S Leitz-Hefter =RapidBei Amtsheftung ist dies die Titelseite MARIE JUCHACZ LEBEN UND ARBEIT KÔNÎT дкѣ Τάτου κολвGέλέCΑΣ ORIGINAL- KOPIE[NICHT REIN SCHRIPT RIE SO C. M. 2 . Nuestra vuestro a la vida. Nuestra vuestro a la vida, bien de ce qu'il y a d'vne des nicht gewesen werden könne. 195 8 10 26 41 47 Varange Paginierting 1 4 Vorwort Immer wieder einmal zurückschauen Bei den Eltern muss es beginnen Kindheit und Schulzeit Haushalt, Fabrik und Pflegeanstalt Familien- und Berufsprobleme - Ein Mann, zwei Kinder und die Politik ich 59 Der Anfang in Berlin in Belie 71 Das Jahr 1908 79 beit Zum ersten Mal am Rednerpult 97 Auf Versammlungstour im Reich 103 111 126 132 Fre 139 144 151 153 162 165 son, des Sp Kinder Parteisekretärin in Köln- Der erste Weltkrieg Furor teutonicus und" Nationale Frauenvereinigung" Als zentrale Frauensekretäron nach Berlin Revolution Gründung der Arbeiterwohlfahrt Organisation und Arbeitsgebiete der AW wachsen Erich Ollenhauer- Hertha Gotthelf- Martha- Eva Parker- die Prochownik- Dorothea Hirschfeld- Louise Schröder Familiäres Zwischenspiel Rudolf Wissel- Erna Magnus Johanna Heymann Leb- Reichstagungen und Reichskonferenzen der AW t Not Inflation Separatisten- Hitlerputsch 170 Juha Das wahre Gesicht des verlorenen Krieges Zu Hause in Berlin- Köpenick der eaten fug Eigene Anstalten- Ausbildung" Lehrbuch der Wohlfahrtskre pflege"- AW- Schule s den Nen 172 174 178 Lotte Lemke kommt- Elisabeths Tod en war, d nitt zu rest eren Pri tig gespre den von ihr so silga allgassingiltig beantwortet, daraus die sich in eigenen e niomale an. Der Biograph, der ge gerad des Mans 25 werden will 11, ateht als 50r keiner leid Laben von Ma des persönliche Erlebnis, des dige Sighsaneinander- set bedrückenden situation, der s The elbet itanter nicht gaas en mit der et rkate An Ag te Motor var, der sib larve klar sein wollte auf den Weg eta, en als konsequent und in jed - Situssion gegangen ist. as -1Vorwort IA FA Als ich mich IT er re Ed III OSI SEI AKI IZI 221 201 ΟΤΕ STE ATI 85 der Geburt nach ein Neffe von Marie Juchacz, der Erziehung und dem Leben nach aber ebensogut eines ihrer Kinder an die Arbeit machte, um die Biographie dieser Frau niederzuschreiben, standen mir nur die Aufzeichnungen zur Verfügung, diaxkariaxinakaaxx mit deren Niederschrift Marie Juchacz fünf Jahre vor ihrem Tode begann, nachdem sie aus der nordamerikanischen Emigration nach Deutschland zurückgekehrt war. Briefe und Berichte von Freunden ergänzten das Bild dieser Frau, machten es aber nicht vollständig. Im Gegenteil: je intensiver ich das umfangreiche Material durcharbeitete, desto schwieriger wur de für mich die Erarbeitung der Reaganxaxf Antworten auf die Fragen: wer und was war sie nun in Wirklichkeit? öffentMenschen, die- wie Marie Juchacz- schon sehr früh in das liche Leben hineinwachsen, verlieren sehr leicht selbst bei den engsten Freunden und Mitarbeitern" das private Gesicht". Das war bei Marie Juchacz umsomehr der Fall, als sie" die Diskretion gegenüber dem persönlichsten Leben anderer als eine der schönsten Tugenden" hervorhebt. Das bedeutet, dass sie selbst von anderen die Diskretion gegenüber ihrem eigenen privatesten Leben erwartete. Sie hat es den Menschen, mit denen sie in engster Arbeit und beruflicher Freundschaft verbunden war, durch ihr eigenes reserviertes Verhalten leicht gemacht, diesen Standpunkt zu respektieren. Fragen, die sich zwangsläufig gesprächsweise auch einmal auf ihre private Sphäre ausdehnten, wurden von ihr so allgemeingültig beantwortet, dass niemand dxxxxx irgend welche Schlüsse daraus ziehen konnte. Von sich aus schnitt sie Dinge, die sich im eigenen Hause abspielten, niemals an. Der Biograph, der gerade dem Menschlichen dieser Frau nachgehen und auch gerecht werden will, steht also vor keiner leichten Aufgabe, unsomehr, als in beruflichen Leben von Marie Juchacz" das Private",**** ganaxxkrkak das persönliche Erlebnis, der menschliche Kummer, das ständige Sich- auseinander- setzen- müssen mit der eigenen, tivate and ex bedrückenden Situation, der stärkste Motor war, der sie auch wenn es ihr selbst mitunter nicht ganz klar war oder bewusst nicht klar sein wollte auf den Weg führte, den sie konsequent und in jeder Situation gegangen ist. -2Als Marie Juchacz im" weisen Alter" begann, Stationen und Erlebnisse mit stichworten, ausführlicheren Notizen und auch zusammenhängenden Abschnitten zu formulieren, musste sie sich nun selbst damit auseinandersetzen, ob und in welchen Umfange bei einem solchen" Rechenschaftsbericht über das eigene Leben" Ereignisse aus der privatesten Sphäre berücksichtigt oder eliminiert werden müssen. Sie hat abh an diesen Formulierungen mit dem Fleiss und mit der Gründlichkeit gearbeitet, die sie immer auch für ihre politisch- beruflichen schriftlichen Arbeiten aufwandte. Das Schreiben fiel ihr schwer, sie strich vieles durch, formulierte neu, ergänzte, und nicht nur die Roh- Manuskripte ihrer politischen Aufsätze, sondern auch ihre leider unvollendeten Lebenserinnerungen zeigen direkte ihr Bemühen, jedem Gedanken oder Gesichtspunkt den besten stilistischen Schliff zu geben. Für mich, der ich die ersten fünfundzwanzig Jahre meines Lebens in gemeinsamer Häuslichkeit" mit Marie Juchacz verbrachte, und davon zwanzig Jahre im vollen Bewusstsein des Miterlebens, ist es nicht leicht gewesen, rückerinnernd den Schlüssel zum Menschen Marie Juchacz zu finden und Zusammenhänge zu ergründen, die besonders für das Leben er MdAalen wichtig sind, die im Licht der Öffentlichkeit stehen. So erklärt sich das Bemühen des Biographen, in Sinne der von Marie Juchacz verstandenen Diskretion aus dem privaten und öffentlichen Leben dieser Frau die Symbiose zu finden, die ihren Charakter, ihr Wesen, ihre Art und ihr Wirken auf die engere und weitere Umgebung nachträglich deutlich und verständlich macht. Für viele, die die kannten, mag es oft- meist sogar immer- den Anschein gehabt haben, als ob ihr Herz, und damit ihr Da- sein, nur ihrer politischen Aufgabe gehört habe. Die meisten ihrer besten und engsten Mitstreiterinnen und beruflichen Freunde haben zu ihren Lebzeiten und nach ihrem Tode versucht, sich selbst darüber klar zu werden. So sagt Anna Stiegler: " Wenn ich ehrlich sein soll: ich habe nie einen wirklich persönlichen Kontakt zu Marie Juchacz gefunden. Ob es an mir lag, oder an uns beiden? Ich weiss es nicht. Lotte Niehaus, die ich fragte, da sie ja von Anfang an in der arbeiterwohlfahrt mitgearbeitet hat, sagte dasselbe. Bei allen: Hoohachtung für ihre Leistungen, aber darüber hinaus haben wir alle sie kaum kennen gelernt, und das ist sehr schade!" Wie diskrepant klingt es dagegen, wenn Marie Juchacz oft auf Ihre Fragen, warum gerade sie für diese oder jene Funktion ausgesucht wurde, zur Antwort erhielt: -3" Weil wir Sie kennen!" Vielleicht gelingt es mit diesem Buch, Marie Juchacz auch menschlich all denen nahe zu bringen, die über die Zusammenarbeit mit ihr hinaus das Bedürfnis hatten, etwas mehr von diesem Menschen und nicht nur von der Politikerin- zu wissen. Bald nach der Rückkehr aus der amerikanischen Emigration, im Jahre 1950, begann Marie Juchacz mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen. Viel Zeit blieb ihr dafür nicht, denn das, was im Nachkriegsdeutschland knapp zwei Jahre nach der Währungsreform politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich neu erstand und zusammenwuchs, nahm ihr ganzes Interesse in Anspruch. Sie reiste durch das Bundesgebiet, war heute in Hamburg, morgen in Berlin, wenige Tage später in Düsseldorf und Bonn, um an Besprechungen, Konferenzen, fagungen und Veranstaltungen teilzunehmen. Sie hielt kurze und längere Referate, besuchte Freunde, von denen sie sechszehn Jahre lang getrennt war, nahm zu den Problemen Stellung, mit denen sich die nach dem Zusammenbruch 1945 wiedererstandene" Arbeiterwohlfahrt" auseinandersetzen musste, und schrieb das Buch" Sie lebten für eine bessere Welt", Lebensbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts, 29 Kurzbiographien, die in ihrer Gesamtheit ein geschlossenes Bild der sozialistischen Frauenbewegung geben. Diesem Buch ist ein Brief vorangestellt, den Friedrich Stampfer, der kürzlich verstorbene Chefredakteur des sozialdemokratischen" Vorwärts" und jahrzehntelanger Mitstreiter und Parteifreund von Marie Juchacz, an sie schrieb: " Als Du mir das Manuskript zu lesen gabst, empfand ich es sofort als einen Mangel, dass von Dir selbst darin nicht die Rede ist. Du hast das Buch dem Andenken Deiner Mitkämpferinnen gewidmet, die vor Dir dahingegangen sind, aber so streng lässt sich die Grenze zwischen Leben und Tod nicht ziehen. Eine Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung in Biographien ist unvollständig, wenn darin Marie Juchacz nur als Erzählerin, nicht auch als Handelnde in Erscheinung tritt." Noch bevor Marie Juchacz die Fülle ihrer Aufzeichnungen zu einer geschlos senen Autobiographie zusammenstellen konnte, um damit am Beispiel ihres eigenen Lebens ihren Beitrag zu leisten zur Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung im allgemeinen, und zur Entwicklungsgeschichte der Arbeiterwohlfahrt in besonderen, schloss sie sechs Wochen vor ihrem 77. Geburstag am 28. Januar 1956 für immer die Augen. - Die von ihr nur zum Teil zusammengefassten Darstellungen einzelner Lebensabschnitte und die Fülle der hinterlassenen Notizen und Briefe er - 4- gaben nach chronologischer Ordnung das Gerüst, das mit dem Wissen und den Erzählungen von Freunden, Mitarbeitern und Angehörigen ausgefüllt wurde. Die Erinnerung des Verfassers an viele Einzelheiten tidsklick dürfte dazu beitragen, das Bild einer Frau zu vervollständigen, die sich vorbehaltlos in den Dienst der von ihr selbst gewählten und immer wieder neu erarbeiteten Aufgabe stellte, die ihr Herz der" Arbeiterwohlfahrt" gab und deren wirkliches Herz nur wenige kannten. Fritzmichael Roekl - Neves Rapitel— meine Seite: [ Immer wieder einmal zurückschauen Nachdem Marie Juchacz schon einige Jahre an der Niederschrift einzelner Lebensphasen gearbeitet hatte, giяukkя wollte sie in einem Vorwort mit grundsätzlichen Gedanken stellung nehmen zu dem schon in Bruchstücken ausgeführten Entschluss, ihre Lebenserinnerungen in BuchForm herauszugeben: 5- " Solange ich in der Arbeit des Tages stand, kan mir niemals der Gedanke, dass ich einmal über mein Leben im Zusammenhang schreiben würde. Wohl versuchte ich gern, wie es ja auch mit meiner Tätigkeit zusammenhing, anderen von meinen Gedanken, inneren Erlebnisse und Erkenntnissen zu vermitteln. Das Alter macht beschaulich. Seitdem ich nun auf so lange Jahre des Wirkens in der Öffentlichkeit zurückgehen kann, ist nun doch der Wunsch wach geworden, etwas aus diesen Erinnerungen aufzuschreiben. Zuerst ist dieser Gedanke von aussen her an mich herangetragen worden. Ich habe ihn lange abgelehnt, es erschien mir vermessen, mein Schicksal und meine Arbeit für ein solches Unterfangen nicht bedeutend genug. Vertrauter wurde mir diese Idee, sie verdichtete sich zum eigenen Wunsch, nachdem ich nach langer Abwesenheit aus der Emigration wieder nach Deutschland zurückkehrte. - Mein persönliches Schicksal hat mich auf so manchen verantwortungsvollen Platz in der Arbeiterbewegung gestellt. Ich habe mich niemals dazu gedrängt. Aber wenn ich dann vor einer Aufgabe stand, machte es mir Freude, sie nach bestem Können zu erfüllen. Die Verantwortung, die ich trug, das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, der ständige Gedankenaustausch mit Menschen gleicher Grundgesinnung, das als inneres Muß empfundene fortgesetzte Eindringen in sozialistisches Ideen- und Gedankengut gehören mit zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens. Mit vielen Menschen, Männern und Frauen, hat sich mein Lebensweg geday er kreuzt. Einige van den grossen Sozialdemo kratiet habe ich nur noch ganz aus der Ferne verehrt, ich war damals viele noch sehr jung. Später lernte ich einige aus der nächsten Generation persönlich kennen. Beim Nachdenken über mein Leben und seine wechselvolle Zeit komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass sich vieles für mich aus Zufälligkeiten und aus Zeitumständen ergeben hat. Zufall war es, was mich schliesslich bis in die Spitze der sozialdemokratischen Partei, in den Vorstand führte. Mein Wille war nicht auf dieses Ziel gerichtet. Ich wurde immer irgendwie aufgespürt, für eine Funktion ausgesucht und vorgeschlagen oder gerufen. Niemals habe ich mich zu einem Amt gedrängt, stets wurde mir die neue Verantwortung angeboten. Aber ich habe es immer als ein grosses Glück empfunden, am Werden und Wachsen der Arbeiterbewegung teilzunehmen und habe damit auch ein Stück deutsche Ge -692schichte bewusst miterlebt. Es sind heute nur noch wenige Frauen vorhanden, die sich eine lebendige Erinnerung an jene Zeit bewahren konnten, in der um das Frauenwahlrecht gekämpft wurde, in der es un den Schutz der Arbeiterin, um Mutter- und Kindesrecht im weitesten Sinne ging, und um die Zulassung zu vielen Berufen, die damals den Frauen verschlossen waren. Nur wenige sind noch da, die an dem Hochgefühl des endlichen Sieges teilgenommen haben, als die Frauen nach jahrzehntelangen Kämpfen endlich das allgemeine Wahlrecht erhielten. Die politische Mündigkeitserklärung der Frauen im Jahre 1918/1919 war nur eine Etappe auf dem Wege der Frauenemanzipation. Nachdem galt es, alte unerfüllte Forderungen der Frauen auf Gehalt und Berechtigung zu prüfen, sie in Formeln zu bringen, die in der Gesetzgebung und in der Praxis des Lebens realisierbar sind. Das nahm zu einem guten Teil die politisch fatigen. Kraft der Frauden in der Zeit der Weimarer Republik in Anspruch, neben der Teilnahme an den allgemeinen politischen Fragen, die für das Volksganze von grosser Bedeutung waren. Das Gros der heutigen Frauengeneration weiss wenig, zum Teil garnichts davon. Von dem, was uns neben der erlebnismässigen Erinnerung an literarischen Hilfsmitteln zur Verfügung stand, um das Band zur Vergangenheit immer wieder neu zu knüpfen, ist wenig genug geblieben, und das Wenige ist aus den verschiedensten Ursachen durchaus nicht allgemein zugänglich, nicht einmal einem kleinen Kreis. In der Mentalotät der jüngeren Generation hat sich seit 1933 bis heute so manches spürbar geändert. Ich stelle das nur fest, ohne Kritik daran zu üben, und wünsche nur, dass es mir trotzdem gelingen möge, auch von den jüngeren Frauen verstanden zu werden. Das wäre ein sehr schöner Lohn für die Bemühungen in diesem Buch. Was uns spürbar fehlt, ist, dass in d den Jahren, in denen der freie Gedankenaustausch unterbunden gewesen ist, der natürliche Prozess des aneinander Abschleifens unterbrochen war. Der einzelne Mensch stand mit seinen Gedanken allein. Da er sie nicht aussprechen, sie nicht für die Öffentlichkeit niederschreiben konnte, fehlte die Möglichkeit ihrer Überprüfung und der Weiterentwicklung. Das empfinden wir heute als Kluft zwischen den Generationen, wir fühlen es ganz besonders in der Frauenfrage. Mögen diese Brinnerungen eine Brücke sein. Wohl glaubte ich, der Idee, der ich mein ganzes Leben lang gedient habe, noch manches schuldig zu sein. Wenn man aber spürt, dass die körperliche Kraft nachlässt, hat man die Pflicht, damit haushälterisch unzugehen. Ich glaube, dass es richtig ist, wenn ich mich auf diese sichtbare und hoffentlich nützliche Leistung konzentriere, um den Jüngeren -7ころこ etwas zu hinterlassen, denen, die etwas von den Erfahrungen aus früherer Zeit benützen wollen, für das Verständnis sozialistischen Ideengutes, zur Erweckung und Erziehung des weiblichen Teils der um Erkenntnis und Fortschritt ringenden Menschheit. So freudig und gern wir alle in der Gegenwart stehen sollen, um darin auch für die Zukunft das Unsrige zu tun und um daran selbst zu wachsen, so wichtig ist es doch auch, immer wieder einmal zurückzuschauen, die Gegenwart an der Vergangenheit zu prüfen und sich selbst an dem, was daran gut war, neu zu orientieren. Marie Juchacz ( Faksimile) Bei den Bltern -8muss es beginnen " Jede Lebensbeschreibung muss bei der Kindheit, in Elternhaus, bei den Eltern beginnen. Eindrücke, die man in der frühesten Jugend empfing, Charaktereigenschaften, die man von Eltern und Vorfahren mitbekam, auch das Temperament, das einem vererbt wurde, die Lebensumstände, mit denen man kämpfen, denen gegenüber man sich durchsetzen musste,- das Maß von Willen, Energie und Fleiss, mit dem man an sick arbeitete, bilden am Schluss die Summe, die zum Werden ein es Menschen führt. Der Rückblick auf ein Leben zwingt wohl immer zur Prüfung und Sichtung der verschiedenen Umstände und Faktoren, die von früher Zeit her in Wachsen eines jeden Menschen mitbestimmend gewesen sind." Diese Zeilen schrieb Marie Juchacz kurz vor ihrem 75. Geburtstag, in Jahre 1954, nieder. Sie hatte das Alter erreicht, in den****** x* k** x* besiumin, Menschen sich leichter au Dinge Men, die von Zeitereignissen und von persönlichen Erlebnissen verschüttet waren und nun durch die Erinnerung an längst vergessene Binzelheiten zu einer Vorstellung der Kindheit Reuses führten, wie man sie niemals als junger Mensch haben kann. Von dieser hohen Warte eines sich vollendenden Lebens aus sah sie noch einmal ihr Elternhaus: " Mein Vater Friedrich Theodor Gohlke stammte aus einer Familie, in der die Männer seit jeher gleichzeitig Bauern und Zimmerleute waren. Sie bestellten ihre kleinen Äcker und bauten den anderen Bauern ihre Wohnhäuser, Ställe und Scheunen, aber auch die Kirchen. Es waren fromme Leute, diese Männer, besonders aber ihre Frauen. Eine Brüdergemeinde war es, wahrscheinlich die Herrenhuter, der sich die Vorfahren meines Vaters mit ihren Familien angeschlossen hatten. Meinen Grossvater habe ich nicht mehr gekannt. Der älteste Sohn, Stiegbruder meines Vaters, hatte den Hof und das Baugeschäft im Warthebruch übernommen. Er war schon ein alter Mann, wohl an die siebenzig, als ich ein Schulkind noch einige Male dort war. Er hätte wohl mein Grossvater sein 1379 . ว ہوتے ल-१können und ich habe ihn auch so empfunden. Er hatte nach meiner Erinnerung einen feinen Kopf, ein intelligentes Gesicht und gute Augen. Die Tante / empfand ich nicht so angenehm, ihre Freundlichkeit war nicht echt und herzlich. Auch schien sie es meinem Vater nachzutragen, dass er sich von der Brüdergemeinde fortentwickelt hatte. In diesem ehemals grossväterlichen Hause versammelten sich sonntags die Mitglieder der Gemeinde, die aus den umliegenden Dörfern zusammenkamen, zu Fuss, aber auch mit Pferd und Wagen. Da wurden in der grossen Stube Bänke in Reihen aufgestellt und Andacht gehalten, bei schönem Wetter auch auf dem Hof. Da ich nur gelegentlich in den Ferien dort war, um mich dann an selbstgepflückten Kirschen richtig satt essen zu dürfen können, waren die frommen Eindrücke nicht so stark. Die Erinnerung an den grossen Kirschbaum und an andere essbare schöne Dinge blieb haften. Die Eltern meines Vaters waren früh gestorben. Er und sein Bruder Johann waren noch Schulkinder, as sie Waisen wurden. Sie mussten zuweilen bei Verwandten unterschlüpfen, wo sie sich beim Hüter der Schafe nützlich maCum so chen konnten und auch die Zahl der Esser in der Familie des Bruders verminderten. Beide erlernten dann, aus der Dorfschule entlassen, beim Stiefbruder das Zimmererhandwerk. Die Lehre muss gut gewesen sein, jedenfalls gehörte das Bauzeichnen mit dazu, zum Beispiel der Aufriss und die Berechnung einer Balkenlage, der Treppen, der Verband des Dachgeschosses, ja selbst Wendeltreppen und der Verband eines Kirchturms. So hat es mir mein Vater öfter mit Stolz erzählt. Ich muss sehr empfänglich dafür gewesen sein und habe mich zeitlebens stark für das Bauen interessiert. Allerdings, so sagte mein Vater mir, habe er später beim Dorfschulmeister und aus Lehrbüchern sein Wissen und Können noch ergänzt. Der Vater ging schon sehr früh aus dem Elternhause und damit aus dem Warthebruch fort, um sich in einem anderen Dorf unweit Landsberg an der Warthe, in Heinersdorf, niederzulassen. Im Gegensatz zu dem schweren Bruchland war dort leichter, sandiger Boden, und die Landschaft wurde noch bestimmt so lernte ich es in der Schule-" von den Ausläufern des uralischbaltischen Höhenzuges". Dort in dem Dorf wurde noch mein ältester Bruder Otto geboren, am 27. August 1872.• Bald danach übersiedelte die kleine Familie in die standt Landsberg, wo mein Vater als Bauunternehmer sein Glück versuchen wollte, es aber wirtschaftlich nicht fand. Um die Konkurrenz aufnehmen und durchhalten zu können, hätte er wahrscheinlich kapitalkräftiger und in seinem Verhalten skrupe loser sein müssen." <-10Als sich Friedrich Theodor Gohlke mit Frau Henriette und Sohn Otto in Landsberg niederliess, geschah das mit dem Millen Wunsch, sich möglichtt bald als selbständiger Bauunternehmer betätigen zu können. Das wenige Er sparte reichte am Anfang aber nur für die Miete einer kleinen Dachwohnung in einem Haus an der Warthe, also schon am Rande der Stadt, und für den Lebensunterhalt für die ersten arbeitslosen Wochen. Mutter Henriette rechnete damit, dass Vater Gohlke bald als Zimmerpolier und Bauschreiner in einer Baufirma anfangen würde, aber Theodor Gohlke glaubte, dass die Zeichen der Zeit es waren die" Gründerjahre" es waren die" Gründerjahre"- auch für seine geschäftlichen Ambitionen als Unternehmer günstig seien. So bewarb er sich nicht un eine Stelle als Arbeiter, sondern versuchte, Aufträge für Zimmerarbeiten zu erhalten. Um diese Aufträge ausführen zu können, brauchte er Handwerkszeug, vor allem aber einen Arbeitsplatz. Mit kleineren Krediten****** яxxxxxfax** g* machte er die notwendigsten Anschaffungen und baute gleich hinter dem Haus einen Schuppen. Durch Anfangserfolge mutig geworden, verpflichtete er Lehrbuben und Gesellen, kam aber nicht recht vorwärts, denn die Bauschreinerei war saisonbedingt, und in den stillen Zeiten verbrauchten sich die geringen geschäftlichen Gewinne. Theodor Gohlke war an politischen oder sozialen Problemen nicht interessiert. Die Vorstellung, sich eine selbständige geschäftliche Position zu erobern, muss ihren Ursprung in den" Freiheitsbegriffen" gehabt haben, mit denen er auf dem Lande aufgewachsen war, als Sohn von Bauern, die ausserdem noch ein selbständiges Handwerk ausübten, als Schreiner, Schlosser, Wagenbauer oder Schmiede. Hier in der Stadt waren die Probleme anders, und als im Laufe der ersten Landsberger Jahre noch zwei Kinder gaxaxaxxxxxx zur Welt kamen, wurde die Lage zeitweilig nur noch schwieriger. Zu den finanziellen Sorgen kamen xaxk die der grösser gewordenen Familie hinzu, und Theodor und Henriette mögen es als fragwürdige" Erleichterung" empfunden haben, taxx als die in Landsberg geborenen Kinder, ein Mädchen und ein Junge, starben. Vater Gohlke wafbffcht nur vom Pech verfolgt, und manches Haus in Landsberg war dazugekommen, an dem er fleissig mitgearbeitet hatte. 1/ 05/ MA Neves Kapitel- une fuite [ Kindheit und Schulzeit] Bs war kein besonderes Ereignis in wechselvollen Auf und Ab das Lebens der Familie Gohlke, dass am 15. März 1879 ein Mädchen geboren wurde, das den Namen Marie erhielt. Mutter Gohlke war mit ihren 32 Jahren und trotz eines arbeitsreichen und oft mühevollen Daseins jung und kräftig genug, und Vater Gohlke nahm die Geburt seiner Tochter mit der gleichen Freude -11der Ankunft der und den gleichen, etwas sorgenvollen Gedanken auf, wie das bei den anderen Kinder auch der Fall gewesen war. Der siebenjährige Otto hatte eine Schwester bekommen, und das Leben ging weiter, genau so wechselvoll wie bisher. Manchmal gab es viel Arbeit für Vater Gohlke, manchmal weniger, und ebenso oft mussten Lehrbuben und Gesellen entlassen und der Arbeitsschuppen geschlossen werden, Das war" die Kinderstube", in der Marie aufwuchs, umsorgt von der Mutter, versorgt vom Vater, und verwöhnt vom Bruder, der ihr Spielzeug anfertigte und sie mit dem jungenhaften" Erwachsensein" behandelte, wie das noch heute bei Kindern mit dem gleichen Altersunterschied anzutreffen ist. Dazu gehörte auch, dass sich Otto mit 10 Jaaren Gedanken machte, dass Marie mit drei Jahren nicht mehr ins Kinderbett gehöre. Vater und Sohn machten sich gemeinsam ans Werk und bauten ein älteres Sofa so um, dass Marie ein auf Rollen laufendes Bett erhielt, das wie ein Schubkasten in das Sofa hineingeschoben wurde, während die Rücklehne sich herunterklappen liess und so tagsüber der Mutter als Abstell- und Bügeltisch diente. Maries Kinderbett hatte ausgedient, und Vater und Mutter Gohlke hatten nichts dagegen, dass Otto es auseinandernahm und zu den alten Hölzern in den Schuppen hinter dem Haus legte. Schon mit jungen Jahren nahm Marie mit wachen Verstand alles auf, was Vater und Mutter ihr- bewusst oder auch nur deshalb, weil sie nun einmal" so" waren- als Erziehung mit auf den Weg gaben. Später, als Vater Gohlke schon tot war und Mutter Gohlke bei Marie in Berlin lebte, rundete sich aus Erinnerung und Erzählung in der erwachsenen und in Berufsleben stehenden Marie das Bild ihrer Eltern und ihres" Elternhauses", - das immer nur aus bescheidenen Dachwohnungen bestand: " Ich wuchs trotz des fleissigen und hochstrebenden Vaters in einer kleinen, ärmlichen aber sehr sauberen Dachwohnung auf. Sie war sonnig und Dank der besonderen Haushaltungskunst und des Pleisses meiner Mutter Henriette immer blitzsauber und aufgeräumt. Nach meiner Erinnerung war immer Arbeit da für meinen Vater, ein geniete sat – 12– ter Bauplatz mit einem Schuppen, sehr vielem Holz und gutem Handwerkszeug. Aber niemals war reichlich Geld da, die stärkste Einschränkung gehörte zum Tag. Von den berühmt- berüchtigten Gründerjahren nach 1871 haben wir nur die Kehrseite zu sehen bekommen. Wohl ehe ich heute noch das ei❤ ne oder andere schöne Wohnhaus, verming das mein Vater gebaut hat, aber von Geld, gutem Verdienst und reichlichem Leben war nichts zu merken. Ich sehe meinen Vater genau vor mir mit seinem sauberen, ehrlichen Gesicht und profiliertem Kopf, mit klaren, klugen und so guten Augen. Er war immer gut zu uns Kindern wie auch zur Mutter, und konnte überhaupt nicht anhaltend böse sein. Wenn es einmal einen etwas heftigeren Wortwechsel zwischen ihm und unserer meist stillen, aber doch sehr temperamentvollen Mutter gab, so fielen niemals rohe Worte, und in wenigen Augenblicken war wieder Friede. Mein Vater pflegte dann meistens die Wohnung zu verlassen. Nach einigen Minuten kam er wieder herein, und es wurde freundlich miteinander gesprochen. Viel später, nach seinem Tode, als ich selbst schon eine reife Frau war, die ihr eigenes Lebensschicksal zu tragen hatte, erzählte mir meine Mutter einmal, dass es zu Beginn der Ehe nicht immer so gewesen sei. Sie hätte gelegentlich ihren Kopf durchsetzen wollen, und versuchte es mit längerem Bösesein. Das aber hatte für den feinfühligen Mann zur Folge, dass er sich krank und elend fühlte, wenn ihm Verstand und Einsicht nicht erlaubten, in der Sache nachzugeben. So- sagte sie mir- wäre er gerade durch seine friedliebende Art immer der Stärkere gewesen. Aber sie fände das, nun auch aus der Erinnere rung, alles sehr richtig und sehr gut. So rühmte sie mir auch das grosse Pflichtbewusstsein des Vaters gegenüber der Familie. Wenn es auch arm bei uns zugegangen sei, so hätte er doch immer für das Notwendige gesorgt, Nur mit seinen hochfliegenden Plänen wäre sie niemals einverstanden gewesen. Ihr wäre es soviel lieber gewesen, wenn der Vater- so wie Onkel - - Johann, der schon erwähnte jüngere Bruder meines Vaters, es getan habe sich mit der Stellung eines Poliers oder ersten Gesellen bei einem wohlhabenderen Bauunternehmer abgefunden hätte. Es gab viele Kinder im Haus und in der Nachbarschaft. Wenn die Väter meiner Kindheits- Spielgefährten am Abend nach Hause kamen, gingen die Kinder meistens scheu an die Seite. Ich konnte es mir nicht erklären, warum das wohl so war. Wenn mein Vater nach Hause kam, freute ich mich, sprang ihm entgegen und hängte mich in seinen Arm. Ich hatte immer etwas zu fragen, und er antwortete ernsthaft und freundlich, sodass ich niemals Scheu empfand oder mich durch eine Antwort verletzt fühlte. Selbst auf heikle, geschäftliche Fragen bekam ich eine, meinem kindlichen Verständ tead-13nis angepasste Antwort. So habe ich ihn einmal gefragt, warum er, nachdem das grosse Haus am markt nun endlich fertig sei, noch immer kein Geld übrig habe, damit die Mutter mir neue stiefel kaufen könne. Auch da leuchtete mir seine antwort so vollkommen ein, dass ich ihn verstand. Ich hätte ihn gegen jeden Vorwurf verteidigt, hätte ich je Gelegenheit dazu gehabt. Später habe ich wohl gemerkt, warum die anderen Kinder unseres Hauses und aus der Nachbarschaft Furcht vor ihren Vätern hatten. Manchmal hatten sie getrunken, manchmal hatten die Kinder auch Strafe zu erwarten, weil die Mütter ihnen gedroht hatten, es dem Vater zu sagen, wenn sie etwas verpext hatten, und dann setzte es Schläge. Das kannten wir nicht. Vater schlug weder ein Kind noch einen Lehrbuben, er war dazu einfach nicht fähig. So hat meine Mutter es im Zorn öfter bei einem" Katzenkopf" bewenden lassen. Sie wusste genau, dass es gar keinen Zweck hatte, etwa am Abend noch über uns Kinder, über Utto und mich, zu lamentieren, wie sie es wohl auch zu anfang versucht hat. Auch das fand sie später gut so. Meine Mutter war bei allem Pemperament, im Gegensatz zu dem sonnigeren Vater, eine schwerblütige, ernste Frau. Sie stammte aus Tagelöhnerkreisen vom Lande, aus der Neumark. Ihr Vater, so erzählte sie mir, sei Kuhhirt auf einem grossen Gut gewesen. Meine Grossmutter hätte sehr schwer und hart mitarbeiten müssen, nicht nur, weil xxx* x* x* x* x* xx¤¤µ£\ ά¤kkæ ★ ************* die Bedürfnisse der Familie es erforderten, sondern auch, weil der Grossvater verpflichtet gewesen wäre, mindestens eine Arbeitskraft für das Gut zu stellen. Überhaupt gehörten Frauen und heranwachsende Kinder gewissermassen dem Gutsherrn. Bei den Gesprächen mit meiner Mutter hatte ich oft das Gefühl, als wären da noch alte Reste der längst aufgehobenen Leibeigenschaft in ihrem Unterbewusstsein wirksam. Es war in ihr eine seltsame Mischung aus rebellischem Geist, durchaus selbständigem Denken und Handeln, und aus diesen Gefühls resten einer von mir nich verstandenen Vergangenheit.- Aber es war schon so, dass in der preussischen Gutsverfassung von damals der Gutsbesitzer noch bestimmte Rechte, allerdings auch gewisse Pflichten hatte. So war er zum Beispiel verpflich tet, für seine alten und kranken Tagelöhner zu sorgen. Ob und wie er jeweils diesen Verpflichtungen nachkam, ist eine Frage für sich. Aus der Brinnerung der Erzählungen meiner Mutter kann ich ein Beispiel nennen: die älteste Schwester meiner Mutter, mit einem Gutsarbeiter auf dem gleichen Gutshof verheiratet, wurde früh Witwe und relativ zeitig auch arbeitsunfähig. Der Gutsherr, ihr augenscheinlich ganz wohl gesonnen, beliess sie- zusammen mit ihrer halberwachsenen und ebenfalls auf dem Gut Were -44beschäftigten Tochter - in ihrer kleinen Wohnung. Das junge Mädchen war sehr geschickt mit Nadel und Faden. Der Traum der beiden Frauen war, dass das Mädchen Schneiderin würde. Sie hatte sich bereits eine Lehrstelle in dem nahen Städtchen Brügge im Kreis Soldin gesucht. Der Wunsch wurde nun eines Tages dem Gutsbesitzer vorgetragen. Seine Antwort war kurz und bündig:" Gut, ich kann es nicht hindern. Dam muss das Mädel die Wohnung räumen, und Du kannst zweimal einen Kreide strich durch Deine Stube ziehen." Die Schwester meiner Mutter wusste, was das heissen sollte:" Hier kommen noch drei Betten herein, und Du teilst Deine Stube mit drei alten Frauen vom Gut, die ebenfalls das Gnadenbrot erhalten." Die Tochter wollte von der Mutter dieses Opfer nicht annehmen, verzichtete auf die Ausbildung als Schneiderin und blieb auf dem Gut, so lange, bis sie selber alt und verbraucht war. Wie es ihr ergangen ist, weiss ich nicht. Neun Jahre war meine Mutter alt, als sie bei fremden Leuten" um's Brot" verdingt wurde. Die Eltern waren tot, und deshalb war für sie kein Platz auf dem Gut. Sie" diente" nun in einer Müllerei, in der auch Brot zum Verkauf gebacken wurde. Der Brotteig wurde am Abend angesetzt. An jedem Morgen, vor Beginn der Schule, musste eine grosse Mulde Brotteig von schwachen Kinderarmen geknetet werden. Das war die Hauptbeschäftigung eines neunjährigen Kindes. Wenn es dann aus der Schule kam, gab es eine Fülle teils leichterer, teils schwererer Arbeit, bis in die späte Nacht hinein. Das Kind war übrigens eine gut lernende Schülerin, das der gleichaltrigen Tochter des Brotherren oft bei den Schularbeiten helfen musste. Zu essen scheint es genügendgegeben zu haben, aber die Mutter wies oft auf ihren gebeugten Rücken hin. Der sei durch die frühzeitige und zu schwere Arbeit so geworden. Die Schule, die meine Mutter besuchte, kann nicht schlecht gewesen sein. Ich konnte das an den Briefen war sehen, die sehr gut im Deutsch und besonders plastisch im Ausdruck waren. Sie hatte eine natürliche Intelligenz und fand über Menschen und Dinge sehr schnell ein gesundes Urteil. Dazu war ihr Vieles an vernünftigen Lebensformen vollkommen bewusst, und sie hat das sehr gepflegt. ihren hate So gab es in dem Hause neben uns noch einige recht Near 15- arme Familien. So sehr sich aber die Frauen einschränken mussten, hatten sie doch immer noch etwas übrig für irgendeinen Firlefanz, für einen billigen Nippe skram, einen" Beduinenkopf", eine andere schreckliche " Plastik" oder ein geschmackloses Bild. Oder es gab eine bunte Topfgarnitur für die Küche, wobei womöglich noch bunte Schleifchen an die ach so schön geblümten Töpfe gebunden wurden. Das alles gab es bei uns nicht. Es gab keine Nippesfiguren, keine bunten Töpfe mit noch bunteren Schleifen, keine gehäkelten Küchenspitzen mit durchgezogenen bunten Bändern, die schon nach kurzer Zeit verräuchert und grau in den ärmlichen Küchen der Nachbarhäuser herumhingen. Wenn ich, wie heranwachsende Mädchen es schon einmal tun, etwas bei uns" verschönern" wollte, konnte sich meine Mutter sehr hart und abfällig ausdrücken: wir können keine Staubfänger gebrauchen, oder: Das, was wir uns leisten könnten, wäre doch nur schlechtes, hässliches Zeug. Die paar Groschen legen wir besser aufeinander, und dann bekommst Du eine schöne leinene Schürze, so eine mit Achselbändern, die willst Du doch so gerne haben? Na- siehst Dul Das hat sich mir alles deshalb so stark eingeprägt, weil meine Mutter ihre Entscheidungen fast immer mit einem kurzen, landläufigen Sprichwort oder mit einem selbstgeformten Grundsatz bekräftigte, womit sie auch immer den Nagel auf den Kopf traf. Sie war darin unerschöpflich. Das Wort " Kitsch" gab es wohl nicht in ihrem Vokabularium, aber ihr sinn und Tun war sehr energisch gegen billige Uberflüssigkeiten gerichtet. So sehe ich noch deutlich in unserer Küche die schlichten braunen irdenen und die schwarzen gusseisernen Gebrauchstöpfe. Aber auf einen sauber gedeckten Tisch, gute Tischmanieren und gewaschene Hände hielt sie viel. Sonnige Fenster hatten wir, und blühende Blumen auf den Fensterbrettern, und inmer gut gewaschenes Bettzeug und saubere Handtücher. sehr oft haben meine Schwester Elisabeth und ich uns später daran erinnert, wieviel schönheit und Zweckmässigkeit in der schlichten Wohnungseinrichtung und Haushaltsführung unserer Mutter anzutreffen war. Wir haben es mit vollstem Bewusstsein mitgenommen auf unseren Lebensweg. Und wenn wir uns manchmal später ein wenig mehr leisteten, als unsere Mutter es konnte, so haben wir doch unsere immer bescheidenen Mittel niemals für Tand und überflüssigen Kram ausgegeben." Schönheit gleich Zweckmässigkeit" wurde uns eine gemeinsame kaxxxxRegel in der persönlichen Gestaltung unseres Lebens, unserer Wohnung und Kleidung. So war auch die Einteilung der mütterlichen Hausarbeit nicht nur von rationalistischen, sondern auch von hygienischen Gesichtspunkten bestimmt, nicht aus dem Wissen heraus, sondern aus dem Gefühl, dass es so am besten sei. Es standen den Frauen der Kleinstadt keinerlei technische Erleichterungen zur Verfügung. Wir hatten Petroleumbeleuchtung, das Wasser wurde herauf- und heruntergetra- - 1b 15gen. Trotzdem habe ich mich mein Leben lang bei vielen täglichen Handgriffen daran erinnert, das ich das schon zu Hause gesehen und als praktisch empfunden habe. Die Mutter hat wirklich bei ihrer Arbeit gedacht. So erinnere ich mich daran, dass eine unserer Nachbarinnen es des morgens immer besonders eilig hatte, ihre Betten zuzudecken, während sie bei uns erst immer eine sehr lange Zeit der frischen Luft ausgesetzt wurden. Auf meine Frage nach dem" warum?" erhielt ich die richtige Auskunft, ausserdem setzte meine Mutter hinzu:" Zu uns muss auch jemand in die stube kommen können, wenn die Betten noch nicht zugedeckt sind."- Einem Kind gehen die Beispiele des Elternhauses unmerklich ein, Mütter haben auf ihre Kinder mehr Einfluss, als sie selbst wissen. Was ich später, als ich etwas älter war, des öfteren an meiner Mutter kritisierte, war, dass ihr schönes rebellisches Gefühl gegen Vorrecht und Unrecht zu schnell zusammensank. Sie resignierte zu leicht. Das kennte ich natürlich nur an den kleinen Dingen des Lebens messen, die damals an sie herantraten. Zurückschauend weiss ich, dass sie für unseren Vater und für uns Kinder ein guter und treuer Lebenskamerad gewesen ist. Eine ganz hervorragende Eigenschaft meiner Mutter muss ich noch erwähnen, für deren beispielhaftes Vorleben ich ihr immer unendlich dankbar geblieben bin. Sie sprach niemals abfällig über andere. Sie gab mir damit eine gute, kluge Richtschnur für mein ganzes Leben. Diese Eigenschaft meiner Mutter verdient schon deshalb besondere Erwähnung, weil das Klatschen und Tratschen, das Fällen vorschneller und abfälliger Urteile über andere, das Moralisieren mit hässlichen Ausdrücken und hämischen Randbemerkungen gerade zu den nicht sehr angenehmen Gewohnheiten der Menschen in unserer kleinen Stadt mit ihren beengten Verhältnissen und übervölkerten Wohnhäusern gehörte. Man hielt eine zeitlang dicke Freundschaft, spürte im Privatleben anderer Leute herum, suchte nach" schwarzen Flekken", sprach und urteilte dann in verletzender Weise darüber. Plötzlich ging die dicke Freundschaft in die Brüche, eine Partie davon befreundete sich mit der anderen Seite, und bald kam nach einer Zeit des Tuschelns und der üblen Nachrede der grosse Krach mit schlimmen Beleidigungen. Dann folgten die lauten Auseinandersetzungen im eigenen Hause, es ging zum Schiedsrichter, der dann mit dem Rattenschwanz von Tratsch und Klatsch fertig werden sollte. Gelang es ihm nicht, die streitenden Parteien zu einigen, wobei es dann gewöhnlich neben den Kosten die Buße für die Armenkasse gab, ging es mit einer Beleidigungsklage vor das ordentliche Gericht. Wenn meine Mutter von dieser Zeit erzählte, geschah es immer mit ein en gewissen Stolz, dass sie niemals" in solche Dinge" verwickelt gewesen sei. Sie hätte aber auch niemals eine solche dicke Hausfreundschaft gehabt, und" der Vater hätte es auch bestimmt nicht gerne gesehen!" - 430-64 171 17 Zu meiner Uberraschung stosse ich jetzt, im Jahre 1950, wo ich mit der Niederschrift beginne, auf einen Zeitungsausschnitt aus dem Lokalblatt einer grösseren Stadt von etwa einer halben Million Einwohnern. Dort heisst es, dass 50% aller Hausstreitigkeiten durch die Tätigkeit des Schiedsmannes den Gerichten erspart werden konnten. Die Häufung der Streitigkeiten läge an der Wohnungsenge. Die täglichen kleinen Ärgernisse sammeleich an, bis es einen Sturzbach gegenseitiger Beleidigungen und sogar Tätlichkeiten gäbe. Die scheinbar bedächtigsten, zum grossen Teil auch gebildetsten Menschen entwickelten bei diesen Schimpfereien einen erstaunlichen Ideenreichtum in der Anwendung von beleidigenden Schimpfworten. Unter den Frauen seien gewisse Ausdrücke beliebt, die man nicht im Knigge fände. 25 Schiedsrichter der erwähnten Stadt hätten vollauf zu tun, um die täglich anfallende Arbeit zu meistern.• Doch scheint es sich hier um eine internationale Erscheinung zu handeln, die" ohne Organisation" überall zu finden ist. Davon konnte ich mich auch im amerikanischen Kleinstadtmilieu überzeugen. Die Menschen von heute haben das immer noch nicht überwunden. - Dagegen war die Mutter zu den Nachbarn immer freundlich, hilfsbereit und teilnehmend. Wenn wir auch nicht viel besassen, so wuchs ich doch manches Wäsche oder Kleidungsstück aus. Eine alte Frau kam mit einer Handnähmaschine, um mir oft aus Altem neue Kleider zu nähen. Dann wurde das, was wegzugeben war, bestimmt und ausgesucht. Es wurde aber niemals unterlassen, diese Stücke vor dem Weggeben sorgfältig zu säubern und auszubessern. " Otto, gut sechs Ja hre älter als Marie, besuchte die Voksschule im letz ten Jahr, als sie zum Schulbesuch angemeldet wurde. Während es Marie 60 hatte, gerne getallen liess, von den Eltern gelegentlich gehätschelt zu werden, war Otto schon so erwachben, dass er sich dieser elterlichen Liebe- zumindest äusserlich entzog. Was er sich allerdings noch immer gefallen Sie wollte liess, war der abendliche Besuch von Mutter Gohlke am Bett, nachusehen, ob die Kinder auch richtig zugedeckt seien. Das sollte noch lange für ihn und Marie zur" guten Nacht" gehören. Der einzige Mensch, von dem duljete ich Otto Zärtlichkeiten en tees, war die aufgeweckte und wissbegierige Schwester Marie, die ihm oft Fæægen stellte, auf die er selbst keine Antwort wusste. Iak Er gab diese Fragen an seine Eltern weiter, natürlich so, dass sie es nicht merkte, und wenn er glaubte, die richtigen Antworten zu wissen, brachte er das scheinbar nebenbei zur Sprache. Woher sollte denn Otto auch wissen, woher das Petroleum kommt, warum Vater so wenig Geld hat, denn sie hätte gerne neue Schuhe gehabt(" Alle Kin - . - 18+-18der sind mit neuen Schuhen in die Schule gekommen, nurich nicht"), wie eine Nähmaschine so schnell nähen kann,** was ein Verein ist, und warum der Reichstag nicht im Ka lender steht. bis zu seinem Tod Anfang 1958 Otto erinnertesich noch be an den lebendigen Anteil, den sie an allen Dingen nahm, die sich im Hause ereigneten und über die gesprochen wurde. Sie sagte nicht viel, hörte genau zu, auch dann, wenn es sie garnichts anging, und verriet sich nur durch ihre Fragen an die Eltern und an Bruder Otto. In den Auszeichnungen von Marie Juchacz befinden sich nur wenige Notizen über das enge Verhältnis, das zwischen den beiden Geschwistern bestand: Mir schien, mein Bruder Otto kam sich mächtig erwachsen vor, was mir zeitweilig imponierte, mich aber auch oft wütend machte, wenn er mal wie alle Jungens im Alter von 12 bis 14 Jahren- recht flegelig wurde. Er war aber sehr nett im Grunde seines Wesens und muss sich mit mir gut verstanden und unterhalten haben, denn er baute mir allerhand schöne Spielsachen. An Holz, Nägeln, Leim und Handwerks zeug war kein Mangel. Unser grosszügiger und verständnisvoller Vater erlaubte ihm, alles zu nehmen, was er glaubte brauchen zu müssen, natürlich unter der Bedingung, dass nach Gebrauch alles wieder an seinen Platz gebracht und dass er vorher gefragt würde, ehe ein Stück Nutzholz der Säge zum Opfer fiel. Das ging so, bis mein Bruder Otto schon Geselle war." * Zwischen den Eltern Früher war schon einige Male die Rede davon gewesen, Otto eine bessere Schul- und Berufsausbildung zu geben. Je mehr akta der Junge in Geschäft des Vaters mithalf, desto geschickter stellte er sich an, und Marie war Zeuge mancher Unterhaltung, in der Vater Gohlke seinen WunschCfür die Zukunft derkinder träumen nachning, ohne dass ihr bewusst wurde, dass in den resignierenden Schlussfolgerungen, zu denen ihr Vater kam, zugleich auch ihr eigenes Bildungsziel- so weit es von den Eltern bestimmt werden kann abgegrenzt war. - 19- So verging die Zeit in Landsberg, ohne dass sich etwas Besonderes ereignete. Otto half seiner Schwester Marie bei den Schulaufgaben, in den Ferien half er dem Vater in der Werkstatt und auf dem Bau, und als er mit der Schule fertig war, nahm ihn der Vater im eigenen Geschäft als Lehrbuben auf. Maxiaxkxxxkkaxdi* x* x* x* x* x* x* x* x** k* x* x* x NXNXXNXXXXXXXX** X** XXXXя Marie ging Jahr für Jahr in die gleiche Volksschule, wurde x* x* x* x* x mit dem Lehrstoff schneller fertig als ihre Klassenkameradinnen, ging der Mutter bei der häuslichen Arbeit zur Hand und machte sich noch keine Gedanken über ihre Zukunft. Otto und Marie waren jezt schon so alt, dass die Eltern sich in ihrer Gegenwart freimütig über alles unterhielten, auch wenn Marie manches noch nicht verstand. Die Eltern xxxxxxxxxx waren der Meinung, dass es besser sei, alles so sebstverständlich wie möglich zu behandeln. Desto leichter würden es die Kinder einmal im Leben haben, meinte Vater Gohlke. Aus dieser Auffassung erklärt sich auch die Selbstverständlichkeit, mit der Marie viele Dinge mit ihren jungen Verstand aufnahm und verarbeitete.- Otto und Marie waren dabei, als Mutter Gohlke eines Tages meinte, dass der Vater demnächst das alte Kinderbett aus dem Holzschuppen holen, zusammensetzen und etwas auffrischen müsse, denn es werde wohl bald wieder gebraucht werden. Als Marie sich 65 Jahre später an diese Zeit erinnerte, klang noch einmal die Erregung auf, die sich nicht nur in der Ankunft eines neuen Familienmitgliedes äusserte, sondern auch in den Zeitereignissen ihre Ursache hatte: 0 " Mein Bruder Otto er ging ja bei meinem Vater in die Lehre stand vor der Gesellenprüfung und ich war neuneinhalb Jahre alt, als uns noch ein kleines Schwesterchen, Elisabeth, geboren wurde. Das war am 22. August, 1886 in idem uns denkwürdig erscheinenden Jahr, denn in - 20 der Schule waren wir Kinder angesteckt von der Aufregung der Lehrer erregt über den Tod des alten Kaisers Wilhelm I., dann über den schnell folgenden Tod seines Nachfolgers Friedrich III und die Thronfolge Wilhelms II. Die Lehrer versuchten, uns kleinen Dingern zu erklären, dass wir Geschichte erlebten. Jedenfalls machten die Gespräche in der Schule und auch im Hause einen starken Eindruck auf uns Kinder. Am stärksten beeindruckte mich aber die grosse Uberschwemmung im Jahre 1888. Unser Haus stand mitten im Wasser, obwohl wir garnicht unmittelbar am Fluss wohnten. Ein mit der Warthe unterirdisch verbundener Graben brachte uns die Wassermassen, die die Gärten, den etwas höher gelegenen Bauplatz und die grossen Viehhöfe der Ausspannung, die unserem Hauswirt gehörten, bis zur Strasse überfluteten. Die Familien aus den Kellerwohnungen wurden oben unter dem Dach aufgenommen. Wir Kinder fuhren mit Waschwannen auf dem Wasser umher, purzelten auch gelegentlich hinein, aber weiter ist uns nichts passiert. Am Abend aber hörten wir die Geschichten von den treibenden, mit Menschen besetzten Dächern, von Wiegen mit Kindern, die den Fluss heruntergetrieben wurden, von Ilunden, die an der Hütte angeket tet und dadurch am Schwimmen verhindert waren und ertranken, oder auf den Dächern der Hundehütten weh festklammerten und gottserbärmlich heulten. Das war das erste soziale Erlebnis, das einen tiefen Eindruck auf mich machte und mir bis auf den heutigen Tag mit vielen Einzelheiten im Gedächtnis haften bli eb. - Sich die Geburt des Schwesterchens. Meine Und nun kam im gleichen Jahr Mutter, schon über 42 Jahre alt( sie wurde am 31. Januar 1846 geboren), machte sich in ihrer schwerblütigen Art Gedanken über das späte Kommen dieses jüngsten Kindes. Siebildete sich ein, dass es uns, meinem Bruder recht törichte Otto und mir, im Wege sein müsse. Ich erinnere mich noch genau daran, wie Otto, der fünf Tage später seinen 16. Geburtstag feiern sollte, mittags zum Essen nach Hause kam und verschmitzt lächelnd fragte:" Nun? Wieviel Geschwister sind wir denn jetzt?", und wie bei dieser freundlichen 434- 27 überstandenen Frage gleich Sonnenschein über das ernste, von den Geburtswehen ermattete a Gesicht meiner Mutter huschte. Sie hatte diesen Augenblick gefürchtet. Ich selbst hatte das überraschende Erlebnis und die Freude schon hinter mir, da ich etwas früher aus der Schule nach Hause gekommen war. Ich nehme an, dass ich in der Nacht vorher zu irgendwelchen nachbarlichen Freunden ausquartiert wurde, aber darauf kann ich mich nicht mehr genau besinnen. Ich war aber nicht etwa ahnungslos überrascht worden. Meine vernünftig denkende Mutter hatte mich auf das Ereignis vorbereitet. So weiss ich noch genau, dass sie mich mitnahm, um Stoff für Hemdchen und Jäckchen zu kaufen, und ich war dabei, wie sie ihn zuschnitt und zusammennähte. Sie rechnete mit mir zusammen aus, wieviel sie für je drei Stück dieser kleinen Wäschestücke brauchen würde. Auf meine verwunderte Frage, ob denn das ausreiche, denn sie hätte mir doch erzählt, dass man so ein kleines Kind täglich baden und frisch anziehen müsse, sagte sie: Ja, das muss man, und wir werden viel Arbeit haben. Aber bei so wenig Wäsche kommt man niemals in die Verlegenheit, etwas in den Winkeln liegen zu lassen. Der Zwang zum schnellen Waschen und Trocknen ist so von selber da. Es würde sich ausserdem auch nicht lohnen, mein Kind, soviel Neues anzuschaffen, dass etwas übrig bleibt, weil es das letzte Kind sein wird, das ich bekomme. Ich habe damals nichts darauf geantwortet, aber in meinen Augen muss eine stille Frage gestanden haben, denn sie ergänzte ihre Rede: Das ver stehst Du noch nicht, aber ich bin ja nun schon in dem Alter, in dem man eigentlich keine Kinder mehr bekommt. Sie sagte das alles ganz ruhig und natürlich, und so habe ich es auch aufgenommen. Aber ich habe auch die Seufzer gehört, die ihrer späten Mutterschaft galten. Als ich schon erwachsen war, hat sie mir von den schweren Gedanke erzählt, durch die sie sich während dieser Schwangerschaft quälen liess. Ich habe sehr schwer an der Verantwortung getragen, noch so spät ein Kind in die Welt zu bringen. Das war wohl auch die Ursache der irrigen Meinung, dass uns das Schwesterchen nicht lieb sein würde. t An die Schule denke ich nicht so gern e zurück, und noch heute meine ich, dass sie recht schlecht gewesen sein muss: Line Volksschule mit vier Klassen, Die beiden unteren Klassen besuchte ich je ein Jahr, in der dritten musste ich dann zwei Jahre aushalten. Ich weiss heute nicht mehr, ob da im Unterricht ein Unterschied zwischen den beiden Abteilungen gemacht wurde, nehme es aber an. Dann blieben noch vier Jahre für die obere Klasse. Da gab es dann keine Teilung mehr im Lehrstoff, nach dem ersten Jahr war alles ödeste Wiederholung. Zwei Sätze aus dem Diktat unserer Klassenlehrerin im Deutschunterricht haben mich mein ganzes Leben lang verfolgt:" Dass die Wogen sich senken und heben, das eben ist des Meeres Leben." Manche Kinder schrieben auch noch im letzten Jahr:"..... das Eben ist....". Vielleicht dachten sie, dass" das Eben" so etwas sei wie" das Beben". Ich glaube, dass es die Lehrerin schon bei der Betonung darauf anlegte, die Gedankenlosen zu fangen.- Der zweite" Lehrsatz" war:" Dienen lerne beizeiten das Weib nach seiner Besti ung, denn durch Bienen gelangt sic errschen! Peht, sher • 35 22 - in mir hat es damals schon gegärt und rebelliert. Nicht einmal fragen konnte und durfte man nach Sinn und Bedeutung. Dass die Lehrerin es sich nicht vorstellen konnte, dass die so erzwungenen Wiederholungen für die Kinder eine Pein waren, ist mir heute noch schleierhaft. Einen Horror hatte ich vor dem Rechenlehrer. Er begann regelmässig die Stunde mit der Frage:" Wo seid Ihr das letzte Mal stehengeblieben?". Dann liess er sich das Aufgabenheft von einer schwachen Schülerin geben, schrieb flüchtig an der rafel die nächste Aufgabe auf und nach seinem stereotypen" So, nun rechnet, so weit Ihr kommt" setzte er sich an seinen Tisch und las in einem Buch. Am Schluss der Stunde sah er sich wiederum das Heft eines in xx Rechnen schwachen Kindes an und bemass danach die Schulaufgaben bis zur nächsten Stunde. 9 S6 kam es, dass ich schon im ersten der vier Jahre immer beim Dividieren oder gar bei der Prozentrechnung angelangt war, während meine Schulgefährtinnen noch beim Addieren oder höchstens Subtrahieren waren. Ich konnte das durch die Hilfe meines Vaters, da ich ihn zu Hause nach der Technik der mir noch fremden Aufgaben fragte. Er erklärte sie mir wAAA gerne und ausführlich. Da dann zu Ostern immer wieder neuer Zugang in die Klasse kam, ging die Quälerei des Wiederholens auch in der Rechenstunde wieder los. Und wenn dieser Lehrer einmal für die Erteilung der Zensuren die Hefte einsammelte, hat er nicht ein einziges Mal gefragt, woher ich eigentlich meine kaxkxx Weisheit im Rechnen nahme.• Ich war eine schlechte Zeichnerin. Wir mussten nach aufgehängten Modellen zeichnen, wobei ich nicht mitkam und die Blätter sehr verschmierte. Zensiert bekam ich sie überhaupt nicht. Besondere Mühe gab sich auch dieser Lehrerin nicht mit uns. Höchstens gab es Knüffe an den Kopf, wenn er im Vorbeigehen etwas bemerkte, was sein Missfallen erregte. Dass man Kinder ganz anders malen lassen kann und muss, daran dachte damals noch kein Mensch. Natürlich wurde auch geschlagen in dieser Schule. Von der Klassenlehrerin an war das Lehrpersonal mit athen Rohrstock bewaffnet und machte auch fleissig Gebrauch davon. Ich habe kaum etwas davon zu schmecken bekommen, weil mir das Lernen leicht wurde und die allgemeinen Anforderungen an meine Fähigkeiten sehr gering waren. So habe ich es wenigstens damals schon empfunden. Der Ungeduld und öden Langeweile habe ich wohl keinen Ausdruck gegeben, ich war innerlich immer mit allerhand beschäftigt, was nicht im Bereich der Schule lag. Es wäre aber für mich auch sicherlich nicht gut gewesen, wenn ich in die allgemeine Rohrstockprügelei einbezogen worden wäre. Ich war sehr sensibel und erinnere mich noch deutlich, dass schon eine leichte körperliche Strafe äusserst deprimierend auf mich wirkte. Als ich später Mitglied der Nationalversammlung war, hat mir meine ehemalige Klassenlehrerin geschrieben. Sie sei nun pensioniert. Wenn ich je- Bb7 23 mals in meine Vaterstadt käme, bäte sie mich um einen Besuch. Ich ging zu ihr. Sie war ein altes, verhutzeltes Frauchen geworden, und stockkonservativ. Ich habe ihr aber nicht erzählt, wie oft ich ihr- allein oder mit Kameradinnen zusammen den Rohrstock entwendet und beseitigt habe. Es hätte ja auch niemand mehr genützt. Wie gerne wäre ich doch in die Bürgerschule gegangen. Nicht, weil ich glaubte, dann" etwas Besseres" zu sein, sondern weil dort sieben oder acht Klassen waren und ich dann- wie gerne wollte ich mich anstrengen! jedes Jahr in eine andere Kasse gekommen wäre, und weil es in den beiden oberen Stufen eine Fremdsprache gab. Wie verlockend ich mir das vorstellte! Desto mehr und drückender empfand ich unsere armut. Als Handwerksmeister war mein Vater Mitglied des Gewerbe- und Handwerker- Vereins. Auch später war es ihm noch möglich, diese Mitgliedschaft aufrechtzuerhalten. Er war ständiger Benutzer der reichhaltigen und guten Bibliothek, wovon wir Kinder natürlich profitierten. Ich habe als Kind und in meiner" ugend alles gelesen, was nur erreichbar war, Gutes und Schlimmes. An die Bücher, die ich mir aus dem Zeichenpult meines Vaters herausholte, meist ohne sein Wissen, aber dennoch mit seiner stillen Billigung, erinnere ich mich gerne. Auch die neun Jahre jüngere Elisabeth sagte mir später oft, wieviel ihr diese Möglichkeit zu lesen doch gegeben habe. Ich weiss nicht einmal, ob unser Vater gewusst hat, was wir alles als Kinder zusammentrugen und durchlasen. Später habe ich mir vorgenommen, meinem Vater eine kleine Klassiker- Bibliothek zu schenken, damit er sie als sein Eigentum haben könne. Als ich es endlich hätte tun können, war es zu spät für ihn. Weil ich gesehen habe, wie meine Mutter sich einschränken musste, habe ich mich als Schulkind erboten, mir eine" Kinderstelle" zu suchen oder morgens( vor der Schule!) Frühstück auszutragen. Sie antwortete mit einem kategorischen" Nein!". Sie denke daran zurück, wie schwer es für sie gewesen sei, so jung schon so schwere Arbeit zu tun." Ich bin mir mit Vater völlig einig, dass das für Dich nicht in Frage kommt, verstanden? Sei froh, dass Deine Eltern noch da sind! Später habe ich, als ich echon in Berlin und in der Frauenbewegung tätig war, oft an dieses Gespräch zurückgedacht. Neben dem sozialen Zwang zur Kinderarbeit, neben der Skrupellosigkeit vieler Handwerksbetriebe, der Leitungsagenturen, der wie Pilze emporwachsenden Industrien habe ich auch viel Unvernunft, mangelnde Einsicht und soziale Unbildung bei Eltern kennen und deshalb das einsichtige Verhalten meiner Eltern doppelt schätzen gelernt. Diese Erfahrung machte ich allerdings mehr als ein Jahrzehnt später. Sat 24 Inzwischen wuchs die kleine Stadt Landsberg, die industriellen Anlagen mehrten sich, Wohnhäuser wurden gebaut. Aber trotzdem war es noch immer eine politisch zurückgebliebene Stadt. Als mein Bruder- es war im Jahre 1889 seine Gesellenprüfung machte, dachte noch niemand an eine Gewerkschaft in unserer Stadt, auch nicht für Maurer und Zimmerleute. Da gab es noch eine Prüfung mit" Bundeslade", alten Sprüchen, mit ganz feierlicher Handlung nach altem Handwerksbrauch. Das Ganze wurde gekrönt durch einen festlichen Umzug der alten und jungen Gesellen. Die Jung- Gesellen trugen das Winkeleisen, das durch einen Stab verlängert xxx und mit den Kakkan xxx aus Messing geschnittenen Emblemen des Handwerks gekrönt war. Um den ganzen Stab waren Blumen gewunden und mit bunten und wehenden Bändern geziert. Auch die jungen Maure gesellen waren entsprechend geschmückt. Für mich als zehnjähriges Mädchen war das damals eine interessante und aufregende Angelegenheit, und die ganze Stadt nahm an diesem Ereignis teil. Am Abend gab es einen Ball, bei dem dann die Junggesellen oder ihre Meister und Väter ein bestimates Quantum Bier spendieren und bezahlen mussten. Als ich sechs Jahre später zur Arbeit ging, erst in einen Haushalt, dann in die Fabrik, war noch immer keine Gewerkschaft vorhanden. Das kam erst sehr viel später. ige Wieder Unser Bruder Otto wurde Soldat, als ich noch zur Schule ging. Wie die meisten Burschen dieses Alters hat er mich oft recht rauh behandelt. Trot dem hatte ich, als er fort war, grosse Sehnsucht nach ihm. Als er einmal auf Urlaub kam, machte es grossen Eindruck auf mich, dass er zu mir, der nun vierzehnjährigen, so ritterlich wer. Ich muss mich aber einmal despektierlich über seine Uniform geäusert haben, denn ich erinnere mich an seine ernste Belehrung darüber, dass er" des Königs Rock" trage und dass er stolz darauf sei, ihn tragen zu dürfen. Als der Obergefreite der Artillerie aber dann, nach dreijähriger Dienstzeit, zurückkehrte, war ein Jahr nach diesem Intermezzo erklärte er mir in seiner ernsten und etwas umständlichen Weise, dass er- und warum er Sozialdemokrat geworden sei. Er gab mir mit vielen Erklärungen einen Texte des Erfurter Parteiprogramms. Den ersten Teil verstand ich nicht, und seine Erklärungen machten mir auch nicht verständlicher. Uber den zweiten Teil, der sich mit Gegenwartsforderungen befasste, haben wir viel und ernsthaft diskutiert, wobei wir durchaus nicht immer einer Meinung gewesen sind. Ich konnte mir unter einer politischen Partei kaum etwas vorstellen, und einen sozialdemokratischen Parteiverein gab es bei uns noch nicht. Aber ich habe bei diesen Debatten über das Erfurter Programm schon damals mane ches gelernt. Es lehrte mich, über die allgemeinen Dinge nachzudenken, den Staat als etwas anzusehen, woran alle Menschen Anteil nehmen müasen. Aber schon vorher bin ich auf politische zusammenhänge aufmerksam geworden. Unser Vater war immer zum Wählen gegangen. Es kamen dann kleine ● ● . 25 38 Zettel mit den verschiedensten Namen ins Haus. Das hatte mich schon als Kind lebhaft interessiert, und Vater musste auf manche Frage Antwort geben, und gab sie auch in einer mir durchaus verständlichen Form. Wenn ich aber fragte:" Wen von diesen Männern wirst Du denn wählen?", sagte er mit schalkhaft- geheimnisvollem Lächeln:" Die Wahl ist geheim mein Kind, auch Dir kann ich das nicht sagen!"