Nr. angefangen beendigt: MARIE JUCHACZ UND DIE ARBEITERWOHLFAHRT Von Fritz Röhl Überarbeitet von Hedwig Wachenheim Stolzenberg Bestell- Nr 1 Bol Behördennettung ist dies die Titalsaite MARIE JUCHACZ UND DIE ARBEITERWOHLFAHRT Von FRITZ ROEHL Überarbeitet von HEDWIG WACHENHEIM Inhaltsverzeichnis Seite Vorwort 1 Jugend in Landsberg Berlin 4 18 Köln 31 Im Parteivorstand 47 Parlamentarierin 52 Gründung der Arbeiterwohlfahrt 57 Programm und Praxis der Arbeiterwohlfahrt 1920-1924 70 Jahre des Aufstiegs 90 1925-1926 Persönliches Zwischenspiel.... 96 Weiterer Aufstieg 99 1927-1929 Zehn Jahre Arbeiterwohlfahrt 117 Die Krise beginnt 120 Persönliche Tragödie 124 Krise 126 Ende der alten Arbeiterwohlfahrt 138 Der Weg in die Emigration 139 Ins Saargebiet und nach Frankreich In Amerika 144 Letzte Jahre in Deutschland 165 Inhaltsverzeichnis Seite Vorwort 1 Jugend in Landsberg Berlin 4 18 Köln 31 Im Parteivorstand 47 Parlamentarierin 52 Gründung der Arbeiterwohlfahrt 57 Programm und Praxis der Arbeiterwohlfahrt 1920-1924 70 Jahre des Aufstiegs 90 1925-1926 Persönliches Zwischenspiel Weiterer Aufstieg 1927-1929 Zehn Jahre Arbeiterwohlfahrt Die Krise beginnt 96 99 117 120 Persönliche Tragödie 124 Krise Ende der alten Arbeiterwohlfahrt 126 138 Der Weg in die Emigration... Ins Saargebiet und nach Frankreich 139 In Amerika 144 Letzte Jahre in Deutschland 165 Vorwort Dieses Vorwort hat Marie Juchacz ihren Lebenserinnerungen, die sie in den letzten Jahren ihres Lebens zu schreiben begann, vorangestellt. Ihre Erinnerungen hat sie nicht vollendet. Nur Bruchstücke sind vorhanden. Was sie hinterlassen hat, ist zusammen mit ihren Aufzeichnungen und Briefen, wenn auch nur teilweise wörtlich, in diese Darstellung ihres Lebens und ihres Hauptwerkes, die Arbeiterwohlfahrt, eingegangen. Solange ich in der Arbeit des Tages stand, kam mir niemals der Gedanke, daß ich einmal über mein Leben im Zusammenhang schreiben würde. Das Alter aber macht beschaulich. Nachdem ich jetzt auf so lange Jahre des Wirkens in der Öffentlichkeit zurücksehen kann, ist nun doch der Wunsch wach geworden, etwas aus diesen Erinnerungen auf zuschreiben. Zuerst ist dieser Gedanke von außen her an mich herangetragen worden. Ich habe ihn lange abgelehnt, er erschien mir vermessen, mein Schicksal und meine Arbeit für ein solches Unterfangen nicht bedeutend genug. Vertrauter wurde mir diese Idee, sie verdichtete sich zum eigenen Wunsch, nachdem ich nach langer Abwesenheit aus der Emigration wieder nach Deutschland zurückkehrte. Mein persönliches Schicksal hat mich auf so manchen verantwortungsvollen Platz in der Arbeiterbewegung gestellt. Ich habe mich niemals dazu gedrängt. Aber wenn ich dann vor einer Aufgabe stand, machte es mir Freude, sie nach bestem Können zu erfüllen. Die Verantwortung, die ich trug, das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, dersständige Gedankenaustausch mit Menschen gleicher Grundgesinnung, das als inneres Maß empfundene fortgesetzte Eindringen in sozialistisches Ideen- und Gedankengut gehören mit zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens. Mit vielen Menschen, Männern und Frauen, hat sich mein Lebensweg gekreuzt. Einige der großen Sozialdemokraten habe ich nur noch ganz aus der Ferne verehrt, ich war damals noch sehr jung. Später lernte ich viele aus der nächsten Generation persönlich kennen. Beim Nachdenken über mein Leben und seine wechselvolle Zeit komme ich immer wieder zu dem Schluß, daß sich vieles für mich aus Zufälligkeiten und aus Zeitumständen ergeben hat. Zufall war es, was mich schließlich bis in die Spitze der sozialdemokratischen Partei, in den Vorstand führte. Mein Wille war nicht auf dieses Ziel gerichtet. Ich wurde immer 2 irgendwie aufgespürt, für eine Funktion ausgesucht und vorgeschlagen oder gerufen. Niemals habe ich mich zu einem Amt gedrängt, stets wurde mir die neue Verantwortung angeboten. Aber ich habe es immer als ein großes Glück empfunden, am Werden und Wachsen der Arbeiterbewegung teilzunehmen und habe damit auch ein Stück deutscher Geschichte bewußt miterlebt. Es sind heute nur noch wenige Frauen vorhanden, die sich eine lebendige Erinnerung an jene Zeit bewahren konnten, in der um das Frauenwahlrecht gekämpft wurde, in der es um den Schutz der Arbeiterin, um Mutter- und Kindesrecht im weitesten Sinne ging, und um die Zulassung zu vielen Berufen, die damals den Frauen verschlossen waren. Nur wenige sind noch da, die an dem Hochgefühl des endlichen Sieges teilgenommen haben, als die Frauen nach jahrzehntelangen Kämpfen endlich das allgemeine Wahlrecht erhielten. Die politische Mündigkeitserklärung der Frauen im Jahre 1918/1919 war nur eine Etappe auf dem Wege der Frauenemanzipation. Nachdem galt es, alte unerfüllte Forderungen der Frauen auf Gehalt und Berechtigung zu prüfen, sie in Formeln zu bringen, die in der Gesetzgebung und in der Praxis des Lebens realisierbar sind. Das nahm zu einem guten Teil die Kraft der politisch tätigen Frauen in der Zeit der Weimarer Republik in Anspruch, neben der Teilnahme an den allgemeinen politischen Fragen, die für das Volksganze von großer Bedeutung waren. Das Gros der heutigen Frauengeneration weiß wenig, zum Teil gar nichts davon. Von dem, was uns neben der erlebnismäßigen Erinnerung an literarischen Hilfsmitteln zur Verfügung stand, um das Band zur Vergangenheit immer wieder neu zu knüpfen, ist wenig genug geblieben, und das Wenige ist aus den verschiedensten Ursachen durchaus nicht allgemein zugänglich, nicht einmal einem kleinen Kreis. In der Mentalität der jüngeren Generation hat sich seit 1933 bis heute so manches spürbar geändert. Ich stelle das nur fest, ohne Kritik daran zu üben, und wünsche nur, daß es mir trotzdem gelingen möge, auch von den jüngeren Menschen verstanden zu werden. Das wäre ein sehr schöner Lohn für die Bemühungen in diesem Buch. Was uns spürbar fehlt, ist, daß in den Jahren, in denen der freie Gedankenaustausch unterbunden gewesen ist, der natürliche Prozess des an einander Abschleifens unterbrochen war. Der einzelne Mensch stand mit seinen Gedanken allein. Da er sie nicht aussprechen, sie nicht für die Öffentlichkeit niederschreiben konnte, fehlte die Möglichkeit ihrer Überprüfung und der Weiterentwicklung. Das empfinden wir heute als Kluft zwischen den Generationen, wir fühlen es ganz besonders in der Frauenfrage. Mögen diese Erinnerungen eine Brücke sein. 3 Wohl glaube ich, der Idee, der ich mein ganzes Leben lang gedient habe, noch manches schuldig zu sein. Wenn man aber spürt, daß die körperliche Kraft nachläßt, hat man die Pflicht, damit haushälterisch umzugehen. Ich glaube, daß es richtig ist, wenn ich mich auf diese sichtbare und hoffentlich nützliche Leistung konzentriere, um den Jüngeren etwas zu hinterlassen, denen, die etwas von den Erfahrungen aus früherer Zeit benutzen wollen, für das Verständnis sozialistischen Ideengutes, zur Erweckung und Erziehung des weiblichen Teils der um Erkenntnis und Fortschritt ringenden Menschheit. So freudig und gern wir alle in der Gegenwart stehen sollen, um darin auch für die Zukunft das Unsrige zu tun und um daran selbst zu wachsen, so wichtig ist es doch auch, immer wieder einmal zurückzuschauen, die Gegenwart an der Vergangenheit zu prüfen und sich selbst an dem, was daran gut war, neu zu orientieren. Marie Juchacz( Faksimile) JUGEND IN LANDSBERG 4 Marie Juchacz, damals Marie Gohlke, beendete 1893 mit 14 Jahren ihre Schulzeit. Die achtjährige Volksschule in Landsberg/ Warthe, die sie besucht hatte, führte nur vier Klassen, so daß alle zwei Jahre, wenn neue Schülerinnen in die Klasse kamen, der alte Stoff wiederholt werden mußte und die Schülerinnen, die der Klasse schon angehört hatten, nichts Neues dazu lernten. Eine Fortbildungsschule für Mädchen gab es damals in Landsberg nicht. Die Schulbildung, die das Vaterland Marie Juchacz auf den Lebensweg mitgab, war äußerst dürftig. Marie war eine gute und aufmerksame Schülerin. Den Rohrstock, den die Lehrer der Schule, auch Maries Lehrerin, eifrig handhabten, hat sie, wie sie sagt," nie zu schmecken bekommen". Schon in jungen Jahren scheint sie stolz, diszipliniert und wißbegierig gewesen zu sein. Marie Gohlke war kein Proletarierkind, aber ihre Eltern waren arm und sie stand dem Leben nicht besser gewappnet gegenüber als Arbeiterkinder audh. Vater Gohlke war 53 Jahre alt, als Marie die Schule verließ. Das hieß, daß er ein alternder Mann war, da damals die Arbeitskraft schon mit dem 40. Lebensjahr abzusinken begann. Er mußte schon öfters Pausen in seine Arbeit einlegen. Er war ein Zimmerer und hatte den Meisterbrief. Seine Vorfahren und auch sein Vater waren Zimmerer im Warthegau gewesen und hatten dort auch eine Landwirtschaft. Seine Eltern starben früh, und nach ihrem Tode scheint die Landwirtschaft verkauft worden zu sein. In Landsberg begann er als selbständiger Handwerksmeister und nahm auch Bauaufträge an. So gehörte er zum mittelständischen Bürgertum und nicht zur Arbeiterklasse. Seine Aufträge wurden schon knapper, als Marie noch zur Schule ging. Das schnell wachsende Baukapital bedrängte die kleinen Meister, die kein Kapital hatten und von der Hand in den Mund lebten. Allmählich verschwanden die kleinen Handwerksmeister im Baugewerbe als Selbständige und mußten froh sein, wenn sie als gelernte Arbeiter in ihrem Gewerbe unterkamen. Auch Vater Gohlke fehlte das Kapital, um die profitablen Mietskasernen zu bauen, die damals aufkamen. Die Aufträge gingen zurück, das Geld wurde knapper. Maries Mutter hatte das typische Schicksal eines Proletarierkindes erfahren. Ihre Eltern starben früh. Als neunjähriges Mädchen begann sie bei einem Müller zu dienen; sie mußte Brotteig kneten, die Hausarbeit übernehmen und dem gleichal trigen Kind des Müllers bei den Schulaufgaben helfen. Von der harten Kinderarbeit behielt sie zeitlebens einen gekrümmten Rücken. 5 Als Marie sah, wie die Eltern sich einschränken mußten, bot sie noch während der Schulzeit der Mutter an, sich eine Arbeit zu suchen. Sie wollte vor der Schule Brot austragen. Die Mutter aber lehnte ab. Sie wisse aus eigener Erfahrung, wie schwer Kinderarbeit sei und wie sehr sie die Gesundheit schädige." Sei froh, daß deine Eltern noch da sind" antwortete sie der Tochter. " Mein Vater", berichtet Marie," sah sich nicht als Proletarier, er war vom Lande in die Stadt gekommen, um sich als Handwerker und Baumeister niederzulassen. Die Mutter hatte dieselben Gefühle. Die nicht immer erfreuliche Situation des Vaters, die beengten Wohnverhältnisse der Familie im Dachgeschoß und die Einschränkungen im täglichen Leben hatten trotzdem bei den Eltern nicht die Meinung aufkommen lassen, sich der Arbeiterklasse zugehörig oder verbunden zu fühlen. Bruder Otto hatte nur noch unklare Vorstellungen von der Zeit, da die Eltern auf dem Lande wohnten; er war in der Stadt groß geworden." Otto, der sieben Jahre älter war als Marie, ging nach der Schulzeit in die Lehre als Zimmerer. 1889 war er, mit Winkeleisen und einem Stab mit bunten wehenden Bändern, beim Umzug der neugeprüften Gesellen durch die Stadt dabei. Abends war Ball, und die Väter der neuen Gesellen stifteten das Bier. Damals wußte Otto schon, daß er das väterliche Geschäft nicht erben würde und daß es daher besser war, als gelernter Arbeiter zwar, aber doch als Arbeiter, in der Bauindustrie anzufangen. ... als Zunächst jedoch wurde er zur Armee einberufen. Hatte er die jüngere Schwester oft rauh behandelt, zeigte er beim ersten Urlaub, daß er manierlicher geworden war; er behandelte sie beinahe ritterlich. Als sie sich aber einmal despektierlich über seine Uniform äußerte, betonte er, daß er des Königs Rock trage und stolz darauf sei. Nach dreijähriger Dienstzeit kehrte er zurück als Obergefreiter der Artillerie und Sozialdemokrat. Das war zwei Jahre nach dem Fall des Sozialistengesetzes Im Jahre 1890 war die Sozialdemokratie nach elfjähriger Unterdrückung frei geworden und konnte ihre Propaganda wieder aufnehmen. Ihre Lehre von der Selbstbefreiung der Arbeiter aus der Lohnknechtschaft und von einer Zukunft voll Freiheit und Kultur zog die jungen Arbeiter unwiderstehlich an. Die Kasernenmauern waren kein Wall dagegen. Im Gegenteil, Schliff und Drill erweckten die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbehauptung. Wo immer Arbeiter zuwammenkamen, beim Militär und in der Werkstatt, sprachen sie von der Sozialdemokratie. Zu Hause, bei Spaziergängen oder in der Wirtschaft wurde die neue Lehre weitergegeben. So zog sie auch in Landsberg ein, wo es noch keine Stützpunkte der Partei und der Gewerkschaften gab. Die Befreiung der Arbeiter durch die Arbeiterklasse selbst, die sich zu diesem Zweck in Gewerkschaften und in der sozialdemokratischen Partei solidarisch verbinden sollten, das war es, was die Arbeiter geistig beschäftigte. die Befreiung der Arbeiterklasse von Not und Unterdrückung, würde die Menschheit auf eine höhere Stufe erheben. Dem Arbeiter war eine Aufgabe gestellt, eine historische Mission übertragen. In das Einerlei des Arbeiterlebens kam plötzlich Bewegung und Sinn. Bisher sah es so aus: elf Stunden immer öder, immer mechanischer werdender Arbeit in einer staubigen und schmutzigen Fabrik, danach ein müdes und stumpfsinniges Leben in einem Zuhause, das eine luft- und lichtlose enge Wohnung war. Nun beschäftigten sich die Arbeiter mit ihrer eigenen Lage, mit den Mitteln, sie zu verbessern, mit der Möglichkeit, eine freudvollere Zukunft vorzubereiten. Sie fingen an, dem Alkohol zu entsagen, auf ihr Äußeres zu achten, und ihre Wohnungen in Stand zu halten." Wissen ist Macht", so hieß es, und Macht war nötig, die Welt zu verändern. Darum wollten sie lesen und lernen. Das alles strahlte Otto aus. Davon sprach er mit der jüngeren Schwester. Der Vater hatte ihr nie erzählt, wie er politisch dachte und wählte. Nun führte Otto sie in eine neue Welt ein. Er regte sie an, Bücher zu lesen und gab ihr" Die Waffen nieder" von Bertha Suttner und" Die Frau und der Sozialismus" von August Bebel, populäre Bücher der Zeit. Der Kampf gegen den Krieg und der Kampf für die Gleichberechtigung der Frau, zusammen mit Bebels lockendem Bild eines Zukunftsstaates, in dem die Menschen nicht mehr so lange und so hart arbeiten mußten, um zu existieren, und in dem alle, auch die Armen, am materiellen und geistigen Reichtum der Welt teilnehmen würden, beeindruckten Marie tief. Es war so, als kannte sie nun ein Geheimnis, an dem außer Otto und seinen Freunden wenig Menschen teilhatten. Der Mensch hatte also größere Aufgaben, als nur zu arbeiten, um sein Leben zu fristen. Von Otto beeinflußt, so berichtet Marie, beschaffte sie sich das Erfurter Programm, das sich die Sozialdemokratie 1891 gegeben hatte. Sie kann es kaum verstanden haben. Theorien zu verstehen, lehrte die Volksschule nicht. Eigene Erfahrungen mit dem Fabrikleben, die sie hätten lehren können, das Aufbegehren der Arbeiter gegen ihre soziale und wirtschaftliche Lage und ihre Sehnsucht nach einer Besserung zu verstehen, hatte sie noch nicht. Maries Berufsaussichten waren trübe. Sie war von Natur aus klug, aber ihre geistigen Kräfte waren unterernährt. Und für Mädchen gab es kaum eine geordnete Handwerkslehre, für kaufmännische Lehrstellen aber waren Volksschülerinnen nicht erwünscht. 7 IN So lag ein Leben vor ihr in ungelernter Arbeit, ein Leben der Armut, Eintönigkeit und Düsternis. Über diese Zukunft dachte sie nach. Die Eltern halfen ihr nicht. Sie hatten ihr ein Heim voll Liebe gegeben und sie zu anständiger Gesinnung erzogen. Die Zukunft der Tochter sahen sie in der Ehe. In der Zwischenzeit sollte sie verdienen, aber in einer guten Umgebung, möglichst in einem Haushalt und nicht in einer Fabrik. Marie jedoch träumte von einem Beruf, der ihr eine Aufgabe stellte, die der Menschheit nützlich wäre. In nüchternen Momenten aber wußte sie, daß sie wie ihre Schulkameradinnen in einem Haushalt würde anfangen müssen und vielleicht einmal Verkäuferin in einem Ladengeschäft werden könnte. Dann erschien die Fabrikarbeit doch besser, in der man, wie sie glaubte, im Akkord schnell verdienen konnte, um dadurch etwas in die Ehe mitbringen zu können. Ihren Traum sinnvoller Berufsarbeit besprach sie mit Otto. Der sah die Dinge, wie sie nun einmal für eine Landsberger Volksschülerin waren und sagte:" Haushalt und Fabrik und dann Versorgung durch Heirat, das ist dein Lebensweg". Marie versuchte aber doch, etwas besseres zu werden als Dienstmädchen oder Fabrikarbeiterin. Sie bewarb sich um eine Lehrstelle in einem Geschäft. Man sagte ihr, daß ihre Schulzeugnisse gut wären, aber eben nur Volksschulzeugnisse, es ständen genug Mädchen, die die Bürgerschule besucht hätten, zur Verfügung. Nun wollte sie in eine Stelle zu Kindern gehen. Der Vater machte der unnützen Überlegung ein Ende. Eines Tages legte er einige Adressen von Familien auf den Tisch, bei denen Marie sich als Hausmädchen vorstellen sollte. Eine Familie hatte vier Kinder, aber der Arbeitgeber fand, daß das zu viel Arbeit für ein junges Mädchen geben würde. Ein Gasthausbesitzer wollte sie nicht, weil bei ihm Reisende verkehrten, die sich vielleicht zu sehr für ein junges Mädchen interessieren würden. In eine andere angebotene Stelle wollte Marie nicht gehen, weil sie sah, wie schmutzig und staubig es bei den Leuten war. In wieder einer anderen fühlte sie sich von dem mit Blumen und Fahnen umrankten Kaiserbild und der Lobeshymne des zukünftigen Arbeitgebers auf den Kaiser abgestoßen. Danach ging Vater Gohlke, wie das üblich war, mit seiner Tochter auf die Stellensuche. Mit einem Holzhändler einigten sie sich schließlich über Lohn und Essen, ein paar freie Stunden an einigen Tagen und gelegentliche Besuche zu Haus. Der Vater war sehr zufrieden, aber Marie fand, daß der Holzhändler zu freundlich gewesen sei. Er wurde noch freundlicher, nachdem Marie die Stelle angetreten hatte, so daß sie schnell wieder wegging. Danach versuchte sie es in einem Haushalt evangelischer Gemeindeschwestern, die aber keine guten Lehrmeisterinnen waren und sie nicht gut 8 اد behandelten. Sie kündigte, um nun eine Schneiderlehre zu suchen, da sie geschickt war und nähen konnte. Als sie zu ihren Eltern zurückkehrte, um sich eine neue Stelle zu suchen, wurde Otto gerade von Arbeitskameraden in das Haus getragen. Er hatte sich bei der Arbeit mit der Axt ins Beil geschlagen und schwer verletzt. Otto war noch arbeitsunfähig, als der Vater eine Lungenentzündung bekam, von der er sich nur langsam erholen konnte. Nun sollte die Familie, zu der jetzt auch die 1888 geborene Elisabeth, Maries neun Jahre jüngere Schwester, gehörte, von dem wöchentlichen Krankengeld leben. Das waren 4,50 Mark, ein Fünftel seines Lohnes. Es blieb kein anderer Ausweg, Marie mußte in die Fabrik gehen, um wenigstens das zu verdienen, was ein junges Ding von 15 Jahren verdienen konnte. Die Mutter, die immer gegen Fabrikarbeit der Tochter gewesen war, gab nach. Das Geld wurde zu dringend gebraucht. Die Fabrik stellte Netzstoffe aller Art her, vom Fischernetz bis zu Gardinen. Marie verdiente 7.50 Mark wöchentlich, ungefähr ein Drittel dessen, was Otto als Zimmergeselle verdient hatte. Kurze Zeit später, wurde in der Fabrik der Akkordlohn eingeführt, bei dem die Arbeiterinnen sich rascher verbrauchten, fleißige und geschickte Frauen aber mehr verdienen konnten als im Stundenlohn. Marie, die zuletzt eingestellte und jüngste Arbeiterin, wurde an die älteste Maschine gesetzt, die nicht nur altmodisch, sondern auch abgenutzt war und schwer ächzte, wenn sie in Bewegung gesetzt und gehalten wurde. Trotz harter Bemühungen verdiente sie im Akkordlohn nicht mehr als zuvor. Die Fabrik arbeitete in Tag- und Nachtschicht. Die Arbeiterinnen hatten in jeder zweiten Woche zur Nachtschicht anzutreten. Während der Nacht gab es eine zweistündige Pause, für die sich die Arbeiterinnen ein Lager aus fertigen Netzen bereiteten. Doch sie schliefen nicht, sondern unterhielten sich. Die meisten Frauen und Mädchen kamen nicht wie Marie aus einem noch bürgerlich orientierten Haus. Sie waren durch jahrelange öde Arbeit, zusätzlich zu der Hausarbeit und der Sorge für ihre Kinder, so verbraucht und gedemütigt, daß sie in diesen Nächten ungeniert ihr Leben enthüllten. Das, was ihnen am wichtigsten erschien, war das Liebesleben, ob in der Ehe oder ohne Ehe." Derb und kräftig waren sie im Ausdruck, jung und alt", schreibt Marie in ihren Erinnerungen." Ich aber war nicht reif genug, um sie richtig zu verstehen." Jahre später fand Marie einmal in einem Artikel über einen Streik die Meinung vertreten, daß der Streik nicht nur den Lohn der Arbeiterinnen gesteigert habe, sondern auch deren Selbstbewußtsein. Sie hatten gelernt, daß ihre Arbeit gebraucht wurde, daß sie einen wirtschaftlichen Wert hatte, und daß sie, wenn sie das geltend machten und Arbeit zu schlechten Bedingungen gemeinsam ablehnten, etwas erreichen und ihre Stellung verbessern konnten. Nach Beendigung des Streiks blieben sie in der Gewerkschaft und besuchten Gewerkschaftskurse. Ihr Aussehen und Verhalten änderte sich." Ohne meine Erfahrungen in der Netzfabrik hätte ich von der Degradierung der Arbeiterinnen nichts gewußt und den Artikel für leere Propaganda gehalten", schrieb Marie daraufhin." Jene Nächte in der Fabrik haben mich gelehrt, wie mühselig die gewerkschaftliche Schulung von Arbeiterinnen sein muß." Aber von gewerkschaftlicher Schulung war bei ihren Kolleginnen damals noch nichts zu spüren, und die Frage gewerkschaftlicher Organisation tauchte in der Netzfabrik nie auf. Die Nachtarbeit diente der besseren Ausnutzung der Maschinen. Die Kessel arbeiteten billiger, wenn sie Tag und Nacht geheizt wurden. Eines Tages tauchten junge Burschen in der Netzfabrik auf, die von älteren und erfahrenen Arbeiterinnen angelernt werden sollten. Die fragten nach dem Grund und hörten, daß von einem bestimmten Tage an nur Männer noch nachts arbeiten sollten. Die Erregung unter den Frauen war groß, und sie schrien auf den Meister ein. Der schob einige von ihnen in das Büro des Chefs, damit sie sich dort Auskunft holen sollten. Noch erregter kamen sie zurück und berichteten, daß ein neues Gesetz ergangen war, wonach Frauennachtarbeit verboten war. Die Hälfte der Frauen müßte demnach entlassen werden. Sollten die Männer für die Netzarbeit ungeeignet sein, würde die Fabrik wahrscheinlich geschlossen werden. Wenn aber die Berechnungen ergeben würden, daß die Fabrik nur mit Tagesschicht auch noch rentabel sei, müßte trotzdem die Hälfte der Frauen entlassen werden, da nun einmal Raum und Maschinen nicht für alle ausreichten. Die Arbeiterinnen schimpften auf die Regierung, die ein Gesetz gemacht hatte, das sie ihres Brotes beraubte. Von einer der älteren Frauen erfuhr Marie, daß sie sich weigern würden, die Männer anzulernen, die ihnen die Arbeit raubten." Mein Mann ist krank, ich muß ihn und unsere beiden Kinder ernähren. Wenn ich Nachtarbeit mache, kann ich mich tagsüber um Wäsche und Haushalt kümmern." Marie war verwirrt. Alles, was sie bisher über die Arbeiterfrage gehört hatte, hatte sie nicht in Verbindung mit der Wirklichkeit gebracht. Nachtarbeit war ungesund, also sollte sie verboten werden, hatte sie in Flugschriften gelesen. Nun erlebte sie die Folgen des Verbotes. Mit Otto sprach sie darüber, daß diese Frauen vielleicht einmal Sozialistinnen werden könnten. Das würde aber nicht geschehen, wenn sie hören würden, daß die Partei für ein Verbot der Nachtarbeit eintrat, von der doch die Frauen leben mußten. Otto kannte Fabrikbetriebe kaum. Er ging auf seinen 10 Bauplatz, wo noch fast patriarchalische Verhältnisse zwischen dem Arbeitgeber und den Arbeitnehmern herrschten, und wo weder Frauen- noch Nachtarbeit in Frage kam. So nahm er Zuflucht zu Theorien, von denen er gehört hatte und nach denen sich alles mit der Umwandlung von Privateigentum in Gemeineigentum ändern würde. Marie konnte sich darunter nicht viel vorstellen. Also erkundigte sich Otto in einer Gewerkschaftsversammlung, die er regelmäßig besuchte. Dort erläuterte man ihm die Sorge der Arbeiterbewegung um die körperliche Gesundheit der arbeitenden Frau. Er unterrichtete Marie und sie berichtete ihm von der wachsenden Verzweiflung ihrer Kolleginnen. Sie sprachen viel über dieses Thema und waren do ch im Verstehen gehemmt, weil sie sich die Zukunft und den Weg dahin in den Einzelheiten nicht klar machen konnten." Ich hatte Einblick in die sozialen Verhältnisse", schrieb Marie," aber der Schlüssel zu ihrem Verständnis fehlte mir". Otto grübelte viel weniger. Er besuchte eifrig die Versammlungen der Ortsvereine der Gewerkschaften der Maurer und Zimmerer, die inzwischen in Landsberg gegründet worden waren. Dort hörte er, wie über die Fragen seines eigenen Berufes und der gewerkschaftlichen Organisation gesprochen wurde und hatte das Gefühl, daß er an einer besseren Zukunft arbeitete, und das befriedigte ihn. In der Fabrik blieb eines Tages Maries alte Nähmaschine nach einem knirschenden Geräusch unwiderruflich stehen. Man gab der" blöden Göre" die Schuld. Erregt drangen daraufhin die Arbeiterinnen auf den Meister ein, so daß dieser sich unter die Fittiche des Chefs flüchten mußte. erwacht Die Solidarität unter den Arbeiterinnen war an Erachen; die Formen, in denen sie sich äußerte, waren bei ihrem ersten Erscheinen noch rauh und primitiv. Marie wurde für den Rest des Tages beurlaubt, was natürlich, und namentlich bei Akkordarbeit, Lohnverlust bedeutete. Sie verließ die Fabrik und ging in Landsberg spazieren. Schauder überkamen sie, als sie an die Anstrengung an der Maschine, die Qualen der Nachtarbeit, das Benehmen ihrer Kolleginnen, die nie ihre Kameradinnen werdenwürden und an den schlechten Lohn dachte. Wenn sie in die Fabrik zurückkehren würde, wie lange konnte sie bleiben? Die Hälfte der Arbeiterinnen erwartete die Kündigung. Und die Jüngste würde man zuerst wegschicken. Auf ihrer Wanderung kam sie zur Provinzialirrenanstalt und in ihrem Drang, der Fabrik zu entfliehen, ging sie hinein und bot sich als Arbeitskraft an. Dort, so glaubte sie plötzlich, würde sie im Dienst an den Irren etwas leisten, ihrem Leben einen Sinn geben können. Nach einigen Tagen wurde sie angenommen. M1 Die Arbeit war hart, die Arbeitszeit lang. Hausarbeit und Dienst an den Kranken gingen nebeneinander her. Wäsche und Kleider der Patienten mußten die Mädchen reinigen und flicken. Sogar auf der Männerstation mußten sie gelegentlich aushelfen. Auch zur Pflege Sterbender und zum Bereitmachen der Leichen wurden sie herangezogen. Für den Krankendienst wurden den Mädchen ein paar kurze Regeln beigebracht. Eine wirkliche Lehre erhielten sie nicht. Niemand sprach mit ihnen über das, was ihnen im persönlichen Dienst an den Irren begegnen konnte. Niemand bemühte sich, sie von den furchtbaren Eindrücken zu befreien, denen sie ausgesetzt waren. Niemand erklärte ihnen die Bedeutung der pflegerischen Handreichungen oder gar den Sinn der Behandlungsmethoden. Aber die Arbeit bot, da sie teilweise Dienst am Menschen war, einem jungen Mädchen mehr Befriedigung als die mechanische Bedienung einer Netzmaschine. Es gab mehr Abwechslung. Zwar war der Dienst straff eingeteilt und erforderte dieselbe strenge Disziplin wie die Netzmaschine, aber Marie brauchte nicht mehr zu hetzen, um mehr zu verdienen. Sie arbeitete innerhalb einer Gruppe und war in ein Ganzes sinnvoll eingegliedert. Der Direktor war nicht mehr der gegebene Feind. Man konnte seine Leistung respektieren. Der Dienst dauerte von fünf Uhr früh bis neun Uhr abends. Die Mädchen aßen mit den Kranken. Möglichkeiten, allein zu sein, gab es nicht. Um neun Uhr abends hatten sie eine Stunde frei, um ihre eigenen Sachen zu waschen und zu flicken. Dabei durften sie sich unterhalten. In dem Aufenthaltsraum wurde zu gleicher Zeit das Geschirr gewaschen. Um zehn Uhr mußten sie in die Krankensäle, wo sie schliefen. Alle zehn Tage hatte eines der Mädchen Nachtwache. Marie verdiente in der Anstalt mehr als in der Fabrik, mehr als sie je als ungelernte Arbeiterin hätte verdienen können. Aber eine Berufsausbildung war auch diese Arbeit nicht. Kam Marie nach Haus, versuchte Otto, sich mit ihr über ihre Arbeit zu unterhalten und ihr klarzumachen, daß ein Sozialist sich für die Ursachen geistiger Erkrankungen, für die Heilungsmöglichkeiten und auch für die soziale Lage des Anstaltspersonals interessieren müsse. Doch dazu hatte Marie in der Anstalt keinerlei Anleitung und keine Zeit. Sie hatte das Gefühl, einer großen Aufgabe zu dienen und wollte daran nicht rühren lassen. Außerdem fühlte sie sich unfähig, ihren eigenen Gefühlen Ausdruck zu geben. So hüllte sie sich, auch Otto gegenüber, in Schweigen. Und sie konnte beharrlich schweigen. 12 An ihrer Zurückhaltung mag auch die Verbindung mit einem jungen Steinmetzen, einem Freund von Otto, gescheitert sein. Als 18jährige, nachdem sie schon zweieinhalb Jahre in der Anstalt zugebracht hatte, sah sie ihn regelmäßig an ihren seltenen freien Tagen. Otto, der inzwischen geheiratet hatte, und auch die Eltern, hätten die Heirat gern gesehen. Als der junge Mann Landsberg verließ, blieb Marie kühl und ruhig. Otto hatte nie erfahren, was sie damals empfand. wurde müßpen in der Austalt Als Marie nach mehrjähriget Arbeit in der betalt erkannte, daß sie immer nur die gleiche Arbeit verrichten mußte und keine Aussicht auf eine Ausbildung bestand, wollte sie dort nicht länger bleiben. Trotz aller Befriedigung, die sie in dieser Tätigkeit fand. Krankenpflegerin wollte sie werden, am liebsten Diakonissin. Doch die Eltern wollten nicht, daß sie sich von der Welt zurückzog. Sie dachten immer noch an Ehe und Mutterschaft für ihre Tochter und rieten Marie, ihre Ersparnisse für eine und Schneidem Ausbildung im Weißnähen zu verwenden. So geschah es auch. Eine richtige Lehre wurde es zwar auch nicht, aber schon nach einem Jahr konnte Marie Aufträge annehmen. Da sie zu Haus wohnte und der Vater wieder gesund war, konnte sie das verdiente Geld für die weitere Ausbildung verwenden. Durch die Verbindung mit ihren Kunden konnte sich Marie ein Bild von der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt machen, wurde sie gewandter und sicherer. Um die Jahrhundertwende verlor Vater Gohlke vollends die Spannkraft, die zur Aufrechterhaltung eines eigenen Geschäftes gehörte. Ein junger Architekt, der bei ihm seine praktische Lehrzeit gemacht hatte, nahm ihn als Polier an. Der alte Handwerksmeister nahm den Wechsel in seiner sozialen Stellung ernst. Zusammen mit Otto nahm er an einem Streik teil, an dem sich die gesamte Bauindustrie in Landsberg beteiligte. Die ganze Stadt wurde von der Aufregung erfaßt und spaltete sich in zwei Lager. Marie, die auf des Vaters und Ottos Seite stand, wurde so dem Bürgertum weiter entfremdet und kam der Arbeiterbewegung näher. Vater Gohlke wurde nach dem Streik auf die schwarze Liste gesetzt, die beim Arbeitgeberverband des Baugewerbes geführt wurde. Wer auf der Liste stand, wurde nicht in Arbeit vermittelt. Aber die Bauindustrie dehnte sich aus, Handwerker wurden gebraucht, und so stellte ein Neffe des Vaters, der ein eigenes Baugeschäft hatte, den alternden Meister zum Lokaltarif ein. Während des Streiks war Vater Gohlke Gewerkschaftsmitglied geworden. Nun gehörte die Familie dem organisierten Proletariat an, einschließlich Marie, obwohl sie keine Arbeiterin und infolge dessen auch kein Mitglied einer Gewerkschaft war. Ihr Bekanntenkreis jedoch war der der Eltern und des Bruders und das waren die organisierten Bauarbeiter. 13 Landsberg war in den letzten 15 Jahren um hundert Prozent gewachsen und hatte um die Jahrhundertwende 40.000 Einwohner. Die Netzfabrik wurde nicht stillgelegt, sondern erweiterte sogar ihren Betrieb. Eine Maschinenfabrik am Ort war vergrößert, eine Sackfabrik in eine Jutespinnerei verwandelt worden. Die letztere zog ausländische Arbeiter an, polnische Schnitter, die in der Umgebung auf den Gütern gearbeitet hatten, auch Italiener und Böhmen. Die Arbeiterbevölkerung wuchs verhältnismäßig am meisten in der Stadt. So bildete sich nach und nach in Landsberg der Boden für eine moderne Arbeiterbewegung. Gewerkschaften wurden nun auch für andere Berufe gegründet. Ein von der Wanderschaft zurückkehrender Stellmacher rief einige Kollegen und hefreundete Arbeiter zusammen und gründete mit ihnen einen Landsberger Ortsverein der sozialdemokratischen Partei. Da man von ihm als Ortsvereinsvorsitzenden der Partei vermutete, daß er die bestehende soziale und staatliche Ordnung umstürzen wollte, konnte er keine Arbeit finden. So gründete er mit Hilfe des väterlichen Erbes und den Ersparnissen seiner Mutter ein Zigarrengeschäft. Er hatte nun mehr Zeit als ein Arbeiter, konnte lesen und lernen. Und außerdem gab es einen Platz, wo Flugblätter gelagert und Mitgliederlisten geführt werden konnten. Bald darauf gründete ein aus Forst in der Lausitz zugereister Arbeiter einen Konsumverein. Durch ihn konnten die Arbeiter billiger einkaufen als in den Ladengeschäften. So dehnte sich die Arbeiterbewegung in Landsberg aus. kraft In ihr fühlte Otto sich wohl. Das war seine Welt. Allein war er nichts, nur in Solidarität mit der Masse bedeutete er etwas in Gesellschaft und Staat. In der bürgerlichen Welt konnte er sich kaum verständlich machen. Mit seinen Arbeitskollegen jedoch konnte er über seine Erfahrungen am Bauplatz sprechen, über den Kurs, den die Arbeiterbewegung steuern müsse, um die Arbeiterschaft von der Lohnsklaverei zu befreien und die Welt zu verbessern. An seinem Arbeitsplatz war Otto nichts als der Verkäufer seiner Arbeit. Nur nach ihr wertete ihn die bürgerliche Welt. In der Partei war er Mensch, dort zählte sein Verstand, sein Interesse an den Arbeitsbedingungen und politischen Verhältnissen, seine Treue zur Sache der Arbeiter, seine Fähigkeit, ihr zu dienen. In der Arbeiterbewegung gab es für ihn eine Entwicklung. Heute trug man Flugblätter aus, morgen war man Schriftführer oder Kassierer. Gestern hatte man stumm dabei gesessen, heute berichtete man über den Mitgliederbestand und die eingekommenen Gelder. Bald redete man auch über Politik." Wissen ist Macht", so hieß es. Wußte man etwas, konnte man helfen, die Bewegung aufzubauen oder bei Wahlen die Säumigen an die Urne zu bringen. Also mußte man auch lesen. Otto tat es. Er ging in Vorträge über Körperhygiene, naturwissenschaftliche, wirtschaftliche und soziale Fragen, sowie über die Geschich 14 te der Arbeiterbewegung. Das alles lernte Marie durch Otto kennen, der sie in die Partei einführte und dessen Erlebnisse sie dort teilte. Mitglied konnte sie allerdings nicht werden, denn Frauen war es gesetzlich verboten, einem politischen Verein anzugehören. Ursprünglich kam Marie zur Partei nicht aus Solidiarität mit den Arbeitern und aus dem Willen heraus, durch Zusammenschluß mit den Arbeitskollegen ihre eigene Lage und das Schicksal ihrer Klasse zu verbessern. Sie war nicht mehr Fabrikarbeiterin. Sie hatte keine Arbeitskollegen, mit denen zusammen sie an der Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen hätte arbeiten können. Sie empfand in diesen jungen Jahren so wenig wie ihre Eltern, ehe der Vater Arbeiter geworden war, eine unmittelbare Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse. Im Gegenteil, sie wollte keine Arbeiterin sein, sie war aus der Fabrik geflohen und wollte nie mehr dahin zurückkehren. Darum hatte sie die schwere Arbeit in der Anstalt vorgezogen und sich später selbständig gemacht. Sie wollte sich geistig entwickeln. Diese Möglichkeit sah sie in der Partei. Dort allein konnte sie die Volksschülerin, etwas hinzulernen, ihre Verstandeskräfte entfalten, an einem Leben teilnehmen, das sich mit allen brennenden Fragen, die die Menschheit betrafen, beschäftigte. Marie hatte große Hemmungen, wenn sie ihre Meinung sagen wollte. Sie zweifelte, ob sie richtig war, und ob sie sie auch gut vorbringen könne. Einmal, so erzählt sie, als bei den Eltern davon gesprochen wurde, daß das Deutsche Reich zu einer gefürchteten Flotten- und Kolonialmacht emporwüchse, fühlte sie sich gedrängt, etwas dazu zu sagen. Nach ihrer Meinung war es nicht einleuchtend, daß der Friede nur gesichert sein sollte, wenn man sich voreinander fürchtete. Als dann im Kreis sozialistischer Freunde auch über dieses Thema gesprochen wurde, bestand Marie darauf, daß man Frauen zur Mitarbeit heranziehen müsse, wenn man sich gegen den Krieg wenden wolle. Otto war über ihr plötzliches Reden so verblüfft, daß er noch nach mehr als 50 Jahren davon sprach. Marie und Otto redeten manchmal von der Notwendigkeit, einen Frauenverein zu gründen, in dem sich Arbeiterfrauen über ihre Probleme im Haushalt und in der Fabrik aussprechen könnten. Das war aber in Landsberg noch nicht möglich. Sprach Marie mit ihren persönlichen Bekannten und ihren früheren Mitarbeiterinnen aus der Netzfabrik darüber, bekam sie die Antwort:" Wozu die Aufregung. Mit uns geschieht ja doch, was die Herren oben wollen." Bei einem ihrer Kundenbesuche lernte Marie den Schneidermeister Juchacz kennen, der ihr eine Mitarbeit in seiner Werkstatt anbot. Sie nahm das Angebot an, da die Arbeit dort sicherer war als ihre eigene, für die sie immer wieder auf Kundenwerbung gehen mußte. Sie war auch weniger 15 anstrengend, weil die Kundenbesuche ja wegfielen. Aus dieser gemeinmsamen Arbeit ergab sich eine Bindung, die 1903 zur Ehe führte. Im gleichen Jahr wurde Maries Tochter Lotte geboren. Die Ehe aber wurde nicht glücklich. Nur mit ihrem Vater hat Marie einmal darüber gesprochen, um sich einen Rat zu holen, sonst mit niemandem. Und da der Vater das Gespräch mit der Tochter für sich behielt, hat nie jemand erfahren, was die Ehe so unerträglich gemacht hatte. Elisabeth, die damals 14jährige Schwester, arbeitete als Kindermädchen in der Nähe von Maries Wohnung. So sahen sich die Schwestern viel und, wie Otto einst zu Marie, so sprach jetzt Marie zu Elisabeth über das, was ihren Verstand beschäftigte: die sozialdemokratische Partei. In dieser Zeit war in Frankfurt an der Oder das Parteiblatt" Die Volksstimme" gegründet worden. Natürlich kam es auch nach Landsberg. Die beiden Schwestern lasen es zusammen. Es war, wie die meisten Parteiblätter der damaligen Zeit, ein schwerfällig geschriebenes Blatt, das mit eisernem Ernst zu den politischen Problemen Stellung nahm, in einer Sprache, die nur den eingeweihten Parteigenossen geläufig war. Es war daher ungeeignet, noch fernstehende Arbeiter für die Partei zu werben. Diese wurden durch die Erfahrung, die sie an ihrem Arbeitsplatz machten, durch die Entbehrungen, unter denen sie litten, durch die Erfolge der Gewerkschaften, durch das in den Versammlungen gesprochene Wort, durch die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft und durch den Idealismus ihrer Klassenkameraden, die schon der Arbeiterbewegung angehörten, gewonnen. Aber die bereits Organisierten fanden in der" Volksstimme" die Aufklärung über die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, die sie suchten. Dort lasen Marie und Elisabeth über die Vorgänge in der bürgerlichen Welt und auch im Reichstag. Las man die" Volksstimme", so konnte man in Versammlungen und am Feierabend mitreden. Marie sagte, daß das Blatt sie gelehrt habe, in ihrem Denken nicht mehr nur von sich selbst und ihrer nächsten Umgebung auszugehen, wie sie das bis dahin getan hatte, sondern sich als Teil eines Ganzen zu sehen und auf dieses ihre Gedanken zu richten. Auch habe sie aus dem Blatt die Namen der Parteiführer kennengelernt, ihre Reden gelesen, ihre politischen Meinungen erfahren, so seien für sie aus Namen Begriffe und Persönlichkeiten geworden. Damals lernte Marie Wilhelm Paetzel kennen. Er hatte in der Verlagsbuchhandlung" Vorwärts" in Berlin eine wichtige Stellung. Als Landsberger kam er oft in seine Heimatstadt, wo er einer der Hauptagitatoren der Partei und auch ihr Reichstagskandidat war. Als junger Arbeiter war Paetzel von Liebknecht entdeckt und für die Partei arbeit erzogen worden. Nach den Versammlungen blieb er oft im Kreise seiner Freunde, zu denen auch Marie gehörte, sitzen und diskutierte mit ihnen. Er hatte ein Talent, komplizierte Fragen mit einfachen Worten zu erläutern. 16 1903 war ein politisch erregendes Jahr. Im Juni fanden Reichstagswahlen statt, die ersten, denen Marie mit gespanntem Interesse folgte. Wählen durfte sie als Frau nicht. In Landsberg herrschte fieberhafte Wahlstimmung. In der Stadt hatten die Sozialdemokraten einen großartigen Wahlerfolg. Trotzdem wurde der sozialdemokratische Kandidat geschlagen, weil der ländliche Teil des Wahlkreises sich gegen die Sozialdemokraten entschied. Marie scheint der Verlust des Kreises Landsberg für die Partei tiefer beeindruckt zu haben, als der große Sieg, den die Sozialdemokratie bei der Wahl im Reich erringen konnte. Ihre Reichstagssitze erhöhten sich von 56 auf 81 von fast 400 Sitzen, ihre Stimmenanzahl stieg von zwei auf drei Millionen. Kurz nach der Wahl brach der Streik der Crimmitschauer Weber und Spinner aus, an dem ganz Deutschland regen Anteil nahm. Die Arbeiter kämpften für den Zehnstundentag und hofften, daß der Kampf der Arbeiterschaft um eine Verkürzung der Arbeitszeit in einer Industrie, die so viele Frauen beschäftigte, die Öffentlichkeit auf ihre Seite bringen würde. Das war auch zum Teil der Fall. Die Hoffnung, daß der durch den Streik entstehende Mangel an Crimmitschauer Garn die Textilindustrie Westdeutschlands lahmlegen und die Unternehmer gefügig machen würde, erfüllte sich jedoch nicht. Die Unternehmerschaft ganz Deutschlands unterstützte die Crimmitschauer Industrie finanziell, die sächsische Regierung half ihr dabei durch Verbote von Streikversammlungen und schließlich, nach sechs Monaten, mußten die Gewerkschaften den Streik abblasen, ehe die Streikfonds erschöpft und das Arbeiterelend zu groß wurde. Wie überall in der Arbeiterbewegung Deutschlands wurde auch in Landsberg für die Crimmitschauer Arbeiter gesammelt. Öffentliche Versammlungen wurden einberufen und Streikberichte gegeben. In solche Versammlungen konnten Frauen ungehindert gehen, und Marie nahm an ihnen teil. Dort erfuhr sie mehr über Frauenarbeit und die Probleme eines Streiks, als ihr Bücher je vermitteln konnten. Zum ersten Mal wieder seit dem Streik, an dem ihr Vater und Otto beteiligt waren, fühlte sie sich in den Klassenkampf einbezogen. Sie nahm Stellung und wurde der Sache der Arbeiterbewegung tiefer verbunden als je zuvor. Die erregten Auseinandersetzungen auf dem Dresdner Parteitat wurden auch in Landsberg gespannt verfolgt. Bebels leidenschaftliche Anklage gegen die Genossen, die an bürgerlichen Blättern mitarbeiteten, riß die Landsberger Sozialdemokraten mit. Bebel hatte Angst vor dem Anwachsen der Revisionisten, deren Zahl in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion nach der Wahl stark angewachsen war. Er wollte sie zurückwerfen, ehe sie die Partei vom Wege der Revolution ab und auf den Weg allmächlicher sozialer Reform durch Verhandlungen mit den bürgerlichen Parteien 17 führen konnten. Marie verstand diese Auseinandersetzungen, wie sie selbst sagte, damals noch nicht. Das Problem der Mitarbeit von Sozialdemokraten an der bürgerlichen Presse wurde im Landsberger sozialdemokratischen Verein viel erörtert. Die sozialdemokratischen Schriftsteller gehörten zum Proletariat und sollten sich nicht mit der bürgerlichen Gesellschaft, die für den Existenzkampf des Proletariats keinen Sinn hatte oder ihm feindlich gegenüberstand, enlassen, sagten die einen. Die anderen meinten, daß sie in bürgerlichen Zeitungen ein Publikum erreichen, das zwar nicht zu ihnen gehörte, das aber den Ideen der Sozialdemokratie zugänglich war. Marie hörte sich diese Auseinandersetzungen an, konnte sich aber für eine Stellungnahme zugunsten der einen oder anderen Seite nicht entschließen. Obwohl sie nun so viel von Politik hörte, so viel in sich aufnahm und geistig zu verarbeiten suchte, fand Marie noch immer, daß ihre geistige Entwicklung zu langsame Fortschritte machte. Und wie so viele Menschen, die in der Kleinstadt wohnen, gab sie den engen Verhältnissen Landsbergs die Schuld. 1905 wurde ihr zweites Kind, ihr Sohn Paul, geboren. Aber ihre Ehe war nicht glücklicher geworden. Wenn sie aus Landsberg wegginge, würde das die beste Möglichkeit sein, ihre Ehe schnell und ohne viel Aufsehen zu trennen. Sie begann, über die Einzelheiten des Planes nachzudenken. BERLIN 18 sei Allmählich verdichteten sich Maries Umzugspläne. Schon 1905 war sie der Meinung, daß es das beste wäre, nach Berlin zu gehen. Otto war schon dort; er bat sie zu kommen und versprach seine Hilfe. Den Gedanken rasch die Tat folgen zu lassen, ist Marie immer schwer gefallen. Elisabeth, die schon lange der Überzeugung war, daß die Schwester zu Größerem bestimmt war, als zur Landsberger Schneiderin und Weißnäherin, riet zu, ja sie drängte Marie. Sich von der älteren Schwester zu trennen, die nach ihrer Auffassung für ihre eigene geistige Entwicklung unentbehrlich war, kam Elisabeth nicht in den Sinn. Sie würde mitgehen und sich in Berlin der Kinder annehmen, während Marie arbeitete. mehr 1906 zog Otto, der schon vier Kinder hatte, in eine größere Wohnung. Er schrieb, daß er in Erwartung von Maries Übersiedlung nach Berlin extra ein Zimmer genommen und auch Näharbeit für sie gesucht und gefunden habe. Nun ging Marie mit der zweijährigen Lotte und dem sechs Monate alten Paul nach Berlin. Sie wohnte bei Otto und arbeitete für eine Näherin, die im gleichen Haus wohnte. Elisabeth folgte bald nach, und nun lebten die beiden Schwestern und die beiden Kinder bei Otto in einem Zimmer. Sie richteten den Raum nett ein, wie sie das von ihrer Mutter gelernt hatten. Besonders Elisabeth hatte Geschmack und künstlerisches Talent. Sie machte Heimarbeit für das Wäschehaus Grünfeld. Hatte Marie einmal keine Arbeit bei der Näherin im Haus oder für Nachbarn, ließ sich Elisabeth mehr Heimarbeit geben und Marie half mit, so daß sie beide immer Arbeit hatten. Otto war der Arbeiterbewegung treu geblieben und ging viel in Gewerkschafts- und Parteiversammlungen. Marie zog es jetzt vor, sich über die wirtschaftlichen und politischen Probleme, die sie beschäftigten, mit der jüngeren Schwester zu besprechen. Bei ihr war sie die Gebende. Elisabeth war heiter, nahm leicht auf, grübelte nicht lange nach über Probleme, wie Marie das tat, sondern sah Auswege und war optimistisch. Marie war nach Berlin gegangen, um sich im Schutze der Großstadt, in der sie sich weniger gehemmt fühlte als in Landsberg, ле wo jeder sie kannte, geistig zu entfalten. Aber nicht, um lediglich weiter und unter Bedingungen, die schlechter waren als die in der Landsberger Werkstatt ihres Mannes, zu nähen. Sie besuchte Parteiabende, sprach dort den Vorsitzenden an, um ihre Mitarbeit anzubieten, fand aber kein Interesse. Schließlich gingen die Schwestern verzweifelt zu Frau Altmann, der sozialwissenschaftlichen Mitarbeiterin der Gewerkschaften, auf Empfehlung von Landsberger Freunden. Frau Altmann wußte keinen Rat, aber sie fragte Marie und Elisabeth:" Warum gründen Sie nicht einen Frauenabend in Ihrem Bezirk"? Diesem Rat folgten die Schwestern und luden Frauen aus der Nach barschaft in ein kleines Lokal ein. Man las kleine Parteischriften und gelegentlich eine soziale Novelle. Aber Marie und Elisabeth waren nicht zufrieden. Sie fühlten, daß ihnen selbst das Wissen, die Kenntnisse und die Erfahrungen fehlten, um andere anzure gen und zu fördern. Von Frauen, die der Partei nahestanden, wurden damals Frauenleseabende organisiert. So umging man die Bestimmungen des preuBischen Vereinsgesetzes, nach denen Frauen nicht Mitglieder von politischen Parteien und Vereinen werden durften. Die Titel der Vorträge oder der Literatur, die gemeinsam gelesen und gehört werden sollten, klangen harmlos und unpolitisch. Aber politische Diskussionen können schließlich an jede Lektüre angeknüpft werden. Die Frauenabende galten als private Zusammenkünfte, sie waren anscheinend nicht mit dem Parteiapparat verbunden. Marie und Elisabeth sollten aber bald erfahren, daß dies dennoch der Fall war. Die sozialdemokratische Partei war in ihrem schweren Kampf viel zu sehr auf eine wuchtige, schlagkräftige Organisation angewiesen, um freie Gruppen von Sozialisten auch nur am Rande dulden zu können. Sozialisten sollten sich einordnen, ihre Kräfte für die Partei bereithalten, dem Apparat jederzeit erreichbar sein, und dem Ganzen dienen. Die Partei war im proletarischen Berlin, und zu ihm gehörte der Osten, in dem die Schwestern wohnten, stark genug, ihren Willen durchzusetzen. Sie hatte längst Wege gefunden, trotz des Vereinsgesetzes auch die Frauen einzugliedern. 20 Eines Tages erschien Margarete Wengels in Maries Frauenabend. Sie tadelte, daß Marie und Elisabeth sie übergangen hätten. schlossen + Rate Das ses Frau Wengels war gleich nach dem Fall des Sozialistengesetzes, die von der Partei anerkannte Fraueṇagitatorin geworden. Auf dem Kölner Parteitag 1893 wurde bestimmt, sie zur Leiterin der Frauenagitation im Reich zu machen. Frau Wengels und Marie waren sehr verschieden voneinander. Sie war derb, frisch, heiter, explosiv, vom Grübeln über soziale Probleme und von eigenem Wissen wenig beschwert, nur eifrig darauf bedacht, möglichst viele Frauen für die Partei zu gewinnen. Eine ungeheure Energie stand ihr für diese Aufgabe zur Verfügung. 