forhast H. Segn. NWZ(Freiheitskomp-Jus Emil: Honorar(Robots Itse)(Eil noch mit in USA) Ein mit Schut S.- MY Versammlung mit Dr. Kurt Schümacher, gegen E ThtꝬ Herne u. 17.31. Hedwig Wachenheim benachrichtigt Robert über Ankäuff von 10) das wird(essprovinck Wel- (ohne Daten, dem und Büf.) Robert zu Wedw.N. Am Pier: Oebert frzecsinski+ aus Himbfald Emil! Revolution: August n. 4/3 durch Mark – geschleer durchwandigst, und versammlung- Rom durch Ankünft in USA: Ziemlich abgewiesen. Von Robert ent- einmal nun eingekleitet. Erb gången beide Polizin: für alle 3: alles ok. (Zu dr. isle von Emil sogar Ausnk. v. Zitzen aus deshalb me. Robert mit allen drei zur Abentnhülle tun prachelemen. Schreibenammen- Geschütte(-+ Dr. Paul Heiʔ ʔʲaṅf Emil: folkschneiderhülfe Ungffahrte mit schleiten In der Steinmäße Verlauf auf: Burachheiten Schon von Frankr. aus bestand konntest mit Rob Q eite 61e. 1. Alsälf. Küter protestantisch erzogen Ehe von vorbrein überhättet. e a seittler erwähn 199 "Leve Egns-Kon"-) is if Düsselhof Wor Heinfrau), leuten. Ihre Eingenschaften Nach. Schiebtingen. ssychologische und methodische Risth Bang: Nicht auch der Einzelfällhilfe. Caswork) tormid Nertag am Lb schichen. Seite 262: Emil und Räthe einschalten Korrekturen in der Reinschrift (Solange___(fehlen Gänsebeine) Seie 5: -- in den vorstand führte)(5. Förte v. 0. o i Am Ende. onentieren. 7 Nach Absatz: ‖ 40 Letzter Abs., 7. Feil:[fielen niemals rohe Worte] 13 2. Abs.:[Note] 21 [1] Ja, das unwss man – –(5.7.v.0.) 24 Das ins bekomme[1](11.7.V.D.) [“] Das verhalb) Du(13.8. v. 1.] ‖ kintr mer bekommt(1) 1 5.“) z.d. v.ü.: Reine Prüfung- 27: 4.7. v. 0.: verziert 28 1. Abs., 4.7.v.à: nis bezahlen 10.7.15 v.u. mùklare, 31 3. Abs., 3. T. v. d.:... genst 39 Ditte d. 1. Abs.:... glaubt[e] 48 1. Abs. Ende: 7.7.v.4. wo[vou] 55? O. T.: ihre[v. 56: 1.7. entscheiden[den] 5 8:"itte: an fmerksame[re] 59. 72: 76 81 84 88 42 94 48 101 104 114 119 127 135 137 139 144 149 158 160 161 2. Abs., 4. T. v. o. gar fürst. n)itte in depto) zig Erfahrung[her] vorgestellt hatten. b. 8. v. 0.:[des 19. juhrhinderts – 4. Abs. v. o., s. T.: vakt entische[u] Perönlichkeit- 1. Abs., 3.3.v.ù. ditain Boden 2. Abs., 58. v. t. und[die] noch bestehen I] X fes. d. d., Vorl. Abs., 1.8. in Berlin,-Schönberg. 3. Abs., 3.7. können B. 1. Als., ditte lehandelt] Z.Z. v. i dan[Ihier] 4. Okts v.ü. fahde[Note] 9.7.vu. 4. als. v. a. was(1). 6.7.v.a frag[.] en ne mis ob 6 J. vo. ⁊)ur njesse. 8.7.00 wen[d]ligeren hitz 82. v. n. 4. [s] ozialdembr. Teitg. letzte Ah."Nein, nicht," so. 2. als., 7.8.v.0: Handwerksbeig[un][+] f+1-a/7 15. v. d. Bezugschein[e] 1.1.[B] eschten 2. Als. v.o.[“/Grundsättlich] 7. Abs., vorl. 7. Koppel[X] Lehte als., 4.8.v.a, fron Berliner[] Vorstandes fìrbinnen[₍ⵣ], 10.7. v.o. “Dan Tarf” 2 1. Abs., vorl. 7. Fùmult[ă]ôs. 163 165 "Ich denke" 170 1. Abs., fest, witte-- ihre[s] stimme 171 Vorl. Als., 57. Erstlichungs schwierigkeit 176/0[„Es war this. I 177: 3.7. v. à sem[.] was. unterwinierten] geben Venns 1. As., vorl. 7. 181 183 5.7.v.0 und shre[m] klaren. 7. v. u... m. Sach] en der 184 [I][a] dassolm, 9.7. v. o. 187 2. Abs., 2.7.v.s.:[ouipe 189 4. Fesle Beshins. ment [ingebòrt gibt! L’obtene a/stz: 5.7. von u.: veraltet Witte als Euch[Zum] Ober- 192 Ienofen 193 203 205 206 207 270 211 212 214 216 218 219 229 3.7.v.s.: Altmark - ămter nach dr nitte, staatlich e|u] ànt stälfnde uis verbandsten besten 2. Ubs., 2. 7. v. u.:[M] le sie m’en a dessus] [c] Sie war ein Erlebnis(2. Alsatz Anfang, Bürgermeister[in] 1.7.: zuleistende[i] Schulungsarbeit Vorl. Absäts: ohne ausreichende] N. u. Bekleitung[Note] 4.7. v. 0. Ende; Arbeit. 3. Abs., 3. Fule. eslebte(madite Erfahmungen gemacht. schlimme zwar allein dem rinterelent] 2. ars., letzte 6. 5. Abs., Auf. über durch Not- Zeit[Note] Deutsch lants 2. Uhr., letzte 8. Lekke abat 8: meldete sich zu einem wolf. Schultärs Juchacz, wohl aber schon zu dem 4.8. V. O. „Bahonalchellen” 2. Absatz, 2.7.v.a. schweiz-Erds-gold. Post – ein P. T. v. c. enhiziel. Gutthaus Strecke im Lehstg. Ab. de ein. Da wolff Rechtsche: frosse T. ommen der Freunde als Extra-Kapitel Brief a Doroth ou Himlfel 5. desproberanzistes Handwerkbahn von Lanje. Rilla!- erzog: 557936 (Zün) als Einholz Das ist es sie wirklich ist nicht, und wenn sie mir. irhoit aine Anhang mit dorten(lister) W. versch dann Iul de überhaft, die Ierlade aller leurftagen, Briefe, Unterlag ein Antonio E.a I. La MARIE JUCHACZ LEBEN UND ARBEIT TEIL BIS SCRIPT-SEITE 116 FRITZMICHAEL ROEHL MUNCHEN 15 SCHUBERTSTRASSE 4 TELEFON: 5524 51 15. JANUAR 1958 • Mit diesem Vorwort wollte Marie Juchacz ihre Lebenserinnerungen einleiten. Bevor sie, ein Jahr nach ihrer Rückkehr aus Amerika, im Jahre 1950 mit der Niederschrift begann, notierte sie alles, was ihr an Stichworten einfiel, um diese Notizen dann im Laufe der Zeit zu Einzelabschnitten zusammenzufassen. Viel Zeit bleib ihr dafür nicht, denn das, was im Nachkriegsdeutschland knapp zwei Jahre nach der Währungs reform politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich neu erstand und zusammenwuchs, nahm ihr ganzes Interesse in Anspruch. Sie reiste durch das Bundesgebiet, war heute in Hamburg, morgen in Berlin, wenige Tage später in Düsseldorf und Bonn, um an Besprechungen, Konferenzen, Tagungen und Veranstaltungen teilzunehmen. Sie hielt kurze und längere Referate, besuchte Freunde, von denen sie sechszehn Jahre lang durch die Emigration getrennt war, nahm zu den Problemen Stellung, mit denen sich die nach dem Zusammenbruch( aus dem Nichts wiedererstandene" Arbeiterwohlfahrt" auseinandersetzen musste, und schrieb das Buch" Sie lebten für eine bessere Welt", Lebensbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts, 29 Kurzbiographien, die in ihrer Gesamtheit ein geschlossenes Bild der sozialistischen Frauenbewegung geben. Diesem Buch ist ein Brief vorangestellt, den der kürzlich verstorbene Chefredakteur des sozialdemokratischen" Vorwärts" und jahrzehntelanger Mitstreiter und Parteifreund von Marie Juchacz, an sie schrieb: Friedrich Stampfer " Als Du mir das Manuskript zu lesen gabst, empfand ich es sofort als einen Mangel, dass von Dir selbst darin nicht die Rede ist. Du hast das Buch dem Andenken Deiner Mitkämpferinnen gewidmet, die vor Dir dahingegangen sind, aber so streng lässt sich die Grenze zwischen Leben und Tod nicht ziehen. Eine Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung in Biographien ist unvollständig, wenn darin Marie Juchacz nur als Erzäh 4 – lerin, nicht auch als Handelnde in Erscheinung tritt." Noch bevor Marie Juchacz die Fülle ihrer Notizen zu siner geschlossenen autobiographie zusammenste len konnte, um damit am Beispiel ihres eigenen Lebens ihren Beitrag zu leisten zur Geschichte der sozialistischen Frau- enbewegung im allgemeinen, und zur Entwicklungsgeschichte der"Arbeiter- Egochen wohlfahrt" in besonderen, solles sie-14-7ugs vor ihren 77. Geburtstag für i###er die Augen. Die von ihr nur zur Teil zusammen gefassten Darstellungen einzelner Lebensabschnitte und die Fülle ihrer hinterlassenen Notizen ergaben nach chronologischer Ordnung das biographische Gerüst, das mit den Wissen und den Erzählungen von Freunden, Angehörigen und Mitarbeitern ausgefüllt kurde. x Aus der Geraatheit dieser Unterlagen entsteht das Bild einer Frau, die sich vorbehaltlos in den Dienst der von ihr selbst gewählten und immer wieder neu erarbeiteten Aufgabe stellte, die ihr Herz der"Arbeiterwohl- fahrt" gab(nicht von umgefähr stehen die Initialen der"AW" in eine Herzen-,) und deren wirkliches Herz nur wenige kannten. F.U.R. und aus pers. Erbundetzen X) Meinungen de Yerle vos, jusqu'a J. A. hatte, die Zeit souces, c'est ce qu'il y a Nuestra vuestro de . -5Die Zeit vor achtzig Jahren за Zu Beginn des Jahres 1949 kam Marie Juchacz aus Amerika nach Deutschland des damcalls das zurück. Sie( zog sich zuerst auf das von ihrem Sohn Paul Juchacz, verwaltete)" Gut zur Nette" in Weiss enthurm am Rhein( zurück) das der ProvinzialHeil- und Pflegeanstalt in Andernach unterstand, um von hier aus den Anein schluss an Deutschland zu finden, das sie 1933 verlassen musste. Wie hatte sich dieses Deutschland verändert! Nicht nur Hitlers tausendjährige Reichs- und Parteiwalze, auch der ganze Schrecken des 2. Weltkriegs war über Land und Menschen hinweggerollt. Deutschland war arm und zerstört, mit einer ausgehungerten und besitzlosen Bevölkerung, deren Lebenswille jetzt- ein halbes Jahr nach der Währungsreform- in allmählich sich normalisierenden Verhältnissen wirksam werden konnte. Es dauerte ein Jahr, bis sich Marie Juchacz entschloss, die ersten Notizen niederzuschreiben, die ihren Lebens- und Berufsweg festhalten sollten. So wie die Erinnerung es ihr zutrug, notierte sie viele Einzelheiten, ohne vorerst zu wissen oder sich zu überlegen, in welcher Form diese Unterlagen zu einer Einheit zusammengefügt werden könnten. Auf jeden Fall stand für sie fest: " Jede Lebensbeschreibung muss bei der Kindheit, im Elternhaus, bei den Eltern beginnen. Eindrücke, die man in der frühesten Jugend empfing, Charaktereigenschaften, die man von Eltern und Vorfahren mitbekam, auch das Temperament, das einem vererbt wurde, die Lebensumstände, mit denen man kämpfen, denen gegenüber man sich durchsetzen musste, das Maß von Willen, Energie und Fleiß, mit dem man an sich arbeitete, bilden zum Schluss die Summe, die zum Werden einer Persönlichkeit führen. Der Rückblick auf ein Leben zwingt wohl immer zur Prüfung und Sichtung der verschiedenen Umstände und Faktoren, die von früher Zeit her in einem Werden mitbestimmend gewesen sind.". - Aber in welche Zeit war sie hineingeboren? Welche politischen, wirtschaftlichen und" gesellschaftlichen"- also sozialen Verhältnisse waren zur Zeit ihrer Geburt und ihrer Jugend jahre gültig? Womit mussten sich die Menschen der Zeit, in der sie zur Welt kam, auseinandersetzen? Jetzt - im Jahre 1950- war es vielleicht gut und zweckmässig, sich die Zeit vor achtzig Jahren noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. -6von Marie Jucharz Acht Jahre vor der Geburt war durch den Frieden vom lo. Mai 1871 in wder Krieg Frankfurt am Main) der deutsch- französische nach dem Vorfrieden von Versailles vom 26. Februar-) zu Ende gegangen. Kurz vorher, am 18. Januar 1871, war unter dem Bundeskanzler Bismarck das Deutsche Kaiserreich proklamiert worden. Mit der Verfassung vom 16. April 1871 wurde die Lösung der deutschen Frage im kleindeutschen Sinne vollendet: das Deutsche Reich bestand aus 26 Bundesstaaten. Gesetzgebende Körperschaften mit Budgetrecht waren Reichstag und Bundesrat. Das Recht zu ihrer Berufung, Eröffnung, Vertagung, Schliessung und Auflösung lag beim Kaiser. Der einzige verantwortliche Beamte war der Bundeskanzler, also Bismarck, dem sieben Reichsämter unterstellt waren: Auswärtiges, Inneres, Marine, Schatz, Justiz, Post, Kolonien, und das einheitliche Heerwesen mit der allgemeinen Wehrpflicht. ebusso wre Die( nicht nur) in Deutschland,( sondern) in allen Industrieländern als Folgeerscheinung der Industrialisierung auftretenden sozialen Spannungen gaben den Sozialisierungs- und" Ent- Proletarisierungs"-Gedanken gewaltigen Auftrieb. In Frankreich war nach dem Zusammenbruch des zweiten Kaiserreichs xx die dritte Republik entstanden, Die erste proletarischsozialistische Revolution, der Aufstand der Pariser" Kommune" zur Errichtung eines föderalistischen Kommunismus, hatte stattgefunden. des Deutschlands Daten Die" gesellschaftliche Struktur" dieser Zeit ist mit wenigen zu umreissen: ausser der Millionenstadt Berlin gab es acht Städte mit mehr als hunderttausend Einwohnern. 50% der Bevölkerung arbeiteten in Industrie und Handel. Aktiengesellschaften schossen wie Pilze aus dem Boden, Kartelle, Konzerne und Syndikate entstanden: kapitalkräftige Zentren, durch die Industrie, Wirtschaft und Handel gelenkt wurden und die für die Preisund Lohnbildung zuständig waren. Allein in Preussen gab es bis zum Ende der" Gründerjahre", bis 1874, genau 1152 Aktiengesellschaften mit einem Gesamtkapital von 5 Milliarden, 712 Millionen Mark( 1857: im Bergbau und Hüttenbetrieb 59 Aktiengesellschaften). Die" innere Völkerwanderung" durchflutet und durchblutet die Lande. Die jüngere Generation und das Gesinde aus dem noch immer agrarisch orientierten Osten Deutschlands wandert in die grossen Städte und Industriezentren. In den Notizen von Marie Juchacz finden sich folgende Zahlen: Bevölkerungszunahme von 1871 bis 1890: im agrarischen Ostelbien 26% im industrialisierten Westen: 79%. . . . . . . . E.M. ved. Nr. 3. gefügte - 7- Die trotz der Abwanderung aus den landwirtschaftlichen Bezirken auch hier zunehmende Bevölkerung rekrutiert sich aus fremdländischen, vor allem polnischen, italienischen und galizischen Landarbeitern. Auf der anderen Seite wandern Tausende und Abertausende aus, in erster Linie nach Amerika. Von 1871 bis 1891 sind es insgesamt 2 Millionen Menschen. zeigt Das" parlamentarische Bild" dieser Zeit der am 12. Februar 1867 gewählte FEC und verfassunggebende Reichstag hatte 263 Abgeordnete: Den 211 Konservativen, Freikonservativen, Altliberalen und Nationalliberalen standen 51 Fortschrittler, Partikularisten, Polen, Dänen und der Sozialdemokrat August Bebel gegenüber. Karl Marx und Friedrich Engels hatten ihre ersten Werke zum wissenschaftlichen Sozialismus herausgegeben: Friedrich Engels( 1859) den ersten Band seine" Kritik der politischen Ökonomie", und Karl Marx( 1867) seines" Kapital" mit der Kritik der kapitalistischen Wirtschaft auf Grund der MehrwertTheorie und des historischen Materialismus. Seit dem Ende der 60er Jahre gab es eine" freie" Gewerkschaftsbewegung sozialdemokratischer Richtung. Konsumgenossenschaften( die ersten unter Schulze- Delitzsch), Gewerkvereine( die ersten liberaler Richtung unter Hirsch- Duncker) und Arbeiterbildungsvereine waren entstanden. Seit 1862 existierte eine politische deutsche Arbeiterbewegung, deren Wortführer Ferdinand Lassalle war. Zu seinen Forderungen gehörte das demokratische Wahlrecht, die Loslösung der Arbeiter aus der Gefolgschaft des Liberalismus, sowie ein eigenes politisch- soziales Programm. Nach Lassalles jähem Tode( 1864) spaltet sich die Arbeiterbewegung unter Führung von Schweitzers in" Lassalleaner" und in" Eisenacher", die von Wilhelm Liebknecht und August Bebel geführt werden. Die Eisenacher enthalten sich 1870 bei der Bewilligung der Kriegskredite der Abstimmung, beide кichtungen kämpfen aber gegen die Annexion von Elsass- Lothringen. Im Jahre 1875 findet in Gotha ein Einigungskongress der" Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" statt. Zu den wichtigsten Programmpunkten gehörten die Abdes Systems schaffung der Lohnarbeit durch Überführung der Arbeitsmittel in Gemeingut der Gesellschaft, Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, allgemeines Wahlrecht für alle Körperschaften, direkte Gesetzgebung durch das Volk, Volkswehr an Stelle des stehenden Heeres, Abschaffung aller indirekten Steuern. welcke Es war eine Zeit, die den Boden bereitete für den beständig. steigenden wirtschaftlichen Aufschwung einer, prozentual geringen, besitzenden Schicht und für den Emanzipationskampf der Arbeiter, die durch die drückenden Lohn- und Arbeitsbedingungen zu Proletariern gestempelt wurden und sich der einzigen politischen Richtung anschlossen, die ihre Interessen vertrat: den Sozialdemokraten. xxxxxxxxxxxxx Eine Folge dieser Entwicklung war der Erlass des Sozialistengesetzes Wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie". Vorwand für dieses Gesetz, erlassen im Jahre 1878, waren zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I. Alle zu diesem Augenblick erscheinenden sozialistischen Presseorgane, ins gesamt 332, wurden verboten. 900 Personen mussten das Land verlassen, 1500 Sozialdemokraten erhielten Freiheitsstrafen. Vormundschaft Nicht wieder einzutreten. geführt werden können. wird, daß derselbe auch in einem Nachdem ist es nicht einzutreten. Dernochtl. Nach dem ersten [] Déj. Kois Pfarrer 8 In den Schriften von Marie Juchacz befindet sich eine Aufstellung, die über die Verhältnisse bis um die Jahrhundertwende Aufschluss gibt: " Berufs- und Gewerbe zählung von 1895: 35,1 Millionen proletarischer und proletaroider Existenzen= 2/3 der Gesamtbevölkerung. Der Anteil der Arbeiter unter den Erwerbstätigen beträgt 67,7%. Zunahme der Frauenarbeit um 1,5 Millionen= 30% aller Erwerbstätigen. Gleichbleibende Geldlöhne bei steigenden Lebensmittelprei sen. 214 000 Kinder bis zu 16 Jahren sind berufstätig und stehen unter Gewerbeaufsicht( 1907: 450 000 Kinder und Jugendliche). Zunahme des Alkoholismus Mit der Entwicklung des" Alkoholkapitals" betragen die Ausgaben des Deutschen Volkes für alkoholische Getränke: 1886: 1 Milliarde, 700 Millionen Mark 1892: 2 Milliarden, 500 Millionen Mark 1991: 3 Milliarden, 300 Millionen Mark( Ausgaben in der gleichen Zeit für Brot: 1 Milliarde, 700 Millionen Mark)." Im Jahre 1890 musste- nicht zuletzt durch den" Druck von unten" das Sozialisten gesetz fallen. Die Gewerkschaftsbewegung nahm einen gewaltigen Aufschwung, und im Zusammenhang damit wuchsen Einfluss und Stärke der Sozialdemokraten. Die streikbewegung erreichte mit dem Bergarbeiterstreik von 1889 und mit den Streiks der Hamburger Hafenarbeiter( 1895 bis 1899) symptomatische Höhepunkte. Von 1890 bis 1900 verdoppelte sich der Mitgliederstand der Gewerkschaften,( bis zur Jahrhundertwende zählte die Sozialdemokratische Partei weit über eine Million eingeschriebener Mitglieder. Dieser Entwicklung musste die Sozialpolitik des Deutschen Reichs nechnung tragen. Arbeiter fürsorge gesetze machten den Anfang. 1883 folgte das Gesetz zur Kranken-, 1884 zur Unfall-, 1889 zur Invaliden- und AltersVersicherung, und 1891 das Arbeiterschutzgesetz, das eine Neuordnung der Gewerbeinspektion, das Verbot der Kinderarbeit bis zur Vollendung der Schulpflicht und den zehnstündigen Maximal- Arbeitstag für Frauen in den Fabriken regelte. Pfarrer Bodelschwingh errichtete 1882 die erste Arbeiterkolonie für ArMedmile. beitslose in Berlin, und Naumann formulierte 1890 das soziale Programm der evangelischen Kirche. Von den Parteien- und Parlamentskämpfen und den wirtschaftlich- politisch- sozialen Interessen gegensätzen gibt die Darstellung der verschiedenen Parteiprogramme ein deutliches Bild: 1. Konservative Partei. Sprachrohre:" Kreuzzeitung" und" Deutsche Tageszeitung Bildet den Kern der Regierungsmehrheit. Befürwortet seit 1870 Schutzzollpolitik. Tritt für erhähte Getreidezölle und Steuererleichterungen für agrarische Betriebe ein. Verhindert die Reform des Dreiklassenwhlrechts. Vergeblicher Ver- 9- - 9- such( unter Hofprediger Stöcker) zur Sammlung der Arbeiter unter christlich- antisemitischer Flagge. Seitdem antisemitische Tendenzen bei den Rechtsparteien. Unterstützt die Heeresforderungen und die Kolonialpolitik. 2. Zentrum. Sprachrohre"" Germania" und" Kölnische Volkszeitung". Erster Parteiführer: Windthorst. Ist gegen Jesuiten- und Sozialistengesetz, befürwortet Zolltarife und Sozialpolitik, lehnt Kolonial-, Heeres- und Flottenvorlagen bis Ende der 90er Jahre ab. Stärkste Position in Bayern. 3. Nationalliberale Partei. Sprachrohr:" Kölnische Zeitung". Erste Parteiführer: Lasker und v. Bennigsen. Ist, nach der Reichsgründung, die eigentliche Reichspartei und Bismarcks Stütze, und vertritt die Schwer industrie und den Grosshandel. 4. Liberale Partei.( Fortschrittspartei, mehrfach gespalten, 1884 Freisinnige Volkspartei, 1910 Fortschrittliche Volkspartei). Wortführer: Eugen Richter, Theodor Barth, Friedrich Naumann. Ursprünglich gegen Zoll-, Flotten- und Kolonialpolitik, dann Aufgeben des Widerstandes. 5. Sozialdemokratie. Sprachrohr:" Vorwärts". Wortführer: August Bebel Wilhelm Liebknecht, Vollmer, Singer. Theoretiker: Karl Kautsky, Historiker: Franz Mehring. Wissenschaftliche Wochenschrift:" Neue Zeit". Vertreter der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Interessen des Proletariats. Kämpfen gegen jede Art indirekter Steuern, gegen Militarismus und Kolonialpolitik, für wirksame Sozialpolitik, für Erweiterung der Volksrechte und Ausbau der Reichskompetenzen gegenüber den Einzelstaaten. Prinzipielle Ablehnung des Budgets. Ziel: die politische Macht des Proletariats zur Durchführung des Sozialismus. Mittel und Wege: der auf internationaler Grundlage geführte Klassenkampf. Ständiges Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen und Mandate im Reichstag, in den Landtagen und Kommunen. [ zum Gesamtbild dieser Zeit von 1870 bis 1900. gehören noch die grossen industriellen, auf der technischen Entwicklung beruhenden Konzeptionen, beginnend mit einer gross angelegten Waffenfabrikation, die eine Spezialisierung in Bezug auf Werkzeug- und Maschinenbau mit sich bringt, die Nutzbarmachung der Wasserkraft erst durch Dampfmaschinen und Kesselhäuser, dxxxxxxxx was zur Steigerung der Kohlenförderung und, parallel zur Kartellentwicklung, zur Bildung von Kohlesyndikaten führt. Dann die Gründung von Schiffahrtsgesellschaften( Norddeutscher Lloyd und Hapag), die zu Beginn über ein Kapital von 417 Millionen Mark verfügen und sich dem Morgan- Trust in Amerika angeschlossen haben, was sich auch auf die deutsche Handelspolitik auswirkt. Ein Beispiel pro toto. kennzeichnet die Entwicklung: - pars Die Firma August Thyssen A.G. besitzt im Jahre 1903 bereits doppelt so viele Kohlenfelder und-gruben wie der preussische Staat, ferner eine grosse Zahl von Eisenhütten und Stahlwerken. Durch die Verbindung mit dem Haus Später& Co, das die grössten Eisenhütten in Lothringen und Luxemburg besitzt, und mit dem Aufsichtsratsmitglied der mittelrheinischen - 10- sie Bank, Hugo Stinnes, reorganisiert er die Saar- und Moselbergwerks- Gesellschaften, die Industrie der Schwemm-, Sand- und Backsteine, den Ausbau der Rheinschiffahrt und den Kohlenhandel. Thyssen besitzt bedeutende Erzgruben in Frankreich und Hochofenanlagen in der Normandie, und erhält 1910 Grubenkonzessionen in Algier. In diesem Konzern arbeiten um die Jahrhundertwende Abertausende von- schlecht bezahlten Arbeitern. Diese Entwicklung von der Reichsgründung 1871 bis zur Jahrhundertwender hat nur sehr entfernte Ähnlichkeit mit der Entwicklung des deutschen " Wirtschaftswunders" ab 1950. Sie war geschwängert von Krisen und Depressionen, die immer zu Lasten der Menschen gingen, die mit ihren zwei Dritteln der Gesamtbevölkerung zwar den Hauptanteil an dieser Entwicklung durch ihre Arbeitskraft trugen, die aber am materiellen Erfolg nicht beteiligt wurden. In den Beginn der Zeit des Auflehnens gegen diese wirtschaftliche und gesellschaftliche" Ordnung" fällt der Geburtstag von Marie Juchacz. 15. März 1879 - 11- Der feuchtkalte Grippewind, der an diesem Samstagmorgen durch das Brandenburger Tor in Berlin blies und die Linden herunterpfiff, trieb den Soldaten der Wachtruppe, die zur Ablösung zum Schloss marschierte, die Tränen in die Augen. Für die 1,1 Millionen Einwohner der Hauptstadt des Deutschen Reichs und der drittgrössten Stadt Europas hatte dieses Schauspiel seine Anziehungskraft verloren. Nur wenige Passanten waren in gebührend respektvoller Entfernung stehengeblieben, unter ihnen Bürgermeister Anker aus Landsberg an der Warthe, ein aufrechter und tüchtiger Mann, der um das Wohl seiner aufstrebenden kleinen Stadt sehr bemüht war und des öfteren nach Berlin kam, um sich Anregungen, Ratschläge und Hilfe für seine Pläne und Absichten zu holen. Er versuchte gerade, sich aus der kleinen Gruppe der Neugierigen herauszustehlen, um in der Klosterstrasse 70 im" Grünen Baum", wo er übernachtet hatte, seinen Koffer abzuholen. Die markante, schneidende Befehlsstimme des Wachoffiziers hielt ihn zurück. Der Führer der Wachtruppe hatte sich vor den Offizier, einen Major, in strammer Haltung gestellt, die Hand zum militärischen Gruss erhoben, und Meldung gemacht. Nach der Meldung behielt er die Hand an der Mütze, als ob sie dort festgewachsen sei. Der Major ging einige Schritte auf den Führer der Wachtruppe zu, blieb breitbeinig stehen, stemmte die Fäuste in die Hüften, hob die rechte Augenbraue, sodass das an einem silbergrauen Faden befestigte Monokel herunterfiel, und fuhr den Verdutzten an: " Sagense mal, was woll'nse denn mit dem rechten Arm in der Luft, was? Sie sind doch keen Vogel! Krieje wer'n auf der Erde jewonnen, und nich in der Luft, verschtanden?" Bürgermeister Anker wartete das Ergebnis dieser Kontroverse nicht ab, er hatte eine sehr persönliche Meinung auch zu diesen Dingen. Während er sich unauffällig davonmachte, ging ihm nur noch durch den Kopf, warum preussische Offiziere ab Lieutenant aufwärts eine" markante" und" schneidende" Stimme haben mussten, obwohl das in keiner Dienstvorschrift festgelegt war. Im Abteil seines Züges nach Landsberg hatte er Zeit, über dieses Kle: ne Erlebnis nachzudenken. Exxxxxxxxædigaxxdurak Er war- verhindert durch sein Bürgermeisteramt- kein offener Anhänger der Sozialisten, die sich gegen alles stemmten, was mit Militär zu tun hatte. Da der Krieg gegen Frankreich ja nun schon acht Jahre wobei war, hatten diese Leute wohl mit ihrer Meinung Recht, dass der ganze Aufwand überflüssig sei, ganz zu schweigen von dem Säbelgerassel, das den Nachbarn des in den Kinderschuhen einherlaufenden Deutschen Reichs be . - 12- stimmt nicht angenehm in den Ohren klang. Dass die zunehmende Industrialisierung das Entstehen eines Arbeiterproletariats zur Folge hatte, machte sich bereits in seinem kleinen Städtchen Landsberg an der Warthe bemerkbar. Auch mit den durch Konjunkturschwankungen und durch stärkere Zuwanderungen arbeitslos gewordenen Proletariern hatte sich seine Stalt- und damit auch er selbst gelegentlich auseinanderzusetzen. Aber das konnten die Sozialdemokraten doch nicht einfach verallgemeinern! Für das flache Land hatten solche Überlegungen keine Gültigkeit. Zumindest dachte Bürgermeister Anker so. - Es gab genügend andere Dinge, mit denen sich jeder, der noch ein Herz hatte, sofort auseinandersetzen und- wenn möglich seinen Beitrag zur Hilfe leisten musste. In jeder deutschen Zeitung waren in den letzten beiden Tagen und auch heute wieder- umfangreiche Berichte erschienen über eine Naturkatastrophe von erschreckendem Ausmaß. In der ungarischen Freistadt Szegedin an der Theiss war ein Unwetter niedergegangen, der Fluss war über die Ufer getreten, orkanartige Stürme hatten Bäume entwurzelt und Häuser niedergerissen. Menschen und Vieh kamen unter den Trümmern und in den Fluten um, und die letzten Depeschen, die Bürgermeister Anker in Berlin zu lesen bekam, sprachen von mehr als 5000 zerstörten Häusern und Tausenden von ertrunkenen Erwachsenen und Kindern. Sammlungen in allen Ländern Europas wurden veranstaltet, um zu helfen. Der österreichische Kaiser hatte sich gerade heute von Wien aus nach Szegedin begeben, und sein Innenminister" hat in sämmtlichen im Reichs rathe vertretenen Königreichen und Ländern eine öffentliche Sammlung milder Beiträge zur Unterstützung der in Folge der Überschwemmungen verunglückten und hilfsbedürftigen Bewohner der Freistadt Szegedin's angeordnet." Auch in Deutschland wurde gesammelt, und Bürgermeister Anker war in der misslichen Lage, nicht nur an Szegedin zu denken, sondern auch an den Spessart. In Berlin hatte man ihm einen Bericht in die Hand gedrückt, der -13 - - 13- leider nur zu deutlich- bewies, dass es in Deutschland ohne Flussüberschwemmungen und Orkane genug Not und Elend gab " Nicht bloss für die unglücklichen Bewohner Szegedins, auch für die von Hungersnoth schwer betroffenen Bewohner des Spessart rufen wir das öffentliche Mitleid wach. Kein Brod, keine Kartoffeln, kein Salz im Hause, blutarm die Kinder, sieht der Hunger dem Volke zu den Augen heraus und in stummem Kummer starrt die Bevölkerung vor sich hin, entkräftet, muthlos, zu schwach schon fast zur Arbeit geworden. Dringende Hilfe ist nöthig, die nothleidenden Gemeinden müssen unterstützt, über die nächsten Wochen hinweggebracht, ihnen die Mittel verschafft werden, ihre Felder zu bestellen und sie vor Krankheit und völligem geistigem wie leiblichem Verderben zu retten." eilte Das letzte Viertel dieses Jahrhunderts zwar einem technischen Höhepunkt entgegen, aber einem solchen Ereignis standen nicht nur die Bisherigen Errungenschaften, sondern auch die ansonsten bis ins Detail " durchkonstruierten" Verwaltungsapparate machtlos gegenüber. Es gab also trotz des S technischen Fortschritt genug Jammer in dieser Welt. Vielleicht war das eine der Hauptursachen, warum sich die Menschheit ins Vergnügen stürzte. In Deutschland feierte nicht nur die OperetCompositeuren te grosse Triumphe. Den Herren Ko Franz von Suppé, Johann Strauss, Millöcker und Zeller wurden die Notenblätter noch tintenfrisch aus den Händen gerissen. Auch die leichtere Muse kottsich über Zulauf nicht beklagen. Miss Zenobia, eine Indianerin, trat heute Abend, am 15. März 1879, zum ersten Mal im Münchener Thalia- Theater in der Posse" Die Studenten von Rummelstadt" auf, um ihr Deutschland- Gastspiel anschliessen in Berlin fortzusetzen. Vielleicht sogar( verwegener Gedanke!) in Landsberg Die Berichte in den Zeitungen über derartige Veranstaltungen nahmen in letzter Zeit einen grösseren Raum ein als die politischen und wirtschaftlichen Vorgänge in Deutschland. Es war manchmal kaum der Mühe wert, sich mit dem Inhalt der Zeitungen abzugeben. Trotzdem hatten in Strasburg einige Abgeordnete bei der Regierung durchgesetzt, dass alle in Deutschland erlaubten Zeitungen und Publikationen auch in Elsass- Lothringen verbreitet werden dürfen( sollten die Elsässer und Lothringer vielleicht dadurch besseres Deutsch lernen?). Besser als jede Zeitung ist der menschliche Kontakt, dachte sich Bürgermeister Anker. Um ihn zu finden, müsste man Reisen können. Zum Beispiel mit einem der neu gegründeten Bureaus für Gesellschaftsreisen. " Carl Stangens Reisebureau in der Markgrafenstrasse 43 in Berlin W bereitet eine grosse Gesellschaftsfahrt nach Italien vor, über München, Verona, Mailand, Genua, Rom, Neapel, Sorrent, Amalfi, Capri, Vesuv, Florenz, Bologna, Venedig, Wien, Berlin Dauer: 42 Tage, Preis: 1250 Mark"( wer kann sich das leisten? In Landsberg niemand!). 14alles andere als ein Pessimist, Bürgermeister Anker war aber keiner der Berichte in der Zeitung konnte ihm auch nur den geringsten optimistischen Kommentar abgewinnen. Obwohl es ein Samstag war, kam ihm dieser Tag recht bedrückend vor. Ursprünglich hatte er die Absicht, noch bis zum Sonntag in Berlin zu bleiben, aber ab morgen war über die Stadt der, kleine Belagerungszustand" verhängt, weil der sozialistische Abgeordnete Wilhelm Liebknecht beim Ausbringen des" Lebehoch" auf den Kaiser sitze liebend warum? Um verschiedenen Zeitungen die Möglichkeit zu geben, das SozialistengesetzX zu umgehen und darüber zu berichten, denn aus dem Reichstag durfte man über alles schreiben, auch über das, was die Sozialisten sagten und taten). im Reichstag Der Bürgermeister hing seinen eigenen Gedanken nach, wobei er auch jetzt wieder zu der Erkenntnis kam, dass man sich doch intensiver mit den sozialistischen Gedankengängen beschäftigen sollte. Denn vieles, was die Sozialdemokraten forderten, hatte Hand und Fuß. Zum Beispiel die Reorganisation des Schulwesens. Schon seit einiger Zeit war ihm- gerade als Bürgermeister, der sich auch mit den schulischen Problemen seiner Stadt abgeben musste- klar geworden, dass das Unterrichtswesen immer mehr zur seelenlosen Maschine eines einseitig intellektualistischen Zeitalters geworden war." Gesinnungsunterricht im Dienste der herrschenden Klasse", so nannten es die Sozialisten. Und das x* x* x* xkxxxgetraf zu!- Der Mutty Abgeordnete Schenkendorff, mit dem er sich darüber in Berlin hatte unterhalten wollen, war leider verhindert gewesen. Er sässe, so sagte man ihm, gerade an einer grossen schriftlichen Arbeit, die sich mit der Förderung der Handarbeit und der Volks- und Jugenspiele in Erziehung und Unterricht befasse. Aber was würde dabei herauskommen? Eigentlich machten es sich die Herren Abgeordneten in Berlin leicht mit ihrer Arbeit. Ausser einigen wenigen Sozialdemokraten war noch niemand* nach Landsberg gekommen, um die Probleme einer kleinen östlichen Provinzstadt kennenzulernen. Was wussten denn diese Herren schon von**** Landsberg, mit seinen 1495 Wohnhäusern, 10 Anstalten zu gemeinschaftlichem Aufenthalt, 5046 Haushaltungen, 11 911 männlichen( darunter 892 aktive Militärs) und 11 647 weiblichen Seelen? Bürgermeister Anker konnte, als er( mit einigem Stolz) diese Zahlen rekapitulierte, nicht ahnen, dass gerade in dem Augenblick, als der Zug auf dem Bahnhof in Landsberg einfuhr, die 11 648ste Saxka" weibliche Seele" im Begriff war, das Licht dieser Welt zu erblicken. Im überheizten Gasthaus" Zur Krone" in Landsberg an der Warthe hatte sich um die Nachmittagszeit dieses Tages eine Gruppe von Männern zusammengefunden, um bei einem Glas Bier und bei Pfeife und Zigarre von den Strapazen der Woche aus zuruhen und über die Dinge zu sprechen, die sich seit . - 15dem letzten Samstag ereignet hatten. Die Meldungen der" Neumärkischen Zeitung", eines liberalen Wochenblatts mit geschickt versteck ter sozialistischer Tendenz, wurden je nach Temperament und Anschauung der Einzelnen diskutiert. Man redete mit sehr grossem Eifer und mit noch mehr Anerkennung über die fortschrittlichen Pläne, die Bürgermeister Anker in Landsberg verwirklichen wollte. Jetzt war er ja schon wieder in Berlin, um zu studieren, was es dort Neues gäbe. Die neue Berliner Stadtbahn wollte er sich ansehen, die in einem Jahre fertig sein sollte. Allerdings seien die Engländer schneller gewesen, schon 1863 sei das erste Stück ihrer Stadtbahn in Betrieb genommen worden. Nun ja, die Vorbereizu der Zeit tungen und Gelder für den Krieg 70/71 waren vielleicht wichtiger.