Anläßlich unseres großen Verlustes haben uns so zahlreiche Beweise freundschaftlicher Gesinnung und warmer Teilnahme erreicht, daß wir Wilhelm Sollmanns Freunden in aller Welt nur auf diese Weise unseren tiefgefühlten Dank ausdrücken können. Käte Sollmann Elfriede M. Sollmann Pendle Hill, Wallingford, Pa., und New Haven, Conn., am 1. April 1951, dem Tag, an dem Wilhelm Sollmann sein 70. Lebensjahr vollendet hätte. die die rache h so aime cher Meter geveise Bergchen inchdige achothy chen elbst Synstler aben hren Eleonore Noelle spricht Rita Hayworth in dem Film ,, Liebesnächte in Sevilla" Neue Dollh's Zeitung 15, Nov. 1947 Sonnabend, land und alles übrige schon ihre Meinung mit oder ohne Erlaubnis. sagen - Sieh da: Emil Ludwig! Er hat es wirklich fertig gebracht. In deutschen Zeitungen steht ein Artikel, betitelt:" Das deutsche Doppelwesen. Von Emil Ludwig." Eigentlich müsste es heissen: " Emil Ludwig. Von Emil Ludwig." Denn er handelt nur von ihm." Meine beiden in 27 Sprachen erschienenen Bücher..."" Ich bin schon 1932 Schweizer Bürger geworden, nachdem ich seit 1907 auf eigenem Grund und Boden dort gelebt hatte."" Roosevelt und Masaryk... luden mich ein, sie auf meine Art zu porträtieren."" Da ich inzwischen das Vertrauen des Präsidenten Roosevelt gewonnen hatte und seit langen Jahren meine Schriften in Nord- und Südamerika bekannt waren, konnte ich während des Krieges versuchen, in Vorträgen und Radio, einmal sogar im Kongress selbst, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.... Nachdem mein Goethe- Buch 1932 in einer Volksausgabe von 100,000 neu in deutscher Sprache erschienen war,..." Das Mussolini- Buch mit seiner Verherrlichung des Duce war, wie der erstaunte Leser jetzt erfährt, eine von Mussolini verübte Fälschung, gegen die sich der Autor erstaunlicherweise, solange der Diktator noch lebte, nie gewehrt hat. Die richtige Ausgabe, die jetzt von Antifaschisten ebenso gerne gelesen wird, wie einst die falsche von den Faschisten, ist jetzt in Italien herausgekommen. Ferner empfiehlt er sein neues zweibändiges" Hauptwerk" betitelt:" Geist und Macht in der deutschen Geschichte." Natürlich stellt sich Emil Ludwig auf die Seite des " deutschen Geistes", der einem deshalb aufrichtig leid tun kann, aber dagegen lässt sich nichts machen. Dass er selber in beiden Weltkriegen ein literarischer Offiziersdiener der " Macht" gewesen ist im ersten der preussischen, deren" Fritzengeist" er besang, im zweiten der amerikanischen, die er mit ember 1947 an die" Neue Volksz ART H. SEGER olis, Minnesota, 10. November. tragstour in Minnesota- und entlegensten Winkel des Staates cht besser kenne als der GouverRecht festgestellt werden, dass ttlicher denkt, als die meisten on oder anderen unerklärlichen t. n ท O a Da fand in Minneapolis eine Tagung von Geschäftsleuten statt, für die der Hauptredner der landwirtschaftliche Redakteur der sehr gut geleiteten Des Moines( Iowa) Tageszeitung, " Register and Tribune". J. S Russell war. Unter dem Beifall der Versammlung rechnete er mit einem der eigensinnigsten Kongressabgeordneten aus Minnesota ab, dem hier schon erwähnten Republikaner August Andresen ( Red Wing). Russell, der von einer Reise durch den grösseren Teil des westlichen Europa zurückgekehrt ist, bezeichnete es als den entscheidenden Eindruck seiner Beobachtungen, dass in Europa der unterste Standard der Ernährung erreicht worden sei eine andere Feststellung könne niemand treffen, der mit offenen Augen und nicht mit einer vorgefassten Meinung sich in Europa umsehe; und, el Beifall der Anv hinzu, er mein für Hungernde stehen müsse! Nachdem der anti- kommunisti den" CIO"-Ge Minnesota auf wähnten Staa Hibbing gesieg Mehrheit des stellt, werden r werkschafts- O gemacht, um 0 herrschung alle Stellen durch oder die von il völlig zu besei hört die Redakt Minnesota- Verba herausgegebenen nesota Labor". führer des Blatte Mann namens Sa 1934 als Kandida stischen Partei f neursposten aufg war; der Redakt ein Mann namens son, der die Red chend der kommu teilinie geführt der Tagung in Hi RSEAS CORPORATION RT NUNG DES NEUEN Für die meiner Mutter MARIE JUCHACZ gezeigte Liebe und Verehrung darf ich Dank sagen. Ihre Blumen schmücken auf dem Südfriedhof in Köln die Gräber der Opfer des Krieges. Düsseldorf, im Februar 1956. Charlotte Juchacz h. w. mit schönen Grüssen Trauerfeier für Frau Marie Juchacz am 1. Februar 1956 in Köln Orgel: Präludium in e- moll Es sprechen: Heinrich Albertz Hertha Gotthelf Johann Sebastian Bach 1. Vorsitzender des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt Mitglied des Parteivorstandes der Sozialdemokratischen Partei Louise Schröder Mitglied des Bundestages Theo Burauen Frida Cleve Lotte Lemke Orgel: Fuge in e- moll Bürgermeister der Stadt Köln Deutschlands für die Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege 2. Vorsitzende des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt Johann Sebastian Bach Meine Mutter Marie Juchacz geb. Gohlke starb heute in ihrem 77. Lebensjahre. Wir nehmen Abschied von ihr Mittwoch, den 1. Februar 1956, 16 Uhr, im Krematorium in Köln- Bickendorf( Westfriedhof, Venloer Straße). Für ihre Angehörigen und Freunde: in Trauer Charlotte Juchacz Düsseldorf, den 28. Januar 1956. San- Remo- Straße 3 Beerdigungsanstalt J. Busch, Düsseldorf, Kölner Str. 271 Für die meiner Mutter MARIE JUCHACZ gezeigte Liebe und Verehrung darf ich Dank sagen. Ihre Blumen schmücken auf dem Südfriedhof in Köln die Gräber der Opfer des Krieges. Düsseldorf, im Februar 1956. Charlotte Juchacz Lieber Fritz! heute war ich mit Rudolf in Köhn. Gestern war er big bei mig. Ich habe ihn sehr gern und möchte, daß er sich uns etwas ausschliefst. Wenn es wieder im Alegan ist, meldet er sich vielleicht bei Dir. Wenn Du es dann kannst, wirst Du Dich auch genug annehmen. Vorläufig glaube ich, daß er ein feuch Bursche ist. Herzlichst Källe Meine Mutter Marie Juchacz geb. Gohlke starb heute in ihrem 77. Lebensjahre. Wir nehmen Abschied von ihr Mittwoch, den 1. Februar 1956, 16 Uhr, im Krematorium in Köln- Bickendorf( Westfriedhof, Venloer Straße). Für ihre Angehörigen und Freunde: in Trauer Charlotte Juchacz Düsseldorf, den 28. Januar 1956. San- Remo- Straße 3 Beerdigungsanstalt J. Busch, Düsseldorf, Kölner Str. 271 Herrn Fritzmi chael Roehl München 15 Schubertstr. 4 FACKEL TRAGER YERLAG Hannover, den 12. April 1957 Sehr geehrter Herr Roehl! Um Ostern herum werde ich nach Süddeutschland kommen und würde Sie dann auch gern in München aufsuchen. Sie sehen, daß sich ein vielgeplagter Verlagsbuchhändler noch nicht einmal zu Ostern Ruhe gönnen kann. Aber ein Trost ist ja dabei: Diese Arbeit ist die schönste, die man tun kann. Vielleicht sollte man diese Verhandlungen überhaupt nicht als" Arbeit" klassifizieren. Bitte schreiben Sie mir doch umgehend, ob ich Sie in München antreffen werde- über den genauen Termin würde ich Sie noch informieren. Ich werde mich am Donnerstag den 18. April auf die Reise begeben. Mit besten Grüßen Ihr རི་ གཞན་ ཆ་ ཡི་ ཆད་ FACKELTRÄGER- VERLAG SCHMIDT- KUSTER G.M.B.H. HANNOVER GEORGSTRASSE 52 RUF 25826 POSTSCHECKKONTO: HANNOVER 7108 • BANKKONTO: 13938 BEI COMMERZ- UND DISCONTO- BANK, HANNOVER Herrn Dr. Hans Hirschfeld Altenburger Allee 19 Berlin- Charlottenburg 5. Februar 1957. Lieber Hans, Du hast ja soooooo recht! Mit allem, was Du Dir über uns denkst. Aber was nützen Dir jetzt Weihnachtswünsche, Sylvestergrüsse? Soll ich Dir nicht doch ausserhalb eines erzwungenen Kalenderanlasses aus freien Stücken sagen, dass ich Dein guter Freund bin?- Und dass ich hoffe, dass Du mir Deine Freundschaft nach wie vor erhältst. Wir werden dann ja auch einmal in praktischer Arbeit zusammensitzen müssen. Ich habe mir kurz vor Weihnachten von Lotte Lemke aus Bonn die gesamten Unterlagen biographischen Stils von Marie geholt. Die grosse Mutti ist schon eine Biographie, oder eine biographische Skizzierung in irgend einer literarisch- politischen Form wert! Und wenn es ein biographischer Roman ist. Diese Idee hatte ich schon vor fast einem Jahr, als Marie nur noch das Andenken an sie zurückliess, ich sprach zu Lotte Lemke davon. In letzter Zeit haben wir darüber korrespondiert, um Form und Weg zu finden. Form ergibt sich aus den Unterlagen und dem, was unbedingt dazugetragen werden muss. Weg hängt von der Finanzierung eines solchen Verlags objektes ab. Das will L.L. in diesen Wochen klären. Du kennst mich doch, Hans!- Eine Pause ist niemals ein Schnitt! In diesem Sinne ganz herzliche Grüsse, Dein Frau Käthe Kirschmann Kurheim der AW Haus Hohenfeld Ründeroth Hohenstein 10 5. Februar 1957. Liebe Käthe, Dank für Deine Karte!- Schade, dass es mit dem Urlaub- Anhängen für München- Naila nicht geklappt hat. Aber das daff nicht aus der Welt sein, dann eben ein andermal. Und Du hast Dich wieder einmal breitschlagen lassen. Nun ja, so ist man nun einmal. Du schreibst, dass Du ab 1.4. wahrscheinlich wieder auf Noderney bist. Ich sehe mir daraufhin meinen Kalender an und stelle fest, dass Ostern am 21. und 22.4. ist, d.h. Karfreitag ist am 19.4. Maria macht ja sicher Osterferien, die Schule wird sicher am 17.4. schon schliessen. Vielleicht können wir es so einrichten, dass wir über Ostern nach Norderney kommen. Es ist dann zwar noch kein Sommer, der Frühling steht vor der Türe und es wird noch recht frisch sein, aber wahrscheinlich hätte Maria Zeit bis- nehmen wir an- zum 24.4. Zwei Reisetage und drei Tage Aufenthalt machen 5 Tage. Mal sehen, ob das " drin" ist.- Oder vielleicht Pfingsten. Da liegt zwar eine Ausstellun in Forchheim, an der Marias Schule beteiligt ist, aber ich kenne die Termine nicht genau. Maria wird das ausschnapseln. L.L. hat mir geschrieben, dass sie grundsätzlich mit meinen konstruktiven Vorschlägen einverstanden ist, und dass sie jetzt noch mit der SPD, deren Wünschen und dem möglichen Verleger" abstimmen" muss. Ich weiss, dass das nicht schnell geht, und warte erst einmal ab, ohne mich bei L.L. erneut zu melden, ich will sie nicht wirsch machen. Wenn es so weit ist und man auf den Knopf drücken kann: bitte, ich bin dann bereit. Bis dahin habe ich mich sowieso einmal ganz intensiv durch das Matèrial hindurchgelesen, was ja sein muss.- Über den Amerika- Teil könnte ich jetzt schon viele Fragen stellen, ich warte aber damit. Ich werde Dich, Hans Hirschfeld, und viele andere fragen müssen. Mir kommt es auf kurze Antworten an, und auf Tips, für Dinge, die unterlagenmässig nicht vorhanden, die aber entwicklungsmässig wichtig und erwähnenswert sind. Nur diesen kleinen Brief, Käthe, damit der Kontakt bleibt. Ganz herzliche Grüsse! Dein VERLAG NACH J. H. W. DIETZ GMBH Herrn Fritzmichael Roehl München Schubertstr. 4 15 BERLIN UND HANNOVER HANNOVER Georgstraße 52 Fernsprecher 16471 POSTSCHECKKONTO Gustav Schmidt- Küster Verlags- Sonderkonto Nr. 76000 Postscheckamt Hannover BANKKONTO Gustav Schmidt- Küster Verlags- Sonderkonto Nr. 83 22 bei der Bank für Wirtschaft und Arbeit AG., Hannover Ihre Zeichen Ihre Nachricht vom Unser Zeichen Tag Ro./v.Gr. 18. März 1957 Sehr geehrter Herr Roehl, ich komme heute noch einmal auf mein Schreiben vom 26. Februar 1957 zurück. Ich mußte umdisponieren: Ende dieser Woche fahre ich für 14 Tage nach Genf, um dort an einem Seminar teilzunehmen. Ich werde Sie also dann nicht vor Mitte April aufsuchen können und hoffe, daß Sie damit einverstanden sind. Mit bestem Gruß Verlag nach J.HW. Dietz G.m.b.H. Hannover, Georgstraße 52 bul Herrn Rosenbach Verlag nach J.H.W.Dietz GmbH. Georgstrasse 52 Hannover Betrifft: Erinnerungsbuch Marie Juchacz 17/3/57 Sehr geehrter Herr Rosenba ch, entschuldigen Sie bitte meine verspätete Antwort, aber da ich mit Ihrem Treffpunkt- Vorschlag für Ende März- Anfang April wegeh der klimatisch besseren Atmosphäre einverstanden bin, kommt dieser Brief ja noch rechtzeitig genug. Den genauen Termin Ihrer Fahrt nach München würde ich allerdings gern acht Tage vorher von Ihnen erfahren, da ich mit einem Fotoauftrag einige Tage ausserhalb Münchens zu tun haben werde. Mit besten Grüssen Bl. 27 Dieser Abschnitt wird dem Zahlungsempfänger ausgehändigt 200. DM von - Pf Arbeiterwohlfahrt Hauptausschuß e. V. Geschäftsstelle ( 22c) Bonn Dottendorfer Str. 168 Konto Köln 13061 betrifft: Horror it. Musi felir 15.8.57 ( Verwendungszweck, Rechnung, Kassenzeichen, Buchungsnummer) KOLN * 30 8.57 a PSch A ARBEITERWOHLFAHRT HAUPTAUSSCHUSS E. V. AD Herrn Fritzmichael Roehl München 15 Schubertstr. 4 BONN, den 14. Januar 1957 DOTTENDORFER STRASSE 168 RUF 231 84-87 Akt.- Zch.:.. Le/ Kr. Bitte bei Rückantwort anzugeben Lieber Fritz Roehl! Verzeihen Sie, daß ich erst heute auf Ihre Briefe antworte% 3B ich will eigentlich nur auf den letzten antworten, weil er schon ganz konstruktiv ist. Ich habe auch mit Freunden vom Parteivorstand die Frage der Biographie besprochen; auch sie sind der Meinung, daß man einen größeren Verlag suchen muß, dem man die Sache durch die Garantie der Abnahme einer bestimmten Anzahl von Exemplaren schmackhaft macht. Außerdem wäre wohl auch zu erwarten, daß die Bundeszentrale für Heimatdienst die Abnahme eines Teils der Auflage garantiert. Wir denken an den Verlag Dietz oder den Fackelträger- Verlag. - Bei Dietz ist Maries Buch" Sie lebten für eine bessere Welt" erschienen. Der Leiter des Verlages wird mich am 28. Januar ich merke eben, daß das Maries Todestag ist- hier in Bonn aufsuchen. Ich werde mit ihm eine Vorbesprechung führen%; B von dem Ergebnis wird es dann abhängen, ob Sie selber noch zum Verlag fahren müssen, um die näheren Vereinbarungen zu treffen( über Honorar, Vorschußzahlung pp.). Dies in Eile, ich verreise für 14 Tage. Mit herzlichen Grüßen Ihre gez. Lotte Lemke ( vor Abreise diktiert) Bank: v. Schulz, Tegtmeyer& Co., Bonn, Hofgartenstraße 9, Konto- Nr. 112 Postscheck: Köln, Konto- Nr. 13061 Verlag nach J. H. W. Dietz GmbH. Herrn/ Firme Hannover, Odeonstraße 12 Fernruf 15836 Wir sind umgezogen: Georgstraße 50 B LIEFERSCHEIN Fritzmichael München 15 Schubertstr. 4 Roehl Sie erhalten vorab: 1 Expl. Roehl, Marie Juchacz und die Hannover, den 18. Dez. 1961 Jk. Arbeiterwohlfahrt Verlag nach J. H. W. Dietz GmbH. Berlin und Hannover Verlag nach J. H. W. Dietz GmbH. 0 Hannover, Odeonstraße 12 Fernruf 15836 Wir sind umgezogen: Georgstraße 50 B Herrn/ Firma Fritzmichael LIEFERSCHEIN Roehl Sie erhalten Hannover, den München 15 Schubertstr. 4 anliegend die Ihnen lt. Vertrag zustehenden Freiexemplare Ihres Werkes: 10 Expl. Roehl:" Marie Juchacz und die Arbeiterwohlfahrt" 22: 1. 1962 Sch. Verlag nach J. H. W. Dietz GmbH. Berlin und Hannover Herrn Fritzmichael Roehl München Schubertstr. 4 15 VERLAG J. H. W. DIETZ NACHF. GMBH BERLIN UND HANNOVER HANNOVER GEORGSTRASSE 50B FERNSPRECHER 16471 POSTSCHECKKONTO NR. 760 00 HANNOVER BANKKONTO NR. 8322 BEI DER NIEDERSACHSISCHEN BANK FÜR GEMEINWIRTSCHAFT, HANNOVER Hannover, den 13. Oktober 1961 Ro./v.Gr. Sehr geehrter Herr Roehl, herzlichen Dank für Ihr Schreiben vom 10. Oktober 1961. Über den Verlauf Ihres Gespräches mit Frau Lemke war ich durch ein Telefongespräch, das ich mit Frau Lemke führte, schon informiert worden, und ich habe auch Frau Lemke gegenüber meiner Freude Ausdruck verliehen, daß wir nun doch eine für alle Teile befriedigende Lösung gefunden haben. Wir hatten einige Fotos hier, und ich meine, das war das ganze Material, das uns zugegangen ist. Selbstverständlich bekommen Sie Ihre Unterlagen nach Drucklegung zurück. Sie konnten noch nicht erfahren, wie Einband und Schutzumschlag graphisch gestaltet werden, da dieses sich für den Verlag erst in diesen Tagen entschieden hat und Frau Lemke selber diese Unterlagen erst in der kommenden Woche in Frankfurt zu Gesicht bekommen wird. Wir schicken Ihnen gern einen Andruck vom Schutzumschlag, der dem Thema gemäß sehr zurückhaltend in der graphischen Gestaltung aber doch, wie wir meinen, werbewirksam ist. Ein" knallender" Schutzumschlag wäre unserer Meinung nach, und sicher befinden wir uns da mit Ihnen in Übereinstimmung, nicht angebracht gewesen. Wir lassen Ihnen einen Andruck zukommen, sobald dieser vorliegt. Die Auflage des Buches steht noch nicht fest; darüber müssen wir noch mit Frau Lemke sprechen. Mit freundlichem Gruß Ihr Herra Rosenbach Verlag.H.W. Dietz Naehf. GmbH Odeonstrarse 12 Hannover lo. Oktober 1961 Liebe Lotte Lemke, so habe ich ganz schnell- reagiert,- Aas Brunnenwasser ist also ungetrübt. Herzlichst, Ihr Sehr geehrter Herr Rosen bach, mach'em sich heute Lotte Leake aus Bonn in München anrief un wir uns in guter Freun schaft auch sachlich einigten, bleibt es so, wie es nun einmal mit er Biographie Marie Juchacz gelaufen ist. Auch als Grun- Autor soll mein Name bleiben. Ich bitte aur Parum, ihn so auszuschreiben- Fritzgichael in einem Wort-, wie as polizeiurkun lich nun einmal festliegt. Der" Michael" wurde in Familienleben unter rückt, wahrscheinlich deshalb, um meine schwachen Kiarheitserinnerungen an meinen Erzeager, Christian Michael Roehl, zu" ämpfen. Da Lotte Leake Wert darauf legt, ass as Buch ungehen in Druck geht ual bereits in November erscheint, habe ich weine Korrekturea suf as möglichste Minimum beschränkt. Beigefügt erhalten sie ie Spalten 1 bis 42, en Rest schicke ish Ihnen übermorgen aus Naila/ 0fr., wohin ich morgen zurückfahre. Wegen es Bilaterials zur Illustrierung des Buches bin ich vor einiger Zeit von Käthe Kirschmann in Norierney angesprochen worseni Ich habe Ihnen vor zwei Jahren bereits alles zugeschickt, was branchbar wäre un woraus eine Auswahl möglich ist, mehrere Fotos bzw. Repros auc acines Besitz, und einige Archiv- Fotos er AW. leh hoffe, nach Cracklegung meine Aufna aea zurückzubekommen. Bisher habe ich von Ihnen noen nicht erfahren, wie Einband un- wenn ja- Deckumschlag graphisch gestaltet werden sollen. Da ich graphisch and fotografisch vorbelastet bia, interes iert sich ie Lösung sehr. In welcher Auflage soll as Buch erscheinen? Auch as würde ich gerne wissen. Sollten Sie mir antworten, sehreiben sie bitte irekt nach Naila/ Ofr., Stengels trasse 25, wo ich in unserem zweiten Haushalt für ie nächsten Wochen mein Hauptquartier aufschlage. Mit freun lichen Gruss Herrn Fritzmichael Roehl München 15 VERLAG J.H. W. DIETZ NACHF. GMBH BERLIN UND HANNOVER HANNOVER ODEONSTRASSE 12 FERNSPRECHER 16471 Schubertstraße 4 POSTS CHECKKONTO NR. 760 00 HANNOVER BANKKONTO NR. 83 22 BEI DER NIEDERSACHSISCHEN BANK FÜR GEMEINWIRTSCHAFT, HANNOVER Hannover, am 19. September 1961 Md. Sehr geehrter Herr Roehl! Anbei übersenden wir Ihnen die Fahnenabzüge Nr. 1- 42 des Werkes' Marie Juchacz' mit der Bitte um Korrektur und um umgehende Rückgabe. Anlage Mit freundlichem Gruß Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH. i.A. " Sarot hardl ( Marold) Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH. Odeonstrasse 12 Hannover 8. Oktober 1961. Sehr geehrte Herren, aus er beigefügten Kopie meines heutigen Briefes an Frau Lotte Leake können Sie entnehmen, was ich zu er nun in Druck gehenden Biographie Marie Juehaez zu sagen habe. Meine Bitte, eine andere Autoren- Formulierung zu fin'en, ändert nichts an er vertraglichen Abmachung zwischen Ihnen un mir. Die Abmachung, dass ich ie von Frau Hedwig Wachenheim vorgenommene Überarbeitung meines Serppts noch vor Drueklegung im Sommer 1960 vorgelegt bekommen sollte, ist leider nicht eingehalten worden. Dadurch ergab sich ie aumme Situation, mich vor die vollendete Tatsache zu stellen, ass ie Bearbeitung bereits in Satz sei.- Demnach bin ich nicht in der Lage, Fahnenkorrektur zu lesen ,, enn ann müsste vieles neu gesetzt wer en! Es wäre zweckmässig, ie Bürsten abzüge zur Korrektur an Frau Lotte Lemke zu übersenen, ie als Dritte und Letzte ihre sehriftstellerische Han an ieses Werk legte. Mit freun lichen Grüssen Anlage. Z.Zt. Naila/ Ofr. 12. Oktober 1961. Herra Rosenbach Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Odeonstrassse 12 Hana over - steagelstr. 25- Tel. 465 Sehr geehrter Herr Rosenbach, wie versprochen, erhalten sie heute ie letzten( unbereuten en) Korrekturen. Meine Absicht, ie nach meiner Meinung zu harten Übergänge zwisehen" privat" un" Arbeit( aureh en Rotstift entstanden) zu ail ern, habe ich in Interesse der gewünschten Eile fallen gelassen.Ieh würde mich über eine Antwort auf ie letzten Fragen freuen. Mit frean lichen Grass Andage Durch Eilboten Herrn Fritzmichael Roehl VERLAG J.H.W.DIETZ NACHF. GMBH BERLIN UND HANNOVER HANNOVER ODEONSTRASSE 12 FERNSPRECHER 16471 München 15 Schubertstraße 4 POSTS CHECKKONTO NR. 760 00 HANNOVER BANKKONTO NR. 83 22 BEI DER NIEDERSACHSISCHEN BANK FUR GEMEINWIRTSCHAFT, HANNOVER Hannover, am 21. Sept. 1961 Md. Sehr geehrter Herr Roehl! Anbei erhalten Sie die restlichen Fahnenab= züge Ihres Werkes mit der Bitte um Korrektur und umgehende Rücksendung. Anlage Mit freundlichem Gruß Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH i.A. Favold aus Telegramm Deutsche Bundespost 0045 HANNOVER F 16/15/2 1353 Datum Datum Uhrzeit 02 X 61 14 45 LT HERRN FR ROEHL Uhrzeit Platz RD Empfangen TSt München Empfangen von Namenszeichen SCHUBERTSTR 4 MUENCHEN/ 15 Ros 9111TH HANNVR D 0321 et Gesendet Platz Namenszeichen Leitvermerk. WIR BENOETIGEN DRINGEND DIE FAHNENKORREKTUREN ZURUECK DIETZ VERLAG+ Um 10 nstliche Schick 30 500 4. 61 15 COL 4 15+ + C 187, DIN A 5 ( VI, 2 Anl. 4) 0351 ARBEITERWOHLFAHRT HAUPTAUSSCHUSS E. V. Herrn Fritzmichael Roehl München 15 Schubertstraße 4 BONN, den AP 22. August 60 Dottendorfer Straße 168 Fernruf 231 84-87 Akt.- Zch.:.... Me - Bitte bei Rückantwort anzugeben Sehr geehrter Herr Roehl! Anliegend senden wir Ihnen mit bestem Dank das uns freundlicherweise zur Verfügung gestellte Bild von Frau Krischmann- Roehl zurück. Ein Belegexemplar von" Unsere Arbeit", in der das Bild veröffentlicht wurde, legen wir ebenfalls bei. Mit freundlichen Grüßen! Arbeiterwohlfahrt Hauptausschuß e. V. i.A.: U beel Juven Bank: v. Schulz, Tegtmeyer& Co., Bonn, Hofgartenstraße 9, Konto- Nr. 112 Postscheck: Köln, Konto- Nr. 13061 ARBEITERWOHLFAHRT HAUPTAUSSCHUSS E. V. EINSCHREIBEN Herrn Fritzmichael Roehl München 15 Schubertstraße 4 AP BONN, den Dottendorfer Straße 768 11.1960 Postfach Fernruf 2 31 84-87 Akt.- Zch.: v.B/ Bm Bitte bei Rückantwort anzugeben Sehr geehrter Herr Roehl! Wir übersenden Ihnen heute das noch in unserem Besitz befindliche zweite Bild Ihrer Mutter zurück. Die Belege über die Veröffentlichung haben Sie ja schon erhalten. Anlage Mit freundlichen Grüssen Arbeiterwohlfahrt Hauptausschuss e. V. i.A.: V₁ Buttlar Bank: v. Schulz, Tegtmeyer& Co., Bonn, Hofgartenstraße 9, Konto- Nr. 112 Postscheck: Köln, Konto- Nr. 13061 Frau Lotte Lemke Arbeiterwohlfahrt Hauptausschuss e. V. Dot endorfer Strasse 168 B on n 15. Juli 1960. Liebe Lotte Lemke, beigefügt zwei Bilder meiner Mutter für" Unsere Arbeit". Zum Klischieren dürfte sich das hellere Foto besser eignen, während ich das dunkle B ld für besser halte. Ich bitte um Rückgabe der beiden Fotos, sie stammen aus meinem Album. Sie schrieben seinerzeit, dass das Script von Hedwig Wachenheim voraussichtlich Ende Juni/ Anfang Juli greifbar sei. Ich rechnete von mir aus vier bis sechs Wochen dazu. Auf jeden Fall bin ich jederzeit zur Verfügung, um innerhalb kürzester Zeit das bearbeitete Script durchzugehen und zurück zugeben, damit der Verlag weiterkommt. Ein Erscheinen noch in diesem Jahr halte ich aber nicht mehr für möglich. Das Absetzen, die Korrekturfahnen, der Buch- Unbruch, das Ausdrucken, der Umschlag, das Binden das alles dauert doch sehr lange. Recht herzliche Grüsse, auch von meiner Maria, m Anlagen Ihr Herrn Rosenbach im Verlag J.H.1.Dietz Nachf. Odeonstrasse 12 Hanover 11. Juni 1960. Betrifft: Klappenwerbetext für die Juchacz- Biographie. Sehr geehrter Herr Rosenbach, den von Ihrem Büro in obiger Angelegenheit an mich gerichteten Brief vom 9.6. habe ich im Original an Prau Lotte Leake nach Bonn weitergegeben. Sie wissen, dass die Biographie zur Zeit von Hedwig Wachenheim überarbeitet wird. Frau Lenke hat mir das endgültige, druckfertige Manuskript für Ende Juni/ Anfang Jali angekündigt. Erfahrungsgemäes wird es aber Ende Juli werden, bis ich es habe. Ich kann also unmöglich einer Waschzettel- Text entwerfen, bevor ich dag überarbeitete und gekürzte Script nicht gelesen habe. Und auch denn kann ich einen Werbetext alleine nicht formulieren, denn die AW als Haupt nteressent an diesem Buch wird und muss- ein Wort dabei mitschreiben. Das werde ich mit Bonn abstimmen. 977 Ich freue mich, dass diese lang laufende Sache nan doch zu ihrem Absel lues kommt und dass Ihr Verlag das Buch noch in das diesjährige Programm aufnelimen kann. Mit freundlichen Grüssen, Ihr sehr ergebener Frau Lotte Lemke Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt Dottendorfer Strasse 168 B on n nn Liebe. Lotte Lemke, Ihr Brief vom 17. Mai blieb unbeantwortet, weil ich zu dieser Zeit in Spanien war und Anfang Juni erst zurückkam. Inzwischen erhielt ich auch den beigefügten Original- Brief vom Dietz- Verlag. Meine Antwort darauf steht oben. Meiner Maria und mir geht es recht gut, wir haben schöne Aufgaben, ich in Bezug auf Architektur- Fotografie, und Maria arbeitet an zwei grossen keramischen Wänden, jede mit ca. 30 qum. Abgesehen davon läuft der Nailaer Schulbetrieb aufsteigend weiter, die Erweiterung durch einen zusätzlichen Bau, der angrenzt und gekauft werden soll, wird jetzt endlich abschliessend verhandelt. Es wäre schön, wenn wir uns bald einmal wieder sehen würden. Vielleicht verschlägt es uns bald einmal wieder in Richtung Bonn. Mit herzlichen Grüssen, Ihr ARBEITERWOHLFAHRT HAUPTAUSSCHUSS E. V. Herrn Fritzmichael Röhl München 15 Schubertstraße 4 AD BONN, den 12. Juli 1960 DOTTENDORFER STRASSE 168 RUF 231 84-87 Akt.- Zch.: v.B/ Bm Bitte bei Rückantwort anzugeben Sehr geehrter Herr Röhl! Im Auftrage von Frau Lemke möchten wir Sie bitten, uns ein Bild Ihrer Mutter zur Verfügung zu stellen. Wir veröffentlichen in der Zeitschrift" Unsere Arbeit" das Lebensbild führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts aus dem Buch von Marie Juchacz " Sie lebten für eine bessere Welt". Zu diesem Zweck brauchten wir möglichst umgehend das Bild, das Ihnen selbstverständlich sofort wieder zugesandt wird. Nach Erscheinen des Lebenslaufes von Elisabeth Kirschmann werden wir Ihnen gern ein Blatt zur Verfügung stellen. Wir danken Ihnen für Ihre Bemühungen. Mit freundlichen Grüssen Arbeiterwohlfahrt Hauptausschuss e.V. i.A.: V₁ Püttlar Bank: v. Schulz, Tegtmeyer& Co., Bonn, Hofgartenstraße 9, Konto- Nr. 112 Postscheck: Köln, Konto- Nr. 130 61 ARBEITERWOHLFAHRT HAUPTAUSSCHUSS E. V. Herrn Fritzmichael Roehl München 15 Schubertstr. 4 Lieber Fritz Roehl! ஆ AP BONN, den 17. Mai 1960 DOTTENDORFER STRASSE 168 RUF 231 84-87 Akt.- Zch.: Le/ Kr. Bitte bei Rückantwort anzugeben Sie werden mit recht ungeduldig auf eine Nachricht von mir warten. Ich kann Ihnen heute mitteilen, daß Hedwig Wachenheim an dem Manuskript arbeitet und- wie sie schreibt wie sie schreibt- gut vorankommt; B sie hat noch einiges Material angefordert, das ihr auch zugegangen ist. Ich rechne eigentlich fest damit, daß das Manuskript Ende Juni/ Anfang Juli vorliegen wird; dann müßten Sie es noch zur Durchsicht und Einverständniserklärung erhalten. Der Verlag drängt sehr, und ich hoffe sehr, daß Sie im Juli greifbar sind und die Zeit haben werden, das Manuskript zu lesen. Ich habe heute noch einmal an Hedwig Wachenheim geschrieben und sie dringlich darauf hingewiesen, daß wir das Manuskript unbedingt zu dem genannten Termin haben müssen. Da sie eine schnelle Arbeiterin ist, hoffe ich sehr, daß sie uns nicht im Stich läßt. Wenn das alles klappt, dann kann der Verlag das Buch noch in sein diesjähriges Programm aufnehmen, und wir werden es wohl auf dem Weihnachtstisch finden können. Ich hoffe, lieber Fritz Roehl, daß es Ihnen und Frau Maria gut geht und bin mit herzlichen Grüßen Ihre lotte breithe hove Bank: v. Schulz, Tegtmeyer& Co., Bonn, Hofgartenstraße 9, Konto- Nr. 112 Postscheck: Köln, Konto- Nr. 130 61 . OsterGemeinde · Thr Patenkind. ugrid Kicksts 35,37 wird am 24. m. 35, 37 14.1 in the Westires, Samoa 1 getauft Wir heißen Sie im Tatenamt unserer Kinhe zu jener Feier herzlich willkommen und wünschen Ihnen für dessen Führung Ernst, Treue und gutes Gelingen. Der Gemeindekirbenrat der OsterGemeinde. Die Aufgaben der christlichen Paten. Der Pate soll ein Zeuge unseres christlichen Glaubens sein. Er steht am Taufstein als Vertreter unserer dristlichen Kirche, in deren Gemeinschaft ein Kindlein zum Heil seiner Seele aufge nommen wird. Der Pate soll ein Beter sein Fürbittend legt er mit den Taufeller zusammen seine Hande auf den Taufling, daß Gottes Grade dem Kin de zu teil werde Fürbittend soll er allezeit, ob nab, ob fem, seines Pa tenkindes gedenken, daß Gottes starker Arm es durb gute und böse Ta ge geleite friz Rohl Mr. Puplitz. - Tate und Patin sollen dem Taufling sein wie Sater und Mutter. Pate oder Ge vatter heißt Mitvater. Hand in Hand mit den Eltern für des Kindes dristliche Erziehung zu sorgen, das Kind an Seele und Leib mit ganzer, tiefer Liebe zu betreuen, zumal wenn die Eltern dem Kinde nicht mehr zur Seite stehen können, das ist heiligste und höchste Patenpflicht. Pate sein heißt nicht: Geschenke machen. Wer es kann und will, tue es aus Liebe Pate sein bedeutet, dem Kind ein treuer Freund durch das irdische Leben und ein zuverlässiger Wegweiser zum ervigen Leben werden. 吧 wh down pal Cmshan C 3 . Purheim — K. K. des A W Postkarte Ausender; [for- und Zuname] Saus Hohenfeld Künderoth ohnort, auch Zustell- oder Leitpostamt Hohenstein 10 Herrn Straße, Hausnummer, Gebäudeteil, Stockwerk oder Postschließt achnuenme). — bei Unterwiefern sich Natur des Vermiedes Fritz Michael Röhl Liebe Fritz so ist nun für ein München paar Vochen. meine Adresse. &c Ich n. ist. 4. Es ist mir nicht Strolle, Hauskommer, Gelatiusbeteil, Rückwerk, geleg. Postschließterdurchkehrter. gelungen noch bel Untermietern auch Name des Vermieters Üre unbezahlten. glaub an die vie Wochen anzu- hängen. So müßte ich Else wieder alleine lassen und auf die Besuche z. B. Herta Lewinski in Passel, bei Dir und Maria verzichten. Man war im Druck und hat mich bearbeitet lei. ich eben nicht nein sagen, konnte. Voraussichtlich bin ich ab 1.4. wiedg auf Nordern falls Fu/ Ihr doch noch plant: Herzlichst Käthe ARBEITERWOHLFAHRT HAUPTAUSSCHUSS E. V. ୮ Herrn Fritzmichael Roehl 8 München 15 Schubertstraße 4 L Arbeiterwohlfahrt, Hauptausschuß e. V., 53 Bonn, Postfach Lieber Fritzmichael Roehl! 7 Г AP 53 BONN, den 9. August 1962 POSTFACH DOTTENDORFER STRASSE 168- RUF 231 84-87 Akt.- Zch.: Bitte bei Rückantwort anzugeben Le/ Kr. Verzeihen Sie mir bitte, daß ich auf Ihren Brief vom 19. Mai erst heute antworte; ich habe in der Zwischenzeit zu viel um die Ohren gehabt. Aber ich freue mich nun doch sehr, daß wieder ein Kontakt zwischen uns beiden hergestellt ist, und vor allen Dingen freue ich mich, Ihnen mitteilen zu können, daß Ihr Buch eine außerordentlich gute Aufnahme gefunden hat. Wir haben es an insgesamt 64 Zeitungen und Zeitschriften verschickt, und es hat gute Besprechungen gehabt. Die mir überlassene Nummer von" Der Journalist" lasse ich Ihnen per Drucksache wieder zugehen; ich habe von der Buchbesprechung eine Fotokopie machen lassen. Käthe Kirschmann hat das Buch ganz sicher in Händen; an Lotte Juchacz habe ich nichts geschickt, weil ich der Meinung war, daß Sie das tun würden. Von ihr habe ich nichts gehört. Sie schreiben in Ihrem Brief, daß die Süddeutsche Zeitung kein der Verlag hat Besprechungsexemplar bekommen habe; das stimmt nicht, wir haben mit einem Anschreiben vom 17. Januar das Buch auch an die Süddeutsche Zeitung geschickt. Wo mag es abgeblieben sein? einen Besprechungsbeleg habe ich noch nicht erhalten, wir werden deswegen erinnern. In der nächsten Woche werde ich in Urlaub fahren. Ich nehme an, daß Sie und Ihre Frau Ihren Urlaub bereits hinter sich haben, sonst wünsche ich Ihnen eine recht erholsame Zeit. Mit herzlichen Grüßen . Ihre lotte howeve Bank: v. Schulz, Tegtmeyer& Co., Bonn, Fritz- Tillmann- Straße 9, Konto- Nr. 112 Postscheck: Köln, Konto- Nr. 13061 SOZIALDEMOKRATISCHE PARTEI DEUTSCHLANDS DER PARTEIVORSTAND Frau Lotte Lemke Bonn Dottendorferstr. 