1899 war sie in ihrer Stellung als " zentrale Frauenvertrauensperson" durch Ottilie Baader ersetzt worden, aber für die Agitation im Berliner Osten verantwortlich geblieben. Darum, so erklärte sie Marie, hätte sie gefragt werden müssen, ehe dieser Leseabend eingerichtet wurde. Damit erfuhr Marie, daß es für eine Sozialistin einen Aufstieg und eine selbstständige Aufgabe neben der Partei nicht gab. Frau Wengels schläge, man könnte auch Anordnungen sagen, waren einfach. zeigte, daß der Parteiapparat so gestaltet war, daß er mit Leichti keit Menschen wie Marie, mit ihren Plänen und Hoffnungen aufnehmen und an die Stelle leiten konnte, die sie, ohne es klar zu wissen, anstrebten. Marie und Elisabeth sollten den Frauenabend weiter leiten, sagte Frau Wengels, die" Gleichheit" lesen, das, da als von Klara Zetkin redigierte Frauenblatt der Partei, das im politisch milderen Stuttgart, also außerhalb Preußens, ungehindert erscheinen konnte, und dem" Verein der Frauen und Mädchen der arbeitenden Klasse" beitreten. Das war ein Verein, der sich mit den sozialen und wirtschaftlichen Problemen der Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen beschäftigte und angeblich unpolitisch war. Zu dieser Zeit war die sozialdemokratische Partei im Proletariat-außer in katholischen Gegenden- so stark, daß jeder Zusammenschluß von Arbeitern und Arbeiterinnen sozialdemokratischen Charakter annahm und sich parteizugehörig fühlte. Der Verein für die Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse stand unter der Führung von Frauen, die heimlich Parteimitglieder waren. + Fußnote: In unserer heutigen Ausdrucksweise würden wir diese Position mit Frauenreferentin des Parteivorstandes bezeichnen. 51 Marie und Elisabeth setzten ihren Frauenabend fort, abonnierten auch die" Gleichheit", wurden aber nicht Mitglieder des Vereins. Noch wollten sie ihre Selbständigkeit nicht aufgeben. Dabei befriedigte sie ihr Frauenabend nach wie vor nicht. Immer wieder spürten sie ihre eigene Unzulänglichkeit. Die Abende hatten keine rechte Form und keinen Charakter. 1907 heiratete Elisabeth den Arbeiter Röhl und zog mit ihm, Marie und den Kindern nach Schöneberg, damals noch ein Berliner Vorort. Marie blieb entschlossen, an öffentlichen Leben weiter mitzuarbeiten. Die Zeit, die andere auf ihre Vergnügungen verwandten, wollte sie ihren ernsteren Zielen widmen. In Schöneberg meldeten sich die Schwestern nun doch beim Frauen- und Mädchenverein an. Vorsitzende war Frau Bäumler, deren Mann die Schöneberger Spedition des" Vorwärts", der Berliner sozia demokratischen Zeitung, hatte. Als Marie und Elisabeth zum ersten Mal in eine Versammlung des Vereins gingen, sahen sie, daß diese von zwei Polizisten überwacht wurde. Das bedeutete, daß die Versammlung aufgelöst werden würde, sobald ein politisches Wort fiel. Diese Gefahr wurde geschickt umgangen. Nach kurzer Zeit der Mitgliedschaft gingen Marie und Elisabeth in die Wohnung von Frau Bäumler und boten ihre Mitarbeit an. Bei einiger Vorsicht sei es möglich, erklärte ihnen Frau Bäumler, die Frauen des Vereins für die sozialdemokratischen Ideen zu gewinnen. Man müsse die Themen des Abends möglichst allgemein halten, viel von Kultur sprechen und doch Fragen des Arbeits- und Familienlebens der Frauen und die Wege zur Besserung behandeln. Sie bekamen auch einige 1898 erschienene Broschüren von Emma Ihrer, der Frauensekretärin der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands. Frau Ihrer stellte darin fest, daß die Polizei gegen Arbeiterinnenversammlungen und Frauenzusammenkünfte, die sie für sozialdemokratisch hielten, viel strenger vorging, als gegen bürgerliche. Denen sah sie Ausflüge in die Politik oft nach, während sie die Sozialdemokratinnen dafür vor die Gerichte brachte. Frau Bäumler hatte auch Quittungskarten für Parteibeiträge, durch die die Frauen die geheime Mitgliedschaft in der Partei erwerben konnten. Die Schwestern erfuhren auch, wo die geheime sozialdemokratische Frauenorganisation tagte und die Zeit der Zusammenkünfte. Daneben 22 gab es den Frauenleseabend in Schöneberg, der öffentlich war und dessen Besucher von dem Bestehen einer geheimen Frauenorganisation nicht unterrichtet waren. Marie und Elisabeth wurden regelmäßige Besucher des Frauenund Mädchenvereins von Schöneberg. Marie war unduldsam gegenüber Rednern, die ihren Ansprüchen nicht genügten, sie war aber viel zu scheu und verschlossen, um aus ihrer Reserve herauszutreten und in der Diskussion zu sprechen, Einmal sprach ein Arzt über das Thema:" Wie fesselt die Frau ihren Mann an das Heim". Solche Themen waren beliebt. Viele der müden und abgehärmten Frauen, die um ihre Ehe fürchteten, wußten doch, wie dit sich der Mann nach heiterer Gesellschaft sehnte, unbelastet von häuslichen Sorgen. Wie alle fortgeschrittenen und strebsamen Frauen ihrer Zeit wollte Marie nicht nur die politische Gleichberechtigung, sondern haldigte dem etwas unklaren Begriff der Gleichberechtigung in der Ehe. Die Frau sollte sich aus ihrer untergeordneten Stellung in der Familie befreien. Als Ideal galt die Ehe, die auf Kameradschaftlichkeit und gemeinsamen Ideen aufgebaut war. Dabei wurde oft geflissentlich übersehen, das alles diesem Ideal entgegenstand. Die dreifache Belastung durch Erwerbsarbeit, Haushalt sowie Geburt und Erziehung der Kinder, machte es der Arbeiterfrau fast unmöglich, sich aus den Niederungen einer trüben Jugend und schlechten Schulbildung hinaufzuarbeiten. was Der Arzt in der Versammlung sprach von der Anziehungskraft von Wurst- und Käseplatten auf den Mann, besonders wenn man sie mit Petersilie und Knoblauch garnierte. Marie war darüber empört und wollte sprechen. Aber Frau Bäumler winkte ab. Marie wollte die Versammlung nicht stören und die Schwäche des Referenten nicht anprangern. So schwieg sie. Aber schon damals muß von ihrem Wesen etwas ausgegangen sein, das anzog und den Gedanken erweckte, daß es lohnend sei, sich ihrer Führung anzuvertrauen. Sie war eine gut aussehende Frau, groß, mit einem scharf geschnittenen Gesicht. Einem Gesicht, das streng und herb war und das durch den intensiven, forschenden Blick der etwas tief liegenden braunen Augen und durch ein gelegentlich leichtes Lachen des Mundes einen besonderen Reiz erhielt. Immer war sie geschmackvoll und nie auffällig gekleidet. Sie strahlte eine ruhig Selbstsicherheit aus, und dennoch konnte sie oft, wenn sie ein 23 Zimmer oder einen Versammlungssaal betrat, eine innere Scheu und Befangenheit nicht verbergen. Beides verschwand erst, wenn sie am Rednerpult stand. Jedenfalls kamen bald nach dieser Versammlung einige Frauen zu Marie in die Wohnung und baten sie, die Leitung des Ortsvereins zu übernehmen, da der Vorsitzende seinen Rücktritt angekündigt hatte." Wir brauchen jüngere Frauen, die in die Bewegung hineinwachsen. Frauen, die Willen und Erkenntnis haben", erklärten sie. Marie zögerte zunächst, wie immer, wenn sie sich erst selber prüfen mußte. Aber Elisabeth gab ihr einen energischer Wink. Da nahm sie an und wurde in der nächsten Sitzung des Vereins einstimmig zur Vorsitzenden gewählt. Nun hatte sie also ein richtiges Parteiamt. Als Vorsitzende des Vereins sah es Marie als ihre Aufgabe an, die Beschlüsse der Partei und besonders der Parteitage und Reichsfrauenkonferenzen und der Gewerkschaftskongresse durchzuführen, das hieß, sie den Frauen ihres Vereins mitzuteilen und mit ihnen zu diskutieren. Der Gedanke, daß sie selbst einmal an diesen Beschlüssen mitwirken könnte, kam ihr nicht. Noch half sie nur, daß die Bewegung sich ausbreitete. würde Eine der Aufgaben des Vereins war es, seine Mitglieder von der Notwendigkeit gewerkschaftlicher Organisation zu überzeugen. Damals waren 24 Prozent der Industriearbeiter, aber nur 5,2 Prozent der industriellen Arbeiterinnen gewerkschaftlich organisiert. In den Industriezweigen, in denen Frauen und Männer zusammenarbeiteten, waren die Frauen relativ am stärkten gewerkschaftlich organisiert. Am schlechtesten war es in den Industrien wo überwiegend oder wo viel Frauen arbeiteten. Die sozialdemokratische Partei hatte ein Programm, das alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und alle menschlichen Beziehungen umfaßte: Politik, Wirtschaft, soziale Bedingungen, Kommunalpolitik, Ehe, Familie, Kindererziehung, Schule und Religion. So fehlte es dem Verein keineswegs an Vortragsthemen. Redner schickte meistens die Berliner Zentrale. Belebt wurde das alles durch die Teilnahme an den erregenden Fragen des Tages. Damals waren es besonders die Lohn- und Arbeitsbedingungen in der Heimindustrie, gegen die die Gewerk 24 schaften ankämpften. Also beschäftigte sich auch Marie in ihrem Verein mit diesem Problem. 1906 hatte die Nürnberger Arbeitersekretärin Helene Grünberg Material über die Lage der Dienstboten in Nürnberg gesammelt, es auf dem Mannheimer Parteitag vorgetragen und zu einer Dienstbotenorganisation aufgerufen. 1908 schloß sich der Hamburger Gewerkschaftskongreß dem Aufruf an. Auch diese Frage wurde zum Gegenstand einer Aussprache in Maries Verein. 1908 wurde endlich der Zehnstundentag für Frauen eingeführt, für den die sozialdemokratische Partei seit dem Crimmitschauer Streik fünf Jahre lang hart gekämpft hatte. Ebenso wurden die Bestimmungen über, die Frauennachtarbeit verbessert. Der Gesetzentwurf, den die Regierung eingebracht hatte, wurde im Frauen- und Mädchenverein Schöneberg diskutiert. Während der Reichstagsverhandlungen über den Gesetzentwurf setzte Marie ihn wieder als Thema auf die Tagesordnung, um die Haltung der verschiedenen Parteien im Reichstag zu beleuchten. Nach Annahme des Gesetzes im Reichstag besprach man, daß die Nicht beachtung der gesetzlichen Bestimmungen der Öffentlichkeit bekannt gegeben werden müßten, um so auf die betreffenden tabriken einen Druck auszuüben. Die Frauen sahen ein, daß genaue Kenntnis des Gesetzes, ihre eigene Initiative und Mitwirkung bei der Überwachung seiner Durchführung notwendig waren. Sie wurden zum Lernen und zur Betätigung ihrer Kräfte angestachelt. Betrieben Marie mußte, um jeweils die Redner des Abends einzuführen und die Diskussion zu leiten, sich auf die Versammlungen vorbereiten und sich mit den Themen vertraut machen. So erweiterte sie ihren Gesichtskreis. In der Arbeit für die Organisation, die sie leitete, wuchsen ihre Kräfte und formte sich ihre Entwicklung. Einmal wurde der Leitung des Frauen- und Mädchenvereins von der Schöneberger Parteileitung nahegelegt, die Mitglieder des Vereins aufzufordern, sich an einer Straßendemonstration gegen das preuBische Dreiklassenwahlrecht zu beteiligen. Das preussische Wahlrecht ordnete die Wähler mit geringem Einkommen in die dritte Klasse ein und gab ihnen, obwohl ihre Zahl überwog, nur ebensoviel Wahlmänner wie der zweiten Klasse, in der die viel geringere Gruppe der Wohlhabenden, und wie der ersten Klasse, in der die ganz kleine Zahl der Reichen, wählten. Die Wahlmänner aller drei Klassen wählten dann den Abgeordneten des Wahlbezirks, so daß die Arbeiter, Kleinere 25 die alle in der dritten Klasse wählten, praktisch entrechtet waren, außer in den reinen Arbeiterbezirken. Die Wahl war nicht geheim; die Wahlmänner mußten dem Wahlvorsteher mitteilen, welche Partei sie wählten. Das führte auf dem Lande und in Klein- und Mittelstädten oft zur Entlassung sozialdemokratischer Arbeiter und infolge dessen auch dazu, daß viele Arbeiter gar nicht zur Wahl gingen. Unter Maries und Elisabeths Führung nahm der Schöneberger Frauen- und Mädchenverein an der Demonstration vor dem Abgeordneten haus teil. Berittene Polizei mit gezogenem Säbel trieb die Menge auseinander. In diesem Gedränge stürzte Elisabeth und wurde von einem Pferdehuf getroffen. Zum Glück war die Verletzung nicht ernsthaft. Die Demonstration brachte keinen Erfolg. Anfang 1908 beschäftigte sich die Öffentlichkeit mit dem Entwurf zum Reichsvereinsgesetz. Es war eine erregende Zeit. Das Gesetz, das im April 1908 in Kraft trat, machte aus den bisher politisch unmündigen Frauen Halbmündige. Sie durften von nun an politischen Vereinen und Parteien angehören, nur wählen duften sie noch immer nicht. Zwar Im Mai 1908 kem Maries Mutter nach Berlin, nachdem Vater Gohlke im Alter von 66 Jahren gestorben war. Da sie bei den Töchtern wohnen sollte und Elisabeth ein Kind erwartete, brauchten die Familien eine größere Wohnung, die sie in Rixdorf, dem heutigen Neukölln, fanden. Rixdorf war eine reine Arbeiterstadt und hatte einen starken, sehr aktiven sozialdemokratischen Ortsverein. Als Marie und Elisabeth dort hinkamen, war der Verein gerade damit beschäftigt, die geheimen weiblichen Mitglieder als ordentliche Mitglieder aufzunehmen und weitere Frauen für die Partei zu werben. In der zu diesem Zweck einberufenen Versammlung sprach der Referent über die Stellung der Frau in Matriarchat der grauen Vorzeit und wiederholte so ungefähr alles, was Bebel in seinem Buch" Die Frauen und der Sozialismus" über die geschichtliche Entwicklung de sozialen Lage der Frau geschrieben hatte. Als er dann zum eigentlichen Thema des Abends kam, waren die Zuhörer müde. Er selbst auch. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit sprach Marie in der anschließenden Diskussion. Sie sagte, daß das Referat für den Zweck, den es verfolgte, viel zu groß angelegt gewesen sei. Der Redner hätte zur Gegenwart und nicht über die Vergangenheit spreche 26 sollen. Nach dieser Diskussionsrede erhielt Marie einen Brief von dem Leiter eines" Zahlabends"-so wurden die kleinen Versammlungen genannt, in denen die Berliner ihre Parteibeträge bezahltender Marie bat, auf einem Parteiabend über Religion und Sozialismus zu sprechen. Vorher sollte sie ihn besuchen, um die Sache zu beraten. Marie wollte nicht hingehen, aber Elisabeth drängte und so überwand sie ihr inneres Widerstreben." Sie können sich klar genome ausdrücken, und das brauchen wir", erklärte ihr der etter. Die Schwestern sprachen dann beide, jede eine halbe Stunde, über das vorgeschlagene Thema. Marie war halb krank vor Lampenfieber. Bald darauf bekam Marie einen Sitz im Vorstand des Neuköllner Ortsvereins der Partei angeboten. Zusammen mit Gertrud Scholz, der Frau des Vorsitzenden, sollte sie die sozialdemokratische Frauenbewegung organisieren. vereins Neben den vierwöchentlich stattfindenden Frauenabenden richtete Marie eine Arbeitsgemeinschaft für die geistig regsamsten Frauen Neuköllns ein. Dort lasen sie das Erfurter Programm mit den Kautskuchen Erläuterungen. Marie selbst nahm auch an Bildungskursen der Partei teil und lernte dort manche Parteigröße kennen. Ein Jahr später wurde sie in den Vorstand des Wahlkreises Teltow- Beeskow Storkow- Beeskow- Charlottenburg gewählt. Ihre Aufgabe war nun nicht mehr nur die unmittelbare Arbeit im eigenen Ortsverein, sondern die Kontakthaltung mit den weiblichen Funktionären aller zum Wahlkreisverein gehörenden Ortsvereine. Nun war sie schon ein wichtige Glied im großen Organismus der Partei. Als Marie einen Genossen fragte, warum man ausgerechnet sie in den Wahlkreisvorstand gewählt hatte, erwiderte er:" Weil Du Dich nicht in die Privatangelegenheiten anderer einmischst". anderer In der Tat: Maries Zurückhaltung und Diskretion waren ein großer Vorzug für ihre künftige Arbeit. Das" Privatleben" maufgeforden interessierte sie nicht. Sie scheute davor zurück, sich in die persönlichen Angelegenheiten anderer einzumischen. Der Vornehmeine natürliche Würde des Auftretens heit ihres Wesens entsprach die Distanz in persönlichen Umgang, die keine allzu große Vertraulichkeit aufkommen ließ. Marie, die durch aus empfand, daß ihr Weg in Beruf und Partei aufwärts führte, nale 22 hielt wollte ihren Aufstieg nur auf Grund ihrer Persönlichkeit und durch Leistung erreichen, und nicht dadurch, daß sie sich vorschob und andere zurückdrängte. Ihr fehlte jede Veranlagung zur Intrige. Es gehörte zu ihren großen Vorzügen, anderen Menschen freie Bahn zu lassen. Dadurch fand sie wirkliche Mitarbeiter. Maries Rede war" ja- ja, nein- nein", alles andere erschien ihr vom Übel. Wenn sie damals sprach, verkörperte sie eine aus der Arbeiterschaft hervorgegangene Frau, die sich hart um die Wahrheit bemüht hatte. Sie hatte eine starke und schöne Stimme, die sie gut zu gebrauchen wußte. Wenn ihr auch zumindest im Beginn ihrer Laufbahn- eine gewisse Schlagfertigkeit mangelte und wenn sie auch nie lente, zündende, die Massen mitreißende Reden zu halten, so sprach sie doch eindringlich und wirkungsvoll und gewann damit die Hörer. es ihr gegeben war Nachdem Marie und Elisabeth jahrelang zu Hause genäht hatten, entschlossen sie sich, in einen Betrieb zu gehen. Marie widerstand nun dem Arbeiterinnendasein nicht mehr. Sie hatte jetzt mehr Zeit für sich, als früher. Hinzu kam, daß gerade ein Lohntarif für die Wäschenäherei und Schneiderei vereinbart worden war und ihr Arbeitgeber sich daran hielt. als zum Eines Abends hatte Marie es besonders eilig von der Arbeit nach Hause zu kommen. Sie wollte eine öffentliche Versammlung besuchen, auf der Luise Zietz, die Nachfolgerin Ottilie Baaders " Zentralvertrauensperson der Genossinnen Deutschland" Thema" Die Frau in der heutigen Gesellschaft" sprechen sollte. Kurz vor Maries Wohnung erwarteten sie einige Genossinnen aus Neukölln. Von ihnen erfuhr sie, daß Luise Zietz krank sei und die Frauen baten sie, an ihrer Stelle die Versammlungsrede zu halten. Marie antwortete:" Wie kann ich denn das ohne weiteres"? Aber sie erklärten ihr, daß sie schon in ihrer Wohnung gewesen seien und von Elisabeth ein Manuskript bekommen hätten, das sie einmal zu dem gleichen Thema ausgearbeitet hatte. Also müsse sie darüber auch reden können. Ein Butterbrot zur Stärkung hatte Elisabeth den Frauen mitgegeben. Einige Stunden später hatte Marie ihre erste Rede in einer öffentlichen Versammlung gehalten. Mit Erfolg 28 Von dieser Zeit an-es war 1909- sprachen Marie und auch Elisabeth oft in öffentlichen Versammlungen in und um Berlin. sie sie 1911 bat Luise Zietz die Schwestern ,, auf Versammlungsreisen zu gehen. Da es dafür Tagegelder gab, konnten sich Watte und libeth von ihrer Arbeit trennen. Sie gingen aber immer abwechselnd auf Reisen, die Kindernicht allein zu lassen, und sahen sich daher nur noch selten Die Reisen führten sie, die bisher von der Welt nur Berlin und Landsberg kannten, nach Sachsen, Thüringen, Frankfurt am Main, Bayer Hamburg und in die obere Rheinprovinz. So erweiterten sie ihren Horizont und lernten, wie verschieden die Lebens- und Arbeitsbedingungen und auch die politischen Verhältnisse im Reich waren. Sie sahen und erlebten, wie verschieden die Genossen in Nord und Süd waren und wurden gleichzeitig selbst in der Partei bekannt. Im Jahre 1911 starb Mutter Gohlke. Elisabeth war gerade von einer Vortragsreise zurückgekommen, und Marie war im Begriff, abzureisen. Nach der Beerdigung mußte die achtjährige Lotte die Großmutter im Haushalt vertreten. Die Doppelfamilie stand noch vor einer anderen Schwierigkeit. Christian Michael Röhl, Elisabeths Mann, hatte nie Interesse für die Sozialdemokratie gehabt. Mit Elisabeths wachsendem Interesse für die Politik und durch ihre Tätigkeit in der Partei, entfremdeten sich die Eheleute. Die seit Schwestern waren gewöhnt, alles miteinander zu besprechen; Marie viel auf Reisen sein mußte, spürten Elisabeth und ihr Mann noch stärker als vorher, wie wenig sie sich gegenseitig zu sagen hatten. Eine Versammlungsreise führte Marie in die obere Rheinprovinz. Luise Zietz hatte sie gebeten, in den Bezirken Köln, Aachen, Trier und Koblenz zu sprechen. Auch hier hatte Marie zunächst gezögert, den Auftrag anzunehmen und wieder war es Elisabeth, die ihr Mut machte. Die Reise war gut vorbereitet. Ein genauer Plan enthielt die Angaben über die Versammlungen, die Hotels, in denen Zimmer für sie bestellt waren, über die Sehenswürdigkeiten jeder Stadt, in der sie sprechen sollte, die landschaftlichen Schönheiten der Reiseroute waren erwähnt und sogar eine Liste billiger und guter Restaurants beigefügt. Die wirtschaftliche und soziale Struktur der 29 Orte waren eingehend beschrieben. Marie wurde in Köln vom Bahnhof abgeholt und in die Redaktion der" Rheinische Zeitung" gebracht. Hier lernte sie den Chefredakteur Jean Meerfeld und die Redakteure Wilhelm Sollmann und Georg Baier kennen. Seither blieb Marie diesen Menschen ihr Leben lang in treuer Freundschaft verbunden. Diese Versammlungsreise war die angenehmste, die Marie bisher gemacht hatte. Sie hatte Zeit, in den Orten, die sie besuchte, sich von den Vertrauensleuten der Partei über die Lage der Arbeiter schaft berichten zu lassen. Sie genoß die ihr als Ostdeutschen so unbekannte Hügellandschaft von Rhein und Mosel und erfreute sich an den alten Bauten. In den Versammlungen fand Marie mit ihre klugen, ruhigen und ernsten Vortragsweise Zustimmung und Anerkennun Auch Katholikinnen kamen zu den Versammlungen und Marie gab sich große Mühe, die trennend zwischen Sozialistinnen und Katholikinnen stehenden Fragen ruhig zu behandeln. In ihren Erinnerungen fragt sie sich, ob ihr das gelungen sei. Aber bewußte Schärfe lag ihr so fern wie Fanatismus. So hat sie wohl niemanden verletzt. er Als sie nach Berlin zurückkehrte, hatte sie unwissentlich eine große Prüfung bestanden. Sie erhielt bald darauf einen Brief von Jean Meerfeld, in dem er sie aufforderte, sich mit ihm und dem Köln Reichstagsabgeordneten Adolf Hofrichter in einem Cafè zu treffen. Die beiden boten ihr die Stellung einer Parteisekretärin für die obere Rheinprovinz in Köln an. Damit wurde ihr die Möglichkeit geboten, sich ganz der Parteiarbeit zu widmen und die Näherei aufzugeben. Sie würde nun lesen, lernen, geistig arbeiten und ganz für die Partei arbeiten können. Zu Hause besprach Marie das Angebot mit Elisabeth, die ja die Last der Doppelfamilie allein tragen mußte, wenn Marie nach Köln gehen würde. Elisabeth war hierzu sofort bereit und Marie konnte auf dem eingeschlagenen Weg weiterschreiten. Wie bei den Wahlen in den Neuköllner Orts- und den TeltowBeeskower Kreisvorstand, wurde Marie auch hier nicht von der Mitgliedschaft oder den weiblichen Mitgliedern, sondern von dem Vorstand vorgeschlagen. Sie hatte nicht die Eigenschaften, die dazu Von gehören, den Aufstieg durch die Masse zu machen. Sie war viel zu scheu und bescheiden, sich in politische Fragen zu mischen, die nicht ihr unmittelbares Arbeitsgebiet betrafen. Es lag ihr nicht, sich in den Vordergrund zu spielen. Aber ihr ruhiges Wesen, ihr anständiger, nobler Charakter, ihr Fleiß, ihre Sachlichkeit und ihre gut und gründlich vorbereiteten Reden lenkten die Aufmerksamkei der maßgeblichen Genossen auf sie. Man erkannte, daß hier eine Persönlichkeit heranwuchs, die Führungseigenschaften erwarten ließ. 30 100 Köln 31 Im März 1913 ging Marie nach Köln. Obwohl sie nun Aussicht auf Entwicklungsmöglichkeiten hatte, nach denen sie sich immer gesehnt, und vor Aufgaben stand, auf die sie sich geflissentlich vorbereitet hatte, fiel ihr der Abschied von Berlin schwer. Sie war 34 Jahre alt. Ihre Arbeit war ihre Lebensaufgabe geworden. Vom Leben erwartete sie nicht mehr als das Gelingen ihrer Aufgabe. Aber sie musste sich von Elisabeth und den Kindern trennen. Elisabeth würde für die Kinder sorgen, die sich als Geschwister betrachteten und nicht auseinandergerissen werden durften. Sie würden gut versorgt werden. Aber nicht mehr alles mit Elisabeth bereden zu können, war ein schwerer Gedanke. Was würde ihre besondere Aufgabe in Köln sein? Von der Gesamtmitgliederzahl der sozialdemokratischen Partei in Deutschland, damals eine Million, waren 15 Prozent Frauen. In der oberen Rheinprovinz war der Prozentsatz noch geringer. Bis 1913 war die Mitgliederzahl der Partei im Durchschnitt jährlich um etwa 15 Prozent gewachsen. Bei der Wahl im Jahre 1912 konnte die Partei 35 Prozent der abgegebenen Stimmen für sich erringen. Ein großer Sieg! Als danach aber die von der Partei geforderte Verfassungsreform, sowie andere Reformen, fehlschlugen und ihr Einfluss nicht zunahm, zog eine bis dahin nicht gekannte Müdigkeit in die Reihen der Parteigenossen ein. Statt wie im Vorjahr 155 000, konnten 1913 nur 12 000 neue Mitglieder aufgenommen werden; davon waren 10 000 Frauen. Die Erklärung dafür ist in dem raschen Anwachsen der industriellen Frauenarbeit zu suchen. Immer mehr Frauen wurden vor die gleichen wirtschaftlichen Probleme gestellt, mit denen die Männer zu ringen hatten, um die sie enger mit der Arbeiterbewegung in Berührung brachten. Dazu kam, dass die Frauen, die sich nun seit fünf Jahren politisch organisieren durften, mehr und mehr кENE dieses neue Recht auch wahrnehmen wollten. Beide Faktoren wollte die Partei in der oberen Rheinprovinz ausnutzen. Aus diesem Grunde stellte sie eine Frauensekbetärin ein. Marie Juchacz sollte den neu in die Industrie eindringenden Frauen die Probleme, die sich für ihr wirtschaftliches und privates Leben aus der Erwerbsarbeit ergaben, erläutern. Sie sollte daraufhinweisen, dass die Partei bereit war, ihnen zu helfen, dass die Partei sie aber auch brauchte, um das Ziel zu erreichen, die Lage der Arbeiterinnen und der Arbeiterschaft überhaupt zu verbessern und sie von kapitalistischer Ausbeutung zu befreien. Zu diesem Zweck sollte Marie die Frauen per 32 sönlich ansprechen. Vor allem aber sollte sie die Mitglieder der Partei für ihre Aufgabe interessieren und örtliche Frauengruppen schaffen, in denen die neu zu organisierenden Frauen Anschluss und Belehrung finden und ihre Kräfte entfalten konnten. In Köln selbst war die Arbeit der Frauensekretärin nicht so wichtig wie in der Provinz. In Köln genügte es, die Probleme der Frauenorganisation herauszuarbeiten und den weiblichen Funktionärinnen nahezubringen, diese waren durchaus in der Lage, die Arbeit zu übernehmen und weiterzuführen. Die Hauptaufgabe lag in der Provinz. In Aachen und Umgebung beschäftigte die Textilindustrie eine immer wachsende Anzahl von Frauen. Dort musste Marie mit dem Textilarbeiterverband zusammenarbeiten, damit dieser die Frauen auf die politische Organisation hinwies und auf die Versammlungen aufmerksam machte. Die Versammlungen mussten auf den besonderen Zweck, die Textilarbeiterinne politisch zu organisieren, zugeschnitten werden. Die Frauensekretärin der Partei musste also die verschiedenen Probleme der Textilarbeiterinnen in den verschiedenen Orten und dan Denken der Arbeiterinnen genau kennen. Sich darauf vorzubereiten, war die Arbeit des Tages, die Abende waren mit Versammlungen ausgefüllt. War keine Textilarbeiterinnen- oder Parteifrauenversammlung angesetzt, dann sprach Marie vor den Bergarbeiterin des Aachener Reviers; das hiess, sich wieder auf neue Probleme umzustellen. In den kleinen Eifelorten gab es nicht nur keine Frauengruppen, sondern die Partei hatte überhaupt Schwierigkeiten, dort einzudringen. Marie musste sich aus Adressbüchern Namen und Anschriften von Arbeitern heraussuchen, und bei diesen dann schriftlich anfragen, ob sie bereit wären, Frauen zu Arbeiterinnenversammlungen einzuladen. Dann musste sie auf beschwerlichen Reisen mit der Eisenbahn und oft auch noch zu Fuss, die Versammlungen aufsuchen. Nicht selten fand sie nur ein Dutzend oder noch weniger Frauen vor. Diese sollten dann der Stamm werden, auf dem die zukünftige Organisation aufgebaut werden konnte. In der Kleinstadt und auf dem Lande kamen die Frauen oft nach der Versammlung zu der Referentin, um sich Rat zu holen. Fragen, die 33 sich aus dem Arbeits-, Miets- und Versicherungsverhältnis und aus dem Armenrecht ergaben, leitete Marie an den gewerkschaftlichen Arbeitersekretär der nächsten Stadt weiter. Andere Fragen, die sich auf das Verhalten der Kinder in der Schule, das Verhalten der Schule zu ihnen, den Verdienst und die Lebensmittelteuerung bezogen und die ganz persönlichen Fragen des Ehelebens mussten an Ort und Stelle beantwortet werden. Selbstdisziplin und Energie gehörten dazu, um nach den Reisen des Tages und der abendlichen Versammlungsrede noch die Ruhe, Freundlichkeit und Sachlichkeit aufzubringen, die zum Umgang mit den gequälten Fragestellerinnen gehörten. Wollte sie die Frauen politisch gewinnen, durfte sie diese in ihren persönlichen Bitten nicht enttäuschen. Kam Marie nach Köln zurück, musste sie die Arbeit in der Stadt mit den dortigen Funktionärinnen besprechen, möglichst viel Frauenund Parteiversammlungen besuchen und ihre nächste Reise vorbereiten. Wie immer widmete sie sich zäh ihren Aufgaben. Sie wusste selbst, wie viel sie noch über die wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und politischen Fragen ihrer Zeit zu lernen hatte. Doch in der Regel konnte sie sich aus der Zeitung informieren und daher bei der Formulierung ihrer Programme und der Konzipierung ihrer eigenen Vorträge nicht aus dem Vollen schöpfen. Wurde ein bestimmtes Thema verlangt, zog sie Bücher heran, sonst fehlte ihr die Zeit dafür. Im wesentlichen waren es ihre Arbeit und die Gespräche mit ihren Freunden vornehmlich den Redakteuren der Rheinischen Zeitung die ihren Gesichtskreis erweiterten und ihr neue Erkenntnisse vermittelten. Später, als sie schon Frauensekretärin des Parteivorstandes war und von den in der Agitation tätigen Frauen gebeten wurde, ihnen fertige Vorträge zu liefern, hat sie einmal ihre eigene Arbeitsweise beschrieben:" Man muss sich selbst aus Quellen, Parteibibliotheken und Parteischriften, das Geeignete zusammenstellen. Wir dürfen keine Phonographen ins Land hinausschicken, sondern müssen mit eigenem Willen lernen, an uns selbst zu arbeiten und uns durch unermüdliche Übung fähig zu machen, unsere Werbereden aus uns heraus zu schaffen. Nur bei Spezialthemen ist die Übersendung von Material angebracht." Die Kökner Genossen erwarteten von Marie, dass sie in einfachen Worten zu den Frauen über die Probleme in Betrieb und Familie 34 sprach und ihnen klar machte, dass der Befreiungskampf der Arbeiter sie brauchte. An diesem Platz wollte man eine Frau, die bewusst darauf verzichtete, sich in erster Linie mit den leidenschaftlichen Auseinandersetzungen innerhalb der Partei zu beschäftigten, bei denen es damals um den Imperialismus ging und um die Frage, ob sich die Partei darauf beschränken solle, die grosse Revolution vorzubereiten, oder ob es ihre Aufgabe sei, die neue Gesellschaft schon im Schosse der heutigen vorzubereiten. Maries Aufgabe war es, abseits von diesen theoretischen Auseinandersetzungen die Frauen erst einmal für den Sozialismus zu gewinnen. Carl Zörgiebel, der Kölner Parteisekretär und spätere Polizeipräsident von Köln und Berlin, berichtet, dass er die harte Schale, die Marie Juchacz ungab, aufbrechen wollte, als er einmal zu ihr sagte:" Wenn Du Deine klugen Gedanken mit etwas mehr Wärme vortragen würdest, könntest Du die Menschen nicht nur politisch, sondern auch menschlich restlos gewinnen." Marie antwortete:" Ein Baum wächst so, wie ihn der Wind zerzaust und der Boden ihn ernährt." Eine Frau, der alles leichter gefallen wäre, hätte schnell von ihrer Stellung aus den Flug in die grosse Politik unternommen und die Durchschnittsfrau in der Organisation weit hinter sich gelassen. Aber gerade das wollte Marie nicht. Und sie begab sich auch nie in die Niederungen der Eifersüchteleien und des Streites. So wirkte sie durch ihre Persönlichkeit, die Wahrhaftigkeit und den Ernst, mit dem sie ihre Aufgabe erfüllte. e Während der ersten Kölner Monate sehnte sich Marie nach Elisabeth und der freundlichen Heiterkeit, die die Schwester vorbereitete, und Elisabeth in Berlin sehnte sich nach Maries Führung. Eines Tages schrieb Elisabeth:" Ich habe mich mit meinem Mann über eine vorläufige Trennung geeinigt und will mit den drei Kindern nach Köln kommen." Marie mietete eine Wohnung und, schon im Juli 1913 traf Elisabeth mit den Kindern ein. Der gemeinsame Haushalt und die gemeinsame Tätigkeit der Schwestern begannen von neuem. Elisabeth wurde in Köln noch umgänglicher, heiterer und zuversichtlicher, als sie es schon vorher war. Sie schloss sich an den ungefähr gleichaltrigen Emil Kirschmann an, den sie später heiratete. Kirschmann, der einer Edelstein- und Achatschleiferfamilie aus Oberstein entstammte, war als Handlungsgehilfe zur Partei gekommen. Durch seine politischen und journalistischen Talente setzte er sich in der Kölner Partei schnell durch, und Elisabeth hatte 35 Ferien das Glück, einen Kameraden gefunden zu haben, der ihre geistigen und politischen Neigungen teilte. Emil Kirschmann zog in den Haushalt der beiden Frauen ein. Die enge Verbindung der Schwestern hat er me gestört. Er wurde Maries vertrauter und treuer Freund. Gleich nach ihrer Ankunft regte Elisabeth eine neue Arbeit an, die erste der Schwestern auf dem Gebiet der Fürsorge. Sie organisierten Kinderspielnachmittage im Kölner Stadtwald und Parteiausflüge dorthin. Sie hatten diese Arbeit in Berlin kennengelernt, wo die Kinderschutzkommissionen der Partei diese Art der Kinderbetreuung eingeführt hatten. Diese Kinderschutzkommissionen waren die ersten Wohlfahrtsorganisationen der Partei, trugen aber im wesentlichen kämpferischen Charakter. Sie waren nach Erlass des Kinderarbeitsschutzgesetzes von 1903 gegründet und durch Beschluss des Bremer Parteitages von 1907 und eine folgende Abmachung zwische dem sozialdemokratischen Parteivorstand und der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands bestätigt worden. Weibliche Parteimitglieder gingen früh morgens auf die Strassen, um Kinder, die Zeitungen oder Brötchen austrugen oder anderer ungesetzlicher Arbeit nachgingen, anzuhalten, mit deren Eltern zu sprechen und deren Lebensumstände zu ermitteln. Das Tatsachenmaterial wurde dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, um sie gegen die Kinderarbeit zu mobilisieren. Marie war im Begriff, diese Kinderschutzarbeit auch in Köln einzurichten, als sie zu anderen Aufgaben gerufen wurde. " Die Julitage 1914 rissen uns aus unseren Illusionen von einer kämpferischen und steten Aufwärtsentwicklung und unterbrachen unsere Arbeit grausam," schreibt Marie in ihren Erinnerungen. Furcht vor der Ungeheuerlichkeit eines Krieges und Hoffnung, dass dieses Ungeheuerliche nicht Wirklichkeit werden möge, rissen Marie wie die meisten anderen Menschen hin und her. Die Partei erwartete, das geht aus Maries Aufzeichnungen hervor, ihre Auflösung und die Verhaftung ihrer Führer für den Fall der Mobilmachung. Hofrichter und Zörgiebel fuhren in die Provinz, um sich mit den dort führenden Genossen zu besprechen. Marie blieb von früh bis spät in dem Büro. Sie sollte dort die Nachrichten über die weitere Entwicklung abwarten. Eine eigenartige Lähmung ergriff die Partei. Aussenpolitik im 36 Deutschen Reich war die Aufgabe der Regierung. Die Parteien begleiteten sie mit Reden. Die sozialdemokratische Partei wies darauf hin, dass die imperialistische Politik der Regierung, die Armeevergrößerung, das Flottenprogramm und die Kolonialpolitik zum Kriege führen würden. In vielen Versammlungen demonstrierte sie gegen Aufrüstung und Imperialismus. Die Aussenpolitik der Regierung zu beeinflussen, fehlte ihr aber die Macht. Jahrzentelang hatte sie die Frage diskutiert, was die Arbeiterschaft tun müsse und tun würde, um einen unmittelbar drohenden Krieg zu verhindern. Nun drohte der Krieg unmittelbar, aber die Partei war nicht sicher, ob die Arbeiter auf ihren Ruf hin die Mobilmachung wirklich sabotieren würden. Sie erliess den Ruf nicht, weil sie fürchtete, keinen Widerhall zu finden, und weil sie deutschen Boden nicht feindlichen Heeren preisgeben wollte. Der Parteivorstand forderte in den letzten Julitagen auf, überall in Versammlungen gegen den Krieg zu demonstrieren. Marie erinnerte sich später an die" gewaltige" Kundgebung gegen den Krieg im Kölner Volkshaus. Die Versammlung war gross und erregend, weil die Massen kamen, um sich in diesem Augenblick um die Partei zu scharen, mit der sie sich immer verbunden gefühlt hatten, während sie unsicher gewesen waren über ihre Gefühle gegenüber dem Vaterland. Aber" Gewalt" hatte die Versammlung nicht; am nächsten Morgen lag die Entscheidung in den Händen der deutschen Regierung wie zuvor. Erregung und Unsicherheit dauerten an. In Paris wurde Jaures ermordet. Marie hatte 1912 seine Rede in der grossen Berliner Parteiversammlung gehört. Saal und Garten der" Neuen Welt" waren überfüllt gewesen, und die Menschen hatten erwartungsvoll auf der Strasse gestanden, obwohl es noch keine Lautsprecher gab. Der Eindruck, den der grosse Redner und Mensch hinterlassen hatte, war überwältigend gewesen." Wir Hanzosen sind friedfertig bis zum Äussersten", hatte er ausgerufen," aber wenn man uns demütigen will, was dann?" Nun war er tot, der Mann, der für den Frieden gekämpft hatte und Deutschland klar zu verstehen gegeben hatte, wo die Gefahr lag. Sinnlose Taten zerrissen seelische Bande, die ein Mann wie Jaures auch für Menschen geknüpft hatte, die, wie Marie, das Ausland nicht kannten. Der Mord erregte sie, da ihr Fanatismus fern lag und unbegreiflich war. 37 Genossen Am zweiten August fuhr Adolf Hofrichter nach Berlin zur Reichstagssitzung, in der über die Kriegskredite abgestimmt werden sollte. Die Mobilmachung hatte schon am Vortage begonnen, die deutschen Truppen marschierten bereits. 110 Mitglieder war die sozialdemokratische Reichstagsfraktion stark. Hofrichter stimmte mit vierzehn anderen für die Ablehnung der Kriegskredite, um gegen den Krieg zu demonstrieren, und um zu bekunden, dass die Sozialdemokratie nach wie vor der Regierung der Klassengesellschaft und des Klassenstaates feindlich gegenüber stand. Die überwältigende Mehrheit der Fraktion wollte keine Demonstration in " der Stunde der Gefahr". Sie war überzeugt, dass die Arbeiter und Parteimitglieder, die in Scharen eingezogen wurden, es nicht verstehen würden, wenn ihre Partei ihnen die Waffen verweigerte, mit denen sie sich verteidigen mussten. Sie wollte auch ein Verbot der Partei und Gewerkschaften vermeiden, in einem Augenblick, in dem die Arbeiter in ihren vielen neuen Nöten Abwesenheit des Familienernährers, Lebensmittelmangel und-teuerung strengere Disziplin in den Fabriken, um nur einige zu nennen ihre Hilfe brauchten. Die Mehrheit glaubte auch, dass Verfassungs- und Sozialreform, angesichts der ungeheuren Opfer der Masse, nicht mehr verweigert werden konnte, und wollte an der Umgestaltung Deutschlands mitarbeiten. Noch ehe eine Nachricht von Hofrichter kam, hörten Marie und die Partei in Köln, dass die sozialdemokratische Reichstagsfraktion die Kriegskredite bewilligt hatte. Marie fühlte, nach ihrer Aussage, die Entscheidung" wie eine Zentnerlast, die mich bedrückte, wo immer ich war". Auf welcher Seite sie bei der Entscheidung stand, hat sie nie gesagt. Es war ihre Art, sich nur zu Fragen zu äussern, die mit ihrer eigentlichen Arbeit und ihrer Stellung zusammenhingen. Indessen zogen die Kölner Behörden aus ihrer Schublade ein Papier heraus, das ihnen früher einmal von der vorsorglichen preussischen Regierung für den Fall der Mobilmachung zugesandt worden war. Es verlangte Verbot der Kölner sozialdemokratischen Partei, der " Rheinischen Zeitung" und die Verhaftung der Parteiführer für den Fall der Mobilmachung. Noch ehe der Verhaftungsbefehl vollhogen werden konnte, kam Gegenorder von Berlin. Die Zeitung wurde wieder frei gegeben, das Parteiverbot aufgehoben. 38 Marie, Elisabeth und Emil Kirschmann, in ihrer Freiheit nun nicht mehr bedroht, überlegten, was zu tun war. Bevor sie zu Entschlüssen kamen, wurden Zörgiebel, Kirschmann und andere führende Sozialdemokraten eingezogen. Viele männliche Ratgeber verschwanden aus Maries Gesichtskreis. In dieser Zeit blieb nur das Frauenbüro regelmäßig geöffnet. Es erschien als die einzig sichere und beständige Einrichtung der Partei. Aber es war lahmgelegt. Öffentliche Versammlungen waren nicht erlaubt, Mitgliederwerbung war unmöglich geworden. Sie Da erliessen am sechsten August der Vorstand der sozialdemokratischen Partei und die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands eine gemeinsame Proklamation. In ihr wurden die Genossen aufgefordert, in erster Linie dafür zu sorgen, dass die Organisation erhalten bliebe. Weiter sollten die Kriegerfamilien über ihr Anrecht auf Unterstützung beraten werden. Wo Sekretäre vorhanden waren, sollten diese die Beratung übernehmen. Die Mitarbeit der Frauen sei unbedingt notwendig. Die örtlichen Parteiund Gewerkschaftsorganisationen sollten auch den Gemeinden bei ihrer Unterstützungstätigkeit, bei der Festlegung von Mindestpreisen für Lebensmittel und bei anderen Aufgaben helfen. Hier war also ein Wegweiser für die Kriegsarbeit. Er führte auf das Gebiet der Wohlfahrtspflege. Ende August kam ein Rundschreiben von Luise Zietz. Die leitenden sozialdemokratischen Frauen sollten danach die Auskunftserteilung über alle vor den Frauen neu auftauchenden Fragen übernehmen, sich der Frauen der eingezogenen und der arbeitslos gewordenen Männer annehmen, sowie Kinderfürsorge-, Kranken- und Wöchnerinnenhilfsstellen einrichten. Sie sollten in den gemeindlichen Unterstützungskommissionen für Kriegerfrauen nach Kräften mitarbeiten. Marie hatte noch keinerlei Erfahrung in der Wohlfahrtspflege, mit Ausnahme der Kinderschutz tätigkeit, die sie gerade erst begonnen hatte. Sie wusste, dass die Arbeiter nicht Fürsorge für den Einzelnen forderten, sondern soziale Gerechtigkeit. Zwar hatten die Gewerkschaften ihr eigenes Versicherungssystem eingeführt, das bescheidene Zahlungen bei Streik, Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter gewährleistete, das aber im wesentlichen dazu diente, die Arbeiter in ihren wirtschaftlichen Kämpfen zu stärken und die Zugehörigkeit zur Gewerkschaft anziehend zu machen. 39 Marie kante ilie Kritike Die Bismarck'schen Sozialversicherungsgesetze und die Krankenversicherung gewährten einen Rechtsanspruch auf Hilfe. Die Arbeiter hatten, sich, nach anfänglichem Zögern und Ablehnung mit diesen Versicherungen abgefunden, obgleich die Leistungen völlig unzureichend waren. laufend Der Mitwirkung der Frau in der kommunalen Armenpflege standen vor dem ersten Weltkrieg schwere Hindernisse im Weg. Die Frauen hatten kein Gemeindewahlrecht. Zu den städtischen Deputationen, die die Armenpflege verwalteten, waren nur in wenigen Ländern Frauen zugelassen; in Preussen nicht. Unter Aufsicht der Deputationen führten ehrenamtliche Bezirkskommissionen die Arbeit durch. Sie bewilligten die Unterstützungen, nachdem ehrenamtliche Armenpfleger die Hilfsbedürftigkeit festgestellt hatten. Die Armenpfleger kontrollierten dauernd die Verwendung der Mittel bei den Hilfsbedürftigen. Die Mitglieder des Gemeindewaisenrates halfen bei der Überwachung und Beratung der Vormünder. Amtsvormundschaft über uneheliche Kinder gab es damals nur in ganz wenigen, besonders fortschrittlichen Städten. Auch zu den Ehrenämtern eines Armenkommissionsmitgliedes, eines Armenpflegers und Gemeindewaisenrates wurden Frauen nur in wenigen Städten bestellt. In Köln gab es, nach Maries Aussage, nur einige Waisenpflegerinnen, aber unter ihnen keine Sozialistin. Mitglieder der Partei der absoluten Opposition, die sich selbst revolutionär nannte, wurde zu solchen Ämtern nicht herangezogen. Zudem hatten die Arbeiter bei ihrer langen Arbeitszeit nicht die Zeit, die diese Arbeit erforderte, und auch nicht die Räume, die für Besprechungen mit den Antragstellern nötig waren. Die Sozialdemokraten waren in der Kritik an der Armenpflege, wie sie damals praktiziert wurde, mit der Arbeiterschaft einig. Die Armenpflege entsprach noch dem Bild, das man sich im deutschen Frühkapitalismus von den Armen gemacht hatte. In" der besten der Zeiten" konnte es nur dem wirtschaftlich schlecht gehen, der nicht genug oder nicht e intensiv genug arbeitete, der träge war, oder sein verdientes Geld für Alkohol und andere Luxusbedürfnisse ausgab. Der Arme war nach der herrschenden Ansicht selbst schuld an seiner Armut. So gab man ihm nur das Existenzminimum, mit dem er sich notdürftig am Leben erhalten konnte und überliess es ihm, seine Lage zu bessern. Die Sozialdemokratie sah die Armut als Klassenerscheinung, das heisst als Folge davon, dass der Arbeiter 40 vom Verkauf seiner Arbeit leben musste und dass er ohne Existenzmittel war, wenn seine Arbeitskraft vorübergehend oder dauernd beschränkt oder am Arbeitsmarkt vorübergehend oder dauernd unverkäuflich war. Die Bedingungen, die an die Gewährung der Armenpflege geknüpft wurden, waren unsozial und entwürdigend. Der Bedürftige hatte kein einklagbares Recht auf Hilfe. Nur Bedürftige, die den Unterstützungswohnsitz erworben hatten, dase heisst, die in der sie hießbedürftig wurden, seit einem Jahr in der Gemeinde wohnten, erhielten Hilfe. Die anderen wurden an den Ort abgeschoben, von dem sie gekommen waren. Von dort aber waren sie weggegangen, weil sie keine Aussicht sahen, ihr Brot zu verdienen. Einkommen aus irgendwelchen Quellen, wie Unterstützung durch die engere oder weitere Familie wurden bei der Prüfung der Hilfsbedürftigkeit streng angerechnet. Die aus der Armenpflege gewährten Mittel, mussten der Gemeinde auf Heller und Pfennig zurückgezahlt werden, so bald der Emfpänger oder seine Familie dazu in der Lage waren. Das wurde von der Armenpflege dauernd geprüft. Der Unterstützte verlor sein Wahrecht, solange er unterstützt wurde und der Gemeinde Rückzahlungen schuldete. So verletzte die Armenpflege den Stolz des klassenbewussten Arbeiters, der sie beantragen und von ihr leben musste. Da es keine Arbeitslosenunterstützung gab, mussten alle Arbeitslosen die Armenpflege in Anspruch nehmen. Die Kritik der Sozialdemokratie und auch einer Reihe anderer Sozialreformer war nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Die Obrigkeit und gewisse Schichten der Bevölkerung wollten die Arbeiter nicht noch weiter verbittern, nicht noch tiefer in die Arme der Sozialdemokratie treiben, und milderten darum die mit der Armenpflege verbundenen Demütigungen, Man wollte auch Menschen, die wieder einem tätigen Leben zugeführt werden konnten, durch die Beschränkung auf das Existenzminimum während der Zeit der Unterstützung nicht noch tiefer absinken lassen. So wurden in manchen Städten schon damals die Rückzahlungsbestimmungen gemildert und vereinzelt auch Unterstützungen für die Erziehung von Kindern und Jugendlichen gewährt. Auf dieses Gebiet also sollte Marie sich nun begeben. Sie konnte eine Sprechstunde einrichten. Würde das genügen? Da rief kurz nach Kriegsausbruch der Stadtverband Kölner Frauenvereine, in dem die nicht sozialdemokratischen und die nicht den freien Gewerkschaften nahestehenden Frauenvereine zusammenge 41 schlossen waren, die Kölner Frauen auf, sich für die Kriegsarbeit zur Verfügung zu stellen. Auch die Frauen des Stadtverbandes hatten kein Wahlrecht. Sie forderten, genau wie die sozialdemokratischen Frauen, die Ernennung von Frauen zu Mitgliedern der städtischen Deputationen, der Armenkommission und des Gemeindewaisenrats sowie zu besoldeten Ämtern in Staat und Gemeinde. Die bürgerlichen Frauenverbände hatten dem Staat Frauenbildung und Frauenstudium abgerungen; sie hatten private Wohlfahrtsvereine aufgebaut, die eine ernstere, nachhaltigere Fürsorge versuchten, als die alten Wohltätigkeitsvereine. Sie waren ein die bestehende Gesellschaft kritisierendes und bewegendes Element. Aber wie die bürgerliche Gesellschaft im ganzen, fürchteten auch sie die totale Neuordnung, die die Sozialdemokratie anstrebte. Aus diesem Grunde wollten sie nicht mit den sozialdemokratischen Frauen zusammenarbeiten. Hätten sie es getan, würde die übrige bürgerliche Gesellschaft sie für noch gefährlicher gehalten haben, als sie ohnhhin schon erschienen. Das wollten diese Frauen vermeiden. Bisher hatte auch die Sozialdemokratie gar nicht mit ihnen arbeiten wollen. Marie hatte es nie versucht. Sie empfand, wie die gesamte Arbeiterschaft, Bitterkeit darüber, dass die bürgerliche Gesellschaft dem Proletariat, als es zu Klassen- und Selbstbewusstsein erwachte, grundlegende Änderungen verweigert hatte, so dass es gezwungen war, der bürgerlichen Gesellschaft seine Rechte im Kampf abzuringen. Bin tiefer Graben trennte die beiden Klassen. Er trennte auch die beiden Frauengruppen, trotz mancher gemeinsamer Forderungen wie Frauenstimmrecht und Verbesserung des Arbeiterschutzes. Nur ganz selten war es bisher zu gemeinsamer Arbeit gekommen. die nach dem Mach Als Marie Juchacz den Aufruf des Kölner Frauenstadtverbandes las, fühlte sie, dass sie es nicht zulassen durfte, dass diese Frauen allein ihre Stimmen zur Verbesserung der Kriegswohlfahrtspflege und Kriegsernährung erhoben. Die Mitarbeit der Sozialistinnen musste gesichert werden. Sie meldete sich beim Stadtverband an. Die männlichen Genossen teilten Maries Gedanken. Da die Sozialdemokratie mit der Kriegskreditbewilligung ihren nationalen Standort deutlich gemacht hatte, stimmte der Frauenstadtverband der Zusammenarbeit, die Marie vorschlug, zu. Die Nationale Frauengemeinschaft für Köln wurde gegründet. Dem 42 Vorstand gehörten als Vorsitzende die Frau des Oberbürgermeister und als Mitglieder die Vertreter des" Allgemeinen Deutschen Frauenvereins", dès" Frauenstimmrechtsverbandes", der katholischen, evangelischen und israleitischen Frauenvereine, der bürgerlichen Gewerkschaften der Heimarbeiterinnen und der weiblichen Angestellten, der Lehrerinnenverbände und des Verein zur Erneuerung der Frauenkulturen. Neben und mit ihnen sass vo1 nun an Marie Juchacz von der sozialdemokratischen Frauengruppe. Damals wusste sie noch nicht, wie stark die Arbeit in der Nationalen Frauengemeinschaft ihre Gedanken und zukünftige Arbei beeinflussen würde. sie Marie kannte nicht eine der Frauen persönlich, obwohl alle seit langem im öffentlichen Leben standen. So tief war die Kluft gewesen. Die Frauen begegneten ihr mit einer mit Ängstlichkeit gemischten Neugierde, die Marie peinlich berührte. Als sie aber erkannten, dass diese Frau keine revolutionären Brandreden hielt, sondern den Standpunkt der Arbeiter sachlich vertrat, kam es zu einer guten Zusammenarbeit. Marie wurde für die bürger lichen Frauen eine Quelle der Erkenntnis über das Denken und die Organisation der