgenstern alias Oppenheimer, die bis 1939 noch in Düsseldorf xxx und oft mit Lotte zusammen war. Dann: Dr. Erna Magnus, Dr. Hanna Hellinger, Martha- Eva Parker, Felix Kautsky, den ältesten Sohn. Mit den letzten Vier und Friedländers habe ich vor der Abfahrt geluncht. Dann wurde ich in den Wagen gesetzt und fuhr ab. Hier wurde ich bereits erwartet, xxx die tausend Grüsse bin ich auch schon los, und an der ersten Abendmahlzeit habe ich auch schon teilgenommen. Das Heim ist praktisch, einfach und sauber, der erste Eindruck sehr sympathisch. Ich teile das Zimmer mit der alten Frau Hackel, über die Du durch Minna informiert wurten, dachtes dest. Wie es mit der Postbestellung funktionieren wird, werde ich ja bald erfahren. Es ist zehn Uhr, und ich bin nun doch recht müde. Du wirst inzwischen eine Karte von Friedländers erhalten haben, sie wollten Dir an meiner Stelle schon vorher Bescheid geben, wie alles abgelaufen ist." " Ich arbeite gerade- in englisch in englisch- systematisch ein Buch durch, es enthält zwölf stories über berühmte Leute, die sich unter Schwierigkeiten durchgekämpft haben. In englisch sollte ich einen gedrängten Bericht darüber geben. Es ging für mein Gefühl sehr schlecht, aber ich habe hart gearbeitet und werde nicht nachlassen. Letzten Mittwoch habe ich den x* x* x* x* x* x* x* x irischen Bergarbeiterfilm gesehen. Nachdem waren einige von uns mit in einem Studentinnenheim zum Dinner, und dann ging es in ein Konzert zum Union University Studentenheim. Das Essen mit mehreren hundert girls in einem grossen Diningroom bei Kerzenbeleuchtung und Bedienung durch Studentinnen war aufgemacht wie eine grosse festliche Veranstaltung, aber man hatte trotzdem das Gefühl dass es der tägliche Betrieb ist. In den parlours herrscht Reichtum und Bequemlichkeit. Und von dem anderen Haus und seinem Reichstum kann • <- 277man Wunderdinge berichten. In den USA tut man wirklich etwas für die Jugend, und trotzdem hat man mitunter das Gefühl, als müsste man diese lachende Jugend, die dennoch Fischblut in den Adern zu haben scheint, in aller Freundschaft wachrütteln, um ihnen von der Welt zu erzählen, wie sie wirklich ist, um sie vor einem späteren, weit schrecklicheren Erwachen zu bewahren." Marie sieht aber in den ersten Tagen in Scattergood nicht nur die Menschen, sondern auch ihre Umgebung, entdeckt" Bäume, auf denen das Auge ausruhen kann", Siedlungen, das Land und das Vieh: - " Die Fahrt von hier nach dem akxx eine gute Stunde entfernten Iowa geht durch gewelltes Land. Hier und da sieht man einen grösseren Bauernhof, jeder hat einen Windmotor. Man sieht auch hohe, gemauerte Silos, und Schweine und Kühe sind selbst wie jetzt bei dickem Schnee draussen. Grosse, lang ausgedehnte Maisfelder das Rohr steht noch säumen die Landstrasse. Deshalb gibt es hier viel Schweine zucht. Milch gibt es überreichlich, sie steht auch hier im Heim in jeder Menge ur Verfügung. Und alles ist tiefster Friede. Fast unheimlich./ Und heute Abend wird ' Valentins Day' gefeiert." Nach knapp drei Wochen Aufenthalt in Scattergood schreibt Marie am 11. Februar 1942 an Emil Kirschmann: " Alles, was Du mir über das Lernen der Sprache schreibst, ist tröstlich, aber ich habe oft schwarze Stunden. Mein Bedarf an' Sensationen' ist reichlich gedeckt, die ihr ruhige Atmosphäre hier tut mir wohl, sehr wohl. Dagegen quält mich die Weltsituation sehr. Ich höre und lese zu wenig Unmittelbares. Radio? Es wäre schon etwas wert. Der schone Apparat im living- room wird immer dann, wenn ich mir eine freie Stunde machen kann, zum Abhören von Musik gebraucht. Ein Teil der Mitbewohner kann seinen News- Bedarf im Zimmer decken, sie haben eigene Apparate, und andere begnügen sich gerne mit dem, was sie im Vorbeigehen auffangen. Uninteressiert ist keiner, aber gerade in dieser Beziehung quält mich die Sprachhemmung doppelt. Ich bin im Unterricht, bei Tisch und bei der Abendunterhaltung gehemmt, ein Gespräch anzuschneiden oder durch Fragen dahin zu lenken, wohin ich es haben will.- Hast Du Dich in Deinen wenigen politischen Randbemerkungen nicht verschrieben? Du saget: die Achsenmächte, scheint mir, erleben einige ihrer schwarzen Tage. Mir scheint, dass es im Augenblick gerade umgekehrt ist. Aber sonst stimmt alles das, was Du schreibst, haargenau. Bob( ein Lehrer in Scattergood) ochst jetzt mit mir die unregelmässigen Verben und die Zeitformen durch. Erfweiss genau, dass ich nicht anfange zu sprechen, wenn ich das Gefühl habe, im Dunklen zu tappen.' Michaels mother told him, that she has always felt as if she were blind, for although she had eyes, she x- x. <- 278- could not read."- So ungefähr sind auch noch meine Gefühle gegenüber diesem Land und seinen Menschen." Das deckt sich mit dem, was sehr viel später aus der Erinnerung- Martha- Eva Parker- Prochownik darüber sagte: " Während des Aufenthalts in Amerika war Marie- wie viele andere Einwanderer- erstaunt über die Schwäche der sozialistischen Gruppen, denn von einer wirklichen Partei kann kaum gesprochen werden. Durch die Kriegslage und durch die soziale Gesetzgebung in der Amtszeit von Boosevelt s ielten Parteigegensätze vom Standpunkt der Arbeiter in Wahlzeiten fast nur eine Holle im Kampf gegen die Republikaner, die in ihrer Propaganda gegen den Präsidenten weit über das Ziel hinausschossen, sodass sie sich selbst schadeten. Als Ausländerin hat sich Marie natürlich einer direkten politischen Wirksamkeit enthalten. Sie war überrascht, dass in der ersten Zeit ihres Aufenthalts, als die Arbeitslosigkeit noch gross war, bis sie durch die Kriegsindustrie überwunden wurde, es in der Arbeiterbevölkerung an Interesse und innerer Bereitschaft fehlte, um am' Free Enterprice System' als solchem Kritik zu üben. Die langanhaltende Krise, die einen schlimmen Absturz in der Lebenshaltung gebracht hatte, wurde als unvermeidlich hingenommen, es wude Kritik geübt an der Hoover- Regierung, die viel zu lange nichts getan hatte, um die Notlage zu mildern und die Wirtschaft anzukurbeln. Die Kommunisten gewannen etwas Boden, aber hauptsächlich unter neu eingewanderten Europäern. Es kamen in diesen Jahren auch einige Sozialisten aus Deutschland in die USA, und sie waren erstaunt und ungläubig, wenn Marie oder andere ( so wie ich) versuchten, sie davon zu überzeugen, dass Ausführungen über Klassenkampf und Ansprache der Anwesenden als Proletarier nur Ablehnung und Missverständnis bringen könnten. Es war für Europäer schwer, zu verstehen, dass der Amerikaner ohne Rücksicht auf Arbeits- und Berufslage sich mit dem" American Way of Life" identifiziert. Er erstrebt gewisse Reformen und Verbesserungen, aber keine grundsätzliche Anderung, und lehnt alles ab, was in Europa von den sozialistischen Parteien propagiert wird. Es ist überraschend, dass an dieser Auffassung auch in den Krisenjahren festgehalten wurde." Mit dem gleichen Takt, mit dem Marie die politischen Themen im Rahmen ihrer Sprachmöglichkeiten behandelte, verfuhr sie auch mit den Menschen selbst, und als sie eines Tages einmal jemand aufforderte, doch morgens mit zum' meeting' zu kommen, ging sie aus Neugier und ein wenig innerer Bereitschaft, hin. - " Wenn ich noch sage, dass ich öfter des morgens ins meeting oder man kann auch' Andacht' sagen gehe, ist das nicht zum Lachen. Ich war ein - -279mal dort und gehe nun so oft wie möglich hin. Es ist ein leerer und kahler Raum, der nur einfache Bänke hat, mit Rückenlehnen, ebenso kahle, weisslich- graue Wände, in der mitte ein glühender ufen. Dort sitzt man ganz still. Jeder denkt, an was er will, an seinen Gott, an den verganggaen Tag oder an den, der kommen wird. Wenn die Viertelstunde oder zwanzig Minuten( ich habe noch nie nach der Uhr gesehen) um sind und man tritt ins Freie, dann ist man wunderbar erfrischt und ausgeruht. Oft steht dann unmittelbar vor Dir der grosse, auf ehende Sonnenball in der weiten, schweigenden Schneelandschaft, und Du siehst diese Schönheit und mpfängst sie wie ein Geschenk. Es erfüllt mich mit starker Freude, dass ich das noch immer so aufnehmen kann. Jetzt, beim Schreiben, kommt mir der Gedanke, wie klug es doch ist, ein solches meeting einzurichten, in das alle gehen können. Es ist der Ausdruck einer klugen Toleranz, mehr lebensklug und wissend, als fromm. Unter den Gästen in Scattergood befand sich auch ein Ehepaar Adler: " Er ist Arzt, es fehlt ihm ein Bein, er trägt eine Prothese. In Frankfurt hat er praktiziert und war dann in Paris, wo er draussen in der Turmsiedlung wohnte und Otto Wels bis zum Tode behandelt hat. cgläubiger, Da Adler ein güdischer Arzt war, interessierte es Marie, wie das kirchliche Problem mit diesem Manne gelöst würde: " Mehr als irgendwo, noch mehr als zum Beispiel in Meriden, ist die Kirche gesellschaftlicher Zentralpunkt. Die whist- und Bridge- Party, gesellige Veranstaltungen aller und jeder Art, Versammlungen usw. gehen von der Kirche aus. Im Ort hier sind zwei Kirchen verschiedener Art, und sie tauschen freundschaftlich ihre Pfarrer aus. Als Adler sagte, dass er Jude sei, war die Antwort:' Aber das macht doch nichts, uns stört das nicht, es kann jeder zu uns kommen! Das sieht aus wie eine gelächelte Selbstverständlichkeit und Toleranz, und ist doch im Grunde vielleicht keine, denn ebenso lächelnd und ohne weiter darüber zu eifern werden sie dann den Betreffenden in seiner Einsamkeit belassen." Wenn Menschen- so wie Marie in eine in sich abgeschlossene Sphäre kommen, stürzen sie sich begreiflicherweise auf alle Einzelheiten, auch auf die nebensächlichsten, um damit die Lücken auszufüllen. Wenn man die Briefe von Marie an Emil aus dieser Zeit durchliest- sie sind zum grössten Teil erhalten-, bekommt man nicht nur eine Vorstellung von Scattergood, sondern auch vom problemerfüllten Einzeldase in aller Einwohner. Marie machte aber mit ihren Briefen insofern eine Ausnahme, als <-280Tratschereien sie keine kleinen und unbedeutenden Tatsachen berichtete, sondern alles, was ihr begegnete, sofort in Beziehung zu bringen versuchte zu allgemeingültigen Problemen. Auf der anderen Seite freute sie sich, etwas zu haben, worüber sie schreiben konnte, und wennes auch nur die beiden Hunde waren, die sich im Hause aufhielten: " Bei einer Abschiedsparty gaben unsere beiden Hunde Hunde das stand natürlic nicht im Programm eine Sondervorstellung: Mckushla, der junge Purzelbaumschläger und Macy( da zu machte Marie eine kleine, drollige Zeichnung), ein schwarzer, ganz kurzbeiniger, heuchlerisch- würdiger Knabe. Sie kamen in so ulkiger und possierlicher Art ins Spielen und Jagen, dass die ganze Gesellschaft sich köstlich amüsierte. Wenn irgend jemand von uns grossväterlich- oder mütterlichen pupils spazieren geht, ist Macy stets dabei, aber er tut so, als ob man ihn nichts angeht. Er spaziert voraus, oder hinterher, ohne sich mit Dir einzulassen." eu In den März- Tagen, in denen Marie dies niederschrieb, starb in New York Toni Wels, die Frau von Otto Wels. An Emil schrieb sie:" Zum Tod von Toni Wels und allen damit zusammenhängenden Dingen möchte ich nichts mehr sagen. Du wirst mir- hoffe ich noch Eindrücke vom Begräbnis vermitteln. Dein Brief sagte mir, dass wir in der Beurteilung von Menschen und Dingen ganz konform gehen." Einer dieser Briefe enthält auch das durchschnittliche Tagesprogramm, das Marie in Scattergood absolvieren musste: " Um sieben Uhr stand ich auf. Bis Viertel vor acht war ich, gewaschen und gebraust, am Frühstückstisch. Inzwischen lüftete das Bett. Nach dem Kaffee: Bettmachen, meeting, dishes washing( Geschirrspülen), Staub in unserem Zimmer wischen, dann war es neun Uhr. Von 9 bis 12 Grammatik gearbeitet und gelesen. 