168 Meine liebe Lotte! Filz BONN, den 12. November 1957 FRIEDRICH- EBERT- ALLEE 170 Fernsprecher 21901-07 Fernschreiber- Nr. 0886 890 Telegr.- Adr. Sopade Bonn Rockl mit besten Go/ m.l. Supere hh Nachstehender Auszug aus einem Brief von Anna Stiegler wird Dich sicher interessieren: !! Du, und auch Lotte Lemke haben schon mal angefragt, ob ich einiges über Marie Juchacz als Mensch, als Persönlichkeit etwas mitteilen könnte für das geplante Buch. Ich muss Dir ehrlich sagen: ich habe nie einen persönlichen Kontakt zu M.J. gefunden. Ob es an mir lag, oder an uns beiden? Ich weiß es nicht. Lotte Niehaus, die ich fragte, da sie ja von Anfang an in der Arbeiterwohlfahrt mitgearbeitet hat, sagte dasselbe. Bei allen: alle Hochachtung für ihre Leistungen, aber darüber hinaus haben wir sie alle kaum kennen gelernt und das ist sehr schade!" Mit freundlichen Grüßen Juda ( Herta Gotthelf) Postscheckkonto: 113684 Köln, Erich Ollenhauer u. Alfred Nau- Bankhaus v. Schulz, Tegtmeyer& Co, Bonn, Nr. 1401, Erich Ollenhauer ARBEITERWOHLFAHRT HAUPTAUSSCHUSS E. V. An die Freunde von Marie Juchaos, die uns Mitteilungen für ihre Biographie geschickt haben. BONN, den 4. November 1957 DOTTENDORFER STRASSE 168 Akt.- Zch.: Bitte bei Rückantwort anzugeben RUF 2 31 84-87 Le/ Kr. Liebe Freunde! Unser Appell hat ein sehr schönes Echo gehabt, und ich möchte Ihnen, die Sie sich die große Mühe gemacht haben, selber aus Ihrer Erinnerung zu schreiben oder Briefe von Marie Juchacz zu schicken, auf das herzlichste danken. Das Material ist alles an Pritamichael Roehl, den Neffen von Marie Juchacs, gegangen, der sur Zeit an der Biographie arbeitet. Soweit es sich um Unterlagen handelt, die Sie zurückerbeten haben, werden Sie Ihnen mit Sicherheit nach Erledigung der Arbeiten zugestellt worden. Ich hoffe, daß wir ein sehr gutes Erinnerungebuch für Marie Juchacz werden herausbringen können. Mit freundlichen Grüßen gez. Lotte Lemke Bank: v. Schulz, Tegtmeyer& Co., Bonn, Hofgartenstraße 9, Konto- Nr. 112 Postscheck: Köln, Konto- Nr. 130 61 . — . . AX ./. fait 22 Ø . . . — das ihr . [M] sollen werden soll. W. alhier in vielen . M.J. Männerin septembre de la même de dʼune vuestra vive wird P.V. . fenden. S. Jngebrichtt. Nº 4. . . Wie ) . . . Dus wurde . . lare a'tran mínde, a bhte bhòrme B. 1/2)(o)(1/4-) . . A . septembre de l'année qui a été Nuestra vuestro, S même de la société. wenn ich, wie ich ein kleine, nun Nachdem ist ein gewährt werden. nun n . L de muy de même de W Deutscher Heimat. a'nim pìf mìndan! Fà'r uill' Ad Banha) sud acz air proiante;"Nulase" m'écrire leur été d'une fhérité bien de Benhout bemîte mòth redien. Fils ont fait Sur eigene dese.) Pour sur Dlle du Oluin régérant, une voulège werden. Der der Trauig hötte darhauf bleibt mir begiöttlichen Seiten manière cose n. a. m. kogianhac, al. de pòst. n'édito, Marie Lamm Berlin-Wißanne, den 30.1.58 Behamnstr. 30. Lieber Fritzmichael! Das Stammbuch habe ich nun gehr zehnell erhalten und auch gebraucht. Du wirst jänzwischen die Nachricht von Onkel Otto's Tod erhalten haben. Bei allem Schmerz, denn wir haben uns immer sehr zur verstanden, gönnen wir ihm die Ruhs. Seine Lebensuhr war eben abgelaufen. Die Frauerfeier war seiner Lebensführung entsprechend sehr würdig. Anliegend findest Du einige Bilder auch von Deinem Vater, die Du vielleicht noch nicht kennst? Pes Einschreiben schicke ich den Brief deshalb weil ich annehme, daß du ihn dann schneller hast. Herzliche Grüße auch von Erg Marc Lamm Anlage. ARBEITERWOHLFAHRT HAUPTAUSSCHUSS E.V. Herrn Fritzmichael Roehl München Schubertstr. 4 15 Lieber Fritz Roehl! BONN, den 1. Oktober 1956 DOTTENDORFER STRASSE 168 RUF 231 84-87 Akt.- Zch.: Bitte bei Rückantwort anzugeben Le/ Hp Ihr Telegramm, das am 26.9.56, 10.30 Uhr hier einlief, zwang uns leider zu einer Umdisponierung. Nach dem ich Sie auch unter der angegebenen Telefon- Nummer in Naila nicht erreichen konnte, habe ich dann allen Teilnehmern telefonisch abgesagt. Leider gelang das bei Käte Kirschmann nicht mehr, die gerade von Norderney abgefahren war. Es ist sehr schade, dass über unserem Plan ein solcher Unstern schwebt. Ich bin im Augenblick nicht in der Lage einen neuen Termin anzusetzen. Ich muss noch einige Mitteilungen wegen Veranstaltungen im November abwarten, damit ich endgültig disponieren kann. Auf alle Fälle ist es ganz ausgeschlossen noch im Oktober eine Besprechung zu arrangieren. Ich denke, dass ich Ihnen im Laufe der nächsten 14 Tage einen neuen Terminvorschlag werde machen können. Mit den besten Grüssen Ihre hatte Cartha holle Bank: v. Schulz, Tegtmeyer& Co., Bonn, Hofgartenstraße 9, Konto- Nr. 112 Postscheck: Köln, Konto- Nr. 13061 . Frau Lotte Lemke Arbeiterwohlfahrt Hauptausschuss Dottendorfer Strasse 168 Bonn/ n/ Rhein 9. November 1956. Liebe Lotte Lemke, vielen herzlichen Dank für Ihren Brief vom 5.11.56.- Ich habe mir den 10.12. notiert und komme auf jeden Fall nach Bonn. Der hier folgende Vorschlag bed utet nicht, dass ich den lo. 12. nicht einhalte. Es ist nur eine praktische Überlegung, denn meine Frau muss in der Zeit vom 22. bis 27. 11. nach Düsseldorf. Würde der Bonner Termin in der gleichen Zeit liegen, könnten wir durch die gemeinsame Fahrt mit dem Wagen meiner Frau( ich bin z.Zt. ohne Auto) unsere Unkosten verringern. So werde ich mit dem Zug kommen. Am liebsten fahre ich am Sonntag Abend, 9.12., mit dem Nachtzug. Ich höre sicher, ob es dabei bleibt. Ganz herzliche Grüsse, Ihr ( FM.Roehl) ARBEITERWOHLFAHRT HAUPTAUSSCHUSS E. V. AD Herrn Fritzmichael Roehl München 15 Schubertstr. 15 BONN, den 19.11.1956 Dottendorfer Straße 168 Fernruf 2 31 84-87 Akt.- Zch.:. Le/ Kr. Bitte bei Rückantwort anzugeben Lieber Fritz Roehl! Es ist leider Gottes ganz und gar unmöglich, daß wir die Besprechung über die Biographie: von Marie Juchacz in der Zeit vom 22. - 27.11. machen; wir müssen es schon beim 10.12 bewenden lassen, denn ich bin ja ein ausgesprochener Sklave meines Terminkalenders. Ich hoffe, daß uns nun nichts mehr dazwischen kommt, und daß wir die Besprechung tatsächlich am 10.12. werden haben können. Mit herzlichen Grüßen Ihre Cottle bruitle Bank: v. Schulz, Tegtmeyer& Co., Bonn, Hofgartenstraße 9, Konto- Nr. 112 Postscheck: Köln, Konto- Nr. 130 61 . ARBEITERWOHLFAHRT HAUPTAUSSCHUSS E. V. Herrn Fritzmichael Roehl München 15 Schubertstr. 4 AD BONN, den 5. November 1956 DOTTENDORFER STRASSE 168 RUF 231 84-87 Akt.- Zch.: Bitte bei Rückantwort anzugeben Le/ Kr. Lieber Fritz Roehl! Seit meinem Brief vom 1. Oktober sind nun schon wieder 4 Wochen vergangen, und ich habe Ihnen noch keinen Terminvorschlag gemacht. Im Augenblick bin ich auch durch die Hilfsaktion für Ungarn sehr stark beansprucht und muß auch sonst in diesem Monat noch eine Reihe von Konferenzen unter Dach und Fach bringen. Wie wäre es, wenn wir Montag, den 10. Dezember für die Besprechung ansetzen wollten? Ich habe diesen Tag vorsorglich notiert und möchte- bevor ich einlade Ihnen möglich wäre, dann hierher zu kommen. - gern hören, ob es Mit herzlichen Grüßen Ihre holle Panthe Bank: v. Schulz, Tegtmeyer& Co., Bonn, Hofgartenstraße 9, Konto- Nr. 112 Postscheck: Köln, Konto- Nr. 130 61 WVLAN),(ARU 12 52 imprechtstr. Bicker Spichemscheile fòlu . septembre 1724.-56907 ¿Qué cómo? wird, daß derselbe auch eine gesetzliche Vormundschaft auf die wird, daß derselbe auch nicht geschrieben werden können. Nachdem ist auch eine Kärs.- Wihl- 2, 4 geführt werden können. Dieser Begründungen wird die . 52798 Nuestra vuestroimiento a la vida. nach dem Schuldner zurückgestellt werden können. ¿Qué cómo? """" Vorsteher: Wenn sie sich auf eine solche . Frau Lotte Lemke Arbeiterwohlfahrt Hauptausschuss Dottendorfer Strasse 168 Bonn/ Rhein 30. Dezember 1956. Liebe Lotte Lemke, mein ausführlicher Brief vom 14. Dezember war unter Eindrücken geschrieben, die heute- nachdem ich mich durch wichtige Unterlagen des mitgenommenen Materials durchgelesen und schon eine kleine anfängliche Ordnung in einige Notizen gebracht habe- keine Gültigkeit mehr haben. Für mich steht fest, dass es der Wunsch von Marie Juchacz war, biographisches Notizenmaterial zu hinterlassen, um es auszuwerten. Selbst das Vorwort zu ihrer Biographie hat Marie Juchacz noch geschrieben, ein gutes Vorwort sogar. Sie hat eine Fülle von Hinweisen über zusätzliche Materialquellen gegeben, wenn auch gelegentlich mit Fragezeichen versehen. Aufgabe des Biographen ist es, allen diesen Hinweisen gewissenhaft nachzuspüren, und nach Klärung diese Unterlagen folgerichtig einzuordnen. Eigentlich ist die ganze Zeit von der Kindheit bis zum Ende des 1. Weltkriegs fast lückenlos. Und die dann folgende Zeit ist uns Lebenden in vielen Einzelheiten, die entsprechend ergänzt werden müssen aus Vorhandenem und Vergrabenem, durchaus gegenwärtig. Es bleibt also überhaupt kein Problem übrig, keine Klärung über Einverständnisse, Einsprüche usw. Was bleibt, ist die Arbeit, die gemacht werden muss. Und zwar konsequent. - - Was der AW und dem Parteivorstand zu klären bleibt, ist die Finanzierung dieses biographischen Werkes. Ich sagte bei der flüchtigen Unterhaltung in Bonn, dass man einen grösseren- wenn nicht sogar grossen Verlag zur Beteiligung gewinnen könnte, und dachte dabei an Rowohlt, ohne ihn zu nennen. Es gäbe noch andere. Zur notwendigen Klärung würde gehören, dass ich einen richtigen Auftrag erhalte. Ich würde diesen Auftrag von meiner Seite aus erfüllen, wie ich alle anderen- auch Buch- Aufträge für den Verlag F. Bruckmann erfüllte. Diesen Brief wollte ich schon vor Weihnachten schreiben. Er kommt aber auch jetzt noch nicht zu spät. Hoffentlich konnten Sie über Weihnachten und Neujahr etwas ausspannen. Ihnen und Ihrer Arbeit für das neue Jahr 1957 aufrichtige Erfolgswünsche und ganz herzliche Grüsse, Ihr ( FM.Roehl) Die Zeit vor achtzig Jahren Als Marie Juchacz zu Beginn des Jahres 1949 aus Amerika nach Deutschland zurückkehrte, zog sie sich auf das von ihrem Sohn Paul verwaltete Gut zur Nette in Weissenthurm bei Andernach am Rhein zurück, um von hier aus den Anschluss an ein Deutschland zu finden, das sie 1933 verlassen musste. Wie sehr hatte sich dieses Deutschland verändert! Nicht nur Hitlers tausendjährige Parteiwalze, auch der ganze Schrecken des letzten Krieges war über Land und Menschen gerollt. Übriggeblieben war der Lebenswille, der jetzt, ein halbes Jahr nach der Währungsreform, in normale und zukunftsträchtige Bahnen gelenkt wurde. Es dauerte ein Jahr, bis sich Marie Juchacz entschloss, die ersten Notizen niederzu schreiben, die ihren Lebensweg skizzieren sollten. Über den Anfang war sie sich sofort klar: " Eindrücke, die man in der frühesten Jugend empfing, Charaktereigenschaften, die man Eltern und Vorfahren mitbekam, auch das Temperament, das einem vererbt wurde, die Lebensumstände, mit denen man kämpfen, denen xxx gegenüber man sich durchsetzen musste, das Maß von Willen, Energie und Fleiß, mit dem man an sich arbeitete, bilden zum Schluss die Summe, die zum Werden einer Persönlichkeit führen. Der Rückblick auf ein Leben zwingt wohl immer zur Prüfung und Sichtung der verschiedenen Umstände und Faktoren, die von früher Zeit her in einem Werden mitbestimmend gewesen sind. So muss jede Lebensbeschreibung auch bei der Kindheit, im Elternhaus, bei den Eltern beginnen." Aber in welche Zeit hinein war sie geboren worden? Was war da, ohne ihr zwar bewusst zu sein, xxx aber ihrem Dasein den ersten und entscheidenden Stempel aufdrückte? In Welche politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Verhältnisse xXXXXXXX***@* я䤤¤¤xxякаяя bestimmten das Leben der ** x* x Mitmenschen bei ihrer Geburt? Und damit auch ihr eigenes Leben? Jetzt, 1950, im Alter von 71 Jahren, war es vielleicht gut, sich die Zeit vor achtzig Jahren noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, um sich selbst in seiner Entwicklung besser zu verstehen. Acht Jahre vor der Geburt von Marie Juchacz, war der deutsch- französische Krieg durch den Frieden vom 10. Mai 1871- nach dem Vorfrieden vom 26. Februar in Versailles.- zu Ende gegangen. Zu dieser Zeit gab es acht Städte mit mehr als hunderttausend Einwohnern. 50% der Bevölkerung arbeiteten bereits in Industrie und Handel. Allein in Preussen gab es bis zum Ende der Gründerjahre, bis 1874, 1152 Aktiengesellschaften mit einem Gesamtkapital von 5 Milliarden, 712 Millionen Mark. Die" innere Völkerwanderung" war im Gange: die jüngere Generation und das Gesinde aus dem agrarisch orientierten Osten Deutschlands wandert in die grossen Städte und Industriezentren. Auf der anderen Seite wandern Millionen Deutscher Die Zeit vor achtzig Jahren. Als sich Marie Juchacz an einem Spätsommertag des Jahres 1950 an einen kleinen Tisch - 2- aus, in den meiten Fällen nach Amerika.- Seit dem Ende der 60er Jahre gab es eine" freie" Gewerkschaftsbewegung sozialdemokratischer Richtung, arbeiterbildungsvereine und Konsumgenossenschaften waren entstanden, ebenso Gewerkvereine liberaler Richtung.- Seit 1862 gab es eine politische deutsche Arbeiterbewegung, deren Wortführer Ferdinand Lassalle war. Zu seinen Forderungen gehörte das demokratische Wahlrecht, die Loslösung der Arbeiter aus der Gefolgschaft des Liberalismus, sowie ein eigenes politisch- soziales Programm. Nach Lassalles jähem Tode( 1864) spaltet sich die Arbeiterbewegung unter Führung von Schweitzers in " Lassalleaner" und" Eisenacher", die von Wilhelm Liebknecht und August Bebel geführt werden. Im Jahre 1875 findet fin Gotha ein Einigungskongress der" Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" statt. Zu den wichtigsten Förderungen gehörten: Abschaffung des Systems der Lohnarbeit durch Überführung der Arbeitsmittel in Gemeingut der Gesellschaft, Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, allgemeines Wahlrecht für alle Körperschaften, direkte Gesetzgebung durch das Volk, Volkswehr an Stelle des stehenden Heeres, Abschaffung aller indirekten Steuern.- Karl Marx und Friedrich Engels hatten schon einige Jahre vorher ihre ersten Werke zum wissenschaftlichen Sozialismus herausgegeben, 1867 war der erste Band von Marx'" Kapital" erschienen. Es war eine Zeit, die den Boden bereitete für den wirtschaftlichen Aufsteigenden schwung einer prozentual geringen besitzenden Schicht und für den Emanzipationskampf der Arbeiter, die durch die drückenden Arbeits- und Lohnbestimmungen zu Proletariern gestempelt wurden. In den Unterlagen von Marie Juchacz befindet sich eine Aufstellung, die Aufschluss gibt über die sozialen Verhältnisse: Berufs- und Gewerbezählung von 1895: 35,1 Millionen proletarischer und proletaroider Existenzen= 2/3 der Gesamtbevölkerung Im Jahre 1895 sind von loo Erwerbstätigen: 67,7 Arbeiter Zunahme der Frauen arbeit im Jahre 1895: um 1,5 Millionen= 30% aller Erwerbstätigen Geldlöhne der Arbeiter bleiben gleich, Steigerung der Lebensmittelpreise Kinderarbeit: im Jahre 1894 stehen 214000 Kinder bis 16 Jahren- 450000 Kinder und Jugendliche 11 1907 unter Gewerbeaufsicht Zunahme des Alkoholismus mit der Entwicklung des Alkoholkapitals: Ausgabe des deutschen Volkes für alkoholische Getränke: 1886: 1 Milliarde, 700 Millionen 1892: 2 Milliarden, 500 Millionen 1901: 3 Milliarden, 300 Millionen ( für Brot: 1 Milliarde, 700 Mill.) Davon hatten die Männer hier am Tisch, und besonders der Lehrer Peter Freymark, keine Ahnung, denn er hatte niemals von seinen Sorgen zu ihnen gesprochen, hatte ihnen verheimlicht Vor einigen Jahren war er mit Frau und Sohn aus dem im Kreis Landsberg gelegenen Heinersdorf, wo er als Zimmerpolier gearbeitet hatte, nach Landsberg gekommen, in dieluerler side 9 und musste en damaligen Leutnant von Knobelsdorff, der sich jetzt Schon als junges Mädchen hatte sie sich nicht vor harter Arbeit gescheut und in ihrer Geburtstadt Brügge im Kreis Soldin als Haus- und Küchenmädchen gearbeitet. Als xxxx sich das dritte Kind ankündigte, versagten ihre Kräfte. " Berlin, 15. März 1879. Der Reichstag nahm in der dritten Lesung die internationale Convention über die Massregeln gegen die Reblaus an, erledigte in erster Lesung das Vogelschutzgesetz und beschloss die 2. Lesung im Plenum. Hierauf wurde die EtatsberaDie Tarifkommission tung über Zölle und Verbrauchssteuern fortgesetzt. wose wichtig beschloss heute über die Tarifsätze für Baumwollengarne unter Erhöhung der Zölle für die feineren Nummern. Die erste Lesung wird voraussichtlich ? noch zwei Sitzungen ausfüllen." Etwas erschöpft lehnte sich Bürgermeister Anker zurück, um den Gedanken nachzuhängen, die seit heute früh über ihn hereinbrabhen, ohne richtig zu Ende gedacht zu werden. . Bürgermeister Anker hatte sich einen ganzen Haufen Lektüre mitgenommen, um die lange Fahrt besser hinter sich zu bringen, aber der Zwischenfall bei der Wachablösung hatte Erinnerungen lebendig werden lassen, die ihn so sehr in Anspruch nahmen, dass ihm zu heiss wurde in seinem Paletot. Nachdem er Rock und Weste aufgeknöpft hatte, um mehr Luft zu haben, fühlte er sich leichter. Als er 1871 nach dem glorreichen Feldzug mit einer Verwundung nach Landsberg an der Warthe zurückkehrte, hatte er noch nicht den kleinen Bauchansatz, der ihm jetzt das Atmen schwerer machte.- Diese Verwundung hätte man ihm ersparen können. Es war der 28. Januar 1871, Paris war ausgehungert und zur Übergabe bereit. Da schickte ihn ein gewisser Lieutenant von Knobelsdorff mit einer privaten Botschaft und mit einer Flasche Wein zu einem befreundeten Offizier in einen vorgeschobenen Batteriestand. Woher der Schuss kam, der ihm den rechten Oberschenkel durchschlug, ist ihm bis heute nicht klargeworden. Es war der allerletzte Schuss, der in diesem Kriege fiel, und für den jetzigen Bürgermeister stand es schon damals fest, dass es für ihn auch der letzte Krieg war, an dem er teilnehmen würde. Er war der 113 226. Verwundete dieses Krieges und demzufolge heilfroh, nicht zu den 41000 Toten zu gehören. Mit der Verwundung wurde er im Laufe der Zeit fertig, und dass dazwischen mehr nach Landsberg zu die Festungsstadt Küstrin lag. - Und jetzt? Was würde in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen geschehen? Warum hatte Peter Freymark ihm den indirekten Vorwurf gemacht, dass er, der Bauunternehmer Gohlke, finanziell nicht in der Lage sei, seinen Sohn Otto auf die Bürgerschule zu schicken? Etwa deshalb, weil die Hebamme Minna Freymark seit mehr als zwei Stunden auf der anderen Seite der Warthe in dem von der Familie Gohlke bewohnten Dachgeschoss дxкяиfж******* des Hauses vom Fischhändler Höhne darauf wartet, seinem vierten Kind zum Leben zu helfen und seiner Frau Henriette das Leben zu erhalten? ver Ausdilun Diese Stimme kenne ich doch!, sagte sich Anker, und verspürte plötzlich einen stechenden Schmerz im Oberschenkel, an der Skakka Narbe, die ihm vom glorreichen Krieg 1870/71 als Erinnerung geblieben war. MAS Sc sondern( gehörte zum Alltag, wie die seit zehn unter den Linden Jahren aufgebauten Gaskandelaber, wie der seit neun Jahren gewonnene Krieg gegen Frankreich, und wie das vor einem Jahr ausgearbeitete zialistengesetz" wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie". - 2- für ein grosses geistiges Licht hielt, weil der alte Herr Geheimrat von Goethe sich einmal in eine seiner Vorfahren, in ein achtzehnjähriges Hädchen, verliebt hatte. Dieser Trottel! Nicht der Goethe, der Knobelsdorff natürlich. Da sich Marie zur Freude der Eltern so gut entwickelte,( wurde sie von ihren Eltern mit der Sorge und Liebe umhegt, zu der nur Eltern fähig sind. an den Major denken, an de -5Die Zeit vor achtzig Jahren Zu Beginn des Jahres 1949 kam Marie Juchacz aus Amerika nach Deutschland zurück. Sie zog sich zuerst auf das von ihrem Sohn Paul Juchacz verwaltete" Gut zur Nette" in Weissenthurm am Rhein, das der Provinzial- Heilund Pflegeanstalt in Andernach unterstand, zurück, um von hier aus den Anschluss an ein Deutschland zu finden, das sie 1933 verlassen musste. Und wie sehr hatte sich dieses Deutschland verändert! Nicht nur Hitlers tausendjährige Reichs- und Parteiwalze, auch der ganze Schrecken des 2. A Weltkriegs war über Land und Menschen hinweggerollt. Deutschland war das ärmste und am meisten zerstörte Land der Welt, übriggeblieben waren ausgehungerte und verarmte Menschen und ihr Lebenswille, der jetzt, ein halbes Jahr nach der Währungsreform, in normale und- wie es den Anschein hatte zukunftsträchtige Bahnen gelenkt wurde. Es dauerte ein Jahr, bis sich Marie Juchacz entschloss, die ersten Notizen niederzuschreiben, die ihren Lebens- und Berufsweg skizzieren sollten. So wie es die Erinnerung ihr zutrug, notierte sie viele Einzelheiten, ohne vorerst zu wissen oder sich zu überlegen, in welcher Form diese Erinnerungen zu einer Einheit zusammengefügt werden müssten, bis ihr dann klar wurde: " Eindrücke, die man in der frühesten Jugend empfing, Charaktereigenschaften, die man von Eltern und Vorfahren mitbekam, auch das Temperament, das einem vererbt wurde, die Lebensumstände, mit denen man kämpfen, denen gegenüber man sich durchsetzen musste, das Maß von Willen, Energie und Fleiß, mit dem man an sich arbeitete, bilden zum Schluss die Summe, die zum Werden einer Persönlichkeit führen. Der Rückblick auf ein Leben zwingt wohl immer zur Prüfung und Sichtung der verschiedenen Umstände und Faktoren, die von früher Zeit her in einem Werden mitbestimmend gewesen sind. So muss jede Lebensbeschreibung auch bei der Kindheit, im Elternhaus, bei den Eltern beginnen." Aber in welche Zeit war sie hineingeboren worden? Was war da, ohne ihr in ihrer Kindheit bewusst zu sein, aber ihrem Dasein den entscheidenden Stempel aufdrückte und ihren Lebensweg in jene Richtung lenkte, die er dann auch nahm? Welche politischen, wirtschaftlichen und" gesellschaftlichen" also sozialen Verhältnisse waren zur Zeit ihrer Geburt und ihrer Jugend jahre gültig? Womit mussten sich die Menschen der Zeit, in der sie zur Welt kam, auseinandersetzen? Jetzt, im Jahre 1950- und 71 Jahre alt, war es vielleicht gut und zweckmässig, sich die Zeit vor achtzig Jahren noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, um sich selbst in seiner Entwicklung besser zu verstehen. Einleitung [ Solange ich in der Arbeit des Tages stand, kam mir niemals der Gedanke, daß ich einmal über mein Leben im Zusammenhang schreiben würde. Wohl versuchte ich gern- wie es ja auch mit meiner Tätigkeit zusammenhing-, Anderen von meinen Gedanken, inneren Erlebnissen und Erkenntnissen zu vermitteln. Das Alter macht beschaulich. Seitdem ich nun auf so lange Jahre des Wirkens in der Öffentlichkeit zurücksehen kann, ist nun doch der Wunsch wach geworden, etwas aus diesen Erinnerungen aufzuschreiben. Zuerst ist dieser Gedanke von außen her an mich herangetragen worden. Ich habe ihn lange abgelehnt, es erschien mir vermessen, mein Schicksal und meine Arbeit für ein solches Unterfangen nicht bedeutend genug. Vertrauter wurde mir diese Idee, sie verdichtete sich zum eigenen Wunsch, nachdem ich nach langer Abwesenheit aus der Emigration wieder nach Deutschland zurückkehrte. Da wurde es mir sehr deutlich, daß ich aus meiner Erfahrung noch manches sagen kann, was für die heute im öffentlichen Lebenstehenden Frauen nicht ganz ohne Bedeutung ist. Es ist auch so, daß manches, was man" als innere Schau" in sich trägt, von der heute wirkenden Frauengeneration gar nicht gesehen werden kann. Sie haben Anderes erlebt, es fehlt auch an Anknüpfungspunkten an die Vergangenheit der Frauenbewegung und an die Beit, als die Sozialdemokratie als einzige von Männern getragene große Partei sich der Frauensache ganz allgemein und ohne Vorbehalte annahm. [ Mein persönliches Schicksal hat mich auf so manchen verantwortungsvollen Platz in der Arbeiterbewegung gestellt. Ich habe mich niemals dazu gedrängt. Aber wenn ich dann vor einer Aufgabe stand, machte es mir Freude, sie nach bestem Können zu erfüllen. Die Verantwortung, die ich trug, das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, der ständige Gedankenaustausch mit Menschen gleicher Grundgesinnung, das als inneres Muß empfundene fortgesetzte Eindringen in sozialistisches Ideen- und Gedankengut gehören mit zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens. Mit vielen Menschen, Männern und Frauen, hat sich mein Lebensweg gekreuzt. Einige von den Großen- aus der Heroenzeit- der Sozialdemokratie habe ich nur noch ganz aus der Ferne verehrt, ich war damals noch sehr jung. Später lernte ich einige aus der nächsten Generation persönlich kennen. Beim - 2- - 2- X Nachdenken über mein Leben und seine wechselvolle Zeit komme ich immer wieder zu dem Schluß, daß sich vieles für mich aus Zufälligkeiten und aus den Zeitumständen ergeben hat. Zufall war es, was mich schließlich bis in die Spitze der Partei, in den Parteivorstand führte. Mein Wille war nicht auf dieses Ziel gerichtet. Ich wurde immer irgendwie aufgespürt und für eine Funktion ausgesucht und vorgeschlagen oder gerufen. Niemals habe ich mich zu einem Amt gedrängt, stets wurde mir die neue Verantwortung angeboten. Aber ich habe es immer als ein großes Glück empfunden, am Werden und Wachsen der Arbeiterbewegung teilzunehmen und habe damit auch ein Stück deutsche Geschichte bewußt miterlebt. Es sind heute nur noch wenige Frauen vorhanden, die sich eine lebendige Erinnerung an jene Zeit bewahren konnten, in der um das Frauenwahlrecht gekämpft wurde, in der es um den Schutz der Arbeiterin, um Mutter- und Kindesrecht im weitesten Sinne ging und um die Zulassung zu vielen Berufen, die damals den Frauen verschlossen waren. Nur wenige sind noch da, die an dem Hochgefühl des endlichen Sieges teilgenommen haben, als die Frauen nach jahrzehntelangen Kämpfen endlich das allgemeine Wahlrecht erhielten. Das Gros der heutigen Frauengeneration weiß wenig davon. Von dem was uns neben der erlebnismäßigen Erinnerung an literarischen Hilfsmitteln zur Verfügung stand, um das Band zur Vergangenheit immer wieder neu zu knüpfen, ist wenig genug geblieben, und das Wenige ist aus den verschiedensten Ursachen durchaus nicht allgemein zugänglich, nicht einmal einem kleinen Kreis. Und doch ist es gut, an die Vergangenheit ankuupfen zu können, um neue Wege für den Fortschritt zu finden. Auch in diesem Mangel an geschichtlichem Material liegt wohl eine Berechtigung oder Verpflichtung für die Herausgabe dieses Buches. Die politische Mündigkeitserklärung der Frauen im Jahre 1918/19 war nur eine Etappe auf dem Wege der Frauenemanzipation. Nachdem galt es, alte unerfüllte Forderungen der Frauen auf Gehalt und Berechtigung zu prüfen, sie in Formeln zu bringen, die in der Gesetzgebung und in der Praxis des Lebens realisierbar sind. Das nahm zu einem guten Teil die Kraft der Frauen in der Zeit der Weimarer Republik in Anspruch neben der Teilnahme an den allgemeinen politischen Fragen, die für das Volksganze von großer Bedeutung waren. - - - 3- - 3- In der Mentalität der jüngeren Generation hat sich seit 1933 bis heute so manches spürbar geändert. Ich stelle das nur fest, ohne Kritik daran zu üben und wünsche nur, daß es mir trotzdem gelingen möge, auch von den jüngeren Frauen verstanden zu werden. Das wäre ein sehr schöner Lohn für die Bemühungen in diesem Buch. Was uns spürbar fehlt, ist, daß in den Jahren, in denen der freie Gedankenaustausch unterbunden gewesen ist, der natürliche Prozess des aneinander Abschleifens unterbrochen war. Der einzelne Mensch stand mit seinen Gedanken allein. Da er sie nicht aussprechen, sie nicht für die Öffentlichkeit niederschreiben konnte, fehlte die Möglichempfinden keit ihrer Überprüfung und der Weiterentwicklung. Das wir heute als Kluft zwischen den Generationen, wir fühlen es ganz besonders in der Frauenfrage. Mögen diese Erinnerungen eine Brücke sein. Noch ein kleines persönliches Wort an die Genossen und Genossinnen, die heute in der sozialdemokratischen Partei Deutschlands als Funktiohäre wirken. Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus dem Auslande bin ich oft eingeladen worden, in dieser oder jener Versammlung zu sprechen. Ich habe das abgelehnt und hatte öfter das fatale Gefühl, in abe spin diesem Punkt richt verstanden zu werden. Wenn man, daß die körperliche Kraft nachläßt, hat man die Pflicht, damit haushälterisch umzugehen. Wohl glaubte ich, der Bewegung, der ich mein Leben lang gedient habe, noch manches schuldig zu sein. Aber ich wollte diese Schuld auf eine mir heute gemäße Art abzutragen suchen. Ein Ausgeben meiner Kraft in öffentlichen Versammlungen würde einen Verzicht auf diese Niederschrift bedeuten. Ich glaube daran, daß es richtiger ist, wenn ich mich auf diese sichtbare- und hoffentlich nützliche- Leistung konzentriere, um den Jüngeren etwas zu hinterlassen, denen, die etwas von den Erfahrungen aus früherer Zeit benützen wollen, für den Sozialismus, zur Erweckung und Erziehung des weiblichen Teiles der um Erkenntnis und Fortschritt ringenden Menschheit. So freudig und gern wir alle in der Gegenwart stehen sollen, um darin das Unsrige zu tun- und um daran zu wachsen- 9 so wichtig ist es doch auch, immer wieder zurückzuschauen, die Gegenwart an der Vergangenheit zu prüfen und sich an dem, was daran gut war, neu zu orientieren. Nicht um in der Vergangenheit zu verharrer, sondern immer wieder erneut für die Zukunft bereit zu sein Marie Juchacz Mit diesem Vorwort wollte Marie Juchacz ihre Lebenserinnerungen einleiten. Bevor sie mit der Niederschrift begann, notierte sie alles, was ihr an Stichworten einfiel, um diese Notizen dann im Laufe der Zeit zu Einzel, ein Jahr nach ihrer Rückkehr aus Amerika, - 1 abschnitten zusammenzufassen. Viel Zeit dafür blieb ihr nicht, denn das, was im Nachkriegsdeutschland knapp zwei Jahre nach der Währungsreform politisch, wirtschaftlich und sozial neu erstand und zusammenwuchs, nahm ihr ganzes Interesse in Anspruch. Sie reiste durch das Bundesgebiet, war heute in Hamburg, morgen in Berlin, und wenige Tage später in Düsseldorf und Bonn, um an Besprechungen, Konferenzen, Tagungen und Veranstaltungen teilzunehmen, hielt kurze und längere Referate, besuchte Freunde, von denen sie sechszehn Jahre lang durch die Emigration getrennt war, nahm wenn auch oft nur am Rande zu den Problemen Stellung, mit denen sich die nach dem Zusammenbruch aus dem Nichts wiedererstandene" Arbeiterwohlfahrt" ihr eigentliches Lebenswerk, den sie schon 1945 von Amerika aus zu neuer Betätigung verhalf-auseinandersetzen musste, und schrieb das Buch" Sie lebten für eine besser Welt",> - Lebenbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts, 29 Kurzbiographien, die in ihrer Gesamtheit ein geschlossenes Bild der sozialistischen Frauenbewegung geben. Diesem Buch ist ein Brief vorangestellt, den der jüngst verstorbene Chefredakteur des sozialdemokratischen" Vorwärts" und jahrzehntelanger Mitstreiter und Parteifreund von Marie Jchacz an sie schrieb: " Als Du mir das Manuskript zu lesen gabst, empfand ich es sofort als einen Mangel, dass von Dir selbst darin nicht die Rede ist. Du hast das Buch dem Andenken Deiner Mitkämpferinnen. gewidmet, die vor Dir dahingegangen sind, aber so streng lässt sich die Grenze zwischen Leben und Tod nicht ziehen. Eine Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung in Biographien ist unvollständig, wenn darin Marie Juchacz nur als Erzählerin, nicht auch als Handelnde in Erscheinung tritt." Noch bevor Marie Juchacz die Fülle ihrer Notizen zu einer geschlossenen Autobiographie zusammenstellen konnte, um damit am Beispiel ihres eigenen Lebens ihren Beitrag zu leisten zur Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung im allgemeinen, und im besonderen zur Entwicklungsgeschichte der" Arbeiterwohlfahrt, machte sie, vierzehn Tage vor ihrem 77. Geburtstag, am 28. Januar 1956 für immer die Augen zu. * Die von Marie Juchacz nur zum Teil zusammengefassten Darstellungen einzelner Lebensabschnitte und die Fülle ihrer hinterlassenen Notizen ergaben nach chronologischer Ordnung das biographische Gerüst, das mit dem Wissen und den Erzählungen von Freunden, Mitarbeitern und Angehörigen ausgefüllt wurde. Aus der Gesamtheit dieser Unterlagen entsteht das Bild einer Frau, die sich vorbehaltlos in den Dienst der von ihr selbst gewählten und erarbeiteten politischen Aufgabe stellte, die ihr Herz der" Arbeiterwohlfahrt" gab- und nicht von ungefähr stehen die Initialen der " AW" in einem Herzen"-, und deren wirkliches Herz nur wenige kannten. übergang! Nur wenige Passanten waren in gebührend respektvoller Entfernung stehengeblieben, unter ihnen Bürgermeister Anker aus Landsberg an der Warthe, ein aufrechter und tüchtiger Mann, der um das Wohl seiner aufstrebenden kleinen Stadt sehr bemüht war und des öfteren nach Berlin kam, um sich Anregungen, Ratschläge und Hilfe für seine Pläne zu holen. Bis zur Abfahrt seines Zuges war noch eine gute Stunde Zeit. Er wollte sich gerade aus dem kleinen Haufen herauslösen, um in der Klosterstrasse 70 im Grünen Baum seinen kleinen Koffer abzuholen und sich von dem Besitzer, seinem Freund Neuendorff, zu verabschieden, Die markante, schneidende Befehlsstimme des Wach- Offiziers hielt ihn zurück. linen maj " Der Wachhabende hatte sich vor den Offizier gestellt, in strammer Haltung, die Hand erhoben, und Meldung gemacht. Nach der Meldung bekam er den Arm nicht mehr herunter. Der Wachoffizier kam einige Schritte auf den Wachhabenden zu, blieb breitbeinig stehen, stemmte die Fäuste in die Hüften, hob die rechte Augenbraue, sodass das an einem silbergrauen Faden befestigte Monokel herunterfiel, und fuhr den Verdutzten an:" Sagen se mal, was wollnse denn mit dem rechten Arm in der Luft?! Sie sind doch keen Vogel! Krieje wern auf der Erde jewonnen, und nich in der Luft, verschtanden?" Bürgermeister Anker konnte das, was ihm blitzschnell durch den Kopf ging, nicht zu Ende -denier, warum nämlich preussische Offiziere ab Lieutenant aufwärts eine markante und schneidende Stimme haben mussten, obwohl das in keiner Dienstvorschrift festgelegt war. + Bürgermeister Anker sass im Abteil seines Zuges nach Landsberg indem er seine geistigen Kräfte sich schulte, sich für kommunale Probleme interessierte und bis zum Bürgermeister hinaufarbeitete. Er war kein Sozialdemokrat, beilbibe nicht. Sie waren nach seiner Meinung zu schroff, zu renitent, stellten Forderungen, die sich niemals so schnell, wie die Sozialisten es sich vorstellten, verwirklichen liessen. Ausserdem machten sie nach seiner Meinung einen grossen Fehler, indem sie glaubten, die nicht abzuleugnenden Übelstände aufxxx * x* x* x* x** in der sozialen Schichtung der grossen Städte auf das ganze Land beziehen zu müssen Der Geheime Regierungs- Rat Dr. Meitzen hatte ihm gerade in Berlin eine Aufstellung übergeben, nach der die ländliche Bevölkerung Preussens aus ungefähr 6 Millionen Eigentümern und 2 Millionen Tagelöhnern besteht. Weldre Be Muting:( Kommentar) Mit einiger Mühe holte er den Koffer herunter, der im wesentlichen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher enthielt, stellte ihn heben sich auf die Holzbank, und wühlte in den gedruckten Kostbarkeiten, die er sich in Berlin zusammengetragen hatte. Das oben liegende neue Militärhandbuch für das Jahr 1879 und das Hof- und Staatshandbuch legte er unbe sehen zur Seite. Die" Landwirtschaftliche Zeitung für das nordöstliche Deutschland", die sich mit der Steigerung der Einfuhren von amerikanischem und russischem Getreide beschäftigte, sagte in ihrem Hauptartikel genau das, was • - 3- auch seine Meinung war:" Wir können die Lage der Landwirtschaft durchaus nicht für eine so traurige halten. Die Konkurrenz des getreideproduzierenden Auslandes richtet uns nicht zu Grunde." Es gab Dinge, die weitaus erschütternder waren: in der ungarischen Freistadt Szegedin an der Theiss war ein Unwetter niedergegangen, der Fluss war über die Ufer getreten, orkanartige Stürme hatten Bäume entwurzelt, Häuser niedergerissen, Menschen und Vieh kamen in den Fluten um, und die letzten Depeschen, die Bürgermeister Anker in Berlin zu lesen bekam, sprachen von 5000 zerstörten Häusern und Hunderten von ertrunkenen Erwachsenen und Kindern. Sammlungen von Spenden in allen Ländern Europas wurden veranstaltet, um zu helfen. Der österreichische Kaiser hatte sich gerade heute von Wien aus nach Szegedin begeben, und sein Innenminister" hat in sämmtlichen im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern eine öffentliche Sammlung milder Beiträge zur Unterstützung der in Folge der Überschwemmungen verunglückten und hilfsbedürftigen Bewohner der Freistadt Szegedin's angeordnet."- Bürgermeister Anker war in einer misslichen Lage. Seine Stadt Landsberg sollte sich an der Szegedin- Sammlung beteiligen. Auf der anderen Seite hatte man ihm in Berlin einen Bericht in die Hand gedrückt, der eindeutig bewies, dass es in Deutschland ohne Flussüberschwemmungen und Orkane genug Not und Elend gab. Wo hatte er nur den Artikel hingelegt? Er durchwühlte den Koffer, ohne ihn zu finden, hatte schliesslich i eine Broschüre in der Hand mit dem Titel" Die Arbeitsschule als organi( ist das nicht?? von einem gewissen Schwab geschrieben-, und fand den aus einer Zeitung herausgeschnittenen Artikel zwischen den Seiten diese Broschüre. In aller Ruhe las er noch einmal durch, was er heute in der Frühe nur überfbogen hatte:" Kaltblütige Menschen machen uns zum Vorwurf, dass wir das Mitleid für Fremde angerufen, während Noth im eigenen Lande walte und sie rathen uns mehr Vorsicht beim Wohlt thun Logik dort an, wo Selbstverschuldung, das Unglück mit herbeiführte. Als der grosse Brand Hamburg zerstörte, als der Nationalkrieg mit Frankreich die Lazarethe mit Verwundeten und Kranken füllte, da flossen Gaben aus der ganzen Welt zur Milderung des Elends diese internationale Kundgabe der Barmherzigkeit ist eine der schönsten Früchte der modernen Gesittung, ihr wollen wir getreu bleiben.- Aber nicht bloss für die Aber nicht bloss für die unglücklichen Bewohner Szegedins, auch für die von Hungersnoth scheer betroffenen Bewohner des Spessart rufen wir das öffentliche Mitleid wach. Kein Brod, keine Kartoffeln, kein Salz im Hause, blutarm die Kinder, sieht der Hunger dem Volke zu den Augen heraus und in stummem Kummer starrt die Bevölkerung vor sich hin, entkräftet, muthlos, zu schwach schon fast zur Arbeit geworden. Dringende Hilfe ist nöthig, die nothleidenden Gemeinden müssen unterstützt, über die nächsten Wochen hinweggebracht, ihnen die Mittel Falistid eil der Volksschule", - habee ал R Thema Auker plarer vou Bajatille Helle Du Politik und sosiale sdeel ше ordnen ши - 4- verschafft werden, ihre Felder zu bestellen und sie vor Krankheit und völligem geistigem wie leiblichem Verderben zu retten." Bürgermeister Anker wollte gerade den Artikel zur Seite legen, als sein Blick auf eine Meldung aus dem deichstag fiel: was war an einem einzigen Tag, wie an diesem 15. März, nicht alles los! Herr Petran, wohnhaft in den königlichen Weinbergen nächst Prag, warnte in deutschen Zeitungen vor chemisch zubereitetem Bier,-die Indianerin Miss Zenobia würde heute Abend ihr Deutschland- Gastspiel mit einem Auftritt im Münchener Thalia- Theater in der Posse" Die Studenten von Rummelstadt" beginnen und auch nach Berlin kommen, vielleicht sogar x( verwegener Gedanke!)* nach Landsberg,-in Strasburg hatten die Abgeordneten, Grad, Fulter und Rudolf bei der Regierung durchgesetzt, dass in Deutschland erlaubte Zeitungen und Publikationen auch in ammentar, sedachides) Elsass- Lothringen verbreitet werden dürfen.Carl Stangens Reisebureau in der Markgrafenstrasse 43 in Berlin W bereitet eine grosse Gesellschaftsfahrt nach Italien vor, über München, Verona, Mailand, Genua, Rom, Neapel, Sorrent, Amalfi, Capri, Vesuv, Florenz, Bologna, Venedig, Vien, Berlin, Dauer: 42 Tage, Preis: ( Wos kann sich lusten to 1250 Mark -in Würzburg erschiesst der Unteroffizier Karl Rude den Studenten!) Sicke,- in Berlin wird der sogenannte kleine Belagerungszustand verhängt, weil der sozialistische Abgeordnete Wilhelm Liebknecht beim Ausbringen des" Lebehoch" auf den Kaiser sitzenblieb( Romutar 2) Vielleicht sollte man sich doch etwas intensiver mit den sozialistischen Albica Ideen beschäftigen. Was diese Leute zum Beispiel als Schulreform forderB.Auker ten, hatte Hand und Fuss. Schon seit längerer Zeit war ihm klargeworden, dass das Unterrichtswesen immer mehr zur seelenlosen Maschine eines einseitig intellektualistischen Zeitalters geworden war." Gesinnungsunterricht im Dienste der herrschenden Klasse", so nannten es die Sozialisten. In Berlin hatte er erfahren, dass ein Teil der Jugend sich bereits bewusst von diesem Drill- Betrieb abwandte, dagegen rebellierte, ohne allerdings etwas e erreichen. Der Abgeordnete von Schendorff, mit dem er sich daЦа guvesen rüber unterhalten wollte war leider verhindert. Er sässe, so sagte man ihm, gerade an einer grossen schriftlichen Arbeit, die sich mit der För Audru . bereits -5derung der Handarbeit und der Volks- und Jugendspiele in Erziehung und Unterricht befasse. Aber was würde dabei herauskommen? Und schon gar für seine Stadt Landsberg, mit 1495 Wohnhäusern, 10 Anstalten zu gemeinschaftlichem Aufenthalt, 5046 Haushaltungen, 11911 männlichen und 11647 weiblichen Seelen( darunter 892 aktive Militärs Bürgermeister Anker konnte nicht wissen, dass die Zahl der 11647 méiblichen Seelen nicht mehr den Tatsachen entsprach. Seit seiner Abreise gestern früh hatte sich diese Zahl auf 11649 erhöht, und gerade in diesem Augenblick, als der Zug auf dem Bahnhof in Landsberg einfuhr, machte sich die 11650." weibliche Seele" daran, das Licht dieser Welt zu erblicken. + Im überheizten Gasthaus" Zur Krone" in Landsberg an der Warthe hatte sich um dies die Nachmittagszeit dieses 15. März 1879 eine Gruppe von Männern zusammengefunden, um bei einem Glas Bier und bei Pfeife und Zigarre von den Strapazen der Woche auszuruhen und über die Dinge zu sprechen, die sich seit dem letzten Sonnabend ereignet hatten. Die Meldungen der" Neumärkischen Zeitung", eines in Landsberg erscheinenden Wochenblatts mit geschickt versteckter solischer Tendenz, waren kommentiert. Man fortsdirittidieu hatte sich heiss geredete an den Plänen, die Bürgermeister Anker mit der Stadt vorgatte. Maxxk********** r Jetzt war er ja schon wieder in Berlin, um zu studieren, was es dort Neues gäbe. Die neue Berliner Stadtbahn wolle er sich ansehen, die in zwei Jahren fertig sein soll. Die Engländer seien schneller gewesen, hätten schon 1863 das erste Stück ihrer Stadtbahn in Betrieb genommen, und die Kanalisation in Landsberg müsse modernisiert werden, da hat unser Bürgermeister Recht. Natürlich nicht so wie in Frankfurt, wo man die ganzen Abwässer in den Main geleitet hat. Ohne Rieselfelder kommen die Frankfurter nicht mehr aus. Oder sie müssen es so machen wie unser Bürgermeister, der sich für ein ganz neues System das mit einer pneumatischen Abtrittreinigung arbeitet. entscheiden will das man in Holland, in Amsterdam, Dortrecht und Leyden ausprobiert hat das Lierur'sche System, Und die vielen Fremdarbeiter, die ins Land kommen, lauter Polen, Italiener und Galizier. Dafür wandern die Deutschen aus. Ausserdem hat der Kaiser nächsten Samstag Geburtstag, 83 Jahre wird er alt, vielleicht wird das Sozialistengesetz wieder aufgehoben. ging übergang? od komenten. Das Gespräche von Thema zu nema, und es war zu spüren, dass Berlin nur 130 Kilometer entfernt war + felelt Audenly über I but Alle Männer hatten sich mehr oder weniger intensiv an diesem Gespräch beteiligt, bis auf den Bauunternehmer Friedrich Theodor Gohlke, der seit einer halben Stunde weder ein Wort gesprochen noch von seinem Bier getrunken hatte. Zwischendurch war er einige Male aufgestanden, als ob er hinausgehen wolle, hatte sich aber immer wieder hingesetzt, sodass der Lehrer Peter Freymark keine Möglichkeit sah, die Tischrunde über Gohlkes Unruhe aufzuklären. Peter Freymark war erst kürzlich mit seiner Frau aus Soldin nach Landsberg gekommen. Nachdem er bei einigen Samstag- Gesprächen eine sehr freie Sprache wurde, weil er aus Andenday for spal Entlassung! Nees med auderu! beschränkte er sich neuerdings darauf, die Tischrunde mit den Neuigkeiten zu unterhalten, die einigen er von seiner Frau Minna erfuhr. Minna war Hebamme, hatte schon***** Frauen der um den Tisch versammelten Männer dazu verholfen, glückliche Mütter zu werden, und kannte sich deshalb in den Landsberger Familienverhältnissen schon recht gut aus. Aber heute hatte Peter Freymark auch auf diesem Gebiet Hemmungen und rettete sich in sein Lieblingsthema, die sozialistische Schulreform, wie er sie sich als überzeugter Sozialdemokrat vorstellte. Im Augenblick ereiferte er sich an der konfessionslosen staatlichen Simultan- Schule, die es jedem ermöglichen müsse, das zu lernen, was seiner Begabung entspreche, gleichgültig, ob es sich um Bürger-, Arbeiter- oder Bauernkinder handele. xxxxxRak*********** Zu Friedrich Theodor Gohlke gewandt, meinte Peter Freymark:" Wenn wir diese Schuhallen schon hätten, wäre Dein Sohn Otto besser dran. Was hat er in dem ben Jahr auf der vierklassigen, Volksschule gelernt? Nichts! Und warum? Seld Frage ist Weil das Geld nicht ausreicht, um ihn auf die Bürgerschule zu schicken. es cucce 11 Baxxxxxx Das hätte Peter Freymark nicht sagen sollen. Der immer ruhige, niemals aufbrausende Theodor Gohlke stand erregt auf, dass der schwere Holzstuhl nach hinten xxkixxi laut polternd umkippte. Er vertrug keine Anspielungen auf die Spekulationen, die er in diesen sogenannten Gründerjahren nach seiner Meinung unbedingtymachen musste, wenn er seine mühsam erkämpfte Selbständigkeit erhalten und sichern wollte. Es war still geworden an dem grossen Tisch, an dem die Männer fast verlegen mit ihren Pfeifen hantierten, um Friedrich Theodor Gohlke nicht in seinen Gedanken zu stören. Ohne es zu wissen, hatte er den umgeworfenen Holzstuhl aufgehoben, und sich hingesetzt und durch die anderen hindurchgesehen, als ob sie nicht am Tisch sässen. Jetzt stand er langsam auf, zog sich den Mantel an, setzte die Mütze auf, grüsste kurz und verliess den gezogen Gasthof" Zur Krone".. Beim Heraustreten aus der Türe wäre er fast mit Bürgermeister Anker zusammengestossen, der einen kleinen, aber xxkai anschei nend schweren Koffer in der Hand, der seinen Körper auf der rechten Seite herunterzog, sodass es aussah, als ob er schief daherliefe- en ihm vorbei hustete Mit einer hingemurmelten Entschuldigung zog Gohlke zum Gruss Sie sich seine Mütze. Erkannte den Bürgermeister gut, dennder hatte sich schon einige Male dafür eingesetzt, dass die Baufirma Gohlke Aufträge erhielt. Auch der Neubau in der Nähe der evangelischen Kirche, für den er den Dachstuhl anfertigte, stand unter Ankers Schirmherrschaft. Am besten, er sieht noch einmal nach, ob sein Geselle Franz alleine mit den letzten Querhölzern fertig wurde.Oder soll er nach Hause gehen? Die energische Minna Freymark hatte ihm bestimmt, aber freundlich zu verstehen gegeben, dass kein Grund zur Unruhe bestehe, dass alles in bester Ordnung sei, und dass sein Sohn Otto zur" Krone" kommen würde, wenn es so weit sei. Ob sich alle Väter zwar Perade ● - - 10- 2 2 bei der Geburt ihrer Kinder solche Gedanken machen. Das ist doch nun das Vierte. Oder gerade deshalb? Ob sein Vater, der Ost- Kolonist Gottlieb wildaian lick Gohlke, sich bei seiner Geburt am 8. Oktober 1841 genau so abqualte wie er heute? Das ist 37 Jahre her, und weder Vater noch Mutter haben jemals mit ihm darüber gesprochen. Väter und Mütter scheinen niemals mit ihren Kindern darüber zu sprechen. Wenn sie es möchten, sind die Kinder zu klein und verstehen es nicht, und wenn sie es verstehen, sind sie bereits zu gross und haben selbst schon Kinder. eigene Sorgen Friedrich Theodor Gohlke hatte nicht bemerkt, dass er in seinen Gedanken nicht zum Bauplatz gegangen xxx, sondern gerade im Begriff war, die KüWarum striner Strasse zu überqueren, auf die Warthebrücke zu. In der Küstriner • Strasse müsste man wohnen, dachte er. Die Holzbohlen der Brücke klapperten, als er im Dauerlauf darüberlief, auf das Haus zu, das dem Fischhändler Höhne gehörte und in dem seine Frau Henriette in einer Dachwohnung ein viertes Mal den Kampf austrug, dem Leben neues Leben zu geben. Felelt" M.S. hierber 5 14 ausdeliessen thimveis über Notizen u. Tagebuch vou MY. . 14* Sega " Mein Vater Friedrich Theodor Gohlke stammte aus einer Familie, in der die Männer seit jeher gleichzeitig Bauern und Zimmerleute waren. Sie bestellten ihre kleinen Äcker und bauten den anderen Bauern ihre Wohnhäuser, Ställe und Scheunen, aber auch die Kirchen. Es waren fromme Leute, diese Männer, besonders aber ihre Frauen. Eine Brüdergemeinde war es, wahrscheinlich die Herrenhuter, der sich die Vorfahren meines Vaters mit ihren Familien angeschlossen hatten. im Wartheebounde Meinen Grossvater habe ich nicht mehr gekannt. Der älteste Sohn, Stiefbruder meines Vaters, hatte den Hof und das Baugeschäft übernommen. Er war schon ein recht alter Mann, wohl an die siebenzig, als ich- ein Schulkind noch- einige Male dort war. Er hätte wohl mein Grossvater sein können, und ich habe ihn auch so empfunden. Er hatte nach meiner Erinnerung einen feinen Kopf, ein intelligentes Gesicht und gute Augen. Die Tante empfand ich nicht so angenehm, ihre Freundlichkeit war nicht echt und herzlich. Auch schien sie es meinem Vater nachzutragen, dass er sich von der Brüdergemeinde fortentwickelt hatte. In diesem ehemals gros sväterlichen Hause versammelten sich sonntags die Mitglieder der Gemeinde, die aus den umliegenden Dörfern zusammenkamen, zu Fuss, aber auch mit Pferd und Wagen. Da wurden in der grossen Stube Bänke aufgestellt und Andacht gehalten, bei schönem Wetter auch auf dem Hof. Da ich nur gelegentlich in den Ferien dort war, um mich dann an selbstgepflückten Kirschen richtig satt essen zu können, waren die frommen Eindrücke nicht so stark. Die Erinnerung an den grossen Kirschbaum und andere schöne essbare Dinge haftete länger. Die Eltern meines Vaters waren früh gestorben, er und sein Bruder Johann waren noch Schulkinder, als sie Waisen wurden. Sie mussten zuweilen bei Verwandten unterschlüpfen, wo sie sich beim Hüten der Schafe nützlich machen konnten und auch die Zahl der Esser in der Familie des Bruders ver minderten. Beide erlernten dann, aus der Dorfschule entlassen, beim Stiefbruder das Zimmererhandwerk. Die Lehre muss gut gewesen sein, jedenfalls gehörte das Bauzeichnen mit dazu, zum Beispiel der Aufriss und die Berechnung einer Balkenlage, der Treppen, der Verband des Dachgeschosses, ja selbst Wendeltreppen und der Verband eines Kirchturms. So hat es mir mein Vater öfter mit Stolz erzählt. Ich muss sehr empfänglich dafür gewesen sein und habe mich zeitlébens stark für das Bauen interessiert. Allerdings, so sagte mein Vater mir, habe er später beim Dorfschulmeister und aus Lehrbüchern sein Können noch ergänzt. Der Vater ging schon sehr früh aus dem Elternhause und damit aus dem Warthebruch fort, um sich in einem anderen Dorf unweit Landsberg an der Warthe niederzulassen, in Heinersdorf. Im Gegensatz zu dem schweren . - - -15Bruchland war dort leichter, sandiger Boden, und die Landschaft wurde noch bestimmt so lernte ich es in der Schule." von den Ausläufern des uralisch- baltischen Höhenzuges". Dort in dem Dorf wurde noch mein ältester Bruder Otto geboren, am 27. August 1872. அ DS Vader -7"/ auf Seite 15 se aufstrebende Kreisstadt, die bessere arbeitsmöglichkeiten bot als das Land, denn die im Warthebruch lebenden Kossethen, Halbbauern, deren Wirtschaften nicht viel einbrachten, flickten sich ihre primitiven Hauser selbst zusammen. " Bald danach übersiedelte die kleine Familie in die Stadt Landsberg an der Warthe, wo mein Vater als Bauunternehmer sein Glück versuchen wollte, es aber wirtschaftlich nicht fand. Um die Konkurrenz aufnehmen und durchhalten zu können, hätte er wahrscheinlich kapitalkräftiger und in seinem geschäftlichen Verhalten skrupelloser sein müssen." 2 Viel Bargeld hatte er nicht mehr in der Tasche, als er eines Tages mit Frau und Sohn vor dem Fischhändler Höhne stand, der ihm auf der anderen Seite der Warthe im Dachgeschoss eines seiner Häuser Quartier gewährte. Im ausgebauten unteren Hauptteil des Hauses wohnten die Familie Kuhn und der Viehhändler Blobelt, fix von dem er schon wenige Tage später den Auftrag erhielt, eine Viehrampe zu bauen. Warum sich also nach einer Stelle als Zimmerpolier umsehen? Das war der Anfang zur Selbhier ständigkeit. Um hinter dem Haus einen Arbeitsschuppen zu bauen und eine Werkstatt einzurichten, war Kapital notwendig, das Friedrich Theodor Gohlke nicht besass. Dafür wuchsen die Schulden, die mit der inzwischen fertiggewordenen Rampe des Viehhändlers Blobelt nicht abgedeckt werden konnten. Dafür kamen neue, eilige Aufträge herein, die er alleine nicht schaffen konnte. Zwei Gesellen vom Lande wurden verpflichtet, Werkzeug musste angeschafft****** und Holz gekauft werden. Zu allem Überdruss war Minna*** gakx zur Welt gekommen, ein zartes Mädchen, das von seiner Geburt an auf Pflege angewiesen war. Seludude? Gohlkes Frau Henriette hätte es in dieser Zeit lieber gesehen, wenn ihr Mann die ganze Selbständigkeit an den Nagel gehängt und sich bei einem Bauunternehmer als gutbezahlter Zimmerpolier verdingt hätte, aber sie machte ihm keine Vorwürfe, sondern packte mit der ihr eigenen und bewundernswerten Entschlossenheit zu, wo es nötig war. Als das aus dem um auf Geld allzu knapp wurde, schlich sie sich heimlich aber House, F den Äckern des Mühlenbesitzers Braun beim Kartoffelbuddeln mitzuhelfen. мку шев иу шу 16 eu valeu таши Friedrich Theodor Gohlke kan geradat von Bauern Traschke zurück, wo man den Stall um drei Meter vergrössert hatte, als sein drittes Kind, sein Sohn Franz, zur Welt kam. Schreiben, dass verundlich Frau Krank! Kurz entschlossen entliess er die beiden Gesellen und teilte den Gutsbesitzern Böhnisch und Eschner mit, dass er leider nicht in der Lage sei, die in Auftrag gegebenen Erweiterungs- und Neubauten für Wohnhaus, Stallungen und Scheune auszuführen. Vielleicht hätten diese beiden grossen Aufträge die materielle Hilfe gebracht, um inZukunft in schuldenfreier Selbständigkeit weiterleben zu können. dass er ein ganzes Jahr lang nicht arbeitete, sonuen Frau und Kinder kümmerte, den grössten Teil des Holzlagers mit Verlust verkaufte, um mit seiner Familie leben zu können, und sogar einen Schlafa gehört dies nicht zuss? Кирец - 8- burschen in die enge Dachwohnung aufgenommen hatte, einen Schuhmacher, der mit seinem geringen Mietgeld zum Lebensunterhalt des Bauunternehmers. Friedrich Theodor Gohlke und sener dreiköpfigen Familie beisteuerte. Das Sorten Leid des Ehepaares wuchs mit den heranwachsenden Kindern Otto, Minna und Franz. Während Otto sich zu einem kräftigen Jungen entwickelte, der ohne jede Aufforderung dem Vater zur Hand ging, wurde die kleine Minna immer stiller, und der kränkelnde Franz immer unruhiger. Otto, fünf Jahre alt, kümmerte sich um den Haushalt und seine Geschwister und half der sich langsam erholenden Mutter, wenn Vater aus dem Haus war, um kleinere Zimmererarbeiten auszuführen. Mit verbissener Hartnäckigkeit versuchte Friedrich Theodor Gohlke, sein Bauunternehmen wieder anzukurbeln. Er war ein guter und gewissenhafter Handwerker, dem man gerne solide Aufträge anvertraute. Als er vor zwei Jahren nach Hause kam, mit dem Auftrag in der Tasche, für ein dreistöckiges Haus in der Landsberger Friedrichstadt, direkt an der Hauptstrasse, alle Holzarbeiten auszuführen, die Balken zu legen und den Dachverband anzufertigen, und mit der frohen Nachricht in die Dachwohnung platzte, fand er eine verstörte Familie vor. Henriette, seine Frau, sass weinend neben dem selbstgezimmerten Bett des kleinen Franz ,, und Otto hielt schluchzend die Hand der kleinen Minna, die er ununterbrochen streichelte. Dr. Brate packte gerade die Instrumente.ein, mit denen er die Kinder untersucht hatte, zog Theodor Gohlke auf den Gang, machte die Türe hinter sich zu, behutsam und leise, wie es dem Ernst der Lage entsprach, und sagte etwas salbungsvoll:" Herr Gohlke, da lässt sich nicht mehr viel machen. Ihre Tochter ist unheilbar augenkrank, in spätestens vier Wochen wird sie völlig erblindet sein, und Sie werden es zu tragen wissen, wenn ich Ihnen sage, dass Ihr Sohn Franz es wahrscheinlich nicht überstehen wird. Die Lungen sind zerstört, das Herz ist kaputt, der ganze Organismus funktioniert nicht mehr. Auch operativ lässt sich da nichts mehr richten. Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie als Familienoberhaupt müssen die Wahrheit wissen. Ihre Frau weiss nicht, wie schlimm es um den Jungen steht. Ich wünsche Ihnen Kraft für die nächste Zeit, und rufen Sie mich, wenn Sie es für nötig halten." - Als unten die Haustüre längst hinter Dr. Brate ins Schloss gefallen war, stand Friedrich Theodor Gohlke noch immer auf dem zugigen Gang der Dachwohnung, fassungslos über diesen Schlag, der alle Zukunftspläne über den 2) was über Preissig Jahre Haufen warf. Und wie würde Henriette, alt, damit fertig werden? Kraft für die nächste Zeit hatte Dr. Brate ihm gewünscht. Ausser dieser Kraft brauchte er Geld, sehr viel Geld, und den Mut zu einem Optimismus, der zwar seinen Sohn Franz nicht mehr retten und seine Tochter Minna nicht sehend machen, wohl aber den Fortbestand seiner Familie garantieren könnte. 27. Wie er damals, vor zwei Jahren, mit dieser Situation fertig wurde, weiss er heute nicht mehr gedau. Zwei Monate später starb die kleine Minna, ein halbes Jahr später folgte Franz. Henriette, seine Frau, war noch stiller geworden, umgorgte ihn und den kleinen Otto mit noch grösserer Liebe als zuvor, und brachte es fertig, den nateriell nicht reich bedachten Haushalt so zu führen, dass sie mich jederzeit in der näheren und weiteren Nachbar chaft damit sehen lassen konnte. Zwischendurch hatte es auch gute Tage gegeben, manches Haue in Landsberg war dazugekommen, an den Friedrich Theodor Gohlke fleissig mitgebaut hatte. Dinnal reiste er sogar nach Rolow in Polen, weil er eine Empfehlung dorthin als guter und solider Bauunter- nehmer erhalten hatte. Dass er unverrichteter Dinge wieder zurückkehrte, lag nicht an ihm. 1274:.... frucher Aß besichtet s. i. Dich. Bei M."Gogarole Holéric leusicini d. C. P. Mollat Meine Schwester Marie otto" presklen. Dou 16 oder zu kelaver auf 11 " Du, Vater,- das Bett ist aber viel zu gross für unser Mariechen!" Der sieben Jahre alte Otto stand am 15. April 1879, als seine Schwester Marie gerade vier Wochen alt war, sinnierend neben dem neuen Holzbettchen, das Friedrich Theodor Gohlke in aller Eile zusammengezimmert hatte. Es war glatt und sauber gearbeitet, ungestrichen, hell gebeizt, hatte eine weiche Unterlage, und passte genau in den Winkel hinter dem Bett der Eltern. " Da wird Mariechen schon reinwachsen, mein Junge, Du wirst Dich wundern, wie schnell das geht." bald Bruder Otto wundert sich nicht im geringsten, wie schnell das ging. Die Schule nahm im sehr in Anspruch, und Vater und Mutter Gohlke sorgten dafür, dass er mehr lernte, als an Lehrstoff geboten wurde. Da er sich ausserdem für die Zimmerei interessierte und aus eigenem Entschluss in seiner Freizeit dem Vater zur Hand ging, stand es fest, dass er nach der Schulentlassung zum Vater in die Lehre gehen würde. so geschah es auch. Als Marie Sechs Jahre alt wurde, trat Otto als Lehrling bei seinem Vater ein. Der Geselle, den sich Vater Gohlke aus dem Warthebruch geholt hatte, weil sich allerlei Zimmermannsarbeit ankündigte, war ein aufgeweckter Bursche, der den jetzt 12 Jahre alten Otto in Abwesenheit des Vaters ganz schön anpackte. Vater Gohlke hatte nichts dagegen einzuwenden, denn so lange sich sein Otto noch die Zeit nahm, sich mit der heranwachsenden Marie zu beschäftigen, mit ihr zu spielen und das Spielzeug für sie selbst zu basteln, war alles in bester Ordnung. Den Wunsch, seinen Jungen nicht mehr auf dem Sofa in der Küche schlafen zu lassen, sondern ihm die Kammer zu geben, in der noch immer der Schuhmacher als Schlafbursche hauste, konnte er ihm leider nicht erfüllen. Dafür hatte Otto eine Idee, für die sich auch Vater Gohlke beRe geisterte und die sofort verwirklicht wurde. Vater und Sohn Gohlke setzten sich an einem Feierabend zu Mutter in die warme Küche, Mariechens Holzbett, das ihr zu klein wurde, stand in der Küche neben dem Herd, denn Mariechen wollte nur einschlafen, wenn alle dabei waren und wenn Mutter sich einige Male davon überzeugt hatte, dass sie auch richtig zugedeckt sei. So war es auch an diesem Abend. Mariechen, vom Spielen und Plappern müde, fragte sohon im Einschlafen:" Bin ich auch richtig zugedeckt?" Aber da war sie schon eingeschlafen, und Vater und Mutter Gohlke schoben das Bett vorsichtig in das elterliche Schlafzimmer. taliter die kou trustion, Bevor Vater und Sohn Gohlke sich an die Arbeit machten, füllte die Mutter noch einmal die Petroleumlampe auf, legte sich das Zeug zurecht, und das sie heute Abend noch nähen und ausbessern wollte, schickte Otto noch einmal mit dem Eimer herunter, um Wasser heraufzuholen, und dat Otto, der in diesem Augenblick mit dem vollen Wassereimer zurückkam, unterbrach das elterliche Gespräch, setzte den Eimer temperamentvoll auf den Boden neben dem Herd, sodass etwas Wasser über den Rand schülperte, und erklärte dem Vater seine Idee." Wir nehmen das Sofa auseinander, bis nur noch die Polsterung übrig bleibt. Die stellen wir auf einen viereckigen Kasten, und in den Kasten bauen wir eine grosse Schublade, die auf Rollen läuft und die man herausziehen kann." und in die Schublade gauz Bett Del 11 - 13- " Und was geschieht mit der gepolsterten Rückenlehne? Wollt Ihr die wegwerfen oder verbrennen?" - " Das wäre schade, Mutter. Nein, pass mal auf, Vater. Da machen wir auch einen viereckigen Rahmen drumherum, und stellen ihn als Rückenlehne an die Wand." J andresen hinten eine Tizchild das Sauce " Ich habe noch eine Idee, mein Junge. Wir machen diesen Rahmen mit Scharnieren an dem grossen Kasten fest. Tagsüber wird er heruntergeklappt, dann hat Mutter viel Platz zum Bügeln und zum Abstellen." " Und warum diese ganze Arbeit, Theo?" " Das ist eine gute Idee von Otto, Mutter. Lass uns mal machen." Vater und Sohn Gohlke waren mit Recht sehr stolz auf das Ergebnis. Mariechen schlief von jetzt ab nur noch in dem rollenden Kasten, der aus dem Kasdeu umgebauten Sofa herausgezogen wurde. Abends wurde Mariechens Bett kaxkan in das grosse Zimmer gefahren, Otto schlief auf dem durch den Umbau nicht noels weniger bequemgewordenen Sofa den gesunden Schlaf der Jugend, und Mutter Henriette war froh, tagsüber einen zusätzlichen Tisch An der Küche zu haben, auf dem sie sich ausbreiten konnte.. + her леч Otto war im Begriff, durch sein Erwachsenwerden sich dieser elterlichen Liebe zumindest rein äusserlich zu entziehen.