Arbeiter. Nur noch gelegentlich musste Marie den Hochmut, mit dem man von den" ungebildeten Volksschichten" sprach, zurückweisen. Schon im November 1914 hielt Marieg in einer Serie von Aufklärungsvorträgen der Nationalen Frauengemeinschaft einen Vortrag" Die sozialen Pflichten der Frau im Krieg". Es war das erst Mal, dass sie vor einer nicht nur aus Arbeitern und Sozialdemokraten zusammengesetzten Versammlung sprach. Der Vortrag wurde ein Erfolg. Außerdem leitete Marie einen Kurs über " die Kriegsküche im Winter" für die Nationale Frauenarbeitsgemeinschaft. Um die bisher fehlende Mitarbeit der Frauen in den gemeindlichen Ausschüssen zu überbrücken, berief die Stadt je zwei Vertreterinnen der Nationalen Frauengemeinschaft in jede ihrer Deputationen und Ausschüsse, die sich mit Kriegsfragen beschäfti ten, die die Bevölkerung berührten. Marie sass im Ernährungsausschuss, der die vom Reich rationierten und die von der Stadt selbst eingekauften Lebensmittel einlagerte und zur Verteilung abrief. Der Respekt vor dem Organisationstalent der Arbeiter, Oui 43 die Konsumvereine geschaffen hatten, wuchs, und mit ihm Maries Anerkennung in der Frauenarbeitsgemeinschaft. In den Vorstandssitzungen der Frauenarbeitsgemeinschaft wurden Fragen der Wohlfahrtspflege und Volksernährung in allen Einzelheiten besprochen, damit gemeinsame Vorschläge zur Verbesserung gemacht werden konnten. Marie bereitete sich auf einen Kampf zur besseren Unterstützung der Kriegerfamilien vor. Familien von einberufenen Männern wurden damals nicht aus der Armenpflege, sondern nach einem alten Gesetz unterstützt, dessen eistungen sehr gering waren, den Empfänger aber nicht seines Wahlrechts beraubten. Maries Kampfwurde nicht nötig. Köln war bereit, Zusatzunterstützung zu geben, scheute aber davor zurück, den Kriegsunterhalt der Familien durch Armenpflege zu ergänzen. Man empfand, dass dem Mann an der Front nicht zugemutet werden konnte, bei seiner Rückkehr aus dem Krieg eine grosse Schuld bei der Stadt zu haben, die ihn nach allen Leiden und Opfern für das Vaterland auch noch seines Wahlrechtes beraubte. Eine besondere Zusatzunterstützung für Kriegerfamilien wurde eingeführt, die der Demütigung der Armenpflege entkleidet war. Schon nach kurzer Zeit tauchte auch die Frage der Unterstützung von Kriegshinterbliebenen auf; sie wurde nach den gleichen Grundsätzen geregelt. Marie, die immer aus ihrer Arbeit lernte, bekam ein Bild von dem Armenrecht und den Problemen der Armenrechtsreform. eutBald konnte sie sich auch ein Bild von der Armenverwaltung selbst machen. Wie eng war ihre Berührung mit den Armen! Die ehrenamtlichen Armenpfleger dagegen kamen aus dem Mittelstand. Sie fühlten sich erhaben über den Arbeiter und ihr Denken versprach dem System, das den Armen am Leben erhielt, aber kein Verständnis für seine Empfindungen hatte. Sie sahen nicht, dass in den meisten Fällen die Notlage nicht von Müssiggang oder Mangel an Sparsamkeit herrührte, und dass sie nur durch gesundheitliche Hilfe, eine bessere Wohnung, Umschulung oder ähnliche Massnahmen beseitigt werden konnte. Diese Erfahrungen führten Marie zu der Erkenntnis, dass xiixxxxxxxx skicksяk ein Arbeiter als Armenpfleger viel mehr Anteil am Schicksal des Armen nehmen würde. Er kannte die Not und war selbst darauf gefasst, jeden Tag wieder davon betroffen zu werden. Aus einen 44 eigenen Erfahrungen würde er die Kraft schöpfen, mit den Armen zu fühlen, ihren Stolz zu heben und Massnahmen vorzuschlagen, die sie wieder zu einem tätigen Leben führen konnten. Marie sah auch, dass eine verbesserte Armenpflege, die die wirkliche Not ergründete und nachhaltige Hilfe gab, nicht durch ungelernte freiwillige Armenpfleger durchgeführt werden konnte, sonders ausgebildeter Kräfte bedurfte. Das würden dann wieder Mädchen und Frauen des Bürgertums sein, denn welche Arbeiterin konnte sich die Ausbildung leisten, die für die soziale Berufsarbeit nötig wurde? Was war dagegen zu tun? Auch die praktische И private Fürsorge lernte Marie durch ihre Mitarbeit in der Nationalen Frauengemeinschaft kennen. Die Arbeitsgemeinschaft schuf neue Einrichtungen, wo immer sie notwendig wurden. Zu Beginn des Krieges fehlte es an Kindergärten. Also wurden Mittel gesammelt und Kindergärten gegründet. Eine Beratungsstelle für Frauen von Kriegsteilnehmern und Kriegshinterbliebehen wurde eingerichtet und von der Arbeitsgemeinschaft geleitet. Flüchtlingen aus Kriegsgebieten besorgte man freies Quartier, Hauspflege für Kranke und Invalide wurde. organisiert, Die Nationale Frauengemeinschaft vermittelte auch Hilferinnen für Kinderkrippen, andere Anstalten und auch für Armenpflege und Kriegsfürsorge. Als die Zeiten schlechter wurden, gründete man Volksküchen, Suppenanstalten und Wärmehallen. Die Frauen, mit denen Marie in der Nationalen Frauengemeinschaft zusammenarbeitete, waren in dieser Arbeit erfahren; Marie beobachtete, lernte und sammelte praktische Erfahrungen und Kenntnisse, die sie zu einem Exiakanxigiaid wertvollen Mitglied der Nationalen Frauengemeinschaft machten. Auf ihre Initiative wurde eine Werkstatt eingerichtet, um Heimarbeiterinnen und Frauen, die arbeiten mussten, ihre Kinder aber nicht verlassen konnten, Arbeit verschaffen. Die Armee brauchte зи Wäsche und wollenes Unterzeug und war bereit, dafür zu zahlen. Eine Kleiderkammer des Nationalen Frauendienstes bestand bereits, nun wurde Material gekauft; Marie richtete eine Werkstatt ein, in der das Material zugeschnitten und an Heimarbeiterinnen ausgegeben wurde. Mit dem Verband der Scheider und Wäschenäherinnen setzte sie die Löhne fest, die mit denen der in Werkstätten und Industrie beschäftigten Scheider und Wäschenäher abgestimmt wurden, 45 1 um diese nicht zu schädigen oder gar brotlos zu machen. In der Werkstatt ihres Mannes und durch ihre eigene Näharbeit hatte sie zu kalkulieren gelernt. Schließlich konnte sie höhere Heimarbeitslöhne zahlen als die Fabrikanten, die dann auch ihre Löhne erhöhen mussten. Während dieser Zeit wuchs in der Partei die Opposition gegen die Kreditbewilligung. Am vierten August 1914 hatte die Reichsstagsfraktion erklärt, dass sie den Krieg nur so lange untersützen würde, als er kein Eroberungskrieg sei. Nun standen die deutschen Heere so tief in Russland und Frankreich. Die Regierungs propaganda liess die Kriegserfolge bedeutender erscheinen, als sie waren. Die Nationalisten in den biügerlichen Parteien verlangten die Angliederung fremder Landesteile im Osten und Westen. So erschien der Krieg vielen Sozialdemokraten nicht mehr als Verteidigungskrieg. Seine unerwartet lange Dauer, die Lebensmittelknappheit, das lahmgelegte politische Leben und der mangelnde Wille der Regierung, politische und soziale Reformen durchzuführen, wirkten zermürbend und stärkten die Opposition gegen die Kreditbewilligung. In einigen Städten und Bezirken gewann die Opposition innerhalb der Partei sogar die Oberhand. Im Februar 1915 beschloss die Reichstagsfraktion, ihrer Minderheit den Gegnern der Bewilligung, zu erlauben, der Abstimmung über die Kredite ferzzubleiben. Im Dezember 1915 aber stimmte eine kleine Gruppe der Fraktion gegen die Kredite und im Januar 1916 gegen den Nothaushalt des Reiches. Daraufhin wurde sie aus der Fraktion ausgeschlossen. Eine Parteikonferenz, die im September 1916 tagte, sollte ein geordnetes Parteileben wiederherstellen. Die Opposition aber berief im Januar 1917 ihre eigene Konferenz ein. Danach liess sich die Fiktion der Parteieinheit nicht mehr aufrechterhalten. Die Mehrheit erklärte, dass sich die Minderheit ausserhalb der Partei gestellt habe. Die Spaltung war vollzogen. Das Gespräch in allen Partei zusammenkünften und auch in den privaten Zirkeln der Genossen drehte sich um den inneren Konflikt der Partei. Adolf Hofrichter, ein Freund Maries, der von Anfang an gegen die Kreditbewilligung gewesen war, fügte sich als guter Demokrat den Beschlüssen der Mehrheit und stimmte für die Kredite. Die Parteispaltung bekümmerte ihn tief. Noch ehe sie vollzogen war, starb er als ein gebrochener Mann. Marie berichtet in ihren Erinnerungen davon. In Köln gab es wenig Opposition gegen die Kreditbewilligung, so daß es auch nicht zur Spaltung der Partei kam. 46 IM PARTEIVORSTAND 47 1916, während der Parteikrise, rief der Parteivorsitzende Friedrich Ebert Marie Juchacz nach Berlin und bot ihr die Stelle einer Frauensekretärin im Parteivorstand an. Mit dieser Stelle war die Mitgliedschaft im Parteivorstand nach der Wahl durch den Parteitag verbunden. Luise Zietz, die bisherige Frauensekretärin, hatte die Stelle verlassen. Im Januar 1917 wurde sie die Frauensekretärin der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei so nannte sich die Opposition- und gehörte von da ab deren Parteivorstand an. Marie zögerte. Sie erklärte Ebert, daß Luise Zietz sie in ihre jetzige Stellung gebracht hatte. Denn als sie Marie für die Versammlungsreise in die obere Rheinprovinz empfahl, wußte sie, daß man dort eine Frauensekretärin suchte und geneigt war, eine von Luise Zietz empfohlene Frau zu ernennen, wenn die Versammlungsreise befriedigend verlief. Ebert war überzeugt, daß Marie die Klarheit und Fähigkeit besaß, um auch mit diesen inneren Schwierigkeiten fertig zu werden. Marie wußte, daß sie diesen Eindruck machte. Sie fühlte aber, wie völlig unklar sie sich in diesem Augenblick über das war, was sie tun sollte. Das Angebot war die Anerkennung und Krönung ihrer bisherigen Tätigkeit. Der Parteivorstand brauchte eine Frauensekretärin. Luise Zietz war gegangen und kam nicht mehr in Frage. Insoweit war die Annahme der Stellung gerechtfertigt. Aber Luise Zietz zu ersetzen, war keine leichte Aufgabe. Sie hatte gewerkschaftliche Erfahrung, hatte schon von 1897 an als Delegierte an Parteitagen teilgenommen und war 1909 als erste Frau in den Parteivorstand gewählt worden. Hinzu kam, daß sie ein temperamentvoller Mensch war, eine gute Rednerin, die politische Debatten führen konnte, ohne über die Köpfe der Frauen hinwegzusprechen. Marie erbat sich Bedenkzeit. Nach Köln zurückgekehrt, besprach sie das Angebot Eberts mit ihrer Schwester. Elisabeth redete ihr zu, wollte aber nicht mitgehen. Einmal ihrer eigenen Arbeit in der Kölner Partei und zum anderen Emil Kirschmann's wegen. Sie versprach aber, Marie's Kinder zu behalten, denn Kinder zu erziehen und 48 in zu ernähren, war in jener Zeit nicht leicht. Die Lebensmittelnot war groß, und die Kinder waren stets in Versuchung, Essbares mitzunehmen, wo immer sie es unbeaufsichtigt fanden. Das war weder ihrer Konzentration auf die Schulaufgaben noch der Entwicklung ihrer Begriffe von" Mein und Dein" förderlich. So waren die beiden Mutter, wie alle anderen, immer in Sorge um die Kinder, die unter dem Mangel an ordentlicher Ernährung und warmer Kleidung ihrer Gesundheit und ihrem Wachstum bedroht waren. Marie nahm aber doch Elisabeths Angebot dankbar an und ging am ersten Januar 1917 nach Berlin. Die Arbeit unter den Kriegsverhältnissen war hart. Es war sogar schwierig, Erlaubnis für die Abhaltung von Versammlungen zu bekommen. Ihre Reisen trugen Marie nun in viele Gebiete des Reiches, in denen sie noch nie gewesen war. Der Zugverkehr war eingeschränkt, die Wagen schlecht geheizt, wo waren die Reisen sehr beschwerlich. Gleich im ersten Winter fuhr sie nach Ostpreussen, das sie bis dahin nicht kannte. In Königsberg und anderen Städten versuchte sie, das von der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei eroberte Terrain zurückzugewinnen und die Frauen in der Provinz zu organisieren. Diese Arbeit war nicht weniger beschwerlich als einst in der Bifel. Ein Teil der ostpreussischen Bevölkerung hatte gleich zu Anfang des Krieges eine Schlacht erlebt und bejahte deshalb die Verteidigungs- politik der Mehrheitspartei. Dort gab es keine unabhängige Sozialdemokratie und keine Opposition. Aber für die Frauenagitation war das flache Land ein unbeackertes Feld, zum ersten Mal eine Frau in Versammlungen auftrag. in dem Im stets radikalen Berlin, wo die meisten Frauen zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei gegangen waren- in Maries altem Wohnsitz Schöneberg zum Beispiel alle bis auf Frau Bäumler und zwei andere Genossinnen- mußte die Frauenbewegung neu aufgebaut werden. Ebert bat Elfriede Ryneck, Marie dabei zu helfen. Ryneck Elfriede war ein Kind der Berliner Arbeiterbewegung, der schon ihre Mutter ihre Lebensarbeit gewidmet hatte. Elfriede war Maries Nachfolgerin im Vorstand des Wahlkreises Teltow- Beeskow- Storkow- Charlottenburg. Sie kannte viele Berliner Genossinnen persönlich und wußte genau, wer die Partei verlassen hatte, um zu den Unabhängigen zu gehen, oder 49 wer sich noch nicht entschieden hatte und zurückgewonnen werden konnte. In vielen Dingen waren Marie und Elfriede verschieden, Elfriede kannte die große Bedeutung der Kleinarbeit, der sie sich mit Hingabe widmete, Reden hielt sie selten; sie kannte ihre Grenzen. Aber sie besaß einen scharfen Verstand, hatte Berliner Mutterwitz und verfügte über eine ungetrübte Heiterkeit. Sie grübelte nicht sonerlich über Probleme nach und hatte nicht das Bedürfnis, sich in die sozialistischen Theoretiker zu vertiefen. Zur Bewegung zu gehören und darin tatkräftig mitzuwirken, das war ihr genug. Eifrig darauf bedacht, Frauen, die sie kannte und schätzte zu fördern, fehlte es ihr auch nicht an Mut, andere, die sie für ungeeignet hielt, zurückzuweisen. In Gesellschaft war sie das Gegenteil von Marie. Während diese meist ruhig beobachtete, selten und nur wenig sprach, erzählte und lachte Elfriede und plauderte oft auch über andere. In der Berliner Arbeit war sie unentbehrlich, weil sie sich so gut auskannte und es gern unternahm, die Frauen für die Partei zurückzugewinnen. In Hamburg hatte Marie eine unangenehme Begegnung mit Luise Zietz, die in der Versammlung erschien und nach Maries Rede das Wort nahm, um die Mehrheitspartei heftig anzugreifen. Ihre sozialdemokratischen Gegnerinnen verliessen darauf hin den Saal. Dies widersprach Maries Neigung, auch den Gegner vornehm zu behandeln, so sehr, daß es sie noch in ihren Erinnerungen quälte. Bei einer schlesischen Vortragsreise wäre Marie beinahe verhaftet worden, weil eine Diskussionsrednerin in der Frauenstimmrechtsfrage sich zu weit hervorgewagt hatte. Unter dem herrschenden Belagerungszustand überwachten die militärischen Korpskommandanten die öffentliche Sicherheit und Ordnung und übten Presse- und Versammlungszensur aus. dem Frauenstimmrecht waren sie nicht freundlich gesinnt, und Marie war in ihrer Rede vorsichtig gewesen. Aber die Frauen begehrten damals mit solcher Energie und Leidenschaft das Frauenstimmrecht, daß keine Rednerin darauf verzichten konnte, diese Forderung zu erwähnen. Im Juli 1917 berief der Parteivorstand einen Parteitag nach Würzburg ein. Zweieinhalb Jahre lang hatten die inneren 50 Streitigkeiten die Partei beherrscht. Jetzt, nach der Spaltung, mußte sie endlich mit ihren Forderungen an die Öffentlichkeit treten. Die Kriegssituation hatte sich verändert. Die deutsche Regierung hatte den uneingeschränkten Unterseebatkrieg erklärt, und die Vereinigten Staaten waren in den Krieg gegen Deutschland eingetreten. In Russland war der Zar gestürzt worden, aber die ihm folgende demokratische Regierung war schon von den Bolschewisten unterwühlt. Mit einem deutschen Sieg konnten nur noch Fanatiker und fantasten rechnen, die aber gab es noch immer in den bürgerlichen Parteien und in der Bevölkerung. Im Reichstag jedoch stimmte im Juli eine Mehrheit aus Sozialdemokraten, Fortschrittlern und Zentrum Abgeordneten für einen Frieden der Verständigung uhne Annexionen. Noch immer versprach die Regierung weder das parlamentarische Regieme, noch die Einführung des gleichen Wahlrechtes in Preussen, noch das Frauenstimmrecht. Das überaus langsame Vordringen der Forderung nach dem Frauenstimmrecht/ war typisch für den Schneckengang des inneren Fortschrittes in Deutschland trotz aller Opfer der Bevölkerung, und trotz der Kriegsleistungen der Frauen in der Industrie und der sozialen Arbeit Einige Städte hatten Frauen in ihre Deputationen und Kommissionen berufen, in der Hauptsache aber nur auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege. Einige Bundesstaaten legten die Berufung durch Gesetz fest, andere lehnten sie ab. 1918 sassen in ganz Deutschland nur 120 Frauen in städtischen Deputationen. Die Zahl der ehrenamtlichen weiblichen Armenpfleger stieg im Reich von 1910 bis 1918 um 3 469, das heißt um 28,5 Prozent. Die Zahl der beruflichen weiblichen Kräfte in der Wohlfahrtspflege wuchs noch viel langsamer. Marie Juchacz berichtete auf dem Parteitag und auf der Sozial demokratischen Frauenkonferenz, die gleichzeitig in Würzburg stattfanden, über die öffentliche Tätigkeit der sozialdemokratischen Frauen. Auf kommunalen und sozialpolitischen Gebiet war ihre Mitarbeit gewaltig gewachsen. Sie wis darauf hin, daß nicht nur in der Fürsorge die Frauen tätig waren, sondern auch in Stellen der Preiskontrolle, der Überwachung des Lebensmittelmarktes, in Beschwerdekommissionen aller Art, vor allem in den durch das Hilfsdienstgesetz geschaffe 51 nen Stellen, die die Mobilisierung der Frauen betrieben und die Durchführung der gesetzlichen Schutzbestimmungen überwachten. Marie stellte fest, daß diese Tätigkeit einem großen Kreis von Frauen Rat und Hilfe brachte und der sozialdomokratischen Agitation eine gute Resonanz verschafften. " Wenn wir Hilfe geben können, kommen wir politisch leichter an die Frauen heran. Die in der öffentlichen Arbeit stehenden Frauen freuen sich, daß sie die Möglichkeit haben, praktisch für andere Frauen wirken zu können. Sie reifen politisch". Man spürte es, wie sehr Marie daran gelegen war, die Arbeit der Frauen innerhalb des Staatsgefüges zu sichern und auszudehnen. Die Frauenversammlungen, so berichtete sie weiter, befaßten sich mit dieser öffentlichen Tätigkeit, außerdem mit Problemen der Kriegswirtschaft, der Lebensmittelkappheit und dem Frauenstimmrecht. Für die meisten Frauen jener Zeit, die sich für das öffentliche Leben interessierten, war das Frauenstimmrecht mehr als nur ein Instrument, um ihre Freiheit und die Gleichberechtigung mit den Männern zu gewinnen und damit die Voraussetzung für eine wirkungsvolle öffentliche Tätigkeit. Das Frauenstimmrecht war ihnen ein Symbol des Fortschritts der Menschheit. Viel Überschwang war damals in der Frauenstimmrechtsbewegung. Marie blieb nüchtern und sah das Stimmrecht vor allem als Instument zu weiterer Entwicklung." Es wird ein Mittel sein, mit dessen Hilfe die Frauen endgültig in ihre menschliche, politische, wirtschaftliche und soziale Aufgabe hineinachsen." Über das Sozialprogramm sprach in Würzburg nicht Marie, sondern Rudolf Wissel, der Arbeitersekretär und spätere Wirtschafts- und Arbeitsminister der Weimarer Republik. Das Referat behandelte in erster Linie die Arbeits- und Arbeitergesetzgebung, wandte sich auch gegen die entwürdigende Wirkung der Armenpflege und behandelte die Reform des Jugendstrafrechtes. Was Wissel vortrug, war noch kein umfassendes Programm für die künftige Wohlfahrtspflege, nur der Auftakt zu einer Reform. Der Parteitag wählte Marie zur Frauensekretärin und zum Mitglied des Parteivorstandes. PARLAMENTARIERIN 52 Im Herbst 1918 bracht die Westfront zusammen, am 9. November das Kaiserreich. Am 12. November verkündete der Rat der Volksbeauftragten Deutschlands neue Regierung. Eine Reihe sozialer und politischer Reformen, unter ihnen das gleiche, geheime, direkte und allgemeine Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen, wurde eingeführt. Mitte Dezember beschloß der Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte gegen die Anhänger der Räterrepublik demokratische Wahlen am 19. Januar 1919. Marie Juchacz kandidierte bei den Wahlen an zweiter Stelle, hinter Rudolf Wissel, auf der sozialdemokratischen Liste des Wahlkreises Niederbarnim, der die nördlichen und östlichen Vororte Berlins umfaßte, und wurde in die Verfassungsgebende Deutsche Nationalversammlung gewählt. Am Tag der Wahl war die große Volksbewegung von November 1918 авнайди schon am rebben. Die sozialdemokratischen Parteien beider Richtungen erhielten nicht einmal zusammen die Mehrheit in der Nationalversammlung, sondern nur 45 Prozent aller Stimmen. Eine sozialistische Neugestaltung war danach nicht mehr möglich, nur weitere politische und soziale Reformen. Am 6. Februar 1919 trat die Nationalversammlung in Weimar zusammen, am 11. Februar wählte sie den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Ebert zum Reichspräsidenten. Scheidemann, von Ebert zum Ministerpräsidenten ernannt, hielt seine programmatische Rede. In der Aussprache über diese Rede betrat zum ersten Mal in einem deutschen Parlament eine Frau das Rednerpult: Marie Juchacz. Sie führte sich zur allgemeinen Freude mit einer Höflichkeit ein. Anstatt des üblichen" Meine Damen und Herren", redete sie die im Plenarsaal versammelten Abgeordneten mit" Meine Herren und Damen" an. Zunächst sprach sie über die große Neuerung, das Frauenstimmrecht. Dann griff sie zwei Punkte aus Scheidemanns Rede Frauen heraus, sein Versprechen, zu öffentlichen Ämtern heranzuziehen und Bildungswege bis zu den höchsten Stellen für Frauen und Minderbemittelte zu öffnen. Fragen, die sie seit ihrer Kölner Kriegsarbeit besonders beschäftigten. 53 " Es ist das erste Mal, daß in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, und zwar ganz objektiv, daß es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die Vorurteile überwunden hat.... Gemäß ihrer Weltanschauung konnte und durfte eine vom Volke beauftragte sozialistische Regierung nicht anders handeln, als sie gehandelt hat. Sie hat getan, was sie tun mußte, als sie bei der Vorbereitung dieser Versammlung die Frauen als gleichberechtigte Staatsbürgerinnen anerkannte. Ich möchte hier feststellen und glaube, damit im Einverständnis vieler zu sprechen-, daß wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa im althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeits sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist. Wollte die Regierung eine demokratische Verfassung vorbereiten, dann gehörte zu dieser Vorbereitung das ganze Volk in seine Vertretung. Die Männer, die dem weiblichen Teil der Bevölkerung das bisher zu Unrecht vorenthaltene Staatsbürgerrecht gegeben haben, haben damit eine für jeden gerecht denkenden Menschen und für jeden Demokraten selbstverständliche Pflicht erfüllt. Unsere Pflicht aber ist es, hier auszusprechen, was für immer in den Annalen der Geschichte festgehalten werden wird, daß es die erste sozialdemokratische Regierung gewesen ist, die ein Ende gemacht hat mit der politischen Unmündigkeit der deutschen Frau. Durch die politische Gleichstellung ist nun meinem Geschlexht die Möglichkeit gegeben zur vollen Entfaltung seiner Kräfte. Mit Recht wird man erst jetzt von einem neuen Deutschland sprechen können und von der Souveränität des ganzen Volkes. ... Ich möchte hier sagen, daß die Frauenfrage, so wie es jetzt in Deutschland, in ihrem alten Sinne nicht mehr besteht, daß sie gelöst ist. Wir werden es nicht mehr nötig haben, mit Versammlungen, mit Resolutionen, mit Eingaben um unser Recht zu kämpfen. Der politische Kampf, der immer bestehen bleiben wird, wird sich von nun an in anderen Formen abspielen. Innerhalb des durch Weltanschauung und selbstgewählte Parteigruppierung gezogenen Rahmens haben wir Frauen nunmehr Gelegenheit, unsere Kräfte auswirken zu lassen. 54 Aber damit begeben wir uns nun keineswegs des Rechts, anders geartete Menschen, weibliche Menschen zu sein. Es wird uns nicht einfallen, unser Frauentum zu verleugnen, weil wir in die politische Arena getreten sind Ich betrachte den Punkt des Arbeitsprogrammes, der da sagt: " Heranziehung der Frau zum Öffentlichen Dienst entsprechend den auf allen Gebieten vermehrten Frauenaufgaben" nur als Konsequenz des bestehenden Zustandes. Ich betrachte es als eine Selbstverständlichkeit, daß auch in der neuen Verfassung, die zu schaffen wir helfen werden, die Frau als gleichberechtigte und freie Staatsbürgerin neben dem Manne stehen wird.... Wir Frauen werden mit ganz besonderem Eifer tätig sein auf dem Gebiet des Schulwesens, auf dem Gebiet der allgemeinen Volksbildung..... Die gesamte Sozialpolitik überhaupt, einschließlich des Mutterschutzes, der Säuglings-, der Kinderfürsorge, wird im weitesten Sinne Spezialgebiet der Frauen sein müssen. Die Wohnungsfrage, die Volksgesundheit, die Jugendpflege, die Arbeitslosenfürsorge sind Gebiete, an denen das weibliche Geschlecht ganz besonders interssiert ist und für welche es ganz besonders geeignet ist.... An einem gesunden Aufbau unseres gesamten Wirtschaftslebens sind wir Frauen gleicherweise interessiert wie die Männer,.. Wissen doch gerade vir Frauen und Mütter am besten, was auf dem Spiele steht, wenn es uns nicht gelingt, uns wieder aus diesem Elend zu erheben, in dem wir uns jetzt befinden! Und nun kam die Forderung zur vollen Gleichberechtigung: " Wir Frauen sind uns bewußt, daß in zivilrechtlicher wie auch in wirtschaftlicher Beziehubg die Frauen noch lange nicht die Gleichberechtigten sind. Wir wissen, daß hier noch mit vielen Dingen der Vergangenheit aufzuräumen ist, die nicht von heute auf morgen aus der Welt zu schaffen sind. Es wird hier angestrengtester und zielbewußter Arbeit bedürfen, um den Frauen in staatsrechtlichen und wirtschaftlichen Leben zu der Stellung zu verhelfen, die ihnen zukommt. Zum Glück dieses Volkes, zur vollen Befreiung des Volkes ist aber notwendig, daß alle Parteien wissen, worauf es 55 zu jeder Stunde ankommt, und da möchte ich ganz besonders sagen, daß wir den Zug der Zeit nicht aufhalten dürfen, daß wir nicht bremsen dürfen, sondern immer mit vorwärtsschreiten müssen, daß wir den Strömungen der Zeit ein psychologisches Verständnis entgegenbringen müssen. Die Strömungen, die aus der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung geboren werden, sind lange genug mit Gewalt, mit starrer Gewalt, die in unserem alten System wurzelte, zurückgehalten worden und konnten nicht zur Entfaltung kommen, bis es explodierte." Nachdem sich Marie mit ihrem deutsch- nationalen Vorredner, dem Grafen von Posadowsky- Wehner, auseinander gesetzt hatte, der die Tatsache einer Junkerherrschaft vor der Revolution angezweifelt hatte, ging sie zum Schluß auf einige der großen politischen Fragen ein, die die deutsche Öffentlichkeit in jenem Augenblick erregten: ".... Wir bedauern es auf das tiefste, daß noch immer deutsche Volksgenossen sich im Ausland befinden, daß sie dort die ganzen seelischen und körperlichen Qualen der Gefangenschaft durchmachen müssen. Wir bedauern die vielen Angehörigen hier in unserem armen, unglücklichen Deutschland, die auch heute noch bangen müssen um ihre Lieben da draußen, denen der Krieg noch immer nicht zu Ende gegangen ist, weil sie ihre Lieben noch nicht in die Arme schließen konnten... Wir wollen unsere Stimme laut ertönen lassen, damit auch die Frauen der anderen Länder es hören, daß es deutsche Frauen, deutsche Männer und Frauen sind, die sich innerlich empören gegen dieses furchtbare Unrecht, das uns hier geschieht. ... Wir wenden uns auch hier an dieser Stelle gegen die furchtbare Blockade, die uns auch heute noch und jede Stunde mit dem Hungertod bedroht. Dieser Hunger, der schon so viele unserer Volksgenossen hinweggerafft hat, weicht auch heute nicht von unserer Seite, obwohl der Friede vor der Tür stehen sollte, und obwohl der Völkerhaß heute schweigen müßte, Es ist das Furchtbarste, was die Entente sich heute noch zu schulden kommen läßt, daß sie dieses wehr lose deutsche Volk auch noch weiter dem Hunger überlieferts 56 21 nachdem sie vierundeinhalb Jahre und länger diese Blockade aufrechterhalten hat. Unser einziger wirtschaftlicher Reichtum ist unsere Arbeitskraft. .... Aber wenn man uns nicht die Nahrungsmittel und unserer Industrie nicht die Rohstoffe gibt, wenn man uns nicht in anderer Weise durch Gewährung von Kredit und anderen Hilfsmitteln entgegenkommt, dann macht man uns das Aufrichten bitter schwer, und die Völker der Welt benachteiligen sich selbst." Friedrich Stampfer, damals Chefredakteur des Zentralblattes der sozialdemokratischen Partei, des Berliner" Vorwärts", schrieb über diese Rede: " Es war ein geschichtlicher Augenblick, als... in der Nationalversammlung von Weimar zum ersten Mal eine Frau die Rednertribüne einer deutschen Volksvertretung betrat. Es war Marie Juchacz. Andere Frauen folgten. Sie hatte den ersten Platz, und sie hatte ihn verdient..... Mit der Rednerin Marie Juchacz tritt uns ein neuer, ein ganz anderer Typ entgegen. Vorbei ist die Zeit, in der Vorkämpferinnen einer Frauenbewegung glaubten, sie müßten durch die Annahme männlicher Allüren ihre Gleichwertigkeit mit den Männern beweisen.... Marie Juchacz ist die Frau, die ihre errungenen Rechte mit würdiger Selbstverständlichkeit wahrnimmt.... Angesichts einer solchen Erscheinung, die erfreulicherweise nicht vereinzelt bleibt, muß die Witzelei der Spießbürger, die in früherer Zeit den Fortschritt der Frauenbewegung begleitete, einer stummen Verlegenheit Platz machen. Durch Frauen wie Marie Juchacz wurde eine Tradition geschaffen". Später, am 19. Juli, nahm Marie Juchacz noch einmal das Wort in der Nationalversammlung. Sie protestierte gegen den beabsichtigten Wortlaut des nachmaligen Artikels 109, der heißen sollte und dann auch hieß:" Männer und Frauen haben grundsätzlich die gleich en Rechte und Pflichten". Sie wollte statt dessen setzen:" Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte." Sie drang nicht durch. Gleichzeitig sprach sie sich für eine schleunige Anpassung des Bürgerlichen Gesetzbuches an die veränderte verfassungsmäige Stellung der Frau aus. 57 GRÜNDUNG DER ARBEITERWOHLFAHRT Nach Unterzeichnung des Friedensvertrages am 28. Juni und dem Abschluß des Verfassungswerkes am 11. August 1919, zog die Nationalversammlung nach Berlin um, und Marie kehrte wieder häufiger an ihren Schreibtisch in der Lindenstraße, dem Sitz des Parteivorstandes, zurück. Beim Studium des inzwischen von der sozialdemokratischen Frauenbewegung aus allen Orten des Reiches eingegangenen Materials wurde ihr klar, wie stark die wohlfahrtspflegerische Arbeit, besonders der Frauen, nach dem Kriege gewachsen war. Vor dem ersten Weltkrieg wurde in der Partei immer darüber gestritten, ob eine revolutionäre Partei, wie die Sozialdemokratie es sein wollte, Kleinarbeit für die Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft leisten dürfe, ohne ihren revolutionären Charakter zu verlieren. Geleistet wurde die sozialpolitische Arbeit trotzdem. Die eng verbündeten Gewerkschaften widmeten sich ihr alle Tage, wenn sie durch ihre Wirtschaftskämpfe Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen erzielten oder sozialpolitische Reformen vorschlugen. Auch die Reichstagsfraktion der Sozialdemokratie schlug vor 1914 sozial politische Gesetze vor, arbeitete an ihnen mit, verhalf einigen Paragraphen zur Annahme und stimmte hin und wieder sogar für ganze Gesetze. Die Gewerkschaften saßen seit den neunziger Jahren in den Krankenkassengremien, hatten dort oft die Mehrheit in den Vorständen und waren auch unter anderem in den öffentlichen oder halböffentlichen Arbeitsnachweisen und in Gewerbegerichten vertreten. Die meisten ihrer Mitglieder, die sie dort vertraten, waren in der Regel gleichzeitig aktive Sozialdemokraten. Zwar konnten die Sozialdemokraten vor dem Kriege, wie schon betont, nicht Armenkommissions-, Gemeinderatsmitglied oder Armen- und Waisenpfleger werden, aber diejenigen, die trotz des Klassenwahlrechts auch in die Stadt- und Landgemeindevertretungen einzogen, forderten dort Verbesserungen der Armenpflege und Jugendfürsorge und entwarfen bei ihren- bundesstaatlichen Zusammenkünften Reformpläne. Die sozialpolitische Arbeit war vor dem ersten Weltkrieg gewissermaßen ein illegitimes Kind der Partei; sie wurde in der großen Politik verleugnet, aber sie war vorhanden. Als nach dem Krieg das gleiche Wahlrecht auch für die Gemeindevertretungen, die Kreis- und Provinziallandtage eingeführt wurde, gewannen 58 die Sozialdemokraten in vielen Städten, sowie in Landgemeinden und -kreisen mit Arbeiter bevölkerung die Mehrheit. Sie konnten, im Verhältnis zu ihrer örtlichen Stärke, in die Armendeputationen und Kommissionen einziehen und ungehindert Armen- und Waisenpfleger werden. Die Pflicht der Partei, schon in der Gegenwart Arbeit zur Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft zu leisten, wurde von ihr jetzt rückhaltlos anerkannt. Mit der Demokratisierung der Selbstverwaltung zogen viele neue Menschen in die Gemeindevertretungen und-behörden ein, die am Programm der Partei zur Armenpflege nicht mitgearbeitet hatten. Es waren neueingetretenen Parteimitglieder darunter, die dieses Programm nicht kannten. Da die soziale Arbeit Dienst an den arbeitenden Menschen war, zog sie die Parteigenossen an. Sie öffnete vielen, die keine Begabung oder keine Lust zu agitatorischer Tätigkeit hatten, ein weites Feld praktischer Arbeit im Dienste der Arbeiterbewegung und der Nation. Marie fragte sich, wie die Wohlfahrtspolitik dieser neuen Mitarbeiter sein würde. Noch etwas anderes beobachtete sie. Die Genossen begnügten sich keineswegs mit der Mitarbeit in der gemeinschaftlichen Fürsorge. Sie richteten eigene Fürsorgestellen ein und organisierten Hilfe gegen Hunger und Not. Die Einfuhrblockade wurde erst mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages aufgehoben. Aber auch dann fehlte es noch an Lebensmitteln. Im Osten hatte Deutschland landwirtschaftliche Gebiete verloren; im Ausland konnte es auch nach Aufhebung der Blockade nicht einkaufen. Die Auslandsguthaben waren vernichtet, die Außenhandelsbeziehungen zerstört. Die Soldaten kamen in Scharen zurück, in guter Ordnung, aber hungrig, abgerissen und erschöpft. Die Industrie war eine einzige Kriegsmaschine gewesen, ihre Umstellung auf Friedens produktion war unter den herrschenden Bedingungen schwierig. Überall wurden Maßnahmen gegen die Massennot, für die heimkehrenden Soldaten, die Arbeitslosen und die hungernden Kinder getroffen. Die Sozialdemokraten wollten nicht beiseite stehen. Litten doch gerade die Menschen, die ihnen nahestanden, am meisten unter den außerordentlichen und Verhältnissen. So richteten Sozialdemokraten der sozialdemokratische Organisationen Fürsorgestellen ein, sammelten und verteilten 59 gebrauchte Kleidungsstücke und organisierten Speisungen. Teils sanmelten sie Geld für diese Zwecke in ihren eigenen Reihen, teils erhielten sie Mittel von den Gemeinden. Örtliche Initiative war etwas, was die sozialdemokratische Partei nie aus vollem Herzen gebilligt hatte. Durch Einheitlichkeit wollte sie schlagkräftig sein, mit einer einheitlichen Taktik der Außenwelt begegnen. Marie Juchaczs Auffassung von den Methoden iherer Arbeit war von der Partei geformt worden. So war auch für sie Einheitlichkeit und gemeinsames Planen notwendig zum Erfolg, daher betrachtete sie zunächst diese wildwachsende Wohlfahrtspflege der Partei mit einiger Sorge. Sie fühlte, daß sie Ordnung, Binheitlichkeit und Ziel in diese Bestrebungen bringen mußte. Aber wie? Die Genossen waren alle an ihrem Platz beschäftigt, überbeschäftigt, und müde durch den Krieg, die Kriegs- und Nachkriegs entbehrungen. Die Zeiten waren tumultiös. Immer wieder mußte Unruhen vorgebeugt, der Gemeinde- und Staatsapparat neu aufgebaut, die Wirtschaft in Gang gebracht werden. Das Frauenbüro des Parteivorstands konnte die Aufgabe, wie Marie sie sah, nicht erfüllen. Es war keine Frauenaufgabe. Gewiß waren unter den neuen ehrenamtlich tätigen Kräften mehr Frauenals Männer, weil die Frauen ein besonderes Interesse an sozialen Aufgaben hatten. Aber es waren viel mehr Männer als Frauen, die in den gemeindlichen Körperschaften und Staatsbehörden saßen. Und dort wurden die Reformen der Wohlfahrtspflege geplant. Noch andere Gründe sprachen gegen die Übernahme der Aufgabe durch das Frauenbüro. Sobald Marie begonnen hatte, sich für die Sozialdemokratische wohlfahrtspflegerische Arbeit zu interessieren, zeigten sich Widerstände in der Partei gegen ihre Neigung, viel Zeit auf diese neue Tätigkeit zu verwenden. Das Frauenbüro sollte Frauen für den Sozialismus gewinnen und die Arbeiterin und die Arbeiterfrau politisch organisieren und dazu Anleitung und Schulung geben. Die Politik überragte ja alle anderen Gebiete an Bedeutung. Politische Erfolge erst machten den Einbruch der Partei in andere Zweige des öffentlichen Lebens möglich. Darum sollte sich das Frauenbüro auf die politische Organisation und die Mobilisierung der Frauen für die Wahlen konzentrieren. Marie aber war überzeugt, daß die Wohlfahrtsarbeit auch eine gute politische Schule war. Wollte sie ihre Pläne durchsetzen und die sozialdemokratische Wohlfahrtspflege ver 60 einheitlichen und fördern, brauchte sie Helfer, die die Partei kannten und gleichzeitig auf wohlfahrtspflegerischem Gebiet Erfahrungen und Kenntnisse besaßen. Aber auch gegen eine solche Organisation neben der Partei gab es Widerstände. Marie schreibt in ihrem mit Johanna Heymann 1924 herausgegebenem Buch" Die Arbeiterwohlfahrt, Voraussetzung und Entwicklung": " Ein anderer Grund, der nicht minder berechtigt war, lag in der Befürchtung, daß der allgemeinen Arbeiterbewegung, die schon eine so große Fülle von Kulturaufgaben auf ihre Weise zu lösen wünschte, Kräfte entzogen werden könnten, die notwendig gebraucht wurden. Ganz besonders fürchtete man, daß die Frauenbewegung in ihrer agitatorischen und frauenpolitischen Kraft verarmen könnte. Die Befürworter der neuen Organisation fürchteten diese Wirkung nicht, obwohl sie sich bewußt waren, daß bei der natürlichen Vorliebe weiter Frauenschichten für soziale Arbeit sich ein großer Teil der rührigsten Frauen daran beteiligen würden. Sie haben von Anfang an angenommen, daß sich die Kräfte, die hierbei ausgegeben werden, in ihrem Endresultat in erfolgreiche wohlfahrtspolitische und staatsbürgerliche Erziehung umsetzen würden." Marie Juchacz berichtet ferner in dem Buch, daß man in der Partei erkannte, daß sie an der Reform der Armenpflege mitarbeiten müsse, daß man aber die Wohlfahrtspflege nach wie vor als Armenpflege und Wohltätigkeit ansah, die man beide als fanrüchig und unwürdig für die Arbeiterschaft empfand. Marie aber sah viele Gründe, die eine besonders sozialdemokratische Wohlfahrtspflege als wünschenswert erscheinen ließen. Die Tätigkeit der Genossen war nicht abzuleugnen oder abzuschaffen. Aber sie zersplitterte sich. Geordnet und geführt konnte sie ein Instrument werden, um diejenigen wohlfahrtspflegerischen Ziele durchzusetzen, an denen Marie hing. Ihre Gedanken entwickelten sich. Die anderen Parteien, das war ihr klar, waren nicht gleichzeitig Wohlfahrtsorganisationen. Sie hielten enge Verbindung mit ihren Mitgliedern, die in privaten Wohlfahrtsorganisationen arbeiteten, und empfingen von ihnen Auskunft über die Praxis und Anregungen für die Wohlfahrtsgesetzgebung. Selbst die Kirchen übten nur in ganz geringem Umfang die Fürsorge selbst aus. Sie hatten für 61 diese Arbeit seit langem besondere Organisationen, die im Sinne der Kirchen arbeiteten. Mitglieder der Parteien saßen in diesen Organisationen, Mitglieder des Zentrums z. B. im Caritasverband, der Deutschnationalen und anderer bürgerlicher Parteien in der Inneren Mission. Mitgliedschaft von Sozialdemokraten in neutralen, nicht kirchlichen, Wohlfahrtsverbänden konnte Maries Problem nicht lösen. Dort würde sich das Bemühen, sozialdemokratische Auffassungen durchzusetzen, in viele Einzelversuche zersplittern. Die Schlagkraft, die nur aus der Einheitlichkeit kommen konnte, würde verloren gehen. Nur eine sozialdemokratische Organisation konnte eine große Anzahl sozialdemokratischer Hilfskräfte mobilisieren und sie zu höchsten Leistungen veranlassen. Der Partei widmete der Arbeiter gern seine besten Kräfte. Die reformatorische, auf ein großes Endziel gerichtete Mission der Partei stachelte seinen Eifer an. Was die Partei immer gewollt hatte: allen hilfsbedürftig gewordenen Menschen einen Rechtsanspruch auf Hilfe und auf die Möglichkeit zum Wiederaufstieg zu geben, konnte nur von der öffentlichen Fürsorge gewährleistet werden. Die öffentliche Fürsorge würde darum den Kern bilden müssen, um den sich die freien Verbände scharten. Die bestehenden freien Organisationen aber wollten zum Teil der öffentlichen Fürsorge so viel Aufgaben wie möglich wegnehmen, um sie in eigener Regie, selbstständig und ohne öffentliche Kontrolle, durchzuführen. Das hatte Marie bei der Beratung einiger Verfassungsparagraphen in Weimar erlebt.*) Sozialdemokratische Wohlfahrtspflege dagegen mußte die öffentliche Wohlfahrtspflege unterstützen. Sozialdemokratische Reformarbeit auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege bedurfte also einer Wohlfahrtsorganisation mit eigener sozialdemokratischer Politik. Eine solche Organisation konnte der Reichstagsfraktion bei ihrer Reformarbeit behilflich sein. Das sozialdemokratische Gedankengut, daran zweifelte Marie nicht, war stark genug, eine eigene Wohlfahrtsorganisation zu tragen. Diese würde auch stark genug sein, sich die öffentliche Anerkennung zu erringen, war doch bereits damals, als sie diese Gedanken erwog, die kommunale Fürsorge ohne die Mitarbeit der Sozialdemokraten undenkbar. *) wie auch später bei den Beratungen des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes 62 Die Gründe, die Marie Juchacz zu einer sozialdemokratischen Wohlfahrtsorganisation führten, waren damit nicht erschöpft. Es gab eine Reihe von Organisationen, in denen sie als Vertreterin sozialdemokratischer Ideen mitzuarbeiten wünschte. Zum Beispiel im Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge und in der Deutschen Zentrale für Jugendfürsorge: hier erforschten Fachleute die Bedingungen und Möglichkeiten der Wohlfahrtspflege und planten Reformen der Gesetzgebung und der sozialen Praxis. Solche Organisationen konnten sie als Frauensekretärin der sozialdemokratischen Partei nicht hinzuziehen, wohl aber als Vertreterin einer sozialdemokratischen Wohlfahrtsorganisation. Auch internationale Organisationen, wie die Quäker, die in Deutschland die vorwiegend in Amerika gesammelten Mittel verteilten und besonders Kinderspeisungen einrichteten, konnten mit deutschen Wohlfahrtsvereinen zusammenarbeiten, aber nicht mit der Vertreterin einer politischen Partei. Das galt auch für den Deutschen Centralausschuß für die Auslandshilfe, der im Ausland gesammelte Spenden in Deutschland verteilte. Als Parteivertreterin konnte sie nicht hinzugezogen werden, während Vertreterinnen der bürgerlichen Wohlfahrtspflege und auch örtlich in der Wohlfahrtspflege tätige Sozialdemokraten im Ausschuß saßen. Das Reich gab zu der Zeit Zuschüsse an die Verbände der freien Wohlfahrtspflege, ebenso die Gemeinden, die auch private Fürsorgeeinrichtungen unterstützten. Behörden aber konnten keine Parteien unterstützen. In den Gemeindedeputationen saßen die politischen Vertreter der Parteien und neben ihnen die der freien Wohlfahrtspflege. Hierbei kamen die Sozialdemokraten ohne besondere Wohlfahrtsorganisation zu kurz. Solche Selbstausschaltung war sinnlos, besonders da es schon jetzt klar war, daß die Zusammenarbeit von öffentlicher und freier Fürsorge nach dem zu erwartenden Reichsjugendwohlfahrtsgesetz sowohl für die gemeindlichen Jugendämter wie für das Reichsjugendamt gesetzlich festgelegt werden würde. Marie Juchacz erinnerte ich auch des unangenehmen Gefühls, das Elisabeth und sie hatten, als sie ohne die Erfahrung, die die bürgerlichen Frauen in der Kölner Nationalen Frauengemeinschaft besaßen, mit diesen zusammen wohlfahrtspflegerische Einrichtungen schufen. Sie kannte sich genug, un zu wissen, daß sie Reformvorschläge nicht in ihren Einzelheiten am Schreibtisch erarbeiten konnte, sondern daß sie 63 dazu die Erfahrung wohlfahrtspflegerischer Praxis brauchte. Sie mußte sich also auf eine geordnete Berichterstattung aus dem Lande und auf regelmäßige Aussprachen mit den Genossen, die diese Erfahrungen sammelten, stützen können. Auch die sozialdemokratischen Fachleute, die jetzt in Gemeinde- oder Staatsämter gekommen, und die Fachbeamten, die jetzt, da es möglich war, in die Partei eingetreten waren, mußte sie hören. Dazu gehörten die Theoretiker wie Dr. h.c. Helene Simon, die schon lange Sozialistin war und nun die Mitgliedschaft erworben hatte, und die viel in dem hervorragenden Organ der bürgerlichen Sozialreformer" Soziale Praxis", über die Reform der Armenpflege schrieb. In ihrer Kriegsarbeit hatte Marie erkannt, daß die soziale Arbeit auf die Dauer nicht hauptsächlich von ehrenamtlichen Kräften befriedigend durchgeführt werden konnte. Eine viel intensivere Beschäftigung mit den einzelnen Hilfsbedürftigen, viel grundlichere wirtschaftliche, soziale, hygienische und pädagogische Kenntnisse waren erforderlich, als ehrenamtliche Kräfte sich in der Regel erwerben konnten. Hier war ein Beruf, so sah es Marie, für Menschen, die selbst die Armut kannten und die Armen daher verstehen konnten. Und gerade weil sie ein verfeinertes System der Armenpflege wollte und einsah, daß es nur von Berufskräften durchgeführt werden konnte, mußte sie sich eingestehen, daß diese Kräfte einer Schulung bedurften. Dr. Alice Salomon, die Wegbereiterin der sozialen Berufsausbildung, hatte schon zu Beginn des Jahrhunderts Frauen und Mädchen zur sozialen Arbeit aufgerufen, damit diese Mädchen ihrem eigenen Leben einen Sinn geben und gleichzeitig Armen helfen konnten. Sie hatte eingesehen, daß zu guter und wirkungsvoller Arbeit eine Ausbildung gehörte, und hatte zu diesem Zweck 1908 eine soziale Frauenschule in Berlin gegründet. Wie aber sollten Arbeiterinnen, zwei Jahre auf ihre Erwerbsarbeit, von der sie lebten, verzichten? Wie die Mittel für die Ausbildung aufbringen? Bei einer Unterredung mit Dorothea Hirschfeld, Ministerialrätin im Reichsarbeitsministerium, vorher Geschäftsführerin im Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit, dem nachmaligen Verein für öffentliche und private Fürsorge, besprach Marie diesen Punkt. Es stellte sich heraus, daß Dorothea Hirschfeld, die im Ministerium die Kriegerwitwen- und-waisenfürsorge bearbeitete, erwogen hatte, für Kriegerwitwen eine Ausbildung in sozialen Berufen einzurichten. Beide 64 entschieden sich, ihre Pläne zu verbinden, und sie mit Alice Salomon zu besprechen. Alice Salomon war bereit, einen Kurzkursus für Kriegerwitwen und für Arbeiterinnen an ihrer Schule durchzuführen. Das Reich unddie Gewerkschaften finanzierten den Kursus und den Lebensunterhalt der Schülerinnen. Die Gewerkschaften suchten die Arbeiterinnen, Dorothea Hirschfeld und Marie Juchacz die Kriegerwitwen aus. Frau Hirschfeld war, wie sie immer berichtete, von dem Verständnis und der Objektivität, mit der Marie an die Auswahl heranging, beeindruckt. Sie verstand es auch, den Frauen die Anforderungen des sozialen Berufes klar zu machen und, wenn nötig, ihnen in bestimmten Worten zu erklären, warum sie ungeeignet waren. Im Kuratorium des Lehrgangs saßen Dorothea Hirschfeld, Heinrich Schulz, ehemaliger Leiter des sozialdemokratischen Bildungsausschusses und nun Leiter der Schul- und Kulturabteilung des Reichsministeriums des Innern, Helene Weber, Mitglied der Zentrums partei in der Nationalversammlung und Ministerialrätin für Fragen der sozialen Berufsausbildung im Preußischen Wohlfahrtsministerium, Alexander Knoll vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund und je ein Vertreter der christlichen und der liberalen Hirsch- Dunckerschen Gewerkschaften. Da die Initiative zu dem Kursus von Marie Juchacz ausgegangen war, nahm das Kuratorium sie mit dem Zusatz" Sozialdemokratische Wohlfahrtspflege" auf. Marie war zufrieden, daß es ihr gelungen war, den ersten Arbeiterinnenkursus zustande zu bringen. Auf die Dauer konnte sie ohne Organisation, die auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege etwas leistete, auf die Mitgliedschaft in Kuratorium nicht rechnen. Sie wollte auch lieber selbst solche Kurse organisieren und außerdem die ehrenamtlich in der Fürsorge tätigen sozialdemokratischen Kräfte fort bilden, um ihre Leistungen zu verbessern und spezifisch sozialdemokratischen Einfluß auf die Arbeit auszuüben. Bald tauchte ein Plan auf, der aus der Massennot geboren war. Ihn befürwortete hauptsächlich Hans Caspary, der in der Neuköllner Stadtverwaltung tätig war. Arbeiter sollten für Arbeiter sammeln und Stunden- oder Schichtlöhne für notleidende Arbeiter opfern. Damit würde der Wohltätigkeit der Stachel der Demütigung genommen werden, den sie behielt, solange nur Reiche für Arme gaben. Marie 65 Juchacz lehnte in einem Artikel über sozialdemokratische Wohlfahrtspflege, den sie Anfang Januar 1920 in der Zeitschrift" Soziale Praxis" veröffentlichte, den Gedanken ab. Den Entschluß zu solcher Hilfe könnten nur die Gewerkschaften fassen und durchführen. Der Gedanke war aber kaum durchführbar. Von der Arbeiterschaft würde er große Opfer verlangen, deren Ertrag bei der herrschenden Massennot unzureichend sein würde, unzureichend auch als bloße Ergänzung gemeindlicher Leistungen. Daß der Gedanke in der Partei überhaupt auftauchte, war nur erklärlich durch die Not und die finanziellen Schwierigkeiten der Gemeinden. Sozialistisch war er nicht, da der Sozialismus eine bessere Einkommensverteilung wollte, das heißt stärkere Besteuerung der hohen Einkommensbezieher zu Gunsten der Wohlfahrt der Minderbemittelten und nicht Opfer der damals schlecht bezahlten Arbeiter, also der Armen für die noch Ärmeren. Aber tot war die Idee auch nach Maries