12 bis 12.15 unser Badezimmer geputzt( beide Dinge, Geschirr und Bad, sind mein Wochendienst). Dann zum Essen fertig gemacht. 12.30 gab's lunch. Von 1 bis 2 hatte ich Stunde bei Bob. Von 2 bis 3 habe ich für die Phoneticstunde gearbeitet, von 3 bis Viertel x nach vier war Phoneticunterricht bei jean. Dann habe ich mir aus der Küche eine Tasse Kaffee geholt und bin danach zwanzig Minu ten die Landstrasse entlaggelaufen. Um 5 Uhr gab Bob eine Stunde in' American cenergisch, History', er hat mir erlaubt, daran teilzunehmen, weil ich ihm sagte, dass ich nicht genügend gut, deutlich und langsam sprechen höre. Und jetzt läutet es zum dinner. Nach dem Essen: ein Vortrag über Bankwesen in Amerika'. Während dieses Vortrags werde ich stricken. Wir haben eine Menge Wolle bekommen und stricken daraus Sachen für German Refu -> - 281- gees in France. Ich hatte Gelegenheit, einen Quäkerbericht zu lesen, der davon spricht, dass die Menschen teilweise so apathisch sind, dass sie nicht mehr zur Selbsthilfe fähig sind, wenn ihnen Material irgend welcher Art zur Verfügung gestellt wird." Am 15. März 1942 wurde Marie in Scattergood 63 Jahre alt: " Der Tag verlief wie alle and ren, mit dem Unterschied, dass mir am Abend das' happy birthday' gesungen кaxda und dann gemeinsam der birthday- cake verzehrt wurde." Dafür gab es acht Tage später eine desto grössere Aufregung in Scattergood Marie schreibt am 22. März: " Hast Du schon von der Sängerfamilie Trapp gehört? Sie sind in Salzburg zu Hause, haben schon bei den Festspielen mitgewirkt und reisen nun, seit Hitler, in der Welt umher: Mann, Frau und zehn Kinder, von denen sieben mitwirken. Zwei Mädchen sind noch schulpflichtig, ein ' little Johannes' ist drei Jahre alt und wurde xxxx- gieich nacii An kunft in den USA- hier geboren. In den Konzerten wirken die Mutter( 50), zwei Söhne der älteste 30%, hat Medizin studiert) und fünf Kompanie Dr. Franz Wasner. Der Töchter mit. Ausserdem noch der Haus Vater war früher in Österreich ein bekannter Musiker, wirkt aber nicht mit, sondern arrangiert die Fahrten und begleitet die Familie. Nicht unbeteiligt an dieser Wander- Idee' soll die Sängerin Lotte Lehmann sein, die im Trapp- Haus in Salzburg, in dem immer qute Musik gepflegt wurde, verkehrte. Die Seele des Ganzen ist die Mutter, die mit viel echtem, garnicht kitschigem Charme das Wort führt und unverkennbar die Autorität ist. Sie singen und spielen klassische Musik, Chorale, aber auch Volks- songs, und jodeln können sie auch. Die ganze Familiengeschichte ist mir deshalb so geläufig, weil sie uns gerborn noch besuchten, nachdem sie gestern in Iowa ein Konzert gegeben hatten. Ein hier im Hause lebender österreichischer Musiker hatte sich nach dem Konzert seinen Landsleuten vorgestellt und der interessante Besuch der Sängerfamilie in Scattergood war die Folge. Sie platzten mitten in unseren lunch, mit dem eine Kindergeburtstagsfeier verbunden war, und der Geburtstagskuchen stand aufgeschnitten als Nachtisch bereit. Mit Kaffee. So war es zugleich eine gute und schnelle Möglichkeit, die zehn Gäste zu bewirten und wir hatten die beste Gelegenheit und Möglichkeit zur Unterhaltung und zum Ausfragen. Natürlich machten sie uns auch noch eine schöne Hausmusik, und die Mutter, die sich in den vorhergegangenen Gesprächen über das Haus und seine Insassen informiert hatte, hielt uns eine kleine Englisch- Rede über ihre Ankunft in New 282York, er ihre damalige wirtschaftliche Lage und ihren Lebenskampf, wobei sie psychologisch sehr geschickt vorging und auch den lieben Gott und Wilhelm Busch zitierte. Ein bissel Theater und ein bissel Schwindelei mag dabei mit unterlaufen sein, aber das störte garnicht, sondern gehörte im Gegenteil dazu." Wenig später hatte Marie Gelegenheit, ein typisch amerikanisches Farmerhaus zu sehen: " Es sind überall die billigen, leichten Holzhäuser, innen gut ausgestattet, mit Gasherd( wie auch in Scattergood) für Flaschengas, denn mit Holz und Kohlen in der Küche gibt man sich nicht ab. Natürlich mit Eisbox, elektrischem Kocher neben dem Gasherd, Toaströster, kurz und gut mit allem, was zu einem modernen Haushalt gehört. Unten neben der Küche drei Wohn- und Essräume, mit Sofas, Sesseln, Polster- und Schaukelstühlen. Im Essraum viele Blumen, und alles schlicht gehalten, trotz Klavier, gefüllten Bücherregalen usw. Die Schlafräume sind upstairs, insgesamt drei Doppelräume. Die Frau macht das Haus alleine, es wäre auch garnicht möglich, hier in dieser Gegend eine Hilfe zu bekommen. Auch ein Knecht, der dem Manne auf dem Acker und im Stall hilft, ist nicht da. Dabei sind diese beiden Menschen stets gut und sauber angezogen, sie könnten audi aus der Stadt zu Besuch gekommen sein. Die Frau ist immer gut frisiert und erscheint nicht im geringsten abgehetzt.- Auch das ist alles ganz anders als in Deutschland oder Europa." 1913 Neben dem ausgefüllten Tagesprogramm und xxxden immer als abwechslungsreich empfundenen Neben- Dingen Besuche im Hause, Besuche von Konzerten, Veranstaltungen, Ausstellungen, kleinen und grösseren Feiern benutzte Marie die wenigen freien- wirklich freien- Minuten, um Briefe zu schreiben. Da eie keine Schreibmaschine hatte, musste sie alles mit der Hand schreiben. Ten sie alles bedachte, ist kaum zu glauben. Sie muss halbe Nächte dafür verwendet haben. Zwischen den Briefen macht sie auch noch ihre Haus- und Vorbereitungsaufgaben für den Unterricht, sodass man den Stoßseufzer in ihrem Brief an Emil vom 17. April 1942- nach dreimonatigem Aufenthalt in Scattergood gut verstehen kann: - " Natürlich spielt sich der Wechsel der Tage für mich nicht ganz ohne Krisen ab. Wenn ich sehr müde bin und das Gefühl habe, dass nichts mehr hineingeht in den müden Kopf, sehe ich die Welt und mein Dasein schwarz in schwarz, und finde, dass es zwecklos ist, so viel Mühe an mir zu verschwenden. Einige Tage später sieht es dann wieder etwas freundlicher aus." -283Sollte es denn gar keine Möglichkeit für sie gebeny- auch wenn sie die Sprache nicht so beherrschte, wie das wünschenswert gewesen wäre-, um eine wirklich lohnenswerte und dankbare Aufgabe zu erfüllen, ohne kör perliche Anstrengung als Näherin, Hausdame oder Kindermädchen'? Die Emigranten, die in der ganzen Welt verstreut waren, standen sicher vor den gleichen Problemen wie sie und Emil. Da müsste sich doch ein Kontakt herstellen lassen, eventuell ein Netz, das im Sinne des Kampfes der Alliierten gegen Nazi- Deutschland nicht nur mit Informationen, sondern auch in anderer Form tatkräftig mithalf. Deshalb griff sie jeden auf, von dem sie hörte, schrieb an Emil, um ihm um Hilfe dabei zu bitten, denn er hatte ja in New York die Schreibmachine und konnte mit Durchschlägen arbeiten. So erklären sich die Adressen und Namen, die in Maries Briefen erwähnt werden, in Amerika, England und in der Schweiz, und es bahnen sich briefliche Unterhaltungen zwischen den Emigranten an. Fri Louise drich Stampfer, Brich 01lenhauer, Fritz Heine, Hans Hirschfeld, Hide Oppenheimer, Marie Juchacz, Emil Kirschmann, sie hören alle voneinander und jeder von ihnen hat irgendeine Idee oder Vorstellung, aber es ist vorerst doch nur ein gegenseitiges Abtasten, das zu keinem praktischen Ergebnis führen kann. Dr. Paul Herz Emil, alleine in New York, versucht, seine journalistische Erfahrung und sein Wissen um viele Dinge und Zusammenhänge in Artikel- Form für die verschiedensten Zwecke der Veröffentlichung zu fassen. Jeder Artikel geht zuerst einmal nach Scattergrod, zur Korrektur und Ergänzung an Marie. In jeder Antwort an Emil geht Marie mit kurzen und klaren Formulierungen darauf ein, wobei sie des öfteren auch an drucktechnische Möglichkeiten denkt, wenn sie zum Beispiel antwortet: " Der vorletzte Absatz müsste in Cicero( Schrift gradgrösse) gesetzt und rot gedruckt werden, und die Herren, die es angeht, müssten gezwungen sein, es zu lesen. war Es ix allein schon eine physisch anstrengende Arbeit, jeden zweiten Tag einen ausführlicheren Brief von mindestens sechs Seiten Umfang an Emil nach New York zu schicken. Wenn im folgenden ein solcher Brief nur mit geringfügigen Auslassungen wiedergegeben wird, dann deshalb, um zu zeigen, was in dieser Zeit in Marie vorging: " Heute kam Dein Brief mit den Fritz Heine- Einlagen, die ich in zwei Exemplaren unterschrieben zurückgebe. Ich hätte heute manches anders geschrieben, aber es mag so hingehen, da ich sachlich doch nichts zu ändern habe. Ich danke Dir ganz herzlich für die Mühe und die nun folgende • 284- Weiterbeförderung. Es geht mir gut, und im Augenblick bin ich sogar etwas vergnügungssüchtig': Bob nahm mich mit in den Film' The Male Animal', einen für amerikanische Verhältnisse guten Film, sehr gut gespielt, um einige ernsthafte, oft nur angedeutete Themen waren teilweise lustige oder lustig sein sollende Dinge herumgebaut. Am Nachmittag fand eine tee- party statt, im home einer lady, die sich geschickt auf Krücken bewegte, jung, gepflegt, gross und schlank, mit sehr kurzem Kleid, so wie es fast jede Dame hier trägt. Die Frauen sehen manchmal wie Balletteusen aus. Bei dem Tee gab es viel How- do- You- do, I- am- gladto- see- You, It- was- very- nice, Very- glad- to- meetYou, Is- nt- it- wonderful?, Please- come- again unds oweiter. Das sind die Floskeln, die ich noch lernen muss, ich kann sie besser schreiben als sprechen. Es war alles xax oberflächlich und konventionell, mit einigen Ausnahmen, mit denen man xx sich in klein rem Kreis hätte gut unterhalten können. Käte hat also nun ihr first paper. Das ist gut. Sie schickte mir- ich nehma an, anlässlich des Muttertags- ein woman- magazin, und aus ein woman- magazin, und aus dem Absender ersah ich, dass es wohl mit einer Stelle als Säuglings- nurse noch nichts geworden ist. Dass das Jewish Labor Committee Léon Blum ehrt, finde ich doch sehr gut and fine. In der Volkszeitung vom 2. Mai las ich einen Artikel von Dr. Mirtil Weil. Einige Stellen darin waren mir etwas zu tränenvoll, aber im ganzen habe ich ihn doch gerne gelesen. Dass man auch hier in den USA an sich schöne Veranstaltungen durch Überlänge entwertet, überrascht mich, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Es freut mich aber, zu wissen, dass Du Dein Einsiedler- Dasein manchmal unterbrichst. - Aus den Zeitu gen, die Du mir schickst, finde ich stets einige interessante und für mich wichtige Dinge heraus. Mein Englischlernen ist allmählich zu einem sozialen Studium geworden. Bob gibt mir Lektüre aus seiner eigenen Sammlung, so zwei Broschüren,' Americans Children' und ' Youth in the world of today', zwei Essays aus der organisatorischen Arbeit Amerikas. Diese beiden Broschüren