( Er vertrug es nicht mehr, gestreichelt zu werden. Was er sich allerdings auch jetzt noch gefallen liess, war das Zudecken am Abend, wenn er auf seinem Umbau- Sofa lag. Das sollte noch lange für ihn und Marie zur guten Nacht gehören. Der einzige Mensch, von dem sich Otto in dieser Zeit schwesterliche Zärtlichkeiten gefallen liess, war die aufgeweckte und wissbegierige Marie, die ihm Fragen stellte, auf die er selbst keine Antwort wusste. Er gab diese Fragen an seine Eltern wieder, natürlich so, dass Marie es nicht merkte, und wenn er glaubte, die richtigen Antworten zu wissen, brachte er das scheinbar nebenbei zur Sprache. Woher sollte denn auch Otto wissen, was eine Nähmaschine ist, warum der Vater manchmal sehr wenig Geld hate, woher das Petroleum kommt, und was ein Verein ist! Marie nahm an allen Dingen, die sich im Hause ereigneten, lebendigen Anteil. Sie sagte nicht viel, hörte genau zu, auch dann, wenn es sie garnichts anging, und verriet sich nur durch ihre Fragen an die Eltern und an Bruder otto. Hier vou erzählte Otto, Pommerngu wenige über Ениманидий in ein ileren ilor damaliges Verhältnis zum XxSeite 7u8 luglier - Ich kam als zweites lebendes. Kind meiner Eltern zur Welt. Einige Geschwi ster, ein Mädchen und ein Junge, waren vor meiner Geburt gestorben. mein Bruder Otto, sechseinhalb Jahre älter, besuchte die volksschule im letzten Jahr, als ich zum Schulbesuch angemeldet wurde. Mir schien, er kam sich mächtig erwachsen vor, was mir zeitweilig imponierte, mich aber auch oft wütend machte, wenn er mal wie alle Jungens in dem Alter recht fxlegelig wurde. Er war aber sehr nett im Grunde seines Wesens und muss sich mit mir gut verstanden und gut unterhalten haben, denn er baute mir allerhand schöne Spielsachen. An Holz, Nägeln, Leim und Handwerkszeug war kein Mangel. Unser grosszügiger und verständnisvoller Vater erlaubte ihm, alles zu nehmen, was er glaubte brauchen zu müssen, natürlich unter der Bedingung, dass nach Gebrauch alles wieder an seinen Platz gebracht ***** und dass er vorher gefragt würde, ehe ein Stück Nutzholz der Säge • ke/ darüber, XQXX* X* XX* X* X* XX* XX** XX* яяkxnightxxxx@ itxxdenn während Otto das Wasser holte, unterhielten sich Vater und Mutter Gohlke darüber, dass es eigentlich schade sei, dass Otto keine bessere Ausbildung erhalten könne. Vor einigen ren sei in Berlin durch die Zusammenlegung der Bau- und der Gewerbeschule die Technische Hochschule entstanden, mit grossen Lehrabteilungen für Architektur, Bau- und Ingenieurwesen, für Maschinenbau, Chemie und Bergbau, und auch für ganz allgemeine Wissenschaften, die ja in dieser modernen Zeit der rapiden technischen Entwicklung von grosser Bedeutung seien." Von dieser modernen Entwicklung ist bei uns aber nicht viel zu merken", meinte Mutter Henriette mit etwas resignierendem Tonfall und einem nachfolgenden tiefen Seufzer. " So schnell kann das bei uns auch nicht gehen, Mutter, das musst Du doch einsehen. Die erfinden ja viel schneller, als sie die Erfindungen verwirklichen können. Bei uns brennen noch die Petroleumlampen, in Berlin langst und anderen Städten haben sie schon Gaslaternen aufgebaut, Und jetzt sprechen sie schon davon, dass die Sache mit dem Dampf überholt ist und dass in Zukunft alles nur noch elektrisch gehen soll. Hier, in dieser Druckschrift, die mir die Stadtverwaltung gegeben hat, steht genau drin, wie das**************** mit der Elektrizität angefangen hat und weitergehen wird." " Was hast Du denn mit Elektrizität zu tun, Theo?" " Sehr viel, Henriette, denn es wird einmal elektrisches Licht in allen Wohnungen geben, elektrische Wasserpumpen werden eingebaut, Leitungen müssen gelegt werden. Das muss dann beim Bau der Häuser beachtet werden. " Meinst Du nicht, dass der Mann, der das geschrieben hat, etwas übertreibt? Das erleben wir hier in Landsberg bestimmt nicht mehr." " Und ob wir das erleben, Henriette! Der Mann, der diese elektrischen Ergemacht findungen xxx und schon vor zwei Jahren die erste elektrische Strassenbahn gebaut hat, ist der Dr. Werner Siemens. Hör zu!' Seit dem 12. Mai 1881 besitzt das Deutsche Reich in unmittelbarer Nähe seiner Reichshauptstadt eine dem praktischen Verkehr dienende elektrische Eisenbahn, die erste auf dem ganzen Erdenrund'. Inzwischen sind weitere elektrische Bahnen gebaut worden." Lofisdier Schluss folgering auf Bau od Sozia rightes placiers - 26- So is t das Leben • Der Sommer des Jahres 1894 brachte gleich zu Beginn drückend heisse Tage in Landsberg an der Warthe. Friedrich Theodor Gohlke hatte den Plan, in die Küstrinerstrasse 50 umzuziehen, zwar verwirklichen können, aber leider nicht so, wie er sich das ursprünglich vorgestellt hatte. Als er vor 15 Jahren über die Warthebrücke polterte, um seiner Tochter Ma rie den ersten Willkommens gruss auf dieser Welt zu sagen, hatte er sich in Gedanken als alleiniger Bewohner eines Hauses gesehen, mit allem, was dazugehört, um eine vierköpfige Familie gut über Wasser zu halten. Es war aber leider anders gekommen. Jetzt war man durch Elisabeth, die seit einigen Wochen schon zur Schule ging, auf fünf Personen angewachsen. Andererseits hatte Otto eine gute Lehre hinter sich gebracht und war Vaters bester Helfer geworden, trotz einiger Dummheiten, die nun einmal von jungen Männern im Alter on 18 Jahren gemacht werden. Marie hatte die Schule hinter sich gebracht und stand vor dem Problem, Arbeit zu finden und Geld zu verdienen. Vor einem Jahr war sie, weil sich das so gehörte, mit allem Drum und Dran eingesegnet worden. Lisbeth hatte mit ihren hungrigen fünf Jahren zu viel Kuchen gegessen und sich den Magen verdorben, und Otto stand vor der wichtigen Aufgabe, sich darüber klar zu werden, an wen er nun sein Herz verloren hatte, an Mariechen Meier, die im gleichen Hause wohnte, oder an Anna Gottschlink, die chon in Amerika war, was Otto natürlich sehr imponierte. Die Brüder von Anna, Paul und Otto Gottschlink, brachten es fertig, dem kreuzbraven Otto Gohlke klarzumachen, dass das, was er da vorhabe, eine grosse Dummheit sei. Ausserdem sei die Anna ja auch viel älter als er.- Das war nun seit einem Jahr überstanden, genau so wie der Brand, der in Vaters Neubau entstanden war und bei dem alle Zeichnungen und Pläne mitverbrannten. Obwohl Otto nicht viel los hatte im Plänezeichnen, brachte er es fertig, alle Unterlagen wieder zusammenzuzeichnen. Er hatte sich niemals vorgedrängelt, schon früher nicht, wenn es darum ging, den Lohn zu kassieren. Er, Otto, war damals auch dabei schon der Letzte, obwohl es ja sein Vater war, der auszahlte.- Einmal war er allerdings der Erste. Als Vater Gohlke die Dachwohnung in der Küstrinerstrasse 50 mietete und man dabei war, Hab und Gut aus dem Haus des Fischhändlers herunterzutragen, auf den Wagen zu laden und abzufahren, hatte doch der Schlafbursche, der Schuhmacher, der noch immer der Familie Gohlke am Rockzipfel hing, seinen Kram heimlich mit dazugeladen, in der Annahme, dass er ebenfalls in die geworden Küstrinerstrasse umziehe. Noch nie war Otto jähzornig oder k****** hatte unüberlegt gehandelt. Als er den Krempel des Schuhmachers entdeckte, feuerte er die Sachen mit einem solchen Schwung herunter, dass die - auf Seife 246 polity spassing - 27- einzelnen Teile weit verstreut auf der Strasse lagen, als ob ein Wirbelwind sie auseinandergeweht hätte. Marie hatte vom Dachfenster aus den Vorfall mit angesehen. Als sie herunterkam und sich neben ihren Bruder Ott. stellte, merkte man ihr an, wie stolz sie auf ihn war.- So war man denn ohne Schlafburschen in eine nee Dachwohnung gezogen, mit einem grösseren Raum, einer Kammer, und der Küche, deren Schmuckstück ein grosser Kamin war. Mutter Gohlke brachte es sehr schnell fertig, die Wohnung so herzurichten, dass man die alte Wohnung im Höhne- Haus sehr schnell vergass. Aud hier schien die Sonne zu den Fenstern herein, die Blumen in den Kästen und Töpfen auf den Fensterbrettern grünten und blühten, und Vater und Sohn Gohlke hatten als geübte Zimmerleute dafür gesorgt, dass es genügend Platz in Schränken und Kommoden gab. Vater hatte sich schon etwas anstrengen müssen, denn inzwischen war er 53 Jahre alt geworden. Inzwischen hatte er auch das die Lücke, die sich neben der Küstriner Strasse 50 befand, mit einem neuen Haus geschlossen, einem Wohnhaus mit drei Etagen, für Landsberger Begriffe also schon ein Hochhaus. Landsberg hatte sich gut entwickelt. Bürgermeister Anker hatte es fertiggebracht und eine elektrische Strassenbahn durchgesetzt, die jetzt klingelnd durch die neugepflaschon seit sieben Jahren .sterte Hauptstrasse schaukelte. + Otto stand an einem Sonntag dieses frühen Sommers nach dem Mittagessen vor der Haustüre, nicht ganz schlüssig, was er anfangen solle, als er seine Schwester Marie die Treppe herunterkommen hörte. Sie stellte sich neben ihn, vor die Türe, und beobachtete ihn, wie er an einem Priem kaute." Wer hat Dir nur diese ekelhafte Priemerei beigebracht! Scheusslich!!! Wenn ich mal heirate, darf es nur ein Mann sein, der nicht priemt." " Ach nee, ans Heiraten denkste. Du mit Deinen fünfzehn Jahren, Du Küken. Da musst Du vorher noch allerlei lernen." " Will ich ja auch, aber was und wie und wo?" " Ich denke, Vater und Mutter sind damit einverstanden, wenn Du in einen Haushalt gehst? Die Fabrik kommt nicht in Frage.- Hast Du schon mal was vom Sozialistengesetz gehört? Das ist vor vier Jahren aufgehoben worden, *** ich bin schon lange Sozialdemokratt und als Mitglied verpflichtet, | મ Dich auf soziale Mängel hinzuweisen. Du hast ja keine Ahnung, was in der Politik los ist." wer der " Aber ich lese doch immer Zeitungen. Ich weiss zum Beispiel, der sozialistische Kandidat für unseren Wahlkreis ist und sehr oft hier und in der Umgebung Reden hält." " Dazu bist Du noch zu jung, Mariechen. Kommm, geh ein bischen mit spazieren und reden wir von was anderem." So zog denn der 22 Jahre alte Otto mit seiner knapp sieben Jahre jüngeren Schwester durch Landsberg. Am Mühlenplatz 1 blieben sie vor dem Schau - 28- fenster von Oscar Grohmann," herzoglich- anhaltischer xxd Hofphotograph", stehen. " Du, Otto, hast Du Dich schon mal photographieren lassen?" " Das heisst abphotographieren, Mariechen, Du sprichst doch sonst so'n gutes Deutsch. Klar, habe ich schon hinter mir. Darfst aber Vater und Mutter nichts sagen, Du weisst ja, die sind gegen solche Kinkerlitzchen." " Wenn ich Geld verdiene und mir von dem, was ich Mutter abgebe, noch etwas bleibt, lasse ich mich auch-- nein, Otto, das stimmt nicht mit dem abphotographieren. Der Gehmann nennt sich doch auch nicht Abphotograph.y Guck mal, das Schild da:" Bequem parterre gelegenes Atelier für jede photographische Arbeit in Schwarz, Aquarell- und Ölretouche bis Lebensgrösse bei sauberster Ausführung solide Preise'. Bis Lebensgrösse! Das muss viel Geld kosten. Wenn, dann lasse ich mir nur so ein kleines Bild machen, wo nur der Kopf drauf ist. Das genügt." Otto wusste darauf nicht viel zu sagen, zog seine Schwester vom Schaufenster fort und steuerte weiter, an der Bahn entlang, wo gerade ein Zug mit ziemlichem Getöse, Gepfeife und Gedonner vorbeipolterte, hinüber zur Stadtmitte, zur alten evangelischen Kirche. " Du, Mariechen, das Haus da drüben hat Vater gebaut, ich hab mitgeholfen, als Lehrjunge." " Sieht aber garnicht mehr schön aus, der Kasten. So grau und dunkel. Häuser müsste man immer so hell bauen wie die neuen in der Hauptstrasse, aber mit noch viel grösseren Fenstern, das wäre viel gesünder." " Davon verstehst Du nichts, Mariechen. Dafür gibt es genaue Bestimmungen, und die müssen eingehalten werden." " Warum kann man diese Bestimmungen denn nicht ändern? Wenn sich herausstellt, dass etwas nicht schön oder nicht gut ist, was nach Bestimmungen gemacht wird, dann kann man die Bestimmungen doch umändern, damit was Besseres gemacht werden kann?!" auch " Das spielt in die Politik rein, und da sehe ich noch nicht ganz klar. Ich bin ja selbst erst dabei, mich politisch zu bilden." " Ob ich mich auch mal politisch bilde, Otto?" Mit einem hörbarem Seufzer und mit leichtem Kopfschütteln ging Otto wei-. ter, hinüber zur alten evangelischen Kirche. Ein Mädchen, so dachte er, gerade 15 Jahre alt, und dann sich politisch bilden! Unvorstellbar. Schön, es gab da allerlei Frauengruppen, auch in Landsberg gab es so etwas. Aber das hatte mit Politik nichts zu tun. So dachte Otto, und war froh, durch die evangelische Kirche ein neues Gesprächsthema zu finden. " Die war ganz früher mal katholisch. Hast Du Lust, mal mit reinzukommen? Gottesdienst ist nicht." Da Mariechen nichts sagte, xxdxxx fasste er das als Zustimmung auf. Unten olice Details Empter haltereg - 29- im Turm zeigte er ihr die geschnitzten Bilder, mit denen Mariechen aber nur so viel anfangen konnte, um sich nach dem Unterschied zwischen evangelisch und katholisch zu erkundigen. einen. " Du kannst aber auch fragen, Mariechen. Wie kommst Du auf so was?" " Neben uns wohnt doch der Karl Kaiser, Du weisst doch, der seinen Sohn in die Bürgerschule schickt. Ich hab nur mal im Milchladen gehört, wie die Frau Kwiatkowski sagte, dass es doch nicht richtig sei, dass der JunBruder ge in die Bürgerschule geht,' wo doch der als freireligiöser Wanderredner im Lande herumzieht. Aber wenn Du es mir nicht sagen willst, ich kriege das schon heraus · Du, Otto, was sind denn das für Löcher? Zum Schiessen?" " Unsinn, Mariechen, die sind noch aus der katholischen Zeit, da standen die Weihrauchtöpfe drin." " Woher weisst Du das alles? Du hast doch auf der Schule keine Religion gehabt?" " Auch ohne Religion kann man so was wissen- aber ich glaube, Du musst nach Hause. Vater hat inzwischen ausgeschlafen, und Mutter will an die Luft. Du musst auf Lisbeth aufpassen." Damit war der" freireligiöse" Kirchgang beendet, Otto und Marie empfinden die heisse Sommerluft beim Verlassen der kühlen Kirche wie einen Schock, und an der Ecke, wo Nautke seine Kneipe hat, beschloss Otto, noch ein Glas Bier zu trinken. " Vater ist aber gegen Alkohol. Der macht die Familien kaputt, sagt er immer." " Weiss ich selber, Marie, aber ein Glas bei der Hitze is ja nich schlimm. Brauchst ja Vater nichts zu sagen." " Hast Du schon mal gehört, dass ich petze?"- Fast empört drehte sich Marie um, sodass ihr helles Sommerkleidchen, unter ihrer eigenen Assistenz von Mutter und einer Nachbarin genäht, verwegen wippte. Otto sah ihr nach, wie sie mit energischen Schritten um die Ecke bog. Für ihr Alter ist sie eigentlich schon sehr erwachsen, dachte er. Nun ja, aus Kindern werden Leute. Er war ja nun auch schon in dem Alter, wo man über die ersten Anfänge hinaus war. Bei Mariechen würde das auch nur noch wenige Jahre dauern. + Es sollte schneller gehen, als Otto es sich an diesem Sonntag mit einem flüchtigen Gedanken durch den Kopf gehen liess. Am folgenden Montag zog Marie schon in aller Frühe los, alleine, ohne jede elterliche Begleitung, um sich nach einer Stelle als Hausmädchen umzusehen. Aus der Zeitung hatte sie sich einige Adressen herausgeschrieben, Nachbarn hatten Tips gegeben, wer eventuell jemanden suche. Bis zum Mittag hatte sich noch nichts ent заста andern - 32- Mutter Gohlke war erstaunt, als wenige Tage später Marie am frühen Nachmittag nach Hause kam, bleich und müde, und mit gläsernen Augen. Fieber hatte Marie nicht, aber sie legte sich sofort ins Bett. Als die Mutter zum Arzt gehen wollte, wehrte Marie ab. Das sei nicht nötig, nur eine vorübergehende Unpässlichkeit, vielleicht auch etwas Uberanstrengung, oder so etwas Ähnliches." So was ähnliches", dachte sich Mutter Gohlke, und machte sich einen Reim zusammen, der nach ihrer Meinung damit zusammenhing dass ihre Tochter nun kein kleines Mädchen mehr sei, sondern allmählich ja auch erwachsen würde, mit allem, was nun einmal dazugehört. Ab und zu steckte sie ihren Kopf zum Zimmer hinein, um nachzusehen, aber Marie lag so, wie sie sie kurz vorher schon vorgefunden hatte, mit offenen Augen durch die Zimmerdecke oder zum Fenster hinausstarrend. Als am Abend" die beiden Männer" nach Hause kamen, gab es in der Küche ein grosses Getuschel. Schliesslich musste man sich leise unterhalten, nicht nur wegen Marie nebenan, sondern auch wegen Elisabeth, die zwar oft vor sich hinspielte, als ob nichts anderes in der Welt sie interessiere, die aber immer zuhörte, wenn die Erwachsenen sich unterhielten. Schon einige Male hatte sie sich durch Fragen шxкяx verraten, sodass die Eltern sich wunderten, wo Klein- Elisabeth das aufgeschnappt hatte. Bis sie dahinterkamen, dass die Sechsjährige besonders gute Augen und Ohren hatte, und mit ihrem kleinen Kinderverstand schon recht lebendig umzugehen verstand. Vater und Sohn gingen nach der leisen Unterhaltung hinüber ins Zimmer zu Marie, um ihr zu sagen, dass alles schon gut gehen und sie sich am nächsten Tag bestimmt besser fühlen werde. Auf fragen gab sie keine Antwort, drehte nur den Kopf zur Seite, und als sie** X** X***** anfing zu weinen, ging Vater Gohlke hinaus, weil er in solchen Situationen hilflos war. Otto bleeb auf dem Bettrand sitzen, weil er das Bedürfnis hatte, seiner Schwester in irgend einer Form zu helfen. Inzwischen hatte sich die kleine Elisabeth ins Zimmer geschlichen und versuchte, mit ihrem grossen Bruder Otto ein Gespräch anzuknüpfen, mit sehr direkten Fragen, ob Marie Kopfweh habe, warum sie zwischendurch immer weine, was ihr denn weh täte, ob es nicht besser sei, wenn sie sich zu ihrer Schwester ins Bett lege. Bis Marie zu Otto sagte:" Schick die Lisbeth raus, ich muss Dir was erzählen." + Als Otto später aus dem Zimmer in die Küche kam, sahen die Eltern, dass er etwas verlegen an ihnen vorbeisah und nach einem Grund suchte, um noch einmal aus dem Haus zu gehen. Lisbeth lag schon in dem Rollkasten, den Otto jetzt hinüberschob in das Zimmer von Marie, die noch immer mit offenen Augen vor sich hinstarrte. Fast ängstlich sah sie zu ihrem Bruder hun fast - 36- Als die fedszehnjährige Marie an einem dieser bewegten Tage, der das Schicksal der Fabrik und vieler arbeitenden Frauen besiegeln sollte, müde und zerschlagen nach Hause kam, war Mutter Henriette mit ihrer Tochter nicht zufrieden. Dem Mädchen wollte das Essen nicht schmecken, sie kümmerte sich- was sie sonst immer gemacht hatte was sie sonst immer gemacht hatte- an diesem Abend auch nicht um die kleine Elisabeth, die sich Vaters schönsten Zeichenbleistift" entliehen" hatte, um vor dem Zubettgehen noch( so nannte es Lisbeth)" Briefe zu schreiben". Gerade in diesen ersten Schultagen der kleinen Elisabeth hatte Marie das Bedürfnis, der Schwester an die Hand zu gehen. Das aufgeweckte Kind machte ihr grossen Spass, und man konnte sich mit der Sechsjährigen schon ausgezeichnet unterhalten. Aber die Probleme, mit, denen sich Marie an diesem Abend abquälte, waren nichts für Lisbeths Plappermund. So sass Marie mit einer Arbeit im Schoss da, sah der Mutter zu, wie sie in der Küche werkte und für Otto, der bald nach Hause kommen würde, das Essen fertigmachte. Auch Otto merkte sofort, dass mit Marie etwas nicht stimmte. Als Mutter einen Augenblick aus der Küche ging, fragte Otto vorsichtig:" Was Schlimmes, so wie neulich?" Marie lief zuerst feuerrot an, fing sich aber sofort und sagte schnell, da sie die Mutter zurückkommen hörte:" Nein, was Soziales- oder auch Politisches. Vielleicht weisst Du was davon?!- Wir geh'n nachher noch ein Stück spazieren, dann frag ich Dich." Mutter wunderte sich zwar, dass Otto nach ihrem feinen Gehör etwas zu nebenbei Marie aufforderte, noch einen Sprung an die Luft zu gehen, aber sie hatte nichts dagegen, wenn der nun 22 Jahre alte Otto seiner Schwester Marie etwas über den Ernst des Lebens sagen würde. Brüder können das vielleicht besser als Mütter und Väter, dachte sie sich. Auf der Strasse erzählte Marie, was sich in der Fabrik ereignet hatte, mit allen Einzelheiten, und meinte abschliessend:" Du bist doch schon eine Weile Sozialdemokrat, vielleicht ist das was Sozialdemokratisches, was erst einmal so sein muss, damit es nachher anders ist." " Ganz so ist das nicht, Marie, aber ein bisschen stimmt's. Das sind verschiedene Interessen, die da aufeinanderstossen. Verstehst Du das?" " Natürlich verstehe ich das: der eine will was, und der andere will was anderes, und daraus entstehen Gegensätze." " Richtig, und Du weisst doch, dass die Wirtschaft und die Industrie jetzt einen mächtigen Aufschwung hat Überall entstehen Fabriken und neue Betriebe, in die immer mehr Menschen hineingehen. Diese Menschen verdienen nun Geld, aber man gerade so viel, dass sie schlecht und recht leben können. Ich habe Dir doch schon mal davon erzählt, vor einem Jahr, als ich von der Militärausbildung zurückkam." " Da war ich doch erst vierzehn Jahre alt, Otto!" siebie Leu 16 2 - 37- " Und jetzt biste fuffzehn, arbeitest in de Fabrik, und bist'n erwachsenes Meechen!" Bei solchen Feststellungen mit kategorischem Akzent verfiel Otto in den berlinerischsten Tonfall, obwohl er sich meist bemühte, bei wichtigen Gesprächen hochdeutsch zu reden. aus bestimmten Gründen " Ich habe Dir doch damals erzählt, dass ich Sozialdemokrat geworden bin. Weisst Du denn noch was vom Erfurter Programm?" " So ein bischen weiss ich noch, vom kapitalistischen Privateigentum, aus dem man gesellschaftliches Eigentum machen muss." " Aber nicht das ganze Privateigentum, Marie! Das wäre ja Enteignung. Nein, nur das kapitalistische Eigentum, das die Kapitalisten aus der Produktion herausziehen. Aber an der Produktion sind wir als Arbeiter doch genau so beteiligt!" " Nenn mir doch ein Beispiel, Otto. Dann verstehe ich das besser." " Sieh mal, Ihr macht in Eurer Fabrik Netze und Gardinen. werden Die Netze werden an Fischer verkauft und sind garnicht mal so billig. Der Fabrikbesitzer verdient so viel damit, dass er sehr viel Geld hat, um sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Der Fischer braucht aber die Netze, um damit Fische zu fangen und zu verkaufen, damit er leben kann." " Aber wenn der Fischer die Fische verkauft, bekommt er doch auch Geld dafür!" " Nicht so viel wie der Fabrikbesitzer für seine Netze." " Und wenn er die Fische teurer verkauft, bekommt er doch mehr Geld?" " Die kann er nicht teurer verkaufen, weil ihm die dann keiner mehr abnimmt, und dann verdient er überhaupt nichts." " Das verstehe ich nicht ganz. Aber dann ist der Fischer kein Kapitalist?" " Nein, aber der Besitzer der Fabrik, in der die Fische zu Konserven verarbeitet werden, der ist Kapitalist." " Dann sind Fabrikbesitzer Kapitalisten?" " So ungefähr. Und deshalb kämpfen die Sozialdemokraten dafür, dass die Arbeiter an den Gewinnen der Produktionsmittel beteiligt werden. Deshalb soll der Achtstundentag eingeführt werden, und zwar überall in der ganzen Welt. Dann gibt es Frieden in der ganzen Welt. Und deshalb ist der 1. Mai zum Weltfeiertag erklärt worden." " Achtstundentag, sagst Du. Das gilt dann auch für die Frauen?" " Selbstverständlich! Wir Sozialdemokraten kämpfen ja auch für die Gleichberechtigung der Frau." " Sag mal, Otto, gibt es darüber eigentlich Bücher?" " Ne ganze Masse, von August Bebel, von Wilhelm Liebknecht, Karl Kautsky, Franz Mehring, Vollmer, Singer und wie sie alle heissen. " Möchte ich gerne mal lesen, Otto." . 38" Warte lieber noch'n bischen, biste grösser bist. Dann versteh'ste das alles viel besser. Ich fang ja auch man gerade erst damit an." Damit war Marie weder in Bezug auf die Situation in ihrer Netz- und Gardinenfabrik noch auf allgemeine politische und soziale Dinge sehr viel klüger geworden. Nur ihr Kopf war voller geworden mit Problemen, mit denen sie sich fortan im Unterbewusstsein abquälte, ohne viel darüber zu reden. * " Wie ich dann später wahrnahm, arbeitete die Fabrik weiter, aber nur in Tagesschicht. Die Umstellung hat dem Besitzer nicht sein Vermögen gekostet. Ich weiss aus der späteren Entwicklung meiner Vaterstadt, dass er immer zu den reichsten und einflussreichsten Bürgern gehörte. Es hiess auch, dass sich die jungen Burschen nicht für diese Arbeit geeignet hätten. Die Frauen seien durchweg geschickter und zuverlässiger gewesen. Die ganze Episode- die verzweifelte Wut der Arbeiterinnen, der Aufschrei dieser Mütter, und das Gespräch mit meinem Bruder Otto- haben einen starken und nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Es war ein Einblick in soziale Verhältnisse, für deren Verständnis mir noch der Schlüssel fehlte. Kein Mensch und kein Buch waren für mich da, um mir dabei zu helfen, eine Erklärung zu finden. Aber die kurze Zeit in der Fabrik mit allem Drum und Dran hat einen Einfluss auf mein allgemeines Denken genommen und mir später in der Erinnerung bei meiner ganzen Entwicklung viel und entscheidend geholfen." evel Einfügen Als Otto und Marie wieder nach Hause kamen, war inzwischen auch Vater eingetroffen, hatte schon gegessen, und war gerade im Begriff, zu Bett zu gehen., Marie, anggregt und nachdenklich gemacht durch die Unterhaltung mit ihrem Bruder, war sogar schon zu einem Entschluss gekommen, den sie auch sofort ihrem Vater mitteilte. Nachdem sie kurz von der Situation in der Netzfabrik erzählt hatte und die Möglichkeit erwähnte, dass sie als eine der ersten entlassen würde, da sie ja keine Facharbeiterin sei, meinte sie:" Da sehe ich mich doch lieber vorher nach einer anderen Stelle um. Vielleicht finde ich Sie noch vor der Entlassung, und dann gibt es auch keinen Verdienst- Ausfall." Nachdem Marie schon ein gutes Jahr in der Landes- Irrenanstalt gearbeitet hatte, war aus ihr zwangsläufig eine mit allen Fragen des Lebens vertraute junge Frau geworden, die obwohl noch von allen als Mädchen angesehenwusste, welche Anforderungen das Leben vielleicht schon sehr bald an sie stellen würde. In dieser Zeit, in der sie nicht sehr oft zu Hause war, ux* ging sie so sehr in ihrer Arbeit auf, dass sie den Kontakt mit Eltern und Geschwistem verlor. So schien es wenigstens. Desto überraschter waren alle zu Hause, wenn Marie an den seltenen freien Tagen oder auch nur in wenigen freien Stunden plötzlich in der Wohnung auftauchte und mit allen so unging, als sei sie in diesem Jahr niemals für längere Zeit fortgewesen. Sie erzählte Vater und Mutter von ihrer harten, aber doch sehr interessanten Arbeit, wobei sie es vermied, a uf Einzelheiten einzugehen, die nicht für Jedermanns Ohren waren. Nur ihr Bruder Otto, mit seinen nunmehr 24 Jahren ein ausgewachsener Mann, fragte manches Mal so lange nach Einzelheiten, bis Marie ihm xx einiges erzählte. " Ich frage ja nicht aus Neugierde, Marie, sondern aus Interesse. Man muss ja schliesslich auch etwas von diesen armen Menschen wissen." $ 50Ein Mann zwei Kinder und die Politik - " Auch gehairatet habe ich. Dass ich in der Ehe nicht glücklich war, soll im Einzelnen hier nicht besprochen werden. Dass ich zwei Kinder hatte, war mein grosses, wenn auch zuerst recht schmerzliches Glück. Dass ich axi damit aber alle Schwierigkeiten der alleinstehenden Frau und Mutter aus eigener Erfahrung kennenlernte, und meine Schwester Elisabeth mit mir, soll doch hier erwähnt werden." + + Nachdem Marie schon ein gutes Jahr in der Landes- Irrenanstalt gearbeitet hatte, war aus ihr zwangsläufig eine mit allen Fragen des Lebens vertraute junge Frau geworden, die obwohl noch von allen als Mädchen angesehenwusste, welche Anforderungen das Leben vielleicht schon sehr bald an sie stellen würde. In dieser Zeit, in der sie nicht sehr oft zu Hause war, шd ./. M de in - 40- und auch im Verhältnis ganz bedeutend mehr verdiente. Diese Art de beit sagte mir auch viel mehr zu.- Zweiundeinhalbes Jahr war ich rin in der Provinzial- Landes- Irrenanstalt zu Landsberg.- Auch heu es so, dass in den" Heil- und Pflegeanstalten", wie sie nun heisse liche Kräfte ohne Vorbildung eingestellt werden. Wir wurden nur an Heute machen die künftigen Pflegerinnen eine richtige Lehrzeit dur erhalten neben der praktischen Unterweisung auch theoretischen Unt machen ein Examen und führen den Schwesterntitel. es darin ganz komische Menschen gäbe. Wenn man zu ihr davon sprach, hatten die Erzähler immer gelacht und sich auch allerlei Witze erzählt, die sie niemals verstanden hatte. Jetzt war sie doch neugierig geworden, ging auf das Gebäude zu und sah das grosse Schild mit der Aufschrift/" Provinzial- Landes- Irrenanstalt". Justinkt&( sosiale) Aufgabe: Stellung Sie wusste, dass es Menschen gab, die geistes gestört und völlig hilflos sind. Als sie auf einem anderen Schild entdeckte, dass die Verwaltung um diese Zeit noch geöffnet sein müsste, fasste sie spontan den Entschluss, stieg die wenigen Treppen hinauf, öffnete die Türe, die in ein grosses Treppenhaus führte, von dem links und rechts Gänge wegführten, sah auf einer der Türen das Schild" Verwaltung", stand auch schon davor und klopf te an. Der Verwaltungsangestellte, ein ruhiger, stiller, sehr freundlicher Mann, hörte genau zu, was ihm das noch nicht ausgewachsene, unreife Mädel zuerst vorstotterte, dann aber ziemlich klar als Wunsch äusserte. Er machte sich einige Notizen, schrieb sich Namen und Adresse der Eltern und alles das auf, was Marie bisher gemacht hatte, und bat sie, nach drei Tagen noch einmal vorbeizukommen. " Es war Zufall, dass ich bald nach diesen aufregenden Tagen die Aufforderung erhielt, den Dienst anzutreten, sodass ich nicht arbeitslos wurde 15. März 1 8 79 Der feuchtkalte Grippewind, der an diesem Samstagmorgen durch das Brandenburger Tor blies und die Linden herunterpfiff, steckte nicht nur der Wachtruppe, ixx************ die zur Ablösung zum Schloss marschierte, in den Knochen. Die 1,1 Millionen Einwohner der Hauptstadt des Deutschen Reichs und der drittgrössten Stadt Europas waren mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, das Schauspiel der Wachablösung war kein Schauspiel mehr, sondern gehörte zum Alltag, wie die seit zehn Jahren aufgebauten Gaskandelaber, wie der seit neun Jahren gewonnene Krieg gegen Frankreich, und wie das vor einem Jahr ausgearbeitete Sozialistengesetzt" wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie". Nur wenige Passanten waren in gebührend respektvoller Entfernung stehengeblieben, unter ihnen Bürgermeister Anker aus Landsberg an der Warthe, ein aufrechter und tüchtiger Mann, der um das Wohl seiner aufstrebenden kleinen Stadt sehr bemüht war und des öfteren nach Berlin kam, um sich Anregungen, Ratschläge und Hilfe für seine Pläne zu holen. Bis zur Abfahrt seines Zuges war noch eine gute Stunde Zeit. Er wollte sich gerade aus dem kleinen Haufen herauslösen, um in der Klosterstrasse 70 im Grünen Baum seinen kleinen Koffer abzuholen und sich von den Besitzer, seinem Freund N euendorff, zu verabschieden. Die markante, schneidende Befehlsstimme des Wach- Offiziers hielt ihn zurück. Bürgermeister Anker konnte das, was ihm blitzschnell durch den Kopf ging, nicht zu Ende denken, warum nämlich preussische Offiziere ab Lieutenant aufwärts eine markante und schneidende Stimme haben mussten, obwohl das in keiner Dienstvorschrift festgelegt war. Der Wachhabende hatte sich vor den Offizier gestellt, in strammer Haltung, die Hand erhoben, und Meldung gemacht. Nach der Meldung bekam er den Arm nicht mehr herunter. Der Wachoffizier kam einige Schritte auf den Wachhabenden zu, blieb breitbeinig stehen, stemmte die Fäuste in die Hüften, hob die rechte augenbraue, sodass das an einem silbergrauen Faden befestigte Monokel herunterfiel, und fuhr den Verdutzten an:" Sagen se mal, was wollnse denn mit dem rechten Arm in der Luft? Sie sind doch keen Vogel! Krieje wern auf der Erde jewonnen, und nich in der Luft, verschtanden?" Diese Stimme kenne ich doch!, sagte sich Anker, und verspürte plötzlich einen stechenden Schmerz im Oberschenkel, an der Xkxkka Narbe, die ihm vom glorreichen Krieg 1870/71 als Erinnerung geblieben war. Bürgermeister Anker sass im Abteil seines Zuges nach Landsberg und musste an den Major denken, an den damaligen Leutnant von Knobelsdorff, der sich -2für ein grosses geistiges Licht hielt, weil der alte Herr Geheimrat von Goethe sich einmal in eine seiner Vorfahren, in ein achtzehnjähriges Mädchen, verliebt hatte. Dieser Trottel! Nicht der Goethe, der Knobelsdorff natürlich. Bürgermeister Anker hatte sich einen ganzen Haufen Lektüre mitgenommen, um die lange Fahrt besser hinter sich zu bringen ,, aber der Zwischenfall bei der Wachablösung hatte Erinnerungen lebendig werden lassen, die ihn so sehr in Anspruch nahmen, dass ihm zu heiss wurde in seinem Paletot. Nachdem er Rock und Weste aufgeknöpft hatte, um mehr Luft zu haben, fühlte er sich leichter. Als er 1871 nach dem glorreichen Feldzug mit einer Verwundung nach Landsberg an der Warthe zurückkehrte, hatte er noch nicht den kleinen Bauchansatz, der ihm jetzt das Atmen schwerer machte. Diese Verwundung hätte man ihm ersparen können. Es war der 28. Januar 1871, Paris war ausgehungert und zur Übergabe bereit. Da schickte ihn ein gewisser Lieutenant von Knobelsdorff mit einer privaten Botschaft und mit einer Flasche Wein zu einem befreundeten Offizier in einen vorgeschobenen Batteriestand. Woher der Schuss kam, der ihm den rechten Oberschenkel durchschlug, ist ihm bis heute nicht klargeworden. Es war der allerletzte Schuss, der in diesem Kriege fiel, und für den jetzigen Bürgermeister stand es schon damals fest, dass es für ihn auch der letzte Krieg war, an dem er teilnehmen würde. Er war der 113 226. Verwundete dieses Krieges und demzufolge heilfroh, nicht zu den 41000 Toten zu gehören. Mit der Verwundung wurde er im Laufe der Zeit fertig, indem er seine geistigen Kräfte schulte, sich für kommunale Probleme interessierte und bis zum Bürgermeister hinaufarbeitete. Er war kein Sozialdemokrat, beillibe nicht. Sie waren nach seiner Meinung zu schroff, zu renitent, stellten Forderungen, die sich niemals so schnell, wie die Sozialisten es sich vorstellten, verwirklichen liessen. Ausserdem machten eie nach seiner Meinung einen grossen Fehler, indem sie glaubten, die nicht abzuleugnenden Übelstände xxfxdxs * x* x* x* x* in der sozialen Schichtung der grossen Städte auf das ganze Land beziehen zu müssen. Der Geheime Regierungs- Rat Dr. Meitzen hatte ihm gerade in Berlin eine Aufstellung übergeben, nach der die ländliche Bevölkerung Preussens aus ungefähr 6 Millionen Eigentümern und 2 Millionen Tagelöhnern besteht. Mit einiger Mühe holte er den Koffer herunter, der im wesentlichen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher enthielt, stellte ihn hehen sich auf die Holzbank, und wühlte in den gedruckten Kostbarkeiten, die er sich in Berlin zusammengetragen hatte. Das oben liegende neue Militarhandbuch für das Jahr 1879 und das Hof- und Staatshandbuch legte er unbesehen zur Seite. Die" Landwirtschaftliche Zeitung für das nordöstliche Deutschland", die sich mit der Steigerung der Einfuhren von amerikanischem und russischem Getreide beschäftigte, sagte in ihrem Hauptartikel genau das, was - - 3- auch seine Meinung war:" Wir können die Lage der Landwirtschaft durchaus nicht für eine so traurige halten. Die Konkurrenz des getreideproduzierenden Auslandes richtet uns nicht zu Grunde."