erster Ablehnung nicht. Marie besprach die mögliche Gründung einer sozialdemokratischen Wohlfahrtsorganisation auf ihren Reisen mit den Genossinnen in der Provinz, mit ihren Kolleginnen in der Nationalversammlung und mit ihrer Schwester Elisabeth; diese vertrat den Kölner Wahlkreis Mane in der Nationalversammlung. Sie selbst wollte an die Spitze der neuen Organisation treten, gleichzeitig aber Frauensekretärin im ParteiVorstand bleiben. Es durfte aber nicht so aussehen, als ob nur sie allein im Parteivorstand an der neuen Organisation interessiert sei. Der Parteivorstand mußte an die Arbeit gebunden werden, dann waren die Genossen im Reich leicht zu gewinnen. Ein Verein sollte nicht gegründet werden. Einmal weil man zu jener Zeit den Parteimitgliedern, die meist Arbeiter waren, nicht zumuten konnte, noch weitere Beiträge zu entrichen und denen, die freiwillige Wohlfahrtsarbeit leisteten, auch noch finanzielle Opfer aufsbürden. Außerdem hätte sich ein Verein gegen Nichtsozialdemokraten nicht abschließen können. Was Marie wollte, war, sozialdemokratischen Ideen zum Ausdruck zu verhelfen. Die Hamburger Genossen hatten schon im Sommer 1919 einen " Ausschuß für soziale Fürsorge" gegründet, der kein Verein war und keine Vereinsmitglieder hatte, sondern als Mitarbeiter alle in der Hamburger Wohlfahrtspflege tätigen Sozialdemokraten anerkannte. Das schien eine zweckmäßige Form zu sein. 66 Bei allen Überlegungen kam Marie nie ein Zweifel darüber, daß die Organisation nur aus Sozialdemokraten bestehen sollte. In ihrer fürsorgerischen Wirksamkeit durfte sich die Neugründung aber nicht nur auf Sozialdemokraten beschränken, vielmehr sollte die Bekämpfung der Armut ihr Ziel, die Sorge für den Hilfsbedürftigen, ohne Frage nach seiner politischen oder konfessionellen Zugehörigkeit, ihre Aufgabe sein. Marie Juchacz hat darüber geschrieben: " Arbeiterwohlfahrt, also Wohlfahrt nur für Arbeiter? Nein, eine Wohlfahrtspflege ausgeübt durch die Arbeiterschaft, eine Organisation hervorgewachsen aus der Arbeiterbewegung mit dem bewußten Willen, ihre eigenen Ideen in das große Arbeitsgebiet hereinzutragen, die Ideen der Selbsthilfe, der Kameradschaftlichkeit und Solidarität.... Die Arbeiterwohlfahrt nimmt für sich in Anspruch, daß sie bei der Ausübung ihrer Tätigkeit dem zu betreuenden Menschen absolut neutral gegenübersteht. Sie fragt bei der Ausübung der Fürsorge weder nach der Konfession noch nach dem politischen Bekenntnis. Als Träger der Organisation der Arbeiterwohlfahrt und in unserer wohlfahrtspflegerischen Tätigkeit werden wir immer ehrlich unser Sozialdemokratisches Gesicht zeigen. Wir werden uns in unserer Fürsorge aber nicht auf die Kreise der Partei und Gewerkschaften beschränken. Das Gegenteil wird der Fall sein. In den Kreisen der politisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft ist, abgesehen von dem ganz abnormen sozialen Ausnahmezustand unserer Zeit, der fast alle Kreise in Mitleidensc@ hft zieht, der Prozentsatz der Hilfsbedürftigen immer relativ gering gewesen. Zur Sozialdemokratie kommen in der Regel die geistig gesunden und arbeitstüchtigen Menschen, deren seelische und moralische Kräfte nicht aufgebraucht sind, so daß sie noch immer Kraft übrig haben, um den Kampf für ihre schwächeren Brüder und Schwestern zu führen." Schließlich entschloß sich Marie Juchacz zu handeln. Sie gewann Elfriede Ryneck; mit ihr zusammen bildete und berief sie einen kleinen Ausschuß ein, der die Organisationsformen finden und Richtlinien für die Arbeit aufstellen sollte, Der Ausschuß konstituierte sich am 13. Dezember 1919 als" Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrt". Damit war die Gründung vollzogen. Das Hamburger 67 Prinzip wurde übernommen und die Vereinsform vermieden. Im Hauptausschuß saßen Parteimitglieder, die in der Parteiorganisation erfahren waren und die wohlfahrtspflegerische Arbeit der Partei kannten. Damals schrieb Helene Simon in der" Sozialen Praxis": " Der Hauptausschuß ist kein Zufallsprodukt, sondern der Ausdruck gereifter Überlegung von der Bedeutung der Wohlfahrtspflege und ihrer neuzeitlichen Gestaltung. Daß die Arbeiterschaft Theorie und Praxis derselben bis dahin wesentlich bürgerlichen Körperschaften überließ, lag zum Teil darin: sie war Gegnerin der überkommenen und bis zum Kriege beherrschenden Armenpflege und Wohltätigkeit. .... Erst die Revolution brachte den Umschwung. Die Zeitforderung: Zusammenschluß zum Ausbau der Wohlfahrtspflege als eines Gliedes in der Kette sozialistischer Aufgaben erkannt zu haben, ist das Verdienst des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt und der Leitung von Marie Juchacz." Friedrich Ebert schrieb ein Motto für die Arbeiterwohlfahrt: " Die Arbeiterwohlfahrt- das ist die Selbsthilfe der Arbeiterschaft." Das stimmte nicht ganz mit Maries Plänen überein, schließlich war ja auch die ganze Arbeiterbewegung Selbsthilfe der Arbeiterschaft. Aber sie war ihrem alten Förderer sehr dankbar, denn mit diesem Wort gab der langjährige Parteivorsitzende und nun durch das Vertrauen des Volkes in das Amt des Reichspräsidenten Berufene, der Arbeiterwohlfahrt seine Anerkennung und damit eine glänzende Grundlage für ihre Selbstbehauptung gegen etwa von der Parteiseite her auftauchende Kritik an der Neugründung. Dem Hauptausschuß stand Marie Juchacz vor. Mitglieder waren Elfriede Ryneck, MdN und ehrenamtliches Nitglied des Parteivorstandes, Friedrich Bartels, Kassierer des Parteivorstandes, Gertrud Hanna, Frauensekretäțin des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Karl Schulz vom Verband der Krankenkassen, Generalkonsul Schlesinger, wegen seiner Verbindungen zur Auslandshilfe, Dr. Hans Caspary sowie Hedwig Wachenheim, eines der wenigen langjährigen Mitglieder, die eine soziale Ausbildung hatten. Nach der Vereinigung mit der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei im Jahre 1922, traten noch der 68 Sozialhygieniker Dr. Julius Moses und Anna Nemitz, MdR und Mitglied des Parteivorstandes hinzu. Inzwischen bildeten sich überall im Reich Bezirksausschüsse, die geographisch den Parteibezirken entsprachen, und viele Ortsausschüsse. Sie übernahmen die Organisationsform des Hauptausschusses. Ein Beirat wurde geschaffen. Ihm gehörten vor allen Dingen Vertreter der Bezirke an, teils waren es die Bezirks- Parteisekretäre, teils die weiblichen, in manchen Bezirken auch die männlichen Abgeordneten. Neben diesen Organisationsvertretern saßen Sachverständige der Wohlfahrtspflege und der großen befreundeten Organisationen im Beirat. Unter ihnen Peter Grassmann, der zweite Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Paul Hirsch, der erfahrene Kommunalpolitiker, Dorothea Hirschfeld, Albert Cohen, der Leiter der Berliner Ortkrankenkasse, Christoph Pfänder von Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Dr. Grotjahn, der große Sozialhygieniker, Staatssekretär Heinrich Schulz, Stadtmedizinalrat Silberstein aus Neukölln, die Berliner Stadträtin Klara Weyl, Frau Siddy Wronsky vom Berliner Archiv für Wohlfahrtspflege und Stadtrat Wutzky, Berlin. Im März 1920 veröffentlichte der Hauptausschuß die" ersten vorläufigen Richtlinien" für seine Arbeit und die Arbeit der Bezirksund Ortsausschüsse. Sie sahen eine Durchdringung der Wohlfahrtsgesetzgebung und-verwaltung mit dem Geist der Arbeiterwohlfahrt vor, sei es durch theoretische oder durch praktische Arbeit. Eigene Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt erwähnten sie nicht. Die Mitgründer der Arbeiterwohlfahrt dachten im wesentlichen an eine wohlfahrtspolitische Organisation und hielten die eigenen Einrichtungen, die existierten, für eine vorübergehende Noterscheinung. Marie war mit dieser Tendenz nicht ganz einverstanden. Sie wollte im Parteiinteresse Konflikte mit den örtlichen Organisationen vermeiden und diese gewähren lassen, wenn sie sich eigene Wohlfahrtseinrichtungen schufen. Darüber hinaus hielt sie diese Initiative für ein gutes Mittel zu staatsbürgerlicher Erziehung. Einen einheitlichen Geist wollte sie aber nach wie vor durchsetzne. Über die Gründung der Arbeiterwohlfahrt schrieb sie Anfang 1920 in dem Organ" Soziale Praxis": 69 " Wer sich einmal die Mühe gegeben hat, in die Gedankenwelt der sozialistischen Arbeiter einzudringen, dem ist es klar, weshalb sie, nachdem sie sich mit allen möglichen Kulturproblemen, Schule, Bildung, Jugendbewegung organisatorisch abgegeben haben, auch das große Gebiet der Wohlfahrtspflege zu erfassen suchen. Die stete Berührung mit dem sozialen Leben, die Beschäftigung mit der Sozialpolitik und die Mitarbeit in den Selbstverwaltungskörperschaften sind Anschauungsunterricht und weisen den Weg.' Zurückschauend berichtet sie in ihren Erinnerungen: " Die junge Organisation wurde außerhalb der Arbeiterbewegung mit Neugier, Mißtrauen, Zweifeln, aber auch mit einigem Wohlwollen und Entgegenkommen aufgenommen. Innerhalb der Arbeiterklasse verhielt man sich zum größten Teil abwartend und zurückhaltend. Ohne jede Reklame, aber auch ohne falsche Bescheidenheit trat sie an die Arbeit..... Ihre Vertreter kamen mit der ihnen selbstverständlich gewordenen Anschauung in die soziale Arbeit, daß der Staat die Plicht habe, die durch die kapitalistische Gesellschaftsordnung herbeigeführte, durch den Krieg und seine Folgen verschärfte Not, soweit dies möglich ist, abzustellen, mindestens aber zu lindern. Aus ihrem demokratischen Gefühl heraus erkannten sie die Pflicht, ihre Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Diese Anschauung wurde auch von den sozialistischen Frauen und Männern geteilt, die durch die Demokratisierung in solche staatlichen und städtischen Ämter gekommen sind, in denen sie mit der Wohlfahrtspflege zu tun haben.. Die Arbeiterwohlfahrt hatte noch keine Tradition in der Wohlfahrtspflege. Mit dem Augenblick aber, wo sie ihre seit Jahren auf diesem Gebiet wirkenden Kräfte organisatorisch zusammenfaßte, konnte sie sich mit allen alten Organisationen, die erst die politische Entwicklung zu einer Umstellung gezwungen hatte, in Reih und Glied stellen. Welche Wohlfahrtsorganisation verfügte wohl über mehr moralische Kräfte, wie sie in den unverbrauchten breiten Massen, die hinter der Arbeiterwohlfahrt stehen, vorhanden waren." 70 PROGRAMM UND PRAXIS der Arbeite, wohl falat 1920- 1924 1920 war die Arbeiterwohlfahrt noch zu jung, um mit einem Programm an die Öffentlichkeit zu treten. Marie Juchacz aber war so erfüllt von dem Gedanken, den sozialdemokratischen Frauen den Weg zur praktischen Mitarbeit in Staat und Gemeinde zu zeigen, dass sie Dr. Caspary, inzwischen Oberbürgermeister von Brandenburg, bat, der Kasseler sozialdemokratischen Frauenkonferenz ein Wohlfahrtsprogramm vorzutragen. Casparys Programm stand unter dem Zeichen der deutschen Not. Zwar besserte sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung nach Aufhebung der Blockade, wohl hielten die Demobilisierungsvorschriften die Arbeitslosigkeit in Schach, aber das grosse Übel der Zeit war die Inflation. Aus Gründen, die wir beschrieben haben, konnte Deutschland seine Einfuhr weder mit Auslandsguthaben noch mit dem Erlös aus seiner Arbeit und aus seiner Ausfuhr bezahlen. Die Regierung druckte also Geld, um kaufen zu können. Auch die Reparationsforderungen der Alliierten konnten nur mit Papiermark befriedigt werden, für die ausländischem Devisen gekauft wur| den. Die heimische Spekulation gegen die Mark beschleunigte deren Zerfall. Das Einkommen der Lohn- und Gehaltsempfänger entwertete sich in ihren Händen, noch ehe es ausgegeben werden konnte. Im Sommer des Jahres 1919 hatte die Mark noch ein Drittel ihres früheren Wertes, im Durchschnitt des Jahres 1919 nur noch ein Viertel, 1920 noch sieben Prozent, 1921 noch fünf Prozent und die Entwertung ging weiter. Auch die Vermögen des Mittelstandes, einschliesslich der Zinsen, schmolzen zusammen, gemessen an den Preisen. Wohlfahrtsstiftungen und-Vereine verloren durch die Inflation ihre angesammelten Vermögen. So veränderte sich das Gesicht der privaten Wohlfahrtspflege. Immer mehr Stiftungen und örtliche Hilfsvereine mussten ihre Tätigkeit einstellen, während die auf religiösen und humanitären Gesinnungen beruhenden Zentralvereine begannen, alle anderen an Bedeutung zu überragen. Natürlich verloren auch sie ihre Vermögen, aber sie hatten die politische Macht, öffentliche Unterstützung zu verlangen und zu erhalten. Caspary sprach sich auf der Frauenkonferenz von 1920 wieder für Hilfe von Arbeitern für Arbeiter aus, deren Kosten die Arbeiterschaft tragen sollte. Seine Zuhörer waren bereit, jeder Hilfsaktion zuzustimmen durch die sie sich Geld zur Bekämpfung der Not beschaffen konnten. In den Wirren der Zeit übersahen sie jedoch, dass die deutsche Arbeiterschaft so arm' arm wie noch nie seit den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung. Sie widersprachen ihm nicht. Selbst Marie Juchacz war dieses Mal von seinem Vorschlag beeindruckt. war Sie teilte der Konferenz mit, dass sie dem Parteivorstand ein sricha verden zi Programm zur Wohlfahrtsgesetzgebung vorgelegt habe. Es wandte sich gegen die Zersplitterung der Wohlfahrtsgesetzgebung und-verwaltung und forderte die Reform der Armenpflege, ein Jugendwohlfahrtsgesetz und ein Jugendgerichtsgesetz, das den Erziehungsgedanken an die Stelle des Strafgedankens setzen sollte. Ihr Programm hatte die Billigung des Parteivorstandes gefunden, und im Namen der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion fragte sie die Reichsregierung, ob sie bereit wäre, dem Reichstag entsprechende Gesetze vorzulegen. Sie erhielt keine positive Antwort von der Regierung, der damals, nach der Reichstagswahl von 1920, keine Sozialdemokraten angehörten. Um die Idee der Arbeiterwohlfahrt zu fördern und deren Organisation zu stärken, bat Marie die Reichstagsabgeordnete Clara Bohm- Schuch, Redakteurin der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift" Die Gleichheit" ihr durch Veröffentlichungen über die Aufgaben und Ziele der Arbeiterwohlfahrt zu helfen. Clara Bohm- Schuch sagte zu." Die Gleichheit" veröffentlichte in der Folgezeit u.a. Artikel von Hedwig Wachenheim, Hans Caspary und Marie Juchacz. bie Aus dem Wunsch heraus, sich in die Fragen der Wohlfahrtspflege zu vertiefen und einen Kreis zu schaffen, der die Probleme sozialistischer Wohlfahrtspflege untersuchen und sie selbst beraten könne, berief Marie einen Kreis sozialdemokratischer Wohlfahrts sachverständiger, den sie bat ein Mohlfahrtsprogramm zu entwerfen, das mit den Zielen der Partei übereinstimmte und die Frauen der Partei zum Studium der Probleme und zu praktischer Mitarbeit anregen sollte. Sie lud die Sachverständigen zu regelmässigen Besprechungen ein, berichtete den Bezirksausschüssen über die Gutachten und erbat deren Meinung darüber. In den Konferenzen war u.a. Dr. h.c. Helene Simon Referentin zu Fragen der Prinzipien sozialistischer Wohlfahrtspflege. Sie war, wie bereits erwähnt, eine seit langem anerkannte Sozialreformerin, die schon während des Kaiserreiches nie ein Hehl aus ihrer sozialistischen Gesinnung gemacht hatte. Helene Simon war auch Frauenrechtlerin und hatte 1908 ein Buch" Mutterschaft und geistige Arbeit" veröffentlicht, in dem sie am Beispiel englischer, amerikanischer und deutscher Frauen nachwies, dass beides vereinbar war. Ihr erstes Buch war Robert Owen, dem entlischen Sozialreformer aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gewidmet. Für die deutsche Wohlfahrtspflege war ihre bedeutendste literarische Leistung eine Übersetzung des Buches" Das Problem der Armut" von dem englischen Fabierehepaar Sidney und Beatrice Webb, die 1912 veröffentlicht worden war. Sie verbreitete damit die Reformgedanken der Webbs über die Notwendigkeit vorbeugender und heilender Fürsorge an Stelle der in Deutschland üblichen Methode, den Hilfsbedürftigen 72 lediglich zu unterstützen, ohne ihn wieder erwerbsfähig zu machen und ohne der Not vorzubeugen. Die Mitarbeit dieser so vielseitig erfahrenen Sozialpolitikerin war ein grosser Gewinn für die Arbeiterwohlfahrt. Die Vorbesprechungen im Hauptausschuss führten zur ersten Reichskonferenz der Arbeiterwohlfahrt am 15. September 1921 in Görlitz. Zweihundert Delegierte der Arbeiterwohlfahrt erschienen. Viele kamen auf eigene Kosten, da sie keine zahlungsfähige Organisation hinter sich hatten. Daneben kamen sozialdemokratische Bürgermeister, Landräte, Wohlfahrtsdezernenten und andere Sachverständige. Das Reichsarbeitsministerium, die Provinz Schlesien, der Liegnitzer Regierungspräsident und die Stadt Görlitz hatten Vertreter entsandt. Helene Simon behandelte das Thema" Die Aufgaben und Ziele der modernen Wohlfahrtspflege". Das erste Ziel müsst sein: Verhütung der ********** Klassenarmut durch Bekämpfung der Ursachen der Armut, was zum grössten Teil nicht Spezialaufgabe der Wohlfahrtspflege, sondern Aufgabe der allgemeinen Politik sei. Aufgabe der Wohlfahrtspolitik dagegen sei es, die überkommenen armenrechtlichen und polizeilichen Maßnahmen durch solche vorbeugender, heilender und versorgender Natur zu ersetzen. An Stelle der Fragen nach Würdigkeit oder Unwürdigkeit, nach Schuld und Sühne, müsse die allein entscheidende Frage nach Heilbarkeit oder Unheilbarkeit treten. Der Heilbare sei zu heilen, der Unheilbare zu versorgen. Die Strafe müsse Erziehungsmassnahme, die Sühne innerer Läuterung@ prozess werden. Anstelle von Abschreckung, Kargheit, Erniedrigung müsse der Gedanke der Vorbeugung und der Hebung der Menschenwürde treten. Inhalt der Wohlfahrtspflege sei also bestmögliche Arbeitsbefähigung aller arbeitsfähigen Personen und die Versorgung der noch nicht arbeitsfähigen Jugend, der vorübergehend erwerbsunfähigen Kranken und der nicht mehr erwerbsfähigen Invaliden. Zu unterscheiden sei zwischen Versorgung, auf die allgemein ein gesetzlicher Anspruch gegeben werden muss, und der von der Eigenart des Falles bestimmten und daher in Art und Maß individuell verschiedenen Fürsorge. " Ein einheitliches System der Vorbeugung, Heilung und Versorgung", so fuhr Helene Simon fort," das die zur allgemeinen Gesundung und Leistungsfähigkeit erforderliche Lebenshaltung aller Volksgenossen sichert, ist Wesenselement des Sozialismus, Voraussetzung der Produktionssteigerung und der angemessenen Güterverteilung. Die Wohlfahrtspflege muss den Ausgleich( je nach Alter, Familienstand und behinderter Leistungsfähigkeit) zum Leistungslohn schaffen, der eine Forderung der Produktion und Gerechtigkeit ist. Die freie Wohlfahrtist als Pionier und in Ergänzung der Gesetzgebung und der mit der Durchführung nfl gestrichen werde kann 73 der Gesetze beauftragten Behörden dauernd unentbehrlich. Die Wohlfahrtspflege ist ihrer Natur nach unpolitisch. Die Art ihrer Ausführung sowie das Tempo ihrer Erfüllung ist jedoch von politischen Voraussetzungen abhängig. il Die heutige Wohlfahrtspflege muss unterscheiden zwischen Kriegsfolgeaufgaben und Notstandsaktionen- zur Milderung und Behebung schon eingetretener Schäden- und den Zukunftsaufgaben der Schadensverhütung. Neben der Not der Kriegsbeschädigten und-hinterbliebenen, der Flüchtlinge und Erwerbslosen, gilt es, der Not der Kleinrentner, der Arbeiter und des Mittelstandes Herr zu werden. Die Erfüllung der Zukunftsaufgaben setzt voraus: Höchste Ökonomie durch Zusammenfassung aller Kräfte, durch Vereinheitlichung und Systematisierung, durch schnelle und durchgreifende Hilfe an Stelle der heutigen kostspieligen Zersplitterung." Was Helene Simon vortrug, war ein grosses Programm, das auch heute nicht seine Gültigkeit verloren hat. Der Bürgermeister von Brandenburg, Dr. Caspary, sprach über" Die gesetzlichen Grundlagen und den organisatorischen Aufbau der Wohlfahrtspflege." In allen grundlegenden Fragen deckte sich seine Auffassung mit der seiner Vorrednerin. Daneben forderte er die Eingliederung der Gesundheitsämter in die Wohlfahrtsämter. Er wollte auch die Volksbildung und das" Rechtsfriedenswesen", womit er die Arbeitsgerichte und ähnliche Stellen meinte, einbeziehen und ging damit über Helene Simons Vorschläge weit hinaus. Hilfe für den einzelnen, so sagte er, sei gleichzeitig Gesellschaftsschutz. Auch er verlangte einen Rechtsboden für individuelle Unterstützungen und für die allgemeinen, vorbeugenden und heilenden Massnahmen. Ein Reichsrahmengesetz zur Wohlfahrtspflege sollte die gesamte Materie ordnen. Die Diskussion offenbarte die Notwendigkeit einer besonderen Wohlfahrtsorganisation, die die Erfahrungen, die in der Fürsorge gemacht werden, durchdenken und zusammenfassen und die getroffenen Hilfsmassnahmen einer sozialdemokratischen Kritik unterwerfen konnte. Die Diskussionsrender, die von den Ortsausschüssen kamen, wichen immer wieder vom Grundsätzlichen, das Helene Simon vorgetragen hatte, ab. Sie waren bedrückt von der Massennot des Augenblicks, der sie in ihrer täglichen Arbeit dauernd begegneten. Vertreter von Verbänden, die bestimmte Gruppen von Notleidenden umfassten, zum Beispiel der Verband der Zivilwitwen und-waisen, verlangten, dass ihre Gruppe höhere Unterstützungen beziehen sollte als andere Hilfsbedürftige. Einige Diskussionsredner verwarfen die" graue Theorie" in Bausch und Bogen. " Zu Unfecht", antwortete Helene Simon," denn ohne Theorie kommen wir nicht zur Überwindung der Not. Doch ist es gut und notwendig, Theorie immer wieder an der Praxis zu prüfen und zu wandeln." die Ein erschütterndes Bild der Not im Lande, des Willens zu helfen und oft auch der Ratlosigkeit über die besten Wege zur Hilfe enthalte sich durch diese Diskussion. Ju Die noch ungeordnete Vielfältigkeit des Denkens und der Interessen spiegelte sich auch in den angenommenen Resolutionen. Man beschränkte sich nicht auf Wohlfahrtsfragen im engeren Sinne. Schutz für uneheliche Kinder und Hausangestellte wurde verlangt, ebenso die Sicherung des Achtstundentages, des Rechtes unehelicher Mütter auf Arbeit und finanzieller Ausgleich für kinderreiche Familien während der Teuerung. Andere Resolutionen dagegen zeigten, wie stark das Verständnis für die unmittelbaren und weiteren Ziele der Arbeiterwohlfahrt gewachsen war. Die Delegierten wurden gebeten, sich der Amtsvormundschaft zur Verfügung zu stellen. Die Verzögerung des Reichsjugendwohlfahrtgesetzes durch den Reichstag wurde gerügt, und ein lückenloses Netzt von kommunalen Jugendämtern verlangt sowie ein Reichsjugendamt, das ihre Arbeit zusammenfassen sollte." Die Wohlfahrtskonferenz fordert", so hiess es in einem der Beschlüsse," die Schaffung eines einheitlichen Reich ohlfahrtsgesetzes, das die Wohlfahrtspflege in die Hand der Selbst verwaltungskäpkörperschaft legt." Marie Juchacz legte danach der Reichsregierung eine Denkschrift über ein Reichswohlfahrtsgesetz vor. Die Konferenz machte auch in einem ihrer Beschlüsse geltend, dass Sozialdemokraten und namentlich sozialdemokratische Frauen in grosser Zahl in der Fürsorge mitarbeiten müssten, damit die Demokratisierung gesichert sei. Der Beschluss lautete weiter:" Da aber die Bedeutung der beruflichen Wohlfahrtspflege steigt, müssen auch deren Stellen in steigendem Masse von Männern und Frauen aus der Arbeiterklasse besetzt werden. Ausbildung für diesen Beruf ist nötig und, da die Wohlfahrtspflege Arbeit für die Volksgemeinschaft ist, muss diese Ausbildung vom Reich, den Ländern und Gemeinden gefördert werden. Die jetzt gewährten Stipendien genügen nicht. Halbtagsstellungen müssen geschaffen werden, damit die Jugend des arbeitenden Volkes und, zum Beispiel, auch die Kriegerwitwen sich ihren Lebensunterhalt verdienen können, während sie eine Wohlfahrtsausbildung erhalten." Das war damals ein ungewöhnlicher Gedanke, da Erwerbsarbeit neben der Berufsausbildung ebenso wenig üblich war, wie der Aufstieg Minderbemittelter in gehobene Berufe." Die Sonderlehrgänge für Arbeiterinnen", so verlangte die Resolution weiter, " müssen zu Einjahreskursen erweitert werden. Auch der Aufstieg geeigneter 75 Kräfte in höhere Stellungen muss gefördert werden." Der ersten öffentlichen Tagung schloss sich in Görlitz die erste Jahresversammlung des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt mit den Vertretern der Bezirks- und Ortsausschüsse an. Sie wurde mit einer Rede von Marie Juchacz über" Die Erfahrungen der Vergangenheit in der Wohlfahrtspflege und ihre Nutzanwendung" eröffnet." Ihre Ausführungen", schrieb Helene Simon in" Soziale Praxis"," zeigen, wie man auf dem Boden der Sozialdemokratie an praktische, nicht parteipolitische Arbeit herangehen kann. Mit ungemeiner Beseeltheit verbindet diese Führerin grosse Objektivität und Sachlichkeit." Das klingt sehr verschieden von Zörgiebels Wort von der" harten Schale dieser Frau". Und doch war beides richtig. Im persönlichen Umgang hatte Marie Juchacz es schwer, unmittelbaren, warmen Kontakt herzustellen. Sie litt gewiss selbst darunter, aber sie hatte eine zu grosse Scheu davor, Gefühle zur Schau zu stellen. Die Ziele der Partei und die Aufgabe der Arbeiterwohlfahrt aber waren etwas Überpersönliches, Objektives, und wenn sie darüber sprach, sprite man Wärme und Beseeltheit. Aber selbst dann blieben Haltung und Ausdruck ruhig und gemessen. Diese ruhige Würde zeichnete sie ihr ganzes Leben hindurch aus. Marie Juchacz sah die Hauptaufgabe der Arbeiterwohlfahrt im Kampf um die Überwindung des demütigenden Charakters der Armenpflege und um die Demokratisierung der Wohlfahrtspflege. In der ehrenamtlichen sozialen Arbeit sah sie ein hervorragendes Mittel zur Weckung staatsbürgerlicher Gesinnung und Mitverantwortung. Ihre Bedeutung für die Arbeiterwohlfahrt lag in der Herausarbeitung der Rolle, die die Arbeiterwohlfahrt im sozialen Leben spielen müsse, und in der Erkenntnis, dass sie ihre Ziele nur durch eine feste Bindung an die Sozialdemokratische Partei erreichen könne. Ihre Führung war erfolgreich, weil sie nicht glaubte, alles selbst tun zu müssen, sondern sie sammelte Sachverständige um sich und liess sie frei gewährer Weder im engen Kreis noch nach aussen erhob sie je den Anspruch, die Programme der Sachverständigen selbst entworfen zu haben. Das machte die Zusammenarbeit mit ihr und die Arbeit in der Arbeiterwohlfahrt so angenehm, und dadurch sammelten sich so viele Talente in der Arbeiterwohlfahrt. Die Theoretiker der Wohlfahrtspflege wie die Wohlfahrtsdezernenten fühlten sich angezogen. In der Arbeiterwohlfahrt konnten sie ihren Standpunkt verfechten, eine Plattform für ihre Ideen finden und ihnen so Nachdruck verleihen. Ohne die Arbeiterwohlfahrt wären sie isoliert geblieben. Durch die Arbeiterwohlfahrt bedeuteten sie etwas in der Öffentlichkeit. Durch sie hatten sie ausserdem Fühlung mit dem 76 Gesamtleben der Partei und dem Denken der Arbeiterschaft. Die Sachverständigen gaben der Arbeiterwohlfahrt ihr reiches geistiges Leben. Und dieses geistige Leben zog die vielen jungen Menschen an, die auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege arbeiteten. Die Revolution von 1918 hatte, so erschien es der Jugend, eine neue menschliche Gemeinschaft versprochen, die die Jugend nun schaffen wollte. Die Revolution hatte so viele neue soziale Lösungen versucht und viele unversucht gelassen, so dass vor der Jugend grosse Aufgaben standen. Die Arbeiterwohlfahrt, die sich soziale Reformen zum Ziel gesetzt hatte, erschien als ein Platz, an dem man die sozialen Lösungen diskutieren und auf ein neues menschliches Zusammenleben hinwirken konnte. Hier konnten die jungen Fürsorgerinnen und Fürsorger auch die Aufgaben des sozialen Berufes im Gesamtleben der Nation und im Rahmen des sozialen Fortschrittes erforschen und erörtern. Aktiven Anteil an diesem Sehnen und Gestalten der Jugend hat Marie Juchacz nicht genommen, aber sie freute sich daran und sicherte ihm freie Entfaltung. So ist es ihr Verdienst, dass die Arbeiterwohlfahrt geistig und politisch beweglich blieb und auf Fortschritt in ihrem Bereich drängte. Die Verbindung von Arbeiterwohlfahrt und Sozialdemokratischer Partei, die Marie Juchacz verkörperte, gab der Arbeiterwohlfahrt ihre Resonanz und Bedeutung. Ohne diese Verbindung wäre sie ankerlos hin- und hergetrieben und vielleicht zu einer reinen Wohltätigkeitsorganisation geworden. So blieb sie eine wohlfahrtspolitische Organisation trotz der ungeheuren praktischen Arbeit, die sie leistete. Ihre hohe Bewertung der praktischen Arbeit in der Wohlfahrtspflege als Mittel zur politischen Erziehung und Bildung gab Marie Juchacz nie auf. Die Arbeiterwohlfahrt blieb trotz der grossen Rolle, die Fachleute in ihr spielten, eine Massenbewegung, in der sich Theorie und Praxis gegenseitig fruchtbar ergänzten. Unter den Fachleuten, die in der Arbeiterwohlfahrt mitarbeiteten, gewann Marie Freunde und Anhänger. Hermann Heimerich, der Kieler Stadtrat und nachmalige Oberbürgermeister von Mannheim, rühmte wie Helene Simon ihre Beseeltheit, Sachlichkeit und kluge Führung. Wenn sie in Dresden war, verbrachte sie ihre freien Stunden im Hause von Dr. Hans Maier, der aus der städtischen Wohlfahrtspflege von Frankfurt am Main kam und als Ministerialrat im Sächsischen Ministerium des Innern für die Wohlfahrtspflege zuständig war. Toni Pfulf, Mitglied des Reichstages für Oberbayern, die schon früh moderne Erziehungsmethoden vertrat, gehörte zu Maries engerem Kreis. Auch Hans Caspary war ihr nahe verbunden. In der erwähnten Eröffnungsrede auf der Görlitzer Jahrestagung CL betonte Marie Juchacz noch einmal die Notwendigkeit parteipolitischer Neutralität gegenüber den Hilfsbedürftigen: " Genau so wie die Frauen des vaterländischen Frauenvereins in ihrer politischen Gesinnung deutschnational sind, genau so gut wie viele derjenigen, die im Caritas verband mitarbeiten, dem Zentrum angehören, ebenso gut sind wir in unserer Arbeit Sozialdemokraten. Aber wenn wir früher mit Recht dagegen gewettert haben, dass die Arbeit dieser Wohlfahrtsorganisationen parteipolitisch ausgemünzt wird, dann müssen wir uns jetzt befleissigen, in der Ausübung unserer Wohlfahrtspolitik die Parteipolitik beiseite zu lassen." Die Entwicklung/ dränge dahin, die in der Wohlfahrtspflege arbeitenden Sozialdemokraten zusammenzufassen, um/ ihnen Einfluss zu sichern. Ihre Schulung sei eine der Hauptaufgaben der Arbeiterwohlfahrt." Wir dürfen uns nicht ausschalten lassen, müssen uns mit den Fragen der Wohlfahrtspflege theoretisch und praktisch beschäftigen, weil sæt sie ein Bestandteil des öffentlichen Lebens ist." In ihrem Schlusswort lehnte Marie Juchacz einen Antrag, die Bezirks- und Ortsausschüsse auf die ehrenamtliche Mitarbeit bei der öffentlichen Fürsorge zu beschränken, ab." Dies wäre Verengung und Verarmung." Damit setzte Marie Juchacz durch, dass die Entwicklung eigenständiger sozialer Aufgaben und Einrichtungen im Bereich der ganzen Organisation akzeptiert wurde. Was ihr im Aufbau der Wohlfahrtspflege immer als das Wichtigste erschien, Neutralität gegenüber dem Hilfsbedürftigen und damokiratische Mitarbeit, betonte sie auch bei der ersten Beratung des Jugendwohlfahrts gesetzes im Reichstag. In der Sitzung vom 13. Juni 1922 sagte sie: "... Ich sehe keine Politisierung der Jugendfürsorge durch das Heranziehen weiter Volkskreise zur praktischen Arbeit, sondern sehe viel mehr in der Beteiligung aller Kreise zur Mitarbeit die Entpolitisierung, die Neutralisierung der Arbeit, die ja ihrem ganzen Charakter gemäss auch neutral bleiben muss. .Neue Zeiten bringen neue Ideen und machenneue Kräfte mobil. Kräfte, die im Stillen schon seit Jahrzehnten wirkten,... sind herangewachsen, sind reif geworden, um an dem Geschick der Jugend, der Jugend des ganzen Volkes tätig mitzuarbeiten.... Sie bringen das grosse Verstehen mit für die Nöte der Jugend, weil sie die Leiden der eigenen Klasse mitempfunden haben und weil sie mit offenen Ohren und sehenden Augen dieses Leiden beobachten konnten. diese neuen sozialen Kräfte, die zum Leben erwacht sind, drängen nach Betätigung, und ich glaube ganz bestimmt, dass bei einem Treffen aller Weltanschauungen auf dem Wege der praktischen 78 Arbeit viele der bis jetzt gehegten Vorurteile sich abschleifen werden, dass man eine Befriedigung darin finden wird, gemeinsam für die Volkswohlfahrt, ganz besonders für den Zweig der Volkswohlfahrt, den wir als Jugendwohlfahrt bezeichnen, zu arbeiten. ... Sagt man den Kreisen, die erst jetzt in die organisierte Arbeit hineinkommen, dass sie noch viel lernen müssten, so sagen wir, dass auch auf der anderen Seite noch manches gelernt werden muss, ... dass aber in diesem paritätischen Zusammenwirken erst alle Kräfte sich lösen können, die im Volks vorhanden sind. Privilegien soll es nicht geben auf dem Gebiet der Volkswohlfahrt, ganz besonders nicht auf dem Gebiet der Jugendwohlfahrt. Hier sollen alle Kräfte mobil gemacht werden, die zur Arbeit zu gebrauchen sind, Das Recht zur Mitarbeit soll jeder haben..." Als das Reichs jugendwohlfahrtsgesetz im Reichstag entstand, war der Schwung der Revolution schon verebbt. Übertriebene partikularistische Tendenzen verhinderten die Bildung eines Reichsjugendamtes. Das Streben der freien, besonders der konfessionellen Verbände nach Vorherrschaft beeinträchtigte die Freiheit gemeindlicher Selbstverwaltung auf dem Gebiet der Jugendwohlfahrt. Nach der Annahme des Gesetzes, dessen Durchführung aber vorläufig noch suspendiert wurde, berief die Arbeiterwohlfahrt eine neue Konferenz nach Berlin ein. Es war eine reine Fachkonferenz und nicht öffentlich. Auf ihr wurde die Stellung der Arbeiterwohlfahrt zur Durchführung des Reichs jugendwohlfahrtgesetztes Landesbestimmungen wurden erwartet. in Leitsätzen festgelegt. Marie Juchacz hat sie in ihrem 1924 herausgebrachten Buch über die Arbeiterwohlfahrt veröffentlicht. - Die Leitsätze zeigten, wie schnell die Organisation gereift war. Sie waren gründlich und voll schkenntnis und versuchten eine möglichst fortschrittliche Ausführung des Gesetzes zu sichern. Der Kampf/ mit den bestehenden Vorurteilen wurde nicht gescheut. Die kommunalen Jugendämter, so wurde verlangt, sollten die" eigent lichen Träger" der Jugendfürsorge werden und die Arbeiterwohlfahrt gleichberechtigt mit den anderen Organisationen zur Mitarbeit zugezogen werden. Die Schutzaufsicht sollte den Jugendämtern übertragen werden, und in diesem Rahmen sollten die freien Vereine mitarbeiten. Die Polizei sollte möglichst aus der Jugendarbeit verdrängt und stattdessen die Jugendämter in dienKinder- und Jugendlichenschutz, in die Aufsicht über Kinder- Heimarbeit und in die Unterbringung von Jugendlichen in Landarbeit eingeschaltet werden. Auch bei der wandernden und obdachlosen Jugend und der sittlich und sexuell gefährdeten 79 Jugend sollte die jugendamtliche Arbeit die polizeiliche ersetzen. Auch für die Fürsorgeerziehung wurden Forderungen erhoben, die eine Reform der Anstalten und die Beschäftigung ausgebildeter Erzieher verlangten. Die 3. Konferenz der Arbeiterwohlfahrt, die am: Dezember 1923 in Köln stattfand, war sehr verschieden von den vorangegangenen. Sie war ganz Marie Juchaczs Werk, die wie immer angespornt wurde von ihren persönlichen Erfahrungen. Die" rfahrungen, die sie zu jener Zeit in ihrer Arbeit sammelte, resultierten aus der Not, der bitteren Not des Jahres 1923. Ursache dafür war die Inflation, deren Höhepunkt erst drei Wochen zurücklag. Den letzten Anstoss zum schwindelnden Anstieg der Inflation hatte der" passive Widerstand" im Ruhrgebiet gegeben, das, Las von den Franzosen. Betriebe, Die Nakaoken rückten( am 11. Januar 1923 in das Ruhrgebiet ein, besetzt wurde, ( weil Deutschland mit einigen Reparationsleistungen im Rückstand war. Das Revter war in egensatz zum linken Rheinufer und den Brückenköpfen yon Nainz, Koblenz und Köln, nach dem Friedensvertrag nicht besetzt worNim dans am de Besetzung wurde die geförderte Kohle als Reparationsleistung angerechnet. Aus öffentlichen Mitteln mussten idie Zechen sowie andere Werke, die wegen Kohlenmangel nicht produzieren konnten, unterhalten werden. Die Gemeinden im Ruhrgebiet hatten hohe Unterstützungshalf ausgaben und geringe Einnahmen. Sie wurden vom Reich durch immer steigenden Notendruck, finanziert. Die Reichsregierung druckte, bis die Mark allen Wert verloren hatte. Im Oktober 1923 brauchte ein Arbeiter zum Beispiel einen Wochenlohn, um einen Zentner Kartoffeln zu kaufen. Für lo Arbeitsstunden bekam er ein Pfund Margarine. A 26 September 1923 musste der passive Widerstand abgebrochen wenden. Am 16. November wurde die Rentenmark geschaffen. Als es wieder wertbeständiges Geld gab, stieg sofort die Arbeitslosigkeit. Im Juli 1923 hatte es nur 180 000 Erwerbslose gegeben, im Dezember stieg die Zahl auf anderhalb Millionen. Marie Juchacz ging absichtlich mit der dritten Konferenz der Arbeiterwohlfahrt ins besetzte Gebiet. Sie wollte der deutschen Bevölkerung dort das Interesse der Arbeiterwohlfahrt zeigen und sich im Ausland besseres Gehör verschaffen. Sie lud die in Deutschland tätigen und helfenden den ausländischen Organisationen ein. Es waren die Quäker, das Internationale Rote Kreuz, die Internationale Kinderhilfe und auch die englische Militärmission, die in Köln ihren Sitz hatte. Die Veranstaltung wurde, so schrieb sie 1924 in ihrem Buch, ohne dass die Veranstalter es wollten, eine Kundgebung von erschütternder Gewalt." Wir können uns nicht mehr selbst helfen", hiess das Motto. Marie sagte auf der Konferenz dass alle Schleusen der Verelendung von Tag zu Tag weiter geöffnet würden. Sie erinnerte an die" underttausende von Kindern, die in kalten 80 Zimmern ohne Nahrung sitzen müssten. Sie hätten auch keine warme Kleidung mehr." Die Tuberkulose bleibt aktiv in den kleinen Körpern", berichtete der Kölner Stadtarzt Dr. Braubach. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Sollmann sprach von dem Riesenheer der Arbeitslosen:" Wir wollen nicht an das Ausland appellieren, aber wir müssen es tun." Marie Juachacz veröffentlichte gemeinsam mit dem Reichstagspräsidenten Paul Löbe, der für die Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde zeichnete, einen Aufruf" Kinderhilfe der Arbeiterschaft". Gaben" für hungernde Kinder, die gespeist werden sollten", wurden erbeten." Unsere Ortsausschüsse haben den Kampf gegen die Not entschlossen aufgenommen.x Wir wollen mit unserer Hilfe unmittelbar eingreifen. Unsere weitverzweigten Organisationen gewährleisten ein schnelles und sicheres Arbeiten". Tatsächlich hatten sich die Ortsausschüsse so entwickelt, dass sie diese Arbeit durchführen konnten. Sie leisteten so viel Notarbeit, dass man sich wundert, wie sie noch Zeit zur Mitarbeit in der öffentMit Ausnahme der lichen Fürsorge und für die Bildungsarbeit fanden. Ausgenommen die ländlichen Bezirke, in denen die Sozialdemokratische Partei schwach war, gelang es der Arbeiterwohlfahrt, überall Eingang in die öffentlichen Körperschaften zu finden. Hier und dort waren die bürgerlichen Vertreter geneigt, auf die Eindringlinge, die keine" Gebildeten" waren, herabzusehen. Im allgemeinen aber waren die Gegensätze mehr wohlfahrts politischer als gesellschaftlicher Natur. In den südlichen und westlichen Gegenden des Reiches wurde das Jugendwohlfahrtsgesetz so ausgelegt, dass Vormund- und Pflegschaften jeweils dem freien Wohlfahrtsverband übertragen wurde, der die Konfession der Minderjährigen vertrat. Es spielte keine Rolle, ob sich die Eltern oder der Minderjährige, wenn er über 14 Jahre alt war, der Kirche noch zugehörig fühlten oder nicht. So wurde die Arbeiterwohlfahrt häufig von dieser wichtigen Tätigkeit ausgeschlossen. In anderen Gegenden war die Auslegung des Gesetzes freier. Aber nirgends nahm die Arbeiterwohlfahrt ihren Ausschluss ruhig hin. Sie kämpfte um ihre angemessene Beteiligung. Schwierig war es für die junge Organisation, die Kräfte zu finden, die genügend Fachkenntnisse und genügend Wissen von den Zielen der Arbeiterwohlfahrt und ihren Reformideen hatten, um die Arbeit in den öffentlichen Deputationen und Kommissionen voranzutreiben. Allmählich machte sich jedoch der Erfolg der Schulungsarbeit geltend. Viel weniger Schwierigkeiten gab es in der praktischen Mitarbeit. Da hatten die Vertreter der Arbeiterwohlfahrt den Vorteil der Volksnähe 81 und der persönlichen Erfahrungen. Die Wohlfahrtsarbeit der Arbeiterwohlfahrt zeigte in den ersten Jahren viel Planlosigkeit und Dilettantismus. Betrachtet man die Arbeit aus der heutigen Sicht, darf man nicht vergessen, dass die deutsche Wohlfahrtspflege im allgemeinen damals noch tastete. Erst während der Weimarer Republik und nicht ohne die Mitwirkung der Arbeiterwohlfahrt wurde sie verbessert. Ausserdem waren die Prinzipien der Arbeiterwohlfahrt noch manchem örtlichen Leiter fremd. Es fehlte an einer informierenden und belehrenden Zeitschrift. Die Massennot erlaubte kein langes Überlegen und Planen, sondern forderte rasches Handeln. Viele Menschen und Familien, die um Nahrung und Kleidung baten, bedurften keiner planvollen Individualfürsorge. Sie waren lediglich durch die Notzeit wirtschaftlich hilfsbedürftig geworden, moralisch waren sie intakt geblieben ben, und in normalen Zeiten konnten sie sich wieder selbst helfen. Die Massennot flaute Anfang 1924 ab. Mit der endgültigen Stabilisierung der Mark, den Aussichten auf die Dawesanleihe und mit der Gewährung der Anleihe selbst, besserte sich im Laufe des Jahres 1924 die Wirtschaftslage. Die Löhne, die nach der Beendigung der Inflation, im Herbst 1923, äusserst tief angesetzt worden waren, begannen schon Anfang 1924 zu steigen. Die Beteiligung der Arbeiterwohlfahrt an den Notmassnahmen der vorangegangenen Jahre aber hatte bleibende Wirkung. Die in dieser Zeit entstandenen Einrichtungen wurden nicht wieder aufgegeben. Sie wurden ausgebaut und weiterentwickelt. Aber von einer systematischen Planung der örtlichen Arbeit war auch jetzt noch nicht die Rede. Marie Juchacz wollte ihr auch keine Zügel anlegen. Der Dilettantismus störte sie nicht; dazu hatte sie zu lange und zu sehr unter dem Eindruck der Notzeit gestanden, und ihre Erfahrungen, wir haben das schon betont, bestimmten ihre Entschlüsse. Marie Juchacz und Johanna Heymann haben ihrem 1924 herausgegebenen Buch" Die Arbeiterwohlfahrt" der Geschichte des Hauptausschusses Berichte über die Arbeit in den Bezirks- und Ortsausschüssen beigefügt. Die Verfasserinnen des Buches haben die Berichte nicht analysiert. Sie wählten zum Nachdruck aus, was ihnen charakteristisch für die Arbeit erschien. Dieses Material eignet sich nicht für eine nachträgliche Analyse. Die Mitarbeiter, ja selbst die Leiter mancher Bezirks- und Ortsausschüsse, waren unerfahren in geordneter Berichterstattung. Deshalb beschränken wir uns darauf, eine kleine Auswahl der Berichte zu veröffentlichen. Im Januar 1920 wurde dem Hauptausschuss aus Ostpreussen geschrieben: 82 " Warum sollten wir eine eigene Wohlfahrtswipflege einrichten? Sie würde die kommunale Arbeit unserer Genossen erheblich stören. Diese sind je nach ihrer Stärke in den einzelnen Orten in der öffentlichen Fürsorge tätig. Sie werden zu jeder Sitzung der Wohlfahrtsämter, ganz gleich, ob sie sich mit Tuberkulosenfürsorge, Armenpflege, Mütter- und Säuglingspflege oder anderen Fragen bes schäftigen, eingeladen. Wir dringen mit unseren Vorschlägen durch. Wir sind bisher gut gefahren ohne eigene Wohlfahrtspflege." Aber schon im März 1920 wurde in Königsberg ein Ort ausschuss der Arbeiterwohlfahrt gegründet und über ihn wie folgt berichtet: tet: " Bei der Hilfsaktion für Wien sahen bürgerliche Kreise mit offensichtlichem Staunen, zu welcher Opferwilligkeit das Proletariat befähigt ist. Trotz eigener schwerer Not wurden in Königsberg drei Waggon Lebensmittel aufgebracht. Vorwiegend von der Arbeiterschaft.... Die Kinder mit ihren Liebespäckchen boten einen rührenden Anblick.... Die der Stadt aus der Amerikaspende zugewiesenen Lebensmittel sind bestimmungsgemäss den Ferienkindern zugute gekommen. Allerdings mussten wir unsere ganze Energie aufwenden, damit es geschah. Wir hatten die Aufsicht über die Speisung die für eintausend Kinder mit gutem Erfolg durchgeführt wurde." Aus einermittelgrossen Industriestadt Ostpreussens wurde berich" Die Vorsitzende der hiesigen Arbeiterwohlfahrt ist Stadtverordnete und als solche Mitglied der Deputation des städtischen Wohlfahrtsamtes, der Krankenhausdeputation, des Ortsausschusses für Auslandshilfe, der Kreishebammenstelle und des Kriegsbeschädigtenbeirates. Sie sitzt ausserdem im Kuratorium der Invalidenstiftung und des Bürgerrettungsfonds. Der Ortsausschuss der Arbeiterwohlfahrt fürt eine Notspeisung durch, wirkt bei der Kinderheilverschickung, der Aufnahme notleidender Kinder und Alter in Familien und bei Kinderferienwanderungen mit. Er hat eine eigene Sammlung, Nähs tuben und eine Hilfsstelle für Kinder und Bedürftige." Der Bezirksausschuss Ostpreussens berichtet, dass er" 18 Kinderschutzkommissionen, die Konder vor gewerblicher Ausbeutung, Misshandlung sowie sittlicher und körperlicher Verwahrlosung schützen sollen, gegründet hat. Fälle, von denen die Kommissionen hören, werden untersucht und, wenn nötig, dem Jugendamt mitgeteilt. Fast alle Ortsausschüsse arbeiten im städtischen Vormundschaftswesen mit. Ihre Helfer übernehmen Pflegschaften. Die Ausschüsse stellen Hilfspersonal für Säuglingsfürsorgestellen und sammeln Wäsche für hilfsbedürftige Wöchnerinnen. Fast jeder 83 Ortsausschuss hat eine Nähstube, wo Frauen, die zu Haus keine Nähmaschine haben, nähen und andere sich durch Näharbeit Geld verdienen können. Nahezu alle Ortsausschüsse wirken bei der Kinderspeisung mit und organisieren im Sommer Kinderferienspiele im Freien. Dafür wird das Geld nach altem Brauch von Arbeiterkreisen aufgebracht. Die Schulungsarbeit" wird dauernd gepflegt". An zwei Abendstunden in der Woche, über einen Zeitraum von elf Wochen, hielten wir einen Winterkursus ab. Wohlfahrtspflege liegt den Frauen besaders gut, weil sie sich hier praktisch und gebend betätigen können." In Berlin leitet eine sozialdemokratische Stadträtin das Zentraljugendamt. In der Zentralarbeitsgemeinschaft der städtischen und freien Wohlfahrtspflege haben wir drei Vertreterinnen. 73 Bürgerdeputierte haben wir in den Kreiswohlfahrts- und Jugendämtern. 1924 stellte die Arbeiterwohlfahrt in Berlin etwa 4 000 Helfer der gemeindlichen Wohlfahrtspflegex und Jugendfürsorge einschliesslich der Jugendgerichtshilfe zur Verfügung. Der Bezirksausschuss machte Vorschläge für die Nachschulungs- oder Arbeiterinnenkurse, die an den verschiedenen Wohlfahrtsschulen Berlins stattfanden. Eingaben an den Magistrat verlangten eine sinnvolle Schulung für berufliche und ehrenamtliche Fürsorge arbeit. Vorträge des Bezirksausschusses beschäftigten sich mit Fragen der Reform der Fürsorge erziehung, dem Gesetzentwurf** über die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, der Prostituiertenfrage sowie dem Gesetzentwurf über die Krüppelfürsorge. Die Vorträge wurden in den Kreisen vor einem grösseren Zuhörerkreis wiederholt. Über die eigenen Wohlfahrtseinrichtungen in Berlin sagt der Bericht unter anderem: " Die Arbeiterwohlfahrt gewährte auf eigene Kosten und mit Hilfe ausländischer sozialistischer Organisationen Plätze in städtischen Erholungsheimen. Lebensmittel, von der dänischen Arbeiterbewegung gespendet, wurden verteilt. 1919 und 1920 wurden Weihnachtsfeiern mit Geldern veranstaltet, die von Genossen in Dänemark gesammelt worden waren. Die Arbeiterwohlfahrt beteiligte sich an öffentlichen Sammlungen, zum Beispiel für die Tuberkulosenhilfe. 515 tuberkulöse Kinder wurden jährlich von der Arbeiterwohlfahrt verschickt. 1923 und. 1924 fuhren einige Kinder auf Einladung der österreichischen und dänischen Arbeiterbewegung in diese Länder. Bahnhofsstellen wurden 84 für die Durchreise erholungsbedürftiger Kinder mit Hilfs personal versorgt. Kinderfeste wurden veranstaltet. Bei Schulspeisungen leistete die Arbeiterwohlfahrt Hilfe und führte selbst Speisungen für Erwachsene durch. Eine soziale Beratungsstelle wurde eröffnet, die stark besucht wurde." 1923 berichtete die Arbeiterwohlfahrt der Stadt Frankfurt am Main: " Grosse Aufmerksamkeit schenkten wir der ehrenamtlichen Arbeit im Rahmen der öffentlichen Fürsorge. Wir stellten Mitarbeiter für alle Gebiete. Die Helfer haben sich der Arbeit mit Eifer und Hingabe gewidmet. Heute wird ohne uns keine Wohlfahrtsarbeit in unserer Stadt getan. Unsere Arbeit zeichnet sich durch den Willen aus, unsere Auffassung in der Wohlfahrtspflege zum Ausdruck zu bringen. Die Not der Zeit bringt es mit sich, dass wir vor immer grösser werdenden Aufgaben stehen. In unzähligen Fällen, wo durch Arbeitslosigkeit, Krankheit und andere Ursachen eine Familiennotlage entsteht, vermitteln wir den Hilfsbedürftigen die ihnen zustehende rechtliche Unterstützung und leisten so den Gemeinden Helferdienste. Dabei übernehmen wir, wo es notwendig wird, die pflegerische Arbeit. Die Auskunftsstelle ist ein Erfolg, die Sprechstunden sind umfangreich und fruchtbar. Sachkundige Genossinnen geben Rat und Hilfe. Im Berichtsjahr waren es 370 neue Fälle neben vielen alten, die laufend bearbeitet werden mussten. Die Zahl der Ratsuchenden, die sofort befriedigt werden konnten, war natürlich grösser. Sehr erfolgreich war die Arbeit zum Beispiel bei der Erhöhung der Unterstützungsstätze, bei der Arbeitsvermittlung und bei der Betreuung durch den Mutterschutz. Auch vorbeugende Arbeit konnten wir leisten. Wir konnten Brennstoffe vermitteln und durch Mitarbeit zu der Altershilfe der" Zentrale für private Fürsrorge" eine grosse Anzahl alter Leute betreuen. 