[ Auch in Landsberg wird ja nur mit Wasser gekocht. Trotzdem soll jetzt die neue Kanalisation in Angriff genommen werden, der Bürgermeister weiss auch schon wie. Natürlich nicht so wie zum Beispiel in Frankfurt, wo man die Abwässer ganz einfach in den Main geleitet hat. Ohne Rieselfelder kommt man heutzutage nicht mehr aus, das werden die Frankfurter nachholen müssen. Oder sie entscheiden sich für ein System, an das der Bürgermeister für Landsberg denkt und das mit einer pneumatischen Abtrittreinigung arbeitet. In Holland, in Amsterdam, Dortrecht und Leyden ist dieses System bereits erfolgreich ausprobiert worden Bürgermeister w wird damit schon fertig werden, auch mit der Wohnungsnot, die durch den ständigen Zuwachs von Fremdarbeitern immer grösser wird. Das könnte auch eine Menge Arbeit geben für den Bauunternehmer Friedrich Theodor Gohlke, sagter Aber zu diesem Thema genau so wenig wie zu den anderen Dingen. Eigentlich hört er garnicht richtig zu, und man sieht ihm an, dass er am liebsten nach Hause gehen würde, um bei der Geburt seines zweiten Kindes ( dabei ist es, genau genommen, schon das vierte!) dabei zu sein. Die Hebamme, Minna Freymark, hatte ihn aber so energisch hinausgeschickt, dass er es vorzog, am Stammtisch zu warten, bis sein Sohn Otto So war es verabredet ihn holen würde.- Minna Freymark war erst kürzlich mit ihrem Mann, dem Volksschullehrer Peter Freymark, aus Soldin nach Landsberg gekommen. Da er einige Kinder der Männer dieser Samstag- Tischrunde unterrichtete, hatte es sich von selbst ergeben, dass er sich mit den Vätern zusammensetzte. Dabei machte er aus seiner sozialistischen Einstellung kein Hehl. Man riet ihm zur Mässigung, wenigstens so lange, bis das Sozialistengesetz wieder aufgehoben sei. Freymarks Gefühl, dass dieses Gesetz noch lange in Kraft bleiben würde, entsprach den späteren Tatsachen. In diesem Augenblick konnte er noch nicht wissen, dass er sehr bald ein Opfer dieses Gesetzes werden und seine Lehrers telle verlieren sollte. Heute bei der Unterhaltung beschränkte sich PeterFreymark dxxxxXXXXXXXXXX • . 16darauf, mit Neuigkeiten aufzuwarten, die er von seiner Frau erfuhr. Als Hebamme hatte sie schon einigen dxxxxx Frauen der um den Tisch versammelten Männer dazu verholfen, glückliche Mütter zu werden, und kannte sich also in xxxxden Landsberger Familienverhältnissen schon recht gut aus.- Als auch das Thema familiärer Neuigkeiten erschöpft war, sassen die Männer schweigend da, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. - Friedrich Theodor Gohlke verliess bedrückt durch die Stille im Gastzimmer- mit kurzem Gruss die Tischrunde. Beinahe wäre er mit Bürgermeister Anker zusammengestossen, der gerade an der" Krone" vorbeikam. Anker und Gohlke kannten sich recht gut, der Bürgermeister hatte es schon einige Male so einrichten können, dass Gohlke kufiкägax* x* durch seine Fürsprache Aufträge erhielt. Auch der Neubau in der Nähe der evangelischen Kirche, für den er gerade den Dachstuhl anfertigte, stand unter Ankers Schirmherrschaft. Nach einigen freundlichen Worten nach dem Woher und Wohin trennten sich die beiden Männer und gingen ihres Wegs, wobei Friedrich Theodor Gohlke die Richtung zur evangelischen Kirche zum Neubau einschlug. Ob sein Geselle, der Franz, alleine mit den Querhölzern fertig wurde? Oder sollte er nicht doch lieber nach Hause gehen? Unschlüssig blieb er stehen. Vielleicht war er nur deshalb so nervös, xxx weil er als Bauunternehmer bisher nicht den richtigen Anschluss gefunden hatte. An dieser Situation war er- nach seiner Meinung schuldlos. Ob sein Vater, der Ostkolonist Gottlieb Gohlke, sich bei seiner- Theodors Geburt am 8. Oktober 1841 in Gross- dzettritz wirtschaftlich genau so abquälen musste wie er heute? - Das ist jetzt 37 Jahre her, und weder Vater noch Mutter haben jemals darüber mit ihm gesprochen. Väter und Mütter scheinen niemals mit ihren Kindern über solche Dinge zu reden. Wenn sie es möchten, sind die Kinder noch zu klein und verstehen das nicht,- und wenn sie es verstehen würden, sind sie bereits zu gross und haben schon ihre eigenen Sorgen. Während er seinen Gedanken nachhing, war er nicht in Richtung Bauplatz, sondern auf die Warthe zugegangen. Als er die Küstriner Strasse überquerte, sah er das Haus, das vor einem guten Jahr unter seiner Mitwirkung entstanden war und in das er hatte einziehen wollen, um endlich mit seiner Familie ein schönes und grosses Zuhause zu haben. Fehlschläge hatten diese Absicht zunichte gemacht. -17Unwillig und in der Märzluft fröstelnd versuchte er, diese Gedanken so schnell wie möglich loszuwerden. Die Holzbohlen der Warthebrücke klapperten mit hohlem Echo, als er auf eilte das Haus zu in dem seine Frau Henriette in einer Dachwohnung ein xxx viertes Mal den Kampf um ein яx neues Menschenleben austrug. Den Jungen würde er Hermann nennen, dachte Friedrich Theodor Gohlke. Es war ein Mädchen, das in diesem Augenblick des 15. März 1879 geboren wurde und das den Vornamen Marie bekam. -18 11 = - 18- Bei den Eltern muss es beginnen. . Als Marie Juchacz den Gedanken, dass jede Lebensbeschreibung bei den Eltern beginnen muss, formulierte und versuchte, ihn zu verwirklichen, musste sie feststellen, dass es da der Mensch nur bis zu einem bestimmten Jugendalter und in bestimmten Grenzen erinnerungsfähig ist- intensiver Nachforschungen bedurfte, um alles, was wichtig war oder aufschlussreich sein konnte, zusammenzutragen und festzuhalten. Unterlagen- wie Aufzeichnungen ihrer Eltern, Briefe oder Dokumente- standen ihr nicht zur Verfügung. Ihre Aufzeichnungen verraten die Sorgfalt, mit der sie die von den Zeitereignissen zugeschütteten Erinnerungen freilegte und- als Zustand, Ereignis oder Erlebnis- notierte. Mit Fußnoten und auf Ergänzungsblättern vermerkte sie mit Stichworten die Lücken und nach zutragenden Daten und Ereignisse. Der Bruder von Marie Juchacz, Otto Gohlke, gute sechs Jahre älter als seine Schwester, hat sie überlebt. Trotz seines hohen Alters( im Augenblick der Niederschrift dieser Zeilen ist er 85 Jahre alt) gab er bei vollster geistiger Rüstigkeit eine Fülle von ergänzenden Daten und Ereignissen, die wesentlich dazu beitrugen, über Marie Juchacz gerade aus ihren Kindheitstagen Einzelheiten zu erfahren, die den Lebensweg dieser Frau noch deutlicher Charakterisieren. Das Bild, das sich Bruder Otto von seinen Eltern eingeprägt hat, deckt sich vollkommen mit dem, was Marie Juchacz darüber sagt: es war im Jahre 1874, + Viel Bargeld hatte Friedrich Theodor Gohlke nicht in der Tasche, als er eines Tages, mit seiner Frau Henriette und dem Sohn Otto in Landsberg vor dem Fischhändler Höhne stand, der sich nach einigem Hin und Her bereit er - 20- klärte, der dreiköpfigen Familie Gohlke in einem seiner Häuser auf der anderen Seite der Warthe eine Dachwohnung zu vermieten. Er konnte ja die drei Menschen, die mit wenigem Hausrat aus Heinersdorf zugewandert waren, nicht obdachlos auf der Strasse sehen lassen. Ausserdem sollte es ja nur ein Übergangszustand sein. Dass er fast 15 Jahre dauern sollte, ahnte weder Vater Gohlke noch Fischhändler Höhne. ( musste er kredite aufnehmen. Se besass es Im ausgebauten unteren Hauptteil des Hauses wohnten die Familie Kuhn und der Viehhändler Blobelt, von dem Theodor Gohlke schon wenige Tage nach seinem Einzug den Auftrag erhielt, eine Viehrampe zu bauen. Warum sich also nach einer Stelle als Zimmerpolier umsehen? Das hier war der Anfang zur Selbständigkeit. Um hinter dem Haus einen Arbeits- und Holzschuppen zu bauen und eine Werkstatt einzurichten, war Kapital notwendig. Day er nicht wuchsen die Schulden, die mit der inzwischen fertiggewordenen Viehrampe nicht abgedeckt werden konnten, denn inzwischen waren neue und eilige Aufträge hereingekommen. Vater Gohlke konnte mit diesen Arbeiten alleine nicht fertig werden. Um die Aufträge nicht an die Konkurrenz abgeben zu müssen, wurden zwei Gesellen vom Lande verpflichtet, die natürlich mit entsprechenden Werkzeugen und Geräten ausgerüstet sein mussten. Das zum Bauen notwendige Holz gab es nur gegen Barzahlung. Trotz grosser Bemühungen gelang es ihm nicht, einen einmaligen grösseren Kredit zu bekommen. Mit den kleinen Darlehen konnte er bestenfalls die Anschaffungen bezahlen. Der grösste Teil der Gewinne gingяx als Rückzahlungxx der Darlehen wieder aus dem Haus. Inzwischen hatte es im Hause Gohlke auch Familienzuwachs gegeben, Minna War am Ende des zweiten Landsberger Jahres zur Welt gekommen, ein zartes Mädchen, das von seiner Geburt an auf Pflege angewiesen war. Mutter Gohlke hätte es in dieser Zeit lieber gesehen, wenn ihr Mann die ganze Selbständigkeit an den Nagel gehängt und sich bei einem Bauunternehmer als Zimmerpolier verdingt hätte, aber sie machte ihm keine Vorwürfe, sondern packte mit der ihr eigenen stillen Entschlossenheit zu, wo es nötig war. Als das Geld einige Male allzu knapp wurde, schlich sie sich aus dem Hause, um auf den Äckern des Mühlenbesitzers Braun bei der Landarbeit mitzuhelfen. Das muss, neben der gründlichen Arbeit im Haushalt, die sie nicht vernachlässigte, ihre Kräfte über Gebühr beansprucht haben, umsomehr, als sich and in Jahr nach Minnas Geburt das dritte Kind anmeldete. Es kam zur Welt, als Vater Gohlke gerade beim Bauern Trasche am Stadtrand von Landsberg mit dem******* киид Anbau**** an einem Viehstall fertiggeworden war und sich anschickte, zu den Gutsbesitzern Böhnisch und Eschner zu gehen, um die Erweiterungs- und Neubauten für Wohnhaus, Stallungen und Scheune perfekt zu machen. Was tun? Die Familie konnte er nicht im Stich lassen. Jemanden vom Lande verpflichten, der das Haus versorgte? Da bekam man ja doch nur halbwüchsige Mädchen, auf die man selbst noch aufpassen musste. Vielleicht hätten die beiden grösse - 21- tun ren Aufträge von Böhnisch und Eschner die materielle Hilfe gebracht, um in Zukunft in schuldenfreier Selbständigkeit weiterleben zu können. Aber das bedeutete xxxxgleichzeitig: zuerst einmal investieren, Holz und anderes Material kaufen, vielleicht sogar noch weitere Gesellen verpflichten. Also Schulden machen. Es war nicht leicht für Vater Gohlke, einen schnellen Entschluss zu fassen. Aber er musste handeln. Im Glauben, das Richtige zu sagte er die Aufträge bei Böhnisch und Eschner ab, kündigte um sich finanziell zu entlasten- den beiden Gesellen, und kümmerte sich um seine krank im Bett liegende Frau, um seibald nen xxxx@ tta fünfjährigen Sohn Otto, um die anderthalbjährige zarte Minna, mit deren Augen etwas nicht in Ordnung war, und um den Neuankömmling Franz. Eine Nachbarin ging ihm gelegentlich zur Hand, sodass er nebenbei kleinere Reparaturen ausführen konnte. Mit diesen geringen Nebeneinnahmen konnte er unmöglich eine fünfköpfige Familie über Wasser halten. So, halben schrumpfte das Holzlager im Schuppen zusammen, das er im Laufe einesres mit Verlust verkaufte. Eine weitere finanzielle Hilfe versprach er sich davon, dass er die kleine Kammer der Dachwohnung an einen Schlafburschen vermietete, an einen Schuhmacher, der morgens aus dem Hause ging und abends zurückkam, der also keine Arbeit machte. Nach einigen Monaten hatte sich Mutter Gohlke wieder so gut erholt, dass sie mit gewohnter Rüstigkeit und Gründlichkeit ihrer Hausarbeit nachgehen konnte.@ ttaxhяkfxxx@ xxxxx@******* xxxxx Während Otto mit seinen 5 Jahren schon ein kräftiger Junge war, stand es nicht gut um Minna und Franz. Minnas Körper wurde trotz Mutters aufopfernder Pflege immer schwächer, mit den Augen wurde es von Tag zu Tag schlechter, und Franz machte seinen Eltern noch grössere Sorgen. In dieser Zeit traf Vater. Gohlke wieder einmal auf Bürgermeister Anker, dem er ungeschminkt von seinem familiären und beruflichen Kummer erzählte. Anker schätzte den Bauunternehmer und Zimmerer Gohlke als soliden und gewissenhaften Handwerker. Er empfahl Vater Gohlke an eine Baufirma, die in der Landsberger Friedrichstadt, direkt an der Hauptstrasse, ein dreistöckiges Haus aufführte, für das Vater Gohlke alle Holzarbeiten in Auftrag bekam, einschliesslich Balkenlegung und Dachverband. Die Baufirma bevorschusste auch den Ankauf des Materials, sodass er kein Darlehen aufzunehmen brauchte. So erfreulich es jetzt auch beruflich weiterging, um so trauriger waren die Verhältnisse zu Hause. Der Arzt hatte festgestellt, dass die kleine Minna nicht nur körperlich geschwächt, sondern auch unheilbar augenkrank Und war. Es müsste ein Wunder geschehen, um Franz durchzubringen. - 22- Aber woher sollte dieses Wunder kommen? Wenn man die beiden Kinder aus dem Haus und irgendwohin in Pflege geben könnte! Es wäre vielleicht mög- m lich gewesen, wenn Vater Gohlke Geld, sehr viel Geld gehabt hätte. Aber da konnte ihm auch Bürgermeister Anker, der sich zwar um Waisenkinder und alte Leute gekümmert und einige Plätze geschaffen hatte, wo man diese hilflosen Menschen betreute, keinen Rat geben für Kchwerkranke Kinder unbemittelter Eltern. Zwei Monate später starb zuerst Minna, drei Monate danach folgte ihr der kleine Franz. Die Gohlkes waren jetzt wieder zu Dritt, mit ihrem Sohn Otto, der sehr an seinen Geschwistern xxxx gehangen hatte und einige Zeit brauchte, um mit seinem Alleins ein fertig zu werden. Vater und Mutter ******* Gohlke hatten nichts dazu gesagt, als Otto die Spielsachen von Minna und Franz sorgfältig in eine kleine Kiste verpackte. Sie beobachteten ihn, wie er gelegentlich das Spielzeug hervorholte, den einen oder anderen Gegenstand in die Hand nahm, und dann alles wieder behutsam versteckte. jetzt Beruflich gab es gute Tage, manches Haus in Landsberg war dazugekommen, an dem Theodor Gohlke fleissig mitgearbeitet hatte, яяжяи unterstützt von Otto, so lange dieser noch nicht zur Schule ging. Einmal reiste Vater Gohlke auch nach Kolow in Polen, weil er als guter und solider Bauunternehmer eine Empfehlung dorthin erhalten hatte. Dass er unverrichteter Dinge wieder zurückkehrte, lag nicht an ihm. Da sich Mutter Gohlke mit ihren gut 32 Jahren чяяк trotz der Unbill vieler Jahre und des Verlusts von zwei Kindern doch noch stark und jung genug fühlte, und sie sich mit Vater Gohlke einig war, dass Otto пяяжxj椤 XXXXXXXX sich über einen Bruder oder eine Schwester freuen würde, ergab es sich, dass am 15. März 1879 Marie Juchacz geboren wurde, ein gesundes, kräftiges Mädchen, das schon als kleines Baby mit ernsten Augen in die Welt sah. Otto hatte an seiner Schwester sehr viel Freude, spielte mit ihr, und holte als Marie anfing, auf allen Vieren in der Wohnung herumzukriechen die Kiste mit dem Spielzeug aus dem Winkel, une parierte das, was Mariechen zerbrach, mit grosser Geduld und Gründlichkeit. Eine kleine Begebenheit, so unwichtig sie auch war, ist Bruder Utto fax* x* x* x* x mit allen Einzelheiten und fast wörtlich im Gedächtnis geblieben. Marie, drei* x* x* x* x* x*** Jahre alt, nahm schon an der Unterhaltungen teil, wobei sich bereits ein eigener Wille und eine persönliche Meinung so weit ein Kind dies zum Ausdruck bringen kann- zeigten. Otto, nun schon im dritten Schuljahr, konnte die Weisheit, die er lernte, nicht für sich behalten. Marie musste seine Schreibkünste bewundern und geduldig zuhören, wenn er ihr aus Unterrichtsbüchern vorlas, unter anderem auch 23eine der typischen" dummen" Geschichten, wie sie sich bis auf unsere Tage in Schulbüchern erhalten haben. Vater Gohlke war der Meinung, dass Marie für solche Sachen noch zu jung sei. " Lass doch Mariechen in Ruhe, Otto! Das kann sie doch noch nicht verstehen..." " Weiss ich, Vater, und ich habe jxxi ihr ja auch gesagt, dass sie fragen soll, weil ich es ihr dann erkläre." " Das versteht sie schon garnicht." " Doch, Vater, versteht sie! Wenn sie gefragt hat und ich antworte, sagt sie nach einer Weile: jetzt kannst Du weiterlesen. Dann hat sie es doch verstanden!" Marie war inzwischen aus dem Kinderbett, in dem schon Otto, Minna und Franz gelegerhatten, herausgewachsen. Es wurde wieder eng in der kleinen Dachwohnung. Otto hatte keine Lust mehr, in der Küche auf dem Sofa zu schlafen. Er fühlte sich alt genug, um alleine in die kleinex Kammer zu , aber da wohnte noch der Schuhmacher, an den sich alle wahrscheinlich nurndeshalb gewöhnt hatten, weil man ihn nie zu Gesicht bekam. Otto blieb also in der Küche, und wenn Mutter ihn mit ihrer ständigen Geschäftigkeit bei den Schularbeiten störte, zog er nebenan ins Wohn- Schlafzimmer. Vater Gohlke sorgte dafür, dass Otto mehr lernte, als an Lehrstoff geboten wurde. Da er sich ausserdem für die Zimmerei interessierte und aus eigenem Entschluss in der Freizeit- besonders in den Ferien- dem Vater zur Hand ging, stand es fest, dass er nach der Schule zum Vater in die Lehre gehen würde. Der Geselle, den sich Theodor Gohlke aus dem Warthebruch geholt hatte, weil die Zimmermannsarbeit in dieser Zeit wieder angewachsen war, verstand es gut, den noch unbeholfenen Otto auch während Erstaunt der Abwesenheit des Vaters anzuweisen, sodass Theodor Gohlke war, als ihm sein Sohn eines Tages mit einem fertigen Plan überraschte. " Wir nehmen das Sofa in der Küche auseinander, bis nur noch die Polsterung übrig bleibt, mit dem Rahmen. Den stellen wir auf einen grossen viereckigen Kasten, der vorne eine grosse Schublade hat, die man ganz herausziehen kann." " Wie soll man einen so schweren Kasten ziehen können? Das ist doch nicht möglich!" " Doch, Vater, der läuft auf Rollen, auf dem Boden. Auf der linken und vom Kasten rechten Seite sind zwei Leisten, die in einer Holzführung laufen." " Und was sollen wir mit der grossen Schublade anfangen?" " Das ist Mariechens neues Bett!" Vater Gohlke war nach anfänglichem Widerstand so begeistert für die Idee, dass" beide Männer"( so pflegte Mutter Gohlke in dieser Zeit mitunter( zu Schon 24• sagen) sich sofort an die Arbeit machten. Da Mutter Gohlke bei dieser Unterhaltung nicht gefragt wurde, wollte sie xxxx auch ihr Wort anmelden: " Und was geschieht mit der gepolsterten Rückenlehne des Sofas? Die wollt Ihr einfach wegwerfen, oder verbrennen, was?" Vater und Sohn Gohlke standég unschlüssig vor der abmontierten, mit der in dieser Zeit für solche Möbel charakteristischen, geschwungenen und mit Schnörkeln und кяäдfяя Holzknöpfen verzierten, en, Holzumrandung. " Ich weiss was, Vater! Wir sägen drumherum das ganze Holz weg, machen einen einfachen Rahmen, der genau auf das Gestell mit dem Kasten passt, und stellen ihn als Lehne an die Wand. Dann hat Mutter was zum Ausruhen. Aber Vater Gohlke hatte auch eine Idee: die mit dem neuen und glatten Rahmen eingefasste Polsterlehne bekam auf der Rückseite eine grosse Platte aufgeschraubt, wurde mit Scharnieren auf dem Gestellkasten befestigt, und tagsüber wurde die Lehne einfach heruntergeklappt. Mutter Gohlke erhielt dadurch einen schönen grossen Tisch, auf dem sie auch plätten kaxxkя und allerlei Zeug abstellen konnte, und war mit der Lösung sehr zufrieden. Marie bezog den rollenden Schubkasten als neues Bett, das abends einfach herausgezogen wurde, und Otto schlief auf dem trotz Umbau gen au so bequemen Sofa den gesunden Schlaf der Jugend.- Das " rollende Bett" war nicht nur Gesprächsthema in der Nachbarschaft, sondern lange Zeit Maries schönste Kostbarkeit. Bas Schlafzimmer konnte jetzt so hergerichtet werden, dass es auch als Wohnzimmer einen hübschen Eindruck machte. Das Kinderbett********** k axdxükkig hatte endgültig ausgedient. So dachten Vater und Mutter Gohlke, und hatten nichts dagegen, dass Otto es auseinandernahm und zu den alten Hölzern in den Schuppen hinter dem Haus legte. - Die Athmosphäre des Elternhauses war bestimmend für die ganze Entwicklung von Marie Juchacz, dixxxixkx*************** Schon mit jungen Jahren nahm sie kkkeskmit wachem Verstand alles auf, was Vater und Mutter ihr bewusst oder auch nur deshalb, weil sie" so" waren als Erziehung mit auf den Weg gaben. Diese Jugendzeit prägte sich dem Mädchen Marie so stark ein, dass sie sich ihr ganzes Leben lang taman erinnerte und diese Zeit mit vielen Einzelheiten niederschreiben konnte: " Ich wuchs, trotz des fleissigen und hochstrebenden Vaters, in einer kleinen, ärmlichen aber sehr sauberen Dachwohnung auf. Sie war sonnig und Dank der besonderen Haushaltungskunst und des Fleisses meiner Mutter Henriette immer blitzsauber und aufgeräumt. Nach meiner Erinnerung war immer Arbeit da, ein gemiete Vater und Mutter Gohlke mussten feststellen, dass Marie ein aufgewecktes Mädchen war. Mit den Aufgaben in der Schule wurde sie so schnell fertig, dass sie sich mit Wissen und Genehmigung der Eltern- irgendwelche anderen Arbeiten, meistens irgend etwas zum Lesen, mit zur Schule nahm. Die Eltern unterhielten sich manches Mal darüber, ob es nicht gut wäre, sie in die Bürgerschule zu schicken. Aber das kostete Geld, und obwohl es in diesen Jahren nie an Arbeit mangelte und Vater Gohlke mitunter bis zu drei Gesellen( und dazu noch seinen Sohn Otto) Beschäftigte, war für eine zusätzliche Ausbildung der Kinder kein Geld übrig. " Eigentlich hätten wir schon dem Otto eine besser Ausbildung geben soltlen, der Junge macht sich so geschickt in der Werkstatt und am Bau, dass es schade ist, wenn er beruflich nicht weiterkommt." Eine Unterhaltung dieser Art ist Otto in Erinnerung geblieben. Wieder einmal wurde nach einem Weg gesucht, und Vater Gohlke dachte sogar an die Technische Hochschule in Berlin. " Erst vor einigen Jahren ist sie entstanden, aus der Bauschule und der Gewerbeschule. Bürgermeister Anker hatt vor einigen Tagen Unterlagen mitgebracht, da sieht man ganz genau, was die alles haben: Lehrabteilungen für Architektur, Bau und Ingenieurwesen, für Maschinenbau, Chemie, Berg - 32- bau und was es sonst noch alles gibt, wie zum Beispiel die allgemeinen Wissenschaften, die ja gerade heute, wo wir uns technisch so rapide entwickeln, wichtig sind." " Von dieser technischen Entwicklung ist aber bei uns noch nicht viel zu merken", meinte Mutter Gohlke mit resignierendem Tonfall, XX " So schnell kann das bei uns auch nicht gehen, Mutter, das musst Du doch einsehen. Die erfinden ja viel schneller, als sie die Erfindungen verwirklichen Können. Bei uns brennen noch die Petroleumlampen, in Berlin und anderen Städten haben sie schon Gaslampen, und jetzt sprechen sie davon, dass auch die Sache mit dem Dampf schon längst überholt ist und dass in Zukunft alles nur noch elektrisch gehen soll. Hier, in dieser Druckschrift, die ich von der Stadtverwaltung bekommen habe, steht genau drin, wie das mit der Elektrizität angefangen hat und weitergehen wird." " Was hast denn Du mit Elektrizität zu tun, Theo?" montiert! " Sehr viel, Henriette, ich muss das genau studieren, denn es wird einmal in allen Wohnungen elektrisches Licht geben, elektrische Wasserpumpen werden in die Häuser und für diesen ganzen Kram müssen Leitungen eingebaut werden. Das soll jetzt schon beix Rx den neuen Häusern berücksichtigt werden und erspart, so schreiben die Stadtverordneten, später grosse Kosten." " Ich habe das Gefühl, als ob das alles etwas übertrieben ist, Theo. Das erleben wir hier in Landsberg bestimmt nicht mehr." " Und ob wir das erleben, Henriette! Der Mann, der das erfunden kæk und schon vor einigen Jahren die erste elektrische Strassenbahn gebaut hat, der Werner Siemens, schreibt hier selbst:' Seit dem 12. Mai 1881 besitzt das deutsche Reich in unmittelbarer Nähe seiner neichshauptstadt eine dem praktischen Verkehr dienende elektrische Eisenbahn, die erste auf dem elektrische ganzen Erdenrund.' Inzwischen sind noch viel mehr Bahnen gebaut worden." Vater Gohlke versuchte, seiner Frau klarzumachen, welche Folgen das für das Leben aller Menschen haben würde:" Das wirkt sich nicht nur sozial, sondern auch politisch aus. Für die Industrie und die Wirtschaft entstehen daraus lauter neue Möglichkeiten." - " Dann gibt es noch mehr Fabriken, wo noch schneller gearbeitet und noch jetzt, d) schlechter bezahlt wird als xxxix, noch mehr Unzufriedenheit, Not und Unruhe. Was Gutes kommt dabei bestimmt nicht heraus." Mit dieser pessimistischen Schlussfolgerung beendete Mutter Gohlke das Gespräch, ohne dass man zu eier Lösung gekommen wäre, was denn nun mit Marie geschehen solle" Sag lieber dem Otto, dass er das alte Kinderbett aus dem Schuppen heraussuchen und zusammensetzen soll. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir es wieder brauchen." Otto und Marie hatten an diesem Gespräch nur als stumme Zuhörer teilge - 39- pflege Haushalt, Fabrik und Irren anstalt Der Sommer des Jahres 1894 brachte gleich zu Beginn drückend heisse Tage in Landsberg an der Warthe. Friedrich Theodor Gohlke hatte den P₁an, in die Küstrinerstrasse 50 umzuziehen, inzwischen zwar verwirklichen können, aber leider nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Als er vor 15 Jahren an einem Samstag Spätnachmittag über die Warthebrücke polterte, um seiner Tochter Marie den ersten Willkommensgruss auf dieser Welt zu sagen, hatte er sich in Gedanken als alleinigen Bewohner eines Hauses gesehen, mit allem, was dazugehört, um eine Familie gut versorgen zu können. Es war anders gekommen, wie immer in Vater Gohlkes Leben, Wenn es einmal so aussah, als ob es nun endgültig aufwärts ginge, passierte etwas, womit niemand rechnen konnte. Er brauchte nur an den Brand zu denken, der vor einem Jahr in dem Neubau hinter dem Marktplatz ausgebrochen war und bei dem nicht nur das gesante eingebaute Holz samt fertigem Dachstuhl, sondern auch alle Pläne und Zeichnungen mit verbrannt waren. Otto, von seiner dreijährigen Militärausbildung gerade nach Hause gekommen, hatte zwar nie viel los gehabt im Plänezeichnen, aber er konnte dem Vater beim Nachrechnen der Pläne helfen, wobei er sich manches Mal irrte, weil er mit seinen Gedanken nicht bei der Arbeit, sondern bei Mariechen Meier war, die im gleichen Hause wohnte. Dabei war sich Otto garnicht einmal klar darüber ber, ob er tatsächlich sein Herz an sie verloren hatte. Anna Gottschlim interessierte ihn gleichermassen, wahrscheinlich aber nur deshalb, weil sie erst kürzlich von einem Besuch aus Amerika zurückgekommen war und sehr viele und interessante Dinge von diesem Land zu erzählen wusste. Otto, der selbst nie viel sagte, brauchte ihr nur zuzuhören. In dieser Zeit war er aber manches Mal nicht gut zu leiden, was immer dann bei Menschen einzutreten scheint, wenn sie sich in Herzenssachen nicht mehr auskennen. Als Vater Gohlke die Dachwohnung in der Küstrinerstrasse mietete und man dabei war, das Gohlke'sche Hab und Gut aus dem Haus des Fischhändlers Höhne herunterzutragen und aufzuladen, entdeckte Otto, dass der Schuhmacher- in der selbstverständlichen Annahme, dass er ebenfalls mit in die Küstrinerstrasse ziehen würde- seinen Kram auf den Wagen gepackt hatte. Otto feuerte den ganzen Krempel des anhänglichen Schlafburschen mit einem solchen Schwung vom Wagen herunter, dass die einzelnen Teile, darunter auch viel Handwerkszeug, weit verstreut auf der CStrasse . - 40- herumlagen, als ob ein Wirbelwind sie auseinandergefegt hätte. Marie hatte vom Dachfenster aus den Vorfall mit angesehen. Als sie herunterkam, meinte sie: 11 " Das war ja nun wirklich nicht nötig, Otto! Wir hätten ihm nur zu sagen brauchen, dass er nicht mit uns umziehen kann.- Dann half sie dem Schuhmacher, seine Sachen zusammenzulesen und fand auch ein paar. freundliche Worte, sodass Otto zum ersten Mal den Kopf über seine Schwester schüttelte, weil er sie nicht verstand. Er konnte sie auch nicht verstehen, denn drei entscheidende Entwicklungsjahre von Marie hatte er ja nicht miterlebt Auch zu Elisabeth musste er ein neues Verhältnis finden, sie war in Ottos Abwesenheit ein schulpflichtiges Mädchen жxxяядя gеworden, das sich mit der grossen Schwester besser verstand als mit dem noch grösseren Bruder, der schon ein richtiger Mann war. Nun lebte man schon seit einem Jahr in der Dachwohnung in der Küstriner Strasse, mit einem schönen grossen Zimmer, einer geräumigen Kammer, die ein Fenster hatte, und der Küche, deren Schmuckstück ein grosser Kamin war. Mutter Gohlke hatte es mit Hilfe ihrer " beiden Männer" fertiggebracht, die Wohnung so schön herzurichten, dass man die alte Dachwohnung im Höhne- Haus sehr schnell vergass. Auch hier schien die Sonne zu den Fenstern herein, die Blumen in den Töpfen und Kästen auf den Fensterbrettern grünten und blühten, und Vater und Sohn Gohlke hatten als geübte Zimmerleute dafür gesorgt, dass es genügend Platz in Schränken und Kommoden gab. Vater hatte sich bei der Arbeit schon anstrengen müssen, er war jetzt 53 Jahre alt, und auch der kürzlich fertiggewordene Nachbar- Bau war ihm schon schwer gefallen. Otto hatte bei einer Baufirma eine gute Stelle gefunden, trug also zum Unterhalt der Familie bei, und Marie war mit der Schule fertig und würde nun auch anfangen, Geld zu verdienen. An einem Sonntag dieses frühen Sommers, nach dem Mittagessen, hatte Marie das Bedürfnis, sich mit irgend jemandem über ihren" Weg ins Leben" auszusprechen. Mutter war beim Aufräumen, Vater hatte sich hingelegt, auch Lisbeth- als Partner für ein so wichtiges Gespräch kam sie sowieso nicht in Frage- war von Mutter ins Bett gesteckt worden. So blieb nur noch Otto übrig. MHast Du Lust, ein Stück mit mir spazieren zu gehen, Otto?" " Bei der Hitze?- Na schön, dann komm' ich mit." - 41- Marie zog sich schnell und leise, um Vater und Elisabeth nicht aufzuwecken, ein Sommerkleid/ an, das sie sich*****, unter Assistenz von ihrer Mutter und einer Nachbarin, selbst genäht hatte, ******* x* x* x* xxxxxxxxxйкаяяяя und spazierte mit Otto los. Sie gingen auf der Schattenseite der Küstriner Strasse, ohne sich über das Ziel ihres Weges klar zu sein, genau so wenig, wie Marie wusste, welchen Weg sie beruflich einschlagen sollte. " Mit dem, was ich in der Schule gelernt habe, kann ich nicht viel anfangen. In die Fabrik darf ich nicht, Vaterkund Mutter sind dagegen, obwohl ich da ganz gut verdienen könnte." " Ich denke, sie haben nichts dagegen, wenn Du als Lehrmädchen in einem Geschäft anfängst, oder au einer Familie in den Haushalt gehst." " Wahrscheinlich muss ich mit einer solchen Arbeit anfangen, aber da lerne ich nichts mehr dazu. Ich möchte einen richtigen Beruf lernen, so wie Vater und Du." ereins " Das geht nicht, Marie. Für uns nicht, weil Vater und ich nicht so viel verdienen, um Dich auf die höhere Mädchenschule zu schicken." " Und wenn ich Lehrerin werden will, oder Krankenpflegerin?" " Dann brauchst Du auch eine besondere Ausbildung. " Hatte die Bertha von Suttner auch eine besondere Ausbildung?" " Suttner? Wer ist denn das?" " Sie hat etwas gegen den Krieg geschrieben." " So was liest Du?" " Noch ganz andere Sachen. Als Du mir erzählt hast, dass Du Sozialdemokrat bist und was die Sozialisten wollen, habe ich an der Zeitung alles herausgeschnitten, was damit zusammenhängt. Ein Buch habe ich mir auch schon besorgt." " Was für ein Bчch?" " Die Frau und der Sozialismus, von August Bebel." " Und da s ver stehst Du?" " Ich habe ja erst jetzt damit angefangen, aber wenn ich es ein paar Mal durchlese, werde ich es verstehen. Was Du mir vom Erfurter Programm erzählt hast, habe ich ja auch zu einem grossen Teil verstanden." " Weil ich es Dir so deutlich geschildert habe, Marie. Wenn man es selbst liest, muss man sehr darüber nachdenken." " Kannst Du mir das Erfurter Programm besorgen? Ich möchte es lesen!" - 42- . " Versprechen kann ich es nicht, aber ich werd's mal versuchen. 11 Am Mühlenplatz blieben sie vor dem Haus Nr. 1 vor dem Schaufenster von Oscar Grohmann," herzoglich- anhaltischer Hofphotograph", stehen. " Du, Otto, hast Du Dich schon mal photographieren lassen?" " Das heisst' abphotographieren", Mariechen. Du sprichst doch sonst so'n gutes Deutsch. Vor einem Jahr hat mich Grohmann abphotograдkixx phiert. Ich hab ein Bild bei mir." Otto holte**************** aus der Rocktasche ein kleines Heft, zwischen dessen Seiten ausser anderen Dingen auch eine Photographie von ihm lag. Marie verglich das Bild mit dem Original. " Wenn ich Geld verdiene und mir von dem, was ich Mutter abgebe, noch etwas bleibt, lasse ich mich auch-- nein, Otto, das stimmt nicht mit dem abphotographieren. Der Grohmann nennt sich doch auch nicht Abphotograph. Sieh mal, das Schild da: Bequem parterre gelegenes Atelier für jede photographische Arbeit in Schwarz, Aquarell- und Ölretouche bis Lebensgrösse bei sauberster Ausführung solide Preise.! Bis Lebens grösse! Das kostet sicher viel Geld. Wenn, dann lasse ich mir nur so ein kleines Bild machen wie Deins, wo nur der Kopf drauf ist. Das genügt." Sie gingen weiter, an der Bahn entlang, wo gerade ein Zug mit ziemlichem Gepfeife und Getöse vorbei, hinüber zur Stadtmitte, zur alten evangelischen Kirche. " Du, Marie, das Haus da drüben hat Vater gebaut. Ich hab mitgeholfen, als Lehrjunge. Schön, nicht?" " Finde ich garnicht schön. So grau und dunkel, und so kleine Fenster. Häuser müsste man nur noch so hell bauen wie die neuen in der Hauptstrasse, mit noch grösseren Fenstern." 