- Es gab Dinge, die weitaus erschütternder waren: in der ungarischen Freistadt Szegedin an der Theiss war ein Unwetter niedergegangen, der Fluss war über die Ufer getreten, orkanartige Stürme hatten Bäume entwürzelt, Häuser niedergerissen, Menschen und Vieh kamen in den Fluten um, und die letzten Depeschen, die Bürgermeister Anker in Berlin zu lesen bekam, sprachen von 5000 zerstörten Häusern und Hunderten von ertrunkenen Erwachsenen und Kindern. Sammlungen von Spenden in allen Ländern Europas wurden veranstaltet, um zu helfen. Der österreichische Kaiser hatte sich gerade heute von Wien aus nach Szegedin begeben, und sein Innenminister" hat in sämmtlichen im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern eine öffentliche Sammlung milder Beiträge zur Unterstützung der in Folge der Überschwemmungen verunglückten und hilfsbedürftigen Bewohner der Freistadt Szegedin's angeordnet."- Bürgermeister Anker war in einer misslichen Lage. Seine Stadt Landsberg sollte sich an der Szegedin- Sammlung beteiligen. auf der anderen Seite hatte man ihm in Berlin einen Bericht in die Hand gedrückt, der eindeutig bewies, dass es in Deutschland ohne Flussüberschwemmungen und Orkane genug Not und Zlend gab. Wo hatte er nur den Artikel hingelegt? Er durchwühlte den Koffer, ohne ihn zu finden, hatte schliesslich eine Broschüre in der Ha nd mit dem Titel" Die arbeitsschule als organischer pestandteil der Volksschule", von einem gewissen Schwab geschrieben, und fand den aus einer Zeitung herausgeschnittenen Artikel zwischen den Seiten der Broschüre. In aller Ruhe las er noch einmal durch, was er heute in aller Frühe nur überfhagen hatte:" Kaltblütige Menschen machen uns zum Vorwurf, dass wir das Mitleid für Fremde angerufen, während Noth im eigenen Lande walte und sie rathen uns mehr Vorsicht beim Wohlthun dort an, wo Selbstverschuldung das Unglück mit herbeiführte. Als der grosse Brand Hamburg zerstörte, als der Nationalkrieg mit Frankreich die Lazarethe mit Verwundeten und Kranken füllte, da flossen Gaben aus der ganzen Welt zur Milderung des Elends diese internationale Kundgabe der Barmherzigkeit ist eine der schönsten Früchte der modernen Gesittung, ihr wollen wir getreu bleiben. Aber nicht bloss für die unglücklichen Bewohner Szegedins, auch für die von Hungersnoth schwer betroffenen Bewohner des Spessart rufen wir das öffentliche Mitleid wach. Kein Brod, keine Kartoffeln, kein Salz im Hause, blutarm die Kinder, sieht der Hunger dem Volke zu den Augen heraus und in stummen Kummer starrt die Bevölkerung vor sich hin, entkräftet, muthlos, zu schwach schon fast zur Arbeit geworden. Dringende Hilfe ist nöthig, die nothleidenden Gemeinden müssen unterstützt, über die nächsten Wochen hinweggebracht, ihnen die Mittel - i - 4- verschafft werden, ihre Felder zu bestellen und sie vor Krankheit und völligem geistigem wie leiblichem Verderben zu retten." Bürgermeister Anker wollte gerade den Artikel zur Seite legen, als sein Blick auf eine Meldung aus dem Reichstag fiel:" Berlin, 15. März 1879. Der Reichstag nahm in der dritten Lesung die internationale Convention über die Massregeln gegen die Reblaus an, erledigte in erster Lesung das Vogelschutzgesetzt und beschloss die 2. Lesung im Plenum. Hierauf wurde die Etatsbera tung über Zölle und Verbrauchssteuern fortgesetzt. Die Tarifkommission beschloss heute über die Tarifsätze für Baumwollengarne unter Erhöhung der Zölle für die feineren Nummern. Die erste Lesung wird voraussichtlich noch zwei Sitzungen ausfüllen." Etwas erschöpft lehnte sich Bürgermeister Anker zurück, um den Gedanken nachzuhängen, die seit heute früh über ihn hereinbrahhen, ohne richtig zu Ende gedacht zu werden. Was war an einem einzigen Tag, wie an diesem 15. März, nicht alles los! Herr Petran, wohnhaft in den königlichen Weinbergen nächst Prag, warnte in deutschen Zeitungen vor chemisch zubereitetem Bier, die Indianerin Miss Zenobia würde heute Abend ihr Deutschland- Gastspiel mit einem Auftritt im Münchener Thalia- Theater in der Posse" Die Studenten von Rummelstadt" beginnen und auch nach Berlin kommen, vielleicht sogar verwegener Gedanke! nach Landsberg,-in Strassburg hatten die Abgeordneten Grad, Fulter und Rudolf bei der Regierung durchgesetzt, dass in Deutschland erlaubte Zeitungen und Publikationen auch in Elsass- Lothringen verbreitet werden dürfen,-in Berlin wird der sogenannte kleine Belagerungszustand verhängt, weil der sozialistische Abgeordnete Wilhelm Liebknecht beim Ausbringen des" Lebehoch" auf den Kaiser sitzenblieb,-in Würzburg erschiesst der Unteroffizier Karl Rude den Studenten Sicke, und Carl Stangens Reisebureau in der Markgrafenstrasse 43 in Berlin W bereitet eine grosse Gesellschaftsfahrt nach Italien vor, über München, Verona, Mailand, Genua, Rom, Neapel, Sorrent, Amalfi, Capri, Vesuv, Florenz, Bologna, Venedig, Wien, Berlin, Dauer: 42 Tage, Preis: 1250 Mark. Vielleicht sollte man sich doch etwas intensiver mit den sozialistischen Ideen beschäftigen. Was diese Leute zum Beispiel als Schulreform forderten, hatte Hand und Fuss. Schon seit längerer Zeit war ihm klargeworden, dass das Unterrichtswesen immer mehr zur seelenlosen Maschine eines einseitig intellektualistischen Zeitalters geworden war." Gesinnungsunterricht im Dienste der herrschenden Klasse", so nannten es die Sozialisten. In Berlin hatte er erfahren, dass ein Teil der Jugend sich bereits bewusst von diesem Drill- Betrieb abwandte, dagegen rebellierte, ohne allerdings etwas zu erreichen. Der Abgeordnete von Schendorff, mit dem er sich darüber unterhalten wollte, war leider verhindert. Er sässe, so sagte man ihm, gerade an einer grossen schriftlichen Arbeit, die sich mit der För - 5- derung der Handarbeit und der Volks- und Jugendspiele in Erziehung und Unterricht befasse. Aber was würde dabei herauskommen? Und schon gar für seine Stadt Landsberg, mit 1495 Wohnhäusern, 10 Anstalten zu gemeinschaftlichem Aufenthalt, 5046 Haushaltungen, 11911 männlichen und 11647 weiblichen Seelen( darunter 892 aktive Militärs). Bürgermeister Anker konnte nicht wissen, dass die Zahl der 11647 netblichen Seelen nicht mehr den Tatsachen entsprach. Seit seiner Abreise gestern früh hatte sich diese Zahl auf 11649 erhöht, und gerade in diesem Augenblick, als der Zug auf dem Bahnhof in Landsberg einfuhr, machte sich die 11650." weibliche Seele" daran, das Licht dieser Welt zu erblicken. Im überheizten Gasthaus" Zur Krone" in Landsberg an der Warthe hatte sich um**** я die Nachmittagszeit dieses 15. März 1879 eine Gruppe von Männern zusammengefunden, un bei einem Glas Bier und bei Pfeife und Zigarre von den Strapazen der Woche auszuruhen und über die Dinge zu sprechen, die sich seit dem letzten Sonnabend ereignet hatten. Die Meldungen der" Neumärkischen Zeitung", eines in Landsberg erscheinenden Wochenblatte mit geschickt versteckter sozialistischer Tendenz, waren kommentiert. Man hatte sich heiss geredet an den Plänen, die Bürgermeister Anker mit der Stadt vorhatte. RaxxkakккXX* ax Jetzt war er ja schon wieder in Berlin, um zu studieren, was es dort Neues gäbe. Die neue Berliner Stadtbahn wolle er sich ansehen, die in zwei Jahren fertig sein soll. Die Engländer seien schneller gewesen, hätten schon 1863 das erste Stück ihrer Stadtbahn in Betrieb genommen, und die Kanalisation in Landsberg müsse modernisiert werden, da hat unser Bürgermeister Recht. Natürlich nicht so wie in Frankfurt, wo man die ganzen Abwässer in den Main geleitet hat. Ohnc Rieselfelder kommen die Frankfurter nicht mehr aus. Oder sie müssen es so mac hen wie unser Bürgermeister, der sich für ein ganz neues System entscheiden will, das man in Holland, in Amsterdam, Dortrecht und Leyden ausprobiert hat, das Lierur'sche System, das mit einer pneumatischen Abtrittreinigung arbeitet. Ausserdem hat der Kaiser nächsten Samstag Geburtstag, 83 Jahre wird er alt, vielleicht wird das Sozialistengesetz wieder aufgehoben. Und die vielen Fremdarbeiter, die ins Land kommen, lauter Polen, Italiener und Galizier. Dafür wandern die Deutschen aus. ging Das Gespräch xxяяяxke von Thema zu Thema, und es war zu spüren, dass Berlin nur 130 Kilometer entfernt et und dass dazwischen mehr nach Landsbeig zu- die Festungsstadt Küstrin lag. Alle Männer hatten sich mehr oder weniger intensiv an diesem Gespräch beteiligt, bis auf den Bauunternehmer Friedrich Theodor Gohlke, der seit einer halben Stunde weder ein Wort gesprochen noch von seinem Bier getrunken hatte. Zwischendurch war er sogar einige Male aufgestanden, als ob er hinausgehen wolle, hatte - 6- inigen sich aber immer wieder hingesetzt, sodass der Lehrer Peter Freymark keine Möglichkeit sah, die Tischrunde über Gohlkes Unruhe aufzuklären. Peter Freymark war erst kürzlich mit seiner Frau aus Soldin nach Landsberg gekommen. Nachdem er bei einigen Samstag- Gesprächen eine sehr freie Sprache führte und von den anderen zur Mässigung aufgefordert wurde, weil er aus seiner sozialistischen Einstellung kein Hehl machte, beschränkte er sich neuerdings darauf, die Tischrunde mit den Neuigkeiten zu unterhalten, die er von seiner Frau Minna erfuhr. Minna war Hebamme, hatte schon s Frauen der um den Tisch versammelten Männer dazu verholfen, glückliche Mütter zu werden, und kannte sich deshalb in den Landsberger Familienverhältnissen schon recht gut aus. Aber heute hatte Peter Freymark auch auf diesem Gebiet Hemmungen und rettete sich in sein Lieblingsthema, die sozialistische Schulreform, wie er sie sich als überzeugter Sozialdemokrat vorstellte. Diese Ideen kosteten ihn schon sehr bald seine Stellung als Lehrer, denn er fiel dem Sozialistengesetz zum Opfer, das auch die Bekämpfung sozialistischer Lehren in den Schulen anordnete. Vorwand für dieses Gesetz waren zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I.Sofort nach Erlass des Gesetzes vor einem Jahr, also 1878, wurden alle zu dieser Zeit erscheinenden 332 Presseorgane verboten, 9oo Personen wurden ausgewiesen, 1500 Sozialdemokraten erhielten Freiheitsstrafen. Dass die sozialdemokratische Partei bis zum Jahre 1890 trotzdem 1 Million Stimmen erhalten würde, ahnte man nicht einmal in den obersten Parteispitzen. Auch Peter Freymark wusste nicht, dass seine bald erfolgende Absetzung als Lenrer und vorübergehende verhaftung dazu beitragen würde, der aufgeschlossenen Landsberger Bevölkerung weiteren revolutionären, fortschrittlichen Auftrieb zu geben. Im Augenblick ereiferte er sich an der konfessionslosen staatlichen Simultan- Schule, die es jedem ermöglichen müsse, das zu lernen, was seiner Begabung entspreche, gleichgültig, ob es sich um Bürger-, Arbeiter- oder Ba uernkinder handele.x* x* xRakxxxxxxxxk Zu Friedrich Theodor Gohlke gewandt, meinte Peter Freymark:" Wenn wir diese Schulen schon hätten, wäre Dein Sohn Otto besser dran. Was hat er in dem einen Jahr auf der vierklassigen Volksschule gelernt? Nichts! Und warum? Weil das Geld nicht ausreicht, um ihn auf die Bürgerschule zu schicken." xxxxxxx Das hätte Peter Freymark nicht sagen sollen. Der immer ruhige, niemals aufbrausende Theodor Gohlke stand erregt auf, dass der schwere Holzstuhl nach hinten xxk***** laut polternd unkippte. Er vertrug keine Anspielungen auf die Spekulationen, die er in diesen sogenannten Gründerjahren nach seiner Meinung unbedingt machen musste, wenn er seine mühsam erkämpfte Selbständigkeit erhalten und sichern wollte. Vor einigen Jahren war er mit Frau und Sohn aus dem im Kreis Landsberg gelegenen Heinersdorf, wo er als Zimmerpolier gearbeitet hatte, nach Landsberg gekommen, in die - 7- se aufstrebende Kreisstadt, die bessere arbeitsmöglichkeiten bot als das Land, denn die im Warthebruch lebenden Kossethen, Halbbauern, deren Wirtschaften nicht viel einbrachten, flickten sich ihre primitiven Häuser selbst zusammen. Viel Bargeld hatte er nicht mehr in der Tasche, als er eines Tages mit Frau und Sohn vor dem Fischhändler Höhne stand, der ihm auf der anderen Seite der Warthe im Dachgeschoss eines seiner Häuser Quartier gewährte. Im ausgebauten unteren Hauptteil des Hauses wohnten die Familie Kuhn und der Viehhändler Blobelt, fix von dem er schon wenige Tage später den Auftrag erhielt, eine Viehrampe zu bauen. Warum sich also nach einer Stelle als Zimmerpolier umsehen? Das war der Anfang zur Selbständigkeit. Um hinter dem Haus einen Arbeitsschuppen zu bauen und eine Werkstatt einzurichten war Kapital notwendig, das Friedrich Theodor Gohlke nicht besass. Dafür wuchsen die Schulden, die mit der inzwischen fertiggewordenen Rampe des Viehhändlers Blobelt nicht abgedeckt werden konnten. Dafür kamen neue, eilige Aufträge herein, die er alleine nicht schaffen konnte. Zwei Gesellen vom Lande wurden verpflichtet, Werkzeug musste angeschafft xaxax und Holz gekauft werden. Zu allem Überdruss war Minna*** gakx zur Welt gekommen, ein zartes Mädchen, das von seiner Geburt an auf Pflege angewiesen war. Gohlkes Frau Henriette hätte es in dieser Zeit lieber gesehen, wenn ihr Mann die ganze Selbständigkeit an den Nagel gehängt und sich bei einem Bauunternehmer als gut bezahlter Zimmerpolier verdingt hätte, aber sie machte ihm keine Vorwürfe, sondern packte mit der ihr eigenen und bewundernswerten Entschlossenheit zu, wo es nötig war. Als das Geld allzu knapp wurde, schlich sie sich heimlich aus dem Hause, um auf den Äckern des Mühlenbesitzers Braun beim Kartoffelbuddeln mitzuhelfen. Schon als junges Mädchen hatte sie sich nicht vor harter Arbeit gescheut und in ihrer Geburtstadt Brügge im Kreis Soldin als Haus- und Küchenmädchen gearbeitet. Als akar sich das dritte Kind ankündigte, versagten ihre Kräfte. Friedrich Theodor Gohlke kam gerade vom Bauern Traschke zurück, wo man den Stall um drei Meter vergrössert hatte, als sein drittes Kind, sein Sohn Franz, zur Welt kam. Kurz entschlossen entliess er die beiden Gesellen und teilte den Gutsbesitzern Böhnisch und Eschner mit, dass er leider nicht in der Lage sei, die in Auftrag gegebenen Erweiterungs- und Neubauten für Wohnhaus, Stallungen und Scheune auszuführen. Vielleicht hätten diese beiden grossen Aufträge die materielle Hilfe gebracht, um inZukunft in schuldenfreier Selbständigkeit weiterleben zu können. Davon hatten die Männer hier am Tisch, und besonders der Lehrer Peter Freymark, keine Ahnung, denn er hatte niemals von seinen Sorgen zu ihnen gesprochen, hatte ihnen verheimlicht, dass er ein ganzes Jahr lang nicht arbeitete, sondern sich um Frau und Kinder kümmerte, den grössten Teil des Holzlagers mit Verlust verkaufte, um mit seiner Familie leben zu können, und sogar einen Schlaf -8burschen in die enge Dachwohnung aufgenommen hatte, einen Schuhmacher, der mit seinem geringen Mietgeld zum Lebensunterhalt des Bauunternehmers Friedrich Theodor Gohlke und seher dreiköpfigen Familie beisteuerte. Das Leid des Ehepaares wuchs mit den heranwachsenden Kindern Otto, Minna und Franz. Während Otto sich zu einem kräftigen Jungen entwickelte, der ohne jede Aufforderung dem Vater zur Hand ging, wurde die kleine Minna immer stiller, und der kränkelnde Franz immer unruhiger. Otto, fünf Jahre alt, kümmerte sich um den Haushalt und seine Geschwister und half der sich langsam erholenden Mutter, wenn Vater aus dem Haus war, um kleinere Zimmererarbeiten auszuführen. Mit verbissener Hartnäckigkeit versuchte Friedrich Theodor Gohlke, sein Bauunternehmen wieder anzukurbeln. Er war ein guter und gewissenhafter Handwerker, dem man gerne solide Aufträge anvertraute. Als er vor zwei Jahren nach Hause kam, mit dem Auftrag in der Tasche, für ein dreistöckiges Haus in der Landsberger Friedrichstadt, direkt an der Hauptstrasse, alle Holzarbeiten auszuführen, die Balken zu legen und den Dachverband anzufertigen, und mit der frohen Nachricht in die Dachwohnung platzte, fand er eine verstörte Familie vor. Henriette, seine Frau, sass weinend neben dem selbstgezimmerten Bett des kleinen Franz, und Otto hielt schluchzend die Hand der kleinen Minna, die er ununterbrochen streichelte. Dr. Brate packte gerade die Instrumente ein, mit denen er die Kinder untersucht hatte, und zog Theodor Gohlke auf den Gang, machte die Türe hinter sich zu, behutsam und leise, wie es dem Ernst der Lage entsprach, und sagte etwas salbungsvoll:" Herr Gohlke, da lässt sich nicht mehr viel machen. Ihre Tochter ist unheilbar augenkrank, in spätestens vier Wochen wird sie völlig erblindet sein, und Sie werden es zu tragen wissen, wenn ich Ihnen sage, dass Ihr Sohn Franz es wahrscheinlich nicht überstehen wird. Die Lungen sind zerstört, das Herz ist kaputt, der ganze Organismus funktioniert nicht mehr. Auch operativ lässt sich da nichts mehr richten. Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie als Familienoberhaupt müssen die Wahrheit wissen. Ihre Frau weiss nicht, wie schlimm es um den Jungen steht. Ich wünsche Ihnen Kraft für die nächste Zeit, und rufen Sie mich, wenn Sie es für nötig halten." Als unten die Haustüre längst hinter Dr. Brate ins Schloss gefallen war, stand Friedrich Theodor Gohlke noch immer auf dem zugigen Gang der Dachwohnung, fassungslos über diesen Schlag, der alle Zukunftspläne über den Haufen warf. Und wie würde Henriette, noch nicht einmal dreissig Jahre alt, damit fertig werden? Kraft für die nächste Zeit hatte Dr. Brate ihm gewünscht. Ausser dieser Kraft brauchte er Geld, sehr viel Geld, und den Mut zu einem Optimismus, der zwar seinen Sohn Franz nicht mehr retten und seine Tochter Minna nicht sehend machen, wohl aber den Fortbestand seiner Familie garantieren könnte. -9Wie er damals, vor zwei Jahren, mit dieser Situation fertig wurde, weiss er heute nicht mehr genau. Zwei Monate später starb die kleine Minna, ein halbes Jahr später folgte Franz. Henriette, seine Frau, war noch stiller geworden, umsorgte ihn und den kleinen Otto mit noch grösserer Liebe als zuvor, und brachte es fertig, den materiell gecht reich bedachten Haushalt so zu führen, dass sie sich jederzeit damit in der näheren und weiteren Nachbarschaft damit sehen lassen konnte. Zwischendurch hatte es auch gute Tage gegeben, manches Haus in Landsberg war dazugekommen, an dem Friedrich Theodor Gohlke fleissig mitgebaut hatte. Einmal reiste er sogar nach Kolow in Polen, weil er eine Empfehlung dorthin als guter und solider Bauunternehmer erhalten hatte. Dass er unverrichteter Dinge wieder zurückkehrte, lag nicht an ihm. Und jetzt? Was würde in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen geschehen? Warum hatte Peter Freymark ihm den indirekten Vorwurf gemacht, dass er, der Bauunternehmer Gohlke, finanziell nicht in der Lage sei, seinen Sohn Otto auf die Bürgerschule zu schicken? Etwa deshalb, weil die Hebamme Minna Freymark seit mehr als zwei Stunden auf der anderen Seite der Warthe in dem von der Familie Gohlke bewohnten Dachgeschoss dxxxxfxxaxtat des Hauses vom Fischhändler Höhne darauf wartet, seinem vierten Kind zum Leben zu filfen und seiner Frau Henriette das Leben zu erhalten? Es war still geworden an dem grossen Tisch, an dem die Männer fast verlegen mit ihren Pfeifen hantierten, um Friedrich Theodor Gohlke nicht in seinen Gedanken zu stören. Ohne es zu wissen, hatte er den umgeworfenen Holzstuhl aufgehoben, sich hingesetzt und durch die anderen hindurchgesehen, als ob sie nicht am Tisch sässen. Jetzt stand er langsam auf, zog sich den Mantel an, setzte die Mütze auf, grüsste kurz und verliess den Gasthof" Zur Krone". Beim Heraustreten aus der Türe wäre er fast mit Bürgermeister Anker zusammengestossen, der- einen kleinen, aber zakai anschei nend schweren Koffer in der Hand, der seinen Körper auf der rechten Seite herunterzog, sodass es aussah, als ob er schief daherliefe an ihm vorbet hastete. Mit einer hingemurmelten Entschuldigung zog Gohlke zum Gruss seine Mütze. Er kannte den Bürgermeister gut, denn er hatte sich schon einige Male dafür eingesetzt, dass die Baufirma Gohlke Aufträge erhielt. Auch den Neubau in der Nähe der evangelischen Kirche, für den er den Dachstuhl anfertigte, stand unter Ankers Schirmherrschaft. Am besten, er sieht noch einmal nach, ob sein Geselle Franz alleine mit den letzten Querhölzern fertig wurde.Oder soll er nach Hause gehen? Die energische Minna Freymark hatte ihm bestimmt, aber freundlich zu verstehen gegeben, dass kein Grund zur Unruhe bestehe, dass alles in bester Ordnung sei, und dass sein Sohn Otto zur" Krone" kommen würde, wenn es so weit sei. Ob sich alle Väter rade 10bei der Geburt ihrer Kinder solche Gedanken machen. Das ist doch nun das Vierte. Oder gerade deshalb? Ob sein Vater, der Ost- Kolonist Gottlieb Gohlke, sich bei seiner Geburt am 8. Oktober 1841 genau so abquälte wie er heute? Das ist 37 Jahre her, und weder Vater noch Mutter haben jemals mit ihm darüber gesprochen. Väter und Mütter scheinen niemals mit ihren Kindern darüber zu sprechen. Wenn sie es möchten, sind die Kinder zu klein und verstehen es nicht, und wenn sie es verstehen, sind sie bereits zu gross und haben selbst schon Kinder. Friedrich Theodor Gohlke hatte nicht bemerkt, dass er in seinen Gedanken nicht zum Bauplatz gegangen xxx, sondern gerade in Begriff war, die Küstriner Strasse zu überqueren, auf die Warthebrücke zu. In der Küstriner Strasse müsste man wohnen, dachte er. Die Holzbohlen der Brücke klapperten, als e r im Dauerlauf darüberlief, auf das Haus zu, das dem Fischhändler Höhne gehörte und in dem seine Frau Henriette in einer Dachwohnung ein viertes Mal den Kampf austrug, dem Leben neues Leben zu geben. Meine Schwester Marie " Du, Vater, das Bett ist aber viel zu gross für unser Mariechen!"- Der sieben Jahre alte Otto stand am 15. April 1879, als seine Schwester Marie gerade vier Wochen alt war, sinnierend neben dem neuen Holzbettchen, das Friedrich Theodor Gohlke in aller Eile zusammengezimmert hatte. Es war glatt und sauber gearbeitet, ungestrichen, hell gebeizt, hatte eine weiche Unterlage, und passte genau in den Winkel hinter dem Bett der Eltern. " Da wird Mariechen schon reinwachsen, mein Junge, Du wirst Dich wundern, wie schnell das geht." Bruder Otto wunderte sich nicht im geringsten, wie schnell das ging. Die Schule nahm im sehr in Anspruch, und Vater und Mutter Gohlke sorgten dafür, dass er mehr lernte, als an Lehrstoff geboten wurde. Da er sich ausserdem für die Zimmerei interessierte und aus eigenem Entschluss in seiner Freizeit dem Vater zur Hand ging, stand es fest, dass er nach der Schulentlassung zum Vater in die Lehre gehen würde. So geschah es auch. Als Marie vier Jahre alt wurde, trat Otto als Lehrling bei seinem Vater ein. Der Geselle, den sich Vater Gohlke aus dem Warthebruch geholt hatte, weil sich allerlei Zimmermannsarbeit ankündigte, war ein aufgeweckter Bursche, der den jetzt beinahe 11 Jahre alten Otto in Abwesenheit des Vaters ganz schön anpackte. Vater Gohlke hatte nichts dagegen einzuwenden, denn so lange sich sein Otto noch die Zeit nahm, sich mit der heranwachsenden Marie zu beschäftigen, mit ihr zu spielen und das Spielzeug für sie selbst zu basteln, war alles in bester Ordnung. Den Wunsch, seinen Jungen nicht mehr auf dem Sofa in der Küche schlafen zu lassen, sondern ihm die Kammer zu geben, in der noch immer der Schuhmacher als Schlafbursche hauste, konnte er ihm leider nicht erfüllen. Dafür hatte Otto eine Idee, für die sich auch Vater Gohlke begeisterte und die sofort verwirklicht wurde. Vater und Sohn Gohlke setzten sich an einem Feierabend zu Mutter in die warme Küche, Mariechens Holzbett, das ihr zu klein wurde, stand in der Küche neben dem Herd, denn Mariechen wollte nur einschlafen, wenn alle dabei waren und wenn Mutter sich einige Male davon überzeugt hatte, dass sie auch richtig zugedeckt sei. So war es auch an diesem Abend. Mariechen, vom Spielen und Plappern müde, fragte mohon im Einschlafen:" Bin ich auch richtig zugedeckt?" Aber da war sie schon eingeschlafen, und Vater und Mutter Gohlke schoben das Bett vorsichtig in das elterliche Schlafzimmer. Bevor Vater und Sohn Gohlke sich an die Arbeit machten, füllte die Mutter noch einmal die Petroleumlampe auf, legte sich das Zeug zurecht, das sie heute Abend noch nähen und ausbessern wollte, schickte Otto noch einmal mit dem Eimer herunter, um Wasser heraufzuholen. und - 12- xaxxeitxxxx 8xxxxxxxxRashxatakkxsexxeitxxdenn während Otto das Wasser holte, unterhielten sich Vater und Mutter Gohlke darüber, dass es eigentlich schade sei, dass Otto keine bessere Ausbildung erhalten könne. Vor drei Jahren sei in Berlin durch die Zusammenlegung der Bau- und der Gewerbeschule die Technische Hochschule entstanden, mit grossen Lehrabteilungen für Architektur, Bau- und Ingenieurwesen, für Maschinenbau, Chemie und Bergbau, und auch für ganz allgemeine Wissenschaften, die ja in dieser modernen Zeit der rapiden technischen Entwicklung von grosser Bedeutung seien." Von dieser modernen Entwicklung ist bei uns aber nicht viel zu merken", meinte Mutter Henriette mit etwas resignierendem Tonfall und einem nachfolgenden tiefen Seufzer. " So schnell kann das bei uns auch nicht gehen, Mutter, das musst Du doch einsehen. Die erfinden ja viel schneller, als sie die Erfindungen verwirklichen können. Bei uns brennen noch die Petroleumlampen, in Berlin und anderen Städten haben sie schon Gaslaternen aufgebaut, Und jetzt sprechen sie schon davon, dass die Sache mit dem Dampf überholt ist und dass in Zukunft alles nur noch elektrisch gehen soll. Hier, in dieser Druckschrift, die mir die Stadtverwaltung gegeben hat, steht genau drin, wie das************** кd mit der Elektrizität angefangen hat und weitergehen wird." " Was hast Du denn mit Elektrizität zu tun, Theo?" " Sehr viel, Henriette, denn es wird einmal elektrisches Licht in allen Wohnungen geben, elektrische Wasserpumpen werden eingebaut, Leitungen müssen gelegt werden. Das muss dann beim Bau der Häuser beachtet werden." " Meinst Du nicht, dass der Mann, der das geschrieben hat, etwas übertreibt? Das erleben wir hier in Landsberg bestimmt nicht mehr." " Und ob wir das erleben, Henriette! Der Mann, der diese elektrischen Erfindungen und schon vor zwei Jahren die erste elektrische Strassengemacht bahn gebaut hat, ist der Dr. Werner Siemens. Hör zu!' Seit dem 12. Mai 1881 besitzt das Deutsche Reich in unmittelbarer Nähe seiner Reichshauptstadt eine dem praktischen Verkehr dienende elektrische Eisenbahn, die erste auf dem ganzen Erdenrund'. Inzwischen sind weitere elektrische Bahnen gebaut worden." Otto, der in diesem Augenblick mit dem vollen Wassereimer zurückkam, unterbrach das elterliche Gespräch, setzte den Eimer temperamentvoll auf den Boden neben dem Herd, sodass etwas Wasser über den Rand schülperte, und erklärte dem Vater seine Idee." Wir nehmen das Sofa auseinander, bis nur noch die Polsterung übrigbleibt. Die stellen wir auf einen viereckigen Kasten, und in den Kasten bauen wir eine grosse Schublade, die auf Rollen läuft und die man herausziehen kann." - 13- " Und was geschieht mit der gepolsterten Rückenlehne? Wollt Ihr die wegwerfen oder verbrennen?" " Das wäre schade, Mutter. Nein, pass mal auf, Vater. Da machen wir auch einen viereckigen Ra hmen drumherum, und stellen ihn als Rückenlehne an die Wand." " Ich habe noch eine Idee, mein Junge. Wir machen diesen Rahmen mit Scharnieren an dem grossen Kasten fest. Tagsüber wird er heruntergeklappt, dann hat Mutter viel Platz zum Bügeln und zum Abstellen." " Und warum diese ganze Arbeit, Theo?" " Das ist eine gute Idee von Otto, Mutter. Lass uns. mal machen." + Vater und Sohn Gohlke waren mit Recht sehr stolz auf das Ergebnis. Mariechen schlief von jetzt ab nur noch in dem rollenden Kasten, der aus dem umgebauten Sofa herausgezogen wurde. Abends wurde Mariechens Bett kaxkax in das grosse Zimmer gefahren, Otto schlief auf dem durch den Umbau nicht weniger bequemgewordenen Sofa den gesunden Schlaf der Jugend, und Mutter Henriette war froh, tagsüber einen zusätzlichen Tisch in der Küche zu haben, auf dem sie sich ausbreiten konnte. Marie nahm an allen Dingen, die sich im Hause ereigneten, lebendigen Anteil. Sie sagte nicht viel, hörte genau zu, auch dann, wenn es sie garnicht anging, und verriet sich nur durch ihre Fragen an die Eltern und an Bruder Otto. Da sich Marie zur Freude der Eltern so gut entwickelte, wurde sie von ihren Eltern mit der Sorge und Liebe umhegt, zu der nur Eltern fähig sind. Otto war im Begriff, durch sein Erwachsenwerden sich dieser elterlichen Liebe zumindest rein äusserlich zu entziehen. Er vertrug es nicht mehr, gestreichelt zu werden. Was er sich allerdings auch jetzt noch gefallen liess, war das Zudecken am Abend, wenn er auf seinem Umbau- Sofa lag. Das sollte noch lange für ihn und Marie zur guten Nacht gehören. Der einzige Mensch, von dem sich Otto in dieser Zeit schwesterliche Zärtlichkeiten gefallen liess, war die aufgeweckte und wissbegierige Marie, die ihm Fragen stellte, auf die er selbst keine Antwort wusste. Er gab diese Fragen an seine Eltern wieder, natürlich so, dass Marie es nicht merkte, und wenn er glaubte, die richtigen Antworten zu wissen, brachte er das scheinbar nebenbei zur Sprache. Woher sollte denn auch Otto wissen, was eine Nähmaschine ist, warum der Vater manchmal