300 Familien konnten wir mit Bargeld, Kleidern, Schuhen, Gutscheinen für Lebensmittel über die Not hinweghelfen. Ein kommunalpolitischer Lehrgang und ein Kursus zur Einführung in das Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt haben stattgefunden." In einem hinzugefügten Brief heisst es:" 800 Kinder haben wir in Schulspeisung untergebracht. Daneben geben wir 400 Essenkarten für Frwerbslose und Kurzarbeiter aus und schicken eine Anzahl Kinder in die städtische Schulspeisung. Die Kosten für die Kinder tragen wir. Wir brauchen grössere Mittel für Familien- und hauptsächlich für die Kinderhilfe Anfang Februar fuhren 250 von uns ausgewählte Kinder in die Schweiz. Es 85 stellte sich heraus, dass wir die Hälfte mit Kleidung und Schuhen versehen mussten, damit sie überhaupt reisen konnten." Im Frankfurter Bericht über das Notjahr 1923/24 heisst es: " Es sind in der öffentlichen Wohlfahrtspflege zur Zeit ungefähr 300 Genossen und Genossinnen tätig. Daneben sind wir an gemeinsamen Aktionen der" Frankfurter Notgmeinschaft" beteiligt. Hunderte konnten durch unsere Vermittlung verbilligte Lebensmittel oder kostenfreien Hausbrand, Kleider, Schuhe und, wo nötig, auch Geld erhalten. Weihnachten konnten durch unsere Mitwirkung 250 Familien mit hochwertigen Lebensmitteln und 200 mit Geld versehen werden." " Jugendschutz und Jugendfürsorge" so wird weiter berichtet, " wurden gemeinsam mit dem Jugendamt bearbeitet. Für die Jugendgerichtshilfe wurden geeignete Persönlichkeiten benannt und für die Ferienwanderungen der Stadt Helfer gestellt. Was im früheren Bericht über die Beratungs- und Auskunftsstellen gesagt wurde, können wir noch einmal bestätigen. Die Arbeit wird ständig erweitert. Die Kinderspeisung in Familien war der schönste Beweis der Solidarität. Die Rettung von mehr als 800 hungernden Frankfurter Arbeiterkindern ist das Werk der organisierten Arbeiter selbst. Während der schlimmsten Zeit der Arbeitslosigkeit haben wir pro Woche 500 Essenscheine ausgegeben, die Mittel bekamen wir von der organisierten Arbeiterschaft. Schweizer Gewerkschaftler und Sozialisten schickten uns trotz schlechter Wirtschaftslage täglich 650 Liter Milch für bedürftige Kinder und nahmen monatelang 200 unserer Kinder in thren Familien auf." Der Bezirk Westfalen- Dortmund war gerade dabei, die Schäden des passiven Widerstandes zu überwinden: " Vorweg wollen wir berichten, dass wir in den ganzen Jahren, selbst in der schlimmsten Zeit des passiven Widerstandes, die Schulungsarbeit nicht einschlafen liessen. Kurse und Konferenzen für das ganze Gebiet und für die Unterbezirke sowie Vorträge in den einzelnen Orten haben trotz aller Erschwerungen stattgefunden. Am 23. Juli 1924 fand eine Bezirkstagung statt. Die Themen waren von aktueller Bedeutung. Eine rheinische Landtagsabgeordnete behandelte x gründlich und umfassend die Neuordnung der Fürsorgepflicht. Eine andere Genossin, die als staatlich geprüfte Fürsorgerin amtiert, referierte über das Reichs jugendwohlfahrtsgesetz. Diese Tagung, eigentlich ein Zentralkursus für die jetzt aktuellen Fragen, ist der Auftakt zu einer Reihe örtlicher Abendkurse. Die Abschnürung des Industriebeckens mit seiner starken 86 Arbeiterschaft und seiner nach Millionen zählenden Kinderschar hat ein kaum gekanntes soziales Elend körperlicher und seelischer Aft über die fleissige Bevölkerung gebracht. Im unbesetzten Deutsch land und im Ausland sind Herzen darüber wach geworden, haben sich Hände geregt, um zu helfen. Aber auch im Ruhrgebiet selbst sind in der Arbeiterschaft soziale Abwehrkräfte vorhanden gewesen und haben sich zur Tat gesammelt. Unter dem Einfluss der Besatzungsnot sind die Ortsausschüsse der Arbeiterwohlfahrt im Ruhrgebiet, wo es immer eine gute Frauenbewegung gab, zahlreich und stark geworden. Charakteristisch scheint zu sein, dass eine enge Zusammenarbeit mit den Behörden besteht. Doch wäre es falsch, anzunehmen, dass diese Zusammenarbeit von Anfang an selbstverständlich war. Wir haben sie uns oft genug hart erkämpfen müssen. Erschwert wurde die Arbeit in der Zeit des passiven Widerstande durch die zahlreichen Ausweisungen und Verhaftungen durch die Militärbesatzung, die einmal die einzelnen Ortsgruppen trafen, dann aber auch die Verbindung mit Dortmund empfindlich störten. Eine ungeheure Arbeitslast entstand den beteiligten Stellen mit der Kinderverschickung. Wir versicherten zum Beispiel den Holländern, dass die Kinder genug zum Anziehen hätten. Nachher stellte sich heraus, dass manche Kinder nichts weiter als einige zerrissene Kleidungsstücke besassen, die sie auf dem Leibe trugen. Gross war die Not nicht nur im besetzten Teil des Gebietes. In den Randgebieten hatten wir mit Teuerung, Arbeitslosigkeit und anderen sozialen Notständen zu kämpfen. Hinzukam, dass viele Ausgewiesene dort ein elendes Leben fristen mussten. Die amtlichen Stellen arbeiteten dort nur widerwillig mit der Arbeiterwohlfahrt zusammen und bevorzugten offensichtlich die anderen Organisationen. Kinderspeisungen wurden in allen grösseren Städten des westfälischen Ruhrgebietes durchgeführt. In Herne wurden Sozialdemokraten erst nach 1918 zu der amtlichen Wohlfahrtspflege hinzugezogen. Sie haben sich glänzend bewährt 1921 hat die Herner Arbeiterschaft die Sammlung für das notleidende Kind in grosszügiger Wetse organisiert und den Hauptteil aufgebracht." Marie Juchacz schliesst den Bericht: " Wir glauben..., dass die Arbeiterwohlfahrt in den ihr gezogenen Grenzen dazu beiträgt, Kindern und jungen Menschen in ihrer Entwicklung zu helfen, reife Menschen in ihrem Existenzkampf zu stützen, Alten und Invaliden wirtschaftliche Hilfe und etwas 82 Sonnenschein zu geben und die Ausführenden durch die Arbeit selbst zur Pflichterfüllung im Dienst der Allgemeinheit zu erziehen.' Als sich die Arbeiterwohlfahrt im September 1924 zu ihrer zweiten Reichskonferenz in Hannover traf, hatte sich nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die politische Lage für die Sozialdemokratie gebessert. Nachdem es sich zeigte, dass die Währungsreform gelungen war, dass im Jahre 1924 die Arbeitslosigkeit sank und die Löhne stiegen, sah die Arbeiterschaft wieder zuversichtlicher in die Zukunft. Das mehrfach erwähnte Buch von Marie Juchacz und Johanna Heymann " Die Arbeiterwohlfahrt" wurde der Konferenz als Bericht über die ersten fünf Jahre vorgelegt. Die Konferenz hatte im Gegensatz zu Görlitz rückschauenden Charakter. Sie befasst sich mit der Entwicklung und dem Fortschritt der Organisation in der Vergangenheit. 24 000 Menschen arbeiteten zur Zeit der Konferenz in den Ortsausschüssen. " Die Nachkriegsjahre mit ihren Nöten", sagte Marie Juehacz dort, " sind eine gute Lehrmeisterin gewesen. Es kam zu einer Ausdehnung der Arbeit auf allen Gebieten, die am Anfang nicht geplant war. Wenn die Kindernot und die Inflation mit ihren Nebenerscheinungen nicht gewesen wären und uns alle in Atem gehalten hätten, dann hätten wir viel mehr theoretisiert. So aber hatten wir einfach keine Zeit dafür." Marie Juchacz, als Vorsitzende der Konferenz, setzte sich dafür ein, den Ortsausschüssen freie Hand für ihre Betätigung zu lassen und bekam dafür die Zustimmung der Mehrheit. Sie teilte mit, dass ein von ihr erbetenes Sachverständigen- Gutachten zu dem Schluss kam, Sammlungen in Betrieben und Spenden von Stundenlöhnen für die Wohlfahrtspflege könnten nur in Einzelfällen Erfolg haben Die Praxis habe aber gelehrt, dass der Wille zur Selbsthilfe ungeheuer stark sei. So wurde die Finanzierungshilfe aus den Reihen der Arbeiterschaft gutgeheissen. Erneut wurde abgelehnt, der Organisation Vereinscharakter mit Mitgliedsbeiträgen zu geben. Das Prinzip einheitlicher, vorbeugender und heilender Fürsorge wurde erneut bejaht. Obwohl die eigene soziale Arbeit der Organisation beachtlich gewachsen war, gab man den Grundsatz nicht auf, dass systematische Fürsorge in erster Linie Aufgabe der öffentlichen Köroerschaften sei, in denen man mitarbeiten wollte. Als Hedwig Wachenheim über die Schulung für die Wohlfahrtsarbeit sprach, stellte sie die Erziehung zur systematischen Arbeit und zur Mitarbeit in der öffentlichen Fürsorge in den Vorderguяrgrund und fand keinen Widerspruch. Sie betonte Marie Juchaczs Gedanken, dass 88 wohlfahrtspflegerische Arbeit Erziehung zu staatsbürgerlichen Aufgaben sei. Diese Arbeit gäbe einen Begriff von den Formen und dem Funktionieren der Demokratie. Lehre man Wohlfahrtspflege, so müsse man auch über so grundlegende politische Fragen wie die Ursachen der Massennot als Grundlage der Einzelnot und die wirtschaftlichen Massnahmen zu ihrer Überwindung sprechen. Die Grenzen und die Aufgaben der Fürsorge seien sonst nicht verständlich zu machen. Marie Juchacz fasste das Ergebnis der Tagung zusammen: " Die Organisation ist nicht fertig, das kann sie nach fünf Jahren nicht sein, aber sie steht auf fester Grundlage. Es sind in ihr so lebendige Kräfte tätig, dass ihr Bestand gesichert ist. Zum Schluss betonte sie noch einmal:" Die Arbeiterwohlfahrt rekrutiert sich aus der Partei, das bleibt der Grundsatz, ihre Hilfe aber erstreckt sich auf alle Volksgenossen." Die öffentliche Veranstaltung anlässlich der zweiten Reichskonferenz galt nicht wie 1921 in Görlitz der Theorie, sondern der Praxis. Sie beschäftigte sich mit den inzwischen erlassenen sozialen Gesetzen. Der Regierung waren für die Währungsfeform gewisse gesetzgeberische Vollmachten erteilt worden. Sie benutzte sie, wie das Regierungen, die mit solchen Vollmachten ausgestattet sind, zu tunpflegen, um die in ihre Schubladen ruhenden Gesetzentwürfe ohne parlamentarische Mitwirkung in Form von Verordnungen zu erlassen. Zu diesen Verordnungen gehörte auch die über die Fürsorgepflicht vom 13. Februar 1924. Sie war ein Beamtengesetz ohne revolutionären Schwung, brachte aber doch grosse Fortschritte gegenüber dem bisherigen Armenrecht. Einen Tag nach der Verkündung der Fürsorgepflicht- Verordnung Reichs wurde das Jugendwohlfahrtsgesetz, dessen Durchführung 1922 ausgesetzt worden war, auch durch Verordnung gültig. Es war eine Sparverordnung. Sie nahm den Jugendämtern die Unterstützung hilfsbedürftiger Jugendlicher, die nun von den Bezirksfürsorgeverbänden übernommen wurde. Die Stellung der Jugendämter wurde dadurch beeinträchtigt. Die Verordnung erfüllte nicht die Forderungen der Arbeiterwohlfahrt, die sie in ihren Leitsätzen erhoben hatte. Der Kampf der Arbeiterwohlfahrt um die Jugendämter als Mittelpunkt der Jugendwohlfahrtspflege musste also erneut geführt werden. Auf der öffentlichen Kundgebung anlässlich der Reichskonferenz in Hannover standen die Fürsorgepflichtverordnung und das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz im Mittelpunkt der Tagung. Referenten waren u.a. Dorothea Hirschfeld, Hans Caspary, der badische Arbeitsminister Englen und Stadtrat Gottlob Binder, Stadtrat Dr. Heimerich sprach über die Zusammenarbeit zwischen öffentlicher und freier Wohlfahrtspflege und 89 die Zusammenarbeit von Fürsorge und Sozialversicherung. Alle Redner gaben Anregungen zu weiteren Reformen und Ratschläge für die Mitarbeit der Arbeiterwohlfahrt auf den von ihnen behandelten Gebieten. Die Konferenz widersprach der Abschaffung des Reichs jugendamtes, sie widersprach auch der Übertragung der wirtschaftlichen Fürsorge für hilfsbedürftige Jugendliche auf die Bezirksfürsorgeverbände. Sie war der Meinung, dass die Jugendämter dafür besser geeignet seien als die Sozialämter. Die Gesetzgebung, so wurde gesagt, lasse auch nach dem Erlass der Fürsorgepflicht- Verordnung die Einheitlichkeit noch immer vermissen, die erforderlich sei, um eine ausreichende, vorbeugende und durchgreifende Fürsorge zu gewähren. Die überwiegend theoretische Einstellung der Arbeiterwohlfahrt auf ihrer Görlitzer Konferenz hatte sich in kr kurzer Zeit zu einer praktischen gewandelt. Sie beherrschte in Hannover sowohl die Beratungen des Haupt ausschusses mit den Delegierten der Bezirks- und Ortsausschüsse wie die öffentliche Tagung. Marie Juchacz war davon im Augenblick befriedigt. Die Praxis aber verlangte immer wieder die Orientierung an Prinzipien und spätere fagungen trugen dem Rechnung. JAHRE DES AUFSTIEGS 1925-1926 90 In den Jahren des wirtschaftlichen Aufstiegs von 1924 bis 1928, der nur einmal 1926 von einer Periode grösserer Arbeitslosigkeit unterbrochen wurde, konnte sich die deutsche Arbeiterbewegung von den Nachkriegsnöten erholen. Da aber der revolutionäre Auftrieb abgeflaut war, musste jetzt um jeden einzelnen Schritt vorwärts hart gekämpft werden. Die sozialdemokratische Partei hatte sich zwar von ihrer Wahlniederlage im Mai 1924 bei den Dezemberwahlen desselben Jahres erholt und war von 100 Mandaten in auf 133( von 493) im Dezember gewachsen. Aber was war das gegen die Hoffnungen von 1928 und 1919? Marie Juchacz gehörte dem Reicstag weiter an. Sie sprach in der Législaturperiode von 1924 bis 1928 zum Fürsorgewiederholt haushalt. Sie redete gut, wenn sie die grundlegenden Gedanken der Arbeiterwohlfahrt klar machte. Aber Threm Temperament mangelten die Angriffslust, die Werigkeit, der Witz, die einer Parlamentsrede die besondere Wirkung geben. Um Verhandlungen mit den Vertretern anderer Parteien und mit den Ministerien erfolgreich führen zu können, beherrschte sie die Einzelheiten nicht genügend; sie interessierte sich in erster Linie für die Grundsatzfragen und für das Ziel. So musste die Arbeiterwohlfahrt, den Dabei Khojeck are um eine bessere Gesetzgebung von aussen führen. selben gilt von de Verteilung der Reichsmittel, die den Reichsarbeitsministerium Vaz Munshomm für die freie Wohlfahrtspflege zur Verfügung standen. Seit dieses zur Demüne des Zentrums geworden war wurden die konfessionellen doch blieb auch in Wohlfahrtsverbände stark bevorzugt. Marie Juchacz kritisierte in ihihre Kritik vou ren Haushaltereden diese Verteilung, aber sie sprach auch dort mit Vornehmlett und Zurückhaltung, Wo Schärfe und Sarkasmus das das des за же السلام Ohr des Hauses, ihrer eigenen Fraktion und ihre Gegner' erreichtu hätten, und sie verhandelte über diese Fragen weder mit den anderen Fraktionen noch mit den Regierungsvertretern. Sie konnte sie nun einmal ihre Würde nicht ablegen und in die Niederungen des Lime politischen Lebens him absteigen, wo Nehmen gegen Geben ausgehandelt werden. In Hannover hatte die rbeiterwohlfahrt ihren Organisationsaufbau geändert. 1925 begann die Arbeit unter dem neuen System. 94 Der" Hauptausschuss" umfasste jetzt den Arbeitsausschuss, dem die Mitglieder des früheren Hauptausschusses angehörten und daneben die Vorsitzenden der 10 Fachkommissionen und die Vorsitzenden der Bezirksausschüsse. Der Arbeitsausschuss bereitete die Tagur gen des Hauptausschusses vor und leitete die laufende Arbeit. Die Fachkommissionen waren: 1." Organisation der Arbeiterwohlfahrt", 2." Organisation der Wohlfahrtspflege bei den Selbstverwaltungskörpern", später mit 3." Allgemeine Fürsorge" vereinigt zu" Allgemeine Wohlfahrtspflege", 4." Jugendwohlfahrtspflege", 5. Kindererholungsfürsorge", später" Sozialhygiene( Kindererholungsfürsorge)", 6." Anstaltswesen", 7." Sozialhygiene", später wie gesagt vereinigt mit Kindererholungsfürsorge", 8." Sozialpolitik", 9." Ausbildung", 10." Literarische Arbeiten und Archivwesen" später vereinigt mit" Ausbildung". Eine Kommission für " Wohnungswesen und Hauswirtschaft" wurde später hinzugefügt. Das Wachstum der Arbeiterwohlfahrt in jenen Jahren ging, wie Marie Juchacz in einem Artikel feststellte, nicht mehr" in die Breite und Länge. Es wurden kaum mehr neue Ortsausschüsse gegründet. Die Ortsausschusse begannen sich auf die wesentlichen Arbeitsgebiete zu beschränken. Die Bildungsarbeit nahm einen immer grösseren Raum ein. Kurse wurden öfters in ganz abgelegenen Heimen abgehalten, damit die Teilnahmer sich von Tagesgetriebe lösen und auf die schwebenden Fragen konzentrieren konnten. Der Hauptausschuss stützte die Kurse oft finanziell und auch durch Lehrkräfte". Zur Förderung der Bildungsarbeit gründete der Hauptausschuss eine Fachbibliothek, die ihre Bücher auch nach ausserhalb verlieh, und ein Archiv, das Material über alle die Arbeite rwohlfahrt interessierenden Fragen und ihre eigene Tätigkeit sammelte und auslieh. 1925 war die Finanzlage des Hauptausschusses und seiner Unterausschüsse nach dem Bericht der Geschäftsführerin" trostlos". Deshalb wurde beschlossem, eine Wohlfahrtslotterie zu veranstalten. Ihr jährliches Ergebnis gab die Möglichkeit, geeignete junge Menschen aus den Reihen der Arbeiterschaft sozialen Berufen zuzuführen; sie erhielten Stipendien, die ihren Lebensunterhalt während der Ausbildung sicherstellten. Damit kamen zum erstenmal 42 Menschen in die sozialen Berufe, die die Lebensweise, das Denken und Fühlen der arbeitenden Menschen aus eigenem Erleben kannten. Bald aber wagte sich die Arbeiterwohlfahrt an den Versuch der Berufsausbildung im eigenen Rahmen. Um den Bedarf an Jugendwohlfahrtspflegern/ innen für die neuen Jugendämter zu decken, liess das peussische Ministerium für Volkswohlfahrt Ausbildungskurse von viermonatiger Dauer zu. Nach dem erfolgreichen Abschluss wurde die staatliche Anerkennung als Jugendwohlfahrtspfleger erteilte wurde, die sonst nur Absolventen der regulären zweijährigen Ausbildung erhielten. Die Arbeiterwohlfahrt veranstaltete in den Wintermonaten 1925/26 und 1926/27 zwei solcher Kurse, deren Leitung Hedwig Wachenheim, als Vorsitzende der Ausbildungskommission übernahm. der Kolnes Ortausschußß Schon im Januar 1925 hatte Vanlässlich einer sogenannten Vertreterkonferenz der Kölher Orteausschuss die Herausgabe einer Fachzeitschrift verlangt. Wenn Marie Juchacz dem Unternehmen aus finanziellen Bedenken zunächst widersprach, so konnte doch am 1.Oktober 1926 bereits die erste Nummer der Zeitschrift erscheinen, in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, die sich während des wirtschaftlichen Aufstiegs und der Entfaltung der Arbeiterwohlfahrt auf 16.000 erhöhte. Jede Nummer der" Arbeiterwohlfahrt hatte 32 Seiten; sie erschien zweimal im Monat. Die Redaktion der" Arbeiterwohlfahrt" führte Hedwig Wachenheim im Einklang mit ihrer bisherigen Aufgabe, Zer Ausbildung sozialer Berufskräfte. Der Inhalt der Zeitschrift entsprach dem Kölner Vorschlagi die brachte allgemeine Aufsätze, kritische Stellungnahmen zur GesetzWeiter gebung Vorschläge für Reformen, sie berichtete über die Entund über wicklung der sozialen Praxis, die Fortschritte auf den Gebieten der Psychologie, Psychiatrie und Pädagogik, Tagungsberichte und eine Zeitschriftenschau wurden dem urspränglichen Programm hinzugefügt und gelegentlich auch Polemiken gegen die Wohlfahrtspolitik er Reichs- und Lände offlichngen und gegen Tendenzen erungen der freien Wohlfahrtspflege. Die Zeitschift versuchte in einer Nummer möglichst viele Gebiete zu berühren, um so jedem Leser in jeder Nummer etwas Interessantes zu bieten. und Gleich das erste Heft der" Arbeiterwohlfahrt" gab einen Einblick in die geplante und auch durchgehaltene Vielseitigkeit der Zeitschrift. Dem Leitartikel von Helene Simon über. He shefantspflege und die Arbeiterwohlfahrt als Teil sozialistisches Pestebungen& 93 folgte ein Aufsatz über Prostitution und Reglementierung. Luise Morgenstern schrieb über die Pflege an erwerbsloser Jugend. Käthe Buckricker, die Nachfolgerin Johanna Heymanns als Geschäftsführerin des Hauptausschusses, beschrieb ihre erste Fahrt in die 1926 errichtete Kinderheilstätte, das" LudwigFrank- Heim" im badischen Schwarzwald, das der Hauptausschuss errichtet hatte. Viel Aufmerksamkeit widmete die Zeitung schon in ihren ersten Heften der Fürsorge erziehung, die vom Reformeifer der ersten Nachkriegszeit und den Fortschritten der Psychologie, Psychiatrie und Pädagogik noch kaum berührt war. Die Arbeiterwohlfahrt war entschlossen, hier modernen Erkenntnissen und Methoden die Bahn zu brechen und hat mit grosser Energie auf diesem Gebiet gearbeitet. Es war die Aufgabe der Zeitschrift, solche Kämpfe der Organisation zu unterstützen und Gegnern und Anhängern zugänglich zu machen. *) *) A...... Richtlinien der Arbeiterwohlfahrt zur Gestaltung der Fürsorgeerziehung 6/4 In einem Artikel in der" Arbeiterwohlfahrt", mit dem sie das Jahr 1927 einleitete, blickte Marie Juchacz auf die Jahre 1925 und 1926 zurück. Wieder ist sie mit ihren Aufgaben gewachsen. Sie will jetzt, da die große Notzeit vorüber ist, nicht mehr alles hinnehmen, was unter dem Druck der Nachkriegsjahre an örtlichen Aktivitäten geduldet werden mußte. Sie will aber auch nicht anordnen und von oben eingreifen. Sie tut, was dem Führer einer Organisation zukommt: Sie versucht zu überzeugen, indem sie kritisiert, ermahnt und ermutigt. Die Ortsausschüsse sollen, getreu den Grundsätzen der AW," die helfende, stützende und zuführende Arbeit für die öffentliche Wohlfahrtspflege zum Hauptzweck der Arbeit machen". Sie freut sich, daß die Zahl der AW- Helfer, die ehrenamtlich in der öffentlichen Fürsorge arbeiten, nach jedem Kurs, den ein Ortsausschuẞ veranstaltet, zunimmt. Sie warnt vor der Einrichtung neuer Erholungsheime, deren es genug gebe. Anstalten und Einrichtungen sollen nur errichtet werden, wo die öffentliche Fürsorge Anstalten nicht errichten kann oder versäumt, dies zu tun, und die AW soll dann, wenn sie Heime errichtet, ihnen" einen unserer sozialistischen Wesensart gemäßen Charakter geben und sie wirtschaftlich auf gesunde Füße stellen". Sie lobt dabei die Heilstätte der Berliner Arbeiterwohlfahrt, das August Bebelheim in Koenigstein, Sächsische Schweiz, die Heimstätte für Frauen und Mädchen des Ortsausschusses Elberfeld, das Mütterheim der Arbeiterwohlfahrt in Hirschberg in Schlesien und die Kindergärten und Horte mit besonderen erzieherischen Tendenzen. ibres. In diesem Artikel grift Marie, was Marie greift in dem Artikel auch an, obwohl Angreifen ihrer ruhigen w devollen Natur im allgemeinen nicht lag, sie lehnt sich auf gegen den au Versuch die konfessionellen Verbände die Jugendwohlfahrtsarbeit der AW auf die Kinder dissidentischer Eltern zu beschränken. skellt Marie dagegen Marie stellt auch in ihrem Artikel Mit Freuden fest, daß ein guter Zusammenhalt zwischen den von der Arbeiterwohlfahrt materiell und ideell geforderten sozialen Berufskräften besteht, ganz gleich, ob sie noch in der Ausbildung oder schon im Beruf sind. Dieser enge Zusammenhalt habe sich besonders auf den Pfingsttreffen der sozialistischen Fürsorgerinnen gezeigt. Das erste dieser Treffen fand 1925 in Piwitsheide bei Detmold statt, das zweite 1926 auf der Burg Hohenstein in Sachsen. Die Fürsorgerinnentreffen, zu denen bald auch männliche Fürsorger kamen, wurden zur jährlichen Einrichtung. Man lebte ein paar Tage zusammen in einem Heim, diskutierte die aktuellen Wohlfahrts- und Berufsfragen und machte gemeinsame Ausflüge. Das alles verband die Teilnehmer miteinander und mit den Ideen der Arbeiterwohlfahrt. . Desen Marie Juchacz nahm an den Fürsorgetreffen nach Möglichkeit teil. Sie und ant 95 begrüßte diese Gelegenheit, in engeren Kontakt mit den fachlichen Problemen zu kommen! wofür ihr Doppelberuf ihr sonst wenig Zeit ließ, und sie konnte sic quen über das Denken der jungen Fachkräfte informieren, Wenn auch das eine Theoretisieren ihr nicht lag( sie hatte sich in der Arbeiterwohlfahrt bestimmte Ziele gesetzt, die sie erreichen wollte), so ließ sie die Jugend gewähren, wie sie die Älteren gewähren ließ, aber fie stand aber mit einer gewissen Distanz abseits. Sie gebot Achtung und erweckte Achtung durch ihre Persönlichkeit und Vornehmheit und als Symbol für das Streben der Arbeiterschaft nach besserer Lebensweise und einer besseren sozialen Stellung und auch als Symbol all dessen, was die älteren Generationen der Arbeiterbewegung erreicht hatten. Aber ein Verhältnis wie das zwischen Lehrer und Jüngerentwikkelte sich nicht, Das Verhaltnis blieb distanziert. Sie sprach auf den ميد Pfingsttreffen in der Regel über Sinn und Werden der Arbeiterwohlfahrt und deren Entwicklung und gab gerade durch ihre Zurückhaltung das Gefühl, daß sich hier Jugend frei entfalten und nach eigenem Urteil frei handeln könne. Persönliches Zwischenspiel 46 Maries Kinder, Lotte und Paul, lebten immer noch im Haushalt von Elisabeth und Emil Kirschmann. Lotte wollte in Berlin die Rechte studiezen. Auch für Elisabeth Kirschmann als Mitglied des preußischen Landtages und für Emil Kirschmann er war seit 1924 Oberregierungsrat im preußischen Ministerium des Innern ergab sich die Notwendigkeit, in Berlin zu leben. Die Doppelfamilie brauchte dort also ein Heim und erwarb ein Siedlungshaus im Stadtteil Köpenick. Elisabeth empfand viel Freude daran, das Heim behaglich einzurichten; das hatte sie von ihrer Mutter gelernt, die viel Geschmack und viel Freude an Schönheit gehabt und die, soweit ihre geringen Mittel das erlaubten, ihre kleine Wohnung in Landsberg gern ausgeschmückt hatte. Das Haus, das Marie und die beiden Kirschmanns erwarben, hatte einen kleinen garten, Es lag nahe am Wald und gewährte so Ruhe und Erholung. Es wurde su einem behagliche Heim, in dem auch manchmal längere Konferenzen der Arbeiterwohlfahrt in kleinem Kreis abgehalten wurden. De Wohnung in Köln behielt Elisabeth, bei, da sie ja viel in ihrem Wahlkreis zu arbeiten hatte, und Marie hatte so in Köln ein Heim, das ihr auf ihren Reisen im Rheinland eine angenehme Häuslichkeit bot. Marie hing eehr an Köln und förderte die Einrichtungen und Anstalten der berief/ auch oft Rheinländer in Positionen der Arbeiterwohlfahrt oder betraute sie mit Referaten. Robert Goerlinger zum Beispiel, der die Lotterie der Arbeiterwohlfahrt mit Hingabe und großem Erfolg leitete, war damals rheinischen Arbeiterwohlfahrt, wo sie nur konnt officials Kölner Stadtverordneter. Marie genoß die angenehme Häuslichkeit mit Schwester und Schwager in Köln und Berlin. Im Zusammensein mit ihnen war sie freier und gelöster, und Traf man sie mit den beiden, so hatte man das Gefühl, daß sie mehr über Maries persönliches Fühlen und Denken wußten als andere Menschen und daß Marie sich vor ihnen nicht so verschloß, wie sie das sonst tat. Über das Verhältnis und die Natur der beiden Schwestern schrieb Hedwig Wachenheim später einmal: " Die gemeinsame Arbeit brachte mich mit beiden Frauen persönlich zusammen, und besonders mit Elisabeth verband mich eine Freundschaft, die noch intimer wurde, als ich 1928 in den preußischen Landtag gewählt wurde, dem Elisabeth schon länger angehörte.y Die beiden Schwestern waren von einer Innigkeit, wie man sie selbst bei Schwestern selten beobachtet.... Ihre drei Kinder gehörten ihner gemeinsam. Beide Frauen waren sich äußerlich ähnlich, aber verschiede in ihrem Wesen. Marie war verschlossen und Herb, voll strenger Würde. Elisabeth war weich, freundlich und fröhlich, den Annehmlichkeiten de Lebens zugetan. Sie schrieb gewandt und hübsch ohne viel Schwierig 97 keiten. Als Rednerin gefiel uns Marie besser. Sie war imposant in ihrer Schwere, während mir Elisabeth als Rednerin oft zu weich und weiblich erschien. Elisabeth hatte eine leichte Auffassungsgabe und arbeitete sich schnell in die Probleme der Anstaltsfürsorge ein( sie war Vorsitzende der Anstaltskommission der Arbeiterwohlfahrt)...... Sie hatte viel künstlerischen Geschmack, das sah man an ihrem Haus und ihren Wohnung. In einem waren sich die Schwestern ähnlich. Sie waren beide vornehm sowohl in der Gesinnung als auch in den äußeren Formen. Ich habe nie von beiden ein unvornehmes Wort gehört, eine unvornehme Geste gesehen oder eine Intrige erlebt. Marie konnte abweisend sein, aber launisch war sie nie und nie unsachlich. Elisabeth war gelöster, aber im Wohlfahrtsausschuß der preußischen Landtagsfraktion übte auch sie ihr Amt mit Würde aus und ordnete mit heiterer Liebenswürdigkeit die verschiedenen Meinungen der Sache unter Daß Marie sich nie aufschloß und, sobald persönliche Fragen berührt wurden, schwieg, fühlten auch die drei Kinder, und sie zogen sich in ihrer Gegenwart in sich selbst zurück. Lotte Juchacz war im Umgang mit ihrer Mutter so zurückhaltend und herb wie diese. Marie liebte die Tochter und war stolz auf sie, ver riet es aber nie mehr als durch einen gelegnetlichen Blick oder ein gelegentliches Wort in Lottes Abwesenheit. Lotte war eine zähe und fleißige Studentin. Die Absicht einer politischen Laufbahn hatte sie nicht. In Gegenwart der Mutter bedrückte es sie, daß sie mit ihrer guten Schul- und Universitätsbildung eine Spitzenstellung, wie sie ihre Mutter ohne formale Bildung erreicht hatte, nicht einmal anstrebte. In ihren Denkformen waren Mutter und Tochter verschieden. Lotte hatte gelernt, abstrakt zu denken, Dag konnte Marie nicht, sie schloß aus ihren Erfahrungen. Maries Verhältnis zu den jüngeren Frauen ihres Mitarbeiterkreises war sehr verschieden von der Beziehung xa zu ihrer Tochter. Nicht daß sie sich ihnen gegenüber freier gab oder fröhlich und unterhaltend wurde. Aber sie fand bei ihnen die gleichen Erfahrungen und Interessen, und das ergab viele Berührungspunkte. Sie Stützte sich auf Johanna Heymann, Käthe Buchrucker und auch auf Hedwig Wachenheim, später auf Lotte Lemke, vertraute ihnen und ließ sie frei gewähren; sie schuf so zwar keine persönliche Intimität aber ein Vertrauensverhältnis in der Arbeit. Maries Sohn Paul hatte nicht Lottes Willensstärke. Er hatte als Kind mehrfach Unfälle gehabt, war viel krank gewesen und hatte deshalb oft der Pflege von Mutter und Tante bedurft. Der Vorhang, der Mutter und Tochter trennte, hing nicht zwischen Mutter und Sohn in derselben Dichte. Ihrem Sohne Paul konnte Marie aus ihrer 3223 x Jussnote: Nach ihrer Rückkehr aus der amerikanischen Emigration wurde X ihr Verhältnis zu Lotte le und Mina Sattler, die de des Bezirks westliches Westfalen, ausgesprochen freundschaften und Aw 98 mütterlichen Überlegenheit und aus der Überlegenheit des stärkeren Menschen oft helfen. Paul war jedoch zu jener Zeit nicht in Berlin. Er wollte Gutsverwalter werden und arbeitete praktisch als Landwirtsschaftseleve und -praktikant auf landwirtschaftlichen Gütern. Fritz Roehl, Elisabeth Kirschmanns Sohn aus erster Ehe, wurde in seinen letzten Schuljahren im Landheim Letzlingen in der Altmark erzogen, von wo er an Feiertagen und in seinen Ferien leicht nach Berlin kommen konnte. Fritz war musikalisch, und Elisabeth wollte ihn Musik studieren lassen. Marie aber, die ihren eigenen Mangel an einer regulären Bildung wohl mitunter als Nachteil empfunden haben mag, riet Fritz zum Studium der Neuphilologie, da er Sprachtalent hatte. Ihr Rat gab den Ausschlag. Seinen eigenen Wunsch, wie der Stiefvater Journalist zu werden, mußte Fritz so fürs erste begraben. 99 Weiterer Aufstieg 1927- 1929 Nachdem Marie Anfang 1927 in der" Arbeiterwohlfahrt" die Ortsausschüsse ermahnt hatte, nur solche Einrichtungen zu schaffen, die eine Lücke in der öffentlichen Wohlfahrtspflege schließen würden, kam Elisabeth Kirschmann als die Vorsitzende der Anstaltskommission. des Hauptausschusses der AW einen Monat später noch einmal auf das Thema zurück. Sie warnte davor, nur deshalb Einrichtungen zu schaffen, weil andere Wohlfahrtsorganisationen sie hatten, und riet, die Bedürfnisfrage jeweils genau zu prüfen und Gipfelleistungen anzustreben. Die Arbeiterwohlfahrt, so fägte sie hinzu, die.a. die bestehenden Fürsorgeerziehungsheime scharf kritisiere, müsse, wenn sie etwa selbst ein Erziehungsheim für gefährdete und schwererziehbare Kinder errichte beweisen, daß sie nicht nur kritisieren, sondern es auch besser machen könne. Als sie dies schrieb, hatte die Anstaltskommission sich bereits nach einem Grundstück für ein Erziehungsheim umgesehen und es 1926 bei Hützel nahe Sotau in der Lüneburger Heide gefunden. Elisabeth. immer schneller von Entschluß als ihre Schwester- drang auf seinen Ankauf, und es wurde 1926 erworben. Es war ein Wiesengrund, den malerische Schluchten durchzogen, nahe einem Wald. Dort lag an einem Hang, nach Süden und Westen frei, nach Norden und Osten von Tannen dicht geschützt, der" Immenhof", ein stattliches Anwesen in Fachwerkbauweise errichtet und mit einem Strohdach gedeckt, ein parkartiger Garten gehörte dazu. Vierzig schwererziehbare Mädchen im Alter von 14- 17 Jahren sollten im Immenhof Aufnahme finden, und ebenso eine Station mit Kleinkindern, in der die Mädchen Kinderpflege lernen sollten. Eine Ausbildung in Hauswritschaft, Weißnäherei und Schneiderei war auch geplant und ebenso eine in Gartenbau und Kleintierzucht. Die Halle im Mittelbau war das Herzstück des Hauses, eine große Diele mit schöner Täfelung an Wänden und Decke, einem behaglichen Kamin und breiten Hockern mit geflochtenem Sitz und bequemer Lehne. Ordentlich festlich war der Raum und doch gemütlich. Hier fanden sich alle Hausgenossen, die Kleinkinder ausgenommen, zu den Mahlzeiten zusammen. Auch für Feste und Feiern gab er den ansprechenden schönen Rahmen. Die an die Diele anschließende Vierländer Stube, so genannt nach den wunderschönen Türen und Schränken aus einem alten Vierländer Bauernhof, vom Vorbesitzer übernommen, war Aufenthaltsraum und gemeinsames Wohnzimmer der Mitarbeiter. Ebenfalls von der Diele aus gelangte man in den Bereich der Kleinkinder. Vor ihrem Tagesraum, einem Erkerzimmer, lag die Veranda, die zum Spielplatz und in den Wald führte. Die Schlaf zimmer der Kleinen lagen im gleichen Flügel eine Treppe höher. Auf 100 diesem Stockwerk waren auch die Zimmer der Mädchen, kleine freundliche Stuben und, dazwischen verteilt, die Zimmer der Erzieherinnen. Hier befanden sich auch Arzt- und Arankenzimmer. Über der Diele lag eir großes sonniges Zimmer mit Blick ins weite Land, der Aufenthaltsraum der jungen Mädchen. Das Haus war warm und behaglich, freundlich, licht und schön, 6s hatte nichts von der Kargheit und Strenge so vieler anderer" Anstalten". Manchen Kritikern innerhalb der Arbeiterwohlfahrt schien es sogar zu sc schön. Sie fürchteten, daß es den jungen Mädchen zu schwer würde, von dort wieder in das Milieu ihrer Familien zurückzukehren, wie es ihr Los war. Das weite Gelände bot auch Raum für die Errichtung des" Jugendhofs", der Ferienlager und" erienkurse von Jugendgruppen aufnehmen sollte. Zu erwähnen sind noch der zur Landwirtschaft gehörende Gebäudekomplex und die Gärtnerei mit ihren Gewächshäusern und frühbeeten. Am 1. November 1927 wurde der" I menhof" eröffnet. Daß er ein Wagnis war, dessen war sich Elisabeth Kirschmann bewußt. Die Arbeiterwohlfahrt hatte bisher nur begrenzte Erfahrungen in der Erziehungsfürsorge aammeln können. Ein Heim für Schwererziehbare war ihr neu. Auf gelerntes und erfahrenes Personal, das aus der eigenen Arbeit stammte, konnte nur in geringem Umfang zurückgegriffen werden. Die Arbeiterwohlfahrt und ihre Zeitschrift hatten die Erziehung in den überkommenen Anstalten und das herrschende System der Fürsorge erziehung oft und scharf angegriffen. Würde der" Immenhof" ein Fehlschlag, so würden alle Reformbestrebungen der Arbeiterwohlfahrt künftig mit diesem Fiasko belastet sein. Elisabeth Kirschmann aber konnte sich auf die sachverständigen Mitglie der ihrer Anstalt skommission verlassen. Da waren- u.. Walter Friedländer, der als Leiter des Jugendamtes im Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg, Berlin, die Bedürfnisse gefährdeter Großstadtkinder genau kannte Rudolf Schlosser, der die erzieherischen Probleme einer Fürsorgeanstalt in seiner eigenen Arbeit als Anstaltsleiter täglich erfuhr und sie tief durchdacht hatte, nahm intensiven Anteil an dem pädagogischen Planen und an der Einrichtung des Immenhofs. Er strahlte Herzlichkeit und Menschenliebe aus. Professor Dr. Mennicke, der Leiter des Sozialpädagogischen Seminars an der Hochschule für Politik, Berlin, war Pädagoge und hatte Fragen der Heimerzieherausbildung besonders studiert. " Wer sich auf Zwangs- und Gewaltmittel verläßt", so schrieb er einmal," nimmt die Frage der Erzieherausbildung zu leicht." Der Erzieher müsse eine Reihe psychologischer und soziologischer Tatbestände wissen damit er den Charakter der Zöglinge und den Einfluß des Milieus beurteilen könne. Er müsse den Wert des Lebens schätzen und auch eine gewisse Bildung haben, um geistig anregen zu können. Einen Teil seiner 101 Ausbildung solle er in einem Heim durchmachen, aber nur einen Teil, denn er müsse auch das Leben des Zöglings vor und nach der Heimerziehung kennen. Marie Juchacz empfand den" Immenhof" als eine notwendige Dolamentation der Auffassung und der" eistungsfähigkeit der Arbeiterwohlfahrt. Sie hatte das Werden der Idee miterlebt und die Schwester von Anfang an lebhaft unterstützt. Wie immer, wenn ihr ein Vorschlag gefiel, so verfolgte sie auch hier seine Verwirklichung mit Zähigkeit und Energie. Dem" immenhof" wandte sie immer ihr besonderes Interesse und ihre Liebe zu, wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil er das Werk der geliebten Schwester war. In jenen Jahren erstand auch noch eine andere Erziehungseinrichtung, die dem Grundsatz der Arbeiterwohlfahrt, eine Lücke auszufüllen, entsprach: Der Kölner Ortsausschuß errichtete einen Kinderhort für schwererziehbare Kinder und für Kinder aus zerrütteten Ehen. Suse Hirschberg, eine Lehrerin, die an der Kölner Universität Pädagogik studierte, übernahm die Leitung. Suse Hirschberg betonte eine Erziehung im Sinne von Kants Wort, daß Kinder nicht zum gegenwärtigen, sondern dem zukünftigen Zustand des menschlichen" eschlechts erzogen werden sollten. Wie Max Adler wollte Suse Hirschberg die künftige Gesellschaft in der Seele des Menschen vorbereiten, da sonst ihre Vorbereitung durch den ökonomischen Prozess bloß eine objektive Möglichkeit bliebe. Wie Adler meinte sie, daß Erziehung- solle sie nicht zur seelischen Verkümmerung führen nicht" neutral" sein dürfe, sondern Entscheidung und Stellungnahme verlange und Unterstützung aller Bestrebungen, die dem Ziele dienen, einen möglichst besseren zukünftigen Zustand der menschlichen Gesellschaft zu erreichen. Ebenfalls in das Jahr 1927 fiel die Herausgabe eines Lehrbuches, das die soziale Schulungs- und Fortbildungsarbeit unterstützen sollte. 28 000 Teilnehmer an Kursusveranstaltungen der Arbeiterwohlfahrt wurden 1927 registriert. ел Das Lehrbuch, dessen Redaktion in der Hand von Hedwig Wachenheim lag, suthielt Beitrage und dessen einzelne Kapitel von namhaften Fachkräften, geschrieben waren Everkaufte sich leicht, und eine zweite Auflage folgte der ersten sodass bald schnell. Marie Juchacz faßte im Lehrbuch noch einmal die Aufgaben der Arbeiterwohlfahrt*) zusammen: *) Lehrbuch der Wohlfahrtspflege. Hrsg. vom Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrt e.V. 1927, Seite 422 ff werdenden 1302 " Konzentrierter auf das Wohl des gesamten Volkes gerichteter Gemeinsinn möglichst breiter Bevölkerungsschichten ist das ää pädagogische Ziel der Arbeiterwohlfahrt. Ein wesentliches Merkmal der Arbeit( der Arbeiterwohlfahrt) ist, daß Hilfe in kameradschaftlichem Geist geleistet werden muß. Die Arbeiterwohlfahrt und ihr Helferstab sind sich bewußt, daß der Dienst an der Allgemeinheit der höchste menschliche Dienst ist, daß er aber auch für jeden Menschen der selbstverständlichste Dienst sein sollte. Von diesem Gemeinschaftsgefühl getragen ist es das Bestreben der Arbeiterwohlfahrt, die Wohlfahrtspflege ganz zum öffentlichen Dienst zu machen. Das heißt..... durch die Einschaltung lebendiger Volks kräfte das Hineinwachsen in einen immer vielseitigeren und beweglichen Organismus zu fördern und damit zu einer Sache des ganzen Volkes zu machen." Nicht nur ihre eigenen Einrichtungen und Veranstaltungen nahmen die Arbeiterwohlfahrt 1927 in Anspruch; ihr Interesse galt einer besonders wichtigen Reform der Gesetzgebeung: dem Reichsgesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Noch Während rend der eichstag das Gesetz beriet, hatte die Arbeiterwohlin ilmu Beratung fahrt im Herbst 1926 eine Konferenz nach Jena einberufen, die über den Rahmen des Gesetzes hinausging, da sie auch sozial- und bevölkerungspoöitische Probleme- wie Säuglings- und Mutterschutz, Schutz der Schwangeren im Betrieb, aber auch das Thema Reglementierung und Prostitution umfaßte. Die Konferenz war gut besucht. 500 Teilnehmer waren anwesend, darunter 100 Vertreter von Behörden und befreundeten Organisationen. Die Konferenz kam nicht zu konkreten Beschlüssen," aber Unruhe ging von ihr aus", wie Elisabeth Kirschmann in der" Arbeiterwohlfahrt" berichtete," da sie mutig die Gebiete als Behandlungsstoff heraus griff, die in der Tat Brennpunkt fast aller Diskussionen über soziale Pr Probleme sind." 2 In Jena wunde formuliert, was dhe und. e Arbeiterwohlfahrt nunces outreten hatten immer zusammen mit der sozialdemokratischen Re Partet Aleedanken über die Prostitution vertreten, wie sie in Jena formuliert wurden, nämlich do Prostitution kein notwendiges Übel sei, dap sondern ein Überbleibsel aus der Zeit der Sklaverei und der Mißachtung und der Frau und ihrer Arbeit, daß sie mit sexueller Unehrlichkeit und ebenso mit wirtschaftlichen und sozialen Ungerechtigkeiten zusammenhänge. In demselben Maße, in dem es gelänge, diese gesellschaftlichen Schäden zu beseitigen, könne auch die Prostitution überwunden werden. Der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten dürfe nicht durch die polizeiliche Regulierung der Prostitution geführt werden und dürfe überhaupt, wenn er erfolgreich sein solle, nicht der Polizei überlassen lementioning 403 werden. Er sei Sache der Gesundheitsbehörden und müsse ohne Rücksicht auf das Geschlecht und die soziale Stellung der ansteckenden Person geführt werden. Den von der Reglementierung befreiten Prostittierten müßten durch sozialpädagogische Maßnahmen geholfen werden, den Weg zu einem nützlichen Leben zu finden. Wie das ihre Gewohnheit war, berichtete die" Arbeiterwohlfahrt" über das Gesetz sofort nach seiner Annahme. Louise Schroeder schrieb den Artikel in ihrer genauen und leicht verständlichen Weise. Kurz darauf legte die Arbeiterwohlfahrt" eine Sondernummer vor mit: Forderungen an die Ausführungsbestimmungen der Länder und für die Durchführung des Gesetzes durch die Gemeinden. In eine Entschliess Reichskonferenz der Arbeiterwohlfahrt im Mai 1927 nahm eine Entschließung an, in der aufgerufen de, der Durchführung des wurde esetzes größte Aufmerksamkeit zu schenken ,, da es Von der Ausführung des Gewird es setzes abhängen werde, ob es de beabsichtigten Fortschritt auch brin gen könne. erzielt werden könne. Um den Bezirks- und Ortsausschüüsen ihre Mitarbeit in der sozialen Fürsorge für Geschlechtskranke zu erleichtern, gab die Arbeiterwohlfahrt einen Kommentar zum Gesetz heraus. worn w Die Arbeiterwohlfahrt mußte im Jahre 1927 auch einen Kampf um die J estigung ihrer eigenen Stellung führen. Der Übergang der Arbeiterwohlfahrt zur wohlfahrtspflegerischen Praxis, wie er sich von 1921 bis 1924 gekennzeichnet durch die Konferenzen von Görlitz und Hannover-vollzogen hatte, der Ausbau des Hauptausschusses durch Fachkommissionen und die Erweiterung seiner Geschäftsstelle, die intensive Bildungsarbeit, die Rührigkeit und Organisationskraft der Ortsausschüsse hatten die Stellung der Arbeiterwohlfahrt nicht nur in der Arbeiterbewegung, sondern in der gesamten Offentlichkeit gestärkt. Schon seit 1926 gehörte sie z allen wichtigen zentralen Arbeitenwohlfahrtentlichkeit Organisationen und Institutionen an, bzw. arbeitete in deren Gremien mit.*) Ripuote 路 *) In diesem Zusammenhang seien genannt: Rakkaxkkerskikfay Archiv deutscher Berufsvormünder, Archiv für Wohlfahrtspflege, Deutsche Altershilfe, Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der weschlechtskrank heiten, Deutsche Nothilfe, Deutsche Vereinigung für soziale Krankenhausfürsorge, Deutsche Vereinigung für Säuglings- und Kleinkinderschutz, Deutsche Zentrale für Jugendfürsorge, Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, Allgemeiner Fürsorge- Erziehungstag Deutscher Bentralausschuß für die Auslandshilfe, Deutsches Zentral Comitee zur Bekämpfung der Tuberkulose, Verein Landaufenthalt für Stadtkinder, Reichsausschuß für hygienische Volksbelehrung, Reichshauptstelle zur Bekämpfung des Alkoholismus. - 104 Diese Entwicklung vollzog sich vielfach im Widerstand gegen Hemmnisse Hnd Erschwernisse, die von außen kamen. So war es notwendig, in PreuBen einen Angriff abzuwehren, der darauf abzielte, die Arbeiterwohlfahrt als" bekenntnisfeindliche" Organisation abzustempeln und sie von der Mitwirkung im Vormundschaftswesen, bei Pflegschaften und Schutzaufsichten ausschließlich auf Dissidenten zu beschränken. Wenn auch der damalige Preußische Minister für Volkswohlfahrt, Hirtsiefer, ein Zentrumsmann, der dem Caritasverband nahe stand, einen vermittelnden Standpunkt einnahm, so mußte die Arbeiterwohlfahrt doch an vielen Orten, vor allem im vorwiegend katholischen Rheinland, unablässig um ihre gleichberechtigte Mitarbeit in der Jugendwohlfahrtspflege kämpfen. Auf der Reichskonferenz im Mai 1927 waren diese Auseinandersetzungen der Anlaß zu einem Grundsatzreferat, in dem der damalige Kieler Oberbürgermeister Dr. Hermann Heimerich sich mit dem Problem Religion und Sozialismus Kirche und Sozialismus auseinandersetzte. Die praktische Schlußfolgerungen aus diesem" eferat zog Marie Juchacz, in dem sie sagte: " Aber wie auch im Augenblick der Kampf steht, soviel wissen wir aohl alle, daß es nicht möglich ist, Menschen, die кäй von sozialistischem Willen erfüllt sind, auf die Dauer zurückzudrängen. Das ist bei einer Organisation, die von der gesamten organisierten Arbeiterschaft moralisch getragen wird, nicht denkbar." 105 Auch den Jahrgang 1928 der" Arbeiterwohlfahrt" leitete Marie Juchacz mit einem Artikel ein. Sie dankte darin den Mitarbeitern der Zeitschrift für ihr kluges, weitschauendes Denken und die weiten Ziele, die sie sich gesteckt hatten. Wieder fühlte sie sich als Anwalt der Praxis. Sie sprach von den Anregungen, die die Mitarbeiter der Zeitschrift aus der praktischen Arbeit erhalten hatten und ermahnte sie, mit beiden Füßen auf der Erde zu bleiben. Alles brauche Zeit um zu wachsen und zu reifen; das sei ein Gesetz, dem alles Mens chliche, alles was lebt und wirkt, unterworfen sei. Doch drückte sie auch ihre Freude über *) den schnelleren Gang der Gesetzgebung aus, die" wir gewollt und durchgesetzt haben". Die Modernisierung der Gesetzgebung sei noch nicht abgeschlossen. Anfang 1928 hielt der Hauptausschuß die erste Reichsschulungswoche in seinem Heim Clausthal in Kellinghusen( Schleswig- Holstein), einem Erholungsheim für Erwachsene ab. Jeder Bezirk entsandte einen Teilnehmer(-in) aus den Reihen seiner Mitarbeiter nach Kellinghusen. Das Programm der Schulungswoche läßt erkennen, welches die besonderen Interessengebiete der Arbeiterwohlfahrt im Jahre 1928 waren. Der fachliche Teil war ausgefüllt von drei Fragen: Geschlechtskrankheitengesetz, Strafgefangenenfürsorge und Fürsorge für gefährdete Jugend. Regierungsrat Krebs, der Leiter der Landesstrafanstalt Thüringen in Untermassfeld sprach am ersten Tag über Strafvollzug, Strafentlassenenfürsorge und soziale Gerichtshilfe. Gleichzeitig veröffentlichte die" Arbeiterwohlfahrt" Artikel von ihm über diese Themen und zu dem im September 1927 veröffentlichten Regierungsentwurf zu einem Gesetz über den Strafvollzug, das den Strafvollzug vereinheitlichen und modernisieren sollte. Ein Anfang zu beidem war schon 1923 mit Reichsgrundsätzen über den Vollzug von Freiheitsstrafen gemacht. Auch auf dem der Reichsschulungswoche folgendem Pfingsttreffen sprach Krebs über diese Themen. In allen Strafanstalten, so meinte er, müsse es eine Beobachtungsstation geben, auf der ein Psychiater und ein Psychologe arbeiten; dann erst könne der Pädagoge wirken. Die Arbeit der Strafgefangenen müsse regelmäßig und nützlich sein. Krebs empfahl Strafvollzug mit dem Übergang von der Beobachtungsstufe zur Behandlungsund schließlich zur Bewährungsstufe. Erziehung sei der Sinn des *) Das" Reichsgesetz für Arbeitslosenvermittlung und Arbeitslosenversicherung" und das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten waren 1927 verabschiedet worden. 