ackere ich regelrecht durch und schreibe darüber. Ich habe Dir in letzter Zeit nichts von diesem Material geschickt, weil ich die Sachen für meine Arbeit zusammenhalten muss. Gelegentlich bekomme ich hier gute Monatsschriften, wie' Womans Press' oder' Survey', letzteres eine soziale Monatsschrift, sodass ich tatsächlich mit den Fragen aus meinem früheren Fach beschäftigt bin. Neben dem sachlichen Interesse ist es ja auch tatsächlich so, dass mir diese Terminologie am bekanntesten ist. Bob gab mir ausserdem kürzlich ein dickes Exemplar von' Fortune'- man findet es nur noch in librariesdas wertvolle Beiträge aus dem Wirtschafts- und sozialen Leben Amerikas - 285- enthält. Das ganze Heft- eine Zusammenfassung von Februar 1930 bis Ende 1940- ist wundervoll illustriert und mit Statistiken versehen, und natürlich amerikanisch aufgemacht, mit Riesenziffern usw., aber dennoch eine ernsthafte und packende Angelegenheit. Ich möchte dazwischen aber doch auf das Problem zurückgreifen, das Dich und mich stark beschäftigt: Deutschlands- oder auch Europas Gesicht XXX nach diesem Kriege. Wenn Du es schaffst, eine Arbeit zu machen, wie Du sie angefangen hast, würde ich mich sehr darüber freuen. Davon mache aber bitte einen Durchschlag mehr, den ich für mich behalten kann. In diesem Zusammenhang: Stampfer besprach das Buch Two Way Passage' by Louis Adamic. Ich entnahm daraus, dass es sich mit' Amerikas Sendung in Europa' beschäftigt. Solltest Du es nicht bei Willi finden und einsehen können? Von wem ist eigentlich' Europe Speaks'? Churchills Rede habe ich ganz zufällig gehört( manchmal hat man Glück), aber alles verstanden habe ich nicht. Da war es mir doppelt lieb, sie nachlesen zu können. Am Mittwoch machten wir einen grösseren Trip zu einer Siedlung deutschen Ursprungs.' Amana' heisst das Kind. Der Name ist biblischen Ursprungs und der Zusammenhalt der Siedlung und ihrer Bewohner religiös- sektiererhaft. Die wirtschaftliche Organisation dieser Siedlung war bis 1932 ganz kommun und ist jetzt genossenschaftlich mit Einordnung in die allgemeingültige Form der Nationalwirtschaft. With other words: they make business. Ich will nicht viel darüber schreiben, zumindest war ich die einzige, die 25 Cents für ein Heft ausgegeben hat, um die History of Amana' zu verstehen. Du kannst es später einmal überlesen. Es gibt viele ähnliche Siedlungen in den USA, und in der letzten Volkszeitung war auch ein Beispiel in Segers Reisebericht. Hier in Scattergood häuft sich die Arbeit, besonders für die Männer: Fensterputzen, Verkitten, Ausbessern, ein wenig mit Farbe arbeiten, Fliegenfenster einhängen, Rasen schneiden. Das ist nicht schlimm, wenn es aufgeteilt wird. Prinzip ist, dass zwischen staff and other people k kein unterschied gemacht wird, und das wird auch eingehalten. Wenn wirklich einmal hier und da etwas gelockert wird, dann zugunsten der Frauen, indem man bestiamte Dinge als man's work bezeichnet. Dabei komme ich natürlich mit meinem Alter gut weg. So hatte ich diese Woche für dishes washing after breakfast and lunch eingetragen. Beides nimmt jedesmal eine knappe Stunde in Anspruch. Da hat man' after lunch' gestrichen und mich für' mangling' eingeschrieben. Das sind zwar auch drei mal eine Stunde, aber ich sitze dabei an der elektrischen Maschine und es ist wirklich nicht anstrengend. Solche jobs gibt es mehrfere. Aber auf eins kommt es an: auf die Einstellung, die man dem hostel gegenüber hat. Keine Dankbarkeit zur Schau tragen und nicht devot sein, sondern alles als mich für . - 286- selbstverständlich hinnehmen, das ist das Richtige. Wie man aber in geradezu rührender Weise sich in die Schwierigkeiten der foreigners hineinfühlt, Schwierigkeiten, in die jeder versetzt wird, wenn er in dieses grosse und fremde Land kommt, muss uns doch veranlassen, das alles innerlich ohne es gross auszusprechen dankbar anzuerkennen. Dabei können natürlich auf Seiten der Gastgeber Irrtümer vorkommen, sie kennen uns ja auch nicht. Aber auf die Generallinie kommt es an." ->>> Scattergood war für Marie die beste Gelegenheit, um sich mit dieser Generallinie vertraut zu machen. Schon nach kurzer Zeit war sie eine der wenigen, die aus dieser Erkenntnis heraus zum amerikanischen Wesen vorgedrungen war. Dieses Wissen sollte ihr später eine gute Hilfe bei der Arbeit sein, die sie in New York in Angriff nahm. Mit brennendem Interesse verfolgte sie aber auch die kriegerischen Ereignisse, und war erschüttert, als sie die ersten Bilder aus dem zerbombten Köln zu Gesicht bekam: " Dieser Krieg ist blutig, und er muss zu einem Ende kommen, natürlich nicht zugunsten desjenigen, der ihn angezettelt hat, und je schneller, desto besser. Aber mir wurde schlecht, als ich diese Bilder sah, und der Zwiespalt zwischen menschlichem Mitgefühl und verstandesmässiger Einstellung kann selbst den stärksten Charaktem umwerfen." Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überschatteten jeden Tag das Leben von Marie in Scattergood. Die Vergangenheit insofern, кяии als zum Beispiel Rauschning einmal nach Iowa am, um einen Vortrag zu halten: " Der Mann sprach, nein er las sehr schnell und in schlechter Aussprache ein ungeheures Vokabularium herunter. With other words: I did understand, and others too. Was mich dabei peinlich berührte: er hat den Nazis als Senatspräsident von Danzig alle Türen geöffnet und mit ihnen zusammen agiert. Als es dann nicht mehr auf Kosten der anderen, sondern an die eigene Haut ging, machte er sich dünn, schrieb dicke Bücher und ist jetzt im Ausland ein berühmter Mann. Und meine Reise nach Grinnel, um im dortigen Institut an einer Vortragsreihe teilzunehmen, wurde vom attorney abgelehnt.' Alien Enemy',- ein Feind, der Gast der Amerikaner ist. Übrigens bekam ich heute einen Brief von Hertha Gotthelf. Du bekommst ihn, wenn ich geantwortet habe." Wenige Tage später kam die Nachricht vom US- Department of Justice, dass die Värübergehende Aufenthaltserlaubnis für Marie bis zum 15. Dezember 1942, also um fast sechs Monate, verlängert wurde. Ein kleiner Lichtblick auf die Zukunft. Emil fand gleichzeitig in New York eine Arbeitsmöglichkeit in einer Fabrik. Aus der materiellen Not machte er eine Tu ( Kommt an den Schluss der Seite 287, an markierter Stelle!) Louise Oppenheimer- Morgenstern, die für diese Biographie einige Unterlagen zur Verfügung stellte, schrieb dazu: " Ich kannte Marie Juchacz seit 1921, kam damals durch Dr. Adolf Braun zu ihr, der ein gemeinsamer langjähriger Freund von uns beiden war. Jedoch wüsste ich aus den zwanziger Jahren kaum etwas zu berichten, was von besonderem interesse sein könnte"-Sie stellte aber axxx einige Briefe zur Verfügung, die sie von Marie J ,, chacz in grösseren Zeitabständen erhielt, so u.a. auch aus Scattergood am 5. Juli 1942, wo Marie an sie berichtet: " Es war schon lange mein Wunsch, Ihnen zu schreiben und Ihnen für die freundliche Übersendung des Aufbau' zu danken- was wirklich seinen Zweck erfüllt hat. Aber das sollte nicht der einzige Anlass sein, ich wollte auch von mir berichten. Die Tage in diesem in jeder Beziehung freundlichen Haus verlaufen ruhig und ohne grosse Breignisse. Ich arbite viel, weil es das Erlernen der Sprache erleic tert, aber nicht nur, weil ich diese Notwendigkeit fühle, sondern auch aus innerem Drang. Dabei sind die sprachlichen Fortschritte nur bescheiden, mein für mechanisches Lernen zu ermüdetes Gedächtnis will nicht. Ich kann Geitungen und Bücher lesen, wobei mir die Sachen politischen und sozialen Inhalts leichter werden. Die Sprache des Tages mit ihren Kürzungen, Idioms und Slang- Ausdrücken fallt mir wesentlich schwerer." Und wenige Tage später in einem weiteren Brief an Louise Oppenheimer; Informationen und mit dem sie sich für übersandtes Druckschriftenmaterial bedankt: Vor allen Dingen las ich gerne die kleinen news von Freunden, auf diese Weise bleibt man wenigstens indirekt übe Menschenschicksale unterrichtet. Ebenso stark sind wir wohl alle an dem interessiert xxxxxx an dem, was man in der Fremde mit dem Sammelbegriff" Sozialistische Bewegung" bezeichnet. Doch geht es mir wie Ihnen. Und Carl He z schreibt mir: The time after the war ist doch das interessantere Kapitel.' Wir hatten sogar darüber hier im Hostel eine Debatte, die noch eine Fortsetzung haben soll. Das hat für den Verlauf der Weltgschichte nichts zu bedeuten, aber für mich selbst sehr viel. Ich fühle sofort den elektrischen Strom, wenn eine ernsthafte Debatte geführt und mit den Problemen gerungen wird. Ich bekam auch aus London Nachricht von Herta Gotthelf, die nach ihrer Schilderung zu urteilen-' schwimmt und plätschert'. U.a. schreibt sie aber auch:' So lernen wir alle hier ein bischen gegenseitige Toleranz, und das kann uns allen nichts schaden. Die menschliche Anständigkeit ist ja schliesslich die Hauptsache.'- Scattergood Hostel liegt übrigens wie eine Farm in freien Feld, hat aber grosse Rasenflächen und einige Bäume." 1005 287gend des Fleisses, die ihm gesundheitlich durchaus nicht gut bekommen sollte, schon deshalb nicht, weil er trotz dieser körperlich anstrangenden Tätigkeit auf seine geistige Arbeit nicht verzichten wollte. Dazu gehörten die vielen Gedanken, die schon jetzt auftauchten, um für den Fall der baldigen Beendigung des Krieges für das bis dahin wahrscheinlich völlig zerstörte Deutschland von Amerika inaxx aus eine Hilfsorganisation aufzubauen, wenn möglich sogar eine deutsch- amerikanische Arbeiterwohlfahrt. Marie hatte ihm in vielen Briefen ihre Gedanken und Vorschläge darüber mitgeteilt, und Emil verarbeitete sie nach seinen eigenen Ansichten, um sie- ergänzt und korrigiert an Marie zurückzugeben. Es waren Diskussionen um Dinge ohne greifbare Voraussetzungen, aber sie trugen später dazu bei, schneller aktiv zu werden. Dass es einmal dazu kommen könnte, bezweifelte Marie, und sie hatte auch allen Grund das, denn sie war geduldet in diesem Lande: " Das Dumme ist doch, dass ich' nur' emigriert und nicht ausgebürgert bin. Die Listen darüber liegen ja in Washington. Und Jude bin ich auch nicht. Ich kann doch nicht an Hitler schreiben, die versäumte Ausbürgerung nachzuholen!, sondern habe nur die Hoffnung, dass unter unseren Freunden doch noch der eine oder andere vorhanden ist, dem es genau so geht wie mir verstehe mich recht- nur insofern, als er, wie ich, nur ein visita visum hat, nicht ausgebürgert ist und kein Jude ist. Dann muss man doch für uns eine Lösung finden." Das Gute war, dass es immer wieder etwas gab, was von bedrückenden Überlegungen ablenkte. So fuhr Marie zwischendurch zu einem Kinderheim, lernte in der Nähe von Chicago einen Komplex' social settlements' kennen und kamen auch mit diesen Menschen wegen möglicher Zukunftsaussichten ins Gespräch. XX " Dann fahr ich zurück zu Oppenheimers( Louise Morgenstern), wo ich wohnte. Sie und Friedländers luden an diesen Abenden einige Male Gäste ein: Ernst Haase und Frau, Felix Kautsky, Hanna Hellinger, Olly Scharz( ihr Mann war als Mediziner in Wien sehr bekannt und geachtet), auch Siegfried Marx kam, ich kannte ihn noch aus Breslau. Dann sprach ich mit dem langen, blonden Butamann, dem Berliner, der