11 W " Das sagst Du so, aber es geht nicht. Wegen der Bestimmungen. się " Warum werden dann nicht geändert? Wenn man sieht, dass etwas nicht schön oder gut ist, was nach Bestimmungen gemacht wurde, muss man die Bestimmungen ändern." - 43" Vielleicht finden die Leute, die diese Bestimmungen und Gesetze gemacht haben, dass es so richtiger und schöner ist. Was Du schön oder gut findest, muss deshalb noch lange nicht allen anderen gefallen." " Man könnte aber feststellen, ob es nur mir gefällt, oder anderen auch. Und wenn wir in der Mehrheit sind, wird es so gemacht, wie wir es wollen." " Die ganze Mehrheit nützt nichts, wenn sie nicht auch in den Stellen vorhanden ist, die diese Gesetze und Bestimmungen beschliessen.' " Ich kann mir auch denken, warum es dort noch keine Mehrheit gibt, Otto. Weil die Frauen nicht mitreden dürfen. Und weil man ihnen kein Stimmrecht gibt. Ich habe gelesen, dass vor einem Jahr in Neuseeland das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Überall in der Welt kämpfen die Sozialisten für das Wahlrecht der Frau." " In Deutschland machen das die Sozialdemokraten auch, Marie, aber es geht nicht so schnell. In den grösseren Städten ja, aber Du siehst ja, wie es in Landsberg aussieht. Da fangen sie erst jetzt mit der Gewerkschaft an. Sie waren bei ihrem Gespräch bis zur alten evangelischen Kirche gekommen und& blieben vor dem Eingang stehen. " Die war ganz früher mal katholisch. Hast Du Lust, mit reinzukommen, Marie? Gottesdienst ist nicht." Im Turm zeigte Otto ihr die geschnitzten Bilder. " Du, Otto, was ist eigentlich der Unterschied zwischen evangelisch und katholisch?" " Das erkläre ich Dir, wenn wir wieder draussen sind, Marie. Sieh mal, die Löcher..." " Hat man da durchgeschossen?" " Unsinn! Die stammen noch aus der katholischen Zeit, da standen die Weihrauchtöpfe drin." Wieder auf der Strasse, griff Marie das Religions- Thema wieder auf. " Du hast mir doch im Erfurter Programm die Stelle gezeigt, in der es heisst, dass Religion Privatsache ist. Ich muss also nicht evangelisch oder katholisch sein. Ich kann auch/ freireligiös sein, wie der Sohn von Kaisers neben uns." " Hat Dir Mutter das erzählt?" " Nein, ich habe neulich mal im Milchladen gehört, wie Frau Kwiat ww - 44kowski sagte, dass sie nicht verstehen könne, dass der eine Sohn von Kaisers auf die Bürgerschule geht, während der andere als freireligiöser Wanderredner im Land herumzieht." " Da hast Du es wieder! Nichts als Quatscherei. Es ist schon richtig, wenn die Sozialdemokraten verlangen, dass Religion Privatsache ist. Wenn ich erst mal verheiratet bin, trete ich aus der Kirche aus." " Warum nicht schon jetzt?" " Ach, Marie, da gibt's viele Gründe: die Eltern, meine Arbeitsstelle, die Nachbarschaft, die Eltern von Eveline Strese..." " Deine Freundin?". " Hm." Wenn das Gespräch auf Ottos Freundinnen kam, pflegte er still zu sein. " Arbeitet Deine Freundin?" " Ja in der Fabrik" - " Ob ich nicht doch in die Fabrik gehen soll?" " Warte noch damit, Marie. Das kannst Du immer noch, Fabrikarbeiterinnen werden gebraucht, weil sie billig sind und gut arbeiten, auch nachts. Geh' lieber erst mal zu einer Familie in den Haushalt, Vater hat schon einige Adressen." An der Ecke, wo Nautke seine Kneipe hatte, beschloss Otto, noch ein Glas Bier zu trinken. " Trink' aber nicht zu viel, Otto, Du weisst, Vater ist gegen Alkohol." " Weiss ich selber, Marie, aber ein Glas bei der Hitze ist ja nicht schlimm. Du brauchst ja Vater nichts zu sagen. " Hast Du schon mal gehört, dass ich petze?" Beleidigt drehte sich Marie um, liess ihren Bruder Otto stehen und ging nach Hause. Otto sah ihr nach, wie sie mit energischen Schritten um die Ecke bog. Für ihr Alter ist sie eigentlich schon sehr erwachsen, dachte Otto. Nun ja, aus Kindern werden immer Erwachsene. Er war ja auch schon in dem Alter, wo man über die ersten Anfänge hinaus war. Bei Marie würde das auch nur noch wenige Jahre dauern, dachte er. . - 45- Am folgenden Montag machte sich Marie mit den Adressen, die sie von Vater bekommen hatte, zusammen mit einigen Anweisungen, wie sie sich zu verhalten habe, auf den Weg, um sich nach einer Stelle als Hausmädchen umzusehen. Die Adressen stammten aus der Zeitung, von Nachbarn und von Leuten, die Vater durch seine Tätigkeit, kannte. Bis zum Mittag hatte sich noch nichts ergeben. Etwas deprimiert machte sie sich auf den Weg nach Haduse, wo sie nur berichten konnte, dass der Kaufmann Blaschke ihr den 46 -46Umgang mit drei Kindern von zwei bis fünf Jahren nicht zutraute, dass das Ehepaar vom Gasthof in der Friedrichstadt gemeint habe, dass ein so junges und nettes, gutgewachsenes Mädel für ein Haus, in dem ständig Männer übernachten, die zwischendurch Zerstreuung suchten(" Was ist das, Vater' Zerstreuung'?"), völlig ungeeignet sei und dass man da keine Verantwortung übernehmen könne(" Verantwortung übernehmen! Als ob ich das nicht selbst kann!"), und dass die Familie Lehmann sie sofort als Hausmädchen haben wollte, dass sie aber noch Bescheid geben wolle, weil sie erst mit ihren Eltern sprechen müsse. " Und warum musst Du da erst mit uns sprechen?" " Erstens war es in der Wohnung sehr schmutzig, überall lag so Krimskrams herum, in einem grossen Zimmer hingen Fahnen an den Wänden, Zweitens hat xx die Frau mich mit den einem komischen Satz begrüsst, so wie' Ach, welch entzückendes deutsches Mädchen', und dann hing der Kaiser Wilhelm an der Wand, direkt in der Diele, auf der Kommode davor stand ein grosser Blumenstrauss, und der alte Lehmann sagte mir gleich, das sei eine Ehrung für den Kaiser, der einen Handelsvertrag mit Russland abgeschlossen hat, der unsere Vormachtstellung wie sagte er noch, ach ja-' untermauert'. So'n Quatsch." - " Und was willst Du nun machen?" " Nach dem Essen gehe ich noch einmal los, ich habe noch ein paar Adressen." " Ich glaube, da gehe ich am besten mit." So sagte Vater Gohlke, und nach dem Esseny machten sich Vater und Tochter auf den Weg. Bei der ersten Adresse klappte es nicht, aber sie erhielten den Rat, nebenan in der Holzhandlung von Siegfried B. nachzufragen, der suche ein Mädchen für seinen Haushalt und sei ein Mann, bei dem man es aushalten könne. Siegfried B. machte auf Vater Gohlke einen guten Eindruck, die beiden Männer wurden sich schnell einig über Essen und Entlohnung, Dauer der Arbeitszeit, freie Stunden am Tage und gelegentlich zwischendurch auch mal einen ganzen oder zumindest halben Tag, um auch mal tagsüber ein paar Stunden zu Hause sein zu können," Sie wissen, Herr B., allzu viel hat man ja nicht mehr von seinen Töchtern in dem Alter", und es wurde verabredet, dass Marie schon am nächsten Morgen mit der Arbeit anfangen könne. Für den Anfang wollte man es ihr leicht machen, sie würde als aufgewecktes Mädchen schon von selbst zugreifen, wo es nötig sei. Auf dem Nachhauseweg versuchte Vater Gohlke, seiner Marie klarzumachen, dass es sich hier bestimmt um eine gute Stelle handele, und wenn sie erst einmal drin sei in der Arbeit, würde es ihr auch grosse Freude machen. Marie ging schweigend neben ihrem Vater her. Während der Vater sich mit . hable -47Gesprächs Frau B. unterhielt, die während des ganzen Unterhaltung nur eine passive Rolle spielte, hatte sich Herr B. sehr freundlich, liebenswürdig und zuvorkommend mit Marie beschäftigt, hatte ihr die Leichtigkeit der Arbeit sehr rosig geschildert und ihr gesagt, dass sie schon mit allem fertig würde. Für Marie war er etwas zu freundlich und jovial gewesen, irgend etwas hatte sie an diesem Mann gestört, aber da sie nicht genau sagen konnte, was es war, zog sie xx vor, mit ihrem Vater ausnahmsweise einmal nicht darüber zu sprechen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie es getan hätte. + Marie war nun schon seit mehr als drei Wochen in ihrer neuen Stellung, alles schien in bester Ordnung. Sie fehlte zwar zu Hause der Mutter, die erst jetzt merkte, welche Hilfe in die/ Tochter wear, denn viele Dinge, die sich früher scheinbar von selbst erledigten, blieben an ihr hängen und nahmen zusätzlich Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn sie ursprünglich gedacht hatte, dass es ohne Marie doch leichter zugehen würde in der Küstriner Strasse, musste sie zugabия jetzt einsehen, dass das ein Trugschluss war. Sie brachte, nachdem Axx" die beiden Männer" versorgt waren, die kleine Elisabeth in die Schule, um sich anschliessend über die Hausarbeit zu machen. Es gab nach wie vor unendlich viel zu tun, denn sie wollte, um Geld zu sparen, alles selbst machen und so wenig xxx wie möglich für irgendetwas ausgeben, was sie aus eigener Kraft besorgen konnte. In den ersten Tagen war Marie abends, wenn auch manchmal reichlich spät, nach Hause gekommen, aber so müde von der Arbeiterei, dass sie zu Hause keinen Handstrich mehr tun konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte. Nachdem Frau B. seit einigen Tagen krank war, musste Marie dort übernachten, um jederzeit zur Stelle zu sein. Zu aller Hausarbeit war jetzt auch noch die Pflege der kranken Frau gekommen, die sie ständig beschäftigte, obwohl es genug andere und wichtigere Arbeit gab. Aber was liegenblieb, musste nachgeholt werden, wenn Frau B. endlich einmal wieder eingeschlafen war. Marie fühlte, wie alle diese Anforderungen fast über ihre Kräfte gången. Herr B., der sich meist in seiner Holzhandlung aufhielt und alles Marie überliess, zeigte sich erkenntlich, indem er ihr für ihre besonderen Leistungen irgendeine Kleinigkeit zusteckte, zuerst Bonbons oder Schokolade, dann einmal eine Rolle Seidenband, die Marie ihrer Mutter mitbrachte, weil sie selbst damit nichts anzufangen wusste. Gestern hatte ihr Herr B. fünfzig Pfennig in die Hand gedrückt, um sich wie er sagte-" etwas Hübsches" zu kaufen. Sie hatte das Geld Schon zu dem übrigen Gesparten gelegt, es war eine kleine Summe zusammengekommen, die sie wenn es noch mehr war- aus Dankbarkeit den Eltern - - geben wollte. - 48- Eines Tages kam Marie schon am frühen Nachmittag nach Hause, bleich und müde, und mit einem merkwürdigen starren Ausdruck in den Augen. Auf Fragen der Mutter antwortete sie nur, dass ihr nicht gut sei, und legte sich sofort ins Bett. Mutter wollte unbedingt den Arzt holen, aber das lehnte Marie energisch ab. Sie habe sich nur überanstrengt, und sie glaube nicht, dass sie bei der Familie B. weiterarbeiten würde. Wenn sie wieder bei Kräften sei, nach zwei oder @hxakkxMaxiexx*********************** XX* XX* XX* X* x drei Tagen, würObschou de sie sich etwas anderes suchen. De Mutter Gohlke wusste, dass Marie kein kleines Mädchen xxxxxxxx, sondern schon erwachsen war, mit allem, was nun einmal dazugehört, konnte sie sich keinen Vers darauf machen und besprach das auch gleich mit Vater, als er abends nach Hause kam. Aber auch Vater Gohlke konnte aus Marie nicht herausbekommen, was nun eigentlich los war. Jem " Dann werde ich zu B.'s gehen und mich eben erkundigen, und zwar sofort." " Bitte, Vater, geh' nicht hin. Ich habe schon gesagt, dass ich nicht mehr zur Arbeit komme, weil- weil es mir zu viel wird. Die Sache ist erledigt, und morgen oder übermorgen suche ich mir eine andere Arbeit." Vater Gohlke blieb nichts anderes übrig, als den festen Entschluss von Marie zur Kenntnis zu nehmen. Otto, der bis jetzt zu allem kein Wort gesagt hatte, ging zu Marie ins Schlafzimmer hinüber und setzte sich auf die Bettkante. Elisabeth war mit ihren Spielsachen beschäftigt. Nach einer Weile sagte Marie: " Schick Lisbeth hinaus, ich muss Dir was erzählen." • Als Otto nach einer Weile aus dem Zimmer in die Küche kam, sahen die Eltern, dass er etwas verlegen an ihnen vorbeisah und nach einem Grund suchte, um noch einmal aus dem Haus zu gehen. Er musste mit dem, was Marie ihm gesagt hatte, selbst erst fertig werden, und ausserdem hatte er versprochen, den Eltern nichts über den wahren Grund) zu sagen. Vater hätte sich wahrscheinlich maẞlos aufgeregt von Maries Unpässlichkeit Grund) 49und wäre in die Wohnung von Siegfried B. gestürzt, um ihn zur Rede zu stellen.[ Otto wusste aus eigener Erfahrung, dass für jeden Menschen einmal der Augenblick kommt, wo er sich" mit solchen Dinaber gen" auseinandersetzen muss.* xxx Auf keinen Fall/ so, wie es Marie mit dem Holzhändler B. px* x* x* x* x* x еrlebt hatte. Nach einiger Zeit konnte ich wieder daran denken, eine Arbeit aufzunehmen. Es ergab sich, dass die evangelischen Gemeinde schwestern ein Mädchen für ihren Haushalt suchten. - 52- Als Marie an einem dieser Tage, der das Schicksal der Fabrik und vieler arbeitender Frauen besiegeln sollte, müde und zerschlagen nach Hause kam, war sie von den Problemen, mit denen sie sich abquälte, so abgelenkt, dass sie weder mit der Näharbeit, die ihr die Mutter in die Hand gedrückte hatte, noch mit der kleinen Lisbeth etwas anfangen konnte. Als Vater und Mutter nebenan im Schlafzimmer waren und Elisabeth zu Bett brachten, bat Marie ihren Bruder, noch ein Stück mit ihr spazieren zu gehen. " Was Schlimmes? Etwa so wie neulich?" Marie schüttelte unwillig den Kopf. " Unsinn! Etwas Politisches." Auf der Strasse erzählte sie ihm, was sich in der Fabrik ereignet hatte, mit allen Einzelheiten, auch mit ihrer eigenen Meinung dazu: " Ich finde es richtig, dass Frauen nicht mehr nachts arbeiten sollen. Deshalb ist das Gesetz nicht arbeiterfeindlich. Aber st es nicht richtig, viele von den Frauen auf die Strasse zu setzen, die ihre Familie ernähren müssen." " Ist alles ganz richtig, Marie, aber das ist ein Übergangszustand. Und so wie in Deiner Fabrik ist es ja nicht überall. Wir in Landsgegen das, berg sind ja rückschrittlich***** xxxxx, was in den grossen Städten geschieht. Die Frauen, die bed Euch entlassen werden, finden bestimmt wieder Arbeit." " Gut, aber was geschieht mit den Familien, während die Frauen keine Arbeit haben? Wovon leben sie? Wie ergeht es den Kindern? Viele von den Frauen denken sozialistisch, das habe ich schon festgestellt, aber gerade weil sie wissen, dass die Sozialdemokraten dieses Gesetz forderten, verstehen sie die Zusammenhänge nicht." " Dann müssen diese Frauen aufgeklärt werden, Marie. Wenn man es ihnen richtig beibringt, werden sie es verstehen. Du siehst ja selbst, was inzwischen aus unserem Landsberg geworden ist. Überall sind neue Fabriken entstanden, unsere Einwohnerzahl wird immer grösser, die Stadt kommt schon garnicht mehr mit, neue Häuser zu bauen für die vielen Menschen, die ständig nach Landsberg ziehen. Das ist ja gerade das Ungesunde an diesem Wirtschaftssystem, weil die Mehrzahl der Arbeiter sich für schlechtes Geld abschuften muss und wenige stecken den Rxx Gewinn ein." " Das weiss ich, Otto, und deshalb verlangen ja auch die Sozialdemo - 53- kraten, dass das kapitalistische Eigentum in gesellschaftliches Eigentum umgewandelt wird. Ich kann mir nur nicht denken, wie so etwas möglich ist." " Das ist möglich, Marie, wenn die Kapitalisten einsehen, dass wir als Arbeiter an der Produktion genau so beteiligt sind wie die Kapitalisten." " Unser Abteilungsleiter hat neulich gesagt, dass man den Arbeiter niemals an der Produktion beteiligen kann, weil er ja kein Risiko bei seiner Arbeit hat. Der Fabrikbesitzer dagegen hätte mit sehr und viel Geld den Betrieb gebaut, teure Maschinen gekauft,( müsste immer wieder neues Geld hineinstecken, damit alles weiterläuft." " Und xxxxxx@ akdxixixdax mit welchem Geld baut er auf? Mit den Gewinnen, die er durch unsere Arbeitskraft erzielt hat. Folglich sind wir daran beteiligt." " Wenn er nun aber dem Arbeiter mehr Geld bezahlt, hat er nicht so grosse Gewinne und kann daшx seinen Betrieb nicht ausbauen, wodurch viele Menschen keine Arbeit finden." " So sagen die Kapitalisten, aber das stimmt nicht. Es gibt Sozialdemokraten, die alles genau durchgearbeitet und festgestellt haben, dass der Arbeiter, wenn er mehr verdient, auch mehr kauft, weil es ihm dann besser geht. Das, was er kauft, muss erzeugt werden, und zwar in grösserem Umfange als bisher. Folglich haben die Fabriken mehr zu tun als bisher. Deshalb verlangen die Sozialdemokraten, dass der Achtstundentag eingeführt wird, und zwar in der ganzen Welt. Und deshalb ist auch der 1. Mai zum Weltfeiertag des Arbeiters erklärt worden." " Ich muss mir dxx alles noch durch den Kopf gehen lassen,- aber Du meinst, dass das xkxxx einmal kommen wird?" " Anders ist es garnicht möglich, Marie!" Damit war Ma rie taka Gohlke weder in Bezug auf die Situation in ihrer Netz- und Gardinenfabrik noch auf allgemeine politische, wirtschaftliche und soziale Dinge sehr viel weitergekommen. Nur ihr Kopf war voller geworden mit Problemen, mit denen sie sich nun abquälte, ohne zu Hause viel darüber zu reden. Aber die weitere Entwicklung gerade der Netzfabrik, in der sie arbeitete, bestätigte, was Bruder Otto ihr klargemacht hatte: Marie, angeregt und nachdenklich geworden durch die Unterhaltungen mit ihrem Bruder, sah, dass sie als ungelerntes Fabrikmädchen eine der ersten sein würde, die zur Entlassung kämen, und fasste einen Entschluss, den sie den Eltern mitteilte. Nachdem sie von der Lage in der Nettfabrik erzählt hatte, meinte sie: " Lieber sehe ich mich vorher nach einer anderen Stelle um. Wenn ich noch vor der Entlassung etwas finde, gibt es keinen Verdienstausfak fall." " Mir gefällt es sowieso nicht, dass Du in die Fabrik gehst, Marie. Mutter und ich sind schon von Anfang an dagegen. Wir haben nur nichts gesagt, weil es doch mit mir noch nicht so ist, wie es sein soll. Die Lungenentzündung sitzt mir noch in den Knochen, und wenn ich ein paar Treppen steigen muss, geht mir die Luft aus." " Und eben deshalb arbeite ich auch weiter, Vater. Alle meine Kameradinnen, die mit mir auf der Schule waren, gehen zur Arbeit und helfen, damit es zu Hause etwas mehr wird. Ich werde mir schon was suchen." geistig nicht normale Menschen darin untergebracht seien. Sie hatte sich schon öfter Gedanken über diese Menschen gemacht, nicht dem Bedürfnis aus Neugierde oder Mitleid, sondern vie aus die Ursachen zu erfahren. Als sie einmal mit ihrem Vater darüber sprach, meinte er, Menschen. dass es sich wahrscheinlich hauptsächlich um Kinder von Eltern deren Eltern oder die selbst handele, die Alkoholiker seien, dass sich so etwas vererbe, und gursen das sei auch der Hauptgrund, weshalb er ein Gegner des Alkohols sei. Sie ging auf das Gebäude zu, sah das Schild" Provinzial- LandesIrrenanstalty" und folgte mehr einem Instinkt als einem vorgefassten Entschluss, als sie die wenigen Treppen hinaufging und die Türe öffnete, die in ein Treppenhaus führte, von dem nach links und rechts Gänge wegführten. Gleich am Anfang des Ganges rechts war eine Türe mit einem Schild, dxxxж******* xdxxxxxxxxdix* x* x ****** aus dem Marie entnahm, dass in diesem Raum die Verwaltung sei. Sie war völlig ruhig, als sie anklopfte. In diesem Augenblick fühlte sie, dass sich hier eine Arbeit für sie ergeben könne, die mehr sei als nur Arbeit, sondern schon Aufgabe. - 59- " Hast Du nur mit Frauen zu tun, oder auch mit Männern?" " Eigentlich nur mit Frauen, aber Männer begegnen uns natürlich auch bei der Arbeit. Manchmal müssen wir auch zupacken, wenn die Wärter alleine nicht fertig werden." " Gibt es auch Sachen, wo man sich vielleicht als Mädchen wie Du- nun ja sagen wir mal genieren oder schämen muss?" legt " Das war nur am Anfang so, Otto, aber das sich sehr schnell. Nicht so, dass es zur Gewohnheit wird und man sich nichts dabei denkt. Im Gegenteil, ich habe mir sehr viel dabei gedacht, und dadurch ist das Ganze ja auch keine Arbeit, mit der ich Geld verdiene, sondern eine eine Aufgabe geworden." " Hast Du Dich denn nicht manches Mal eken müssen? Diese Menschen machen doch viele Dinge, die normale Menschen nicht tun." " Ekeln ist zu viel gesagt, Otto. Natürlich muss man sich zuerst überwin-60 . -60den, aber ich wusste ja von Anfang an, dass es sich um kranke Menschen handelt, und wenn man das weiss und danach handelt, bekommt man erst das richtige Verhältnis zu den Kranken." " Sterben eigentlich viele Kranke bei Euch?" " Das ist ganz verschieden. In letzter Zeit sind einige ältere Patienten gestorben, ziemlich schnell hintereinanderxXX 11 Marie wollte eigentlich weitersprechen, machte aber eine Pause, und Otto spürte, dass sie Hemmungen, hatte. Während er sich noch überlegte, wie er Marie fragen könne, damit sie weitererzähle, sagte sie:" Bevor die gestorbenen Patienten beerdigt wurden, mussten sie dafür fertiggemacht werden. Beim Ausziehen haben noch andere Wärterinnen mitgeholfen, aber dann habe ich die Leichen ganz alleine gewaschen, zuerst in einer Woche drei Frauen, und gleich zu Beginn der nächsten Woche zwei Männer." Um Marie von ihren nicht ganz leichten Gedanken fortzubringen, schnitt Otto ein anderes Thema an." Sag mal, Mariechen, willst Du nicht mal wieder unter Menschen gehen? Oder zum Singen und Tanzen? Ich bin da öfter im Verein' Harmonia im Schützenhaus, das ist lustig und die sind alle sehr nett. Komm doch mal mit. Wie ist es mit nächsten Samstag?" " Da habe ich nachmittags mal ein paar Stunden frei. Wenn Du meinst, Otto- -". Marie hatte an diesem Samstag, gerade als sie sich zum Fortgehen fertigmachen wollte, noch eine Arbeit übernehmen müssen. Die Oberin musste den kleinen Unmut auf Marie's Gesicht bemerkt haben, denn sie sagte:" Nanu, macht die Arbeit auf einmal keine Freude mehr? doch sonst immer die Erste, wenn es darum geht, zuzulangen." Du Marie hatte schon als Kind aus ihren Ansichten kein Hehl gemacht und so gut wie nie gelogen. Sie war geradeheraus und hatte sich durch diese Art doch mehr Freunde als Feinde gewonnen. So auch jetzt:[" Die Arbeit ist auch schön, Frau Oberin, aber ich habe mich heute Nachmittag mit meinem Bruder im Schützenhaus verabredet. Er hat gemeint, das könne mir mal nichts schaden." " Damit hat er Recht, Marie. Gut, ich schicke jemanden, der Dich ablöst, dann kannst Du gehen." ays So kam Marie etwas verspätet ins Schützenhaus, in dem es schon recht voll war. Von der Türe zum Saal versuchte sie, ihren Bruder Otto zu entdecken. Sie wollte erst dann durch den Rau gehen, wenn sie ihn gefunden hatte. Als sie plötzlich von hinten am Arm festgehalten wurde, wollte sie sich unmutig freimachen und schimpfen, aber der lachende Otto schob seine Schwester einfach durch die Tische hindurch, zu einer Ecke, wo schon ein junger Mann und eine junge Frau sassen. -67" So, das hier ist meine Schwester Marie, das ist Eveline Strese,- steh' ruhig auf, Wilhelm, und sag' meiner Schwester guten Tag." Wilhem folgte gehorsam, gab Marie die Hand und sagte:" Ich glaube, ich habe Sie schon einmal gesehen, Fräulein Gohlke." " Rede doch keinen Quatsch, Wilhelm!- Der hat Dickbestimmt noch nie gesehen, Marie.- Als ich Eveline zum ersten Mal begegnet bin, habe ich dasselbe gesagt. So macht man das in unserem Alter, wenn man ein Mädchen kennenlernt. Wenn man sich einbildet, sich schon einmal gesehen zu haben, wird man schneller bekannt. Aber das ist bei Marie nicht nötig." Es wurde ein schöner Nachmittag für Marie. Sie freundete sich mit der quicklebendigen Eveline an, erfuhr, dass ihr Vater Fleischermeister ist und dass sie selbst in einer Fabrik arbeitet, wo es ihr garnicht gefällt, und dass sie am liebsten sehr bald den Otto heiraten würde, um sich mit ihm ein richtiges" Zuhause" zu schaffen. Zwischendurch tanzten Otto und Eveline, und nach einer Weile nahm sich Wilhelm ein Herz und drehte Marie durch den Saal. Beim Tanzen erfuhr sie, dass Wilhelm Drews als Steinmetz arbeitet und gut zu tun hat, weil in Landsberg ja ständig gebaut wird. Als es nach Marie's Meinung am schönsten war und man auch schon gemeinsam einige Lieder gesungen hatte, wurde es Zeit für sie zum Gehen. Wilhelm brachte sie zur Friedeberger Chaussee. Unterwegs wurde nicht viel geredet. Als Wilhelm sich verabschiedete, meinte er nur, dass es schön wäre, wenn man sich demnächst wieder einmal im Schützenhaus oder woanders treffen könnte, natürlich, wenn Otto und Eveline dabei sind. Wenige Monate später, am 17. Juli 1897, wurden die Fabrikarbeiterin Eveline Olga Martha Strese, Tochter des Fleischermeisters August Strese und dessen Frau Louise, geborene Hornung, und der Zimmerer Hermann Otto Gohlke, auf dem Standesamt in Landsberg getraut. Marie konnte nur einen Sprung zur Hochzeit kommen, um Glück zu wünschen. Wilhelm Drews, als Freund von Otto natürlich unter den Hochzeitsgästen, gab sich alle Mühe, um Marie festzuhalten. Sie wäre auch gerne geblieben, aber es gab an diesem Tag besonders viel zu tun, und sie wollte die Oberin nicht enttäuschen. So hielt sie auf die Minute genau die Stunde ein, die sie freibekommen hatte.- Auch zur kirchlichen Trauung am 1. August in der Hauptkirche St. Marien konnte Marie nicht kommen. Dafür war die neunjährige Art Lisbeth eine würdige Stellvertreterin, die mit ihrer lustigen alle Hochzeitsgäste amüsierte. Ausserdem erfüllte es Klein- Elisabeth mit Stolz, einen grossen Bruder zu haben, der heiratet. Keine ihrer Schulkameradinnen befand sich in dieser bedeutungsvollen Lage. . -62Bald nach der kirchlichen Trauung trafen sich Otto und Marie zu einem kurzen Gespräch, in dessen Verlauf Otto meinte, dass er natürlich Eveline auf jeden Fall geheiratet hätte, aber es sei doch alles etwas überstürzt gewesen, weil er kaum Zeit gehabt habe, für alles Notwendige. zu sorgen. Aber es sei trotzdem alles in bester Ordnung, und in wenigen Monaten würde es wahrscheinlich schon so weit sein. " Am 2. Oktober 1897 war es dann auch so weit. Durch die Geburt von Willy Gustav Karlisabeth Gohlke, wurden die 18 Jahre alte Marie und ihre 9 Jahre alte Schwester Max** zu Tanten, und Theodor und Henriette Gohlke waren mit 57 und 52 Jahren Grossvater und Grossmutter. Marie und Wilhelm Drews trafen sich danach noch des öfteren, und Marie gab ihrem Bruder Otto gegenüber ehrlich zu, dass ihr der Wilhelm gut gefalle. Wilhelm war es auch, der den Wunsch hatte, ein Bild von Marie zu bekommen. Sie liess sich schliesslich überreden, mit ihm zu Oscar Grohmann, dem herzoglich- anhaltischen Hofphotographen zum Mühlenplatz 1" zunächst der Bahn" zu gehen. Obwohl es Wilhelm als Kavalierspflicht ansah, die Photographien zu bezahlen, setzte sich Marie durch und bezahlte selbst." Das habe ich mir einmal vor langer Zeit vorgenommen, und jetzt möchte ich das auch selbst durchführen." Wilhelm respektierte diesen Wunsch von Marie, und wahrscheinlich wurde xxx das Bild, das sie ihm schenkte, dadurch noch wertvoller für ihn. Trotz dieser ehrlichen, guten und rein kameradschaftlichen Freundschaft mit*** dem Steinmetz Wilhelm Drews dachte Marie nicht im geringsten daran nun etwa zu heiraten: - 68- Ein Mann, zwei Kinder- und die Politik dre Die grossgewordene Kreisstadt Landsberg fand in diesen Jahren vor der Jahrhundertwende mehr und mehr Anschluss nicht nur an die innerpolitische Entwicklung in Deutschland, sondern nahm xxx durch die rühriger werdenden Bemühungen der Gewerkschaften und Sozialdemokraten mehr Anteil an der" grossen" Politik. Otto hatte in dieser Zeit viele Gespräche mit seiner Schwester Marie. Immer, wenn sich Gelegenheit bot, wurden die neuesten Ereignisse besprochen und diskutiert. Angefangen hatte es mit dem Bürgermeisterwechsel. Warum Anker abgelöst wurde und durch wen, wurde schon nicht mehr richtig zur Kenntnis genommen.- Der Reichskanzler, Fürst Otto von Bismarck, war durch den neuen Kaiser Wilhelm II. endgültig in die Wüste geschickt worden, was von den Sozialdemokraten auf ihr Konto gebucht wurde. Marie benutzte ihre wenige Freizeit, um mit Bewusstsein nachzuholen, was sich in den vergangenen letzten Jahren ereignet hatte. Jetzt verstand sie den Kampf der Sozialisten gegen Krieg und Aufrüstung, der- als sie gerade Zehn Jahre alt war- im Jahre 1889 auf dem ersten sozialdemokratischen Friedenskongress während der Bariser Weltausstellung schon ****** international vernehmbar* x* xияк geworden war. " Aber das nützt alles nichts, Otto. Du siehst: der Kaiser rüstet auf, hält grosse Reden, mit denen der die Arbeiter gewinnen will, und am nächsten Tag kann man in der Zeitung lesen, dass er mit Waffengewalt vorgehen wir, wenn die Sozialdemokraten nicht endlich aufhören, das Volk" aufzuwiegeln', wie er es nennt." " Das wird noch schlimmer, jetzt, nachdem Bismarck tot ist. Ich bin kein Bismarck- Anhänger, beileibe nicht, aber nun glaubt der Wilhelm, tun und lassen zu können, was ihm beliebt." " Bei der Friedenskonferenz, die der Zar( Nikolaus II.) nach Den Haag einberufen hat, ist auch nichts herausgekommen." " Im Gegenteil, Marie, Du siehst ja, was in Afrika los ist. Da kämpfen die Engländer gegen die Buren, und dann der griechisch- türkische Krieg, und der Kampf der Japaner gegen China! Bald wird es noch mehr Kriegsschauplätze geben." Die Weltgeschichte ging weiter, das Jahrhundert war bald zu Ende, und das neue fand in seiner Wiege schon einige Geschenke" zum Segen der Menschheit": das Radium der Madame Curie, Marconis drahtlose Telegraphie, das Luftschiff des Grafen Zeppelin, das über den Bodensee schweb - - 69- te, und den Kinematographen, der es fertigbrachte, lebende Bilder auf eine weissgestrichene Wand zu zaubern. Diese" Sputnik"-Sensationen verblassten aber hinter wichtigeren Dingen, zum Beispiel hinter der Tatsache, dass das Deutsche Reich nun auch zu einer gefürchteten" Kolonial- und Flottenmacht emporwuchs. " Ist denn Friede nur denkbar, wenn man sich voreinander fürchtet?" Diese Frage, die Marie in einem kleinen Kreis von Sozialdemokraten stellte, führte zu einer Debatte, in der es heftig zuging und die bis in die späten Abendstunden dauerte. Bevor Marie die kleine Gruppe der Gesinnungsfreunde verliess, musste sie noch das sagen, was sie in letzter Zeit besonders intensiv beschäftigte: " In kritischen Zeiten handeln Frauen oft viel klarer und schneller als Männer. Wenn die Stimmen vernünftiger Frauen in solchen Situationen nicht nur angehört, sondern bei Entscheidungen mehr berücksichtigt werden, wird es leichter sein, Unstimmigkeiten aller Art aus der Welt zu schaffen. Wenn in Amerika jetzt schon Frauen als Richter als Beamte der Justiz, zugelassen werden, sollte es möglich sein, auch bei uns die Frauen zu öffentlichen Berufen zuzulassen." Otto wusste als Teilnehmer an diesem Gespräch vielleicht als einzinicht ger nur zu genau, dass sich seine Schwester mit dieser Meinung in den Vordergrund dxxxxxxxxxxx drängen wollte. Marie war von ihren Fähigkeiten garnicht überzeugt, sondern betonte immer wieder, dass sie eine Lernende sei, die erste dann ihre Meinung sage und Ansicht vertrete, wenn sie das Erarbeitete auch ver arbeitet habe. Aime Der sozialdemokratische Abgeordnete Wilhelm Pätzel, der erst kürzlich in der Umgebung von Landsberg und in Landsberg selbst Versammlungen abgehalten hatte und mit dem sich Marie kurz unterhalten konnte- sie hatte diese Unterhaltung direkt gesucht-, bestärkte sie in ihrer Auffassung, freute sich über den Enthusiasmus, mit dem xxxx" die junge Frau" xx die sozialen Probleme der Zeit aufgriff. Der schönste Augenblick war es, als Wilhelm Pätzel sich von ihr verabschiedete: " Du musst noch viel lernen, Marie, aber Du wirst es lernen". Marie konnte aber nicht so an diesen Problemen arbeiten, wie sie wollte. Von dieser Art" Arbeit" konnte sie ja nicht leben, sie musstel Geld verdienen, denn auf Unterstützung von Zu Hause konnte sie jetzt nicht mehr rechnen. Im Gegenteil: da/ Vater nun schon 60 Jahre alt war und als Zimmergeselle wenig verdiente, musste sie zusammen Der - 70- noch mit Otto zum Unterhalt beitragen. Schliesslich war ja auch uni Elisabeth da. Die Ersparnisse aus der Arbeit in der Landes- Irrenanstalt waren für die Ausbildung als Weiss- und Kleidernäherin verbraucht worden, und der Kundenkreis von Marie war nicht so gross, als dass sie davon hätte leben können. An Auftraggebern hätte es nicht gemangelt, wenn sie sich darum bemüht hätte, aber Tag und Nacht konnte sie ja nun auch nicht xxkaikяя an der Nähmaschine sitzen. In erhielt dieser Zeit xxxxx das Leben von Marie Gohlke xx eine neue Richtung. Mit den Landarbeitern, die im Laufe der Jahre nach Landsberg kamen, fanden sich auch Handwerker ein, die sich geschäftlich in der Umgebung und in der Stadt selbst niederliessen, denn der ständige Menschenzuwachs und die fortschreitende Industrialisierung versprachen ausreichende Arbeit und Verdienst. So war auch der Schneidermeister Bernhard Juchacz aus dem Böhmischen, aus Krojanke, nach Landsberg gekommen, und es ergab sich, dass Marie und Bernhard sich zum ersten Mal bei einem Ehepaar begegneten, für das sie Wäsche und Kleider nähte, während Bernhard Juchacz den Hausherrn mit Garderobe versorgte. Bernhard, bin gut aussehender, für die Mode der Zeit sehr gut gekleideter junger Mann, konnte durch seine besonders liebenswürdige und zuvorkommende Art guten Eindruck machen, der auch auf Marie seine Wirkung nicht verfehlte. Da Marie inzwischen eine hervorragende Schneiderin geworden war, lag es nahe, dass sich Bernhard und Marie sehr bald darüber unterhielten, ob es nicht besser sei, gemeinsam das Geschäft zu betreiben. beiden Aus dieser beruflichen Gemeinsamkeit entstand zwischen auch eine menschliche Bindung, was aber Marie nicht hinderte, trotzdem ihre eigenen Wege zu gehen, sich um politische Ereignisse zu kümmern, Versammlungen zu besuchen und an Diskussionen teilzunehmen. Bernhard hatte zu dieser Zeit für alles, was Marie nebenbei interessierte, vollstes VerStandnis. Eines Tages brachte er es fertig, sie zu überreden, nach Krojanke mitzukommen, um я******** sie seinen Eltern vorzustellen, die nichts gegen eine Heirat einzuwenden hatten. 