126 Strafvollzugs, wenn nicht der Sinn der Strafe. Die soziale Fürsorge müsse schon in der Anstalt einsetzen und dann zur nachgehenden Fürsorge ausgebaut werden; sie müsse Aufgabe der Kommunen sein. Krebs kam auch auf die soziale Gerichtshilfe zu sprechen, die damals erst im Entstehen war. Auch sie solle Aufgabe der öffentlichen Selbstverwaltung sein und nicht den Gerichten übertragen werden. Die Kellinghusener Diskussion zeigte die Bereitwilligkeit der Arbeiterwohlfahrt, auf die Einrichtung der sozialen Gerichtshilfe bei den Für❤ sorgebehörden Einfluß zu nehmen und sich an der Arbeit praktisch zu beteiligen. Der zweite Tag war der Durchführung des Reichsgesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten gewidmet. Dr. Kantorowicz vom Kieler Jugendamt sprach am dritten Tag über die nachgehende Fürsorge für entlassenen Fürsorgezöglinge und über den Wert ehrenamtlicher Arbeit auf diesem Gebiet. Die Diskussion ging auf die Mitwirkung gesunder Jugend bei Freizeitbeschäftigung in Erziehungsheimen ein und die Beurlaubung von Heiminsassen zur Beteiligung an Bildungsbestrebungen, Sport, Spiel und Ausflügen der Arbeiterjugend und anderer Jugendgruppen, ein. Dr. Rudolf Schlosser, der inzwischen Leiter des Erziehungsheims Wakenitzhof bei Lübeck geworden war, kam von dort herüber und griff in die Diskussion ein. Die restlichen Tage der Woche waren der Besichtigung von Heimen und Einrichtungen und der Besprechung der praktischen Tätigkeiten der Arbeiterwohlfahrt gewidmet. Käthe Buchrucker, die damalige Geschäftsführerin des Hauptausschusses, gab einen Überblick über die Heime des denen es Hauptausschusses und ihrer Funktion, neben der Erfüllung ihrer fachlichen Aufgaben, junge Menschen auf einen sozialen Beruf vorzubereiten. Sie obliegt weiter Baneben konnte sie berichten, daß auf dem" Immenhof" eine Abteilung Madchen für schulentlassene berufsunreife Mensehen errichtet worden war, die sei. unter ärztlicher Überwachung durch individuell dosierte praktische Arbeit und durch theoretischen Unterricht zur körperlichen und geistigen Berufsreife geführt werden sollen. Außerdem gab die einen Überblick über den Die Geschäftsführerin gab auch ein gutes Bild vom" Jahreskreislauf der Nähstuben". Säuglingskörbe und Wäscheausstattungen wurden hergestellt und ausgeliehen und auch verschiedentlich auf Bestellung von 107 sozialen Ämtern angefertigt. Wäsche zur Ergänzung des Bestandes гное gemeindlicher Heime wurde im Auftrag genähte auch der Grundstock für den Bedarf der lokalen Arbeitersamariterbünde hergestellt. Die meisten Nähstuben standen unter Leitung einer gelernten Schneidermeisterin. Gute Erfahrungen seien verschiedentlich mit der Beschäftigung gefährdeter junger Mädchen gemacht worden. Eugen Lederer von der Geschäftsstelle des Hauptausschusses berichtete über die Tageserholungsfürsorge auf dem Hamburger" Köhlbrand" als Vorbild für ähnliche Maßnahmen anderer Ortsausschüsse. Auf dieser Elbinsel haben in den Monaten Juni bis Ende August 27.800 Kinder glückliche Ferientage verbringen können. Die Länge der Erholungszeit war für jedes Kind gleich bemessen. Das große Gebäude gab die Möglichkeit, Kinder aller Altersgruppen und auch jugendliche Erwerbslose sowie ganze Schulklassen gleichzeitig in Gruppen, die einander nicht störten, aufzunehmen, so daß trotz der großen Zahl jeder Massenbetrieb vermieden wurde. Schulfürsorge und Jugendämter wählten die Kinder aus und gaben Zuschüsse. Auch der Hauptausschuß half finanziell. Unter den ehrenamtlichen Helfern waren pädagogisch ausgebildete Kräfte, wie Lehrer Kindergärtnerinnen, now. med stellan fest Für alle Teilnehmer der Schulungswoche war es wertvoll, die Berichte der einzelnen Bezirksvertreter zu hören, die ein anschauliches Bild von der Entwicklung dieses jungen Wohlfahrtsverbandes in den einzelalle nen Ländern und Bezirken gaben. Die Berichte stimmten in der Feststellung, daß die Mitwirkung der ehrenamtlichen AW- Helfer im Rahmen der öffentlichen Fürsorge sich zahlenmäßig erweitert und in der Wirkung vertieft habe, Die örtliche( Tages-) Ferienerholung, die Veranstaltung von Ferianwanderungen gehören mehr und mehr zum Sommerprogramm der Kreisausschüsse. Die erfolgreiche Mitarbeit in der sozialen Gerichtshilfe wurde besonders von dem Vertreter des Freistaates Hessen erwähnt. Dieser berichtete auch, daß eine besondere Fachkommission sich speziell mit der Frage der Mindestrichtsätze in der öffentlichen Fürsorge beschäftigt habe und daß es gelungen sei, eine Reihe von Kommunen zu bewegen, die in dieser Fachkommission EXи***** erarbeiteten Berechnungsgrundsätze für ihre Praxis zu übernehmen. Darin wurde mit Recht ein Erfolg der wohlfahrtspolitisch orientierten Arbeit der AW gesehen. 19.08 re Überzeugend kam in den Berichten zum Ausdruck, daß die bisherige so positive Entwicklung der AW nur möglich gewesen sei auf der Grundlage einer umfassenden und intensiven Schulungs- und Fortbildungsarbeit. Zum Beweise dafür seien kies die aus Hessen berichteten Zahlen des Jahres 1927 genannt: 152 Vortragsveranstaltungen und 27 Konferenzen, zum Teil als Wochenendkurse dieneten der Einführung in soziale und fürsorgerechtliche Fragen; dabei standen im Vordergrund die Behandlung der neuen Gesetze und die aktuellen Aufgaben, für die die AW ihre Mitarbeiter vorbereiten mußte. Wie stark das Interesse an der noch so jungen Organisation an der fachlichen Vertiefung und Durchdringung ihres Aufgabenbereiches war, geht aus dem ericht des Kölner Vertreters hervor, der mitteilte, daß für den Bereich des Ortsausschusses Fachkommissionen nach dem Vorbild der beim Hauptausschuß bestehenden gebildet worden seignit sche Eindrucksvoll illustriert wurde die praktides Der Umfang der in einem Ortsausschusovon der Größe der Stadt Köln geleisteten praktischen Arbeit wird eindrucksvoll illustriert durch die an einem bestimmten Stichtage ermittelte Zahl von rund 1500 Fällen, die in den einzelnen Stadtdistrikten von den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern betreut wurden! Um die Schulungsarbeit zu unterstützen, gab der Hauptausschuß ab 1928 *) die Schriftenreihe" Das kleine Lehrbuch" heraus. Die Fachkommission begann damals Marie Juchaczs Wunsch nach stärkerer Berücksichtigung der Bedeutung der praktischen Arbeit Rechnung zu tragen. Schon von 1927 ab richteten sich ihre Vorschläge an die Ortsausschüsse mehr auf die praktische Arbeit und nicht mehr fast ausschließlich auf Gesetzeskunde und Gesetzreform. " Straffälligenfürsorge" von Krebs " Ratgeber für unsere Helfer in der öffentlichen Wohlfahrtspflege" von Hanna Hellinger, einer Frankfurter Fürsorgerin " Der Schutz der weiblichen und jugendlichen Arbeitnehmer" von Regierungsrätin Trapp im preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe. " Pädagogische Fragen an Eltern und Kinder" " Alkoholismus und Wohlfahrtspflege" 2109. Hedwig Wachenheim schrieb in der" Arbeiterwohlfahrt" einen Artikel " Wie leite ich einen Ortsausschuß?". Paula Kurgass" Ausschnitte aus Fachausschusses Ausbildung einer Sprechstunde". Die Kursus plände de Hommission behandelten konkrete Stoffe, wie" Die Organisation unserer hiesigen sozialen Rechtshilfe"," Unsere örtliche Säuglingsfürsorge" und auch" Wie mache ich eine Ermittlung% 3B wie berichte ich darüber% 3B wie schreibe ich ein Sitzungsprotokoll; wie führe ich eine Schutzaufsicht." Trotz ihrer ständigen Betonung der Praxis war aber Marie Juchacz weit davon entfernt, soziales Erkennen und geistige Aussprachen gering zu achten. In einem Brief an das Pfingsttreffen 1928, an dem sie nicht teilnehmen konnte, sagte sie: " Wir sind gewohnt, nicht nur den Einzelfall in unserer Arbeit zu sehen. Hinter dem Einzelfall steht die große soziale Not der modernen Zeit mit ihren Ursachen und Auswirkungen. Und wir wissen, daß wir mit unserer Arbeit gewachsen sind, wenn wir uns daran orientieren, wenn wir in der täglichen Kleinarbeit nicht einrosten Darum der Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten. Das große Ereignis des Jahres 1928 war die Gründung der" Wohlfahrtsschule der Arbeiterwohlfahrt" in Berlin. Sie wurde vom preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt dank des gut durchdachten Planes aber auch der Vorurteilslosigkeit der dortigen Referentin Helene Weber, die auch Reichstagsabgeordnete des Zentrums war, als Fachschule anerkannt. No Dem Kuratorium der Wohlfahrtsschule gehörten an: Hedwig Wachenheim als Vorsitzende und damit Leiterin der Schule, Marie Juchacz, Käthe Buchrucker, Luise Schroeder, Doreothea Hirschfeld, Walter Friedländer, Hans Maiser, Klara Weyl, die Leiterin des Berliner Landesjugendamtes, Minna Todenhagen, die Geschäftsführerin der Berliner Arbeiterwohlfahrt. Als hauptamtliche Lehrkraft gewann Marie Juchacz, Dr.Erna Magnus, eine Hamburgerin, die eine vielseitige wissenschaftliche Ausbildung in Nationalökonomie und Politologie hatte; durch ein Buch über" Werkheime für erwerbslose Jugend" und viele Artikel in der" Zeitschrift für Jugendrecht und Jugendwohlfahrt" und der" Arbeiterwohlfahrt", war sie in Fachkreisen bekannt und geschätzt*) *). Dr Magnus hatte seit langem beruflich in der Praxis der öffentlichen Fürsorge gearbeitet, zuletzt in Berlin- Köpenick. Dr. Erna Magnus gab den Unterricht in Wohlfahrtspflege. Die übrigen Lehrer waren ungefähr die gleichen, die schon in den Kurzkursen unterrichtet hatten. Zu ihnen trat Dr. Goldmann von der Medizinalabteilung des Reichsministeriums des Innern, der mit grosser Sachkunde und einem Blick, der auf Reformen gerichtet war, unterrichtete. Für die Lehrer der Wohlfahrtsschule war die Schule ein erregendes Experiment, war sie doch eine geistige Gemeinschaft und die erste und einzige Schule ihrer Art, die überwiegend von früheren Volksschülern besucht wurde und überwiegend von Schülern, die sich ihren Lebensunterhalt neben der Schule verdienten. Alle Lehrer, obwohl sie mit ihrer Berufsarbeit und sonstiger Mitarbeit in der Arbeiterwohlfahrt überlastet waren, nahmen lebhaften Anteil an allen Angelegenheiten der Schule und der Studierenden und sie beteiligten sich an allen Zusammenkünften und Festen der Schule. Das Experiment gelang. Die Examina hatten ausgezeichnete Ergebnisse. Auf einer Konferenz im preussischen Wohlfahrtsministerium, bei der Klassen verschiedener Schulen von Lehrern anderer Schulen unterrichtet wurden, schnitt die Klasse der Arbeiterwohlfahrtsschule durch ihr intensives Interesse und ihre Kenntnisse ausgezeichnet ab. 2*) In der Nazizeit musste Dr. Erna Magnus emigrieren. Sie ist heute Professor an Die Schüler wurden von den Bezirks- und Ortsausschüssen und von der Arbeiterjugend vorgeschlagen. In der Regel leisteten sie im Vorpraktikum in den Heimen der Arbeiterwohlfahrt, bzw. ein pflegerisches Praktikum in einem Krankenhaus ab. Während der Ausbildung leisteten sie die vorgeschriebenen Praktika in sorgfältig ausgewählten sozialen Ämtern ab. Die öffentliche Verwaltung profitierte von dem neuen Element, das so in ihre Reihen eintrat. Die Arbeiterwohlfahrt selbst konnte nun auch mehr Fachkräfte anstellen und empfand es als großen Vorzug, Mitarbeiter zur Verfügung zu haben, die aus eigenen Reihen kamen. Marie Juchaz begleitete die Ausbildungsarbeit innerhalb der Arbeiterwohlfahrt und speziell an der Wohlfahrtsschule mit warmen Interesse. Darüber schrieb Hedwig Wachenheim nach Maries Tod:" Marie war eine angenehme Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt. Sie lieb ihren Mitarbeitern freie Hand, verlangte aber dennoch gefragt zu werden. Und ich frug. Das war ich ihrer Stellung schuldig. Ich wuste ja auch, daß sie nie ohne guten Grund, den ich vielleicht bersah oder im voraus nicht wissen konnte," nein" sagen würde. Wenn man ihr einen Vorschlag machte, der ihr gefiel, war sie unternehmungslustig. Die Ausbildungsarbeit stieß mit der Wohlfahrtsschule in Gebiete vor, die sonst außerhalb des Wirkungsbereiches der Arbeiterbewegung lagen. Durch die Zeitschrift konnten wir schnell und durch gute Fachkräfte unsere Meinung auf dem Gebiet der wohlfahrtspf lege formulieren und der Öffentlichkeit darlegen und durch die Schule die Verwaltung mit Menschen, die unmittelbar aus der Arbeiterschaft kamen, durchsetzen.... Wenn ich das Gefühl hatte, daß ich der Öffentlichkeit oder auch unseren Schülern einmal ganz deutlich machen müsse, was die Arbeiterbewegung auf einem bestimmten Gebiet der Wohlfahrtspflege oder innerhalb der Schule mit gewissen Entscheidungen bzwecke, bat ich Marie um ihre Unterstützung. An der Zurückhaltung und dem Ernst, mit dem sie dann sprach, spürte man, wie schwer sie es nahm, vor Fachleute hinzutreten und ihre Meinung zu sagen. Aber gerade durch überzeugte sie ihre Höhrer von der Bedeutung ihrer Worte und der Tatsache, daß die Meinung der Arbeiterbewegung nicht übergangen werden dürfe." Lie Marie Juches letzte sich für ein Wohnheim bei der Schule ein, um dadurch das Leben der Schüler zu verbilligen und dem Stipendienfonds der Arbeiterwohlfahrt zugleich Mittel zu sparen. 112 Sie tat es aber auch, um es den Schülern zu ermöglichen, unbelastet von Wohnungssorgen, Hausarbeit und den Zerstreuungen der Großstadt leben, sich ganz ihrer Berufsausbildung und dem daneben oft notwendigen Gelderwerb widmen zu können. Solche Wohnheime waren damals auch den Universitäten fremd. Hedwig Wachenheim widersprach. Sie wollte, daß die Schüler ein normales Leben führten und sich um die Regelung der Debensnotwendigkeiten selbst kümmerten. Sie war gegen die Isolierung der Schüler vom Leben der sozialen Schicht, mit der sie leben vermochta ruse und für die sie einmal arbeiten sollten. Marie, wie fehlte der Sinn für solche theoretischen Bedenken Die Schüler solltes es so gut wie möglich haben, sich während ihrer Ausbildungszeit ganz auf das Erwerben des notwendigen Wissens und Könnens einstellen. Mit der Zustimmung des Arbeitsausschusses betraute sie Elisabeth Kirschmann und die Anstaltskommission mit der Einrichtung des Wohnheims. muht Marta Schanzenbach( damals Martha Lehmann), die heute Mitglied des Bundestages und eine der Vorsitzenden des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt ist, besuchte von 1929 bis 1931 die Wohlfahrtsschule der Arbeiterwohlfahrt und wohnte im Schülerinternat. Sie hat in einem Rückblick über ihre Ausbildungszeit, den sie für das Jahrbuch der Arbeiterwohlfahrt von 1931 schrieb, das Wohnheim als eine der wertvollsten Einrichtungen bezeichnet, weil es, zusammen mit den Stipendien, den Schülern die Existenzsorgen ahnahm und ihnen die Gelegenheit gab, außerdem sich glindlich über die Schule auszusprechen und dadurch in den Schülerversammlungen dann wohl durchdachte Vorschlüge für die Entwicklung der Schule zu machen. Nun, da die Arbeiterwohlfahrt ihre Forderungen zur Berufsausbildung auf ihre praktische Erfahrung grunden konnte, berife Marie Juchacz eine Tagung unter dem Titel" Ausbildung" auf Ende März 1929 nach Frankfurt am Main ein. 500 Delegierte nahmen teil. Die Konferenz sollte die Ausbildungsfragen innerhalb der Arbeiterwohlfahrt klären, gleichzeitig aber auch der Öffentlichkeit die Haltung der Arbeiterwohlfahrt zu den Ausbildungsfragen darlegen. Marie Juchacz erklärte in ihren einleitenden Worten die Bedeutung, die die soziale Berufsausbildung für die Arbeiterwohlfahrt hat, mit deren Haltung zum Staat. Sie sagte stolz: 24 113 vou " Unserer zähen Arbeit ist es gelungen, das Bildungsprivileg für den sozialen Beruf zu durchlöchern. Wir haben das nicht getan, weil wir gemeint haben, daß das in einer guten höheren Schule erworbene Wissen überflüssig ist. Unser Kampf galt und gilt der Ungerechtigkeit gegenüber den für die soziale Arbeit begabten Menschen, die deshalb von einem erstrebten Beruf ausgeschlossen wurden, weil-ganz unabhängig vom Willen des unerwachsenen Menschen, die wirtschaftlichen Verhältnisse den Willen der erziehungsberechtigten Eltern bestimmten. Und wir wollen nicht, daß zu der einen Ungerechtigkeit, die in der Benachteiligung während des schulpflichtigen Alters besteht, die zweite( Ausschluß auf der Berufsbildung) hinzukommt. Man kann persönlich zu dem Berechtigungswesen,-das durch ein Stückchen Papier ausgedrückt wird- stehen wie man will um die Tatsache selbst, daß es vorhanden ist und reaktisch danach gehandelt wird, kommen wir nicht herum. Bei ** Bei unseren Forderungen an die Leistung der Ausbildungsstätten urteilen wir nicht vom grünen Tisch her, Aus der Selbstkritik an unserer eigenen Arbeit entwickelt sich Sinn und Verständnis für diese Notwendigkeiten. Bei Sonderlehrgängen und Nachschulungskursen, beim dauernden, fördernden und vermitteln den Verkehr mit den sozialdemokratischen Fürsorgerinnen und solchen, die es werden wollen, sehen wir manche Lücken und Sinnwidrigkeiten der heutigen Ausbildung. erwachsen. Nicht zuletzt aber schöpfen wir Erfahrungen in userer eigenen Schule, in der wir mit den Helfer Hemmungen und Widrigkeiten fertig werden müssen, die unseren Schülern oft durch ihre von ihnen selbst erkannte mangelhafte Vorbildung und die oft fehlende Exestenzgrundlage zu kämpfen haben. Wir können heute schon hoffen, dass die hohen Anforderungen, die wir trotz der Erschwerungen an die eigenen Leistungen stellen, sachlich und ethisch eine Bereicherung der Gesamtarbeit ergeben werden.-" Hinter unserem Bemühen, der Arbeiterklasse das Eindringen in ein wichtiges Arbeitsgebiet des Staates zu ermöglichen, steht das Bewusstsein der Sieghaftigkeit unseres demokratischen Willens und die Gewissheit, auch n mit unserer Schulungsarbeiten Sozialismus zu dienen". Auf der Konferenz sprachen sich die Sozialhygieniker Dr. Geldmann und Dr. Rodewald gegen eine Ausdehnung der gesundheitsfürsorgerischen Vorbidlung aus, da die Säuglingspflege- und 45 114 Krankenhausausbildung, technische Pildung und Ausbildung im Dienst des einzelnen Kranken siei, während die Fürsorgerin vor allem sozialhygienisches Verständis und selbst die Gesundheitsfürsorgerin soziale und pädagogische Kenntnisse brauchen. Es bestand auf der Konferenz tiel Geneigtheit zu einer einheitlichen sozialen Ausbildung anstelle der Dreiteilung im Gesundheitsfürsorge, Jugendfürsorge und Wirtschafts- und Berufsbürsorge, vorausgesetzt, daß die Möglichkeit der Ausbildung denen nicht verschlossen würde, die keine fachliche Vorbildung auf die Schule mitbrachten und deshalb damals nur zur Prüfung im Hauptfach Wirtschafts- und Berufsfürsorge zugelassen werden konnten. Spezialisiert sollte dann bei der Fortbildung werden. Schlosser allerdings wollte eines der beiden Schulpraktika für künftige Anstaltserzieher in einer Anstalt verlegen. Dr. Kantorowicz verlangte wissenschaftliche Erforschung von Aufgaben und Methoden der Wohlfahrtspflege an Universitäten und in Verbindung mit ihnen, akademische Ausbildung für leitende Stellen und andere Stellen, in denen akademische Bildung erwünscht ist. In ihrem Referat über die Demokratisierung der Verwaltung betonte Hedwig Wachenheim, daß der Sozialarbeiter die geschichtliche Mission der Arbeiterbewegung begreifen müsse. Das sei besonders wichtig für die Jugendwohlfahrtspflege, damit der Fürsorger dem Jugendlichen den Weg zu einem idealen Ziel weisen könne." Wir rennen gegen eine Verwaltung an, die Volksfremd ist, weil sie durch das Berechtigungswesen geschützt ist. Die Verwaltung sollte geändert werden, damit die Bevölkerung empfinde, daß sie mit ihr an den sozialen Aufgaben mitarbeite." Kurze Zail nach der ver Es liefs und Keum' war die Frankfurter Tagung verklungen, de wagte sich die Arbeiterwohlfahrt an eine neue Aufgabe," Richtlinien zur Umgestaltung der Fürsorgerziehung". Um die Jahreswende von 1928 sinem ehemaligant zu 1929 hatte ein Bühnenstück von Lampel, der Erziher in der hans Be liner Anstalt Struveshof, gewesen war," Revolte im Erziehungshaus großen Erfolg auf einer Berliner Bühne. Das fußte auf Vorkommnissen in einer evangelischen Fürsorgeanstalt, die u.a. auch vom Berliner Jugendamt belegt wurde. Die Revolte lenkte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die schweren Mängel hin, die vorwiegend im System der Fürsorgeerziehung an sich sowie in den Formen und Methoden ihrer Durch 26 Flecken Ford, ожидан wanu! 115 führung in meist unzulänglichen Anstalten lagen. Die Folgen waren Diffamierung des Fürsorgezöglings, mangelnde oder ungenügende Berufsausbildung in den Anstalten, unzureichende und darum in der Regel erfolglose Erziehung, unwürdige Unterbringung in diesem duguiblich und Behandlung. Ein Wort zur Fürsorgerziehung jets, so fullte wo was Insnese die Arboy port würde bei dem durch Lampels Stückgeweckt Interen, das Ohr der Öffentlichkeit gewinnen. Die Richtlinien war, as ubot wurdt der Arbeiterwohlfahrt, die darauf hin von Walter Friedländer, Hans Maier, Hedwig Wachenheim, Otto Krebs, und Rudolf Schlosser formuliert wurden, verlangten Vereinheitlichung der Fürsorgeerziehung mit den anderen Jugendfürsorgerischen Maßnahmen und ihre Eingliederung in die Jugendämter, neuzeitliche gesellschaft auferables Jaoure mach lichen Erziehung feststellung der psychologischen und sozialen und vector wurde die Fortening nach Ursachen der Verwahrlosung im Einzelfall, Durchführung der Erziehung in einer lebenswirklichen Umwelt und, wo immer möglich. normale Berufsausbildung. Aufnahmeheime zur Beobachtung und Sichtung, besondere Abteilungen für schwer psychopathische Jugendliche, Zulassung anderer zur Außenwelt, Bevorzugung halboffener Heime, Eintritt der Zöglinge in normale Jugendvereine, u und eine Berufsausbildung, die sich nicht auf Haus- und Landwirtschaft beschränkte, Abschaffung körperlicher Strafe und sozialpädagogische und fachlich vorgebildete Erzieher. Im gleichen Jahr regte Marie Juchacz ein neues Arbeitsgebiet an, die Ehe- und Sexualberatung. Die Arbeiterwohlfahrt dürfe nicht nur für die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen des Strafgesetzbuches eintreten, sie müsse sich auch für die Errichtung von Ehe- und Sexualberatungsstellen einsetzen. In diesen, so forderte sie, dürften unter keinen Umständen praeventivmittel ausgegeben werden, Sie sprach sich aber für Curahandigung die Verung von Broschüren an Ratsuchende aus, regte die Abhaltung ärztlicher Sprechstunden und die Veranstaltung, von Lie empfahl. всё Vorträgen durch die Arbeiterwohlfahrt an und die Abhaltung von Kursen, die die Ortsausschüsse mit dem gesamten Problem der Eheberatung vertraut gemacht werden sollten. Im Herbst 1929 hatten sich so vi 61818 Menschen um Aufnahme in die Wohlfahrtsschule beworben, daß für den neuen Jahrgang ein Doppelkursus eingerichtet wurde, dem 60 Schüler, unter ihnen 11 männliche, angehörten. Nur 14 konnten das Studium aus eigenen Mitteln finanzieren; 6 verdienten sich ihren Lebensunterhalt ganz, 9 teilweise, diese erhielten einen Teil-, 7 andere ein in denen 27 Mb Vollstipendium der Arbeiterwohlfahrt; 24 Schüler konnten die Ausbildung mit Hilfe staatlicher oder kommunaler Beihilfen durchführen. Als zweite hauptamtliche Dozentin wurde Suse Hirschberg an die Wohlfahrtsschule berufen; sie hatte inzwischen zum Dr.Phil. promoviert. Eine Schülerin der neuen Klasse war Martha Schanzenbach. In den schon erwähnten Artikel im Jahrbuch der Arbeiterwohlfahrt von 1931( s. S....) schilderte sie den Einfluss, den die Schule auf die bisher der systematischen, geistigen Arbeit ungewohnten Schüler ausübte. Zunächst hatten sie das Gefühl, die Schule biete nicht genug und verschlangen" alle halbwegs in Beziehung zu ihm stehende Literatur planlos" und besuchten ebenso planlos die Qualen des Wissens und wollten das früher versäumte nachholen. Dann zwang die Schule sie zu gesitiger Konzentration. In den Arbeitsgemeinschaften lernten sie den Stoff so aufnehmen, dass sie sich überih n ausdrücken konnten und sich ihre Urteile über Ahn so zu bilden, dass sie sich klar darüber ausdrücken konnten. Die Vorträge, die sie in der Klasse halten, die Aufsätze, die sie dort schreiben mussten, zwang sie auch, ihre Gedanken zu ordnen, erarbeitetes klar wieder zu geben und gab auch die Möglichkeit, eigene Gedanken zu ent wickeln. Im Praktikum konnten sie dann das erworbene Wissen und ihre eigenen/ Anschauungen an der sozialen Wirklichkeit messen. Es gab ihnen manuelle Einblicke in soziale Zusammenhänge, die ihnen vorher fehlten. " Die vorhandene gefühlsmässige Verwurzelung im Proletariat erhielt erst während der 2 Jahre Schulzeit eine starke und sachliche Fundierung", schliesst Martha Schanzenbach ihre Ausführungen über ihre Schulzeit. Zehn Jahre Arbeiterwohlfahrt 28 117 " Die Arbeiterwohlfahrt hat ihr Daseinsrecht durch die von ihr geleistete Arbeit bewiesen," schrieb Marie Juchacz am Ende des Jahres 1929, als die Arbeiterwohlfahrt lo Jahre bestand. Es ist sozialistische Grundanschauung, die nicht nur unserer theoretischen, sondern auch der praktischen Arbeit des Tages ihr Gepräge gibt.... Wir konnten beobachten, daß umgekehrt die allgemeine Anteilnahme an Vorgängen des öffentlichen Lebens bei unseren Mitarbeitern wächst mit der größeren Erkenntnis und mit dem solideren Wissen. In besonders starkem Masse kann man diese Erscheinung bei den Frauen und der sachlich interessierten Jugend beobachten." Wieder betont Marie Juchacz den Vorrang und die Bedeutung der Praxis: " Aus der Fülle der praktischen Arbeit heraus ist das starke Verstehen für die Probleme der mordernen Wohlfahrtspflege erwachsen..... Dieses Kerständnis hat die vielen Veranstaltungen, Kongresse, Konferenzen, Kurse, die fachlichen und sachlichen Vorträge und Arbeitsgemeinschaften, auf denen mit unseren Helfern und Helferinnen die schwierigsten Fragen der Wohlfahrtspflege besprochen wurden, erst möglich gemacht, weil durch die Erfahrungen der praktischen Arbeit das Bedürfnis nach Aufklärung erwachsen ist." Eine Feier des zehnjährigen Bestehens der fand am 21. Februar 1930 im Neuse d. Pr. Landtage walle rwohlfahrt statt. geladen Marie Juchacz ud die ausländischen Bruderorganisationen ein, Vertreter zu der Feier und zur Gründung einer internationalen Arbeiterwohlfahrt nach Berlin zu entsenden. Nur die Österreicher Schweizer und die Deutschen aus der Tschechoslowakei kamen. Marie sass der Konferenz vor. Hedwig Wachenheim schlug in ihrem zwrotkem Referat einen Kinderenholungsaustausch deutschsprachigen Gebieten und auch einen Austausch von Wohlfahrtspraktikanten vor. Über die fürsorgerischen Ereignisse in defeInternationalen Arbeiterwohlfahrt angeschlossenen Ländern sollte in einer Korrespondenz berichtet werden, die von der deutschen Arbeiterwohlfahrt herausgegeben und in die anderen Länder gerschickt werden sollte. Marie Juchacz wurde zur Vorsitzenden, Hedwig M18 29 Wachenheim zur Schriftführenden der Internationalen Arbeiterwohlfahrt gewählt. Zur Zehrjahresfeier wurden auch die Teilnahmer des Reichsspitzenkurses, der in Berlin um diese Zeit begann, eingeladen. Se konnten die Genossen aus den anderen Ländern viele Mitarbeiter der deutschen Arbeiterwohlfahrt kennenlernen. Der Reichsarbeitsminister Wissel und der preussische Ministerpräsident Otto Braun nahmen an der Feier teil. Nachdem der Vorsitzende der Berliner sozialdemokratischen Partei, Franz Künstler, die Leistungen der Berliner Arbeiterwohlfahrt für die Wohlfahrtspflege der Stadt dargestellt hatte, nahm Marie Juchacz das Wort: " Wir fühlen uns jung und dennoch sind wir erfahren, denn die Wurzeln unserer Kraft liegen in der Arbeiterbewegung. Vor 10 Jahren haben wir der immer vorhandenen Idee nur die äußere Form gegeben. Die Zweifler von damals haben gelernt, daß Ideen Organisationen brauchen, um sich durchzusetzen. Vor dem Krieg hat man uns zur Arbeit nicht zugelassen. Während des Krieges war man froh um unsere Mitwirkung; man brauchte jeden Kopf, jede Hand und brauchte diejenigen, die das Vertrauen der Arbeiterschaft hatten. Ein paar Jahre nach dem Krieg liess man uns gewähren. Heute versucht man wieder unsere Arbeit auszuschalten, uns anzuklagen, daß wir Politik in die eine neutrale Arbeit hineintragen Wir aber können nicht um Formalien willen den Gedanken einer eigenen Wohlfahrtsorganisation der Arbeiterschaft ablehnen. Man fragt uns heute nach den ehtischen Kräften unserer Arbeit. Wo sich als zwingende Folge der allgemeinen Lebensanschauung die Kameradschaftlichkeit oder Solidarität von selbst ergibt, da entbehrt die soziale Arbeitsleistung gewiss nicht der ethischen Kraft, ohne die soziale Arbeit überhaupt nicht denkbar ist. Was wir sind, können wir nur sein in der demokratischen Republik. Erst im demokratischen Staat können wir die Kräfte entfalten, die am Ausbau der Wohlfahrtsstaates mitarbeiten wollen und können, die auch erst im neuen Staat gefördert werden. Die öffentliche Wohlfahrtspflege ist angewiesen auf die Hilfe der Bevölkerung. Wir schulen unsere Helfer dauernd und 30 119 intensiv für diesen Dienst. Daneben geht die Pionierarbeit, die wir in diesen 10 Jahren geleistet haben. Für die Arbeiterwohlfahrt haben die 10 Jahre genügt, um eine lebendige starke, moderne Wohlfahrtsorganisation aufzubauen, eine Wohlfahrtsorganisation, die viele Frauenkräfte erweckt und entwickelt hat. Wir sind stolz auf unseren Erfolg. Wir sind aber nicht zufrieden damit. Vorwärts und aufwärts muß die Entwicklung des sozialen Staates gehen. Wir wollen unseren Teil dabei leisten und nach bester Kraft." 31 120 Die Krise Beginnt Als Marie Juchacz beim Zehnjahres jubilaeum der Arbeiterwohlfahrt sprach, ging die Entwicklung des" sozialen Staates" schon nicht mehr" vorwärts und aufwärts". Sie aber konnte es sich nicht vorstenn, daß den Aufgaben, die sie sich zum Ziel gesetzt und für deren Erfüllung sie nach dem ersten Weltkrieg eine Organisation geschaffen hatte, neue Hindernisse entstehen sollten. Die Weltwirtschaftskrise, die nach dem Zusammenbruch der New Yorker Börse im Oktober 1928 voll ausbrach, zog auch Deutschland in ihren Bann. Die deutsche Wirtschaft schrumpfte zusammen, die Zahl der Arbeitslosen erreichte im Jahresdurchschnitt von 1929 2 Millionen, im Frühjahr 1930 2,7 Millionen, im Durchschnitt von 1930 3 Millionen. Die Arbeitslos enunterstützung war zeitlich auf 20 Wochen begrenzt. Danach setzte die Krisenunterstützung ein, deren Dauer uneinheitlich war. Die Kosten der Krisnaunterstützung wurden zu 4/5 vom Reich, zu 1/5 von den Gemeinden getragen. Nach Ablauf der Krisenunterstützung mußte der Arbeitslose Fürsorgeunterstützung beantragen; er trug dann den Namen Wohlfahrtserwerbsloser, war aber ein richtiger Fürsorge empfänger. Im Sommer 1930 bezogen etwa 14/2 Millionen Arbeitslose Arbeitslosenunterstützung, 1/2 Million Krisenunterstützung, 600.000 waren Wohlfahrtserwerbslose, die Fürsorgeunterstützung bekamen. Damit erhöhten sich die sozialen Aufwendungen der Stadt- und Landkreise gewaltig, während ihre Einnahmen durch die Wirtschaftskrise natürlich sanken. Ihre Bereitschaft, in der Wohlfahrtspflege Neues zu versuchen, wurde von der ungünstigen finanziellen Situation erstickt, und Sparen wurde das Motto des Tages. Die Fürsorgekräfte waren durch die große Zahl neuer Wohlfahrtserwerbsloser, die sich täglich meldeten, überlastet. Die Bearbeitung der Unterstützungsanträge wurde notgedrungen zur bloßen Routine, die Bemühung um den Wiederaufbau der Lebensgrundlagen des einzelnen Hilfsbedürftigen war oberflächlich oder wurde bewußt eingeschränkt. Personal, das im Zuge der kommunalen Sparmaßnahmen in anderen Verwaltungen abgebaut wurde, wurde an die Wohlfahrts- und Jugendämter versetzt. Für diese Arbeit trachten sie weder Schulung noch Erfahrung mit, was nicht zur Verbesserung der fürsorgerischen Leistung beitrug. Aus der wirtschaftlichen Krise entwickelte sich die politische. 32 121 Die Arbeitslosenversicherung hatte während der kurzen Zeit ihrer Existenz kein Vermögen ansammeln können. Was sie hatte, war schnell verbraucht; das Defizit wuchs von Tag zu Tag. Im Kampf um die Sanierung der Arbeitslosenversicherung verschrärfte sich der Gegensatz zwischen Bürgertum und Arbeiterbewegung Im Herbst 1929 konnten die Gegensätze, die damals offen ausbrachen, noch einmal überbrückt werden. Im Frühjahr 1930 sprengten sie die Regierung, die seit Mai 1928 von dem sozialdemokratischen Reichskanzler Hermann Müller geführt worden war. Heinrich Brüning, Reichstagsabgeordneter des Zentrums, wurde im März 1930 Reichskanzler. Der von ihm gebildeten Regierung gehörten die Sozialdemokraten nicht mehr an. Brüning glaubte, den Schwierigkeiten, die sich der Lösung des Arbeitslosenproblems im Parlament entgegenstellten, mit Notverordnungen begegenen zu können. Als sich das Parlament dagegen wahrte die Sozialdemokratie wegen des Abbaue sozialer Leistungen und unsozialer Steuern wurde es aufgelöst und am 14. September 1930 neu gewählt. задел Zum erstenmal zogen Die Nationalsozialisten mit 107 Abgeordneten in das Parlament, in dem sie zuletzt nur mit 14 Mann vertreten waren. ei. Es ist hier nicht der Platz, den tragischen und verhängnisvollen Weg im Detail zu schildern, den das deutsche Volk und das Parlament nun gehen mußten, bis am 30. Januar 1933 der Reichspräsident Hindenburg die Macht des Staates in die Hände von Hitler legte und damit der Demokratie den Todesstoß versetzte. Nur angedeutet soll werden, dass diese schließlich die halbe Welt in ein Übermaß an Unglück und Schrecken stürzende Entwicklung nicht zu trennen ist von der durch die wachsende Arbeitslosigkeit herbeigeführten Verelendung breitester Volksschichten, verbunden mit der Kurzsichtigkeit, Borniertheit und den alten Egoismus einer kleinen Gruppe rechtstehender Rlitiker, Diese, sie die sich vor- m wiegend auf das Heer und die Wirtschaft stützten, hofften, mit Hilfe von Hitler, das verhaßte demokratische System Weimarer Prägung vernichten zu können, nicht ahnend, daß sie damit Deutschland überhaupt der Vernichtung anheim gaben. Die Jahre nach 1929 stehen auch in der Arbeiterwohlfahrt unter dem Schatten der sich vollziehenden Entwicklung und kommender Ereignisse. Auf dem" Pfingsttreffen" der AW- Fürsorger, das 1929 auf dem " Immenhof" stattfand, behandelte Stadtrat Heuer, Magdeburg, 33 122 das Problem der Wohlfahrtserwerbslosen im Zusammenhang mit Fürsorge- und Finanzfragen. Die wahrhaft tragische Situation, daß unter dem bestehenden Sozialleistungssystem die Sozialpolitik gerade dann Wirkungsmöglichkeiten einbüße, wenn sie am nötigsten gebraucht werde, hatten alle Teilnehmer in ihrer täglichen Praxis zur Genüge erfahren. Heuer bezweifelte den Erfolg von Sparmaßnahmen und neuen Steuern; dagegen entwarf er ein Arbeitsbeschaffungsprogramm und machte Vorschläge für eine sinnvolle Beteiligung der öffentlichen Hand an der Wirtschaft, um der lähmenden Stagnation mit positiven Maßnahmen zu begegnen. Die Wahl des Immenhofs als Konferenzort gabe den Teilnehmern nicht nur die Möglichkeit, sich von den Fortschritten der dort geleisteten Erziehungsarbeit zu überzeugen, sondern auch einen Vortrag der Leiterin, Dr. Hanna Eisfelder zum Thema" Ergänzung der Familie durch Fürsorge" zu hören. E was Frithjahr 1929, und man Marie Jueheez schließlich gab dem Prohen und stolzen Gefühl" Ausdruck, das der zahlreiche Besuch des Pfingsttreffens auf dem worl " Immenhof" in ihr erweckt hatte. Sie sah wohl nicht, wie tief bereits die Spalten waren, die die Krise in dem Boden aufriß, auf diemdie Wohlfahrtspflege allgemein und die Arbeiterwolfahrt in besonderen ihre Arbeit verrichteten. Aber nicht nur sie, Die Arbeiterwohlfahrt, im ganzen, das konnte man den Aussprachen zu den beiden Referaten entnehmen, glaubte noch, trotz der Überf flutung der Fürsorgeämter mit Wohlfahrtserwerbslosen, ihre Arbeit vertiefen und deren Methoden verfeinern zu können. Die Wohlfahrtsschule war die erste Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt, die die Sparmaßnahmen jener Zeit zu spüren bekam. Die Stadt Berlin beschloß, künftig nur noch an eine kleine Zahl von Wohlfahrtspraktikanten Vergütungen zu zahlen. In einem Haush halt von 260 Millionen Mark wurden so ganze 40 000 Mark gespart. Für die Wohlfahrtsschule aber bedeutete dies, daß eine Anzahl ihrer Schüler kein bezahltes Praktikum mehr finden würden. Deshalb wurde, obwohl eine große Zahl von Anemeldungen vorlag, beschlossen, im Herbst 1930 nur eine neue Klasse aufzunehmen. Als ein besonderer Erfolg mußte in dieser Krisensituation gewertet werden, daß es gelungen war, alle Absolventen des ersten Lehrgangs, die Ostern 1931 ihr Examen abgelegt hatten, in Arbeit zu vermitteln. 34 123 Im Sommer 1930 war Lotte Lemke, heute 2. Vorsitzende und Hauptgeschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt, Geschäftsführerin des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt geworden, nachdem sie schon ein Jahr in der Geschäftsstelle gearbeitet hatte. Damals hatte sich der Arbeitsausschuß nach einer erfahrenen, umsichtigen und in ihrer Arbeit zuverlässigen Stütze für die Geschäftsführerin umgesehen. Hedwig Wachenheim empfahl Lotte Lemke, die sie aus dem Nachschulungskurs 1925/26 und aus ihrer Tätigkeit als geschäftsführende Fürsorgerin im Kreis Cala N.L. kannte. Lotte Lemkes sachkundige Artikel über Jugendwohlfahrtspflege in der" Arbeiterwohlfahrt" waren Marie Juchacz aufgefallen. Sie stimmte freudig zu und versicherte Lotte Lemke ihres Vertrauens, als diese bei ihrer Vorstellung Zweifel an ihrer Eignung für eine so wichtige Stellung aussprach. Lotte Lemke war sehr verschieden von ihren Vorgängerinnen, die wenig Berührung mit dem Geist der Arbeiterbewegung hatten und eben hauptsächlich Geschäftsführerinnen waren. Lotte Lemke, war aktives Mitglied der" Arbeiterjugend" gewesen; Die Gedanken und Ziele der Arbeiterbewegung waren Teil ihres Lebens und selbstverständliche Grundlage ihrer Arbeit. Man spürte das bei jedem Wort, das sie vor der Arbeiterwohlfahrt sprach oder in der Zeitschrift schrieb. Sie hatte auch im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen eine gute Fachbildung und große wohlfahrtspflegerische Erfahrung. Maries Würde und Ernst und die Art, wie sie über Kleinigkeiten hinwegging, und das wesentliche der neuen Stellung betonte, beeindruckten Lotte Lemke, und schon in ihrer ersten Unterredung mit Marie Juchacz entwickelte sie bei ihr ein Gefühl der Ergebenheit und Verehrung für die Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt. Marie unterstützte Lotte in ihrer Arbeit und erweiterte allmählich deren Aufgabenkreis." Über persönliche Angelegenheiten sprach Marie nie mit mir, aber die sachliche Kameradschaftlichkeit war", wie Lotte Lemke berichtet, ungeheuer stärkend und gab ein gutes Gefühl von Sicherheit undh im Menschlichen". 35 124 Persönliche Tragödie Als am 14. September 1930 der Reichstag gewählt wurde, lag Elisabeth Kirschmann im Krankenhaus. Sie war bei einer Versammlung im Wahlkampf, als ein Nazitumult ausbrach, vom Podium gezerrt worden und danach plötzlich erkrankt. Am 21. September 1930 starb sie. Als Freundin Elisabeths fuhr Hedwig Wachenheim, nachdem sie die Nachricht erhalten hatte, sofort nach Köln und ging in die Wohnung der Schwestern. Marie war vollkommen erstarrt. Sie dankte für den Besuch und sprach dann kein Wort mehr. Sie hat auch später nie mehr über Elisabeth mit Hedwig Wachenheim gesprochen. Was Elisabeth Kirschmann- Roehl für die Arbeiterwohlfahrt bedeutet hat, sagte Hedwig Wachenheim in einem Nachruf( s." Arbeiterwohlfahrt Nr.... Jahrgang 1930) " Elisabeth hat nie auf ihre Gesundheit und körperlicheKraft Rücksicht genommen und bis zum Zusammenbruch in Wahlversammlungen gesprochen. Neben ihrer politischen Tätigkeit, die einen dauernden Wechsel zwischen Köln und Berlin bedingte, ist sie fast jede Woche in die Heime der Arbeiterwohlfahrt gefahren. Dabei war sie kein Mensch trockener Pflichterfüllung. Die Aufgabe war es, die sie zur Pflrichterfüllung unermüdlichkeit drängte. Der" Immenhof" sollte ein sozialistisches Erziehungsheim werden. Die Arbeit, die dazu notwendig war- und sie war nicht gering, tat sie im Drang zum Ziel. Wie ihre ganze Umgebung wollte sie auch den Immenhof schön haben und ihn aus eigenem Gestaltungsvermögen modern, praktisch und schön einrichten., Nur mit ihrer starken Liebe zur Sache konnte, was dort geleistet worden ist, geschaffen werden. Mit dieser Arbeitsfreude hat sie ihre Aufgabe in der Arbeiterwohlfahrt auch auf vielen anderen Gebieten erfüllt. Sie hat die Arbeiterwohlfahrt im oberrheinischen Bezirk aufgebaut. In die Ausbildungsarbeit brachte sie immer neue Ideen, regte andere durch sorgfältige Berichterstattung und Vorschläge an. Sie schrieb ihre Gedanken in liebenswürdiger, lebendiger Art nieder. Als Vorsitzende des Wohlfahrtsausschusses der preussischen Landtagsfraktion seit 1928, hat sie mit sicherem Überblick die Arbeit geleistet, die Arbeitskräfte zusammengefaßt und auf einem bei der gegenwärtigen politischen Konstellation schwierigel Arbeitsgebiet die Fraktion zu Erfolgen geführt. Wer mit Elisabeth zusammengearbeitet hat oder ihr durch Freund22 36 425 scanft verbunden war, entbehrt heute noch mehr als ihren liebenswürdigen Gestaltungswillen. Sie war eine liebenswürdige, liebenswerte Frau, ein Mensch, in dessen Nähe zu sein, wohltat. Die mütterliche Liebe, die sie den Gegenständen ihrer Arbeit zuwend dete, hatte sie auch für die Menschem, mit denen sie arbeitete. Sie war i mer bemüht, Mitarbeitern, Freunden und Anverwandten eine wohltuende Umgebung zu schaffen Scharfe sachliche und persönliche Gegensätze glich sie durch ihre Herslichkeit aus. Für Stunden erregender politischer Spannung wußte sie ich mir keinen besseren Kameraden. Mit klarem Urteil, im Gefühl ganz erfüllt von der Sache, blieb sie immer freundlich... Sie nahm sich mit liebenswürdiger Gute der Sache und der Menschen an und darum ordneten sich diese gern- ein." Marie tat schweigend weiter ihre Arbeit. Auch mit Emil Kirschmann sprach sie nie von gemeinsamen Erinnerungen an die Tote, aber sie übertrug einen Teil ihrer Liebe und ihres Vertrauens zu Elisabeth auf ihn. Ihre eigenen Kinder, Lotte und Paul waren damals der elterlichen Fürsorge schon entwachsen. Fritz Roehl, Elisabeths Sohn aus erster Ehe, bekam ihre mütterliche Sorgfalt zu spüren, solange die poltischen Verhältnisse Maries Familienleben noch nicht in ihren Strudel rissen. Krise 37 126 Ffürsorgerische Über die Tätigkeit der Arbeiterwohlfahrt wurde für das Jahr 1930 zum ersten Mal ein Jahrbuch herausgegeben, das gleichzeitig über Gesetzesreformen auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege informierte. Marie Juchacz schrieb das Vorwort und ermahnte darin die Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt, alle Kräfte zusammenzunehmen angesichte der Tatsache, daß fortschreitender Not die Verringerung der öffentlichen Hilfe gegenüberstehe. und sie saßen. Die Helfer der Arbeiterwohlfahrt waren 1930 in 27.670 Fällen als Vormünder, Schutzaufsichtshelfer, im Pflegekinderwesen und in der Jugend- und Erwachsenengerichtshilfe tätig, In den Ausschüssen von 1200 Wohlfahrts- und Jugendämtern saßen Mitarbeiter der Arbeiter Wohnfahrt. Dem Tätigkeitsbericht entnehmen wir, daß 114.000 ehrenamtliche Helfer für die Arbeiterwohlfahrt tätig waren. Außer den vom Hauptausschuß getragenen Heimen bestanden in den Bezirks- und Ortsausschüssen damals 15 Kindererholungsheime, 4 Ferien- und Erholungsheime für Kinder und Erwachsene, 6 Müttererholungsheime, 49 Kindertagesheime, Kindergärten und horte, 8 1 Kindertages- und nachtheim, 2 Kinderkrippen, 47 Jugendheime, Lehrlingsheime, 4 Jugendherbergen, 5 Altersheime, Wärmehallen und Erwerbslosenheime, 22 Stätten für öftliche Kindererholungsfürsorge und 6 Anstalten verschiedener Art. Als die Not des Krisenwinters 1930/31 hereinbrach, begnügten sich die Ortsausschüsse nicht mit der Erweiterung ihrer laufenden Aufgaben. Wie in der Notzeit vor 1924 reagierten sie wieder mit instinktiver Solidarität und halfen wieder in den jetzt erneut angeeinfachan Arbeit zeigten panitiven Formen der wohltätigkeit. Sie sammelten Geld, abgelegte Kleider und Naturalien, gaben Gutscheine für Lebensmittel und Kohlen aus und verteilten, was die Sammlungen neben Geld eingebracht hatten. Angesichts der Not, verzichteten Partei- und Gewerkschaftsangestellte auf einen Teil ihrer Gehälter und stellen diese Beträge teils den Gewerkschaften, teils der Arbeiterwohlfahrt zur Verfügung. Dadurch Zuschüme geben für sie wichtigste lufgabe dieser Zeit, nämlich Konnte an der Hauptausschuß in die Lage, Zuwendungen zu geben, an die nothint an die Auflage Anüpfte, sie für Nabnahmen zugunsten won Kindern und Jugendlicher zu verwenden, die über die Krise hinwegzuretten, die wichtigste fürsorgerische Maßnahme dieser Wotzeit sei. Ihre besondere Aufmerksamkeit wendete die Arbeiterwohlfahrt der 38 127 2 Seu 34 würde empfohlen, weiblichen Jugend zu. The Nähs tuben der Arbeiterwohlfahrt The sollten unter der Leitung einer beruflich ausgebildeten Kraft Nähkurse für erwerbslose junge Mädchen einrichten. Damit könne zugleich eine geistige Erziehungsarbeit verbunden werden und die jungen Mädchen, an das Erlebnis der Arbeitslosigkeit anknüpfend, Zur Erkenntnis und Beurteilung ihren zu führen. Dieser Vorschlage fielen auf guten Boden, die Zahl der Nähstuben wuchs von 456 auf 1.200 im Jahre 1931. bie Ortscuss ditisse der Arbeiterwohlfahrt würden aufgefordert, I Da billige Ernährung für die Arbeitslosen ein wichtiger Faktor sei, und die Gemeinden ihre Speisungen einschränkten oder einstellten, dollten die Ortsausschüsse der Arbeiterwohlfahrt salahe( Speisungen für Kinder von Erwerbslosen und für Erwerbslose Jugendliche durchführen, Auch dieser Gedanke wurde an vielen Orten verwirklicht, und wie die Nähstuben wurden nun auch die Küchen zugleich zu Beschäftigungs- und Lehrstättten für die arbeitslose Jugend. Weiter te Der Hauptausschuß regte auch an, udétiawerkstätten zu errichten, in denen Jugendliche handwerklich angelernt oder umgeschult werden konnten. In Zusammenarbeit mit der Arbeiterjugend und den sozialdemokratischen Bildungsausschüssen sollten diel Arbeiterwohlfahrt. Bildungsveranstaltungen er für erwerbslose Jugendliche durchführen. werden, um Itt könne das Wissen um die solidarische Gemeinschaft der за Arbeiterbewegung gepflegt werden, um die Jugendlichen so gegen for dem zerstörerischen Fanatismus der Kommunisten und Nationalsozialisten zu schützen. und sie Die Zeitschrift" Arbeiterwohlfahrt" unterstitzte die Arbeit durch die Veröffentlichung von Untersuchungen über die wirtschaftliche Lage der etwa einen Million jugendlicher Erwerbsloser von 17-21 Jahren, ihrer besonderen psychischen Gefährdung durch die Ausschaltung aus dem Arbeitsprozess und aus einem Leben in wirtschaftlicher Unabhängigkeit, die damit verbundene Verletzung ihres Geltungsbedürfnisses und die fehlende Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen und eine bessere Zukunft für sich vorzubereiten. Wo Die Arbeit der Arbeiterwohlfahrt auf dem Gebiet der beruflichen Förderung war voller Probleme. Entweder waren die Arbeiten, die die Jugendlichen Teisteten zusätzlich, und das verlangten die Gewerkschaften, damit nicht bei solchen Projekten Arbeiten für ein Taschengeld verrichtet würden, die sonst un tariflichen Lohn müßte gezahlt durchgeführt werden wären, oder sie waren nicht zusätzlich, dann war es schwer, sie so zu gestalten, daß sie zu einem Beruf oder doch zu größerer beruflicher Wendigkeit erzogen. 39 128 Damals wurde der freiwillige Arbeitsdienst, die Selbstverpflichtung junger Menschen, sich ein halbes Jahr in einer bestimmten Arbeit zu betätigen, stark propagiert. Die Arbeiterwohlfahrt lehnte ihn zunächst ab, weil die Gefahr, daß hier nicht zusätzliche, sondern lohndrückende Arbeit geleistet würde, groß war. Die wachsende Not der arbeitslosen Jugend und die Gefahr, daß antidemokratische Organisationen, wie Sthalhelm, HJ und SA sich der Jugend bemächtigten, führten zu einer Revision dieses Hinzy Kamy olafs aus dem Standpunkts, insbesonderey nachdem Reichshaushaltsmittel unter der Bedingung bereitgestellt wurden, daß die Arbeiten zusätzlich und gemeinnützig seimnußten. In seinhubten. Janachalgezeit haben die Ortsund Kreisausschüsse der Arbeiterwahlfahrt an vielen Orten Maßnahlinen mendes freiwilligen Arbeitsdienstes durchgeführt. Der Haupte ausschuß selbst führte zusammen mit der Hamburger Arbeiterwohl fahrt ein überaus gelungenes AD-Rrojekt auf dem Immenhdf" durch. Im ganzen aber war dem freiwilligen Arbeitsdienst wenig Erfolg beschieden. Die Mittel des Reichs wurden jeweils nur für 20 Wochen gegeben. Waren diese vorüber, so fing das alte Elend des öden Herumsitzens wieder von vorne an. So entwurzelte die Jugendlichen immer mehr hd mehr Die Jugendlichen begannen auf. das große politische Erlebnis zu hoffen, das sie erlösen würde, Inzwischen verschäfte sich die Wirtschaftskrise. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im Februar 1931 auf 5 Millionen; sie fiel dann vorübergehend, gegann aber schon Mitte des Jahres wieder zusteigen. Die Zahl der langfristigen Arbeitslosen, die auf Fürsorgeunterstützung angewiesen waren, stieg auf über 1 Milli on im Juni 1931. Die finanzielle Belastung der Städte stieg weiter an. Um zu sparen, kürzten sie die Unterstützungen und verfuhren strenger bei der Anrechnung der Nebeneinnahmen. Sonderleistungen wie Kleidung, Kinderbetten, Krankennahrung und Krankenhausbehandlung wurden seltener bewilligt. Die zusätzlichen, nicht auf Gesetz beruhenden Leistungen bisher fortschrittlicher Kommunen, wie Schulgesundheits- und Schulzahnpflege, Kinderspeisungen, Kinderkrippen, Kindergärten, und-horte, Kindererholungsfürsorge, vorbeugende Maßnahmen zur Verhütung von Tuberkulose, Verkrüppelung und seelischer Verwahrlosung, wurden eingeschränkt oder ganz aufgegeben. Selbst Alters- und Siechenheime wurdeng verschiedentlich geschlossen. Die Qualität der sozialen Arbeit ging weiter zurück durch die immer stärker werdende Überbürdung 40 129 des Fürsorgepersonals und die weitere Übernahme nicht sachkundigen Personals aus anderen Verwaltungen. Um die finanzielle Erstickung der Gemeinden zu verhindern, und die Arbeitsvermittlung auch der Wohlfahrtserwerbslosen durch die Arbeitsämter sicherzustellen, hatte die Sozialdemokratische Reichstagsfraktion schon 1930 einen Antrag eingebracht, nach dem alle aus der Arbeitslosenversicherunge ausgesteuerten Erwerbslosen eine nach dem Muster der Krisenunterstützung neu zu schaffende Arbeitslosen-" Fürsorge" erhalten sollten, deren Kosten vom Reich und Ländern zu drei Vierteln und nur zu einem Viertel von den Gemeinden getragen werden sollten. Einkommen des Arbeitslosen und seiner Familie ebenso wie sein etwa vorhandenes Vermögen sollten zum Teil angerechnet werden; und entsprechende Ermittlungen sollten von den Städten und Kreisen vorgenommen werden. Als einige sozialdemokratische Vertreter städtischer Selbstverwaltungen sich dennoch für die Abschaffung der Arbeitslosenversicherung bei Weitererhebung ihrer Beiträge, die den Gemeinden zufliessen gollten, aussprachen, nahm der Hauptausschuß im Mai 1931 zu der Frage Stellung. Marie Juchacz saß wie stets der Sitzung vor. Der Hauptausschuß verlangte die Erhaltung der Arbeitslosenversicherung und Übernahme der Wohlfahrtserwerbslosenunterstützung durch das Reich. In der Arbeiterwohlfahrt" begründete Stadtrat Michel, Frankfurt/ Main, den Beschluß. Die Abschaffung der Arbeitslos enversicherung würde die Arbeiterschaft, die damit ihren Rechtsanspruch auf Hilfe in einer gesetzlich festgelegten Höhe während der Arbeitslosigkeit verlöre, deprimieren. Auch biete die Arbeitslosenversicherung Lohnschutz. Bei einer" Sistierung" oder gar Abschaffung der Arbeitslosenversicherung sei die Abschaffung der Beträge, wie dies die Industrie wolle, nicht zu verhindern, und das gefährde die zur Arbeitsvermittlung unentbehrlichen Arbeitsämter. Der Hauptausschuß warnte außerdem vor der Einschränkung der die das end uim vergrößern Wohlfahrts- und Jugendwohlfahrtspflege; biche Einschränkungen würde ut vermehrtes Elend enézeugen. Er warnte auch vor dem Abbau von sozialen Berufskräften, weil dadurch die sachgemäße und damit sparsame Verwendung öffentlicher Mittel nicht mehr sichergestellt wei. In der großen Krise war die Arbeiterwohlfahrt ein Spiegelbild der gesamten de Arbeiterbewegung. Die sozialdemokratische Partei 41 130 und die Gewerkschaften konnten sich nicht mehr ausdehnen; im Gegenteil, ihr Einfluß verringerte sich dauernd im Verhältnis zu der wachsenden Zahl der Menschen, die, wenn auch jur um zu zerstören, in die Politik drängten. Aber ihre innere Brüderlichkeit und der Ernst, mit dem sie versuch ten, die Probleme, die vor ihnen standen, zu durchdringen und zu lösen, verstärkte sich. Daß sich die Zahl der Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt von 114.000 im Jahre 1930 auf 135.000 im Jahre 1931 erhöhte, und die Zahl der Ortsausschüsse wieder zu wachsen begann, steht nicht im soudem Widerspruch zu dem Gesagten, bestätigt es in Gegenteil. Detta Jie neuen Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt hatten längst zur Arbeiterbewegung gehört, begannen aber jetzt ihr dine intensive Mitabat Pitigkeit zu widmen. Die Ortsausschüsse halfen in der Winterhilfe vielen Menschen durch Volksküchen, Sammlungen und die Verteilung erot von Geldern, Kleidern und Naturalien. mit Das Programm der Erziehung erwerbsloser Jugendicher wurde weitergeführt. Die Tätigkeit im Pflegekinderwesen, die Arbeit auf den Gebieten Vormundschaft, Schutzaufsichten, Gerichtshilfe, nahm weiter zu. Die von Mitarbeitern der Arbeiterwohlfahrt betreuten Fälle stiegen von 27.670 auf 29.000. Die Zahl der Beratungen Hilfsbedürftiger in den Sprechstunden und durch die Außenfürsorge der Ortsausschüsse verdoppelte sich. Als die Jugendämter keine erholungsbedürftigen berufsschwachen Mädchen mehr auf den Immenhof schicken konnten, wurde dort ein Müttererholungsheim eingerichtet. Die örtliche Kindererholung dehnte sich allgemeinaus. Ein" kleines Lehrbuch" wurde zur Unterstützung dieser Arbeit herausgegeben. Dr. Suse Hirschberg entwarf Kursuspläne für die Einführung von Helfern ind die pädagogischen Aufgaben der örtlichen Erholungsfürsorge und leitete einen Modellkursus. Lehrgänge für Leiterinnen von Beratungsstellen der Ortsausschüsse wurden durchgeführt. Die allgemeinen Bildungskurse der Arbeiterwohlfahrt, mußten zeitlich verkürzt, dafür aber zahlenmäßgi verstärkt werden im Rinklang mit der wachsenden Zahl der Helfer. Beim jährlichen Anlaufen der AW- Lotterie wurden Vorträge über die Arbeiterwohlfahrt gehalten; Theodor Leipart, der Präsident des allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbundes, xerfaßtexeinexÑQxtragediøpositionxzunxThemex" ArbeitgÌQø¤¤ ¥ ¤ ¥ xx sicherung und Wohlfahrtspflegexx bei 43 131 und Stadtrat Michel, Frankfurt/ Main, verfaßten eine Vortragsdisposition zum Thema" Arbeitslosenversicherung und Wohlfahrtspflege eine weitere Vortragsdisposition über" Wohlfahrtspflege und Arbeiterwohlfahrt" wurde von Stadtrat Michel, Stadtarzt Braubach, Hedwig Wachenheim und Lotte Lemke geschrieben und dan Rednern aur Verfügung gestellt. 