- So stritt ich mich später auch gerne mit meinem Bruder herum, erregte auch das verwunderte Kopfschütteln nicht nur unserer Mutter sondern auch anderer Leute, auch unserer jungen Freunde, dé wohl glaubten, dass wir einen tüchtigen Spleen hätten. Das ging jahrelang so, aber wir suchten immer wieder eine Gelegenheit, um uns zu unterhalten. So wurde ich wach und aufmerksam und lernte manches begreifen, wofür mir vorher das Verständnis fehlte. - Bank der eifrigen Bemühungen Eugen Zügermeister Als meine kleine Schwester Elisabeth zur Schule kam ich war inzwischen 15 Jahre alt geworden, hatten die Eltern die Wohngegend gewechselt. Lisalties was the beths Volksschule war denn schon viel besser. Sie hatte wenigstens sechs Klassen und so schien es mir damals die Lehrer waren qualifizierter. Der grosse Altersunterschied zwischen Elisabeth und mir machte auch manches andere möglich. In der Erfüllung von kleinen Wünschen und Freiheiten konnte ich ihr nützen, indem ich für sie mit der Mutter sprach, ihr beim Schwimmenlernen half, die Angstlichkeit der Mutter überwand, wenn es darum ging, Schlittschuhe zu laufen, was Lisbeth schon in ihrer frühesten Kindheit mit Leidenschaft besorgte. Bei der Kleidung konnte ich ihr durch sehr bescheidene Hilfe manche Freude in ihr kindliches Leben bringen. Es war von Beginn an eine schöne Freundschaft und Kameradschaft, die im Vertrauen und in der Liebe wurzelte und weit über das" Geschwister sein" hinaus ging. Das Kind fühlte, dass die grosse Schwester ihm Verständnis entgegenbrachte. Später, in der Zusammenarbeit, haben wir oft darüber gesprochen. Mit dem Verlassen der Schule musste ich Geld verdienen, der Zwang dazu ergab sich von selbst. Ich erinnere mich deutlich an den Schmerz darüber, dass es nun mit dem Lernen dürfen vorbei sei. Meinen Eltern gegenüber empfand ich keine Bitterkeit. Ich wusste, dass sie selber es gerne anders gesehen hätten. Fortbildungsschulen für Mädchen gab es nicht. Ich versuchte, eine Lehrstelle als Verkäuferin in einem guten Geschäft zu bekommen. Man sagte mir, dass meine Zeugnisse zwar sehr gut seien, dass aber die Volksschule, die ich besucht hätte, unmöglich genügend Kenntnisse für eine Lehrtätigkeit in diesem Geschäft vermittelt hätte. Ausserdem sei eine Fülle von Angeboten von Mädchen aus der" Bürgerschule" eingegangen. Was sollte ich nun beruflich tun? Die Fabrikarbeit kam nach allgemeiner Ansicht und vor allem nach der Meinung der Eltern für mich als Fünfzehnjährige nicht in Frage. Mit einer Schneiderlehre wurde es nach ernsthaften Uberlegungen, zumeist wirtschaftlicher Art, auch nichts. So blieb mir nur brig, eine Stellung in einer Emilie mit Kindern anzubehmen. Aber wo?" - 26leseautalt Haushalt, Fabrik und Belege Das Problem der Berufswahl der Kinder spielt in jeder Familie eine Rolle, sobald die Schulzeit zu Ende geht. So war es auch in Hause der für Familie Gohlke, wobei es bei Maries älteren Bruder Otto leicht war, eine Entscheidung zu treffen. Der Junge hatte nach gründlicher Ausbildung im Geschäft des Vaters noch seine dreijährige Militärdienstzeit absolviert und xxxxxxxxxk, de Marie mit der Schule fertig war, eine ge] gute Stelle in einer Baufirma.gafxxdan Das geschah zur rechten Zeit, denn Vater Gohlke, 53 Jahre alt, musste sich xxxax bei der Arbeit schon anstrengen und gelegentlich grössere Pausen einlegen, weil die Kräfte nachliessen. Für Marie war das Problem der Berufswahl wesentlich schwieriger zu lösen, denn zu dieser Zeit gab es für Mädchen mit einfacher VolksschulAusbildung keine grossen Möglichkeiten. Die Klassenkameradinnen von Marie wollten zuerst in einen Haushalt, in ein Geschäft, und dann so schnell wie möglich in die Fabrik, un hier in Akkordarbeit möglichst viel Geld zu verdienen und danach ebenso schnell zu heiraten. Für diesen" Berufsweg" verspürte Marie nicht die geringste Neigung. Sie hatte schon so viel Neues aufgegriffen, hatte vieles gelegen und auch zu Hause mit den Eltern darüber gesprochen, sodass sich bei ihr eine wenn auch noch unklare Vorstellung gebildet hatte, dass auch eine Frau eine berufliche Aufgabe erfüllen kann. Ihr Bruder Otto hatte sie darin bestärkt, ohne ihr allerdings konkrete Vorschläge machen zu können. als kön königre Rekrut in die Kagerne eingezogen und als eingesoxia ihrer en. In diesen Tagen war Aer aktak der einzige Mensch, mit dem sie sich ausführlich über alles unterhalten konnte. Mit ihren fünfzehn Jahren hatte sie den sieben Jahre älteren und erwachsenen Mann geistig bereits eingeholt, sah aber noch nicht auf den Grund der Dinge und glaubte, dass Otto ihr dabei helfen könne. Wenn Marie ihm erklärte, dass sie einen richtigen Beruf erlernen wolle, mit Prüfungen und allem, was dazu gehört, konnte ihr Otto nur antworten, dass es mit diesen Schulausbildung wahrscheinlich doch nur zur Hausangestellten oder Fabrikarbeiterin reiche, wenigstens so lange, bis sie heiraten könne. Dann sei sie ja versorgt. Aber Marie wollte nicht" versorgt" sein. Ihre heimlichen Interessen kateen sie schon auf den Weg gebracht, der einmal ihre Lebensaufgabe werden sollte, aber das wusste Marie noch nicht. Sie schnitt sich aus Zeitungen bestimate Artikel aus, um sie mehrere Male durchzulesen und dadurch ganz zu verstehen, besorgte sich Bücher, in denen bereits politische Probleme an - 27- geschnitten wurden, so das Anti- Kriegs- Buch von Bertha von Suttner und " Die Frau und der Sozialismus" von August Bebel. Diese Lektüre und die Unterhaltungen mit Bruder Otto über sozialistische Probleme, über das " Erfurter Programm" der Sozialdemokraten, das sie sich mit vieler Mühe als Druckschrift beschaffte, und ihre gute Beobachtungsgabe, dxxxx* x* ******* x* x* x* x* x* xg mit der sie die Verhältnisse in Landsberg studierte, hatten Erkentnisse zur Folge, die für eine Fünfzehnjährige verblüffend waren, mit denen sie sich aber in luftleeren Raum abmühte, weil ihr die Antworten auf die vielen Fragen fehlten oder aber noch nicht verständlich waren. Sie wusste, dass die Sozialdemokraten für das Stimmrecht der Frauen kämpften, hatte sich schon ein Jahr vorher die Notiz aus der Zeitung herausgeschnitten, in der es hiess, dass in Neuseeland das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, und machte sich Gedanken darüber, dass sich Gewerkschaften bildeten, die sich für die Interessen der Arbeiterklasse einsetzten. Auch mit religiösen Fragen hatte sie sich schon als Schulkind beschäftigt und mit fast unbekümmerter Selbstverständlichkeit die Forderung des Erfurter Programas der Sozialdemokraten, dass Religion Privatsache sei, zu ihrer eigenen Auffassung gemacht. Marie hatte in schon damals die grosse Gabe, gut zuhören zu können, ohne selbst etwas zu sagen. So hatte sie einmal beim Einkaufen im Milchladen gehört, wie sich zwei Frauen über Nachbarsleute unterhielten, über eine Familie Kaiser, deren einer Sohn zur Bürgerschule gi," also mal was Besseres werden soll", während sich der andere als freireligiöser Wanderredner herumtrieb. Später, als dieser" Wanderredner" in Landsberg eine wichtige Rolle spielte, entsann sich Marie an diese Klatscherei der Frauen, und an ihr eigenes Bemühen, unbedingt wissen zu wollen, was ein" freireligiöser Wanderredner" ixkx sei. Je mehr sie sich mit diesen Dingen beschäftigte, desto unklarer wurde die Vorstellung von ihrem eigenen Lebensweg. Vater Gohlke durchschnitt eines Tages diesen gordischen Knoten und legte einige Adressen von Familien auf den Tisch, bei denen sich Marie als Hausmädchen vorstellensollte. 9 Sie machte sich alleine auf den Weg, stellte sich bei einem Kaufmann vor, der einen grossen Haushalt mit vier Kindern hatte," etwas zu viel für ein so junges Mädchen", wurde von einem Gasthof besitzer weitergeschickt, weil in seinem Hause auch Reisende verkehrten und übernachteten, die sich zu sehr für das heranreifende Mädchen interessieren könnten, und kam zum Schluss zu einer Familie, deren Verhalten sie abschreckte und in deren Wohnung sie sich nicht wohlgefühlt hätte: 28" Alles war schmuddelig und verstaubt, überall lag und stand Krimskrams und Nippes herum, in einem grossen Zimmer hingen Fahnen an den Wänden. Die Frau hatte mich mit einem Satz begrüsst, der so ähnlich klang wie ' Ach, welch ein entzückendes deutsches Mädchen'. In der Diele hing ein stand mit grosses Bild von Kaiser Wilhelm II, davor eine Kommode, xxxxxx einem odarauf. grossen Blumenstrauss.xxxxx Der Mann sagte mir, dass das eine Ehrung für den Kaiser sei, der einen sehr wichtigen Handelsvertrag mit Russland abgeschlossen habe, der die Vormachtstellung des Deutschen Reiches stärke." ihren Als Marie von diesen vergeblichen Versuchen zu Hause berichtete, beschloss Vater Gohlke, bei den weiteren Adressen selbst mit anzufragen, so wie es sich für einen Vater gehört. Sie einigten sich schliesslich bei einem Holzhändler über Entlohnung und Essen, Dauer der Arbeitszeit, freie Stunden an einigen Tagen und gelegentliche Besuche zu Hause. Vater Gohlke versuchte, seiner Tochter Marie klar zu machen, dass es sich hier bestimmt um eine gute Stelle handele, und wenn sie erst einmal mit der Arbeit angefangen habe und damit vertraut sei, würde es ihr auch sicher grosse Freude machen. Marie hatte den Eindruck, dass der Holzhändler etwas zu liebenswürdig, zuvorkommend und freundlich gewesen sei, behielt d* x* x* x* x* xxxk das aber für sich, weil sie sich selbst nicht darüber klar war, warum sie das Verhalten des Mannes gestört hatte. Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht, denn nach einigen Wochen kündigte sie kurzerhand und ging zu den Eltern zurück. Von einer Tätigkeit in einea privaten Haushalt wollte sie nichts mehr wissen. Durch einen Zufall erfuhr sie, dass die evangelischen Gemeindeschwestern ein Mädchen für ihren Haushalt suchten: 29Ich hatte mich sofort entschlossen, diese Stellung anzunehmen, aber nachträglich kann ich sagen, dass sie keine guten Lehrmeisterinnen waren, und ebensowenig, dass sie sehr schwesterlich handelten. Als ich merkte, dass ich dort nicht weiterkam, ging ich wieder nach Hause, wo wir kurz vorher schon einmal in Erwägung gezogen hatten, dass ich es schon auf Grund meiner Handfertigkeit und Geschicklichkeit im Nähen mit der Schneiderlehre versuchen sollte. Ich konnte nicht ahnen, dass der Augenblick, wo ich meine wenigen Sachen zusammenpackte und den Haushalt der Gemeindeschwestern verliess, denkbar schlecht gewählt war, denn just in dem Augenblick, in dem ich zu Hause ankam, wurde mein Bruder Ottovon einigen Arbeitskameraden ins Haus getragen. Er hatte sich mit der Axt ins Bein geschlagen, die Verletzung war böse und schwer. In der Folgezeit musste er sehr lange zu Hause liegen und bezog wöchentlich ein Krankengeld von 4 Mark und fünzig Pfennigen. Zu allem Überfluss bekam mein Vater zur gleichen Zeit eine schwere Lungenentzündung, schwebte in höchster Lebensgefahr und konnte sich hinterher lange Zeit nicht erholen. Seine Arbeit ruhte, der Verdienst fiel aus, und einer Krankenkasse gehörte er nicht an. Die 4.50 Mark waren also plötzlich das Familiene inkommen. Meine Mutter war mit der Pflege der beiden Männer vollauf beschäftigt. In dieser Zeit erklärte ich energisch, dass ich für einige Zeit in die Fabrik gehen würde. Die Männer waren zu krank, um mit Erfolg zu widersprechen, und der Mutter gegenüber konnte ich mich diesmal mit meiner Absicht behaupten. So ging ich also in eine Fabrik, in der alle Arten von Netzen hergestellt wurden, von den feinsten Gardinen bis zu den gröbsten Fischernetzen. Verdient habe ich nicht viel. Immerhin war das Wenige in der augenblicklicher Lage eine Hilfe. Zuerst wurde ich beim Spulen, dann an einer Maschine, die fertiges Netzgewebe knüpfte, angelernt. So wuchs der geringe Anfangslohn auf wöchentlich 7.50 Mark. Dieser Wochenlohn war noch garantiert, was in meinem Fall sehr wichtig war, denn als bald darauf die Akkordarbeit begann, wäre ich sowieso mit dem Lohn nicht höher gekommen, denn die Maschian der ich arbeitete, war alt und schlecht. Eine erfahrene Arbeiterin ne, -30ging überhaupt nicht mehr an sie heran. Es wurde in Tag- und Nachtschichten gearbeitet, und ich erinnere mich noch heute mit Grauen an die qual dieser Nachtarbeit. Es ist aus der ganzen sozialen Schichtung der damaligen Zeit verständlich, dass die Fabrikarbeiterinnen von damals keinen guten Ruf hatten. In den ersten Tagen stand ich bei der Arbeit neben einer mich anlernenden Kollegin, die einen penetranten Körperge uch ausstrählte. Ich wusste nicht, zu wem ich etwas darüber hätte sagen können, aber es passierte mir, dass ich an einem der ersten Tage neben der Maschine unsank. Das aber war für die anderen Arbeiterinnen das Signal, dem anwesenden Meister einmal in ganz drastischer Form ihre Meinung über diese Kollegin zu sagen. Sie wurde sofort mit einem Brief zum Arzt geschickt und kam nicht wieder. In der Nachtschicht gab es zwei Ruhestunden, in denen wir uns aus fertigem Netzgewebe Ruhelager machten. Das war nicht unsauber und auch nicht unbequem. In diesen zwei Stunden sah ich bei dem" Gedankenaustausch" der Frauen und Mädchen in eine Welt hinein, die ich nicht kannte und auch nicht verstand. Ich hatte auch nicht den Wunsch, diese Welt kennenzulernen. Allerdings gab es auch sehr ordentliche Frauen darunter, die den anderen recht offen und derb ihre Meinung sagten und die überhaupt ein gutes Gegengewicht bildeten. Kräftig und ungeschminkt im Ausdruck waren sie alle. Ich war aber nicht reif genug, um das Ganze richtig zu verstehen. Sehr viel später hätte ich diese Zeit sehr gerne noch einmal zum ernsten Studium wiederholt. Trotz meiner Jugend und menschlichen Unreife aber hat mir diese Zeit doch genützt, wenn ich auch damals meine Umwelt und die Ursachen mancher Erscheinungen noch nicht begriff.- Wenige Jahre später las ich dann in einem eindrucksvollen Artikel, wie sich ein in Berlin stattgefundener Streik von Fabrikarbeitern und-arbeiterinnen nicht nur in der Entlohnung und den sonstigen Arbeitsbedingungen, sondern auch sichtbar moralisch ausgewirkt habe. Die Arbeiterinnen bekamen das Bewusstsein ihrer besonderen Lage. Sie wussten plötzlich, dass ihre Arbeit ganz allgemein und auch volkswirtschaftlich etwas bedeutete, dass sie organisiert stärker waren. Sie wurden für die Bildungsarbeit der Gewerkschaften zugänglicher. Ihr ganzer menschlicher Typus änderte sich, im Aussehen und im Verhalten. Ich habe mich schon damals gefragt, ob ich diesen Artikel wohl mit dem gleichen Interesse und Verständnis gelesen hätte, wenn ich nicht selber diese Erfahrung gemacht hätte. Ein Ereignis hatte für mich während meiner Fabrikzeit eine aufrüttelnde Wirkung. Das Verbot der Nachtarbeit für Frauen in Fabrikbetrieben, bereits im Gesetz festgelegt, sollte in nächster Zukunft in Kraft treten. Für den Besitzer der Fabrik scheint das ein wirtschaftliches Problem gewesen zu sein. Die Fabrik beschäftigte nur Frauen. Da die Kessel Tag und Nacht ge -31heizt wurden, war der durchgehende Betrieb mit der restlosen Ausnutzung der teuren Maschinen rentabler. Plötzlich wurden einige junge Burschen eingestellt. Sie sollten durch die geschicktesten Arbeiterinnen angelernt werden. Wir jungen Fabrik- Mädchen kannten nicht im geringsten die Zusammenhänge. Die älteren Arbeiterinnen fragten die Meister nach der Bedeutung dieser Massnahme. Es wurde ihnen gesagt, dass von einem bestimmten Datum an in der Nacht von Männern gearbeitet werden müsse. Unter den Frauen entstand eine grosse Erregung, sie schrieen auf die Meister ein, mit wilden Worten und durcheinander, sodass kein Wort zu verstehen war. Die Meister wussten sich zum Schluss nicht anders zu helfen, als dass sie einige Frauen herauspickten und sie dem Chef ins Büro schoeinen ben, um ihre sache dort zu vertreten. Nachher bekamen wir wenn auch sehr aufgeregten, so doch wer ganz klaren Bericht. Von einem bestimmten Tage an dürften laut Gesetz Frauen in Fabriken nicht mehr nachts arbeiten. Die Anlernung der jungen Männer bedeute die zukünftige Beschäftigung von Männern während der Nachtschicht, vorausgesetzt, dass das Experiment glücklich anliefe. Eins sei aber sicher: die Hälfte der Arbeiterinnen würden entlassen werden. Sollte sich herausstellen, dass sich die Männer für die von Frauen besser zu bewältigende Arbeit nicht eignen, müsste der Betrieb wahrscheinlich geschlossen werden. Darüber würden aber noch Berechnungen und andere Überlegungen angestellt werden. Sollte es sich ergeben, dass der Betrieb nur mit Tagschicht weitergeführt werden kann, wäre es genau so sicher, dass dann ebenfalls die Hälfte der arbeiterinner zur Entlassung käme, das sei doch wohl klar. So warde den Arbeiterinnen die Lage dargestellt, mit dem Ergebnis, dass sie unverblümt auf die Regierung schimpften, die ein so arbeiterinnenfeindliches Gesetz gemacht habe.- Mir wollte das Ganze nicht in den Kopf, nach meinem Gefühl stimmte dabei etwas nicht. Ich suchte ein ruhiges Gespräch mit einer Arbeiterin. Sie war eine zwar etwas derbe, aber vernünftige Frau, und vor allen Dingen ein sehr anständiger Mensch, und kochte zuerst über:" Männer soll'n wir anlernen? damit sie uns nachher das Brot wegnehmen? Nee, kommt ja garnicht in Frage!" " Aber Frau P., Sie selbst werden als eine der besten Pacharbeiterinnen doch auf keinen Fall entlassen, das steht fest, und wir jungen und unerfahrenen Fabrikmädchen finden riegend woanders wieder etwas. Die Nachtarbeit ist doch eine schreckliche Sache. Die Frauen sollten doch zufrieden sein, wenn sie nachts nicht mehr arbeiten müssen." " Ach! Was verstehst Du Küken schon davon! Mein Mann ist krank, ich allein muss ihn ernähren und durchbringen, und dazu noch zwei Kinder. Wenn die Nachtwoche ist, kann ich tagsüber die Wäsche machen und mich um die Familie kümmern." * - 32- Zum ersten Male in Kxx** Leben stand' xix Problemen gegenüber,** denen sie noch nie begegnet war, zumindest nicht in dieser Form des eigegen Miterlebens. Alles, was sie bisher gelesen und gehört hatte über soziale, wirtschaftliche und klassenkämpferische Fragen und Zusammenhänge, war Theorie gewesen, die sie nach gründlichem Durchdenken aufnahm und zur eigenen Erkenntnis machte. Und jetzt gerieten diese theoretischen Erkenntnisse in Widerspruch zu den Schlussfolgerungen, die sie aus den Ereignissen in der Fabrik ziehen musste. Sie fand es nicht nur richtig, sondern sehr vernünftig, dass ein Gesetz erlassen wurde, das die Nachtarbeit für Frauen untersagte. Dieses Gesetz war also keineswegs arbeiterfeindlich. Aber waren es nicht die Folgen des Gesetzes? Wurden davon nicht viele Frauen betroffen, die mithelfen mussten, die Familie zu ernähren und die nun auf die Strasse gesetzt wurden? Zu Hause konnte sie sich nicht mit Vater und Mutter darüber unterhalten. Ihre Eltern waren keine" Proletarier", sondern Landbewohner, die in die Stadt gekommen waren, um sich als Handwerkerfamilie niederzulassen. Die nicht immer erfreuliche wirtschaftliche Situation des Vaters, die beengten Wohnverhältnisse der Familie Gohlke in Dachgeschosetrotzdem sen und die Einschränkungen in täglichen Leben hatten bei den Eltern niemals die Meinung aufkommen lassen, sich dem Arbeiterproletariat in irgend einer Fora zugehörig oder verbunden zu fühlen. Anders war es mit Maries Bruder Otto, der nur unklare Vorstellungen von der Zeit hatte, da seine Eltern auf dem Lande lebten, der schon in der anwachsenden Kreisstadt Landsberg xxxxxxxxxxx grossgeworden, xxx beruflich ausgebildet und jetzt als Zimmerarbeiter tätig war. Mit ihn konnte sich Marie über alles, was ihr unklar war, unterhalten. Ihn konnte Marie fragen, was mit den Familien geschehen würde, wenn die Frauen keine Arbeit mehr hätten, wovon sie leben würden, was mit den Kindern geschehen würde. Sie konnte ihn auf Widersprüche aufmerksam machen, die nach ihrer Meinung in diesem Gesetz lagen, dass nämlich viele der betroffenen Frau en sozialistisch denken, dass sie aber auch wüssten, dass die Sozialdemokraten sich für den Erlass dieses Gesetzes eingesetzt hätten und deshalb den politischen und sozialen Zusammenhang nicht mehr verstehen könnten und irre würden an ihrer eigenen sozialistischen Auffasssung. Otto versuchte, seiner Schwester klarzumachen, dass durch die Industrialisierung der Wirtschaft soziale Probleme entstehen, die unbedingt von Staats wegen gelöst werden müssten, und dass deshalb die Sozialdemokraten ganz klare Forderungen stellten, nämlich Umwandlung des kapitalistischen Eigentums in gesellschaftliches Bigentum, also Beteiligung der Arbeiterschaft an den Produktionsgewinnen und damit soziale Besserstellung des Arbeiters. Trotz ihrer fünfzehn Jahre kaxxxia versuchte Marie, so viel wie - 33- möglich zu verstehen oder sich nach dem, was sie nicht verstand, zu erkundigen. So kam sie in diesen Tagen mit einem Abteilungsleiter der Fabrik ins Gespräch, der ihr die Ansicht" der anderen Seite", des Unternehmers, darstellte, dass man den Arbeiter niemals an der Produktion beteiligen könne, da er ja kein Risiko trage, während der Fabrikbesitzer den Betrieb mit sehr viel Kapital aufgebaut, teure Maschinen angeschafft und Rohstoffe gekauft habe, um den Betrieb in Gang zu bringen. Ausserdem müsse der Unternehmer auch laufend neue Gelder für Reparaturen in die Fabrik hineinstecken. Das war alles etwas zu viel für den Kopf einer Fünfzehnjährigen, die mit wachen Verstand, aber mit mässiger Volksschulbildung in dieses Dickicht von Auseinandersetzungen geriet. Bruder Otto wurde durch die Unterhaltungen mit Schwester Marie xxxkxk auf Dinge gestossen, auf die er vielleicht selbst nicht gekommen wäre, nach denen er sich aber erkundigte, wil er als eingeschriebener Sozialdemokrat Versanlungen und Parteiveranstaltungen besuchte. Marie liess sich immer davon erzählen, und je mehr sie hörte, desto umfangreicher wurde das Problem für sie. Es bedrückte sie, den erwachsenen Arbeiterinnen in der Netzfabrik keine sachlich fun dierten und exakt durchdachten xxdxkagikan Antworten geben zu können, und diese erste Hilflosigkeit verstärkte noch mehr ihren Wunsch, sich mit aller Energie mit deneozialen Problemen der Arbeiterschaft zu beschäftigen: " Wie ich dann später feststellte, arbeitete die Fabrik weiter, und nur in Tagesschicht. Die Umstellung hat dem Besitzer nicht sein Vermögen gekostet. Ich weiss aus der späteren Entwicklung meiner Vaterstadt, dass er immer zu den reichsten und einflussreichsten Bürgern -34gehörte. Es hiess auch, dass sich die jungen Burschen nicht für diese Arbeit geeignet hätten. Die Frauen seien durchweg geschickter und zuverlässiger gewesen. Die ganze Episode- die verzweifelte Wut der Arbeiterinnen, der Aufschrei dieser Mütter, die Unterhaltungen mit meinem Bruder Otto über diese Situation haben einen starken und nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Gerdade die Debatten mit Otto wurden immer konkreter, auch leidenschaftlicher und interessierter. Es war ein Einblick in soziale Verhältnisse, für deren Verständnis mir noch der Schlüssel fehlte. Kein Mensch und kein Buch waren einleuchtende, überzeugende für mich da, um mir dabei zu helfen, eine Erklärung zu finden. Aber die Zeit in der Babrik mit allem Drum und Dran hat einen Einfluss auf mein allgemeines Denken genommen und mir später in der Erinnerung bei meiner ganzen Entwicklung viel und entscheidend geholfen.Als endlich freie Gewerkschaften in unserer Vaterstadt gegründet wurden, zuerst für die Bauhandwerker, Maurer und Zimmerleute, begrüsste ich freudig dieses Ereignis. Die Zeit war längst reif dafür, die patriarchalische Form zwischen Meister und Gesellen genügte längst nicht mehr." + Als sich die Verhältnisse in der Fabrik xx zuspitzten, und Marie xxx damit rechnen musste, als eine der Ersten entlassen zu werden, wollte gie vorbeugen. Ihr solidarisches Gefühl für die Familie war so ausgeprägt, dass sie beschloss, sich sofort nach einer anderen Arbeitsmöglichkeit umzusehen, damit es keinen Verdienstausfall gäbe. Die Eltern befürworteten den Entschluss von Marie, waren aber gegen eine weitere Tätigkeit ihrer Tochter als ungelernte Fabrikarbeiterin. Wenn sie sich жkxxxxд* zuerst damit einverstanden erklärt hatten, dann nur deshalb, weil Vater Gohlke gesundheitlich noch immer nicht in Ordnung war. Die Lungenentzündung war noch nicht überwunden, und wenn er von gelegentlicher Aushilfsarbeit nach Hause kam und die Treppen hinaufgastieg xxx, musste er zwischendurch ausruhen, um wieder xx Luft zu кяxж*** bеkommen. Marie sah das mit grosser Besorgnis und wurde dadurch noch mehr bestärkt, so schnell wie möglich zu handeln. -35Schon am nächsten Tag ergab sich eine Möglichkeit. Die alte Netzmaschine, an der sich Marie eingearbeitet hatte und mit der sie es trotz mörderischer Akkordarbeit nur bis zum vereinbarten Normal- Lohn brachte, bekam einen Knacks, gab noch einige knirschende Geräusche von sich, und blieb stehen. Der Meister, der sich austoben wollte, weil" die blöde Gore" die schöne Maschine kaputtgemacht habe, konnte sich seiner Haust nur durch die Flucht in das Zimmer vom chef retten, weil sich auf einmal sämtliche Arbeiterinnen mit der kleinen Marie solidarisch erklärten. Meister und Chef erschienen bald darauf in Maschinensaal, und der Chef erklärte Marie mit gekünsteltem Wohlwollen, dass sie für den übrigen Teil des Tages frei habe, da es im Augenblick keine andere Arbeit für sie gäbe. Selbstverständlich bekäme sie das, was sie gearbeitet habe, bezahlt. Morgen früh sei die Maschine wieder repariert, und dann könne es ja weitergehen. Marie ging an diesem Nachmittag nicht nach Hause, sondern beschloss, sich einmal in Ruhe ihre Heimatstadt Landsberg anzusehen. Seitdem sie in der Pabrik war, hatte sich kaum noch Gelegenheit dazu geboten. Was sie nach einiger Zeit des Umherlaufens in der Friedeberger Chaussee wollte, war ihr selbst nicht klar, und sie wollte schon in eine Seitenstrasse einbiegen, um sich auf den Nachhauseweg zu machen, als sie das grosse Gebäude sah, von dem man ihr früher schon erzählt hatte, dass geistig nicht normale Menschen darin untergebracht seien. Sie hatte sich schon des öfteren Gedanken über zen gemacht, nicht aus Neugierde, sondern aus dem Bedürfnis, die Ursachen der Krankheiten, an denen diese Bedauernswerten litten, zu erfahren. Als sie einmal mit ihrem Vater darüber sprach, meinte er, dass es sich wahrscheinlich in der Hauptsache un Menschen handele, deren Eltern oder die selbst Alkoholiker seien, dass sich so etwas vererbe, und das sei auch der Hauptgrund, weshalb er ein Gegner des Alkohols gei. dober kan Marie ging auf das Gebäude zu, sah das Schild" Provinzial- Landes- Irrenanstalt" und folgte mehr ehea Instinkt als einen vorgefassten Entschluss als sie die wenigen Treppen hinaufstieg und die Türe zu einem Treppenhaus öffnete, von dem nach links und recats Gänge we führten. Gleich am Anfang des rechten Ganges war eine Türe ait einem Schild, aus dem Marie entnam, dass in diesem Raum die Verwaltung sei. Die Ruke, mit der sie kurz entschlossen anklopfte, war nur äusserlich, denn aus der inneren Erregung spürte sie, dass sich hier ein Wunsch nach einer Tätigkeit erfüllen könne, die ihr mehr Befriedigung geben würde als die Arbeit eines Haus- oder Fabrikmädchens. -36Der sehr freundliche Mann, dem sie in kurzen und klaren Worten sagte, dass sie in der Irrenanstalt arbeiten wolle, machte sich einige Notizen, schrieb sich Namen und Adresse der Eltern auf, und bat sie, nach einigen Tagen noch einmal vorbeizukommen. Eine feste Zusage könne er ihr nicht geben, denn eigentlich sei sie für eine Pflegerin noch viel zu jung. Aberbie hatte Glück: " Es war Zufall, dass ich bald nach diesen aufregenden Tagen die Aufforderung erhielt, den Dienst anzutreten, sodass ich nicht arbeitslos warde und auch im Verhältnis ganz bedeutend mehr verdiente. Diese Art der Arbeit sagte mir auch viel mehr zu. Zweiundeinhalbes Jahr war ich Wärterin in der Provinzial- Landes- Irrenanstalt zu Landsberg. Auch heute ist es so, dass in den" Heil- und Pflegeanstalten", wie sie nun heissen, weibliche Kräfte ohne Vorbildung eingestellt werden. Wir wurden nur angelernt. Heute machen die künftigen Pflegerinnen eine richtige Lehrzeit durch. Sie erhalten neben der praktischen Unterweisung auch theoretischen Unterricht, machen ein Examen und führen den Schwesterntitel. Wir mussten damals sehr schwer und sehr lange arbeiten. Freilich gab es durch den Direktor, die Ärzte und die Oberin den schwachen Versuch einer theoretischen Ausbildung und menschlichen Erziehung, was jedoch völlig unzureichend war, um Wissen und Kenntnisse vollwertig abzurunden. Doch lernte ich zweifellos sehr viele Dinge gründlich kennen. Das waren vor allem Sauberkeit und peinliche Ordnung, dann die Einordnung in etwas Ganzes, Geschlossenes, also zwangsläufig damit verbunden die straffe Einteilung und Einhaltung der Arbeitszeit nach Minuten. Aber auch das Aufgehen im Krankenbetrieb und die Teilnahme am Kranken selbst wurden uns gelehrt und auch zur Pflicht gemacht. Darum war vor allem der Direktor der Anstalt bemüht, ein Mann, den ich als Mensch und Persönlichkeit in bester Erinnerung habe. Doch kam es bei allem sehr stark auf die Veranlagung und Aufnahmebereitschaft von uns Mädchen an. Trotz des besten Willens von meiner Seite stellte ich sehr schnell fest, dass der am deutlichsten spürbare Mangel dieser Anstalt darin bestand, dass trotz aller Bemühungen kein System vorhanden war, weil sich das bischen Theorie, das Wenige über Berufsethos und die Praxis auf neben- und nicht miteinanderlaufenden Wegen abspielten. Auch waren die Arbeitsbedingungen viel zu hart, sie lassen sich mit den Zuständen in den heutigen Pflegeanstalten garnicht vergleichen. Unser Dienst begann im Sommer morgens um 5 Uhr, wenn uns die Glocke vom Turm der Anstaltskirche weckte. Er ging durch bis 9 Uhr abends. Auch -37ie weniger ausgenutzten Stunden waren gespannte Bereitschaft. Wir hatten eine eigenen Zimmer, nur ein Bett im Schlafraum der Kranken, damit wir uch des Nachts, wenn sich das als notwendig erwies, zur stelle waren und handeln konnten. Das war je nach der art und Zusammensetzung der Insassen auf den Stationen sehr verschieden. Um 9 Uhr abends waren die kleider der kranken Frauen durchgesehen und lagen zusammengerollt auf ihren Stühlen 1m Ess- und Aufenthaltsraum.- Abgemessene zehn Minuten hatten wir des morgens für unsere Toilette. Über Tag war alles innen- oder Aussendienst, auch das Essen, das wir zugleich und an einem Tisch mit den Kranken einnahmen. Ab neun Uhr abends hatten wir dann eine Stunde lang die Möglichkeit, uns untereinander etwas zu unterhalten, unsere eigenen Kleider und Wäschesachen durchzusehen und zu reparieren. Ganz selten blieb auch einmal etwas Zeit übrig, wenn auch nicht viel, um zu lesen. Wir wärterinnen waren in dieser Stunde zu dritt oder viert in einem Raum, xxxxxxxxxknisk der in wenigen Schränken knappen Platz für persönliche Dinge des Personals bot. In diesem Raum wurde zur gleichen Zeit das Essgeschirr für 30 ki bis 40 Personen gewaschen und aufgestapelt, ausser den vielen anderen Gebrauchsdingen des Haushalts einer Kranken- Station. Eine Stunde später, um zebn, hatten wir im Bett zu sein. In dem erwähnten" Aufenthaltsraum" brannte ab lo Uhr hoch oben auf einem Schrank ein Öllicht, das von draussen von Nachtwächter kontrolliert werden konnte. Auch machte die Oberin des nachts öfters unverhoffte Rundgänge. Sicher waren wir niemals vor Überraschungen. Trotzdem bin ich oft nach lo Uhr noch einmal aufgestanden, um noch bei diesem Öllicht- etwas zu lesen. Was habe ich alles angestellt, um der peinlichen Entdeckung zu entgehen, bei dieser NachtLektüre erwischt zu werden.- Dass aber an jedem zehnten Tag dieser überlangen Dienstzeit noch eine Nachtwache angefügt wurde, wird man mir kaum glauben wollen. Diese Nachtwache dauerte von 9 Uhr abends bis 6 Uhr in der Frühe Je zwei Kolleginnen teilten sich darin. Auch hier konnte man den Schlaf von knapp vier Stunden nur im WoSaal bei den Patienten finden, durfte also den Raum nicht verlassen, damit man zur Hand war, wenn die wachende Kollegin Hilfe brauchte, was oft genug vorkan. Die Kontrolle wurde mit einer Steckuhr geregelt, die viertelstündlich bedient werden musste. Dass diese Zeiten eingehalten wurden, ist nur darauf zurückzuführen, dass man Routine bekam, auf einem harten, steifen und unbequemen Stuhl im Sitzen zu schlafen und trotzdem pünktlich an das andere Ende des Saales zur Sceckuhr zu gehen. Das Schlimme war, dass man während dieser Wachstunden nicht lesen oder eine Handarbeit machen durfte und auch nicht konnte. Ein Buch hätte ich mir schon eingeschmuggelt, aber das in 01 schwimmende -38Licht befand sich auch hier hoch oben an der Wand in einem verschlossenen Behälter. Der ganze Raum war nur in ein kümmerliches Dämmerlicht gehüllt. Trotzdem ist zu meiner Zeit niemals etwas passiert, ausser dass man sich gelegentlich bei der Oberin das" Bild" ansehen musste, das man in der Nacht auf dem Papierstreifen in der Kontrolluhr gestochen hatte. Oft folgten einer etwas grösseren Lücke die Punkte in ganz kurzen Zwischenräumen. Es waren eben keine ausgeruhten Menschen, die bei den ständig zu berechenden und zu pflegenden oder gerade frisch eingelieferten Patienten sein mussten. Wenn wir wärterinnen am Sonntag mit unseren Preigingen in der Kirche waren, schliefen wir alle ohne Ausnahme- während der Predigt ein. Der Pfarrer beschwerte sich, die Oberin stellte uns zur Rede, entrüstet über so viel religiösen Unverstand. Am nächsten Sonntag schliefen wir ungeachtet der strengen Überin- Reden selbstverständlich wieder ein.- Immerhin habe ich zum ersten Mal in meinem Leben mit aller Gründlichkeit kennengelernt, was es bedeutet, Kranke, und vor allen Dingen geisteskranke Menschen, zu pflegen. Ganz zu schweigen davon, dass mir diese Arbeit trotz aller Härte sehr viel gegeben und mir für mein ganzes Leben und meine ganze Arbeit unendlich geholfen hat, möchte ich doch auch sagen, dass die Bezahlung- gemessen an jedem anderen, für mich möglichen Verdienst-auch für die damalige Zeit * recht zut war." Als Marie schon zwei Jahre als wärterin in der Landes- Irren- Anstalt gearbeitet hatte, bekam sie den ersten Urlaub, wenn auch nur wenige Tage. Aber sie konnte endlich einmal wieder zu Hause sein, erzählte Sie n- von ihrer harten, aber doch sehr interessanten Arbeit, vermied es jedoch, e her, auf irgend welche Einzelheiten einzugehen. Was sie mit den Patientinean oft erlebt hatte, konnte sie nicht wiedergeben. Eltern und Bruder bemerkten die Veränderung, die mit Marie vorgegangen war. Sie hatte kein überschäumendes Temperament, auch nicht als Kind, war von einer stillen Heiterkeit, hatte auch gerne gelacht. Aber jetzt sass sie da, ernst und mit grossen Augen, aft und überlegte das, was sie zu sagen hatte, ganz genau. Nach Ottos Meinung war es mehr ein ein ausgewachsener Mann, fragte mehrere Kale Vortrag als eine Erzählung. ein ausgew n Mit verständlicher Neugier versuchte Bruder Otto, Einzelheiten aus Marie herauszufragen, versteckte sich hinter allerlei Ausflüchte und meinte, dass man als Sozialist auch über diese Menschen und ihre Lage etwas wissen müsse. Maries Antworten waren dann immer so geschickt ausweichend, dass sie damit zwar die Fragen beantwortete, nicht aber das Wissenwollen der Fragenden, eine Eigenschaft, die sie später mit grosmanches Mal ser politischer Klugheity in ihrem Berufsleben anwandte. Auf jeden Fall musste damals Otto aus meener Antwort entnehmen, dass sich Murie mit Antwortentnehmen, einer sehr verantwortungsvollen Aufgabe beschäftigte, worauf Marie zwar stolz war, wofür sie aber keine Bewunderung verlangte. Sie 39Marie war zwar auf der Frauenstation beschäftigt, aber es ergab sich zwangsläufig, dass sie auch auf der Männerstation zugreifen musste, weil die Pfleger oft alleine nicht fertig wurden. Das war zuerst recht anstrengendo ir м**** XX** ик sie, obwohl es ihr nicht nur von den Pflegerinnen, sondern auch von den Pflegerinxaxxleicht gemacht wurde, die ihre Arbeit verrichteten, als ob es sich nicht um Lebewesen, sondern um Gegen stände handele. Im Gegensatz zum übrigen Personal der Anstalt wusste Marie bei jedem Handgriff, dass sie es mit kranken Menschen zu tun hatte. Ihre Arbeit wurde ihr dadurch nicht zur Gewohnheit, bei der sie sich nichts mehr dachte. Im Gegenteil: sie dachte sehr viel über alles nach, was mit dem Ursächlichen zu tun hatte, und mit den Pflichten, die sich daraus für die gesunde Menschheit ergaben. Leider fand sie in der Anstalt keine Gesprächspartner, mit denen sie sich hätte unterhalten können. Mit Menschen ausserhalb dieser beruflichen Sphäre konnte sie nicht darüber reden, und Lektüre, die sich mit der sozialen Problematik beschäftigte, gab es noch nicht oder war ihr nicht zugänglich.( der Irrenanstalten Je mehr Ma rie sich an ihrer Arbeit begeisterte, desto verschlossener wurde sie, und als sie längere Zeit in der Sterbeabteilung arbeitete, wozu auch das Bereitmachen der verstorbenen Pa tienten für die Beerdigung gehörte, das äиякиx* x* x***** к An- und Auskleiden und das Säubern der Körper, wurde aus der Siebzehnjährigen ohne jede vorbereitenden Erfahrungen die ernste Frau, die sie ein ganzes Leben lang geblieben ist. problematische oder intensiv bewegende Über Einzelheiten aus dieser beruflichen Tätigkeit hat Marie nie etwas geschrieben, und nur wenige Male darüber gesprochen. In einem Gespräch- ein halbes Jahr vor ihrem Tod erwähnte sie nur, dass sie die Jüngste war, dass faffe Pflegerinnen schon erfahrene Frauen waren, die Familie hatten, Männer und Kinder, und dadurch dem Leben ausserhalb der Anstalt verbunden blieben, und dass die wenigen unverheirateten Frauen altersmässig wesentlich später und mit einiger Lebenserfahrung zu diesem Beruf gekommen waren. Bei dem gleichen Gespräch wurde Marie auf eine Tatsache aufmerksam, die ihr xakkxt nicht aufgefallen war, dass nämlich auf Arbeitsplätzen, auf denen unverheiratete Frauen und Männer gemeinsam beschäftigt sind, sich Freundschaften entwickeln, die meist zu Eheschliessungen führen, während in der Irrenanstalt das unverheiratete weibliche und männliche Personal zwar gelegentlich, wo es sich ergab, miteinander scherzte, aber dennoch keine engeren Bindungen entstanden und ein Kontakt ausserhalb der Anstalt nicht bestand. Marie konnte sich nicht erinnern, selbst von den Kolleginnen, mit denen sie sich besonders gut vertrug, jemals - 40- eine private Einladung erhalten oder selbst den Wunsch gehabt zu haben, eine solche auszusprechen. Wenn Marie einmal einen halben oder ganzen Tag frei hatte und zu Hause war, hatte sie manches Mal das Gefühl, dass das wirkliche Leben nicht mehr ihre Welt sei. Vater, Mutter und Bruder Otto machten sich ihre Gedanken darüber und überlegten oft gemeinsam, wie man es Maxie fertigbringen könne, um Marie ausserhalb ihrer Arbeit Freude zu machen. So nahm sie Otto einmal zu einem Tanzvergnügen in das Landsberger Schützen haus mit, wo Marie einen Freund ihres Bruders kennenlernte, den Steinmetz Wilhelm Drews, zu dem sie ein gutes kameradschaftliches Verhältnis fand, das sich aber friedlich und ohne jede innere Aufregung löste, als der Steinmetz Landsberg verliess. Bruder Otto hatte damit gerechnet, dass sich zwischen den beiden Menschen eine engere Bindung ergeben würde, und auch Vater und Mutter Gohlke hatten versucht, Marie in dieser Richtung zu beeinflussen. Auch das" gute Beispiel", mit dem Otto voranging, indem er sich im Juli des Jahres 1897 mit Eveline Strese, einer Fabrikarbeiterin, verheiratete, blieb auf Marie ohne Eindruck. Selbstverständlich freute sie sich darüber, dass ihr Bruder eine gute Lebenskameradin gefunden hatte. Er war alt genug mit seinen fast 25 Jahren, um eine Familie zu gründen, aber sie selbst, nun 18 Jahre alt, glaubte, sich jetzt schon ihr eigenes Welt- und Lebensbild machen zu können. Als in der Ehe des Bruders das erste Kind geboren wurde, war sie sich zwar klar darüber, dass nun eine grosse Familie entstanden sei, denn Vater und Mutter Gohlke wurden mit 57 und 52 Jahren Grossvater und Grossmutter, und Marie selbst und ihre 9 Jahre alte Schwester waren plötzlich Tanten. Marie nahm das mehr mit Humor als mit sogenanntem" familiären Sinn" zur Kenntnis. Diese Einstellung wird leichter verständlich, wenn man xxxk eine Formulierung Maries aus späterer Zeit zitiert:" Man kann x* x* xxxx volles Verständnis für Familien haben, für much deren wirtschaftliche, seelische und geistige Nöte, wenn man selbst keine im bürgerlichen Sinne zu verstehende Familie hat." Später, wenn der Leser weitere Ereignisse aus dem kяжяи privaten Leben von Marie Gohlke- Juchacz erfahren xxkax hat, wird er begreifen, dass dieser Satz keine Entschuldigung dafür bedeutet, dass Marie Kinder zur Welt brachte, ohne eine Familie" im bürgerlichen Sinne" zu haben, sondern vielmehr eine Erklärung dafür ist, dass gerade die Menschen, die sich einer Aufgabe und nicht nur und ausschliesslich der Familie widmen, oft einen ausgeprägteren Familiensinn entwickeln als" Familien". Hier liegen die ersten klaren Aversionen gegen eine Familiarität, die sich nach dem Buchstaben des Gesetzes und nach den Auffassungen der" Nachbarschaft" tarnt, aber keinen echten familiären Wert besitzt. -41Families- and Brits- Prolang Bein Probleme Гац Alsz - wenn Hinzu kam das Otto das Elternhaus verliess und eine eigene Wohnung in Landsberg einrichtete,$ b waren die Eltern mit ihrem jüngsten Kind, der neunjährigen Elisabeth, alleine. Marie erkannte schon zu dieser Zeit, dass grosswerdende Familien keine Familien mehr sind, sondern dass das" in Verwandtschaft ausartet". Die Eltern von Bruder Ottos Frau Eveline kamen ja noch dazu, und wenn alle einschliesslich dem Neugeborenen in der kleinen Dachwohnung in taxxkaxx Landsberg zusame mensassen, waren es 8 Menschen, viel zu viel für Marie, die sich durch ihre Arbeit in der Irrenanstalt nicht zu einem" Gesellschaftsmenschen", sondern in sein Gegenteil verwandelt hatte. Deshalb sass sie schweigenȧ dabei, wenn sich die anddeen über Dinge unterhielten, die ihr zwar nicht fremd waren, weil sie nun enmal zum Leben der Menschen gehören, die ihr aber nebensächlich, ja unwichtig erschienen gegenüber den Fragen, die für die von Tag zu Tag umfassender wurden. Ihr Bruder Utte machte ihr in dieser Zeit gelegentlich Vorwürfe und deutete ihre Reserviertheit teils als Scham, teils als Überheblichkeit, ging aber mit diesen Feststellungen erheblich an den Zx* x* x* x* x* x* x* wirklichen Ursachen vorbei, nämlich an der Tatsache, dass sich die geistigen Interessen von Marie schon zu dieser Zeit auf Gebiete erstreckten auch noch nicht in der Erkenntnis der klaren Zielsetzung-, die nicht sehr viel später schon zu ihrem sozial- politischen Aufgabengariatbezirk gehören sollten. Wenn Marie nach fast vollendetem Leben schrieb, dass sich fast alles aus Zufälligkeiten und Zeitumständen ergab, vergass sie dabei die einzige wichtige Tatsache, dass zum Zufall und zum Zeitumstan noch etwas gehört: der Mensch mit einer bestimmten Veranlagung geistiger, seelischer und charakterlicher Art. Mit dieser besonders qualifizierten Veranlagung fügte sie sich in die Entwicklung einer Zeit, deren besondere Merkmal der Kampf des Proletariats um seine sozialen Rechte Cher warкx. Marie war von Geburt und Erziehung weder Arbeiterin och Proletarierin. Ihre Vorfahren waren Bauern und Handwerker, zum Teil hoch Leibeigene, in eine Provinzstadt verschlagen, vom Gefühl aus mehr dem Bürgertum als der Arbeiterschaft verhaftet, und durch die schlechte wirtschaftliche Situation nicht proletarisiert, sondern sehr oft" finaziell sehr eingeengt", also verarmt. Das sind zu dieser Zeit zwei grundverschiedene soziale Auffassungen, aber Marie ging den Weg der Arbeiterschaft, obwohl sie in ihrer wichtigsten Wachstums zeit mehr der kleinbürgerlichen als der proletarischen" Bestrahlung" ausgesetzt war. Sie musste diesen Weg schon deshalb gehen, weil sie instinktiv fühlte, dass die in weiter Zukunft liegende Entwicklung zwangsläufig zur Gleichberechtigung der Frau führen müsse. Der Kampf um diese Gleichberechtigung war ausschliesslich eine Forderung der Sozialdemokratie seit deren Bestehen. es - 42 gen Dieses rein gefühlsmässig erarbeitete Wissen, genährt von den kleinen und grossen Ereignissen des provinziellen Alltags, verarbeitet von einen Gehirn, das nur dem mässig funktionierenden Rhythmus einer unvollkommenen sechsklassigen Volksschule unterlag und deshalb seine eigenen Denkwege ging,- dieses Ahnen einer Entwicklung, eines Kampfes um das Recht des Menschen, um das Recht der Frau, ist uns Heutigen, die wir in den Genuss dieser Entwicklung gekommen sind, in seiner geschichtlichen Grösse fast kaum nocherkennbar, weil das, was Kampf war, verständliches Lebensrecht wurde. selbstAls Marie ihr Leben fast vollendet hatte und sich diese Zeit noch einmal in ihr Gedächtnis zurückrief, eliminierte sie alle Gedanken und Erkenntnisse, die ihrer damaligen geistigen Potenz nicht entsprachen. Sie versuchte, sich genau so in die Zeit zurück zu versetzen, wie sie war, keine leichte Aufgabe für einen Menschen, den das öffentliche Leben auf verheissungsvolle Höhen und in finstere und bittere Tiefen getragen hatte. Ma rie war jun schon mehr als zwei Jahre als Pflegerin in der Irrenanstalt, hatte sich xxxxx dem" wirklichen" Leben etwas entfremdet, ohne dabei die tatsächlichen und für die Zukunft entscheidenden Wirklichkeiten zu verkennen. Sie sah zwar ihr eigenes Berufsproblem obwohl es zu dieser Zeit für Frauen noch keine Befufsprobleme gab, denn Frauen, die arbeiten wollten, ergriffen keinen Beruf, sondern gingen in die Fabrik-, sie machte sich Gedanken über ihr eigenes berufliches Leben, und dachte doch immer an das Moutaleben aller Frauen, die wirklich einen Beruf ausüben wollten: " Ich war mir immer klarer darüber geworden, dass man als Mädchen eine geschlossene Berufsausbildung braucht, wenn man an seiner Arbeit wirklich Freude haben soll. So spielte ich damals ernsthaft mit dem Gedanken, Diakonisse zu werden und besprach das auch mit meinen Eltern, nicht etwa deshalb, weil ich mich nun besonders zu einem solchen" Frauenorden" hingezo, sondern weil mir die Krankenpflege als Beruf besonders zusagte und ich keine andere Ausbildungsmöglichkeit dafür sah und kannte. Es fehlte auch an erfahrenen Ratgebern, die mir hätten helfen können. Meine Eltern sahen das ganze Problem von einem anderen Standpunkt aus. Sie wollten wohl keine" frömmelnde" Tochter und sahen viel lieber die spätere Frau und Mutter in mir. Sie redeten mir zu, doch nun Weissnähen und Schneiderei zu erlernen.- In den zweieinhalb Jahren meiner Tätigkeit in der LandesIrrenanstalt hatte ich mir so viel zurückgelegt, dass ich es wagen konnte, vorausgesetzt, dass meine Eltern mir durch Wohnung und Verpflegung helfen würden, was sie mir auch gerne anboten. Damit könnte ich mir nach ihrer Meinung einmal in allen Lebenslagen helfen. So bin ich denn ihrem Rat gefolgt." 43Die Fortschritte, die Marie in der Weissnäherei und Schneiderei machte, waren so beachtlich, dass sie schon nach einem Jahr private Schneidereiaufträge annehmen und ausführen und sich dadurch zusätzlich zur Ausbildung Geld verdienen konnte. Sie kam nicht nur in beruflichen Kontakt mit anderen Menschen, sondern wurde auch in Gespräche verwickelt, die sich mit den öffentlichen, wirtschaftlichen, industriellen, sozialen und politischen Breignissen beschäftigten. Um dabei mitreden zu können, war es notwendig, sich mit der Problematik dieser Dinge intensiv zu kxxakäfkix ** и befassen. So sah Marie mit lebendigen Interesse die Stadt Landsberg und ihre Menschen nicht nur in der Gesamt- Entwicklung, sondern zog aus manchem Detail ihre eigenen Schlüsse: " Landsberg war eine Industriestadt geworden. Eine grosse Maschinenfabrik war aus ehemals kleinen Anfängen entstanden. Der Familienbesitz war in eine Aktiengesellschaft ungewandelt worden. Die bereits erwähnte Netzfabrik hatte ihren Betrieb nach verschiedenen Richtungen hin erweitert. Der Besitzer einer ehemals schon ganz respektablen Sackfabrik baute eine gros se Jutespinnerei und zog auswärtige, hauptsächlich ausländische Arbeitskräfte mit ihren Familien heran, Italiener und Böhmen, letztere aus dem damals österreichischem Gebiet. Aus diesem Zuzug entstand eine grosse Wohnkolonie, zu der die" Einheimischen" in der ersten Zeit keinen Zugang hatten. Die Stadt wuchs ständig von aussen her. Die grossen Bauern und Gutsbesitzer der Umgebung fanden es zweckmässig und lohnend, jährlich im Sommer und Herbst Landarbeiter aus den polnischen Gebieten kommen zu lassen, Saison- Erntearbeiter, Schnitter, Mrescher und auch Landarbeiter, die mit dem Viehzeug umgehen konnten. Diese Arbeiter gingen im Winter nur zu einem kleinen Teil wieder in ihre Heimat zurück, der grosse Rest ging in die Stast Landsberg und suchte sich dort Arbeit und Wohnung. Die Frauen und Mädchen erwarteten hier oft ihre Niederkunft. Ging das im Sommer verdiente Geld zur Neige, musste die ganze Familie zur Arbeit. So wurden sie sesshaft. Die Gutsbesitzer liessen neue Erntearbeiter kommen, die sich ebenfalls im Winter in der Stadt festsetzten. So ging das Jahr um Jahr, wie an einer Kette. Die Stadt wuchs, und mit ihr die Industrialisierung. Die fleissig ausgenutzte Gewerbefreiheit hatte sich auch im sozialen und kulturellen Leben der Stadt ihren Ausdruck gesucht. In der Heimatkunde der Schule hatte ich mit acht Jahren noch gelernt, dass Landsberg 20000 Einwohner beherberge. Nun waren es 40 000, und Landsberg war inzwischen längst Kreisstadt geworden. Das alles in zehn bis zwölf Jahren. Auch in der Arbeiterschaft machten sich die Strömungen der Zeit bemerkbar. Nachdem die Zimmerer und Maurer mit der Gründung ihrer gewerkschaftlichen Organisation vorangegangen waren, entwickelte sich das Organisation leben der Arbeiterschaft folgerichtig weiter. Aus dem Baugewerbe entstand -44- auch die erste Lohnbewegung. Das war den" Meistern" etwas Neues, das sie durchaus nicht anerkennen wollten. So kam es zu einem Streik, der eine ziemliche Erregung, ein Für und Wider in der ganzen Stadt auslöste. Für uns und unsere Familie war dieser Streik noch von besonderer Bedeutung. Unser Vater hatte nach seiner schweren Krankheit und nach grossen Verluste in seinem Geschäft nun doch nicht mehr die Kraft und den Elan, weiter als Unternehmer zu arbeiten. Es muss ein schwerer Entschluss für ihn gewesen sein, nun als Zimmergeselle unter einem Meister zu arbeiten, aber es blieb wohl nichts anderes übrig. Ein junger Architekt, der einen Teil seiner praktischen Lehrzeit bei ihm absolviert hatte, sagte ihm, dass er sich eine Ehre daraus machen würde, seinen alten Lehrmeister zu beschäftigen. Der Bruder meines Vaters- mein Onkel Johann war schon längere Zeit als Polier bei ihm tätig. Als nun, sehr zum Missvergnügen der Meister die schon erwähnten Arbeiterorganisationen entstanden, kam es bald zu Lohnforderungen, und schliesslich zum Streik, an dem sich auch mein Vater und mein Bruder Otto beteiligten, während Onkel Johann als Polier auf dem Bauhof blieb. Zwischen den beiden Brüdern ist seitdem niemals mehr ein herzliches Verhältnis aufgekommen. Man muss aber die ganze Situation verstehen: es war von meinem Vater eine grosse moralische Leistung, sich an diesem Streik zu beteiligen. Er war ein alter, Handwerksmeister, hatte Jahrzehnte lang Lehrlinge und Gesellen beschäftigt und weitergebracht, und es war ihm schwer geworden, als er nun selbst nach Arbeit anfragte. Der junge Meister hatte versucht, ihm den Übergang leicht zu machen. Unser Vater hatte eigentlich niemals Gelegenheit gehabt, sich mit der Ideenwelt der neugebildeten Gewerkschaften vertraut zu machen. Jetzt galt es plötzlich, die neue Lehre zu begreifen und mit beachtlichem moralischem Mut auch danach zu handeln. Mein Vater tat es. Zwei Brüder kamen auseinander, und meister wurde auf die schwarze Liste gesetzt. Hiess das für immer arbeitslos? Geredet wurde darüber zu Hause nicht viel, wir waren harte Zeiten gewöhnt und wir alle wussten das moralische Recht auf seiner Seite. Nach einiger Zeit fand mein Vater wieder Beschäftigung bei seinem Neffen, der ein grosses und schönes Geschäft aufgebaut hatte. Dieser Neffe hatte es verstanden, die allgemeine Situation gut zu seinem Vorteil auszunutzen. Mit Vater hatte er einen guten Griff getan: Kenntnis und Erfahrung, und auch die Autorität und Pflichttreue des alten Meisters kamen seinem Geschäft zugute. Bezahlt hat er ihn genau nach dem Tarif, der" für alte Leute" festgelegt war, und liess sich dafür wacker für seine" Gutherzigkeit" loben. Als ihm einmal sein Mitteilungsbedürfnis durchging, rühmte er sich des" billigen Poliers". Um vieles später, als ich zum Begräbnis meines Vaters nach Hause kam, hat mich dieser Cousin sehr kühl von oben herab behandelt. Ich war nun schon als Sozialdemokratin bekannt, die übrige Verwandtschaft hat mich ganz ge -45schnitten. Als ich dann gar in dortigen Versammlungen sprach, hiess es, dass es doch eine Schande wäre, als" Rote" in die Heimat zu kommen, ich müsste mich doch schämen.- Ich habe es getragen. w Einige Zeit nach dem Entstehen der freien Gewerkschaften kam es auch zur Gründung eines sozialdemokratischen Ortsvereins. Ein Wanderbursche kam nach Jahren zurück zu seiner Mutter. Sie war Büglerin und hatte sich und ihre beiden Söhne als Witwe wacker und fleissig ernährt. Der nun zurückkehrende Älteste war sehr früh auf Wanderschaft gegangen. Die freundliche und recht gebildete Frau witterte für ihrem Altesten schon immer etwas Besonderes. Ich trug die Kragen und Manschetten meines Vaters gerne zu ihr und habe den Eindruck einer feinen und vornehm wirkenden Frau in der Erinnerung behalten. Sie gab sich freundlich und sicher, wusste wohl auch viel über Menschen und Dinge. Meine Mutter sprach immer mit besonderer Hochachtung von ihr. Die Familie sei als freireligiös bekannt, man hätte sich früher, als der Mann noch lebte, auch Rat in manchen Dingen holen können, weil beide so vieles gewusst hätten. Aber sie seien, obwohl sie etwas Besseres waren, immer sehr freundlich und bescheiden geblieben. Nach dem Toder habe die Frau das Bügeln für Geld beginnen müssen. Der älteste der beiden Söhne sei nun schon seit einigen Jahren auf der Wanderschaft. Im Gedenken an diesen Sohn aber lasse Frau Kaiser keinnen Handwerksburschen unbeschenkt von ihrer Türe gehen dermannes in diesen Tagen, als der Wanderer heimkehrte, an das Gespräch mit meinen migehörte Ich musste mm Milchladen foten og be denken, ich noch nicht bounte wusste, dass der" freireligiöse Wanderredner" ein kluger Wanderbursche war, der sich die Welt ansah. Dieser Sohn wurde der Gründer des sozialdemokratischen Parteivereins. Er schien finster und misstrauisch, war wortkarg und wirklich nicht übermässig freundlich. Und doch konnten seine Augen freundlich lachen, wenn man ihn ansprach und etwas Vernünftiges fragte. Arbeit hätte er in der Stadt natürlich nicht bekommen, und ich glaube auch nicht, dass er gesundheitlich noch in der Lage gewesen wäre, in seinem Beruf als Stellmacher zu arbeiten. So wählte er sofort die Unabhängigkeit eines Zigarrengeschäfts. Vielleicht hatte er ein kleines väterliches Erbteil, aber auch die liebevolle Vorsorge der Mutter mag ihm dabei geholfen haben. Er heiratete bald, eine kluge, bescheidene Frau, eine Kameradin, die ganz in seiner Ideenwelt aufging. Mit dem Parteiverein kam Leben und Bewegung in die Stadt. Bald beteiligte sich die Arbeiterschaft mit einigen Erfolg an den Kommunalwahlen. Kaiser wurde Stadtverordneter, doch da war ich nicht mehr daheim. Niemand konnte ihm die Achtung versagen. Er war klug, belesen, nüchtern und schlagfertig. Die Fremde hatte ihn geformt und einen sicheren Sozialdemokraten aus ihm gemacht, der genau wusste, was er wollte. In unserer Stadt hatte der Liberalismus einen ziemlichen Anhang, was in -46der vielgelesenen liberalen" Neumärkischen Zeitung" und auch oft in der Stadtverordnetenversammlung seinen Ausdruck fand. In meiner Kindheit und frühesten Jugend war auch das kulturelle Leben recht abwechslungsreich und vielgestaltig, das liberale Bürgertum sorgte für gute Konzerte und naturlic propheten. Theatervorstellungen, woyan wir po spierten. Mit dem Wachstum der Stadt und ihre Industrialisierung aber hörte das auf. Warum? Auch die Eisenbahn entwickelte sich zusehends. Fabrikanten, Geschäftsleute und höhere Beamte fanden es bequemer, eine dreistündige Fahrt in D- Zug zu machen und sich an den Darbietungen der Großstadt zu erfreuen. So verödetegerade infolge der wirtschaftlichen Entwicklung das Kulturleben der Stad Landsberg im Laufe dieses entscheidenden Jahrzehnts. Es erhielt erst wieder Leben und Wert, als sich die organisierte Arbeiterschaft selber half. So weit ging die Einsicht der Stadtväter nicht, das Kulturleben im Interesse der Gesamtbewohner zu pflegen. Und ihre Sympathie war durchaus nicht bei der immer bewusster werdenden Arbeiterschaft. wie Bald nach der Parteigründung wurde auch ein Konsumverein ins Leben gerufen. Es kam ein Mann aus Forst in der Lausitz, um den Gewerkschaftsmitgliedern, den Sozialdemokraten und den am Rande mitlaufenden Frauen wenige waren es!- etwas über Zweck und Nutzen einer Konsumentenbewegung zu erzählen. Den gleichen Mann holte man sich bald als Lagerverwalter, und es war nun noch einer mehr da, mit dem wir uns über den Sozialismus unterhalten konnten." ( und die anderen Probleme unserer buit -47Ein Mann, zwei Kinder- und die Politik Wenn Marie in ihren Aufzeichnungen besonders hervorhebt, dass dieser oder jener zu dem kleinen Landsberger Kreis stösst, der in freiwilligen Zusam enkünften die Zeitprobleme diskutiert und versucht, Wege zu finden, um sich in den Gang der Ereignisse einzuschalten und diese zu beeinflussen, verdient das insofern besondere Beachtung, als die Provinzstadt Landsberg verhältnismässig langsam den Anschluss an die innerdie Bevölkerung politische Entwicklung in Deutschland fand und nur schrittweise durch die rühriger werdenden Bemühungen der Gewerkschaften und der Sozialdemokraten* xaxaxaxxng über die Zusammenhänge in der" grossen Politik" aufgeklärt werden konnte. Dass Marie schon damals Pionierarbeit leistete, ist ihr selbst nicht klargewesen. Mit ihren 19 Jahren war sie meist die einzige weibliche Teilnehmerin an derartigen politischen Gesprächen, denn die Frauen der politisch interessierten Männer kümmerten sich um den Haushalt und die Kinder und nahmen an den Zusammenkünften nicht teil. Bei den abendlichen Diskussionen im kleinen Kreis ergab es sich zwangsläufig, dass politische Ereignisse zitiert wurden, die sich zwar erst kürzlich abgespielt hatten, aber dennoch zu einer Zeit, als Marie noch ein Kind war. Sie benutzte deshalb jede freie Minute, um mit Bewusstsein und Fleiss nachzuholen, was sich in den vergangenen letzten Jahren ereignet hatte. So verstand sie erst jetzt den Kampf der Sozialisten gegen Krieg und Aufrüstung, der als sie gerade lo Jahre alt war im Jahre 1889 auf dem ersten sozialdemokratischen Friedenskongress während der Pariser Weltausstellung schon international vernehmbar geworden war. Erst jetzt wurde ihr klar, dass die sozialistischen Bestrebungen nicht allein ihre Ursachen in der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung, sondern auch in politischen Zusammenhängen hatten. Sie las jetzt die Zeitungen ganz anders, als das bisher der Fall war, und glaubte, nun besser die Auseinandersetzungen zwischen dem Reichskanzler Otto von Bismarck und Wilhelm II. zu verstehen, bemerkte auch die Widersprüche im Verhalten des Kaisers nachdem er seinen Kanzler endgültig in die Wüste geschickt hatte-, als er auf der einen Seite versuchte, mit grossen Reden die Arbeiterschaft zu gewinnen, auf der anderen Seite aber mit Waffengewalt drohte, falls die Sozialdemokraten nicht endlich aufhörten, das Volk, aufzuwiegeln 48Über die Eindrücke, die verschiedene politische Ereignisse auf sie machten, hat Marie keine Aufzeichnungen hinterlassen. Sehr viel später rief sie sich durch Zuhilfenahme von Büchern diese Dinge ins Gedächtnis zurück, wenn sie versuchte, Parallelen bei den Zeitereignissen festzustellen.