mit uns von Martinique auf der Duc d'Aumal in die Staaten kam. Auch Eva Parker sah ich wieder, sie hat mir inzwischen einen langen Brief geschrieben." Die Unterhaltungen mit den Menschen ihrer früheren Vergangenheit brachten Marie noch intensiver zu Überlegungen über Gegenwart und Zukunft, Zukunft auch des Landes, in dem sie lebte: " Es ist traurig, weil auch dieses grosse und schöne Land wahrscheinlich Siehe Seite vorher. - 288- NEH zaob aus XXX*** ikixxx Mangel an rechtzeitiger Erkenntnis was nun einmal damit zusammenhängt und aus allem, ebenfalls durch ein Meer von Blut waten muss, wenn auch nicht auf eigenem Boden, aber durch die zwangsläufige Zerstörung seines wirtschaftlichen Fundaments zur Erkenntnis längst herangereifter Notwendigkeiten gehen muss. Vielleicht ist das alles' historische Notwendigkeit', ohne die es nun einmal nicht zu gehen funktionieren scheint." * In Scattergood war Marie durch den Wechsel der Insassen allmählich zum nicht nur an Jahren ältesten Gast des Hostels geworden. Ausserdem hatte sich der geistige Boden so verschoben, dass sie daran dachte, möglichst asisty a bald aus Scattergood heraus zukommen und Arbeit zu finden. fdobe" Es liegt mir daran, nach New York zu kommen. Aber das Committee in N.Y. bts möchte ich nicht' verprellen'. Ausgesprochener Zweck von Scattergood oldoen ist- neben language and American life- the settlement of European 26 1 1 people in the Middle West. Ausnahmen werden zugelassen. Zu diesen erlaubten Ausnahmen will ich mich zählen dürfen. Was tun, wenn bei allen Versuchen, sich verständlich zu machen, die schneller denkenden Amerikaner stets den eigenen Gedanken in der falschen Richtung vorauseilen? Ich schrieb also in englisch- einen Brief an an Hertha Kraus, den ich aus bestimmten Gründen Bob zur Korrektur vorlegte. So wusste er, worum es ging und könnte, wenn er im Herbst nach Pennsilvania fährt, mit Hertha Kraus darüber reden. Mir kam es darauf an, sowohl die Leitung hier als auch Hertha Kraus davon zu überzeugen, dass ich nach New York zurück muss und dass bei der Auswahl einer Arbeit für mich auf Alter, Lebenserfahrung Körperkraft und psychologische Dinge Rücksicht genommen werden müsste. Hier in Scattergood scheint das gelungen zu sein." OY.10q qaw Бает от в tolo be II aatbeer me boodbItde as doum ye VIST see Iwon b dorot bad I base I dol Um sich nicht nur auf die von den verschiedenen Committees herauszufindenden Berufsmöglichkeiten zu verlassen, versuchte Marie, verschiedene Aussenstehende für ihr Schicksal zu interessieren: " Ich habe einen sehr ausführlichen Brief an Elsa Brandstroem geschrieben, die bekannte Schwedin und' Engel von Sibirien'. Sie heiratete in Deutschland den Parteifreund Ulich, der im Sächsischen Kultusministerium in höherer Funktion tätig war und jetzt Professor in Cambridge ist. Sie arbeitet in ähnlicher Art, wie sie es in Deutschland getan hat, aber nur mehr für skandinavische Kreise." Auch mit Eva Parker- Prochownik korrespondierte sie, und es ergaben sich eine Reihe von Möglichkeiten, an die gedacht werden musste. Auf jeden Fall stand es für Marie in diesen Septembertagen fest, nach New York zu gehen, sobald sich eine Gelegenheit ergab. - 288- aus X* XX*** ikiдxx Mangel an rechtzeitiger Erkenntnis- und aus allem, was nun einmal damit zusammenhängt ebenfalls durch ein Meer von Blut waten muss, wenn auch nicht auf eigenen Boden, aber durch die zwangsläufige Zerstörung seines wirtschaftlichen Fundaments zur Erkenntnis längst herangereifter Notwendigkeiten gehen muss. Vielleicht ist das alles' historische Notwendigkeit', ohne die es nun einmal nicht zu gehen funktionieren scheint." * In Scattergood war Marie durch den Wechsel der Ineascon allmählich zum Bar A alter Exorden. des batte chst Ein vielen unbekanntes, aber dennoch für Marie Juchacz/ typisches Gesicht- richtiger wäre: Herzl zeigte sie, als sie einen kleinen Koffer, den sie sich von Houise Oppenheimer ausgeliehen hatte, zurückschickte und dabei auch einen kleinen, in englisch geschriebenen Brief für die Tochter Oppenheimer beilegte: iob " My dear Hannah, when I travelled from Chicago to Iowa City, I red a newspaper. You remember, Your father had bought it for me and I had time to read it four hours. In this newspaper I found a picture of a doll and clothes for cutting out. You will find them in this envelop. When reading, I thought about You and in the same moment I remembered my childhood. When I was a little girl like You, I liked" Anziehpuppen very much and I could enjoy them for many hours, particularly if it was a rainy day or ift it was too cold for me to play outside. And now I thought: little Hannah perhaps will have the same pleasure as I had formerly, and therefore I bought two cut- out- books for You. You will find them in the suit- case, which Your mother lend me and which I send back to Your mother by mail." Aussenstehende für ihr Schicksal zu interessieren: a N.Y. r- len rien? en ich rum Hertha als muss ahrung cate. finane " Ich habe einen sehr ausführlichen Brief an Elsa Brandstroem geschrieben, die bekannte Schwedin und' Engel von Sibirien'. Sie heiratete in Deutschland den Parteifreund U₁ich, der im Sächsischen Kultusministerium in höherer Funktion tätig war und jetzt Professor in Cambridge ist. Sie arbeitet in ähnlicher Art, wie sie es in Deutschland getan hat, aber nur mehr für skandinavische Kreise." Auch mit Eva Parker- Prochownik korrespondierte sie, und es ergaben sich eine Reihe von Möglichkeiten, an die gedacht werden musste. Auf jeden Fall stand es für Marie in diesen Septembertagen fest, nach New York zu gehen, sobald sich eine Gelegenheit ergab. - 289- Die Beurteilung ihrer Situation wäre in diesen Tagen wahrscheinlich ganz anders ausgefallen, wenn sowohl Marie als auch Washington gewusst hätten, dass der' Deutsche Reichsanzeiger und Preussische Staatsanzeiger" in der Nr. 225 vom 25. September 1942 eine Bekanntmachung veröffentlichte, nach der auf Grund des in der Hitlerzeit gültig gewordenen Gesetzes auf Widerruf von Einbürgerungen und Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit etwa 75 Personen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt* x* x* x* x* xdxxяh wurde. Auf dieser Liste der nunmehr Staatenlosen stand an 27. llMania Jus Während Marie zur: * XX* XNXXkxgx Anspruch: " Heute bin ich sta die wieder ins Seme tenbildern auf. Dai Schattenbilder ent D ergood Mit gleicher Post ging ein Brief an Dr. Walter Friedländer ab: ir führen für " Lieber Walter Friedländer, ich hoffe, Sie und Ihre Frau sind mir nicht böse, weil ich mich nach den vielen Freundlichkeiten, die ich in den Chicagoer Tagen von Ihnen erfuhr, nicht einmal meldete. Yon Hertha Kraus bekam ich einen Brief, in den de ausdrückt, dass sie er versteht, ish Nach diesem kleinen Fest, das sie sehr ermüdet hatte, setzte sie sich h in ihrem Zimmer doch noch zu einem schnellen Brief an Jouise Oppenheisie wolkigt vor, es als' practical marge mer hin: - KX 2, ヒー Le n L- Dr. t " Ich brebhe nun hier meine Zelte ab und werde, wenn keine Störung eintritt, am 28. hier abfahren.- Inzwischen habe ich ein von Friedlanders geliehenes Buch- Men in Europe', by Simone Men in Europe', by Simone- mit grossem Interesse gelesen, es ging wie in Deutsch, weil mir die geschilderten Vorgabge aus eigenem Erleben und aus Zeitungen bekannt waren. Jetzt zum Abschied lese ich noch Twenty Years Hull- House', by Jane Addams. Paul Hertz kam auf der Durchreise an Scattergood vorbei, für eine Stunde. Die Nachrichten aus Frankreich sind schlecht: Hanna Kirchner- Frankfurt ist den Deutschen ausgeliefert worden, andere Bekannte ebenfalls. Es wurde meinem Schwager aus der Schweiz geschrieben und ist ein ganz sicherer Bericht. Ich hatte ein paar sehr schlechte Tage, als ich das hörte, und werde die Vorstellung daran immer noch nicht los. Auch als ich neulich am Radio von dem fünfzigsten und diesmal sehr schweren Bombardement Düsseldorfs hörte, war mir sehr elend, da helfen alle Vernünftgründe nichts mehr." ni nd wusste, wi9 hen würde, und die Interessen der Menschen waren auf den eigenen persön lichen Kreis eingestellt. ber es L- 3 289Die Beurteilung ihrer Situation wäre in diesen Tagen wahrscheinlich ganz anders ausgefallen, wenn sowohl Marie als auch Washington gewusst hätten, dass der Deutsche Reichsanzeiger und Preussische Staatsanzeiger" in der Nr. 225 vom 25. September 1942 eine Bekanntmachung veröffentlichte, nach der auf Grund des in der Hitlerzeit gültig gewordenen Gesetzes auf Widerruf von Einbürgerungen und Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit etwa 75 Personen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt* x* x* x* x* xdxxxh wurde. Auf dieser Liste der nunmehr Staatenlosen stand an 27. Stella Ma Während Marie zur: KX asib dosl merit at Anspruch: " Heute bin ich sta die wieder ins Seme tenbildern auf. Dai Schattenbilder ent Wenige Tage später " Ich richte alles( zu können. In Chica legen, um noch den -V sprechen. Von Bel Aid Tom in dem sie auch sag dderd doI" Löffelstiel' für mi So bereitete Marie ihr nur noch von ei Emil Kirschmann aus noch bleiben solle. legung von Terminer I botdosd size fus -.ebaute alles vorbereitet: ST- 19 .allstned sg nie da of as Chicago ab, Hilde am Donnerstag in Ne Mit gleicher Post ging ein Brief an Dr. Walter en für eine kleine Friedländer ab: " Lieber Walter Friedländer, ich hoffe, Sie und Ihre Frau sind mir nicht böse, weil ich mich nach den vielen Freundlichkeiten, die ich in den Chicagoer Tagen von Ihnen erfuhr, nicht einmal meldete. 