132 Auch die Themen des Pfingsttreffens der Arbeiterwohlfahrt im Jahre 1931 entsprachen der Entwicklung zu vertiefter geistiger Auseinandersetzung. So sprachen u.a. der Soziologe Albert Salomon, Dozent an der Hochschule für Politik in Berlin, über" Das soziale Antlitz der Zeit" und Dr. Annemarie Hermberg über" Volksbildung und Wohlfahrtspflege". Das letzte Thema erhielt eine besondere Aktualität durch die Notwendigkeit, für die erwerbslose Jugend jener Zeit auch Bildungsmaßnahmen zu veranstalten. Trotz der Krise wurden Pläne, die unter anderen Voraussetzungen einst begonnen worden waren, fortgesetzt. So fuhren Marie Juchacz, Hedwig Wachenheim und lotte Lemke im Juli 1931 nach Wien, wo die Sozialistische Internationale tagte und eine Konferenz der Internationalen Arbeiterwohlfahrt abgehalten werden sollte. Neben den Oesterreichern nahmen Schweizer, Belgier, Polen, deutsche sowie tschechischey Delegierte teil. aus der Tschechoslowakei A. sowie deutsche ww Die deutsche Arbeiterwohlfahrt wurde formell beauftragt, eine Auslandskorrespondenz der Arbeiterwohlfahrt herauszugeben, und Marie Juchacz versprach, künftig Freunde aus dem Ausland auch als Sprecher zu den deutschen Konferenzen einzuladen. Noch sah sie nicht voraus, daß die Arbeiterwohlfahrt keine öffentlichen Konferenzen mehr abhalten würde. Die Arbeitslosigkeit stieg weiter an, im Dezember 1931 auf 5 666 000. An der Winterhilfe 1931-1932, die unter dem Protektorat des Reichsministeriums des Innern und des Reichsarbeitsministeriums stand, wollte die Arbeiterwohlfahrt nur mitwirken, wenn neben den freien Wohlfahrtsverbänden auch die öffentliche Wohlfahrtspflege beteiligt würde. Bei den zentralen Verhandlungen wurde dies nicht durchgesetzt, und so machte der Hauptausschuß der Arbeiterwohlfahrt nicht mit, stellte aber den Ortsausschüssen die Beteiligung frei, wenn diese Bedingung erfüllt werden würde. Ein Teil der Ortsausschüsse beteiligte sich daraufhin an der Winterhilfe und führte daneben auch die Solidaritätshilfe der Arbeiterwohlfahrt" durch, die von der ganzen AW getragen wurde. Die Winterhilfe und die Solidaritätshilfe waren ein Akt der Menschlichkeit% 3B ihre finanziellen Ergebnisse erlaubten die Durchführung ergänzender Hilfen zu denen der öffentlichen Fürsorge. Aber es ist unbestritten, daß nur die Tatsache, daß die öffentlichen Leistungen- wenn auch in gekürzter Form- erhalten bleiben konnten, der notleidenden Bevölkerung über den Winter hinweghalf. 133 Eine kleine Reform der Fürsorge erziehung, die nicht mit Kosten verbunden war, gelang den sozialdemokratischen Mitgliedern des preußischen Landtages freilich erst, nachdem es zu Revolten in verschiedenen Fürsorge erziehungsheimen dabei zum Totschlag eines Jungen im Heim Scheuen des Landes jugendamtes Berlin gekommen war. Nun konnten die konfessionellen Verbände, die katholische Zentrums partei und die preußische Regierung nicht mehr vorgeben, die Fürsorgeerziehung sei nicht reformbedürftig. Schon 1930 hatten Sozialdemokraten, Zentrum und Demokraten dem Landtag einen Antrag vorgelegt, der eine Beschränkung der Arbeitszeit in den Betrieben der Fürsorge erziehungsanstalten, Aufhebung der Schweigegebote und des Dunkelarrestes forderte. Ferner wurden gefordert: Die zweijährige Nachprüfung der Möglichkeit, die Fürsorge erziehung im Einzelfall aufzuheben, eine bessere Ausbildung der Erzieher und die Regelung der Zusammenarbeit von Jugendamt und Fürsorge erziehungsbehörde. Der Antrag wurde angenommen. Ein Antrag der Sozialdemokraten, die Fürsorge erziehung auf die Jugendämter zu übertragen, wurde abgelehnt. Im Dezember 1931 regelte jedoch ein Erlaß des preußischen Ministers für Volkswohlfahrt die Mitarbeit der Jugendämter bei der Unterbringung und Entlassung der Fürsorgezöglinge und bei der Auswahl von Familien und Dienst- und Lehrstellen für sie. Auch in der praktischen Arbeit an gefährdeten jungen Menschen unternahm der Hauptausschuß neuartige Versuche. So wurde im Oktober 1931 in Berlin unter der Leitung von Anneliese Kantzke ein Heim mit 16 Plätzen für junge Mädchen eingerichtet, die ihres Alters wegen der FE entwachsen oder aus ihr entlassen worden waren,( damals aufgrund einer Notverordnung meist mit 19 Jahren), die aber nach ihrem Entwicklungsstand keineswegs hätten entlassen werden dürfen. Sie waren weder genügend gefestigt noch hatten sie die nötigste Leistungsbereitschaft entwickelt. Zehn Plätze wurden regelmäßig für Mädchen freigehalten, die aus dem Immenhof entlassen worden waren. Das Heim war ein Wohnheim, von dem aus sie nach einer kurzen Zeit des Einlebens und der Anpassung an die Großstadt zur Arbeit gehen und in dem sie am Abend Kameradschaft, Anregung und Beratung finden sollten. Die Arbeit war außerordentlich schwierig, weil die Zusammensetzung der Mädchen äußerst verschieden war. Die meisten waren willensschwach und labil und einige leicht schwachsinnig. Die größten Schwierigkeiten hatten und machten jene, die aus" geschlossenen" Heimen kamen, in denen sie . 134 sehr abgeschlossen gelebt hatten, und nie tun und lassen durften, was ihnen entsprach. Sie waren der Freiheit in keiner Weise gewachsen, kannten kaum Verpflichtungsgefühl der Gemeinschaft gegenüber, konnten es nur langsam entwickeln und hatten auch wenig Lust zur Arbeit. Am stärksten wurde die planmäßige Erziehungsarbeit jedoch durch die herrschende Arbeitslosigkeit behindert, bei der mindere Arbeitskräfte kaum Beschäftigung finden konnten. Trotz intensiver Zusammenarbeit mit der Berufsberatung konnte immer nur etwa die Hälfte der Mädchen jeweilig in Lehr- oder Arbeitsstellen vermittelt werden und beim ersten Versuch versagten die meisten. Über den Ausgang dieses Experimentes zu berichten, ist nicht möglich, Die Zeit, die dem Heim und der Arbeiterwohlfahrt noch blieb, war zu kurz, um über Erfolg oder Mißerfolg Gültiges aussagen zu können. Im Dezember 1931 hielt Marie Juchacz in Berlin eine große Rede auf einer von den Gewerkschaften veranlaßten Kundgebung, die der breiten Öffentlichkeit die Gefahren des Abbaus der Jugendwohlfahrtspflege vor Augen führen sollte. An ihr beteiligten sich neben den freien Wohlfahrts- und Jugendverbänden alle Organisationen, die sich von jeher für soziale Reformen eingesetzt hatten und nun ihr Werk zerinnen sahen. Wieder machte Marie Juchacz in ihrer Rede geltend, was den Tatsachen und der alten Meinung der Arbeiterwohlfahrt entsprach: " Die freie Wohlfahrtspflege kann die öffentliche nur ergänzen, aber nicht ersetzen. Darum müssen alle Anstrengungen gemacht werden, die öffentliche Jugendfürsorge zu erhalten. Die vorbeugende Fürsorge darf nicht fallen gelassen werden. Erwerbslosenfürsorge für Jugendliche ist vorbeugende Fürsorge." Im April 1932 betrug die Arbeitslosigkeit mehr als 5,7 Millionen, darunter 2,2, Millionen Wohlfahrtserwerbslose. So wurde es für die Fürsorgeträger immer schwieriger, ihre Aufgaben durchzuführen. Die Senkung der Fürsorgeleistungen, die Überbürdung des Personals nahmen immer gefährlichere Formen an. Die Arbeiterwohl 135 fahrt, die sich einst das Ziel gesetzt hatte, Pionierarbeit zu leisten und die öffentliche Wohlfahrtspflege durch ihre Schulungsund wohlfahrtspolitische Arbeit zu demokratisieren, mußte sich immer mehr reinen Notmaßnahmen zuwenden. Alles, was die freie Wohlfahrtspflege in jenen Jahren leistete, war lebenswichtig, vermochte aber nicht den Abbau der öffentlichen Fürsorge auszugleichen. Bei den Landtagswahlen vom 24.April 1932 wurde die Regierungskoalition von Sozialdemokraten, Zentrum und Demokraten, die die preußische Regierung Otto Brauns getragen hatte, vernichtet; B eine Nationalsozialisten. Mehrheit von Nazisy und Kommunisten zog in den Landtag ein. Im Reich war es die Taktik der Sozialdemokratie, die Regierung Brüning am Ruder zu halten, die bessere wirtschaftliche Zeiten/ eine geistige und politische Erholung ermöglichen würden. Aber Reichspräsident v. Hindenburg hatte weder den Willen noch die Energie zu einer solchen Politik. Am 31. Mai 1932 trat der Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrt in Berlin zusammen, um gegen die Kürzung der Arbeitslosenunterstützung und der Invaliden- und Altersrenten zu protestieren. Wieder forderte der Hauptausschuß die Übernahme der Wohlfahrtserwerbslosenunterstützung durch das Reich und ebenso die Sicherstellung der Gemeindefinanzen, um so die Leistungen der öffentlichen Fürsorge zu retten. Am gleichen Tage, an dem der Hauptausschuß tagte, wurde Brüning durch v. Hindenburg entlassen; v. Papen wurde Reichskanzler, er setzte Neuwahlen auf den 31. Juli an. Brüning wollte, wenn auch seine Sparmaßnahmen berechtigten Andaß zur Kritik boten, die soziale Gesetzgebung und die Einrichtungen der Sozialpolitik und der sozialen Fürsorge durch die Krise hindurch retten. v. Papen dagegen griff in einer seiner ersten Reden den" Wohlfahrtsstaat" an. Seitdem widmete die Zeitschrift" Arbeiterwohlfahrt" sich immer mehr dem politischen Kampf. Sie wies nach, daß alles, was auf dem Gebiet der Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege bisher erreicht worden war, durch die gegenwärtige Regierung und d en wachsenden Einfluß der Nationalsozialisten gefährdet sei. Sie erklärte die politischen Pläne der Nationalsozialisten aus ihren vernichtenden Worten über den Wohlfahrtsstaat. Im übrigen ging die sachliche Arbeit der Arbeiterwohlfahrt weiter. Die Fachkommission" Allgemeine Wohlfahrtspflege" hatte sich in mehreren Sitzungen mit Sparvorschlägen des Deutschen Städtetages beschäftigt. Helene Simon schrieb in ihrem Bericht:" Die Ideale unserer Jugend rufen uns wieder mit frisch- fröhlichem Klang. Es geht 136 zum Kampf." Es ging zum Kampf, und es war gute Politik, ihn" frischfröhlich" zu NEEк nennen. Er war es trotzdem nicht. Die Umstände waren zu deprimierend Während der Internationalen Konferenz für Sozialarbeit, die im Juli 1932 in Frankfurt a. Main tagte, veranstaltete die Internationale Arbeiterwohlfahrt eine Kundgebung. Für Marie Juchacz, die sich mitten im Wahlkampf nicht frei machen konnte, sprach Louise Schroeder mit Leidenschaft über den Kampf der Arbeiterwohlfahrt gegen den Abbau der Sozialpolitik. Neben ihr sprachen der Sekretär der Wiener Arbeiterkammer, Rager, Yvonne Vernheim aus Paris, Schäfer aus der Tschechoslowakei, Senator Janniaux, Präsident der Internationale der Krankenkassenverbände, Brüssel, und Dr. Emma Steiger, Zürich. Letztere mahnte:" Erhaltet die Demokratie; der demokratische Staat ist die Vorbedingung für den sozialen Staat". Die Reichstagswahlen vom 31. Juli brachten den Nationalsozialisten 230 Sitze( gegen 107 vorher). Es wurde weiter mit Notverordnungen regiert; sie griffen nicht nur die Höhe der sozialen Leistungen, sondern auch die Grundprinzipien der seit 1918 geschaffenen sozialen Ordnung an. Nun fühlte der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund, daß er mehr tun müsse als bisher, um die Jugend in den Reihen der Arbeiterbewegung zu halten, verlorene Jugend zurückzubringen und Schulentlassene zu gewinnen. Er gründete den" Sozialen Dienst"(" Sozialer Dienst Hilfswerk für die erwerbslose Jugend"). In ihm waren neben dem ADGB der" Allgemeine Freie Angestelltenbund", der" Reichs ausschuß für sozialistische Bildungsarbeit", die" Zentralkommission für Sport und Körperpflege", das" Reichsbanner Schwarz- Rot- Gold" und die" Arbeiterwohlfahrt" vertreten. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund wollte mit dieser Gründung arbeitslose und schulentlassene Jugend systematischer Arbeitsschulung in eigenen Einrichtungen der Arbeiterbewegung zuführen; im Rahmen" kollektiver Selbsthilfe" sollten auch Gegenstände des täglichen Bedarfs für Arbeitslose durch Arbeitslose hergestellt werden. Damit gab der AGB sein Prinzip, daß nur zusätzliche Arbeit in solchen Unternehmungen zulässig sein sollte, unter dem Druck der Not auf. min auch Die Arbeiterwohlfahrt errichtete im Rahmen ihrer Solidaritätshilfe des Winters 1932/33 Werkstätten, in denen arbeitslose Jugendliche Gebrauchsgegenstände für Arbeitslose herstellten und Reparationяяuгеn an Schuhen und Kleidung vornahmen Im September hatte v. Papen den Reichstag wieder aufgelöst. abral I sie 137 - Am 6. November sollten die Neuwahlen stattfinden. Das Heft der " Arbeiterwohlfahrt" vom 15. Oktober war als Sonderheft gekennzeichnet und trug den Titel" Kampf um den Wohlfahrtsstaat". Der Vorsitzende des" Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes* schrieb den Leitartikel über" Die Sozialpolitik im politischen und gewerkschaftlichen Kampf". Er mahnte zur Verteidigung der Sozialpolitik durch den Stimmzettel. In der folgenden Nummer sprach Marie Juchacz noch einmal dieselbe Mahnung aus." Was wir sind, können wir nur sein in der demokratischen Republik", hatte Marie Juchacz in ihrer Rede zum Zehnjahres jubiläum der Arbeiterwohlfahrt gesagt. Die demokratische Republik war bedroht und mit ihr die Arbeiterwohlfahrt, die Marie Juchacz als ihre beste Leistung, als ihr Lebenswerk betrachtete. Ob sie den tötlichen Ernst der Drohung damals sah- wir wissen es nicht! Wie immer, wenn ein Ereignis sie tief berührte, schwieg sie. Was hätte sie auch tun können? Die Arbeiterwohlfahrt war nicht mehr Meister ihres Geschicks. Was Marie immer für das Wichtigste im Wirken der Arbeiterwohlfahrt gehalten hatte, die staatsbürgerliche Erziehung der Frauen und die Demokratisierung der Verwaltung war vernichtenden, tötlichen Stössen ausgesetzt. Und die Massennot konnte mit Mitteln der Arbeiterwohlfahrt, ja mit Mitteln der Wohlfahrtspflege überhaupt, kaum mehr gelindert werden. ebenso - " Starke Gegenströmungen haben uns über den Haufen gerannt, ebenso wie dei Arbeiterbewegung überhaupt", so hat sie es später, auf der Reichskonferenz in Berlin 1953, selbst drastisch ausgedrückt 239 138 Ende der alten Arbeiterwohlfahrt Ivazis Die Arbeiterwohlfahrt arbeitete weiter- auch noch nach dem 30.Januar 1933, an dem Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Als aber nach dem Reichstagsbrand Ende Februar und der Reichstagswahl am 5. März der Naziterror das Land mit noch roherer, wilderer Wucht überflutete als zuvor, und viele ihrer Mitarbeiter als Sozialdemokraten erschlagen oder verhaftet oder ihrer Ämter entkleidet wurden, zerfiel die Arbeiterwohlfahrt, wie alle anderen Organisationen, die den Nazis Widerstand geleistet hatten. Offiziell blieb sie zunächst unberührt. Als die yaber nach der Zerstörung der Gewerkschaften am 2.Mai die Arbeiterbank in Berlin beschlagnahmten, entdeckten sie dort das Konto des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt und sandten ihr einen Kommissar, der die Gleichschaltung anordnete. Aber es gab nichts gleichzuschalten; denn die Arbeiterwohlfahrt war keine Mitglieder/ organisation. Ihre rund 150 000 ehrenamtlichen Mitarbeiter waren freiwillige Helfer aufgrund ihrer sozialistischen Gesinnung. So mußte der Versuch, die Organisation und ihren Apparat der Deutschen Arbeitsfront anzugliedern, scheitern. Man griff ins Leere. Das offizielle Verbot aufgrund des Gesetzes über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens vom 26. Mai 1933 konnte nur noch den" Rechtstitel" abgeben für die Beschlagnahme des Vermögens, der Häuser und sonstigen Einrichtungen. AD Arbeiterwohlfahrt Hauptausschuss e. V. Bonna. Rh., Dottendorfer Straße 168 Fernsprecher 23184-87 Bonn, den 195 Wir erhielten Ihre Mitteilung vom und freuen uns, daß Sie sich entschlossen haben, unsere Zeitschrift UNSERE ARBEIT" zu abonnieren. Die Zeitschrift wird über den Postverlag ausgeliefert, d.h. Ihr Postbote bringt Ihnen unsere Zeitschrift ins Haus und zieht auch die Abonnementsgebühren für uns ein. Wir haben Sie zur Lieferung ab bei der Post eingewiesen. Der Postbote wird zwischen dem 18. bis 23. den Abonnementspreis im voraus bei Ihnen einziehen. Mit freundlichen Grüßen! Arbeiterwohlfahrt Hauptausschuß e.V. I.A.: 439 Der Weg in die Emigration Ins Saargebiet und nach Frankreich 54 Jahre war Marie Juchacz alt, als die к aus Deutschland floh. Als Mitglied des sozialdemokratischen Parteivorstandes wäre sie in Deutschland nicht mehr ihrer Freiheit leicht auch ihres Lebens und vielsicher gewesen. Der Parteivorstand ging nach Prag. Marie Juchacz, die nicht aufgefordert worden war, sich anzuschließen, war darüber tief verbittert und hat das nie verschwiegen. Sie ging mit Emil Kirschmann nach Saarbrücken, d.h., sie brachten sich physisch in Sicherheit, aber sie wanderten nicht aus. Das Saargrbiet war deutschsprachiges Land, hatte eine deutsche Sozialdemokratische Partei und eine deutsche sozialdemokratische Presse. Hier konnten sie den Kampf gegen den Nationalsozialismus fortsetzen, wenn auch in neuen Formen. Sie waren nicht mehr wirtschaftlich gesichert, hatten weder ihre Reichstagsmandate noch sonstige Funktionen in einer einflußreichen Partei oder, wie Marie, als Vorsitzende einer einflußreichen Wohlfahrtsorganisation. AD Arbeiterwohlfahrt Hauptausschuss e. V. Bonna. Rh., Dottendorfer Straße 168 Fernsprecher 23184-87 Bonn, den 195 Wir erhielten Ihre Mitteilung vom und freuen uns, daß Sie sich entschlossen haben, unsere Zeitschrift zu abonnieren. " UNSERE ARBEIT" Die Zeitschrift wird über den Postverlag ausgeliefert, d.h. Ihr Postbote bringt Ihnen unsere Zeitschrift ins Haus und zieht auch die Abonnementsgebühren für uns ein. Wir haben Sie zur Lieferung ab bei der Post eingewiesen. Der Postbote wird zwischen dem 18. bis 23. den Abonnementspreis im voraus bei Ihnen einziehen. Mit freundlichen Grüßen! Arbeiterwohlfahrt Hauptausschuß e.V. I.A.: 240 140 Aber in der Rangordnung des immer wachsenden Kreises deutscher Flüchtlinge im Saargebiet galten sie noch immer als das, was sie gewesen, und ihr Selbstgefühl blieb so in der ersten Etappe ihrer Emigration intakt. Wie die Hoffnung der meisten Flüchtlinge in den ersten Jahren der Emigration war auch die ihre auf baldige Rückkehr auf Wiederherstellung dessen, was gewesen und auf die Wiederaufnahme ihrer alten Tätigkeit gerichtet. Emil Kirschmann arbeitete zunächst als Berichterstatter und Redakteur an der Saarbrückener" Volksstimme" und dann, als Wilhelm Sollmann, sein alter Kollege aus der Kölner Redaktion und aus dem Reichstag, die" Freiheit" gründete, an dieser Zeitung mit. Die " Freiheit" erschien in Saarbrücken, sie war ein in Westeuropa weit verbreitetes Blatt, das deutsche Politik machte und ganz dem Kampf gegen Hitler gewidmet war. Emil Kirschmann sammelte Nachrichten aus Deutschland, die die Flüchtlinge aber auch andere eisende brachten, auch solche, die ihm der Prager Parteivorstand sandte; er veröffentlichte sie in der" Freiheit" und vermittelte so der westeuropäischen Öffentlichkeit die Kenntnis sonst verborgen gebliebener Ereignisse in Nazi- Deutschland. Marie Juchacz schaltete sich in diese Arbeit ein. Sie schrieb zwar nicht, nahm aber an allen Besprechungen beratend teil. Praktisch tat sie etwas anderes, Wichtiges: sie eröffnete einen Mittagstisch für Flüchtlinge aus Deutschland. Sie kochte selbst und überwachte das Servieren. Maries Mittagstisch überbrückte für die Flüchtlinge den Sturz in plötzliche Heimatlosigkeit. Hier fanden sie alte Freunde. Hier waren sie noch, was sie zuvor gewesen. Hier lebte ihr von den Nazis und dem Ausblick auf eine völlig ungewisse Zukunft gedemütigtes Selbstbewußtsein wieder auf. Hier fanden sie Interesse für ihre frühere Rolle und für die Geschichte ihrer Verfolgung und Flucht, von der sie immer wieder sprachen. Für Sollmann und Kirschmann hatte der Mittagstisch weitere Bedeutung. Hier erführen sie Einzelheiten aus dem Leben in Deutschland, wurden von politischen Flüchtlingen auf wichtige politische Veränderungen, auf sich abzeichnende Entwicklungen hingewiesen. Durch diese Nachrichten über Deutschland konnten sie die" Freiheit" interessanter und anziehender gestalten. Marie konnte- wenn auch bescheiden- von ihrem Einkommen leben, erfreute sich einer nützlichen Beschäftigung, worauf sie schon in ihrer Jugend so großen Wert gelegt hatte, und war für ihre Umgebung weiterhin die bekannte und hochgeachtete Marie Jucha Den Gedanken, das Saargebiet könne sich bei der vom Versailler Frie densvertrag vorgesehen Abstimmung für Deutschland entscheiden, MEXX wiesen sie und Emil Kirschmann weit von sich. 247 141 Ihrer Neigung, Menschen, die der Hilfe bedurften, Hilfe zu bringen, blieb Marie treu. Wo immer sie von wirtschaftlicher Not erfuhr, sorgte sie dafür, daß die Sarrbrückener Arbeiterwohlfahrt tätig wurde. Wo sie von persönlicher Not hörte, griff sie selbst ein. Sie lud Verzweifelnde in ihre enge, dunkle Wohnung ein und ermutigte sie; sie schlichtete den Streit überreizter Menschen. Ihre unerschütterliche Ruhe teilte sich- wie Augenzeugen berichten anderen mit. Die Abstimmung des Saargebietes, die Anfang Januar 1935 stattfand, fiel zu Gunsten des Anschlusses an Deutschland aus. Marie Juchacz und Emil Kirschmann konnten nicht länger in Saarbrücken bleiben. Sie mußten weiter wandern. Käthe Fey und andere Freunde schlossen sich an. Sie gingen nach Mülhausen im Elsaß, wo sie der deutschen Grenze nahe blieben, und wo ihre Sprache verstanden wurde. In Mülhausen schrieb Emil Kirschmann aufgrund des Materials, das ihm von deutschen Flüchtlingen und anderen Grenzgängern zuging, eine " Freiheitskorrespondenz", die von europäischen, aber auch von amerikanischen Blättern nachgedruckt wurde. Marie wurde zur Hausfrau und half Emil bei seinen Arbeiten. Im ganzen wer Mülhausen für die beiden Wanderer eine Fortsetzung des Zwischenstadiums, eine Zeit, in der sie noch immer glaubten, daß die ergangenheit bald wieder als" egenwart auferstehen werde. Am Tage der besetzung von Paris, 1940, räumten die Franzosen das Elsaß von deutschen Flüchtlingen, die sie nach Südfrankreich schickten. In einem kleinen Bündel konnte Marie ein Kleid, ein Paar Schuhe und etwas Wäsche mitnehmen. Ein Dorf in der Nähe von Pau wurde ihnen als Aufenthalt zugewiesen. Es lag weit südlich der Demarkationslinie, an der die deutsche Besatzung endete. Bei Bauern kamen sie unter. Ihre Wirte lebten in ständiger Furcht vor dem Eindringen des Nazis. Sie hatten selbst nicht mehr genug zu essen. Mißtrauen gegen alle Deutschen wurde im Dorf laut. Aber Maries ruhige Würde half über ;%" 142 alle Schwierigkeiten hinweg. Mit ihr konnte man nicht streiten, sie wollte man nicht kränken. Die anderen deutschen Flüchtlinge lebten gewissermaßen unter ihrem Schutz. 7 Indessen wurde in New York eine Rettungsaktion für die von den Nazis verfolgten Flüchtlinge begonnen. Das Jewish Labour Committee( Jüdisches Arbeiterkomitee), das immer enge Beziehungen zur europäischen sozialistischen Arbeiterbewegung unterhalten hatte, bat William Green, den Präsidenten des Amerikanischen Gewerkschaftsbundes( American Ferderation of Labour) sich bei Roosevelt für die Gewährung von Besuchervisa für Emigranten aus der europäischen Arbeiterbewegung einzusetzen. Ganz gegen den Brauch der amerikanischer Verwaltung gewährte Roosevelt die Besuchervisa, weil er die Flüchtlinge vor Tortur und Ermordung bewahren wollte. Das Jewish Labour Committee erklärte sich bereit, die Schiffrreisen zu bezahlen. Es betraute die German Labour Delegationin the United States( Deutsche Arbeiterdelegation in den Vereinigten Staaten), die unter dem Protektorat William Greens und einer Reihe anderer amerikanischer Gewerkschaftsführer ein paar Jahre vorher gegründet worden war, mit der Aufstellung einer Liste von 125 Flüchtlingen aus der deutschen Arbeiterbewegung, die noch in Frankreich waren. Marie Juchacz und Emil Kirschmann kamen neben anderen Flüchtlingen auf diese Liste. Die Nachricht von den Visa berbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den deutschen Flüchtlingen. Marseille wurde das Ziel von politischen Flüchtlingen. die nicht zur Arbeiterbewegung gehört hatten, v von Gelehrten, Schriftstellern und Künstlern, die über andere Organisationen Visa erhielten. Die Nachricht drang auch in Maries Dorf. *) *) Der German Labour Delegation gehörten an: Albert Grzezinski, der frühere preußische Innenminister, Max Brauer, Altbürgermeister von Hamburg, Rudolf Katz, heute Vizepräsident des deutschen Bundesverfassungsgerichtes; Gerhard Seger, damals Redakteur des deutschen sozialdemokratischen Wochenblattes von New York," Neue Volkszeitung" und füherer Reichstagsabgeordneter% 3B Siegfried Aufhäuser, ehemaliger Vorsitzender des" Allgemeinen Deutschen Angestelltenbundes" und auch Reichstagsabgeordneter; Hedwig Wachenheim und Alfred Kähler, Prof. an der New School for Social Research. 143 Die ersten Frankreichflüchtlinge kamen im Herbst 1940 in New York an. Damals stand den Flüchtlingen die spanische Grenze noch offen und einigermaßen erträgliche Schiffe brachten sie von Lissabon direkt nach New York. Marie Juchacz und Emil Kirschmann lehnten es ab, Frankreich jetzt schon zu verlassen. Hier waren sie dem großen Weltereignis noch körperlich nahe, konnten sie hoffen, nach der Befreiung Deutschlands schnell zurückkehren und die unternrochene Tätigkeit wieder aufnehmen zu können. Schließlich aber drohte die Gefahr, dass die Nazis auch das noch unbesetzte Frankreich überschwemmen würden. Einmal schon hatte sich Marie aus Angst vor dieser Gefahr mit einer KeXxen kleinen Emigranten gruppe wochenlang in den Pyrenäen verborgen gehalten, wo sie sich nur mühsam ernähren konnten. Im Frühjahr 1941 erhielten sie und Käthe Fey auf ihr Bitten das Ausreise visum von der französischen Regierung in Vichy. Sie verließen Frankreich von Marseille auf einem französischen Schiff, das sie auf die französische Antilleninsel Martinique brachte Emil Kirschmann erhielt kein Ausreisevisum. Ein französischer Oberst brachte ihn heimlich auf ein Schiff, das nach jurzem Aufenthalt in Casablanca nach Martinique fuhr, wo Marie und Käthe Fey ihn erwarteter Am 29. Mai 1941 trafen die drei in New York ein. Marie war nun 62 Jah re alt. In Amerika 144 Am Pier in New York standen ein paar Freunde und Emils Bruder, der schon 1927 nach Amerika ausgewandert war, und in Meriden, Connecticut, einer Stadt von 44 000 Einwohnern unweit von New York, lebte, wo er Arbeiter war. Robert Kirschmann war ein unendlich gütiger, freundlicher, bescheidener Mensch, voll tiefer Liebe zu seinem Bruder. Er war glücklich, diesen, Marie Juchacz und Käthe Fey in seinem Häuschen beherbergen zu können, je länger, desto besser. Marie und Emil aber wollten nicht in Meriden bleiben. Sie liebten Robert Kirschmann und seine Familie und waren für die Gastfreundschaft dankbar, aber sie waren bedrückt, daß sie nicht nur Raum und Essen, sondern auch noch das Geld für die kleinen Nöte des Tages von ihm in Anspruch nehmen mußten. Sie hatten den Wunsch, sich auf eigene Füße 1451 146 zu stellen. Das Entscheidende aber war, daß sie wie so viele Emigranten zunächst nicht in der Lage waren, ihre Situation klar zu erkennen. In ihren eigenen Augen waren sie noch immer deutsche Politiker mit derselben Mission in den Vereinigten Staaten, die sie zuvor in Saarbrücken und Mühlhausen ausgeübt hatten. Die Bedingungen, unter denen sie in Amerika würden leben müssen, hatten Marie und Emil sich nie klar gemacht. Sie waren ja nicht gekommen, um ein neues Leben anzufangen, sondern weil ihnen nichts anderes übrig geblieben war. Es gab aber 1941 für sie keine Möglichkeit zu politischer Tätigkeit in den Vereinigten Staaten. Aus Deutschland waren sie acht Jahre fort; sie konnten nicht aus unmittelbarer Erfahrung berichten. Die amerikanischen Zeitungen wußten über die letzten Ereignisse mehr als sie, die sie so lange Zeit auf der Reise von Europa nach Amerika verbracht hatten. Außerdem waren sie dadurch benachteiligt, daß sie nicht englisch sprachen. Die Vereinigten Staaten sind ein Einwandererland, gewöhnt, auch politische Flüchtlinge an ihren Ufern landen zu sehen. Diese Flüchtlinge werden beraten wie andere, abersie müssen schließlich selbst sehen, wie sie ihre Kräfte verwenden. Außer den Gelehrten, Schriftstellern, Künstlern und Staatmännern, deren Name schon vor ihrer Landung einen guten Klang im Lande hatten, gilt jeder Einwanderer gleich. Er muß sich dem anpassen, was Amerika braucht und ihm bietet. Erst, wenn er seine alte Vorstellung von sich überwindet, erst, wenn er seine Kräfte nicht nach dem, was sie früher waren, sondern nach dem, was sie in Amerika wert sind, einschätzt, kann er sich wieder unabhängig machen, erst dann finden auch seine Charaktereigenschaften wieder Bewertung. Marie wurde von den Nöten des Flüchtlingsdaseins härter getroffen als andere. Von steiler Höhe sank sie in tiefere Tiefen. Das neue Land und sein Wesen waren ihr unbekannt wie seine Sprache. Sie hatte keine Spezialausbildung, auf die sie hätte aufbauen können. Sie hatt einst eine hohe Position erreicht, weil sie Eigenschaften besaß und Pläne hatte, die den einmaligen Anforderungen einer bestimmten Epoche und Umgebung entsprachen, in einer anderen Umgebung aber nicht verwendbar waren. Alles, was sie in Deutschland gearbeitet und geleistet hatte- in der politischen Frauenarbeit, im Parlament, in de r Arbeiterwohlfahrt- beruhte auf Voraussetzungen, die völlig verschieden waren von den Gegebenheiten in den Vereinigten Staaten, ja, die in Amerika nur von solchen Amerikanern verstanden wurden, die eine intime Kenntnis der deutschen politischen Entwicklungsgeschichte hatten. Alles, was sich ein Amerikaner, der von Maries Lebensarbeit hörte, sagen konnte, war, daß diese Frau, die kein Wort Englisch sprach, in der amerikanischen Wohlfahrtspflege nicht zu verwenden sei. So blieben Marie von ihrer harten, erfolgreichen Arbeit und reichen Erfahrung nicht als das Alter und die Müdigkeit. 146/147 Ein Brief vom 28. Juli 1941, den sie an Herta Kraus, frühere Stadtdirektorin im Kölner Wohlfahrtsamt, die jetzt am Frauenkollege Bryn Mawn in der Nähe von Philadelphia Wohlfahrtspflege unterrichtete, schrieb, spiegelt ihre bittere Stimmung wieder: " Liebe Frau Dr. Kraus! Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeilen, die Sie mir über Wilhelm Sollmann zugehen ließen. Daß ich den Eindruck hatte, als unwillkommener, überflüssiger und unbequemer Gast dieses Landes angesehen zu werden, wirkte- ich befand mich in diesen Tagen sowieso in einem Zustand tiefster Depression so niederschmetternd auf mich, daß ich meine Absicht, Ihnen bald nach meiner Ankunft zu schreiben, nicht durchführen konnte. Es war nicht etwa die Zerstörung irgendwelcher materieller Hoffnungen, sondern eine tiefe menschliche Enttäuschung, die mich so schmerzte. Das ist ein Artikel, von dem ich nicht mehr viel vertragen kann, aber das ist jetzt aus dem Wege geräumt. Emil Kirschmann und ich danken Ihnen herzlich für Ihren Willkommensgruß. Wir leben vorläufig hier in Meriden, Connecticut, im Hause von Emils Bruder Robert Kirschmann. Daß Robert seinem Bruder sein Heim und Existenzmittel zur Verfügung stellt, ist bei dem Ve häktnis zwischen den beiden Brüdern selbstverständlich. Daß er, seine Frau und drei erwachsenen Söhnen Freundschaft, Gastlichkeit und Hilfsbereitschaft in so großzügiger Weise auf mich ausdehnen, schätze ich dankbar ein. Daß ich hier bleiben kann, erspart mit die sonst unausbleiblichen Bitterkeiten des Emigrantenschicksals in New York und bewahrt mich vor der großen menschlichen Einsamkeit. Außer uns beiden gibt Robert Kirschmann auch noch einem jungen Mädchen, das mit uns gekommen ist, Obdach und Nahrung. Davon schreibe ich weiter unten. Meine Tage sind angefüllt. Morgens und abends lerne ich Englisch. Dazwischen mach ich mich im Haushalt und an der Nähmaschine nützlich, unter anderem auch durch das Andern geschenkter Kleider für mich. Ich will auchan der Nähmaschine meine Kraft üben, um selbst ein Urteil über meine Leistungsfähigkeit in praktischer zu gewinnen, muß ich aber doch bis jetzt feststellen, daß ich nicht genügend mehr kann, um das etwa als Grundlage für einen Beruf zu machen. So kann ich im Augenblick nicht sagen, was ich wohl anfangen könnte, um mich mit meinen 62 Jahren mit Aussicht auf Erfolg wieder auf eigene Füße zu stellen. In New York haben mich einige Freunde auch zu einem Kommittee geschickt, zum" American Committee för Christian Refugees". Ich kam dort zu einer Miss Day und muß- obwohl ich noch immer nicht mit meiner" inneren" Situation fertig bin- daß ihre menschliche Art geradezu vorbildlcih genannt werden muß. Man zeigte Verständnis, daß ich lieber in 147/148 Meriden leben wollte als in New York. Man gab mir sogar ein Taschengeld für einen Monat und empfahl mich hier an das Committee" Welfare Association". Generalssekretärin ist eine Miss Firestone. Ich bin sehr froh über die Empfehlung von New York hierher, weil ich noch in einer ganz besonderen Verlegenheit war. Man bezahlt mir eine ziemlich hohe Zahnarztrechnung. Miss Firestone will uns auch eine Sprachunterricht vermitteln. Die öffentlichen Kurse hier beginnen erst zum Winter. Wir wären natürlich froh über eine solche Hilfe." Im September fuhr Marie Juchacz auf Hertha Kraus' Vorschlag zu ihr nach Bryn Mawn. Dort empfahl Frau Kraus, wie zuvor schon schriftlich, daß Marie Englisch lernen solle. Das wertvollste Ergebnis des Besuchs war- neben der Erneuerung der persönlichen Verbindung- der Rat, das " American Friends Service Committee" der Quäker in New York aufzusuchen. " In diesem Büro begegnete man mir mit großem Verständnis", berichtete Marie, " doch schien es mir, als ob die Dame, mit der ich mich unterhielt, sich nicht viel von einer Arbeitsvermittlung für mich verspreche. Sie brachte von selbst das Gespräch auf das Iowa Hostel+) und meinte, es seinen im Augenblick acht Personen dafür vorgemerkt, die auf Platz warteten. Von irgendwelchen Kosten haben wir nicht gesprochen. Ich habe nur gesagt, daß ich völlig mittellos bin. Ob ich nun als neunte auf die Warteliste komme, weiß ich nicht." Mitte Oktober teilte ihr das Committee mit, daß es sie für das Iowa Hostel in Scattergood vorgemerkt habe, damit sie dort Englisch lernen und sich mit amerikanischen Gebräuchen vertraut machen könne. Ungefähr um diese Zeit gingen Emil Kirschmann und Käthe Fey nach New York. +) Amerkung von Seite 247) Iowa Hostel war ein von den Quäkern eingerichtetes Haus in Scattergood, Iowa, in dem Einwanderer für einige Zeit untergebracht und mit den wichtigsten Voraussetzungen für einen zukünftigen Beruf vertraut gemacht und acuh in Stellungen vermittelt wurden. 148 Marie besuchte damals an drei Abenden der Woche einen englischen Kursus. Die übrigen Teilnehmer waren schon lange im Lande. Im Gegensatz zu Marie verstanden sie Englisch und konnten es leidlich sprechen, aber die meisten von ihnen konnten es nicht lesen und schreiben. Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler erschwerten den Unterricht. Die Lehrerin vermittelte dann Marie noch Privatunterricht. Mitte Januar 1942 hörte sie, daß sie am 26. Januar in Scattergood erwartet würde. Miss Day erledigte alle/ schriftlichen 248 149 Anträge und eise vorbereitungen für Marie." Nach jeder bösen Nacht ist sie der gute Tag", schrieb Marie. Am Tage ihrer Ankunft in Scattergood schrieb Marie an Emil Kirschmann: " Nun bin ich an Ort und Stelle. Es hat alles geklappt. Der Wagen, in dem ich fuhr, war fast leer, er war für" ladies" reserviert.... Ich blieb in Chicago und sprach dort außer Walter Friedländer und seiner Frau, bei denen ich wohnte, Louise Morgenstern, jetzt Oppenheimer, die bis 1939 noch in Düsseldorf war und oft mit Lotte( Maries Tochter) zusammen gewesen ist. Dann Dr. Erna Magnus, Hanna Hellinger, Martha Eva Parker( früher Prochownik), Felix Kautsky Hier wurde ich erwartet und habe schon an einer Abendmahlzeit teilgenommen. Das Heim ist praktisch, einfach und sauber, der erste Eindruck sehr sympathisch. Ich teile das Zimmer mit einer Frau Hackel... Von ihrer Lebensweise berichtete sie an Emil Kirschmann: 12 " Um 7 stehe ich auf. Nach dem Frühstück Bett machen, meeting , dishes washing( Geschirrspülen), Staub in uneren Zimmern wischen. Von 9- 12 Grammatik gearbeitet und alex gelesen. 12:15 Badezimmer geputzt.( Beide Dinge Geschirrspülen und Bad sind mein Wochendienst). Dann zum Essen fertig machen. 12:30 lunch. Von 13- 14 hatte ich meine Stunde bei Bob. Danach habe ich für die phonetic- Stunde gearbeitet, von 3 bis viertel nach 4 war phonetic- Unterricht bei einem anderen Lehrer in Scattergood( wir hennen ihn Jean). Dann habe ich mir aus der Küche Kaffee geholt und bin dann 20 Minuten die Landstraße entlang gelaufem. Um 5 gab Bob eine Stunde: American History. Er hat mir erlaubt, daran teilzunehmen, weil ich ihm sagte, daß ich nicht genügend gut, deutlich und langsam sprechen höre. Und jetzt läutet es zum dinner. Nach dem Essen: Ein Vortrag über Bankwesen in Amerika. Während des Vortrages werde ich stricken. 150/ Wir haben eine Menge Wolle bekommen und stricken daraus Sachen für German refugees in France... Wir hatten einen Quäkerbericht gelesen, der davon spricht, daß die Menschen dort teilweise so apathisch sind, daß sie nicht mehr zur Selsbsthilfe fähig sind, wenn ihnen Material irgendwelcher Art zur Verfügung gestellt wird." Später schrieb sie wieder an Emil: " Ich arbeite gerade- in englisch- systematisch ein Buch durch, es enthält 12" stories" über berühmte Leute, die sich unter Schwierigkeiten durchgekämpft haben. In Englisch soll ich einen gedrängten Bericht darüber geben. Es ging für mekn Gefühl sehr schlecht, aber ich habe hart gearbeitet und werde nicht nachlassen... Letzten Mittwoch habe ich den irischen Bergarbeiterfilm gesehn. Nach dem waren einige von uns im Studentenheim zum dinner und dann ging es in ein Konzert zum Union Studentenheim... Das Essen mit meheren loo" girls" in einem großem" dining- room" bei Kerzenbeleuchtung und Bedienung durch Stedentinnen war aufgemacht wie eine große festliche Veranstaltung, aber man hatte trotzdem das Gefühl, daß es der tägliche Betrieb ist. In den" parlors" herrscht Reichtum und Bequemlichkeit. Und von dem anderen Haus und seinem Reichtum kann man Wunderdinge berichten. In den USA tut man wirklich etwas für die Jugend, und trotzdem hat man manchmal das Gefühl, als müßte man diese lachende Jugend, die dennoch Fischblut in den Adern zu haben scheint, in aller Freundschaft wachrütteln und ihnen von der Welt erzählen wie sie wirklich ist, um sie vor einem späteren, wiet schrecklicherem Erwachen zu bewahren. Und wieder später schrie b sie über das morgendliche " meeting" der Quäker im Iowa Hostel: " Wenn ich sage, daß ich öfters des Morgens in das" meeting" oder man kann auch die" Andacht" sagen- gehe, so ist das nicht zum Lachen. Ich war einmal dort und gehe nun so oft wie möglich hin. Es ist ein leerer, kahler Raum, der nur einfache Bänke mit Rücklehnen hat, ebenso kahle weißlich_ graue Bänke, in der Mitte ein glühender Ofen. Dort sitzt 150 man ganz still; jeder denkt, was er will, an seinen Gott, an den vergangenen Tag oder an den, der kommen wird. Wenn die Viertelstunde oder 20 Minuten( ich habe nicht nach der Uhr gesehen) um sind und man tritt ins Freie, dann ist man wunderbar erfrischt und ausgeruht. Oft steht unmittelbar vor Die der große aufgehende Sonnenball in der weiten, schweigenden Schneelandschaft und Du siehst diese Schönheit und empfängst sie wie ein Geschenk. Es erfüllt mich mit starker Freude, daß ich das noch immer aufnehmen kann. Jetzt, beim Schreiben, kommt mir der Gedanke, wie klug es doch ist, ein solches meeting einzurichten, in das alle können. Es ist der Ausdruck einer klugen Toleranz, mehr lebensklug und wissend als fromm." Und dann:- " Es geht mir gut im Augenblick und ich bin sogar etwas vergnügungssüchtig. Bob nahm mich mit in einen Film, " The Male Animal", - 151- kommen können. Es ist der Ausdruck einer klugen Toleranz, mehr legensklug und wissend als fromm." Und dann: " Es geht mir gut im Augenblick und ich bin sogar etwas vergnügungssüchtig. Bob nahm mich mit in einen Film," The Male Animal", einen für amerikanische Verhältnisse guten Film und sehr gut gespielt. Am Nachmittag fand eine tea party statt, bei einer lady, jung gepflegt, groß und schlank, mit sehr kurzem Kleid, wie es fast jede Dame hier trägt. Die Frauen sehen manchmal wie Balletteusen aus. Bei dem Tee gab es viel how do you do, I amglad to see you, it was very nice to see you, very glad to meet you, isn't it wonderful?, please, come again, und so weiter. Das sind die Floskeln, ddie ich noch lernen muß; ich kann sie besser schreiben als sprechen. Es war alles etwas oberflächlich und konventionell, mit Ausnahme von einigen, mit denen man sich im kleineren Kreise hätte gut unterhaltenkönnen." " Überall sind billige und leichte Holzhäuser, innen gut ausgestattet mit Gasherd( wie auch in Scattergood) für Flaschengas, denn mit Holz und Kohle gibt man sich nicht ab. Natürlich mit icebox, elektrischem Kocher neben den Gasherd, Toaströster, kurz und gut mit all dem, was in einen modernen Haushalt gehört. Unten, neben der Küche, drei Wohn- und Eßräume mit Sofas, Sesseln, Polster- und Schaukelstühlen. Im Eẞraum viele Blumen, und alles schlicht gehalten, trotz Klavier, gefüllten Bücherregalen usw. Die Schlafzimmer sind upstairs, insgesamt drei Doppelräume. Die Frau macht das Haus alleine, es war auch gar nicht möglich, Hilfe zu bekommen. Auch ein Knecht, der dem Mann auf dem Acker und im Stall hilft, ist nicht da. Dabei sind die Menschen gut und sauber angezogen, sie könnten aus der Stadt zu Besuch eet sein. Die Frau ist immer gut frisiert und scheint nicht im geringsten abgehetzt. Auch das ist alles ganz anders als in Deutschland- oder Europa." " Alles, was Du über das Lennen der Sprache schreibst, ist tröstlich. Aber ich habe oft schwere Stunden. Die Welt situation quält mich sehr. Ich höre und lese zu wenig Unmittelbares. Radio? Das wäre schon etwas wert. Der schöne Apparat im living- room wird immer dann, wenn ich mir eine freie Stunde machen kann, zum Abhören von Musik gebraucht... Gerade in dieser Beziehung quält mich die Sprachhemmung doppelt. Ich bin beim Unterricht, bei Tisch und in der Abend unterhaltung gehemmt, ein Gespräch anzuschneiden oder durch Fragen dahin zu lenken, wohin ich es haben will. Bob ochst - 152 - 152jetzt mit mir die unregelmäßigen Verben und die Zeitformen durch. Er weiß genau, daß ich nicht anfange zu sprechen, wenn ich das Gefühl habe, im Dunkeln zu tappen." Michel's mother told him that she had always felt that she was blind, for although she had eyes, she could not read."* So ungefähr sind auch meine Gefühle gegenüber diesem Land und seinen Menschen." Martha- Eva Parker berichtet aus Maries Briefen, wie erstaunt Marie über die Schwäche der sozialistischen Gruppe in den Vereinigten Staaten war, daß es an Kritik am Unternehmertum fehlte, obwohl die große Arbeitslosigkeit, die mit der Krise von 1929 begann, erst durch die Kriegsindustrie überwunden wurde. Sie verstehe nicht, daß der amerikanische Arbeiter sich mit dem' American way of life' identifiziere. Aber dann gibt ihr Bob Literatur, damit sie die Entwicklung amerikanischen Denkens verstehen lerns." Sie ackert sich durch" und schreibt, was sie gelernt hat, nieder, um es wirklich zu verarbeiten und sich englisch ausdrücken zu lernen. Einmal geht sie auch nach Chicago, um die sozialen Nachbarschaftshäuser zu studieren, und lernt dabei auch die sozialen Niederungen einer amerikanischen Großstadt kennen. Auch die alten Freunde dort trifft sie wieder. Nach dem Wiedersehen schrieb sie an Louise Morgenstern: " Wir hatten im Hotel eine Debatte über die Zeit nach dem Krieg. Das hat für den Verlauf der Weltgeschichte nichts zu bedeuten, aber für mich selbst sehr viel. Ich fühle sofort den elektrischen Strom, wenn eine ernsthafte Debatte geführt und mit den Problemen gerungen wird." Und danach wieder an Emil Kirschmann: " Hier in Scattergood häuft sich die Arbeit... Prinzip ist, daß zwischen staff and other people kein Unterschied gemacht wird, und das wird auch eingehalten. Wenn wirklich hier einmal etwas gelockert wird, dann zugunsten der Frauen, indem man bestimmte Dinge als Men's work bezeichnet. Dabei komme ich natürlich bei meinem Alter gut weg. So hatte ich mich diese Woche für dishes washing after lunch and breakfast eingetragen. Beides nimmt jedesmal eine knappe Stunde in Anspruch. Da hat man after lunch gestrichen und mich für mangling eingeschrieben. Das ist zwar auch dreimal eine Stunde, aber *)" Michels Mutter sagte zu ihm, daß sie immer das Gefühl hätte, blind zu sein%; B sie hätte zwar Augen, aber sie konnte nicht lesen. -153 - - 153- aber ich sitze dabei an der elektrischen Wäschemangelmaschine und es ist wirklich nicht anstrengend. Solche jobs gibt es mehrere. Aber auf eins kommt es an: auf die Einstellung, die man dem Hostel gegenüber hat. Keine Dankbarkeit zur Schau tragen, nicht devot sein, sondern alles als selbstverständlich hinnehmen, das ist das Richtige. Wie man aber in geradezu rührender Weise sich in die Schwierigkeit der foreigners hineinfühlt, Schwierigkeiten, in die jeder versetzt wird, wenn er in dieses große und fremde Land kommt, muß uns doch veranlassen, das alles innerlich ohne es groß auszusprechen dankbar anzuerkennen. Dabei können natürlich auf Seite des Gastgebers Irrtümer vorkommen, sie kennen uns ja auch nicht. Aber auf die Generallinie kommt es an." Allmählich wurde Marie, die der an Jahren älteste Gast in Scattergood war, auch der am längsten anwesende. Das bestimmte sie, ihre Abreise für den Herbst 1942 vorzubereiten. Sie wollte nach New York, wo Emil Kirschmann lebte, und sie viele Freunde aus der deutschen Heimat hatte. Es war eine Reise ins Ungewisse. Was sie dort anfangen würde, wußte sie nicht. Die Abschiedsworte, die man ihr in Scattergood widmete, zeigen, wie sehr man dort die Frau respektierte, die ihren alten Grundsätzen treu blieb und oft von ihnen sprach und die dennoch sich ohne Pochen auf Ihr Alter und ihre Vergangenheit in die Hausordnung einfügte und mit Eifer aufnahm, was das Heim bot: die fremde Sprache sprechen, die Gebräuche des neuen Landes kennen zu lernen. Scattergoot hat Marie wohlgetan. Sie hatte so viel Englisch gelernt, daß sie sich in Amerika frei bewegen und Amerikanern verständlich machen konnte und, was ebenso viel bedeutete: Sie hatte verstehen und ertragen gelernt, daß man sie in Amerika bei aller Achtung vor ihrem Wesen und ihrer früheren Leistung nach ihrem Wert für Amerika einschätzte. Als Hedwig Wachenheim sie in New York wiedersah, fand sie Marie energischer und beweglicher geworden, als sie sie gekannt hatte. Marie kehrte zu Emil Kirschmann zurück, als sie nach New York ging. Die beiden betrachteten sich in ihrer Emigration, wie sie das zuvor in Deutschland getan, als Mitglieder einer kleinen, eng zusammengehörigen Familie. Emil arbeitete als Fabrikarbeiter. Da er nie zuvor in solcher Arbeit gewesen und schon über 50 Jahre alt war, als er damit anfing, konnte er nicht mehr so viel verdienen wie andere Arbeiter in Amerika. Er konnte Marie nur ein bescheidenes, aber eben doch ein Heim bieten. - - 154 - 154- Vierzehn Tage nach ihrer Ankunft schrieb Marie an Louise Morgenstern: " Ich bin jetzt schon volle zwei Wochen hier in New York und in einer sozusagen eigenen Wohnung, die zwar von fremder Hand möbliert wurde, aber in ihrer Art so erträglich ist, daß ich ehrlich sagen kann, daß ich mich wohl fühle. Das macht sehr viel aus, Sie wissen es!