sehr wenig Geld hate, woher das Petroleum kommt, und was ein Verein ist! Diese ganze Zeit hat sich bei Marie mit einer Lebendigkeit eingeprägt, mit so vielen Details, dass sie sich ständigt innerlich damit beschäftigte, aber niemals ausserhalb des engsten Familienkreises mit jemandem darüber sprach. Ein Jahr nach ihrer Rückkehr aus der amerikanischen Emigration, im Jahre 1950, begann sie mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen. 14Mein Vater Friedrich Theodor Gohlke stammte aus einer Familie, in der die Männer seit jeher gleichzeitig Bauern und Zimmerleute waren. Sie bestellten ihre kleinen Äcker und bauten den anderen Bauern ihre Wohnhäuser, Ställe und Scheunen, aber auch die Kirchen. Es waren fromme Leute, diese Männer, besonders aber ihre Frauen. Eine Brüdergemeinde war es, wahrscheinlich die Herrenhuter, der sich die Vorfahren meines Vaters mit ihren Familien angeschlossen hatten. Meinen Grossvater habe ich nicht mehr gekannt. Der älteste Sohn, Stiefbruder meines Vaters, hatte den Hof und das Baugeschäft übernommen. Er war schon ein recht alter Mann, wohl an die siebenzig, als ich- ein Schulkind noch einige Male dort war. Er hätte wohl mein Grossvater sein können, und ich habe ihn auch so empfunden. Er hatte nach meiner Erinnerung einen feinen Kopf, ein intelligentes Gesicht und gute Augen. Die Tante empfand ich nicht so angenehm, ihre Freundlichkeit war nicht echt und herzlich. Auch schien sie es meinem Vater nachzutragen, dass er sich von der Brüdergemeinde fortentwickelt hatte. In diesem ehemals grossväterlichen Hause versammelten sich sonntags die Mitglieder der Gemeinde, die aus den umliegenden Dörfern zusammenkamen, zu Fuss, aber auch mit Pferd und Wagen. Da wurden in der grossen Stube Bänke aufgestellt und Andacht gehalten, bei schönem Wetter auch auf dem Hof. Da ich nur gelegentlich in den Ferien dort war, um mich dann an selbstgepflückten Kirschen richtig satt essen zu können, waren die frommen Eindrücke nicht so stark. Die Erinnerung an den grossen Kirschbaum und andere schöne essbare Dinge haftete länger. Die Eltern meines Vaters waren früh gestorben, er und sein Bruder Johann waren noch Schulkinder, als sie Waisen wurden. Sie mussten zuweilen bei Verwandten unterschlüpfen, wo sie sich beim Hüten der Schafe nützlich machen konnten und auch die Zahl der Esser in der Fam lie des Bruders ver minderten. B eide erlernten dann, aus der Dorfschule entlassen, beim Stiefbruder das Zimmererhandwerk. Die Lehre muss gut gewesen sein, jedenfalls gehörte das Bauzeichnen mit dazu, zum Beispiel der Aufriss und die Berechnung einer Balkenlage, der Treppen, der Verband des Dachgeschosses, ja selbst Wendeltreppen und der Verband eines Kirchturms. So hat es mir mein Vater öfter mit Stolz erzählt. Ich muss sehr empfänglich dafür gewesen sein und habe mich zeitlebens stark für das Bauen interessiert. Allerdings, so sagte mein Vater mir, habe er später beim Dorfschulmeister und aus Lehrbüchern sein Können noch ergänzt. Der Vater ging schon sehr früh aus dem Elternhause und damit aus dem Warthebruch fort, um sich in einem anderen Dorf unweit Landsberg an der Warthe niederzulassen, in Heinersdorf. Im Gegensatz zu dem schweren - -15Bruchland war dort leichter, sandiger Boden, und die Landschaft wurde noch bestimmt so lernte ich es in der Schule-" von den Ausläufern des uralisch- baltischen Höhenzuges. Dort in dem Dorf wurde noch mein ältester Bruder Otto geboren, am 27. August 1872. Bald danach übersiedelte. die kleine Familie in die Stadt Landsberg an der Warthe, wo mein Vater als Bauunternehmer sein Glück versuchen wollte, es aber wirtschaftlich nicht fand. Um die Konkurrenz aufne men und durchhalten zu können, hätte er wahrscheinlich kapitalkräftiger und in seinem geschäftlichen Verhalten skrupelloser sein müssen. Jedenfalls wuchs ich, trotz des fleissigen und hochstrebenden Vaters in einer sehr kleinen, ärmlichen, aber sehr Ich kam als zweites lebendes Kind meiner Eltern zur Welt. Einige Geschwister, ein Mädchen und ein Junge, waren vor meiner Geburt gestorben. Mein Bruder Otto, sechseinhalb Jahre älter, besuchte die Volksschule im letzten Jahr, als ich zum Schulbesuch angemeldet wurde. Mir schien, er kam sich mächtig erwachsen vor, was mir zeitweilig imponierte, mich aber auch oft wütend machte, wenn er mal wie alle Jungens in dem Alter- recht falegelig wurde. Er war aber sehr nett im Grunde seines Wesens und muss sich mit mir gut verstanden und gut unterhalten haben, denn er baute mir allerhand schöne Spielsachen. An Holz, Nägeln, Leim und Handwerkszeug war kein Mangel. Unser grosszügiger und verständnisvoller Vater erlaubte ihm, alles zu nehmen, was er glaubte brauchen zu müssen, natürlich unter der Bedingung, dass nach Gebrauch alles wieder an seinen Platz gebracht xürde und dass er vorher gefragt würde, ehe ein Stück Nutzholz der Säge Mit meinem vom Militär entlassenen B uder wurden die Debatten schon konkre ter, auch leidenschaftlicher und interessierter. Als endlich freie Gewerkschaften in unserer Vaterstadt gegründet wurden, zuerst für die Bauhandwerker, Maurer und Zimmerleute, begrüsste ich freudig dieses Ereignis. Die Zeit war längst reif dafür, die patriarchalische Form zwischen Meister und Gesellen genügte längst nicht mehr. Doch so weit war es im Jahre 1894 noch nicht. Als meine kleine Schwester Elisabeth zur Schule kam ich war inzwischen 15 Jahre alt geworden-, hat ten die Eltern die Wohngegend gewechselt. Lisbeths Volksschule war dann schon viel besser. Sie hatte wenigstens sechs S o is t d a s <- 26-> Leben Der Sommer des Jahres 1894 hrachte gleich zu Beginn drückend heisse Tage in Landsberg an der Warthe. Friedrich Theodor Gohlke hatte den Plan, in die Küstrinerstrasse 50 umzuziehen, zwar verwirklichen können, aber leider nicht so, wie er sich das ursprünglich vorgestellt hatte. Als er vor 15 Jahren über die Warthebrücke polterte, um seiner Tochter Ma rie den ersten Willkommensgruss auf dieser Welt zu sagen, hatte er sich in Gedanken als alleiniger Bewohner eines Hauses gesehen, mit allem, was dazugehört, um eine vierköpfige Familie gut über Wasser zu halten. Es war aber leider anders gekommen. Jetzt war man durch Elisabeth, die seit einigen Wochen schon zur Schule ging, auf fünf Personen angewachsen. Andererseits hatte Otto eine gute Lehre hinter sich gebracht und war Vaters bester Helfer geworden, trotz einiger Dummheiten, die nun einmal von jungen Männern im Alter zwischen 18 und 22 Jahren gemacht werden. Marie hatte die Schule hinter sich gebracht und stand vor dem Problem, Arbeit zu finden und Geld zu verdienen. Vor einem Jahr war sie, weil sich das so gehörte, mit allem Drum und Dran eingesegnet worden. Lisbeth hatte mit ihren hungrigen fünf Jahren zu viel Kuchen gegessen und sich den Magen verdorben, und Otto stand vor der wichtigen Aufgabe, sich darüber klar zu werden, an wen er nun sein Herz verloren hatte, an Mariechen Meier, die im gleichen Hause wohnte, oder an Anna Gottschlink, die schon in Amerika war, was Otto natürlich sehr imponierte. Die Brüder von Anna, Paul und Otto Gottschlink, brachten es fertig, dem kreuzbraven Otto Gohlke klarzumachen, dass das, was er da vorhabe, eine grosse Dummheit sei. Ausserdem sei die Anna ja auch viel älter als er. Das war nun seit einem Jahr überstanden, genau so wie der Brand, der in Vaters Neubau entstanden war und bei dem alle Zeichnungen und Pläne mitverbrannten. Obwohl Otto nicht viel los hatte im Plänezeichnen, brachte er es fertig, alle Unterlagen wieder zusammenzuzeichnen. Er hatte sich niemals vorgedrängelt, schon früher nicht, wenn es darum ging, den Lohn zu kassieren. Er, Otto, war damals auch dabei schon der Letzte, obwohl es ja sein Vater war, der auszahlte. Einmal war er allerdings der Erste. Als Vater Gohlke die Dachwohnung in der Küstrinerstrasse 50 mietete und man dabei war, Hab und Gut aus dem Haus des Fischhändlers herunterzutragen, auf den Wagen zu laden und abzufahren, hatte doch der Schlafbursche, der Schuhmacher, der noch immer der Familie Gohlke am Rockzipfel hing, seinen Kram heimlich mit dazugeladen, in der Annahme, dass er ebenfalls in die Küstrinerstrasse umziehe. Noch nie war Otto jähzornig oder******** hatte unüberlegt gehandelt. Als er den Krempel des Schuhmachers entdeckte, feuerte er die Sachen mit einem solchen Schwung herunter, dass die - 0903 - 27- einzelnen Teile weit verstreut auf der Strasse lagen, als ob ein Wirbelwind sie auseinandergeweht hätte. Marie hatte vom Dachfenster aus den Vorfall mit angesehen. Als sie herunterkam und sich neben ihren Bruder Otto stellte, merkte man ihr an, wie stolz sie auf ihn war. - So war man denn ohne Schlafburschen in eine new Dachwohnung gezogen, mit einem grösseren Raum, einer Kammer, und der Küche, deren Schmuckstück ein grosser Kamin war. Mutter Gohlke brachte es sehr schnell fertig, die Wohnung so herzurichten, dass man die alte Wohnung im Höhne- Haus sehr schnell vergass. Aud hier schien die Sonne zu den Fenstern herein, die Blumen in den Kästen und Töpfen auf den Fensterbrettern grünten und blühten, und Vater und Sohn Gohlke hatten als geübte Zimmerleute dafür gesorgt, dass es genügend Platz in Schränken und Kommoden gab. Vater hatte sich schon etwas anstrengen müssen, denn inzwischen war er 53 Jahre alt geworden. Inzwischen hatte er auch dxx die Lücke, die sich neben der Küstriner Strasse 50 befand, mit einem neuen Haus geschlossen, einem Wohnhaus mit drei Etagen, für Landsberger Begriffe also schon ein Hochhaus. Landsberg hatte sich gut entwickelt. Bürgermeister Anker hatte es fertiggebracht und eine elektrische Strassenbahn durchgesetzt, die jetzt klingelnd durch die neugepflasterte Hauptstrasse schaukelte. schon seit sieben Jahren Otto stand an einem Sonntag dieses frühen Sommers nach dem Mittagessen vor der Haustüre, nicht ganz schlüssig, was er anfangen solle, als er seine Schwester Marie die Treppe herunterkommen hörte. Sie stellte sich neben ihn, vor die Türe, und beobachtete ihn, wie er an einem Priem kaute." Wer hat Dir nur diese ekelhafte Priemerei beigebracht! Scheusslich!!! Wenn ich mal heirate, darf es nur ein Mann sein, der nicht priemt. " Ach nee, ans Heiraten denkste. Du mit Deinen fünfzehn Jahren, Du Küken. Da musst Du vorher noch allerlei lernen." " Will ich ja auch, aber was und wie und wo?" " Ich denke, Vater und Mutter sind damit einverstanden, wenn Du in einen Haushalt gehst. Die Fabrik kommt nicht in Frage. Hast Du schon mal was vom Sozialistengesetz gehört? Das ist vor vier Jahren aufgehoben worden, *** ich bin schon lange in der Gewerkschaft und als Mitglied verpflichtet, Dich auf soziale Mängel hinzuweisen. Du hast ja keine Ahnung, was in der Politik los ist." " Aber ich lese doch immer Zeitungen. Ich weiss zum Beispiel, dass der sozialistische Kandidat für unseren Wahlkreis Wilhelm Pätzel heisst und sehr oft hier und in der umgebung Reden hält." " Dazu bist u noch zu jung, Mariechen. Kommm, geh ein bischen mit spazieren und réde n wir von was anderem." So zog denn der 22 Jahre alte Otto mit seiner knapp sieben Jahre jüngeren Schwester durch Landsberg. Am Mühlenplatz 1 blieben sie vor dem Schau - 28- fenster von Oscar Grohmann," herzoglich- anhaltischer xxx Hofphotograph", stehen. " Du, Otto, hast Du Dich schon mal photographieren lassen?" " Das heisst abphotographieren, Mariechen, Du sprichst doch sonst so'n gutes Deutsch. Klar, habe ich schon hinter mir. Darfst aber Vater und Mutter nichts sagen, Du weisst ja, die sind gegen solche Kinkerlitzchen." " Wenn ich Geld verdiene und mir von dem, was ich Mutter abgebe, noch etwas bleibt, lasse ich mich auch- nein, Otto, das stimmt nicht mit dem abphotographieren. Der Grohmann nennt sich doch auch nicht Abphotograph.y Guck mal, das Schild da:" Bequem parterre gelegenes Atelier für jede photographische Arbeit in Schwarz, Aquarell- und Ölretouche bis Lebensgrösse bei sauberster Ausführung- solide Preise'. Bis Lebensgrössel Das muss viel Geld kosten. Wenn, dann lasse ich mir nur so ein kleines Bild machen, wo nur der Kopf drauf ist. Das genügt." Otto wusste darauf nicht viel zu sagen, zog seine Schwester vom Schaufenster fort und steuerte weiter, an der Bahn entlang, wo erade ein Zug mit ziemlichem Getöse, Gepfeife und Gedonner vorbeipolterte, hinüber zur Stadt mitte, zur alten evangelischen Kirche. " Du, Mariechen, das Haus da drüben hat Vater gebaut, ich hab mitgeholfen, als Lehrjunge." " Si eht aber garnicht mehr schön aus, der Kasten. So grau und dunkel. Häuser müsste man immer so hell bauen wie die neuen in der Hauptstrasse, aber mit noch viel grösseren Fenstern, das wäre viel gesünder." " Davon verstehst Du nichts, Mariechen. Dafür gibt es genaue Bestimmungen, und die müssen eingehalten werden." " Warum kann man diese Bestimmungen denn nicht ändern? Wenn sich herausstellt, dass etwas nicht schön oder nicht gut ist, was nach Bestimmungen gemacht wird, dann kann man die Bestimmungen doch umändern, damit was Besseres gemacht werden kann?!" " Das spielt in die Politik rein, und da sehe ich selbst noch nicht ganz klar. Ich bin ja selbst erst dabei, mich politisch zu bilden." " Ob ich mich auch mal politisch bilde, Otto?" Mit einem hörbarem Seufzer und mit leichtem Kopfschütteln ging Otto weiter, hinüber zur alten evangelischen Kirche. Ein Mädchen, so dachte er, gerade 15 Jahre alt, und dann sich politisch bilden! Unvorstellbar. Schön, es gab da allerlei Frauenvereine, auch in Landsberg gab es so etwas. Aber das hatte mit Politik nichts zu tun. So dachte Otto, und war froh, durch die evangelische Kirche ein neues Gesprächsthema zu finden. " Die war ganz früher mal katholisch. Hast Du Lust, mal mit reinzukommen? Gottesdienst ist nicht." Da Mariechen nichts sagte, aixar fasste er das als Zustimmung auf. Unten - 29im Turm zeigte er ihr die geschnitzten Bilder, mit denen Mariechen aber nur so viel anfangen konnte, um sich nach dem Unterschied zwischen evangelisch und katholisch zu erkundigen. " Du kannst aber auch fragen, Mariechen. Wie kommst Du auf so was?" " Neben uns wohnt doch der Karl Kaiser, Du weisst doch, der seinen Sohn in die Bürgerschule schickt. Ich hab nur mal im Milchladen gehört, wie die Frau Kwiatkowski sagte, dass es doch nicht richtig sei, dass der Junge in die Bürgerschule geht, wo doch der Karl Kaiser als freireligiöser Wanderredner im Lande herumzieht. Aber wenn Du es mir nicht sagen willst, ich kriege das schon heraus Du, Otto, was sind denn das für Löcher? Zum Schiessen?" " Unsinn, Mariechen, die sind noch aus der katholischen Zeit, da standen die Weihrauchtöpfe drin." " Woher weisst Du das alles? Du hast doch auf der Schule keine Religion gehabt?" " Auch ohne Religion kann man so was wissen aber ich glaube, Du musst nach Hause. Vater hat inzwischen ausgeschlafen, und Mutter will an die Luft. Du musst auf Lisbeth aufpassen." Damit war der" freireligiöse" Kirchgang beendet, Otto und Marie empfinden die heisse Som erluft beim Verlassen der kühlen Kirche wie einen Schock, und an der Ecke, wo Nautke seine Kneipe hat, beschloss Otto, noch ein Glas Bier zu trinken. " Vater ist aber gegen Alkohol. Der macht die Familien kaputt, sagt er immer." " Weiss ich selber, Marie, aber ein Glas bei der Hitze is ja nich schlimm. Brauchst ja Vater nichts zu sagen. - " Hast Du schon mal gehört, dass ich petze?" Fast empört drehte sich Marie um, sodass ihr helles Sommerkleidchen, unter ihrer eigenen Assistenz von Mutter und einer Nachbarin genäht, verwegen wippte. Otto sah ihr nach, wie sie mit energischen Schritten um die Ecke bog. Für ihr Alter ist sie eigentlich schon sehr erwachsen, dachte er. Nun ja, aus Kindern werden Leute. Er war ja nun auch schon in dem Alter, wo man über die ersten Anfänge hinaus war. Bei Mariechen würde das auch nur nur noch wenige Jahre dauern. Es sollte schneller gehen, als Otto es sich an diesem Sonntag mit einem flüchtigen Gedanken durch den Kopf gehen liess. Am folgenden Montag zog Marie schon in aller Frühe los, alleine, ohne jede elterliche Begleitung, um sich nach einer Stelle als Hausmädchen umzusehen. Aus der Zeitung hatte sie sich einige Adressen herausgeschrieben, Nachbarn hatten Tips gegeben, wer eventuell jemanden suche. Bis zum Mittag hatte sich noch nichts ent - 32- Mutter Gohlke war erstaunt, als wenige Tage später Marie am frühen Nachmittag nach Hause kam, bleich und müde, und mit gläsernen Augen. Fieber hatte Marie nicht, aber sie legte sich sofort ins Bett. Als die Mutter zum Arzt gehen wollte, wehrte Marie ab. Das sei nicht nötig, nur eine vorübergehende Unpässlichkeit, vielleicht auch etwas Uberanstrengung, oder so etwas Ähnliches." So was ähnliches", dachte sich Mutter Gohlke, und machte sich einen Reim zusammen, der nach ihrer Meinung damit zusammenhing dass ihre Tochter nun kein kleines Mädchen mehr sei, sondern allmählich ja auch erwachsen würde, mit allem, was nun einmal dazugehört. Ab und zu steckte sie ihren Kopf zum Zimmer hinein, um nachzusehen, aber Marie lag so, wie sie sie kurzvorher schon vorgefunden hatte, mit offenen Augen durch die Zimmerdecke oder zum Fenster hinausstarrend. Als am Abend" die beiden Männer" nach Hause kamen, gab es in der Küche ein grosses Getuschel. Schliesslich musste man sich leise unterhalten, nicht nur wegen Marie nebenan, sondern auch wegen Elisabeth, die zwar oft vor sich hinspielte, als ob nichts anderes in der Welt sie interessiere, die aber immer zuhörte, wenn die Erwachsenen sich unterhielten. Schon einige Male hatte sie sich durch Fragen шккик verraten, sodass die Eltern sich wunderten, wo Klein- Elisabeth das aufgeschnappt hatte. Bis sie dahinterkamen, dass die Sechsjährige besonders gute Augen und Ohren hatte, und mit ihrem kleinen Kinderverstand schon recht lebendig umzugehen verstand. Vater und Sohn gingen nach der leisen Unterhaltung hinüber ins Zimmer zu Marie, um ihr zu sagen, dass alles schon gut gehen und sie sich am nächste Tag bestimmt besser fühlen werde. Auf irggen gab sie keine Antwort, drehte. nur den Kopf zur Seite, und als sie xxXXXXX**** anfing zu weinen, ging Vater Gohlke hinaus, weil er in solchen Situationen hilflos war. Otto blieb auf dem Bettrand sitzen, weil er das Bedürfnis hatte, seiner Schwester in irgend einer Form zu helfen. Inzwischen hatte sich die kleine Elisabeth ins Zimmer geschlichen und versuchte, mit ihrem grossen Bruder Otto ein Gespräch anzuknüpfen, mit sehr direkten Fragen, ob Marie Kopfweh habe, warum sie zwischendurch immer weine, was ihr denn weh täte, ob es nicht besser sei, wenn sie sich zu ihrer Schwester ins Bett lege. Bis Marie zu Otto sagte:" Schick die Lisbeth raus, ich muss Dir was erzählen." + Als Otto später aus dem Zimmer in die Küche kam, sahen die Eltern, dass er etwas verlegen an ihnen vorbeisah und nach einem Grund suchte, um noch einmal aus dem Haus zu gehen. Lisbeth lag schon in dem Rollkasten, den Otto jetzt hinüberschob in das Zimmer von Marie, die noch immer mit offenen Augen vor sich hinstarrte. Fast ängstlich sah sie zu ihrem Bruder - 33- hinüber, der das Roll- Bett so vor das offene Fenster schob, dass die schlafende Elisabeth keinen Zug bekam. Als Otto die ängstlich- fragenden Augen seiner Schwester sah, ging er zu ihrem Bett, nahm die schlaff he runterhängende Hand, streichelte sie mit ungeschickter Verlegenheit, beugte sich über sie und sagte leise:" Ich habe nichts erzählt, und werde auch nichts sagen!"- Da machte Marie zum ersten Mal die Augen zu, und wenige Minuten später war sie eingeschlafen. Sie hörte nicht mehr, wie die Eltern zu Bett gingen. -03Als die fünfzehnjährige Marie an einem dieser bewegten Tage, der das Schicksal der Fabrik und vieler arbeitenden Frauen besiegeln sollte, müde und zerschlagen nach Hause kam, war Mutter Henriette mit ihrer Tochter nicht zufrieden. Dem Mädchen wollte das Essen nicht schmecken, sie kümmerte sich was sie sonst immer gemacht hatte- an diesem Abend auch nicht um die kleine Elisabeth, die sich Vaters schönsten Zeichenbleistift" entliehen" hatte, un vor dem Zubettgehen noch( so nannte es Lisbeth)" Briefe zu schreiben". Gerade in diesen ersten Schultagen der kleinen Elisabeth hatte Marie das Bedürfnis, der Schwester an die Hand zu gehen. Das aufgeweckte Kind machte ihr grossen Spass, und man konnte sich mit der Sechsjährigen schon ausgezeichnet unterhalten. Aber die Probleme, mit denen sich Marie an diesem Abend abquälte, waren nichts für Lisbeths Plappermund. So sass Marie mit einer Arbeit im Schoss da, sah der Mutter zu, wie sie in der Küche erkte und für Otto, der bald nach Hause kommen würde, das Essen fertigmachte. Auch Otto merkte sofort, dass mit Marie etwas nicht stimmte. Als Mutter einen Augenblick aus der Küche ging, fragte Otto vorsichtig:" Was Schlinmes, so wie neulich?" Marie lief zuerst feuerrot an, fing sich aber sofort und sagte schnell, da sie die Mutter zurückkommen hörte:" Nein, was Soziales- oder auch Politisches. Vielleicht weisst Du was davon?! Wir geh'n nachher noch ein Stück spazieren, dann frag ich Dich." Mutter wunderte sich zwar, dass Otto nach ihrem feinen Gehör etwas zu nebenbei Marie aufforderte, noch einen Sprung an die Luft zu gehen, aber sie hatte nichts dagegen, wenn der nun 22 Jahre alt werdende Otto seiner Schwester Marie etwas über den Ernst des Lebens sagen würde. Brüder können das vielleicht besser als Mütter und Väter, dachte sie sich. Auf der Strasse erzählte Marie, was sich in der Fabrik ereignet hatte, mit allen Einzelheiten, und meinte abschliessend:" Du bist doch schon eine Weile Sozialdemokrat, vielleicht ist das was Sozialdemokratisches. was erst einmal so sein muss, damit es nachher anders ist." " Ganz so ist das nicht, Marie, aber ein bisschen stimmt's. Das sind verschiedene Interessen, die da aufeinanders tossen. Verstehst Du das?" " Natü rlich verstehe ich das: der eine will was, und der andere will was anderes, und daraus entstehen Gegensätze." " Richtig, und Du weisst doch, dass die Wirtschaft und die Industrie jetzt einen mächtigen Aufschwung haten Jberall entstehen Fabriken und neue Betriebe, in die immer mehr Menschen hineingehen. Diese Menschen verdiener nun Geld, aber man gerade so viel, dass sie schlecht und recht leben kön nen. Ich habe Dir doch schon mal davon erzählt, vor einem Jahr, als ich von der Militärausbildung zurückkam." " Da war ich doch eret vierzehn Jahre alt, Ottop" - 37" Und jetzt biste fuffzehn, arbeitest in de Fabrik, und bist'n erwachsenes Meechen!" Bei solchen Feststellungen mit kategorischem Akzent verfiel Otto in den berlinerischsten Tonfall, obwohl er sich meist bemühte, bei wichtigen Gesprächen hochdeutsch zu reden. " Ich habe Dir doch damals erzählt, dass ich Sozialdemokrat geworden bin. Weisst Du denn noch was von Erfurter Programm?" " So ein bischen weiss ich noch, vom kapitalistischen Privateigentum, aus dem man gesellschaftliches Eigentum machen muss." " Aber nicht das ganze Privateigentum, Marie! Das wäre ja Enteignung. Nein, nur das kapitalistische Eigentum, das die Kapitalisten aus der Produktion herausziehen. Aber an der Produktion sind wir als Arbeiter doch genau so beteiligt!" " Nenn mir doch ein Beispiel, Otto. Dann verstehe ich das besser.' " Sieh mal, Ihr macht in Eurer Fabrik Netze und Gardinen. Die werden verkauft. Die Netze werden an Fischer verkauft, und sind garnicht mal so billig. Der Fabrikbesitzer verdient sc viel damit, dass er sehr viel Geld hat, um sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Der Fischer braucht aber die Netze, um damit Fische zu fangen und zu verkaufen, damit er leben kann." " Aber wenn der Fischer die Fische verkauft, bekommt er doch auch Geld dafür!" " Nicht so viel wie der Fabrikbesitzer für seine Netze." " Und wenn er die Fische teurer verkauft, bekommt er doch mehr Geld?" " Die kann er nicht teurer verkaufen, weil ihm die dann keiner mehr abnimmt, und dann verdient er überhaupt nichts." " Das verstehe ich nicht ganz. Aber dann ist der Fischer kein Kapitalist?" " Nein, aber der Besitzer der Fabrik, in der die Fische zu Konserven verarbeitet werden, der ist Kapitalist." " Dann sind Fabrikbesitzer Kapitalisten?" " So ungefähr. Und deshalb kämpfen die Sozialdemokraten dafür, dass die Arbeiter an den Gewinnen der Produktionsmittel beteiligt werden. Deshalb soll der Achtstundentag eingeführt werden, und zwar überall in der ganzen Welt. Dann gibt es Frieden in der ganzen Welt. Und deshalb ist der 1. Mai zum Weltfeiertag erklärt worden." " Achtstundentag, sagst Du. Das gilt dann auch für die Frauen?" " Selbstverständlich! Wir Sozialdemokraten kämpfen ja auch für die Gleichberechtigung der Frau." " Sag mal, Otto, gibt es darüber eigentlich Bücher?" " Ne ganze Masse, von August Bebel, von Wilhelm Liebknecht, Karl Kautsky, Franz Mehring, Vollmer, Singer und wie sie alle heissen." " Möchte ich gerne mal lesen, Otto." - 38- " Warte lieber noch'n bischen, biste grösser bist. Dann versteh'ste das alles viel besser. Ich fang ja auch man gerade erst damit an." Damit war Marie weder in Bezug auf die Situation in ihrer Netz- und Gardinenfabrik noch auf allgemeine politische und soziale Dinge sehr viel klüger geworden. Nur ihr Kopf war voller geworden mit Problemen, mit denen sie sich fortan im Unterbewusstsein abquälte, ohne viel darüber zu reden. " Wie ich dann später wahrnahm, arbeitete die Fabrik weiter, aber nur in Tagesschicht. Die Umstellung hat dem Besitzer nicht sein Vermögen gekestet. Ich weiss aus der späteren Entwicklung meiner Vaterstadt, dass er immer zu den reichsten und einflussreichsten Bürgern gehörte. Es hiess auch, dass sich die jungen Burschen nicht für diese Arbeit geeignet hatten. Die Frauen seien durchweg geschickter und zuverlässiger gewesen. Die ganze Episode die verzweifelte Wut der Arbeiterinnen, der Aufschrei dieser Mütter, und das Gespräch mit meinem Bruder Otto- haben einen starken und nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Es war ein Einblick in soziale Verhältnisse, für deren Verständnis mir noch der Schlüssel fehlte. Kein Mensch und kein Buch waren für mich da, un mir dabei zu helfen, eine Erklärung zu finden. Aber die kurze Zeit in der Fabrik mit allem Drum und Dran hat einen Einfluss auf mein allgemeines Denken genommen und mir später in der Erinnerung bei meiner ganzen Entwicklung viel und entscheidend geholfen." Als Otto und Ma rie wieder nach Hause kamen, war inzwischen auch Vater eingetroffen, hatte schon gegessen, und war gerade im Begriff, zu Bett zu gehen. Marie, anggreg und nachdenklich gemacht durch die Unterhaltung mit ihrem Bruder, war sogar schon zu einem Entschluss gekommen, den sie auch sofort ihrem Vater mitteilte. Nachdem sie kurz von der Situation in der Netzfabrik erzählt hatte und die Möglichkeit erwähnte, dass sie als eine der ersten entlassen würde, da sie ja keine Facharbeiterin sei, meinte sie:" Da sehe ich mich doch lieber vorher nach einer anderen Stelle um. Vielleicht finde ich die noch vor der Entlassung, und dann gibt es auch keinen Verdienst- Ausfall." 40- und auch im Verhältnis ganz bedeutend mehr verdiente. Diese Art der Arbeit sagte mir auch viel mehr zu.- Zweiundeinhalbes Jahr war ich Wärterin in der Provinzial- Landes- Irrenanstalt zu Landsberg.- Auch heute ist es so, dass in den" Heil- und Pflegeanstalten", wie sie nun heissen, weibliche Kräfte ohne Vorbildung eingestellt werden. Wir wurden nur angelernt. Heute machen die künftigen Pflegerinnen eine richtige Lehrzeit durch. Sie erhalten neben der praktischen Unterweisung auch theoretischen Unterricht, machen ein Examen und führen den Schwesterntitel. Je zwei Kolle innen teilten sich darin. Auch hier konnte man den Schlaf von knapp vier Stunden nur im Wachsaal bei den Patienten haben, damit man zur Hand war, wenn die wachende Kollegin Hilfe brauchte, was oft genug vorkam. Die Kontroàèe wurde mit einer Steckuhr geregelt, die viertelstündlich bedient werden musste. Es ist vielleicht xxxk erklärlich, dass man Routine darin bekam, auf einem harten, steifen und unbequemen Stuhl im Sitzen zu schlafen, und trotzdem pünktlich an das andere Endes des Saales zur Steckuhr zu gehen. Das Schlimme war, dass man während dieser Wachstunden nicht lesen oder eine Handarbeit machen durfte und auch nicht konnte. Ein B ch hätte ich mir schon eingeschmuggelt. Aber das in Ol schwimmende es darin ganz komische Menschen gäbe. Wenn man zu ihr davon sprach, hatten die Erzähler immer gelacht und sich auch allerlei Witze erzählt, die sie niemals verstanden hatte. Jetzt war sie doch neugierig geworden, ging auf das Gebäude zu und sah das grosse Schild mit der Aufschrift/" Provinzial- Landes- Irrenanstalt". Sie wusste, dass es Menschen gab, die geistesgestört und völlig hilflos sind. Als sie auf einem anderen Schild entdeckte, dass die Verwaltung um diese Zeit noch geöffnet sein müsste, fasste sie spontan den Entschluss, stieg die wenigen Treppen hinauf, öffnete die Tie, die in ein grosses Treppenhaus führte, von dem links und rechts Gänge wegführten, sah auf einer der Türen das Schild" Verwaltung", stand auch schon davor und klopf te an. Der Verwaltungsangestellte, ein ruhiger, stiller, sehr freundlicher Mann, hörte genau zu, was ihm das noch nicht ausgewachsene, unreife Mädel zuerst vorstotterte, dann aber ziemlich klar als Wunsch äusserte. Er machte sich einege Notizen, schrieb sich Namen und Adresse der Eltern und alles das auf, was Marie bisher gemacht hatte, und bat sie, nach drei Tagen noch einmal vorbeizukommen. " Es war Zufall, dass ich bald nach diesen aufregenden Tagen die Aufforderung erhielt, den Dienst anzutreten, sodass ich nicht arbeitslos wurde Nachdem Marie schon ein gutes Jahr in der Landes- Irrenanstalt gearbeitet hatte, war aus ihr zwangsläufig eine mit allen Fragen des Lebens vertraute junge Frau geworden, die- obwohl noch von allen als Mädchen angesehenwusste, welche Anforderungen das Leben vielleicht schon sehr bald an sie stellen würde. In dieser Zeit, in der sie nicht sehr oft zu Hause war, xd ging sie so sehr in ihrer Arbeit auf, dass sie den Kontakt mit Eltern und Geschwistem verlor. So schien es wenigstens. Desto überraschter waren alle zu Hause, wenn Marie an den seltenen freien Tagen oder auch nur in wenigen freien Stunden plötzlich in der Wohnung auftauchte und mit allen so umging, als sei sie in diesem Jahr niemals für längere Zeit fortgewesen. Sie erzählte Vater und Mutter von ihrer harten, aber doch sehr interessanten Arbeit, wobei sie es vermied, a uf Einzelheiten einzugehen, die nicht für Jedermanns Ohren waren. Nur ihr Bruder Otto, mit seinen nunmehr 24 Jahren ein ausgewachsener Mann, fragte manches Mal so lange nach Einzelheiten, bis Marie ihm xx einiges erzählte. " Ich frage ja nicht aus Neugierde, Marie, sondern aus Interesse. Man muss ja schliesslich auch etwas von diesen armen Menschen wissen." - 50- -50Ein Mann, d # zwei Kinder - und die Politik " Auch gehairatet habe ich. Dass ich in der Ehe nicht glücklich war, soll im Einzelnen hier nicht besprochen werden. Dass ich zwei Kinder hatte, war mein grosses, wenn auch zuerst recht schmerzliches Glück. Dass ich xi damit aber alle Schwierigkeiten der alleinstehenden Frau und Mutter aus eigener Erfahrung kennenlernte, und meine Schwester Elisabeth mit mir, soll doch hier erwähnt werden." 