Nr. 188. c s Pfennig) Montags ansgade( s pksnnig) kldonnemenlz-keckingoogtv: Wonnemrnt«» PrriS prümmuranto: VierteljShrl. MI, monaO. 140 SRI., wöchenlkih 28 Pfg. frei in» Haus. Sinzein« Stummer b Pf». Sonntags- nununer mit Mufirierter Sonntags- Beilage.Di« Reue WeiN 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich- Ungarn 2,50 Marl, für das übrige Ausland » Marl pro Mona! Postabonnements nehmen an Belgien, Dänemarl, Holland, Italien Luxemburg, Portugal, Rumänien Schweden und die Schweiz. «chewt lZglldi. 31 Jahrg. Ok TnfertlonS'GebQbr deträgt für die sechSgespallene Kolonet- »eile oder deren Raum SO Pfg, für politische und gewer Ischaftliche Vereins- und Versammlnungs-Anzeigen SS Pig. „Kleine anzeigtn", das settgedruilte Wort 20 Pfg.(zuläsfig 2 fettgedruckte Wort«), sedes writere Wort 10 Pig. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Psg, Wort« über 15 Buckstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijl bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: „Sozialdemokrat Berlin''. Zcntralorgan der rozialdcmohratl fehen parte» Deutfchlands. Redaktion: 603. 68, Linden ftraße 69. »srrnsprecher: Amt Moriuplatz, Str. ASSS. Montag, den 13. In« 1S14. Expedition: 8M. 68, Linden ftraße 69. Zpernsvrerber: Amt sMorisivlnt,, Nr. Ii>8t. $0000 Patronen! Es spektakelt wieder wegen Marokko! Die Geier der kapitalistischen Ausbeutung deutschen und französischen Geblüts sind in dem nordafrikanischen Reiche hart aneinander- geraten, und ob nun der„rollende Rubel" seine Schuldigkeit getan hat, ob andere Gründe mitsprechen, genug! ein Teil der deutschen imperialistischen Presse ist bereits in einer munteren Hetze gegen Frankreich mitten drin Es handelt sich bei diesen Streitigkeiten einmal um die Verdingung der öffentlichen Arbeiten, bei denen deutsche Beutemacher von der französischen Regierung, entgegen den Bestimmungen des Vertrages vom 4. November 1911, also widerrechtlich ausgeschaltet sein wollen. Zum anderen beschweren sich die französischen Marokkoleute darüber, daß. Deutschland von dem System der Kapitulationen und Schutzbefohlenen nicht ablasse, das allerdings oft genug den Deckmantel für niederträchtige Streiche solch eingeborener Schutzbefohlener abgibt. Aber wir wollen gar nicht mit Hilfe der Goldwage zu entscheiden suchen, wer bei diesen Ausein- andersetzungen das Jus auf seiner Seite hat. Das Recht wird bei keinem pon beiden Teilen sein, denn Geier hüben, Geier drüben, handelt es sich in jedem Fall um kapitalistische Pro- fite einer Handvoll skrupelloser Ausbeuter. Doch selbst wenn es sich um mehr handelte, das deutsche Volk hat von Marokko gründlich die Nase voll! Der Balkankrieg und was sich an Wirren und Weltkriegs- gesahr daran schloß, hat im Gedächtnis der Zeitgenossen dieses wenig rühmliche Kapitel unserer auswärtigen Politik etwas zurücktreten lassen, und doch sind seit dem„Panther"- Sprung nach Agadir in diesen schwülen Sommertagen erst drei Jahre verflossen, und vorher schon und nachher noch gab es Tage, da wir, dem Geschrei der nationalistischen Presse zu- folge von der Mobilmachung wegen Marokkos nur durch eines Fadens Breite entfernt waren. Landauf, landab gellte das Geheul der imperialistischen Tobsuchtspolitiker, daß Deutsch- lands Ehre in Marokko verpfändet sei, und als W i l h e l m II. sich dafür bedankte, als Handlanger einer kleinen Großkapi- talistensippe das Schwert gegen Frankreich zu ziehen, wurde er von der Presse, die seinen Geburtstag mit den byzantinischsten Artikeln feiert, in derselben Weise angegeifert und angepöbelt, wie ein Jahr vorher der Leiter des Auswärtigen Amts Freiherr v. Schön, als er sich nicht ohne weiteres zu dem Grundsatz brutaler