- Die Washington Terrace ist eine kleine Sackgasse... Die Häuser erinnern mich ein wenig an unsere Klettenbergsiedlung in Köln, oder an irgend eine andere kleine Siedlung in Germany. Es sind zwei Zimmer und Küche, das zweite Zimmer ist sehr klein, die Küche ebenfalls. Aber es geht sehr gut, man kann sich helfen. Von dem größeren Zimmer haben... wir einen Blick auf den Harlem River. So allmählich komme ich in das Leben der großen Stadt hinein. Ich muß die Subway und andere Verkehrslinien kennenlernen und mir die Straßenbezeichnungen einprägen... muß lernen, das Gedröhne der Subway zu ertragen( es gibt Menschen, die unbeirrt dabei lesen können), und anderes mehr. Sie können mir nachfühlen, wie stark ich den Kontrast zwischen hier und Scattergood empfinde. Ich werde wohl etwas müde, das werden andere auch, aber ich fühle mich- dank Dr. Hasse recht wohl und bin froh darüber. - Über Berufsaussichten kann ich noch gar nichts erzählen, es ist manches in ganz vager, leisester Vorbereitung. Nicht mehr. Ich sehe viele Menschen, darunter wirkliche Freunde. Daß ich in Chikago wirkliche Freunde zurückließ, wußte ich genau und war dankbar dafür, dankbar meinem Schicksal, das mich immer und überall mit wertvollen Menschen in Berührung brachte. Aber wie groß die Kameradschaft und gute Gesinnung dort für mich war, habe ich erst jetzt erfahren. Das wird meinen Mut, es aufs neue mit dem harten Leben aufzunehmen, stärken..." Körperlich fühlte sich Marie nicht mehr kräftig genug, um eine Hauspflege, wie Hertha Kraus sie anregte, oder die Überwachung eines Heimes zu übernehmen. Auch hatte sie ja eine Hausarbeit, zu der Freundschaft und Pflicht gefühl sie drängten. Als sie sah, daß es keine bezahlte geistige Arbeit für sie gab, - 155- 155 suchte sie geistig zu arbeiten, wenn auch ohne Verdienst. Im amerikanischen Leben konnte sie nicht finden, was sie suchte, es war ihr zu fremd, ihre Sprachkenntnisse zu dürftig. Sie fühlte sich nicht e- lastisch aber auch nicht interessiert genug, die Fremdheit zu überwinden. Ihr Interesse war an die deutschen Ereignisse und die deutsche Zukunft gebunden. Sie hätte gern bei der German Labour Delegation mitgearbeitet, die gerade jetzt ah einem Programm für die deutsche Zukunft arbeitete, das sie später veröffentlichte. Der German Labour Delegation stand in der sozialdemokratischen, in deutscher Sprache erscheinenden " Neuen Volkszeitung", das ihr Mitglied Gerhart Seger redigierte, ein wöchentliches Organ und in den deutschen sozialdemokratischen Sport- und Kulturorganisationen ein Forum zur Verfügung. Marie hatte sich aber aus Gründen, über die sie nie sprach, schon vor ihrer Reise nach Amerika der Emigrantengruppe-Neu- Beginnen angeschlossen, vermutlich, weil diese nicht mit dem Parteivorstand zusammenarbeitete, wie die German Labour Delegation das tat. Die German Labour Delegation wollte aus Gründen, die hier keiner Eørörterung bedürfen, mit Mitgliedern der Gruppe-Neu- Beginnen nicht zusammenarbeiten und nahm Marie Juchacz nicht auf. So gründete Marie mit einigen Freunden, die sich aus sachlichen oder persönlichen Gründen keiner der bestehenden Emigrantengruppen angeschlossen hatten, ihre eigene kleine Gruppe und fand mit ihr Anschluß beim Workmen's Cirole. Auf Wunsch der Freunde übernahm sie den Vorsitz. Der Workmen's Cirole war eine Arbeiterkranken- und Sterbekasse, die im wesentlichen sozialistische jüdische Arbeiter der Textil- und Bekleidungsindustrie umfaßte*) und dem Jewish Labour Committee angeschlossen war, aber auch andere Mitglieder zulieẞ. Marie führte dem Workmen's Cirole Mitglieder zu, dieiihm vorher nicht erreichbar waren. Seine Verhandlungssprache war in der Regel englisch oder jiddisch. Marie organissierte eine deutsche Sprachgruppe. Die Beschäftigung mit Deutschlands Gegenwart und Zukunft war das Bildungsprogramm von Maries Gruppe. Wie an dem Tag in Scattergood, an dem die Probleme der Nachkriegszeit erörtert wurden, fühlte sie sich, durch die Möglichkeit ernster Diskussion über diese Probleme, wie von " einem elektrischen Strom" aufgerüttelt. Aus dem Gefühl des anständigen Menschen, dem das Wohl seiner Mitmenschen am Herzen liegt, und ihrer politischen Tradition gemäß, sprach sie ihren Abscheut gegen das Naziregime und Nazideutschland aus. Ihre Solidarität mit der deutschen # 156- -156*) Anmerkung von S.) Derartige auf die Gemeinschaft der Sprache und Gesinnung auch der Religion aufbauende Versicherungskassen gibt es viele in Amerika. Sie haben in der Regel auch ein Bildungsprogramm, das ihrer sprachlichen, politischen oder religiösen Eigenart entspricht Arbeiterbewegung führte sie dazu, die Kollektivschuld Deutschlands am deutschen Geschehen abzulehnen. Der kleine Kreis ihrer Zuhörer, die mangelnde Reichweite ihrer Worte störten sie nicht. Sie war glücklich, ihre Gedanken wieder für eine Zuhörerschaft und Diskussion sammeln, ordnen und formulieren zu können, sich wieder einmal geistiger Disziplin unterwerfen zu müssen. Am 9. Mai 1945, einen Tag nach der vollendeten Niederlage Deutschlands, schrieb sie an Louise Morgenstern: " Man kann sehr beschäftigt sein, auch wenn man- wie ich- keinen richtigen' job' hat. Die Situation hat sich im Laufe der Zeit verhältnismaäßig angenehm und erträglich gestaltet. Zu Anfang war es hier in New York recht karg und quälend für mich. Emil Kirschmann arbeitete für einen geringen Lohn in einer Fabrik und mir wurde gelegentlich von Freunden geholfen. Dadurch, dass wir keine Möbel hatten, wohnten wir erst sehr teuer, und ich bemühte mich immer und immer vergebens um eine Arbeit für mich, die ih tun konnte, ohne in absehbarer Zeit auf der Nase zu liegen. Dann gelang es uns, wenigstens mit ganz billigen Heilsarmee- Möbeln, einen Anfang zu machen. Wenn die Einkünfte gering sind, fallen zwölf Dollar MieteErsparnis mächtig ins Gewicht. · Aber von da an ging es aufwärts. Emil Kirchmann traf zufällig einen Jugendgefährten, der schon 1933 hierher kam und sich- des Tellerwaschens und ähnlicher Arbeiten müde- mit einem bescheidenen Kapital seiner Frau ein kleines Geschäft aufgebaut hatte. Er schneidet und schleift Diamanten und andere echte und synthetische Steine, die er direkt von seinem Betrieb aus an Händler abgibt. Er bot Emil sofort an, Steine direkt an Fabrikanten zu verkaufen, weil ihm der Verkehr mit den Zwischenhändlern nicht zusagte, aber in erster Linie wohl, weil er einem alten Freund damit helfen konnte. Das hat sich auch sehr gut angelassen, weil die Zeit dafür günstig war. - Während der Fabrikarbeit, aber eigentlich schon vorher, hatte sich bei Emil Kirschmann eine viel zu zeitige und in ihrem Verlauf sehr ernst zu nehmende Arteriosklerose gezeigt, die besonders die Nieren mitgenommen hatte. Der befreundete Arzt verbot mit allem Ernst die Fabrikarbeit. Gegenwart und Zukunft sahen wirklich sehr, sehr schwarz aus, bis dann die Wendung zum Guten eintrat. -157 - 157- Unsere junge Freundin, Käthe Fey, die seit 1935 mit uns zusammenlebt, beendete in dieser Zeit ihre Lehre als" practical nurse" ( Krankenschwester), fand sofort eine Stelle und beteiligt sich dann als sie verdiente- auch sofort wieder an unserem Haushalt. Jetzt ist es so, dass ich diesen kleinen Haushalt für uns drei führe, wobei mir manches erleichert wird, so dass ich so leben kann, wie es nötig ist, ohne immer mit dem penny rechnen zu müssen. ... Sie können sich wohl vorstellen, dass es jetzt anfängt, mich zu quälen, dass ich noch immer nichts von meiner Tochter Lotte, von meinem Sohn Paul und seiner Frau und den Kindern erfahren konnte. Ich gab mir selbst grosse Mühe, etwas zu hören, aber bisher vergebens... Auf der anderen Seite hören wir von Freunden, die wir in Frankreich zurücklassen mussten, weil keine Visa für sie zu haben waren oder andere unüberwindliche Hindernisse vorlagen, eine ganze Menge. Manche wurden aufgegriffen und deportiert, die Familien blieben zum Teil in bitterster Not zurück und leben noch immer unter den schlimmsten und notdürftigsten Verhältnissen. Zum Teil sind die Freunde tot, manche tauchen plötzlich wieder auf, krank und verhungert... Es hat sich ein recht lebhafter Briefverkehr zwischen den Freunden hüben und drüben entwickelt, und die individuelle Hilfe von Mensch zu Mensch kam lebhaft in Gang. Dabei stellte sich aber doch heraus, dass darüber hinaus etwas Richtiges organisiert werden muss, damit die, die sich bis jetzt aufrechterhalten und schlecht und recht durchgeschlagen haben, nicht zuletzt doch noch vor die Hunde gehen. Die Franzosen als Menschen sind im Durchschnitt alle sehr hilfsbereit und die französischen Sozialisten verhalten sich tadellos. Aber in materieller Hinsicht können sie jetzt beim besten Willen -158 -158- noch nicht helfen, denn sie haben ja selbst nichts.... Wir sind dazu gekommen, eine kleine Hilfsaktion auf die Beine zu stellen. In diesen Tagen sind in enger Verbindung mit dem Jewish Labour Committee und mit seiner organisatorischen Hilfe die ersten 80 Pakete an unsere Freunde abgegangen. Jedes ist 17 Pfund schwer... Ich leite schon seit längerer Zeit als Vorsitzende eine kleine deutschsprachige Gruppe des Workmen's Circle, eine früher einmal aus jüdischen, meist östlichen Kreisen hervorgegangenen Krankenund Sterbekasse. Auch wenn wir wissen, dass unsere Hilfe vorerst nur kein und unbedeutend sein kann, ist doch der moralische Wert unserer Haltung ein nicht zu unterschätzender Faktor. Wenn Sie uns mit Adressen und Empfehlungen helfen könnten, den Kreis zu verbreitern, wäre ich Ihnen sehr dankbar, zumal ja schon jetzt vorauszusehen ist, daß wir nicht bei Frankreich bleiben werden. Doch darüber später, wenn die Zeit reif ist. Den Nationalismus, den die" Volkszeitung" hier vertritt, halte ich -auch besonders für die Zukunft gesehen- für verhängnisvoll. Niemand von uns ist das duetsche Schicksal- auch als ganze Nation gesehen- gleichgültig. Wir internationalen Sozialisten sollen es uns dreifach und öfter überlegen, ob wir die nationale deutsche Frage in nächster Zukunft so deutlich in den Vordergrund stellen sollen und die schwachen Kräfte einer sich aufrichtenden Arbeiterbewegung von vornherein damit belasten. Unsere Gedanken und Kräfte sollten sofort europäisch und weltpolitisch ausgerichtet werden Der September kam, und noch immer hatte Marie nichts von ihrer Familie in Deutschland gehört. Dann erhielt sie einen Brief von Fritz Roehl, Elisabeths Sohn. Er war im Sommer aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurückgekehrt und arbeitete in München bei der amerikanischen Theaterüberwachungsstelle. Seine amerikanischen Vorgesetzten hatten Maries Adresse ausfindig gemacht. Lotte, so 11 -159- schrieb Fritz, sei in Düsseldorf Rechtsanwalt, Paul, dessen Söhne nun 11 und 12 Jahre alt waren, arbeitete als Gutsverwalter in der Nähe von Andernach, Emils Bruder August wohnte noch in Oberstein. Er selbst, Fritz, sei auch verheiratet. Nun war auch diese Sorge, die immer hemmend auf Marie gelegen, von ihr genommen. 159Amerikanische Paketsendungen an Deutsche waren damals nicht erlaubt. Aber bald erklärten sich amerkanische Soldaten, die den oder jenen Freund in Deutschland kennen gelernt hatten, bereit, Pakete zu übermitteln. So dehnten Marie und ihre Gruppe des Workmens' Circle ihre Hilfe auch auf die Gesinnungsgenossen in Deutschland aus, auf die Gesinnungsgenossen und Verfemten. Für die Pakete musste Geld gesammelt und eingekauft werden. Maries Tätigkeit wuchs. Die Ausweitung der Hilfe von Mensch zu Mensch, von Organisation zu Organisation schwebte ihre von Anfang an vor. Aber ihre Gruppe im Workmens' Circle war zu klein für solche Beginnen. Noch erlaubten auch die amerikanischen Bestimmungen öffentliche Sammlungen für Deutschland nicht. Aber Marie hatte keine Ruhe. Sie schrieb an Regina Kaegi vom schweizerischen Arbeiterhilfswerk, um sie zu fragen, ob sich ihre Gruppe dem geplanten Hilfswerk der Schweizer anschliessen dürfe. Auch die Mitglieder der deutschen sozialdemokratischen Vereine in USA, Turner und Sänger, und der Arbeiterkrankenkasse hatten den Wunsch, den Gesinnungsgenossen in Deutschland zu helfen. Geld sammeln konnten auch sie nur im eigenen Kreis und nicht öffentlich. Sie taten es und übernahmen ausserdem gegen eine Gebühr die Zusammenstellung und Versendung von Paketen, die Vereinsmitglieder persönlich an Verwandete und Freunde nach Deutschland senden wollten. Die so zusammenkommenden Gelder benutzten sie für Pakete für diejenigen, die unter dem Nazisystem gelitten hatten. Sie liessen sich mit ihrer Hilfsaktion in Yorkville, dem deutschen Viertel New Yorks, nieder und nannten sie Arbeiterwohlfahrt. Die Gründung und der Name elektrisierten Marie. Die neue Hilfsgruppe, der auch die German Labour Delegation angehörte, war viel grösser und leistungsfähiger als ihre kleine im Workmens' Circle. Aber die neue Hilfsgruppe würde die organisatorischen und wohlfahrtspflegerischen Kenntnisse und Erfahrungen einer Marie Juchacz brauchen und von ihnen profitieren können. Marie musste den Bann der German Labour Delegation, der sie von dieser Arbeit ausschlosse brechen. Ende September 1945 schrieb sie einen Brief an Friedrich Stampfer, -160 -160den früheren Redakteur des" Vorwärts" und Mitglied des sozialdemokratischer Parteivorstandes, der seit seiner Ankunft in New York, 1940, der German Labour Delegation angehörte: " Ich lege absolut keinen Wert darauf, politisch hervorzutreten. Neben einer gewissen persönlichen Verbitterung, die Ihnen in ihren Ursachen nicht ganz fremd sein sollte, sind es nur mit meiner Person zusammenhängende Gründe, die micht veranlassten, von der aktiven politischen Teilnahme abzusehen. Das mag man vielleicht nicht verstehen, aber ich glaube beanspruchen zu können, dass man es respektiert. Etwas anderes ist es mit der Hilfstätigkeit für Deutschland. Dafür habe ich den Rest meiner Kraft aufgespart, und dafür will ich sie verwenden trotz allem, was dazwischen liegt." Stampfer brach den Bann. Man nahm sie auf. Nun sah sie ihren Weg vor sich. Sie arbeitete zäh. Sie spornte den Willen der deutschen Organisation zur Hilfe an. Briefe, wie der an Louise Morgenstern, in dem sie bat, dass Louise in ihrem Bekanntenkreis für die in Frankreich zurückgebliebenen deutschen Flüchtlinge sammele, sandte sie nun auch an viele andere Freunde und Bekannte mit der Bitte, für die Opfer des Nationalsozialismus in Deutschland Geld einzusenden. Durch eine ausgedehnte Korrespondenz mit deutschen Freunden, deren Adressen sie allmählich erfuhr, erweiterte sie ihre Kenntnis der besonderen Bedürfnisse in Deutschland und der Plätze, dort, an denen besondere Nöte auftauchten, und der Stellen, an die Sendungen erfolgen konnten. Dann hörte sie, daß hier und dort in Deutschland die Arbeiterwohlfahrt neu erstand. Hedwig Wachenheim, die Ende des Winters 1945/46 von der amerikanischen Armee nach Deutschland geschickt worden war, um in der Wohlfahrtsabteilung der Militärregierung von Württemberg- Baden zu arbeiten, berichtete, daß sie dort eine wohlorganisierte und rührige Arbeiterwohlfahrt vorgefunden habe. In Amerika bekamen noch vor dem Sommer 1946 einige Organisationen, die enge Beziehungen zu deutschen Organisationen hatten, die Erlaubnis, für Hilfe in Deutschland zu sammeln und Spenden dort zu verteilen. Zu diesen Organisationen gehörten u.a. die Labour League for Human Rights, die von dem amerikanischen Gewerkschaftsbund gegründet war He in Deutschland Gewerkschaftlern mit amerikanischen Lebensmitteln und Kleidung zu unterstützen, ferner das Rote reuz und die Wohlfahrt organisationen der christlichen Kirchen, aber auch einige nicht an deutsche Organisationen gebundene Komitees. Die" Arbeiterwohlfahrt USA Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus"- wie sie sich offiziell1nannte schloß sich der Gewerkschaftslige für Menschenrechte an, in deren Namen sie nun -161 161- sammeln und der sie ihre Spenden zur Verteilung an die von ihr bestimmten Empfänger in Deutschland übergeben konnte. Marie passte sich bei ihren Sammlungen teilweise amerikanischen Methoden an und veranstaltete Bazare und Konzerte, um Geld einzubringen. Sie wandte sich an die ihr bekannten Stellen der Arbeiterwohlfahrt in Deutschland und bat um Bilder und Berichte von der Not der Naziopfer und Arbeiterschaft im allgemeinen. Über die Eindrücke, die sie so über die Not in Deutschland gewann, sprach sie vor den deutschen Arbeiterorganisationen in New York und schrieb sie auch in der" Neuen Volkszeitung", um Ortsgruppen außerhalb New Yorks zu erreichen. " Wir haben die Zähigkeit mit der diese Frau arbeitete und die Fülle der Arbeit, die sie in ihrem Alter noch leistete, bewundert", berichtete Kurt Schumann, der damals Vorstandsmitglied der New Yorker Arbeiterwohlfahrt war, einem Besucher aus Deutschland. " Ohne sie hätte unsere Arbeiterwohlfahrt wenig bedeutet, durch sie konnten wir vielen Naziopfern helfen. So haben wir sie 1947 zu unserer Vizepräsidentin und 1948 zu unserer Präsidentin gemacht." Und dann kam das alte Lied:" Persönlich aber blieb sie verschlossen. Von ihr selbst kann ich Ihnen nichts erzählen. Eine engere Freundschaft mit ihr entwickelte sich nicht." Am 19. Juni 1947 kam der erste Brief von Lot te Lemke, die aus Ostpreussen geflohen war und, nachdem sie in einer Berliner Wohlfahrtsverwaltung gearbeitet hatte, im März 1946 nach Hannover gegangen war, um dort die Leitung der Arbeiterwohlfahrt für die Westzonen zu übernehmen und sie, wo nötig, wieder zu erwecken. Sie berichtete von der Ausdehnung der neuen Arbeiterwohlfahrt, " denn es ist ja ihre Organisation", und später auch von vielen früheren Mitarbeitern, die sie wiedergesehen hatte und die zum Teil wieder mitarbeiteten. Sie erzählte auch von den vielen Bezirks- und Ortsausschüssen, die sich neue im Lande bildeten. Am 21. Februar 1947 schrieb Lotte Lemke, daß Regina Kaegi aus der Schweiz in Deutschland war, und daß sie während dieses Besuches oft gedacht habe:" Wie würde es sein, wenn Marie Juchacz einmal zu uns käme... Läßt sich das nicht einrichten? Ich glaube, unsere Arbeit würde einen schönen Aufschwung bekommen und viele der alten und neuen Mitarbeiter würden glücklich sein, Dich bei uns zu haben." Marie schob den Entschluß auf. Am 21. März schrieb sie Lotte Lemke: 162- 162" Natürlich sieht es mich, aber- es ist wirklich keine Überheblichkeit, wenn ich für den Augenblick bei näherer Prüfung zu dem Schluß komme: Im gegenwärtigen Zeitpunkt fühle ich mich in Eurem Interesse drüben!- so unabkömmlich, daß ich nicht einmal die Energie darauf verwenden möchte, diesen Gedanken zu verfolgen oder gar Vorbereitungen zu treffen, deren Resultat dann in absehbarer Zeit solche Reise wäre". Am 17. April konnte Lotte Lemke Marie Juchacz mitteilen, daß durch den Einfluß, den Marie in Amerika ausgeübt hatte, die Verteilung der nicht für eine bestimmte Organisation, sondern zur allgemeinen Verwendung verschifften Gaben, sich für die Arbeiterwohlfahrt günstiger gestaltet habe. " Ich habe das sehr starke Bedürfnis," so schrieb Lotte Lemke am 25. Juni," mich mit Dir über viele Probleme auszusprechen, und ich leide darunter, daß das nicht sein kann. Es gibt hier nicht viele Menschen, die mit unserer Sache wirklich so ganz verwachsen sind Die rein organisatorischen Fragen sind gut in Fluß gekommen und werden sich auch weiterhin zufriedenstellend entwickeln. Was mich bewegt und mir eigentlich niemals Ruhe läßt, ist der innere Ausbau, das Ehos, der geistige Gehalt der" rbeiterwohlfahrt rbeiterwohlfahrt.... Ich meine, daß alles darauf ankommen müsse, aus der Arbeiterwohlfahrt( in Deutschland) mehr zu machen als nur einen Apparat, der Hilfe vermittelt. Wir müssen in unserer Arbeit eine überall spürbare, lebendige Ehtik entwickeln.... Darum brauchen wir Dich. Es hat kange gedauert, bis ich mich entschließen konnte, es Dir so unumwunden zu schreiben... Aber ich fühle mich verpflichtet, weil ich fest daran glaube, daß Du einen starken Einfluß auf die künftige innere Entwicklung der Organisation ausüben könntest.... Marie ließ Zeit vergehen, ehe sie am 9. Oktober 1947 antwortete: " Du wirst Dir denken können, daß es mich hinüberzieht, aus zwiei Gründen: Es ist die Bewegung, die ein Stück meines Seins ist und mein ganzes Denken ausfüllt. Dann möchte ich natürlich auch gern meine Kinder und meine Enkelkinder sehen, so lange das möglich ist, denn ein Toter sieht ja nichts mehr, und ich bin jetzt immerhin 68 Jahre alt..... Für Eils Pflege wäre während meiner Abwesenheit gesorgt. Für immer möchte ich natürlich nicht wegbleiben, viel eher will ich einen vorübergehenden Aufenthalt mitbenutzen, um eine spätere Übersiedlung vorzubereiten..." Zur Tätigkeit, die Marie anderen nicht anvertrauen konnte.Wegen -163der Wirkung, die ihre Persönlichkeit und Vergangenheit ausübte, gehörte eine Ansprache über die Hilfe für die deutsche Arbeiterschaft vor dem 4. Nationalen Sängerfest des" Deutschen Arbeitersängerbundes" in Chicago Ende 1947. Ihre Rede wurde als Flugblatt den Ortsgruppen der Deutschen Vereine in den Vereinigten Staaten zugesandt. Weihnachten drängte Ida Wolff, die Leiterin der Berliner Arbeiterwohlfahrt, Marie solle nach Deutschland kommen und ihren Einfluß geltend machen. Sie sprach von den alten Freunden, von Louise Schroeder, mit der Marie schon Briefe wechselte, Elfriede Ryneck, Paul Löbe. Marie antwortete: " Mich zieht es in die alte Heimat zurück, gerade weil es nicht so gut geht drüben. Und weil ich dieses Gefühl nicht verstecke, sondern ruhig und vertrauensvoll zeige, solltet Ihr nicht drängen. Sobald es möglich ist, werde ich kommen." Und im Februar 1948 schreibt sie in einem persönlichen Brief an Lotte Lemke über die wachsenden Sendungen von New York: " Ich kann aus vielerlei Gründen nicht politisch redend durch Deutschland ziehen. Ich bin auch der Meinung, daß selbst dann, wenn mir meine innere Entwicklung das nicht verbieten würde, ich meine Kräfte für andere Aufgaben zu verbrauchen habe. Man darf sich mit 69 Jahren nicht mehr zersplittern, es gibt nur das eine oder das andere Ich werde mich darauf beschränken, sachlich zu arbeiten und Erfahrungen dabei zu sammeln. Wie es hier weitergehen soll, wenn ich nicht mehr hier bin, sehe ich noch immer nicht. Es wird so sein, als ob der Motor aus einem Wagen herausgenommen wird." Und dann endlich am 6. September, nachdem es sich gezeigt hatte, daß die deutsche Währungsreform gelungen war und die New Yorker Arbeit allmählich eingestellt werden konnte:" Meine Reiseangelegenheit schwebt." Sie wollte nicht auf Besuch gehen, sondern endgültig umsiedeln. Am 31. Oktober hieß es:" Als Tag meiner Abfahrt habe ich den 6. Januar festgelegt." Bald darauf schrieb Emil Kirschmann, der in der New Yorker Sommerhitze einen schweren Rückfall in seine Krankheit erlitten hatte, seinem Bruder in Oberstein, daß er und Käthy Fey, die er inzwischen geheiratet hatte, im April nachfolgen würden. Die Arbeiterwohlfahrt New York verabschiedete sich von ihrer Präsidentin in einer großen Feier. Die deutschsprachigen Arbeiterorganisationen -164- mit denen sie gearbeitet hatte, aber auch der Herausgeber der deutschsprachigen, politisch neutralen Tageszeitung" Staatszeitung und Herold" viele andere Amerikaner dankten ihr für ihre New Yorker Arbeit und sprachen die Überzeugung aus, daß sie auch die Aufgaben, die ihrer in der alten Heimat warteten, mit Erfolg lösen werde. - Am 20. Januar 1949 schiffte sich Marie ein. Acht Jahre hatte sie in Amerika verbracht.. Fast 70 Jahre war sei, als sie das Land verließ. Wie hart war der Anfang gewesen! Wie tief die Demütigung der selbstbewußten Frau! Dann aber tauchten Zeitumstände auf, in denen, wie einst in ihrer Jugend, ihre besonderen Eigenschaften und neu- im Alter auch ihre Kenntnisse und Erfahrungen gebraucht wurden, und ein Milieu entwickelte sich, in dem sie wirken konnte. Im Selbstgefühl ihres Wertes hatte sie zugegriffen und mit der Zähigkeit, mit der sie immer eine ihr gestellte Aufgabe anpackte, war sie auch an diese neue gegangen. So hatte sie sich nach großer Hoffnungslosigkeit erneut die Lebensweise geschaffen, die sie immer als die ihr gemäße angesehen: Die Mitwirkung an einer sinnvollen Aufgabe, die in ihrem Bewußtsein einer sozialen Aufgabe entsprach. Sie fuhr auf einem Frachtschiff nach Deutschland. Zehn Tage der Ruhe lagen vor ihr, eine Pause zwischen zwei Leben. Dann mußte sie wieder von neuem beginnen. . LETZTE JAHRE IN DEUTSCHLAND - 165- Schon in Amerika hatte Marie Juchacz gefühlt, daß sie sich in Deutschland nur würde behaupten könne, wenn sie sich der Einmischung in Gegenwartsfragen und Gegenwartspolitik enthielt. Die formativen Jahre der Bundesrepublik hatte sie nicht miterlebt und sie kannte daher die Beweggründe nicht, die das Denken und Handeln der Menschen und Gruppen bestimmte. Darum hatte sie es schon vor ihrer Abreise abgelehnt, in Deutschland politische Vorträge zu halten, obwohl Herta Gotthelf, ihre einstige Mitarbeiterin im Parteivorstand, die jetzt selbst dessen Mitglied und Frauensekretärin war, sie gern als Rednerin für sozialdemokratische Frauenversammlungen gewonnen hätte. Am 2. Februar 1949 landete sie in Bremerhaven. Ihre Tochter Lotte, Lotte Lemke und Herta Gotthelf standen dieses Mal am Ufer, um sie willkommen zu heissen. Auf der Fahrt nach Bremen schienen ihre beiden alten Mitarbeiterinnen ihr so vertraut, als wäre sie nie weg gewesen. In Bremen wurde sie zu einem großen Empfang im Gästehaus der Stadt geführt. Sie scheute die Anstrengung nicht, im Gegenteil sie freute sich der Ehrung und empfand die Festlichkeit der Begrüßung als angenehmen Zwang, die angestaute Erregung zu unterdrücken. Von Bremen fuhr sie mit Lotte Lemke und Herta Gotthelf nach Hannover, wo damals der Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrt und der sozialdemokratische Parteivorstand sassen. Die Freude der alten Freunde, sie wiederzusehen, tat ihr wohl. Sie lernte nun das neue Milieu kennen, in dem sich nundie Arbeit der beiden Organisationen vollzog, und bekam einen ersten Eindruck von den Gedankengängen, die die Bewegung bestimmten. Von Hannover ging sie auf Nettgut in Weissenthurm bei Andernach, das ihr Sohn Paul verwaltete, der seiner Mutter ein kleines Zimmer behaglich eingerichtet hatte. Dort wurde ihr noch einmal eine kleine Frist gegeben, die sie brauchte, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie wieder in Deutschland war, und um ihre Wissbegier über das Alte, das wieder erstanden war, und das Neue, das sich gebildet hatte, zu stillen. Am 17. Februar holte Paul Löbe sie nach Bonn, wo sie im Bundestag von den alten Freunden, die mit ihr im Reichstag gesessen hder zu - 166- - 166 ihrer Zeit Ämter in der Partei und Arbeiterwohlfahrt bekleidet hatten, festlich begrüßt wurde. Sie wollte ihre neue Tätigkeit auf einer Vorstandskonferenz des Bezirks Franken der Arbeiterwohlfahrt am 2. April beginnen." Irgendwie und irgendwann muß ja der Anfang gemacht werden", schrieb sie an Lotte Lemke," aber gleich mit einem grundlegenden Referat? Ich habe das Gefühl, erst einmal ganz warm werden zu müssen. Das kommt aus meinem Gefühl, ich kann es nicht begründen." Bald darauf erklärte sie sich mit einer kurzen Ansprache in Nürnberg und Hamburg einverstanden. " Mit Referaten möchte ich es doch beim jetzigen Zustand sein lassen. Meine Hemmungen sind eher noch stärker geworden Sie holte Lotte Lemke in Hannover ab und fuhr mit ihr nach Westerland auf Sylt, wo sie die Schwesternschule des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt und das Nordsee- Sanatorium des Hamburger Bezirksausschusses besichtigte. Von dort fuhren die beiden zur Hamburger Bezirkskonferenz der Arbeiterwohlfahrt. Marie hatte bisher nur wenig Zeit zum Studium der neuen Arbeiterwohlfahrt gehabt, aber während dieser Zeit doch gelernt, daß diese sich inzwischen zu einer starken Organisationé entwickelt hatte. Sie hatte z.T. das Mitgliedersystem eingeführt und 300.000 zahlende Mitglieder bzw. Förderer. Die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter war aber wesentlich geringer als früher, 50.000 im Jahre 1949 gegen 135.000 im Jahre 1931. Das war ein großer Unterschied, selbst wenn Marie in Rechnung stellte, daß die Bevölkerung der Bundesrepublik kleiner war als die der Weimarer Republik. Dagegen schien die Zahl der Beratungsstellen und anderen halboffenen Einrichtungen, wie der Nähstuben und auch die Zahl der Heime, wesentlich größer zu sein als früher. Wie war das wohl möglich? Welche Ursachen hatte die Wandlung? Welche Folgen? Sie hörte immer wieder von den Ostflüchtlingen, die einen großen Teil der geleisteten Arbeit in Anspruch zu nehmen schienen, und konnte sich doch kein Bild machen von deren Nöten und dem Grad ihrer Eingliederung. In der Ausbildungsarbeit für ehrenamtliche Mitarbeiter legte der Zauptausschuß besonderen Wert auf die Vorbereitung für bestimmte Aufgaben, wie z. B. Beratungsstellen und Kindererholungsfürsorge Auch psychologisch- pädagogische Kurse wurden abgehalten. Diese fachliche Schulung schien die Erörterung der wohlfahrtspolitischen Ziele der Arbeiterwohlfahrt in den Hintergrund zu drängen. Die Ausbildungsarbeit in den Bezirken widmete sich ebenfalls stärker als früher der Erziehung zu spezialisierter Arbeit. - - 167 - 167- Ihre Unsicherheit über Motive und Auswirkung dessen, was die neue Arbeiterwohlfahrt geschaffen, bestimmte sie, in der Hamburger Ansprache bei ihrer Entscheidung zu bleiben und sich von den Tagesfragen fern zu halten. Sie sprach davon, daß die alte Arbeiterwohlfahrt von Hamburg ihren Ausgang genommen, vom Sinn der ursprünglichen Arbeiterwohlfahrt, der die Hitlerperiode überlebte und den alten Mitarbeitern 1945 noch so lebendig erschien, daß sie bald nach dem Fall der Nazis eine neue Arbeiterwohlfahrt mit derselben Aufgabe und dem alten Namen gründeten und für sie die Zustimmung und Mitarbeit der neuen Generation fanden. Von Hamburg kehre sie aufs Nettegut zurück, um bei Paul ihren 70. Geburtstag zu feiern. Das Weissenthurmer Postamt wurde überflutet mit Briefen, Telegrammen und Paketen, die von den Arbeiterwohlfahrtsausschüssen und den alten und neuen Freunden eintrafen. Für Marie bedeuteten die vielen Gratulationsgrüsse die Anerkennung ihrer persönlichkeit und Leistung, eine Bestätigung ihres Selbstgefühls, die ihr wohltat. Dann ging sie auf eine Reise nach Kassel, an den Niederrhein, nach Köln und Nürnberg. Überall dort sah sie alte Freunde wieder und hielt kurze Ansprache vor der Arbeiterwohlfahrt. Am 8. April traf sie wieder auf dem Nettegut ein, um Pläne für weitere Reisen und Vorträge zu machen. Dort muß sie das Telegramm von Robert und Käthe Kirschmann erhalten haben, das ihr den Tod Emil Kirschmanns mitteilte. Wieder schwieg sie über ihre Gefühle. Sie hat die Nachricht nicht einmal in einem Brief erwähnt, den sie unmittelbar nach deren Empfang an Lotte Lemke schrieb. Ihre Reisen brachten sie auch mach Berlin. Damals war die russische Blockade über die Stadt verhängt. Nur über die Luftbrücke kamen die notwendigen Lebensmittel und Kohle nach Berlin. Marie Juchacz besuchte die Berliner Arbeiterwohlfahrt, die gerade begonnen hatte, - 168 - 168- Kinder aus dem leidenden Berlin über die Luftbrücke in Familien und Heime des besser versorgten Westdeutschlands zu senden. Das Berliner Stadtparlament begrüßte die Rückkehrerin. Eingehakt in den Arm Louise Schröders ging sie durch die Wandelhalle und nahm die Grüße der Freude darüber, daß sie überlebt und gesund und frisch zurückgekehrt war, entgegen. Sie selbst sagte immer wieder, wie schön es sei, so viele alte Freunde wiederzusehen und erzählte dazwischen von Amerika, ihren Bemühungen um die Sprache, die sie befähigt hatten, einfache Gespräche zu führen, nicht aber an komplizierten und vor allen Dingen politischen Erörterungen teilzunehmen, und den Entbehrungen, die das mit sich brachte. Sie beschrieb die Art, die höflicher Formen, in denen sich die politischen Kämpfe in den Vereinigten Staaten abspielten, und fügte dann über Berlin hinzu:" Es ist ein Wunder, daß trotz Hitler und allem, was über uns kam, es hier heute noch oder wieder- so viele Freude und Liebe unter den Menschen gibt - Von Westberlin ging sie auch in den Ostsektor, um ihren Bruder Otto zu besuchen. In der Unterhaltung mit ihm wurden soviel alte Erinnerungen lebendig, daß sie die ersten Kapitel ihrer Erinnerungen niederschrieb. Danach genoss sie acht Tage der Ruhe bei Fritz Roehl, Elisabeths Sohn, in München, eine Ruhe, die allerdings unterbrochen wurde von Interviews für Zeitungen und den Funk, die Fritz vorbereitet hatte, damit sie über den amerikanischen Paketdienst, den allgemeinen und ihren eigenen berichten konnte. Ende des Sommers verließ sie Paul, obwohl sie das Gefühl hatte, daß er die ruhige, ausgleichende Mutter brauchte und obwohl sie an ihren Enkeln viel Freude hatte. Sie zog in ein geräumiges Zimmer in Düsseldorf mit schönem Blick über den Rhein. Der Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrt hatte sich inzwischen im nahen Bonn eingerichtet In Düsseldorf wohnte sie nur fünf Minuten Fußweg von ihrer Trochter entfernt. Maries neues Zimmer bot ihr Platz zur Arbeit und zur Aufbewahrung ihrer Papiere. Sie begann ihre Erinnerungen aufzuzeichnen und schrieb auch Artikel für die von Herta Gotthelf im Namen des Sozialdemokratischen Parteivorstandes herausgegebene Monatsschrift " Gleichheit" und andere Blätter. Sie schrieb über ihre Erfahrungen vor 1933, ihre Tätigkeit in Amerika und auch über allgemeine Frauenprobleme. In jenen Tagen kam Käthe Kirschmann zu Besuch nach Deutschland. Sie brachte Emils Asche, die im Grabe seiner ersten Frau, Elisabeth, Maries Schwester, beigesetzt wurde. Eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe überkam sie nun oft, nach Zeit, um die Vergangenheit und Zukunft der deutschen Politik und der - 169 - 169 Arbeiterwohlfahrt durchdenken zu können. Sie hielt das Bedürfnis nach Ruhe für eine Alterserscheinung und deutete Lotte Lemke an, daß sie sich zurückziehen müsse. Lotte machte sie auf die großen anstrengungen aufmerksam, denen sie sich durch ihre Reisen und Ansprachen ausgesetzt hatte, meinte aber, Maries temperamentvoller Brief deute keineswegs auf Müdigkeit. Im Oktober 1949 ging sie nach Solingen, um an der Dreissig jahrfeier der Gründung der Arbeiterwohlfahrt teilzunehmen. Ihre bisherigen Betrachtungen hatten ihr gezeigt, daß sie auf dem richtigen Wege war, als sie plante, sich in ihren Ansprachen auf das zu beschränken, was ihrer Meinung nach aus der Vergangenheit in die Zukunft hinübergerettet werden mußte. So schrieb sie am Schluß ihres Artikels" Werden und Entwicklung der Arbeiterwohlfahrt" der in der Broschüre erschien, die der Hauptausschuß zur Gründungsfeier von 1949 herausgab: In" der Lösung gestellter Aufgaben, in der theoretischen und praktischen Schulung aller Mitarbeiter sieht die Arbeiterwohlfahrt eine wohlfahrtspolitische, eine richtungsuchende und richtungsweise Aufgabe". Der freudige Empfang, der ihr in Solingen zuteil wurde, bewies ihr, daß sie die Aufgabe erfüllen konnte, die sie sich selbst gestellte hatt: Die Kontinuität der Arbeiterwohlfahrt zu verkörpern. Ihre Rede leitete die Feier ein. Sie sah kaum älter aus als früher. Ihre Stimme hatte den alten Klang, die alte Tragweite. Es gelang ihr, das Wesen und Streben der alten Arbeiterwohlfahrt klar herauszuarbeiten. Ihrem Vorsatz getreu, mischte sie sich nicht in Gegenwartsfragen ein. Sie verglich auch nicht. Einen Rat aber gab sie, der das ergänzte, was sie in ihrem Vorwort zur Jubiläumsschrift geschrieben: Die wiedererstandene Arbeiterwohlfahrt solle sich bewußt bleiben, daß sie ein Glied der großen Arbeiterbewegung sei. Da Robert Görlinger als Vorsitzender auf seinen eigenen Wunsch hin ausschied, wurde Heinrich Albertz, der hannoveranische Flüchtlingsminister zum Vorsitzenden gewählt. Marie Juchacz wurde Ehrenvorsitzende Das war der Hatt, den sie sich gewünscht hatte. Als Ehrenvorsitzende hatte sie ihren Sitz im Hauptausschuß, war sie wieder ein innerhalb der Arbeiterwohlfahrt wirkendes Mitglied und brauchte dennoch nicht 170 170 an allen Beratungen und Beschlüssen über die zukünftige Gestaltung der Organisation und Arbeit mitzuwirken. Als Ehrenvorsitzende aber wir de sie immer gehört werden, wenn sie betonte, was sie als die der Arbeiterwohlfahrt innewohnenden und bleibenden Aufgaben und Ziele ansah. Die Jahre 1951 und 1952 verliefen so, wie der Aufenthalt in Deutschland begonnen: Auf dem Nettegut Familienleben, besonders Weihnachtsfeiern, bei denen sie Emil Kirschmann schmerzlich vermißte, Ruhe und Sammlung und schriftliche Arbeiten in Düsseldorf, dazwischen Teilnahme an Arbeiterwohlfahrt- und manchmal auch an politischen Frauenkonferenzen. Sie ging wieder nach Hamburg und Westerland und auch nach Dortmund, Mainz, Frankfurt, Reutlingen, meistens für kurze Ansprachen. Sie nahm 1950 an einem Internationalen Seminar teil, welches das Unitarian Service Committee Boston, USA, und der Hauptausschuß in Berlin abhielten und in dem Motiv und Praxis der Fürsorge am Menschen erörtert wurden- auf einer viel höheren Ebene, das mußte sie sich zugeben, als das früher der Fall war. Sie machte von dem Seminar einen Abstecher zum August- Bebel- Heim in Berlin- Wannsee, um einem Kursus für sozialdemokratische Funktionärinnen von ihren Erlebnissen in Amerika zu erzählen. In Fulda nahm sie 1951 an der sozialdemokratischen Bundesfrauenkonferenz teil. Sie leitete die Konferenz einen halben Tag und sprach dann zu ihr von ihren Erinnerungen an die früheren Führerinnen der Bewegung, Klara Zetkin, Luise Zietz, Rosa Luxemburg und Lilly Braun. So wurde sie auch dort zum Sinnbild der Tradition. Ihre Rede erweckte in ihr den Gedanken, kurze Biographien der Frauen zu schreiben, die in früheren Perioden in der Bewegung tätig waren, um so die Vergangenheit lebendig zu erhalten. In der" Gleichheit" machte sie mit einem Porträt von Gertrud Hanna, der einsam im Hitlerreich verstorbenen Frauensekretärin des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, den Anfang. 1951 wurde sie zum erstenmal krank. Eine Gürtelrose fesselte sie ans Bett und eine Weile auch an ein Krankenhaus. Sie begann, den Verfall ihrer Kräfte zu fürchten und dachte an den Tod. Während das nichts Ungewöhnliches ist bei älteren Leuten, erstaunte es die Leserin ihrer Briefe und ihre Besucher, daß sie, die vordem nie von sich selbst gesprochen, nun solche Befürchtungen frei enthüllte. Ihr Wille zur Selbstbehauptung blieb dennoch stark. Sie wollte sich die Kraft erhalten" sich einzufühlen, mitzufühlen und zu 171 171 - verstehen", solange sie lebte." Ich will nicht als Ruine weiterleben", schrieb sie. Ihre Mittelsamkeit, ihr Bedürfnis, sich an bestimmte Menschen anzulehnen, waren die ersten Vorboten des Alterns. Sie schrieb viel an Lotte Lemke und Louise Schroeder, aber auch nach Amerika an Louise Morgen stern und Martha Eva Parker. Sie wollte Lotte Lemke viel sehen und alles, was sie beschäftigte, mit ihr besprechen. " Manches macht mir das Altern deutlich", schrieb sie an Lotte Lemke. - " Das Interesse an einzelnen Menschen hat stark nachgelassen. Nur eine kleine Zahl von denen, mit denen mich einst das gleiche Denken und Fühlen verbunden, stehen klar vor mir und ich fühle mich ihnen mehr oder weniger stark verbunden. Gefühl und Gedächtnis weigern sich einfach, ältere vergessene Freundschaften und Bekanntschaften wieder lebendig und gegenwärtig zu machen, oder gar neue Bindungen einzugehen. So stark ich noch im Sachlichen wurzele und ständig um neue Erkenntnisse und um das Erfassen der zeitlichen Strömungen ringe, so wenig sind mir doch die Menschen im einzelnen wichtig". Auch früher hatte sie Beziehungen zu anderen Menschen nur schwer gefunden und selten gepflegt". Nun, da ihr Alter ihr Leben einschränkte, wurde sie sich der alten Schwierigkeiten deutlicher bewußt. Ein paar Menschen brauche sie, sagte sie Lotte Lemke und bedeutete ihr, daß sie, Lotte, dazu behöre. Einst waren es Elisabeth und Emil Kirschmann. Zunehmend zog sie es vor, zu Hause zu bleiben, statt im Lande umherzuziehen. Zur Ordnung ihrer Gedanken, die ihr jetzt so wichtig erschien, gehörte auch die Arbeit an dem Buch, das sie plante. Manchmal, wenn sie" um das Erfassen der zeitlichen Strömungen rang", fürchtete sie sich vor den Resten der Nazibewegung, die sie vorgefunden, dann wieder sah sie eine starke Gegenbewegung diese Reste überwinden. Während dieser Jahre verdichtete sich die Erkenntnis, daß mit den alten Formen deren alter Inhalt nicht wieder unverändert auferstanden war. An Louise Morgensterh schrieb sie schon 1950 von der" neuen und andersartigen Problematik unseres Gesamtlebens" das" unsere" bezog sich auf Deutschland. Und später, 1952, an Martha Eva Parker:" Ich glaube, daß es sehr schwer ist, von außen die herrschende Mentalität ganz zu verstehen. Wir, die wir lange Zeit fort waren, und viele von denen, die sich hier im Winkel verstecken mußten, verstehen sie auch jetzt noch nicht." Als Hedwig Wachenheim sie einmal um diese Zeit in Düsseldorf besuchte, sagte sie zu Marie:" Ich freue mich, Dich allein zu sprechen. Wir beide haben etwas gemeinsam, was Dich mit Deinen anderen früheren Mitarbeitern nicht verbindet: Wir haben beide lange in Amerika gelebt. Ist hier in Deutschland nicht alles anders als früher? Vor 1933 wußte ich genau, was ich politisch wollte, hatte ich Ideen über das, was die Arbeiterwohlfahrt tun könnte und sollte. Heute zweifle ich, ob meine Gedanken noch hierher passen. Auch habe ich zu viel von der Welt draußen aufgenommen, um mich noch ganz auf Deutschland zu - 172 -172konzentrieren, und das muß man, wenn man hier arbeiten will." Marie erwiderte:" In einem stimme ich mit Dir überein: Vieles hier ist anders geworden. Manches ist für uns schwer verständlich. Dennoch bin ich glücklich hier. Ich bin von Liebe umgeben. Zu neuen Zielen führen könnte ich ohnehin nicht mehr. Dazu fehlen mir die körperlichen Kräfte. Was ich noch tun kann ist, die dauernden Gedanken und Werte unserer Bewegung, an denen wir beide nicht zweifeln, zu zeigen. So bin ich noch nützlich. Auch ich habe dareußen viel gelernt und aufgenommen, aber die deutsche Arbeiterbewegung und die Arbeiterwohlfahrt sind immer der Mittelpunkt meiner Interessen und meiner Zuneigung geblieben; soweit ich noch Kräfte habe, gehören sie ihnen." Am 1. November 1953 nahm sie an der Reichskonferenz der Arbeiterwohlfahrt in Berlin teil. Dort bezeichnete sie die Tätigkeit der Arbeiterwohlfahrt als Teilgebiet und meinte damit, als Teil im Rahmen des gesamten öffentlichen Lebens. Es war derselbe Gedanke, den sie in Solingen geäußert hatte, als sie sagte, die Arbeiterwohlfahrt solle ein Glied der Arbeiterbewegung bleiben. Frage und Antwort auf das" Wie" der Eingliederung legte sie in ihrer Berliner Rede den Mitarbeitern der Arbeiterwohlfahrt in den Mund:" Ich weiß, daß unsere Mitarbeiter sagen: Ja, wie sollen wir denn nun innerhalb der großen Arbeiterbewegung zu gleicher Zeit als Wohlfahrtsorganisation unserer Arbeit einen höheren Gehalt geben?" Die Antwort war:" Wie können wir denn arbeiten ohne daß wir die Menschen damit erfüllen, daß sie in dieser besonderen Arbeit Sozialismus, sozialistische Gedanken und Fühlen hineintragen sollen?" Eine Woche später wurde sie von einem Motorradfahrer auf der Straße angefahren. Als sie im Krankenhaus lag, um eine Verstauchung auszuheilen, bekam sie eine Lungen- und Rippenfellentzündung und dann noch eine Nierenentzündung." Ich hatte mich schon aufgegeben, man hat mich aber doch durchgebracht", schrieb sie an Martha Eva Parker aus Winterberg, dem Erholungsheim im Sauerland, in dem Minna Sattler, die Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt des Bezirkes Westliches Westfalen, ihr eine stets bereite, liebevoll gestaltete Zuflucht in gesunden und kranken Tagen offen hielt. Während ihrer Krankenhauszeit machte ihr Sohn Paul seinem Leben ein Ende. Man verschwieg es ihr, um sie zu schonen. Umso schwerer war der Schock, als sie es in Winterberg erfuhr. Sie war verzweifelt, weinte und haderte mit dem Schicksal. Schwer nur fand sie zu ihrer ruhigen und beherrschten Haltung zurück. Ihre Briefe aus jener Zeit- auch der an Martha Eva Parker, der kurz nach Empfang der Nachricht geschrieben war- erwähnen Paul nicht. Das zeigt, wie tief sie verwundet war. Zwei Monate später feierte sie ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag in Bonn. Lotte Lemke lud Lotte Juchacz und Maries beste Freunde -173dazu ein. Louise Schroeder, selbst nun fast 70, kam. Die Zeitschrift der Arbeiterwohlfahrt" Neues Beginnen" gab eine Sondernummer heraus, in der 18 alte und neue Mitarbeiter Maries Wesen und Arbeitsmethoden und ihre Erfolge beschrieben. In dem Heft dankte auch Heinrich Albertz als Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt Marie Juchacz für ihre Wirkung auf die Arbeiterwohlfahrt und für ihre unermüdliche Teilnahme- ohne besonderes Amt- an Sitzungen und Tagungen im ganzen Land und ihre Hilfe beim Ausräumen von Schwierigkeiten und Unzukänglichkeiten: " Sie ist uns eine ständige Quelle der Hilfe und Freude geworden." Ende Juni 1955 geht sie wegen häufiger Schmerzen zur ärztlichen Untersuchung. Der Arzt läßt die Frage offen, ob das, was er findet, bösartig ist oder nicht und verordnet Bestrahlungen und die Umstellung der Ernährung. Ende des Jahres kommt Käthe Kirschmann, die für dauernd nach Deutschland zurückgekehrt ist, und auf Norderney in einem Kinderheim der Arbeiterwohlfahrt mit großer Freude arbeitet, zur Pflege nach Düsseldorf. Es gelingt dem Arzt mehrere Male, die Krankheit aufzuhalten. Aber immer wieder stellen sich Schmerzen ein. Dann wird Marie, die sich " geistig noch unverändert fühlt, ungeduldig", wie sie Lotte Lemke schreibt." Vor einigen Jahren schien mir das Leben noch schön und lebenswert. Nun fühle ich mich in meinem persönlichen Glück betrogen und unglücklich." Sie arbeitete an ihrem Buch" Sie lebten für eine bessere Welt, Lebensbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts." Im März 1956 wird es fertig. Es ist ein warmherzig geschriebenes Buch, dem ihre persönliche Bekanntschaft und gemeinsame Arbeit mit den meisten Frauen, die auf seinen Seiten erscheinen, Farbe verleiht. Trotz Schmerzen und Schwäche fährt sie im Oktober 1955 mit Käthe Kirschmann, die nun ihre Dauerpflegerin ist, zur Reichskonferenz der Arbeiterwohlfahrt nach München. Halbtägig konnte sie noch an den Sitzungen teilnehmen. Sie begrüßte die Konferenz in einer Rede. Sie hatte sich gut vorbereitet, hatte die Geschichte der alten Arbeiterwohlfahrt noch einmal durchgearbeitet. Sie will das, was wert ist, von der alten in die neue Arbeiterwohlfahrt übernommen zu werden, herausstellen. Sie betont den Vorrang der Bildungsarbeit in früherer Zeit und auch das" fleißige Studium" der sozialen Fragen. Sie ist zurückhaltend, vorsichtig in ihren Formulierungen, aber nicht, weil sie alt geworden und von Schmerzen gequält ist, sondern weil sie sich scheut, ihre Auffassungen der neuen Zeit aufzuzwingen. Aber aussprechen, was sie bewegt, das will sie noch einmal hier im Kreise derer, die ihr vertrauen. Die Organisation sei rasch gewachsen, meinte sie, vielleicht seien dabei -174die inneren Organe zurückgeblieben. Die neue Arbeiterwohlfahrt hat so viel Heime, Hilfsstellen, Schulen, daß sie froh sein muß, wenn sie fachlich geeignetes Personal findet, und nicht darauf bestehen kann, daß ihre beruflichen Mitarbeiter alle den" Weg zu unserer inneren Anschauung finden... Die Gefahr des Treibenlassens ist deshalb so groß, weil das Übermaß der zu leistenden Arbeit so ungeheuer groß ist." " Sie haben recht," sagte sie ihren Zuhörern," Sie müssen diese Arbeit leisten. Eine Organisation besteht aus den Kindern ihrer Zeit. Sie müssen den sozialen Entwicklungsgesetzen folgen. Besinnungsaugenblicke, wie den, den wir in diesem Moment erleben, aber sind ganz dazu angetan, sich zu fragen, ob man sich weiter treiben lassen soll, oder ob es nicht richtig ist, der Arbeit selbst einen ganz bestimmten Willen aufzuzwingen und dieser Arbeit eine ganz bestimmte Richtung zu geben Die Gesinnungsgemeinschaft in unseren eigenen Reihen müßte viel größer sein." Sie bezeichnete die Gesinnung nicht näher. Aber war das nötig? Ihre Gesinnung war bekannt%; B sie verkörperte sie hier vor ihren Zuhörern. Die Pflege der Gesinnungsgemeinschaft bezeichnet sie; als das dauernde Problem der Arbeiterwohlfahrt". Ihre Münchener Rede war ihr Testament. Danach wurde sie von der zerstörerischen Krankheit beherrscht, Drei Monate mußte sie noch leiden. Am 28. Januar 1956 starb sie. Auf dem Kökner Südfriedhof wurde ihre die Asche in den Hügel gebettet, der auchvihrer Schwester Elisabeth aufgenommen hatte. * Dieses Buch will die Erinnerung an die Gründerin und erste Leiterin der Arbeiterwohlfahrt, die nach 16 Jahren der Flucht und Arbeit für die Arbeiterwohlfahrt im fernen Land zu ihrer Schöpfung zurückkehrten, um dieser die ihr verbliebene Kraft zu widmen, bewahren. Es will, was sie in den, ihren letzten Jahren, der Arbeiterwohlfahrt geben wollte, lebendig erhalten. Sie hat es ausgedrückt in der Mahnung von München:" Auch wenn Ihr Eure Arbeit den Bedingungen der Gegenwart anpaßt, sollt Ihr doch eine sozialistische Gesinnungsgemeinschaft bleiben." * + +