2, ヒー Von Hertha Kraus bekam ich einen Brief, in dem sie ausdrückt, dass sie est versteht, dass ich nach New York zurückgehen will. Sie will mir auch helfen, wirtschaftlich Fuss zu fassen, das heisst sie schlägt vor, es als' practical nurse' oder mit etwas ähnlichem zu versuchen. Ich glaube nicht, dass ich das noch kann, hatte ihr vorher auch deutlich geschrieben, dass ich zu körperlichen Leistungen von irgendwelcher Bedeutung nicht mehr fähig bin. Merkwürdigerweise schreibt sie gernichts von dem Plan, den man mir hier unter Altersheim!" mitteilte. Diskretion - en L- t ber " Heute kam ein Brie Da für fühlte sich Marie aber nun doch noch nicht- ten. Minna alt genug, und ihr Verstand arbeitete ja genau se intensiv und gründlich wie früher, ihre Interessen waren ja nicht erlahmt, im Gegenteil, sie .aol ddol bis dahin mit der gebrannte ja darauf, etwas zu leisten, aber die et es des famesti mir natürlich lieber Zeit war noch nicht reif dafür, der Krieg hatte einen Höhepunkt erreicht, und niemand wusste, wie es weiter- oder gar ausgehen würde, und die Interessen der Menschen waten auf den eigenen persönlichen Kreis eingestellt. bbbael In der Ausgabe vom tigte" Scattergood L- 3 easib dosl merit at 289Die Beurteilung ihrer Situation wäre in diesen Tagen wahrscheinlich ganz anders ausgefallen, wenn sowohl Marie als auch Washington gewusst hätten, dass der Deutsche Reichsanzeiger und Preussische Staatsanzeiger" in der Nr. 225 vom 25. September 1942 eine Bekanntmachung veröffentlichte, nach der auf Grund des in der Hitlerzeit gültig gewordenen Gesetzes auf Widerruf von Einbürgerungen und Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit etwa 75 Personen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt* x* x* x* x* xxak wurde. Auf dieser Liste der nunmehr Staatenlosen stand an 27. Stelle Marie Juchacz. Während Marie zur Staatenlosen wurde, xxxxx** X** XX* X** x* x* x* x* x****** * XX* X* XX* Xxigяæидикx nahm sie in Scattergood etwas völlig anderes in Anspruch: " Heute bin ich stark beschäftigt. Wir führen für eine kleine Studentin, die wieder ins Semester zurückgeht, zum Abschied ein Märchen mit Schattenbildern auf. Das Märchen ist von mir, ich habe auch die Idee für die Schattenbilder entworfen. Die Sache steigt Sonntag Abend." Wenige Tage später schreibt sie an Emil: " Ich richte alles darauf ein, am 29. September hier die Zelte abbrechen zu können. In Chicago will ich einen Abschiedstag, oder auch zwei, einlegen, um noch den einen oder anderen unserer Freunde zu sehen und zu sprechen. Von Bella bekam ich übrigens einen schönen Brief, Aid TS in dem sie auch sagte, dass bei ihr stets ein Bett und ein warmer beddend doI" Löffelstiel' für mich bereit seien." So bereitete Marie ihren Abschied von Scattergood vor, der axxx von ihr nur noch von einem abhängig gemacht wurde: von einem Telegramm von Emil Kirschmann aus New York, falls er der Meinung sei, dass sie doch noch bleiben solle. Mit der ihr angeborenen Gründlichkeit bei der Festsize fus legung von Terminen hatte sie auch in Chicago für den kurzen Aufenthalt BUS 980 I botdoad/ alles vorbereitet: -" Heute kam ein Brief von Friedländers aus Chicago, dass sie mich erwarten. Minna umarmt mich schon brieflich, Sie fährt Mittwoch von .allstned ss is Ja Chicago ab, Hilde Peschke ist auch dabei. Wenn ich mitfahre, sind wir ot as eam Donnerstag in New York, und Minna lädt mich herzlich ein. Wenn es aber .aol ddol bis dahin mit der gemeinsamen Wohnung mit Lewinskis geklappt hat, ist es ea Ismest mir natürlich lieber, wenn ich gleich zu Hause sein kann." bel In der Ausgabe vom 27. September 1942 brachte das vom Hostel vervielfältigte" Scattergood Hostel News Bulletin" einen vierseitigen Bericht als - 290- Farewell to Marie Juchacz'. Es war ein umfangreicher Artikel mit der Lebensgeschichte von Marie, mit den wichtigsten beruflichen stationen, über die vielen und mannigfaltigen Aufgaben, die ihr begegneten und die sie löste, mit der Geschichte ihrer Emigration und der endlichen Möglichkeit, Europa zu verlassen. 10000 " And so Marie Juchacz came to America. She was weary and needed so much the hope and encouragement that the new world could give her. Befor she could find her real place in this strange land, she had to learn its language. This, she fully realized, and as she herself has said:' When I came to America it was clear in my mind, that I had to learn the English language. At the same time I knew that it would be hard for me. Why? Behind me there lay a long life, filled with work an experience of xax various kinds. And my memory was very tired and worn out, during a long period of hard mental work. But only my memory was tired I think never my intellect. Well then, I am what Americans call a self- made woman.' Und so kam Marie Juchacz nach Amerika. Sie war erschöpft und brauchte Hoffnung und Ermutigung, Dinge, die ihr die neue Welt geben Um könnten. Raxaxxxix aber hier ihren richtigen Platz zu finden, musste sie zuerst die Sprache des Landes lernen. Das war ihr selbst nur zu klar, und sie sagte selbst:' Als ich nach Amerika kam, stand es für mich fest, dass ich in erster Linie die Sprache des Landes lernen müsse. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass das sehr schwer für mich sein würde. Warum? Hinter mir lag ein langes Leben, angefüllt mit Arbeit und Erfahrung verschiedenster Art. Und mein Gedächtnis war sehr müde geworden und verbraucht durch eine lange Zeit schwerster geistiger Arbeit. Aber nur mein Gedächtnis war müde geworden, nicht aber so denke ich mein Verstand. Nun gut, ich bin das, was die Amerikaner eine self- made woman nennen. 20 - Ein Sonderkorrepsondent' des bulletin hatte sich darüberhinaus die Aufgabe gestellt, über die Zeit von Maries Aufenthalt in Scattergoodi zu ein launiger Form schreiben. Der Einfachheit halber sei gleich die deutsche Übersetzung gebracht. Unter der Überschrift" Arbeiter- Führerin organisiert Scattermit good" und den Unterzeilen" Altes Regime über Bord geworfen Traurige Ausbeuterei hat ein Ende" schreibt er: früheren - " West Branch, Scattergood, Iowa, Sept. 26, 1942: In den vergangenen sechs Monaten sind in Scattergood Hostel Wunder vollbracht worden, und das alles als ein Werk von Marie Juchacz, der bekannten Arbeiter- Führerin. Ik den Aus Chaos des Quaker Resettlement Project erstand eine heue Harmonie. Als Marie Juchacz vor acht Monaten in Scattergood ankam, fand sie ein System mit schwarzen Listen vor, eine Ausbeuterei in der Küche, wo ohne - 291- Rücksicht auf Entlohnung und Dienstzeit gewirtschaftet wurde, und machte bittere Erfahrungen, als eine unserer Diktatorinnen des öfteren gewisse Türen versperrte. Das waren u.a. die traurigen Verhältnisse, die marie Juchacz bei ihrer Ankunft hier antraf. Aber bald spürte Scattergood unter an ihrem Binfluss einen neuen Geist. Sie arbeitete selbst sehr schwer, um andere vor der Überarbeitung zu bewahren, und sehr oft bei der Vorbereitung des Frühstücks konnte sie Streiks verhindern, indem sie selbst den besten Kaffee und die schönsten Toastbrote zubereitete. Die grösste Aufgabe, die sie löste, war die gege die Erziehungsabteilung- und welche Arbeit das machte! Das bedeutete für sie, sich auch des nachts mit den Schwierigkeiten der englischen Grammatik und Aussprache herumschlagen zu müssen. Ende Juni war dann der Augenblick für den grossen Schlag gekommen. Der reguläre Unterricht sollte durch die Beteiligung der Arbeiterschaft umgestellt werden, Demokratie statt Diktatur war die Parole, und gemeinsames Vorgehen und Handeln wurde verlangt. Das Ergebnis war, dass marie und einige ihrer Kollegen eine abendliche Diskussion abhielten über' Europäische Fragen' aus der wir Amerikaner tatsächlich allerlei lernen konnten. Maries Kampf in Scattergood bestand nicht aus heftigen Attacken. Sie erreichte alles mit Freundlichkeit. Jetzt verfügt sie über eine umfangreiche Liste mit Namen von lauter Freunden, sowohl in Scattergood selbst als auch ausserhalb, die alle von sich sagen können, dass diese Freundschaft mit Marie ihnen allen neuen Mut und neue Hoffnung für die neue Welt gegeben hat, und die Liste der Freunde ist genau so lang, die ihr jetzt alles Gute wünschen und nicht' good bye', sondern' Auf Wiedersehn' sagen. Von Scattergood aus geht Marie in ein neues Leben. Sie geht nach New York, um dort mit Freunden zusammen zu sein und um eine Arbeit zu finden, die ihren Fähigkeiten und langen Erfahrungentspricht. Wir wissen, dass sich diese Arbeit finden lässt, und dass Marie auch jetzt wie in ihrem früheren Leben allen anderen helpen und sie leiten wird bei ihren Bemühungen, eine bessere Welt erstehen zu lassen, eine Welt, in der alle die gleichen Rechte haben und in der niemand vergessen wird." Trotz der bei solcher Art' KLassenzeitungen üblichen humorigen Ein leitung verrät dieser Bericht doch sehr viel über das, was Marie in Scattergood ihrerseits fruchtbar mitformte und aussie selbst in worau ihren Notizen niemals einging. Rückkehr 292nach New York Die Überschrift dieses Kapitels bedarf insofern einer kurzen Erklärung, als der Leser sich sagen wird, dass Marie Juchacz ja vorin New York her nicht dax* X***********' beheimatet' war. Aber sie spricht ja selbst in ihren Briefen von einer Rückkehr dorthin, und das hat bei der ganzen gefühlsmässigen Einstellung von Marie zu dieser Zeit auch seine Berechtigung. Emil war seit fast einem Jahr in dieser Stadt, sie schrieb an ihn, und von dort bekam sie seine Antworten. Innerlic mit New York war sie di* x* x* x** schon heimatlich verbunden, denn sie kam ja auch dort an, wurde durch die verschiedenen Instanzen durchgeschleust und erhielt die Genehmigung, zusammen mit Emil vorerst und vorübergehend zu Bruder Robert nach Meriden zu ziehen. So gut auch diese Meriden- Zeit zur Überbrückung gewesen sein mag, so sehr sich auch dort xxx in der Atmosphäre der brüderlichen Familie die Erlebnisse der ersten bitteren Emigrationszeit niederschlagen und abklingen konnten, desto intensiver dachte sie an diaxx Newxx: xxxxxx auch die wichtigsten stellen waren, mit denen sie York, XXXXXXXX, wegen ihres weiteren Verbleibs in Kontakt stand. Deshalb war ihre Fahrt dorthin eine Rückkehr, eine innere Rückkehr befreundeten zu den Menschen, vor allem zu Emil, der während der ganzen Zeit immer ihre grösste menschliche, seelische und geistige Stütze war. Sie bezog ja ihre Kraft, um mit aller. Widerwärtigkeiten fertig zu werden, nicht aus sich selbst, aus einem unerschöpflichen Reservoir. Man musste ihr auch etwas geben, was ihre naturgegebenen geistigen Kraft quellen speiste. Und Emil war dieser Mensch, dem sie sich nicht nur deshalb verbunden fühlte, weil er mit ihrer Schwester Elisabeth einmal eine glückliche, leider zu kurze Ehe führte. Emil war damals zu dem Schwestern- Duett dazugekommen, hatte es zu einem Trio mitgeformt, weil er sich nicht nur auf seine Ehefrau Elisabeth, sondern auch auf seine Schwägerin Marie mit seinem ganzen inneren Fundus einstellte. Es war das menschliche Haus, in dem sie auch weiterhin zwangsläufig zusammen wohnen mussten. Deshalb kehrte Marie nach New York zuriick. Vierzehn Tage nach ihrer Ankunft schrieb sie an Louise Oppenheimer: " Jetzt bin ich schon volle zwei Wochen hier, in New York, und in einer sozusagen eigenen Wohnung, die zwar von fremder Hand möbliert wurde, aber doch in ihrer Art so erträglich ist, dass ich ehrlich sagen kann, dass ich mich wohlfühle. Das macht sehr viel 293aus, Sie wissen esl- Die Washington Terrace( wir wohnen Nr. 18) ist eine kleine Sackgasse, sie geht ab von der W.186th Street. Die Häuser erinnern ein wenig an unsere Klettenberg- Siedlung in Köln, oder an irgend eine andere kleine Siedlung in Germany. Es sind zwei Zimmer und Küche, das zweite Zin er ist sehr klein, die Küche ebenfalls. Aber es geht gut, man kann sich helfen. In dem grösseren Zimmer haben wir noch ein zusätzliches Sofa zum Schlafen, sodass wir uns auch am Tage darin wohlfühlen können, zumal dieses Zimmer einen Blick auf den Harlem River gestattet. So allmählich komme ich in das Leben der grossen Stadt hinein. Ich muss die Subway und andere Verkehrslinien kennen lernen, muss mir Buchstabenbezeichnungen( eine grosse Stärke bzw. Schwäche der Amerukaner!) einprägen und das ist das Schrecklichste für mein Gedächtnis-, muss lernen, das Gedröhne der Subway zu ertragen( es gibt Menschen, die unbeirrt dabei lesen können), und anderes mehr. Sie können mir nachfühlen, wie stark ich den Kontrast zwischen hier und scattergood empfinde. Ich werde wohl etwas müde, das werden anlere auch, aber ich fühle mich- Dank Dr. Haase recht wohl und bin froh darüber. Uber Berufsaussichten kann ich noch garnichts erzählen, es ist manches in ganz vager, leiser Vorbereitung. Nicht