- In den Tagen des zu Ende gehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts stand Marie vor so vielen persönlichen Problemen, die ihre Zeit in Anspruch nahmen, dass sie zwar die Weltereignisse registrierte, aber nicht so verarbeitete, wie sie es ihrem Wissens hunger entsprechend wahrscheinlich gerne getan hätte, denn später hat sie manches Mal bedauert, in dieser Zeit mit 21 Jahren- keine aufmerksamere Beobachterin des Weltgeschehens gewesen zu sein. Zu Hause unterhielt sie sich zwar sehr oft mit ihren Eltern und auch mit Bruder Otto, wenn er zu Besuch kam, aber das waren meist Gespräche, bei denen man sich gegenseitig neue Dinge mitteilte, ohne über ihre Auswirkungen zu sprechen. Wahrscheinlich lagen diese neuen Dinge so fern, weil sie vorerst olne jede Bedeutung oder Wirkung auf das Leben der Menschen blieben. Zumindest auf die Stadt Landsberg. Mit der Erfindung des Radiums durch Madame Curie konnte Marie nicht sehr viel anfangen. Es beeindruckte sie allerdings, dass es eine Frau war, die diese Leistung vollbracht hatte. Anders war es mit den Kriegsschauplätzen in verschiedenen Ländern und mit den Spannungen der Völker untereinander. Die schon sehr früh in Marie lebendig gewordene Ablehnung aller kriegerischen Auseinandersetzungen mag die Ursache gewesen sein, dass sie lebhaften Anteil an allen Gesprächen nahm, die sich damit beschäftigten. Als bei einem solchen Gespräch im Elternhaus einmal gesagt wurde, dass das Deutsche Reich nun auch zu einer gefürchteten Kolonial- und Flottenmacht emporwachse, wollte es ihr nicht einleuchten, dass Friede nur denkbar sei, wenn man sich voreinander fürchtet. Als bald darauf in einer Zusammenkunft der sozialistischen Gesinnungsfreunde das gleiche Thema noch einmal zur Sprache kam, ging Marie zum ersten Mal zum Erstaunen aller Teilnehmer ganz aus sich heraus. Noch fast 60 Jahre später konnte sich ihr Bruder Otto daran erinnern, welchen Eindruck es machte, als Marie sinngemäss- zum Ausdruck brachte, wie wichtig es sei, bei weittragenden Entscheidungen auch die Frauen mit anzuhören, was nur möglich sei, wenn man sie zu öffentlichen Berufen zulasse, so wie das in Amerika der Fall sei, wo man Frauen als Beamte der Justiz und als Richter zugelassen habe. Marie wollte sich mit diesem jugendlich- enthusiastischen Vorstoss icht in den Vordergrund drängen und die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Sie war von ihren Fähigkeiten, politisch aktiv tätig zu werden, garnicht überzeugt, sondern betonte immer wieder, dass sie eine Ler - 49- nende sei, die erst dann ihre Meinung sage und ihre Ansicht vertrete, wenn sie das Erarbeitete auch verarbeitet habe. Nach diesem Grundsatz hat Marie bis zum letzten Tag ihres Lebens gehandelt, und selbst in der Zeit, als sie mitten im öffentlichen Leben stand und mit der Materie ihres politischen Berufs und ihrer Aufgabe restlos vertraut war, legte sie immer diesen strengen Maßstab an sich selbst an und sagte oder schrieb nichts, bevor sie sich nicht längere Zeit intensiv damit beschäftigt hatte. In dieser Zeit ihrer ersten politischen Regsamkeit traf die junge Marie mit einem Menschen zusammen, der nicht nur einen grossen Eindruck auf sie machte, sondern sie auch so entscheidend beeinflusste, dass sie noch lange Zeit in Verbindung mit ihm blieb, auch dann, als sie selbst schon eine politische Rolle spielte. Es war der sozialdemokratische Abgeordnete Wilhelm Pätzel, der des öfteren seinen Landsberger Wahlkreis besuchte. Ma rie hatte schon von ihm gehört und suchte und fand auch die Gelegenheit zu einem ersten Gespräch mit ihm. Pätzel spürte, dass Marie eine junge Frau war, die schon jetzt ohne grosse Vorbildung und Schulung- a us eigenem Interesse und aus eigener Arbeit zu au den sozialen Problemen der Zeit Stellung nehmen und selbst erarbeitete Gedanken dazu sagen konnte. Er bestärkte sie in ihrer Absicht, auf diesem leg weiterzugehen. G Wilhelm Pätzel konnte Marie diesen Rat geben, weil er nicht wusste, woher sie kam und was sie machte. Er wusste nicht, dass sich Marie unter grossen Opfern die wenige Zeit stehlen musste, um an solchen Gesprächen teilzunehmen und un aus dem Schrifttum dieser Zeit zu lerzich nen. Marie konnte ja nicht so xxxЯiaкxxx damit beschäftigen, wie sie es am liebsten gewollt hätte, denn sie stand ja im Berufsleben, musste Geld verdienen, denn auf Unterstützung von zu Hause konnte sie jetzt nicht mehr rechnen. In Ge enteil, ihr Vater war 60 Jahre alt und verdiente als Zimmergeselle reichlich wenig, sodass Marie und Otto zum Unterhalt beitragen mussten. Maries Ersparnisse aus der Arbeit in der Landes- Irrenanstalt waren für die Ausbildung als Weiß- und Kleidernäherin verbraucht worden, und ihr noch Kundenkreis war nicht so gross, dass es für die Eltern, für die kleine Schwester Elisabeth und für sie selbst gereicht hätte. Vielleicht hätte sie mehr verdienen können, wenn sie ununterbrochen an der Arbeit geblieben wäre. Aber die Arbeit kam nicht von selbst, sondern sie musste sich danach umsehen, musste Kundinnen aufsuchen und sich über deren Wünsche unterhalten, dann wieder zum Anprobieren in die Häuser gehen, wodurch sehr viel Arbeitszeit verlorenging. Als Marie bei einem Kun - 50- denbesuch den Schneidermeister Bernhard Juchacz traf und mit diesem ins Gespräch kam, ergab es sich fast von selbst, dass beide beschlossen, gemeinsam eine Werkstatt zu betreiben. Aus dieser beruflichen Zusammenarbeit ergab sich eine menschliche Bindung, die axak bald darauf zu einer Ehe führte. In ihren Aufzeichnungen ist Marie nur mit wenigen Worten auf dieses Ereignis eingegangen: um " Auch geheiratet habe ich. Dass ich in der Ehe nicht glücklich war, soll hier nicht besprochen werden. Dass ich zwei Kinder hatte, war mein grosses, wenn auch zuerst recht schmerzliches Glück. Dass ich damit aber alle Schwierigkeiten der aleinstehenden Frau aus eigener Erfahrung kennenlernte, und Elisabeth mit mir, soll hier doch erwähnt werden." Mit diesem kurzen Hinweis fand ich Marie Juchacz ab und brachte damit zum Ausdruck, dass es ihr Wunsch sei,-wenn sich Menschen später einmal Cabu- rklärung mit ihrem Leben beschäftigen sollten-, diesen Xxxxxk zu respektieren. Um aber auch diesen Lebensabschnitt von Marie mit seinen vielfältigen menschlichen Kom likationen kennen und damit Wesen und Charakter dieser Frau besser verstehen zu können, musste der Biograph versuchen, **** aus dieser Zeit Informationen zu erhalten, was auch mit einiger Mühe möglich war, aber nicht mit der Absicht, sie mit allen Details wiederzugeben, sondern Ursachen und Wirkungen zu erkennen, xxxxxxxx Marie Gohlke und Bernhard Juchacz hatten sich nicht nur zusammengefunden, um in gemeinsamer Arbeit die wirtschaftlichen Möglichkeiten für zwei Menschen zu verbessern. Dass sie heiraten wollten, stand fest, denn Bernhard nahm Marie einmal zu seinen Eltem, die in Böhmen lebten, mit, um sie dort als seine zukünftige Frau vorzustellen. Dass sich Marie in dieser Zeit mit Bernhard gut verstanden haben muss, ist aus der Tatsache zu entnehmen, dass sie den strenggläubig katholischen Eltern Bernhards versprach, sich auf jeden Fall katholisch trauen zu lassen, was später auch geschah. Marie hatte auf Bernhards Eltern einen sehr guten Bindruck gemacht und sie waren mit dieser stillen, klugen, xxd fleissigen und strebsamen* x* x* x* яxxxxxx Schwiegertochter sehr einverstanden. Auf der anderen Seite wollte zwischen den Eltern von Marie und Bernhard kein engeres Verhältnis entstehen, obwohl Vater und Mutter Gohlke grundsätzlich eher damit einverstanden waren, dass. Marie heiratete, anstatt sich um spätere berufliche Aufgaben zu sorgen. Von den zwei Kindern, die Marie erwähnt, wurde das erste, die Tochter Charlotte, am 3. Dezember 1903 geboren. Marie stand sowohl vor als auch nach der Geburt ihrer Tochter fest auf beiden Füssen, versorgte ihren kleinen Haushalt, arbeitete für das gemeinsame Geschäft, das so viel abwarf, dass es der dreiköpfigen Familie recht gut ging, denn Marie - 51- stellte keine grossen Ansprüche,- und hatte immer noch etwas Zeit für die politischen Diskussionsabende im engeren Bekanntenkreis und für die Lektüre politischer Schriften. Gelegentlich wuchs die Familie Juchacz auf vier Köpfe an, denn in dieser Zeit schloss sich Mxxix Elisabeth, die mit der Schule fertig war und in einem Haushalt arbeitete, sehr eng an ihre Schwester Marie an. Mit ihren fünfzehn Jahren zeigte sie ein erstaunliches Interesse an allen Dingen, mit denen sich die neun Jahre älMarie tere kak beschäftigte. sind In diese Zeit fällt das erste Auseinanderleben zwischen Marie und Bernhard Juchacz. Wer die Zusammenhänge nicht kennt, wird zu dem Schluss kommen, dass die Ursachen vielleicht darin zu suchen xxx, dass sich Marie nicht genügend dem Hause, xxxxxaxaяяx der Tochter oder dem mann odewidmete, dass sie mehr an der Politik als an der Schneiderarbeit in der eigenen 9 Werkstatt interessiert war, oder einen anderen Grund finden, der sehr leicht zu Lasten von Marie geht. Aber nichts derartiges trifft zu. Es waren rein menschliche Gründe, die zu der Entfremdung führten, und Marie machte es sich durchaus nicht leicht, um das Gleichgewicht der Familie zu erhalten. Nur unter diesem Gesichtspunkt lässt sich ein Abschnitt xxxxkak in den Aufzeichnungen von Marie Juchacz verstehen: " Mit der Sorge für meine Tochter Charlotte begann auch die grosse und RUT begann auen die geste schöne Kameradschaft mit meiner heranwachsenden Schwester Elisabeth. Auch zum Beginn dieser Aameradschaft hat das schöne menschliche Vertrauen, das ich zu meinem Vater hatte, beigetragen. In dieser Zeit verlangte es mich einmal danach, aus einer grossen seelischen Bedrängnis heraus zu ihm zu sprechen, mich mit ihm zu beraten. Dafür ergab sich eine Nachtstunde in der elterlichen Wohnung. Ich fand, was ich gesucht und gewusst hatte: volles menschliches Verständnis, moralische Unterstützung, die mir die innere sicherheit zurückgab, die zu verlieren ich in Begriff war. Wir beide, mein Vater und ich, wussten aber nicht, dass uns das Kind, meine damals 15 Jahre alte Schwester Elisabeth, genau zuhörte, denn wir sahen einige Male hinüber zu seinem Bett und wähnten es ahnungslos schlafend.- Sehr viel später hat Elisabeth mir einmal gesagt, dass sie alles mit angehört und auch begriffen hätte. Von dieser Stunde an habe sie die Liebe zu mir bewusst gefühlt und sich gelobt, mich niemals zu verlassen. Welche Belastung für ein Kind! Sehr bald verband uns ein gemeinsames Leben, das nun erwachsene Kind von 15 und die Frau von 24 Jahren. Das Glück und der menschliche Wert dieser schwesterlichen Freundschaft und Kameradschaft lässt sich nicht darstellen. Diese Blätter sollen deshalb auch zugleich Schlaglichter auf den Lebensweg von Elisabeth Kirschmann- Roehl werfen, sollen von unserer gemeinsamen Arbeit und ihrer Bedeutung für unsere nicht immer leicht selbsterwor- -52 bene Lebenserkenntnis sprechen. Das ständige kameradschaftliche Zusammensein mit ihr war die am stärksten wirkende Kraft in meinem Leben. Diese gegenseitigen Beziehungen wurzelten in der Liebe, in der Freundschaft, in der gegenseitigen Anerkennung, in dem gemeinsamen Suchen nach Klarheit Wissen und Erkenntnis. Unser Zusammenleben in wirtschaftlichxx schwerer Zeit war das Fruchtbarste, was nur denkbar ist. Die Kinder mussten ernährt und erzogen werden. Das war wirtschaftlich schwer für eine einzelne Frau. Für zwei Frauen, die sich ergänzten, wurde es schon leichter. Das Zusammenstehen gab uns einen moralischen Halt, den wir immer stark empfun den haben. Wir konnten über jede Schwierigkeit sprechen, weil wir uns mit wenigen Worten verstanden. Das Wertvollste war der ständige, geistigseelische zusammenklang. Es war ein gemeinsamer Kampf zur Lösung aller Fragen des Lebens. Wir fühlten die gleiche Verpflichtung in unserer privaten Existenz und in den dadurch erwachsenden vielseitigen Aufgaben. Wir fühlten aber auch diese gleiche Verpflichtung über das private Leben hinaus. Wir lasen die gleichen Zeitungen, die gleichen Bücher, soweit sie sozialen oder politischen Inhalts waren. Wir diskutierten darüber, bis wir glaubten, das Wesentliche darin erfasst xxxxxkяи und erkannt zu haben. Wir spürten gemeinsam, dass mit dem Willen, sich an einer politischen Bewegung zu beteiligen, auch die Verpflichtung entsteht und dauernd wächst, diese Bewegung in ihres Wesens Kern zu erfassen und immer wieder aufs Neue nach den neuen Wahrheiten zu suchen. Wir stellten unsere Irrtümer und neuen Erkenntnisse fest und wuchsen daran. Oft sind wir gefragt worden, wie wir zur Arbeiterbewegung gekommen sind. Nun, von uns beiden, meiner Schwester Elisabeth und mir, kann ich wohl sagen, dass wir sind. wenn auch uns selbst fast unmerklich- hineingewachsen Warum das bei mir, ganz besonders aber bei meiner wesentlich jüngeren Schwester Elisabeth, schon in so frühen Jahren möglich war? Damals * reiften die Kinder nicht sehr bemittelter Eltern schnell zu selbständigen Menschen heran. Sie mussten sich mit dem Austritt aus der Schule zum mindesten selbst ernähren. So auch meine junge Schwester. Sie war ganz in meiner Nähe in einer Familie, wo sie das Kind betreute und etwas im Hause half. So hatten wir die Möglichkeit, oft beisammen zu sein. Erstaunlich war die Wissbegier des jungen Menschenkindes. Konnte sie an einer Versammlung nicht teilnehmen, musste ich ihr hinterher alles erzählen. Dabei machte ich die Erfahrung an mir, dass das Erlebnis auch für ax mich lebendiger wurde und dass ich bei dem Rückerinnern auf viele vom Referenten erwähnte Dinge stiess und sie durchdenken musste, die sonst vielleicht bald vergessen worden wären. Es war das Ganze überhaupt eine entscheidende Zeit für mich. Wirtschaftliche sorgen, Verantwortung und persönlichste, seelische Bedrängnis wa -53ren eine grosse Last. Die kindliche Kameradschaft der jungen Schwester war mir eine grössere Stütze, als mir wohl damals selbst ganz zum Bewusstsein gekommen ist. Ebenso war es aber auch das Eindringen in die sozialistische Ideenwelt, die mir sehr geholfen hat, mein Schicksal zu tragen. War mir, der Älteren, oder gar der nun sechszehnjährigen Elisabeth diese Entwicklung bewusst? Ja und nein. Später haben wir es bestimmt klarer gesehen. Ein intuitives Erfassen der Dinge aber war es bestimmt.- Eine kleine Episode, die mir gerade einfällt, möchte ich zwischendurch erzählen. Der bereits erwähnte Lagerhalter der Konsumgenossenschaft, mit dem wir oft diskutierten, amüsierte sich wohl im stillen über den Enthusiasmus des jungen Kindes. Er neckte und ärgerte Elisabeth mit dem" Strohfeuer", das lichterloh in ihr brenne. Einmal sagte er ihr, dass dieses Feuer bei der Lektüre des ersten sozialistischen Buches, das er ihr geben würde, sofort und für immer verlöschen müsste. " Dann stelen Sie mich doch mal auf die Probe!", war Elisabeths Antwort. Er gab ihr den ersten Band von Karl Marx'" Das Kapital". Nicht etwa die Volksausgabe, die kam ja erst 20 Jahre später heraus. Und nicht etwa eine volkstümliche Interpretation der Marx'schen Lehre. Das Kind begann, das Buch zu lesen, besorgte sich einige Fremwörterbücher zur Hilfe und kan natürlich nicht weiter, weil ihr jede Vorschulung für das Verstehen der Materie fehlte. Ich wusste zuerst davon überhaupt nichts Sie quälte sich des nachts damit ab, wenn ihre Arbeit getan war. Etwas spä ter sagte sie es mir. Sie war sehr unglücklich wegen ihrer Dummheit, und ich versuchte, sie damit zu trösten, dass selbst ich fast zehn Jahre älter Schwierigkeiten hätte, das, was Karl Marx in diesem Buch geschrieben hätte, bis zum letzten Wort genau zu verstehen. 1106 Als Elisabeth- Jahre später einmal in unsere Vaterstadt zurückkam, um einer Parteipflicht zu genügen, hat sie den Lagerverwalter lächelnd gefragt:" Nun? Glauben Sie noch immer, dass es ein Strohfeuer war, das damals brannte?" Der gute Mann war sichtlich verlegen, und er fragte sich nachträglich, ob es nicht eine kleine Torheit war, ein wissbegieriges Menschen kind mit einem der am schwersten verständlichen Werke der sozialistischen Literatur abzuschrecken. Die Zeit ist auch der Beginn Tistischer Zeitungen. Wenn ich der gemeinschaftlichen Lektüre soziaes war dies in der Familie mein freiwilliges tägliches Amt- den Leitartikel und den Parlamentsbericht der " Volksstimme"( sie erschien zuerst in Frankfurt/ Oder, in Kottbus, dann in Lebus) vorgelesen hatte, holte sich Elisabeth die Zeitung von mir. Es gab daraus Gesprächsstoff mit vielen wissens hungrigen Fragen. Nichts über diese Provinzzeitung, sie hatte einen stark informatorischen Charakter, der in der Elisabeth sich an mich anschloss, -54 Leitartikel behandelte ein sozialistisches Problem oder nahm wegen dro hender Bestrafung in der Form vorsichtig, in der sozialistischen Haltung aber sehr entschieden zur Lage der Arbeiterklasse stellung. Wichtig war auch immer der Parlamentsbericht. Es waren die Reden der sozialdemokratischen Abgeordneten" zum Fenster hinaus". Man sage nichts dagegen, denn es war Notwehr. Grosse Summen haben die Arbeiter von damals aufgebracht, um alle Strafen wegen" Majestätsbeleidigung" und anderer Dinge, die von den Strafrichtern zwischen den Zeilen herausgesucht wurden, zu zahlen. Hohe Gefängnisstrafen wurden über die verantwortlichen Zeitungsredakteure verhängt. So mancher Arbeiter zeichnete verantwortlich, war sogenannter" Sitz redakteur", um den begabteren und geschulteren, verantwortlich nicht in Erscheinung tretenden Redakteur für die notwendige Arbeit zu erhalten. Aber der Abdruck von Parlamentereden war straffrei. Uns haben sie damals in ihrer Schärfe und Ausführlichkeit zum Verstehen der politischen Zusam menhänge geholfen. Man glaubt es heute kaum noch, wie eine einzige kleine Provinzzeitung ausgewertet werden, und wie man sich dabei im Denken, Sprechen und in der Verarbeitung des Gedachten und in der so wichtigen Interpretation üben kann, wenn man interessiert ist und Ausdauer hat. Es blieb natürlich nicht bei den Debatten, die sich immer an die Lektüre der Artikel anschlos sen, sondern pflanzte sich fort in einem weiteren Freunde s- und Bekanntenkreis, mit dem man nach Feierabend zusammentraf. Ich lernte dadurch verschiedene Dinge: die Bedeutung des Staates für die Menschen, die in einem Staat leben, bekam ferner ein Urteil darüber, wie dieser Staat beschaffen war und wie man ihn sich denken kaxxka und wünschen konnte, lernte die Macht und die Ohnmacht des damaligen Reichstages kennen, und Vieles über die Lage der lohnarbeitenden Menschen. Vor allem lernte ich eins: ganz allgemein zu denken, also nicht mit der Vorstellung von mir und meiner nächsten Umwelt als Mittelpunkt des Denkens, sondern betrachtete mich als einen kleinen, aber wichtigen Teil des Ganzen. Und aus der Ferne lernte ich die Vertreter der Sozialdemokratie als Persönlichkeiten kennen: August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Paul singer, Ignaz Auer, Zubeil, Stadthagen, antrik u.a. wurden mir ein Begriff. Gelegentlich sah man ihre Bilder, man hatte einen lebendigen Eindruck durch den fast wörtlichen Abdruck der Reden in den" eitungen, und bekam auch gelegentlich eine persönliche Schilderung direkt zu hören, wie zum Beispiel 1903, als der Reichstag neu gewählt wurde und Berliner Redner, natürlich auch der Reichstagskan didat für den Wahlkreis Landsberg/ Soldin in unsere Stadt kamen. Letzterer, Wilhelm Pätzel, hat sehr oft auf den Dörfern um Landsberg herum selber seine Einladungen von Haus zu Haus getragen und hat am Abend seine Versammlungen selbst leiten müssen, wenn ihn die Bauern überhaupt sprechen -55liessen. Es gehörte sehr viel ut und noch mehr Uberzeugungstreue dazu, das alles durchzuführen und seinen Humor dabei zu behalten. Den hatte Wilhelm Pätzel, und dazu eine anschauliche Art, die Dinge einfach und klar darzustellen und sich auch sprachlich in die Zuhörer hineinzufühlen. Er war früher als junger, intelligenter und wissenshungriger Arbeiter in die Familie Wilhelm Liebknechts hineingezogen worden, hatte auf diese Weise eine grössere Anzahl führender Sozialdemokraten persönlich kennengelernt, und hatte ausserdem viel und intensiv gelesen. So war es wohl gekommen, dass er in der Verlagsbuchhandlung der Sozialdemokratischen Partei eine wichtige Stellung inne hatte. Bei den Unterhaltungen, die sich an die Versammlungen anschlossen, war ich eine aufmerksame Zuhörerin. Jedenfalls wurde unsere kleine Gruppe in dieser Wahlzeit 1903 in Spannung gehalten. Alles, was damit zusammenhing, interessierte mich brennend, ich las jedes Flugblatt mit grösster Aufmerksamkeit, und die Vokszeitung erwartete ich täglich mit Ungeduld. Als die Wahlresultate der Stadt bekannt wurden, jubelten wir und glaubten, den Sieg schon zu erleben. Am nächsten Tage, bein tröpfelnden Bekanntwerden der ländlichen Ergebnisse, schien mir die Welt unterzugehen. Das alles mussten wir nun erst mit unserem ungeschulten Verstand verarbeiten, einschliesslich der Hoffnungen und Enttäuschungen. Überhaupt das Jahr 1903.- Mit leidenschaftlicher Anteilnahme verfolgten wir den heldenmütigen Kampf der Crimmitschauer Textilarbeiter. Es war garnicht zu begreifen, dass so viel Treue und Tapferkeit dieser Männer und Frauen nicht mit dem endlichen Sieg abschliessen sollte. Die den armen Textilarbeitern aufgezwungenen Lebensbedingungen, der Hunger, das E- lend der arbeitenden Frauen und xxx Kinder, das erwachende Bewusstsein in dieser zum Verhungern verdammten Arbeiterschaft, und auf der anderen Seite das sture und unerbittliche Verhalten des Unternehmertums in diesem ungleichen Kampf und angesichts der erbärmlichen kxg sozialen Lage ihrer Arbeiterschaft, an der sie sich doch moralisch schuldig fühlen mussten, wenn sie nicht alles menschliche Fühlen verleugnen wollten. Das alles zusammen zeigte uns das Gesicht der Klassenkämpfe aus der damaligen Zeit. Diese Erfahrungen haben die Arbeiterschaft in ihren Werden und Verhalten geformt. Die Behörden standen von vornherein und ohne jeden Skrupel au f Seiten der Unternehmer. Jeder Gesetzesparagraph, der in diesem Kampf nur in der unternehmer günstigen Form zu deuten oder unzubiegen war, wurde zum Schaden der un ihr Lebensrecht kämpfenden Textilarbeiterschaft angewendet. Die beispiellos tapferen Arbeiter und arbeiterinnen und die hungernden Kin der hatten keine anderen Freunde als die übrigen arbeitenden Menschen, die sich aus eigenen Erleben in ihre Lage hineinversetzen konnten. Trotz ihrer schmerzlichen Niederlage haben die Crimmitschauer Textilarbeiter und andere nicht umsonst gekämpft. Die Tränen ihrer Frauen waren Dünger und Saat für den Fortschritt, der heute im Zeitabschnitt eines falsch ver -56standenen beginnenden" Wirtschaftswunders", mit einer Selbstverständlichkeit als gültig hingenommen wird, als ob es niemals nötig gewesen wäre, nicht nur mit kuxxxxanяяxк Tränen, sondern auch mit Blut um diese heute so selbstverständlichen Errungenschaften zu kämpfen. Wir begrüssten es, dass auch der Parteitag in Dresden in xxxx denkwürdigen Jahre 1903 eine warmherzige Sympathiekundgebung zugunsten der 7500 kämpfenden Crimmitschauer Weber beschloss. Sie stünden im Kampf gegen ein rücksichtsloses Fabrikantentum unter der Beugung des Koalitionsrechtes und unter unglaublichem Polizeidruck. Dieser Kampf um einen Zehnstundentag sei die Etappe zur Erlangung des achtstundentages für alle Arbeiter. Die moralische und materielle Unterstützung dieses Kampfes sei selbstverständliche Pflicht. Auch diesen Dresdener Parteitag, den ich in Inhalt und auswirkung später noch oft mit erfahrenen Sozialdemokraten diskutierte, erlebte ich aus der Perspektive des interessierten Zuschauers. Aus der ankündigung in der Zeitung sah ich, dass ein Parteitag etwas ganz besonderes к********* x für alle Sozialdemokraten sein müsse. Ich hörte auch in meinem Freundeskreis, von denen einige schon ein paar Mal in Berlin waren, von den Meinungsverschiedenheiten, die des öfteren heftig diskutiert würden. Es sei nicht immer alles" so einig" bei den Sozialdemokraten. Unser Volksblatt brachte auch die Verhandlungen des Parteitags relativ ausführlich, und sie wurden auch bei uns sehr lebhaft diskutiert, wobei ich mich sehr zusammennehmen und mich zur Aufmerksamkeit und Sachlichkeit zwingen musste. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mit dem duch die Parteitagsdebatten entstandenen Schock fertig wurde, denn August Bebel war für mich ein Gott gewesen, während mir Heinrich Braun, Georg Bernhard und andere damals noch unbekanntere Groessen waren. Innerlich war ich zuerst bereit, mich in der fraglichen Angelegenheit ganz und vorbehaltlos auf die Seite von August Bebel zu stellen, aber das Durchlesen, sprechen und-denken der Berichte zwang mich zur kritischen Betrachtung der Differenzen, und ich weiss noch, dass ich zu dem Schluss kam, dass von beiden Seiten viel zu heftig und nicht genügend sachlich gekämpft worden war. Es handelte sich hauptsächlich um die Frage, ob es Sozialdemokraten erlaubt sein solle, an bürgerlichen Zeitungen und Zeitschriften mitzuarbeiten, sei es als Redakteur oder Schriftsteller, wenn in diesen Blättern an der sozialdemokratischen Partei gehässige oder hämische Kritik geübt würde. Erlaubt sollte diese Mitarbeit sein, wenn die Voraussetzung des " Gehässigen und Hämischen" nicht erfüllt sei. Doch sollten im Interesse der sozialdemokratischen Partei und der in solchen Stellungen tätigen Sozialdemokraten diesen keine Vertrauensstellungen gegeben werden. Der Antrag des Parteivorstandes wurde angenommen, August Bebel hatte gesiegt. Die Debatte, so unangenehm und deprimierend ich sie auch empfand, -57gab mir Einblick in manche Dinge; so in das Zeitungs- und Zeitschriftenwesen, und machte mir klar, dass Schriftsteller und Redakteure zum Proletariat gehörten und um ihre Existenz zu kämpfen hatten, dass die meisten bürgerlichen Blätter die Sozialdemokratie in völlig unsachlicher Form bekämpften( woran sich auch bis heute nichtseändert hat), und schliesslic auch, dass mancher in der Mitarbeit an bürgerlichen Blättern eine Möglich keit sah, um auf Bevölkerungskreise, die keine sozialistischen Zeitungen zu lesen bekamen, mit sozialistischem Gedankengut einzuwirken. Nicht zuletzt stellte ich fest, dass man sehr genau zwischen wissenschaftlichen Blättern und Zeitschriften, politischen Tagesblättern und Sensationsschriften unterscheiden musste. Ich muss in meiner sozialistischen Überzeugung schon ziemlich gefestigt gewesen sein, dass mich die Erfahrung dxx mit den Parteitags- Kämpfen aus der Ferne nicht unheilbar erschütterte. Eines habe ich bei den verschiede nen Gelegenheiten des Meinungsaustauschs an mir selber erprobt, nämlich die Fähigkeit, Gelesenes auch richtig zu interpretieren. Des öfteren wurde in unserem kleinen Kreis darüber gesprochen, was man gelesen hatte und welche Schlüsse man daraus zog. Und sehr oft konnte ich an Hand der Zeitung beweisen, dass man es falsch verstanden hatte. Darüber empfand ich R Freude und Befriedigung. Als Frau stand ich gerade in Landsberg, und auch unter den persönlichen Verhältnissen, unter denen ich zu leben und zu arbeiten hatte trotzdem immer am Rande des politischen Geschehens. Das preussische Veres einsrecht erlaubte es uns nicht, uns zu organisieren, eine Vorstellung, mit der ich mich nicht abfinden konnte. In den politischen Versammlungen sass man als Frau an der Seite, eine politische aktive Betätigung wurde uns nicht gestattet. So dagte man zu mir, wenn das Gespräch darauf kam. Ich konnte das nicht so ganz glauben und hatte auch schon davon gehört und darüber gelesen, dass die Frauen der Großstadt Mittel und Wege gefunden hätten, am öffentlichen Leben teilzunehmen. In meiner Heimatstadt Landsberg aber gab es für mich nicht die geringste Möglichkeit, mit den Frauen meines Bekanntenkreises ein ernsthaftes Gespräch über diese Fragen zu führen. Sie schauten mehr entsetzt als verwundert, wenn ich versuchte, ein solches Gespräch anzufangen. Die gleichaltrigen Frauen, die ich von der Schule her kannte, und auch von der Arbeit in der Fabrik und in der Irren anstalt, hielten mich wohl für reichlich überspannt. Als ich versuchte, mit einigen älteren Frauen in dieser Richtung Kontakt aufzunehmen, stiess ich auf eine Gleichgültigkeit, die mich innerlich noch rebellischer machte und die meist in Formulierungen Ausdruck fand, wie" Wozu die Mühe und Aufregung, Frau Juchacz! Mit uns wird ja doch letzten Endes das gemacht, was die' hohen Herren wollen." Auch das Denken und schliessliche Erkenntnisse brauchen Zeit bis zur -58letzten Reife, Davon, dass die Frauenbewegung etwas Gesondertes war, das neben der Sozialdemokratie herging und seine eigene Bedeutung und Zukunft haben müsste, hatte ich damals selber noch keine genaue Vorstellung. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass just zur Wahl im Jahre 1903 in Berlin im Wahlkreis Teltow- Beeskow- Storkow- Charlottenburg, in Altona und in einigen anderen Städten für die Dauer der Wahlbewegung Frauenvereine gegründet wurden, wozu das preussische Vereinsgesetz die juristische Möglichkei bot. Arbeite frauen wollten mit diesen Frauenvereinen die politische Wahlbewegung der sozialdemokratischen Partei unterstützen und zugleich für das Frauenwahlrecht demonstrieren. dieser Zeit enter Bazum ersten Mal gung unter in Unteressatesin ra aboby Landeberg na verlassen und in die Groband gehen. Dazu In dieser Zeit entstand zum ersten Mal ganz unten im Unterbewusstsein der Wunsch, Landsberg zu verlassen und in die Großstadt zu gehen. Dieder och blieb auch dann, als am 16. Mai 1905 mein Sohn Paul geboren wurdee" - 59- Der Anfang i n Berlin Die Absicht, Landsberg zu verlassen, liess sich nicht so schnell verwirklichen, wie es Maries Wunsch war. Dass nur Berlin in Frage käme, stand von Anfang an fest. Umsomehr, als Bruder Otto inzwischen aus Landsberg fortgezogen, vorübergehend in Küstrin gewesen und dann endgültig nach Berlin gegangen war, wo er sich mit seiner schon auf sechs Köpfe angewachsenen Familie in der Stralauer Allee 20 b ansiedelte. In dieser Zeit stand Marie mit Bruder Otto in ständigem Briefwechsel, um sich nach allem zu erkundigen, was für sie von Bedeutung war. In jedem Antwortbrief erklärte Otto, dass Marie jederzeit nach Berlin kommen und zuerst einmal bei ihm Unterkunft finden könne, auch jetzt, gegen Ende des Jahres 1905, wo Ottos Frau Eveline das fünfte Kind erwartete. Für Marie gab es eine Fülle von Problemen, die richtig durchdacht und geklärt werden mussten. Ha 1s- über- Kopf- Entschlüsse hat es auch damals, wie niemals in ihrem Leben, gegeben. Nachdem Marie und Bernhard Juchacz übereingekommen waren, sich zu trennen, war es dennoch nicht möglich, sich mit der zwei Jahre alten Lotte und dem Sechs- Monate- Baby Paul einfach in den Zug nach Berlin zu setzen und die Brücken hinter sich abzubrechen. Elisabeth, siebzehnjährig, nahm auch an den Gesprächen über dieses Thema teil und erklärte unmissverständlich, dass sie zusammen mit Schwester Marie nach Berlin gehen würde. Das sei keine Belastung, sondern im Gegenteil eine Hilfe für Marie. Sie, Elisabeth, könne sich um Maries Kinder Lotte und Paul kümmern und dabei sogar noch Heimarbeiten ausführen, denn sie habe ja nun auch die Näherei und Schneiderei erlernt und sei eine gute und fleissige Schneiderin, die mehr dazuverdienen könne, als sie selbst verbrauche. Das klang sehr optimistisch, aber genügte doch noch nicht, um Marie zu einem schnelleren Entschluss zu bringen. Da waren ja noch die Eltern, Vater Gohlke, bald 65 Jahre alt, und die Mutter, die sich manches Mal während der Hausarbeit hinsetzen und ausruhen musste. Vater Gohlke arbeitete zwar noch und verdiente so viel, dass es gerade zum Sattwerden reichte, aber die Zuschüsse, die er von Marie und Elisabeth erhielt, trugen trotz ihrer oft geringfügigen Höhe dennoch dazu bei, den altwerdenden Eltern das Dasein etwas erfreulicher zu machen. Ausschlaggebend war endlich, zu Beginn des Jahres 1906, ein Brief von Otto aus Berlin, der nicht nur eine grössere Wohnung im gleichen Hause bekommen, sondern auch für sofortige Heimarbeit für Marie und Elisabeth gesorgt hatte. Es gab noch einmal eine recht ausführliche Unterhaltung - 60im Elternhaus, bei der zum Schluss Vater Gohlke das Wort führte und kurzerhand so entschied, dass Marie mit den beiden Kindern und natürlich mit ihrer Nähmaschine- nach Berlin führe, sich einige Zeit dort einlebe und einarbeite, und dass Elisabeth dann nachkommen würde. Vater Gohlke stellte alles viel einfacher und leichter dar, als es in Wirklichkeit war, und Marie kannte seine Gründe. Sie war hellhörig und sensibel genug, brauchte also" den Ernstfall" nicht auszusprechen, an den Vater Gohlke dachte, als er meinte, dass man ja in wenigen Stunden mit der Edsenbahn von Berlin nach Landsberg fahren könne.- Dann ging alles andere sehr schnell: " Es war unser Ziel, wirtschaftlich Fuß zu fassen, und ich machte mir keinerlei Illusionen. Ich hatte die Sorge für meine beiden Kinder und wusste, dass es schwer sein würde. Zuvor hatten wir noch vertrauensvolle Aussprachen mit unseren Freunden, weil wir in Berlin einen Weg finden wollten, um uns der sozialistischen Bewegung anse liessen zu können. Keiner der Männer wusste aber richtig Bescheid, wie es anzufangen sei. Einer gab uns eine Empfehlung an eine Frau mit, Ida Altmann, die sozialwissenschaftliche mitarbeiterin der Gewerkschaften war." Im Frühling des Jahres 1906, nachdem Marie gerade 27 Jahre alt geworden war, packte sie ihre wenigen Sachen zusammen und fahr nach Berlin, wo Bruder Otto schon alles für ihren Einzug vorbereitet hatte: Betten für sie und die Kinder waren da, Schrank und Kommode, und ein schöner grosser Tisch, an dem sie arbeiten konnte. Auch die Nähmaschine bekam einen guten Platz am Fenster. Otto hatte sich auch schon nach Arbeit für Marie umgesehen. Im gleichen Hause wohnte eine Wäsche- und Kleidernäherin, die eine gelegentliche Hilfskbaft gut gebrauchen konnte. Marie war dadurch nicht an den R Und- zeit ihre Arbeitsplatz gebunden, konnte in ihrem schönen grossen Zimmer nähen und sich um Kinder kümmern, die während ihrer gelegentlichen Abwesenheit von der Schwägerin Eveline gut versorgt wurden. Elisabeth hatte es nicht lange alleine in Landsberg ausgehalten. Wenige Monate später kam sie ebenfalls nach Berlin. Obwohl nun vier Personen in dem Zimmer zusammenleben mussten, war es nicht eng und unfreundlich. Marie und Lisbeth hatten von ihrer Mutter gelernt, wie man sich wenn auch bescheiden, so doch hübsch und mit geringen Mitteln- einrichten kann. - 61- 61Schon am nächsten Tag nach ihrer Ankunft hatte auch Elisabeth durch die Vorsorge von Marie und Otto Arbeit gefunden. Durch das grosse Wäschehaus Grünfeld erhielt sie Nähaufträge für Wäsche in Heimarbeit, und es kam nur darauf an, möglichst viele Wäschestücke fertig genäht abzuliefern. Wenn Marie für die Nachbarin im Haus nichts zu tun hatte, half sie ihrer Schwester beim Nähen. So verdienten die beiden Schwestern genug, um nicht nur den Lebensunterhalt zu bestreiten und die Kinder von Marie gut zu versorgen, sondern auch ihren Mietante il pünktlich an Bruder Otto abzuführen. In den wenigen Monaten, in denen Marie zuerst alleine in Berlin lebte, war sie durch die Anforderungen, die der Tag an sie stellte, so in Anspruch genommen, dass sie nicht daran denken konnte, ihre eigentliche Absicht zu verwirklichen, nämlich einen Weg zur sozialistischen Bewegung zu finden. Sie las zwar Zeitungen und unterrichtete sich über die kleinen und grossen politischen Ereignisse, hatte aber in Otto und Eveline nicht die richtigen Gesprächspartner. Otto besuchte zwar sozialdemokratische Versammlungen und nahm Marie mit, aber die vielen neuen Probleme, Gedanken und Gesichtspunkte, die da auftauchten, konnte sie mit Otto nicht diskutieren. Desto glücklicher war Marie, als sie in Elisabeth eine Gesprächspartnerin fand, der sie nicht nur alles sagen konnte, sondern von der sie jetzt viel besser verstanden wurde als zur Landsberger Zeit. Elisabeth war nicht nur älter geworden, sondern besass mit ihren achtzehn Jahren ein Auffassungs- und Denkvermögen, das für die wesentlich ruhiger denkende Marie verblüffend war. Ausserdem****** hatte Elisabeth eine Gabe, die nicht nur in dieser Berliner Zeit ins Gewicht fiel und vieles leichter machte, sondern in der ganzen Zeit des Zusammenlebens dieser beiden Frauen bis zum Tode von Elisabeth auch für das Denken und die Entschlüsse von Marie entscheidend war: die Heiterkeit und Leichtigkeit, mit der sie alles anfasste, beurteilte, bearbeitete. Der Aussenstehende hätte das vielleicht manches Mal als oberflächlich, oder zumindest nicht sehr gründlich und durchdacht empfunden, und so ist Elisabeth auch später von Menschen, die sie nicht kannten, mitunter eingeschätzt worden. Marie, die das Durchdenken und Durchdringen von Problemen, Aufgaben und Situationen schon von Kind an mit einem Ernst betrieb, der ihr bis in ihre letzten Tage das Wichtigste war, fühlte instinktiv, dass ihre neun Jahre jüngere Schwester etwas besass, was ihr selbst fehlte. Auf der anderen Seite sah Elisabeth in ihrer älteren und so viel ernsteren Schwester auch den klugen und klar denkenden Partner, der durch seine fast strenge Art ihr eigenes Gleichgewicht herstellte. Aus der Tatsache, wie sich diese beiden im Wesen grundverschiedenen, aber im Denken gleichgesinnten Schwestern gegenseitig die Waage hielten, ist das enge Verhältnis zu erklären, das niemals erschüttert wurde. -62Nachdem Ma rie und Elisabeth durch ihre Heimarbeit die finanzielle Grundlage geschaffen kx* x* x und sich in vielen Gesprächen über die politischen Strömungen der Zeit manches Mal heiss geredet hatten, ergab es sich zwangsläufig, dass sie auch nach aussen einen Kontakt mit gleich denkenden Menschen suchten. Man unterhielt sich in der näheren und weiteren Nachbarschaft, beim Einkaufen, und auf Versammlungen mit Teilnehmern, mit denen man zufällig ins Gespräch kam. Aber diese Gespräche befriedigten nicht, regten nicht an, zeigten keinen Weg, um dahin zu kommen, wohin man eigentlich wollte. Wohin wollte denn Marie? Sie war sich selbst nicht klar darüber, hatte kein politisches Ziel, dachte an keine politische Aufgabe. Sie wusste nur, dass es notwendig war, mit Menschen in Verbindung zu kommen, die in der sozialistischen Bewegung aktiv tätig waren. Versuche, mit Rederhalten nern auf politischen Versammlungen Kontakt zu Makommen, waren gescheitert. Wenn sich marie und Elisabeth am Ende einer Versammlung bis zum Rednerpult durchschlagen wollten, kamen sie zu spät. Oder sie erreichten einen kleinen Funktionär, der mit dem Wunsch der beiden Frauen, Anschluss an die sozialistische Bewegung zu finden, nichts anfangen konnte oder sogar der Meinung war, dass es besser xai für die Frauen sei, wenn sie die Finger davon liessen. Auf ihre Erkundigungen nach irgendwelchen Frauenorganisationen erhielten sie negative Antworten. Im letzten Augenblick fielt ihnen ein, dass sie ja eine sehr genaue Adresse aus Landsberg mitbekommen hatten, xane sozialwissenschaftlichen Referentin der Gewerkschaften, Ida Altmann, musste gute Ratschläge geben können. Noch am gleichen Tag suchten Marie und Elisabeth die Referentin auf. " Sie war ein gebildeter Mensch mit grossem Wissen, sehr freundlich, an den sogenannten Frauenfragen aber garnicht interessiert. Auf dem Gebiet der personellen und organisatorischen Fragen kannte sie sich überhaupt nicht aus und gab das auch offen zu. Aber sie hatte schon etwas von - 63 Frauen- Leseabenden gehört, gab uns Literatur und riet uns, mit Sozialdemokraten unseres Wohnbezirks- im Osten Berlins im Osten Berlins- in Verbindung zu treten, und mit ihrer Hilfe einen Frauenleseabend einzurichten, wobei wir uns dann auch gemeinsam mit der in Frage kommenden Literatur bekanntmachen könnten. Das wäre auch der beste Weg, um in die politische Bewegung hineinzukommen. So geschah es. Mit Hilfe der sozialdemokratischen Genossen brachten wir es fertig, für unsere" Legeabende" einen kleinen Kreis von Männern und Frauen zu organisieren. Diese Abende waren aber nicht so und interessant uns das wohl von unserer Landsberger Exit Erfahrung vorgestellt hatten. Auch den anderen war das Ganze noch etwas ungelebendig wohnt. Wir beide, lisbeth und ich, waren an den ersten Abenden sehr still. Irgendwie fühlten wir uns den Männern wohl unterlegen. Unsere Unterhaltung begann erst, wenn wir wieder allein waren, wo wir dann das Für und Wider des Abends sehr kritisch unter die Lupe nahmen.* k* x Diese Debatten halfen uns, die besprochene Literatur besser zu verstehen. Daneben lasen wir für uns gierig den" Vorwärts", und benutzten jede Möglichkeit, die sick bot, um die eine oder andere grosse Versammlung zu besuchen, wie wir sie vordem nicht erlebt hatten. Aber eines Tages wurde es plötzlich interessant: als wir zum Leseabend in das kleine Lokal kamen, das unser Treffpunkt war, sass da eine kleine, rundliche Frau mit ausdrucksvollem Gesicht, straff zurückgekämmtem Haar, und führte das grosse Wort, während unsere männlichen Freunde mit verlegegen Gesichtern dabeisassen. Nicht Risei ven aan bee Valterever we dichtstone[ Es war Margarete Wengels, taxda Vertrauensperson für die sozialdemokratischen Frauen des Berliner Ostens, die uns wer en uns wie es schien in grosser Erregung, aber in fliessender Rede und sehr ausführlich schilderte, dags und warum- wir a lles falsch gemacht hätten. Wir hätten uns bei ihr melden müssen und sie hätte uns dann gesagt, was zu tun sei. Sie schien sehr böse auf uns zu sein. Nachher erfuhren wir, dass Margarete Wengels eine sehr geachtete und tapfere Persönlichkeit in der Frauenbewegung sei. Sie hatte schon bald nach dem Fall des Sozialistengsetzes die Berliner Frauen- Agitationskommission els Vertrauensperson vertreten und war 1893 in ein ner Frauensetzung, die anlässlich des Kölner Parteitages stattgefunden hatte, dazu bestimmt worden, als Zentralvertrauensperson die Agitation unter den Frauen in Keich zu fördern, Wünsche entgegen zu -64nehmen, Rat zu geben, Rednerinnen zu vermitteln, überhaupt die sozialistische Frauenbewegung zu unterstützen. Sie löste diese Aufgabe zusammen mit der Redaktion der" Gleichheit", der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift, deren Redakteurin Klara Zetkin war. Margagehalt rete Wengels hatte dieses Amt bis 1899 inne, als sie dann von Ottilie Baader als" Zentralvertrauensperson der Genossinnen Deutschlands" abgelöst wurde. Nun war Margarete Wengels noch immer für den Berliner Osten verantwortlich, und keiner der so erfahrenen Sozialdémokraten hatte sich bei der Installierung unserer Leseabende daran erinnert! Zum Schluss der so stürmisch begonnenen Sitzung löste sich alles in Wohlgefallen auf. Ob Margarete Wengels begriffen hatte, dass wir " Provinzküken" von ihr nichts wissen konnten, habe ich nie erfahren. An diesem Abend waren wir nur die unbotmässigen Sünderinnen. Der Schluss aber war: weiter machen. Wir Frauerb bekamen noch den dringenden Rat, die" Gleichheit" zu abonnieren, die Versammlungen des Berliner Frauen- und Mädchen- Bildungsvereins zu besuchen und uns dort als Mitglieder eintragen zu lassen. Das erste und zweite haben wir befolgt, das dritte nicht." Raxxixxndxdx* x* x* x* x* x und Gründe Dás* x* x* x* x* x hatte ganz persönliche xxxxxx. Elisabeth war neunzehn Jahre alt geworden natte sich mit Christian Michael Gustav und als Folge davon Roehl freundet. Beide heirateten im Frühjahr 1907, naalden Recta sweatery diss Lisbeth mit ihrem Mann und Marie mit ihren Kindern gemeinsam nach Schöneberg bei Berlin, eta bersiedelten " An unserer Kameradschaft hatte das nichts geändert, im Gegenteil, sie wurde immer tief er. Unsere wirtschaftlichen Verhältnisse verMit der der besserten sich durch diese Ehe nicht. Absicht, zusammen zu xxxXC leben, Verantwortung gemeinsam zu tragen, gemeinsam zu lernen und Erfahrungen zu sammeln, uns mit der sozialdemokratischen Bewegung bekannt zu machen, in ihre Theorie einzudringen, uns mit ihrem Idealismus zu verbünden und stets das Unsrige dazu zu tun, waren wir schon nach Berlin gegangen. Es lag für mich, mit meiner bitteren Fraueneefahrung, als Mutter von zwei Kindern und fast zehn Jahre älter als die junge Kameradin an meiner Seite, ein grosser moralischer und ethischer Wert in dieser schwesterlichen Kameradschaft. Dankbar trug ich die xaк******* Verantwortung und empfand die noraelische Hilfe, die für mich in dieser Verbindung lag, mit dem gleichen Gefühl. Leicht war der Lebenskampf nicht für uns. Das Schicksal - 65- der Frau, die gleichzeitig Kinder zu ernähren und zu erziehen hat, ist für Millionen von Frauen das Gleiche. Und auch für die Kinder dieser Frauen ist es niemals leicht. Ich sage das nur xxixix mit Bezug auf die Notwendigkeit der Erwerbsarbeit für uns. Die Mitarbeit am öffentlichen Leben hatte damit wenig zu tun. Wohl bedurfte es des Nachdenkens und des guten Einteilens unserer Zeit. Wenn wir ' Opfer' brachten, was wir aber nicht als solche empfanden, so war das höchstens dem zu vergleichen, was die anderen arbeitenden Menschen für Erholung und Vergnügen aufwendeten. ir verzichteten wohl auf das Meiste, was anderen unentbehrlich schien, und buchten die neuen Erkenntnisse und Erfahrungen als persönlichen Gewinn, als neuen Lebenswert. Hier in Schöneberg begann unsere bewusste und intensive Mitarbeit in der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Bis dahin war unser Blick eigentlich nur auf Arbeiterbewegung' gerichtet gewesen. Mittlerweile war es uns nun wirklich klar geworden, dass wir mehr als gelegentliche' Mitläufer' sein wollten und deshalb den Weg über die sozialdemokratische Frauenbewegung zu gehen hatten. Wir gingen ihn." Da Schöneberg zu dieser Zeit ein Vorort von Berlin war, hatten sich Marie und Elisabeth trotz des Anratens von Margarete Wengels nicht beim Berliner Frauen- und Mädchen- Bildungsverein angemeldet. Sie xxxxxx stellten fest, dass es in Schöneberg ebenfalls einen solchen Verein gab, und wollten politisch dort' aktiv' werden, wo sie sesshaft waren. " In Schöneberg benutzten wir die erste Gelegenheit einer Versammlung des Frauen- und Mädchen- Bildungsvereins, um uns zur Mitgliedschaft anzumelden. Der Wille, ein freier und gleichberechtigter Mensch zu werden, gegen alle Hindernisse, war stark in unserem Bewusstsein. Wir waren bereit, Gefahren auf uns zu nehmen, Konflikte zu bestehent und gegen Vorurteile aller art anzugehen. Dieses Gefühl beherrsd te uns vollkommen, als wir die erste Schöneberger Versammlung besuchten. Wir hatten erfahren, dass dort eine Frau Bäumler, die Frau des dortigen' Vorwärts'- Spediteurs, die Vertrauensperson der Genossinnen sei. Wir sahen sie oben auf der Bühne am Vorstandstisch, eine imposante Erscheinung, gross, mit ganz weissem Haar und einem schönen Kopf. Die Leitung der Vereinsversammlung lag bei einer anderen Frau, 66 etwas ängstlich, wie es uns schien. Zwei Polizisten sassen an Nebentisch, um die' staatsgefährliche Versammlung zu überwachen. An einem der nächsten Tage gingen wir in die Wohnung von Frau Bäumler, um uns vorzustellen, und von unserem Wunsch zu sprechen, uns an der sozialdemokratischen Frauenarbeit zu beteiligen. Sie war freundlich und schien erfreut über den Zuwachs, aber auch zurückhaltend und ein wenig misstrauisch. Der Frauen- und Mädchen- Bildungsverein sei als Mittel gedacht, die breiteren Schichten der Frauen zu erfassen, sie für die sozialistische Frauenbewegung zu interessieren und sie unter der durch Gesetz gebotenen Vorsicht allgemein und auch politisch weiterzubilden. Frau Bäumler wies uns darauf hin, dass das Vereinsgesetz in Preussen- ebenso wie z. B. in Schsen, Braunschweig und Thüringen es den Frauen verbot, sich politisch zu organisieren. In süddeutschen Ländern, zum Beispiel in Baden, sei man etwas toleranter, Sie erzählte uns manches Vorkommnis aus ihren Erfahrungen, wie man bemüht sein müsse, die Versammlungsthemen möglichst allgemein und mit einem kulturellen Akzent zu umschreiben, wobei es dann von der Geschicklichkeit der Redner abhinge, den zuhörenden Frauen doch das zu sagen, worauf es xxkxxxx ankomme. Man bekäme auch Übung darin, in Gegenwart der überwachenden Polizeibeamten vieles zu sagen, was der Gesetzgeber verhindern wolle. Sie kenne aber auch schon die einzelnen Polizeibeamten. Manche eien dumm und schläfrig und verstünden nichts von der Sache, andere seien wohl wach, aber bewusst tolerant, und vor manchen müsse man sich hüten, weil sie schlau seien und wenig wohlwollend, und ausserdem immer bereit, den proletarischen Vereinigungen etwas am Zeug zu flicken, während man den bürgerlichen Frauenbewegung viel mehr Spielraum und Entfaltungsmöglichkeit lasse, ja, sie sogar in vieler Hinsicht fördere. Diese Tatsache ist mir sehr viel später von Frauen aus dem bürgerlichen Lager mündlich und schriftlich bestätigt worden. - Emma Ihrer führt in ihrer schon 1898 erschienenen Broschüre' Die Arbeiterin und der Klassenkampf' eine ganze Beweis- Kette an, wie die Vereinigungen und Veranstaltungen der bürgerlichen Frauenbewegung von der Hohen Obrigkeit nicht nur geschont, sondern offenkundig unterstützt wurden, während von den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts an bis zu seinem Ende jede Regung zu einer organisierten proletarischen Frauenbewegung mit brutalen Mitteln und gerichtlichen Strafen unterdrückt wurdeX. Frau Bäumler machte uns noch darauf aufmerksam, dass wir trotz aller Verbote die Möglichkeit hätten, uns politisch zu organisieren. -67Wir könnten durch kleine freiwillige monatliche Zahlungen, für die man Quittungsmarken bekäme, die auf eine Karte aufgeklebt würden, zum Ausdruck bringen, dass wir uns zur sozialdemokratischen Partei zugehörig fühlen. Das werde von der Partei auch anerkannt. Um aber die Tätigkeit der Vertrauensperson zu ermöglichen sowohl zentral als auch örtlich, würden noch Bons zu fünf Pfennig vertrieben. Nachdem auch wir von unseren bisherigen Erfahrungen gesprochen hatten, schien sie wohl Vertrauen zu uns gefasst zu haben, denn sie nannte uns Zeit und Ort der heimlichen Zusammenkünfte eines kleinen Frauenkreises, der sich um die Vertrauensperson scharte. Ausserdem, so sagte sie uns, fänden auch Leseabende statt, für die man einen sehr beweglichen und belegenen jungen Sozialdemokraten gewonnen hätte. Die Versammlungen des Frauen- und Mädchen- Bildungsvereins fanden in der Regel nonatlich einmal statt und waren immer recht gut besucht. Die meisten Referenten verstanden es auch, aus dem Thema trotz der Anwesenheit der Polizei- etwas zu machen' Nur einmal sind wir in unseren Erwartungen enttäuscht worden. Es war ein Arzt gewonnen worden, Sozialdemokrat und an Ort wohnhaft, der sich erbot, das Thema Wie fesselt die Frau ihren Mann an das Heim?' zu behandeln. Wir versprachen uns sehr viel davon, hatten uns vorgestellt, dass er davon ausgehen würde, dass die Ehe eine Kameradschaft zwischen zwei Menschen sein solle, die bereit sind, alles gemeinsam zu tragen, und dass man diese Kameradschaft bewusst festigen könne, wenn man Verständnis für den Kampf der Männer um bessere Lebensbedingungen zeige, was doch wieder der Fa milie zugute käme. Bei solchem Verständnis würden die Männer auch bereit sein, die ihnen bleibende freie Zeit im Kreise der Familie, im eigenen Heim zu verbringen. Bin solcher Grundgedanke hätte sich bei einigem Geschick mit Beispielen ausbauen lassen, sodass alle Zuhörerinnen den tieferen' Sinn hätten erkennen können. Aber von diesen Gedanken sagte der Gute kein Wort. Stattdessen füllte er den ganzen Abend damit aus, den Frauen gute Ratschläge zu geben, wie sie Wurst- und Käseplatten mit Petersilie und Radieschen garnieren könnten, das koste nicht viel, usw. Er machte es nicht einmal reizvoll, und noch viel weniger taktvoll. Die meisten Frauun sassen wie auf Kohlen. Aber niemand fühlte sich in Gegenwart der Polizei, und auch nicht in Gegenwart von Frau Bäumler, die ja das Vereinsgesetz und seine Fußangeln so gut kannte, mutig genug, dem Herrn Doktor kräftig die Meinung zu sagen. Auf eine empörte Handbewegung, mit der ich mich zum Wort melden wollte, winkte Frau Bäumler beMilea - 68- schwichtigend ab. Sie fürchtete, dass mein. Temperament und meine ( von ihr mit Recht gefürchtete) Unkenntnis der Gesetze keine guten Folgen haben würde.- Es war ein verlorener Abend. Elisabeth und ich gingen betrübt nach Hause und erzählten uns gegenseitig, was man dazu alles hätte sagen können, xxxxxxx Schon bald danach wurde ich Vorsitzende dieses Schöneberger Frauenund Mädchen- Bildungsvereins. Das kam so: Elisabeth und ich sassen bei unserer Heimarbeit. Sie war so eintönig, dass es dabei nicht viel zu denken gab. Wir konnten dabei über andere Dinge reden, die uns mehr bewegten.- Die Türglocke ging, und es erschien eine Deputation von Frauen. Der Verein hätte doch demnächst seine Generalversammlung. Frau X. wolle von ihrem Posten als Vorsitzende uurücktreten. Ob ich wohl dieses Amt übernelmen würde. Wir hätten uns doch sofort nach unseren Zuzug in Schöneberg für die politische Frauenbewegung zur Verfügung gestellt. " Wir brauchen jüngere Frauen, die in die Bewegung hineinwachsen, und die Übernahme von Vertrauensfunktionen ist abhängig von Willen und Erkenntnis. Beides haben Sie!" Ich zögerte mit einer Antwort. Würde ich mich nicht doch zu sehr binden? Mit Arbeit überlasten? Auch fühlte ich mich noch garnicht so wissend, wie die Genossinen annahmen, und ich wollte niemanden täuschen. Als ich fragend zu Elisabeth hinübersah und sie mir energisch zunickte, sagte ich schliesslich doch' ja'. In der Generalversammlung wurde ich dann einstimmig gewählt. Nun war ich ein gutes Jahr lang, von 1907 bie 1908, die Vorsitzende des Vereins, bis das Reichsvereinsgesetz von 1908 den Frauen andere Möglichkeiten gab, sich öffentlich zu betätigen. Bis es aber so weit war, ereignete sich noch allerlei." + Mit der Übernahme von Ämtern, Funktionen und besonderen Pflichten konnte Marie Juchacz ihre Erfahrungen ausbauen und erweitern. Das Kennenlernen neuer Menschen war für sie in dieser Zeit besonders wichtig und wertvoll. Einmal kam unverhofft Ottilie Baader, Vertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands, in eine der von Marie Juchacz geleiteten Versammlungen. Ob sie das Thema des Vortrags interessierte oder einen anderen Grund hatte, vielleicht den, festzustellen, xiaxxxxxxx** x* xxxxxxxxxxxxkigxxxdxx wie ' die neue Vorsitzende' mit ihrer Aufgabe fertig würde, konnte Marie - 69- Juchacz in einem anschliessenden Gespräch mit Ottilie Baader nicht heraushören. Aber sie freute sich über das sparsame, zurückhaltende Lob: " Sie haben die Versammlung mit grosser Ruhe und sicherheit geleitet, und ich freue mich, Sie kennen zu lernen, nachdem ich schon einiges von Ihnen gehört habe." Marie Juchacz schreibt in ihren Notizen von dieser Begegnung: " Auch ich freute mich, Ottilie Baader kennen zu lernen, sie war mir ja wenn auch bisher nur aus der Ferne keine Unbekannte mehr. Ich war auch dankbar für Lob und die Anerkennung, schon allein deshalb, weil Frau Bäumler noch immer in heimlicher Angst dabei sass, da sie es mir noch immer nicht ganz zutraute, etwaige Klippen geschickt genug zu umschiffen. Doch hatte sich in Praxis und Auffassung der Polizei bestimmt schon einiges geändert und aufgelockert. Ausserdem glaube ich, vieles von dem, worauf es ankam, doch schon begriffen zu haben. Jedenfalls hatte ich vor der anwesenden Polizei keine Angst, und es ist auch nie etwas passiert." In einer anderen Versammlung wurde Marie Juchacz zum Schluss von einer ihr unbekannten Frau angesprochen: " Ich würde mich gerne einmal mit Ihnen unterhalten, Frau Juchacz. Besuchen Sie mich doch einmal, ich wohne ganz in der Nähe, und ich könnte mir denken, dass wir beide etwas davon haben. " Ich bin der Einladng gefolgt. Es war eine Frau aus der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie wollte mich nicht etwa für eine Organisation gewinnen, sondern sich mit mir ganz allgemein unterhalten, zu gegenseitigem Vorteil. Ihre Ehe stand kurz vor der gerichtlichen Trennung, die in beiderseitigen Einverständnis erfolgte. Der Mann bezahlte ihr noch då Kosten einer Berufsausbildung, sie wurde Dentistin. Wir haben danach sehr lange eine lose, aber dennoch persönliche Fühlung miteinander gehalten. 9chon das erste Zusammentreffen war sehr fruchtbar. Es lenkte mich auf die vielseitigen Bestrebungen der bürgerlichen Frauenbewegung, auf ihre bisherige Geschichte, und auf das, was uns gemeinsam war und was uns trennte. Sie nannte mir manche charakteristische Persönlichkeit aus der bürgerlichen Frauenbewegung und bot mir auch Schriften, Broschüren und Bücher an, die ich ebenso wie Hinweise auf weitere Literatur- dankbar akzeptierte." -70- Marie Juchacz hatte zu dieser ersten Unterhaltung selbstverständlich ihre Schwester Elisabeth mitgenomen, die sie auch bei späteren Besuchen begleitete. Sie sagte darüber: " Dieses Gespräch und seine Fortsetzungen liessen uns Schwestern manches, was uns bei der Lektüre der" Gleichheit" und anderer sozialistischer Frauen Schriften nicht immer verständlich war, aus der Möglichkeit des Vergleichs mit den Bestrebungen bürgerlicher Organisationen besser verstehen. Unsere Schöneberger Zeit von 1907 bis 1908 war überhaupt sehr bewegt. In Essen hatte der Parteitag stattgefunden, der von 19 Genossinnen aus dem ganzen keich beschickt worden war. Durch die" Gleichheit, den" Vorwärts" und durch die Berichterstattung der Genossin, die nach Essen delegiert war, wurden wir in Atem gehalten. August Bebel hatte sich wieder einmal für die sozialdemokratische Frauenbewegung eingesetzt und erreicht, dass die männlichen Parteimitglieder sich verpflichteten, diese Bestrebungen intensiv zu unterstützen. Auch zwischen der proletarischen Frauenbewegung und den Gewerkschaften gab es von Anfang an sehr viele Berührungspunkte, genau so wie zwischen den Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei. Wir, auf der' unteren Ebene', hatten die Anregungen, die von den Aongressen und von den zentralen Stellen kamen, stofflich- geistig aus der sozialen Lage des Proletariats heraus zu verarbeiten und in die praktische Arbeit zu übertragen. So hatte sich zum Beispiel die Sozialdemokratische Frauenkonferenz in Mannheim( 1906) schon mit der' Dienstbotenfrage befasst. Helene Grünberg, Arbeitersekretärin in Nurnberg, hatte dort eine moderne Haus angestelltenorganisation ins Leben gerufen. Auf der Mannheimer Frauenkonferenz hielt sie über ' Die Dienstbotenfrage' ein Referat.( Ich gebrauche im folgenden mit vollem Bedacht, aus Gründen der' Illustration', die Terminologie der damaligen Zeit. Worte und Begriffe haben sich inzwischen dem fortgeschrittenen Denkkn entsprechend geändert). Die in Mannheim aufgestellten Forderungen waren auf die Erfahrungen der Gewerkschaften abgestimmt.- Eine a usserordentliche sozialdemokratische Frauenkonferenz im November 1907 in Berlin stellte dann mit Genugtuung fest, dass die Gewerkschaften ganz im Sinne unserer Vorarbeiten operierten und dass die Organisierung der Dienstboten in den Orten mit einer lebendigen Frauenbewegung, von diesen gefördert, einen starken Auftrieb erhalten hatte. Die Organisation sollte das Mittel sein, um durch Selbsthilfe die versklavende Gesindeordnung auszuschalten und die soziale Lage dieser Dienstboten- Frauenschicht zu heben. 71- Etwas später, auf dem auch sonst ausserordentlich bedeutsamen Gewerkschaftskongress in Hamburg( 1908) wurde eine Resolution zu dieser Frage beschlossen. Die Förderung der Dienstbotenorganisation sollte durch die Gewerkschaftskartelle erfolgen. Eine Konferenz der Dienstboten sollte einberufen werden. Zu dieser Zeit hatte auch der Kampf der Arbeiterbewegung gegen das Dreikassenwahlrecht einen zeitweiligen Höhepunkt erreicht. Im November 1907 fand in Berlin ein Parteitag für Preussen statt, auf dem der Wahlrechtskampf naturgemäss eine stärkere Berücksichtigung finden musste.- Sc hon auf dem bereits erwähnten Essener Parteitag war zum preussischen Dreiklangenwahlrecht und zu den Preussenwahlen Stellung genommen worden. Die a usserordentliche sozialdemokratische Frauenkonferenz, die parallel zum Preussen- Parteitag zusammengetreten war, gab der Frauenbewegung einen starken Auftrieb. Die Bewegung gewann an Ausdehnung, ki aber auch an innerem Gehalt. Die Frauenzentrale entfaltete eine lebhafte Tätigkeit, gab Zirkulare heraus, schaltete sich bei der Einberufung der Versammlungen ein, und arbeitete mit der Parteileitung eng zusammen. Die wirklich riesigen Versammlungen und Strassendemonstrationen fanden unter stärkster Beteiligung der Frauen statt. Überall wurde das Frauenwahlrecht gefordert und auch von Frauen- Rednerinnen begründet. Die Frauenfunktionärinnen und. Rednerinnen bekamen, unter anderem Material, auch die Broschüre von Klara Zetkin' Das Frauenstimmrecht( auf einem Parteitag hatte sie in einem gross angelegten Referat über dieses Thema gesprochen, der Vortrag wurde als Broschüre herausgegeben). Dieser Vortrag war uns, dem Nachwuchs, für lange Zeit eine wichtige und ständig benutzte Quelle für unsere Arbeit." ( Novich Agital)[ Das Jahr 1908] bis Dex Wahlkampf zog sich in das Jahr 1908 hinein.- In den ersten Tagen dieses neuen Jahres gingxxx ging es in Berlin sehr schnell von Mund zu Mund, dass am lo. Januar vor dem preussischen Abgeordnetenhaus in der Prinz Albrecht- Strasse eine grosse Demonstration stattfinden würde. Es war selbstverständlich, dass sich auch die Schöneberger Frauen daran beteiligen. Marie Juchacz hielt es für mitgehen besser, wenn ihre Schwester Elisabeth tie nicht gen würde. Lisbeth war zwar erst im vierten Monat, aber es war zu erwarten, dass falls die Demonstration grossen Zulauf haben würde die berittene Polizei eingesetzt würde. Aber Elisabeth war Feuer und Flamme, und so zogen die beiden Frauen am lo. Januar, an einem normalen, hellichten Arbeitstag, zum preussischen Abgeordnetenhaus. -72- dass wir annen " Wir Frauen versammelten uns direkt vor dem Gebäude und verlangten laut unsere Rechte, zugleich mit denen, für die die Arbeiter stritten und kämpften. Niemand von uns dachte an eine Gewalttat. Wir wollten mit dieser Demonstration nur bekunden, dass die Arbeiterfrauen einen Faktor darstellen, den man nicht übersehen kann und der Anspruch auf politische Rechte hat an den grossen, der Strasse augewandten Fenstern des Hauses erschienen die Gesichter von Abgeordneten, die sich die Demonstration zuerst etwas ängstlich ansahen. Plötz lich entstand Bewegung an den Fenstern. Sie hatten von oben, eher als wir unten auf der trasse, bemerkt, dass berittene Polizei auftauchte, um uns zu zerstreuen." hinteren Marie und Elisabeth haben später ihren Kindern erzählt, was sich an diesem Tage ereignete: in breiter Front rückten die Polizisten mit ihren Pferden an und ritten in die erregte, dichgedrängte Frauenmenge hinein. Während die xaxax Reihen xaxkxxxxkk der demonstrierenden Frauun noch nicht begriffen hatten, was vor sich ging, wichen die vorderen Reihen zurück, wodurch das Gedränge noch grösser wurde. Es gab Quetschungen und leichte Verletzungen. Plötzlich gab der Wall der Frauen an einer Seite nach, und der Draak der Nachdrängenden war so stark, dass viele Frauen zu Boden fielen, darunter auch Elisabeth. Marie versuchte, ihr beizuspringen, wurde aber von den ausweichenden Frauen immer wieder zurückgedrängt. Ihr blieb das Herz stehen, als plötzlich die Pferde über die am Boden liegenden Frauen hinwegritten. Elisabeth zog den Kopf ein, verschränkte kaxkx darüber die Arme und versuchte, sich auf die Seite zu drehen. So traf sie ein Pferdehuf nur in der Hüfte. Die Prellungen und Tritte, die Elisabeth und die mit ihr am Boden liegenden Frauen von den Flüch tenden bekamen, waren weitaus schmerzhafter. Als sich die Demonstrantinnen zurückgezogen hatten, konnten sich einige der zurückgeblieben nen Frauen um die am Boden Liegenden bemühen. Es stellte sich kxxxxx gottseidank heraus, dass es keine einzige ernsthafte Verletzung gegeben hatte.