1 Obwohl Marie nicht ans Heiraten dachte, gab sie den sehr xkxr strenggläubigen katholischen Eltern Bernhards nach und sagte zu, sich auf jeden Fall katholisch trauen zu lassen. kürz - Vater Gohlke war um diese Zeit- es war nach der Jahrhundertwende über sechzig Jahre alt und meinte, wenn das Gespräch auf Bernhard und Marie kam, nur so nebenbei, dass Marie wissen müsse, was sie zu tun habe. Weder Vater noch Mutter Gohlke hatten zu Bernhard ein richtiges Verhält -71- nis, denn er liess sich auch nicht allzu häufig sehen, wirbelte in der Stadt umher, kümmerte sich um seine Kunden, und sorgte dafür, dass in der Schneiderei die Arbeit nicht ausging. Als er sah, wie Marie mit allen Schneiderarbeiten alleine fertig wurde, verzichtete er auf die Einstellung eines Gesellen." Das Geld können wir uns sparen", war seine Meinung. Wie Marie sich dann doch entschloss, zu heiraten, ist ihr selbst nie ganz klar geworden, obwohl es sich doch um einen entscheidenden Schritt handelverändern te, von dem sie annahm, dass er ihr ganzes bisheriges Leben würde. Sie hatte Bernhard niemals eine klare Antwort gegeben, sondern immer die letzte Entscheidung hinausgezögert, weil sie sich gerade in dieser Zeit in ihren wenigen Freistunden mit verbissener Energie um die politische Entwicklung dik kümmerte und befürchtete, dass durch eine Ehe ihre geistigen Interessen zwangsläufig in den Hintergrund treten oder sogar ganz aufgegeben werden müssten. Als Marie aber eines Tages fühlte, dass sich ein junges Menschenleben in ihr regte, war ihr Entschluss schnell gefasst.- Bei der kirchlichen Trauung war auch Bruder Otto anwesend, der im Begriff war, Landsberg zu verlassen und nach Küstrin zu gehen, weil sich ihm dort bessere Arbeitsmöglichkeiten boten. ZU versuchte lotto, sich einen Augenblick unter Sie aber Nach der Trauung vier Augen mit Marie unterhalten, ootuschnitt jede Diskussion mit energischer Handbewegung ab und sagte nur, dass sie genau wisse, wie sie sich zu verhalten habe. Das gute Einvernehmen, dass bis wieder dahin zwischen Marie und Bernhard bestand, liess bald nach, als Bernhard die nicht schlechten Einnahmen des gemeinsamen Geschäfts mehr und mehr für seine privaten Zwecke verbrauchte. Da er nicht rechnen konnte, gab er gelegentlich mehr aus, als hereinkam, und Marie musste sich anstrengen, um die ärgsten Lücken zu schliessen. Gelegentliche Gespräche, die sie mit diesem Thema anschnitt, wurden von ihr abgebrochen, wenn sie merkte, dass Bernhard aufbrausen wollte. In dieser Zeit konnte sie keine zusätzlichen Aufregungen vertragen, und sie hatte neben ihrer Arbeit und ihren gelegentlichen politischen Exkursionen nur den einen Wunsch, ihr Kind gut und geboren gesund zur Welt zu bringen.- Als Charlotte am 3. Dezember 1903 wurde , schien vorübergehend die Sonne über der Ehe zwischen Bernhard und . -72Marie. Kaum war die erste Sorge um das Neugeborene überstanden, als die nächsten Wolken aufzogen. Marie brachte es fertig, dass niemand etwas von ihrer inneren Verzweiflung spürte, und war darauf bedacht, dass alles, unerfreulich was Vor allem xxx und rauh war, nicht bis in das Zimmer drang, in dem die kleine Lotte der Vollendung ihres ersten Lebensjahrs entgegenstrammenschliche pelte. Der einzige Halt waren ihr Kind, die gelegentlichen Besuche von Bruder Otto aus Küstrin, dem sie ihr Herz ausschütten bete, und auch die Eltern, mit denen sie über manches sprechen konnte. L C Diese menschlich bedrückende Lage führte dazu, dass sich Marie noch intensiver mit politischen Problemen beschäftigte und jede freie Zeit benutzte, um sich mit politisch gleichenkenden Freunden zu treffen. * -80Der Anfang in Berlin Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts trat der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern Europas in den Vordergrund der geschichtlichen Ereignisse. Überall - und jetzt nicht nur in der Großstädten, sondern auch in der Provinz, die genau so von der Industrialierung und damit von der" Verproletarisierung" erfasst worden war- wuchsen die Probleme. Auch in Landsberg, das verhältnismässig spät den Anschluss an die Ereignisse der Zeit gefunden hatte, waren Gewerkschaften und Sozialdemokraten aktiv geworden, um die Bevölkerung mit den Ursachen dieser Entwicklung und mit den Möglichkeiten der Besserstellung der Arbeiterschaft vertraut zu machen. Als Marie Juchacz zum Ende des Jahres 1905 sich mehr und mehr mit dem Gedanken vertraut machte, so bald als möglich Landsberg zu verlassen, überdachte sie noch einmal die menschliche Problematik der Lage, in der sich alle Mitglieder der Familie Gohlke befanden. Sie selbst hatte eine zwei Jahre alte Tochter und einen Sohn mit sechs Monaten, einen Mann, der sich kaum noch um seine Famibie kümmerte, und eine Nähmaschine, mit der sie das Geld zum Lebensunterhalt verdiente. Ausserdem musste sie sich noch um die Eltern und um ihre 17 Jahre alte Schwester Elisabeth kümmern. Bruder Otto hatte seine eigenen Sorgen, war inzwischen von Küstrin aus nach Berlin gegangen, wo er zum Erhalt seiner inzwischen auf sieben Köpfe angewachsenen Familie sehr schwer arbeiten musste. Nach dem Tode des Erstgeborenen hatte er noch drei Söhne und zwei Töchter bekommen. Marie schrieb in dieser Zeit manchen Brief an ihren Bruder, ty sie sind leider verloren gegangen. In einem teilte sie mit, dass sie sich von ihrem Manne Bernhard getrennt habe, dass sie mit ihren Kindern Lotte und Paul jetzt alleine wohne und Elisabeth мын zu sich genommen habe. Die Antworten von Otto an seine Schwester nach Landsberg waren immer sehr aufschlussreich für Marie. Hier erfuhr sie aus guter Quelle Neuigkeiten aus allen Gebieten: dass es schon eine ganze Reihe von Kinematographentheatern gibt, in denen dramatische, humoristische und belehrende Films" gezeigt werden, dass die Gewerkeehef schaftsbewegung ständig ansteig und sogar Unterstützungen gezahlt werden, dass es sogar schon einige Säuglingsfürsorge- und Mütterberatungsstellen gibt, dass die jährlichen Aufwendungen der öffentlichen Armenpflege in diesem Jahre( 1905) wahrscheinlich 140 Millionen Mark betragen, dass die Lohnkämpfe an Stärke und Um- - 81- fang immer mehr zunehmen(" erst in diesen Wochen haben sie wieder im Rheinland und in Westfalen gestreikt")- und dass in Berlin lauter drei- und vierstäckige Mietskasernen entstehen(" 80% der Berliner Bevölkerung leben in 1- 2- Zimmerwohnungen, 8% in 5 und mehr Zimmern. Wir gehören zu den 80%"). Lendeten [ Ottos Briefe immer damit, dass Marie jederzeit mit den beiden Kindern, Lotte und Paul, erst einmal bei ihm bleiben könnte, in der Stralauer Allee 20 b. Später würde sich dann schon irgend etwas anderes ergeben. Ausschlaggebend, mit ihren beiden Kindern nach Berlin zu gehen, war schlifeli zu Beginn des Jahres 1906 ein Brief von Otto, dass er vom Parterre in den dritten Stock gezogen sei, Zimmer und eine grosse Kammer zwei mehr habe, und dass Marie ein Zimmer für sich und die Kinder bekommen könne. Arbeitsmässig würde sich auch sofort etwas machen lassen. Obwohl Vater Gohlkes Gesundheit bei seinen fast 65 Jahren nicht gut war, redete er seiner Tochter Marie zu. Vateri " Und was wird aus Elisabeth? Du weisst doch, dass sie es nicht versteht, wenn ich sie alleine in Landsberg lasse." " Lisbeth kommt dann eben ein paar Monate später nach, bis Du beruflich so weit bist." " Und wer kümmert sich um Euch?" " Darum brauchst Du Dir keine Sorgen und Gedanken zu machen, Marie.* Wir haben für uns zwei unser finanzielles Auskommen, Mutter ist noch so rüstig, dass sie mit dem bischen Hausarbeit fertig wird, und wenn es mal nötig sein sollte, dann seid Ihr ja schnell hier, mit der Eisenbahn dauert es ja nur vier Stunden." Obwohl Marie wusste, dass ihr Vater es leichter darstellte, als es in Wirklichkeit war, machte sie sich mit dem Gedanken der Übersiedelung nach Berlin so vertraut, dass sie schon in Landsberg bei Parteifreunden Erkundigungen einzog, sich Namen und Adressen geben liess, und auch mit ihrer Schwester Elisabeth viele Einzelheiten besprach. " Unser Ziel war, wirtschaftlich Fuß zu fassen, und ich machte mir keinerlei Illusionen. Ich hatte die Sorge für meine beiden Kinder und wusste, dass es schwer sein würde. Zuvor hatten wir noch vertrauensvolle Aussprachen mit unseren Freunden, weil wir in Berlin einen Weg finden wollten, um uns der sozialistischen Bewegung anschliessen zu können. Keiner der Männer wusste richtig Bescheid, wie es anzufangen sei. XaxxBiner gab uns eine Empfehlung an eine Frau mit, Ida Altmann, die sozialwissenschaftliche Mitarbeiterin der Gewerkschaften war." Da Lisbeth die wenigen Monate des Alleinseins in Landsberg dazu benutzt hatte, un ebenfalls die Schneiderei zu lernen, schickte Otto Wäsche geschäft sie zum Grünfeld, wo sie auch sofort Nahaufträge für Schre in Heimarbeit und Wäsche******* кkaik erhielt. Wenn arter Marie für die Nachbarin im Haus nichts zu tun hatte, half sie ihrer er Schwester beim Nähen. Das Verdienst reichte aus, um nicht nur den Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern auch Bruder Otto den Mietanteil für das Zimmer zu zahlen. Marie war glücklich, in Lisbeth wieder einen Gesprächspartner gefunden zu haben, der die Dinge mit eigenen Augen sah und seine eigenen Überlegungen anstellte. Nachdem Marie und Lisbeth durch ihre Heimarbeit die finanzielle wieder Grundlage geschaffen hatten, wurde das Bedürfnis wach, den Kontakt mit den politischen Strömungen dieser Zeit zu finden. Die Adresse von Ida Altmann schien die Beste zu sein: als sozialwissenschaftliche Referentin der Gewerkschaften musste sie gute Ratschläge geben können. Noch am gleichen Tage gingen sie zu ihr. " Sie war ein gebildeter Mensch mit grossem Wissen, sehr freundlich, an den sogenannten Frauenfragen aber garnicht interessiert, wusste mit der Personen- und Organisations frage auf diesem Gebiet auch nicht Bescheid und gab das auch offen zu. Aber sie hatte etwas von . - 94 und den sozialdemokratischen Organisationen wachsam und kritisch aufgenommenen Regierungsentwurf im negativen/ Sinne der Arbeiterschaft zu verwässern. Die Sozialdemokratische Partei hatte schon früher im Einvernehmen mit den Gewerkschaften einen eigenen Entwurf für ein freies Vereinsrecht eingebracht. Wir Frauen im besonderen waren uns darüber einig, dass wir unser politisches Organisationsrecht wohl anstrebten und so vorteilhaft wie möglich xaxxixkki** ******* x für uns erkämpfen wollten, dass es aber nicht gegen den Nachteil eines eingeschränkten Koalitions rechtes für alle arbeitenden Menschen erkauft werden durfte. Man muss sich vorstellen, wie das zentrale Frauenbüro mit äusserst geringen finanziellen und technischen Hilfsmitteln arbeiten musste, um uns in dieser bewegten Zeit laufend und schnell über alles zu unterrichten und mit Material zu versorgen." + Mitten in diese aufregenden Tage hinein kam aus Landsberg an der Warthe die Nachricht vom Tode des Vaters Theodor Gohlke. Er war am 11. Mai 1908 im Alter von 66 Jahren gestorben. Marie und Elisabeth wollten zur Beerdigung fahren, aber nach einigem Hin und Her sah Lisbeth ein, dass es besser für sie sei, in Berlin zu bleiben. Sie war im achten Monat, und ihr Mann, Christian Michael Roehl, wäre allein mit den Kindern von Marie, Lotte und Paul, die jetzt viereinhalb und drei Jahre alt waren, nicht fertig geworden. Maries Bruder Otto hatte zu Hause das Problem ebenfalls in der Form gelöst, dass er beschloss, alleine zu fahren, während sich seine Frau *** um die fünf Kinder kümmerte. LandsMarie und Otto hatten sofort nach ihrer Ankunft in Landsberg alle Hände voll zu tun, um die Formalitäten für die Beerdigung zu erledigen. Mutter Henriette Gohlke konnte unmöglich alleine in daxxxakxx berg xxx bleiben. Der Vater war noch nicht unter der Erde, als der Hauseigentümer schon eine dreiköpfige Familie einwies und verlangte, dass die 61 Jahre alte Frau von nun an mit der kleinen Kammer vorlieb nehmen müsse. Da Otto mit seiner grossen Familie genug am Halse hatte, glaubte Marie, auch im Sinné ihrer Schwester Elisabeth zu handeln, wenn sie Mutter Gohlke zu sich nach Berlin nähme. Sie war noch so rüstig, dass sie selbst den Wunsch äusserte, den Haushalt gerade in dieser Zeit zu führen, wo Lisbeth mit der Niederkunft rechnen musste. Obwohl es für Marie eine Selbstverständlichkeit war, dass sie sich . - 95- dann ab jetzt um die Mutter zu kümmern habe, ahnte sie, dass Lisbeths Mann gegen diese Belastung des Haushalts opponieren würde. Er hatte Ceistige Binstellnumsich zwar nie so richtig um seine Frau und deren Pa mert, hatte vielleicht angenommen, dass das Interesse Lisbeths an der Politik und an der Frauenbewegung ein vorübergehender Spleen sei, der sich im Laufe der Zeit legen würde, und wahrscheinlich erst recht in dem Augenblick, in dem ein Kind da sei, dass* x* x* die ganze Aufmerksamkeit der Mutter in Anspruch nehmen würde. Trotz dieser Überlegungen handelte Marie schnell und klar. Mit Ottos Hilfe wurde vom Gohlke- Haushalt alles das verkauft, was keinem der beiden Berliner Haushalte von Nutzen war. Der Rest, schwesterlichbrüderlich nach Zweckmässigkeit und Bedürfnis aufgeteilt, wurde zusammengepackt und nach Berlin verfrachtet. Während Otto schon vorausfuhr, um in erster Linie Lisbeth und ihren Mann von Mutters Ankunft zu unterrichten, erledigte Marie noch die Dinge, die immer dann zu regeln sind, wenn ein Mensch diese Erde verlässt. driften. am 15. Mai, Einen Tag vor dem dreijährigen Geburtstag von Paul kam Marie mit ihrer Mutter nach Berlin. Zur Überraschung aller hatte Lisbeths Mann die Notwendigkeit der von seiner Schwägerin Marie getroffenen Schritte gutgeheissen und mitgeholfen, die Wohnung in der Schöneberger Wartburgstrasse 13 für die Ankunft herzurichten. Grossmutter bzw. Mutter Gohlke war ab sofort vollwertiges Mitglied der Familie, umsomehr, als sie sich nach der anstrengenden Eisenbahnfahrt nicht ausruhte, sondern sich sofort nützlich machte. Besonders gross war die Freude für Lotte und Paul, die vom ersten Augenblick an spürten, dass da jemand gekommen war, der sich ständig um sie kümmern und würde. mit ihnen beschaftigen. Zur Überraschung aller setzte sich Mutter Gohlke an die Nähmaschine, die Elisabeths Mann sehr billig von Bekannten gekauft hatte, weil die andere Maschine ständig von Lisbeth und Marie benutzt wurde. Als Marie die während ihrer Abwesenheit liegengebliebene Heimarbeit unter Zuhilfenahme von Nachtstunden aufgearbeitet hatte, stürzte sie sich wieder in die politische Arbeit. Inzwischen war das heissumstrittene Reichsvereins gesetzt vom Reichstag angenommen und verabschiedet worden. Der heute lebenden älteren und der jüngeren heranwachsenden Generatie tion erscheint es- von ganz geringen Ausnahmen abgesehen selbstverständlich, dass man gut angezogen ist, eine wenn auch nicht immer aufwendige, so doch mehr oder weniger geschmackvoll eingerichtete Wohnung hat, in die nicht nur das Radiogerät mit Plattenspieler, sondern auch schon der Fernsehapparat gehört. Es soll nicht an die leider noch sehr zahlreichen Flüchtlinge, Vertriebenen, unter sehr eingeengten Verhältnissen lebenden Menschen gedacht werden, die noch immer nicht am Wirtschaftssegen beteiligt sind. Aber es erscheint den heute Lebenden- Arbeitern und Angestellten- selbstverständlich, dass sie wissen, wie sie sich im Theater, Konzertsaal oder bei anderen festlichen Veranstaltungen zu benehmen haben. Zum Ende der Jahrhundertwende und am Anfang des 20. Jahrhunderts sah es damit [ - 109- sich auf Sportplätzen( das war nicht das Schlechteste) oder in den Kinds zu vergnügen. Bis 1910 wuchs die Zahl der Kinematographentheater in Berlin bis auf 260 an. Im Hause von Marie Juchacz und Elisabeth Roehl gab es einmal mit den erwachsener gewordenen Kindern eine Debatte über das Thema" Erziehung" im allgemeinen und" Erziehung des Arbeiters" im besonderen Damals versuchten die Mütter Marie und Elisabeth, die Problematik die sich immer bei der Erziehung von Erwachsenen ergibt- verständlich zu machen, indem sie erklärten, dass die Erziehung des Arbeiters in Bezug auf Bildung und Kultur ähnlich sei wie die Erziehung eines Kindes, dem man schon in frühester Jugend beibringe, dass man nicht mit den Fingern, sondern mit Messer, Gabel und Löffel isst. Der Arbeiter dxx aus der Zeit der Jahrhundertwende sei in Bezug auf Bildung und Kultur" im Kindesalter" gewesen und hätte deshalb mit all dem, was Bildung und Kultur" als Werkzeug"- wie Messer, Gabel und Lööfel- bedeuten, erst vertraut gemacht werden müssen. Nur so kann man verstehen, mit welcher Intensität sich Marie Juchacz auch dieser Aufgabe widmete. " Bei allen kulturellen und künstlerischen Veranstaltungen waren auf der Rückseite des Programms die Regeln zu lesen, in denen der Konzert- oder Theaterbesucher um richtiges Verhalten gebeten wurde und freundliche Anweisungen erhielt. Ich weiss, dass ich einmal bei einem grossen Konzert in einem Saal in der Hasenheide und mit dem berühmtesten Dirigenten der damaligen Zeit mit Freunden nicht nur über die musikalische Leistung, sondern auch über das mustergültige Verhalten des Publikums, das nur aus Arbeitern bestand,* x* x* ********* X* Xxx sprach, und man merkte mir wohl meine Begeisterung an. " 0,- Sie hätten vor einigen Jahren an den ersten Versuchen teilnehmen sollen, dann könnten Sie erst richtig beurteilen, was für eine Entwicklung in dieser Beziehung vor sich gegangen ist." Nicht sehr viel später hätte sich mancher- sehr" gebildet" Theater- und Konzertbesucher des Bürgertums to daran ein Beispiel nehmen können, ganz abgesehen davon, dass der Arbeiter hingin, um einen Kulturgenuss zu haben, während xxxxxxk die Frau des hohen das Konzert besuchte Beamten weil der einen Rang tiefer stehende, aber nicht weniger hohe Beamte derselben Behörde ja auch hinging. Ob sich daran etwas geändert hat?" 87 109 anders aus. Die Gültigkeit des Dreiklassenwahlrechts besagt bereits, dass die Bevölkerung durch Gesetz in Klassen aufgegliedert war. Der Arbeiter, durch die Industrialisierung************ immer mehr zu einem volkswirtschaftlich bedeutenden Faktor wurde, durfte für niedrige Löhne und täglich lo bis 12 Stunden schuften, war aber von den Dingen, die das Leben wertvoll machen, ausgeschlossen. Ein Proletarier im Jahre 1908 im Theater? Neben der" Geheimen Frau Oberjustizrath? Undenkbar! Ja, unmöglich. Und überhaupt: was wollte" ein solcher Mensch dritten Grades" in einem Konzert? Sich bilden? Oder amüsieren?" Er soll arbeiten, Kinder bekommen, die wieder Arbeiter werden. Und nichts anderes!". So wurde dem Proletariat durch das Bürgertum jeder Anspruch auf Teilnahme am geistigen, kulturellen Lében versagt. Es gehört zum sozialistischen Ideengut und war um die Jahrhundertwende einer der wichtigsten Programmpunkte, das Proletariat nicht nur über seine soziale Lage aufzuklären, sondern ihm danxxxgxxxx@= * x die Möglichkeiten zu verschaffen, sich so zu entwickeln wie" die besseren Leute". Wie war das möglich? So lange eine Schulreform nicht auch dem Arbeiter die Möglichkeit gab, sich entsprechend seinen Fähigkeiten zu entwickeln, besondere Aus- und Fortbildungsschulen zu besuchen, oder gar zu studieren, war die sozialdemokratischen" Bildungsgruppen" auf Selbsthilfe angewiesen. en Einige Zahlen aus den Notizen von Marie Juchacz kennzeichnen die. Situation des Jahres 1907. Soziale Gliederung: quage 1867 Unternehmertum: Mittelbauern: Angestellte: Kleine Existenzen: 7 4 5,1% 8% Proletarische Massen: 75% Von allen Erwerbstätigen sind 52,5% Arbeiter( davon 33% Frauen). Zahl der Angestellten( ohne freie Berufe): 1 291 000. ( Vergleichszahl 1910: 600 000 organisierte Angestellte, seit 1911 staatliche Angestelltenversicherung). Zahl der Beamten im Jahre 1907: 1536000( jeder 12. Mann ist Beamter Um die Kluft zwischen den" Gebildeten" und den Volksmassen zu überbrücken, machten sich Volksbildungsbestrebungen bemerkbar, durch die aber nur das Kleinbürgertum erfasst wurde. Von den Volksbildungsbibliotheken, Kunstabenden, Konzerten, den Kursen an Universitäten war der Arbeiter, der Proletarier, vorerst ausgeschlossen. Noch bevor vom" Verein Freie Volksbühne"( 1914) in Berlin die Volksbühne gegründet wurde, bevor Reclams" Universalbibliothek, die" Sammlung Göschen" oder die" Volksausgaben der Klassiker" erschienen, war die Masse des Proletariats darauf angewiesen, - 111- Leid, gekommen, Männer und Frauen. Es lag vielleicht in meiner Arbeit, vielleicht auch an meiner Art, dass ich in so viel menschlich- seelisches hineinschauen musste. Wenn der Einzelne mit seiner VerZweiflung, seinen Konflikten und Problemen zu einem von uns kommt, weil er sich nicht ohne menschlichen Beistand zu helfen weiss, haben wir uns zuerst die Frage nach dem" Warum?" yorzulegen. Nicht und auch das" Moralisieren" ist dann unsere Aufgabe, nicht das" Beurteilen müssen" oder gar das Verurteilen. Wir haben nur Rat zu geben und Hilfe- wenn wir das können( es ist nicht immer möglich). Das Selbstverständlichste aber ist die Pflicht des Schweigens, da, wo es notwendig ist, und erst recht dort, wo indiskretes Sprechen dem anderen schaden kann. xxxxxx@ Ich würde mich mit dieser Erfahrung nicht so lange aufhalten, wenn ich sie nicht- bis in die jüngste Zeit hinein- immer wieder bestätigt gefunden hätte." + Wenn Marie Juchacz" die Diskretion gegenüber dem persönlichsten Leben anderer" als eine der schönsten Tugenden hervorhebt, bedeutet das gleichzeitig, dass sie selbst von anderen die Diskretion gegenüber ihrem eigenen Leben erwartete. Sie hat es" den anderen", den Menschen, mit denen sie auch in eggster Arbeit und Freundschaft verbunden war, k************* durch ihr Verhalten leicht gemacht, eigenes diesen Standpunkt zu respektieren. Fragen, die sich zwangsläufig gesprächsweise auch einmal auf ihre private Sphäre ausdehnten, wurden von ihr so allgemeingültig beantwortet, dass niemand daraus irgenwelche Schlüsse ziehen konnte. Von sich aus schnitt sie Dinge, die sich im eigenen Hause abspielten, niemals an. Der Biograph, der gerade dem Menschlichen dieser Frau gerecht werden will, steht also vor keiner leichten Aufgabe, umsomehr, als gerade" das Private", die eigene Situation, das eigene Erleben und Erlebnis dieser Frau der stärkste Motor war, der sie- auch wenn es ihr selbst mitunter nicht ganz klar war foder bewusst nicht klar sein wollte!), auf den Weg führte, den sie konsequent und in jeder Situation gegangen ist, auch in der Emigration, in der in der sie nicht Anteil am sozialen und politischen Leben nehmen nichts Antiform konnte, wie es ihrem Temperament und Bedürfnis entsprach. Als Marie Juchacz" im weisen Alter" begann, Stationen und Erlebnisse erst mit Stichworten, dann mit ausführlicheren Notizen und auch - 112- *************** zusamienhängenden Abschnitten zu formulieren, musste sie sieh plötzlich selbst damit auseinandersetzen, ob und in welchem Umfange bei einem solchen" Rechenschaftsbericht über das eigene Leben" dxxxRxixxkkakan Ereignisse aus der eigenen Sphäre berücksichtigt oder eliminiert werden müssen. Manches wurde durchgeerneut agestrichen, mit anderen Gedanken neu formuliert, dann strichen, später mit einer Randbemerkung aus dem Privatleben wieder ergänzt. Kein Aussenstehender könnte damit etwas anfangen. Nur Angehörige, die Marie Juchacz auch in ihrem privaten Dasein erlebcfür das ten, sehen darin die Zusammenhänge, die x Leben auch der Menschen D ttig sie im Licht der Öffentlichkeit stehen. Raxxxkkä****** ** X** XX** XxMxxxxxxxxxxкandanaxDigkrakianx kakanxdiaxxxxxxxxxxxxxxxxxxzufindenx 11 So erklärt sich das Bemühen im Sinne der von Marie Juchacz verstandenen Diskretion-, aus dem dennoch" privaten" und öffentlichen Leben dieser Frau herauszufinden, was sie wirklich da s wxxxx vom Wesen, Charakter- und auch vom Herzen her war. Für viele, die sie kannten, mag es oft oder immer den Anschein gehabt haben, als ob" ihr Herz" nur ihrer politischen Aufgabe gehört habe. Die meisten ihrer engsten und besten Mitstreiterinnen haben noch zu ihren Lebzeiten und nach ihrem Tode versucht, sich selbst darüber klar zu werden. So sagt Anna Stiegler: " Wenn ich ehrlich sein soll: ich habe nie einen wirklich persönlichen Kontakt zu Marie Juchacz gefunden. Ob es an mir lag, oder an uns beiden? Ich weiss es nicht. Lotte Niehaus, die ich fragte, da sie ja von Anfang an in der' Arbeiterwohlfahrt' mitgearbeitet hat, sagte dasselbe. Bei allen: Hochachtung für ihre Leistungen, aber darüber hinaus haben wir alle sie kaum kennen gelernt, und das ist sehr schade!" Wie diskrepant klingt es, wenn Marie Juchacz auf ihre Fragen, warum gerade sie für diese oder jene Funktion ausgesucht wurde, zur Antwort erhielt: " Weil wir Sie kennen!" * x* xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx A A A A 叉叉 叉 113Villeicht gelingt es mit diesem Buch, sie auch menschlich all denen nahe zu bringen, die кяиxя über die Zusammenarbeit mit ihr hinaus das Bedürfnis hatten, etwas mehr von diesem Menschen, Hicht von der Politikerin, zu wissen. + Es gehörte in der Pionierzeit der sozialistischen Bewegung sehr viel Idealismus dazu, sich mit politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kommunalen Problemen zu beschäftigten. Das geschah" auf eigene zum Kartoffelholen. Paul war körperlich deshalb schwach, weil er mehrere Male im Krankenhaus lag. Einmal war er dem etwas wendigeren Fritz über das Trennengeländer nachge rutscht, hatte das Gleichgewicht verloren und war vom ersten Stockwerk aus mit dem Kopf auf eine Eisenmatte gefallen. An der doppelten Gehirnerschütterung hatte er lange Marie Juchacz musste eine schnelle und gute Entscheidung treffen. Mit ihrer Schwester Elisabeth war sie sich über das, was zu tun war, einig. Wie würden die Sozialdemokratischen Frauen denken? Und die wenigen Parteifreunde, die noch in Köln und der weiteren Umgebung sassen? " So weit ich ihrer habhaft werden konnte, waren sie für Mitmachen. Auch die Freunde auf der Redaktion redeten uns zu. So meldete ich uns telefonisch an." - " Elisabeth und ich hatten an dieser Arbeit unsere berechtigte Freude. Da die Soldaten ja nun einmal versorgt werden mussten, und viele unserer Freunde und nächsten Bekannten- wie auch Emil Kirschmann an irgend einer Front im Westen oder Osten, zusammen mit den Millionen anderen, und da die zu Hause wartenden Frauen eine Nebeneinnahme erhielten, glaubten wir, die durch den nicht von uns provozierten Krieg in seinen Auswirkungen wenigstens etwas mildern zu können. waren würde. Als Marie ihre Gedanken laut formulierte, meinte Ebert: " Ich habe sie bis jetzt für einen Menschen gehalten, der die Klarheit, aber auch entschiedene Härte besitzt, um mit allen Widerwärtigkeiten fertig zu werden." " Man hat vielleicht diesen Eindruck von mir, aber...". Marie und Friedrich Ebert sassen sich eine Weile schweigend gegenüber. Dann stand sie auf und sagte: " Gut. Ich nehme Amt und Arbeit an, muss aber noch einmal nach Köln zurück, denn meine Arbeit dort kann ich nicht von heute auf morgen im Stich lassen." Desto intensiver stürzten sich die beiden Frauen auf ihre politische Aufgabe, und die Themens cala der Versammlungen und Diskussionen, x** *********************** in denen sie als Rednerinnen auftraten, hatte politisches H8chschulformat: Was ist Sozialismus?, Frauenerwerbsarbeit, Umwandlung der Hauswirtschaft und des Familienlebens infolge, der Technisierung der Gesamt- Wirtschaft, Sozialistische Kommunalpolitik, Kinderers Erziehungsfrage Religion, Sozialismus und religiöser Sozialismus, Kinderschutzgesetze, Spielplätze, Ferienwanderungen, Sozialistische Jugendorganisationen, Arbeiter- Turn- und Sportverbände, Parteischule zur Ausbildung von Funktionären, Schnapsboykott usw.(" So wurden allein im Jahre 1910/1911 von sozialdemokratischen Jugendorganisationen insgesamt 11 122 wissenschaftliche Wanderkurse durchgeführt"). - 146- In Köln wurde die Übersiedelung von Marie nach Berlin besprochen. " So ist das, Lisbeth. Von Berlin ging ich nach Köln, und Du bist dann mit den Kindern hierher gekommen. Jetzt gehe ich ohne die Kinder nach Berlin, aber wie die Dinge jetzt biegen, wirst Du längere Zeit in Köln bleiben müssen." " Und mit den Kindern, Marie. Wir können sie jetzt, mitten im Krieg, nicht noch einmal umschulen. Sie haben ihre Spielgefährten hier, der Unterricht ist trotz Krieg verhältnismässig gut, und ausserdem haben wir uns an der Ecke der Siebengebirgsallee das kleine Grundstück geanlegen mietet, auf dem die Kinder einen Schrebergarten wollen, um Gemüse und Kartoffeln anzubauen. Wer weiss, ob das in Berlin möglich ist." " Ich mache mir nur Sorge, Lisbeth, wie Du mit allem alleine fertig werden willst." " Lotte ist mit ihren dreizehn Jahren eine grossartige Hilfe, sie ersetzt bereits einen Erwachsenen. Und mit Paul und Fritz werden wir Frauen schon fertig." Marie war nicht ganz überzeugt davon. Ausserdem bedrückte es sie, ohne Schwester und Kinder nach Berlin zu gehen. Sie zögerte die Abreise so lange wie möglich hinaus. Aber der Tag der Trennung kam schnell. " Jetzt wollen wir das nachholen, was wir damals in Berlin versäumten, Marie. Wir gehen zu Unverdruss und lassen uns fotografieren, damit Du von uns und den Kindern wenigstens einige Bilder bei Dir hast." diesmal Aber auch xxx wurde nichts daraus. Der erste grosse Kohlrübenwinter war gekommen, und Schmalhans wurde Küchenmeister. Morgens zum Frühstück gab es eine Scheibe Brot mit Kohlrübenmarmelade, dazu einen Schluck Rübenkaffee. Mittags zogen Paul und Fritz mit einem Eimer los, um das Essen von der Massenspeisung zu holen. Die nächste Verteilungsдkxxxxxx stelle war der Barbarossaplatz, am Ende der Luxemburgerstrasse. Mit der Elektrischen brauchte man eine Viertelstunde, zu Fuss waren es hin und zurück fast zwei Stunden. Die Jungens wollten das Strassen 154 " Eigentlich müsste man verzweifeln, Lisbeth. Was hatten wir davon, dass wir mit 163 Mandaten in die Nationalversammlung gewählt wurden? Es gab trotzdem noch 42 Deutschnationale, 21 Deutsche Volksparteiler, 75 Deutsch- Demokraten, 75 Christliche Volksparteiler, 22 Unabhängige und 10 Splitter- Parteiler. Wir haben mit Mühe und Not Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten wählen können( am 11. Februar), кxxzkaxxixk RXXX* x* x* x* x* x* x* x* x Von allen Abgeordneten stellen wir ein gutes Drittel. In Deutschland geht es drunter und drüber. Und jetzt dieser Friedensvertrag. Dr. Bell und Hermann Müller haben unterschrieben. " Und was wäre gewesen, wenn sich niemand zur Unterschrift gefunden hätte? Clemenceau hat keinen Zweifel daran gelassen, was dann geschehen würde. Nach meiner Meinung hat Wilson bei den ganzen Verhandlungen keine Rolle gespielt, die Franzosen haben entgegen aller Vernunft gehandelt. So und so nimmt das kein gutes Ende." " Dabei sollte es ein guter Anfang werden. Ich ahne, wie sich Deutschlands Zukunft entwickeln wird. Unsere Wirtschaft braucht Jahrzehnte, um sich zu erholen. Das durch den Krieg heingesuchte Deutschland wird sich nicht von den Folgen dieses Krieges erholen können, und neue Folgen aus diesem Friedensvertrag werden das Elend noch vergrössern. Was das politisch bedeutet, ist mir nur zu klar." " Mir auch, Marie. Es wird eine Radikalisierung geben, und zwar auf Zwei Seiten: ganz rechts und ganz links." " Du meinst also Remilitarisierung auf der Rechten und Bolschewisierung auf der Linken? Oh armes Deutschland!" + Solche etwas deprimiert klingenden privaten Gespräche konnten MarieJuchacz aber nicht in ihrer politischen Aktivität hindern. Der alte Gedanke, während des Krieges schon im Rheinland diskutiert und wieder zurückgedrängt, tauchte wieder auf: die Arbeiterschaft muss der Arbeiterschaft helfen, die Not zu lindern. Name - 159anderen Voraussetzungen und bei völlig verlagerten Gesichtspunkten an diese Arbeit herangehen.