mehr. Ich sehe viele Menschen und darunter wirkliche Freunde. Dass ich in Chicago wirkliche Freunde zurückliess, wusste ich genau und war dankbar dafür, dankbar meinem Schicksal, das mich immer und überall mit wertvol en menschen in Berührung brachte. Aber wie gross die Kameradschaft und gute Gesinnung dort für mich ist, habe ich erst gestern erfahren. Das wird meinen Mut, es aufs Neue mit dem ha ten Leben aufzunehmen, stärken. Nach einer Notiz in der Volkszeitung zu urteile muss Dr. Hoeber einen recht guten Vortrag über den Sender gehalten haben. U.a. hat er auch aus dem Buch Last Train from Berlin' zitiert. Ich soll dieses Buch jetzt geliehen bekommen und freue mich darauf." Marie war direkt besessen darauf, alles an Literatur zu erhalten, was sich mit den sozialen und politischen Problemen in der ganzen felt beschäftigte. Da ihre finanziellen Mittel äusserst beschränkt waren der Verdiener in der Familie war ja Emil, der in die Fabrik ging, xx und Kaete steckte noch in der Ausbildung als Ki¤¤¤¤ Krankenpflegerin-, musste sie sich diese Literatur laufend ausleihen. Auf der anderen Seite erkannte sie selbst nur zu deutlich das - 294- Dilemma, in dem sie sich befand: sie war, mit fast 64 Jahren, in dem Alter, wo sich andere unter normalen Verhältnissen schon mit dem Gedanken tragen, sich allmählich für den Rest ihres Lebens zur Ruhe zu setzen, während sie fest daran glaubte, sich doch noch eine Existenz aufbauen zu können, nicht für sich selbst, um ruhig davon leben zu können, sondern um mit dem Gefühl der materiel en Sicherheit an die Aufgaben heranzugehen, die ihr vorschwebten, die auch einmal direkt auf sie zuko unen würden. Das wusste sie rein gefühlsmässig sehr genau, und sie sollte auch recht damit behalten, xxxaxi wenn auch mit dem Unterschied, dass sie an diese Aufgaben ohne feste finanziellen Boden unter den Füssen herangehen musste. Sie hätte, wenn sie körperlich noch bei Kräften gewesen wäre, irgend eine Aufsichtsfunktion in einem Heim übernehmen кжяяяя oder auch eine mit Handarbeit verbundene Pflegetätigkeit ausüben können, aber sie war beim besten Willen nicht mehr dazu fähig. Den besten Willen hatte sie,-während der ganzen bisherigen Emigrationszeit kon te sie ihn laufend unter Beweis stellen. Der von ihr in Saarbrücken aufgezogene Mittagstisch verlangte damals den ganzen Binsatz ihrer körperlichen Kräfte. Damit war es aber jetzt vorbei. Um eine geistige, zum Beispiel sozialwissenschaftliche Lehrtätigkeit ausüben zu können, fehlten ihr die besonderen Sprachkenntnisse. Auch das wusste sie nur zu genau. Hätte sich Amerika nicht im Kriegs zustand befunden, und wäre aus Europa inzwischen nicht ein umgepflügter Kriegsacker geworden, hätte es für sie weitaus besser ausgesehen. Aber die Kriegsereignisse engten die Beweglichkeit aller so sehr ein, dass jeder davon zwangsläufig gepackt wurde, auch wenn er nicht direkt betroffen war. Das verrät auch Maries Brief an Louise Oppenheimer vom 23. Dezember 1942: Es war ein Weihnachtsbrief!: " Wir stehen wohl alle bewusst unter den Kriegsereignissen und vor allen unter dem Eindruck der Grausamkeiten, die in den vergangenen Monaten in unvorstellbarer Weise an Juden und Polen verübt wurden. Man schämt sich und kann doch nichts dafür. Schmerzlich genug ist auch das Geschrei: die Deutschen sind ja doch alle gleich und müssen in gleicher Weise bestraft werden. Ich muss dann daran denken, dass meine Kinder und viele, viele unserer Freunde ohnmächtig da drüben sitzen und sich nicht wehren können, nicht gegen den Hitlerterror und nicht gegen die Landsleute hier, die im sicheren Port sitzen und schmähen. Das ist kein guter Weihnachtsbrief, aber ich hoffe, Sie verstehen <- 295- es, wenn mir diese Dinger in die Feder fliessen. Ich mache jetzt gerade eine kleine Gelegenheitsarbeit über nationalsozialistische Wohlfahrtsarbeit. Wenn ich in Chicago wäre, würde ich mir von Ihnen etwas darüber erzählen lassen, in welcher Weise zum Beispiel man der jüdischen Wohlfahrt noch gestattete( oder auch von ihr verlangte), zu arbeiten, so lange Sie noch drüben waren. Das gehört ja mit zum allgemeinen Bild." Die Kriegsanstrengungen, die die USA machen mussten, wenn ihr Eingreifen in die europäischen Kriegswirren tatsächlich eine Wendung bringen sollten, strapazierten natürlich auch die amerikanischen wirtschaftlichen Verhältnisse. Auch das spielte beinden Überlegungen von Marie, wie sie sich eine Existenz aufbauen könne, eine grosse Rolle, denn bei aller Einschränkung, der jeder amerikanische Staatsbürger unterworfen war, stellte sie immer wieder die grosse Zuversicht fxxxx dieser Nation fest, die davon überzeugt war, dass es sich um eine zwangsläufige Notwendigkeit handele, die aber einmal und wahrscheinlich sehr bald- überwu den würde. Über dieses Thema hatte Marie mit vielen ihrer Freunde längere Unterhaltungen, und Martha- Eva Parker- Prochownik fasst mehrere Gespräche als Summe in folgender Formulierung zusammen: - " Marie sagte einmal bei einer Unterhaltung über den grossen Optimismus der Amerikaner, der mit Gewissheit eine Besserung erwartete, dass ihrer Auffasssung nach der Einfluss der Persönlichkeit von Roosevelt wohl ausschlaggebend gewesen sei, der durch seine' Fireside Talks' durch seine' Gespräche am Kamin'- im Radio eine ähnliche Wirkung erzielen konnte wie Churchill, der in den schlimmsten Tagen des Krieges den Willen und den Glauben an den Sieg kraft seiner Persönlichkeit schuf. Beide Männer waren, wie Marie sagte, in ihrer Wirkung die Gegenpole gegen Hitler.-n den USA wurden einige Male Reden von Adolf Hitler im Rundfunk übertragen, die im Gegensatz zu den Reden von Roosevelt und Churchill eine so überwältigend- überzeugende Wirkung hatten durch ihre verlogene Dialektik, dass Marie sagte:' An der Minderwertigkeit dieser politischen Gangster kann kein normaler Mensch zweifeln!" Es ist nicht verwunderlich, к dass die geistige und finanzielle Unsicherheit unter den einzelnen Emigrantengruppen- nicht nur in den USA, sondern auch in der Schweiz und in England auch auf die persönlichen Beziehungen der Emigranten untereinander nicht immer - - 296- erfreulich abfärbte und zu Missverständnissen führte, die manches Mal eine Verständigungsmöglichkeit illusorisch machte. Selbst Marie, die ihrer ganzen Haltung nach auch jetzt noch erst einmal über alles nachdachte und dem' Gegner' gründlich zuhörte, noch gründlicher über das Gehörte oder Gelesene nachdachte, und dann erst ihr Urteil abgab, verfiel des öfteren der Versuchung, sich in diesen inneren Meinungsstreit mit hineinziehen zu lassen, brachte es dann aber immer wieder fertig, sich zu distanzieren, um sich dann umso intensiver als Mittler einzuschalten. Auch darüber kann Martha- Eva Parker- Prochownik etwas sagen: " Marie war währen d dieser Kriegstage immer bemüht, die Spannungen zu mildern, die sich durch die Erregungen und Enttäuschungen über den Zusammenbruch der sozialistischen Arbeiterbewegung in Deutschland zwischen den einzelnen Gruppen und Persönlichkeiten der deutschen Emigranten entwickelten. Sie bedauerte die verschiedenen Anklagen und Untersuchungen, die die so notwendige Zusammenfassung aller Kräfte zum Wideraufbau einer leistungsfähigen deutschen sozialistischen Partei nach Kriegsende ernstlich gefährdeten. Sie war besonders beunruhigt über die Angriffe gegen Paul Hagen alias Karl Frank, der durch die Gruppe' Neues Beginnen' in Deutschland und auch im Ausland politische Widerstands- und Erziehungsarbeit leistete. Diese Spannungen konnten sich nur deshalb entwickeln, weil die einzelnen Emigrantengruppen als sie noch keinen Kontakt miteinander hatten in irgend einer Form aktiv wurden, meist in der Richtung der Zusammenfassung aller, die erreichbar waren, in einer Art Organisation. Als dann mehrere solcher Organisationen und Vereinigungen bestanden und es darauf ankam, sich auf einer höheren Ebene zusammenzufinden, begannen die ersten Schwierigkeiten. Schon 1940/1941 hatte sich eine" German Labor Delegation in the United States" gebildet. Präsident war der ehemalige Preussische Innenminister und Polizeipräsident von Berlin, Albert Grzesinski, Zu seinem" Stab" gehörten noch Dr. Rudolf Katz( Altona), Siegfried Aufhäuser, Max Brauer( früher Bürgermeister von Altona), Dr. Alfred Braunthal, Professor Alfred Kaehler, Gerhart H. Seger, Wilhelm Sollmann und Hedwig Wachenheim. Mit mehr als dreissig' sponsors' versuchte diese' delegation', von New York aus aktiv zu werden.- Als Marie, Emil und Kaete лxxk in den USA ankamen, nahmen sie selbstverständlich mit dieser Gruppe Verbindung auf, denn viele von ihnen gehörten zum ehemaligen Freundes- und Mitarbeiterkreis. Warum aus - 297- einer praktischen und positiven Mitarbeit innerhalb dieser Gruppe nichts wurde, lässt sich jetzt nicht mehr rekonstruieren. Dass es von Seiten von Marie und Emil nicht an Versuchen gefehlt hat, Anschluss zu finden, zeigen viele Brief. Dass auch innerhalb dieser Gruppe An strengungen gemacht wurden, um für Marie und Emil irgend eine Form der Wirksamkeit zu finden, ist ebenfalls icht von der Hand zu weisen. So hatte Rudolf Katz schon im Oktober 1941 die Vorstellung, dass es möglich sein müsse, gerade Marie Juchacz, die auch zu dieser Zeit unter der deutschen Bevölkerung noch einen guten Namen hatte, bei der in deutscher Sprache verbreiteten AntiNazi Propaganda nach Deutschland via Wort xd( Rundfunk) und Schrift einzusetzen. Dass die" German Labor Delegation" selbst nicht richtig weiterkar mit ihrer Arbeit, steht auf einem anderen Blatt, geht aber daraus hervor, dass sich diese Gruppe umformte in die" Association of Free im Oktober 1942( als Marie Scattergood Germans Inc." schon verlassen hatte und in New York war) ******** Zum" Board of Directors" gehörten Cjetzt neben dem Präsidenten Grzesinski - noch Max Brauer, Dr. Carl Misch( früher politischer Redakteur bei der' Vossischen Zeitung in Berlin), Dr. Rudolf Katz, Dr. Horst Baerensprung( früher Polizeipräsident von Magdeburg) und Fritz Tejessy( früher preussischer Ministerialrat). Die Resolution, mit der diese Gruppe vor die amerikanische Öffentlichkeit trat, war von sehr vielen in den USA lebenden Emigranten unterzeichnet. Die Namen von Marie Juchacz und Emil Kirschmann fehZwei Drittel der Unterzeichner hatten bereits die amerikanische Staatsbürgerschaft. ten. Da Marie trotz aller Remühungen keinen Anschluss an diese Gruppe fand, wollte sie ihre Zeit wenigstens dadurch nutzen, dass sie sich über die Lage der amerikanischen Arbeiterschaft und über die Probleme der USA- Gewerkschaften, die ja völlig anders xxx********** aufgebaut waren und auch anders arbeiteten als in Deutschland, ein genaues pild machte, indem sie an einem besonderen Kursus teilnahm. Wie wichtig das Marie war, und warum sie das tat, beweist ein Brief von Wilhelm Sollmann an sie vom 20. Dezember 1942: " Es ist gut, dass Sie diesen Kurnus mitmachen. Sie werden daraus lernen, wievi les hier aders ist als drüben, und wie kindlich es ist, mit europäischen Begriffen und Erfahru gen hier in der ArbeiO - 298- terbewegung herummurksen zu wollen. Hören Sie ruhig zu und warten Sie mit dem Diskutieren. Selbst ich habe jetzt noch manchmal Schwierigkeiten, mich korrekt auszudrücken. Man wird leicht missverstanden, wenn man nicht die richtigen Worte und die richtigen Formulierungen braucht. Sobald ich Robert M.W. Kempner sehe, der seit Monaten unsichtbar geblieben ist, werde ich mit ihm über die Möglichkeit sprechen, Sie zu Rundfunkvorträgen heranzuziehen.