* Marie Juchacz meinte später: " Nachträglich muss ich doch etwas zum Lobe dieser Polizeipferde sagen: sie tänzelten behutsam über die auf der Strasse liegenden Frauen hinweg, und wenn die eine oder andere xxxx von einem fluf gestreift wurde, dann lag das an dem Gedränge. Die Polizisten dagegen bedienten sich einer rauhen und ungepflegten Sprache, gaben uns dabei auch häusliche Ratschläge für das' Strümpfestopfen", xx' Mittagkochen' und Kinderkriegen' und verrieten mit ihren Redensarten das unbe -73greiflich niedrige Niveau, das sich scheinbar immer dann äussert, wenn xisk uniformierte Männer zu einer kasernierten Masse zusammengefasst werden." Und wie war das Ergebnis dieser Demonstrationen, Versammlungen, Flugschriften und der anderen Protestaktionen? " Die Regierung und die Parteien des Landtages dachten garnicht daran, den Arbeitern irgendwelche Konzessionen zu machen. Nicht einmal der Zwang zur öffentlichen Stimmabgabe bei der Wahl wurde aufgehoben, was sich besonders moralisch negativ auswirkte, weil der kleine Geschäftsmann, der Beamte und überhaupt alle abhängigen Existenzen unter terroristischen Druck gesetzt wurden. Die sozialdemokratische Partei holte zu einem Gegenschlag aus. Uberall versuchten die Frauen, ihren Einfluss als Käuferinnen in den Geschäften geltend zu machen. Je nach der wirtschaftlichen Struktur des Wahlbezirks forderten sie als Kundinnen vom Geschäftsmann entweder Stimmenthaltung oder offene Stimmabgabe für die Sozialdemokratie. Wir waren uns vollkommen klar darüber, dass diese Form des Kampfes nicht zu den üblichen Praktiken der Kaxдfяx Arbeiterbewegung gehörte, aber dennoch wurde überall dort, wo das Klassenwahlrecht und die offene Stimsabgabe furtig waren, in derselben Art und Weise auf breitester Basis und stellenweise mit noch stärkeren Mitteln der Wahlkampf geführt. Terror von unten ist in den meisten Fällen Notwehr. Wir Frauen gründeten nach Bekanntgabe des Wahltermins auch allgemei ne Wahlvereine. Das war, begrenzt für die Wahlzeit, möglich. Dass sich bei uns grösste Bereitschaft und initiativer Mut entwickeln konnten, dafür sorgten die Anregungen, die laufend aus dem Büro der" Vertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands", von Ottilie Baader kamen. Sie wurden sofort aufgegriffen und unverzüglich durchgeführt. Auftrieb gab uns auch die Vorbereitung des Reichsver einsgesetzes. Hier sollte uns grössere Freiheit winken, weil es die Frauen nicht mehr ganz aus dem öffentlichen und Organisationsleben ausschliessen wollte. Es versprach im Entwurf der Regierung( in dieser Zeit war Bülow Reichskanzler) auch das Koalitionsrecht der Arbeiter, was auch für die arbeitenden Frauen von grösster Bedeutung war( zu diesem Zeitpunkt waren vier Millionen Frauen als Arbeiterinnen tätig). Auf bürgerlicher Seite sahen wir die Bemühungen, den von den Arbeitern - 74- und den sozialdemokratischen Organisationen wachdam und kritisch aufgenommenen Regierungsentwurf im negativen Sinne der Arbeiterschaft zu verwässern. Die Sozialdemokratische Partei hatte schon früher im Einvernehmen mit den Gewerkschaften einen eigenen Entwurf für ein freies Vereinsrecht eingebracht. Wir Frauen im besonderen waren uns darüber einig, dass wir unser politisches Organisationsrecht anstrebten und so vorteilhaft wie möglich für uns erkämpfen wollten, dass es aber nicht gegen den Nachteil eines eingeschränkten Koalitionsrechts für alle arbeitenden Menschen erkauft werden durfte. Man muss sich vorstellen, wie das zentrale Frauenbüro mit äusserst geringen finanziellen und technischen Hilfsmitteln arbeiten musste, um uns in diebewegten Zeit laufend und schnell über alles zu unterrichten und mit Material zu versorgen." se Mitten in diese aufregenden Tage hinein kam aus Landsberg die Nachricht vom plötzlichen Tod des Vaters Gohlke. Am 11. Mai 1908 war er im Alter von 66 Jahren gestorben. Lisbeth wäre zu gerne mit Marie und Bruder Otto zur Beerdigung gefahren, erwartete aber in vier Wochen ihre Niederkunft. Ausserdem wäre Lisbeths Mann mit Maries Kindern Lotte und Paul schlecht fertiggeworden. So fuhren Otto und Marie alleine nach Landsberg, wo es eine Fülle unerfreulicher Dinge zu erledigen gab. Es hatte sich schon vorher in Landsberg in einigen Kreisen herumgesprochen, dass die Töchter von Theodor Gohlke" Rote" seien. Die Folge war, dass Mutter Gohlke regelrecht vor die Türe gesetzt wurde. Ein Mieterschutzgesetz gab es damals noch nicht. So blieb nichts anderes übrig, als den Landsberger Haushalt aufzulösen und mxk Mutter Gohlke xxx mit nach Berlin zu nehmen. Otto war mit seiner siebenköpfigen Familie reichlich belastet, sodass es sich von selbst ergab, dass Mutter Gohlke in die Schöneberger Wartburgstrasse 13 zog, zu Marie mit den beiden Kindern, und zu Lisbeth und ihrem Mann. Zu diesen sechs Lebewesen wurde gegen Ende Juni ein siebtes erwartet. Zur Überraschung aller hatte Lisbeths Mann die von Marie getroffene Entscheidung, die Mutter aufzunehmen? gutgeheissen. Besonders gross war die Freude für Lotte und Paul, die vom ersten Augenblick an spürten, dass da jemand gekommen war, der sich ständig um sie kümmern und sich mit ihnen beschäftigen würde. Und so wurde Mutter bzw. Grossmutter Gohlke vollwertiges Mitglied der Familie Juchacz- Roehl. Als Marie die während ihrer Abwesenheit liegengebliebene Heimarbeit unter Zuhilfenahme von Nachtstunden aufgearbeitet hatte, stürzte sie sich wieder in die politische Arbeit.- Inzwischen war das heissumstrittene Reichsver einsgesetz vom Reichstag angenommen worden. Med af glue ans -75lige Aktionen der Polizeiorgane zur Folge gehabt hatten, während sich in Hamburg, Sachsen und Württemberg die sozialdemokratischen Frauen der Partei hatten anschliessen können. Wir, Elisabeth und ich, waren nicht nur froh, sondern auch stolz, uns der Sozialdemokratischen Partei anschliessen zu können, der einzigen Partei, die sich seit Jahrzehnten vorbehaltlos für die Rechte der Frauen eingesetzt hatte. Es ist gut, sich dieser Tatsache zu erinnern, gerade heute, wo viele Frauen von ihrem Stimmrecht und von ihrer ( allerdings noch nicht in jeder Beziehung verwirklichten) Gleichberechtigung Gebrauch machen( auch gegen die, die ihnen diese Rechte erkämpften), als ob es sich dabei um die grösste Selbstverständlichkeit handele, Dass die denken den Frauen seit jeher sozialpolitisch am stärksten interessiert waren, ergab sich aus ihrer sozialen Lage einmal als Mutter und Arbeiterin, zum anderen aber auch als Ehefrauen von sozial noch ungeschützten oder mangelhaft gesicherten Männern, und nicht zuletzt als an allen wirtschaftlichen Fragen beteiligte Hausfrauen.- In dieser Zeit stand auch ein sozialpolitischer Gesetzentwurf der Regierung auf der Tagesordnung, der auch die Arbeitszeit für Frauen regeln sollte, aber nicht einmal den Zehnstundentag für alle Fabrikarbeiterinnen vorsah. Das forderte unseren schärfsten Protest heraus. In zahllosen Versammlungen, mit Flugschriften und Merkblättern über Frauen- und Jugendlichen- Schutz, mit der gründlichen Behandlung der Materie in Prauenabenden und Werkstubensitzungen haben wir unsere Pionierarbeit getan. Wenn ich noch erwähne, dass in dieser Zeit auch der internationale Sozialistenkongress und die internationale Frauenkonferenz sich mit diesen Themen beschäftigten, so geschieht das nur, um zu sagen, wie wichtig die Forderungen genommen wurden und wie wir Lernende und Werdende von diesen Strömungen erfasst wurden und uns auch bereitwilligst erfassen liessen. Wir ahnten nicht nur, sondern wussten, dass das Gefüge des Staates und der noch bestehenden" Gesellschaftsdie renden ordnung" sich selbst aushöhlten, weil die Zwangsläufigkeit einer Entwicklung nicht nur nicht erkannten, sondern auch und dies mit den unzulänglichsten Methoden- dagegen angingen." In den Notizen von Marie Juchacz befindet sich die Schilderung eines in diese Zeit fallenden kleinen Erlebnisses, mit dem Vermerk, dass diese Geschichte wegen des doch nebensächlichen Xkxxxkkaxx Themas bei späterer Überarbeitung ausgeklammert werden könnte. Aber gerade diese Erzählung wirft ein bezeichnendes Licht auf die Art, mit der -75" Es hatte Mängel im Koalitionsrecht, enthielt unter anderem böse Bestimmungen gegen fremdsprachige Arbeiter und gegen Jugendliche, aber für uns Frauen waren nun endlich die Schranken gefallen, die bis dahin in Preussen, Bayern, Braunschweig und in einigen anderen Ländern aufgerichtet und deren Nichtbeachtung bisher besonders böswilsich en uns gen ten vor Frauen eingesetzt hatte. Es ist gut, sich dieser Tatsache zu erinnern, gerade heute, wo viele Frauen von ihrem Stimmrecht und von ihrer ( allerdings noch nicht in jeder Beziehung verwirklichten) Gleichberechtigung Gebrauch machen( auch gegen die, die ihnen diese Rechte erkämpften), als ob es sich dabei um die grösste Selbstverständlichkeit handele, Dass die denkenden Frauen seit jeher sozialpolitisch am stärksten interessiert waren, ergab sich aus ihrer sozialen Lage einmal als Mutter und Arbeiterin, zum anderen aber auch als Ehefrauen von sozial noch ungeschützten oder mangelhaft gesicherten Männern, und nicht zuletzt als an allen wirtschaftlichen Fragen beteiligte Hausfrauen.- In dieser Zeit stand auch ein sozialpolitischer Gesetzentwurf der Regierung auf der Tagesordnung, der auch die Arbeitszeit für Frauen regeln sollte, aber nicht einmal den Zehnstundentag für alle Fabrikarbeiterinnen vorsah. Das forderte unseren schärfsten Protest heraus. In zahllosen Versammlungen, mit Flugschriften und Merkblättern über Frauen- und Jugendlichen- Schutz, mit der gründlichen Behandlung der Materie in Prauenabenden und Werkstubensitzungen haben wir unsere Pionierarbeit getan. Wenn ich noch erwähne, dass in dieser Zeit auch der internationale Sozialistenkongress und die internationale Frauenkonferenz sich mit diesen Themen beschäftigten, so geschieht das nur, um zu sagen, wie wichtig die Forderungen genommen wurden und wie wir Lernende und Werdende von diesen Strömungen erfasst wurden und uns auch bereitwilligst erfassen liessen. Wir ahnten nicht nur, sondern wussten, dass das Gefüge des Staates und der noch bestehenden" Gesellschaftsdie Regierenden ordnung" sich selbst aushöhlten, weil die Zwangsläufigkeit einer Entwicklung nicht nur nicht erkannten, sondern auch und dies mit den unzulänglichsten Methoden- dagegen angingen." In den Notizen von Marie Juchacz befindet sich die Schilderung eines in diese Zeit fallenden kleinen Erlebnisses, mit dem Vermerk, dass diese Geschichte wegen des doch nebensächlichen Xkxxxkkaxx Themas bei späterer Überarbeitung ausgeklammert werden könnte. Aber gerade diese Erzählung wirft ein bezeichnendes Licht auf die Art, mit der -676sie versuchte, auch mit" kleinneen" Problemen fertig zu werden. " Die Tätigkeit als Vorsitzende des Frauen- und Mädchen- Bildungsvereins war nicht immer reinste Freude. Die Diskussionen über jeweils zu erfüllende Aufgaben mündeten manchmal in Meinungen, die ich nicht akzeptieren konnte und wollte. Wir berieten zum Beispiel einmal im Vorstand über die Gestaltung des bevorstehenden Stiftungsfestes des Vereins. Das vorgeschlagene Programm schien mir garnicht so übel. Ich begriff, dass man seine Ansprüche nicht überspannen dürfe. Im übrigen war ich ja wirklich im Arrangieren solcher Feste ein blutiger Laie, ohne jede Brfahrung, und das ist auch bis heute so geblieben.- In unserem Falle erschien es mir nur selbstverständlich, dass Kinder an einem Nachtfest mit Tanz, Bier und anderem Alkohol nicht teilnehmen sollten. Irgend eine Bemerkung brachte mich dazu, auszusprechen, was ich als unbestritten voraussetzte. Ich erwartete eigentlich nur die Bestätigung meiner selbstverständlichen Annahme. Aber wie war ich damit ins Fettnäpfchen getreten! Unter uns war eine kleine, lebendige Frau, typische Berlinerin, die ich wegen ihres harten Lebens und ihrer tapferen Halt ung sehr schätzte. Si e bekam nur Zwillinge und Drillinge, manche starben, andere blieben am Leben. Es war ein ganzer Haufe kribbeln der Wesen, die sie mit Hingabe betreute. Diese Frau nun fuhr auf, wie von einer Natter gebissen: " Was? Ohne die Kinder? Wissense was? Jetzt haben Sie's für immer mit mir verdorben, ein für alle Male! Wenn Sie das durchsetzen, haben Sie mich heute hier im Verein zum letzten Mal gesehen. Und zum Fest komme ich schon garnicht!" Ich hatte wirklich keinen Streit beabsichtigt, zum ersten Mal befand ich mich in einer menschlich unangenehmen Situation, mit der ich nicht fertig wurde. Frau Bäumler sah sofort meine Hilflosigkeit und rettete mit ihrer ruhigen Autorität die Situation, indem sie" die junge Genos sin"( das war ich) bat, von ihrem Verlangen Abstand zu nehmen, was ich ohne weiteres tat. Wenn es um dieser Frage willen zu Weiterungen gekommen wäre, wenn die Meinungsverschiedenheit xiakk xxx in die Mitgliedschaft hineingetragen worden wäre, ich glaube, ich wäre auch in späteren' Runden', die bestimmt noch auszutragen waren, alleine geblieben. Eines war mir sofort klar: zu Zänkereien unter uns Frauen durfte es unter keinen Umständen kommen, ohne jede sachliche Prüfung hätte man mit spöttischem Lächeln gesagt:' Nun ja, die Frauen... l'. So zog ich auch aus dieser kleinen Niederlage eine Lehre. Ich habe dann später, in kleineren und grösseren Versammlun 77 gen, diese Frage der Teilnahme von Kindern an Nachtfesten oft angeschnitten und immer nur Zustimmung für meine Ablehnung gefunden. Frau Bäumler hat mir übrigens nach der Sitzung gesagt, dass ich wohl sachlich im Recht gewesen sei, dass es aber nicht klug gewesen wäre, dieses Recht in den fraglichen Augenblick durchzusetzen. Es wären nur es Festes die Eintracht des Vereins und die Befies gefährdet worden. Als es dann so weit war und das Fest ablief, lagen während des Tanzes die vielen Kinder( auch die der energischen Berlinerin) auf und unter den Bänken und Stühlen im staub und schliefen in Bier- und Kaffeedunst, nachdem sie vorher durch ihre Unruhe die Darbietungen für die Erwachsenen nicht genussvoller gemacht hatten. Mit diesem kleinen Beispiel wollte ich nur zeigen, dass auch Schwierigkeiten zu überwinden waren, die aus dem Kleinen und Menschlichen entstanden." Die Frauen- und Mädchen- Bildungsvereine, nicht nur in Berlin, Schöneberg und den anderen Berliner Vororten, sondern im ganzen Reich haben ganz allgemein- wertvolle Pionier- und Kulturarbeit geleistet. Die meisten Veranstaltungen hatten Niveau. Nach Ansicht des Parteitags und auch der Frauenkonferenz waren durch das Koalitionsrecht, das auch den Frauen eingeräumt worden war, diese Vereine, xxax die als getarnte sozialistische Frauenorganisationen operierten, überflüssig geworden. Im Laufe der Zeit lösten sie sich auf, indem sie von anderen nunmehr frei auftretenden Organisation nen aufgefangen wurden. Nur ein Verein in Berlin, der Dank hervorragender Mitarbeiter zu einem beachtlichen Sprachrohr geworden war, blieb noch einige Zeit bestehen. Maries Schwester, Elisabeth hatte sich, seitdem Mutter Gohlke in Ber( Wegendes zu erwartenden Kindes lin wary zwar ausserlich von allen Veranstaltungen distanziert, nahm aber nach wie vor Anteil an allem, was sich ereignete. Wenn Marie spät abends nach Hause kam, musste sie ihrer Schwester xядлx von den Ereignissen des Tages berichten, woran sich dann noch Diskussionen anschlossen. Sie machte das nicht nur gerne, es war ihr trotz ihrer Müdigkeit ein Bedürfnis, die Probleme mit Elisabeth auch noch in späten Abend- und Nachtstunden durchzusprechen. Am nächsten Tag war Marie dann immer körperlich zerschlagen, was sie aber nicht hinderte, in aller Frühe aufzustehen, um sich mit ihrer Heimarbeitsnäherei zu beschäftigen. -98Das war auch am Vormittag des 26. Juni 1908 der Fall. Marie hatte ihr Pensum genäht, zusammengepackt und war in Begriff, aus dem Haus zu gehen und die Arbeit abzuliefern. Siexkxnxn************* Stattdessen musste sie alles stehen und liegen lassen, um die nicht weit entfernt wohnende Hebamme zu holen, die schon unterrichtet war, dass sie demnächst gebraucht würde. Sie kam gerade zur rechten Zeit, um mitzuhelfen, dass Elisabeths Sohn mühelos zur Welt gebracht wurde. Nachdem sich Elisabeth xxxxx erholt hatte, udaeise yes Acarta ergab sich die Notwendigkeit eines Wohnungswechsels. Die Wohnung in der Wartburg strasse 13 war nun doch zu klein geworden. Gemeinsam ging man auf Suche, und wenig später hatte sich auch etwas Brauchbares gefunden, in Neukölln, das zu dieser Zeit noch Rixdorf hiess. " Es war ein Arbeitervorort, mit einer guten Organisation, von starker Vitalität und wirklich erstaunlichem kulturellen Auftrieb. Durch das neue Vereinsgesetz waren der Sozialdemokratie neue Aufgaben erwachsen und neue Möglichkeiten entstanden, un die Bildungsund Werbearbeit für die Frauen auch vom Standpunkt der Partei aus in völlig neue Wege zu leiten. Und das war gut so. uns sieben Wir waren froh, dass wir hier, in Rixdorf, noch unbekannt waren und hofften auf x* x* x ein wenig Besinnungsmöglichkeit. Wir glaubten, dass es uns möglich sein würde, auf den Besuch der Veranstaltungen zu beschränken, ohne ein Amt zu übernehmen. Es hatte sich auf die Dauer doch nicht als einfach erwiesen, neben der Erwerbsarbeit und den Aufgaben für die Familie- wir waren ja inzwischen auf e Köpfe angewachsen auch noch verpflichtende Ämter und die damit verbundene zeitliche, geistige und auch körperliche Anstrengung zu bewältigen. Wer das nicht selbst mitgemacht hat, weiss nicht, welches Mass von Energie und Arbeitskraft dafür aufgebracht werden muss. Wir mussten aber bald erkennen, dass wir uns getäuscht hatten. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass die beiden Genossinnen, die sich da soeben angemeldet hatten, keine absoluten Neulinge waren, und als zu einer internen Frauenversammlung eingeladen wurde, gingen wir hin. Es sollte über die Einordnung der Frauen in die Parteibewegung und Parteiarbeit beraten werden. Der Zweck dieser Versammlung war einfach der, unter den Frauen, die sich bereits zur Sozialdemokratie bekannten, solche herauszufinden, die für die Werbungs- und Schulungs arbeit geeignet erschienen. Der Referent und Leiter der Zusammenkunft war von Ortsvorstand der SPD direkt mit dieser Aufgabe betraut wor - 79 - 180 墈: den, was Elisabeth und ich natürlich nicht wussten. Wir waren hingegangen, um uns einen sicher für uns sehr interessanten Vortrag anzuhören. Alle Bemühungen des Genossen F., die anwesenden Frauen aus der Reserve herauszulocken, waren vergeblich. Wir blieben alle stumm. Genosse F. sah mich besonders dringlich an, als er fragte, ob denn niemand etwas zu seinem Vortrag zu sagen habe. Da fasste ich Mut und meinte, es täte mir leid, keinen Anknüpfungspunkt finden zu können. Er habe in seinem Referat ein viel zu grosses Gebiet in viel zu kurzer Zeit behandelt. Schön, dem einen oder anderen Gedanken, der klar herausgearbeitet worden sei, könne man zustimmen, aber um strittige Gesichtspunkte aus der behandelten Materie herausgreifen zu können, fehle es uns allen sicher an den Vorkenntnissen. Ich würde doch vorschlagen, ein anderes Mal über ein mehr abgegrenztes Thema zu sprechen, das die Möglichkeit biete, sich mit den tatsächlichen Problemen, die uns als Frauen betreffen, zu beschäftigen. Die Fragestellungen dürften nicht verklausuliert xxxxx, sondern müssten einfach und klar sein. Mir hatte bei meinen Ausführungen ein wenig das Herz geklopft, weil mich ich noch völlig fremd in diesem kleinen Kreis- k als Erste zum Wort gemeldet hatte. Die Berechtigung meiner Kritik wurde aber restlos anerkannt, auch von dem Genossen F., woraus sich ergab, dass wir uns bereiterklärten, beim Auf- und Ausbau dieser Abende mitzuhelfen. Wir waren damit in eine erfreuliche Arbeitsgemeinschaft aufgenommen worden. Mir ist heute noch nicht klar, ob es nicht ein Trick des Genossen F. war, diese Zusammenkunft so aufzuziehen, dass ich mich schliesslich doch äusserte. Bis dahin hatte ich munter und ohne Hemmungen Versammlungen geleitet, in Sitzungen die Verhandlungen geführt, mich in Frauenabenden an der Diskussion beteiligt und keine Scheu empfunden, weil sich al les natürlich entwickelte und von selbst ergab. Genau so erging es meiner Schwester: Wir machten das, was wir uns schon immer als den besten Weg vorgestellt hatten, ohne zu wissen, wie dieser Weg nun aussehen würde: wir mohsen hinein." Nimes [ Zum ersten Mal am Reduerpult] Rapitel we're fute Einige Tage nach dieser Zusammenkunft Manie, Elisabeth und Mutter Gohlke sassen über ihrer Näherei brachte die Post einen Brief, der vom Ortsvorstand der SPD kam, die Unterschrift des Genossen F. trug, und in dem es hiess, dass xix sich die Genos sinnen Juchacz und Roehl in dankenswerter Weise zur Mitarbeit bereit erklärt hätten. Nunmehr würden beide Genossinnen gebeten, am sounsovielten im Lakal sowieso 80 160- über das Thema" Religion und Sozialismus" zu sprechen. Das erste, was Marie nach der Lektüre sagte, war: " Heiliger Schreck, was nun?" " Am besten, Du gehst zum Genossen F., und zwar gleich. Er hat ja gesagt, dass er vormittags in der I' Vorwärts'- Filiale arbeitet und dass wir ihn dort jederzeit aufsuchen und sprechen können." Der Vorschlag von Elisabeth war gut. Wenige Minuten später war Marie auf dem Weg zur Xa' Vorwärts'- Filiale, xx wo sie auch den Genossen F. antraf. " Sie wissen selbst ganz genau, dass wir mit unserer Bereitwilligkeit zur Mitarbeit etwas ganz anderes gemeint haben. Ich spreche da auch im Namen meiner Schwester, der Genossin Roehl, die garnicht daran denkt, mit ihren zwanzig Jahren in öffentlichen Versammlungen zu sprechen." " Sie und Ihre Schwester haben aber doch gesagt, dass sie zu jeder Aufbau- und Mitarbeit bereit seien, und dazu gehört auch das Reden in Versammlungen." " Mag sein, dass das nach Ihrer Meinung dazugehört, aber wir müssen dxxxxxf unsere Zusage auf die Ausarbeitung der Programme für Frauenveranstaltungen und auf die Vorschläge für die Ausgestaltung der Abende beschränken, und sind auch bereit, diese Abende zu leiten und die Diskussionen zu führen." " Wenn Sie in der Lage sind, diese Dinge zu machen, brauchen Sie keine Hemmungen zu haben, um in einer öffentlichen Versammlung über ein klar umrissenes Thema zu sprechen. Sie haben sich doch schon damit beschäftigt!?" " Natürlich habe ich das, und ich habe auch eine klare Einstellung dazu. Aber das reicht noch nicht für eine Versammlung, auch nicht bei meiner Schwester." " Wir wollen ja garnicht, dass Sie unvorbereitet an dieses Thema herangehen. Selbstverständlich müssen Sie und Ihre Schwester sich noch einmal damit beschäftigen." " Ja, sollen denn wir beide an einem Abend reden? In einer Versammlung?" Zwen " Warum nicht? so wortgewandte Frauen wie Sie xxx können sich dabet grossartig ergänzen. Irgendwann müssen Sie einmal einen Anfang machen, das wissen Sie selbst." " Mag schon sein, aber nicht so plötzlich. Immerhin übernehmen wir mit der Bereitschaft, jxxxxxkX** X öffentlich auf einer SPD- Versammlung zu reden, ja auch der Partei gegenüber eine grosse Verantwortung, und dazu muss man von sich aus bereit sein, und nicht 1000 81 102nach Aufforderung." " Wir haben sie ja nur aufgefordert, weil wir ganz genau wissen, dass Sie und Ihre Schwester xxxiang bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das habe ich schon bei unserem ersten Zusammentreffen gemerkt, als Sie mein Referat in Grund und Boden verdonnerten." " Und wenn es mir und meinerschwester genau so geht? Wenn wir nach unseren Referaten von der Versammlung in Grund und Boden verdonnert werden?" " Da kann ich Sie jetzt schon beruhigen. Die Männer und Frauen, die in diese Versammlung kommen werden, wollen etwas lernen, wollen wissen, dass Religion und Sozialismus zwei Dinge sind, die sich überhaupt nicht miteinander vertragen, oder sogar sehr gut. Wenn man ihnen das in klarer Sprache und das ist Ihre grosse Stärke, Genossin Juchacz! auseinandersetzt, verstehen die es. Und wenn Sie es nicht verstehen, werden sie nach der Versammlung in der Diskussion danach fragen." " Haben Sie denn irgendwelche Unterlagen, die mir noch zu meiner eigenen Vorstellung Anregungen geben könnten?" " Habe ich bereits zusammengestellt." + -000 " Mit einem Haufen Literatur und guten Ratschlägen kam ich als Gesel schlagene zu Hause an. Wir gingen mutig an die Arbeit, was blieb uns anderes übrig! Wir lasen, diskutierten, jeder machte für sich ein ausführliches Manuskript, das wir überall hin mitnahmen, um es immer zur Hand zu haben und unsere Konzeptionen zu überlesen. Dann machten wir Auszüge, die aber immer noch sehr ausführlich waren. Nun ja, ich glaube, ich habe es mit meinem ersten öffentlichen Vortrag auf dreissig Minuten gebracht, und bei Elisabeth dürfte es genau so lange gedauert haben. Und das Lampenfieber! Aber es wurde, wie Genosse F. richtig vorausgesehen hatte, diskutiert, und das war dann sehr schön und anregend. Meiner schwesterlichen Liebe war es ähnlich ergangen, aber das Eis war gebrochen, bei uns beiden. Wir hatten es von nun ab noch notwendiger das hatten wir gespürt-, an uns zu arbeiten und uns selber kritisch zu beobachten. Noch oft erinnerte sich der gute Genosse F. sehr stolz an seine Tat:" Tja, man muss die jungen Hunde ins Wasser werfen, wenn sie schwi men lernen sollen!"- Ich möchte mich aber auch heute nicht dafür verbürgen, dass diese Methode immer die Richtige ist. Jedenfalls avancierten wir beide, Elisabeth und ich, zur gleichen 82 - te Zeit zu Rednerinnen, zuerstin für die sozialistische Frauenbewegung in kleinen sehr bald auch in grossen Frauen- und allgemeinen Parteiversammlungen. Was mir noch heute stille Bewunderung abnötigt, wat die Selbstverständlichkeit, mit der meine um fast zehn Jahre jüngere Schwester, 20 Jahre alt und mit einem einjährigen Sohn zu Hause, sich auf dem Podium an das" ednerpult stellte und das nicht sehr leichte Thema auch dann konsequent behandelte, wenn sie in der verständlichen Aufregung die Seiten ihres Manuskripts durcheinandergebracht hatte und so lange frei reden musste, bis sie die Blätter wieder geordnet hatte. Ram Meine Hemmungen waren dagegen viel grösser. Das merkte ich gleich in den nächsten kleineren Versammlungen, in denen ich zu sprechen hatte. So lange das Ausmass der Veranstaltungen nicht zu gross war, konnte ich meine erste Scheu immer sehr schnell überwinden. [ Eines Abends" xxx Wellich sehr eilig von meiner Arbeit nach Hause, weil ich noch in einer Versammlung gehen wollte, auf der Louise Zietz zum Thema" Die Frauenarbeit in der heutigenGesellschaft sprechen solite. An der Haltestelle der Strassenbahn stand, als ich hinkam, schon eine Gruppe mir bekannter Frauen, die mich bereits erwarteten: " Louise Zietz ist verhindert, Du musst einspringen!" " Ja, aber das geht doch nicht, so ohne weiteres...!" 5th, es geht, hier ist Dein Manuskript. Elisabeth hat es uns gegeben, und ein Butterbrot dazu. Du komast gleich mit, der Saal ist schon brechend voll." 27 Es war Elisabeths Manuskript, aber ich kannte es. Wir hatten den Stoff in der uns geläufigen Weise verarbeitet: erst jeder für sich, und dann beide zusammen. Zu meinem eigenen Erstaunen brauchte ich garnicht oft in die Notizen hineinsehen. Es rollte alles vor meinem geistigen Auge ab, aber es war nicht etwa auswendig Gelerntes, denn ich entdeckte zum ersten Mal ganz bewusst, dass man beim Sprechen auch gedanklich arbeitet. Wahrscheinlich hatte ich das schon früher getan, aber es bis jetzt noch nicht so deutlich gemerkt. Jetzt war es ein e Offenbarung, die mich glücklich machte. Die Genossinnen drückten mir hinterher begeistert die Hände.- Mein väterlicher Protektor, Genosse F., stand während meiner Rede irgendwo in einer Ecke, dann war er verschwunden. Später fragte ich ihn nache einem Urteil. " Am Inhalt habe ich nichts auszusetzen, Marie, aber Deine Gesten sind zu sparsam. Du wirkst viel zu ruhig, mitunter sogar steif. Du nimmst mir doch nicht übel, wenn ich das sage?" 12 83 104- Ich nahm das nicht übel, im Gegenteil,- aber ich bin trotzdem wohl immer sparsam in meinen Gesten geblieben. Jeder Mensch soll auch bei seiner Eigenart bleiben, nicht nur beim öffentlichen Reden, sondern auch in seiem übrigen Verhatan. Ein anderes Mal fragte mich der Genosse F., ob ich einen guten Rat annehmen wolle. " Aber natürlich! Jeder gute Rat ist wichtig." time www " Dann zione doch, wenn Du in Frauenabende gehst, the Schürze m. Die Frauen gehen bestimmt mehr aus sich heraus, wenn sie Dich auch äusserlich als ihresgleichen empfinden. Sie kommen doch direkt vom Kochherd, von der Haus- oder Heimarbeit in die Versammlungen." " Ja, bin ich denn nicht einfach und schlicht in meiner Kleidung?" O ja, doch, aber Du darfst mich nicht missverstehen... 1" Ich dachte einen Augenblick nach. " Hören Sie, Genosse F., was Sie verlangen, würden die Frauen bei mir als eine Maskerade empfinden, weil es nicht echt ist. Aunserdem- wenn man mich sieht, wie ich aus der Strassenbahn aussteige, mit dem Hut auf dem Kopf, für mein Gefühl fertig angezogen, und wenn ich dann in der Versammlung plötzlich mit der Schürze erscheine, würde man mit Recht sagen, dass das nicht echt ist. Seien Sie mir bitte nicht böse, aber lassen Sie mir meine Art, es wird schon richtig sein, wie ich es mache." Ich habe oft an dieses Gespräch gedacht und mich immer wieder auf richtiges Verhalten in Anzug und Benehmen geprüft. Auch das war mir wichtig." Bald darauf wurden Marie und Elisabeth aus Rednerinnen für SPDversammlungen in Berlin und der Provinz Brandenburg aufgefordert. Es hatte sich sehr schnell herumgesprochen, dass da zwei Frauen waren, die reden konnten. " Kurz vorher hatte man mich in den Vorstand des örtlichen Partei ver eins gewählt. Auch das war mit einer Überraschung für mich und mit einem eranten Entschluss verbunden. Diesmal war es nicht der Genosse F., der das Experiment mit mir machte. Der gerade antierende Vorstand schickte einen jüngeren Genossen, der in Rixdorf in unsere Strasse wohnte, mit der Frage zu mir, ob ich wohl in die Generalversammlung und für den Vorstand kandidieren wolle. Man hätte die Absicht, mich in Vorschlag zu bringen. Wieder antwortete ich sehr zögernd, es sei nicht meine Absicht, mich so bald an verantwortlichen Parteiämtern zu beteiligen, ich sei ja noch viel zu unbekannt. 84 295Im Moment fühle ich auch noch nicht die Berufung dazu, ganz abgesehen davon, dass die Generalversammlung bestimmt nicht eine Unbekannte wählen würde. " Ja, wir kennen Sie aber. Wir wissen, dass Sie in Schöneberg den Frauenverein geleitet haben und glauben auch, dass Sie es hier schaffen werden." Ich hatte wirklich grosse Bedenken. Elisabeth gab mit ihrem Zureden wieder den Ausschlag. Bei der Arbeitsverteilung im neuen Vorstand hiess es, dass uns beiden Frauen die Pflege der Frauenbewegung obläge. Ausser mir war noch ata Gertrud Scholz da, die Frau des Vorsitzenden, eine treue Kameradin, mit der mich im Laufe der Zeit eine gute Freundschaft verband. Der Genosse F. sei uns als Beistand zugeteilt. Mit ihm könnten wir, wenn wir Zweifelhätten, alles besprechen. Der Vorstand würde sich dann nur mit den ausgereiften Sachen beschäftigen und eventuell beschliessen. Wir hätten weitgehend freie Hand, man erwarte von Zeit zu Zeit nur Bericht. Es war ein gutes Arbeiten mit dem Genossen P., er hatte Verständnis für unsere Pläne und stand uns mit Rat und Tat zur Seite. Er hatte auch immer Zeit für uns, mankonnte schnell mal auf den Wege bei ihm in der Vorwärts'- Filiale vorsprechen. Zu den dann regelmässigen Besprechungen in seinem Laden stand uns ein kleiner, ausgesuchter Frauenkreis zur Verfügung. Einmal konnte ich mich mit ihm alleine unterhalten. " Sagen Sie, Genosse F., warum ist man eigentlich seinerzeit zu mir gekommen, um sich in den Vorstand zu wählen?" " Das hatte gute Gründe, Marie." " Kann ich mir nicht denken, Genosse F., denn ich war völlig unbekannt, auch den Männenn. Mitch hat die Wahl deshalb überrascht, weil ich weiss, dass es hier am Ort eine grosse Zahl von gescheiten und befähigten Frauen gibt. Warun also ich?" " Weil Du unbekannt warst, Mariel" " Wieso deshalb?" zu " Tja, wir hatten festgestellt, dass die befähigten Frauen sich alle gut kannten, zu viel voneinander wussten und dieses intime Wissen umeinander noch nicht von der sachlichen Arbeit trennen konnten. Es kam also nur jemand in Frage, der von den Privatangelegenheiten der anderen keine Ahnung hatte, und seine Privatangelegenheiten für sich behalten kann. Dass Du das kannst, Marie( ich müsste ja nun doch eigentlich" Sie" sagen), haben wir sofort fest 85 - 186- gestellt, und deshalb fiel die wahl auf Dich." " Und warum nicht auf Gertrud Scholz?" " Sie ist die Frau des Vorsitzenden. Schon deshalb wäre es nicht gut gewesen, sie mit diesem Amt zu betrauen. Aber nun ist es doch ausgezeichnet gegangen, oder nicht? Du warst nicht nur für uns hier ein unbeschriebenes Blatt, Du hast Dich auch nur auf die sachliche Arbeit konzentriert. Das solltest Du immer tun." Die Antworten zeigten mir, dass ich schon in Schöneberg instinktiv richtig gehandelt hatte." Diese Unterhaltung hat so nachhaltig auf Marie Juchacz gewirkt, dass sie ihr ganzes zukünftiges Verhalten nicht nur beeinflusste, sondern auch in einer Form bestimmte, die wir werden das später noch hören zu der Vorstellung selbst in engsten Freundes- und Bekanntenkreis führte, dass sie sich mitunter zu reserviert verhalte und einen unzu sagen - - durchu 大度 文 版 dringlichen Schleier um sich lege, der jede persönliche- um nicht privat- freundschaftliche Annäherung verhinderte. Dass es ihr selbst schwer fiel, mit vielen Menschen, mit denen sie zusammen arbeiten musste, nur in dieser sachlichen Arbeit verbunden zu sein, steht auf einem anderen Blatt. Dass es ihren erwachsener werdenden Kindern später immmer schwerer fiel, die disziplinierte, korrekte, sachliche, strenge und konsequente Politikerin alleine durch ihr DaSein daran zu erinnern, dass sie auch" Mutter" sei, ist nur den wenigen verständlich geworden, die sich im späten Alter mit Marie Juchacz darüber unterhalten konnten. Die Ursachen diese huggen Entwicklung lagen hier, in Rixdorf. " Es gab hier eine lebendige Frauenbewegung, bevor ich hinkan, aber man hatte sich wegen belangloser Dinge auseinandergeredet. Es war ein Rattenachwanz daraus entstanden. Meine Wahl war das Durchhauen des gordischen Knotens. Die Männer wol ten sich nicht mit dem Aufpuzzeln dieses Knotens befassen. Die Schöneberger Lehre, lieber einmal etwas zurückstecken, anstatt einen Streit heraufzubeschwören, hatte sich auch hier bewährt. Unsere Veranstaltungen blühten. In jedem der 24 Bezirke kam monatlicl einmal ein kleinerer oder auch grösserer Frauenkreis zusammen. Unse: Arbeitskreis legte die Themenfest, wir hatten eine hervorragende Red nerliste, der Genosse F. besorgte uns die Schreibereien einschliesslich Einladungen, und das Austragen besorgten in jedem Bezirk einige Genos sinnen. Ich regte auch an, schüchterne oder zögernde Frauen direkt aus den Wohnungen abzuholen, was sich als gut erwies. In' Vor 86 10- wärts' hatten wir regelmässig eine Veröffentlichung unseres Versammlungskalenders. 0 Wir beiden Schwestern hatten seit Beginn unserer Rednertätigkeit in den Frauen abenden viele Dinge zu überlegen. Uns schwebten die guten Erfahrungen der Arbeitsgemeinschaft in Schöneberg als Beispiel vor. Wir mussten einsehen, dass bei dem Umfang der Veranstaltungen und bei der mangelnden Vorbildung der grössten Zahl der Teilnehmerinnen, sowie bei dem dauernden Wechsel der Redner diese Methode nicht durchgeführt werden konnte. Aber wir sprachen das einmal in unserem Arbeitskreis durch, und in der Folge richteten wir monatlich eine Arbeitsgemeinschaft für fo rtgeschrit ene und besonders interessierte Frauen ein. Wir haben dazu keinen Lehrer angefordert, sondern arbeiteten ganz für uns. Ich weiss noch, dass wir die Bearbeitung des Erfurter Programms von Karl Kautsky, dem anerkannten und besten Interpreten der Schriften von Karl Marx, ganz systematisch durchgenommen haben. Als männlichen Besuch hatten wir nur hin und wieder unseren Genossen F., der still in seiner Ecke sass und dann ebenso still Mitglieder und unbemerkt wieder verschwand. Die übrigen osaen des Vorstands hatten immer ein leises Lächeln für unser Tun, was uns manchmal ärgerte. Ich erinnere mich gerne an andere Kurse, zu denen Lehrer der Parteischule kamen, u.a. Heinzich Schulz, Max Grunwaldonrad Haenisch, Volkswirtschaftler, Juristen und Ärzte sprachen in gut besuchten Versammlungen oft über soziale Probleme. Der Bildungsausschuss gab sich grosse Mühe un erstklassige Konzerte und gutes Theater." . Names Rapitel -87-[ Problemse der Kültür und Kulturwichung] Es erscheint uns heute Lebenden selbstverständlich von Ausnahmen natürlich abgesehen, dass wir uns so gut wie möglich kleiden, dass wir eine möglichst geschmackvoll eingerichtete Wohnung besitzen, was nicht unbedingt mit grossem Geldaufwand verbunden sein muss, denn die Industrie liefert auf allen Gebieten SerienErzeugnisse zu oft erstaunlich niedrigen Preisen, und dass wir uns in jeder Athmosphäre mit mehr oder weniger Anstand und Geschick zu bewegen verstehen. Unsere Schulen und anderen Bildungsstätten haben nicht nur äusserlich, sondern auch vom Lehr- und Erziehungsstoff her ein anderes, modernes, klareres Gesicht erhalten. Der Lebensstandard ist gestiegen, und es ist kein unerfüllbarer, in weiter Ferne liegender Wunsch mehr, ein Radiogerät, einen Plattenspieler, eine Tonbandapparatur oder einen Fernsehapparat xx besitzen zu wollen. Es soll nicht an die leider noch sehr zahlreichen Flüchtlinge, an Vertriebene und unter sehr eingeengten Verhältnissen Lebendenxxxxxxxx gedacht werden, die noch immer abseits vom Wirtschaft segen stehen. Die Menschen sind heute näher zusammengerückt, sie oft nur wissen mehr voneinander, auch wenn sich dieses Wissen auf Ausserlichkeiten beschränkt. Die unermüdliche Publizistik auf allen Gebieten führt uns tagtäglich die neuesten Errungenschaften vor die Augen und Ohren. Wir sind mitunter schon zu stark überfüttert und werden zu oberflächlicher Aufnahme der Dinge verurteilt, weil wir die Fülle des Gebotenen nicht mehr richtig verarbeiten können. Marie hat diesen Wandel unseres Daseins in zweifachen Miterleben beobachten können, als sie nach der saarländischen und französischen Emigrationszeit plötzlich nach Amerika kam, also von heute auf morgen a us der Enge des politischen Flüchtlings in die Weite des amerikanischen Kontinents mit der freiheitlichen Auffassung seiner Staatsbürger und der selbstverständlichen wirtschaftlichen Gesundheit seiner Existenz, und dann als sie 1949 in das ausgebombte Deutschland is zurückkehrte wieder in die Enger des aufgespaltenen lautschland mit seinen vielen Zonen, seinen Bemühungen um wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Gesundung. Als xxx sich Marie nach ihrer Rückkehr aus Amerika vorübergehend auf dem von ihrem Sohn Paul verwalteten Provinzialgut in Weissenthurm bei Neuwied ausruhte, hatte sie Zeit und Rühe, um zum ersten Mal vergleichend die Erlebnisse und Ereignisse von ihrer Kindheit bis zur Gegenwart zu betrachten, ohne damals an eine Niederschrift dieser Überlegungen zu denken. Was hatte sich alles geändert?- Alles war anders, vieles zum Guten, manches zum Schlechten gewandelt. Die Welt war seit Maries 0 O - 88Geburt um 70 Ja hre weitergekommen und älter geworden. War sie auch besser geworden? Darüber wollte und konnte sich Marie kein Urteil erlauben, obwohl sie den ersten Schritt in das weise Alter getan hatte. Aber trotz der schrecklichen Dinge, die sich seit 1914 in fast ununterbrochener Folge ereignet hatten, kam sie zu der Überzeugung, dass es gut und richtig war, dass sie sich schon als Kind für die sozialistische Ideenwelt begeistert und sie zur eigenen geistigen und politischen Weltanschauung gemacht hatte. Sie erkannte und empfand es als Bestätigung ihrer Lebensaufgabe, dass diese Welt ohne das sozialistische Gedankengut in ihrer Gesamtentwicklung niemals so befruchtet worden wäre. Sie brauchte sich nur in die Zeit zurückzuversetzen, in der sie und ihre Schwester Elisabeth zum ersten Mal als Rednerinnen in politischen Versammlungen auftraten, welche Themen sie beide damals behandelten, welchen Kampf sie austrugen: dem Arbeiter, der das Gros der Bevölkerung darstellte, ein menschenwürdiges Dasein zu erobern, kad ihm Freiheiten zu garantieren, ihn an den schönen Dingen dieses Lebens zu beteiligen, xxt ihm für die Zeit seines arbeitsreichen Lebens Sicherheiten zu erkämpfen und ihm und seiner Familie die Sorge der Existenz zu nehmen, wenn sein Lebensabend beginnt. Wer denkt denn heute noch bei allgemeinem, freiem und geheimem Wahlrecht an die Zeit des Dreiklas senwahlrechts, das wie es sein Name besagt die Menschen in Klassen einteilte und damit Menschengruppen in Gegensatz stellte? Kein Wunder, dass sich die grösste Klagse, der Arbeiter, dagegen auflehnte. Rix Marie war schon damals zu der erkenntnis gekommen, dass dem Arbeiter nicht nur politische und bürgerliche Freiheiten zugestanden werden müssen, sie schaltete sich auch überall dort ein, wo es darum ging, Bildungsmöglichkeiten für den Arbeiter zu schaffen. Das Bürgertum hatte alle kulturellen Domänen für sich gepachtet und das Arbeiterproletariat ausgeschlossen. Es wollte Marie nicht einleuchten, dass zum Beispiel im Jahre 1907 von allen Erwerbstätigen 52,5% Arbeiter waren, und davon wieder 33% Frauen, die keine andere Lebensaufgabe haben sollten als die so formulierte es das Bürgertum:" Arbeiten und Kinder bekommen, die wieder Arbeiter werden." So wurde dem Proletariat durch das Bürgertum jeder Anspruch auf Teilnahme am kulturellen Leben versagt. - Es gehörte zum sozialistischen Ideengut und war schon immer einer der wichtigsten Punkte, die marie in Wort und Schrift behandelte, das Proletariat nicht nur über seine soziale Lage aufzuklären, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, sich so zu entwickeln und zu bilden, wie es seiner Veranlagung und seinen Interessen ent - 89- sprach. Aber wie war das zu erreichen? So lange eine Schulreform nicht auch dem Arbeiter diese Möglichkeiten brachte, so lange es keine besonderen Aus- und Fortbildungsschulen gab und solange der Arbeiter vom Hochschulstudium ausgeschlos en war, mussten die sozialistischen" Bildungsgruppen" zur Selbsthilfe greifen. Aus diesen Bemühungen, an denen Ma rie und auch Elisabeth lebhaft beteiligt waren, entstanden später die Volksbibliotheken, Volksbühnen und anderen Einrichtungen. Bevor es aber so weit war, mussten die Bildungsgruppen von sich aus handeln. Es klingt heute vielleicht primitiv, kennzeichnet aber desto deutlicher den Wandel, wenn man hört, was Marie Juchacz an einem Detail- Beispiel erläutert: " Bei allen kulturellen und künstlerischen Veranstaltungen waren auf der Rückseite des Programms die Regeln zu lesen, mit denen der Konzert- oder Theaterbesucher um richtiges Verhalten gebeten wurde und freundliche Anweisungen erhielt. Ich weiss, dass ich einmal bei einem grossen Konzert in einem Saal in der Hasenheide und mit einem der bekanntesten Dirigenten dieser Zeit mit Freunden nicht nur über die künstlerische Qualität des Konzerts, sondern auch über das mustergültige Verhalten des Publikums, das nur aus Arbeitern bestand, sprach, und man merkte mir wohl meine Begeisterung an." 13 Über diese Dinge wurde einmal sehr viel später im Haus von Marie und Elisabeth als die Nationalsozialisten schon mit ihren politischen und geistigen Erziehungsprogrammen auftraten- mit den erwachsen gewordenen Kindern von* kixxhxkk Marie und Elisabeth gesprochen. Marie und Elisabeth waren sich über die Problematik bei der Erziehung von Erwachsenen durchaus klar, aber Marie fand die einleuchtende Erklärung, dass die Aufklärung und Erziehung des Arbeiters in den Anfängen der sozialistischen Bewegung gleichzustellen sei mit der Erziehung und Aufklärung eines Kindes, dem man auch den Umgang mit Messer und Gabel beibringen müsse. Der Arbeiter sei damals sowohl politisch als auch in Bezug auf Bildung und Kultur " im Kindesalter" gewesen und hätte deshalb mit all dem, was politische und geistige Bildung und Kultur als" Werkzeug" bedeuten, erst vertraut gemacht werden müssen. Heute wisse er, wie man damit ungehen müsse, und deshalb käme es nicht mehr auf das" Wie" an, sondern darauf, aus der Fülle des Gebotenen das herauszufinden, was gut *** sei und den menschen ganz allgemein weiterbringe und dabei auch erfreue. 90 Dass sich Marie und Elisabeth in diesen Jahren mit noch grösserer Intensität ihren selbstgewählten politischen und sozialen Aufgaben widmen konnten, war im wesentlichen darauf zurückzuführen, dass Mutter Gohlke den Haushalt in Rixdorf besorgte und sich um die drei Kinder kümmerte. Da Lotte und Paul schon" da" waren, als Lisbeths Sohn Fritz geboren wurde, ergab es sich, dass er- wie seine vermeintlichen Geschwister Lotte und Paul- zu Marie" Mutti" und zu Obwohl seiner Mutter" Tante Lisbeth" sagte. Grossmutter Henriette xxx sich ab xxxx die grösste Muhe, dem Jungen beizubringen, dass das falsch und dass" Onkel Gustav" sein Vater sei, liess er sich davon nicht abbringen. Erst mit fünf Jahren, als Elisabeth ihren Sohn xxkax zu verschiedenen Gelegenheiten mitnahm und es ihr selbst komisch vorkam, wenn er sie in Gegenwart anderer mit" Tante Lisbeth" ans prach, erklärte sich der Junge zu einem Kompromiss bereit. Marie und Elisabeth waren ab nun" die grosse und die kleine Mutti". Daran hat dann auch später sich nichts geändert. Rixdorf, das mit" Dorf" nichts mehr gemein hatte, sondern im Gegenteil zu einem großstädtischen Vorort Berlins emporgewachsen war, erhielt in dieser Zeit den Namen" Neukölln". Die beiden Schwestern fühlten sich in dieser Gegend" Zu Hause", auch mutter Gohlke hatte sich sehr schnell akklimatisiert, und so entstand zwischen den drei Frauen ein sehr schönes Verhältnis. " Es waren unserer Mutter beste, knapp zugemessene Stunden, wenn sie mit einer von uns, oder mit uns beiden, über die Vergangenheit plaudern konnte. Wie gross der Vater dock in aller persönlichen und wirtschaftlichen Not gewesen sei, wie er über den Dingen gestanden habe, wie stark aber auch sein veratwortungsgefühl kkxx für sie und uns Kinder gewesen sei. Sie ser sich bewusst, dass sie ihm in seinem Geistesflug niemals habe folgen können. Nachträglich sei sie aber besonders froh darüber, dass er sie in seiner ihm eigenen Art über das Kleinstatleben hinweggehoben habe. " Das war nur deshalb möglich, Marie, weil Vater mir und Buch den ganzen privaten Kram und Klatsch der Nachbarn und der anderen von Halse hielt, und niemandem***** unsere eigenen privaten Verhältnisse erzählte. Ihr Kinder habt das schon sehr früh begriffen und bis jetzt danach gelebt. Macht das auch weiter so." So wurde es mir nachtraglich noch bewusst, dass eins der besten Dinge, die mir vererbt und anerzogen wurden, die Diskretion gegenüber dem persönlichsten Leben anderer war. Es sind in meinem langen Leben viele Menschen mit ihrer Not zu mir - 91- gekommen, Männer und Frauen. Es lag vielleicht in meiner Arbeit, vielleicht auch an meiner Art, dass ich in so viel menschlich- seelisches Leid hineinschauen musste. Wenn der sinzelne mit seiner Verzweiflung, seinen Konflikten und Problemen zu einem von uns kommt, weil er sich nicht ohne menschlichen Beistand zu helfen weiss, haben wir un zuerst die Frage nach dem Warum?' vorzulegen. Nicht das ' Moralisieren' ist dann unsere Aufgabe, und auch nicht das' Beurtei len müssen', oder gar das Verurteilen. Wir haben nur Rat zu geben und Hilfe- wenn wir das können( es ist leider nicht immer möglich). Das Selbstverständlichste aber ist die Pflicht des Schweigens, da, x wo es notwendig ist, und erst recht dort, wo indiskretes Sprechen dem anderen schaden kann. Ich würde mich mit dieser" rfahrung nicht so lange aufhalten, wenn ich sie nicht bis in die jüngste Zeit hinein- immer wieder bestätigt gefunden hätte." - Gedanken Marie hat sich vielleicht deshalb ausführlicher mit diesen karkas XXXX** beschäftigt, weil sie sich bei ihren Aufzeichnungen immer wieder überlegte, inwieweit die Diskretion gegenüber ihrem eigenen Leben gewahrt werden könne, ohne die Darstellung ihres Lebens und ihrer Arbeit zu verfälschen oder durch Unvollständigkeiten zu verwässern. Der Biograph, der gerade dem Menschlichen dieser Frau gerecht werden will, steht schon deshalb vor keiner leichten Aufgabe, weil gerade" das Private", Maries persönlichste Situation, ihr eigenes Erleben und manches Erlebnis ausserhalb jeder Politik oft der stärkste Motor war, der sie auch wenn es ihr selbst nicht klar war oder sogar bewusst nicht klar sein wolltet- auf den Veg führte, den sie konsequent und in jeder Situation gegangen ist, auch in der Emigration, in der sie nicht in der Form Anteil am eostalen und politischen Leben nehmen konnte, wie es ihrem Temperament und Bedürfnis entenen. Als sich der Biograph ein halbes Jahr vor Maries Tod in München mit ihr über diese Dinge unterhielt und den Vorschlag machte, ein Tonbandgerät zu Hilfe zu nehmen, um die vielen Age, die mehr oder weniger ausführlich auch aus der privaten Sphäre zur Sprache gekommen waren, festzuhalten, meinte Marie, dass es darauf nicht ankomme, denn es sei sowieso zu bezweifeln, dass sich ein Mensch, der über sich selbst etwas sagt oder schreibt, sich wirklich so sähe, wie er ist. Sie denke dabei an das Beispiel mit dem Spiegel, der lange Zeit das einzige Mittel für den Menschen gewesen sei, um sich selbst zu sehen. Als Fotografie und Ginzelheiten. - 92- Film erfunden wurden, habe sich der Mensch erschreckt, sich nicht wiedererkannt und die Fotografie als' nicht echt empfunden. Fotografie und Film gäben aber nach ihrer Meinung mehr' Echtheit' wieder cwirkliche als das Spiegelbild, und deshalb ergäbe sich das Bild eines Menscher erst dann, wenn die Vorstellungen, die man von sich selbst hat, mit den Vorstellungen der Umwelt zusammenfinden. In Bezug auf ihr eigenes Leben sei es für den Aussenstehenden nicht leicht, zu einer objektiven Betrachtung zu kommen, denn ihre Umwelt habe ja ständig gewechselt, und der Eindruck, den sie auf viele Menschen gemacht habe sei auch nur vorübergehend gültig gewesen, denn sie habe sich bluse immer ja ständig weiterentwickelt und auch noch in hohen Alter an sich gearbeitet. Es lag deshalb durchaus im Sinn von Marie, wenn sich der Biograph bemühte, Menschen zu finden, die sich von Marie und den verschiedensten Abschnitten ihres Lebens ein Bild gemacht hatten, um deren Eindrücke und Vorstellungen mit dem, was Marie von sich selbst sagte oder schrieb, zu dem vorliegenden Lebens- und Arbeitsbild zuXXXX******** sammenzufügen. Das war besonders schwierig für die frühe Zeit, aus der fast alle Unterlagen den Stürmen der Zeit zum Opfer fielen. Aber diese frühe Zeit war für Marie- es war die Pionierzeit der sozialistischen Bewegung- Rentscheidender und wichtiger als vieles, was sich spater ereignete und einen reifen Menschen traf, der alles, was ihm begegnete, zielbewusst und klar verarbeitete. Damals, in der Pionierzeit, griff Marie alles auf, auch das Falsche, und machte manchen kleinen Schritt in falsche Richtungen, besass aber die Klugheit und vor allem die Energie, den kurzen und falschen Weg zurückzugehen und eine neue Richtung einzuschlagen. Und das alles aus freiwilligem Antrieb, in kostbaren freien Stunden, die zu Lasten der Arbeit gingen, mit der Marie ihre Familie erhalten musste. Es gehörte sehr viel Idealismus dazu und Marie und Elisabeth besassen ihn-, um sich neben der Arbeit für den Lebensunterhalt noch mit politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kommunalen Zeitproblemen zu beschäftigen. Das geschah ausserdem" auf eigene -93Gefahr" in weitesten Sinne des Wortes. Abgesehen davon, dass es lange Zeit nicht ungefährlich war, als Sozialist an exponierter Stelle zu stehen, hatten die" Pioniere" von ihrer Tätigkeit nicht die geringsten materiellen oder finanziellen Vorteile. Im Gegenteil: wer sozialistisch verdächtig war, verlor seinen Arbeitsplatz. Wer keinen Arbeitsplatz hatte, wie vor allem viele Frauen, beschäftigte sich mit Heimarbeit. Wer sich und seine Familie- wie Marie Juchacz und Elisabeth Roehl mit Heimarbeit über Wasser hielt, hatte vollauf zu tun, um das Notwendigste heranzuschaffen. Wer sich schliesslich wie Marie und ihre Schwester dann noch derartig intensiv um das Schicksal der Arbeiterschaft und notleidender Menschen kümmerte, kostbare, der Heimarbeit entzogene Zeit opferte,- vom knappen Xaix Arbeitslohn Geld abzweigte, un es zur Weiterbildung zu verwenden, und sich in den Dienst der grossen Sache stellte, ohne einen Pfennig dafür zu erhalten, muss schon ein grosser Idealist gewesen sein. Es war ja nicht so, dass der Auftraggeber den heimarbeitenden Näherinnen die Arbeit ins Haus schickte und sie nach einigen Tagen wieder abholen liess, und dass das ständig so weiterging. [ EE eigenen " Mit schlecht bezahlter, eintöniger Heimarbeit hatten wir begonnen: BakixfaxxxXXXXXXXXXXX* aras mit dem Nähen von Schweissblättern. Bald fanden wir Näharbeit, die anders, interessanter und auch etwas besser bezahlt war. Nach pressierter Näherei( es war Saisonarbeit!) gab es eine Flaute, und dann wurde oft ganz ausgesetzt. Wer Heimarbeit als Neben arbeit machen konnte, wenn zum Beispiel die Männer regelmässig verdienten, wenn auch nicht genug, um die Familie ganz davon zu erhalten, konnte jahrelang für irgend einen Arbeitgeber tätig sein. Wir konnten das nicht, weil wir ja immer arbeiten mussten! So gingen wir viele Sparten der Heimarbeit durch. Wenn die eine Saison zu Ende ging man wusste das ja-, suchten wir uns schon etwas anderes. So nähten wir einmal ganz leichte Kleider, ein anderes Mal leichte Kostüme und Mäntel, bald schwerere wollene Sachen, manchmal Kleider, manchmal Mäntel. Bis wir es für zweckmässig hielten, auch zur Arbeit aus dem Hause zu gehen. Wir haben in der e 94 - Maßarbeit und auch in der" besseren" Konfektion gearbeitet, Elisabeth eine Zeitlang in der ganz feinen Wäscheanfertigung in einem guten Spezialgeschäft, und in der Änderungsabteilung in einem guten Konfektionshaus. Alle diese wechselnder Arbeiten waren aber ebenfalls saisonbedingt, und das Aussetzen konnten wir uns nicht erlauben. Wir waren froh, als anlässlich einer Lohnbewegung des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen"( wir waren daran nicht ganz unschuldig, und war es war nicht leicht, aus Gründen des Selbsterhaltungstriebs in Hintergrund zu bleiben) ein Lohntarif für Konfektion und Maßschneiderei eingeführt wurde, der die Arbeiter und arbeiterinnen vor der gsten Ausbeutung schützte. Ich arbeitete damals gerade bei einer Firma, die in der anständigsten Form die Bedingungen des bohntarifs erfüllte, ohne sich dabei auf Winkelzüge( die vielfach verseh sucht und auch durchgeführt wurden) einzulassen. Als der Tag kam, von dem an wir den freien Samstag Nachmittag zu verlangen hatten, bedurfte es nur einer kleinen Erinnerung, um uns sofort freizugeben, während andere Arbeitgeber sich zuerst darum herundrückten." Marie und Elisabeth benutzten jede Gelegenheit, um die Organisationen der Arbeiter und Angestellten zu stärken und durch die Gewinnung neuer Mitglieder auch die finanzielle Grundlage dieser Organisationen xxxxkärkяxx zu verbedsern. Die Beiträge dafür waren sehr niedrig. Trotzdem hatten sie nicht immer Erfolg damit. " Schlian war es mit manchen Kolleginnen, die die Nasen rümpften, garnicht daran dachten, sich in den Verband aufnehmen zu lassen und sich den organisierten Kolleginnen gegenüber auf einen ganz hohen Turm stellten, von dem sie verächtlich auf uns gewöhnliches Volk herabsahen. Wir waren die Noten'. Aber sie freuten sich wie die Schneekönige über ihren höheren Wochenlohn, über die kürzere arbeitszeit und den freien Samstag Nachmittag. Sie gaben sich nicht die geringste Rechenschaft darüber ab, dass die anderen es waren (' das gewöhnliche Volk'), die sich dafür stark gemacht und manches riskiert hatten. So viel günstiger und angenehmer die Arbeit in der Werkstatt und die geregelte Arbeitszeit war, wir mussten dann doch wieder mit Heimarbeit anfangen, wollten wir nicht die sich ständig erweiternde Arbeit für die Partei vernachlässigen." Zu dieser sich ständig vergrössernden politischen Tätigkeit führten in dieser Zeit die mehr und mehr in den vordergrund tretenden Diskussionen über das Dreiklassenwahlrecht für die preussischen Gemeinden. 95 1068 " Das Gesetz verlangte, dass ein Teil der Stadtverordneten Hausbesitzer zu sein hätten. Das war eine der besonderen Tücken der Gemeindeordnung. Die dritte Klasse, das heisst ein rittel des Gemeindeparlaments, war in dem Industrieort Rixdorf- Neukölln spielend zu besetzen. Das zweite Drittel konnte mit Anstrengung erobert werden, die Steuerzahler sozialdemokratischer Gesinnung waren vorhanden. Wo aber sollten wir die Hausbesitzer- Kandidaten hernehmen? Wir haben es geschafft, eines schönen Tages hatten wir die Mehrheit. Hugo Heymann in Berlin, ein vermögender Mann, muss in diesem Zusammen hang erwähnt werden, auch wenn" wir Neuköllner" an der grosszügigen Hilfe, die er der sozialdemokratischen Partei gab, nicht Feilnahmen. so glaube ich wenigstens- batarters xxxxx Heymann kaufte Grundstücke und baute Häuser, die den Kandidaten der Partei" übereignet" wurden. ( Er war der Besitzer des Gutenberg- Verlages, Stifter einer grossen öffentlichen Volksbibliothek, die er auch unterhielt, bis er sie später der Stadt Berlin, deren Ehrenbürger er war, übereignete. Als ' Marxist und Jude' von den Nazis verfolgt, gelang es ihm, nach 1933 in die Vereinigten Staaten zu gehen. Die von den Nazis aberkannte Berliner Ehrenbürgerschaft wurde ihm von heutigen West- Berlin wieder zurückgegeben). Das Dreiklassenwahlrecht enthielt noch andere Bestimoungen: die gewählten Bürgermeister mussten damals von der königlich- preussischen Regierung bestätigt werden, was aber wenn es sich um einen Sozialdemokraten handelte- mit Schwierigkeiten verbunden war. Ein' Kuriosun' gab es zum Beispiel in der Provinz Brandenburg in einem' roten" Ort. Dort war die Hausbesitzerfrage von selbst gelöst, weil fast alle Bewohner ein eigenes Grundstück, mit einem bescheidenen Häuschen darauf, und einige Morgen Land hatten. Die Männer waren Bauarbeiter, die nach Frankfurt a.d.Oder oder nach Berlin zur Arbeit gingen und nur einmal wöchentlich nach Hause kamen. Deshalb fanden die Gemeindesitzungen dort auch immer sonntags statt. Diese überwiegend sozialdemokratische Mehrheit präsentierte drei Mal ihren Bürgermeister, n und er wurde ihnen jedesmal abgelehnt. Ich habe mehrfach dort gesprochen und wollte auch die Frauen der Männer dazu bringen, ebenfalls die Versammlungen zu besuchen. Sie taten es nicht, und die aufgeklärten Ehemänner fanden das durchaus in Ordnung. Viellei cht deshalb, weil die Frauen in Haus sehr viel zu sagen' hatten. Sie bestellten ihre Acker mit dem Hundegespann, brachten Eier und Butter per Rad zum Markt, und kauften für das Butter- Geld- Margarine ein, von der sie den Männern auch den Wochenvorrat zum Mitnehmen einpackten." * . 96 - MMGAls Marie Juchacz im Begriff war, gemeinsam mit ihrer Schwester einen Plan auszuarbeiten, um die Schulungs- und Aufklärungsarbeit im Neuköllner Bezirk noch zu intensivieren, erhielt sie die Mitteilung, dass eie in den Vorstand der Parteiorganisation für den Wahlkreis Teltow- Beeskow- Storkow- Charlottenburg' gewählt worden sei. Das bedeutete ihr Ausscheiden aus dem Höuköllner Vorstand, nicht aber aus der ihr zur Hauptaufgabe gewordenen Frauenarbeit. Jede örtliche Verlagerung der Tätigkeit brachte in dieser Zeit eine grundsätzliche Umstellung mit sich, denn die nicht nur sozialen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen, sondern auch politischen Verhältnisse waren überall anders. So musste sie feststellen, dass dieser Wahlkreis an Seelen- und Wählerzahl der grösste im ganzen Reich war. Unter Berücksichtigung der' Ein- Mann- Wahlkreise", die damals in ihrer unterschiedlichen Grössen- Struktur gültig waren, ergab das in der Praxis, dass sehr viele Wähler doch nur einen Mann wählen konnten, dass also die Grösse des Wahlkreises ohne jede Bedeutung für die Zusammensetzung des Reichstags war. Sehr viel kleinere Wahlkreise, vor allem in Ostpreussen und Pommern, wählten" ihren Mann", sodass sich die groteske Situation ergab, dass* X* XX** X************** XXXXXXXXXXXXXXXXX XXXXXXXXXX* izanxkandidatenxdakagi* x* x* x* XXXXXXXX die Zahl der Wähler ohne jede Bedeutung war für die Zahl der Abgeordneten. in In dieser Zeit( von 1909 bis 1913) sprachen Marie und Elisabeth vielen Versammlungen. " Fast jeden Samstag und Sonntag waren wir draussen, und Gegner gab es auch. Sie waren aber meist aus den eigenen Reihen, und hatten nur eine andere Vorstellung von manchen Dingen. Das war gut. Als ich einmal nach einem Vortrag mit einigen Versammlungs besuchern noch ins Gespräch kam, meinte einer:' Ihre Kede, Genos sin Juchacz, alle Achtung,- für eine Frau! Aber, wissen Sie, so wie der Genosse 2. können Sie's doch ядяXяk noch nicht.' ' Wieso? Habe ich zum Thema nicht alles gesagt?' Das schon, aber - es war viel zu kurz. Da müssen Sie mal den Z. hören, der spricht drei Stunden, und ohne Blatt, das ist was!' So, da hatte ich's.