15. dr. z 1879 Der feuchtkalte Grippewind, der an diesem Samstagmorgen durch das Brandenburger Tor blies und die Linden herunterpfiff, steckte nicht nur der Wachtruppe, ixxdxxx die zur Ablösung zum Schloss marschierte, in den Knochen. Die 1,1 Millionen Einwohner der Hauptstadt des Deutschen Reichs und der drittgrössten Stadt Europas waren mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, das Schauspiel der Fachablo ung war kein Schauspiel mehr, sondern gehörte zum Alltag, wie die seit zehn Jahren aufgebauten Gaskandelaber, wie der seit neun Jahren gewonnene Krieg gegen Frankreich, und wie das vor einem Jahr ausgearbeitete rozialistengesetzt" wider die geneingefahrlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie". Nur wenige Passanten waren in gebührend respektvoller Entferming steHengeblieben, unter ihnen Bürgermeister Anker aus Landsberg an der Warthe, ein aufrechter und tüchtiger Mann, der um das ohl seiner aufstrebenden kleinen Stadt sehr bemüht war und des öfteren nach Barlin kam, um sich Anregungen, Ratschläge und Hilfe für seine läne zu holen. Bis zur Abfahrt seines Zuges war noch eine gute Stunde Zeit. Er wollte sich gerade aus den kleinen Haufen herauslösen, um in der Klosterstrasse 70 in Grünen Buum seinen kleinen Koffer abzuholen und sich von dem Jesitzer, seinem Freund Neuendorff, zu verabschieden. Die markente, ecumeidende Befehlsstimme des Wach- Offiziers hielt ihn zurück. Bürgermeister Anker konnte das, was ihm blitzschnell durch den Kopf ging, nicht zu Ende denken, warum nämlich préussische Offiziere ab Lieutenant aufwärts eine markante und schneidende Stimme haben mussten, obwohl das in keiner Lehtvorschrift festgelegt war. Der Wachhabende hatte sich vor den Offizier gestellt, in strammer Haltung, die Hand erhoben, und meldung gemacht. Nach der Meldung bekam er den Arm nicht mehr herunter. Der Nachoffizier kam einige Schritte auf den Nachhabenden zu, blieb breitbeinig stenen, stemate die Fäuste in die Hüften, hob die rechte Augenbraue, sodass das an einem silbergraden Faden befestigte Monokel herunterfiel, und fuhr den Verdutaten an:" Sagen se mal, was wollnse denn mit dem rechten Arm in der Luft?! Sie sind doch keen Vogel! Krieje wern auf der rde jewonnen, und nich in der Luft, verschtanden?" Diese Stimme kenne ich docht, sagte sich Anker, und verspürte plötzlich einen stechenden Schmerz im Oberschenkel, an der kaxkx Narbe, die ihm vou zlorreichen Krieg 1870/71 als Erinnerung geblieben war. Bürgermeister Anker sass in Abteil seines Zuges nach Landsberg und musste an den ajor denken, an den damaligen Leutnant von nobeledorff, der sich -2für ein grosses geistiges Licht hielt, weil der alte Herr Geneinrat von Goethe sich einmal in eine seiner Vorfahren, in ein aditzeunjähriges Madoen, verliebt hatte. Dieser Trottel! Nicht der Goethe, der Knobelsdorff natürlich. Bürgermeister Anker hatte sich einen ganzen Haufen Lektüre mitgenommen, un die lange Fahrt besser hinter sich zu bringen, aber der Zwischenfall bei der Wachablösung hatte Brinnerungen lebendig werden lassen, die ihn so sehr in Anspruch nahmen, dass ihm zu heiss wurde in seinem Faletot. Nachdem er Rock und Weste aufgeknöpft hatte, um mehr Luft zu haben, fühlte er sich leichter. Als er 1871 nach dem glorreichen, Peldzug mit einer Verwundung nach Landsberg an der arthe zurückkehrte, hatte er noch nicht den kleinen Bauchansatz, der ihn jetzt das Atmen schwerer machte. Diese Verwandung hätte han ihm ersparen können. Es war der 20. Januar 1871, Paris var ausgehungert und zur Übergabe bereit. Da echickte inn ein gewigger Lieutenant von Knobelsdorff mit einer privaten Botschaft und mit einer Plasche Tein zu einen befreundeten Offizier in einen vorgeschobenen Batteriestand. Woher der Schuss kam, der ihm den rechten Cberschenkel durchschlug, ist ihn bis heute nicht klargeworden. s war der allerletzte Echuse, der in diesen Eriege fiel, und für den jetzigen Bürgermeister stand es schon damals fest, dass es für ihn auch der letzte Krieg war, an dem er teilnehmen würde. Er war der 113 226. Verwundete dieses Krieges und denzufolge heilfroh, nicht zu den 41000 Toten zu gehören. Mit der Verwindung wurde er im Laufe der Zeit fertig, indem er seine geistigen Krafte schulte, sich für kommunale Probleme interessierte und bis zum Bürgermeister hinaufarbeitete. r war kein Sozialdemokrat, beibaibe nicht. ie waren nach reiner Meinung zu schroff, zu renitent, stellten Forderungen, die sich niemals so schnell, wie die Sozialisten es sich vorstellten, verwirklichen liesien. Ausserdem machten sie nach reiner Meinung einen grossen Fehler, inden sie glaubten, die nicht abzuleugnenden( bels Übelstande XXXXXXXXXE in der sozialen Schichtung der grossen Städte auf das ganze Land beziehen zu müssen. Der Geheime Regierungs- Rat Dr. Meitzen hatte ihm serade in Berlin eine Aufstellung übergeben, nach der die 1dliche Bevölkerung treussens aus ungefähr 6 millionen Eigentümern und 2 Millionen Tagelöhnern besteht. xxxx Mit einiger Mühe holte er den Koffer herunter, der in wesentlichen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher enthielt, stellte ihn hehen sich auf die Holzbank, und wühlte in den gedruckten Kostbarkeiten, die er sich in Berlin zusammengetragen hatte. Das oben liegende neue Militarhandbuch für das Jahr 1879 und das Hof- und Staatshandbuch legte er unbesehen zur Seite. Die" Landwirtschaftliche Zeitung für das nordöstliche Deutschland", die sich mit der Steigerung der Einführen von amerikanischem und russischen Getreide beschaftigte, sagte in ihrem Hauptartikel genau das, was -3auch seine Meinung war:" Wir können die Lage der Landwirtschaft durchaus nicht für eine so traurige halten. Die Konkurrenz des getreideproduzierenden Auslandes richtet uns nicht zu Grunde."-Ls gab Dinge, die weitaus erschütternder waren: in der ungarischen Freistadt Szegedin an der Theirs war ein Unwetter niedergegangen, der Fluss war über die Ufer getreten, orkanartige stürme hatten Bäume entwürzelt, Hauser niedergerissen, Menschen und Vieh kamen in den Fluten um, und die letzten Depeschen, die Bürgermeister Anker in Berlin zu lesen bekam, sprachen von 5000 zerstörten Häusern und Hunderten von ertrunkenen Erwachsenen und Kindern. Sammlungen von Spenden in allen Ländern Europas wurden veranstaltet, un zu helfen. Der österreichische Kaiser hatte sich gerade heute von lien aus nach Szegedin begeben, und sein Innenminister" hat in samatlichen im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern eine öffentliche Sammlung milder Beiträge zur Unterstützung der in Folge der Uberschwemmungen verunglückten und hilfsbedürftigen Bewohner der Freistadt szegedin's angeordnet."- Bürgermeister Anker war in einer mislichen Lage. Feine Stadt Landeberg sollte sich an der Szegedin- Sammlung beteiligen. Auf der anderen Seite hatte man ihm in Berlin einen Bericht in die hand gedrückt, der eindeutig bewies, dass es in Deutschland ohne Plus silberschwemmungen und Orkane- genug Not und Elend gab. Wo hatte er nur den Artikel hingelegt? Er durchwühlte den Koffer, ohne ihn zu finden, hatte schliesslich gine Broschüre in der Hand mit den Titel" Die Arbeitssciile de organiclier per tandteil der Volksschule", von einem gewissen Schwab geocurieben, und fand den aus einer Zeitung herausgeschnittenen Artikel rtikel zwischen den Seiten der Broschüre. In aller Ruhe las er noch einmal durch, was er heute in aller Frühe nur überfangen hatte:" Kaltblutige Menschen machen uns zum Vorwurf, dass wir das Mitleid für Fremde angerufen, während Noth im eigenen Lande walte und sie rathen uns mehr Vorsicht bei ohlthun dort an, wo Selbstverschuldung das Unglück mit herbeiführte. als der grosse Brand Hamburg zerstörte, als der Nationalkrieg mit Frankreich die Lazarethe mit Verwundeten und Kranken füllte, da flossen haben aus der ganzen Welt zur Milderung des lends diese internationale Kundgabe der Barmherzigkeit ist eine der schönsten Früchte der modernen Gesittung, ihr wollen wir getreu bleiben.- Aber nicht bloss für die unglücklichen Bewolmer Szegedins, auch für die von Hungersnoth scheer betroffenen Bewohner des Spessart rufen wir das öffentliche Mitleid wach. Kein Brod, keine Kartoffeln, kein Salz im Hause, blutara die Kinder, sieht der Kanger dem Volke zu den Augen heraus und in stummen Kummer starrt die Bevolkerung vor sich hin, entkräftet, muthlos, zu schwach schon fast zur Arbeit geworden. Dringende Hilfe ist nöthig, die nothleidenden Gedenden müssen unterstützt, über die nächsten Wochen hinweggebracht, ihnen die Mittel - 4- verschafft werden, ihre Felder zu bestellen und sie vor Krankheit und völligem geistigen wie leiblichen Verderben zu retten." Bürgermeister Anker wollte gerade den Artikel zur Seite legen, als ein lick auf eine eldung aus dem eichstag fiel:" Berlin, 15. März 1879. Der Reicastag nann in der dritten Lesung die internationale Convention über die Hassregeln gegen die Reblaus an, erledigte in erster Lesung das Vogelschutzgesetz und beschloss die 2. Lesung in Plenum. Hierauf wurde die Statsbera tung über Zölle und Verbrauchssteuern fortgesetzt. Die Tarifkommission beschloss heute über die Tarifsatze für Baumwollen garne unter Erhöhung der Zölle für die feineren Nummern. Die erste bacting wird voraussichtlich noch zwei sitzungen ausfüllen. Etwas erschöpft lennte sich Bürgermeister Anker zurück, um den Gedenken nachzuhingen, die seit heute früh über ihn hereinbrabben, ohne richtig zu Ende gedacht zu werden. Was war an einem einzigen Tag, die un diesem 15. März, nicht alles los! Herr Petran, wohnhaft in den königlichen Veinbergen nächst Prag, warhte in deutschen Zeitungen vor oueisch zubereiteten Bier, die Indianerin Miss Zenobia würde heute Abend ihr Deutschland- Gastspiel mit einem Auftritt im Münchener Thalia- Theater in der Posse" Die Studenten von Rummeletadt" beginnen und auch nach Berlin kommen, vielleicht sogar verwegener Gedanke! nach Landsborg,-in Strassbu g hatten die Abgeordneten Grad, Fulter und Hudolf bei der Regierung durchgesetzt, dass in Deutschland erlaubte Zeitungen und Publikationen auch in 1ses- hothringen verbreitet werden, dürfen,-in Berlin wird der nog nannte kleine Belagerungszustand verhängt, weil der sozialistische Abgeordnete Wilhelm ebknecht beim Ausbringen des" Lebehoch" auf den Keiser sitzenlieb,-in ürzburg erschiesst der Unteroffizier Karl Rude den studenten Sicke, und Carl Stangens Reisebureau in der Markgrafenstrasse 43 in Berlin W bereitet eine grosse Gesellschaftsfahrt nach Italien vor, über München, Verona, Mailand, Genua, Rom, Neapel, corrent, li, Capri, Vccav, Florenz, Bologna, Venedig, ien, Be lin, Dauer: 42 Tage, Preis: 1250 Mark. Vielleicht sollte man sich doch etwas intensiver mit den sozialistischen Ideen beschäftigen. Was diese Leute zum Beispiel als Schulreform forderteny batte Band und Fuss. Schon seit längerer Zeit war ihm klargeworden, dass das Unterrichtswesen immer mehr zur seelenlosen Maschine eines einseitig intellektualistischen Zeitalters, geworden war." Gesinnungsunterricht im Dienste der herrschenden Klasse", so honnten es die Sozialisten. In Berlin hatte er erfahren, dass ein Teil der Jugend sien bereits bewusst von diesem Drill- Betrieb abwandte, dagegen rebellierte, ohne allerdings etwas zu erreichen. Der Abgeordnete von Sehendorff, mit den er sich darüber unterhalten wollte, war leider verhindert. Er sässe, so sagte man ihm, gerad an einer grossen schriftlichen Arbeit, die sich mit der För -5derung der Handarbeit und der Volks- und Jugendspiele in rzienung und Unterricht befasse. Aber was würde dabei herauskommen? Und schon gar für seine Stadt Landsberg, mit 1495 Wohnhäusern, 10 Anstalten zu gemeinschaftlichen Aufenthalt. 5046 Haushaltungen, 11911 männlichen und 11647 weiblichen Seelen( darunter 892 aktive Militärs). Bürgermeister Anker konnte nicht wissen, dass die Zahl der 11647 métblielen Seelen nicht mehr den Tatsachen entsprach. Seit seiner Abreise teatern früh hatte sich diese Zahl auf 11649 erhöht, und gerade in diesem Augenblick, als der Zug auf dem Bahnhof in Landsberg einfuhr, machte sich die 11650." weibliche feele" daran, das Licht dierer welt zu erblicken. In überheizten Gasthaus" Zur Krone" in Landsberg an der arthe hatte sich um#ixxx die Nachmittagszeit dieses 15. März 1879 eine rupe von Mändern zusammengefunden, un bei einen Glas Bier und bei Pfeife und Zigarre von den trapazen der Woche auszuruhen und über die Dinge zu preden, die ich selt leh lotzten Sonnabend ereignet hatten. Die Meldungen der" eumärkischen Zeitung", eines in Landsberg erscheinen fon Wochenblatt mit geschickt versteckter sozialistischer Tendenz, waren komentiert. Man hatte sich heiss geredet an den Planen, die Bürgermeister anker mit der Stadt vorhatte. xxxkakxxxxxa* ax Jetzt war er ja schon wieder in Berlin, um zu studieren, was es dort Neues gabe. Die neue Berliner Stadtbahn wolle er sich ungehen, die in zwei Jahren fertig sein roll. Die ngländer selen schneller gewesen, hätten schon 1863 das erste stuck threr Stadtbahn in Betrieb genommen, und die Kanalisation in Landeberg milsse modernisiert werden, da hat unser Bürgermeister Recht. Natürlich licht so wie in Frankfurt, wo man die ganzen Abwässer in den Main geleitet hat. Ohne Kieselfelder kommen die Frankfurter nicht mehr aus. Oder de juegen es so machen wie unser Bürgermeister, der sich für ein ganz neues System entscheiden will, das man in Holland, in Amsterdam, Dortrecht und Leyden ausprobiert hat, das Lierur' che System, das mit einer pneumati chen Attri reinigung arbeitet. Ausserdem hat der Kaiser nächsten Samstag Geburtstag, 83 Jahre wird er alt, vi 11eicht wird das Sozialistengesetz Wieder aufgehoben. Und die vielen Frendarbeiter, die ing Land kommen, Tauter Tolan, aliener und Galizier. Dafür wandern die Deutschen aus. Das Gespräch xaxaxte von Thema zu Thema, und es war zu spüren, dass Berlin mur 130 Kilometer tfernt Yet und dass dazwischen- hehr nach LandsAlle Manier hatten sich mehr berg zu die Festungsstadt Küstrih lag. oder weniger intensiv an diesen Gespräch beteiligt, bis auf der Bauunterhher Friedrich Theodor Gohlke, der seit einer halben tude weder ein Wort gesprochen noch von seinem Bier getrunken hatte. Zwischendurch war er sogar einige Male aufgestanden, als ob er hinausgeben wolle, hatte -6sich aber immer wieder hingesetzt, sodass der Lehrer Peter Freymark keine Möglichkeit sah, die Tischrunde über Gohlker Unruhe aufzuklären. Peter Freymark war erst kürzlich mit seiner Frau aus Foldin nach Landeberg gekommen. Nachdem er bei einigen Sangtag- Gesprächen eine sehr freie Sprache führte und von den anderen zur Maceigung aufgefordert wurde, well er aus seiner sozialistischen Einstellung kein Hehl machte, beschränkte er sich neuerdings darauf, die Tischrunde mit den Neuigkeiten zu unterhalten, die er von seiner Frau inna erfuhr. Minna war Hebamme, hatte cohon Praten der un den Tisch versammelten Männer dazu verholfen, glückliche Mutter zu werden, und kannte sich deshalb in den Landsberger Familienverhältnissen schon recht gut aus. Aber heute hatte Peter Freymark auch auf diesem Gebiet Hemmungen und rettete sich in sein Lieblingsthema, die sozialistische Schulreform, vie er sie sich als überzeugter fozialdemokrat vorstellte. Diese Ideen kosteten ihn schon sehr bald eine tellung als Lenrer, denn er fiel dem Sozialistengesetz zum Opfer, das auch die Bekämpfung sozialistischer Lehren in den Schulen anordnete. Torwand für dieses Gesetz waren zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm 1.sofort nach rldss des Gesetzes vor einen Jahr, also 1878, wurden alle zu dieser Zeit erscheinenden 332 Presseorgane verboten, 900 Personen wuran gewiesen, 1500 Sozialdemokraten erhielten Profheitsstrafen. Dass die sozialdemokraTische Partei bis zum Jahre 1890 trotzdem 1 Million stien erhalten würde, ahnte man nicht einmal in den obersten Parteispitzen. Auch Peter Freymark wusste nicht, dass seine bald erfolgende Absetzung ale Lehrer und vorübergehende Verhaftung dazu beitragen wirde, der aufgeschlossenen Landsberger Bevölkerung weiteren revolutionären, fortschrittlichen Auftrieb zu geben. Im Augenblick ereiferte er sich an der Konfessionslosen staatlichen simultan- Schule, die es jeden ermöglichten müsse, das zu lernen, was seiner Begabung entspreche, gleichgültig, ob es sich un Bürger-, Arbeiter- oder Ba uernkinder handele.xxxxxxxxxxaxaxxk Zu Priedrich Theodor Gohlke gewandt, meinte Peter Freymark:" Tenn wir diese Comu len schon hätten, wäre Dein Sohn Otto besser dran. Was hat er in den einen Jahr auf der vierklassigen Volksschule gelernt? Nichts! Und warum? Teil das Geld nicht ausreicht, um ihn auf die Bürgerschule zu schicken. R* x* x* x Das hätte Peter Freymark nicht sagen sollen. Der er ruhige, niemals aufbrausende Theodor Gohlke stand erregt auf, dass der schwere Holzstuhl nach hinten aki laut polternd unkippte. Er vertrug keine Anspielungen auf die Spekulationen, die er in diesen sogenannten Gründerjahren nach seiner Meinung unbedingt machen musste, wenn er seine mühsam erkäm fte Selbständigkeit erhalten und schern wollte. or einigen Jahren war er mit Frau und Fohn aus dem im Kreis, Landsberg gelegenen Reinersdorf wo er als Zimmerpolier gearbeitet hatte, nach Landsberg gekommen, in die -7se aufstrebende Kreisstadt, die bessere Arbeitsmöglichkeiten bot als das Land, denn die im Warthebruch lebenden Kossethen, Halbbauern, deren Wirtschaften nicht viel einbrachten, flickten sich ihre primitiven Häuser selbst zusammen. Viel Bargeld hatte er nicht mehr in der Tasche, als er eines Tages mit Frau und Sohn vor dem Fischhändler Höhne stand, der ihm auf der anderen Seite der Warthe im Dachgeschoss eines seiner Häuser Quartier gewährte. Im ausgebauten unteren Hauptteil des Hauses wohnten die Familie Kuhn und der Viehhändler Blobelt, fix von dem er schon wenige Tage später den Auftrag erhielt, eine Viehrampe zu bauen. Warum sich also nach einer Stelle als Zimmerpolier umsehen? Das war der Anfang zur Selbständigkeit. Um hinter dem Haus einen Arbeitsschuppen zu bauen und eine Werkstatt einzurichten war Kapital notwendig, das Friedrich Theodor Gohlke nicht besass. Dafür wuchsen die Schulden, die mit der inzwischen fertiggewordenen Rampe des Viehhändlers Blobelt nicht abgedeckt werden konnten. Dafür kamen neue, eilige Aufträge herein, die er alleine nicht schaffen konnte. Zwei Gesellen vom Lande wurden verpflichtet, Werkzeug musste angeschafft x* x* яn und Holz gekauft werden. Zu allem Überdruss war Minna*** gakx zur Welt gekommen, ein zartes Mädchen, das von seiner Geburt an auf Pflege angewiesen war. Gohlkes Frau Henriette hätte es in dieser Zeit lieber gesehen, wenn ihr Mann die ganze Selbständigkeit an den Nagel gehängt und sich bei einem Bauunternehmer als gut bezahlter Zimmerpolier verdingt hätte, aber sie machte ihm keine Vorwürfe, sondern packte mit der ihr eigenen und bewundernswerten Entschlossenheit zu, wo es nötig war. Als das Geld allzu knapp wurde, schlich sie sich heimlich aus dem Hause, um auf den Äckern des Mühlenbesitzers Braun beim Kartoffelbuddeln mitzuhelfen. Schon als junges Mädchen hatte sie sich nicht vor harter Arbeit gescheut und in ihrer Geburtstadt Brügge im Kreis Soldin als Haus- und Küchenmädchen gearbeitet. Als xxx sich das dritte Kind ankündigte, versagten ihre Kräfte. Friedrich Theodor Gohlke kam gerade vom Bauern Traschke zurück, wo man den Stall um drei Meter vergrössert hatte, als sein drittes Kind, sein Sohn Franz, zur Welt kam. Kurz entschlossen entliess er die beiden Gesellen und teilte den Gutsbesitzern Böhnisch und Eschner mit, dass er leider nicht in der Lage sei, die in Auftrag gegebenen Erweiterungs- und Neubauten für Wohnhaus, Stallungen und Scheune auszuführen. Vielleicht hätten diese beiden grossen Aufträge die materielle Hilfe gebracht, un inZukunft in schuldenfreier Selbständigkeit weiterleben zu können. Davon hatten die Männer hier am Tisch, und besonders der Lehrer Peter Freymark, keine Ahnung, denn er hatte niemals von seinen Sorgen zu ihnen gesprochen, hatte ihnen verheimlicht, dass er ein ganzes Jahr lang nicht arbeitete, sondern sich um Frau und Kinder kümmerte, den grössten Teil des Holzlagers mit Verlust verkaufte, um mit seiner Familie leben zu können, und sogar einen Schlaf - 8- burschen in die enge Dachwohnung aufgenommen hatte, einen Schuhmacher, der mit seinem geringen Mietgeld zum Lebensunterhalt des Bauunternehmers Friedrich Theodor Gohlke und seher dreiköpfigen Familie beisteuerte. Das Leid des Ehepaares wuchs mit den heranwachsenden Kindern Otto, Minna und Franz. Während Otto sich zu einem kräftigen Jungen entwickelte, der ohne jede Aufforderung dem Vater zur Hand ging, wurde die kleine Minna immer stiller, und der kränkelnde Franz immer unruhiger. Otto, fünf Jahre alt, kümmerte sich um den Haushalt und seine Geschwister und half der sich langsam erholenden Mutter, wenn Vater aus dem Haus war, um kleinere Zimmererarbeiten auszuführen. Mit verbissener Hartnäckigkeit versuchte Friedrich Theodor Gohlke, sein Bauunternehmen wieder anzukurbeln. Er war ein guter und gewissenhafter Handwerker, dem man gerne solide Aufträge anvertraute. Als er vor zwei Jahren nach Hause kam, mit dem Auftrag in der Tasche, für ein dreistöckiges Haus in der Landsberger Friedrichstadt, direkt an der Hauptstrasse, alle Holzarbeiten auszuführen, die Balken zu legen und den Dachverband anzufertigen, und mit der frohen Nachricht in die Dachwohnung platzte, fand er eine verstörte Familie vor. Henriette, seine Frau, sass weinend neben dem selbstgezimmerten Bett des kleinen Franz, und Otto hielt schluchzend die Hand der kleinen Minna, die er ununterbrochen streichelte. Dr. Brate packte gerade die Instrumente ein, mit denen er die Kinder untersucht hatte, und zog Theodor Gohlke auf den Gang, machte die Türe hinter sich zu, behutsam und leise, wie es dem Ernst der Lage entsprach, und sagte etwas salbungsvoll:" Herr Gohlke, da lässt sich nicht mehr viel machen. Ihre Tochter ist unheilbar augenkrank, in spätestens vier Wochen wird sie völlig erblindet sein, und Sie werden es zu tragen wissen, wenn ich Ihnen sage, dass Ihr Sohn Franz es wahrscheinlich nicht überstehen wird. Die Lungen sind zerstört, das Herz ist kaputt, der ganze Organismus funktioniert nicht mehr. Auch operativ lässt sich da nichts mehr richten. Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie als Familienoberhaupt müssen die Wahrheit wissen. Ihre Frau weiss nicht, wie schlimm es um den Jungen steht. Ich wünsche Ihnen Kraft für die nächste Zeit, und rufen Sie mich, wenn Sie es für nötig halten." Als unten die Haustüre längst hinter Dr. Brate ins Schloss gefallen war, stand Friedrich Theodor Gohlke noch immer auf dem zugigen Gang der Dachwohnung, fassungslos über diesen Schlag, der alle Zukunftspläne über den Haufen warf. Und wie würde Henriette, noch nicht einmal dreissig Jahre alt, damit fertig werden? Kraft für die nächste Zeit hatte Dr. Brate ihm gewünscht. Ausser dieser Kraft brauchte er Geld, sehr viel Geld, und den Mut zu einem Optimismus, der zwar seinen Sohn Franz nicht mehr retten und seine Tochter Minna nicht sehend machen, wohl aber den Fortbestand seiner Familie garantieren könnte. -9400>> Wie er damals, vor zwei Jahren, mit dieser Situation fertig wurde, weiss er heute nicht mehr genau. Zwei Monate später starb die kleine Minna, ein halbes Jahr später folgte Franz. Henriette, seine Frau, war noch stiller geworden, umsorgte ihn und den kleinen Otto mit noch grösserer Liebe als zuvor, und brachte es fertig, den materiell gécht reich bedachten Haushalt so zu führen, dass sie sich jederzeit damit in der näheren und weiteren Nachbarschaft damit sehen lassen konnte. Zwischendurch hatte es auch gute Tage gegeben, manches Haus in Landsberg war dazugekommen, an dem Friedrich Theodor Gohlke fleissig mitgebaut hatte. Einmal reiste er sogar nach Kolow in Polen, weil er eine Empfehlung dorthin als guter und solider Bauunternehmer erhalten hatte. Dass er unverrichteter Dinge wieder zurückkehrte, lag nicht an ihm. Und jetzt? Was würde in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen geschehen? Warum hatte Peter Freymark ihm den indirekten Vorwurf gemacht, dass er, der Bauunternehmer Gohlke, finanziell nicht in der Lage sei, seinen Sohn Otto auf die Bürgerschule zu schicken? Etwa deshalb, weil die Hebamme Minna Freymark seit mehr als zwei Stunden auf der anderen Seite der Warthe in dem von der Familie Gohlke bewohnten Dachgeschoss xxxxixxaxkatx des Hauses vom Fischhändler Höhne darauf wartet, seinem vierten Kind zum Leben zu felfen und seiner Frau Henriette das Leben zu erhalten? ver Es war still geworden an dem grossen Tisch, an dem die Männer fast verlegen mit ihren Pfeifen hantierten, um Friedrich Theodor Gohlke nicht in seinen Gedanken zu stören. Ohne es zu wissen, hatte er den umgeworfenen Holzstuhl aufgehoben, xxx sich hingesetzt und durch die anderen hindurchgesehen, als ob sie nicht am Tisch sässen, Jetzt stand er langsam auf, zog sich den Mantel an, setzte die Mütze auf, grüsste kurz und verliess den Gasthof" Zur Krone". Beim Heraustreten aus der Türe wäre er fast mit Bürgermeister Anker zusammengestossen, der einen kleinen, aber**** anschei nend schweren Koffer in der Hand, der seinen Körper auf der rechten Seite herunterzog, sodass es aussah, als ob er schief daherliefe an ihm vorbet hastete. Mit einer hingemurmelten Entschuldigung zog Gohlke zum Gruss seine Mütze. Er kannte den Bürgermeister gut, denn er hatte sich schon ei nige Male dafür eingesetzt, dass die Baufirma Gohlke Aufträge erhielt. Auch den Neubau in der Nähe der evangelischen Kirche, für den erede Dachstuhl anfertigte, stand unter Ankers Schirmherrschaft. Am besten, er sieht noch einmal nach, ob sein Geselle Franz alleine mit den letzten Querhölzern fertig wurde.Oder soll er nach Hause gehen? Die energische Minna Freymark hatte ihm bestimmt, aber freundlich zu verstehen gegeben, dass kein Grund zur Unruhe bestehe, dass alles in bester Ordnung sei, und dass sein Sohn Otto zur" Krone" kommen würde, wenn es so weit sei. Ob sich alle Väter - 10- bei der Geburt ihrer Kinder solche Gedanken machen. Das ist doch nun das Vierte. Oder gerade deshalb? Ob sein Vater, der Ost- Kolonist Gottlieb Gohlke, sich bei seiner Geburt am 8. Oktober 1841 genau so abquälte wie er heute? Das ist 37 Jahre her, und weder Vater noch Mutter haben jemals mit ihm darüber gesprochen. Väter und Mütter scheinen niemals mit ihren Kindern darüber zu sprechen. Wenn sie es möchten, sind die Kinder zu klein und verstehen es nicht, und wenn sie es verstehen, sind sie bereits zu gross und haben selbst schon Kinder. Friedrich Theodor Gohlke hatte nicht bemerkt, dass er in seinen Gedanken nicht zum Bauplatz gegangen xxx, sondern gerade im Begriff war, die Küstriner Strasse zu überqueren, auf die Warthebrücke zu. In der Küstriner Strasse müsste man wohnen, dachte er. Die Holzbohlen der Brücke klapperten, als er im Dauerlauf darüberlief, auf das Haus zu, das dem Fischhändler Höhne gehörte und in dem seine Frau Henriette in einer Dachwohnung ein viertes Mal den Kampg austrug, dem Leben neues Leben zu geben. Meine Schwester Marie " Du, Vater,- das Bett ist aber viel zu gross für unser Mariechen!" Der sieben Jahre alte Otto stand am 15. April 1879, als seine Schwester Marie gerade vier Wochen alt war, sinnierend neben dem neuen Holzbettchen, das Friedrich Theodor Gohlke in aller Eile zusammengezimmert hatte. Es war glatt und sauber gearbeitet, ungestrichen, hell gebeizt, hatte eine weiche Unterlage, und passte genau in den Winkel hinter dem Bett der Eltern. " Da wird Mariechen schon reinwachsen, mein Junge, Du wirst Dich wundern, wie schnell das geht." Bruder Otto wunderte sich nicht im geringsten, wie schnell das ging. Die Schule nahm im sehr in Anspruch, und Vater und Mutter Gohlke sorgten dafür, dass er mehr lernte, als an Lehrstoff geboten wurde. Da er sich ausserdem für die Zimmerei interessierte und aus eigenem Entschluss in seiner Freizeit dem Vater zur Hand ging, stand es fest, dass er nach der Schulentlassung zum Vater in die Lehre gehen würde. So geschah es auch. Als Marie vier Jahre alt wurde, trat Otto als Lehrling bei seinem Vater ein. Der Geselle, den sich Vater Gohlke aus dem Warthebruch geholt hatte, weil sich allerlei Zimmermannsarbeit ankündigte, war ein aufgeweckter Bursche, der den jetzt beinahe 11 Jahre alten Otto in Abwesenheit des Vaters ganz schön anpackte. Vater Gohlke hatte nichts dagegen einzuwenden, denn so lange sich sein Otto noch die Zeit nahm, sich mit der heranwachsenden Marie zu beschäftigen, mit ihr zu spielen und das Spielzeug für sie selbst zu basteln, war alles in bester Ordnung. Den Wunsch, seinen Jungen nicht mehr auf dem Sofa in der Küche schlafen zu lassen, sondern ihm die Kammer zu geben, in der noch immer der Schuhmacher als Schlafbursche hauste, konnte er ihm leider nicht erfüllen. Dafür hatte Otto eine Idee, für die sich auch Vater Gohlke begeisterte und die sofort verwirklicht wurde. Vater und Sohn Gohlke setzten sich an einem Feierabend zu Mutter in die warme Küche, Mariechens Holzbett, das ihr zu klein wurde, stand in der Küche neben dem Herd, denn Mariechen wollte nur einschlafen, wenn alle dabei waren und wenn Mutter sich einige Male davon überzeugt hatte, dass sie auch richtig zugedeckt sei. So war es auch an diesem Abend. Mariechen, vom Spielen und Plappern müde, fragte nohon im Einschlafen:" Bin ich auch richtig zugedeckt?" Aber da war sie schon eingeschlafen, und Vater und Mutter Gohlke schoben das Bett vorsichtig in das elterliche Schlafzimmer. Bevor Vater und Sohn Gohlke sich an die Arbeit machten, füllte die Mutter noch einmal die Petroleumlampe auf, legte sich das Zeug zurecht, das sie heute Abend noch nähen und ausbessern wollte, schickte Otto noch einmal mit dem Eimer herunter, um Wasser heraufzuholen. und - 12- ** x* x* x* xxxxxxxxxxxxxxxxxxkkxxdek während Otto das Wasser holte, unterhielten sich Vater und Mutter Gohlke darüber, dass es eigentlich schade sei, dass Otto keine bessere Ausbildung erhalten könne. Vor drei Jahren sei in Berlin durch die Zusammenlegung der Bau- und der Gewerbeschule die Technische Hochschule entstanden, mit grossen Lehrabteilungen für Architektur, Bau- und Ingenieurwesen, für Maschinenbau, Chemie und Bergbau, und auch für ganz allgemeine Wissenschaften, die ja in dieser modernen Zeit der rapiden technischen Entwicklung von grosser Bedeutung seien." Von dieser modernen Entwicklung ist bei uns aber nicht viel zu merken", meinte Mutter Henriette mit etwas resignierendem Tonfall und einem nachfolgenden tiefen Seufzer. " So schnell kann das bei uns auch nicht gehen, Mutter, das musst Du doch einsehen. Die erfinden ja viel schneller, als sie die Erfindungen verwirklichen können. Bei uns brennen noch die Petroleumlampen, in Berlin und anderen Städten haben sie schon Gaslaternen aufgebaut, Und jetzt sprechen sie schon davon, dass die Sache mit dem Dampf überholt ist und dass in Zukunft alles nur noch elektrisch gehen soll. Hier, in dieser Druckschrift, die mir die Stadtverwaltung gegeben hat, steht genau drin, wie das xixxɣ*\* XX* xd mit der Elektrizität angefangen hat und weitergehen wird." " Was hast Du denn mit Elektrizität zu tun, Theo?" " Sehr viel, Henriette, denn es wird einmal elektrisches Licht in allen Wohnungen geben, elektrische Wasserpumpen werden eingebaut, Leitungen müssen gelegt werden. Das muss dann beim Bau der Häuser beachtet werden." " Meinst Du nicht, dass der Mann, der das geschrieben hat, etwas übertreibt? Das erleben wir hier in Landsberg bestimmt nicht mehr." " Und ob wir das erleben, Henriette! Der Mann, der diese elektrischen Erfindungen xxx und schon vor zwei Jahren die erste elektrische Strassengemacht bahn gebaut hat, ist der Dr. Werner Siemens. Hör zu!' Seit dem 12. Mai 1881 besitzt das Deutsche Reich in unmittelbarer Nähe seiner Reichshauptstadt eine dem praktischen Verkehr dienende elektrische Eisenbahn, die erste auf dem ganzen Erdenrund'. Inzwischen sind weitere elektrische Bahnen gebaut worden." Otto, der in diesem Augenblick mit dem vollen Wassereimer zurückkam, unterbrach das elterliche Gespräch, setzte den Eimer temperamentvoll auf den Boden neben dem Herd, sodass etwas Wasser über den Rand schülperte, und erklärte dem Vater seine Idee." Wir nehmen das Sofa auseinander, bis nur noch die Polsterung übrigbleibt. Die stellen wir auf einen viereckigen Kasten, und in den Kasten bauen wir eine grosse