- In diesem Zusammenhang muss der Name einer Frau genannt werden, die sich um die' Arbeiter- Wohlfahrt' in besonderem Maße verdient gemacht hat. Mit dem, was sie einmal niederschrieb, greift sie zwar der Chronologik dieses Buches mit einigen Gedanken vor, charakterisiert aber zugleich auch das Wesen von Marie Juchacz: - 169- " Im preussischen Landtag machten mich rheinische Parteifreunde sehr bald mit unserer Landtagsabgeordneten, Elisabeth Roehl, bekannt. Sie brachte mich ebenfalls sehr schnell zu ihrer Schwester Marie Juchacz in den Reichstgg. Nie habe ich vergessen, wie vorsorglich ich durch sie, als politischer Neuling, mit den Aufgaben unserer Partei und der AW vertraut gemacht mrde. Da mals sagte mir Marie: ' Es kann schon einmal vorkommen, dass einige unserer Frauen nicht den richtigen Ton finden. Dann darf man das aber niemals anderen gegenüber kritisieren. Am besten ist es, das so bald als möglich zu vergessen.' Durch Marie Juchacz wurde ich auch des öfteren als Referentin zu Kursen der AW herangezogen, um über meine Aufgaben im Handelsministerium zu sprechen und um die Schutzbestimmungen und ihre Vorschriften zu erläutern. An einen Kursus, der in einem AW- Heim an der Ostsee nahe Travemünde stattfand, erinnere ich mich besonders gern. Damals musste ich nach dem Vorschlag von Marie Juchacz an mehreren Tagen sprechen. Als der Kuraus beendet war und ich abreisen musste, begleiteten mich alle Kursus- Teilnehmerinnen zum Bahnhof und sangen mir auf dem Bahnsteig ein Lied. Ich empfand es als eine besondere Auszeichnung, dass Marie Juchacz mir ganz spontan einen Abschiedskuss gab. Aus Amerika hat sie mich, die ich in der Ostzone bei unglaublicher Arbeitslast schlimmen Hunger litt, sogar mit Paketen bedacht. Meine Mutter ist damals an Unterernährung gestorben." ● . dies Mit diesem Vorwort wollte Marie Juchacz ihre Lebenserinnerungen einleiten, Bevor sie, ein Jahr nach ihrer Rückkehr aus Amerika, im Jahre 1950 mit der Niederschrift begann, notierte sie alles, was ihr an Stichworten einfiel, um diese Notizen dann im Laufe der Zeit zu Einzelabschnitten zusammenzufassen. Viel Zeit bleib ihr dafür nicht, denn das, was im Nachkriegsdeutschland knapp zwei Jahre nach der Währungsreform- politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich neu erstand und zusammenwuchs, nahm ihr ganzes Interesse in Anspruch. Sie reiste durch das Bundesgebiet, war heute in Hamburg, morgen in Berlin, wenige Tage später in Düsseldorf und Bonn, um an Besprechungen, Konferenzen, Tagungen und Veranstaltungen teilzunehmen. Sie hielt kurze und längere Referate, besuchte Freunde, von denen sie sechszehn Jahre lang durch die Emigration getrennt war, nahm zu den Problemen Stellung, mit denen sich die nach dem Zusammenbruch aus dem Nichts wiedererstandene" Arbeiterwohlfahrt" auseinandersetzen musste, und schrieb das Buch" Sie lebten für eine bessere Welt", Lebensbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts, 29 Kurzbiographien, die in ihrer Gesamtheit ein geschlossenes Bild der sozialistischen Frauenbewegung geben. Diesem Buch ist ein Brief vorangestellt, den der kürzlich verstorbene Chefredakteur des sozialdemokratischen" Vorwärts" und jahrzehntelanger Mitstreiter und Parteifreund von Marie Juchacz an sie schrieb: Friedrich Stampfer, " Als Du mir das Manuskript zu lesen gabst, empfand ich es sofort als einen Mangel, dass von Dir selbst darin nicht die Rede ist. Du hast das Buch dem andenken Deiner Mitkämpferinnen gewidmet, die vor Dir dahingegangen sind, aber so streng lässt sich die Grenze zwischen Leben und Tod nicht ziehen. Eine Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung in Biographien ist unvollständig, wenn darin Marie Juchacz nur als Erzäh Eigener Text: FM.R( 25 Inder shaft. Vorwort 5- - 4- lerin, nicht auch als Handelnde in Erscheinung tritt." Noch bevor Marie Juchacz die Fülle ihrer Notizen zu einer geschlossenen Autobiographie zusammenstellen konnte, um damit am Beispiel ihres eigenen Lebens ihren Beitrag zu leisten zur Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung im allgemeinen, und zur Entwicklungsgeschichte der" Arbeiterwohlfahrt" in besonderen, schloss sie- 14 Tage vor ihrem 77. Geburtstagfür immer die Augen. 6 Woden Die von ihr nur zum Teil zusammengefassten Darstellungen einzelner LeUnd Briye bensabschnitte und die Fülle ihrer hinterlassenen Notizenyergaben nach chronologischer Ordnung das biographische Gerüst, das mit dem Wissen und den Erzählungen von Freunden, Angehörigen und Mitarbeitern ausgefüllt wurde.+ Aus der Gesamtheit dieser Unterlagen entsteht das Bild einer Frau, die sich vorbehaltlos in den Dienst der von ihr selbst gewählten und immer wieder neu erarbeiteten Aufgabe stellte, die ihr Herz der" Arbeiterwohlfahrt" gab ute nicht von ungefähr stehen die Initialen der" AW" in einer Herzen, und deren wirkkichee Herz nur wenige kannten. Herzen-, und مدل Ermagen Us Versores. Елде FM.R. ● ● -5Die Zeit Vor achtzig Jahren Zu Beginn des Jahres 1949 kam Marie Juchacz aus Amerika nach Deutschland zurück. Sie zog sich zuerst auf das von ihrem Sohn Paul Juchacz verwaltete" Gut zur Wette" in Weiss enthurm am Rhein zurück, das der ProvinzialHeil- und Pflegeanstalt in Andernach unterstand, um von hier aus den Anein schluss an Deutschland zu finden, das sie 1933 verlassen musste. Wie hatte sich dieses Deutschland verändert! Nicht nur Hitlers tausendjährige Reichs- und Parteiwalze, auch der ganze Schrecken des 2. Weltkriegs war über Land und Menschen hinweggerollt. Deutschland war arm und zerstört, mit einer ausgehungerten und besitzlos en Bevölkerung, deren Lebenswille jetzt ein halbes Jahr nach der Währungsreform in allmählich sich normalisierenden Verhältnissen wirksam werden konnte. Es dauerte ein Jahr, bis sich Marie Juchacz entschloss, die ersten Notizen niederzuschreiben, die ihren Lebens- und Berufsweg festhalten sollten. So wie die Erinnerung es ihr zutrug, notierte sie viele Einzelheiten, ohne vorerst zu wissen oder sich zu überlegen, in welcher Form diese Unterlagen zu einer Einheit zusammengefügt werden könnten. Auf jeden Fall stand für sie fest: " Jede Lebensbeschreibung muss bei der Kindheit, im Elternhaus, bei den Eltern beginnen. Eindrücke, die man in der frühesten Jugend empfing, Charaktereigenschaften, die man von Eltern und Vorfahren mitbekam, auch das. Temperament, das einem vererbt wurde, die Lebensumstände, mit denen man kämpfen, denen gegenüber man sich durchsetzen musste, das Maß von Willen, Energie und Fleiß, mit dem man an sich arbeitete, bilden zum Schluss die Summe, die zum Werden einer Persönlichkeit führen. Der Rückblick auf ein Leben zwingt wohl immer zur Prüfung und Sichtung der verschiedenen Umstände und Faktoren, die von früher Zeit her in einem Werden mitbestimmend gewesen sind." Aber in welche Zeit war sie hineingeboren? Welche politischen, wirtschaftlichen und" gesellschaftlichen" also sozialen Verhältnisse waren zur Zeit ihrer Geburt und ihrer Jugendjahre gültig? Womit mussten sich die Menschen der Zeit, in der sie zur Welt kam, auseinandersetzen? Jetzt im Jahre 1950- war es vielleicht gut und zweckmässig, sich die Zeit vor achtzig Jahren noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. . 6- Straffen, von Delteils entlasten. . • Von Mavic Jochacz Acht Jahre vor 1er Geburt war durch den Frieden vom lo. Mai 1871 in Krieg Frankfurt am Main der deutsch- französische- nach dem Vorfrieden von Versailles vom 26. Februar zu Ende gegangen. Kurz vorher, am 18. Januar 1871, war unter dem Bundeskanzler Bismarck das Deutsche Kaiserreich proklamiert worden. Mit der Verfassung vom 16. April 1871 wurde die Lösung der deutschen Frage im kleindeutschen Sinne vollendet: das Deutsche Reich bestand aus 26 Bundesstaaten, Gesetzgebende Körperschaften mit Budgetrecht waren Reichstag und Bundesrat. Das Recht zu ihrer Berufung, Eröffnung, Vertagung, Schliessung und Auflösung lag beim Kaiser. Der einzige verantwortliche Beamte war der Bundeskanzler, also Bismarck, dem sieben Reichsämter unterstellt waren: Auswärtiges, Inneres, Marine, Schatz, Justiz, Post, Kolonien, und das einheitliche Heerwesen mit der allgemeinen Wehrpflicht. Die nicht nur in Deutschland, sondern in allen Industrieländern als Folgeerscheinung dieser Industrialisierung auftretenden sozialen Spannungen gaben den Sozialisierungs- und Ent- Proletarisierungs"-Gedanken gewaltigen Auftrieb. Verhey do have as abert de Ma In Frankreich war su gleteken zait nach dem Zusammenbruch des zweiten Kaiserreichs xxx die dritte Republik entstanden. Die erste proletarischsozialistische Revolution, der Aufstand der Pariser" Kommune" zur Errichtung eines föderalistischen Kommunismus, hatte stattgefunden. des Deutschlands Daten Die" gesellschaftliche Struktur"( dieser Zeit ist mit wenigen beispisten zu umreissen: ausser der Millionenstadt Berlin gab es acht Städte mit mehr als hunderttausend Einwohnern. 50% der Bevölkerung arbeiteten in Industrie und Handel. Aktiengesellschaften schossen wie Pilze aus dem Boden, Kartelle, Konzerne und Syndikate entstanden: kapitalkräftige Zentren, durch die Industrie, Wirtschaft und Handel gelenkt wurden und die für die Preisund Lohnbildung zuständig waren. Allein in Preussen gab es bis zum Ende der" Gründerjahre", bis 1874, genau 1152 Aktiengesellschaften mit einem Gesamtkapital von 5 Milliarden, 712 Millionen Mark( 1857: im Bergbau und Hüttenbetrieb 59 Aktiengesellschaften). Die" innere Völkerwanderung" durchflutet und durchblutet die Lande. Die jüngere Generation und das Gesinde aus dem noch immer agrarisch orientierten Osten Deutschlands wandert in die grossen Stalte und Industriezentren. In den Notizen von Marie Juchacz finden sich folgende Zahlen: Bevölkerungszunahme von 1871 bis 1890: in agrarischen Ostelbien 26% in industrialisierten Westen: 79 p. -7Die trotz der Abwanderung aus den landwirtschaftlichen Bezirken auch hier zunehmende Bevölkerung rekrutiert sich aus fremdländischen, vor allen polnischen, italienischen und galizischen Landarbeitern. Auf der anderen Seite wandern Tausende und Abertausende aus, in erster Linie nach Amerika. Von 1871 bis 1891 sind es insgesamt 2 Millionen Menschen. E Zeigt Das" parlamentarische Bild" dieser Zeit der am 12. Februar 1867 gewählte und verfassunggebende Reichstag. hatte 263 Abgeordnete: den 211 Konservativen, reikonservativen, Altliberalen und Nationalliberalen standen 51 Fortschrittler, Partikularisten, Polen, Dänen und der Sozialdemokrat August Bebel gegenüber. Karl Marx und Friedrich Engels hatten ihre ersten Werke zum wissenschaftlichen Sozialismus herausgegeben: Friedrich Engels( 1859) seine" Kritik der politischen Ökonomie", und Karl Marx( 1867)( seines" Kapital" mit der Kritik der kapitalistischen Wirtschaft auf Grund der MehrwertTheorie und des historischen Materialismus. den ersten Band Seit dem Ende der 60er Jahre gab es eine" freie" Gewerkschaftsbewegung sozialdemokratischer Richtung. Konsumgenossenschaften( die ersten unter Schulze- Delitzsch), Gewerkvereine( die ersten liberaler Richtung unter Hirsch- Duncker) sound Arbeiterbildungsvereine waren entstanden. Seit 1862 existierte eine politische deutsche Arbeiterbewegung, deren Wortführer Ferdinand Lassalle war. Zu seinen Forderungen gehörte das demokratische Wahlrecht, die Loslösung der Arbeiter aus der Gefolgschaft des Liberalismus, sowie ein eigenes politisch- soziales Programm. Nach Lassalles jähem Tode( 1864) spaltet sich die arbeiterbewegung unter Führung von Schweitzers in" Lassalleaner" und in" Eisenacher", die von Wilhelm Liebknecht und August Bebel geführt werden. Die Bisenacher enthalten sich 1870 bei der Bewilligung der Kriegskredite der abstimmung, beide Richtungen kämpfen aber gegen die Annexion von Elsass- Lothringen. Im Jahre 1875 findet in Gotha ein Einigungskongress der" Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" statt. Zu den wichtigsten Programmpunkten gehörten die Abschaffung des Syatenshnarbeit durch überführung der Arbeitsmittel in Gemeingut der Gesellschaft, Produktivgenossenschaften mit ftaatshilfe, allgemeines Wahlrecht für alle Körperschaften, direkte Gesetzgebung durch das Volk, Volkswehr an Stelle des stehenden Heeres, abschaffung aller indirekten Steuern. Es war eine Zeit, die den Boden bereitete für den beständig steigenden wirtschaftlichen Aufschwung einer, prozentuel geringen, besitzenden Schicht und für den Emanzipationskampf der arbeiter, die durch die drückenden Lohn- und Arbeitsbedingungen zu Proletariern gestempelt wurden und sich der einzigen politischen Richtung anschlossen, die ihre Interessen vertrat: den Sozialdemokraten. xxkxxkakxxxxxx wider Eine Folge dieser Entwicklung war der Erlass des Sozialistengesetzes die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie". Vorwand für dieses Gesetz, erlassen im Jahre 1878, waren zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I. Alle zu diesem Augenblick erscheinenden sozialistischen Presseorgane, ins gesamt 332, wurden verboten. 900 Personen mussten das Land verlassen, 1500 Sozialdemokrater erhielten Freiheitsstrafen. -8. In den Schriften von Marie Juchacz befindet sich eine Aufstellung, die über die Verhältnisse bis um die Jahrhundertwende Aufschluss gibt: " Berufs- und Gewerbezählung von 1895: 35,1 Millionen proletarischer und proletaroider Existenzen= 2/3 der Gesamtbevölkerung. Der Anteil der Arbeiter unter den Erwerbstätigen beträgt 67,7%. Zunahme der Frauenarbeit um 1,5 Millionen= 30% aller Erwerbstätigen. Gleichbleibende Geldlöhne bei steigenden Lebensmittelprei sen. 214 000 Kinder bis zu 16 Jahren sind berufstätig und stehen unter Gew rbeaufsicht( 1907: 450 000 Kinder und Jugendliche). Zunahme des Alkoholismus Mit der Entwicklung des" Alkoholkapitals" betragen die Ausgaben des Deutschen Volkes für alkoholische Getränke: 1886: 1 Milliarde, 700 Millionen Mark 1892: 2 Milliarden, 500 Millionen Mark 1991: 3 Milliarden, 300 Millionen Mark( Ausgaben in der gleichen Zeit für Brot: 1 Milliarde, 700 Millionen Mark)." Im Jahre 1890 musste nicht zuletzt durch den" Druck von unten" das Sozialisten gesetz fallen. Die Gewerkschaftsbewegung nahm einen gewaltigen Aufschwung, und im Zusammenhang damit wuchsen Einfluss und stärke der Sozialdemokraten. Die streikbewegung erreichte mit dem Bergarbeiterstreik von 1889 und mit den Streiks der Hamburger Hafenarbeiter( 1895 bis 1899) symptomatische Höhepunkte. Von 1890 bis 1900 verdoppelte sich der Mitgliederstand der Gewerkschaften, bis zur Jahrhundertwende zählte die Sozialdemokratische Partei weit über eine million eingeschriebener Mitglieder. Dieser Entwicklung musste die Sozialpolitik des Deutschen Reichs дechnung tragen. Arbeiterfürsorge gesetze mechten den Anfang. 1883 folgte das Gesetz zur Kranken-, 1884 zur Unfall-, 1889 zur Invaliden- und AltersVersicherung, und 1891 das Arbeiterschutzgesetz, das eine Neuordnung der Gewerbeinspektion, das Verbot der Kinderarbeit bis zur Vollendung der Schulpflicht und den zehnstündigen Maximal- Arbeitstag für Frauen in den Fabriken regelte. Pfarrer Bodelschwingh errichtete 1882 die erste Arbeiterkolonie für Arbeitslose in Berlin, und Naumann formulierte 1890 das soziale Programm der evangelischen Kirche. Von den Parteien- und Parlamentskämpfen und den wirtschaftlich- politisch- sozialen interessen gegensätzen gibt die Darstellung der verschiedenen Parteiprogramme ein deutliches Bild: 1. Konservative Partei. Sprachrohre:" Kreuzzeitung" und" Deutsche Tageszeitung Bildet den Kern der Regierungsmehrheit. Befürwortet seit 1870 Schutzzollpolitik. Tritt für erhähte Getreidezölle und Steuererleichterungen für agrarische Betriebe ein. Verhindert die Reform des Dreiklassenwhlrechts. Vergeblicher Ver-9 . -9such( unter Hofprediger Stöcker) zur Sammlung der Arbeiter unter christlich- antisemitischer Flagge. Seitdem antisemitische Tendenzen bei den Rechtsparteien. Unterstützt die Heeresforderungen und die Kolonialpolitik. 2. Zentrum. Sprachrohre" Germania" und" Kölnische Volkszeitung". Erster Parteiführer: Windthorst. Ist gegen Jesuiten- und Sozialistengesetz, befürwortet Zolltarife und Sozialpolitik, lehnt Kolonial-, Heeres- und Flottenvorlagen bis Ende der 90er Jahre ab. Stärkste Position in Bayern. 3. Nationalliberale Partei. Sprachrohr:" Kölnische Zeitung". Erste Parteiführer: Lasker und v. Bennigsen. Ist, nach der Reichsgründung, die eigentliche Reichspartei und Bismarcks Stütze, und vertritt die Schwer industrie und den Grosshandel. 4. Liberale Partei.( Fortschrittspartei, mehrfach gespalten, 1884 Freisinnige Volkspartei, 1910 Fortschrittliche Volkspartei). Wortführer: Eugen Richter, Theodor Barth, Friedrich Naumann. Ursprünglich gegen Zoll-, Flotte n- und Kolonialpolitik, dann Aufgeben des Widerstandes. 5. Sozialdemokratie. Sprachrohr:" Vorwärts". Wortführer: August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Vollmer, Singer. Theoretiker: Karl Kautsky, Historiker: Franz Mehring. Wissenschaftliche Wochenschrift:" Neue Zeit". Vertreter der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Interessen des Proletariats. Kämpfen gegen jede Art indirekter Steuern, gegen Militarismus und Kolonialpolitik, für wirksame Sozialpolitik, für Erweiterung der Volksrechte und Ausbau der Reichskompetenzen gegenüber den Einzelstaaten. Prinzipielle Ablehnung des Budgets. Ziel: die politische Macht des Proletariats zur Durchführung des Sozialismus. Mittel und Wege: der auf internationaler Grundlage geführte Klassenkampf. Ständiges Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen und Mandate im Reichstag, in den Landtagen und Kommunen. [ zum De Gesamtbild dieser Zeit von 1870 bis 1900 na- nicht- velintändig sein, gehören noch die grossen industriellen, auf der technischen Entwicklung beruhenden Konzeptionen, beginnend mit einer gross angelegten Waffenfabrikation, die eine Spezialisierung in Bezug auf Werkzeug- und Maschinenbau mit sich bringt, die Nutzbarmachung der Wasserkraft su durch Dampfmaschinen und Kesselhäuser, dxxxxxxxx was zur Steigerung der Kohlenförderung und, parallel zur Kartellentwicklung, zur Bildung von Kohlesyndikaten führt. Dann die dan indung von Schiffahrtsgesellschaften( Norddeutscher Lloyd und Hapag), die zu Beginn über ein Kapital von 417 Millionen Mark verfügen und sich dem Morgan- Trust in Amerika angeschlossen haben, was sich auch auf die deutsche Handelspolitik auswirkt. Ein Beispiel- pars pro toto kennzeichnet die Entwicklung: Gründung Die Firma August Thyssen A.G. besitzt im Jahre 1903 bereits doppelt so viele Kohlenfelder und-gruben wie der preussische Staat, ferner eine grosse Zahl von Eisenhütten und Stahlwerken. Durch die Verbindung mit dem Haus Später& Co, das die grössten Eisenhütten in Lothringen und Luxemburg besitzt, und mit dem Aufsichtsratsmitglied der mittelrheinischen . <-10Bank, Hugo Stinnes, reorganisiert er die Saar- und Moselbergwerks- Gesellschaften, die Industrie der Schwemm-, Sand- und Backsteine, den Ausbau der Rheinschiffahrt und den Kohlenhandel. Thyssen besitzt bedeutende Erzgruben in Frankreich und Hochofenanlagen in der Normandle, und erhält 1910 Grubenkonzessionen in Algier. In diesem Konzern arbeiten um die Jahrhundertwende Abertausende von schlechtbezahlten Arbeitern. Disiartohen kapiberkankagen in Ausland boira aandiese Zeit Diese Entwicklung von der Reichsgründung 1871 bis zur Jahrhundertwende hat nur sehr entfernte Ähnlichkeit mit der Entwicklung des deutschen " Wirtschaftswunders" ab 1950. Sie war geschwängert von Krisen und Depressionen, die immer zu Lasten der Menschen gingen, die mit ihren zwei Dritteln der Gesamtbevölkerung zwar den Hauptanteil an dieser Entwicklung durch ihre Arbeitskraft trugen, die aber am materiellen Erfolg nicht beteiligt wurden. In den Beginn der Zeit des Auflehnens gegen diese wirtschaftliche und gesellschaftliche" Ordnung" fällt der Geburtstag von Marie Juchacz. . 15. März 1879 - 11- Juten- 17 71 Marke Der feuchtkalte Grippewind, der an diesem Samstagmorgen durch das Brandenburger Tor in Berlin blies und die Linden herunterpfiff, trieb den Soldaten der Wachtruppe, die zur Ablösung zum Schloss marschierte, die Tränen in die Augen. Für die 1,1 Millionen Einwohner der Hauptstadt des Deutschen Reichs und der drittgrössten Stadt Europas hatte dieses Schauspiel seine Anziehungskraft verloren. Nur wenige Passanten waren in gebührend respektvoller Entfernung stehengeblieben, unter ihnen Bürgermeister Anker aus Landsberg an der Warthe, ein aufrechter und tüchtiger Mann, der um das Wohl seiner aufstrebenden kleinen Stadt sehr bemüht war und des öfteren nach Berlin kam, um sich Anregungen, Ratschläge und Hilfe für seine Pläne und Absichten zu holen. Er versuchte gerade, sich aus der kleinen Gruppe der Neugierigen herauszustehlen, um in der Klosterstrasse 70 im" Grünen Baum", wo er übernachtet hatte, seinen Koffer abzuholen. Die markante, schneidende Befehlsstimme des Wachoffiziers hielt ihn zurück. Der Führer der Wachtruppe hatte sich vor den Offizier, einen Major, in strammer Haltung gestellt, die Hand zum militärischen Gruss erhoben, und Meldung gemacht. Nach der Meldung behielt er die Hand an der Mütze, als ob sie dort festgewachsen sei. Der Major ging einige Schritte auf den Führer der Wachtruppe zu, blieb breitbeinig stehen, stemmte die Fäuste in die Hüften, hob die rechte Augenbraue, sodass das an einem silbergrauen Faden befestigte Monokel herunterfiel, und fuhr den Verdutzten an: " Sagense mal, was woll'nse denn mit dem rechten Arm in der Luft, was? Sie sind doch keen Vogel! Krieje wer'n auf der Erde jewonnen, und nich in der Luft, verschtanden?" Bürgermeister Anker wartete das Ergebnis dieser Kontroverse nicht ab, er hatte eine sehr persönliche Meinung auch zu diesen Dingen. Während er sich unauffällig davonmachte, ging ihm nur noch durch den Kopf, warum preussische Offiziere ab Lieutenant aufwärts eine" markante" und" schneidendedende" Stimme haben mussten, obwohl das in keiner Dienstvorschrift gele festgelegt war. Im Abteil seines Züges nach Landsberg hatte er Zeit, über dieses Klei ne Erlebnis nachzudenken. R* X** XXXNigerxdurak Er war- verhindert sich durch sein Bürgermeisteramt- kein offener Anhänger der Sozialisten, die sich gegen alles stematen, was mit Militär zu tun hatte. Da der Krieg gegen Frankreich ja nun schon acht Jahre vobei war, hatten diese Leute wohl mit ihrer Meinung Recht, dass der ganze Aufwand achbüberflüssig sei, ganz zu schweigen von dem Säbelgerassel, das den Nachbarn des in den Kinderschuhen einherlaufenden Deutschen Reichs be 12- - stimmt nicht angenehm in den Ohren klang. Dass die zunehmende Industrialisierung das Entstehen eines Arbeiterproletariats zur Folge hatte, machte sich bereits in seinem kleinen Städtchen Landsberg an der Warthe bemerkbar. Auch mit den durch Konjunkturschwankungen und durch stärkere Zuwanderungen arbeitslos gewordenen Proletariern hatte sich seine Stadtund damit auch er selbst gelegentlich auseinanderzusetzen. Aber das konnten die Sozialdemokraten doch nicht einfach verallgemeinern! Für das flache Land hatten solche Überlegungen keine Gültigkeit. Zumindest dachte Bürgermeister Anker so. Es gab genügend andere Dinge, mit denen sich jeder, der noch ein Herz hatte, sofort auseinandersetzen und wenn möglich seinen Beitrag zur Hilfe leisten musste. In jeder deutschen Zeitung waren in den letzten beiden Tagen und auch heute wieder umfangreiche Berichte erschienen über eine Naturkatastrophe von erschreckendem Ausmaß. In der ungarischen Freistadt Szegedin an der Theiss war ein Unwetter niedergegangen, der Fluss war über die Ufer getreten, orkanartige Stürme hatten Bäume entwurzelt und Häuser niedergerissen. Menschen und Vieh kamen unter den Trümmern und in den Fluten um, und die letzten Depeschen, die Bürgermeister Anker in Berlin zu lesen bekam, sprachen von mehr als 5000 zerstörten Häusern und Tausenden von ertrunkenen Erwachsenen und Kindern. Sammlungen in allen Ländern Europas wurden veranstaltet, um zu helfen. Der österreichische Kaiser hatte sich gerade heute von Wien aus nach Szegedin begeben, und sein Innenminister" hat in sämmtlichen in Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern eine öffentliche Sammlung milder Beiträge zur Unterstützung der in Folge der Überschwemmungen verunglückten und hilfsbedürftigen Bewohner der Freistadt Szegedin's angeordnet." Auch in Deutschland wurde gesammelt, und Bürgermeister Anker war in der misslichen Lage, nicht nur an Szegedin zu denken, sondern auch an den Spessart. In Berlin hatte man ihm einen Bericht in die Hand gedrückt, der -13 leider nur zu deutlich -13bewies, dass es in Deutschland ohne Flussüberschwemmungen und Orkane genug Not und Elend gab " Nicht bloss für die unglücklichen Bewohner Szegedins, auch für die von Hungersnoth schwer betroffenen Bewohner des Spessart rufen wir das öffentliche Mitleid wach. Kein Brod, keine Kartoffeln, kein Salz im Hause, blutarm die Kinder, sieht der Hunger dem Volke zu den Augen heraus und in stummem Kummer starrt die Bevölkerung vor sich hin, entkräftet, muthlos, zu schwach schon fast zur Arbeit geworden. Dringende Hilfe ist nöthig, die nothleidenden Gemeinden müssen unterstützt, über die nächsten Wochen hinweggebracht, ihnen die Mittel verschafft werden, ihre Felder zu bestellen und sie vor Krankheit und völligem geistigem wie leiblichem Verderben zu retten." silte Das letzte Viertel dieses Jahrhunderts recte zwar einem technischen Höhepunkt entgegen, aber einem solchen Ereignis standen nicht nur die bisherigen beacon Errungenschaften, sondern auch die ansonsten bis ins Detail " durchkonstruierten" Verwaltungsapparate machtlos gegenüber. Es gab also trotz des technischen Fortschritts genug Jammer in dieser Welt. Vielleicht war das eine der Hauptursachen, warum sich die Menschheit ins Vergnügen stürzte. In Deutschland feierte nicht nur die OperetFranz von Suppé, Johann Strauss, Millöcker und Zeller wurden die Notenblätter noch tintenfrisch aus den Händen gerissen. Auch die leichtere Muse kantsich über Zulauf nicht beklagen. Miss Zenobia, eine Indianerin, trat heute Abend, am 15. März 1879, zum ersten Mal im Münchener Thalia- Theater in der Posse" Die Studenten von Rummelstadt" auf, um ihr Deutschland- Gastspiel anschliessend in Berlin fortzusetzen. Vielleicht sogar( verwegener Gedanke!) in Landsberg Die Berichte in den Zeitungen über derartige Veranstaltungen nahmen in letzter Zeit einen grösseren Raum ein als die politischen und wirtschaftlichen Vorgänge in Deutschland. Es war manchmal kaum der Mühe wert, sich mit dem Inhalt der Zeitungen abzugeben. Trotzdem hatten in strasburg einige Abgeordnete bei der Regierung durchgesetzt, dass alle in Deutschland erlaubten Zeitungen und Publikationen auch in Elsass- Lothringen verbreitet werden dürfen( sollten die Elsässer und Lothringer vielleicht dadurch besseres Deutsch lernen?). Besser als jede Zeitung ist der menschliche Kontakt, dachte sich Bürgermeister Anker. Um ihn zu finden, müsste man Reisen können. Zum Beispiel mit einem der neugründeten Bureaus für Gesellschaftsreisen. te grosse Triumphe. Den Herren Composten " Carl Stangens Reisebureau in der Markgrafenstrasse 43 in Berlin W bereitet eine grosse Gesellschaftsfahrt nach Italien vor, über München, Verona, Mailand, Genua, Rom, Neapel, Sorrent, Amalfi, Capri, Vesuv, Florenz, Bologna, Venedig, Wien, Berlin Dauer: 42 Tage, Preis: 1250 Mark"( wer kann sich das leisten? In Landsberg niemand!). 8100 . . • - 14- alles andere als Bürgermeister Anker war das eindeutige Gegenstück zu eines Pessimiste, aber keiner der Berichte in der Zeitung konnte ihm auch nur den geringsten optimistischen Kommentar abgewinnen. Obwohl es ein Samstag war, kam ihm dieser Tag recht bedrückend vor. Ursprünglich hatte er die Absicht, noch bis zum Sonntag in Berlin zu bleiben, aber ab morgen war über die Stadt der kleine Belagerungszustand" verhängt, weil der sozialistische Abgeordnete Wilhelm Liebknechty beim Ausbringen des" Lebehoch" auf den Kaiser sitzen lieb Kund warum? Um verschiedenen Zeitungen die Möglichkeit zu geben, das Sozialistengesetz zu umgehen und darüber zu berichten, denn aus dem Reichstag durfte man über alles schreiben, auch über das, was die Sozialisten sagten und taten). " im Reichstag 6605 Der Bürgermeister hing seinen eigenen Gedanken nach, wobei er auch jetzt wieder zu der Erkenntnis kam, dass man sich doch intensiver mit den sozialistischen Gedankengängen beschäftigen sollte. Denn vieles, was die Sozialdemokraten forderten, hatte Hand und Fuß. Zum Beispiel die Reorganisation des Schulwesens. Schon seit einiger Zeit war ihm gerade als Bürgermeister, der sich auch mit den schulischen Problemen seiner Stadt abgeben musste- klar geworden, dass das Unterrichtswesen immer mehr zur seelenlosen Maschine eines einseitig intellektualistischen Zeitalters geworden war." Gesinnungsunterricht im Dienste der herrschenden Klasse", nannten es die Sozialisten. Und das x* x* x* x* x* xg traf zu! Der D Abgeordnete Schenkendorff, mit dem er sich darüber in Berlin hatte unterhalten wollen, war leider verhindert gewesen. Er sässe, so sagte man ihm, gerade an einer grossen schriftlichen Arbeit, die sich mit der Förderung der Handarbeit und der Volks- und Jugenspiele in Erziehung und Unterricht befasse. Aber was würde dabei herauskommen? 93 Eigentlich machten es sich die Herren Abgeordneten in Berlin leicht mit ihrer Arbeit. Ausser einigen wenigen Sozialdemokraten war noch niemand i nach Landsberg gekommen, um die Probleme einer kleinen östlichen Provinzstadt kennenzulernen. Was wussten denn diese Herren schon von***** Landsberg, mit seinen 1495 Wohnhäusern, 10 Anstalten zu gemeinschaftlichem Aufenthalt, 5046 Haushaltungen, 11 911 männlichen( darunter 892 aktive Militärs) und 11 647 weiblichen Seelen? Bürgermeister anker konnte, als er( mit einigem Stolz) diese Zahlen rekapitulierte, nicht ahnen, dass gerade in dem Augenblick, als der Zug auf dem Bahnhof in Landsberg einfuhr, die 11 648ste Xxxka" weibliche Seele" im Begriff war, das Licht dieser Welt zu erblicken. Im überheizten Gasthaus" Zur Krone" in Landsberg an der Warthe hatte sich um die Nachmittagszeit dieses Tages eine Gruppe von Männern zusammengefunden, um bei einem Glas Bier und bei Pfeife und Zigarre von den Strapazen der Woche aus zuruhen und über die Dinge zu sprechen, die sich seit - 15- Dep dem letzten Samstag ereignet hatten. Die Meldungen der" Neumärkischen Zeitung", eines liberalen Wochenblatts mit gelegentlich geschickt versteck ter sozialistischer Tendenz, wurden je nach Temperament und Anschauung der Einzelnen diskutiert. Man redete mit sehr grossem Eifer und mit noch mehr Anerkennung über die fortschrittlichen Pläne, die Bürgermeister Anker in Landsberg verwirklichen wollte. Jetzt war er ja schon wieder in Berlin, um zu studieren, was es dort Neues gäbe. Die neue Berliner Stadtbahn wollte er sich ansehen, die in einem Jahre fertig sein sollte. Allerdings seien die Engländer schneller gewesen, schon 1863 sei das erste Stück ihrer Stadtbahn in Betrieb genommen worden. Nun ja, die Vorbereizu der Zeit tungen und Gelder für den Krieg 70/71 waren vielleicht wichtiger. Auch in Landsberg wird ja nur mit Wasser gekocht. Trotzdem soll jetzt die neue Kanalisation in Angriff genommen werden, der Bürgermeister weiss auch schon wie. Natürlich nicht so wie zum Beispiel in Frankfurt, wo man die abwässer ganz einfach in den Main geleitet hat. Ohne Rieselfelder kommt man heutzutage nicht mehr aus, das werden die Frankfurter nachholen müssen. Oder sie entscheiden sich für ein System, an das der Bürgermeister für Landsberg denkt und das mit einer pneumatischen Abtrittreinigung arbeitet. In Holland, in Amsterdam, Dortrecht und Leyden ist dieses System bereits erfolgreich ausprobiert worden. Bürgermeister wird damit schon fertig werden, auch mit der Wohnungsnot, die durch den ständigen Zuwachs von Fremdarbeitern immer grösser wird. Das könnte auch eine Menge Arbeit geben für den Bauunternehmer Friedrich Theodor Gohlke, sagter der Aber zu diesem Themaygenau so wenig wie zu den anderen Dingen. Eigentlich hört er garnicht richtig zu, und man sieht ihm an, dass er am liebsten nach Hause gehen würde, um bei der Geburt seines zweiten Kindes ( dabei ist es, genau genommen, schon das vierte!) dabei zu sein. Die Hebamme, Minna Freymark, hatte ihn aber so energisch hinausgeschickt, dass er es vorzog, am Stammtisch zu warten, bis sein Sohn Otto- so war es verabredet- ihn holen würde. Minna Freymark war/ erst kürzlich mit ihrem Mann, dem Volksschullehrer Peter Freymark, aus Soldin nach Landsberg gekommen. Da er einige Kinder der Männer dieser Samstag- Tischrunde unterrichtete, hatte es sich von selbst ergeben, dass er sich mit den Vätern zusammensetzte. Dabei machte er aus seiner sozialistischen Einstellung kein Hehl. Men riet ihm zur Mässigung, wenigstens so lange, bis das Sozialistengesetz wieder aufgehoben sei. Freymarks Gefühl, dass dieses Gesetz noch lange in Kraft bleiben würde, entsprach den späteren Tatsachen. In diesem Augenblick konnte er noch nicht wissen, dass er sehr bald ein Opfer dieses Gesetzes werden und seine Lehrerstelle verlieren sollte. Heute bei der Unterhaltung beschränkte sich PeterFreymark xxxxXXXXXXXXXX 16aderinge darauf, mit Neuigkeiten aufzuwarten, die er von seiner Frau erfuhr. Als Hebamme hatte sie schon einigen txxxxx Frauen der um den Tisch versammelten Männer dazu verholfen, glückliche Mütter zu werden, und kannte sich also in xxxxden Landsberger Familienverhältnissen schon recht gut aus.