- Aber ich habe selten länger als eine bis fünfvdertel Stunden gesprochen und fühlte mich jedesmal hinterher zwiefach erschöpft und ausgegeben." -97Da Marie Juchacz schon während ihrer Neuköllner Arbeit an allen Grossberliner Vorstandssitzungen teilgenommen hatte, war sie xxxkx mit den Grossberliner Partei- und kommunalen Problemen schon vertraut.- In seiner organisatorischen Form hatte" Gross- Berlin" schon xakxxxiak Ähnlichkeit mit dem sehr viel späteren" Gesetz Gross Berlin". " Man nannte dieses Gross- Berlin spöttisch' Wasserkopf', aber es war notwendig, dass es sich so entwickelte. Was in diesen Jahren die tapferen Berliner in ihrer politischen Agitation geleistet haben, kann man sich heute kaum vorstellen. Oder doch? Wenn man die politische Willensleistung der heutigen Berliner sieht, sagt man sich wohl, dass sich da dieselbe grosse und zähe Tapferkeit in einer ganz anderen Situation abzeichnet." Neñes [ Auf versammlinghair im Reich Kapital Lebenfalls Elisabeth hatte inzwischen in Neukölln Veinen fest umrissenen Aufgabenkreis erhalten, sodass beide Frauen an der örtlichen Aufbauarbeit genug zu tun hatten. War es genug? Louise Zietz, zu dieser Zeit Mitglied des Vorstandes der Sozialdemokratie Deutschlands, war schon seit längerer Zeit auf die beiden Schwestern aufmerksam geworden. Eine kurze Unterhaltung genügte. Dann disponierte sie, und Marie und Elisabeth lernten nicht nur Deutschland, sondern auch die Prolene eines ganzen Landes kennen. " Sie schickte uns abwechsehd auf Versammlungsreisen ins Reich, sodass je eine von uns sehr oft vierzehn Tage bis drei Wochen unterwegs war." Marie und Elisabeth kannten Landsberg an der Warthe, Berlin, ihre - 98 -- politische Aufgabe und sonst nichts auf der Welt. Jetzt lernten sie Deutschland kennen. Es war eine völlig neue Welt, die sich da auftat. Es gab Städte, die einen mittelalterlichen Schlaf scheinbar noch nicht überwunden hatten, und in denen uie Probleme genau so unter den Nägeln dxxxxxxxkkxx brannten wie in den Großstädten, es gab Täler, Berge, Seen, und es gab das Meer. Da waren Städte, die nur aus Fabriken zu bestanden, und Fabriken, die zu Städten heranxx Schönsten wuchsen. Da waren Menschen, die in den hestextes Volkstrachten einhergingen und Mitglieder irgend einer Gewerkschaft waren, und geräusch wollen andere, die in attenden Automobilen vorfuhren und sich wunderten, dass es soziale Probleme gab, von denen sie noch nie etwas gehört hatten. Die Überschneidungen der Verhältnisse und Situationen waren oft so grotesk, dass es beiden Frauen hire teten benchundu kaum möglich war, alle Eindrücke zu verarbeiten. Vor Erschöpfung fielen sie in irgend ein Bett, dass eine örtliche Organisation für sie vorbereitet hatte, und waren so übermüdet, dass sie nicht schlafen konnten die Nacht zum Tage machten um ihre Eindrücke zu kurzen Berichten schriftlich zusammenfassten. " Wir lernten Sachsen, Thüringen, das Gebiet um Frankfurt am Main, Teile von Bayern, кxdxdxxxxxxxkxxx Han burg und das Rheinland kennen, diesen grossen Bezirk' Obere Rheinprovinz', der von Köln bis Saarbrücken reichte. Daneben mussten wir in unserer Berufsarbeit sehr beweglich sein, mehr, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Wir fanden auch eine Firma, für die wir musterten, selber die Kleider zuschnitten und fertignkähten. Da konnte dann eine von uns beiden ruhig einmal Tage oder drei Wochen fortfahren." Parter ( vierzehn 34 Daneben lief die Frauenarbeit in den Kreisen Neukölln und TeltowCharlottenburg weiter, in einer Zeit, in der es kaum einen Tag ohne Strassendemonstrationen gab. " Wir demonstrierten gegen die ungerechte Gemeindeordnung, gegen das äusserst reaktionäre Verhalten des Be liner Polizeigewältigen von Jagow, gegen Zolltarif und Teuerung." diesen 3n Am 27. November 1911 n turbulenten Tagen- Elisabeth gerade von einer Reise zurückgekommen und Ma rie im Begriff, los zufahren, starb. Mutter Henriette Gohlke Mit ihren 65 Jahren hatte sie bis zum letzten Augenblick den Haushalt in Neukölln besorgt. Jetzt übernahm Maries Tochter Charlotte, in dritten Berliner Schuljahr, die Verantwortung für den Haushalt, den Bruder Paul und den Cousin Fritz. Die Achtjährige disponierte mit einer Witcher 99 -942Selbstverständlichkeit, die nicht nur mütterliches Erbteil,* x* sondern in der Not der Zeit und der ganzen familiären und politischen Situation begründet war. Die Familie des Bruders Otto half mit, so gut es ging. Das Weihnachtsfest 1911 wurde ohne Grossmutter Gohlke gefeiert. Marie und Elisabeth standen noch unter dem Eindruck des Verlusts, aber Lotte hatte endlich ihre" Badewanne, in die die Puhpe reinpatzte", Paul war mit seinem Laubsägekasten beschäftigt, und Fritz verdarb sich den Ma gen an den" Salz- Zungen" aus Schokolade, die er sich von seiner Mutter die kurz zuvor in Salzungen war gewünscht hatte. So war das Jahr 1912 gekommen, das bedeutungsvolle Jahr der Reichstagswahl, das mit Demonstrationen eingeleitet wurde. " In Neukölln mussten wir mehrfach vor der gegen uns aufgebotenen und wirklich nicht zart vorgehenden Polizei des Herrn von Jagow fliegen." In" Vorwärts" erschien dann eine Notiz, die verschlüsselt war und den eingeweihten Sozialdemokraten verriet, dass eine grosse Gegendemonstration stattfinden würde,-" am nächsten Sonntag in Treptower Park". " Unsere Absichten bei diesen Demonstrationen varen absolut friedlich, sie sollten nur ein sichtbarer Willensausdruck sein, und es bestand kein Grund, sie zu verbieten. Aber es geschah trotzdem. Am Sonntag fanden wir uns alle an unseren Treffpunkten ein, und zu meiner Freude erhielt ich den Auftrag, einen Trupp zum Demonstrations ziel zu führen." Den Demonstranten war nicht ganz wohl, als sich die verschiedenen Trupps in Bewegung setzten. Herr von Jagow hatte unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass" die Strasse dem Verkehr" gehört und dass er die verhassten Sozialdemokraten- wenn sie eine Demonstration wagen sollten- zu Paaren treiben würde. Die Vorbereitungen dazu waren getroffen: alle in Berlin verfügbaren Polizeitruppen beritten und zu Fuß- wurden zum Treptower Park in Marsch gesetzt, das Gelände in weitem Umkreis umstellt, mit offenen Einmarschlücken für die Demonstranten, um sie in die Falle gehen zu lassen. " Bald merkten aber unsere demonstrierenden Genossen, dass wir sie nicht zum Treptower Park, sondern in entgegengesetzter Richtung, zum grossen Stern im Tiergarten führten, wo die Redner der Parteileitung schon bereitstanden." Viele Stunden später musste Herr von Jagow im Polizeipräsidium feststellen, dass man ihn und seine Polizei an der Nase geführt hatte, 100 -19dass die Demonstration im Tiergarten ohne Polizei und ohne jeden Zwischen fall verlaufen war und dass daran nicht nur Sozialdemokraten, sondern Tausende von verbitterten Berlinern teilgenommen hatten. Da in diesem Wahlkampfjahr Frauen als Rednerinnen sehr begehrt waren, ergab es sich von selbst, dass Marie Juchacz und Elisabeth Roehl sehr viel unterwegs waren. " Nach der Auszählung des ersten Wahlgangs waren viele Stichwahlen notwendig. Die Sozialdemokratie hatte mit der Fortschrittlichen Volkspartei ein Abkommen getroffen, den Wahlkampf gegeneinander gedämpft zu führen, bei den Stichwahlen sich gegenseitig je nach den Aussicaten zu unterstützen, um den Konservativen und den Nationalliberalen so viel Sitze wie nur möglich abzugewinnen. Der Erfolg war, dass die Sozialdemokraten mit 110 Mandaten in den neuen Reichstag einzogen. Es gab damals Auseinandersetzungen innerhalb der Partei über ' den gedämpften Trommelschlag'. Aber niemand hätte sich damals vorstellen können, dass die SPD- Fraktion dieses Reichstags vor die grosse Verantwortung der Bewilligung der Kriegskredite gestellt werden würde und dass dåser Reichstag von 1912 den ganzen Krieg 1914-18 hindurch, ganz gegen die Bestimmungen, eine Lebensdauer bis zum November 1918 haben würde. Hier möchte ich eine kleine Episode am Rande erwähnen: durch das Abkommen mit der Freisinnigen Volkspartei ermutigt, hatten wir in der Provinz Brandenburg mit Männern dieser Partei vereinbart, uns Gelegenheit zu geben, auf dem Lande zu den Bauern sprechen zu können. Es war unmöglich, für sozialdemokratische Versammlungen Lokale zu bekommen, während man alle Säle der Freisinnigen Volkspartei überliess. Wir zogen ihnen nach und baten überall ums Wort, und erhielten es auch. Aber wir spürten deutlich die vollkommene Ablehnung der ländlichen Bevölkerung. Die Folge unseres gemeinsamen Vorgehens war, dass die Konservativen einen grossen Stimmenzuwachs in der Provinz Brandenburg erhielten. Die Bauern, durch unser gemeinsames Vorgehen politisch mobilisiert, fanden es richtig, wählen zu gehen, natürlich gegen uns und die Preisinnige Volkspartei. Aber trotzdem war damit eine erste Bresche geschlagen und die Arbeiterschaft auf dem Lande durch diese Gelegenheit endlich einmal angesprochen worden." hatten Exa* x* x* x* x* x Bei dieser Reichstagswahl 4,5 Millionen Menschen ihre Stimme für die Sozialdemokraten abgegeben. In gleichen Wahljahr 1912, am 10. April, lief das grösste Schiff der Welt, der 46 000 Tonnen grosse Luxusdampfer" Titanic" zu seiner ersten Fahrt von Southamp ton in Richtung New York aus, stiess mit einem treibenden Eisberg zusammen und versank. 404 Weder Ma rie noch Elisabeth hatten jemals daran gedacht, ihre Arbeit für die Sozialdemokratische Partei und für die Frauen als Beruf auszuüben. Wohl als" Berufung" für die Freizeit, aber doch so, dass die Sorge für den Lebensunterhalt und für die Kinder das Wichtigste blieb, so weit sich eine politische N ebenarbeit eben verantworten liess. Eines Tages bekam Marie Juchacz von den Vorstandsmitglied der Partei Louise Zietz eine Einladung, die in knapper Form aufforderte, in Bezirk Obere Rheinprovinz in einer Reihe von Versammlungen zu spreehen. Widerspruch wäre zwecklos geweren, denn Tag der Abreise und Treffpunkt- Termine waren bereits festgelegt. Nach kurzer Beratung mit ihrer Schwester fuhr Marie ab. sider " In Köln angekommen, erhielt ich einen sauber ausgeführten Plan für die nächsten Wochen. Ich wusste, wo ich an einen tiek Tag zu sprechen hatte, erfuhr das Versammlungslokal, den Namen und die genaue Adresse des Vorsitzenden oder Vertrauensmannes der Partei am Ort, das Hotel, in dem ich absteigen kanske und sogar das Lokal, in dem ich gut und preiswert zu Mittag essen konnte. So fürsorglich war man eigentlich noch niemals und nirgends mit mir ungegangen. Es gab noch mün dliche Auskünfte über landschaftliche Schönheiten, kulturelle Eigenarten, Sehenswürdigkeiten, und spezielle Informationen über die Verschiedenheiten der Bewegung je nach wirtschaftlicher und sozialer Struktur der Orte, in die ich gehen würde." xx Der Sekretär der Partei in Köln brachte Marie noch zur Redaktion der Sozialdemokratischen Zeitung, wo sie den Chefredakteur Jean Meerfeld kennenlernte. " Damals sah ich ihn zum ersten Mal. Später hat uns Schwestern eine wertvolle Freundschaft mit ihm und seiner Frau Else verbunden, die kx trotz späterer räumlicher Trennung niemals aufgehört hat." Auf der" Rheinischen Zeitung" lernte Marie auch noch die Redakteure Dr.Wilhelm Sollmann und Georg Beier kennen. Sollmann sollte dreissig Jahre später in der nordamerikanischen Emigration zu denen gehören, die Marie Juchacz dieyWege in den USA ebneten. ersten Die Wochen im Rheinland, so anstrengend sie auch waren, vergingen schneller, als es Marie lieb war. Tagsüber sah sie sich die Gegend an, in der sie sich aufhielt, besuchte Sehenswürdigkeiten, kam mit der Bevölkerung ins Gespräch, unterhielt sich mit den Vertrauensleuten der Partei über die Erwerbsverhältnisse der Bevölkerung, über die soziale Zusammensetzung, über eventuell vorhandene aktive Frau 102 - 11- engruppen, und über das Verhältnis der örtlichen Parteistellen zu chidot mir den Behörden und zur Kirche. Mit diesem Wissen ausgerüstet stand sie abends am Hednerpult, und es sprach sich in den Bezirken sehr schnell ute herum, dass Marie Juchacz keine Propagandarednerin der SPD sei, sondern den Menschen sehr viel mehr als nur die Ziele der Sozialdemokraten in verständlicher Form näherbringe. So kam es, dass ihre Versammlungen auch von den katholischen Teilen der Bevölkerung besucht wurden, wobei es niemals zu harten oder ausfälligen Auseinandersetzungen kam. Marie Juchacz machte sich über diesen" Erfolg" ihre eigenen Gedanken: " Zum ersten Mal war ich mit einer unter dem Einfluss der katholischen Kirche erzogenen Bevölkerung in Verbindung gekommen. Ich merkte wohl intuitiv, dass man über viele Dinge des menschlichen Lebens sehr zurückhaltend und sehr vorsichtig sprechen müsse, um keine Taktfehler zu machen und nicht zu verletzen. Wieso mir das so gut glückte, weiss ich nicht. Auch später habe ich auf diesem Gebiet niemals Schwierigkeiten gehabt. Ich glaube, man muss viel natürliche Achtung vor dem Leben der anderen Menschen haben, dann formen sich Gedanken und Worte entsprechend. Dass ich - unbewusst- eine grosse Prüfung bestanden hatte, sollte ich erst sehr viele Wochen später erfahren." Voller Eindrücke kam Ma rie Juchacz nach Berlin zurück, wo das Leben Marie nun wieder gemeinsam mit Schwester Elisabeth weiterlief, als habe niemals ein politischer Ausflug ins Rheinland stattgefunden. Während der Abwesenheit von Marie war allerdings der Schatten, der über der Ehe von Elisabeth lag, grösser geworden. Christian Michael Roehl fühlte mehr und mehr, dass seine Frau ihm entglitt und sich in einer Gedankenwelt zu H a use fühlte, die ihm selbst fremd war. Wie diese. Spannungen sich lösen liessen, wussten weder Elisabeth noch Marie. Ein Brief aus Köln, der Anfang des Jahres 1913 in Berlin eintraf, leitete einen neuen Abschnitt nicht nur für Marie, sondern auch für Elisabeth ein. Absender war Jean Meerfeld. in Berlin " In wenigen Zeilen wurde ich aufgefordert, mich zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Café zu einer Unte redung mit Jean Meerfeld und dem Reichstagsabgeordneten Adolf Hofrichter einzufinden. Dort fragten sie mich, ob ich keine Lust hätte, als Parteisekretärin nach Köln zu kommen.- Es war ein langes und inhaltereiches Gespräch, in dem wir uns auch über die Aufgaben eines solchen Amtes verständigten. Nach einer anschliessenden und eingehenden Beratung zu Hause mit Elisabeth erfolgte meine Zusage an Adolf Hofrichter." 103 Parteisekretärin in Köln Adder erste Weltkrieg Der Entschluss vm Marie Juchacz, als Parteisekretärin nach Köln zu gehen, war ihr schwerer gefallen, als es nach aussen hin den Anschein hatte. xixixxxaxx* x* x* x* x* x* x* x* x* x* xкxxxf Sie war niemals von dem" rennenden Ehrgeiz" besessen gewesen, ein Parteiamt zu haben. Der Motor, der sie trieb, sich mit den politischen Zusammenhängen zu beschäftigen, in die Ideologien der politischen Parteien einzudringen, die Aufgabe der sozialdemokratischen Bewegung zu ihrer eigenen xxxxxx zu machen, erhielt seine Nahrung nicht aus der Sehnsucht nach politischen Ehren und Auszeichnungen, sondern aus dem Welt bild, das sie sich auf Grund ihrer häuslichen geistigen Entwicklung selbst und mit sehr viel jugendlicher, wenn auch oft frühreifer verstandesarbeit zusammengebaut hatte. aber Und jetzt sollte sie nach Köln gehen, in eine wenn auch nicht hoch, doch ausreichend bezahlte Parteifunktion, sodass sie und ihre beiden Kinder nicht mehr von mühseliger Heimarbeit leben müssten. Sie könnte sich ganz ihrer politischen arbeit hingeben, würde Kontakt mit wichti gen Menschen bekommen und durch die intensive Arbeit ihren kleinen Beitrag zu dem grossen Ziel der Verwirklichung sozialistischer Ideale leisten. - - Hat Was würde aus Elisabeth? Den Jungen? Und der Ehe? Sie, Marie, war jetzt 34 Ja hre alt und eine reife Frau, die vom Leben nichts anderes mehr erwartete als die Begegnung mit grossen und schönen politischen Aufgaben, und wenn sie es konnte ja auch nicht anders sein auch noch so schwer waren, so sollte ihr das nur recht sein. Die Kinder, Lotte mit und Paul mit acht Jahren, könnten vorerst noch in Berlin bleiben. Elisabeth war ja sowieso ihre zweite Mutter. Ausserdem hätte Elisabeths fünfjähriger Sohn nur ungerne auf seine ihm liebgewordenen Geschwister verzichtet. Es wäre auch möglich, eine kleine finanzielle Hilfe von Kölh aus nach Berlin zu schicken, denn Lisbeth würde ja vorerst noch auf Heimarbeit angewiesen sein. Wenn Marie und Elisabeth zu dieser Zeit gewusst hätten, dass Jean Meerfeld und Adolf Hofrichter schon eine politische Aufgabe auch für Elisabeth vorbereiteten, wäre ihnen manche harte Überlegung und auch unangenehme Unterhaltung mit Matin erspart geblieElisabeths Mann 104 - 125rückte ( aber es ben.-* kx Der Tag von Maries Abreise nach Köln näherxakte, war noch immer keine endgültige Lösung für die Zukunft gefunden. Als die beiden Frauen sich auf den Weg machten, um im Kaufhaus von Tietz am Herrmannplatz noch einige Einkäufe für Köln zu machen, nahmen sie Lisbeths Sohn mit, da Lotte und Paul in der Schule waren. Ihre Unterhaltung xxiia über die beste Regelung der Zukunft nahm sie so in Anspruch, dass sie nicht auf den Jungen achteten, der sich für den grossen Fahrstuhl interessierte und plötzlich allein war. Eine Schokoladenberkäuferin versuchte, ihn auszufragen nach seiner Mutter. " Ich habe zwei Muttis, eine grosse und eine kleine Mutti." Und wie die Muttis denn aussehen, wollte sie wissen. " Die eine hat einen Hut auf mit Federn, und die andere mit ohne." Mit dieser Personenbeschreibung konnte die Verkäuferin nichts anfangen. Die beiden Muttis hatten inzwischen das Abhandenkommen des Jüngsten bemerkt und ihn nach einiger Sucherei am Schokoladenstand schlafend wiedergefunden. Der Preis, den Marie für die von dem Junger aufgefutterte Schokolade bezahlte, war beträchtlich. Zu Hause zog Marie Schlüsse aus diesem kleinen Ziischenfall und meinte: " Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir uns mehr um unsere Kinder kümmern müssten." Elisabeth vertrat mit ihrer wenn auch nicht oberflächlichen, so doch leichteren Art den Standpunkt, dass auch Mütter, die sich nicht mit Politik beschäftigen, ihre Kinder gelegentlich in Warenhäusern verlieren können. Ausserdem seien die Gören gut erzogen und hätten alles, was sie für die Schule und zum Spielen brauchten, und ihre Anhänglichkeit beweise, dass sie mit ihren Müttern zufrieden seien. " Und wenn ich jetzt nach Köln gehe, hast Du vorerst die ganze Last alleine am Hals." Mit einer scheinbar leichten Antwort ging Elisabeth auch über diesen Einwand hinweg. xk Auf dem Programm dieser letzten Tage stand noch, zu einem Fotografer zu gehen und von den Kindern, alleine und mit den Müttern, Aufnahme] machen zu lassen. Es wurde aber nichts mehr daraus. " Das holen wir nach, wenn ich mit den Kindern in den grossen Ferien nach Köln komme, um Dich zu besuchen, Marie." So blieb auch dieses" Problem" in der Schwebe. " Im März 1913 ging ich nach Köln, als Parteisekretärin für den Be 105 134zirk Obere Rheinprovinz. Das Gebiet, das mir anvertraut wurde, erstreckte sich den ganzen Rhein hinauf bis Bingen, umfasste noch das Moselgebiet und die Eifel, sowie den Hunsrück und das Saargebiet. Ein sehr, sehr grosser Arbeitsbezirk, landschaftlich wunderschön, unterschiedlich in seiner wirtschaftlichen und sozialen Struktur, und eindrucksvoll durch die Fülle seiner Kulturdenkmäler. Meine besondere Aufgabe war die Förderung und Pflege der Frauenbewegung. Das schloss aber mit ein, dass ich auf meinen Versammlungsfahrten vor Männern und Frauen auch die politischen Themen des Tages behandelte. So hatte ich zum Beispiel, wenn ich nach Aachen fuhr, um dort vielleicht an einem Freitag Atand einen Frauenabend wahrzunehmen oder vor Textilarbeitern zu sprechen, am Samstag Nachnittag und Abend je eine und am Sonntag womöglich insgesamt drei Versammlungen mit den Bergarbeitern des Wurmreviers. Die Schichtwechsel der Bergarbeiter und ein gutes Kleinbahnnetz machten diese zeitliche Ausnutzung möglich. Wenn ich dann noch am Sonntag nachts nach Köln zurückfuhr, fühlte ich allerdings, was ich getan hatte." Marie Juchacz brachte es durch ihre Unermüdlichkeit fertig, sich diesen grossen Bezirk innerhalb weniger Monate politisch so zu erobern, dass nicht nur ihre Versammlungen ohne die geringste Propaganda inmer überfüllt waren, sondern dass ihr ohne Pathos in Parteidiskussionen geäussertes Wort einen grossen Wert bekam, weil sie mit der kürzesten Formulierung das Wichtigste zu sagen verstand. Carl Zörgiebel, zu dieser Zeit Parteisekretär in Köln, sagte ihr einmal: " Wenn Du in Deine klugen Gedanken noch etwas mehr Wärme hineinlegen würdest, könntest Du die Menschen nicht nur politisch, sondern auch menschlich restlos gewinnen." Die Antwort von Marie auf diesen ersten und letzten Versuch von Carl Zörgiebel, die nach seiner Meinung verhärtete Schale dieser Frau aufzubrechen, hat er nie vergessen können: " Ein Baum wächst so, wie der Boden ihn ernährt und der Wind ihn zerzaust." Diese kleine Kontroverse trug dazu bei, dass sich Zörgiebel noch mehr als bisher bemühte, Marie bei der Arbeit behilflich zu sein, was besonders für das landschaftlich rauhe Klima der Eifel HHR**** notwendig wurde, das einzige Gebiet, das von Marie nicht im Sturmlauf gewonnen werden konnte. nach " In der Eifel war es fast nicht möglich, eine Versammlung abzuhalten. In die abgelegenen Orte kamen wir garnicht hinein. Um mich der bewährten Methode mit Flugschriften zu arbeiten, hatten wir garnicht die Mensbhen. Schliesslich besorgte sich mein Kollege Carl Zörgiebel einige Adressbücher 706 - 125 -- sie waren zeitlich weit überholt-, nach denen Broschüren und Flugschriften mit der Post versandt wurden. Jeder Sendung lag ein Zettel bei mit der Aufforderung, uns zu schreiben. Und tatsächlich wurden auf diese Weise neue Stützpunkte gewonnen, auch wenn es eine mühselige Arbeit war. Was mir am Rande- bei dieser Aktion besonders auffiel, war die Tatsache, dass in vielen Ortschaften der Eifel höchstens drei oder vier verschiedene Familiennamen existierten. Wenn uns ein Name nur einmal in einem Ort begegnete, wussten wir sofort, dass es sich nur um einen jüdischen Ortseinwohner handeln konnte. Die Schlussfolgerung wart ganz eindeutig die, dass selten einmal eine Vermischung mit dem Nachbardorf vorkam. In der Regel verheirateten die Familien eines Ortes ihre Kinder untereinander. Der bald einsetzende Krieg verhinderte mich, dieses Phänomen an der Bevölkerung näher zu studieren." Trotz der anstrengenden, in aller Frühe beginnenden und bis in die späten Nachtstunden dauernden Arbeit und trotz der strapazierenden Versammlungsreisen fand Marie Juchacz immer noch wenige Minuten, um ihrer Schwester Elisabeth nach Berlin zu schreiben. Mit gleicher Regelmässigkeit und Ausführlichkeit trafen Lisbeths Briefe in Köln ein. Die örtliche Trennung, die nun schon mehrere Monate andauerte, war für beide Frauen eine unausgesprochene Belastung. Kurz vor Beginn der grossen Ferien teilte Lisbeth ihrer Schwester mit, dass sie sich mit ihrem Mann Christianida dahingehend verständigt habe, dass eine Trennung vorerst vielleicht das Beste sei, dass sie Lotte und Paul von der Schule abgemeldet, und ihre Berliner Sachen bereits verpackt und expediert habe, und dass sie in einigen Tagen mit den drei Kindern in Köln eintreffen würde. Marie, die bis dahin in einem möblierten Zimmer gewohnt hatte, machte sich nach Erhalt dieses Briefes sofort auf die Suche nach einer Wohnung. Jean Meerfeld hatte ihr den Tip gegeben, sich im Vorort KölnKlettenberg umzusehen. Marie hatte Glück. In der Stenzelbergstrasse 1 fand sie im Gartenhaus in der ersten Etage das, was sie suchte, mit genügend Platz für sich und ihre Schwester, und vor allem für die Kinder. " So richteten wir wieder unseren gemeinsamen Haushalt ein, konnten zusammen arbeiten, und Lotte und Paul lebten sich in ihrer neuen Schule sehr leicht ein. Unser fünfjähriger Fritz fand xxxx schnell gleichaltrige Spielgefährten und sprach Berliner Dialekt mit kölnischem Einschlag." -707Die Familie Juchacz- Roehl fühlte sich in Köln und am Rhein zuhause, auch und die Freundschaften, die von den beiden Frauen geschlossen wurden, erstreckton cauch die Kinder, die im Laufe der Zeit eine statt liche Zahl von neuen Onkels und Tanten aufzählen konnten. Trotz der" häuslichen Sesshaftigkeit" und der Fülle der zu bewältigenden Aufgaben waren sich Marie und Elisabeth Mieze und Lisbeth nannten sie sich) wie alle anderen politisch aufgeschlossenen Menschen danber Klar, dass die Welt einem Verhängnis entgegensteuert Die Politik Wilhelms II. und seines Kanzlers Bethmann- Hollweg war nicht geeignet, weder die Menschen in Deutschland noch das übrige Európa zu beruhigen. Die Gärung im Balkanbund und, die verschiedenen Balkankriege, vor allem der österreichisch- serbische konflikt das Jahres 1913 warfen böse Schatten auf die nächste Zukunft. Aus ein er Art Ohnmachtsgefühl heraus, gegen diese Entwicklung nichts unternehmen zu können, stürzten sich die beiden Frauen desto intensiver auf ihre politische Aufgabe, und die Themens cala der Versammlungen und Diskussionen, in denen sie als Redmerinnen auftraten, hatten Hochschulformat. Sie beschäftigten sich mit der Deutung dessen, was schlechthin unter Sozialismus zu verstehen sei, mit der Frauenerwerbsarbeit und ihren Auswirkungen auf Gesundheit, Familie und Erziehung der Kinder, mit der Umwandlung der Hauswirts schaft und des Familienlebens infolge der Technisierung der Gesamtwirtschaft und immer unter den damals gültigen sozialen, also meist asozialen Gesichtspunkten, mit sozialistischer Kommunalpolitik, mit Erziehungsfragen, Kinderschutzgesetzen, sozialistischen Jugendorganisationen, Arbeiter- Turn- und Sportvereinigungen, Spielplätzen für Kinder, und Ferienwanderungen. " Wir richteten in Köln Kinderferienwanderungen ein, wobei wir die Entdeckung machten, dass zwölfjährige Buben und Mädchen aus der Kölner Altstadt noch niemals in dem in einer halben Stunde erreichbaren schönen Stadtwald in Köln- Lindenthal xxxяя gewesen waren. Die engen und verwinkelten Strassen, ohne Licht, Luft und Grünanlagen, waren ihnen auch während der Schulferien die einzigen Spielplätze." Marie und Elisabeth hatten im katholischen Köln keinen leichten Stand. Viele streng katholische Frauen wurden Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei, weil sie nicht nur fühlten, sondern auch an Ergebnissen sahen, dass" die Roten" von guten Idealen besessene Menschen waren, die keine Kirchen anzündeten, sondern brennende Probleme, an die sich die Kirche bisher nicht herangetraut hatte, beherzt aufgriffen und in einer Form bewältigten, die der katholischen Kirche nicht den geringsten Abbruch tat. Den katholischen Organisationen blieb nichts anderes übrig, als mit ähnlichen sozialen Maßnahmen ihren Ein 108 127fluss zu behaupten. Klöster und andere kirchliche Binrichtungen wurden mobilisiert, um gefährdetes Gelände zu sichern. den Besuch " Sehr oft hatte ich im Sekretariat ixxxxx* x* x* x* x* x* x von Genossinnen, die persönlichen Rat haben wollten. Manche Familie gab es, die unseren Gedanken aufgeschlossen war, die aber glaubte, nicht ohne den regelmässigen Besuch der katholischen Schwestern und Nonnen leben zu können. Unter vielen Besuchen erinnere ich mich besonders an einen: es kamen zwei Genossinnen, jede hatte ein etwa siebenjähriges Kind in der Schule. Beide Kinder waren nach Ansicht der Eltern zu zart, um die auch körperlich anstrengende Prühmesse besuchen zu können. Sie meinten, dass dieser Besuch der Frühmesse noch vor dem Schulunterricht doch gesundheitlich genau so schädlich sei, als wenn die Kinder Brötchen oder Zeitungen austrügen. Sie könnten es als Mütter nicht verantworten, die Kinder so viel früher als notwendig zu wecken, den langen Weg hin zur Kirche und zurückgehen zu lassen und dann halberschöpft in die Schule zu schicken. Deshalb hätten sie die Kinder einmal nicht zur Messe gehen lassen, und der Kaplan in der Schule habe sie dafür ha t bestraft.- Jetzt sassen die Mütter vor mir und waren reichlich empört. Was sollte ich tun? " Eine geharnischte Notiz für die' Rheinische Zeitung' schreiben", meinte die eine. " " Bevor das geschieht, müssen Sie beide mit dem Kaplan ganz offen darüber reden. Er wird es einsehen, wenn Sie ihm die Gründe sagen. " Wie? Was sollen wir?" Sie sa hen mich ungläubig, dann fast mitleidig an. " Diesen Kaplan darüber aufklären? Da ist jedes Wort überflüssig. Es gibt nur eine Möglichkeit: das muss in die Zeitung!" Nachdem ich ihnen noch einmal zugeredet hatte, doch zu versuchen, mit dem Kaplan in aller Ruhe diese Angelegenheit zu bereden, verabredeten wir einen neuen Besuch, während ich versprach, mit meinen Freunden von der' Rheinischen Zeitung' darüber zu sprechen. Jean Meerfeld, Wilhelm Sollmann und Georg Beier waren genau meiner Meinung: die Eltern müssten dem Kaplan klar machen, dass es aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich sei, die Kinder zur Frühmesse zu schicken, Ausserdem könne ein Kaplan die Kinder ja nicht für die Verantwortlichkeit der Mütter bestrafen. Meerfeld meinte: - " Wenn wir die Sache mit der Bestrafung aufgreifen, und es kommt zu einer Klage gegen die Zeitung, stehen die Mütter, die sich nicht trauen, mit dem Kaplan zu reden, auch als Zeugen nicht gerade." Bei dem späteren Besuch der beiden Mütter setzte ich Ihnen unsere Bedenken auseinander. Sie waren aber noch immer nicht damit einverstan 109 Waden und gingen reichlich unzufrieden davon. Böse waren sie mir aber deswegen nicht, und sie kamen nach wie vor regelmässig zu unseren Zusammenkünften. Es war unter diesen örtlich besonders komplizierten Verhältnissen für Marie Juchacz nicht leicht, die katholischen Frauen darüber aufzuklären, dass es keine Versündigung gegen Gott sei, wenn sie sich mit sozialen Problemen beschäftigten. Sie versuchte, diesen religiös oft sehr stark eingeschüchterten Menschen verständlich zu machen, dass diese Zeitprobleme ja nicht von den Sozialdemokraten erfunden worden seien, um der Kirche zu schaden, sondern eine aus der Entwicklung entstandene Problematik darstellten, mit der sich früher oder später auch die Kirche beschäftigen müsse und werde. " So versuchte ich, die Menschen zu folgerichtigen Denken und Hand eln zu führen, wobei ich natürlich jede Religionsfeindlichkeit vermied, was ja auch in keiner Weise den Tatsachen entsprochen hätte. Ganz abgesehen davon, dass ich immer sehr viel Achtung vor den Überzeugungen anderer Menschen empfunden habe." Im häuslichen Leben in der Klettenberger Stenzelstrasse fanden die politischen Aufregungen kein Echo. Die Kinder spürten zwar aus gelegentlichen Unterhaltungen der Mütter, dass Politik eine geistig sehr anstrengende Arbeit ist, xxxak benahmen sich aber so, wie Kinder sich 4. in solchem Alter zu benehmen pflegen: Lotte, zehn Jahre alt, kommanier te nicht nur das Hausmädchen, sondern auch den* x* x* x* R*** acht Jahre alten Bruder Paul und den fünfjährigen Cousin Fritz, weil sie sich trotz ihrer Jugend als Vertreterin der beiden Mütter dem Haushalt gegenüber verantwortlich fühlte. Paul, etwas schwächlich, leistete zwar keinen offenen Widerstand, tat aber dann doch, was er wollte, und Fritz verstand es mit seinen fünf Jahren, den Unschuldigen zu spielen. Das war schon in Berlin so gewesen, wo der Dreijährige zum Milchholen geschickt wurde, unterwegs etwas austrank und seelenruik zu seiner Mutter sagte:" Der 01le hat mir zu wenig gegeben."- Lisbeth machte damals kein Donnerwetter, sondern schickte ihren Sohn nur noch zum Kartoffelholen.- Maries Sohn Paul war in seiner Kindheit ein Unglücks junge, der viel Aufregung verursachte. Einmal war er dem etwas wendigeren Fritz über das Treppengeländer nachgerutscht, hatte das Gleichgewicht verloren und war vom ersten Stockwerk aus mit dem Kopf auf eine Eisenmatte gefallen. An der schweren GehirnerschütteCrung hatte er lange 110 zu tragen. Kaum gesund, stieg er seinem Cousin Fritz über einen Zaun nach, blieb beim Abspringen mit dem Fuss in einer Querleiste hängen und brach sich das Bein. Obwohl Lotte von beiden Müttern den Auftrag hatte, nun- da sie alt genug sei besonders auf die Jungens aufzupassen, stellten sie dennoch allerlei Unheil an. So hatten Paul und Fritz ein sehr gefährliches Spiel entdeckt: vor dem Toilettenfenster wuahh ein grosser Baum, einen starken Ast einen Meter von diesem Fenster entfernt. Das Spiel bestand darin, dass Fritz vom offenen Fenster aus an diesen Ast sprang und sich dann herunterhangelte. Paul hatte mehrere Male xxxxxxxxxx angesetzt, zum Sprung fehlte ihm aber immer der Mut.* kxx Ausgerechnet an einem Mittag, als die beiden mütter früher als erwartet nach Hause kamen, sahen sie, wie Paul von Fensterbrett aus einen Meter durch die Luft sprang, gerade noch den Ast erreichte und mühselig herunterkletterte. " Uns war das Herz stehengeblieben, Lisbeth hielt sich die Hand vor den und und ich war in Begriff, laut zu rufen. Aber wie immer, wenn wir mit unseren Kindern ein Hühnchen zu rupfen hatten, geschah es auch diesmal xxxxxxxxx ohne grosse Empörung. Wir meinten nur, dass das wohl kein schönes Spiel xxit und ausserdem gefährlich sei, und die Juggens versprachen uns, nicht mehr von Fenster aus an den Ast zu springen. Sie gaben uns mit Armesündermiene ihr Wort dxxxxf, und darauf konnten wir uns auch immer verlassen." Noch etwas ereignete sich in diesen Tagen: Elisabeth hatte bei ihrer Arbeit einen Mann kennen gelernt, mit dem sie sich vom ersten Tag an ausgezeichnet verstand: Emil Kirschmann. Er kam aus Oberstein an der Nahe aus einer Achat- und Edelstein- Schleiferfamilie, hatte sein Handlungsgehilfen- Examen gemacht und war durch seine journalistische Begabung zwangsläufig zum sozialistischen Schrifttum gestossen. Die" Rhei nische Zeitung" stellte den jungen Mann vor die ersten grösseren publi zistischen Aufgaben. " In unserem gemeinsamen Leben waren wir zu einer menschlichen, geistigen und politischen Gemeinschaft zu Pritt geworden. Es war, wenn überhaupt noch möglich, eine Verstärkung unserer geschwisterlich- freundschaftlichen Kameradschaft und auf jeden Fall eine grosse Bereicherung unserer Arbeit und unserer geistigen und ideellen Existenz." Hier in Köln wurde auch zum ersten Mal der Gedanke an eine eigene Wohlfahrtsorganisation der organisierten Arbeiterschaft geboren. " Unsere Arbeit drängte uns förmlich diese Gedanken auf. Sie wurden nicht nur von uns Dreien nach allen Seiten und Richtungen hin durch 111 100gesprochen, sondern auch in engeren und weiteren Freundeskreis hinund hergewälzt, Möglichkeiten erwogen und wieder verworfen, aber die Zeit zur Verwirklichung war noch nicht gekommen. Die Idee hat mich dann nie wieder verlassen." Hines Kapitel Nene feite * and [ Furorteutonicus Nationale FravenvereiniI Katt " gung"- Cassersprisongen te konts robentrate 196/ Nach sechszehn Monaten ihrer Tätigkeit im Bezirk Obere Rheinprovinz hatte Marie Juchacz das Bewusstsein, auf dem rechten Wege und im Begriff zu sein, etwas von Dauer aufzubauen. Maneher Plan wurde mit Erfolg verwirklicht, manche. Idee entstand bei der Arbeit und half weiter. " Da kamen die Juli- Tage 1914, die uns alle aus unseren Illusionen von einer kämpferischen und stetigen Aufwärtsentwicklung rissen und unsere Arbeit grausam unterbrachen. Es hatte- was uns innerlich immer beunruhigte unter der Decke der internationalen Beziehungen' geschwelt, sonst hätte der Mord in Sa rajevo diesen Weltbrand nicht entzünden können. Diese Julitage können wohl kaum in allen Nuancierungen, mit den durcheinandergebrachten Gedanken und Empfindungen beschrieben werden. Der Boden bebte plötzlich unter uns. Desto entschlossener versuchten wir, zu handeln. Meine Kollegen Adolf Hofimrichter und Carl Zörgiebel fuhren in den Bezirk hinaus, un dort mer in der Hoffnung, dass es nicht zum Schlimmsten kommen würde, aber mit unin den Dispositionen doch mit diesem Schlimmsten rechnend seren Leuten in Verbindung zu bleiben und alle Eventualitäten zu besprechen. Ich blieb in diesen Tagen vor der Mobilmachung verabredungsgemäss von früh bis spät in unseren Büroräumen, um dort die Entwie wicklung der Dinge und etwaige Nachrichten abzuwarten, um dann für alle vorkommenden Fälle abgesprochen- zu handeln. Wir wussten, dass geheime Verfügungen bestanden, um im Falle eines Kriegsausbruchs alle Sozialdemokratischen Zeitungen zu verbieten und die SeLikretariate zu schliessen. Es lagen auch das war uns bekannt sten bei den Behörden mit den Namen und Adressen führender Sozialdemokraten, die im Ernstfalle xx verhaftet werden sollten. Davor hatte niemand von uns Angst. Es war nur gut, es zu wissen. Sozialdemokraten waren es gewohnt, für ihre Überzeugung ins Gefängnis zu gehen. In unserem Bewusstsein waren wir ganz mit der Heroenzeit der Sozialdemokratie verbunden. Wilhelms II. törichte Aussprüche von den ' vaterlandslosen Gesellen' und andere Drohungen waren in unserem Gedächtnis nur zu lebendig. - - . 112 Ich entsinne mich noch an die gewaltige Kundgebung gegen den Krieg im Volkshaus zu Köln: ( Rheinische Zeitung vom August 1914) 113 104An diesem Abend glaubten wir, dass es nicht zum Kriege kommen würde. Wenn sich ein ganzes Volk dagegen wehrt?! Die ganze friedliebende Kraft der Bevölkerung stemte sich gegen den Ausbruch eines blutigen Krieges. Und gerade hier in Rheinland, wo Frankreich so nahe war und auch gewisse, fast verwandtschaftliche Beziehungen bestanden, wo bestimet keine Abneigung oder gar ein Hassgefühl gegen das französische Volk existierte, sollte man sich plötzlich damit ve traut machen, gegen Frankreich zu Felde zu ziehen? Das war unvorstellbar und unfassbar. So viele junge Gesichter in dieser Versammlung! Viele, die ich persönlich kannte. Sie waren eins mit uns in Denken und Fühlen- so meinten wir. War es wirklich so? Wir gingen Dr. August Erdaann und einige Freunde- den gleichen Weg nach Hause. Noch heute habe ich seine Worte im Ohr: " Es gibt keinen Krieg. Der internationale Kapitalismus ist so ineinander verwachsen, dass er sich keinen Krieg leisten kann. Die industriellen Bindungen, das Bank- und Geldwesen sind so ineinander verfilzt, dass man sich das Auseinanderreissen dieser Fäden garnicht vorstellen kann." Zur gleichen Zeit, im Juli 1914, fand in Paris eine Demonstration der Pariser Arbeiter gegen den Krieg statt. Jean Jaurès wurde ermordet. " Ein Freund des Friedens und der Völkerverständigung, ein grosser Mensch und Sozialist war feige getötet worden. War das nicht ein böses Onen? Ich hatte Jaurès einmal in Berlin erlebt, in einer Versammlung in der Hasenheide. Er war ein hinreissender, mit jedem Argument überzeugender Redner, der nicht mit Posen und Gesten, sondern mit der geschliffenen Rede und mit Tatsachen und den daraus zu ziehenden Konsequenzen überzeugte. Der Garten war restlos überfüllt, und Tausende standen auf der Strasse, um zuzuhören. Herr von Jagow ritt selber, inmitten seiner berittenen Polizei, am Strassenran d entlang, um die Menschen auf die Bürgersteige zu drängen, die genau so dicht mit Menschen besetzt waren wie die Strasse, die dem Verkehr gehört', und nicht den Versammlungsteilnehmern. An diesem Tage konnte von Jagow mit seinen Berittenen nichts ausrichten. Wie eine Mauer standen die Menschen und wichen keinen Zentimeter. Und jetzt war Jaurès tot." Wenige Tage später wurde die Mobilmachung verkündet, der Krieg war nicht mehr zu vermeiden. " Vor den Litfassäulen und Mauern standen die Männer und lasen die Anschläge. Wir Frauen wurden rücksichtslos beiseite gedrängt, Krieg war nur Mannersache. Sc dachten die Männer. Wenn sie alle damals geahnt 114 hätten, welche Leistungen dieser Krieg den deutschen Frauen abverlangen würde! Die Mobilmachung artete in eine Psychose aus, die von den Menschen Besitz ergriff, ihr Denken ausschaltete und sie entweder zu stupider Begeisterung hinriss oder zu Instinkthandlungen trieb, nach der Parole, dass jeder sich selbst der Nächste ist. Die Hamsterei begann, in Waschkörben wurden alle nur erreichbaren Lebensmittel nach Haus geschleppt. Bald gab es weder Salz noch Zucker, weder Hülsenfrüchte noch Mehl oder Konserven. Wo hatte das Militär plötzlich die neu- zur en Uniformen her? Wir kannten es bisher nur in blauen Tuch, mit roten Biesen. Jetzt marschierten sie feldgrau' in Paradeschritt daher, quer durch die Stadt, als' sichtbares Zeichen unserer militärischen Macht'. War der Krieg doch so sorgfältig vorbereitet worden? 0 ja, jeder Mann, auch der Nichtgediente, hatte plötzlich seinen Militärpass und wusste, wo er sich zu stellen hatte. Die jüngeren Jahrgänge, die noch nie Stellung gewesen waren, wurden aufgerufen, sich auf dem zuständigen Bezirkskommando einzufinden, wo sich darüberhinaus Freiwllige in grossen Mengen einfanden. Von dem' furor teutonicus' können sich nur die eine Vorstellung machten, die diese Tage selbst miterlebten. Später wurde mir auf Befragen im Ausland erzählt, dass dagegen die Mobilmachun durch Hitler im Jahre 1939 auf eine Kirchhofsruhe gestossen sei.- Nie werde ich die Kolonnen der eingezogenen Kivilisten vergessen, mit ihren braunen Pappkartons, mit denen sie ihre Zivilkleider zurückschicken sollten. Die meisten trugen Stecken, geschultert, an den Spitzen mit Blumensträussen geschmückt. Die Frauen und Bräute marschier ten begeistert nebenher, und auch viele Mütter.' Siegreich wolln wir Frankreich schlagen', so sangen sie. Elisabetn und ich, und viele andere, waren fassungslos. Wir begriffen den Stimmungsumschwung nicht mehr. Da zogen Männer und Frauen, die gestern, vorgestern und in den Wochen vorher in unseren Versammlungen waren, Menschen, die wir kannten, die zum Teil in unserer Umgebung wohnten. Ich versuchte, einige anzusppechen, einen jungen Mann aus unserem Hause: ' Nun wird es doch Ernst, aber von unseren Leuten wissen wir, dass sie draussen zumindest mit den Frauen menschlich ungehen werden, und auch von Ihnen weiss ich das!" " Meinen Sie? Mit Glacéhandschuhen fassen wir niemanden an, wenn's sein muss, auch nicht die Frauen. Das ist vorbei!" Ich konnte ihm nur kopfchüttelnd nachsehen.- Neben mir unterhielten sich zwei Frauen. " Ist das nicht schrecklich, Frau F.?" " Schrecklich? Wieso? Die sind doch alle so lustig. Übrigens, mein Mann braucht nicht nit." 145 Ich schaltete mich in das Gespräch ein: " Aber denken Sie doch an die jungen Menschen, das sind Söhne von Müttern, und sie gehen in den Tod!" Sie sah mich gross an. Ihr Mann kam dazu, er war sehr ernst: " Hören Sie nicht auf meine Frau, sie hat überhaupt noch nicht begriffer was wirklich los ist. Wenn sie es versteht, ist es sowieso zu spät." Eine an dere Frau, jung und eben verheiratet, sagte: " Mein Mann wird gleich Offizier, dem passiert nichts. Und ich gehe zu meiner Mutter, die hat den ganzen Keller voll Konserven." Zwei Ausschnitte, es waren politisch indifferente Frauen," Bürgerinnen" des Wilhelminischen Staates. Die sozialdemokratischen Frauen hatten todernste Gesichter, sie fühlten ihre eigene Mitverantwortung, und an manche von ihnen trat sofort auch die Not und Sorge um die eigenen Männer und Söhne heran, und die Sorge um das eigene, nackte Leben. Mit dem Tag der Mobilmachung begann auch die' Spionitis'.- Ich war mir nicht bewusst, besonders aufzufallen, und auf der Strasse blieben Lisbeth und ich ruhig. Trotzdem wurden wir am zweiten Mobilmachungstag von zwei betrunkenen unteroffizieren festgenommen und in eine Kaserne gebracht. Es war nur unserer Ruhe zu verdanken, dass es nicht zu einem Auflauf und zu Misshandlungen kam, so wie es sich bei ähnlichen ' Verhaftungen', deren Zeuge ich leider war, abgespielt hatte. Instinkdan tiv verhielten wir beiden Schwestern uns so, alb die Umstehenden annehmen mussten, dass wir mit den beiden Soldaten befreundet seien. In der Kaserne wurden wir dem diensttuenden Hauptmann vorgeführt, der sich zuerst an die beiden Unteroffiziere wandte: " Wodurch fielen Ihnen die beiden Damen auf?" Zackige Antwort: " Damen sprachen ein zu gutes Deutsch!" Der Hauptmann grinste, nach einigen weiteren Fragen konnten wir gehen. Das war aber nicht der einzige Fall. Im Warenhaus, beim Metzger( wo ich bekannt war) und bei anderen Gelegenheiten stiess ich auf eine feindliche Stimmung. Die Menschen fühlten, dass ich in diesen Tagen durchaus nicht das Gleiche dac hte wie sie." Der Mitstreiter und Freund von Marie Juchacz, Adolf Hofrichter, war nach Berlin zur neichstags sitzung gefahren. Würde man dort die Kriegskredite bewilligen?- Es war das stärkste Recht dieses sonst nicht machtvollen Parlaments, der autokratischen Regierung Steuern und Kredite zu bewilligen- oder auch zu versagen. Um das Wort von den" va . 116 10tarlan dslosen Gesellen" vergessen zu machen, prägte Wilhelm II das göbbels- würdige Zitat:" Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutschel"- Waren die Sozialdemokraten jetzt gut genug, um dem Ausland ein" einheitliches Gesicht" zu zeigen? Vor der Abreise Hofrichters war mit allem Ernst über diese Frage gesprochen worden. Würden sich die Sozialdemokraten in Berlin" überfahren" lassen? e " Nein nicht so würde man denken, sondern sachlich und politisch abwägen. Da kam schon die Nachricht durch: die Sozialdemokraten haben für die Kriegskredite gestimmt! Adolf Hofrichter kam zurück nach Köln. Er erzählte von der Stimmung in der Fraktion, dass er mit einig gen anderen- gegen die Bewilligung der Kredite gesprochen habe, aber dann sei die sehr kleine Minderheit der Mehrheit unterlegen, weil sich in der Fraktion die Überzeugung durchsetzte, dass Deutschland sich in der Abwehr befinde. Es sei keine prinzipielle, sondern eine taktische Entscheidung gewesen. Im Falle eines Angriffs lasse man das Land nicht im Stich, sagte die Mehrheit. Ich fühlte die Schwere der Entschei- dung wie eine Zentnerlast, die mich bedrückte, wo ich auch war, zu Hause, bei unseren Freunden, bald auch in den Versammlungen, wo erregt darüber diskutiert wurde, was richtiger gewesen wäre. Die' Rheinische Zeitung mit Jean Meerfeld, Wilhelm Sollmann und Georg Beier war uns in diesen kritischen Tagen eine grosse Stütze. Dass sie vor der Militärzensur nicht kroch, davon zeugten die vielen weissen stellen in den täglichen Ausgaben. Man liess sich dort nicht' umbiegen'. Übrigens bestätigte es sich in den ersten Kriegstagen, dass tatsächlich eine Verfügung zur Unterdrückung der Sozialdemokratie bestand. Einer der Beamten des Regierungspräsidiums nahm das Papier irrtümlich ohne Befehl aus der Schublade, das Verbot der Zeitung wurde erlassen, die Verhaftungen sol ten gerade erfolgen, als man von höherer Stelle' erfuhr, dass noch kein Befehl dafür erlassen sei. Daraufhin wurden die Beschlagnahme- und Verhaftungsmassnahmen sofort wieder rückgängig gemacht." - 150 - Die Ereignisse dieser Tage lassen sich in den Geschichtsbüchern nachlesen. Marie, Elisabeth und Emil Kirschmann wurden wie alle anderen Menschen in diesen Tagen durcheinandergerüttelt, versuchten, in irgend einer Form zueinander zu finden, irgendetwas zu unternehmen, was sinnvoll war. Aber was war denn sinnvoll? Was konnte man auf eigene Faust unternehmen?- Am 2. August 1914 stellte die deutsche Regierung ein Ultimatum an Belgien, und schon am 4. August marschierten 117 -156die deutschen Truppen unter Verletzung der belgischen Neutralität in das kleine Land ein, nachdem erst am Tag zuvor die Kriegserklärung gegen Frankreich herausgegeben worden war. Vier Wochen später tobte die Schlacht an der Marne.- Emil Kirschmann wurde eingezogen, aber nicht nur dieser wertvolle und kluge Berater musste die beiden Schwestern alleine lassen. " Mein Kollege Zörgiebel war Soldat, ebenso einige der Vorstandsmitglieder der Sozialdemokratischen Partei unseres Bezirks, und dabei war unser Vorstand nur sehr klein.- Der Tag verlangte sein Recht, und für die politische Arbeit, so wie wir sie bisher geleistet hatten, war jetz keine Möglichkeit mehr gegeben. Der Kölner Stadtverband der Frauenvereine' rief alle Frauen auf, sich für die jetzt anfallenden Aufgaben gemeinsam zur Verfügung zu stellen. Bisher war es nicht üblich gewesen, dass sich die bürgerliche und die proletarische Frauenbewegung zu einer Zusammenarbeit zusammenfanden. Während wir Sozialdemokraten die Bürgerlichen gewähren liessen, wurden wir xaxxx von diesen Organisationen nicht nur gemieden, sondern mit nicht immer fairen Mitteln bekämpft Aber war hier nicht eine Situation gegeben, die in sich selber zwingend war?" Marie Juchacz musste eine schnelle und richtige Entscheidung treffen. Mit Elisabeth war sie sich dxxxx über das, was zu tun war, einig, nämlich mit den bürgerlichen Verbänden auf jeden Fall zusammenzuarbeiten. Wie würden die sozialdemokratischen Frauen darüber denken? Und die wenigen Parteifreunde, die noch in Köln und der weiteren Umgebung sassen? " So weit ich ihrer habhaft werden konnte, waren sie für Mitmachen. Auch die Freunde auf der Redaktion redeten ung zu. So meldete ich mich telefonisch beim Kölner Verband der Frauenvereine an." Als Marie und Elisabeth zur verabredeten Zeit am Treffpunkt erschienen, mussten sie f ststellen, dass ihnen keine der anwesenden Frauen bekannt war. Die Begrüssung war reichlich förmlich, man stand sich frend gegenüber. Aus den ersten zwanglosen Unterhaltungen konnten die Schwestern Juchacz- Roehl entnehmen, dass es sich um Vertreterinnen von katholischen, evangelischen, liberalen und sozialen Vereinigungen mannigfacher Art handelte. " Es waren zum grossen Teil recht' exklusive' Damen der Kölner Gesellschaft, die Frau des Oberbürgermeisters Wallraff war ebenfalls dabei. Nach der nicht nur sichtbaren, sondern fast peinlichen Neugier, mit der man uns zuerst behandelte, spürte ich sehr bald bei einigen die grössere Vorurteilslosigkeit heraus.- So, nun waren wir zusammen eine' Na 118 - WWtionale Frauengemeinschaft', in der wir beiden uns behaupten mussten." Die Arbeit dieser Frauengemeinschaft lief sehr bald auf vollen Touren. Die Stadtverwaltung gab ihr jede Unterstützung. Einzelne Mitglieder wurden zu verschiedenen städtischen Ausschüssen, denen ausser den beigeordneten Bürgermeistern und Stadtverordneten auch angesehene Bürger der Stadt angehörten, hinzugezogen. " Ich wurde in den Ernährungsausschuss gerufen, den Oberbürgermeister Wallraff persönlich leitete. Köln war als Festungsstadt besonderen Bestimmungen unterworfen, besonders auf dem Gebiet der Ernährung. Es mussten immer bestimmte Mengen von Lebensmitteln sachgemäss eingelagert sein. In den Lagern herrschte ständig Bewegung und Betriebsamkeit. Für die ausgegebenen Nahrungsmittel mussten die neu zu lagrenden Bestände bereitliegen, eine Lücke durfte es nicht geben. Mit mir war die Vorsteherin des städtischen technischen Lehrerinnenseminars( der Name ist wir entfallen) in diese Ausschuss. Die Arbeit, die wir verrichteten, war sachlich, aber nicht uninteressant. Mitunter wurde es kritisch, wenn der Nachschub nicht so anrollte, wie es notwendig war. Als die Knappheit der Lebensmittel einsetzte und das geschah sehr bald schon zu Beginn dieses unsinnigen Krieges-, kamen für uns als' Mitverantwortliche' böse Zeiten. Dieser Krieg war technisch wahrscheinlich sehr gründlich vorbereitet worden( man nannte ihn ja den' Ingenieurkrieg'), aber ernährungsmässig war er ein Verbrechen. Die Schlängen vor den Läden wurden beängstigend lang. Viele Familien waren längere Zeit ohne die wichtigsten Lebensmittel. Die Notwendigkeit der Rationierung wurde hart umkämpft. Die Einsicht musste sich schliesslich der Notwendigkeit beugen. Das Kölner' Brotbuch mit seinem Markensystem und der dahinterstekenden Organisation wurde übrigens später als vorbildlich anerkannt." Pinter Iwals dreinlich Den Ernährungsausschuss, dem Marie Juchacz angehörte, oblag auch die Verteilung an den Binzelhandel und die Konsumvereine, sowie die Abrechnung. Dass in solchen Zeiten" Abzweigungen" vorgenommen werden, die dem schwarzen Markt zufliessen, um höhere Preise zu erzielen, ist eine Erscheinung, die es Timmer gegeben hat und immer geben wird, wenn Rationierungen erfolgen. Gerade als Sozialdemokratin legte Marie Juchacz bei ihrer Arbeit grössten Wert darauf, dass auch die zur freigewerkschaftlichen Arbeiterschaft tendierende Konsunge nos enschaft prozentual gleich wertig bedacht wurde. ************" Die Einzel- und Kleinhändler waren in ihrem Verhalten in 119 HB0Bezug auf Verteilung der Waren an die Kunden und Abrechnung durchaus nicht vorbildlich. Wir von der Arbeiterbewegung erlebten eine Genugtuung als Oberbürgermeister Wallraff zugeben musste, dass die beiden Konsumgenossenschaften( ausser der freigewerkschaftlichen gab es noch eine christliche) gewissenhafter bei Verteilung und Abrechnung waren als der Kleinhandel, sodass es mit diesen beiden Organisationen keine Scherereien und auch keine Defizite gab. Die Folge war, dass auch die Damen der Gesellschaft', vorand die der' Nationalen Frauengemeinschaft', plötzlich Mitglieder der Konsumgenossenschaften wurden. Die Köchinnen und Hausmädchen der Damen waren damit nicht einverstanden, denn sie bezogen beim Kleinhandel recht hohe Rabatte." G Marie tat als Mitglied der Nationalen Frauengemeinschaft und des Ernährungsausschusses- alles, was an Arbeit anfiel, aber trotz mancher Erfolge empfand sie den ganzen Betrieb als reichlich unproduktiv. Ausserdem wurde vieles in einer Form gehandhabt, die ihrem demokratischen Gefühl widersprach. Als sie eine Aktion xarkxxkikakx für Kindergärten und Kleinkinder vorbereitete, die auch mit Aufrufen und Plakatierung verbunden war, stellte sie fest, dass diese Aktion" unter dem Protek corat der Frau Oberbürgermeister" anlaufen sollte, die lediglich aus" gesellschaftlichen" Gründen in dieser Form in Erscheinung treten wollte. Marie protestierte gegen diesen Unfug, weil sie der Sache unzuträglich sei. " Das waren aber Dinge, die sich mit der Zeit einrenkten. Auch hier bewahrheitete es sich, dass man wenn ein wenig Wille vorhanden ist- in der Arbeit gegenseitig voneinander lernt. Was ich allerdings sehr peinlich empfand, war die Art, in der aanche meiner bürgerlichen Kolleginnen in der ersten Zeit unserer Zusammenarbeit von den Kriegerfrauen' sprachen, mit einem Tonfall, als wenn das eine ganz besondere Senicht unkundiger und untenstehender Frauen dritter Ordnung wäre, denen man- von hohen Kothurn herunter- zwangsläufig helfen müsse. Es hatte zwar keinen Zweck, sich dauernd darüber aufzuregen, aber ich nahm jede Gelegenheit wahr, um die Dinge sprachlich und gesinnungsmässig zu korrigieren. Es hat mit der Zeit sichtbar geholfen. Es gab auch andere Enttäuschungen. Ich gebe am besten wieder ein Beistel spiel: in der sozialdemokratischen Frauengruppe regte ich an, der Lederknappheit und Schuhlosigkeit der Frauen und Kinder durch Selbstfabrikation für den eigenen Bedarf zu begegnen. Innerhalb kürzester Zeit wurde ein aus Stoff und Ersatzmaterial angefertigtes Musterexemplar beschafft. Jetzt brauchten wir von der Stadt einen Raum, etwas Handwerks zeug und- für den Anfang -120einen Lehrmeister. Die interessierten Frauen, es hatten sich schon nach Bekanntwerden der idee Hunderte gemeldet, wol ten dort unter Aufsicht und unter Anlernung aus verfügbaren Abfallund Ersatzstoffen die ersten Schuhe für ihre Familien herstellen, um ihre Kenntnisse dann áh andere Frauen weiterzugeben. Den Schuhmachermeistern entstand dadurch keine Aonkurrenz. Die Frauen, die nur Schuhe gegen Bezugschein kaufen konnten, aber meist keine bekamen, waren für die Maßarbeit der innungsmeister sowieso nicht interessant. Das Besohlen wollten sie den kleinen Meistern nicht fortnehmen, sie waren froh, wenn sie überhaupt noch von ihnen bedient werden konnten, denn das Leder wurde immer knapper. Auch der Fabrikation entstand keine Konkurrenz, sie hatte kein Leder und ausserdem wurden Bezugscheine nur auf Antrag ausgegeben bzw. meistens versagt, denn die Fabrikation arbeitete für die Soldaten. Mit unserer Idee wäre auch den Handwerkern geholfen worden, denn das Schuhwerk, das gelegentlich für die Zivilbevölkerung freigegeben wurde, war so schlecht, dass es nur kurze Zeit aushielt.- Der beigeordnete Bürgermeister, in dessen Ressort unser Antrag fiel, machte uns unseren Plan kaputt, indem er die Schuhmacherinnung zur Beratung heranzog, die das Ganze für unmöglich und undurchführbar hielt. Dabei hatten die Innungsvertreter überhaupt nicht begriffen, worum es eigentlich ging. Hätten wir doch auf jede städtische Unterstützung und Hilfe verzichtet und irgendwo in einem Raum einfach mit unserer Arbeit angefangen, dann hätte die Innung vor dem fait accompli gestanden und ausserdem den Vorteil für die Arbeit ihrer eigenen Mitglieder eingesehen. Jetzt liess sich natürlich nichts mehr machen. Dafür gelang ein anderer Versuch auf anderem Gebiet: wir hatten die Absicht, Frauen, die bisher noch keine Heimarbeit machten, Gelegenheit zum Nebenverdienst neben ihrer Unterstützung zu geben. Zu Anfang- in den wirren Tagen hatte man schon alte Kleider gesammelt. Man behauptete, dass sie chemisch gereinigt wurden, aber die Fliegen waren in den heissen Tagen ganz wild danach. Aber aus diesem Haufen unmöglichen Zeugs, das wir säubern liessen und, so gut es ging, verarbeiteten, antstand die Idee, die Soldaten mit Hemden und Unterhosen, die doch in Fülle gebraucht würden, zu versorgen. Eine Verbindung mit dem Versorgungsant in Koblenz brachte tatsächlich einen Auftrag herein. Man sagt, die ersten Pflaumen seien madig. Das Resultat dieser ersten Arbeit war bestimmt nicht tadellos. Doch der Bedarf war gross, und man war nachsichté tig. Diese Heimarbeitszentrale entwickelte sich zu einer erstaunlichen Grösse: bald waren grössere Tische da, eine Zuschneidemaschine folgte, und neben den ehrenamtlichen Kräften, die bis zuletzt in der Verwaltung 127 - tube- blieben, wurden Fachkräfte eingestellt. Wir konnten den von uns angelernten Frauen einen bedeutend höheren Stücklohn zahlen, akxxtax wie er von den Fabrikanten gezahlt wurde. Was unseren heimarbeitenden Frauen recht war, sollte der Masse der von den Fabrikanten beschäftigten Frauen nur billig sein, denn der Typ des Kriegsgewinnlers machte sich bereits bemerkbar. So benutzten wir eine gute Gelegenheit, die Herren im Versorgungsamt auf die von uns gezahlten Löhne aufmerksam zu machen und auf die wesentlich niedrigeren Löhne der Fabrikanten hinzuweisen. Die Folge war, dass den Fabrikanten zur Auflage gemacht wurde, die glei chen Löhne zu zahlen wie wir. Sie taten es, den es blieb ihnen wenn sie weiterarbeiten wollten nichts anderes übrig. Wir beide Elisabeth und ich hatten uns das Mandat zu dieser Arbeit von Verband der Schneider, Schneider innen und Wäschenäherinnen geben lassen." Die beiden Frauen besassen ja aus ihrer eigenen praktischen Erfahrung die Kenntnisse auf diesem Gebiet, kannten sich in der Fachsprache aus, konnten disponieren und kalkulieren, und erhielten im Handumdrehen das Vertrauen des Verbandes. Wie richtig sie disponiert hatten, sollte sich zu Kriegsende zeigen- Marie Juchacz war zu dieser Zeit nicht mehr in Köln, und Elisabeth war Stadtverordnete-, denn obwohl jedes Wäschestück nur mit einem halben Pfennig Gewinn angesetzt war, blieben nach Kriegsende bei der Auflösung der Heimarbeitszentrale viele tausend Mark übrig. " Elisabeth und ich hatten an dieser Arbeit unsere berechtigte Freu de. Die Soldaten mussten ja nun einmal versorgt werden. Ausserdem gab es unter den Millionen, die an irgend einer Front im Westen o- der Osten standen, viele nächste Freunde und Bekannte, und auch Emil Kirschmann gehörte zu ihnen. Wichtig war ferner, dass die zu Hause wartenden Frauen eine Nebeneinnahme erhielten. So glaubten wir, mit unserer Arbeit die Auswirkungen dieses schrecklichen Krieges wenigstens etwas mildern zu können. Eine Zeit lang hatten wir unserer Heimarbeitszentrale einen kleinen Laden angeschlossen, in dem erfreulich hübsche Frauen- und vor allem Kindersachen aus Resten, mit buntem Material verziert, sehr billig verkauft wurden. Trägerin dieser Idee war eine Dame der Kölner Gesellschaft, eine Frau mit starker kunstgewerblicher Begabung, praktischen Sinn und pädagogischen Geschickt. Sie war auch zum grossen Teil die Ausführende und Lehrmeisterin, die geschickten Frauen zeigte, wie sie aus Resten, mit geringen Mitteln und mit wenig Zeitverbrauch einfache, 122 <--> zweckmässige und dennoch hübsche Dinge anfertigen konnten." katholischen Eines Tages meldete sich JeanMeerfeld bei Marie und bat sie, in die " Rheinische Zeitung" zu kommen, weil es einige Dinge zu besprechen gab. xkxxxxxя**** Zur gleichen Zeit fand sich auf der Redaktion eine Frau ein, die völlig verzweifelt war. In der Hand hielt sie xxxxxxx ein Paket mit mehreren hundert Briefen. Es waren die Antworten auf ein Inserat, das die Frau im Stadtanzeiger" aufgegeben hatte und mit dem sie einer bedürftigen Familie Bett und Kleiderschrank schenken wollte. Jetzt fiel ihr die Auswahl aus den vielen hundert Zuschriften schwer. Marie regte an, aus dieser Sache eine Veröffentlichung zu machen, was auch geschah, mit dem Ergebnis, dass sich sofort ein Geschäftsmann meldete, der sich bereit erklärte, wöchentlich eine grössere Summe zur Verfügung zu stellen, die an bedürftige Frauen ausgezahlt werden sollte, die sich trotz Unterstützung in wirtschaftlicher Not befanden, die sie nicht selbst meistern konnten. Diesem Geschäftsmann folgten weitere. Aus der ganzen Aktion ergab sich eine zusätzliche Arbeit für Marie, die sie gerne übernahm. Lange Zeit besuchte sie täglich zwei bis drei Familien, die ihr als bedürftig genannt wurden, um sich einen genau ⁹n Überblick über ihre Lage zu verschaffen. Ixxx************ - " In vielen Fällen konnte ich mit gutem Gewissen helfen. Das war gewiss keine weltbewegende Arbeit in dieser' grossen' Zeit, aber aus Kleinem setzt sich das Grosse zusammen.