( Kempner war bis 1933 Oberregierungsrat im Preussischen Innenministerium und sowohl mit Emil Kirschmann als auch mit Hans E. Hirschfeld befreundet. Er spielte nach dem Kriege als Generalankläger bei den Nürnberger Prozessen eine entscheidende Rolle. D.Verfasser). Ich habe seit meinem Vortrag im Sommer nichts mehr von ihm gehört. Kann nicht Paul Hagen Sie in seine Arbeit mit einspannen? 6 Ich freue mich über Ihr Verständnis für die Quaker. Es ist oft nicht erfreulich, wie unwissend und von oben herab viele Emigranten urteilen. Die quäker sprechen nicht darüber, aber sie wissen es sehr genau, und es erhöht nicht das Ansehen der deutschen Emigration. Es sind nicht nur politische Gründe, wenn die deutsche Emigration geringer eingeschätzt wird als jede andere( abgesehen von rein fachlichen Leistungen natürlich- ich meine je zt die menschlichen Eigenschaften). Das Schlimme ist, dass viele deutsche Intellektuelle zum Beispiel über Religion mit einem Horizont urteilen, den jeder Quaker wegen der Enge des Denkens belächelt. Die guten Kritiker haben oft keine Ahnung, welche Tiefe und Weite des Denkens von uns Quäkern oft vermittelt wird. Ich denke an das Goethe- Zitat: Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen. Der Strebende wird immer dankbar sein. Und was hat man denn noch auf Erden zu tun, wenn man nicht mehr lernt und strebt? Wer von uns weiss heute noch, wo wir recht haben und wo ni ht? Es ist alles so unsicher geworden. Da ich den Vorzug habe, nur noch wissenschaftlich zu arbeiten, kann ich mir das ruhig eingestehen." - Diese Dinge werden deshalb in dieser Ausführlichkeit wiedergegeben, weil sie besser als jeder Kommentar die Zerrissenheit wiederspiegeln, mit der sich jeder Emigrant mochte er nun schon länger oder erst seit kurzem in den Staaten sein abquälte. Dass dieser Brief Sollmanns an Marie ihr in vielen aus dem eigenen Herzen geschrieben war, steht fest. Andererseits machte sie aber kein Hehl daraus, dass xxxkxx nicht alle Gesichtspunkte sollmanns ihrer eigenen Ansicht entsprachen.- So lebten sich die Emigranten, meist zu ihrem eigenen - 299Schaden, auseinander und gingen ihre eigenen Wege, die dadurch noch schwieriger und härter wurden. Auch Marie musste diese Erfahrung machen, die noch bedrückender wurde durch den täglichen Existenzkampf, denn man lebte ja nur von heute auf morgen, ohne zu wissen, was übe: morgen sein würde. Erna und Jola( Joseph) Lang haben die Schwierigkeiten und den weitere Gang der Dinge in einem Bericht zusammengefasst: " Wie sollten und konnten die alltagsprobleme gelöst werden? Selbst im' reichen' Amerika war das nicht so einfach. Die meisten von uns sprachen noch nicht richtig Englisch. Mit Hilfe der quäker, des Refugee Service, der Labor Aid und des International ke scue Committee gab es schliesslich eine bescheidene materielle Ficherheit. Jeder von uns nahm jede nur mögliche Arbeit an. Aber eine grosse forge blieb: was wird aus Deutschland, was aus der Welt? Denn inzwischen hatte die braune Pest fast ganz Europa verseschlungen, und der siegeszug der Nazis schien unaufhaltsam. in dieser Zeit, als die Hoffnungslosigkeit in unseren neihen unging, als auch viele Prominente' innerlich kapitulierten, da haben wir uns oft genug in Deiner kleinen Wohnung, Marie, in der Bronx zusammengefunden, ein Fähnlein der ieben Aufrechten', um uns zu beraten und uns Mut zuzusprechen. Auf die Dauer war das aber nicht genug. Gleich ung hatten auch die anderen' newcomer' deutscher Zunge das Bedürfnis nach einem Zusammenhalt, um in gemeinsamen Unterhaltungen eine Neu orientierung zu finden. Wir mussten daher eine Organisation suchen, die uns sozusagen Gastfreundschaft gewährte. Wir fanden sie schliesslich im Workmen's Circle, im' Arbeiter- Ring', einer Selbsthilfevereinigung, die um die Jahrhundertwende von jüdischen Binwanderern geschaffen wurde und in der wir jetzt eine' German speaking Branch' bildeten. Auch in Amerika braucht jeder Verein einen Vorstand, und wir konnten wirklich keinen besseren Vorsitzenden finden als Dich, Marie. Und so hast Du Dir in Deiner langen Laufbahn wieder einmal eine neue Aufgabe und einen neuen Titel verdient: Du warst der Chair man, der unsere Zusammenkünfte mit Takt und Geschick leitete. Es ging manchmal sehr stürmisch zu, und die Meinungen platzten aufeinander, aber Du hast dieses heterogene Häuflein gut zusammengehalten. Erinnerst Du Dich noch unserer Debatten, unserer Pläne und Resolutionen, gerade so, às ob die Welt nur noch auf unsere Erkenntnisse warte? Wir zerbrachen uns die Köpfe, wie es nach dem sogenannten tausendjährigen Reich in Deutschland aussehen würde, was ju tun sei, um Nationalsozialismus und Intoleranz gründlich zu besei · . - 300- tigen, um die Fundamente für ein anderes Deutschland zu sichern. Wir mühten uns, diese Zeit so gut wie möglich zu nutzen. Natürlich standen wir mit den' Oldtimern', den guten und treuen Freunden, die schon in den zwanziger Jahren in die Staaten auswanderten, in enger Verbindung. In dankbarer Freundschaft gedenken wir der Hilfe, mit der sie uns beistanden. Sie wahrten die Tradition, indem sie xx sich in der deutschen Sprachgruppe der Social Democratic Federation zusa menfanden. Als wir dann, im Jahre 1944, Deinen 65. Geburtstag feierten, zeig te sich schon ein kleiner Hoffnungsschimmer, und wir rüsteten für den Tag, an dem ein Land nach dem anderen vom Gestapo- Terror befreit werden würde. Die deutsche Sprachgruppe des Workmen's Circle gründete auf Grund Deiner Anregung und Initiative einen Solidaritätsfonds. Keine Gelegenheit war uns zu schlecht, kein Mittel wurde von uns verschmäht, um Geld und Kleider, Schuhe und Lebensmittel zu sammeln. Ein Glück, dass wir Dich mit Deinen Arbeiterwohlfahrts- Erfahrunge zur Seite hatten. Wir folgten den alliierten Armeen auf dem Fusse mit unseren Paketen, die wir den überlehenden Parteifreunden in Frankreich und Holland, in Belgien und Dänemark schickten. Endlich kam es dann dazu, dass Deutschland Stück um Stück seinen Totengräbern entrissen wurde. Das war der Tag, auf den wir lange und sehnsüchtig gewartet hatten. In unseren Träumen hatten wir ihn uns allerdings anders vorgestellt. Gleichviel: nun galt es, erfinderisch zu sein, um denen, die unserem Herzen am nächsten standen, den Befreiten aus Konzentrationslagern und Zuchthäusern, den Gesinnungstreuen und Verfemten, die zwölf Jahre böses Leid überstanden hatten, zu helfen. Das war eine schwere Aufgabe, denn es gab keinen Postverkehr mit dem жиxкжxd besiegten Feindland. Aber unsere' boys' waren hilfsbereit, couragiert und phantasievoll genug, um mit den geringen Anhaltspunkten, die wir ihnen geben konnten, die Freunde einzeln ausfindig zu machen, sodass wir bald ein Netz von Verbindungen und Vertrauensleuten hatten." Wie sah es aber xxxkxix unmittelbar nach Beendigung des Krieges, Anfang Mai 1945, im privaten Dasein von Marie Juchacz aus? In einem Brief an Louise Oppenheimer vom 9. Mai 1945 fasst sie alles, was ihr eigenes, privates Dasein und ihre Existenz mit den ganz kleinen, aber doch unerlässlichen Wichtigkeiten ausmachte, zusammen: - 301- " Man kann sehr beschäftigt sein, auch wenn man- wie ich keinen richtigen' job' hat. Die Situation hat sich im Laufe der Zeit verhältnismässig angenehm und erträglich gestaltet. Zu Anfang war es hier in New York recht karg und xxxkk quälend für mich. Emil Kirsch mann arbeitete für einen geringen Lohn in einer Fabrik, und mir wurde gelegentlich von Freunden geholfen. Dadurch, dass wir keine Möbel hatten, wohnten wir zu erst sehr teuer, und ich bemühte mich immer wieder, und immer vergebens, um eine Arbeit für mich, die ich tun konnte, chne in absehbarer Zeit auf der Nase zu liegen. Dann gelang es uns, wenigstens mit ganz billigen He learmee- Möbeln einen Anfang zu machen. Wenn die Einkünfte gering sind, fallen zwölf Dolla Miete- reparnis mächtig ins Gewicht. Aber von da an ging es etwas aufwärts. Emil Kirschmann traf zufällig einen Jugendgefährten, der schon vor 1933 hierher kam und sich- des Tellerwaschens und ähnlicher Arbeiten müde mit einem kleinen Kapital seiner Frau ein kleines Geschäft aufgebaut hatte. Er schneidet und schleift Rubine und andere echte und synthetische steine, die er direkt von seinem Betrieb aus an Händler verkaufte. Er bot Emil sofort an, Steine direkt an Fabrikanten zu verkaufen, weil ihm der Verkehr mit den Zwischenhändlern nicht zusagte, aber in erster Linie wohl deshalb, weil er einem alten Freund damit helfen konnte. Das hat sich auch sehr gu angelassen, weil die Zeit dafür besonders günstig was. Während der Fabrikarbeit, aber eigentlich schon vorher, hatte sich bei Emil Kirschmann eine viel zu zeitige und in ihrem Verlauf sehr ernst zu nehmende Arteriosclerose gezeigt, die besonders die Nieren mutgenommen hatte. Der befreundete Arzt verbot mit allem rnst die Fabrikarbeit, und Gegenwart und Zukunft sahen wirklich sehr, sehr schwarz aus, bis dann die Wandlung zum Guten eintrat. Unsere junge Freundin, Kaete Fey, die seit 1935 mit uns zusammen lebte, beendete in dieser Zeit ihre Lehre als' practical nurse', fand sofort eine Stelle und beteiligte sich dann als sie verdiente auch sofort wieder an unserem Haushalt. Jetzt ist es so, dass ich diesen kleinen Haushalt für uns drei führe wobei mir manches erleichtert wird, sodass ich so leben kann, wie es nötig ist, ohne immer mit dem penny rechnen zu müssen. Infolge der körperlich so viel leichteren Beschäftigung und Dank der dauernden ärztlichen Behandlung und Aufsicht von Emil Kirschmann mit der nun möglichen Diät hat sich sein Gesundheitszustand relativ gut entwickelt. Er wäre nicht damit einverstanden, wenn er wüsste, dass ich Ihnen all das schreibe. Das liebt er garnicht, und ich bitte Sie - 9 302in einer Antwort an mich nicht darauf einzugehen. Aber ich kann Ihnen mitteilen, dass ihm Ihre klugen politischen Urteile über Aufbau, Volkszeitung, Einstellung der Menschen in der Selfhelp u.d ähnlichen Kreisen sehr gefallen hat. Mir auch! Ich war richtig froh darüber, weil ich es hoch einschätzen muss, wenn jüdische Menschen mit ihren Erfahrungen gute und objektive Beurteiler bleiben. Sie können sich wohl vorstellen, dass XXXXXXX** x* x* x* x* es jetzt XXXXXXXXXXXXXixk anfängt mich zu qualen, dass ich noch immer nichts von meiner Tochter Lotte, von meinem Sohn Paul und seiner Frau und den Kindern erfahren konnte. Ich gab mir selbst grosse Mühe, etwas zu hören, aber bisher vergebens. Mein Sohn war ja dicht bei Metz auf einer Farm tätig, und es ist wohl anzunehmen, dass er noch zum Soldaten gemacht oder zu einer anderen militärischen Arbeit gezwungen wurde, und ich kann mir nicht denken, dass er noch dort ist. Da dieses Gebiet noch bis vor kurzem als Operationsraum behandelt wurde, ist Post dahin noch nicht zugelassen. Auf der anderen Seite hören