- Als auch das Thema familiärer Neuigkeiten erschöpft war, sassen die Männer schweigend da, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Friedrich Theodor Gohlke verliess bedrückt durch die Stille im Gastzimmer- mit kurzem Gruss die Tischrunde. Beinahe wäre er mit Bürgermeister Anker zusammengestossen, der gerade an der" Krone" vorbeikam. Anker und Gohlke kannten sich recht gut, der Bürgermeister hatte es schon einige Male so einrichten können, dass Gohlke kxfkкägax* K* durch seine Fürsprache Aufträge erhielt. Auch der Neubau in der Nähe der evangelischen Kirche, für den er gerade den Dachstuhl anfertigte, stand unter Ankers Schirmherrschaft. Nach einigen freundlichen Worten nach dem Woher und Wohin trennten sich die beiden Männer und gingen ihres Wegs, wobei Friedrich Theodor Gohlke die Richtung zur evangelischen Kirche zum Neubau einschlug. Ob sein Geselle, der Franz, alleine mit den Querhölzern fertig wurde? Oder sollte er nicht doch lieber nach Hause gehen? Unschlüssig blieb er stehen. Vielleicht war er nur deshalb so nervös, xx weil er als Bauunternehmer bisher nicht den richtigen Anschluss gefunden hatte. An dieser Situation war er- nach seiner Meinung nach seiner Meinung schuldlos. Ob sein Vater, der Ostkolonist Gottlieb Gohlke, sich bei seiner Theodors Geburt am 8. Oktober 1841 in Gross- Czettritz wirtschaftlich genau so abquälen musste wie er heute? Das ist jetzt 37 Jahre her, und weder Vater noch Mutter haben jemals darüber mit ihm gesprochen. Väter und Mütter scheinen hiemals mit ihren Kindern über solche Dinge zu reden. Wenn sie es möchten, sind die Kinder noch zu klein und verstehen das nicht, und wenn sie es verstehen würden, sind sie bereits zu gross und haben schon ihre eigenen sorgen. Während er seinen Gedanken nachhing, war er nicht in Richtung Bauplatz, sondern auf die Warthe zugegangen. Als er die Küstriner Strasse überquerte, sah er das Haus, das vor einem guten Jahr unter seiner Mitwirkung entstanden war und in das er hatte einziehen wollen, um endlich mit seiner Familie ein schönes und grosses Zuhause zu haben. Fehlschläge hatten diese Absicht zunichte gemacht. - 33- -20 men. Die Eltern hatten auch keine Veranlassung, die Kinder bei solchen erhaltungen aus dem Zimmer zu schicken. Sie waren alt genug, und je selbstverständlicher man es nahm, desto leichter würden sie es einmal im Leben haben. Das war Vater Gohlkes feste Uberzeugung, und danach handelte er. Daraus erklärt sich auch die Selbstverständlichkeit, mit der Marie diese Dinge inxikxe mit ihrem jungen Verstand aufnahm und verarbeitete: - 17Unwillig und in der Märzluft fröstelnd versuchte er, diese Gedanken so schnell wie möglich loszuwerden. lille Die Holzbohlen der Warthebrücke klapperten mit hohlem Echo, als er auf das Haus zu, in dem seine Frau Henriette in einer Dachwohnung ein x* x viertes Mal den Kampf um ein xxx neues Menschenleben austrug. Den Jungen würde er Hermann nennen, dachte Friedrich Theodor Gohlke. Es war ein Mädchen, das in diesem Augenblick des 15. März 1879 geboren Luise wurde und das den Vornamen Marie bekam. . -18-1 - 18- -8. Bei den Eltern aus s es beginnen Als Marie Juchacz den Gedanken, dass jede Lebensbeschreibung bei den Eltern beginnen muss, formulierte und versuchte, ihn zu verwirklichen, musste sie feststellen, dass es- da der Mensch nur bis zu einem bestiumten Jugendalter und in bestimmten Grenzen erinnerungsfähig ist intensiver Nachforschungen bedurfte, um alles, was wichtig war oder aufschlussreich sein konnte, zusammenzutragen und festzuhalten. Unterlagen- wie Aufzeichnungen ihrer Eltern, Briefe oder Dokumente standen ihr nicht zur Verfügung. Tund persönlichen Erhebrivven Ihre Aufzeichnungen verraten die Sorgfalt, mit der sie die von den Zeitereignissen Tzugeschütteten Erinnerungen freilegte und als Zustand, Ereignis oder Erlebnis notierte. Mit Fußnoten und auf Ergänzungsblättern vermerkte sie mit Stichworten die Lücken und nachzutragenden Daten und Ereignisse. Der Bruder von Marie Juchacz, Otto Gohlke, gute sechs Jahre älter als seine Schwester, hat sie überlebt. Trotz seines johen Alters( im Augenblick der Niederschrift dieser Zeilen ist er 85 Jahre alt) gab er bei vollster geistiger Rüstigkeit eine Fülle von ergänzenden Daten und Ereig nissen, die wesentlich dazu beitrugen, über Marie Juchacz gerade aus ihren Kindheitstagen Einzelheiten zu erfahren, die den Lebensweg dieser Frau noch deutlicher Charakterisieren. Das Bild, das sich Bruder Otto von seinen Eltern eingeprägt hat, deckt sich vollkommen mit dem, was Marie Juchacz darüber sagt: is war im Jahre 1874, Straffen. Von detaily outlaste Viel Ba rgeld hatte Friedrich Theodor Gohlke nicht in der Tasche, als er eines Tages, it seiner Frau Henriette und dem Sohn Otto in Landsberg vor den Fischhändler Höhne stand, der sich nach einigen Hin und Her bereit er 20 klärte, der dreiköpfigen Familie Gohlke in einem seiner Häuser auf der anderen Seite der Warthe eine Dachwohnung zu vermieten. Er konnte ja die drei Menschen, die mit wenigem Hausrat aus Heinersdorf zugewandert waren, nicht obdachlos auf der Strasse gehen lassen. Ausserdem sollte es ja nur ein Übergangszustand sein. Dass er fast 15 Jahre dauern sollte, ahnte weder Vater Gohlke noch Fischhändler Höhne. es Im ausgebauten unteren Hauptteil des Hauses wohnten die Familie Kuhn und der Viehhändler Blobelt, von dem Theodor Gohlke schon wenige Tage nach seinem Einzug den Auftrag erhielt, eine Viehrampe zu bauen. Warum sich also nach einer Stella als Zimmerpolier umsehen? Das hier war der Anfang zur Selbständigkeit. Um hinter dem Haus einen Arbeits- und Holzschuppen zu bauen und eine Werkstatt einzurichten, war Kapital notwendig. Das er nicht musste er Kredite aufnehmen. so besassy bar wuchsen die Schulden, die mit der inzwischen fertiggewordenen Viehrampe nicht abgedeckt werden konnten, denn inzwischen waren neue und eilige Aufträge hereingekommen. Vater Gohlke konnte mit diesen Arbeiten alleine nicht fertig werden. Um die Aufträge nicht an die Konkurrenz abgeben zu müssen, wurden zwei Gesellen von Lande verpflichtet, die natiirlich mit entsprechenden Werkzeugen und Geräten ausgerüstet sein mussten. Das zum Bauen notwendige Holz gab es nur gegen Barzahlung. Trotz grosser Bemühungen gelang es ihm nicht, einen einmaligen grösseren Kredit zu bekommen. Mit den kleinen Darlehen konnte er bestenfalls die Anschaffungen bezahlen. Der grösste Teil der Gewinne gingxx als Rückzahlungxx der Darlehen wieder aus dem Haus. Inzwischen hatte es im Hause Gohlke auch Familienzuwachs gegeben, Minna ar an Ende des zweiten Landsberger Jahres zur Welt gekommen, ein zartes Mädchen, das von seiner Geburt an auf Pflege angewiesen war. Mutter Gohlke hätte es in dieser Zeit lieber gesehen, wenn ihr Mann die ganze Selbständigkeit an den Nagel gehängt und sich bei einem Bauunternehmer als Zimmerpolier verdingt hätte, aber sie machte ihm keine Vorwürfe, sondern packte mit der ihr eigenen stillen Entschlossenwow W - 23- tun ren Aufträge von Böhnisch und Eschner die materielle Hilfe gebracht, um in Zukunft in schuldenfreier Selbständigkeit weiterleben zu können. Aber das bedeutete xxxкgleichzeitig: zuerst einmal investieren, Holz und anderes Material kaufen, vielleicht sogar noch weitere Gesellen verpflichten. Also Schulden machen. Es war nicht leicht für Vater Gohlke, einen schnellen Entschluss zu fassen. Aber er musste handeln. Katteetetiven, In Glauben, das Richtige zu n sagte er die Aufträge bei Böhnisch und Eschner ab, kündigte- um sich finanziell zu entlasten den beiden Gesellen, und kümmerte sich um seine krank im Bett liegende Frau, um seibald nen XX** fünfjährigen Sohn Otto, um die anderthalbjährige zarte Minmit deren Augen etwas nicht in Ordnung war, und um den Neuankämmling Franz. Eine Nachbarin ging ihm gelegentlich zur Hand, sodass er nebenbei kleinere Reparaturen ausführen konnte. Mit diesen geringen Nebeneinnahmen konnte er unmöglich eine fünfköpfige Familie über Wasser halten. So schrumpfte das Holzlager im Schuppen zusammen, das er im Laufe einanres mit Verlust verkaufte. Eine weitere finanzielle Hilfe versprach er sich davon, dass er die kleine Kammer der Dachwohnung an einen Schlafburschen vermietete, an einen Schuhmacher, der morgens aus dem Hause ging und abends zurückkam, der also keine Arbeit machte. na, Nachxainaxxxxxxxxxxxxxkkxx ber Kürſten: noch trählschritter. Busta Nach einigen Monaten hatte sich Mutter Gohlke wieder so gut erholt, dass sie mit gewohnter Rüstigkeit und Gründlichkeit ihrer Hausarbeit nachgehen konnte. Atkaxkakfxxxxxxxxxxxxxxxx Während Otto mit seinen 5 Jahren schon ein kräftiger Junge war, stand es nicht gut um Minna und Frenz. Minnas Körper wurde trotz Mutters aufopfernder Pflege immer schwächer, mit den Augen wurde es von Tag zu Tag schlechter, und Franz machte seinen Eltern noch grössere Sorgen. Fast Wicken. In dieser Zeit traf Vater Gohlke wi . G 22Aber woher sollte dieses Wunder kommen? Wenn man die beiden Kinder aus Abden Haus und irgendwohin in Pflege egeben könnte! Es wäre vielleicht möglich gewesen, wenn Vater Gohlke Geld, sehr viel Geld gehabt hätte. Aber da konnte ihn auch Bürgermeister Anker, der sich zwar um Waisenkinder und alte Leute gekümmert und einige Plätze geschaffen hatte, wo man diese hilflogen Menschen betreute, keinen Rat geben für Krhwerkranke Kinwder unbemittelter Eltern, kinaerte, Zwei Monate später starb zuerst Minna, drei Monate danach folgte ihr der kleine Franz. Die Gohlkes waren jetzt wieder zu Dritt, mit ihrem Sohn Otto, der sehr an seinen Geschwistern**** gehangen hatte und einige Zeit brauchte, um mit seinem Alleinsein fertig zu werden. Vater und Mutter xxxkan Gohlke hatten nichts dazu gesagt, als Otto die Spielsachen von Minna und Franz sorgfältig in eine kleine Kiste verpackte. Sie beobachteten ihn, wie er gelegentlich das Spielzeug hervorholte, den einen oder anderen Gegenstand in die Hand nahm, und dann alles wieder behutsam versteckte. Jetzt Beruflich gab es gute Tage, manches Haus in Landsberg war dazugekommen, an dem Theodor Gohlke fleissig mitgearbeitet hatte, xakan unterstützt von Otto, so lange dieser noch nicht zur Schule ging. Einmal reiste Vater Gohlke auch nach Kolow in Polen, weil er als guter und solider Bauunternehmer eine Empfehlung dorthin erhalten hatte. Dass er unverrichteter Dinge wieder zurückkehrte, lag nicht an ihm. Anders Loubou Da sich Mutter Gohlke mit ihren gut 32 Jahren xxx trotz der Unbill vieler Jahre und des Verlusts von zwei Kindern doch noch stark und jung genug fühlte, und sie sich mit Vater Gohlke einig war, dass Otto яajиg ** X* XXXXX sich über einen Bruder oder eine Schwester freuen würde, ergab es sich, dass am 15. März 1879 Marie Juchacz geboren wurde, ein gesundes, kräftiges Mädchen, das schon als kleines Baby mit ernsten Augen - 23Indirekte Brete. eine der typischen" dummen" Geschichten, wie sie sich bis auf unsere Tage in Schulbüchern erhalten haben. Vater Gohlke war der Meinung, dass Marie für solche Sachen noch zu jung sei. " Lass doch Mariechen in Ruhe, Otto! Das kann sie doch noch nicht verstehen..." " Weiss ich, Vater, und ich habe taxi ihr ja auch gesagt, dass sie fragen soll, weil ich es ihr dann erkläre." " Das versteht sie schon garnicht." " Doch, Vater, versteht sie! Wenn sie gefragt hat und ich antworte, sagt sie nach einer Weile: Jetzt kannst Du weiterlesen. Dann hat sie es doch verstanden! Bellgasdintite Büssten. Marie war inzwischen aus dem Kinderbett, in dem schon Otto, Minna und Franz gelegenhatten, herausgewachsen. Es wurde wieder eng in der kleinen Dachwohnung. Otto hatte keine Lust mehr, in der Küche auf dem Sofa zu schlafen. Er fühlte sich alt genug, um alleine in die kleinez Kammer zu , aber da wohnte noch der Schuhmacher, an den sich alle wahrscheinlich nuradeshalb gewöhnt hatten, weil man ihn nie zu Gesicht bekam. Otto blieb also in der Küche, und wenn Mutter ihn mit ihrer ständigen Geschäftigkeit bei den Schularbeiten störte, zog er nebenan ins Wohn- Schlafzimmer. Vater Gohlke sorgte dafür, dass Otto mehr lernte, als an Lehrstoff geboten wurde. Da er sich ausserdem für die Zimmerei interessierte und aus eigenem Entschluss in der Freizeit besonders in den Ferien- dem Vater zur Hand ging, stand es fest, dass er nach der Schule zum Vater in die Lehre gehen würde. Der Geselle, den sich Theodor Gohlke aus dem Warthebruch geholt hatte, weil die Zimmermannsarbeit in dieser Zeit wieder angewachsen war, verstand es gut, den noch unbeholfenen Otto auch während der Abwesenheit des Vaters anzuweisen, sodass Theodor Gohlke UCERE war, als ihm sein Sohn eines Tages mit einem fertigen Plan überraschte. erstaunt <- 24sagen) sich sofort an die Arbeit machten. Da Mutter Gohlke bei dieser Unterhaltung nicht gefragt wurde, wollte sie xxxx auch ihr Wort anmelden: " Und was geschieht mit der gepolsterten Rückenlehne des Sofas? Die wollt Ihr einfach wegwerfen, oder verbrennen, was?" Vater und Sohn Gohlke standég unschlüssig vor der abmontierten, mit der in dieser Zeit für solche Möbel charakteristischen geschwungenen und mit Schnörkeln und кnäдfax Holzknöpfen verzierten Holzumrandung. " Ich weiss was, Va ter! Wir sägen drumherum das ganze Holz weg, machen einen einfachen Rahmen, der genau auf das Gestell mit dem Kasten passt, und stellen ihn als Lehne an die Wand. Dann hat Mutter was zum Ausruhen." Aber Vater Gohlke hatte auch eine Idee: die mit dem neuen und glatten Rahmen eingefasste Polsterlehne bekam auf der Rückseite eine grosse Platte aufgeschraubt, wurde mit Scharnieren auf dem Gestellkasten befestigt, und tagsüber wurde die Lehne einfach heruntergeklappt. Mutter Gphlke erhielt dadurch einen schönen grossen Tisch, auf dem sie auch plätten kaxxa und allerlei Zeug abstellen konnte, und war mit der Lösung sehr zufrieden. Marie bezog den rollenden Schubkasten als neues Bett, das abends einfach herausgezogen wurde, und Otto schlief auf dem trotz Umbau gen au so bequemen Sofa den gesunden Schlaf der Jugend.- Das " rollende Bett" war nicht nur Gesprächsthema in der Nachbarschaft, sondern lange Zeit Maries schönste Kostbarkeit. CD Das Schlafzimmer konnte jetzt so hergerichtet werden, dass es auch als Wohnzimmer einen hübschen Eindruck machte. Das Kinderbett kaк********* * x* giktig hatte endgültig ausgedient. So dachten Vater und Mutter Gohlke, und hatten nichts dagegen, dass Otto es auseinandernahm und zu den alten Hölzern in den Schuppen hinter dem Haus legte. hatten schon längst festgestellt, Vater und Mutter Gohlke sten feststellen, dass Marie ein aufgewecktes Mädchen war. Mit den Aufgaben in der Schule wurde sie so schnell fertig, dass sie sich- mit Wissen und Genehmigung der Eltern irgendwelche anderen Arbeiten, meistens irgend etwas zum Lesen, mit zur Schule nahm. Di Eltern unterhielten sich manches Mal darüber, ob es nicht gut wäre, sie die Bürgerschule zu schicken. Aber das kostete Geld, und obwohl es in die sen Jahren nie an Arbeit mangelte und Vater Gohlke mitunter bis zu drei Gesellen( und dazu noch seinen Sohn Otto) Beschäftigte, war für eine zusätzliche Ausbildung der Kinder kein Geld übrig. " bigentlich hatten wir schon dem Otto eine besser Aubin dank gabe A len, der Junge acht sich geschickt in der Werkstatt und am Bau, dass es schade ist, wenn er beruflich nicht weiterkommt." Eine Unterhaltung dieser Art ist Otto in Erinnerung geblieben. Wieder einmal wurde nach einem Weg gesucht, und Vater Gohlke dachte sogar an die Technische Hochschule in Berlin. Wünschlies " Erst vor einigen Jahren ist sie entstanden, aus der Bauschule und der Ge werbeschule. Bürgermeister Anker hat es vor einigen Tagen Unterlagen mitgebracht, da sieht man ganz genau, was die alles haben: Lehrabteilunge für Architektur, Bau und Ingenieurwesen, für Maschinenbau, Chemie, Berg - 32- Straffen bau und was es sonst noch alles gibt, wie zum Beispiel die allgemeinen Wissenschaften, die ja gerade heute, wo wir uns technisch so rapide entwickeln, wichtig sind." " Von dieser technischen Entwicklung ist aber bei uns noch nicht viel zu merken", meinte Mutter Gohlke mit resignierenden Tonfall, XXX " So schnell kann das bei uns auch nicht gehen, Mutter, das musst Du doch einsehen. Die erfinden ja viel schneller, als sie die Erfindungen verwirk lichen können. Bei uns brennen noch die Petroleumlampen, in Berlin und anderen Städten haben sie schon Gaslampen, und jetzt sprechen sie davon, dass auch die Sache mit dem Dampf schon längst überholt ist und dass in Zukunft alles nur noch elektrisch gehen soll. Hier, in dieser Druckschrift, die ich von der Stadtverwaltung bekommen habe, steht genau drin, wie das mit der Elektrizität angefangen hat und weitergehen wird." " Was hast denn Du mit Elektrizität zu tun, Theo?" montiert " Sehr viel, Henriette, ich muss das genau studieren, denn es wird einmal in allen Wohnungen elektrisches Licht geben, elektrische Wasserpumpen werden in die Häuser gebant, und für diesen ganzen Kram müssen Leitungen ein gebaut werden. Das soll jetzt schon beik Rk den neuen Häusern berücksichtigt werden und erspart, so schreiben die Stadtverordneten, später grosse Kosten." " Ich habe das Gefühl, als ob das alles etwas übertrieben ist, Theo. Das erleben wir hier in Landsberg bestimmt nicht mehr." elektrisse " Und ob wir das erleben, Henriettel Der Mann, der das erfunden kak und schon vor einigen Jahren die erste elektrische trassenbahn gebaut hat, der Werner Siemens, schreibt hier selbst:' Seit dem 12. Mai 1881 besitzt das deutsche Reich in unmittelbarer Nähe seiner Reichshauptstadt eine dem praktischen Verkehr dienende elektrische Eisenbahn die erste auf dem ganzen Erdenrund.' Inzwischen sind noch viel mehr Bahnen gebaut worden. Vater Gohlke versuchte, seiner Frau klarzumachen, welche Folgen das für das Leben aller Menschen haben würde:" Das wirkt sich nicht nur sozial, sondern auch politisch aus. Für die Industrie und die Wirtschaft entstehen daraus lauter neue Möglichkeiten." " Dann gibt es noch mehr Fabriken, wo noch schneller gearbeitet und noch schlechter bezahlt wird als kaxk, noch mehr Unzufriedenheit, Not und Unruhe. Was Gutes kommt dabei bestimmt nicht heraus." Mit dieser pessimistischen Schl ussfolgerung beendete Mutter Gohlke das Gespräch, ohne dass man zu eier Lösung gekommen wäre, was denn nun mit Marie geschehen soller" sag lieber dem Otto, dass er das alte Kinderbett aus dem Schuppen heraussuchen und zusammensetzen soll. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir es wieder brauchen." Otto und Marie hatten an diesem Gespräch nur als stumme Zuhörer teilge Haushalt, Fabrik und 86 flege ? Irrennstalt Rina Der Sommer des Jahres 1894 brachte gleich zu Beginn drückend heisse Tage in Landsberg an der Warthe. Friedrich Theodor Gohlke hatte den Pan, in die Küstrinerstrasse 50 umzuziehen, inzwischen zwar verwirklichen können, aber leider nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Als er vor 15 Jahren an einem Samstag" pätnachmittag über die Warthebrücke polterte, un seiner Tochter Marie/ den ersten Willkommensgruss auf dieser Welt zu sagen, hatte er sich in Gedanken als alleiniger Bewohner eines Hauses gesellen, mit allem, was dazugehört, un eine Familie gut versorgen zu können. Es war anders gekommen, wie immer in Vater Gohlkes Leben, Wenn es einmal so aussah, als ob es nun endgültig aufwärts ginge, passierte etwas, womit niemand rechnen konnte. Er brauchte nur an den Brand zu denken, der vor einem Jahr in dem Neubau hinter dem Marktplatz ausgebrochen war und bei dem nicht nur das gesamte eingebaute Holz samt fertigen Dachstuhl, sondern auch alle Pläne und Zeichnungen mit verbrannt waren. Otto, von seiner dreijährigen Militärausbildung gerade nach Hause gekommen, hatte zwar nie viel los gehabt im Plänezeichnen, aber er konnte dem Vater beim Nachrechnen der Pläne helfen, wobei er sich manches Mal inrte, weil er mit einen Gedanken nicht bei der Arbeit, sondern bei Mariechen Meier war, die im gleichen Hause wohnte. Dabei war sich Otto garnicht einmal klar darüber ber, ob er tatsächlich sein Herz an sie verloren hatte. Anna Gottschlim interessierte ihn gleichermassen, wahrscheinlich aber nur deshalb, weil sie erst kürzlich von einem Besuch aus Amerika zurückgekommen war und sehr viele und interessante Dinge von diesem Land zu erzählen wusste. Otto, der selbst nie viel sagte, brachte ihr nur zuzuhören. In dieser Zeit war er aber manches Mal nicht ut zu leiden, was immer dann bei Menschen einzutreten scheint, wenn sie sich in Herzenssachen nicht mehr auskennen. G Als Vater Gohlke die Dachwohnung in der Küstrinerstrasse mietete und man dabei war, das Gohlke'sche Hab und Gut aus dem Haus des Pischhändlers Höhne herunterzutragen und aufzuladen, entdeckte Otto, dass der Schuhmacher in der selbstverständlichen Annahme, dass er ebenfalls mit in die Küstrinerstrasse ziehen würde- seinen Kram auf den Jagen gepackt hatte. Otto feuerte den ganzen Krempel des anhänglichen Schlafburschen mit einem solchen Schwung von Wagen herunter, dass die einzelnen Teile, darunter auch viel Handwerkszeug, weit verstreut auf der Strasse . <- 40- Viren. hätte. herumlagen, als ob ein Wirbelwind sie auseinandergefeg Marie hatte vom Dachfenster aus den Vorfall mit angesehen. Als sie herunterkam, meinte sie: " Das war ja nun wirklich nicht nötig, Otto! Wir hätten ihm nur zu sagen brauchen, dass er nicht mit uns umziehen kann." Dann half sie dem Schuhmacher, seine Sachen zusammenzulesen und fand auch ein paar freundliche Worte, sodass Otto zum ersten Mal den Kopf über seine Schwester schüttelte, weil er sie nicht verstand. Er konnte sie auch nicht verstehen, denn drei entscheidende Entwicklungsjahre von Marie hatte er já nicht miterlebt., annor- von seiner Militärausbildung mal auf Urlaub kam, war es ihm nicht aufgefallen, dass seine Schwester zu einem erwachsenen Menschen heranwuchs. Auch zu Elisabeth musste er ein neues Verhältnis finden, sie war in Ottos Abwesenheit ein schulpflichtiges Mädchen kxxxxя gеworden, das sich mit der grossen Schwester besser verstand als mit dem noch grösseren Bruder, der schon ein richtiger Mann war. Nun lebte man schon seit einem Jahr in der Dachwohnung in der Küstriner Strasse, mit einem schönen grossen Zimmer, einer geräumigen Kammer, die ein Fenster hatte, und der Küche, deren Schmuckstück ein grosser Kamin war. Mutter Gohlke hatte es mit Hilfe ihrer " beiden Männer" fertiggebracht, die Wohnung so schön herzurichten, dass man die alte Dachwohnung im Höhne- Haus sehr schnell vergass. Auch hier schien die Sonne zu den Fenstern herein, die Blumen in den Töpfen und Kästen auf den Fensterbrettern grünten und blühten, und Vater und Sohn Gohlke hatten als geübte Zimmerleute dafür gesorgt, dass es genügend Platz in Schränken und Kommoden gab. Vater hatte sich bei der Arbeit schon anstrengen müssen, er war jetzt 53 Jahre alt, und auch der kürzlich fertiggewordene Nachbar- Bau war ihm schon schwer gefallen. is hypoch allen ds Otto hatte bei einer Baufirma eine gute Stelle gefunden, trug also zum Unterhalt der Familie bei, und Marie war mit der Schule fertig und würde nun auch einerseite anfangen, Geld zu verdienen. An einem Sonntag dieses frühen Sommers, nach dem Mittagessen, hatte Marie das Bedürfnis, sich mit irgend jemandem über ihren" Weg ins Leben" auszusprechen. Mutter war beim Aufräumen, Vater hatte sich hingelegt, auch Lisbeth als Partner für ein so wichtiges Gespräch kam sie sowieso nicht in Frage war von Mutter ins Bett gesteckt worden. So blieb nur noch Otto übrig, das einem bequemen Muskoxoetbad in der Zeitung- bes. - HHast Du Lust, ein Stück mit mir spazieren zu gehen, Otto?" " Bei der Hitze?- Na schön, dann komm' ich mit." -41Marie zog sich schnell und leise, um Vater und Elisabeth nicht aufzuwecken, ein Sommerkleiden an, das sie sich xakkxt, unter Assistenz von ihrer Mutter und einer Nachbarin, selbst genäht hatte, ************ x* x* x* x* xx@ кdxxxg und spazierte mit Otto los. Sie gingen auf der Schattenseite der Küstriner Strasse, ohne sich über das Ziel ihres Weges klar zu sein, genau so wenig, wie Marie wusste, welchen Weg sie beruflich einschlagen sollte. " Mit dem, was ich in der Schule gelernt habe, kann ich nicht viel anfangen. In die Fabrik darf ich nicht, Vater und Mutter sind de gen, obwohl ich da ganz gut veraienen könnte." gut verdienen könnte. " Ich denke, sie haben nichts dagegen, wenn Du als Lehrmädchen in einem Geschäft anfängst, oder au einer Familie in den Haushalt gehst." " Wahrscheinlich muss ich mit einer solchen Arbeit anfangen, aber da lerne ich nichts mehr dazu. Ich möchte einen richtigen Beruf lernen, so wie Vater und Du." ereus " Das gibes nicht, Marie. Für uns nicht, weil Vater und ich nicht so viel verdienen, um Dich auf die höhere Mädchenschule zu schicken." " Und wenn ich Lehrerin werden will, oder Krankenpflegerin?" " Dann brauchst Du auch eine besondere Ausbildung." " Hatte die Bertha von Suttner auch eine besondere Ausbildung?" " Suttner? Wer ist denn das?" " Sie hat etwas gegen den Krieg geschrieben." " So was liest Du?" " Noch ganz andere Sachen. Als Du mir erzählt hast, dass Du Sozialdemokrat bist und was die Sozialisten wollen, habe ich an der Zeitung alles herausgeschnitten, was damit zusammenhängt. Ein Buch habe ich mir a uch schon besorgt." " Was für ein Buch?" " Die Frau und der Sozialismus, von August Bebel." " Und das ver stehst Du?" " Ich habe ja erst jetzt damit angefangen, aber wenn ich es ein paar Mal durchlese, werde ich es verstehen. Was Du mir vom Erfurter Programm erzählt hast, habe ich ja auch zu einem grossen Teil verstanden. " Weil ich es Dir so deutlich geschildert habe, Marie. Wenn man es selbst liest, muss man sehr darüber nachdenken." " Kannst Du mir das Erfurter Programm besorgen? Ich möchte es lesen!" . Introctite 2-42следа " Versprechen kann ich es nicht, aber ich werd's mal versuchen." Am Mühlenplatz blieben sie vor dem Haus Nr. 1 vor dem Schaufenster von Oscar Grohmann," herzoglich- anhaltischer Hofphotograph", stehen. " Du, Otto, hast Du Dich schon mal photographieren lassen?" " Das heisst' abphotographieren", Mariechen. Du sprichst doch sonst so'n gutes Deutsch. Vor einem Jahr hat mich Grohmann abphotograдkixxi phiert. Ich hab ein Bild bei mir." Otto holte xixxkkxinxiak aus der Rocktasche ein kleines Heft, zwischen dessen Seiten ausser anderen Dingen auch eine Photographie von ihm lag. Marie verglich das Bild mit dem Original. " Wenn ich Geld verdiene und mir von dem, was ich mutter abgebe, noch etwas bleibt, lasse ich mich auch- nein, Otto, das stimmt nicht mit dem abphotographieren. Der Grohmann nennt sich doch auch nicht Abphotograph. Sieh mal, das Schild da:' Bequem parterre gelegenes Atelier für jede photographische Arbeit in Schwarz, Aquarell- und Ölretouche bis Lebensgrösse bei sauberster Ausführung- solide Preise.- Bis Lebensgrössel Das kostet sicher viel Geld. Wenn, dann lasse ich mir nur so ein kleines Bild machen wie Deins, wo nur der Kopf drauf ist. Das genügt." Sie gingen weiter, an der Bahn entlang, wo gerade ein Zug mit zienkam lichem Gepfeife und Getöse vorbeiderte, hinüber zur Stadtmitte, zur alten evangelischen Kirche. " Du, Ma rie, das Haus da drüben hat Vater gebaut. Ich hab mitgeholfen, als Lehrjunge. Schön, nicht?" " Finde ich garnicht schön. go grau und dunkel, und so kleine Fenster. Häuser müsste man nur noch so hell bauen wie die neuen in der Hauptstrasse, mit noch grösseren Fenstern." " Das sagst Du so, aber es geht nicht. Wegen der Bestimmungen. W Whook later rem Sie " Warum werden dann au Bedingen nicht geändert? Wenn man sieht, dass etwas nicht schön oder gut ist, was nach Bestimmungen gemacht wurde, muss man die Bestimmungen ändern." -43Allgemeine nicht direkt " Vielleicht finden die Leute, die diese Bestimmungen und Gesetze gemacht haben, dass es so richtiger und schöner ist. Was Du schön oder gut findest, muss deshalb noch lange nicht allen anderen gefallen." " Man könnte aber feststellen, ob es nur mir gefällt, oder anderen auch. Und wenn wir in der Mehrheit sind, wird es so gemacht, wie wir es wollen." " Die ganze Mehrheit nützt nichts, wenn sie nicht auch in den Stellen vorhanden ist, die diese Gesetze und Bestimmungen beschliessen. " Ich kann mir auch denken, warum es dort noch keine Mehrheit gibt, Otto. Weil die Frauen nicht mitreden dürfen. Und weil man ihnen kein Stimmrecht gibt. Ich habe gelesen, dass vor einem Jahr in Neuseeland das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Überall in der Welt kämpfen die Sozialisten für das Wahlrecht der Frau." " In Deutschland machen das die Sozialdemokraten auch, Marie, aber es geht nicht so schnell. In den grösseren Städten ja, aber Du siehst ja, wie es in Landsberg aussieht. Da fangen sie erst jetzt mit der Gewerkschaft an." Sie waren bei ihrem Gespräch bis zur alten evangelischen Kirche gekommen und blieben vor dem Eingang stehen. " Die war ganz früher mal katholisch. Hast Du Lust, mit reinzukommen, Marie? Gottesdienst ist nicht." Im Turm zeigte Otto ihr die geschnitzten Bilder. " Dux, Otto, was ist eigentlich der Unterschied zwischen evangelisch und katholisch?" " Das erkläre ich Dir, wenn wir wieder draussen sind, Marie. Sieh mal, die Löcher..." " Hat man da durchgeschossen?" " Unsinn! Die stammen noch aus der katholischen Zeit, da standen die Weihrauchtöpfe drin." Wieder auf der Strasse, griff Marie das Religions- Thema wieder auf. Du hast mir doch im Erfurter Programm die Stelle gezeigt, in der es heisst, dass Religion Privatsache ist. Ich muss also nicht evangeIch kann doch auch freireligiös sein, lisch oder katholisch sein. wie der Sohn von Kaisers neben uns." " Hat Dir Mutter das erzählt?" " Nein, ich habe neulich mal im Milchladen gehört, wie Frau Kwiat -44kowski sagte, dass sie nicht verstehen könne, dass der eine Sohn von Kaisers auf die Bürgerschule geht, während der andere als freireligiöser Wanderredner im Land herumzieht." " Da hast Du es wieder! Nichts als Quatscherei. Es ist schon richtig, wenn die Sozialdemokraten verlangen, dass Religion Privatsache ist. Wenn ich erst mal verheiratet bin, trete ich auch aus der Kirche aus." " Warum nicht schon jetzt?" " Ach, Marie, da gibt's viele Gründe: die Eltern, meine Arbeitsstelle, die Nachbarschaft, die Eltern von Eveline Strese..." " Deine Freundin?" " Hm.' Wenn das Gespräch auf Ottos Freundinnen kam, pflegte er still zu sein. " Arbeitet Deine Freundin?" " Ja in der Fabrik" " Ob ich nicht doch in die Fabrik gehen soll?" " Warte noch damit, Marie. Das kannst Du immer noch, Fabrikarbeiterinnen werden gebraucht, weil sie billig sind und gut arbeiten, auch nachts. Geh' lieber erst mal zu einer Familie in den Haushalt, Vater hat schon einige Adressen." An der Ecke, wo Nautke seine Kneipe hatte, beschloss Otto, noch ein Glas Bier zu trinken. " Trink' aber nicht zu viel, Otto, Du weisst, Vater ist gegen Alkohol." " Weiss ich selber, Marie, aber ein Glas bei der Hitze ist ja nicht schlimm. Du brauchst ja Vater nichts zu sagen." " Hast Du schon mal gehört, dass ich petze?" Beleidigt drehte sich Marie um, liess ihren Bruder Otto stehen und ging nach Hause. Otto sah ihr nach, wie sie mit energischen Schritten um die Ecke bog. Für ihr Alter ist sie eigentlich schon sehr erwachsen, dachte Otto. Nun ja, aus Kindern werden immer Erwachsene. Er war ja auch schon in dem Alter, wo man über die ersten Anfänge hinaus war. Bei Marie würde das auch nur noch wenige Jahre dauern, dachte er. . <- 45-> Am folgenden Montag machte sich Marie mit den Adressen, die sie von Vater bekommen hatte, zusammen mit einigen Anweisungen, wie sie sich zu verhalten habe, auf den Weg, um sich nach einer Stelle als Hausmädchen umzusehen. Die Adressen stammten aus der Zeitung, von Nachbarn und von Leuten, die Vater durch seine Tätigkeit kannte. Bis zum Mittag hatte sich noch nichts ergeben. Etwas deprimiert machte sie sich auf den Weg nach Haduse, wo sie nur berichten konnte, dass der Kaufmann Blaschke ihr den Wate 46 . -46Umgang mit drei Kindern von zwei bis fünf Jahren nicht zutraute, dass das Ehepaar vom Gasthof in der Friedrichstadt gemeint habe, dass ein so junges und nettes, gutgewachsenes Mädel für ein Haus, in dem ständig Männer übernachten, die zwischendurch Zerstreuung suchten(" Was ist das, Vater' Zerstreuung'?"), völlig ungeeignet sei und dass man da keine Verantwortung übernehmen könne(" Verantwortung übernehmen! Als ob ich das nicht selbst kann!"), und dass die Familie Lehmann sie sofort als Hausmädchen haben wollte, dass sie aber noch Bescheid geben wolle, weil sie erst mit ihren Eltern sprechen müsse. " Und warum musst Du da erst mit uns sprechen?" mich " Erstens war es in der Wohnung sehr schmutzig, überall lag so Krimskrams herum, in einen grossen Zimmer hingen Fahnen an den Wänden, zweitens hat x die Frau mich mit einem komischen Satz begrüsst, so wie' Ach, welch entzückendes deutsches Mädchen', und dann hing der Kaiser Wilhelm an der Wand, direkt in der Diele, auf der Kommode davor stand ein grosser Blumenstrauss, und der alte Lehmann sagte mir gleich, das sei eine Ehrung für den Kaiser, der einen HandelAvertrag mit Russland abgeschlossen hat, der unsere Vormachtstellung- wie sagte er noch, ach ja' untermauert'. So'n Quatsch." I- " Und was willst Du nun machen?" " Nach dem Essen gehe ich noch einmal los, ich habe noch ein paar Adressen." " Ich glaube, da gehe ich am besten mit." So sagte Vater Gohlke, und nach dem Essen machten sich Vater und Tochter auf den Weg. Bei der ersten Adresse klappte es nicht, aber sie erhielten den