- Und so ähnlich war die Arbeit unserer Frauen im ganzen Reich. Man muss sich dabei immer wieder vor augen halten, dass die Frauen bis dahin ale Bürgerinnen garnicht gewertet wurden. Es gab zuerst in Köln ein paar katholische Waisenpflegerinnen, sonst nichts. Da die Frauen kein Wahlrecht besessen, konnten sie auch selbst nicht in Ämter gewählt werden, zum Beispiel als Stadtverordnete. Zu Armenpflegern machte man den Herrn Schlachtermeister, den Herrn Bäckermeister, gelegentlich einmal einen Lehrer. Aber nur ja keinen Sozialdemokraten. Kam das trotzdem einmal vor, war es Versehen, Zufall oder Ausnahme.- Jetzt schickte die Kölner Stadtverwaltung einige Frauen der' Nationalen Frauengemeinschaft' auf Informationsreisen, um sick über die Maßnahmen in anderen Städten zu unterrichten. Mik So hatten wir in Köln mit einer Stadtküche angefangen, und überall in Reich entestanden ähnliche Einrichtungen, die wie Pilze aus dem Boden wuchsen. Wir sollten uns Aufbau und Organisation solcher und anderer Dinge ansehen, um dann daraus für Köln die aus der praktischen Kenntnis zu ziehenden Konsequenzen anzuwenden. Das Ernährungsproblem machte der Regierung in Berlin bereits schwer zu schaffen, und man wusste, dass 123 - Me- seine Lösung für den Fortgang des Krieges äusserst wichtig war, dass überhaupt die Kriegerfreuen dabei ein gewichtiges Wort mitzureden hatten. Die Kölner Stadtverwaltung legte Wert darauf, dass ich mich an diesen Informationsreisen beteiligte. Ich fuhr also nach Berlin, wo man mich über alle möglichen Dinge von Regierungsseite aus unterrichtete, womit aber wirklich nichts anzufangen war. Das Studium der praktischen Selbsthilfe gab bessere Aufschlüsse. Dann fuhr ich in andere Städte, nahh München, Stuttgart usw., wo ich sehr viel sah und hörte, was ich in Köln auf die dortigen Verhältnisse zugeschnitten- anwenden konnte." - hal Da auch Elisabeth des öfteren von Köln abwesend war, blieben die Kinder alleine in der Wohnung, die inzwischen gewechselt werden musste. Man war in der gleichen Strasse geblieben, nur einige Hausnummern höher, und wohnte jetzt im Vorderhaus der Stenzelstrasse 13 im ersten Stock, mit einem schönen und grossen Balkonzimmer, vor dem drei grosse Kastanienbäume standen. Es war ein Eckhaus, und von der Wohnung aus konnte man auch auf die Siebengebirgsallee sehen. Durch die Kriegsereignisse waren die Kinder sehr viel allein auf sich angewiesen. Lotte, jetzt( im Jahr 1916) noch nicht ganz 13 Jahre alt, besuchte das Lyzeum, während Maries Sohn Paul und Lisbeths Fritz zur Volksschule gingen. Die Kinder, vor allem die schon sehr erwachsen wirkende Lotte, entwickelten eine grosse Selbständigkeit, und Fritz machte sich einen Sport daraus, auf die Lebensmittelmarken möglichst zwei Mal einzukaufen, indem er es fertigbrachte, das Abschneiden der Abschnitte beim ersten Einkauf zu' verschlabbern'. Den Muttern wurde davon nichts gesagt, weil die Kinder wussten, dass sie damit bestimmt nicht einverstanden sein würden. Gegenüber, auf der anderen XxxxxxxxSeite der Stenzelstrasse, befand sich ein Neubaublock, der zu Beginn des Krieges angefangen, aber dann nicht weitergeführt wurde. Diese Rx" Ruinen" waren für alle Kinder der Strasse und der näheren Umgebung ein beliebter Spielplatz. Die Eltern aller Kinder sahen es zwar nicht gerne, wenn die Jungens auf den Mauern herumturnten, aber was halfen schon solche Verbote. Bis dahin war ja auch noch nichts passiert. Während an einem dieser Tage der achtjährige Fritz beim Binkaufen war und auf die gleichen Abschnitte zum zweiten Mal kümmerlich wenige Kartoffeln besorgte( die ausserdem noch gefroren waren), versorgte Lotte den Haushalt und kochte Wäsche, wobei sie allerdings nicht daran dachte, dass die Jungenhemden, die auf dem Herd in einem Topf brodelten, aus Papierstoff waren. Paul turnte mit einigen Spielkameraden in Neubau herum, balancierte über einen grossen Eisenträger, wurde schwindelig 人 2 124 143und stürzte aus erster Stockwerkhöhe herunter bis in den Keller, wo er mit dem Kopf auf einen dort liegenden Eisenträger aufschlug, der ihm den Kopf bis zu einer Länge von zehn Zentimetern aufspaltete. In Windeseile wusste die Stenzelstrasse, was geschehen war, auch Lotte stürzte die Treppe hinunter, boxte sich durch die Menschen hindurch, die sich um Paul bemühten und als sie sah, was passiert war- behielt sie den Kopf oben, xakkaxxiek lief zum nächst erreichbaren Telefon und alarmierte die Lindenburg, eine im Vorort Köln- Lindenthal liegende grosse Krankenanstalt, die sofort einen Wagen schickte und Paul abtransportierte. Erst zwei Tage später kamen Marie und Elisabeth zurück.xxx* x* x* x* x Es war ein schwerer Schook, auch wenn sich jetzt schon zeigte, dass es weniger schlima un Paul aussah, als man zuerst vermuten musste. Marie und Elisabeth sagten ihre nächsten, schon disponierten Reisen in die nähere und weitere Umgebung ab, um in Köln bleiben zu können, bis es Paul besser ging. Bine weitere Komplikation trat ein, als der Junge eine schwere Blutvergiftung bekam. Den Ärzten war nicht aufgefallen, dass Paul sich auch den Daumen der linken Hand verletzt und verschmutzt hatte. Die farbigen Vergiftungsstreifen waren schon bis zur linken Schulter sichtbar, als die Arzte wirklich im letzten Moment-zugriffen. war Cwurde HOW Rx Das Krankenhaus durch die vielen Kriegsverletzten, die von der Westfront zurücktransportiert wurden, überfüllt.xXXXXXXX** X* x* x* x *** x* xxxxx Paul nach Hause geschickt. Da es mitten im Winter war, zog Fritz mit einem Schlitten und mit Decken los, um ihn abzuholen. Exku Ebenso wurde er wöchentlich einige Male zum Verbinden mit dem Schlitter hingefahren. XxxxxxxxxXXXX** XX** X* XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX* X Das machten die Kinder alles von sich aus, ohne dazu von ihren Müttern angehalten zu werden. Emil Kirschmann war an der Westfront verwundet worden, kam in ein Heimatlazarett, hielt sich auch einige Tage in Köln auf, und ging dann wieder zur Truppe zurück. Von den Kindern wurde er wie ein Onkel behandelt, den man noch nicht richtig kannte. Aber Onkel Emil' war ein Mann, der grosse Fähigkeiten besass, die besonders dem Fritz imponierten: er konnte wunderbar Päckchen verschnüren und Schrift malen. Dichten konnte er auch. Auf ein ausgeblasenes Ei schrieb Onkel Emil einmal zu Ostern den sinnigen Spruch:" Gack, gack, gack, ich leg ein Ei, ruft mal schnell den Fritz herbei, dass er seh dass trotz Geschrei, in dem Nest ein Windei sei." 125 144Das war Ostern 1916. Bald danach, zu Pfingsten, fielen in Köln die ersten englischen Bomben, mitten in die Altstadt hinein. In dieser Zeit deuteten sich die ersten Meinungsverschiedenheiten innerhalb der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion auf breiterer Basis an. " Mein Kollege Adolf Hofrichter hat die endgültige Spaltung nicht mehr miterlebt. Er gehörte in der Fraktion zur sogenannten" erweiterten Minderheit", das heisst er billigte nicht die Entscheidung der sozialdemokratischen Fraktion, für die Kriegskredite zu stimmen, aber im Plenum fügte er sich der Disziplin. Er gehörte aber zu denen, die die Spaltung um jeden Preis verhindern wollten und hatte durchaus ein Ohr für die Gründe der anderen Seite. Es war nicht Adolf Hofrichter allein, mit dem ich mich über diese ernsten Zweifelsfragen unterhalten konnte. August Erdmann, Jean Meerfeld, Wilhelm sollmann und andere verantwortungsvolle Männer standen wie wir alle internen Meinungskämpfen. A mitten in den Ich erwähne das, weil wir jedesmal nach der Rückkehr Hofrichters aus Berlin immer lange Unterhaltungen über das Für und Wider dieser verhängnisvollen Streitfrage hatten, aber allen Bemühungen zum Trotz frass sich die Spa ltung in der Partei immer weiter durch. Hofrichter wurde sehr krank, nicht zuletzt auch durch diese Sorgen. Als er in ein Krankenhaus gebracht werden musste, wusste er, dass es mit ihm zu Ende ging. Die Spaltung selbst hat er nicht mehr erlebt. Die Nachwahl zum Reichstag brachte unseren Freund Jean Meerfeld, politischer Redakteur der Rheinischen Zeitung', ins Parlament." + Die Ereignisse des Jahres 1916 frassen an den Nerven aller Menschen. Marie und Elisabeth versuchten, mit Ruhe und Gefasstheit durch die Wirren zu steuern und diese Sicherheit auf möglichst viele Menschen zu übertragen, ein löblicher Vorsatz, der ständig über den Haufen geworfen wurde. In Februar hatte der Angriff auf Verdun stattgefunden. In Juli begann die französisch- englische Offensive an Somme und Ancre und leitete die erste grosse Materialschlacht ein. Karl Liebknecht war nach der Demonstration am 1. Mai verhaftet und nun zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Bei Jakobsstadt hatte eine russische Offensive eingesetzt, und Rumänien war in den Krieg eingetreten. Am was so vor sich ging, dass 22. August'feierte' Lisbeth ihren xxxkskag 28. Geburtstag, indem sie sich den Kindern eine Stunde lang widmete, und eine Woche später, an 29. August, wurde Hindenburg Generalstabs chef. Die Spaltung der SPD war Tatsache geworden, die' Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands" war entstanden. 126 -இது- " Die beiden in dieser Zeit wohl bekanntesten Frauen, beide in verantwortlichen Positionen, Klara Zetkin als Redakteurin der' Gleichheit' und Mitglied der Kontrollkommission, und Louise Zietz als weibliches Mitglied des Parteivorstands gingen zum Gründungsparteitag der USPD, in deren Vorstand Louise Z. gewählt wurde. Die Zusammenarbeit im Vorstand der SPD war schon vorher lädiert. Der schon seit einiger Zeit verwaiste Posten von Louise Z. als zentrale Frauensekretärin konnte aber nicht vor Klärung dieser Angelegenheit neu besetzt werden. Die in die Wehen der Spaltung zwangsläufig mit hineingezogene Frauenbewegung nicht nur Berlins war zerrissen, die Frauen selbst verstört und misstrauisch. Mit dem Parteitag der USPD war nun die Spaltung endgültig vollzogen. Eine Wiedervereinigung blieb einer ungewissen Zukunft vorbehalten. Zuerst wurden gegenseitig noch viele Wunden geschlagen, die erst verheilen mussten." Als zentrale transensekretärin nach Berlin] Nunes Rapitel Marie und Lisbeth, in erregter Unterhaltung über alles, was um sie herum vorging, besprachen gerade die Notwendigkeiten einer gutgegliederten Organisation für die Massenspeisungen in Köln, als ein Brief von Friedrich Ebert, dem Vorsitzenden der SPD, aus Berlin eintraf, in dem er Marie bat, zu einer dringenden Unterredung nach Berlin zu kommen. Ohne die geringste Vorstellung von dem, was man von ihr erwartete, fuhr sie los. Die Unterhaltung mit Fritz Ebert war kurz und klar: " Wollen Sie den Posten einer zentralen Frauensekretärin der Sozialdemokratischen Partei übernehmen und auch als Vorstandsmitglied der SPD in dieser Eigenschaft fungieren?" " Grundsätzlich in ich dazu bereit, aber-- das ist doch die Funktion, die Louise Zietz bis vor einiger Zeit ausübte?" Ebert nickte nur, denn er wusste, was sich Marie Juchacz in diesen Sekunden überlegte: durch Louise Zietz war Marie auf den Weg gebracht worden, der sie nun als deren Nachfolgerin zu einer Rankkian Tätigkeit zwang, die sich irgendwann einmal auch gegen Louise Zietz richten würde. Als Marie ihre Gedanken laut formulierte, meinte Ebert, dass er Marie als einen Menschen einschätze, der nicht nur die Klarheit, sondern auch die Festigkeit besitze, um auch mit solchen Schwierigkeiten fertig zu werden. Marie wusste, dass sie nach aussen hin diesen Eindruck machte, dass dieser aber nicht immer ihrer inneren Haltung entsprach. Im Falle Louise Zietz war sie sogar innerlich sehr erregt, erklärte sich aber bereit, das Amt der zentralen Frauensekretärin der Sozialdemokratischen Partei zu übernehmen. Wenn sie sich von Friedrich Ebert noch eine Übergangszeit erbat, dann nicht nur deshalb, weil sie ihre Kölner Arbeit nicht von heute auf morgen im Stich lassen wollte. Elisabeth sollte ihre Meinung dazu sagen, und falls es zum Umzug nach Berlin kommen sollte- gab es ja noch viele familiäre Probleme. Elisabeth stimmte selbstverständlich zu. - 127In Köln wur de die Übersiedelung von Marie nach Berlin in allen Einzelheiten besprochen, wobei sich die beiden Frauen daran erinnerten, dass Marie immer der Wegbereiter war, während Lisbeth folg te. So war es auf dem Weg Landsberg- Berlin, so war es auf dem Weg Berlin- Köln, und so würde es wahrscheinlich demnächst auch wieder sein, sein. Aber diesmal sollte Elisabeth länger in Köln kkkkaк, als sie selbst dachte. Die Kinder sollten auf alle Fälle in Köln bleiben, eine Umschulung mitten im Krieg war mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Marie machte sich ernste Gedanken darüber, denn Lisbeth hatte jetzt die alleinige Verantwortung für die drei Kinder, un d ausserdem ihre Arbeit, während sie, Marie, ohne jede Belastung familiärer Art in Berlin an die Arbeit gehen konnte. Aber auch dann, wenn Elisabeth selbst nicht von dem überzeugt war, was sie lediglich zur Verkleinerung effektiver Schwierigkeiten sagte, konnte sie Marie beruhigen, weil Lotte doch schon erwachsen und eine gute Hilfe sei," und mit Paul und Fritz werden wir Frauen schon fertig!" Marie war nicht ganz überzeugt davon. Ausserdem kannte sie ihre Schwester nur zu gut, um nicht zu wissen, wie Lisbeth es meinte. Aber sie machte dieses kleine Selbstbetrug- Spiel mit, weil es schliesslich keine andere und bessere Lösung gab. Trotzdem schob sie ihre Abreise nach Berlin noch hinaus und erlebte mit ihrer Familie den ersten grossen Kohlrübenwinters 1916/17, Morgens zum Anfang des Frühstück gab es eine Scheibe Kohlrübenbrot mit Kohlrübenmarmelade, dazu einen Schlück Kohlrübenkaffee. Mittags zogen Paul und Fritz mit einem Eimer los, um das Essen von der Massenspeisung zu holen. Diese Organisation war gerade erst angelaufen, und es gab noch nicht viele Verteilungsstellen. Zuständig für die Klettenbergstrasse war der Barbarossaplatz, am Ende der Luxemburgerstrasse. Mit der Strassenbahn brauchte man eine Viertelstunde, zu Fuß waren es hin und zurück gute zwei Stunden. Die Jungens wollten das Strassenbahngeld sparen und marschierten. Unterwegs organisierten sie alle möglichen Dinge zusammen. So vertauschten sie bei einigen Soldatenurlaubern Lederkoppel gegen Schuhfett, weil Fritz der Meinung war, aus dem Stiefalfett einen Brotaufstrich schmelzen zu können, Lisbeth und Marie mussten die Jungens davon überzeugen, dass der Tausch schlecht war, denn aus den Lederkoppeln hätte man Flecken für Schuhe herausschneiden können.- Wenige Tage später lagen dann" zufällig" neue Koppel in der Küche, und niemand fragte nach ihrer Herkunft. 128 - 1447Die Mütter Marie und Elisabeth hatten zuerst versucht, besonders den beiden Jungens beizubringen, dass Not zwar erfinderisch machen kann, dass man aber nicht stehlen dürfe. " Wir tauschen doch nur!", war di e xxxix ständige und prompte Antwort von Fritz, der alle möglichen Dinge zusammentrug, alte Weckeruhren, abgebrochene Messer, kaputte Scheren, um sie bei Spielkameraden in essbare Dinge" umzusetzen", in Brot, Rübenmarmelade oder Sacharin. Die Mütter drückten sehr oft beide Augen zu, auch wenn sie spürten, dass die Einflüsse dieser Kriegszeit auf die Kinder denkbar schlecht waren. Aber was sollten sie machen? Die Not brannte allen Menschen unter der Haut. Zu Beginn des Jahres 1917 fuhr Marie Juchacz nach Berlin, um ihre neue Funktion als zentrale Frauensekretärin der SPD zu übernehmen. " Friedrich Ebert, mit dem ich über den zweckmässigen Beginn meiner Arbeit sprach, gab mir den Rat, zuerst einmal in Berlin selbst zu beginnenn. Elfriede Ryneck, die ebenfalls Mitglied des Gross- Berliner Vorstandes war, stellte mit mir zusammen aus dem Gedächtnis Listen von Frauen zusammen, mit denen wir in kurzen Zwischenräumen zusammenkamen, um gemeinsam den Neuaufbau der Frauenbewegung zu beraten und trotz der unruhigen Verhältnisse durchzuführen. So gelang es uns, einen Teil der vor der Spaltung so blühenden Frauenbewegung wieder zu beleben und zu festigen. Einige Male fuhr ich dann auch meist auf Anforderung ausserhalb zu Versammlungen und Zusammenkünften. Eine meiner ersten Reisen in diesem Schneewinter habe ich nicht vergessen. Der Zug Berlin- Königsberg blieb im Schnee stecken und musste buchstäblich freigeschaufelt werden, 80dass ich erst am nächsten Morgen, statt am Abend vorher, in Königsberg ankam. Trotzdem führte ich meine Versammlungstour durch. Hier, nahe der russischen Grenze und dem östlichen Kriegsschauplatz, war von der Spaltung nichts zu spüren. Ich hatte in Königsberg, Tilsit, Gumbinnen und Memel sehr gut besuchte Versammlungen, mit vorwiegend weiblichen***** Besuchern, die alle bewusst und ernst wirkten. In Memel kamen sogar masurische Frauen, die weite Wege gemacht hatten. In ihrer Landestracht wirkten diese verschlossenen, kräftig gebauten Frauen im dämmrigen Saal vor mir wie ein schönes altes Gemälde. Ich habe- ausser Königsberg- keine dieser Städte wieder gesehen." Die ersten Monate waren für Marie Juchacz die schwersten. Louise Zietz war zwar zur USPD gegangen und auch in den Vorstand gewählt worden, aber - 129 - trotzdem hielten viele Sozialdemokraten ihr die menschliche Treue und standen dadurch zwangsläufig der Nachfolgerin misstrauisch gegenüber. " Man darf nicht denken, dass ich nun unbestritten den Platz als Frauensekretärin im Büro des Parteivorstandes bezog. Louise Zietz war beliebt, sie war eine glänzende Rednerin und hatte ständig jüngere Kräfte gefördert. Schliesslich hatte sie ja auch mich selbst damals den Kölner Freun den empfohlen. In dieser Zeit nun gingen die Wogen mitunter hoch, weil ich selbstverständlich eine andere sachliche Einstellung zur gegenwärtigen Parteipolitik und-taktik einnehmen musste. Es war mir schmerzlich genug, mehrfach in Zeitungen lesen zu müssen, dass sich die Frau, die gerade durch Louise Zietz gefördert wurde,' sich auf deren Stuhl setzte'. Diese Vorwürfe wurden in wesentlichen aus USPD- Kreisen erhoben, aber auch innerhalb der SPD hat es einige Zeit gedauert, bis eine gewisse Animosität gegen mich verschwunden war. Das musste ich ruhig abwarten. Zuneigung und Vertrauen lassen sich nicht erzwingen, sondern nur durch sachliche Arbeit und eine gute menschliche Haltung erobern. So erinnere ich mich an eine Versammlung in Hamburg. Hanna Reitze hatte sie einberufen. Die USPD hatte Louise Zietz, die in Hamburg ihrer Herkunft und Kraft entsprechend feste Wurzeln geschlagen hatte, als Rednerin geladen. Ich war innerlich sehr traurig über das hässliche Schauspiel dieser Versammlung, behauptete aber mit äusserer Ruhe meinen Platz am Rednerpult und man waste es nicht, sich gewaltsam hinauszuzerren. Ich war nicht nachtragend, hätte mich gerne einmal alleine mit Louise Zietz ausgesprochen, um ihr zu sagen, dass mein Gewissen mich ja freisprach. Denn nachdem sie dem Vorstand der neugeründeten USPD angehörte, musste doch deshalb ihr ehemaliger Platz nicht frei bleiben. Sie war natürlich klug genug, das zu wissen, war aber trotzdem unversöhnlich. Mir hat es sehr leid getan." aus Hamburg mit unbesckränkter Redezeit + - - Als Marie Juchacz nach Berlin zurückkam, klang noch immer das unerfreuliche bare Erlebnis nach, wie sie in das Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof kam, den grossen Saal betrat und sofort mit dem Antrag überfallen wurde, dass Louise Zietz als erste Rednerin und ausserdem sprechen müsse, I wie dann Louise Zietz zum Rednerpult ging, um- ohne Abstimmung sofort mit ihrer Rede zu beginnen, und wie Marie Juchacz, an einem höher als das Rednerpult gelegenen Tisch einfach aufstand und mit ihrer Rede begann. " Ich stand- rein örtlich gesehen einige Stufen höher als sie, begann zu reden( es war ja schliesslich eine von der SPD einberufene Versammlung lung), und so viel ich mich entsinne, verliessen die SPD- Teilnehmer - - Wann Vorweit 130 - 109nach meinen Vortrag geschlossen den Saal.- Das Ganze war, wenn man an die schwere Kriegszeit denkt, eigentlich eine grosse Kinderei." Obwohl Marie in Zug von Hamburg nach Berlin kein Auge zugemacht hatte, fuhr sie von Bahnhof nicht in ihr gemietetes Zimmer, sondern sofort in ihr Büro in die Lindenstrasse 3, wo schon der Redakteur der Zeitung des" Gemeinde- und Staatsarbeiterverbandes" auf sie wartete. Zum gleich chen Abend war im Saal des Gewerkschaftshauses eine Gewerkschaftsversam lung einberufen und es fehlte noch die Rednerin für das Frauenreferat. Obwohl der Redakteur meinte, dass es wahrscheinlich ziemlich tumultuös zugehen werde und obwohl Marie völlig übermüdet war, sagte sie zu. " Es kam so, wie der Redakteur vermutet hatte. Das Thema des Abends, ' Kriegskredite- taktische oder grundsätzliche Frage?', erhitzte die Gemüter, die Versammlung artete in eine wilde Schreierei aus. Da war es ein ganz junger Mann, der mir imponierte, wie er die Versammlung wieder zur Ruhe zwang. Welche Haltung er selbst zum Thema einnahm, weiss ich nicht mehr, aber die innere Reife dieses jungen Menschen war verblüffend.- Ich beregnete ihm später mehrere Male: ale Jungeozialist, ale Pafteisekretär und dann in der Eigration. Er ist heute aus Uberzeugung RED- Funktioner in der Ostzone Deutschlands." Nicht gestrichen!! Blaft aso!!! Während dieser ganzen Kriegsjahre hatte kein Parteitag der SPD mehr stattgefunden. Die einzuschlagende parteipolitische Linie war meist den örtlichen Funktionären überlassen, die sich zwar untereinander verständigten, aber auf viele Detailfragen keine antwort wussten. So wurde ein Parteitag nach Würzburg einberufen, auf dessen programmatischen Ablauf hier nicht eingegangen werden soll. Pür die Arbeit von Marie Juchacz war er von grosser Bedeutung: " Der Parteitag wählte mich in den Parteivorstand. Aus der Frauensekretärin wurde ein stimmberechtigtes Vorstandsmitglied mit den gleichen Funktionen vie bisher. Ich konnte nun meine Wünsche und Absichten in der kollegialen Körperschaft vertreten und mich an den anderen Arbeiten und Beschlüssen beteiligen. Aber wurde dadurch meine Arbeit leichter, oder gar gestützt?" Die Arbeit wurde schwerer und umfangreicher. Die innenpolitischen Ereignisse und die Vorgänge auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen waren alles andere als beruhigend. Als Marie Juchacz in den Maitagen des Jahres 1917 von einer schlesischen Versammlungsreise aus Breslau zurückkam auf ihrer letzten dortigen Versammlung wäre sie beinahe ver- 131 haftet worden, well eine Diskussionsrednerin gixxkixx die von Marie Juchacz umschrieben formulierte Forderung der Frauen nach Gleichberechtigung allzu deutlich zum Ausdruck brachte-, kündigte sich bereits der Zusammenbruch des Kaiserreichs mit seinen ersten Vorzeichen an. Schon im März hatten sich die deutschen Truppen auf die Siegfriedstellung zurückgezogen. Emil Kirschmann hatte an Elisabeth in Köln einen Feldpostbrief geschrieben, der Deutschlands Zukunft in den dunkelsten Farben schilderte. Diesen Brief fand Marie jetzt in Berlin vor, zusammen mit einem Brief ihrer Schwester Elisabeth, die- entgegen ihrer sonstigen Einstellung- einen sehr bedrückt klingenden Kommentar dazu schrieb. Zu Maves Bruder allem Überdruss war Otto Gohlke krank geworden, und von Ottos Sohn Ernst, der als Soldat an der Front war, kam keine Nachricht mehr, sodass Márie nicht wusste, wo ihr der Kopf stand. Auf der einen Seite verlangte die politische Arbeit ihren ganzen Einsatz, auf der anderen Seite wuchsen die privaten sorgen. - so elend, " Noch nie in meinem Leben bin ich richtig krank gewesen, aber jetzt fühlte ich mich obwohl ich körperlich durchaus gesund war dass ich es wahrscheinlich im ersten Augenblick als Erleichterung empfun den hätte, wenn ich wirklich krank geworden wäre. Marie Juchacz wurde nicht krank. Die Verantwortung für die ihr übertragene Aufgabe hielt sie aufrecht. Durch ihre Reisen von Berlin aus in alle Teile des Deutschen Reichs hatte sie viele neue Freunde gefunden, Mit Louise Schröder, Toni Pfulf, Dorothea Hirschfeld, Hedwig Wachenheim und vielen anderen war sie xxx schon sehr früh freundschaftlich verbunden. Besonders Louise Schroeder war ihr sehr schnell näher gekommen, aber doch nicht so nahe, dass sich diese beiden Frauen auch über private Probleme unterhalten hätten. Das geschah nur ein einziges Mal, als Louise Schroeder erfuhr, dass Marie zwei Kinder hat. " Ich bewundere Dich, Marie, wie Du trotz dieser Kinder Deine politische Arbeit bewältigst." " Da musst Du meine Schwester Elisabeth bewundern, die nicht nur meine beiden Kinder, sondern auch noch ihren eigenen Jungen betreut und in Köln ihre politische Aufgabe erfüllt." Zur gleichen Zeit, am 12. März 1918, schrieb Elisabeth aus Köln- Klettenberg einen Brief an Eveline, die Frau ihres Bruders Otto in Berlin: " Ich denke sehr oft an Euch alle, und durch Mieze erfahre ich dann und wann etwas von Euch und Eurem Leben.- Heute lege ich einige Bilder von uns bei. Sie sind sehr natürlich, ganz besonders die Kinder. Sie sind mittlerweile alle drei sehr gross geworden, besonders Lotte erscheint schon sehr erwachsen, trotz ihrer kurzen Röcke. Paul entwickelt sich . 132 - 150- körperlich und geistig auch sehr gut, besser, als wir bei seiner zarten Konstitution und bei seinen vielen Krankheiten anneamen konnten. Und mein Fritz ist auch gross geworden, und lustig und ruppig ist er, immer durcheinander. Eure Mädels könnten auch einmal schreiben, vielleicht besinnen sie sich noch auf ihre Tante Lisbeth, wo sie doch so oft zu uns nach Neukölln in die Warthestrasse zu Besuch kamen. Auch mein grosser Bruder darf ruhig einmal die Feder meinetwegen ins Tintenfass tauchen. Von unseren Kindern soll ich grüssen, sie besinnen sich allerdings nicht mehr auf alles, besonders Fritz als Jüngster." Elisabeth war in dieser Zeit, in der sich das Kriegsende ankündigte, der treibende Motor, der trotz der mehr und mehr wachsenden Arbeit Die Zeit fand, die familiären Bande festzuhalten: " Wer weiss, wie das Ende sein wird. Die Oberste Heeresleitung hat zwar von Auswärtigen Amt ein sofortiges Friedensangebot an die Entente verlangt, Hindenburg und Ludendorff haben schon vor einigen Wochen bein grossen Kronrat den Krieg für verloren gegeben, und die Oberste Heeresleitung spricht sich auf einmal für die Einführung des parlamentarischen Systems aus. Gröber, Erzberger, Haussmann und Scheidemann sind seit wenigen Tagen Staatssekretäre ohne Portefeuille. Was sollen sie denn auf einmal ausrichten? Man erzählt hier in Köln, dass der Kaiser abdanken wird. Irgend etwas muss sehr bald geschehen, denn wir spüren hier im Rheinland schon längst das Ende. Wie sollen wir unsere Kinder satt bekommen? Fritz ist duch die Wassersuppen so blasenkrank, dass ich mir grosse Sorge mache. Lotte und Paul sind ebenfalls unterernährt, aber nicht krank. Wenn ich die notdürftig gekleideten verhungerten Kinder auf der Strasse sehe, zieht es mir jedesmal das Herz zusammen." Das war der letzte Brief, den Marie von ihrer Schwester aus Köln bekam. Dann überstürzten sich die Ereignisse. Die Dienstverweigerung von Matrosen auf dem Linienschiff" Markgraf" am 28. Oktober war der Auftakt. Was sich dann ereignete, ist bekannt.[ Revolution- Gründung der Ju Au Am 9. November 1918 um die Mittagszeit hatten sich die mehrheitssoziaArbesterwohlfahrt. listischen Abgeordneten noch einmal mit den Mitgliedern des Parteiverstandes zusammengesetzt. Un 1 Uhr hatte der Reichskanzler, Prinz Max von Badeh, die Abdankung des Kaisers bekannt gegeben. An diesem Tage ruhte in Berlin die Arbeit, die Garderegimenter waren zur sozialistischen Bewegung übergetreten, und ein Arbeiter- und Soldatenrat hatte sich gebildet, der mit den sozialistischen Parteien über die Bildung einer neuen Regierung im Reiche und in Preussen verhandelte. Um 3 Uhr übernahm Ebert das Reichskanzleramt. Kurz vorher hatte sich Marie Juchacz von ihm verabschiedet, um wie sie sagte - wie sie sagte ihre Stellung in Ne Rapill . 433 1600der Lindenstrasse zu beziehen'. " Euer Kampf hat sich gelohnt, Marie Juchacz. xixxkakan Die Frauen sind wahlberechtigt. Jetzt macht den richtigen Gebrauch davon!" Nicht alle Frauen machten den richtigen Gebrauch davon. Marie Juchacz hat sich früh and später sehr Gedanken darüber gemacht: e " Es ist viel darüber gestritten worden, ob das Frauenwahlrecht nun ein Segt oder Unsegen ist. Meine Antwort ist, dass man es zum Glück nicht mehr abschaffen kann. Dazu hat es sich schon zu sehr in der ganzen Welt verankert. Es wird, auch wenn der Lauf der Geschichte durch die Stimmabgabe von Frauen manches Mal eine Richtung nahm, die nicht im Sinne derjenigen lag und liegt, die sich ein Leben lang fitr für dieses Recht eingesetzt und auch geopfert haben, doch das Mittel sein, mit dessen Hilfe die Frauen endgültig in ihre menschliche, politische, xxx wirtschaftliche und soziale Aufgabe nineinwachsen." · Nachdem am 19. Dezember 1918 auf einer Reichskonferenz der Arbeiterund Soldatenräte beschlossen warde, die schon am 9. November von Reichskanzler Ebert proklamierten Wahlen zu einer verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung abzuhalten, wurde die Wahl auf den 19. Januar 1919 festgesetzt. 18 Ta ge später, am 6. Februar, trat dieses Parlament zu seiner ersten Sitzung in Weimar zusammen. Zu den weiblichen Abgeordneten gehörten auch Marie Juchacz und Elisabeth Roehl, die beiden Schwestern, die sich hier wieder zu gemeinsamer politischer Arbeit zusammenfanden, xdx************ x Es war ein Ereignis, das dem die Redaktion der" Berliner Illustrirte Zeitung" so viel Beachtung schenkte, dass sie ihrer Ausgabe vom 9. März 1919 das Titelblatt mit dem Bild der beiden Frauen widmete. Es war eine Sensation, als Marie Juchacz als erste Frau eines deutschen Parlaments ihren Platz in der ersten Reihe der Nationalversammlung verliess, zum Rednerpult ging und ihren Vortrag mit der Anrede begann:" Meine sehr geehrten Herren und Damen!". Friedrich Stampfer, der inzwischen ebenfalls verstorbene Parteifreund von Marie Juchacz, sagte dazu: " Es war ein geschichtlicher Augenblick, als an einem Februartag des Jahres 1919 in der Nationalversammlung von Weimar zum ersten Mal eine Frau die Rednertribüne einer deutschen Volksvertretung betrat. Es war Marie Juchacz. Andere Frauen folgten. Sie hatte den ersten Platz, und sie hatte ihn verdient, nicht nur weil ihre Partei die stärkste war, sondern mehr noch, weil diese Partei- und Marie Juchacz mit ihr- allen 134 -159anderen in Kampf um das leiche Recht der Frau vorangegangen waren. Am 10. November 1918 wurde durch eine Proklamation der sozialdemokratischer Volksbeauftragten dese Forderung verwirklicht. Das war, was immer man sonst sagen mag, eine Revolution, und zwar wie ich zuversichtlich hoffe die segensreichste von allen. Denn mit ihr trat jene bis dahin rechtlos gewesene Hälfte der Menschheit in die Arena der Geschichte, die für die grauenhaften Untaten einer barbarischen Vergangenheit keine Verantwortung trug. Mit der Rednerin Marie Juchacz tritt uns ein neuer, ein ganz anderer Typ entgegen. Vorbei ist die Zeit, in der Vorkämpferinnen einer Frauenbewegung glaubten, sie müssten durch die Annahme männlicher Allüren ihre Gleichwertigkeit mit den Männern beweisen, ja vielleicht durch übertriebene Lautstärke und Gestikulation ihre Überlegenheit zeigen. Marie Juchacz ist die Frau, die ijre errungenen Rechte mit würdiger Selbstverständlichkeit wahrnimmt. Es ist die Mütterlichkeit, die frauliche Menschenliebe, die mit ihr in der Volksvertretung das Wort ergreift. Angesichts einer solchen Erscheinung, die erfreulicherweise nicht vereinzelt bleibt, muss die Witzelei der Spiessbürger, die in früherer Zeit den Fortschritt der Frauenbewegung begleitete, einer stummen Verlegenheit Platz machen. Durch Frauen wie Marie Juchacz wurde eine Tradition geschaffen, die im Bundestag ihre würdige Fortsetzung gefunden hat. Grosse Tage von der Art, wie sie der Bundestag bei der Debatte über die Gleichberechtigung der Geschlechter in Februar des Jahres 1954 erlebt hat, sind nur durch die Teilnahme von Frauen möglich geworden. Als Marie Juchacz ein junges Mädchen war, gab es für Frauen noch nicht das Recht, zu wählen oder gewählt zu werden oder auch nur einem politischen Verein anzugehören. Sie hatte nichts als ihre Energie, mit der sie zu einer der führenden Gestalten des öffentlichen Lebens emporstieg, nichts als den Willen, Dienerin icht einer' Herrschaft', sondern der ganzen Menschheit zu sein. So wurde sie zur Vorkämpferin einer friedlichen Revolution." - -die nach einem verlorenen krieg so dringende Aufbung Es war nicht leicht, untenarbeit in einer Zeit zu leisten, die trotz Kriegsende nicht zur Ruhe und zum sinnvollen Wiederaufbau ken. An 22. $ 1919, und 23. Juniwerahndelte die Nationalversammlung in Weimar über die Unterzeichnung des Friedensvertrages. Fünf Tage später wurde er in Schlogs zu Versailles unterschrieben. Marie Juchacz kannte seine Bedingungen nur zu gut und xi wusste, dass sie in der unterschriebenen Form niemals erfüllt werden könnten. Mit ihrer Schwester Elisabeth, die inzwischen in Köln Stadtverordnete geworden war, hatte sie in Weimar während der Sitzungen der Nationalversammlung viel Gelegenheit, diese Probleme nach allen Seiten hin durchzudenken, ohne aber zu irgendwelchen Ergebnissen zu kommen. - 135- Es war für Marie eine bittere Enttäuschung, dass die Sozialdemokraten in der Nationalversammlung nur mit 163 Abgeordneten vertreten waren. Sie fragte sich und rechnete, ob es möglich sei, dass der von der SPD nominierte Kandidat für das Amt des ersten Reichspräsidenten, Friedrich Ebert, unter diesen Umständen gewählt werden würde oder nicht. Es war fast an ein Wunder, dass der Reichspräsident am 11. Februar nach der Wahl Friedrich Ebert hiess. Wahrscheinlich hatte der Weltkrieg alle früheren Konstellationen über den Haufen geworfen, denn von den mehr als 50% vor Beginn des Krieges sozialistisch gesinnten Arbeiterinnen und Arbeitern hatten bei der Wahl zur Nationalversammlung nicht* x* x* x* x* x* kkal einmal die Hälfte ihre Stimme für die SPD abgegeben. Es gab in Weimar noch 42 Deutschnationale, 21 Deutsche Volksparteiler, 75 DeutschDemokraten, 75 Christliche Volksparteiler, 22 Unabhängige und 10 Splitter- Parteiler. Und in Deutschland ging es drunter und drüber. Hinzu kam der unselige Friedensvertrag, der schliesslich von Dr. Bell und Hermann Müller unterschrieben wurde. Die Diskussionen, Erwägungen und Prüfungen, ob unterschrieben werden solle oder nicht hatten Tage und Nächte gedauert. In einem Brief Elisabeths aus Köln an Marie nach Berlin heisst es: " Was wäre gewesen, wenn sich niemand zur Unterschrift gefunden hätte? Clemenceau hat keinen Zweifel daran gelassen, was dann geschehen würde.- Nach meiner Meinung hat wilson bei den ganzen und> Verhandlungen keine Rolle gespielt, die Franzosen haben gegen alle Vernunft gehandelt. So und so nimmt das kein gutes Ende." Dabei sollte es ein guter Anfang werden.- In vielen Unterhaltungen sagte Marie zu der bevorstehenden Entwicklung ihre Meinung, und mancher Parteifreund war der Meinung, dass sie zu schwarz sehe, wenn sie glaube, dass Deutschlands Wirtschaft Jahrzehnte benötigen würde, um sich nicht nur von den Folgen des Krieges zu erholen, sondern auch die Bedingungen des Friedensvertrags zu erfüllen. Dass die Radikalisierung, die sich schon in dieser Zeit ganz rechts und links in Putschen und Aufständen austobte, unter diesen innenund aussenpolitischen Verhältnissen weiter um sich greifen würde, stand wie ein böses Menetekel im Schatten aller politischen Zukunftsgespräche, durch die maries eigene Aktivität allerdings nicht beeinträchtigt wurde. Sie ahnte das Böse und wollte das Gute. Der alte Gedanke, während des Krieges schon einmal im Rheinland diskutiert und wieder zurückgedrängt, tauchte wieder auf: die Arbeiterschaft muss der Arbeiterschaft helfen, die Not zu lindern. - 136- " So wurde im Zentralpunkt Berlin gegen Ende des Jahres 1919 die ' Arbeiterwohlfahrt' geboren. Sie war in ihrem geistigen Keim schon viel früher entstanden, aber damals war der Boden noch nicht fruchtbar für sein Wachstum." Um zu verstehen, wie Marie Juchacz auf den Gedanken kam, eine Selbsthilfe- Organisation der Arbeiterschaft ins Leben zu rufen, müssen wir uns noch ein mal in die Zeit zurückbegeben, in der sie während des Krieges in Rheinland tätig war:, Vor und - 437 155" Es zeigte sich, dass wir immer wieder bei den das Leben der Frauen berührenden Schwierigkeiten des Tages landeten: die Teuerung, die kleine Wohnungs, der gernge Verdienst des Mannes( sofern er nicht Soldat war), die Notwendigkeit des itverdienens verheirateter Frauen, mancherlei Erziehungsschwierigkeiten, Krankheit in der Familie, Ehekonflikte, eine zu grosse Kinderzahl und Furcht vor neuem Zuwachs durch Geburt. Das waren die sorgen, die die Frauen ganz aus dem individuellen Gesichtspunkt der erlebten und im engsten Kreis beobachteten Not zu besprechen suchten. Es war nicht zu schwer, sie in der Diskussion von der Erörterung nur persönlichen Erlebens cazulenken, zumal ihnen der eigene Takt verbot, gar zu intime Erlebnisse aus der eigenen Familie vor mehr als zwei Ohren zu besprechen. Für mich galt es, das in persönlichen Gesprächen Aufgenommene für die allgemeine Duskussion in gesellschaftliche und soziale Zusammenhänge zu bringen, mit anderen Worten: sie erkennen zu lassen, dass fastadle ihre vielseitigen Nöte einen gemeinsamen Ursprung in den sozialen Verhältnissen hatten. Ich musste bei diesen Unterhaltungen bald erkennen, dass wir immer wieder an die Frage kamen:' Und wie helfen wir uns und den anderen?' Wie helfen wir uns schon heute, nicht erst in einer ferneren Zukunft, in der vielleicht durch eine soziale Gesetzgebung oder durch eine soziale Neuordnung der Produktion viele Nöte aufgehoben werden? Gibt es nicht schon jetzt augenblicktlich einige Möglichkeiten der Selbsthilfe, sei es auch nur zur Uberbrückung, bis zu einer Zeit allgemein fühlbarer Besserung der gesellschafftichen Zustände? Und bei diesen Debatten wurde wieder und wieder auf das Tun der kirchlichen Organisationen hingewiesen. Man wollte die Hilfe nicht so, in der Form einer frommen Barmherzigkeit, wie sie das Gefühl dieser und vieler anderer Frauen verletzte. Man wollte Hilfe auch nicht als Geschenk des Reichen an den Armen, worauf man ebenfalls sensibel reagierte, sondern mehr in Form der Selbsthilfe. Ich muss hier einfügen, dass die Sozialgesetzgebung damals nur die Unfall-, Alters-, Invaliden- und Krankenversicherung umfasste. Alle anderen Notstände gollten durch die' Armengesetzgebung der Länder erfasst und erledigt werden. Armenpfleger rekrutierten sich aus den Reihen des Handwerks und des mittleren Bürgertums. Sozialdemokraten und Frauen waren zumeist ganz ausgeschlossen. Im Rheinland hatte man- welch Riesenfortschritt!- einige katholische Lehrerinnen in diese Arbeit aufgenommen. Eine moderne Wohlfahrtsgesetzgebung wurde erst nach 1919 begonnen. Es war in der Familie des Arbeiters verpönt,' Armenunterstützungen' anzunehmen. Obwohl es ich zum Beispiel bei den Krankenhauskosten für die 138 154nichtversicherten Frauen oder Kinder nur um Darlehen handelte, die in jedem Fall auch abzutragen waren, ruhte das Wahlrecht des Mannes so lange, bis die Schuld getilgt war. In Familien, die längere Zeit, so z.B. bei Arbeitslosigkeit, Armenunterstützung annahmen, hatte der Mann kaum jemals wieder die Aussicht, ein vollberechtigter Bürger zu werden. Abgesehen von dieser empfindlichen Bestrafung der Armut galt és im öffentlichen Bewusstsein für eine Schande,' Almosenempfänger' zu sein. Das Selbstbewusstsein des organisierten Arbeiters vertrug das nicht mehr. Diese Stimmung übertrug sich in erfreulicher Weise auch auf die damals noch nicht wahlfähigen Frauen dieser Familien. Das war ein gutes Barometer für das Gefühl menschlicher Würde. Man muss wissen, dass im Deutschland dieser Zeit sich jede selbständige Entwicklung der Arbeiterbewegung in weltanschaulichen Kampf vollzog. Die Gegensätze bestanden nicht nur zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehm mer. Der Staat und alle Institutionen waren stark gegen politische und soziale Forderungen der Arbeiterbewegung eingestellt. Es war alles Kampf. Die Kirchen und ihre Träger stellten sich fast durchweg von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen in den Dienst der Gegner der Arbeiterbewegung. Die Schärfe dieser Auseinandersetzungen un bessere Lebensbedingungen und in Bestreben der Sozialdemokratie um Besserung aller gesetzlichen Verhältnisse zugunsten der breiten Masse der Bevölkerung taat auf beiden Seiteng stark in den Vordergrund. So war es wohl kein Wunder, dass die Frauen, mit denen ich zu tun hatte, Hilfe für sich und ihre Familien von kirchlicher Seite kommend ablehnten. Zum Teil wurde eine solch Hilfeleistung auch unter Erwartungen angeboten, die direkt oder indirekt mit Forderungen verknüpft waren, die man nicht erfüllen konnte oder wollte. Nach Kriegsende 1918 und nach der Revolution trat die Arbeiterbewegung in eine neue Phase ihrer Entwicklung. Schon allein durch das Frauenwahl recht bekam die oziale situation ein neues Gesicht. Auf dem sozialen Sektor machte sch eine Verschiebung auch dadurch bemerkbar, dass nach Meinung der Träger der traditionellen Wohlfahrtsorganisationen' plötzlich für sozialdemokratische Kräfte keine Verwendung mehr da sein sollte. Sozialistische Abgeordnete? Stadtverordnete? Ja natürlich, das geht ja( leider) nicht anders! Einzelne Bürger von Fall zu Fall? Ebensol Aber darüber hinaus, in zentralen und regionalen Körperschaften? ' Nein, denn sie haben ja keine derartigen Organisationen hinter sich.' Dabei waren die Notstände riegengross. Der Krieg 1914/18 war ernährungsmässig sehr schlecht vorbereitet gewesen. Die Schwierigkeiten der Versorgung brachten schon während des Krieges Unterernährung schlimmster Art für Frauen und Kinder. Dazu die Überarbeit der Frauen. Der Zusammenbruch Ende 1918 fand die soziale Not auf ihrem Höhepunkt. Die Männer kamen 139 - 157. zurück, zum Teil krank, arbeitsunfähig, verworren, weil sie nicht ganz verstanden, was vor sich ging. Zum grössten Teil strebten sie ihren Arbeitsplätzen zu, soweit diese noch vorhanden waren, oder suchten sich neue Arbeitsplätze. Dabei lösten sie die Frauen ab, von denen nun viele plötzlich vor dem Nichts standen. Der Krieg hatte grosse psychologische Änderungen und solche der äusseren Lebens gewohnheiten und Anschauungen verursacht. Nahrungsmittelmangel, Teuerung, Massenerkrankungen von Kindern und Erwachsenen als Folgen vorkergegangener Unterernährung und Überanstrengung, Demoralisationserscheinungen vornehmlich auch bei der Jugend, zerrüttete Ehené, Verwilderung der Sitten, die sich ankündigende Geldentwertung und die allgemeine politische Verwirrung bestim ten das Bild des sozialen Lebens. In der Arbeiterbewegung lag damals der Gedanke nahe, nun die vielen freiwilligen sozialen Kräfte der Kriegszeit zusammenzufassen und daraus etwas Zweckmässiges und Neues zu xxxxfanx formen. Es wollte aber - aus sehr vielen Schwierigkeiten nichts derartiges zur Durchführung kommen. So oft diese Frage noch so dringlich im engsten Kreis durchgesprochen wurde-, wir kamen nicht über die ersten Schwierigkeiten hinweg. Der Reichspräsident Friedrich Ebert gab uns das Motto:' Die Arbeiter- Wohlfahrt ist die Selbsthilfe der Arbeiterschaft'. Nach den materiellen wat konnten nun durch die grosse und schöne Geste eines Freundes alle psychologischen und prinzipiellen Bedenken überwunden werden. Dass die Idee einer sozialen Organisation auf dieser Basis bereits in den Köpfen unserer Freunde wurzelte, ist durch zwei Dinge bewiesen: durch die Gründung des Hamburger Ausschusses für soziale Fürsorge'schon im Sommer 1919, und durch die widerspruchslose Aufnahme der' Arbeiter- Wohlfahrt' in ganzen Reich, ixx* x* x* gegen Ende des Jahr res 1919, und durch ihr schnelles Wachstum. Bezirks-, Orts- und Kreis- sogar ausschüsse wurden gebildet, Vertrauensleute in kleinen Orten auf dem Lande- wurden gefunden, alles entwickelte sich in schneller Folge." Names Rapitel: [ Organisation und Arbeitsgebiete der AW Zuerst wurden die Aufgaben der Arbeiter- Wohlfahrt' sehr allgemein 77 wachsen] gesehen: Hilfe von Mensch zu Mensch in grosser Not war zu leisten. Auslandshilfe unterstützte die ersten Bemühungen. Aus diesem Zustand wuchs die' Arbeiter- Wohlfahrt' bald heraus. Es war erstaunlich, mit welcher Schnelligkeit die junge Organisation Tie Kinderschuhe austrat, wie ein Arbeitsgebiet nach dem anderen erkannt und in Angriff genommen wurde, in wievielen Variationen die Hilfe von Mensch zu Mensch sich entwickel te, wie stark aber auch das Bedürfnis wuchs, mehr von den Notwendigkeiten dieser Arbeit zu wissen und dieses Wissen ständig zu erweitern und zu vertiefen. X 140 -158Vieles von den Entwicklungsmöglichkeiten unserer sozialen Arbeit war vorauszusehen gewesen. Neues, Überraschendes kam hinzu. Vom Reichstag her kan das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz, Mitarbeiter der ArbeiterWohlfahrt' sassen in Parlament und trugen die Ideen moderner Jugendwohlfahrt in das Gesetz hinein, alles vollzog sich in dauernder Wechselwirkung. Die Länder, Städte und Landkreisey mussten sich mit der Ausführung der neuen Gesetzgebung praktisch beschäftigen. Die Arbeiter- Wohlfahrt' musste die gewählten Vertreter in den Kommunen und ihre Mitarbeiterschaft mit der neuen Entwicklung vertraut machen.- Die Arbeitslosenversicherung und Fürsorge, wie der Ausbau der Sozialgesetzgebung überhaupt stärkerer Arbeitsschutz, Schwangeren- und Wöchnerinnen- Fürsorge- brachten nicht nur Hilfe für die Betroffenen. Sie trugen ebenfalls mit dazu bei, die moderne Auffassung über soziale Hilfsmassnahmen, die Verpflichtung der Allgemeinheit zur Teilnahme an sozialer Arbeit deutlich zu machen. Erwähnt zu werden verdient besonders das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten', in welchem mit ganz alten, längst überlebten Ideen aufgeräumt wurde. Die von der Arbeiter- Wohlfahrt zu leistende Aufklärungs- und Bildungsarbeit war von Beginn an sehr intensiv und steigerte sich ständig. Für die ehrenamtliche Arbeit fanden laufend zentrale und regionale Kurse statt, um die Mitarbeiter mit der neuen Gesetzgebung und ihrer Ausführung bekannt zu machen. Um mit den Kräften der Arbeiter- Wohlfahrt' auch in die soziale Berufsarbeit vorzudringen, waren zuerst einige Sonderlehrgänge notwendig. Reife Persönlichkeiten, die auf Grund ihrer Berufserfahrung einen Abschluss und staatliche anerkennung brauuhten, nalumen daran teil. Darüber hinaus wurden mit Darlehen und Beihilfen der Arbeiter- Wohlfahrt' jüngere Menschen in vorhandene soziale Schulen vermittelt. Für andere wurde die notwendige Vorschulung geschaffen, sie strebten mit Hilfe unserer Organisation über die Kindergärtnerin and Hortnerin zur Jugendleiterin oder auch über die Krankenpflege zur sozialen Berufsausbildung. Moderne Komunalverwaltungen kamen uns mit der Bereitstellung von Plätzen für das soziale Vorpraktikum entgegen. Doch es stellte ich sehr bald die Notwendigkeit zur Schaffung einer eigenen sozialen Ausbildagsstätte der Arbeiter- Wohlfaart' heraus, um der Notwendigkeit einer guten Berufsausbildung genügen zu können." * Schon im Jahre 1918 war in Berlin- Schöneberg eine soziale Frauenschule entstanden, deren Programm auf die neue Zeit ausgerichtet war. Die Initiatorin und Leiterin kixxx war Dr- Alice Salomon.- Was sich Marie Juchacz unter den Aufgaben und Zielen der Arbeiterund eigener Schulen Wohlfahrt vorstellte, sprengt bei weitem den Rahmen, der durch die damals aufgestellten Satzungen gezogen wurde. - 141- Menschen kamen zu Marie, die sie in ihren Überlegungen bestärkten, neue Gedanken beisteuerten und diese eigenen Gedanken mit eigener Initiative weiterentwickelten, wozu der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt nicht nur in diesen' Gründerjahren', sondern auf Grund der noch heute gültigen Gesamtkonzeption jede Möglichkeit bot. So muss eine Frau genannt werden, die sich in besonderem Maße um die Entwicklung der Arbeiter- Wohlfahrt verdient gemacht hat: Hedwig Wachenheim. Mit dem, was sie einmal niederschrieb, greigt sie zwar mit einigen Gedanken dem chronologischen Ablauf der biographischen Darstellung vor, akaxakkaristaxkxxkaxxxxgaahhx■■ яk versucht aber gleib zeitig, dem Wesen und Charakter von Marie Juchacz gerecht zu werden. Sie schreibt: -142zu " Wie Marie Jchacz auf den Gedanken kam, die' Arbeiter- Wohlfahrt gründen, weiss ich nicht mehr. Sie zog mich heran, als sie schon zur Gründung entschlossen war. Diese Gründung war eine ausgezeichnete idee für die Frauensekretärin der Sozialdemokratischen Partei- Marie Juchacz's berufliche Stellung bis 1933, denn die AW gab den Frauen der SPD eine Möglichkeit der Betätigung im Staats- und Gemeindeleben, die mancher Frau besser liegt als nur über Politik zu lesen und zu diskutieren. Ich war damals eine der wenigen in der Partei tätigen Frauen, die in der Wohlfahrtspflege ausgebildet und schon einmal in eines Wohlfahrtsant tätig gewesen war. So bat Marie Juchacz mich, Mitglied des Hauptausschusses zu werden. Ich übernahm die Leitung der Ausbildungskommission, die ebenso wie die Anstaltskommission nicht nur über Fachfragen des Ausbildungswesens oder anstaltswesens beriet, sondern fest mit zum Organisationsapparat des Hauptausschusses gehörte, denn die Ausbildungs kommission leitete die Ausbildungsarbeit des Hauptausschusses genau so wie die Anstaltskommission sene Anstalten. Selbst später, als der Hauptausschuss mehr Personal einstellen konnte, änderte sich das Verhältnis der beiden Kommissionen zum Hauptausschuss nicht. Ich hatte 1926 vorgeschlagen, eine Halbmonatsschrift mit dem Titel' ArbeiterWohlfahrt' herauszugeben und übernahm die Redaktion der Zeitschrift. 1928 gründeten wir die ste Wohlfahrtsschule der AW und ich wurde Vorsitzende des Ausschusses, der die Schule leitete. So gehörte ich zum Stab der AW, ohne von ihr angestellt gewesen zu sein. Das gleiche galt für Elisabeth( Kirschmann)-Roehl, die Vorsitzende der Anstaltskommission, Maries jüngere Schwester, die 1930 mit etwa 42 Jahren starb. Die gemeinsame Arbeit brachte mich beiden Frauen persönlich nahe, und besonders mit Elisabeth verband mich ehe persönliche Freundschaft, die noch intimer wurde, als ich 1928 in den preussischen Landtag gewählt wurde, dem Elisabeth schon länger angehörte. Die beiden Schwestern wen von einer gegenseitigen Innigkeit, wie man sie selbst bei Schwestern selten beobachtet. Sie hatten sich, aus den einfachsten Verhältnissen kommend, zu einflussreichen Stellungen in der Arbeiterbewegung emporgearbeitet und lebten in Köln und Berlin zu - 149- Beide tranen sammen. Ihre drei Kinder gehörten ihnen gemeinsam. e waren sich äusserlich ähnlich, aber verschieden in ihrem Wesen. Marie war verschlossen und herb, voll strenger Würde. Elisabeth war gemütlich, weich, freundlich, fröhlich, den Annehmlichkeiten des Lebens zugetan. Sie schrieb gewandt und hübsch ohne viel Schwierigkeiten. Als Rednerin gefiel uns Marie besser. Sie war imposant durch ihre Schwere, während Elisabeth mir oft zu leicht und weiblich erschien. Elisabeth hatte eine leichte Auffassungsgabe und arbeitete sich schnell in die Probleme der Anstalts fürsorge ein. Der Immenhof als Fürsorgeerzienungsanstalt der AW war ihre Idee, und sie hat unendlich viel von ihrer Arbeitszeit auf ihn verwandt. Sie hatte künstlerischen Geschmack, das sah man dem Haus an. In einem aber waren sich die Schwestern ähnlich: sie waren beide vollkommene ladies'. Ich verwende hier ausdrücklich den englischen Ausdruck, denn er vereinigt Gesinnung und äussere Form. Ich habe nie von einer der beiden ein unvornehmes Wort gehört, eine unvornehme Geste gesehen oder eine intrigue erlebt. Marie konnte abweisend sein, aber launisch war sie nie, und nie unsachlich. Elisabeth war gelöster, aber in Wohlfahrtsausschuss der preussischen Landtagsfraktion übte auch sie ihr Amt mit Würde aus und ordnete mit heiterer Liebenswürdigkeit die verschiedenen Meinungen der Sache un ter. Als sie tot war, wurde es uns viel schwieriger, einheitliche Meinungen zu erzielen und die natürlichen Eifersüchteleien aus zuräumen. Bei aller Verschlossenheit war Marie eine angenehme Vorsitzende der AW. sie liess i ren Mitarbeitern freie Hand, verlangte aber dennoch, gefragt zu werden. Und ich frug. Das war ich selbstverständlich ihrer stellung schuldig. Ich wusste ja auch, dass sie nie ohne guten Grund, den ich vielleicht nicht im voraus kennen konnte oder übersah,' nein' sagen würde. Sie war nicht weniger unternehmungslustig als ich selbst. Die Ausbildungsarbeit stiess in Gebiete vor, die sonst ausserhalb des Wirkungsbereichs der Arbeiterbewegung lagen. Durch die Zeitschrift konnte sie schnell und durch gute Fachleute ihre Meinung auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege formulieren und der Öffentlichkeit darlegen und durch die Schule die Verwaltung mit Menschen, die unmittelbar aus der Arbeiterschaft kamen, durchsetzen. Aber wenn ich das Gefühl hatte, dass ich der Öffentlichkeit oder auch unseren Schülern einmal ganz deutlich klar machen müsse, was die Arbeiterbewegung auf einem bestimmten Gebiet der Wohlfahrtspflege oder innerhalb der Schule mit gewissen Entscheidungen bezwecke, bat ich Marie um ihre Unterstützung. An der Zurückhaltung und dem Ernst, mit dem sie dann sprach, spürte man, wie schwer sie es 144 151 nahm, vor Fachleute hinzutreten und ihre Meinung zu gegen. Aber ge- rade dadurch überzeugte sie ihre Hörer von der Bedeutung ihrer Worte und der Tatsache, dass die Meinung der Arbeiterbewegung nicht über- gengen werden dürfe. Neires Kapitel Erich Ollenhauer – Hertha Gotthelf- Martha Eva Parker-Prochownik- Dorothea Hirschfeld- Louise schröder 2 Um der Arbeit von Marie Juchacz- und auch der Leistung der anderen damals politischöf tätigen Menschen-gerecht zu werden, genügt ein Vergleich nit der heutigen Bandesrepublik. Deut chland ist zwar noch inder gespalten in West und Ost, kontinentale Probleme ha- nen sich zu globalen Dimensionen entwickelt, der Erdball ist nach wie vor erschüttert. Aber während heute die Entwicklung der Dinge sic in organischem Fluss befindet, wirtschaftliche und soziale Probleme arlamentarisch-demokratischer Basis angegangen und gelöst wer- auf den, herrachte nach 1918 in Deut chland ein Tokuwabohu, das in keine Ordnung zu bringen war. Während die sich in der parlamentarischen Kinderheit befindlichen Sozialdenkraten versuchten, die Republik zu festigen, wurden diese Bemühungen ununterbrochen gefährdet und ver- eitelt. Wühlarbeit von links und rechts unterminierte jeden Versuch der politischen und gesellschaftlichen Ordnung. In unvorstellbarer Kleinarbeit verbrauchten damals viele Menschen ihre Kräfte. Marie Juchacz und ihre Schwester Elisabeth Rochl gehörten zu den Unerändlichen, die nicht darauf warteten, dass die Dinge an sie brantraten, sondern versuchten, ihnen entgegen zu geben, um sie in die beste Richtung zu lenken. So war Marie Juchacz nicht nur durch ihre parlamentarische Arbeit als Mitglied des ersten Reichstags aus- gefüllt, sondern bewältigte die Aufgaben als zentrale Frauensekretärin der ffD, als Vorsitzende der nach der Gründung gewaltig anwachsenden Arbeiter-Wohlfahrt, d 1s Rednerin und Schriftstellerin, und als Vor- standsmitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend, der sie viel Zeit widmete, weil ihr die Sorge um die Jugend vordringlich war. Zu den jungen Menschen, zu denen Marie Juchacz damals engeren und fruchtba- 145 32 X ren Kontakt bekam, gehörte auch Erich Ollenhauer, der seit dieser Zeit den Lebensweg von Marie Juchacz kennt. Heute, wo ihn seine Arbeit an die Spitze der SPD gestellt hat, sagt er: " Wir werden dem Lebenswerk von Marie Juchacz nicht gerecht, wenn wir es nur versinnbildlicht sehen in ihrem engen Verhältnis zur Arbeiter- Wohlfahrt. Ihre Initiative und ihre Aufbauarbeit in diesem Stück der modernen Arbeiterbewegung entsprang tieferen Wurzeln als nur den Bemühen, auch auf der Seite der Arbeiterbewegung das grosse Gebiet der Wohlfahrt und Fürsorge für die sozial Schwachen unter sozialistischen Gesichtspunkten zu organisieren. Der Lebensweg von Marie Juchacz war ein Weg des Kampfes und der Arbeit für ein menschenwürdiges Dasein und für die Anerkennung der elementaren Grundsäkzurechte, vor allem für die sozial Schwachen und dabei in erster Linie für die Frauen. Marie Juchacz hat in jungen Jahren den Kampf für die politische Gleichberechtigung der Frau aus sozialer, staatsbürgerlicher und menschlicher Benachteiligung aufgenommen und sie stand schon in der vordersten Reihe, als 1918 die Revolution den Fæzuen das Wahlrecht verlieh und damit den ersten grossen und entscheidenden Schritt auf den Wege der vollen Gleichberechtigung tat. Dabei war Marie Juchacz sebst in der Zeit der härtesten politischen Auseinandersetzungen alles andere als der Typ der' politischen Frau', die nur die politische Aufgabe sah. In den ersten Jahren der Weimarer Republik war sie als Mitglied des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands auch Mitglied des Vorstands der Sozialistischen ArbeiterJugend, und wir Jüngeren haben damals in der Zeit des Aufbaues der neuen sozialistischen Jugendbewegung immerin Marie Juchacz die verstehende, gute und mithelfende Kameradin gefunden." Auch Hertha Gotthelf, heute in Vorstand der SPD, kam aus den Reihen der Arbeiterjugend und fand schon sehr früh den ersten Kontakt mit Marie Juchacz: " Es muss so um 1920 gewesen sein, as ich Marie Juchacz das erste Mal bei einer sozialdemokratischen Frauenkonferenz in Breslau sah. Wir Jungen', die wir in unseren Abenden der Arbeiterjugend und der Jungsozialisten gewohnt waren, voller Selbstvertrauen unsere Meinung zu sagen und die' Alten' und besonders den Parteivorstand zu kritisieren, waren ganz still und kleinlaut in Gegenwart dieser herben, klugen und überlegenen Frau. Dass sich hinter diesem herben Wesen sehr viel warme Mütterlichkeit verbarg, merkte man erst, wenn man das Glück hatte, sie aus näherer Zusammenarbeit kennen zu lernen. Nicht nur zur Arbeit der AW, die immer ihr 146 - 139- liebstes Kind war, brachte te neben ihrer grossen Brfahrung und ihrem klaren, praktischen Verstand ihre ganze menschliche Grösse und Anteilnahme. Gerade auch in der politischen Arbeit war sie immer und zuerst der gütige, warmherzige Mensch. - Die Jahre des Wirkens as Leiterin der sozialdemokratischen Frauenarbeit Deutschlands waren Jahre des Aufstiegs. Von 1918 bis 1930, als die wirtschaftliche und politische Krise in Deutschland sich auch in ständig wachsenden Schwierigkeiten für die Organisationsarbeit der SPD aus zuwirken begann, wuchs unter ihrer Führung die SPD- Frauenarbeit sowohl zahlenmässig als auch in der Vielfalt der Probleme, die angesprochen wurden. Fast ein Drittel aller Mitglieder der SPD waren damals Frauen, und im Reichstag gab es keine der grossen politischen, wirtschaftlichen, sozialpolitischen und kulturellen Fragen, in denen nicht auch die Frauen ein sehr gewichtiges Wort mitzusprechen hatten. Wir, die wir nun selber heute schon grau geworden sind, lernten in dieser Zeit des Aufstiegs und des Erfolges von Marie Juchacz nicht nur ' das Handwerkliche' der politischen Arbeit, sondern ihr Beispiel zeigte uns vor allem, dass für eine nachhaltige Wirkung der Arbeit für die Ziele unserer grossen sozialistischen Bewegung nicht nur ein Wissen um Form und Inhalt notwendig ist, sondern dass gerade diese Arbeit die Bereitschaft, den ganzen Menschen einzusetzen, verlangt. Ich glaube, nichts kennzeichnet Marie Juchacz besser als der unvergessliche Ausspruch, den sie einmal getan hat:' Wir dürfen nicht fragen, was bietet mir die sozialistische Bewegung, sondern was kann ich der sozialistischen Bewegung geben. Gerade weil die Menschen, die mit ihr zu tun hatten, ob Freunde oder Gegner, diesen inneren Antrieb ihrer Arbeit aurten, war und ist sie x****************** *********** к weit über die Kreise der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands hinaus im In- und Ausland geachtet, bewundert und verehrt. Wir sind stolz, dass unsere Bewegung Menschen wie marie duchacz hervorgebracht hat." - x Die Arbeiter- Wohlfahrt, am 13. Dezember 1919 gegründet, war noch in ihren allerersten Anfängen. Marie Juchacz befand sich auf einer Reise durch Oberschlesien und die deutschen Ostprovinzen, In Posen lernte sie Martha- Eva Parker- Prochownik kennen, eine an allen Problemen brennend interessierte Frau, die sie sofort zur Mitarbeit heranzog: " Im März 1920 hatte ich eine Konferenz mit Marie Juchacz in Berlin über die politische Lage in der Stadt und Provinz Posen, die sich . 