Machtpolitik: ar wrang, my cauntryl Ob Recht oder Unrecht, es gilt hier die Jnter- essen meines Landes! bekennen wollte: dem Staatssekretär wie dem Kaiser wurde in ganz unverhüllter Form in der „Post" und ähnlichen Blättern zu verstehen gegeben, daß sie Frankreichs Interessen höher stellten als die Interessen des deutschen Volkes! Von Interessen des deutschen Volkes war natürlich bei dem ganzen Marokkohandel nicht im mindesten die Rede, sondern es ging letzten Endes nur um die mehr oder minder zweifelhaften Erzkonzessionen der Gebrüder Mannesmann, und das schönste war, daß die beiden kapitalistischen Gesellschaften, die sich eifersüchtig gegenüber- standen, dabei keineswegs hier eine deutsche und dort eine französische waren, sondern daß in beiden deutsches wie fran- zösisches Kapital festgelegt war. Was aber die Stellung des deutschen Volkes zu der Marokkogeschichte anging, so wurde sie treffend durch ein Bild des„Simplizissimus" umrissen: zu einer schwäbischen Bauersfamilie, die just bei der Mittags- mahlzeit, dampfenden Knödeln, sitzt, stürzt gestiefelt und ge- spornt ein Adjutant herein:„Auf, Eure Interessen in Ma- rokko sind bedroht!" Sprachloses Erstaunen in den Ge- sichtern der Familie: Marokko? Was ist Marokko? Wo liegt Marokko? Was soll's mit Marokko? So war's, und unbekümmert um alle Anwürfe von„pa- triotischer" Seite hat die Sozialdemokratie von Anfang an den Standpunkt vertreten, daß Marokko nicht nur keinen Krieg zwischen Frankreich und Teutschland wert sei, sondern daß Deutschland in Frankreich nichts verloren und nichts zu suchen habe. Wenn uns dabei die foulen Aepfel um den Kopf pflogen, die besagen sollten, daß wir„Reichsfeinde" und „Vaterlandsverräter" seien, so trösteten wir uns damit, daß — siehe die Beschimpfungen W i l h e l m s II. in der„Post"! — wir uns in guter Gesellschaft befanden und mehr noch damit, daß wir die Massen hinter uns wußten. Die Massen gaben uns denn, als die Würfel der Reichstagswahlen fielen, glänzend Recht, und die 4% Millionen sozialdemokratischer Stimmen und die roten Hundertzehn waren auch eine Quittung für den wüsten Marokkorummel der Par- teien, denen selbst der Kanzler im Parlament den schweren Vorwurf ins Gesicht schleuderte, daß sie zu Wahlzwecken die nationale Leidenschaft bis zur Siedehitze aufregten! Aber auch die Entwickelung der Dinge in Marokko selbst gibt unserer Haltung mit jedem Tage mehr Recht. Die nationalistischen Schreihälse hatten ein großes Wesen daraus gemacht, was Frankreich alles an Reichtum nicht nur, sondern auch an Menschenmatcrial für den Kriegsfall aus Marokko herausholen werde. Wir dagegen wiesen darauf bin, daß, wie es mit Algier nicht anders gegangen ist, die Republik unsagbare Opfer an Gut und Blut brinsen müsse, ehe sie — nach Jahrzehnten!— im unbestrittenen Besitz des marokka- nischen Landes sei. Und heute? Heute schreibt ein franzö- sisches radikales Blatt, die„Aurore": .Dank der Geistesverfassung des GeneralfiabS de» Besatzung»- korp« dehnen sich die kriegerischen Operationen immer mehr aus General L y a u t e h neniet das.sich wie ein Oelfleck ausdehnen". Es ist das«her ein Blutfleck, der immer größer wird. Di« Gegner sind Stämme, denen man ihre Kabahs zer- stört hat und die man durch unbarmherziges Kesseltreiben zur Verzweiflung bringt. In einem Gefechte gegen 7 00 Marokkaner wurden auf französischer Seite 1800 Granaten und 80»Oll Gewehrpatronen verbraucht. So sieht die Pazifi- zierung au»." Und während rund 78 009 Mann französischer Truppen jetzt schon in Marokko stehen, ist nach Angabe regierungs- freundlicher Blätter die Errichtung neuer Eingeborenen- Schützenregimenter und eines Spahiregiments wie die