wir von Freunden, die wir in Frankreich zurücklassen mussten, weil keine Visen für sie zu haben waren oder andere unüberwindliche Hindernisse vorlagen, eine ganze Menge. Manche wurden aufgegriffen und deportiert, die Familien bli ben zum Teil in bitterster Not zurück und leben noch immer unter den schlimmsten und notdürftigsten Verhältnissen. Zum Teil sind die Freunde tot, manche tauchen plötzlich wieder auf, krank und verhungert. In der Regel werden sie, wenn sie noch lebend in einem Lager waren, zurückgehalten, aber gelegentlich rutscht jemand dann doch in einen Transport mit hinein. Manche waren bei den Maquis, andere sind mit Hilfe französischer Freunde auf dem Lande versteckt worden, manchen gelang es, mit Hilfe französischer Papiere über die Zeit zu kommen. Durch die persönlichen Verbindungen, die man hier in New York pflegen kann und durch die Beziehungen, die wir zu zu den Committees verschiedener art hier haben, werden uns Adressen und nähere Lebensumstände der sozialistischen politischen Flüchtlinge in Frankreich nach und nach alle bekannt. Es hat sich schon ein recht lebhafter Briefverkehr zwischen den Freunden hüben und drüben entwickelt und die individuelle Hilfe von Mensch zu Mensch ist im Gange. Dabei stellte sich aber doch heraus, dass darüberhinaus etwas Richtiges organisiert werden muss, damit die, die sich bis jetzt aufrecht erhalten und schlecht und recht durchgeschlagen haben, nicht zuletzt doch noch vor die Hunde gehen. Fie Franzosen als Menschen sind im Durchschnitt alle sehr hilfsbereit, und 303die französischen Sozialisten verhalten sich tadellos. Aber in materieller Hinsicht können Sie jetzt naxxxxxxkk selbst beim besten Wille noch nicht helfen, denn sie haben ja selbst nichts. in Frankreich Die sogenannte' Administration' iak hat sich wenig geändert, das heisst: unsere Freunde geraten noch sehr oft in die Hande der Fremdenpolizei, der gewöhnlichen Polizei oder auch der Gendarmerie und bekommen es dann sehr deutlich zu fühlen, dass sie Fremde im ehemals klassischen Land der Freiheit sind. Uns, die wir dort als Emigranten gelebt haben, klingt vieles von den Berichten gar zu vertraut. Wir sind nun dazu gekommen, eine kleine Hilfsaktion auf die Behe zu stellen. In diesen Tagen sind in enger Verbindung mit dem Jewish Labor Committee und mit seiner organisatorischen Hilfe die ersten achtzig Pakete an unsere Freunde abgegangen. Jedes ist siebzehn Pfund schwer. Dadurch, dass das Committee eine' licence' und*** gute Einkaufsmöglichkeiten hat, und dass die Pakete als Sammelsendung abgehen und weniger Porto kosten, können wir das durch uns gesammelte Geld in seiner Kraft bedeutend vermehren. Ich leite schon seit längerer 4eit als Chairman eine kleine deutsca sprachige Gruppe des Workmen's Circle, eine früher einmal aus jüdischen, meist östlichen Kreisen hervorgegangene Kranken- und Sterbekasse. Ich wurde dringend von Freunden um diese Funktion gebeten, obwohl ich- wegen zu hohen Alters! muss. nicht einmal Mitglied werden kann, sondern nur als' local member' also ohne alle Rechte und Ansprüche an die Organisation, in der gewünschten Weise betätige1 Unsere ganze Situation ist ja mehr auf persönliche Fühlungnahme zugeschnitten und reizt wenig zum öffentlichen Auftreten'. Jetzt bin ich doch recht froh darüber, ausgehalten zu haben, weil sich die Gelegenheit bietet, xxxkakan über den hiesigen Rahmen hinaus zu helfen, um bei den weniger begünstigten Freunden einen Teil des Schildgefühls abzutragen, wie es der mehr Begünstigte doch immer haben muss. Auch wenn wir wissen, dass unsere Hilfe vorerst nur klein und unbedeutend sein kann, ist doch der moralische Wert unserer Haltung ein nicht zu unterschätzender Faktor. Wenn Sie uns mit Adressen und Empfehlungen helfen könnten, den Kreis zu verbreitern ,. wäre ich Ihnen sehr dankbar, zumal ja schon jetzt vorauszusehen ist, dass wir nicht bei Frankreich bleiben werden. Doch darüber später, wenn die Zeit reif ist. Es gibt hier in jüdischen Emigra tenkreisen viele, mit denen man nicht über" eutschland reden kann. Die Zeit hat verständlicherwei - 504- se bei sehr vielen so manche alte Überzeugung über den Haufen gewor fen, ohne Neues dafür zu geben. Das ist fast ebenso schlimm, als wenn durch die gewaltig ten Änderungen sich in Denken und Betrachten fast garnichts ändern soll. Den Nationalismus, den die' Volkszeitung' hier vertritt und dem sich auch Friedrich Stampfer verschrieben hat, halte ich auch besonders für die Zukunft gesehen für verhängnisvoll. Nieman em von uns ist das deutsche Schicksal auch als ganze Nation gesehen nicht gleichgültig. Wir internationalen Sozialisten sollen es uns dreifach und öfter überlegen, ob wir die nationale deutsche Frage in nächster Zukunft so deutlich in den Vordegrund stellen und die schwachen Kräfte einer sich kaum wieder aufrichtenden Arbeiterbewegung von vornherein damit zu belasten. Unsere Gedanken und Kräfte sollten sofort europäisch und weltpolitisch ausgerichtet werden. Die Einstellung von Vogel und Ollenhauer in London sagt mir bisher xkxx sehr viel mehr zu, weil man sich dort Mühe gibt, ohne Scheuklappen mit sozialisten aller Richtungen zusammen zu arbeiten. Nur eins hätte ich dabei noch zu wünschen: dass man mit der Parteivorstands- Spielerei aufhört und sich einen anderen Rah organisatorischer Art!- schafft, in dem man nicht als allein bestimmender Politiker, sondern als Mitarbeiter und Berater sich zur Verfügung stellt. Auf die Form, auf den geistigen Gehalt und auf die moralisch Verfassung einer zukünftigen Arbeiterbewegung wird es sehr ankommen, was sich in der Zukunft in Europa herausbildet. Auch unsere Einstellung zu Russland muss zumindest den Wille zur Objektivität haben." men - Wie sehr Marie Juchacz mit diesen gegenüber Louise Oppenheimer geäusserten Gedanken fast prophetisch der späteren Entwicklung voraus eilte, können wir Heutigen nun besonders gut beurteilen. Neben den Gedanken, die sich Marie Juchacz über die Zukunft Deutschlands machte und wobei sie mit ihren zahlreichen und unermüdlichen Briefen an alle nur erreichbaren Freunde am Hebel der Zeit' blieb, vergass sie nicht den alltag, der sie ständig brauchte. Das' Fähnlein der leben Aufrechten' in der New Yoerker Bronx, zu dem Erna und Jo1a Lang gehörten, gönnten ihr keine Ruhe: " Was inner wir für den X' Solifonds' sammelten, wie gross auch die Opferb reitschaft aller war, es reichte nicht aus. Da bist uu, Marie, wieder in die Bresche gesprungen und hast mit den Freunden vom jüdischen arbeiter- Kommittee, die den Rassenwahn Lügen straften und uns immer wieder Verständnis und vorbildliche Hilf bereitschaft er → wiesen, verhandelt. Sie gaben uns namhafte Beträge und' adoptierten' - 305- Adressen für CARE- Pakete. Und dann kamen endlich die Briefe, zuerst auf Umwegen, dann direkt. Das waren aufregende monate. Wir freuten uns über jeden Wiederentdeckten, und trauerten un jene, die Verfolgung und Bomben hinweggerafft hatten. Wie oft haben wir miteinander telefoniert, uns gegenseitig Neuigkeiten vorgelesen und die briefe ausgetauscht." Obwohl Marie- wie sie vorher schon an Louise Oppenheimer schrieb keinen' job' hatte, nahm die Arbeit für sie bald xoxxx einen solchen Umfang an, dass sie es nicht mehr schaffen konnte. Hinzu kam der unwahrscheinlich heisse Sommer in New York, der sich lähmend auf jede Aktivität legen wollte und immer wieder überwunden werden musste. x der auf Marie lastende Druck wurde ausserdem noch durch die Ungewiss heit über das Schicksal ihrer Kinder erhöht, obwohl sie alles versucht hatte, um bis nach Düsseldorf und Metz vorzustossen. Noch am 3. September 1945 wusste sie nichts über den Verbleib von Lotte und Paul: " Heute habe ich anHerta Gotthelf und Ida Braun nach London geschrieben. Da Düsseldorf doch englisch besetzt ist, müsste es doch möglich sein, über befreundete Soldaten von dort etwas zu erfahren. In manchen Fällen hat der Zufall auch mitgeholfen, mir ist er nicht günstig." Dafür war das Schicksal ihr in anderer Form gut gesinnt: Anfang Juli 1945 erhielt sie die Nachricht, dass sie nun offiziell eingewandert und ein freier Mensch sei, und dass sie die Möglichkeit habe, unter Beachtung der Vorschriften im Laufe der Zeit die amerikanische Staatsbürg rschaft zu erwerben. Trotzdem war sie mit ihren Kräften am Ende. Durch Zufall ergab sich die Möglichkeit, New York vorübergehend zu verlassen und- wenn wuch nur kurze Zeit aus zus pannen: " Zuerst lebte ich in einer einfachen und billigen Pension, in der ich mich sehr wohl fühlte, und zuletzt dann bei Freunden. Während ich in New York vegetierte, habe ich hier wirklich gelebt." Aber auch während dieses kurzen Urlaubs hielt sie die nun einmal gesponnenen Fäden der Hilfsaktion in der Hand: " Wenn wir unsere Hilfe auf Deutschland endlich ausdehnen können, müsse wir uns an breitere Kreise wenden, denn dann werden die Anforderungen wesentlich grösser. Das sollte aber noch mit grossen Schwierigkeiten verbunden sein, denn: 306" Ich bin traurig, wenn ich in die Zeitungen sehe und lesen muss, wie sehr doch die Nazi- Ideologie das Denken der ganzen Welt über den Haufen geworfen und vergiftet hat." Diese Vergiftung' machte sich dadurch bemerkbar, dass gerade die finanztäftigen Kreise, die Marie einzuspannen beabsichtigte, den Standpunkt vertraten, dass ganz Deutschland aus Nazis bestehe, auch jetzt noch, nach dem Kriege, und dass man unmöglich den Nazis auch noch helfen könne. Was solte sie nun machen?- Joseph Lang sagt es: " Damals wurden Dank Deiner Initiative eine New Yorker Zweigstelle der Arbeiterwohlfahrt gegründet, ein' gift- parcel- business' organisiert und Weihnachtsbazare veranstaltet." Dieser nüchterne Satz verrät nichts von der Arbeitsleistung, die tatsächlich dahintet stand. Die Unterlagen darüber, die sich im Nach lass von Marie Juchacz befanden, füllen dicke Aktenbündel, und es würde im Rahmen dieser Biographie zu weit führen, auf viele Einzelheiten noch einzugehen. Erich Lewinski, xxxxxx mit seiner Frau Herta einer der wirklich engsten und besten Freunde der New Yorker Zeit, sagt darüber: " Xxxxxxxx Marie Juchacz war die erste, die mit felbstverständlichkeit die Hilfsaktionen für die deutschen Freunde in Gang brachte, die sich bald als notwendig erwis en. In dem kleinen trüben Lokal in Yorkville wurden die ersten Keime für die Hilfsarbeit geschaffen. Marie inmitten eines Kreises von immer bereiten Parteifreunden gchaffte bis in die späten Nachtstunden hinein. Adressen wurden gesammelt, Mittel ausfindig gemacht, Pakete wurden gepackt und abgeschickt. Und die Ruhe der Befriedigung, die bei dieser Arbeit von Marie ausging, übertrug sich auf uns alle.X In diesen Jahren besonde d rs hat sich eine Freundschaft entwickelt, die stärker ist als nur persönliche Beziehung, die ihre Wurzel hat in der Gemeinsamkeit der Überzeugung und der Ideen. Wir alle haben es stets als einen grossen Gewinn und einen Vorzug empfunden, gerade in dieser schweren Zeit der Emigration einem Menschen von solcher Tiefe und Lauterkeit, von solcher Güte und selbstverständlicher Solidarität begegnet zu sein, und wir sind- ohne Ausnahme- dankbar, ihre Freunde sein zu dürfen"