147 B - 14- ständig xxxx* x* x** Ex für le deutsche Minderheit verschärfte. Der deutsche Volksrat und Frauenrat bemühte sich um die Beratung und Hilfe für die Abwanderer, und es wurde von ihr erwogen, in wieweit es möglich und notwendig war, im Rahmen der Gewerkschaften und der SPD eine besondere Beratung zu organisieren. Marie wollte alles vermeiden, was parteipolitische Unterschiede verschärfen konnte, und betonte die Notwendigkeit, mit Politikern wie dem polnischen Reichstagsabgeordneten Korfanty enge Fühlung zu halten. Marie liess sich von mir regelmässig berichten, wei keine deutschen Abgeordneten, die zu den Linksparteien gehörten, im Reichstagvertreten waren, die aus eigener Brfahrung sprechen konnten. Sie interessierte sich vor allem für die ausschlaggebende Rolle, die der polnische katholische Klerus seit dem Beginn der Ansiedelungspolitik der preussischen Regierung in den Ostprovinzen gespielt hatte, der während des Krieges offen die Wiederherstellung des polnischen Staates nach dem Kriege verlangte. Sie war beeindruckt durch den nachhaltigen Binfluss, der durch Kirche, Schule und Wohlfahrtspflege auf die Bevölkerung ausgeübt wurde, und erörterte sofort die Entwicklungsmöglichkeiten einer Arbeiterwohlfahrt. · Ich lebte damals in Posen und meine Ausweisung war zu erwarten. Sie erfolgte kurz darauf. In den Jahren 1920 bis 1922 nahm ich teil an Besprechungen und Konferenzen, die zwischen dem Deutschen Roten Kreuz und der Arbeiter- Wohlfahrt in Sachen der Fürsorge für Mutter und Kind stattfanden. Adele Schreiber war damals die Leiterin der Abteilung Mutter und Kind' des Roten Kreuzes. Der damalige Rot- Kreuz- Geschäftsführer, General Draudt, äusserte oft seinen hohen Respekt vor der objektiven, sachlichen Behandlung aller einschlägigen Fragen. Er hatte im Anfang gefürchtet, dass es zu Zusammenstössen mit der' roten Frau Reichstagsabgeordneten' kommen würde. In der gleichen Zeit förderte Marie die Tätigkeit des Oberschlesischen Pressedienstes der Reichsregierung, der von Dr. Adolf Grabowsky geleitet wurde. Sie bemühte sich um eine grosse Kundgebung im Reichstag, bei der Friedrich Ebert sprach. In xatt* x* x* x* яn Gesprächen ging eie oft auf die weittragenden Folgen ein, die das Abstimmungsergebnis auf das axzI Geschick von tausenden von Familien haben würde. Nach der Gründung der Reichsarbeitsverwaltung war Marie in steter Fühlung mit Gertrud Hanna und Franz" pliedt, die die Freien Gewerkschaften der Verwaltung gegenüber vertraten. Zu Marie's grundsätzlichen Forderungen, die sie mit Nachdruck vertrat, gehörten ein sehr viel weiter vorausschauendes Arbeitsbeschaffungsprogramm, das auch den Frauen grössere und bessere Arbeitsmöglichkeiten verschaffen sollte, vor allem den Frauen von Kriegsbeschädigten, deren finanzielle Lage bedenklich . 148 -15schlecht war. Sie verlangte die rasche Eröffnung von Kinderkrippen und Horten durch die Industrie und durch Stadt- und Kreisverwaltungen, weil die bestehenden Einrichtungen den Be ürfnissen längst nicht mehr genügten, und war besorgt über die Zunahme der Heimarbeit, die überwiegend völlig ungeschützt' war und bei der sehr oft kleine Kinder mitarbeiteten. Die sittlichen, sozialen und wirtschaftlichen Gefahren der beginnenden Inflation wurden nach ihrer Erfahrung in ihrer ganzen Schwere von den Verantwortlichen, von Politikern, Wohlfahrtspflegern, Ärzten und Theologen, nicht wahrheitsgetreu eingestanden, um die' Volksmoral' nicht zu schwächen. Sie war über dieses Versagen weiter Kreise sehr enttäuscht und sagte bei einer Besprechung: ' Nach allem, was die Masse der Arbeiterschaft seit 1914 an Opfern gebracht hat, ist dieses kaltschnäuzige sich- Abfinden mit den nicht wegzuleugnenden Tatsachen ein Verbrechen an der kommenden Generation.' Noch später, während der Hitlerzeit, als wir uns in der Emigration begegneten und von den Ursachen der ganzen Entwicklung sprachen, sagte sie des öfteren, dass die Unterlassungs sünden der Gesetzgeber, der Verwaltung und der Industrie zu Beginn der zwanziger Jahre zwangsläufig zu einer tiefgreifenden Erschütterung des Vertrauens zu Staat und Gesellschaft führen mussten. Sie war bedrückt über die mangelnde Energie und voraussicht, die die in der Mehrheit hefindlichen nicht- sozialistischen Parteien der Weimarer Republik in entscheidenden Fragen gezeigt hatten. Während der Besetzung des Rheinlands war Marie beschäftigt mit Fragen der menschlichen Annäherung und Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland, und mit den Möglichkeiten des Einflusses, der durch FrauCund enstimarecht Frauenvertretung in den Parlamenten für die Zukunft erwartet werden könnte. Andererseits erkannte sie die mangelnde Bereitseh schaft, sowohl hüben als auch drüben eine wirkliche und echte gegenseitige Verständigung zu erstreben. Schon damals gestand sie, dass es sie beunruhige, zu beobachten, dass ganz allgemein gesprochen- die weiblichen Wähler durch Appelle an enttäuschte Hoffnungen, Vorurteile und Geltungsbedürfnis durch agitatorische Manöver radikaler Parteien und Strömungen zur Unterstützung von extremen Richtungen gewonnen werden könnten. Marie hat während der zwanziger Jahre- und auch rückschauend während ihres Aufenthaltes in den USA gerne von ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen im Reichstag gesprochen und auch immer anerkannt, dass die Zusammenarbeit mit den weiblichen Abgeordneten anderer Parteien befriedigend, oftauch erfreulich gewesen sei. 149 1166-> Ich selbst hatte besondere Gelegenheit, mit Marie während der Vorbereitung des Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten zusammen zu arbeiten. Sie fand es manches Mal belustigend, meist aber doch betrübend, mit welchen Ballast an vorgefassten Meinungen sehr viele Gegner der Gesetzgebung an die Fragen der Bekämpfung herangingen. Es wurde immer wieder die Furcht geäussert, dass eine Gewährleistung der leicht erreichbaren, freien ärztlichen Behandlung zu einer weiteren Demoralisierung der Massen' führen würde. Von Vertretern einer evangelisch- dogmatischen strengerAuffassung der Erbsünde- Lehre wurde immer wieder bekannt, dass die in der Gesetzgebung zum Ausdruck kommende Weltanschauung die moralische Grundlage der Familie auf das Schwerste gefährde und ein Freibrief für unverantwortliches Verhalten in sexualverkehr sei. Marie war in Fühlung mit Dr. Magnus Hirschfeld, Professor Jadassohn- Breslau, Abraham Flexner, der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtskrankheiten, der' League of Nations, mit Iwan Bloch, A. Blaschko, Anna Popritz und vielen anderen. Sie interessierte sich für die Gründung der Pflegeänter und beteilgte sich laufend an den Besprechungen über die Organisation der neuen Binrichtung und die Einordnung in den Rahmen der öffentlichen Wohlfahrts- und Gesundheitspflege. Sie war überzeugt, dass die gesetzgeberischen Massnahmen gegen die Prostitution, gegen den Mädchen handel und die Zuhälterei die stete Aufmerksamkeit der Gesetzgeber verlangten, weil die Strafbestimmungen und der Strafvollzug sowie die Bemühungen der öffentlichen Kontrolle sich in Großstädten oft als unwirksam erwiesen, gesehen vom Standpunkt der Vorbeugung und der Abschreckung. An diesen Beratungen nahm auch sehr oft Gustav Radbruch teil. a In Gesprächen, die Marie nach 1919 besonders mit Arbeitern führte, erhielt sie den Eindruck, dass bei den Besitzern der Grossindustrie und bei den von ihnen hängigen Mittelbetrieben eine mehr oder weniger offene Neigung bestand, die Separatisteh- Bewegung im Rheinland zu stärken, da sie annahmen, dass jetzt- nach dem Kriege durch den stärkeren Einfluss der SPD in Reichstag eine Steuer- und sozialgesetzgebung mit verstärkten Lasten für die Betriebe zu erwarten sei. Marie war davon beeindruckt, dass die Arbeiter durch ihre Identifizierung mit der SPD und der Zentrumspartei sich als' nationaler' erwiesen als die Kreise und Organisationen, die so gerne den Nationalismus als Aushängeschild benutzten." Gue der + 1 ersten Frau die 1919 in ein Reichsministerium in den höheren Verwaltungsdienst berufen wurde, war Dorothea Hirschfeld. In der Abteilung" Soziale Fürsorge für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene" . 150 1-57übernahm sie das Referat" Kriegerwitwen- und Kriegerwaisenfürsorge": " Die einzige deutliche Erinnerung an eine engere Zusammenarbeit mit Marie Juchacz- so sagt Dorothea Hirschfeld- habe ich aus den Anfängen meiner Tätigkeit im Reichsarbeitsministerium. Es handelte sich damals darum, den Kriegerwitwen, deren Betreuung in mein Referat fiel, Berufsmöglichkeiten zu schaffen. Dabei war der Gedanke aufgetaucht, für einen verkürzten Nachschulungskursus für Wohlfahrtspflegerinnen, den Alice Salomon in ihrer Wohlfahrtsschule zum ersten Male plante, um den zahlreichen Frauen, die ich nach dem ersten Weltkrieg ohne genügende Vorbildung der Wohlfahrtspflege zur Verfügung stellten, eine solche zu ermöglichen und auch geeignete Kriegerwitwen vorzuschlagen. Dieser Plan war zunächst zwischen Marie Juchacz und mir besprochen und dann an Alice Salomon herahgebracht worden. Ich entsinne mich, dass eine grosse Zahl von Gesuchen von Kriegerwitwen eingingen, meist veranlasst durch die damals entstandenen Verbände der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen, an die die Anregung dazu von damaligen eichsausschuss der Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenen- Fürsorge ergangen war. Diese Gesuche haben Marie Juchacz und ich sorgfältig geprüft, und ich habe damals einen ganz starken Eindruck davon gehabt, wie verständnisvoll und objektiv Marie Juchacz an diese Aufgabe heranging, wie sie in Rücksprachen mit den Antragstellerinnen es verstand, den Frauen die Anforderungen des sozialen Berufs klar zu machen und ihnen mit gütigen, aber bestimmten Worten zu sagen, wenn aus irgend welchen in der Person der Antragstellerin liegenden Gründen dem Gesuch un Aufnahme in den Kursus nicht entsprochen werden konnte." Wenn Dorothea Hirschfeld auch nicht mehr direkt mit Marie Juchacz zu der tun hatte, so blieb sie doch der arbeiter- Wohlfahrt Mitarbeiten in verbunden: " Sie wurde noch enger geknüpft, als die AW 1924/25 daran ging, einen Nac hechulungskursus für in der Wohlfahrtspflege stehende Männer und Frauen zu veranstalten. Hier liegen die Anfänge der systematischen X Schulungsarbeit der AW, die dann einige Jahre später zur Gründung der eigenen Wohlfahrtsschule der AW führten. Ich habe von Anfang an an dieser Arbeit teilgenommen, wobei mir die Tätigkeit in Ministerium naturgemäss sehr zugute kam, und kann sagen, dass die Erinnerung an sie zu den schönsten meines Berufslebens gehört." + Bei der Charakterisierung der Aufbau- und Entwicklungsarbeit der AW darf auch die Stimme von Louise Schroeder nicht fehlen, Ein Jahr vor ihrem Tode liess die einstmals regierende Bürgermeisterin Berkins noch -151einmal die Septembertage des Jahres 1926 lebendig werden: " Vor air liegt das Protokoll der bevölkerungspolitischen Tagung des Hauptausschusses für Arbeiter- Wohlfahrt in Jena von September 1926. Es stimmt mich wehmütig und froh zugleich: wehmütig, weil der grösste Teil der damaligen Referentenwie Dr. Quarck, Dr. Moses, Gertrud Hanna, Elisabeth Kirschmann- Roehl uns seit langen zum Teil infolge nationalsozialistischer Grausamkeiten- verlassen mussten. Nur Dr. Zadek und Dr. Kautzky weilen ausser mir selbst unter den Lebenden. Es stimmt mich aber auch froh und stolz zugleich, zu sehen, mit welchem Ernst die junge Arbeiterwohlfahrt die im Kaiserreich ungelöst gebliebenen und durch den ersten Weltkrieg so viel dringender gewordenen Probleme wenige Jahre nach ihrer Gründung in Angriff nahmund versuchte, nicht nur Schäden zu heilen, sondern die Ursachen zu ergründen und ihnen entgegenzuwirken. Selenwir uns das Inhaltsverzeichnis an, so werden nach dem grundlegenden Referat über Sozialismus und Bevölkerungspolitik' der Schutz der schwangeren Arbeiterin in Betrieb', die Fragen der ' Prostituierung und Reglementierung sowie der Schwangerschaftsunterbrechung und-verhütung' jeweils von ärztlichen und vom sozialen Standpunkt untersucht und behandelt, in einer Weise, die heute nicht veraltet, sondern noch ausseordentlich aktuell ist. Wen r verdanken wir diese Arbeit, ebenso wie nache andere? Hat auch Marie Juchacz die Tagung nur mit einigen wenigen sachlichen Worten eröffnet, so wissen wir doch, wie die als Vorsitzende der AW hinter dieser Arbeit stand. Darüber hinaus finden úr als Angang zum Protokoll eine Eingabe, die Marie Juchacz im Namen der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands bereits im Jahre 1918 an den Raichstag zu den Gesetzentwürfen über Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, Verhinderung der Geburten, Unfruch barmachung und schwangerschaftsunterbrechung eingereicht hat. Was Marie Juchacz in dieser Eingabe niederlegte, zeigt ihre grosse forge um die Franen und ütter und um die gesunde Nachkommenschaft. So war die Jenaer Konferenz nur eine Folge ihrer schon früher angestellten Erwägungen, und dafür können wir, die wir in der Weimarer Zeit an der Lösung der Probleme mitarbeiten durften und auch heute noch vor gleichen Problemen stehen, ihr nur von Herzen dankbar sein.", 9 News Kapitel Familiares Zwischenspiel Noch vor der von Louise Schröder erwähnten Jenaer Konferenz hatte es in der privaten Sphäre der Schwestern Juchacz- Roehl einige Veränderungen gegeben, die nicht erschütternd waren, die aber erwähnt werden sollen, weil sie sowohl zum Bild der Zeit als auch zum Leben von Marie und Elisabeth gehören. Diese kleinen Veränderungen ergaben sich als Folge der politischen Tätigkeit der beiden Schwestern und entwickelten sich zwangsläufig aus dem Wachstum der Kinder. Schon mehérere Jahre vorher, 1921, war Elisabeth aus der Stenzelstrasse 13 in Köln- Klettenberg in die Nähe des sehr schönen Klettenbergparks gezogen. Hier war trotz aller Nachkriegswirrnisse ein - 152- Siedlungs- Komplex mit Ein- und Mehrfamilienhäusern entstanden, д* In der Lorbergstrasse 28 im ersten Stock hatte sich Elisabeth eine kleine Wohnung gemietet, die sie ganz nach ihrem künstlerischen Geschmack einrichtete. Maries Tochter Lotte hatte gerade ihr Abiturientenexamen bestanden, wollte Jura studieren und ging nach Berlin. Paul hatte schon mit jungen Jahren Geschmack an der Kandwirtschaft gefunden. Der noch in der Kriegszeit gemietete Schrebergarten in der Siebengebirgsallee war von ihm fachmännisch bewirtschaftet worden und hatte dazu beigetragen, die dürftige Kriegskost mit frischen Gemüsen, Salaten und Hülsenfrüchten zu bereichern. Es lag also nahe, dass er als landwirtschaftlicher Eleve in Freiburg im Breisgau begann. ve lieb mit ihrem Fritz, der das Realgymnasium in Kölnlindenthal besuchte, vorerst alleine in Köln. Emil Kirschmann, der gesund aus dem Krieg nach Köln zurückgekommen war, betätigte sich sofort als eifriges Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und entwickelte dabei seine journalistischen Fähigkeiten, sodass es nicht lange dauerte, bis er als Redakteur in die Rheinische Zeitung in Köln eintrat und bei seiner Tätigkeit als politischer Journalist durch Wilhelm Sollmann und Georg Beier auf einen guten weg gebracht wurde. Emil und Elisabeth, die sich ja schon während des Krieges kennengelernt hatten, fanden sich nach dem Kriege in guter Kameradschaft wieder. Als dann endlich am 7. März 1922 die Scheidung von Elisabeth Roehl von ihrem Mann von dem sie seit dem Ausbruch des Krieges - - nichts mehr gehört hatte ausgesprochen wurde, heirateten Emil und Elisabeth, die jetzt unter dem Namen Elisabeth Kirschmann- Roehl lebte und arbeitete. Sie war nach** x* x* x Auflösung der Nationalversammlung durch den Bezirk Obere Rheinprovinz als Abgeordnete für den Preussischen Landtag aufgestellt und auch gewählt worden, fungierte als Stad verordnete in Köln, und fand noch Zeit und Gelegenheit, sich auch journalistisch und schriftstellerisch zu beschäftigen. Emil Kirschmann war inzwischen auch als Abgeordneter in den Reichstag gewählt worden, dem auch Marie Juchacz seit seinem Bestehen angehörte, sodass es sich zwangsläufig ergab, dass das Dreigespann Juchacz- Kirsch mann- Roehl längere Zeit in Berlin sein musste. In dieser Zeit schlug Marie einige Male vor, in Berlin ein zweites Zuhause zu gründen. War sie selbst aus beruflichen Gründen im Rheinland, hatte sie in Köln immer eine Bleibe. Dasselbe erstrebte sie nun für Lisbeth und Emil, die sich aber erst dann dazu entschlossen, als Emil als Oberregierungsrat in das Preussische Innenministerium gerufen wurde. Marie entdeckte in Berlin- Köpenick eine gerade entstehende Siedlung von kleinen Einfamilienhäusern, sprach mit ihren politischen Freunden · - 153- in Berlin, die ebenfalls auf Wohnungssuche waren, und so ergab es sich von selbst, dass sich einige der noch nicht sesshaft gewordenen Sozialdemokraten in dieser Siedlung niederliessen. Während sich Marie, Lisbeth und Emil für das Häuschen in der Alten Dahlwitzerstrasse 83 entschieden, wählten Toni Pfulf, Elfriede Ryneck, Johannes Stelling und mancher andere die nähere oder weitere Nachbarschaft dazu. Die unmittelbare Sorge um die Kinder Lotte, Paul und Fritz waren die Mütter und der neue Stiefvater Emil insofern losgeworden, als Lotte nach wie vor eifrig Jura studierte, unter anderem auch im Ausland, so in Greboble in Frankreich, währen d Paul nach und nach auf verschiedenen Provinzialgütern als landwirtschaftlicher Verwaltungsassistent und Praktikant für seine zukünftige Aufgabe als Gutsverwalter vorbereitet wurde. Fritz, dem die Großstadt- Athmosphäre mit ihren durch die Inflation besonders offenkundig gewordenen Gefahren allerlei Kummer machte und nicht nur ihm, sondern auch seinen Müttern und seinem Stiefvater- suchte sich aus den verschiedenen Landschulheimen, die in Salem, in Juist, xxx im Odenwald und anderswo entstanden waren, Schloss Letzlingen in der Altmark aus, um dort die letzten beiden Jahre vor seinem Abitur zu lernen. Diese Trennung der Familienmitglieder voneinander hatte aber nicht die geringste Entfremdung zur Folge. Im Gegenteil, die Gelegenheiten, bei denen man sich im Familienkreis wiedersah, ergaben sich nicht nur in den Ferien. Da das Häuschen in Köpenick auf die Dauer für die Unterbringung aller Familienmitglieder zu klein war, und es sich herausgestellt hatte, dass nicht nur Marie einen eigenen Wohn- Teil haben müsse, sondern auch Lisbeth und Emil, weil alle drei zu den verschiedensten Tages- und auch Nachtzeiten ein- und ausgingen und auch zu Hause arbeiteten, wurden Erweiterungspläne für das Häuschen geschmiedet. Es war eine Art Ausgleichssport, mit eigenen innenarchitektonischen Ideen nicht nur theoretisch Raum für alle zu schaffen, sondern auch praktisch durchzuführen. Und was hier in Köpenick entstand, war wirklich praktisch und durchdacht bis in alle Einzelheiten. Manche Idee zur Lösung innerbaulicher häuslicher Probleme hätte nicht nur heute noch Gültigkeit, sondern könnte immer noch Beispiel sein. Zweifellos hat hier das Erbe, das Ma rie und Lisbeth von ihren Eltern mitbekommen hatten, mitgeholfen, aber beide Frauen übersetzten ihre natürliche Begabung xxx zugleich in die Erfordernisse der Zeit, die für alle Menschen schwer war. Der verlorene Krieg, adie darauf folgenden Wirren mit Putschen, Streiks und Unruhen, die Inflation, die die Gegensätze noch deutlicher und bitterer machte, die deutsche Wirtschaft, die I Nemes Rapitel[ Rudolf Wissel- Cona Wagnis Јованка Неужани з - 154sich dadurch und durch die in Versailles gemachten Friedensvertragsbedingungen unmöglich davon erholen konnte, das alles war die Ursache für den luftleeren Raum, in dem xxxk die Menschen der Weimarer Republik knapp sieben Jahre nach Kriegsende atmen mussten. So versuchten Marie und Elisabeth, dem arbeitenden Menschen wieder klare Vorstellungen vom Wert des Daseins zu geben, von der Notwendigkeit, sich mit wenn auch noch so bescheidenen Mitteln die Athmosphäre zu schaffen, die das Leben lebenswert macht. Da in Zeiten der grossen Not die Menschen selbst nicht mehr die Kraft aufbringen, einen neuen Anfang zu machen, mussten die wenigen Menschen, die über diese Kraft und über das Wissen um die Notwendigkeiten verfügten, eingreifen. Auch diese Gedanken waren ursächlich für den plötz lichen Entschluss, im Augenblick der höchsten politischen und wirtwchaftlichen Not die Arbeiter- Wohlfahrt ins Leben zu rufen. Marie verstand es, nicht nur ihre Parteifreunde, sondern auch die Allgemeinheit so für ihre Idee zu gewinnen, dass sich die Organisation der AW schneller vollzog und zur praktischen Arbeit kam, als das jemals zu erwarten war. Marie Juchacz war noch während der Nationalversammlung für den dann folgenden ersten Reichstag im Wahlkreis Spandau- Potsdam- Osthavelland als Kandidatin der Sozialdemokratischen Partei aufgestellt worden, zusammen mit Rudolf Wissel und Rudolf Breitscheid. Als Rudolf Wissel dxx dann das Arbeitsministerium übernahm, fand die AW in ihm einen wohlwollenden Förderer, der als Sozialdemokrat erkannte, welche Aufgaben dieser" Institution der Arbeiterschaft für die Arbeiterschaft" erwuchsen: " Mit dem Anwachsen der Arbeiterbewegung wurde zwar immer wieder an das soziale Gewissen der Regierungen appelliert, aber das, was uns heute so selbstverständlich erscheint, wurde in schweren Kämpfen in den Parlamenten und durch Streiks erzielt. Aber so manche individuelle Not wurde nicht erfasst. Den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden standen keine solchen gegenüber, die von der Arbeiterschaft selbst getragen wurden. Schaut man auf die von Marie Juchacz ins Leben gerufene Arbeiter- Wohlfahrt und auf die Anfänge dieser Gründung zurück, so weiss wohl nieman besser als ich, welche Sorgen ihr durch diese Einrichtung erwuchsen. Auch ich konnte ihr dabei in meiner Tätigkeit als Arbeitsminister helfen. Im Haushalt des Arbeitsministeriums waren schon lange vorher Mittel zur Unterstützung der privaten Wohlfahrtsorganisationen vorgeshen. Der Verteilungsschlüssel der dafür eingesetzten Beträge lag in der zur Verfügung stehenden Bettenzahl der Anstalten. In dieser Hinsicht konnte aber die ju ge Arbeiterwohlfahrt, die sich im wesentlicher nur auf die Beiträge ihrer Mitglieder aus Arbeiterkreisen stützen 155- konnte, nicht konkurrieren. Der vorgesehene Verteilungsschlüssel konnte also nicht beibehalten werden. Es war nicht leicht, die schon bestehenden christlichen Wohlfahrtsverbände von der Notwendigkeit einer Anderung zu überzeugen. Aber der schliesslich gefundene Weg machte es möglich, auch die Arbeiterwohlfahrt an den Zuschüssen der Reichsregierung zu beteiligen." Das Arbeitsministerium war nicht die einzige staatliche Stelle, die den Bemühungen der jungen AW gegenüber aufgeschlossen war. Marie benutzte jede Gelegenheit, um durch Wort und schrift das grundsätzliche Ziel der Arbeiter- Wohlfahrt aufzuzeigen, es nicht nur dem Gesetzgeber, sondern auch dem, der vom Gesetz betroffen ist, nämlich dem durch Gesetze gelenkten Staatsbürger. So schrieb sie im Jahre 1922: " Das Goethe- Zitat' Gesetz ist mächtig, mächtiger ist die Not' hat seine Wahrheit zu jeder Zeite poche erwiesen. Die kapitalistische Wirtschaftsepoche wirfty Massen in Elend und Not. Verbrechen und Vergehen gegen Gesetz und Sitte sind ihre Begleiterscheinungen. Menschen, die vielleicht niemals vom Wege abgearrt wären, straucheln und fallen. Hilflose Geschöpfe, Kinder, Kranke und Greise leiden gesundheitlich und moralisch, und gehen zugrunde, wenn ihnen nicht mildtätige Hande- oder die Gesetzgebung und die öffentlichen Einrichtungen helfen. Die Maldtätigkeit, die ihren Boden in der Kirche und in kirchlichen Vereinigungen fand, konnte zu allen Zeitennur in beschränktem Umfange helfen. Auch liegt es auf der Hand, dass sie in der Regel parteiisch verfuhr und heute noch verführt. Heuchelei und Lüge, Demoralisierung der Hilfsbedürftigen sind oft unerfreuliche Folgeerscheinungen dieser privaten Mildtätigkeit. Das gesunde Gegenstück dazu sind Aktionen der Selbsthilfe, so wie sie in den Reihen der Arbeiterschaft geübt werden, durch durch die Sozialdemokratische Partei, Gewerkschaften, Bildungsausschüsse durch die Jugendbewegung und durch Arbeiterwohlfahrtsausschüsse. Von diesen soll hier die Rede sein. Die gesetzliche Festlegung der Krankenversicherung, die Unfall-, Alters- und Invalidenversichenng des Reiches sind die XxgakxxXKE Erfüllung von Forderungen, die von der Arbeiterschaft immer wieder gestellt wurden. Die Abstellung oder Milderung aller sozialen Nöte ist. jedoch damit nicht im entfertesten erschöpft. Die geistigen Kräfte der Arbeiterschaft wirken weiter in den Parlamenten, in der GesetzCoffentlichen gebung und im Selbstverwaltungskörper, also in Einrichtungen, die neben der Gesetzgebung auf dem Wege der Verwaltung manche Maßnahmen zur Abstellung sozialer Not einleiten können. -> 156nun Aber der Krieg und seine Folgen haben die soziale Not ungeheuer vergrössert. Die Demokratie hat xxxx Kräfte ausgelöst in der Allgemeinheit zu ihrer Bekämpfung. Das Bewusstsein, dass die Arbeiterschaft nicht mehr nur xakjaki Objekt, sondern auch Subjekt bei Hilfsaktionen sein kann und will, ist in weite Kreise gedrungen. In den Städten, in Landkreisen, in amtlichen und privaten Körperschaften sind heute Männer und Frauen der Arbeiterschaft ehrenamtlich und in geringerer Zahl auch gegen Entgelt für die Abstellung der sozialen Nöte tätig. • Um diese Kräfte zu sammeln und diese Entwicklung zu fördern, sind innerhalb der Sozialdemokratischen Partei die Ausschüsse für Arbeiterwohlfahrt entstanden. Nicht das ist ihr Ziel, dass sie Gelder sammeln und Almogen verteilen, dass sie in den ausgetretenen Bahnen der privaten Mildtätigkeit weitergehen und dadurch alle vom Gesichtspunkt der Volkserziehung, der sozialen Ethik und der Moral so verderblichen Fehler mitmachen. Nein, sie wollen die soziale Arbeit mit einem neuen Geist beleben. Als die besten Träger dieses modernen Geistes betrachten sich die Männer und Frauen der Arbeiterschaft selbst. Sie kennen die sozialen Nöte der" eit aus eigener Erfahrung und Anschauung. Kann man auf dem Wege, den man dabei zurücklegen muss, einzelnen unglücklichen Weggenossen Hilfe bringen, nun gut, so soll das geschehen. Jedoch das Ziel ist: Abstellung der sozialen Not durch Gesetzgebung und pflegerische und fürsorgerische Arbeit der Selbstverwaltungskörper. Das heisst, dass wir nicht Almosen bringen wollen, sondern das Recht für die Opfer einer Gesellschaft, deren sozialer Aufbau und deren Wirtschaftssystem die Menschen einer solchen Gesellschaftsordnung zu deren eigenen Opfern macht. Dieses Zi el soll erreicht werden durch Zusammenfassung aller in der Wohlfahrtspflege tätigen Frauen und Männer, durch Gewinnung neuer Kääfte, durch Schulung der bereits tätigen und der neu herangezogenen Kräfte, durch Stellungnahme zu allen Wohlfahrtsfragen in der Öffentlichkeit und durch ihre wissenschaftliche Durcharbeitung, durch Wahrnehmung der Interessen de Arbeiter bei der Besetzung von Stellen und bei der Vermittlung ahrenamtlicher Hilfskräfte xxxk für die öffentliche Wohlfahrtspflege, durch Vertretung der Arbeiterschaft bei den Behörden des Reichs, der Länder und der Selbstverwalt ingskörper, bei Zusammenschlüssen der Wohlfahrtsorganisationen sowie bei der Zusammenarbeit mit gleichartigen Organisationen. Deshalb ist der Hauptausschuss für Arbeiter- Wohlfahrt entstanden, deshalb findet diese Idee nicht nur in der gesamten Partei fruchtbaren Boden, sondern in der ganzen Öffentlichkeit, wie das durch die Bildung der Ortsausschüsse für Arbeiterwohlfahrt und durch das rege - 157Leben in diesen Ausschüssen von Tag zu Tag mehr bewiesen wird." Dieser programmatische Artikel, zwei Jahre nach der Gründung des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt niedergeschrieben und zu Beginn des Jahres 1922 in einem" Jahrbuch für Arbeiterfrauen und Töchter" veröffentlicht, ist nur einer von vielen, mit denen Marie das Gewissen der Öffentlichkeit wecken wollte. Im gleichen Jahrbuch finden wir übrigens als Autorinnen von Aufsätzen die Namen von Frauen, die zu den damals aktuellen Problemen stellung nahmen, Frauen, die- wie Marie Juchacz- nach dem Weltkrieg zum ersten Mal im Licht der politi se hen öffentlichkeit standen. So schrieb Marie Juchacz noch über " Das Wahlrecht der Frau"," Die Frau als Staatsbürgerin", Louise Schröder schrieb zum Thema" Mutterschaft", Clara Bohm- Schuch über " Die Frau und der Friede", Gertrud Hanna über" Frauen in der Gewe kschaftsbewegung", Johanna Reitze über" Die Macht der Presse", und über" Arbeiterinnenschutz" Toni Pfülf über" Ziele des Sozialismus, und scheinbar abseits von diesen aktuellen Problemen schrieb Elisabeth Roehl" Über die Mode der Frauenkleidung". Es war für den xxxxxxxxkaxkadd Biographen verlockend, diesen Abstecher zu machen, der sich aber entschuldigen lässt, weil alle oben genannten Frauen zu Maries engsten und oft besten Mitarbeitern und Freunden rechneten so weit man bei diesen Freundschaften das ganz Private ausschaltet. Eine Frau, die ebenfalls xxx sehr früh den Lebensweg von Marie Juchacz kreuzte, war Erna Magnus, die**** später in der Emigration in den Vereinigten Staaten von Amerika wieder mit ihr zusammentraf. Was Erna Magnus grundsätzlich zum Thema Wohlfahrtspflege und über die Entwicklung der Arbeiterwohlfahrt bzw. über ihre Aufgaben sagt, könnte ebensogut von Marie Juchacz gesagt worden sein. Deshalb soll sie hier zu Worte kommen: " Mitarbeit ehrenamtlicher Kräfte war seit der Einführung des Elberfelder Systems um die Mitte des 19. Jahrhunderts charakteristisch für die Wohlfahrtsarbeit in Deutschland geworden. Für Jahrzehnte aber waren breite Schichten der Bevölkerung von solc er Mitarbeit praktisch ausgeschlossen gewesen durch lange Arbeitstage und auch durch Vorurteile mancher Art gegen die Angehörigen der Minderbegüterten, denen der Zugang zu einer umfassenderen Schulung für lange Zeit verschlossen war. Lebensbedingungen zu schaffen, die es den Menschen ermöglichen, ihre eigenen Kräfte vol zu entfalten und ein menschenwürdigeres, freudeerfülltes Dasein zu führen, darum war es der Arbeiterwohlfahrt von An - 158- beginn ihres Bestehens zu tun. Das bedeutete für die Mitarbeiter der Arbeiter- Wohlfahrt zweierlei; es verlangte erstens politische Mitarbeit, Teilnahme an der Gestaltung der sozialen und sozialpolitischen Gesetze, durch die die Arbeitsverhältnisse, Arbeitsbedingungen und Lebensumstände entscheidend beeinflusst werden. Es verlangte zweitens Mitarbeit, tagaus, tagein, in unzähligen Gemeinden, in stadt und Land, an der Durchführung der sozialen Gesetze. Denn davon, wie diese Gesetze und im besonderen Wohlfahrtsgesetze verstanden werden, hängt ja das Wohlergehen der vielen einzelnen, der vielen Familien ab, auf die die Gesetzgebung praktische Anwendung findet. Notwendigkeiten, Marie Juchacz erkannte bei der ründung der Arbeiterwohlfahrt, dass erfolgreiche Mitarbeit auf dem" ebiet der Gesetzgebung sowohl, wie auf dem der Verwaltung nicht nur bei den ehrenamtlichen, sondern mehr noch bei den in beruflicher Arbeit tätigen Kräften gute allgemeine Kenntnisse und gute Fachkenntnisse voraussetzt. Deshalb sah Marie Juchacz für die Arbeiter- Wohlfahrt im Rahmen der allgemeinen Ziele und der organisatorischen xxxxxxxx zwei besondere wichtige Aufgaben, un deren Erfüllung sie sich mit ungeme ner Energie bemühte. Einmal kam es darauf an, dass die Männer und Frauen, die auf Grund veränderter politischer Verhältnisse nach 1918 zur ehrenamtlichen und beruflichen Mitarbeit in Gemeinden und Gemeindeverbänden in der Wohlfahrtsarbeit herangezogen wurden, in der Lage waren, sich sachkundig an der Mitarbeit zu beteiligen. Diese Linsicht führte in den zwanziger Jahren zur Schaffung von Schulungskursen für ehrenamtliche Mitarbeiter in allen Teilen Deutschlands. Wesentlich war, dass die Teilnahme von ehrenamtlichen Xxxxxxxxx Kräften an diesen Schulungskursen, die häufig acht oder zen Tage dauerten, sich nicht auf die Menschen in Großstadtgemeinden beschränkte, sondern sehr planmässig und überlegt die ehrenamtlichen Helfer aus kleinen Gemeinden und Landkreisen heranzog. Die Bereitschaft zu lernen, die innere Anteilnahme jedes einzelnen dieser Männer und Frauen meist waren es Gruppen von etwa dreissig Teilnehmern, von denen viele lange arbeitslos gewesen waren- gab diesen Kursen ein ungewöhnliches Gepräge. Unter den Leitern und Lehrkräften waren höhere Verwaltungsbeamte, Lehrkräfte von Schulen u.a. Die Lebenserfahrung der Teilnehmer ermöglichte es, für schwierige gesetzliche und Verwaltungs- Probleme Verständnis zu schaffen, selbst da, wo die allgemeine Schulung auf Grund wirtschaftlicher und sozialer Umstände sear begrenzt war. Die zweite* x* x** Aufgabe, die Marie Juchacz im Rahmen der Schulungsarbeit der Arbeiter- Wohlfahrt sah, betand darin, Frauen und Männer aus allen Kreisen der arbeitenden Bevölkerung für vollberufliche Mitarbeit in Jugend- Wohlfahrts- und Ges indheitsämtern vorzubereiten. Dazu war 159fachliche Schulung, das heisst eine Sozialarbeiter- Ausbildung erforderlich. Diese Einsicht führte im Jahre 1928 unter der Initiative von Hedwig Wachenheim zur Schaffung der Wohlfahrtsschule des Hauptausschus ses für Arbeiter- Wohlfahrt in Berlin. Wesentlich mr, dass es jungen Menschen aus der Arbeiterbevölkerung im ganzen Lande, die den Wunsch hatten, in der Wohlfahrtspflege zu arbeiten und die menschlich geeignet erschienen, möglich gemacht wurde, eine Berufsausbildung zu erlang gen, wie sie seit Jahrzehnten jungen Mädchen in den von Alice Salomon begründeten Sozialen Frauensehulen zugänglich war." Bevor es zur Gründung der Wohlfahrtsschule kam, war ein langer Weg zurückzulegen, der trotz der Unruhe der Zeit und der Unbeständigkeit der politischen Entwicklung der Weimarer Republik immer nach oben führte. Die Arbeiter- Wohlfahrt war noch nicht fünf Jahre alt, als Marie Juchac zusammen mit Johanna Heymann zum ersten Mal mit einem Bericht über ihre Arbeit vor die Öffentlichkeit trat. Dieser Be icht, ein umfangreiches Buch mit 236 Seiten, gibt nicht nur ein Bild der Arbeit von Marie Juchacz und ihren Mithelferinnen und Mitstreitern in Stadt und Land, zeigt nicht nur das Wachstum einer Organisation, die aus privater Initiative entstand und über Nacht zum nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil der allgemeinen Wohlfahrt in Deutschland wurde, sondern ist zugleich an Spiegelbild der politischen und sozialen Strömungen dieser Zeit. Wenn über Leben und Arbeit von Marie Juchacz berichtet werden soll, ist dieser Abschnitt von 1919 bis 1933 wohl der wichtigste, weil Marie hier die Möglichkeiten hatte, in der Praxis zu dokumentieren, was sie sich in ihrer nicht leichten Jugend mit vielen Mühen theoretisch erarbeitet hatte. Die Vorstellungen, die sich aus der Not ihres jungen Lebens und ihrer auf Landsberg beschränkten Erfahrungen entwickelten, und die Erlebnisse des ersten Weltkriegs in Köln drängten ihr die Initiative direkt auf, als nach der kevolution von 1918 die junge Weimarer Republik auf Grund der neuen Gesellschaftsordnung die Voraussetzun gen zu praktischen Maßnahmen schuf. Als Marie Juchacz und Johanna Heymann dann 1924 den ersten Buch- Bericht herausgaben, war das zugleich ein Rechenschaftsbericht, der die Richtigkeit der 1919 mit der Gründung der Arbeiter- Wohlfahrt eingeschlagenen Richtung unterstrich. Was Marie in ihrer Einleitung sagt, umreisst besser als alles andere Rxa das Programm und das Ziel dieser Organisation: " Arbeiter- Wohlfahrt- also Wohlfahrt nur für Arbeiter?- Nein: eine Wohlfahrtspflege, ausgeübt durch die Arbeiterschaft. Eine Organisation hervorgewachsen aus der Arbeiterbewegung, mit dem bewussten Willen, ihre eigenen Ideen in das grosse kit Arbeitsgebiet der Wohlfahrts 160- • pflege hineinzutragen, die Ideen der Selbsthilfe, der Kameradschaftlichkeit und Solidarität, aber auch die Idee, dass Wohlfahrtspflege vom Staat und seinen Organen getrieben werlen xxxxx und dass auch diese Arbeit bewusst ausgeübt werden muss von lebendigen Menschen. Arbeiterwohlfahrt: das bedeutet aber auch den Willen, darauf hinzuwirken, dass die durch die Organe des Staates ausgeübte Wohlfahrtspflege nicht nur auf bürokratische Formeln beschränkt bleiben darf. Die Behörden sollen nicht nur Statistiken führen und Denkschriften über die Not verfassen, sondern vor allem vobeugende Arbeit leisten. Sie sollen die Grundbedingungen für in menschenwürdiges Dasein, das heisst Raum, Licht, Luft, Sonne, Reinlichkeit und Nahrung schaffen, bevor Tuberkulose und moralische Schäden sich eingefressen haben. Die Personen, denen Hilfe gebracht wird, sollen weder bei der eigenen Wohlfahrtsarbeit noch bei der Mithilfe in der amtlichen Wohlfahrtspflege von parteipolitischen Rücksichten ausgewählt werden. Alle Organisationen der Wohlfahrtspflege nehmen für sich in Anspruch, dass sie bei der Ausübung ihrer Tätigkeit den zu betreuenden Menschen absolut neutral gegenüberstehen. Das tut die Arbeiter- Wohlfahrt auch. Bei der ausübung der Wohlfahrtspflege und-füsorge fragen wir weder nach der Konfession noch nach dem politischen Bekenntnis. Wir machen auch nicht Halt beim Arbeiter und den Kindern der Arbeiterschaft in dem Sinn, wie bürgerliche Kreise den Begriff der Arbeiterschaft auffassen. Die Objekte unserer Arbeit auch in der Einzelfürsorge erstrecken sich weit in die Kreise derer, die immer dem Mittelstand zugezählt werden. Das sei hier öffentlich allen gesagt, die uns weil wir als Träger der Organisation und als Ausübende immer ehrlich unser sozialdemokratisches Gesicht zeigen- zu einer' parteipolitischen' Organisation machen wollen, deren Tätigkeit sich nur auf die Kreise der Partei und höchstens der Gewerkschaften beschränkt. Das Gegenteil ist der Fall. In den Kreisen der parteipolitisch organisierten Arbeiterschaft ist- abgesehen von dem ganz abnormen, sozialen xxxxxad Ausnahme zustand der letzten Jahre, der fast alle Kreise in Mitleidenschaft gezogen hat- der Prozentsatz der Hilfsbedürftigen relativ klein. Zur Sozialdemokratie kommen in der Regel schon die geistig gesunden und arbeitstüchtigeren Menschen, deren seelische und moralische Kräfte durch den Lebenskampf noch nicht aufgebraucht wurden, sodass sie noch immer Kraft übrig haben, um den Kampf für ihre schwächeren Brüder und Schwestern zu führen. Die Arbeiterwohlfahrt will nicht wohlwollend geduldet sein, sie verlangt das Recht zur Pflicht erfüllung im Staat und in der Gesellschaft. Sie will nicht politische Funktionen der Sozialdemokratischen - 161- Partei übernehmen, aber sie will dadurch, dass sie in den ihr gezogenen******* natürlichen Grenzen an der Verhütung, Linderung und Aufhe ung sozialer Notstände mitwirkt, und auch durch ihre Erziehungsund Schulungsarbeit im staatsbürgerlich demokratischen Sinne wirken." Zum Schluss dieser Einleitung schreibt Marie Juchacz: " Ob die Arbeiter- Wohlfahrt das Recht hat, von ihren Leistungen zu sprechen und Anerkennung zu verlangen, mögen nach dem Lesen dieses Buches Freunde und Gegner beurteilen." Nach fast fünfjährigen Rakigknik Bestehen der Arbeiterwohlfahrt konnte diese Organisation Leistungen nachweisen, die- wenn sie nicht gewesen wären wahrscheinlich noch schneller zu der Radikalisierung des politischen Lebens geführt hätten, als es durch die allgem ine wirtschaftliche und politische Not dieser Weimarer Republik- Zeit geschah. Dabei erwuchsen der jungen Arbeiter- Wohlfahrt nicht vorausgeahnte Schwierigkeiten: " Die junge Organisation wurde ausserhalb der Arbeiterbewegung mit Neugier, Misstrauen und Zweifeln, aber auch mit einigen wohlwollen und Entgegenkommen aufgenommen. Innerhalb der Arbeiterklasse verhielt man sich zum grössten Teil abwartend und zurückhaltend. Ohne jede Reklame, aber auch ohne falsche Bescheidenheit trat sie in die Arbeit. Sie fühlte sich von Anfang an dicht nur als Vertreter einer kleinen Schicht, di die als Wohltäter wirken und als solche von den Objekten ihrer Tätigkeit anerkannt werden wollten. Ihre Vertreter kamen mit der ihnen selbstverständlich gewordenen anschauung in die soziale Arbeit, dass der Staat die Pflicht hat, die durch die kapitalistische Gesellschaftsordnung herbeigeführte, durch den Krieg und seine Folgen verschärfte Not, so weit dies möglich ist, abzustellen, mindestens aber zu lindern. Aus ihrem demokratischen Gefühl heraus erkannten sie die Pflicht, ihre Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Diese Anschauung wurde auch von den sozialistischen Frauen und Männern geteilt, die durch die Demokratisierung in solche staatlichen und städtischen Ämter gekommen sind, in denen sie mit der allgemeinen Wohlfahrtspflege zu tun haben. Die Arbeiter- Wohlfahrt hatte noch keine Tradition in der Wohlfahrtspflege. Mit dem Augenblick aber, wo sie die seit Jahren auf diesem Gebiet wirkenden Kräfte organisatorisch zusammenfasste, konnte sie sich mit gutem Recht mit allen alten Organisationen in Reih und Glied stellen, die die Entwicklung erst zur geistigen Umstellung gezwungen hat. Welche Wohlfahrtsorganisation verfügt wohl über mehr moralische Kräfte, wie sie in den unverbrauchten breiten Massen, die hinter der Arbeiterwohlfahrt stehen, vorhanden sind." - O 162Einem Teil der heute lebenden älteren Generation werden die Namen einer Reihe der damals öffentlich bekannten Persönlichkeiten geläufig sein, die allein dem damaligen Arbeitsausschuss und dem Beirat angehörten. Es waren u.a.: Marie Juchacz als Leiterin des Arbeitsausschusses. Johanna Heymann als Sekretärin. Fr. Bartels als Kassierer und Max Fechner als sein Vertreter. Elfriede Ryneck und Ernst Schulze vom ADGB( Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund). Hedwig Wachenheim, Regierungsrat im Reichsministerium des Innern. Generalkonsul M. Schlesinger. Anna Nemitz, M.d.R.( Mitglied des Reichstags). Landeshauptmann Dr. Caspari aus der Provinz Grenzmark. Karl Schulz vom Verband der Krankenkassen Gross- Berlin. Gertrud Hanna, M.d.L.( Mitglied des Landtags. Im Beirat waren: Marie Ansorge, Neusalzbrunn in Schlesien. Lore Agnes, M.d.R., Düsseldorf. Clara Bohm- Schuch, M.d.R., Berlin. Lina Ege, M.d.L., Frankfurt/ Main. Stadtrat Dr. Friedländer, Berlin. August Frölich, M.d.R., Weimar. Peter Grassmann, M.d.R.( ADGB), Berlin. Prof. Dr. Grotjain, Berlin. Alfred Henke, M.d.R., Berlin. Paul Hirsch, M.d.L., Berlin. Dorothea Hirschfeld, Ministerialrat im Reichsarbeitsministerium, Berlin. Else Höfs, M.d.L., Rxxkixx Stettin. Elisabeth Kirschmann- Roehl, M.d.L., Köln. Albert Kohn, Allgemeine Ortskrankenkasse, Berlin. Stadtarzt Dr. med. Korach, Berlin. Bertha Neumann- Lawatsch, M.d.L., Breslau. Anna Matschke, Berlin. Christopg Pfändner, Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Berlin. Antonie Pfülf, M.d.R., München. Minna Schilling, Döbeln in Sachsen. Afele Schreiber- Krieger, Berlin. Louise Schröder, M.d.R., Altona. Heinrich Schulz, Staatssekretär im Reichsministerium des Innern, Berlin. Stadtmedizinalrat Dr. Silberstein, Neukölln. Enny Stock, Berlin. Dr. med. Laura Turnau, Berlin. Minna Todenhagen, Gross- Berlin. Stadträtin Klara Weyl, Berlin. Frau S. Wronsky, Arc iv für Wohlfahrtspflege, Berlin. Stadtrat Wutzky, Berlin. Welchen Umfang die Organisation der Arbeiter- Wohlfahrt schon nach viereinhalbjähriger Tätigkeit hatte, geht aus der Tatsache hervor, dass im Juli 1924 dem Hauptausschuss zweiunddreissig Bezirksausschüsse angeschlossen und 1200 Orts- und 50 Kreisausschüsse gemeldet waren, nicht gezählt die Vielzahl der Vertrauensmänner in den kleineren 0- ten. Nines Rapitel[ Reichstagningen und Reichs. Noch nicht Jahr nach der Gründung der Arbeiter- Wohlfahrt konnte- am 15. September 1921 in Görlitz eine grosse ichstagung stattfinden: " Sie war ein Erlebnis für alle Teilnehmer, die aus dem ganzen Reich zusammengekommen waren"- so schreibt Marie Juchacz." Die Beteiligung war viel grösser, als man erwarten konnte. Viele kamen trotz der ungünstigen Zeit auf eigene Kosten, weil noch keine pekuniär leistungs 163fähige Organisation hinter ihnen stand.- Zwei grosse Themen wurden auf dieser Tagung behandelt und diskutiert. Das eine konzentrierte sich in dem Referat von Helene Simon:' Aufgaben und Ziele der neuzeitlichen Wohlfahrtspflege', das andere wurde von Dr. Caspari, damals noch Bürgermeister in Brandenburg an der Havel, behandelt:' Die gesetzlichen Grundlagen der Wohlfahrtspflege'. Es fehlte nicht an Widerspruch aus den Reihen der Hörer, von denen einige der Ansicht waren, dass beide Redner das Gebiet der Wohlfahrtspflege zu weit abgesteckt hätten, aber das eine soll hier als grösstes Verdienst der ersten grossen öffentlichen Tagung herausgestellt werden: sie hat viele, die der jungen Organisation skeptisch gegenüberstanden, zu Anhängern und Förderern der Bewegung gemacht. Sie hat manchen, die der ausführenden Arbeit wohl sympathisch, aber doch etwas unsicher gegenüberstanden, die so sehr erwünschte Klarheit gebracht. Manche, die da glaubten, es handele sich hier nur um einen grossen Unterstützungsverein, ist erst das geistige Fundament und die Perspektive für die Arbit gegeben worden." Anderthalb Janre später, an 30. und 31. Januar 1923, fand in Berlin im Reichstag eine vom Hauptausschuss einberufene' Fachkonferenz über das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz'statt. " Es handelte sich dabei nicht um eine öffentliche Tagung, sondern um eine gründliche Aussprache Sachkundiger über das Gesetz selbst, über die von Reich und Ländern zu erwartenden Ausführungsbestimmungen und die von der Arbeiter- Wohlfahrt zu verbreitende Aufklärung und zu leistende Schulungsarbeit, um dem Gesetz mit unseren Kräften die grösste Auswirkungsmöglichkeit zu sichern. Trotz der Erschwerung der durch die politischen Ereignisse geschaffenen Lage waren 120 Teilnehmer, unter denen sich auch viele Kommunalpolitiker befanden, aus dem ganzen Reich rschienen." Die dritte Konferenz der Arbeiter- Wohlfahrt, die am 9. Dezember 1923 in Köln stattfand, war zwar keine Reichskonferenz, umfasste aber die Bezirke des besetzten Gebiets. Von ausländischen Organisationen waren die amerikanischen Quaker, das Internationale Rote Kreuz, die Internationale Kinderhilfe, die englische Militärmission und die ausländische Bresse vertreten. Kundgebungen hatten die danische, schwedische, holländische und belgische Arbeiterschaft gesandt. " Die Veranstaltung wurde, ohne dass die Veranstalter es im Grunde wollten, zu einer Kundgebung von erschütternder Gewalt. Vor den ausländischen Gästen entrollten die Sprecher rückhaltlos das deutsche Elend. Ihre Reden mündeten in dem Notschrei: Helft, wenn Ihr nicht wollt, daß - 164- ein grosses Volk zugrunde geht! Wir können uns nicht mehr selber helfen!" Marie Juchacz sagte als Verhandlungsleiterin, dass alle fchleusen der Verelen dung von Tag zu Tag weiter geöffnet würden, und erwähnte die Hunderttausende von Kindern, die in engen, kalten Zimmern, ohne ausreichende Nahrung und Bekleidung regelrecht vegetieren müssen. " Uber dieses Thema gab der Hauptredner, der Kölner ta tarzt Dr. Braubach, eine so grosse Fülle von anschaulicher Beweiskraft, dass er mit Recht an das furchtbare Wort von Clemenceau erinnern durfte: in Deutsch land seien zwanzig Millionen Menschen zu viel! In den geschwächten, blutarmen Körpern der Kinder, die keine Milch mehr haben, im Winter nichts Warmes mehr tragen und nur zu einem geringen Bruchteil gebrauchs fähige Schuhe besitzen, bleibt die Tuberkulose aktiv, und im bäühenden Alter werde es unter dieser Generation ein wahres Massensterben geben. Schon heute übertrifft die Zahl der Gestorbenen die der Neugeborenen! Braubachs ein drin liche Rede wurde ergänzt durch den Kölner Wohlfahrts- Bürgermeister Dr. Billstein, den Reichstagsabgeordneten Wilhelm Sollmann und durch Vertreter und Vertreterinnen des besetzten Gebiets. Überall das gleiche Flend! Überall 50 bis 75% der gesamten Bevölkerung ohne Arbeit, auf die kärgliche Unterstützung angewiesen. Und überall reicht die Selbs hilfe längst nicht mehr aus. Es kostet Überwindung, an die Mildtätigkeit der Welt zu appellieren. Aber es bleibt kei anderer Weg. Es geht um das nackte Leben! Auf einem Tisch war die Wochenration eines Arbeitslosen, die er sich mit der Unterstützung kaufen kann, ausgebreitet. Wohlgemerkt, der Unterstützung eines Kölner Arbeitslosen, dessen Bezüge höher sind als diejenigen im Reich: ein Brot, ein Häufchen Hülsenfrüchte, einige Briketts man brauchte von der Menschheit Jammer nicht mehr zu reden, wenn man diese Ration vor Augen hatte." Die heute lebende jüngere Generation, die den zweiten Weltkrieg, sein Ende und die Besatzungs- und Reichsmark- Zeit miterlebte, hat zu einem grossen Teil schlimme Zustände erlebt und gesehen. Sie waren aber nur zum Bruchteil so hart und verworren wie das, was sich nach dem ersten Weltkrieg ereignete. Wieviel schwerer war es damals, den Menschen wieder Boden unter den Füssen zu geben. Und um wievieles mehr wurde die Arbeit einer neuen und jungen Organisation erschwert, die bewusst in einer neuen Richtung arbeitete. Marie Juchacz kannte den Wert des gedruckten Worts und fühlte das Fehlen eines eigenen Organs umsomehr, als in der Arbeiterschaft, unter den Arbeitslosen und allen anderen in Not geratenen Menschen ein Lesehunger bestand, den man gerade im - 165 [ Not- Juflation- SeparatisteHitlerputsch] Interesse der Bestrebungen der Arbeiterwohlfahrt positiv hätte befriedigen können, aber die Geldmittel dazu waren nicht vorhanden. " Um der Bewegung erst einmal einen bestimmten geistigen Boden und eine Richtung für die Arbeit zu geben, wurde anfangs den Ortsausschüssen die Frauenzeitschrift' Die Gleichheit unter Kreuzband gratis geliefert. Später wurde dies wegen der daraus entstehenden und mit der Zahl der ausschüsse wachsenden technischen Belastung der Geschäftsstelle aufgegeben un d den Ortsleitungen zur Pflicht gemacht, die Gleichheit zu abonnieren, was auch geschah. Die teigerung der Inflation ins Gigantische nahm uns dann im Jahre 1923 diese Möglichkeiten, die' Gleichheit musste ihr Erscheinen einstellen. Dafür wurde die Tagespresse, soweit das nur möglich war, mit Artikeln in Anspruch genommen. Das geschah alles in dem Bewusstsein, dass eine ju ge Organisation ruhig und besonnen arbeiten muss und sich tal nicht durch grosses Geräusch ankündigen, sondern durch zielbewusste und zähe Aufklärungsarbeit sich den Boden erobern muss. of News Kapitel[ Not- Juflation the Herputsch] Die ungeheure Notdes Winters 1923/1924 veranlasste Marie Juchacz, zu Kundgebungen Zuflucht zu nehmen. Im Dezember 1923 verfasste sie zusammen mit Paul Löbe, dem Leiter der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde, einen Aufruf für die' Nothilfe der Arbeiterwohlfahrt': " Furchtbar wüten Hunger und Not in Deutschland. Bu gerlöhne und Goldmarkpreise, Erwerbslosigkeit und Kurzarbeit zehren von Tag zu Tag stärker an der Kraft der deutschen Arbeiterschaft. Am schwersten trifft die Not die Zukunft der deutschen Arbeiterklasse: die Kinder! Bürgerliche Mildtätigkeit ist bereits hier und da am Werke, Brosamen vom Tische der Reichen für die Armsten der Armen zu sa meln. Die Arbeiterschaft im In- und Auslande will so schwer die Not auf ihren eigenen Schultern lastet- selber helfend eingreifen. die Rettung der Kinder der deutschen Arbeiterschaft soll, so weit es ihr möglich ist, auch das Werk der Arbeiterschaft selbst sein. Wir beabsichtigen, keinen neuen Verwaltungsapparat aufzuziehen, durch den ein grosser Teil der Mittel vergeudet würde, sondern wir wollen dort, wo die Not am grössten ist, wo der Wille und die Organisation zur Abhilfe bereit sin d, mit unserer Hilfe unmittelbar eingreifen. Unsere weitverzweigten und gut durchgebildeten Ur anisationen gewährleisten ein schnelleres und sicheres arbeiten. Unsere Kinder hungern! Gebt schnell und jeder nach einen Kräften!" - Zur gleichen Zeit wies Hand Wingender in Köln mit einem Aufruf auf den vollkommenen wirtschaftlichen Zusammenbruch an Rhein und Ruhr . - 165 hin, durch den zwei Drittel der Bevölkerung arbeitslos wurden. Ein halbes Jahr später, im Sommer 1924, als das Ruhrgebiet von Franzosen besetzt wurde, erliess Marie Juchacz für den Hauptausschuss einen weiteren Aufruf für Bergarbeiterhilfe'. " Unsere Bemühungen waren, obwohl die wirtschaftliche Kraft der arbeite in der ganzen Welt durch eigene Arbeitslosigkeit und durch Abwehrkämpfe dauernd geschwächt oder stark in Anspruch genommen war, erfolgreich." In ihrer Schilderung dieser Zeit erwähnt Marie Juchacz, wie sich in Holland, Belgien, Dänemark, Lettland und in der Tschechoslowakei die Menschen rührten und selbst unter Umgehung gesetzlicher Vorschriften mithalfen, der deutschen Not und vor allen dem Kinderelend zu begegnen: " Die Arbeizer Lettlands boten Kindern des besetzten Gebiets Gastfreundschaft und Liebe in ihrem Land an, in dem es nur einen ganz kurzen Sommer gibt. Und dann schickte man die glänzend herausgefütterten Kinder mit zentnerschweren Kisten, gefüllt mit hochwertigen Lebensmitteln und Kleidern, nach Hause zurück." Weitere Beweise der Solidarität und des Vertrauens kamen aus der Schweiz, aus Österreich, Bulgarien, Italien, Nord- und Südamerika, und aus England. Marie Juchacz war manches Mal erschüttert durch den Idealismus, mit dem die Menschen, die sie für ihre Arbeit gewonnen hatte, zugriffen. " Wenn man zum Beispiel in einem Bericht aus einer mittelgrossen Industri stadt liest:' Die Vorsitzende der hiesigen Arbeiterwohlfahrt, eine Arbeitersfrau, ist Sta tverordnete, als solche Mithlied der Deputation des städtischen Wohlfahrtsamtes, der Krankenhausdeputation, des Ortsausschusses für die Auslandshilfe, der Kreishebammenstelle, des Kriegsbeschädigtenbeirats, im Kuratorium der Invalidenstiftung und des Bürgerrettungsfonds', und wenn man dann mit eigenen Augen sieht, wie Notspeisung, Kinderverschickung, Aufnahme notleidender Kinder und Greise in Familien, Kinderferienwanderungen, Nänstube, inkleidung von Schulentlassenen und Bedürftigen, und Sammlungen bis ins Detail durchorganisiert sind, dann muss man Respekt bekommen vor der Arbeitsleistung und dem Idealismus einer solchen Arbeiterfrau, dér selbst in ihrem persönlichen Leben bittere Sorgen nicht erspart wurden. Wir sind stolz auf die grosse Zahl dieser tüchtigen und opferwilligen Frauen!" Wer das Interesse hat und sich die Mühe nimmt, einmal in diesem ersten Berichts- Buch der Arbeiterwohlfahrt aus den Jahre 1924 zu blättern, wird erschüttert sein von der Fülle an Kleinarbeit, die in al len Teilen des Reichs in dieser schwersten Not- Zeit Deutschlands geleistet wurde. - 167- In ihrem Schluss- Wort zu diesem Buch sagt Marie Juchacz: " Was wir oringen konnten sind Bruchstücke aus einer ungeheuren Fülle, die nicht entfernt die Arbeit wiedergeben können, die wir ung gemacht haben. Wenn das Juch dazu beiträgt, zu zeigen, was die Arbeiterwohlfahrt ist, hat es seinen Zweck erfüllt. Wir sind nicht so vermessen, zu sagen, dass die Arbeiterwohlfahrt die Organisation sei, die das soziale Blend x* x******* zum grossen Teil verhindern oder gar abschaffen kann. Die Träger der Bewegung sind sich bewusst, dass andere Machtfaktoren an der Umformung der wirtschaftlichen und der dadurch bedingten sozialen Verhältnisse mitwirken müs sen. Dass aber die Arbeiterwohlfahrt in den ihr gezogenen Grenzen dazu beiträgt, Kindern und jungen Menschen in ihrer Entwicklung zu helfen, reife Menschen in ihrem Existenzkampf zu stützen, Alten und Invaliden wirtschaftliche Hilfe und etwas Sonnenschein zu geben, und die Ausführenden durch die Arbeit selbst zur Pflichterfüllung im Dienst der Allgemeinheit zu erziehen, glauben wir gezeigt zu haben. In diesem Jahre 1924 meldete sich auf der Wohlfahrtsschule der AW in Berlin die Tochter eines Königsberger Tischlermeisters an: Lotte Lemke. Mit ihren damals 21 Jahren konnte sie nicht ahnen, dass sie einmal das Erbe von Marie Juchacz nicht nur übernehmen, sondern aus dem Nichts des Zusammenbruchs 1945 zu neuem und noch grösserem Leben wiedererwecken würde. Sie war schon als Kind an sozialen Problemen interessiert, gehörte der Königsberger Arbeiterjugend an und kam dadurch zur Sozialdemokratie. Auf einer sozialen Trauenschule wollte sie sich auf den Beruf der Fürsorgerin vorbereiten auf der Berliner Wohlfahrts schule* x* x* x* x** ihr Examen als Wohlfahrtspflegerin ablegen. In dieser Zeit hatte Lotte Lemke noch keinen Kontakt zux Marie Juchacz und zu den grossen Aufgaben der Arbeiterwohlfahrt,* x* x* x bestand mit Erfolg ihr Examen und ging dann als Kreisfürsorgerin in den Landkreis Kalau. Marie Juchacz hat in dieser Zeit nicht einmal ihren Namen gehört. Sie war restlos eingespannt in ihre Tätigkeit als Vorsitzende des Hauptausschusses, als zentrale Frauensekretärin und Vorstandsmitglied der Sozialdemokratischen Partei, als Mitglied des Reichstags und als journalistische und schriftstellerische Mitarbeiterin von Zeitungen und Zeitschriften. Ganz zu schweigen von den Reisen, die sie unternehmen musste, um überall in Deutschland auf kleinen und grossen Versammlungen, Konferenzen und Tagungen zu sprechen. Während Lotte Lemke sich auf ihr Examen vorbereitete, war Marie Juchacz in Hannover, um die zweite Reichskonferenz des Hauptausschusses, der Bezirks-, Kreis- und Ortsausschüsse für Arbeiter- Wohlfahrt in Beethoven - 168- saal der Stadthalle von Hannover zu leiten, nicht weit entfernt von der Stelle, an der 22 Jahre später Lotte Lemke in der Dachkammer eines zerbombten Hauses ohne jegliches Möbel und ohne Beleuchtung mit dem Wiederaufbau der durch Nationalsozialismus und Krieg völlig zerschlagenen Arbeiter- Wohlfahrt begann. Auf dieser Septemberkonferenz 1924 stellte Marie Juchacz mit der schon damals bei ihr so ausgeprägten Nüchternheit, Sachlichkeit und Kürze fest: " Als die Arbeiter- Wohlfahrt am 15. September 1921 zu ihrer ersten R4ichskonferenz in Görlitz zusammentrat, blickte sie auf eine nicht ganz zweijährige Tätigkeit zurück. Zwei Jahre Leben sind für eine Organisation eine kurze Spanne Zeit. Deshalb war es damals noch ein Tasten und Suchen nach der geeigneten Organisationsform und nach den Betätigungsmöglichkeiten. Nicht, dass man sich über die grossen Ziele der Arbeiter- Wohlfahrt nicht klargewesen wäre, aber in den Formen und Cüberall Möglichkeiten der Betätigung war man noch nichty so sicher wie jetzt. Ich habe oft während der nicht gerade geringen Arbeitslast daran denken müssen, dass wir- wenn die Kindernot, die Inflation mit ihren Nebenerscheinungen und die vielen anderen Schwierigkeiten nicht degeweand uns alle so in Atem gehalten hätten, wir viel mehr theoretisiert hätten. Und in solchen Debatten hätten Prinzipien und Statuten ssicher eine bedeutende Rolle gespielt. So aber hatten wir einfach keine Zeit dafür." sen Wenige Monate später, am 4. Januar 1925, fand in Berlin eine Konferenz des Hauptausschusses und der Bezirksvertreter statt, auf der die in Hannover vorgebrachten Anträge durchgearbeitet wurden. Einer dieser Anträge behandelte die Zusammensetzung des Hauptausschusses und des Sachverständigen- Beirats, der sich in zehn Fachkommissionen aufgliederte: Organisation der AW: Vorsitz Elfriede Ryneck. Organisation der Wohlfahrtspflege bei den Selbstverwaltungskörpern: Vorsitz Landeshaupt mann Dr. Caspari. Allgemeine Fürsorge: Vorsitz Ministerialrat Dorothea Hirschfeld. Jugendwohlfahrt: Vorsitz Stdtrat Dr. Friedländer. Kindererholungsfürsorge: Vorsitz Stadtarzt Dr. Silberstein. Anstaltswesen: Vorsitz Elisabeth Kirschmann- Roehl, M.d.L. Sozialhygiene: Vorsitz Adele Schreiber- Krieger. Sozialpolitik: Vorsitz Louise Schröder, M.d.R. Ausbildung, beruflich und ehrenamtlich: Vorsitz Regierungsrat Hedwig Wachenheim. Ausschuss für literarische Arbeiten und Archivwesen: Vorsitz Frau S. Wronski. Diese Aufstel ung wurde nicht nur deshalb gegeben, um anzudeuten, mit welchem Aufgabenkomplex sich die junge Arbeiterwohlfahrt beschäftigte. Sie enthält auch den Namen von Elisabeth Kirschmann- Roehl als Vor X - 169. sitzende der Anstaltskommission. Trotz der Fülle der Arbeit, mit der xxxx die beiden Schwestern überlastet waren, fanden sie in ihrer privaten Sphäre immer wieder in der schwesterlichen Zuneigung zusammen, die sie seit frühester Zeit verband. Es gab ja nicht nur die eigenen sozialen und politischen Aufgaben, über die sich beide Frauen nach wie vor verständigten. Da waren die innen- und aussenpolitischen Ereignisse, die jede Planung ständig über den Haufen warfen. Wenn man sich die Erschütterungen vergegenwärtigt, von denen Europa damals heimgesucht wurde, und dann den Aufstieg der Arbeiterwohlfahrt mit ihren unwahrscheinlichen rfolgen betrachtet, xxxxxk lässt sich erst die Leistung erkennen, die dahintersteckt. Die Weltereignisse schlugen ja immer mit ihren Wellen bis nach Deutschland hinein, wie zum Beispiel die Entwicklung in Italien, die Ende 1922 zum Sieg Mussolinis ader und des Faschismus führte, oder die Übernahme des Regierungssteuers in Frankreich durch Poincaré, der als Ministerpräsident und Aussenminister fast noch engstirniger als Clemenceau an den Versailler Bestimmungen festhielt. Elisabeth Kirschmann- Roehl bekam die Auswirkungen der Poincaré- Politik im Rheinland zu spüren, denn am 11. Februar 1923 marschieren die Franzosen in das Ruhrgebiet ein. Rxx Die nächste Folge war die Ausrufung des passigen Widerstandes Albert Leo Fonlageter, Kabinett, des Mann wie Reichskanzlers Cuno. Nur in einer solchen Zeit konnte der ehemalige Kriegsoffizier, Freikorpsmann und Anhänger eines gewissen Adolf Hitler durch seine Aktionen zum Nationalhelden emporsteigen und seine Erschiessung auf der Golzheimer Heide bei Düsseldorf als Märtyrertod in die" Geschichte des nationalen Aufstiegs Deutschlands und des Nationalsozialismus" eingehen. Als am 26. September 1923 der passive Widerstand im Ruhrgebiet abgeblasen wird, weiss man nicht, was danach kommt. Einen Monat später wissen es Marie Juchacz, Elisabeth Kirschmann- Roehl, und alle anderen: die Separatistenbewegung hat eingesetzt, mit dem bestreben der Abtretung des Rheinlands von Reich. Und wieder einen Monat später, am 8. November 1923, veranstaltet Adolf Hitler- es ist eine Kettenreaktion, die xixk wie nacht einem Fahrplan xж*** abläuft seinen Münchener Putsch. Marie und Elisabeth lesen in den Zeitungen, was Adolf Hitler am 9. November plakatieren liess: " Proklamation an das deutsche Volk! Die Regierung der Novemberverbrecher in Berlin ist heute für abgesetzt erklärt worden. Eine provisorische deutsche National- Regierung ist gebildet worden. Diese besteht aus General Ludendorff, Adolf Hitler, General von Lossow und Oberst Seisser." das XXXXXXX in Berlin war in diesen Tagen Marie Juchacz gerade mit der fo xxxx Vorbereitung der schon erwähnten dritten Konferenz der Arbeiterwann für Köln Nunes Rapitel <- 170- I Das wahre Gesicht des verlorenen V Krieges] Wohlfahrtybeschäftigt. Sie nimmt nur am Rande Kenntnis davon, dass sich von Kahr, Generalstaatskommissar in Bayern, sowie General von Lossow und Oberst Seisser von den Hitler- Putschisten distanzierten und die Nationalsozialistische Deutsche Ai beitterpartei und einige sogenannte Kampfverbände auflösten. V Noch unter dem Eindruck der Kölner Konferenz mit den Versicherungen der vielen ausländischen Vertreter, die ihre Hilfe zugesagt haben, liest sie in der Eisenbahn von Köln nach Berlin die Berichte über den Munchener Putsch, dass der in einer Villa am taffelsee vergaftete Anführer der Putschisten, Adolf Hitler, demnächst vor ein Gericht gestellt und abgeurteilt würde. Endlich ein Ausblick, dass wenigstens von dieser innerdeutschen Seite keine Ruhestörungen mehr erfolgen werden. RxXxx In Berlin stürzt sie sich in eine neue Arbeit, denn die um die Jahreswende erfolgte stabilisierung der Mark zwingt die Arbeiter- Wohlfahrt, sich auf die neuen Währungsverhältnisse einzustellen. Ausserdem hat ein amerikanischer Finanzexperte, Charles Dawes, cinen neuen Pan ausgearbeitet, der für Deutschland eine Chance bedeutet, auch wenn das Reich bis 1928 jährlich 1 Milliarde und 750 Millionen Mark, und von 1928 ab pro Jahr 2 Milliarden und 500 Millionen Mark an Entschädigungen zu zahlen hat. Dafür fliessen ausländische, vor allem amerikanische Kredite zum Aufbau der Wirtschaft nach Deutsch land. V Bei den Verhandlungen über Annahme oder Ablehnung des Dawes- Planes lässt Marie keine Sitzung im heichstag aus. Die Zeit, die sie für ihre andere arbeit verliert, holt sie in den Mächten nach. Das gleiche Pensum wird von allen anderen Parlamentariern absolviert. Kein Wunder, dass xix Marie, nun 45 Ja hre alt, manches Mal seelisch, geistig und körperlich völlig erschöpft ist. Sie treiben alle Raubbau mit ihren Kräften, aber dieses Übermaß von Arbeit scheint sich zu lohnen, denn Ende Juli 1924 räumen die Franzosen dascRuhrgebiet, und im August werden auch Düsseldorf, Duisburg, Mülheim und Oberhausen besatzungsfrei. Es hat den Anschein, als ob sich die Lage in Deutschland nun beruhigen würde, unsomehr, als in Frankreich und England, den Erbfeindländern, linksge ichtete Regierungen zur Macht kommen: der Radikalsozialist Herriot und der Arbeiterführer MacDonald. die Arbeiter- Wohlfahrt echt vor schier unlösbaren Aufgaben, denn jetzt zeigt sich erst cas wahre Gesicht des verlorenen Krieges mit seinen unzähligen Folgeerscheinungen: auf der einen Seite die kleine Schicht der Kriegs- und Inflationsgewinnler, die sich in Handel und Industrie Schlüsselpositionen geschaffen haben und aus Furcht vor irgendwelchen Sozialisierungsmöglichkeiten jede nationalistische Strömung unterstützen, und auf der anderen Seite die Masse der rest[ Trotz der sich ankündigenden scheinbaren inmen- and auxempolitiaden Aussenpolitischen Beiligung steht . 