Rat, nebenan in der Holzhandlung von Siegfried B. nachzufragen, der suche ein Mädchen für seinen Haushalt und sei ein Mann, bei dem man es aushalten könne. fit selbst and Arlent 19th Siegfried B. machte auf Vater Gohlke einen guten Eindruck, die beiden Männer wurden sich schnell einig über Essen und Entlohnung, Dauer der Arbeitszeit, freie Stunden am Tage und gelegentlich zwischendurch auch mal einen ganzen oder zumindest halben Tag, um auch mal tagsüber ein paar Stunden zu Hause sein zu können," Sie wissen, Herr B., allzu viel hat man ja nicht mehr von seinen Töchtern in dem Alter", und es wurde verabredet, dass Marie schon am nächsten Morgen mit der Arbeit anfangen könne. Für den Anfang wollte man es ihr leicht machen, sie würde als aufgewecktes Mädchen schon von selbst zugreifen, wo es nötig sei. Auf dem Nachhauseweg versuchte Vater Gohlke, seiner Marie klarzumachen, dass es sich hier bestimmt um eine gute Stelle handele, und wenn sie erst einmal drin sei in der Arbeit, würde es ihr auch grosse Freude machen. Marie ging schweigend neben ihrem Vater her. Während der Vater sich mit halle -47Frau B. unterhielt die während deg ganzen halten nur eine passive Gesprächs Rolle spielte, hatte sich Herr B. sehr freundlich, liebenswürdig und zuvorkommend mit Marie beschäftigt, hatte ihr die Leichtigkeit der Arbeit sehr rosig geschildert und ihr gesagt, dass sie schon mit allem fertig würde. Für Marie war er etwas zu freundlich und jovial gewesen, irgend etwas hatte sie an diesem Mann gestört, aber da sie nicht genau sagen konnte, was es war, zog sie xx vor, mit ihrem Vater ausnahmsweise einmal nicht darüber zu sprechen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie es getan hätte. gewesen Marie war nun schon seit mehr als drei Wochen in ihrer neuen Stellung, alles schien in bester Ordnung. Sie fehlte zwar zu Hause der Mutter, die erst jetzt merkte, welche Hilfe ihre/ Tochter war, denn viele Dinge, die dre sich früher scheinbar von selbst erledigten, blieben an ihr hängen und nahmen zusätzlich Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn sie ursprünglich gedacht hatte, dass es ohne Marie doch leichter zugehen würde in der Küstri ner Strasse, musste sie xxxxan jetzt einsehen, dass das ein Trugschluss war. Sie brachte, nachdem xxx" die beiden Männer" teletat versorgt waren, die kleine Elisabeth in die Schule, um sich anschliessend über die Hausarbeit zu machen. Es gab nach wie vor unendlich viel zu tun, denn sie wollte, um Geld zu sparen, alles selbst machen und so wenig tak wie möglich für irgendetwas ausgeben, was sie aus eigener Kraft besorgen konnte. In den ersten Tagen war Marie abends, wenn auch manchmal reichlich spät, nach Hause gekommen, aber so müde von der Arbeiterei, dass sie zu Hause keinen Handstrich mehr tun konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte. Nachdem Frau B. seit einigen Tagen krank war, musste Marie dort übernachten, um jederzeit zur Stelle zu sein. Zu aller Hausarbeit war jetzt auch noch die Pflege der kranken Frau gekommen, die sie ständig beschäftigte, obwohl es genug andere und wichtigere Arbeit gab. Aber was liegenblieb, musste nachgeholt werden, wenn Frau B. endlich einmal wieder eingeschlafen war. Marie fühlte, wie alle diese Anforderungen fast über ihre Kräfte gingen. Herr B., der sich meist in seiner Holzhandlung aufhielt und alles Marie überliess, zeigte sich erkenntlich, indem er ihr für ihre besonderen Leistungen irgendeine Kleinigkeit zusteckte, zuerst Bonbons oder Schokolade, dann einmal eine Rolle Seidenband, die Marie ihrer Mutter mitbrachte, weil sie selbst damit nichts anzufangen wusste. Gestern hatte ihr Herr B. fünfzig Pfennig in die Hand gedrückt, um sich wie er sagte-" etwas Hübsches" zu kaufen. Sie hatte das Geld zu dem übrigen Gesparten gelegt, es war eine Ntt kleine Summe zusamSchoo mengekommen, die sie wenn es noch mehr war aus Dankbarkeit den Eltern - 9 geben wollte. <-48Eines Tages kam Marie schon am frühen Nachmittag nach Hause, bleich und müde, und mit einem merkwürdigen starren Ausdruck in den Augen. Auf Fragen der Mutter antwortete sie nur, dass ihr nicht gut sei, und legte sich sofort ins Bett. Mutter wollte unbedingt den Arzt holen, aber das lehnte Marie energisch ab. Sie habe sich nur überanstrengt, und sie glaube nicht, dass sie bei der Familie B. weiterarbeiten würde. Wenn sie wieder bei Kräften sei, nach zwei oder Qkxяkkx* x* x* x* x* x* x* x* x* xXXXXX* XX** X** drei Tagen, würde sie sich etwas anderes suchen. Mutter Gohlke wusste, dass Marie kein kleines Mädchen xxxxx, sondern schon erwachsen war, mit allem, was nun einmal dazugehört, konnte sie sich keinen Vers darauf machen und besprach das auch gleich mit Vater, als er abends nach Hause kam. Aber auch Vater Gohlke konnte aus Marie nicht herausbekommen, was nun eigentlich los war. Obschon " Dann werde ich zu B.'s gehen und mich eben erkundigen, und zwar sofort." " Bitte, Vater, geh' nicht hin. Ich habe schon gesagt, dass ich nicht mehr zur Arbeit komme, weil weil es mir zu viel wird. Die Sache ist erledigt, und morgen oder übermorgen suche ich mir eine andere Arbeit." Vater Gohlke blieb nichts anderes übrig, als den festen Entschluss von Marie zur Kenntnis zu nehmen. Otto, der bis jetzt zu allem kein Wort gesagt hatte, ging zu Marie ins Schlafzimmer hinüber und setzte sich auf die Bettkante. Elisabeth war mit ihren Spielsachen berohon mit sehr schäftigt. Nach einer Weile sagte Marie: " Schick Lisbeth hinaus, ich muss Dir was erzählen." andelte, ad 438 Otte's Maria, the Sob In diee well es sich na Lhed Bonse dissan eine tiere ta. the Schlafsixsar halberging, cine sie hinter stallte sich neben das Bot, and desens Kanto Lak " Echiek Diabe rauss ich sa was erzälen. [ Als Als Otto nach einer Weile aus dem Zimmer in die Küche kam, sahen die Eltern, dass er etwas verlegen an ihnen vorbeisah und nach einem Grund suchte, um noch einmal aus dem Haus zu gehen. Er musste mit dem, was Marie ihm gesagt hatte, selbst erst fertig werden, und ausserdem hatte er versprochen, den Eltern nichts über den wahren Grund) zu sagen. Vater hätte sich wahrscheinlich maẞlos aufgeregt von varres hupässlichkeit <- 49- und wäre in die Wohnung von Siegfried B. gestürzt, um ihn zur Rede zu stellen.[ Otto wusste aus eigener Erfahrung, dass für jeden aber Menschen einmal der Augenblick kommt, wo er sich" mit solchen Dingen" auseinandersetzen muss. kkxx Auf keinen Fallso, wie es Marie mit dem Holzhändler B.****** x* x* xxx erlebt hatte. übergange ES eNw freuliche eidend Notizen zukünfti Nach einiger Zeit konnte ich wieder daran denken, eine Arbeit aufzunehmen. Es ergab sich, dass die evangelischen Gemeinde schwestern ein Mädchen für ihren Haushalt suchten. allguy - 52- Als Marie an einem dieser Tage, der das Schicksal der Fabrik und vieler arbeitender Frauen besiegeln sollte, müde und zerschlagen nach Hause kam, war sie von den Problemen, mit denen sie sich abquälte, so abgelenkt, dass sie weder mit der Näharbeit, die ihr die Mutter in die Hand gerückte hatte, noch mit der kleinen Lisbeth etwas anfangen konnte. Als Vater und Mutter nebenan im Schlafzimmer waren und Elisabeth zu Bett brachten, bat Marie ihren Bruder, noch ein Stück mit ihr spazieren zu gehen. " Was Schlimmes? Etwa so wie neulich?" Marie schüttelte unwillig den Kopf. " Unsinn! Etwas Politisches." Auf der Strasse erzählte sie ihm, was sich in der Fabrik ereignet hatte, mit allen Binzelheiten, auch mit ihrer eigenen Meinung dazu: " Ich finde es richtig, dass Frauen nicht mehr nachts arbeiten sollen. Deshalb ist das Gesetz nicht arbeiterfeindlich. Aber ist Les es nicht richtig W, viele von den Frauen auf die Strasse zu setzen, die ihre Familie ernähren müssen." " Ist alles ganz richtig, Marie, aber das ist ein Übergangszustand. Und so wie in Deiner Fabrik ist es ja nicht überall. Wir in Landsgegen das berg sind ja rückschrittlich Xxxxxxx, was in den grossen Städten geschieht. Die Frauen, die bed Euch entlassen werden, finden bestimmt wieder Arbeit." " Gut, aber was geschieht mit den Familien, während die Frauen keine Arbeit haben? Wovon leben sie? Wie ergeht es den Kindern? Viele von den Frauen denken sozialistisch, das habe ich schon festgestellt, aber gerade weil sie wissen, dass die Sozialdemokraten dieses Gesetz forderten, verstehen sie die Zusammenhänge nicht." " Dann müssen diese Frauen aufgeklärt werden, Marie. Wenn man es ihnen richtig beibringt, werden sie es verstehen. Du siehst ja selbst, was inzwischen aus unserem Landsberg geworden ist. Überall sind neue Fabriken entstanden, unsere Einwohnerzahl wird immer grösser, die Stadt kommt schon garnicht mehr mit, neue Häuser zu bauen für die vielen Menschen, die ständig nach Landsberg ziehen. Das ist ja gerade das ungesunde an diesem Wirtschaftssystem, weil die Mehrzahl der Arbeiter sich für schlechtes Geld abschuften muss, und wenige stecken den Ra Gewinn ein." " Das weiss ich, Otto, und deshalb verlangere ja auch die Sozialdemo - 53- kraten, dass das kapitalistische Eigentum in gesellschaftliches Bigentum umgewandelt wird. Ich kann mir nur nicht denken, wie so etwas möglich ist." " Das ist möglich, Marie, wenn die Kapitalisten einsehen, dass wir als Arbeiter an der Produktion genau so beteiligt sind wie die Kapitalisten." " Unser Abteilungsleiter hat neulich gesagt, dass man den Arbeiter niemals an der Produktion beteiligen kann, weil er ja kein Risiko bei seiner Arbeit hat. Der Fabrikbesitzer dagegen hätte mit sehr viel Geld den Betrieb gebaut, teure Maschinen gekauft, musste immer wieder neues Geld hineinstecken, damit alles weiterläuft." und " Und xxxxxxxxxxxxx mit welchem Geld baut er auf? Mit den Gewinnen, die er durch unsere Arbeitskraft erzielt hat. Folglich sind wir daran beteiligt." " Wenn er nun aber dem Arbeiter mehr Geld bezahlt, hat er nicht so grosse Gewinne und kann xxx seinen Betrieb nicht ausbauen, wodurch viele Menschen keine Arbeit finden." " So sagen die Kapitalisten, aber das stimmt nicht. Es gibt Sozialdemokraten, die alles genau durchgearbeitet und festgestellt haben, dass der Arbeiter, wenn er mehr verdient, auch mehr kauft, weil es ihm dann besser geht. Das, was er kauft, muss erzeugt werden, und zwar in grösserem Umfange als bisher. Folglich haben die Fabriken mehr zu tun als bisher. Deshalb verlangen die Sozialdemokraten, dass der Achtstundentag eingeführt wird, und zwar in der ganzen Welt. Und deshalb ist auch der 1. Mai zum Weltfeiertag des arbeiters erklärt worden." " Ich muss mir dxx alles noch durch den Kopf gehen lassen, aber Du meinst, dass das xxxxx einmal kommen wird?" " Anders ist es garnicht möglich, Marie!" Damit war Marie aka Gohlke weder in Bezug auf die Situation in ihrer Netz- und Gardinenfabrik noch auf allgemeine politische, wirtschaftliche und soziale Dinge sehr viel weitergekommen. Nur ihr Kopf war voller geworden mit Problemen, mit denen sie sich nun abquälte, ohne zu Hause viel darüber zu reden. Aber die weitere Entwicklung gerade der Netzfabrik, in der sie arbeitete, bestätigte, was Bruder Otto ihr klargemacht hatte: Marie, angeregt und nachdenklich geworden durch die Unterhaltungen mit ihrem Bruder, sah, dass sie als ungelerntes Fabrikmädchen eine der ersten sein würde, die zur Entlassung kämen, und fasste einen Entschluss, den sie den Eltern mitteilte. Nachdem sie von der Lage in der Netzfabrik erzählt hatte, meinte sie: " Lieber sehe ich mich vorher nach einer anderen Stelle um. Wenn ich noch vor der Entlassung etwas finde, gibt es keinen Verdienstausfatt fall." " Mir gefällt es sowieso nicht, dass Du in die Fabrik gehst, Marie. Mutter und ich sind schon von Anfang an dagegen. Wir haben nur nichts gesagt, weil es doch mit mir noch nicht so ist, wie es sein soll. Die Lungenentzündung sitzt mir noch in den Knochen, und wenn ich ein paar Treppen steigen muss, geht mir die Luft aus. 11 " Und eben deshalb arbeite ich auch weiter, Vater. Alle meine Kameradinnen, die mit mir auf der Schule waren, gehen zur Arbeit und helfen, damit es zu Hause etwas mehr wird. Ich werde mir schon was suchen." geistig nicht normale Menschen darin untergebracht seien. Sie hatte sich schon öfter Gedanken über diese Menschen gemacht, nicht aus den aus Neugierde, qda itteft, sondern idea Ursachen Bix erfaren. Als sie einmal mit ihrem Vater darüber sprach, meinte er, dass es, sich wahrscheinlich hauptsächlich um Kinder von Eltern w Handele ale Alkoholiker seien, dass sich so etwas vererbe, und das sei auch der Hauptgrund, weshalb er ein Gegner des Alkohols sei. Sie ging auf das Gebäude zu, sah das Schild" Provinzial- LandesIrrenanstalt" und folgte mehr einem Instinkt als einem vorgefassten Entschluss, als sie die wenigen Treppen hinaufging und die Türe öffnete, die in ein Treppenhaus führte, von dem nach links und rechts Gänge négführten. Gleich am Anfang des Ganges rechts war eine Türe mit einem Schild, dxxxxxxxxxxxxkixxixŸ€™ AX xakixxx aus dem Marie entnahm, dass in diesem Raum die Verwaltung sei. Sie war völlig ruhig, als sie anklopfte. In diesem Augenblick fühlte sie, dass sich hier eine Arbeit für sie ergeben könne, die mehr sei als nur Arbeit, sondern schon Aufgabe. -59" Hast Du nur mit Frauen zu tun, oder auch mit Männern?" " Eigentlich nur mit Frauen, aber Männer begegnen uns natürlich auch bei der Arbeit. Manchmal müssen wir auch zupacken, wenn die Wärter alleine nicht fertig werden." " Gibt es auch Sachen, wo man sich vielleicht als Mädchen wie Du- nun ja sagen wir mal genieren oder schämen muss?" legt 9 - " Das war nur am Anfang so, Otto, aber das et sich sehr schnell. Nicht so, dass es zur Gewohnheit wird und man sich nichts dabei denkt. Im Gegenteil, ich habe mir sehr viel dabei gedacht, und dadurch ist das Ganze ja auch keine Arbeit, mit der ich Geld verdiene, sondern eine eine aufgabe geworden." - " Hast Du Dich denn nicht manches Mal eken müssen? Diese Menschen machen doch viele Dinge, die normale Menschen nicht tun." " Ekeln ist zu viel gesagt, Otto. Natürlich muss man sich zuerst überwin-60 160Streußen bed. vrachen. den, aber ich wusste ja von Anfang an, dass es sich um kranke Menschen handelt, und wenn man das weiss und danach handelt, bekommt man erst das richtige Verhältnis zu den Kranken." " Sterben eigentlich viele Kranke bei Euch?" " Das ist ganz verschieden. In letzter Zeit sind einige ältere Patienten gestorben, ziemlich schnell hintereinanderxXX Marie wollte eigentlich weitersprechen, machte aber eine Pause, und Otto spürte, dass sie Hemmungen hatte. Während er sich noch überlegte, wie er Marie fragen könne, damit sie weitererzählt, sagte sie:" Bevor die gestorbenen Patienten beerdigt wurden, mussten sie dafür fertiggemacht werden. Beim Ausziehen haben noch andere Wärterinnen mitgeholfen, aber dann habe ich die Leichen ganz alleine gewaschen, zuerst in einer oche drei Frauen und gleich zu Beginn der nächsten Woche zwei Männer." Um Marie von ihren nicht ganz leichten Gedanken fortzubringen, schnitt Otto ein anderes Thena an.[" sag mal, Mariechen, willst Du nicht mal wieder unter Menschen gehen? Oder zum Singen und Tanzen? Ich bin da öfter im Verein' Harmoniay' im Schützenhaus, das ist lustig und die sind alle sehr nett. Komm doch mal mit. Wie ist es mit nächsten Samstag?" " Da habe ich nachmittags mal ein paar Stunden frei. Wenn Du meinst, Otto- t Marie hatte an diesem Samstag, gerade als sie sich zum Fortgehen fertigmachen wollte, noch eine Arbeit übernehmen müssen. Die Oberin musste den kleinen Unmut auf Marie's Gesicht bemerkt haben, denn sie sagte:" Nanu, macht die Arbeit auf einmal keine Freude mehr? xxx doch sonst immer die Erste, wenn es darum geht, zuzulangen." Marie hatte schon als Kind aus ihren Ansichten kein Hehl gemacht, und so gut wie nie gelogen. Sie war geradeheraus und hatte sich durch diese Art doch mehr Freunde als Feinde gewonnen. So auch jetzt: Die Arbeit ist auch schön, Frau Oberin, aber ich habe mich heute Nachmittag mit meinem Bruder in Schützenhaus verabredet. Er hat gemeint, das könne mir mal nichts schaden." " Damit hat er Recht, Marie. Gut, ich schicke jemanden, der Dich ablöst, dann kannst Du gehen." So kam Marie etwas verspätet ins Schützenhaus, in dem es schon recht voll war. Von der Türe zum Saal versuchte sie, ihren Bruder Otto zu entdecken. Ranin Sie wollte erst dann durch den gehen, wenn sie ihn gefunden hatte. Als sie plötzlich von hinten an Arm festgehalten wurde, wollte sie sich unmutig freimachen und schimpfen, aber der lachende Otto schob seine Schwester einfach durch die Tische hindurch, zu einer Ecke, wo schon ein junger Mann und eine junge Frau sassen. -67" So, das hier ist meine Schwester Marie, das ist Eveline Strese,- steh' ruhig auf, Wilhelm, und sag meiner Schwester guten fag." Wilhem fulgte gehorsam, gab Marie die Hand und sagte:" Ich glaube, ich habe sie schon einmal gesehen, Fräulein Gohlke. 群 " Rede doch keinen Quatech, Wilhelm!- Der hat Dichbestimmt noch nie gesehen, Marie. Als ich Eveline zum ersten Mal begegnet bin, habe ich dasselbe gesagt. So macht man das in unserem Alter, wenn man ein Mädchen kennenlernt. Wenn man sich einbildet, sich schon einmal gesehen zu haben, wird man schneller bekannt. Aber das ist bei Marie nicht nötig." Es wurde ein schöner Nachmittag für Marie. Sie freundete sich mit der quicklebendigen Eveline an, erfuhr, dass ihr Vater Pleischermeister ist und dass sie selbst in einer Fabrik arbeitet, wo es ihr garnicht gefällt, und dass sie am liebsten sehr bald den Otto heiraten würde, un sich mit ihm ein richtiges" Zuhause" zu schaffen. Zwischendurch tanzten Otto und Eveline, und nach einer Weile nahm sich Wilhelm ein Herz und drehte Marie durch den Saal. Beim Tanzen erfuhr sie, dass Wilhelm Drews als Steinmetz arbeitet und gut zu tun hat, weil in Landsberg ja ständig gebaut wird. Als es nach Marie's Meinung am schönsten war und man auch schon gemeinsau einige Lieder gesungen hatte, wurde es Zeit für sie zum Gehen. Wilhelm brachte sie zur Friedeberger Chaussee. Unterwege wurde nicht viel geredet. Als Wilhelm sich verabschiedete, meinte er nur, dass es schön wäre, wenn man sich demnächst wieder einmal im Schützenhaus oder woanders treffen könnte, natürlich, wenn Otto und Eveline dabei sind. Wenige Monate später, am 17. Juli 1897, wurden die Fabrikarbeiterin Eveline Olga Martha Strese, Tochter des Pleischermeisters August trese und dessen Frau Louise, geborene Hornung, und der Zimmerer Hermann Otto Gohlke, auf dem Standesamt in Landsberg getraut. Marie konnte nur einen Sprung zur Hochzeit kommen, um Glück zu wünschen. Wilhelm Drews, als Freund von Otto natürlich unter den Hochzeitsgästen, gab sich alle Mühe, um Ma rie festzuhalten. Sie wäre auch gerne geblieben, aber es gab an diesen Tag besonders viel zu tun, und sie wollte die Oberin nicht enttäuschen. So hielt sie auf die minute genau die Stunde ein, die sie freibekommen hatte.- Auch zur kirelichen Trauung am 1. August in der Hauptkirche St. Marien konnte Marie nicht kommen. Dafür war die neunjährige Lisbeth eine würdige Stellvertreterin, die mit ihrer lustigen alle Hochzeitsgäste amisierte. Ausserdem erfüllte es klein- Elisabeth mit Stolz, einen grossen Bruder zu haben, der heiratet. Keine ihrer Schulkameradinnen befand sich in dieser bedeutungsvollen Lage. 1621 streiben bzw Straffen Bald nach der kirchlichen Trauung trafen sich Otto und Marie zu einem kurzen Gespräch, in dessen Verlauf Otto meinte, dass er natürlich Eveline auf jeden Fall geheiratet hätte, aber es sei doch alles etwas überstürzt gewesen, weil er kaum Zeit gehabt habe, für alles Notwendige zu sorgen. Aber es sei trotzdem alles in bester Ordnung, und in wenigen Monaten würde es wahrscheinlich schon so weit sein. Am 2. Oktober 1897 war es dann auch so weit. Durch die Geburt von Willy Gustav Karl folkwurden die 18 Jahre alte Marie und ihre 9 Jahre alte Schwester Mara zu Tanten, und Theodor und Henriette Gohlke waren mit 57 und 52 Jahren Grossvater und Grossmutter. Marie und Wilhelm Drews trafen sich dannch noch des öfteren, und Marie gab ihrem Bruder Otto gegenüber ehrlich zu, dass ihr der Wilhelm gut gefalle. Wilhelm war es auch, der den Wunsch hatte, ein Bild von Marie zu bekommen. Sie liess sich schliesslich überreden, mit ihm zu Oscar Grohmann, dem herzoglich- anhaltischen Hofphotographen zum Mühlenplatz 1" zunächst der Bahn" zu gehen. Obwohl es Wilhelm als Kavalierspflicht ansah, die Photographien zu bezahlen, setzte sich Marie durch und bezahlte selbst." Das habe ich mir einmal vor langer Zeit vorgenommen, und jetzt möchte ich das auch selbst durchführen." Wilhelm respektierte diesen Wunsch von Marie, und wahrscheinlich wurde ikx das Bild, das sie ihm schenkte, dadurch noch wertvoller für ihn. Trotz dieser ehrlichen, gu ten und rein kameradschaftlichen Freundschaft mit*** dem Steinmetz Wilhelm Drews dachte Marie nicht in geringsten daran, nun etwa zu heiraten. 68Ein Mann, zwei Kinder 4. S. schricht in.« Vel. w. wind. 1. übehet in Neder. Hann licht. June und die Politik Die grossgewordene Kreisstadt Landsberg fand in diesen Jahren vor der Jahrhundertwende mehr und mehr Anschluss nicht nur an die innerpolitische Entwicklung in Deutschland, sondern nahm xxx durch die rühriger werdenden Bemühungen der Gewerkschaften und Sozialdemokraten mehr Anteil an der" grossen" Politik. Otto hatte in dieser Zeit viele Gespräche mit seiner Schwester Marie. Immer, wenn sich Gelegenheit bot, wurden die neuesten Breignisse besprochen und diskutiert. Angefangen hatte es mit dem Bürgermeisterwechsel. Warum Anker abgelöst wurde und durch wen, wurde schon nicht mehr richtig zur Kenntnis genommen.- Der Reichskanzler, Fürst Otto von Bismarck, war durch den neuen Kaiser Wilhelm II. endgültig in die Wüste geschickt worden, was von den Sozialdemokraten auf ihr Konto gebucht wurde. Marie benutzte ihre wenige Freizeit, um mit Bewusstsein nachzuholen, was sich in den vergangenen letzten Jahren ereignet hatte. Jetzt verstand sie den Kampf der Sozialisten gegen Krieg und Aufrüstung, der als sie gerade Zehn Jahre alt war- im Jahre 1889 auf dem ersten sozialdemokratischen Friedenskongress während der Bariser Weltausstellung schon ***** t international vernehmbar xixxxk geworden war. " Aber das nützt alles nichts, Otto. Du siehst: der Kaiser rüstet auf, hält grosse Reden, mit denen der die Arbeiter gewinnen will, und am nächsten Tag kann man in der Zeitung lesen, dass er mit Waffengewalt vorgehen wird, wenn die Sozialdemokraten nicht endlich aufhören, das Volk aufzuwiegeln', wie er es nennt." " Das wird noch schlimmer, jetzt, nachdem Bismarck tot ist. Ich bin kein Bismarck- Anhänger, beileibe nicht, aber nun glaubt der Wilhelm, tun und lassen zu können, was ihm beliebt." " Baf der Priedenskonferenz, die der Zar( Nikolaus II.) nach Den Haag einberufen hat, ist auch nichts heraus gekommen." # 1a degenteil, Marie. 11, Marie. Da aiskst y was in Afrike passiert. " Im Gegenteil, Marie, Du siehst ja, was in Afrika los ist. Da kämpfen die Engländer gegen die Buren, und dann der griechisch- türkische Krieg, und der Kampf der Japaner gegen China! Bald wird es noch mehr Kriegs schauplätze geben." var bald zu Ende. Die Weltgeschichte ging weiter, das Jahrhundert war bald zu Ende, und das neue fand in seiner Wiege schon einige Geschenke" zum Segen der Menschheit": das Radium der Madame Curie, Marconis drahtlose Telegraphie, das Luftschiff des Grafen Zeppelin, das über den Bodensee schweb -69Proffe te, und den Kinematographen, der es fertigbrachte, lebende Bilder auf eine weissgestrichene Wand zu zaubern. Diese buthisensationen verblassten aber hinter wichtigeren Dingen, zum Beispiel hinter der Tatsache, dass das Deutsche Reich nun auch zu einer, gefürchteten Kolonial- und Flottenmacht emporwuchs. 1 " Ist denn Friede nur denkbar, wenn man sich voreinander fürchtet?" Diese Frage, die Marie in einem kleinen Kreis von Sozialdemokraten stellte, führte zu einer Debatte, in der es heftig zuging und die bis in die späten Abends tunden dauerte. Bevor Marie die kleine Gruppe der Gesinnungsfreunde verliess, musste sie noch das sagen, was sie in letzter Zeit besonders intensiv beschäftigte: " In kritischen Zeiten handeln Frauen oft viel klarer und schneller als Männer. Wenn die Stimmen vernünftiger Frauen in solchen Situationen nicht nur angehört, sondern bei Entscheidungen mehr berücksichtigt werden, wird es leichter sein, Unstimmigkeiten aller Art aus der Welt zu schaffen. Wenn in Amerika jetzt schon Frauen als Richter, als Beamte der Justiz, zugelassen werden, sollte es möglich sein, auch bei uns die Frauen zu öffentlichen Berufen zuzulassen." Otto wusste als Teilnehmer an diesem Gespräch vielleicht als einzinicht ger nur zu genau, dass sich seine Schwester mit dieser Meinung in den Vordergrund taxxxxxxxxxxx drängen wollte. Marie war von ihren Fähigkeiten garnicht überzeugt, sondern betonte immer wieder, dass sie eine Lernende sei, die erste dann ihre Meinung sage und Ansicht vertrete, wenn sie das Erarbeitete auch ver arbeitet habe. verDer sozialdemokratische Abgeordnete Wilhelm Pätzel, der erst kürzlich in der Umgebung von Landsberg und in Landsberg selbst Versamalungen abgehalten hatte und mit dem sich Marie kurz unterhalten konnte sie hatte diese Unterhaltung direkt gesucht-, bestärkte sie in ihrer Auffassung, freute sich über den Enthusiasmus, mit dem xxxk" die junge Frau" xx die sozialen Probleme der Zeit aufgriff. Der schönste Augenblick war es, als Wilhelm Pätzel sich von ihr verabschiedete: " Du musst noch viel lernen, Marie,- aber Du wirst es lernen". Marie konnte aber nicht so an diesen Problemen arbeiten, wie sie wollte. Von dieser Art" Arbeit" konnte sie ja nicht leben, sie musste Geld verdienen, denn auf Unterstützung von zu Hause konnte sie jetzt nicht mehr rechnen. Im Gegenteil: da Vater nun schon 60 Jahre alt war und als Zimmergeselle wenig verdiente, musste sie zusammen - 70- mit Otto zum Unterhalt beitragen. Schliesslich war ja auch noch Elisabeth da, Die Ersparnisse aus der Arbeit in der Landes- Irrenanstalt waren für die Ausbildung als Weiss- und Kleidernäherin verbraucht worden, und der Kundenkreis von Marie war nicht so gross, als dass sie davon hätte leben können. An Auftraggebern hätte es nicht gemangelt, wenn sie sich darum bemüht hätte, aber Tag und Nacht konnte sie ja nun auch nicht arkaikкx an der Nähmaschine sitzen. In erhielt dieser Zeit xxx das Leben von Marie Gohlke ix eine neue Richtung. Mit den Landarbeitern, die im Laufe dieder Jahre nach Landsberg kamen, fanden sich auch Handwerker ein, die sich geschäftlich in der Umgebung und in der Stadt selbst niederliessen, denn der ständige Menschenzuwachs und die fortschreitende Industrialisierung versprachen ausreichende Arbeit und Verdienst. So war auch der Schneidermeister Bernhard Juchacz aus dem Böhnischen, aus Krojanke, nach Landsberg gekommen, und es ergab sich, dass Marie. und Bernhard sich zum ersten Mal bei einen Ehepaar begegneten, für das sie Wäsche und Kleider nähte, während Bernhard Juchacz den Hausherrn pait Garderobenversorgte. Bernhard, and Alsider genäht hatte währand Jucchezza Garderobe versorgte. Bernhard Jachacz, ein gut aussehender, für die Mode der Zeit sehr gut gekleideter junger Mann, konnte durch seine besonders liebenswürdige und zuvorkommende Art guten Eindruck machen, der auch auf Marie seine Wirkung nicht verfehlte. Da Marie inzwischen eine hervorragende Schneiderin geworden war, lag es nahe, dass sich Bernhard und Marie sehr bald darüber unterhielten, ob es nicht besser sei, gemeinsam das Geschäft zu betreiben. beiden Aus dieser beruflichen Gemeinsamkeit entstand zwischen Bewed und Harle auch eine menschliche Bindung, was aber Marie nicht hinderte, trotzdem ihre eigenen Wege zu gehen, ich um politische Ereignisse zu kümmern, Versammlungen zu besuchen und an Diskussionen teilzunehmen. Bernhard hatte zu dieser Zeit für alles, was Marie nebenbei interessierte, vollstes Verständnis. Eines Tages brachte er es fertig, sie zu überreden, nach Krojanke mitzukommen, um seinaxxkk sel seinen Eltern vorzustellen, die eirat nickte ein vanden nichts gegen eine Heirat einzuwenden hatten. on Obwohl Marie wet nicht ans Heiraten dachte, gab sie den sehr xkx strenggläubigen katholischen Eltern Bernhards nach und sagte zu, sich auf jeden Fall katholisch trauen zu lassen' kurz Vater Gohlke war um diese Zeit- es war se nach der Jahrhundertwende über sechzig Jahre alt und meinte, wenn das Gespräch auf Bernhard und Marie kam, nur so nebenbei, dass Marie wissen müsse, was sie zu tun habe. Weder Vater noch Mutter Gohlke hatten zu Bernhard ein richtiges Verhält -71nis, denn er liess sich auch nicht allzu häufig sehen, wirbelte in der Stadt umher, kümmerte sich um seine Kunden, und sorgte dafür, dass in der Schneiderei die Arbeit nicht ausging. Als er sah, wie Marie mit allen Schneiderarbeiten alleine fertig wurde, verzichtete er auf die Einstellung eines Gesellen." Das Geld können wir uns sparen", war seine Meinung. Wie Marie sich dann doch entschloss, zu heiraten, ist ihr selbst nie ganz klar geworden, obwohl es sich doch um einen entscheidenden Schritt handelverandery te, von dem sie annahm, dass er ihr ganzes bisheriges Leben compen würde. Sie hatte Bernhard niemals eine klare Antwort gegeben, sondern immer die letzte Entscheidung hinausgezögert, weil sie sich gerade in dieser Zeit in ihren wenigen Freistunden mit verbissener Energie um die politische Entwicklung xxk kümmerte und befürchtete, dass durch eine Bhe ihre geistigen Interessen zwangsläufig in den Hintergrund tre11ten oder sogar ganz aufgegeben werden müssten. Als Marie aber eines Tages fühlte, dass sich ein junges Menschenleben in ihr regte, war ihr Entschluss schnell gefasst. Bei der kirchlichen Trauung war auch Bruder Otto anwesend, der im Begriff war, Landsberg zu verlassen und nach Küstrin zu gehen, weil sich ihm dort bessere Arbeitsmöglichkeiten boten. versuchte Nach der Trauung verwagten, dass Otto, sich einen Augenblick unter vier Augen mit Marie unterhalten, kombe Schnittede Diskussion mit energischer Handbewegung ab und sagte nur, dass sie genau wisse, wie sie sich zu verhalten habe. Gbos etwas verdunzte Antwort war nurs" Ich wollte Din ja keine Richtlinien für Deine Ehe mitgeben. Mir det nur aufgefallen, als Bernhard sich hinimiete, dass seine Schuhsohlen kaputt sind. Ich sass direkt dahinter, und auch die anderen konnten das ganz deutlich sehen. Ich meinte nur, dass Du als verheiratete Frau Dich jetzt auch um solche Fachen kümmern musst Leider waren in dieser se nellen Ehe bei ihrer Schliessung nicht nur die Sebebsohlen von Bernhard Juchnez kaputt. Das gute Binvernehmen, dass bis dahin zwischen Marie und Bernhard bestand, liess bald nach, als Bernhard die nicht schlechten Einnahmen des gemeinsamen Geschäfts mehr und mehr für seine privaten Zwecke verbrauchte. Da er nicht rechnen konnte, gab er gelegentlich mehr aus, als hereinkam, und Marie musste sich anstrengen, um die ärgsten Lücken zu schliessen. Gelegentliche Gespräche, die sie mit diesem Thema anschnitt, wurden von ihr abgebrochen, wenn sie merkte, dess Bernhard aufbrausen wollte. In dieser Zeit konnte sie keine zusätzlichen Aufregungen vertragen, und sie hatte neben ihrer Arbeit und ihren gelegentlichen politischen Exkursionen nur den einen Wunsch, ihr Kind gut und geboren gesund zur Welt zu bringen. Als Charlotte am 3. Dezember 1903 wit we, schien vorübergehend die Sonne über der Ehe zwischen Bernhard und Würde Wieder -72Marie. Kaum war die erste Sorge um das Neugeborene überstanden, als die nächsten Wolken aufzogen. Marie brachte es fertig, dass niemand etwas von ihrer inneren Verzweiflung spürte, und war darauf bedacht, dass alles, unerfreulich was wound rauh war, nicht bis in das Zimmer drang, in dem die kleine Lotte der Vollendung ihres ersten Lebensjahrs entgegenstrammenschliche pelte. Der einzige alt waren ihr Kind, die gelegentlichen Besuche von Bruder Otto aus Küstrin, dem sie ihr Herz ausschütten ante und auch die Eltern, mit denen sie über manches sprechen konnte. Trotzden ware Diese menschlich bedrückende Lage führte dazu, dass sich Marie noch intensiver mit politischen Problemen beschäftigte und jede freie Zeit benutzte, um sich mit politisch gleichenkenden Freunden zu treffen. * York: V de Selts bid elok <-80Der Anfang. in Berlin und Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts trat der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern Europas in den Vordergrund der geschichtlichen Ereignisse. Überall und jetzt nicht nur in der Großstädten, sondern auch in der Provinz, die genau so von der Industrialierung und damit von der" Verproletarisierung" erfasst worden war wuchsen die Probleme. 