Schublade, die auf Rollen läuft und die man herausziehen kann." - 13" Und was geschieht mit der gepolsterten Rückenlehne? Wollt Ihr die wegwerfen oder verbrennen?" " Das wäre schade, Mutter. Nein, pass mal auf, Vater. Da machen wir auch einen viereckigen Ra hmen drumherum, und stellen ihn als Rückenlehne an die Wand." " Ich habe noch eine Idee, mein Junge. Wir machen diesen Rahmen mit Scharnieren an dem grossen Kasten fest. Tagsüber wird er heruntergeklappt, dann hat Mutter viel Platz zum Bügeln und zum Abstellen." " Und warum diese ganze Arbeit, Theo?" " Das ist eine gute Idee von Otto, Mutter. Lass uns mal machen." + Vater und Sohn Gohlke waren mit Recht sehr stolz auf das Ergebnis. Mariechen schlief von jetzt ab nur noch in dem rollenden Kasten, der aus dem umgebauten Sofa herausgezogen wurde. Abends wurde Mariechens Bett kaxkan in das grosse Zimmer gefahren, Otto schlief auf dem durch den Umbau nicht weniger bequemgewordenen Sofa den gesunden Schlaf der Jugend, und Mutter Henriette war froh, tagsüber einen zusätzlichen Tisch in der Küche zu haben, auf dem sie sich ausbreiten konnte. Marie nahm an allen Dingen, die sich im Hause ereigneten, lebendigen Anteil. Sie sagte nicht viel, hörte genau zu, auch dann, wenn es sie garnicht anging, und verriet sich nur durch ihre Fragen an die Eltern und an Bruder Otto. Da sich Marie zur Freude der Eltern so gut entwickelte, wurde sie von ihren Eltern mit der Sorge und Liebe umhegt, zu der nur Eltern fähig sind. Otto war in Begriff, durch sein Erwachsenwerden sich dieser elterlichen Liebe zumindest rein äusserlich zu entziehen. Er vertrug es nicht mehr, gestreichelt zu werden. Was er sich allerdings auch jetzt noch gefallen liess, war das Zudecken am Abend, wenn er auf seinem Umbau- Sofa lag. Das sollte noch lange für ihn und Marie zur guten Nacht gehören. Der einzige Mensch, von dem sich Otto in dieser Zeit schwesterliche Zärtlichkeiten gefallen liess, war die aufgeweckte und wissbegierige Marie, die ihm Fragen stellte, auf die er selbst keine Antwort wusste. Er gab diese Fragen an seine Eltern wieder, natürlich so, dass Marie es nicht merkte, und wenn er glaubte, die richtigen Antworten zu wissen, brachte er das scheinbar nebenbei zur Sprache. Woher sollte denn auch Otto wissen, was eine Nähmaschine ist, warum der Vater manchmal sehr wenig Geld hate, woher das Petroleum kommt, und was ein Verein ist! Diese ganze Zeit hat sich bei Marie mit einer Lebendigkeit eingeprägt, mit so vielen Details, dass sie sich ständigt innerlich damit beschäftigte, aber niemals ausserhalb des engsten Familienkreises mit jemandem darüber sprach. Ein Jahr nach ihrer Rückkehr aus der amerikanischen Emigration," im Jahre 1950, begann sie mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen. 14- Mein Vater Friedrich Theodor Gohlke stammte aus einer Familie, in der die Männer seit jeher gleichzeitig Bauern und Zimmerleute waren. Sie bestellten ihre kleinen Acker und bauten den anderen Bauern ihre Wohnhäuser, Ställe und Scheunen, aber auch die Kirchen. Es waren fromme Leute, diese Männer, besonders aber ihre Frauen. Eine Brüdergemeinde war es, wahrscheinlich die Herrenhuter, der sich die Vorfahren meines Vaters mit ihren Familien angeschlossen hatten. ein Meinen Grossvater habe ich nicht mehr gekannt. Der älteste Sohn, Stiefbruder meines Vaters, hatte den Hof und das Baugeschäft übernommen. Er war schon ein recht alter Mann, wohl an die siebenzig, als ich Schulkind noch einige Male dort war. Er hätte wohl mein Grossvater sein können, und ich habe ihn auch so empfunden. Er hatte nach meiner Erinnerung einen feinen Kopf, ein intelligentes Gesicht und gute Augen. Die Tante empfand ich nicht so angenehm, ihre Freundlichkeit war nicht echt und herzlich. Auch schien sie es meinem Vater nachzutragen, dass er sich von der Brüdergemeinde fortentwickelt hatte. In diesem ehemals gros sväterlichen Hause versammelten sich sonntags die Mitglieder der Gemeinde, die aus den umliegenden Dörfern zusammenkamen, zu Fuss, aber auch mit Pferd und Wagen. Da wurden in der grossen Stube Bänke aufgestellt und Andacht gehalten, bei schönem Wetter auch auf dem Hof. Da ich nur gelegentlich in den Ferien dort war, um mich dann an selbstgepflückten Kirschen richtig satt essen zu können, waren die frommen Eindrücke nicht so stark. Die Erinnerung an den grossen Kirschbaum und andere schöne essbare Dinge haftete länger. Die Eltern meines Vaters waren früh gestorben, er und sein Bruder Johann waren noch Schulkinder, als sie Waisen wurden. Sie mussten zuweilen bei Verwandten unterschlüpfen, wo sie sich beim Hüten der Schafe nützlich machen konnten und auch die Zahl der Esser in der Fan lie des Bruders ver minderten. Beide erlernten dann, aus der Dorfschule entlassen, beim Stiefbruder das Zimmererhandwerk. Die Lehre muss gut gewesen sein, jedenfalls gehörte das Bauzeichnen mit dazu, zum Beispiel der Aufriss und die Berechnung einer Balkenlage, der Treppen, der Verband des Dachgeschosses, ja selbst Wendeltreppen und der Verband eines Kirchturms. So hat es mir mein Vater öfter mit Stolz erzählt. Ich muss sehr empfänglich dafür gewesen sein und habe mich zeitlebens stark für das Bauen interessiert. Allerdings, so sagte mein Vater mir, habe er später beim Dorfschulmeister und aus Lehrbüchern sein Können noch ergänzt. Der Vater ging schon sehr früh aus dem Elternhause und damit aus dem Warthebruch fort, um sich in einem anderen Dorf unweit Landsberg an der Warthe niederzulassen, in Heinersdorf. Im Gegensatz zu dem schweren - -15Bruchland war dort leichter, sandiger Boden, und die Landschaft wurde noch bestimmt so lernte ich es in der Schule" von den Ausläufern des uralisch- baltischen Höhenzuges. Dort in dem Dorf wurde noch mein ältester Bruder Otto geboren, am 27. August 1872. Bald danach übersiedelte die kleine Familie in die Stadt Landsberg an der Warthe, wo mein Vater als Bauunternehmer sein Glück versuchen wollte, es aber wirtschaftlich nicht fand. Um die Konkurrenz aufne men und durchhalten zu können, hätte er wahrscheinlich kapitalkräftiger und in seinem geschäftlichen Verhalten skrupelloser sein müssen. Jedenfalls wuchs ich, trotz des fleissigen und hochstrebenden Vaters in einer sehr kleinen, ärmlichen, aber sehr GOO Ich kam als zweites lebendes Kind meiner Eltern zur Welt. Einige Geschwi ster, ein Mädchen und ein Junge, waren vor meiner Geburt gestorben. Mein Bruder Otto, sechseinhalb Jahre älter, besuchte die volksschule im letzten Jahr, als ich zum Schulbesuch angemeldet wurde. Mir schien, er kam sich mächtig erwachsen vor, was mir zeitweilig imponierte, mich aber auch oft wütend machte, wenn er mal wie alle Jungens in dem Alter recht falegelig wurde. Er war aber sehr nett im Grunde seines Wesens und muss sich mit mir gut verstanden und gut unterhalten haben, denn er baute mir allerhand schöne Spielsachen. An Holz, Nägeln, Leim und Handwerkszeug war kein Mangel. Unser grosszügiger und verständnisvoller Vater erlaubte ihm, alles zu nehmen, was er glaubte brauchen zu müssen, natürlich unter der Bedingung, dass nach Gebrauch alles wieder an seinen Platz gebracht xxda und dass er vorher gefragt würde, ehe ein Stück Nutzholz der Säge Mit meinem vom Militär entlassenen B uder wurden die Debatten schon konkre ter, auch leidenschaftlicher und interessierter. Als endlich freie Gewerkschaften in unserer Vaterstadt ge ründet wurden, zuerst für die Bauhandwerker, Maurer und Zimerleute, begrüsste ich freudig dieses Ereignis. Die Zeit war längst reif dafür, die patriarchalische Form zwischen Meister und Gesellen genügte längst nicht mehr. Doch so weit war es im Jahre 1894 noch nicht.- Als meine kleine Schwester Elisabeth zur Schule kam ich war inzwischen 15 Jahre alt geworden-, hat ten die Eltern die Wohngegend gewechselt. Lisbeths Volksschule war dann schon viel besser. Sie hatte wenigstens sechs So is t d a s - 26- Leben Der Sommer des Jahres 1894 hrabhte gleich zu Beginn drückend heisse Tage in Landsberg an der Warthe. Friedrich Theodor Gohlke hatte den Pian, in die Küstrinerstrasse 50 umzuziehen, zwar verwirklichen können, aber leider nicht so, wie er sich das ursprünglich vorgestellt hatte. Als er vor 15 Jahren über die Warthebrücke polterte, um seiner Tochter Ma rie den ersten Willkommens gruss auf dieser Welt zu sagen, hatte er sich in Gedanken als alleiniger Bewohner eines Hauses gesehen, mit allem, was dazugehört, um eine vierköpfige Familie gut über Wasser zu halten. Es war aber leider anders gekommen. Jetzt war man durch Elisabeth, die seit einigen Wochen schon zur Schule ging, auf fünf Personen angewachsen. Andererseits hatte Otto eine gute Lehre hinter sich gebracht und war Vaters bester Helfer geworden, trotz einiger Dummheiten, die nun einmal von jungen Männern im Alter zwischen 18 und 22 Jahren gemacht werden. Marie hatte die Schule hinter sich gebracht und stand vor dem Problem, Arbeit zu finden und Geld zu verdienen. Vor einem Jahr war sie, weil sich das so gehörte, mit allem Drum und Dran eingesegnet worden. Lisbeth hatte mit ihren hungrigen fünf Jahren zu viel Kuchen gegessen und sich den Magen verdorben, und Otto stand vor der wichtigen Aufgabe, sich darüber klar zu werden, an wen er nun sein Herz verloren hatte, an Mariechen Meier, die im gleichen Hause wohnte, oder an Anna Gottschlink, die schon in Amerika war, was Otto natürlich sehr imponierte. Die Brüder von Anna, Paul und Otto Gottschlink, brachten es fertig, dem kreuzbraven Otto Gohlke klarzumachen, dass das, was er da vorhabe, eine grosse Dummheit sei. Ausserdem sei die Anna ja auch viel älter als er.- Das war nun seit einem Jahr überstanden, genau so wie der Brand, der in Vaters Neubau entstanden war und bei dem alle Zeichnungen und Pläne mitverbrannten. Obwohl Otto nicht viel los hatte im Plänezeichnen, brachte er es fertig, alle Unterlagen wieder zusammenzuzeichnen. Er hatte sich niemals vorgedrängelt, schon früher nicht, wenn es darum ging, den Lohn zu kassieren. Er, Otto, war damals auch dabei schon der Letzte, obwohl es ja sein Vater war, der auszahlte. Einmal war er allerdings der Erste. Als Vater Gohlke die Dachwohnung in der Küstrinerstrasse 50 mietete und man dabei war, Hab und Gut aus dem Haus des Fischhändlers herunterzutragen, auf den Wagen zu laden und abzufahren, hatte doch der Schlafbursche, der Schuhmacher, der noch immer der Familie Gohlke am Rockzipfel hing, seinen Kram heimlich mit dazugeladen, in der Annahme, dass er ebenfalls in die Küstrinerstrasse umziehe. Noch nie war Otto jähzornig oder кж****** hatte unüberlegt gehandelt. Als er den Krempel des Schuhmachers entdeckte, feuerte er die Sachen mit einem solchen Schwung herunter, dass die -27einzelnen Teile weit verstreut auf der Strasse lagen, als ob ein Wirbelwind sie auseinandergeweht hätte. Marie hatte von Dachfenster aus den Vorfall mit angesehen. Als sie herunterkam und sich neben ihren Bruder Otto stellte, merkte man ihr an, wie stolz sie auf ihn war. So war man denn ohne Schlafburschen in eine neu Dachwohnung gezogen, mit einem grösseren Raum, einer Kammer, und der Küche, deren Schmuckstück ein grosser Kamin war. Mutter Gohlke brachte es sehr schnell fertig, die Wohnung so herzurichten, dass man die alte Wohnung im Höhne- Haus sehr schnell vergass. Aud hier schien die Sonne zu den Fenstern herein, die Blumen in den Kästen und Töpfen auf den Fensterbrettern grünten und blühten, und Vater und Sohn Gohlke hatten als geübte Zimmerleute dafür gesorgt, dass es genügend Platz) in Schränken und Kommoden gab. Vater hatte sich schon etwas anstrengen müssen, denn inzwischen war er 53 Jahre alt geworden. Inzwischen hatte er auch das die Lücke, die sich neben der Küstriner Strasse 50 befand, mit einem neuen Haus geschlossen, einem Wohnhaus mit drei Etagen, für Landsberger Begriffe also schon ein Hochhaus. Landsberg hatte sich gut entwickelt. Bürgermeister Anker hatte es fertiggebracht und eine elektrische Strassenbahn durchgesetzt, die jetzt klingelnd durch die neugepflaschon seit sieben Jahren sterte Hauptstrasse schaukelte. Otto stand an einem Sonntag dieses frühen Sommers nach dem Mittagessen vor der Haustüre, nicht ganz schlüssig, was er anfangen solle, als er seine Schwester Marie die Treppe herunterkommen hörte. Sie stellte sich neben ihn, vor die Türe, und beobachtete ihn, wie er an einem Priem kaute." Wer hat Dir nur diese ekelhafte Priemerei beigebracht! Scheusslich!!! Wenn ich mal heirate, darf es nur ein Mann sein, der nicht priemt." " Ach nee, ans Heiraten denkste. Du mit Deinen fünfzehn Jahren, Du Küken. Da musst Du vorher noch allerlei lernen." " Will ich ja auch, aber was und wie und wo?" XXX " Ich denke, Vater und Mutter sind damit einverstanden, wenn Du in einen Haushalt gehst. Die Fabrik kommt nicht in Frage. Hast Du schon mal was yon Sozialistengesetz gehört? Das ist vor vier Jahren aufgehoben worden, und ich bin schon lange in der Gewerkschaft und als Mitglied verpflichtet, Dich auf soziale Mängel hinzuweisen. Du hast ja keine Ahnung, was in der Politik los ist." " Aber ich lese doch immer Zeitungen. Ich weiss zum Beispiel, dass der sozialistische Kandidat für unseren Wahlkreis Wilhelm Pätzel heisst und sehr Umgebu fzhirundu noir zugahyndee Kommm, geh ein bischen mit spazieDu hoch Mariechen. ren und rede n wir von was anderem." So zog denn der 22 Jahre alte Otto mit seiner knapp sieben Jahre jüngeren Schwester durch Landsberg. Am Mühlenplatz 1 blieben sie vor dem Schau - 28- fenster von Oscar Grohmann," herzoglich- anhaltischer at Hofphotograph", stehen. " Du, Otto, hast Du Dich schon mal photographieren lassen?" " Das heisst abphotographieren, Mariechen, Du sprichst doch sonst so'n gutes Deutsch. Klar, habe ich schon hinter mir. Darfst aber Vater und Mutter nichts sagen, Du weisst ja, die sind gegen solche Kinkerlitzchen." " Wenn ich Geld verdiene und mir von dem, was ich Mutter abgebe, noch etwas bleibt, lasse ich mich auch- nein, Otto, das stimmt nicht mit dem abphotographieren. Der Grohmann nennt sich doch auch nicht Abphotograph. Guck mal, das Schild da: Bequem parterre gelegenes Atelier für jede photographische Arbeit in Schwarz, Aquarell- und Ölretouche bis Lebensgrösse bei sauberster Ausführung solide Preise'. Bis Lebensgrösse! Das muss viel Geld kosten. Wenn, dann lasse ich mir nur so ein kleines Bild machen, wo nur der Kopf drauf ist. Das genügt." GAY'S Otto wusste darauf nicht viel zu sagen, zog seine Schwester vom Schaufenster fort und steuerte weiter, an der Bahn entlang, wo erade ein Zug mit ziemlichem Getöse, Gepfeife und Gedonner vorbeipolterte, hinüber zur Stadtmitte, zur alten evangelischen Kirche. " Du, Mariechen, das Haus da drüben hat Vater gebaut, ich hab mitgeholfen, als Lehrjunge." " Si eht aber garnicht mehr schön aus, der Kasten. Sc grau und dunkel. Häuser müsste man immer so hell bauen wie die neuen in der Hauptstrasse, aber mit noch viel grösseren Fenstern, das wäre viel gesünder." " Davon verstehst Du nichts, Mariechen. Dafür gibt es genaue Bestimmungen, und die müssen eingehalten werden." " Warum kann man diese Bestimmungen denn nicht ändern? Wenn sich herausstellt, dass etwas nicht schön oder nicht gut ist, was nach Bestimmungen gemacht wird, dann kann man die Bestimmungen doch umändern, damit was Besseres gemacht werden kann?!" " Das spielt in die Politik rein, und da sehe ich selbst noch nicht ganz klar. Ich bin ja selbst erst dabei, mich politisch zu bilden." " Ob ich mich auch mal politisch bilde, Otto?" Mit einem hörbarem Seufzer und mit leichtem Kopfschütteln ging Otto weiter, hinüber zur alten evangelischen Kirche. Ein Mädchen, so dachte er, gerade 15 Jahre alt, und dann sich politisch bilden! Unvorstellbar. Schön, es gab da allerlei Frauenvereine, auch in Landsberg gab es so etwas. Aber das hatte mit Politik nichts zu tun. So dachte Otto, und war froh, durch die evangelische Kirche ein neues Gesprächsthema zu finden. " Die war ganz früher mal katholisch. Hast Du Lust, mal mit reinzukommen? Gottesdienst ist nicht." Da Mariechen nichts sagte, xaxax fasste er das als Zustimmung auf. Unten 29- im Turm zeigte er ihr die geschnitzten Bilder, mit denen Mariechen aber nur so viel anfangen konnte, um sich nach dem Unterschied zwischen evangelisch und katholisch zu erkundigen. " Du kannst aber auch fragen, Mariechen. Wie kommst Du auf so was?" " Neben uns wohnt doch der Karl Kaiser, Du weisst doch, der seinen Sohn in die Bürgerschule schickt. Ich hab nur mal im Milchladen gehört, wie die Frau Kwiatkowski sagte, dass es doch nicht richtig sei, dass der Junge in die Bürgerschule geht, wo doch der Karl Kaiser als freireligiöser Wanderredner im Lande herumzieht. Aber wenn Du es mir nicht sagen willst, ich kriege das schon heraus-- Du, Otto, was sind denn das für Löcher? Zum Schiessen?" " Unsinn, Mariechen, die sind noch aus der katholischen Zeit, da standen die Weihrauchtöpfe drin." " Woher weisst Du das alles? Du hast doch auf der Schule keine Religion gehabt?" - " Auch ohne Religion kann man so was wissen aber ich glaube, Du musst nach Hause. Vater hat inzwischen ausgeschlafen, und Mutter will an die Luft. Du musst auf Lisbeth aufpassen. 11 Damit war der" freireligiöse" Kirchgang beendet, Otto und Marie empfinden die heisse Som erluft beim Verlassen der kühlen Kirche wie einen Schock, und an der Ecke, wo Nautke seine Kneipe hat, beschloss Otto, noch ein Glas Bier zu trinken. " Vater ist aber gegen Alkohol. Der macht die Familien kaputt, sagt er immer." " Weiss ich selber, Marie, aber ein Glas bei der Hitze is ja nich schlimm. Brauchst ja Vater nichts zu sagen." " Hast Du schon mal gehört, dass ich petze?" Fast empört drehte sich Marie um, sodass ihr helles Sommerkleidchen, unter ihrer eigenen Assistenz von Mutter und einer Nachbarin genäht, verwegen wippte. Otto sah ihr nach, wie sie mit energischen Schritten um die Ecke bog. Für ihr Alter ist sie eig ntlich schon sehr erwachsen, dachte er. Nun ja, aus Kindern werden Leute. Er war ja nun auch schon in dem Alter, wo man über die ersten Anfänge hinaus war. Bei Mariechen würde das auch nur nur noch wenige Jahre dauern. Es sollte schneller gehen, als Otto es sich an diesem Sonntag mit einem flüchtigen Gedanken durch den Kopf gehen liess. Am folgenden Montag zog Marie schon in aller Frühe los, alleine, ohne jede elterliche Begleitung, um sich nach einer Stelle als Hausmädchen umzusehen. Aus der Zeitung hatte sie sich einige Adr essen herausgeschrieben, Nachbarn hatten Tips gegeben, wer eventuell jemanden suche. Bis zum Mittag hatte sich noch nichts ent - 32- Mutter Gohlke war erstaunt, als wenige Tage später Marie am frühen Nachmittag nach Hause kam, bleich und müde, und mit gläsernen Augen. Fieber hatte Marie nicht, aber sie legte sich sofort ins Bett. Als die Mutter zum Arzt gehen wollte, wehrte Marie ab. Das sei nicht nötig, nur eine vorübergehende Unpässlichkeit, vielleicht auch etwas Uberanstrengung, oder so etwas Ahnliches." So was ähnliches", dachte sich Mutter Gohlke, und machte sich einen Reim zusammen, der nach ihrer Meinung damit zusammenhing dass ihre Tochter nun kein kleines Mädchen mehr sei, sondern allmählich ja auch erwachsen würde, mit allem, was nun einmal dazugehört. ab und zu steckte sie ihren Kopf zum Zimmer hinein, um nachzusehen, aber Marie lag so, wie sie sie kurzvorher schon vorgefunden hatte, mit offenen Augen durch die Zimmerdecke oder zum Fenster hinausstarrend. Als am Abend" die beiden Männer" nach Hause kamen, gab es in der Küche ein grosses Getuschel. Schliesslich musste man sich leise unterhalten, nicht nur wegen Marie nebenan, sondern auch wegen Elisabeth, die zwar oft vor sich hinspielte, als ob nichts anderes in der Welt sie interessiere, die aber immer zuhörte, wenn die Erwachsenen sich unterhielten. Schon einige Male hatte sie sich durch Fragen xxx verraten, sodass die Eltern sich wunderten, wo Klein- Elisabeth das aufgeschnappt hatte. Bis sie dahinterkamen, dass die Sechsjährige besonders gute Augen und Ohren hatte, und mit ihrem kleinen Kinderverstand schon recht lebendig umzugehen verstand. Vater und Sohn gingen nach der leisen Unterhaltung hinüber ins Zimmer zu Marie, um ihr zu sagen, dass alles schon gut gehen und sie sich an nächste Tag bestimmt besser fühlen werde. Auf irggen gab sie keine Antwort, drehte nur den Kopf zur Seite, und als sie XXXXXXX** ax anfing zu weinen, ging Vater Gohlke hinaus, weil er in solchen Situationen hilflos war. Otto bleeb auf dem Bettrand sitzen, weil er das Bedürfnis hatte, seiner Schwester in irgend einer Form zu helfen. Inzwischen hatte sich die kleine Elisabeth ins Zimmer geschlichen und versuchte, mit ihrem grossen Bruder Otto ein Gespräch anzuknüpfen, mit sehr direkten Fragen, ob Marie Kopfweh habe, warum sie zwischendurch immer weine, was ihr denn weh täte, ob es nicht besser sei, wenn sie sich zu ihrer Schwester ins Bett lege. Bis Marie zu Otto sagte:" Schick die Lisbeth raus, ich muss Dir was erzählen.' t Als Otto später aus dem Zimmer in die Küche kan, sahen die Eltern, dass er etwas verlegen an ihnen vorbeisah und nach einem Grund suchte, um noch einmal aus dem Haus zu gehen. Lisbeth lag schon in dem Rollkasten, den Otto jetzt hinüberschob in das Zimmer von Marie, die noch immer mit offenen Augen vor sich hinstarrte. Fast ängstlich sah sie zu ihrem Bruder -33hinüber, der das Roll- Bett so vor das offene Fenster schob, dass die schlafende Elisabeth keinen Zug bekam. Als Otto die ängstlich- fragenden Augen seiner Schwester sah, ging er zu ihrem Bett, nahm die schlaff he runterhängende Hand, streichelte sie mit ungeschickter Verlegenheit, beugte sich über sie und sagte leise:" Ich habe nichts erzählt, und werde auch nichts sagen!"- Da machte Marie zum ersten Mal die Augen zu, und wenige Minuten später war sie eingeschlafen. Sie hörte nicht mehr, wie die Eltern zu Bett gingen. 36Als die fünfzehnjährige Marie an einem dieser bewegten Tage, der das Schicksal der Fabrik und vieler arbeitenden Frauen besiegeln sollte, müde und zerschlagen nach Hause kan, war Mutter Henriette mit ihrer Tochter nicht zufrieden. Dem Mädchen wollte das Essen nicht schmecken, sie klinerte sich- was sie sonst immer gemacht hatte- an diesem Abend auch nicht um die kleine Elisabeth, die sich Vaters schönsten Zeichenbleistift" entliehen" hatte, um vor dem Zubettgehen noch( so nannte es Lisbeth)" Briefe zu schreiben". Gerade in diesen ersten Schultagen der kleinen Elisabeth hatte Marie das Bedürfnis, der Schwester an die Hand zu gehen. Das aufgeweckte Kind machte ihr grossen Spass, und man konnte sich mit der Sechsjährigen schon ausgezeichnet unterhalten. Aber die Probleme, mit denen sich Marie an diesem Abend abquälte, waren nichts für Lisbeths Plappermund. So sass Marie mit einer Arbeit im Schoss da, sah der Mutter zu, wie sie in der Küche werkte und für Otto, der bald nach Hause kommen würde, das Essen fertigmachte. Auch Otto merkte sofort, dass mit Marie etwas nicht stimmte. Ale Mutter einen Augenblick aus der Küche ging, fragte Otto vorsichtig:" Was Schlimmes, so wie neulich?" Marie lief zuerst feuerrot an, fing sich aber sofort und sagte schnell, da sie die Mutter zurückkommen hörte:" Nein, was Soziales oder auch Politisches. Vielleicht weisst Du was davon?! Wir geh'n nachher noch ein Stück spazieren, dann frag ich Dich." Mutter wunderte sich zwar, dass Otto nach ihrem Teinen Gehör etwas zu nebenbei Marie aufforderte, noch einen Sprung an die Luft zu gehen, aber sie hatte nichts dagegen, wenn der nun 22 Jahre alt werdende Otto seiner Schwester Marie etwas über den Ernst des Lebens sagen würde. Brüder können das vielleicht besser als Mütter und Väter, dachte sie sich. Auf der Strasse erzählte Marie, was sich in der Fabrik ereignet hatte, mit allen Einzelheiten, und meinte abschliessend:" Du bist doch schon eine Weile Sozialdemokrat, vielleicht ist das was Sozialdemokratisches, was erst einmal so sein muss, damit es nachher anders ist." " Ganz so ist das nicht, Marie, aber ein bisschen stimmt's. Das sind verschiedene Interessen, die da aufeinanderstossen. Verstehst Du das?" " Natürlich verstehe ich das: der eine will was, und der andere will was anderes, und daraus entstehen Gegensätze." " Richtig, und Du weisst doch, dass die Wirtschaft und die Industrie jetzt einen mächtigen aufschwung hatan Jberall entstehen Fabriken und neue Betriebe, in die immer mehr Menschen hineingehen. Diese Menschen verdienen nun Geld, aber man gerade so viel, dass sie schlecht und recht leben können. Ich habe Dir doch schon mal davon erzählt, vor einem Jahr, als ich von der Militärausbildung zurückkam." " Da war ich doch erst vierzehn Jahre alt, Otto!" - C7- " Und jetzt biste fuffzehn, arbeitest in de Fabrik, und bist'n erwachsenes Meechen!" Bei solchen reststellungen mit kategorischem Akzent verfiel Otto in den berlinerischsten Tonfall, obwohl er sich meist bemühte, bei wichtigen Gesprächen hochdeutsch zu reden. " Ich habe Dir doch damals erzählt, dass ich Sozialdemokrat geworden bin. Weisst Du denn noch was von Erfurter Programm?" " So ein bischen weiss ich noch, vom kapitalistischen Privateigentum, aus dem man gesellschaftliches Eigentum machen muss." " Aber nicht das ganze Privateigentum, Marie! Das wäre ja Enteignung. Nein, nur das kapitalistische Eigentum, das die Kapitalisten aus der Produktion herausziehen. Aber an der Produktion sind wir als Arbeiter doch genau so beteiligt!" " Nenn' mir doch ein Beispiel, Otto. Dann verstehe ich das besser." " Sieh mal, Ihr macht in Eurer Fabrik Netze und Gardinen. Die werden verkauft. Die Netze werden an Fischer verkauft, und sind garnicht mal so billig. Der Fabrikbesitzer verdient so viel damit, dass er sehr viel Geld hat, um sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Der Fischer braucht aber die Netze, um damit Fische zu fangen und zu verkaufen, danit er leben kann." " Aber wenn der Fischer die Fische verkauft, bekommt er doch auch Geld dafür!" " Nicht so viel wie der Fabrikbesitzer für seine Natze." " Und wenn er die Fische teurer verkauft, bekommt er doch mehr Geld?" " Die kann er nicht teurer verkaufen, weil ihm die dann keiner mehr abnimmt, und dann verdient er überhaupt nichts." " Das verstehe ich nicht ganz. Aber dann ist der Fischer kein Kapitalist?" " Nein, aber der Besitzer der Faorik, in der die Fische zu Konserven verarbeitet werden, der ist Kapitalist." " Dann sind Fabrikbesitzer Kapitalisten?" " So ungefähr. Und deshalb kämpfen die Sozialdemokraten dafür, dass die Arbeiter an den Gewinnen der Produktionsmittel beteiligt werden. Deshalb soll der Achtstundentag eingeführt werden, und zwar überall in der ganzen Welt. Dann gibt es Frieden in der ganzen Welt. Und deshalb ist der 1. Mai zum Weltfeiertag erklärt worden." " Achtstundentag, sagst Du. Das gilt dann auch für die Frauen?" " Selbstverständlich! Wir Sozialdemokraten kämpfen ja auch für die Gleichberechtigung der Frau." " Sag mal, Otto, gibt es darüber eigentlich Bücher?" " Ne ganze Masse, von August Bebel, von Wilhelm Liebknecht, Karl Kautsky, Franz Mehring, Vollmer, Singer und wie sie alle heissen." " Möchte ich gerne mal lesen, Otto. 38- " Warte lieber noch'n bischen, biste grösser bist. Dann versteh'ste des alles viel besser. Ich fang ja auch man gerade erst damit an." Damit war Marie weder in Bezug auf die Situation in ihrer Netz- und Gardinenfabrik noch auf allgemeine politische und soziale Dinge sehr viel klüger geworden. Nur ihr Kopf war voller geworden mit Problemen, mit denen sie sich fortan im Unterbewusstsein abquälte, ohne viel darüber zu reden. " Wie ich dann später wahrnahm, arbeitete die Fabrik weiter, aber nur in Tagesschicht. Die Umstellung hat dem Besitzer nicht sein Vermögen gekostet. Ich weiss aus der späteren Entwicklung meiner Vaterstadt, dass er immer zu den reichsten und einflussreichsten Bürgern gehörte. Es hiess auch, dass sich die jungen Burschen nicht für diese Arbeit geeignet hätten. Die Frauen seien durchweg geschickter und zuverlässiger gewesen. Die ganze Eisode- die verzweifelte Wut der Arbeiterinnen, der Aufschrei dieser Mütter, und das Gespräch mit meinem Bruder Otto- haben einen starken und nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Es war ein Einblick in soziale Verhältnisse, für deren Verständnis mir noch der Schlüssel fehlte. Kein Mensch und kein Buch waren für mich da, un mir dabei zu helfen, eine Erklärung zu finden. Aber die kurze Zeit in der Fabrik mit allen Drum und Dran hat einen Einfluss auf mein allgemeines Denken genommen und mir später in der Erinnerung bei meiner ganzen Entwicklung viel und entscheidend geholfen." + Als Otto und Ma rie wieder nach Hause kamen, war inzwischen auch Vater eingetroffen, hatte schon gegessen, und war gerade in Begriff, zu Bett zu geben. Marie, anggregt und nachdenklich gemacht durch die Unterhaltung mit ihrem Bruder, war sogar schon zu einem Entschluss gekommen, den sie auch sofort ihrem Vater mitteilte. Nachdem sie kurz von der Situation in der Netzfabrik erzählt hatte und die Möglichkeit erwähnte, dass sie als eine der ersten entlassen würde, da sie ja keine Facharbeiterin sei, meinte sie:" Da sehe ich mich doch lieber vorher nach einer anderen stelle um. Vielleicht finde ich die noch vor der Entlassung, und dann gibt es auch keinen Verdienst- Ausfall." es darin ganz komische Menschen gäbe. Wenn man zu ihr davon sprach, hatten die Erzähler immer gelacht und sich auch allerlei Witze erzählt, die sie niemals verstanden hatte. Jetzt war sie doch neugierig geworden, ging auf das Gebäude zu und sah das grosse Schild mit der Aufschrift/" Provinzial- Landes- Irrenanstalt". Sie wusste, dass es Menschen gab, die geistesgestört und völlig hilflos sind. Als sie auf einem anderen Schild entdeckte, dass die Verwaltung um diese Zeit noch geöffnet sein müsste, fasste sie spontan den Entschluss, stieg die wenigen Treppen hinauf, öffnete die Tie, die in ein grosses Treppenhaus führte, von dem links und rechts Gänge wegführten, sah auf einer der Türen das Schild" Verwaltung", stand auch schon davor und klopf te an. Der Verwaltungsangestellte, ein ruhiger, stiller, sehr freundlicher Mann, hörte genau zu, was ihm das noch nicht ausgewachsene, unreife Mädel zuerst vorstotterte, dann aber ziemlich klar als Wunsch äusserte. Er machte sich einige Notizen, schrieb sich Namen und Adresse der Eltern und alles das auf, was Marie bisher gemacht hatte, und bat sie, nach drei Tagen noch einmal vorbeizukommen. " Es war Zufall, dass ich bald nach diesen aufregenden Tagen die Aufforderung erhielt, den Dienst anzutreten, sodass ich nicht arbeitslos wurde 40und auch im Verhältnis ganz bedeutend mehr verdiente. Diese Art der Arbeit sagte mir auch viel mehr zu. Zweiundeinhalbes Jahr war ich wärterin in der Provinzial- Landes- Irrenanstalt zu Landsberg. Auch heute ist es so, dass in den" Heil- und Pflegeanstalten", wie sie nun heissen, weibliche Kräfte ohne Vorbildung eingestellt werden. Wir wurden nur angelernt. Heute machen die künftigen Pflegerinnen eine richtige Lehrzeit durch. Sie erhalten neben der praktischen Unterweisung auch theoretischen Unterricht, machen ein Examen und führen den Schwesterntitel. 8 Je zwei Kolleginnen teilten sich darin. Auch hier konnte man den Sonlaf von knapp vier Stunden nur im Wachsaal bei den Patienten haben, damit man zur Hand war, wenn die wachende Kollegin Hilfe brauchte, was oft genug vorkam. Die Kontrolde wurde mit einer Steckuhr geregelt, die viertelstündlich bedient werden musste. Es ist vielleicht xxxk erklärlich, dass man Routine darin bekan, auf einem harten, steifen und unbequemen Stuhl im Sitzen zu schlafen, und trotzdem pünktlich an das andere Endes des Saales zur Steckuhr zu gehen. Das Schlimme war, dass man während dieser Wachstunden nicht legen oder eine Handarbeit machen durfte und auch nicht konnte. Ein B ch hätte ich mir schon eingeschmuggelt. Aber das in 01 schwimmende