171Los Enteigneten, die kein Gefühl mehr für die Möglichkeiten eines gesunden Mittelwegs haben und sich nach rechts und links anschliessen, bei den extremen Nationalisten und bei den Kommunisten. Und zwischen diesen beiden Lagern die Reichswehr, die nach wie vor von ehemaligen Generalen des Kaiserreichs kommandiert wird. Das war der Gesamt- Tenor des Jahres 1925, in dem der erste Reichspräsident, Friedrich Ebert, starb, um zwangsläufig von einem angeblich ruhenden Pol- dem greisen Generalfeldmarschall von Hindeburg- als zusammenführende Kraft abgelöst zu werden, mit dem Ergebnis, dass alles, was einstmals glorreich und national einwandfrei galt, wieder zu Ehren kam, einschliesslich der Farben schwarz- weiss- rot, die nun wieder offiziell nebenden Farben schwarz- rot- gold, und erstaunlicherweise offiziell bei den Auslandsvertretungen des deutschen Reichs, gezeigt werden. Trotz dieser Strömungen geht der deutsche Aussenminister Gustav Stresemann nach Locarno und erreicht durch seine Verhandlungen, dass mit einer gegenseitigen Garantie die Grenzen zwischen Frankreich, Belgien und Deutschland als unantastbar gelten und dass sich die Ve tragspartner verpflichten, keinen Krieg mehr gegeneinander zu führen und alle Auseinandersetzungen auf freidlichem Wege zu klären. Die Völker Europas glauben an den Frieden und an den friedlichen Wiederaufbau. Auch in Deutschland glaubt man daran, zumindest in den Lagern, die diesen friedlichen Wiederaufbau auf ihre Fahnen geschrieben haben. Und erst recht bald danach, als Deutschland in den Völkerbund aufgenommen wird. Von den 50 000 Exemplaren eines Buches mit dem Titel" Mein Kampf" ist in dieser Zeit kein einziges in die Hände von Marie Juchacz gekommen. Sie weiss zwar, dass es in den radikalen Zentralen schwelt und brodelt, ist aber davon überzeugt, dass man den Radikalismus aller Richtungen am besten dadurch überwindet, dass man zur wirtschaftlichen und sozialen Ordnung beiträgt und damit den Menschen auch den inneren Frieden wiedergibt. Den äusseren haben sie ja erhalten. 1925 So bereitet Marie für das Ende des Jahres die erste Reichssitzung der Arbeiter- Wohlfahrt für Berlin vor, die insofern eine organisatorische Veränderung brachte, als Parlamentarier nur noch als Sachverständige- nicht mehr als Vertreter hinzugezogen wurden. " Wir tagten also nicht mehr als Vertreterkonferenz, sondern waren als Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt versammelt, der damit seine erste Reichssitzung abhielt." Es ist erstaunlich, mit welcher Fülle von Gesamt- und Detail- Fragen im Zusammenhang mit a 11 en Aufgaben der Arbeiterwohlfahrt sich Marie Juchacz befasste. Sich damit befassen bedeutete für Marie immer und ihr ganzes Leben lang: jedes Problem mit beinahe wissenschaftli 172cher Gründlichkeit durcharbeiten. Viele Hilfskräfte standen ihr bei ihrer Arbeit nicht zur Verfügung. Der Raum in der Lindenstrasse 3 im Hause des" Vorwärts" war knapp, der Arbeitsanfall wurde immer grösser. Das Jahr 1926 brachte Höhepunkte und Veränderungen: " Naturgemäss hat eine junge, rasch aufstrebende Organisation in einer Zeit allgemeiner Krisen vor allem auch mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu*** жяяи гingen, deren Überwindung einen besonders starken Aufwand an Arbeitsenergie und Dis ositionsvermögen erfordert. Die Geschäftsstelle musste die sich im Jahre 1926 steigernde Arbeitsfülle mit einem Mindestmaß von Arbeitskräften und technischen Hilfsmitteln bewältigen. Die knappen Verwaltungsmittel bedingten eine starke Beanspruchung der Arbeitskräfte und eine aussergewöhnliche Inanspruchnahme des ehrenamtlichen Mitarbeiterkreises. Die rapide Steigerung des Geschäftsverkehrs mit den Organisationen der Arbeiter- Wohlfahrt im Reich, mit den Behörden, den befreundeten oder nahestehenden Organisationen und Einzelpersonen dokumentierte sich in einem Anschwellen des tählichen Postein- und-ausgangs. Mit fünf technischen Arbeitskrärten wurde die ungemein vielseitige und umfangreiche Arbeit, die durch die Einrichtung unseres Schwarzwalheims' Ludwig Xxxx Frank', durch die Vorbereitung für die Jenaer bevölkerungspolitische Tagung und durch die Herausgabe unserer Zeitschrift' Arbeiterwohlfahrt im Jahre 1926 eine besondere Belastung erfuhr, geleistet. Ausserdem wurden auch die einleitenden Arbeiten für die Zentralwarenlotterie, zu deren Durchführung später eine eigene Lotterieabteilung eingerichtet wurde, erledigt. Durch die Arbeitsvermehrung und das dadurch angewachsene Material waren schliesslich die Büroräume in der Lindenstrasse nicht mehr ausreichend. Demzufolge wurde eine Verlegung der Geschäftsstelle nach dem Belle Alliance- Platz 8 notwendig, wo anstatt der drei Räume jetzt fünf zur Verfügung standen. Unsere Fachzeitschrift Arbeiterwohlfahrt', die erstmalig zum 1. Oktober 1926 mit einer Auflage von 10 000 Exemplaren erschien und rasch eine weit über unseren mitarbeiterkreis hinausgehende Beachtung fand, liess den Plan der Einrichtung einer Sichtkartei, die leichzeitig dem Versand, der Abrechnung und Werbung dient, entstehen. Die Redaktion der Zeitschrift übernahm Hedwig Wachenheim." Nenes Rapitel[ Zuttanze in Berlin- Köpenick] [ Bei der Inangriffnahme/ grösserer Probleme sprach Marie nach wie vor zuerst mit ihrer Schwester Elisabeth und natürlich auch mit ihrem Mann, Emil Kirschmann. In beiden Menschen hatte sie kritische, aber gute Berater. Es war nicht so, dass Marie alleine keine Entscheidungen treffen wollte. Sie war manches Mal in ihrem Leben, wo niemand ihr zur Seite stand, dazu gezwungen, aжжк und was sie entschied, hatte - 173Gültigkeit auf lange Sicht, war hieb- und stichfest und überzeugte auch worauf es sehr oft ankam- manchen Gegner im Freundes- und Feindeslager. Aber sie fühlte sich selbst sicherer, wenn sie zu manchen Dingen, die entschieden werden mussten, zuvor die Meinung anderer hörte, vor allem die von Lisbeth und Emil, die zu ihr und zur Familie gehörten wie das Häuschen in Köpenick mit seinem Garten und mit dem Dackel und dem Kater, die in dieser Zeit als neue Mitglieder zur Familie kamen. Es wurde ein seltenes, aber mit desto grösserer Freude genossenes Vergnügen für Marie, mit Pummeline, der wasch- und rasseechten Dackelhündin an der Leine, kurze Abendspaziergänge vor Sonnenuntergang zu machen, in den Köpenicker Wald, der 2a zwanzig Schritte vom Haus entfernt begann, Kater Murr, mit einem grossgezeichneten weiss- grauen M auf der Stirne, begleitete die beiden ein Stück Wegs und machte sich dann selbständig. Auf diesen Spaziergängen- es waren die ersten bewusst erlebten, erholenden Stunden in Maries Leben,-versuchte sie, nicht an die immer drückender werdenden politischen Entwicklungen zu denken, sondern sich ablenken zu lassen durch das, was sie an Pflanzen und Tieren sah. Manches Mal kam sie mit einem kleinen Waldblumenstrauss nach Hause, der dann in einer einfachen, geschmackvollen Vase untergebracht- ihren Schreibtisch schmückte. Aber diese Spaziergänge lassen sich aufzählen, so selten waren sie. Wenn Lisbeth und Enil in Berlin waren, und das war sehr oft der Fall, oder auch Lisbeths Sohn Fritz in Schloss Letzlingen Ferien hatte und nach Berlin kam, wurden diese Spaziergänge gemeinsam durchgeführt. Die Anwesenheit von Fritz, der öfter nach Berlin kam als Maries Kinder Lotte und Paul, wurde als dankbare Ablenkung empfunden, weil die drei Eltern' endlich Gelegenheit hatten, sich mit den Problemen eines jungen Mannes zu beschäftigen, der kurz vor dem Abitur andxd und dann vor der Wahl der nächsten beruflichen Schritte stand. Während Lotte in der Jurisprudenz und Paul in der Landwirtschaft gute Berufs- und Zukunftsaussichten sahen, war es bei Fritz problematischer. Er spielte schon recht gut Geige, war überhaupt musikalisch, weshalb Lisbeth manchmal mit dem Gedanken spielte, ihn Musik studieren zu lassen. Emil war völlig anderer Meinung und sah in ihm einen zukünftigen Lehrer. Marie enthielt sich meistens bei solchen Unterhaltungen der Stimme, benutzte aber manche Gelegenheit unter vier Augen, um mit dem Jungen, der ihr genau so ans Herz gewachsen war wie ihre eigenen Kinder, ein offenes Wort zu reden. Sie gab dann auch bald darauf den Ausschlag mit ihrer Stimme, dass Fritz in Berlin bleiben und mit dem Studium der Neuphilologie beginnen solle, da er eine ausgesprochene Begabung für moderne Sprachen habe. Der stille Wunsch des Jungen, Journalist zu werden, wurde vorerst be 174 [ Eigene Anstalten- Ausbildung. graben. Nur ein einziger Mann unterhielt sich einmal ernsthaft mit ihm darüber: Dr. Hans Hirschfeld, Ministerialrat im Preussischen Innenministerium, ein Freund von Emil und durch diesen auch zum Freund der Familie geworden. Er wollte bei Gelegenheit versuchen, den Jungen als Redaktionsvolontär bei einer Berliner Zeitung unterzubringen. Hans Hirschfeld, heute Pressedirektor des Berliner Senats, gehörte später in der Emigrationszeit zu den wirklich engsten Freunden von Marie und Emil. Diese Freundschaft hat sich dann automatisch auf die' Nachkommenschaft übertragen, als Marie xxxk aus der Emigration nach Deutschland zurückkehrte. Hans Hirschfeld wird noch zu Wortkommen, wenn von der Amerika- Zeit von Marie Juchacz die Rede ist. Neues papile[ Eigene Ansialfen- Ausbildung Julie - Hier in Berlin, 1927, ahnte man nichts von der bitteren Zukunft, die fünf Jahre später beginnen sollte. Neben der parlamentarischen und parteiamtlichen Arbeit war die Arbeiter- Wohlfahrt nach wie vor Maries grösstes Arbeitsfeld. Vieles hatte sich weiterentwickelt, in erster Linie das Anstaltswesen', dem sich mit besonderer Liebe Lisbeth widmete. Als Vorsitzende der Fachkommission entwickelte sie eine Aktivität und einen Spürsinn für gute Möglichkeiten, der wesentlich dazu beitrug, dass sich die Arbeiterwohlfahrt auch in dieser Richtung entscheidend entwickelte. 9 geben. Die fast nüchterne Darstellung von Marie Juchacz über einen solchen Abschnitt lässt nur vermuten, was wirklich dahintersteckte: " Bedeutsame, nicht gerade immer dankbare Aufgaben von besonderer Tragweite hatte die' Fachkommission für Anstaltswesen' zu lösen. Infolge reicher praktischer Brfahrungen und des Überblicks, den diese Fachkommission über die Entwicklung des Anstaltswesens im gesamten Reichsgebiet hat, konnte sie wirklich zweckdienliche Beratungen erteilen, Ausbauvorschläge bearbeiten und bestimmte Hinweise durch Aufbau, Zielsetzung und Arbeitsmethoden unserer Organisation bedingt Oft erwiesen sich dringliche Warnungen vor geplanten Neugründungen, die von den Unterorganisationen entweder als Härte oder Ungerechtigk it empfunden wurden, in der Folge als nur zu berechtigt. Durch die Errichtung der Reichskinderheilstätte' Schwarzwaldheim Ludwig Frank' sowie durch die Umgestaltung des Betriebes im Kurhaus Clausthal in Kellinhusen in mittelholstein und den Ankauf des Immenhof' bei Lützel in der Lüneburger Heide fiel dieser Kommission noch die Erledigung besonderer praktischer Aufgaben anheim. Mit dem Erwerb des' Immenhof', der von Lisbeth' entdeckt und der ihr liebstes Kind wurde, konnte ein lange gehegter Plan, nämlich die Errichtung eines eigenen interkonfessionellen Erziehuggsheims, verwirklicht werden. Das 250 Morgen grosse Gelände mit ausgedehntem Waldbestand, weiten Wiesenflächen, - 175 Acker- und Gartenland, einigen massiven Gebäuden, die voneinander abgelegen sind, bot besonders günstige Möglichkeiten für eine mannigfache Gestaltung des geplanten Heims." Vielleicht genügt ein kleines Streiflicht, um zu zeigen, wie sich die Errichtung zum Beispiel von Kinderheimen auf die jugendlichen Bewohner auswirkte. Als am 6. März 1926 der Bezirksausschuss Berlin die ersten Berliner Kinder in das gerade fertiggestelte August- Bebel- Heim in die Sächsische Schweiz schickte, schrieb ein Kind schon am nächsten Tag eine Postkarte nach Hause, auf der nur dieser eine Satz stand: " Hier hat jedes Kind sein eigenes Bett!" Überall im ganzen Reichsgebiet waren eine Fülle von Heimen aller Art und für alle Zwecke entstanden: Heime für Mütter, Frauen und Mädchen zu reinen Erholungszwecken, ebenso für Männen und Jungens, Häuser für psychopathische Kinder, Kindergärten, Ferienkolonien, Säuglingsheime usw. Darüberhinaus nahm sich die Organisation der Jugendgerichtshilfe und der Schutzaufsicht an. Im Zusammenhang mit diesen wachsenden Aufgaben wuchsen auch die Probleme des Ausbildungswesens: " Aus vielfachen Gründen wurde eine Zentralisierung des Ausbildungswesens für Wohlfahrtspfleger und-pflegerinnen angestrebt. Das wachsende Interesse in den Kreisen unserer Organisation für die soziale Arbeit, die Schwierigkeit der Mittelbeschaffung für die langdauernde und verhältnismässig kostspielige Ausbildung forderte sowohl eine sorgfältigere Auswahl der Auszubildenden, als auch eine Fülle von Massnahmen zur Unterbringung von zukünftigen Sozialbeanten und-beamtinnen. Der Wert einer guten hauswirtschaftlichen Durchbildung sowie einer guten Allgemeinbildung war die Veranlassung zur Beschaffung von Schülerinnenplätzen in unseren eigenen Anstalten und zur Anbahnung von Verhandlungen mit nahestehenden und befreundeten Organisationen, deren Heime zum glei chen Zweck zur Verfügung zu stellen. Eine stattliche Zahl von Anwärterinnen für die sozialen Berufe wurde im Rxxxxxkxjxkx Jahre 1926 entweder als Schülerinnen in hauswirtschaftliche oder pflegerische Vorbildung gegeben oder bereits auf die Wohlfahrtsschulen entsandt. In einigen Städten wurden Kurse für die Vorbereitung zur schulwissenschaft lichen Prüfung, die eine in gewissem Grade berechtigte Forderung der aufne menden Wohlfahrtsschulen, Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminare usw. war, abgehalten." Als Marie und Lisbeth sich einmal über das Problem der ehrenamtlichen Mitarbeiter unterhielten, wurde deutlich, dass diese Mitarbeiter ebenfalls eine Ausbildungsmöglichkeit erhalten müssten, da sie sonst hinter der Entwicklung der Dinge zwangsläufig zurückbleiben müssten. Ohne E 176die Fülle dieser ehrenamtlichen Mitarbeiter war die praktische Arbeit aber nicht zu bewältigen. Die Anregung kam von Lisbeth, und Marie griff sie sofort auf: " In sämtlichen Bezirksausschüssen wurden Lehrgänge auf arbeitsgemeinschaftlicher Grundlage für den ehrenamtlichen Mitarbeiterstab eingerichtet. Borträge und Tagungen, bereichert durch Führungen, Besichtigungen und Ausstellungen förderten und erweiterten die Kenntnisse der Helfer. Vor allem wurde in den Arbeitsgemeinschaften die Wohlfahrtsgesetzgebung und ihre Durchführung im einzelnen gründlich behandelt und an praktischen Beispielen erläutert. Auch die schriftliche Berichterstattung wurde geübt, um die Mitarbeiter insbesondere für die öffentliche Wohlfahrtspflege vorzubereiten. Aus den Berichten, die für diess Arbeitsgebiet von insgesamt 24 Bezirken im Jahre 1926 vorliegen, konnte eine Teilnehmerzahl von rund 28 000 Personen festgestellt werden." Kurz zuvor wurde einmal die Zentralwarenlotterie erwähnt. Der Gedanke dazu wurde schon lange vorher geboren, aber jeder Schritt, den Marie dazu unternahm, endete vor irgend einer technischen, organisatorischen oder bürokratischen Wand, Jede Verhandlung mit zuständigen Stellen führte zu dem Ergebnis, dass der Vorbereitungsaufwand das wahrscheinlich fragwürdige Ergebnis nicht lohne. Aber gerade an diesem Beispiel zeigte sich die Zähigkeit, mit der Marie eine einmal gefasste Idee, von der sie sich etwas versprach, so lange verfolgte, bis sie es dann doch schaffte: " Nach unendlichem Bemühen war es gelungen, die Genehmigung zum Zusammenschluss der Länderlotterien zu einer Zentralwarenlotterie für das gesante Reich zu erhalten. Das Spielkapital von zwei Millionen Mark er gab ine Loszahl von vier Millionen, und das erfreuliche Ergebnis war, dass fast durchweg acht bis zehn Tage vor dem Ziehu gstermin keine Lose mehr zu haben waren. So konnte das Jahr 1926 mit einem günstigen Ausblick, Stärkung der finanziellenMittel für einen grossen Teil der Aufgaben der Arbeiterwohlfahrt, insbesondere für Kinder- und Jugendfürsorge, enden." Diese Entwicklung führte dann zur Gründung einer eigen Berufs- und Lehrkräfte geben einer Schule ihr Gesicht so gut wie Schüler. Beide hauptamtlichen Lehrkräfte der Schule, Dr. Erna Magnus und Dr. Suse Schulze- Hirschberg, wurden mir von Marie Juchacz empfohlen, und von den nebenamtlichen Kräften Louise Schroeder. Die Lehrkräfte vereint, unter ihnen auch Dr. Hilde Oppenheimer, Franz Goldmann, Walter Fried- inländer und Dorothea Hirschfeld, haben dieselbe Freude empfunden wie ich an unserem Experiment, an der ersten vollen Berufs- und Fachschule der Arbeiterbewegung mitzuwirken." T- 177traut machte und ihnen trotz dieser Besonderheiten eine normale Ausbildung gab. In dieser Arbeit fanden wir immer das Verständnis und die Unterstützung des Hauptausschusses und besonders seiner Vorsitzenden Mariehamn Eine der Lehrkräfte dieser Schule war Dr. Erna Magnus: " Die Arbeiterwohlfahrtsschule machte es sich zur Aufgabe, durch Gestaltung des Lehrstoffplanes und durch die Qualität der Lehrkräfte eine Ausbildung zu gewährleisten, die die Absolventen der Fachschule als vollwertige Fachkräfte neben die Absolventen anderer Schulen stell te. Dieses Ziel wurde bei der Auswahl der Schiller aus einer sehr grossen Zahl von Anwärtern stets im Auge behalten. Zulassung zur fachlichen Schulung auf einer Wohlfahrtsschule im Jahre 1928 verlangte- als die Schule gegründet wurde entweder eine Fachausbildung als Kindergärtnerin, Hortnerin oder Krankenschwester, oder mehrjährige Berufsarbeit. Ausbildungsgang und Lehrstoffplan der Schule entsprachen denen der anderen xaxaxax Ausbildungsstätten für Wohlfahrtspflegerinnen. Das Gesicht unserer Schule aber war ein anderes ak als das der älteren, se hon bestehenden Schulen. Marie Juchacz hatte sich eingesetzt für die Begründung einer Wohlfahrtsschule, das heisst also einer Ausbildungsstätte, an der Frauen und Männer gemeinsam für die gemeinsame Arbeit vorbereitet wurden. - Die Arbeiterwohlfahrt hat von Anfang an, mit Genehmigung des zuständigen Ministeriums, Männer und Frauen als Schüler aufgenommen. Damit hat sie eine Schulform geschaffen, die heute von einer grossen Zahl der Fachvertreter nicht nur als eine wünschenswerte, sondern bereits als selbstverständliche Ausbildungsform anerkannt ist. Die Frauen und Männer, die in der Berliner Arbeiterwohlfahrtsschule während ihres fünfjährigen Bestehens von 1928 bis 1933 für den Sozialarbeiterberuf vorbereitet wurden, und die vielleicht heute noch in Stadt- und Landgemeinden, in Wohlfahrts- und Jugendämtern oder in Heimen als Sozialarbeiter tätig sind, haben Grund, mit Stolz und in grosser Dankbarkeit an Marie Juchacz zu denken, deren Einsicht und Verständnis, deren Tatkraft und Hingabe an eine Idee so viel dazu beigetragen haben, ihnen den Weg zu ebnen." In einer Biographie lässt es sich nicht vermeiden, durch das Zitat von Aussagen und Niederschriften anderer Menschen bestimmten Dingen voraus zugreifen, um dann noch einmal zurückzublenden. Das ist auch jetzt xxfax* x* x* xk der Fall und erforderlich, denn bevor es zur Gründung der eigenen Fa chschule kam, wurde vom Hauptausschuss eine Vorarbeit geleistet, die ihren Niederschlag in dem 435 Seiten umfangreichen" Lehrbuch der Wohlfahrtspflege" fand, das 1927 bereits im Eigen 178- verlag xxx des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt herausgegeben wurde. Die wesentlichen Mitarbeiter dieses Standardwerks der sozialistisch orientie ten Wohlfahrtspflege waren neben Marie Juchacz noch Dr. Hanna Colm, Hedwig Wachenheim, Dr. Helene Fimon, Louise Schroeder, Martha Eva Prochownik, Dorothea Hirschfeld, Walter Friedländer, Dr. Hans Maier, Dr. Laura Turnau und Dr. Carl Mennicke. Die Redaktion des Buches besorgte Hedwig Wachenheim, die damit den gesamten Lehrstoff der zukünftigen Schule zusammentrug und bearbeitete. Dieses Buch dürfte heute mit der Fülle auch immer auch des statistischen Materials, das es bringt, Cnoch für#ix Sozialwissenschaftler eine Fundgrube sein. Im letzten Kapitel dieses Buches fasst Marie Juchacz noch einmal all das zusammen, was grundsätzliches Ziel der Arbeiterwohlfahrt ist, behandelt das Thema Arbeiterbewegung und Wohlfahrtsfragen vor 1918' und geht dann sehr ausführlich auf die schon in der Idee im Jahre 1902 entstandenen Kinderschutzkommissionen ein, die sich mehr und mehr entwickelten und die der eigentliche Anlass für Marie waren, alle in der sozialen Wohlfahrtspflege tätigen Kräfte endlich im Jahre 1919 zusammenzufassen.Mit der Redaktion dieses Buches setzte sich Hedwig Wachenheim ein gedrucktes Denkmal. Ihr Biograph wird es zu würdigen wissen. Nemes kapitel[ Loble Leuke kommit normale' Elisabeths Tod] - Neben der Arbeit an dem Buch lief die Arbeit für Hedwig Wachenheim sie war Ministe ialrat, redigierte die Zeitschrift' Arbeiterwohlfahrt' und war gleichermassen in denApparat der Sozialdemokratischen Partei eingespannt weiter. Als Marie Juchacz das Heft 3 des dreiten Jahrganges der Zeitschrift Arbeiterwohlfahrt' in die Hand bekam, las sie auch einen kleinen Artikel über" Neue preussische Ausführungsbestimmungen zum Reiche jugendwohlfahrtsgesetz', ohne sich das den Verfase ser dieses kurzen, sachlich definierenden Berichts einzuprägen. Er stammte von Lotte Lenke, deren Na me damit erstmalig publizistisch in Erscheinung tratz. Mehr als ein Jahr später veröffentlicht sie im Novemberheft des Jahres 1928 unter dem Titel' Zehn Jahre öffentlicher Wohlfahrtsarbeit eines Landkreises' als Kreis fürdorgerin in Calau N.-L. im Alter von 25 Jahren einen sehr ausführlichen und fundierten Artikel, den auch Marie Juchacz mit grossem Interesse las, weil er im Rahmen ***** der Wohlfahrtsarbeit eines Landkreises alle Probleme anschnitt, die für Marie Juchacz zu den Grundsätzen ihrer eigenen Arbeit gehörten. Ein Gespräch, das Marie Juchacz und Hedwig Wachenheim darüber führten, lässt sich leider nicht mehr rekonstruieren. Aber es geschah zur rechten Zeit, dass sich Hedwig Wachenheim an Lotte Lemke erinnerLoke Lanke te. Aber das sagt selbst viel besser: " Es war im Sommer 1929, da wurde ich die junge Fürsorgerin in einem 179Landkreis des Niederlausitzer Braunkohlenreviers, von Hedwig Wachenheim aufgefordert, eine Arbeit im Hauptausschuss für arbeiterwohlfahrt zuд übernehmen. Ich sollte mich zu einer Besprechung ixxiйкex bei Marie Juchacz in ihrem Berliner Parteibüro einfinden. Ich habe den Tag im August noch lebhaft in Erinnerung, an dem ich die Treppen im Hause Lindenstrasse 3 hinaufstieg, zaghaft an die Türe mit ihrem Namensschild klopfte und ihr dann in dem langen, schmalen Zimmer, dem einige gut gehaltene Blattpföanzen viel von seiner sachlichen Strenge nahmen, gegenüber sass. Was lag näher, als dass die junge Fürsorgerin unsicher und zaghaft fragte:' Warum gerade ich? Und bin ich denn nicht viel zu jung?!, und Marie Juchacz lächelnd antwortete:' Das letztere ist ein Fehler, der mit jedem Tage mehr verschwindet, und im übrigen haben wir Vertrauen zu Ihnen'. Das Gefühl der Verpflichtung, das sich aus dem Stolz und der Freude über diese Auszeichnung entwickelte, hat mich niemals verlassen. Und auch niemals das Gefühl der ergebenheit, das damals gegenüber der ruhigen, ernsten Frau von meinem Herzen Besitz e griff. Am 14. September 1929 trat ich meinen Dienst im Hauptausschuss an. Selten wird ein Mensch bei Antritt einer neuen Tätigkeit auf so viel freundliche und kameradschaftliche Bereitschaft stossen wie ich damals. Die Mitglieder des Vorstandes, der Lehrkörper der AW- Wohlfahrtsschule, die Mitglieder der verschiedenen Fachausschüsse- alles Namen von gutem Klang in der Fachwelt-, nicht zuletzt die Mitarbeiter in der Geschäftsstelle nahm en mich ohne Vorbehalt auf, stützten mich und halfen mir, wo immer sie konnten. Marie Juchacz, ernst, herb, spannte stellte mir Aufgaben, og den Rahmen meiner Verantwortlichkeit immer weiter, regte an, ermutigte. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals über Persönliches gesprochen haben, aber die sachliche Kameradschaftlichkeit war ungeheuer stärkend und gab ein gutes Gefühl von Sicherheit auch im Menschlichen. Wenige Monate nach Aufnahme meiner neuen Tätigkeit beging der Hauptausschuss die Feier seines zehnjährigen Bestehens. Im Plenarsaal des ehemaligen Preussischen Herrenhauses sprach Marie Juchacz: unpathetisch, klug und klar gab sie in vorbildlich kurzer Rede einen Überblick über die Entwicklung der jungen Organisation:' Die Arbeiterwohlfahrt fand in der Demokratisierung des öffentlichen Lebens ihre Lebens bedingungen. So musste sie entstehen. Wir wünschen ihr weiteres Wachstum nach innen und aussen. Alles fliesst. Es gibt noch viel Brachfeld für eine moderne Wohlfahrtsorganisation im neuen Deutschland.' Ja, es gab viel Brachfeld. Die Weltwirtschaftskrise kündigte sich an." In dieser Situation, in der die deutsche Arbeiterbewegung in allen ihe ren Zweigen einen verzweifelten Kampf um die Aufrechterhaltung ihrer - 180- Errungenschaften und um die politische Freiheit und Demokratie in Deutschland führte, fielen der Arbeiterwohlfahrt eine Fülle von Aufgaben zu. Ich war nach knapp einem Jahr im Juli 1930 mit der Geschäfts führung des Hauptausschusses betraut worden. Es gehört zu meinen unvergesslichen Erinnerungen, mit welcher Aktivitä, welchem ungebrochenem Mut, unter welchen äussersten Opfern unsere Helfer in Stadt und Land damals arbeiteten. Es kam ihnen zugute', dass sie selber weitgehend vom Schicksal der Arbeitslosigkeit betroffen waren und somit... Zeit hatten, Zeit, die sie darauf verwandten, ihnen Schicksalsgefährten zu helfen." - So schrieb Lotte Lemke inxxxkк über das Jahr 1930, in dem- drei MoHeinric nate vor ihrer Beauftragung als Geschäftsführerin im März Brüning die Kanzaarschaft übernahm und anfing, mit Notverordnungen zu operieren. Wie sollte er auch anders яxxxx mit der deutschen Krise fertig werden? Es war ja eine Weltwirtschaftskrise, nicht nur die deutschen Banken legen Feiertage ein, die ganze Welt xxx wirtschaftskrank. war " Die Nationalsozialisten machen es sich leicht, und die meisten Menschen fallen darauf herein. Wenn man ihnen zu erklären versucht, dass der französische Franc ins Wanken geraten ist, dass Wiener Banken keinen Ausweg mehr sehen, dass England an Arbeitslosenunterstützung bis heute( August 1930) etwa 30 Millionen Pfund ausgegeben kak und den Goldstandard aufgegeben hat, antworten sie mit dem Schlagwort, dass wir Erfüllungspolitiker' an allem Schuld sind. Sie täuschen die Menschen, indem sie ihnen die Wahrheit verschweigen, und man glaubt ihnen, immer mehr. Wer weiss, wohin das führen soll?" Kolonnen Die Schwestern Marie und Elisabeth, Emil Kirschmann, und mit ihnen alle, die noch immer nicht die Hoffnung aufgeben, dass eine Wendung zum Guten möglich ist, zehren sich in ihrer Arbeit auf. Der Tod Gustav Stresemanns am 3. Oktober 1929 zieht zugleich einen Schlußstrich unter die Bemühungen dieses Staatsmannes, Europa nicht nur zu versöhnen, sondern auch zu der einen. Die braunen Kol onnen der SA und Rottkämpfen der KPD' erobern' sich die Strasse. Es wird gefährlich für politisch exponierte Persönlichkeiten, zu leben. 30, Gewerkschaft und die Versammlungs- Schutzorganisation des Reichsbanner' haben sich zur' Eisernen Front zusammengeschlossen, nicht um zu demonstrieren und oder mit den braunen oder roten Ruhestörern Strassenkämpfe auszutragen, sondern um den Schutz des Restes von demokratischen Freiheiten, die es in diesem zerrütteten Deutschland noch gibt, zu übernehmen 0 - 181- Stramen Für den Herbst 1930 sind für den Preussischen Landtag Neuwahlen ausgeschrieben worden. Elisabeth Kirschmann- Roehl befindet sich auf einer Versammlungs- Tour im Rheinland, in ihrem Wahlkreis. Sie jagt von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, spricht zu den Menschen und wird von ihnen ruhig angehört, schaltet sich überall dort ein, wo um das Ursächliche der Weltkrise diskutiert wird, gerät auch in eine Versammlung der Nationalsozialisten, wo sie sich zum Wort meldet, obwohl sie weiss, dass sie sich in Gefahr begibt, wird niedergeschrien, vom Podium gezerrt, und von wenigen Freunden zu einem Seitenausgang gebracht, vorbei an rauflustigen SA- Männern, die Revolver und Messer in den Händen halten, die Mützen mit Riemen unter dem Kinn festgebunden, junge Menschen, die nicht politisch denken, sondern nur hassen, blind und wütend, ohne Verstand, aufgeputscht durch die Tiraden des Rattenfängers Adolf Hitler. Nicht weit vom Versammlungslokal, an einer dunklen Ecke, bricht Elisabeth zusammen. Die Freunde sind ratlos, einer versucht, einen Arzt zu finden. Elisabeth kommt zu sich, wird in das kleine Zimmer des Gasthofs gebracht, in dem sie abgestiegen ist, und fällt in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen ist siel auf und schon unterwegs zum nächsten VerX sammlungsort. Ein anderer Redner muss einspringen, Elisabeth ist auf dem Weg zum Versammlungssaal mit schweren Schmerzen liegengeblieben. Wieder greifen die Freunde zu, ein Auto bringt sie auf dem schnellsten Weg nach Köln, in das Westsanatorium. Wenige Stunden später liegt sie auf dem Operationstisch. Lotte Juchacz, Maries erwachsene Tochter, übernimmt die Initiative, benachrichtigt ihre Mutter und Lisbeths Mann, die Berm ihre politische Arbeit unterbrechen und nach Köln kommen. Lisbeths Sohn Fritz, xix der in Berlin- Köpenick ist, wird am nächsten Tag telefonisch verständigt, dass eine zweite und dritte Operation erforderlich wurde. Die Ärzte hoffen. Der Sohn hofft. Schwester und Schwager hoffen. Lisbeth wird es überstehen. Knapp drei Wochen vorher, am 22. August, wurde sie 42 Jahre alt. Lisbeth ist zu jung, um zu sterben. Ihre Aufgabe ist noch nicht erfüllt. Am 19. September ruft Lotte in Berlin an:" Setz Dich sofort in einen Zug und komm nach Köln, die kleine Mutti will Dich sehen". Fritz hatte schon Tage vorher einen kleinen Koffer gepackt, weil er auf diesen Anruf wartete. finem Als er am nächsten Morgen von der Strassenbahnhaltestelle durch die WohnungsLorbergstrasse zur Wohnung lief, kam er ahYoffenen Fenster********** dis og vorbei, in dem ein Radiopparat stand, der die Frühmeldungen brachte:" In den Morgenstunden starb heute im Kölner Westsam torium die sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Elisabeth KirschmannRoehl nach kurzer, aber schwerer Krankheit."- So erfuhr Fritz den Tod seiner Mutter. • - 251- XXXXXX Im u Heft Nr. 19 der Zeitschrift" Arbeiterwohlfahrt" vom 1. Oktober 1930 schrieb Hedwig Wachenheum; die für die Zeitschrift verantwortlich zeichnende Redakteurin: " Am Sonntag, dem 21. September, starb nach schmerzvollem zehntägigen Krankenlager Elisabeth Kirschmann- Roehl, Mitglied des Preussischen Landtags, mit 42 Jahren. Sie war Vorsitzende der Anstaltskommission der Arbeiterwohlfahrt und als solche Mitglied des Hauptausschusses. Elisabeth hat nie auf ihre Gesundheit oder körperliche Kraft Rücksicht genommen und bis zum Zusammenbruch in Wahlversammlungen gesprochen. Neben ihrer politischen Tätigkeit, die einen dauernden Wechsel zwischen ihrem Kölner Wahlkreis und Berlin bedingte, ist sie fast jede Woche zu den Heimen der Arbeiterwohlfahrt gefahren. Dabei war sie kein Mensch trockener Pflichterfüllung. Die Aufgabe war es, die sie zur Unermüdlichkeit drängte. Der Immenhof' sollte ein sozialistisches Erziehungsheim werden. Die Arbeit, die dazu notwendig war- und sie war nicht gering tat sie im Drang zum Ziel. Wie ihre ganze Umgebung hat sie auch den' Immenhof' schön haben wollen und ihn aus eigenem Gestaltungsvermögen modern, praktisch und schön eingerichtet. Nur mit ihrer starken Liebe zur Sache konnte, was dort geleistet worden ist, geschaffen werden. Mit dieser Arbeitsfreude hat sie ihre Aufgabe in der Arbeiterwoht fahrt auch auf vielen anderen Gebieten erfüllt. Sie hat die Arbeiterwohlfahrt im oberrheinischen Bezirk aufgebaut. In die Ausbildungsarbeit brachte sie immer neue Ideen, regte andere durch sorgfältige Berichterstattung und Vorschläge für neue Methoden an. Die Leser dieser Zeitschrift haben ihre liebenswürdige und lebendige Art, ihre Gedanken niederzuschreiben, kennengelernt. Als Vorsitzende des sozialpolitischen Ausschusses der preussischen Landtagsfraktion seit 1928 hat sie mit sicherem Überblick die Arbeit geleitet ,, die Arbeitskräfte zusammengefasst und auf einem bei der gegenwärtigen politischen Konstellation schwierigen Arbeitsgebiet die Fraktion zu Erfolgen geführt. Wer mit Elisabeth zusammen gearbeitet hat oder ihr durch Freundschaft verbunden war, entbehrt heute noch mehr als ihren unermüdlichen Gestaltungswillen. Sie war eine liebenswürdige, liebenswerte Frau, ein Mensch, in dessen Nähe zu sein wohltat. Die mütterliche Liebe, die sie den Gegenständen ihrer Arbeit zuwendete, hatte sie auch für die Menschen, mit denen sie arbeitete. Sie war immer bemüht, Mitarbeitern, Freunden und Anverwandten eine wohltuende Umgebung zu schaffen. Scharfe persönliche Gegensätze glich sie durch ihre Herzlichkeit aus. Für Stunden erregender politischer Spannung wusste ich mir keinen besseren Kameraden. Mit klarem Urteil, im Gefühl ganz erfüllt von der Sache, blieb sie immer freundlich. Sie hat als junge Frau hart kämpfen müssen 252* X188X* X und grosse Arbeit geleistet in den letzten Jahren. Ihr Wesen aber blieb immer heiter, immer eine Freude für ihre Umgebung. In diesem ihrem Wesen liegt der andere Teil ihrer Bedeutung für die Arbeiterwohlfahrt und ihre Führerstellung im sozialpolitischen Ausschuss der preussischen Landtagsfraktion. Sie nahm sich mit ihrer liebenswürdigen Güte der Sache und der Menschen an, und darum ordneten sich diese gerne ein. Ihr Tod ist für die Arbeiterwohlfahrt ein harter Schlag." Lotte Lemke, die kurz zuvor als Geschäftsführerin des Hauptausschusses berufen worden war, schreibt im Jahrbuch der AW 1930 in einem Nachruf: " Durch den Tod von Elisabeth Kirschmann- Roehl verlor der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt eine Persönlichkeit, die seit den Anfängen der Arbeiterwohlfahrt an ihrem Aufbau und Ausbau mit grosser Tatkraft mitgearbeitet hat. Ihrem starken Lebenswillen und ihrer Tatkraft verdanken wir wertvolle Impulse und Erfolge. Über die Organisation hinaus nahm sie maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung der öffentlichen Fürsorge. Ihre Tätigkeit in der Nationalversammlung und im Preussischen Landtag ist für die soziale Gesetzgebung von Bedeutung gewesen. Unvergesslich wird die Arbeit bleiben, die sie als Vorsitzende der Anstaltskommission für die Arbeiterwohlfahrt geleistet hat. Das umfangreiche Arbeitsgebiet dieser Frau lässt sich kaum umreissen. Doch eins verdient besonders hervorgehoben zu werden: mit grosser Liebe und der ihr eigenen Zähigkeit half sie an dem Aufbau unseres Berufserziehungsheimes' Immenhof'. Wenn einmal der Versuch der Arbeiterwohlfahrt, neue Wege der Fürsorgeerziehung einzuschlagen und neue Formen zur Lebensertüchtigung der gefährdeten und vom Wege abgee irrten Kinder zu finden, verwirklicht ist, so wird ihr Name an erster Stelle genannt werden. Der Hauptausschuss verliert in ihr eine Mitarbeiterin, in der die soziale Idee ihre reinste Verkörperung gefunden hat." Der Leser wird sich mit Recht wundern, dass sowohl Hedwig Wachenheim in ihren Nachrufen, als auch Lotte Lemke Yzwar dem Wesen von Elisabeth und ihrer geleisteten Arbeit gerecht wurden, dass aber keine von beiden in irgend einer Form in die em Zusammenhang den Namen von Marie Juchacz erwähnte, die Schwester, die mehr als nur ihre beste Mitarbeiterin verlor, nämlich einen Teil ihres eigenen" Ichs". Den beiden Verfasserinnen und Mitarbeiterinnen war es auf Grund des eigenen Verhaltens von Elisabeth und Marie im Augenblick der Niederschrift dieser Nachrufe garnicht zum Bewusstsein gekommen, auf die seelische und geistige Bindung und 253Verbindung der beiden Schwestern hinzuweisen oder näher darauf einzugehen. Elisabeth und Marie hatten nach aus en verschiedene Namen und verschiedene Aufgabengebiete, und in ihrer gemeinsamen beruflichen Zusammenarbeit war der sachliche Tonfall ausschlaggebend, unsomehr, wenn Freunde oder Bekannte bei dieser Zusammenarbeit mitwirkten. Darüberhinaus ging Marie unmittelbar nach Elisabeths Tod ihrer Arbeit mit einer Selbstdisziplin und Gründlichkeit nach, die sich zwangsläufig audh auf die Umgebung von Marie Juchacz auswirkte. Man respektierte auch hier das Tabu, das Marie und Elisabeth- in erster Linie aber marie- zwischen den beruflichen Aufgaben und dem privaten Dasein aufgestellt hatten. Vier Tage nach blisabethe Tod, am 25. September, wurde sieauf dem Südfriedhof in Köln beigesetzt, XXXXXXXXXXXXXXX** k Die Beerdigung war zugleich eine Demonstration gegen den Wahlerfolg der Nazis vom 14. September, die statt bisher 12 jetzt 107 Abgeordnete im Reichstag aufmarschieren liessen. Mehr als tausend Menschen gaben Elisabeth das letzte Geleit an diesem heissen Septembertag, die engsten Freunde und mitarbeiter sprachen letzte Worte und rüsse. Marie sass vorne in der ersten Reihe, direkt dem Sarg gegenüber, mit steinernem Gesicht, ohne zu hören und zu sehen, was um sie herum vorging. Später erinnerte sich Harte daran, dass ihr einmal kurz durch den Kopf gegangen war, dass im gleichen Augenblick als sie letzten Abschied von ihrer Schwester Elisabeth nahm, Adolf Hitler in einem Reichswehrprozess als Zeuge vor dem Reichsgericht auftrat. Die Nazi- Zeichen der Zeit-] Sie Die politischen Ereignisse der folgenden Wochen verdeckten den Schmerz um den Verlust der Schwester. Knapp drei Wochen später, am 14. Oktober 1930, musste sich Marie mit ihren Parteifreunden mühselig einen Weg durch randalierende Nazi- Demonstrationen vor dem Reichstag bahnen. In der Leipziger Strasse waren die Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen worden. Die Zeichen der Zeit rückten mehr und mehr auf Sturm. In diesen bewegten Tagen fand im Hause von Marie Juchacz in Berlin- Köpenick eine Zusammenkunft von Freunden statt. Paul Löbe, kurz zuvor wieder zum Reichstagspräsidenten gewählt, Carl Severing von Ministerpräsident Braun zum preussischen Innenminister ernannt, der frühere preussische Innenminister Albert Grzesinski, Otto Wels als Raxtax Vorsitzender der SPD, Emil Kirschmann und Marie sassen bis in die späten Nachtstunden zusammen, um zu beraten, wie Preussen als Damm gegen die nationalsozialistische Flut verstärkt und ausgebaut werden könne. An diesem Abend wurde beschlossen, Grzesinski den Polizeipräsidentenposten von Berlin anzuvertrauen, um die Berliner Polizei in der Hand zu behalten. O - 254Seine Ernennung erfolgte schon wenige Tage später, am 4. November 1930. Marie trauerte nur noch im Unterbewusstsein um den Tod ihrer Schwester. Csie sie sköpenicker Haus die vielen Dinge, die Elisabeths persönlichen Stil lebendig erhielten. Alles blieb, wie Yes xxixxxxkk angeordnet und hingestellt hatte. Mit Emil Kirschmann wurde die Kameradschaft durch die Xxxxxxxxxg niemals ausgesprochene, aber ixxax innerlich lebendige Erinnerung noch enger. Und Lisbeths Sohn Fritz, im zweiten Neuphilolostand gie- Semester auf der Berliner Universität, X* XX** X* X* xix wie ein vererbtes Bindeglied zwischen Stiefvater Emil und Tante Marie, Die Kinder von Marie, Lotte und Paul, selten oder kaum zu Hause, da Lotte nicht in Berlin studierte und Paul als Verwaltungsassistant auf einem Gut arbeitete, waren dem Haus schon entwachsen. So bekam Fritz die neue elterliche Liebe mit der Wärme zu spüren, die den Aussenstehenden stets verborgen blieb. Die Gelegenheiten für familiäre Zusammenkünfte und persönliche Gespräche ausserhalb der politischen Ereignisse wurden sehr bald immer seltener, und nicht nur im Hause Juchacz- Kirschmann- Roehl geriet das Privatleben endgültig in den Sog des politischen Strudels, um darin unterzugehen. Das ist kein Wunder, wenn man sich die kleinen und grossen Begebenheiten dieser Zeit ins Gedächtnis ruft.- Schon zwei Tage nach Elisabeths Beisetzung in Köln fand an der Wohlfahrtsschule des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt in Berlin das erste Staatsexamen statt, mit einem so guten Prüfungsergebnis, dass die der Prüfung beiwohnenden Staatskommissare sich nur mit grösstem Lob äussern konnten. Aber was nützte dieser schöne Erfolg in dieser schweren Zeit? Marie Juchacz, die Vorsitzende der AW, und Hedwig Wachenheim als Leiterin der Schule, spürten auf Schritt und tritt, dass dieses Ergebnis nur mehr für jene Menschen bedeutungsvoll war, die nicht nur an die Gesundung des politischen *** wirtschaftlichen und sozialen Lebens glaubten, sondern sich auch täglich dafür einsetzten. Aber diese Menschen gerieten mehr und mehr in die Minderheit. In dem einzigen von Nationalsozialisten regierten Landesteil, in Thüringen, braute der Nazi- Minister Frick" in der Garküche experimenteller Politik" als Vorgeschmack für das, was Deutschland bei einem nationalsozialistischen Sieg zu erwarten hätte, einen sozialen Brei, der nur als asozial bezeichnet werden konnte. In Thüringen wurden Filme und Theaterstücke verboten, weil ihre Schöpfer nicht arisch waren oder weil sie dem germanischen Held enbegriff der Nazis zuwiderliefen. Als am 5. Dezember im Mozartsaal in Berlin zum dritten Mal der Film" Im Westen nichts Neues" laufen sollte und Goebbels mit seiner SA, mit weissen Mäusen und Stinkbomben einen Tumult verursachte, der zur Absetzung und zum Verbot des Filmes führte, war Marie Juchacz <- 255gerade unterwegs nach Saarbrücken, um mit Angela Braun- stratmann de letten Besprechungen zu führen wegen des neuen Hauses der Arbeiterwohlstand. fahrt, das xxx durch Umbau eines ehemaligen Militärgebäudes entstehen SALA An den Plänen für dieses Haus hatte noch Elisabeth mitgearbeitet: *" Es erfüllt einen doppelten Zweck: als Raum und Rahmen für eine Laienwohlfahrtsschule der AW des Saargebiets, mit einem hellen Lehrsaal und mit allem, was er braucht, Radioanlage mit einbegriffen. Dann eine Bibliothek mit anschliessendem Lesezimmer. Und endlich ein Saal, der bis 500 Menschen fasst, mit Bühne, Radio, Lautsprecher und eingebauter Kinoanlage. Die oberen Stockwerke werden aufgeteilt als weibliches Ledigenheim, mit Einzelzimmern, die mitsamt den notwendigen Wirtschaftsräumen, mit Bädern, Toiletten usw. den berufstätigen Mädchen und Frauen als Wohnung dienen. So einfach diese möblierten Zimmer auch sind, so schön sind sie: mit Farben, die zueinander passen, mit eingebauten Möbeln, guten Beleuchtungsanlagen und schönen Beleuchtungskörpern, mit fliessendem kalten und warmen Wasser, und nirgends eine Kante oder Ecke als Staubfänger." Als das Heim* x* xxgxiaxx eingeweiht wurde, sagte Angela Braun- Stratmann: " Der Andrang, ein solches möbliertes Zimmer zu bekommen, war begreiflicherweise sehr gross. Man stelle sich nur vor, was im allgemeinen als' mö bliertes Zimmer' angeboten wird!- Sachlich wie unsere Arbeit, neu und jung wie unsere Bewegung, ist der Stil des Hauses und seiner Räume. Die nicht leichte Aufgabe, aus einem A**** verbauten, altmodischen Militärgebäude ein Haus zu schaffen, das den Anforderungen unserer Zeit entspricht, ist von den Architekten ausgezeichnet gelöst worden. Aber Zweckerfüllung bedeutet nicht kalte Nüchternheit und Ungemütlichkeit in Konstruktion und Ausgestaltung. Man fühlt sich sehr zu Hause in unserem AWHaus, und man steht immer wieder erschüttert vor dem Wandbild im Treppenhaus zum ersten Stock, einen Sgraffito von Käthe Kollwitz." XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX Ma ie Juchacz kommt gerade noch rechtzeitig aus Saarbrücken zur Feier eines Jubiläums nach Berlin der Erimering schreibt Latte Lemke: Wenige Monate nach Aufnahme/ meiner neuen Tätigkeit als deschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt beging der Hauptausschuss die Feier eines zehnjährigen Bestehens. Im Plenaysaal des ehemaligen Prenssischen Herrenhauses Sprach/ Marie Juchacz unpathetisch klug und klar gab sie in vorbildlich kurzer Rede einen Uberblick über die Entwicklung der jungen Organisation: büm zehnjährigen& Bestehendes Hauptaus– seuns für Arbert verdefalt. a . - 256Was aber in mühevoller zehnjähriger Arbeit aufgebaut wurde, fiel mehr und mehr den Notverordnungen zum Opfer. Marie Juchacz sah als einzigen Weg nur noch wenigstens die Erhaltung des Geschaffenen. Die Reichstagung der Arbeiterwohlfahrt in Probstzella am 14. und 15. Mai 1931 befasste sich mit den Gefahren des Abbaues der Wohlfahrtspflege. Mit zwei grossen Entschliessungen, an denen sie intensiv mitarbeitete, wandte sie sich an die Öffentlichkeit. Das Ansehen, das Deutschland durch die wachsende nationalsozialistische Bewegung im Ausland verlor, beeinträchtigte auch die Möglichkeiten der Zusammenarbeit internationaler sozialistischer Organisationen. Als am 24. Juli 1931 in Wien die Sozialistische Internationale tagte, wurde auf Initiative von Marie Juchacz eine Konferenz der Internatiohalen Arbeiterwohlfahrt in Wien einberufen, auf der neben Deutschland und Österreich noch Belgien, Estland, Finnland, Griechenland, Polen, Ungarn, die Schweiz und die Tschechoslowakei vertreten waren. Im November nahm Marie in Zürich an der zweiten Konferenz für sozialistische Wohlfahrtspflege in der Schweiz teil. Sie war unermüdlich, heute in Köln, morgen in Berlin, dann irgendwo im benachbarten Ausland, nahm sehr ihre Aufgabe als Parlamentarierin ernst, schrieb, konferierte, redete. Mit ihren nun 52 Jahren verbrauchte sie ihre körperlichen Kräfte wie ein junger, noch im Vollbesitz dieser Kräfte befindlicher Mensch von 25 Jahren. Nur wenige erlebten Marie Juchacz in Augenblicken. wo sie bedrückt und verzweifelt war. RinaxdiяXXXXXXXX* XX** кxkaxkkanka Rxxk* x* x* xemnik Zu diesen wenigen gehörten' die engsten Familienmitauch dabeiwar glieder', und das waren Emil und Fritz, der te ads Marie Anfang 1932 aus der Zeitung vorlas, dass der braunschweigische NaziInnenminister Klagges Adolf Hitler zum Regierungsrat ernannt und ihm dadurch die deutsche Staatsangehörigkeit verschafft habe." Das ist der Anfang der Katastrophe. Wenn Hitler im März bei der Reichspräsidentenwahl kandidiert und gewinnt, beginnt der Untergang Deutschlands. скор Nur um ein Jahr hatte sich Marie Juchacz getäuscht: am 13. März 1932 seiner Differenz unterliegt Hitler mit sieben Millionen Stimmen xxxixxx dem alten Reichspräsidenten in denburg, der im zweiten Wahlgang am lo. April die absolute Mehrheit erhält. Die Politiker aller Parteien werden auch weiterhin strapaziert. Während Hitler mit einer aus großindustriellen Quellen finanzierten Propagandamaschine grössten Stils auffährt, stehen den anderen Parteien nur die aus normalen Beiträgen fliessenden Geldmittel zur Verfügung, um die Wahlen in den Kändern Preussen, Bayern, Württemberg und Anhalt durchzuführen. In allen Landtagen- bis auf den bayerischen werden die Nationalsozialisten zur stärksten Partei. <-257Marie Juchacz und ihre Parteifreunde stehen der Entwicklung der Dinge ohnmächtig gegenüber. Sie alle können lediglich zur Kenntnis nehmen, dass Hindenburg seinen Kanzler Brüning entlässt und Franz von Papen einsetzt, der nichts Eiligeres zu tun hat als das von Brüning kurz zuvor erlassene Verbot von SA und SS wieder aufzuheben und den Reichstag augzulösen. Am 31. Juli erhält die NSDAP 230 Sitze, die SPD hat 133. Es reicht nicht zu Hitlers Kanzlerschaft. Wieder wird der Reichstag rutschen ab aufgelöst, und neugewählt. Nitkax Die Sitze der NSDAP kakk auf 196, die SBD verliert 12 Mandate und hat 121 Sitze. Die Kommunisten haben auf loo Mandate aufgeholt. Als sich die radikale Linke und Rechte, Nationalsozialisten und Kommunisten, noch überlegen, ob xxx gemeinsame Sache nicht am besten sei und dazu einen Verkehrsstreik benutzen, der von Nationalsozialisten, Kommunisten und auch Sozialisten getragen wird, sieht Hindenburg Gefahr und xxfk beruft den Reichswehrminister von Schleicher zum Kanzler. Reichskanzler Adolf Hitler] - Als Marie Juchacz do am 30. Januar bei einer Fraktionssitzung im Reichstag mit den anderen zusammen- erfährt, dass Hindenburg Hitler mit der Regierungsbildung beauftragt habe, sagt sie nur:" Oh, armes Deutschland!" Am 1. Februar verlangt Hitler von Hindenburg erneut die Auflösung des Reichstags. Die Neuwahlen werden auf den 5. März festgesetzt. Hitler als Kanzler und Göring als preussicher ministerpräsident arbeiten mit dem gesamten Staatsapparat und mit der bewaffneten SA und S, die als Hilfspolizeitruppe eingesetzt wird. Die von diesen Gruppen inszenierten Überfälle werden als kommunistische Störmanöver ausgegeben. In Berlin- Köpenick schleichen in diesen Nächten Trupps um die Häuser der sozialdemokratischen Abgeordneten. Marie Juchasz lässt sich überreden, auch in ihr Haus eine kleine Gruppe von ehemaligen Polizisten zu legen, die wegen ihrer sozialistischen Einstellung aufxdiaxxxxxxxxfax ganx von Göring fristlos entlassen wurden. Dolche und Pistolen der SA und SS sitzen locker, und die sozialistischen Reichs bannerleute haben bettenfalls einen Gummiknüppel. Während Marie Juchacz am Abend des 27. Februar auf Wahltournée ist, sitzt Fritz, der inzwischen im Mosseveflag als Journalist arbeitet, im Sekretariat der SPD- Fraktion mit dem Sohn von Breitscheid und der Sekretärin Erna Boxheimer zusammen. Der Sekretär Jakubowicz arbeitet im NeEs ist 8 Uhr abends, und att an der Zeit, nach Hause zu benraum. gehen. In der Wandelhalle begegnet ihnen der kommunistische Abgeordnete Torgler, in Hut und Mantel Man raucht eine Zigarette zusammen, und verabschiedet sich. Erna Boxheimer tritt den Rest ihrer Zigarette im bimby dicken Teppich des Wanda ganges aus, so wie das alle machen. begleitet von einem anderen KPD- Abgeordneten und einer Sekretärin. . 258- Eine Viertelstunde später verlassen sie den Reichstag. Fritz, der in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstrasse noch eine Kleinigkeit gegessen 2 hat und im Begriff ist, mit der Stadtbahn nach Hause zu fahren, gerät in den Menschenstrom, der zum Reichstag drängt. Der Reichstag brennt. " Das war die Zigarette von Erna Boxheimer", denkt Fritz und stürzt zum nächsten Telefonapparat, um Erna anzurufen. Auch sie ist fassungslos. Bis auf den Sekretär Jakubowicz musste keiner der Drei als Zeuge im Reichstagsbrandprozess aussagen. Targler war mit einer KPD- Sekretärin und einem anderen KPD- Abgeordneten im Begriff, ebenfalls den Reichstag zu verlassen. Bei Aschinger xxkxxikzxdiaxxixKRR am Bahnhof Friedrichstrasse sah Fritz die drei KPD- Leute in seiner Nähe beim Abendbrot wiegen. Sumindest war Dist erste idurile Folge des Brandes war das verbot der KPD. gebate, aceque Die SPDVihre Zeitungen dass nicht mehr erscheinen lassen, konnte. Für das Organ" Arbeiterwohlfahrt" zeichnete für die Nr. vom 15. März noch Lotte Lemke verantwortlich für den redaktionellen Teil, und Hedwig Wachenheim xxxxxxxкя für die Schriftleitung. Hitler hatte zwar am 5. März nicht die absolute Mehrheit erhalten, sondern" nur" 43,9%, und musste mit dem Stahlhelm, en Deutschnationalen und anderen Nationalisten zusammengehen, aber die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten. Die Ausgabe der" Arbeiterwohlfahrt vom 1. April gibt als Verantwortlichen für den redaktionellen Teil Fritz Schreiber an. Von Hedwig Wachenheim bleibt nur die Adresse, der Druckerei- Vermerk lautet noch auf den" Vorwärts", aber auch das änSchon vomer dert sich am 15. April in xxx A.G. Lindenhaus". am 17. März, hatte der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt eine Reichstagung einberufen, die sich mit der Lage der Wohlfahrtspflege befasste: Auf dieser Tagung wurde auch eine Änderung der Richtlinien der Arbeiterwohlfahrt beschlossen. Die neuen Richtlinien, die an Stelle der alten treten, sehen die völlige Unabhängigkeit der Arbeiterwohlfahrt vor. Nach den neuen Richtlinien bezweckt die Arbeiterwohlfahrt die Mitwirkung der Arbeiterschaft bei der Wohlfahrtspflege aus dem Geist solidarischer Selbsthilfe. Sie will die gesetzliche Regelung und die sachgemässe Ausführung der Wohlfahrtspflege fördern und die praktische Durchführung unterstützen. Dieses Ziel soll erreicht werden durch Zusammenfassung und Schulung der Mitarbeiter, durch Stellungnahme zu allen Frage gen der öffentlichen Wohlfahrtspflege und durch unmittelbare Beteiligung an der praktischen Arbeit. Bei den zu Betreuenden soll wie bisher kein Unterschied in politischer und weltanschaulicher Beziehung gemacht werden. Die Gliederung der Arbeiterwohlfahrt in Haupt asschuss, Bezirks- und Ortsausschüsse bleibt bestehen. Während jedoch bisher die Organisation 259nur Mitarbeiter kante, sehen die neuen Richtlinien jetzt die feste Form der Mitgliedschaft vor, die bei den Ortsausschüssen zu erwerben ist." Jante Organisation der Das war eine vorbeugende Maßnahme, um zu retten, was zu retten war. Welchen Weg auch die Arbeiterwohlfahrt gehen musste, deutet eine Mitteilung in der Zeitschrift" Arbeiterwohlfahrt" vom 1. Mai 1933 an. Unter der Überschrift" Beurlaubungen und Entlassungen" heisst es: " Aus der Tages presse ist unseren Lesern bekannt, dass zahlreiche Beamte in den Wartestand versetzt odea beurlaubt, viele Angestellte öffentliche Verwaltungen gekündigt sind aus politischen Gründen wegen nichtarischer Abstammung. Unter ihnen ist mancher, der Mitarbeiter dieser Zeitschrift war oder in der Freizeit seine Kräfte der Arbeiterwohlfahrt zur Verfügung stellte. Wir haben bisher im er davon abgesehen, diese Beamten oder Angestellten in einzelnen zu nennen oder ihre Verdienste um die Wohlfahrtspflege zu würdigen. Wir wollen auch heute davon absehen, von Oberbürgermeistern, Stadträten und Landräten in einzelnen zu sprechen, da wir die vielen Frontarbeiter der Fürsorge nicht einmal anführen können. Wir würden auch ungerecht handeln, wenn wir hier nur diejenigen nennen, die der Arbeiterwohlfahrt in irgend einer Form nahestehe und nicht auch die, die in keiner Verbindung mit der Arbeiterwohlfahrt standen und auch jetzt aus den oben angeführten Gründen ihre Arbeit in der Fürsorge aufgeben müssen. Die Leistung vieler dieser Fürsorgearbeiter ist der Entwicklung der Wohlfahrtsgesetzgebung und-verwaltung aufgeprägt, aber auch das, was der einzelne Fürsorger an Hilfe geleistet hat in den letzten Jahren, die für jeden, der mit menschlichen Mitleiden die furchtbare Not so unmittelbar miterleben musste, so hart waren, kann nicht vergessen werden. Aufgabe ein er Wohlfahrtsorganisation ist die menschliche Anteilnahme am Schicksal aller, die aus ihrer sozialen Bahn geschleudert werden. So gedenken wir jetzt derer, die ihre Aufgabe verloren haben." Das klingt nicht nur wie ein Nachruf, es war auch einer. Schon mit der nächsten Ausgabe vom 15. Mai stellte die Zeitschrift" Arbeiterwohlfahrt" ihr Erscheinen ein. Reichlich spät, wenn man bedenkt, dass am 23. März Hitler dem Reichstag das Ermächtigungsgesetzt vorlegte. Marie Juchacz und Emil Kirschmann hatten dafür gesorgt, dass ihr Fritz Zugang zur Pressetribune erhielt, denn die Abgeordneten der SPD waren auf alles gefasst. Die von SA, SS und Polizei hermetisch abgeriegelte Kroll- Oper, die als Parlamentsgebäude schnell hergerichtet worden war, machte den Eindruck eines Gefängnisses, in das 94 SPD- Abgeordnete mit Heldenmut hineingingen, weil sie alle glaubten, es nur als Gefangene zu verlassen. Fritz wäre in diesem Falle der einzige, der sofort informiert gewesen und Lotte und Paul, die Kinder von Marie, hätte verständigen können.