11009 Auch in Landsberg, das verhältnismässig spät den Anschluss an die Er eignisse der Zeit gefunden hatte, waren Gewerkschaften und Sozialdemokraten aktiv geworden, um die Bevölkerung mit den Ursachen dieser Entwicklung und mit den Möglichkeiten der Besserstellung der Arbeiterschaft vertraut zu machen. Als Marie Juchacz zum Ende des Jahres 1905 sich mehr und mehr mit dem Gedanken vertraut machte, so bald als möglich Landsberg zu verlassen, überdachte sie noch einmal die menschliche Problematik der Lage, in der sich alle Mitglieder der Familie Gohlke befanden. Sie selbst hatte eine zwei Jahre alte Tochter und einen Sohn mit sechs Monaten, einen Mann, der sich kaum noch um seine Familie kümmerte, eine Nähma schine, mit der sie das Geld zum Lebensunterhalt verdiente. Ausserdem musste sie sich noch um die Eltern und um ihre 17 Jahre alte Schwester Elisabeth kümmern. Bruder Otto hatte seine eigenen Sorgen, war inzwischen von Küstrin aus nach Berlin gegangen, wo er zum Erhalt seiner inzwischen auf sieben Köpfe angewachsenen Familie sehr schwer arbeiten musste. Nach dem Tode des Erstgeborenen hatte er noch drei Söhne und zwei Töchter Bow struck bekommen. Marie schrieb in dieser Zeit manchen Brief an ihren Bruder Ottes sie sind leider verloren gegangen. In einem teilte sie mit, dass sie sich von ihrem Manne Bernhard getrennt habe, dass sie mit ihren Kindern Lotte und Paul jetzt alleine wohne und Elisabeth M At zu sich genommen habe. - Die Antworten von Otto an seine Schwester nach Landsberg waren inmer sehr aufschlussreich für Marie. Hier erfuhr sie aus guter Quelle Neuigkeiten aus allen Gebieten: dass es schon eine ganze Reihe von Kinematographentheatern gibt," in denen dramatische, humoristische und belehrende Films" gezeigt werden, dass die Gewerkeeheft schaftsbewegung ständig ansteige und sogar Unterstützungen gezahlt wärden,- dass es sogar schon einige Säuglingsfürsorge- und Mütterberatungsstellen gibt, dass die jährlichen Aufwendungen der öffentlichen Armenpflege in diesem Jahre( 1905) wahrscheinlich 140 Millionen Mark betragen, dass die Lohnkämpfe an Stärke und Un аделяне ове дерей <- 81fang immer mehr zunehmen(" erst in diesen Wochen haben sie wieder in Rheinland und in Westfalen gestreikt") und dass in Berlin lauter drei- und vierstäckige Mi etskasernen entstehen(" 80 der Berliner Bevölkerung leben in 1-2- Zimmerwohnungen, 8 in 5 und mehr Zimmern. Wir gehören zu den 80%"). Veets dives deprints sae endeten vendosen[ Ottos BriefeVimmer damit, dass Marie jederzeit mit den beiden Kindern, Lotte und Paul, erst einmal bei ihm bleiben könnten, in der Stralauer Allee 20 b. Später würde sich dann schon irgend etwas anderes ergeben. Ausschlaggebend, mit ihren beiden Kindern nach Berlin zu gehen, war zu Beginn des Jahres 1906 ein Brief von Otto, dass er von Parterre in den dritten Stock gezogen sei, Zimmer und eine grosse Kammer mehr habe, und dass Marie ein Zimmer für sich und die Kinder bekommen könne. Arbeitsmässig würde sich auch sofort etwas machen lassen. Obwohl Vater Gohlkes Gesundheit bei seinen fast 65 Jahren nicht gut war, redete er seiner Tochter Marie zu. Vater " Und was wird aus Elisabeth? Du weisst doch, dass sie es nicht versteht, wenn ich sie alleine in Landsberg lasse." " Lisbeth kommt daun eben ein paar Monate später nach, bis Du beruflich so weit bist." " Und wer kümmert sich um Euch?" " Darum brauchst Du Dir keine Sorgen und Gedanken zu machen, Marie. Wir haben für uns zwei unser finanzielles Auskommen, Mutter ist noch so rustig, dass sie mit dem bischen Hausarbeit fertig wird, und wenn es mal nötig sein sollte, dann seid Ihr ja schnell hier, mit der Eisenbahn dauert es ja nur vier Stunden." Obwohl Marie wusste, dass ihr Vater es leichter darstellte, als es in Wirklichkeit war, machte sie sich mit dem Gedanken der Übersiedelung nach Berlin so vertraut, dass sie schon in Landsberg bei Parteifreunden Erkundigungen einzog, sich Namen und Adressen geben liess, und auch mit ihrer Schwester Blisabeth viele Einzelheiten besprach. " Unser Ziel war, wirtschaftlich Fuß zu fassen, und ich machte mir keinerlei Illusionen. Ich hatte die Sorge für meine beiden Kinder und wusste, dass es schwer sein würde. Zuvor hatten wir noch vertrauensvolle Aussprachen mit unseren Freunden, weil wir in Berlin einen Weg finden wollten, um uns der sozialistischen Bewegung anschliessen zu können. Keiner der Männer wusste richtig Bescheid, wie es anzufangen sei. YaxxBiner gab uns eine Empfehlung an eine Frau mit, Ida Altmann, die sozialwissenschaftliche Mitarbeiterin der Gewerkschaften war." Da Lisbeth die wenigen Monate des Alleinseins in Landsberg dazu benutzt hatte, um ebenfalls die Schneiderei zu lernen, schickte Otto sie zumerünfeld, wo sie auch sofort Nähaufträge für Schreisblätter in Heimarbeit und Wäsche kaxkeaxkaik erhielt. Wenn> Marie für die Nachbarin im Haus nichts zu tun hatte, half sie ihrer Schwester beim Nähen. Das Verdienst reichte aus, um nicht nur den Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern auch Bruder Otto den Mietanteil für das Zimmer zu zahlen. Marie war glücklich, in Lisbeth wieder einen Gesprächspartner gefunden zu haben, der die Dinge mit eigenen Augen sah und seine eigenen Überlegungen anstellte. Nachdem Ma rie und Lisbeth durch ihre Heimarbeit die finanzielle Grundlage geschaffen hatten, wurde das Bedürfnis wach, wieder weden Kontakt mit den politischen Strömungen dieser Zeit zu finden. Die Adresse von Ida Altmann schien die Beste zu sein: als sozialwissenschaftliche Referentin der Gewerkschaften musste sie gute Ratschläge geben können. Noch am gleichen Tage gingen sie zu ihr. " Sie war ein gebildeter Mensch mit grossem Wissen, sehr freundlich, an den sogenannten Frauenfragen aber garnicht interessiert, wusste mit der Personen- und Organisations frage auf diesem Gebiet auch nicht Bescheid und gab das auch offen zu. Aber sie hatte etwas von - 94und den sozialdemokratischen Organisationen wachsam und kritisch aufgenommenen Regierungsentwurf im negativen Sinne der arbeiterschaft zu verwässern. Die Sozialdemokratische Partei hatte schon früher im Einvernehmen mit den Gewerkschaften einen eigenen Entwurf für ein freies Vereinsrecht eingebracht. Wir Frauen im besonderen waren uns darüber einig, dass wir unser politisches Organisationsrecht wohl anstrebten und so vorteilhaft wie möglich xaxxxxkkiukan xakxkaxx für uns erkämpfen wollten, dass es aber nicht gegen den Nachteil eines eingeschränkten Koalitionsrechtes für alle arbeitenden Menschen erkauft werden durfte. Man muss sich vorstellen, wie das zentrale Frauenbüro mit äusserst geringen finanziellen und technischen Hilfsmitteln arbeiten musste, um uns in dieser bewegten Zeit laufend und schnell über alles zu unterrichten und mit Material zu versorgen." Straffen Mitten in diese aufregenden Tage hinein kam aus Landsberg an der Warthe die Nachricht vom Tode des Vaters Theodor Gohlke. Er war an 11. Mai 1908 im Alter von 66 Jahren gestorben. Marie und Elisabeth wollten zur Beerdigung fahren, aber nach einigem Hin und Her sah Lisbeth ein, dass es besser für sie sei, in Berlin zu bleiben. Sie war im achten Monat, und ihr Mann, Christian Michael Roehl, wäre allein mit den Kindern von Marie, Lotte und Paul, die jetzt viereinhalb und drei Jahre alt waren, nicht fertig geworden. Maries Bruder Otto hatte zu Hause das Problem ebenfalls in der Form gelöst, dass er beschloss, alleine zu fahren, während sich seine Frau Eveli ***** um die fünf Kinder kümmerte. Marie und Otto hatten ber sofort nach ihrer Ankunft in Landsberg alle diel Hände voll zu tun, um e Formalitäten für die Beerdigung zu erleLandsdigen. Mutter Henriette Gohlke konnte unmöglich alleine inaxxax bleiben. Der Vater war noch nicht unter der Erde, als der Hauseigentümer schon eine dreiköpfige Familie einwies und verlangte, dass die 61 Jahre alte Frau von nun an mit der kleinen Kammer vorlieb nehmen müsse. Da Otto mit seiner grossen Familie genug am Halse hatte, glaubte Marie, auch im Sinne ihrer Schwester Elisabeth zu handeln, wenn sie Mutter Gohlke zu sich nach Berlin nähme. Sie war noch so rüstig, dass sie selbst den Wunsch äusserte, den Haushalt gerade in dieser Zeit zu führen, wo Lisbeth mit der Niederkunft rechnen musste. Obwohl es für Marie eine Selbstverständlichkeit war, dass sie sich <- 95dann ab jetzt um die Mutter zu kümmern habe, ahnte sie, dass Lisbeths Mann gegen diese Belastung des Haushalts opponieren würde. Er hatte sich zwar nie so richtig um seine Frau und geistige Einstellung mert, hatte vielleicht angenommen, dass das Interesse Lisbeths an der Politik und an der Frauenbewegung ein vorübergehender Spleen sei, der sich im Laufe der Zeit legen würde, und wahrscheinlich erst recht in dem Auggablick, in dem ein Kind da sei, dass**** die ganze Aufmerksamkeit der Mutter in Anspruch nehmen würde. Trotz dieser Überlegungen handelte Marie schnell und klar. Mit Ottos Hilfe wurde vom Gohlke- Haushalt alles das verkauft, was keinem der beiden Berliner Haushalte von Nutzen war. Der Rest, schwesterlichbrüderlich nach Zweckmässigkeit und Bedürfnis aufgeteilt, wurde zusammengepackt und nach Berlin verfrachtet. Während Otto schon ech M vorausfuhr, um in erster Linie Lisbeth und ihren Mann von Mutters Ankunft zu unterrichten, erledigte Marie noch die Dinge, die immer dann zu regeln sind, wenn ein Mensch diese Erde verlässt. am 15. mai Einen Tag vor dem dreijährigen Geburtstag von Paul, kam Marie mit ihrer Mutter nach Berlin. Zur Überraschung aller hatte Lisbeths Mann die Notwendigkeit der von seiner Schwägerin Marie getroffenen Schritte gutgeheissen und mitgeholfen, die Wohnung in der Schöneberger Wartburgstrasse 13 für die Ankunft herzurichten. Grossmutter bzw. Mutter Gohlke war ab sofort vollwertiges Mitglied der Familie, umsomehr, als sie sich nach der anstrengenden Eisenbahnfahrt nicht ausruhte, sondern sich sofort nützlich machte. Besonders gross war die Freude für Lotte und Paul, die vom ersten Augenblick an spürten, dass da jemand gekommen war, der sich ständig um sie kümmern und Cwürde mit ihnen beschäftigen. Zur Überraschung aller setzte sich Mutter Gohlke an die Nähmaschine, die Elisabeths Mann sehr billig von Bekannten gekauft hatte, weil die andere Maschine ständig von Lisbeth und Marie benutzt wurde. Als Marie die währen d ihrer Abwesenheit liegengebliebene Heimarbeit unter Zuhilfenahme von Nachtstunden aufgearbeitet hatte, stürzte sie sich wieder in die politische Arbeit. Inzwischen war das heissumstrittene Reichsvereins gesetz vom Reichstag angenommen und verabschiedet worden. Zum Teil Der heute lebenden älteren und der jüngeren heranwachsenden Generatie tion erscheint es von ganz geringen Ausnahmen abgesehen • selbstverständlich, dass man gut angezogen ist, eine wenn auch nicht immer aufwendige, so doch mehr oder weniger geschmackvoll eingerichtete Wohnung, hat, in die nicht nur das Radiogerät mit Plattenspieler, sondernVauch schon der Fernsehapparat gehört. Es soll nicht an die leider noch sehr zahlreichen Flüchtlinge, Vertriebenen, unter sehr eingeengten Verhältnissen lebenden Menschen gedacht werden, die noch immer nicht am Wirtschaftssegen beteiligt sind. Aber es erscheint den heute Lebenden Arbeitern und Angestellten selbstverständlich, dass sie wissen, wie sie sich im Theater, Konzertsaal oder bei anderen festlichen Veranstaltungen zu benehmen haben. Zum Ende der Jahrhundertwende und am Anfang des 20. Jahrhunderts sah es damit Stil! 108- anders aus. Die Gültigkeit des Dreiklassenwahlrechts besagt bereits dass die Bevölkerung durch Gesetz in Klassen aufgegliedert war. Der Arbeiter durch die Industrialisierung akxxxxxxxxx immer mehr zu einen volkswirtschaftlich bedeutenden Faktor wurde, durfte für niedrige Löhne und täglich lo bis 12 Stunden schuften, war aber von den Dingen, die das Leben wertvoll machen, ausgeschlossen. Ein Proletari er im Jahre 1908 in Theater? Neben der" Geheimen Frau Oberjustizrath Undehkbar! Ja, unmöglich. Und überhaupt: was wollte" ein solcher Mensch dritten Gradas" in einem Konzert sich bilden? Oder amüsieren?-" Er soll arbeiten, Kinder bekommen, die wieder Arbeiter werden. Und nichts anderes!" So wurde den Proletariat durch das Bürgertum jeder Anspruch auf Teilnahme am geistigen, kulturellen Leben versagt. Es gehört zum sozialistischen Ideengut und war um die Jahrhundertwende einer der wichtigsten Programmpunkte, das Proletariat nicht nur über seine soziale Lage aufzuklären, sondern ihn danxxxxxxxx@ h* xxx die Möglichkeiten zu verschaffen, sich so zu entwickeln wie" die besseren Leute". Wie war das möglich? So lange eine Schulreform nicht auch dem Arbeiter die Möglichkeit gab, sich entsprechend seinen Fähigkeiten zu entwickeln, besondere Aus- und Fortbildungsschulen zu besuchen, oder gar zu studieren, war die sozialdemokratischen" Bildungsgruppen" auf Selbsthilfe angewiesen. en Einige Zahlen aus den Notizen von Marie Juchacz kennzeichnen die Situation des Jahres 1907. Soziale Gliederung: Unternehmertum: ішвайки Mittelbauern: Angestellte: Kleine Existenzen: 7% 4.% 5,1% 8% Proletarische Massen: 75% Von allen Erwerbstätigen sind 52,5% Arbeiter( davon 33% Frauen). Zahl der Angestellten( ohne freie Berufe): 1 291 000. ( Vergleichszahl 1910: 600 000 organisierte Angestellte, seit 1911 staatliche Angestelltenversicherung). Zahl der Beamten im Jahre 1907: 1536000( jeder 12. Mann ist Beamter) Um die Kluft zwischen den" Gebildeten" und den Volksmassen zu überbrücken, machten sich Volksbildungs bestrebungen bemerkbar, durch die aber nur das Kleinbürgertum erfasst wurde. Von den Volksbildungsbibliotheken, Kunstabenden, Konzerten, den tortorgse Kursen an Universitäten war der Arbeiter, der Proletarier, vorerst ausgeschlossen. Noch bevor vom Verein Freie Volksbühne"( 1914) in Berlin die Volksbühne gegründet wurde, bevor Reclams" Universalbibliothek", die" Sammlung Göschen" oder die" Volksausgaben der Klassiker" erschienen, war die Masse des Proletariats darauf angewiesen, · <- 109- sich auf Sportplätzen( das war nicht das Schlechteste) oder in den Kinns zu vergnügen. Bis 1910 wuchs die Zahl der Kinematographentheater in Berlin bis auf 260 an. In Hauge von Marie Juchacz und Elisabeth Roehl gab es einmal mit den erwachsener gewordenen Kindern eine Debatte über das Thema" Erziehung" im allgemeinen und" Erziehung des Arbeiters" in besonderen. Damals versuchten die Mütter Marie und Elisabeth, die Problematik die sich immer bei der Erziehung von Erwachsenen ergibt- verständlich zu machen, indem sie erklärten, dass die Erziehung des Arbeiters in Bezug auf Bildung und Kultur ähnlich sei wie die Erziehung eines Kindes, dem man schon in frühester Jugend beibringe, dass man nicht mit den Fingern, sondern mit Messer, Gabel und Löffel isst. Der Arbeiter tax aus der Zeit der Jahrhundertwende sei in Bezug auf Bildung und Kultur" im Kindesalter" gewesen und hätte deshalb mit all dem, was Bildung und Kultur" als Werkzeug" wie Messer, Gabel und Löfel- bedeuten, erst vertraut gemacht werden müssen. Nur so kann man verstehen, mit welcher Intensität sich Marie Juchacz auch dieser Aufgabe widmete. - " Bei allen kulturellen und künstlerischen Veranstaltungen waren auf der Rückseite des Programms die Regeln zu lesen, in denen der Konzert- oder Theaterbesucher un richtiges Verhalten gebeten wurde und freundliche Anweisungen erhielt. Ich weiss, dass ich einmal bei einem grossen Konzert in einem Saal in der Hasenheide und mit dem berühmtesten Dirigenten der damaligen Zeit mit Freunden nicht nur über die musikalische Leistung, sondern auch über das mustergültige Verhalten des Publikums, das nur aus Arbeitern bestand, haкaxdars ***** ffxnxxxxx sprach, und man merkte mir wohl meine Begeisterung an. " O, Sie hätten vor einigen Jahren an den ersten Versuchen teilnehmen sollen, dann könnten Sie erst richtig beurteilen, was für eine Entwicklung in dieser Beziehung vor sich gegangen ist." Nicht sehr viel später hätte sich mancher- sehr" gebildete" Theater- und Konzertbesucher des Bürgertums ganen daran ein Beispiel nehmen können, ganz abgesehen davon, dass der Arbeiter hinging um einen Kulturgenuss zu haben, während xxxixk die Frau des hohen das Konzert besuchte Beamten mangan, weil der einen Rang tiefer stehende, aber nicht weniger hohe Beamte derselben Behörde ja auch hinging. Ob sich daran etwas geändert hat?" . - 111- gekommen, Männer und Frauen. Es lag vielleicht in meiner Arbeit, vielleicht auch an meiner Art, dass ich in so viel menschlich- seeLeid lisches hineinschauen musste. Wenn der Einzelne mit seiner Verzweiflung, seinen Konflikten und Problemen zu einem von uns kommt, weil er sich nicht ohne menschlichen Beistand zu helfen weiss, haben wir uns zuerst die Frage nach dem" Warum?" vorzulegen. Nicht das" Moralisier n" ist dann unsere Aufgabe, nicht das" Beurteilen müssen" oder gar das Verurteilen, dann unser xxfyxks Sacre. Wir haben nur Rat zu geben und Hilfe wenn wir das können( es ist nicht immer möglich). Das Selbstverständlichste aber ist die Pflicht des Schweigens, da, wo es notwendig ist, und erst recht dort, wo indiskretes Sprechen dem anderen schaden kann. Und auch Ich würde mich mit dieser Erfahrung nicht so lange aufhalten, wenn ich sie nicht bis in die jüngste Zeit hinein- immer wieder bestätigt gefunden hätte." + Wenn Marie Juchacz" die Diskretion gegenüber den persönlichsten Leben anderer" als eine der schönsten Tugenden hervorhebt, bedeutet das gleichzeitig, dass sie selbst von anderen die Diskretion gegenüber ihrem eigenen Leben erwartete. Sie hat es den anderen", den Menschen, mit denen sie auch in eggster Arbeit und Freundschaft verbunden war, kakakkxXXX*** durch ihr Verhalten leicht gemacht, eigenes diesen standpunkt zu respektieren. Fragen, die sich zwangsläufig gesprächsweise auch einmal auf ihre private Sphäre ausdehnten, wurden von ihr so allgemeingültig beantwortet, dass niemand daraus irgenwelche Schlüsse ziehen konnte. Von sich aus schnitt sie Dinge, die sich im eigenen Hause abspielten, niemals an Der Biograph, der gerade dem Menschlichen dieser Frau gerecht werden will, steht also vor keiner leichten Aufgabe, umsomehr, als gerade" das Private", die eigene Situation, das eigene Erleben und Erlebnis dieser Frau der stärkste Motor war, der sie- auch wenn es ihr selbst mitunter nicht ganz klar war foder bewusst nicht klar sein wollte!), auf den Weg führte, den sie konsequent und in jeder Situation gegangen ist, auch in der Emigration, in der in Form sie nicht Anteti am sozialen und politischen Leben nehmen am konnte, wie es ihrem Temperament und Bedürfnis entsprach. Als Marie Juchacz" im weisen Alter" begann, Stationen und Erlebnisse erst mit Stichworten, dann mit ausführlicheren Notizen und auch 112- xxxxkizk* X* XXX zusammenhängenden Abschnitten zu formulieren, musste sie sieh plötzlich selbst damit auseinandersetzen, ob und in welchem Umfange bei einem solchen" Rechenschaftsbericht über das eigene Leben" dxxxRxixxkkakan Ereignisse aus der eigenen Sphäre berücksichtigt oder eliminiert werden müssen. Manches wurde durchgeerneut strichen, mit anderen Gedanken neu formuliert, dangestrichen, später mit einer Randbemerkung aus dem Privatleben wieder ergänzt. Kein Aussenstehender könnte damit etwas anfangen. Nur Angehörige, die Marie Juchacz auch in ihrem privaten Dasein erlebfür das ten, sehen darin die Zusammenhänge, die beben auch der Menschen gültig sind 張 太 淋 de in Licht der Öffentlichkeit stehen. Saxxxkk* x* x* x* k kxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx So erklärt sich das Bemühen - im Sinne der von Marie Juchacz verstandenen Diskretion, aus dem dennoch" privaten" und öffentlichen Leben dieser Frau das herauszufinden, was sie wirklich xxxx vom Wesen, Charakter- und auch vom Herzen her war. 2 Für viele, die sie kannten, mag es oft oder immer?- den Anschein gehabt haben, als ob" hr Herz" n ur ihrer politischen Aufgabe gehört habe. Die meisten ihrer engsten und besten Mitstreiterinnen haben noch zu ihren Lebzeiten und nach ihren Tode versucht, sich selbst darüber klar zu werden. So sagt Anna Stieglery " Wenn ich ehrlich sein soll: ich habe nie einen wirklich persönlichen Kontakt zu Marie Juchacz gefunden. Ob es an mir lag, oder an uns beiden? Ich weiss es nicht. Lotte Niehaus, die ich fragte, da sie ja von Anfang an in der Arbeiterwohlfahrt' uitgearbeitet hat, sagte dasselbe. Bei allen: Hochachtung für ihre Leistungen, aber darüber hinaus haben wir alle sie kaum kennen gelernt, und das ist sehr schade!" Wie diskrepant klingt es, wenn Marie Juchacz auf ihre Fragen, warum gerade sie für diese oder jene Funktion ausgesucht wurde, zur Antwort erhielt: " Weil wir Sie kennen!" # -111gekommen, Männer und Frauen. Es lag vielleicht in meiner Arbeit, vielleicht auch an meiner Art, dass ich in so viel menschlich- seeLeid lischest hineinschauen musste. Wenn der Einzelne mit einer Verzweiflung, seinen Konflikten und Problemen zu einem von uns kommt, weil er sich nicht ohne menschlichen Beistand zu helfen weiss, haben wir uns zuerst die Frage nach dem" Warum?" yorzulegen. Nicht das" Moralisier n" ist dann unsere Aufgabe, nicht das" Beurteilen müssen" oder gar das Verurteilen, dann users ugxks Smetre. Wir haben nur Rat zu geben und Hilfe wenn wir das können( es ist nicht immer möglich). Das Selbstverständlichste aber ist die Pflicht des Schweigens, da, wo es notwendig ist, und erst recht dort, wo indiskretes Sprechen dem anderen schaden kann. Und auch Ich würde mich mit dieser Erfahrung nicht so lange aufhalten, wenn ich sie nicht bis in die jüngste Zeit hinein immer wieder bestätigt gefunden hätte." O Wenn Marie Juchacz" die Diskretion gegenüber den persönlichsten Leben anderer"/ als eine der schönsten Tugenden hervorhebt, bedeutet das gleichzeitig, dass sie selbst von anderen die Diskretion gegenüber ihrem eigenen Leben erwartete. Sie hat es den anderen", den Menschen, mit denen sie auch in eggster Arbeit und Freundschaft verbunden war, kakakkxxxxx durch ihr Verhalten leicht gemacht, eigenes diesen Standpunkt zu respektieren. Fragen, die sich zwangsläufig gesprächsweise auch einmal auf ihre private Sphäre ausdehnten, wurden von ihr so allgemeingültig beantwortet, dass niemand daraus irgenwelche Schlüsse ziehen konnte. Von sich aus schnitt sie Dinge, die sich im eigenen Hause abspielten, niemals an. Der Biograph, der gerade dem Menschlichen dieser Frau gerecht werden will, steht also vor keiner leichten Aufgabe, umsomehr, als gerade" das Private", die eigene Situation, das eigene Erleben und Erlebnis dieser Frau der stärkste Motor war, der sie auch wenn es ihr selbst mitunter nicht ganz klar war foder bewusst nicht klar sein wollte!), auf den Weg führte, den sie konsequent und in jeder Situation gegangen ist, auch in der Emigration, in der in d sie nicht Anteil an sozialen und politischen Leben nehmen g konnte, wie es ihrem Temperament und Bedürfnis entsprach. Anterform Als Marie Juchacz" im weisen Alter" begann, Stationen und Erlebnisse erst mit Stichworten, dann mit ausführlicheren Notizen und auch . - 112- xxxxkink* X* XXX zusammenhängenden Abschnitten zu formulieren, musste sie sieh plötzlich selbst damit auseinandersetzen, ob und in welchem Umfange bei einem solchen" Rechenschaftsbericht über das eigene Leben" dxgxRxixxkkakan Ereignisse aus der eigenen Sphäre berücksichtigt oder eliminiert werden müssen. Manches wurde durchgeerneut strichen, mit anderen Gedanken neu formuliert, dan gestrichen, später mit einer Rand bemerkung aus dem Privatleben wieder ergänzt. Kein Aussenstehender könnte damit etwas anfangen. Nur Angehörige, die Marie Juchacz auch in ihrem privaten Dasein erlebten, sehen darin die Zusammenhänge, die beben auch der Menschen für das en gültig sind ********* e in Licht der Öffentlichkeit stehen. Raxxxkkäxkxxixk So erklärt sich das Bemühen im Sinne der von Marie Juchacz verstandenen Diskretion-, aus dem dennoch" privaten" and öffentlichen Leben dieser Frau da s herauszufinden, was sie wirklich 2 xxx von Wesen, Charakter und auch vom Herzen her var. Für viele, die sie kannten, mag es oft oder immer.- den Anschein gehabt haben, als ob" hr Herz" n ur ikrer politischen Aufgabe gehört habe. Die meisten ihrer engsten und besten Mitstreiterinnen haben noch zu ihren Lebzeiten und nach ihren Tode versucht, sich selbst darüber klar zu werden. So sagt Anna Stieglery " Wenn ich ehrlich sein soll: ich habe nie einen wirklich persönlichen Kontakt zu Marie Juchacz gefunden. Ob es an mir lag, oder an uns beiden? Ich weiss es nicht. Lotte Niehaus, die ich fragte, da sie ja von Anfang an in der Arbeiterwohlfahrt mitgearbeitet hat, sagte dasselbe. Bei allen: Hochachtung für ihre Leistungen, aber darüber hinaus haben wir alle sie kaum kennen gelernt, und das ist sehr schade!" Wie diskrepant klingt es, wenn Marie Juchacz auf ihre Fragen, warum gerade sie für diese oder jene Funktion ausgesucht wurde, zur Antwort erhielt: " Weil wir Sie kennen!" Xeikxnzxxxixxkx* x* x* x* x* x* x* x* x* x* x &&& 支 - 113Villeicht gelingt es mit diesem Buch, sie auch menschlich all denen nahe zu bringen, die kaxxa über die Zusammenarbeit mit ihr hinaus das Bedürfnis hatten, etwas mehr von diesen Menschen, Hight voll der Politikerin, zu wissen. ur Es gehörte in der Pionierzeit der sozialistischen Bewegung sehr viel Idealismus dazu, sich mit politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kommunalen Problemen zu beschäftigten. Das geschah" auf eigene zum Kartoffelholen. Paul war körperlich deshalb schwach, weil er[] mehrere Male im Krankenhaus lag. Einmal war er dem etwas wendigeren Fritz über das Treppengeländer nachgerutscht, hatte das Gleichgewicht verloren und war vom ersten Stockwerk aus mit dem Kopf auf eine Eigenmatte gefallen. An der Gehirnerschütterung hatte er lange auflösen, 2 sütre machen. - waren " Elisabeth und ich hatten an dieser Arbeit unsere berechtigte Freude. Da die Soldaten ja nun einmal versorgt werden mussten, und viele ungewie auch Emil Kirschmann rer Freunde und nächsten Bekannten an irgend einer Front in Westen oder Osten, zusammen mit den Millionen anderen, und da die zu Hause wartenden Frauen eine Nebeneinnahme erhielten, glaubten wir, die durch den nicht von uns provozierten Krieg in seinen Auswirkungen wenigstens etwas mildern zu können. nämlich mit den tegelede verbänden zusammerziertesten nishje Marie Juchacz musste eine schnelle und gute Entscheidung treffen. Mit ihrer Schwester Elisabeth war sie sich über das, was zu tun war, einig, wie würden die Sozialdemokratischen Frauen denken? Und die wenigen Parteifreunde, die noch in Köln und der weiteren Umgebung sassen? " Co weit ich ihrer habhaft werden konnte, waren sie für Mitmachen. Auch die Freunde auf der Redaktion redeten uns zu. So meldete ich uns telean!" fonisch( an" Veel veen häler volens der Müastline benu • - 146In Köln wurde die Übersiedelung von Marie nach Berlin besprochen. " So ist das, Lisbeth. Von Berlin ging ich nach Köln, und Du bist dann mit den Kindern hierhergekommen. Jetzt gehe ich ohne die Kinder nach Berlin, aber wie die Dinge jetzt hiegen, wirst Du längere Zeit in Köln bleihen müssen." ( ་་་ མི་ རན་ འད " Und mit den Kindern, Marie. Wir können sie jetzt, mitten in Krieg, nicht noch einmal umschulen. Sie haben ihre Spielgefährten hier, der Unterricht ist trotz Krieg verhältnismässig gut, und ausserdem haben wir uns an der Ecke der Siebengebirgsallee das kleine Grundstück gemietet, auf dem die Kinder einen Schrebergarten bauen wollen, um Gemüse und Kartoffeln anzubauen. Wer weiss, ob das in Berlin möglich ist." " Ich mache mir nur sorge, Lisbeth, wie Du mit allem alleine fertig werden willst." " Lotte ist mit ihren dreizehn Jahren eine grossartige Hilfe, sie ersetzt bereits einen Erwachsenen. Und mit Paul und Fritz werden wir Frauen schon fertig." Marie war nicht ganz überzeugt davon. Ausserdem bedrückte es sie, ohne Schwester und Kinder nach Berlin zu gehen. Sie zögerte die Abreise so lange wie möglich hinaus. Aber der Tag der Trennung kam schnell. " Jetzt wollen wir das nachholen, was wir damals in Berlin versäumten, Marie. Wir gehen zu Unverdruss und lassen uns fotografieren, damit Du von uns und den Kindern wenigstens einige Bilder bei Dir hast." Aber auch wurde nichts daraus. Der erste grosse Kohlrübenwinter war gekommen, und Schmalhans wurde Küchenmeister. Morgens zum Frühstück gab es eine Scheibe Brot mit Kohlrübenaarmelade, dazu einen Schluck Rübenkaffee. Mittags zogen Paul und Fritz mit einem Eimer los, um das Essen von der Massenspeisung zu holen. Die nächste Verteilungspłatxxxxx stelle war der Barbarossaplatz, am Ende der Luxemburgerstrasse, Mit der Elektrischen brauchte man eine Viertelstunde, zu Fuss waren es hin und zurück fast zwei Stunden. Die Jungens wollten das Strassen 154 " Eigentlich müsste man verzweifeln, Lisbeth. Was hatten wir davon, dass wir mit 163 Mandaten in die Nationalversammlung gewählt wurden? Es gab trotzdem noch 42 Deutschnationale, 21 Deutsche Volksparteiler, 75 Deutsch- Demokraten, 75 Christliche Volksparteiler, 22 Unabhängige und 10 Splitter- Parteiler. Wir haben mit Mühe und Not Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten wählen können( am 11. Februar), Xxxxxx* x* XX*** x* x* x* x* x* x* x* x Von allen Abgeordneten stellen wir ein gutes Drittel. In Deutschland geht es drunter und drüber. Und jetzt dieser Friedensvertrag. Dr. Bell und Hermann Müller haben unterschrieben. " Und was wäre gewesen, wenn sich niemand zur Unterschrift gefunden. hätte? Clemenceau hat keinen Zweifel daran gelassen, was dann geschehen würde. Nach meiner Meinung hat Wilson bei den ganzen Verhandlungen keine Rolle gespielt, die Franzosen haben entgegen aller Vernunft gehandelt. So und so nimmt das kein gutes Ende." " Dabei sollte es ein guter Anfang werden. Ich ahne, wie sich Deutschlands Zukunft entwickeln wird. Unsere Wirtschaft braucht Jahrzehnte, um sich zu erholen. Das durch den Krieg heingesuchte Deutschland wird sich nicht von den Folgen dieses Krieges erholen können, und neue Folgen aus diesem Friedensvertrag werden das Elend noch vergrössern. Was das politisch bedeutet, ist mir nur zu klar." " Mir auch, Marie. Es wird eine Radikalisierung geben, und zwar auf zwei Seiten: ganz rechte und ganz links. " Du meinst also Remilitarisierung auf der Rechten und Bolschewisierung auf der Linken? Oh armes Deutschland!" Solche etwas deprimiert klingenden privaten Gespräche konnten Marie Juchacz aber nicht in ihrer politischen Aktivität hindern. Der alte Gedanke, während des Krieges schon im Rheinland diskutiert und wieder zurückgedrängt, tauchte wieder auf: die Arbeiterschaft muss der Arbeiterschaft helfen, die Not zu lindern. ten konnte er auch. Auf ein Ei," Dass ohne Schale zur Welt gekommen war"( so formulierte es Fritz), schrieb Onkel Emil zu Ostern den sinnigen Spruch:" Gack, gack, gack, ich leg' ein Ei, ruft mal schnell den Fritz herbei, dass er seh' dass trotz Geschrei, in dem Nest ein Windet sei." " Ich habe sie bis jetzt für einen Menschen gehalten, der die Klarheit, indirekt formulieren aber auch ehedene Härte besitzt, um mit allen Widerwärten fertig zu werden." " Man hat vielleicht diesen Eindruck von mir, aber...". Marie und Friedrich Ebert sassen sich eine Weile schweigend gegenüber. Dann stand sie auf und sagte: " Gut. Ich nehme Amt und Arbeit an, muss aber noch einmal nach Köln zurück, denn meine Arbeit dort kann ich nicht von heute auf morgen im Stich lassen." Drendgender Ablauf 159Kleding radiantraine anderen Voraussetzungen und bei völlig verlagerten Gesichtspunkten an diese Arbeit herangehen. In diesem Zusammenhang muss der Name einer Frau genannt werden, die sich um die' Arbeiter- Wohlfahrt' in besonderem Maße verdient gemacht hat. Mit dem, was sie einmal niederschrieb, greift sie zwar der Chronologi dieses Buches mit einigen Gedanken vor, charakterisiert aber zugleich auch das Wesen von Marie Juchacz: Zu der Frauen, die nach 1918 sehr bald zur Mitarbeit in Ministerien berufen wurden, gehörte auch Margarete Trapp, die heute in BerlinWilmersdorf lebt. Sie wurde am 1. August 1922 in das Preussische Handelsministerium berufen und mit der Bearbeitung der Fragen des Frauen-, Jugendlichen- und Kinderschutzes sowie weiterer Fragen des Arbeitsschutzes beauftragt. Sie sagte: - - 169" Im preussischen Landtag machten mich rheinische Parteifreun bald mit unserer Landtagsabgeordneten, Elisabeth Roehl, bekan brachte mich ebenfalls sehr schnell zu ihrer Schwester Marie Ju in den Reichstag. Nie habe ich vergessen, wie vorsorglich ich durch sie, als politischer Neuling, mit den Aufgaben unserer Partei und der AW vertraut gemacht wurde. Da mals sagte mir Marie: ' Es kann schon einmal vorkommen, dass einige unserer Frauen nicht den richtigen Ton finden. Dann darf man das aber niemals anderen gegenüber kritisieren. Am besten ist es, das so bald als möglich zu vergessen. Durch Marie Juchacz wurde ich auch des öfteren als Referentin zu Kursen der AW herangezogen, um über meine Aufgaben im Handelsministerium zu sprechen und um die Schutzbestimmungen und ihre Vorschriften zu erläutern. An einen Kursus, der in einem AW- Hein an der Ostsee nahe Travemünde stattfand, erinnere ich mich besonders gern. Damals musste ich nach dem Vorsc lag von Marie Juchacz an mehreren Tagen sprechen. Als der Kuraus beendet war und ich abreisen kusste, begleiteten mich alle Kursus- Teilnehmerinnen zum Bahnhof und sangen mir auf dem Bahnsteig ein Lied. Ich empfand es als eine besondere Auszeichnung, dass Marie Juchacz mir ganz spontan einen Abschiedskuss gab. Aus Amerika hat sie mich, die ich in der Ostzone bei unglaublicher Arbeitslast schlimmen Hunger litt, sogar mit Paketen bedacht. Meine Mutter ist damals an Unterernährung gestorben."