Aus- stattung des Besatzungskorps mit stärkerer Artillerie uner- läßlich, wenn man vorwärtskommen will. Das kostet Gut, das kostet Blut! Und es wäre unser Gut, es wäre unser Blut, wenn sich die schweifenden Wünsche unserer Marokkophantasten er- füllt hätten. Die schwarz-weiß-rote Flagge über Marokko— und tief müßten die deutschen Steuerzahler m dieTasche greifen, um Hunderte von Millionen für das nordafrikanische Aben- teuer aufzubringen, und angstvoll würden die deutschen Blätter die Verlustlisten durchforschen, ob ihr Sohn nicht ins Gras gebissen hat— zur höheren Ehre des Profits der Brüder Mann esmann! Darum heißt es aber nicht etwa, einen neuen Marokkostreit vom Zaun brechen, wie es der imperia- listischen Presse in Deutschland zu belieben scheint. Bereits verkündet sie, gegen die friedliche Broschüre eines Marokko- kenners polemisierend, frei und frech,„daß die deutschen Männer, die dort unten in ernster Arbeit und hartem Kampf ihre Interessen verteidigen, durchaus kein Verständnis haben für den lehrhaften Rat, sich jeder Gehässigkeit gegen die Franzosen zu enthalten". Aber das deutsche Volk, das Frieden und Freundschaft mit Frankreich will, hat Verständnis dafür, und wird den Desperados, die es schnöden Profits halber auf gemeinge- fährliche Gehässigkeiten gegen das Nachbarland anlegen, bei- zeiten auf die Finger klopfen. Und zwar derb. Zür öie deutsch- französische Annäherung. Paris, 9. Juli. fEig. Ber.) Daß der Gedanke der deutsch-stanzösischen Annäherung in Frank- reich immer mehr an Boden gewinnt, ist unverkennbar. Man braucht nur die giftigen Leitartikel zu lesen, die der„Temps" und das .Journal des Döbats" anläßlich der Intervention Jauräs' gegen den Kredit für Poincarss Rußlandfahrt veröffentlicht haben, um die Besorgnisse der Imperialisten vor dem Erlöschen der den Rüstungstreibern und den Stipendiaten de? Zarismus so wichtigen chauvinistischen Stimmungen in Frankreich zu erkennen. In der Tat find es nicht mehr die Kreise der organisierten Arbeiterschaft allein, die sich mit der Idee der Annäherungspolilik vertraut gemacht haben. Auch in der studierenden Jugend, die man noch vor kurzem der jungroyalistischen Demagogie verfallen glauben konnte, werden die Anzeichen eines bedeutsamen Umschwungs ficht- bar. So haben gestern in einer massenhaft besuchten Studenten- Versammlung im lateinischen Viertel Genosse S e m b a t und der Senator E st o ur n e l l e S de Constant entschiedene Reden für die Annäherung halten können, ohne daß die reaktionären Studenten die angekündigte Sprengung der Versammlung auch nur versuchten. Aus Sembats Rede, die mit begeistertem Beifall aufgenommen wurde, seien hier die Stellen wiedergegeben, die sich auf die elsaß-lothringische Frage beziehen und die wegen der hartnäckigen Vorbereitungen H e r V 0 s, der Internationale utopistische „Lösungen" dieser Frage aufzureden, derzeit besonders bemerkenS- wert scheinen. Sembat sagte: .Vergessen wir nicht, daß wir 1870 geschlagen worden sind— das würde uns nur lächerlich machen. Die historische Tatsache ist da, man kann sie nicht wegwischen. Wenn man geschlagen worden ist. gibt eS nur zwei Mittel, der Situation abzuhelfen: die Revanche mit Waffengewalt oder die Verständigung." .Es handelt sich nicht um eine Erniedrigung. Aber seit vierzig Jahren hat sich ein neuer Geist in Elsaß-Lothringen eingepflanzt. Das ist auch eine Tatsache. Elsaß-Lothringen will sein eigenes Leben leben. Eine deutsch-französische Annäherung kann die Autonomie Elsaß-Lothringens nur begünstigen." .Ja, ich bin sogar sicher, daß diese Aitnäherung im Gefolge, ja mehr— daß sie begleitet sein wird von einer autonomen Ver- fassung gleich der Württembergs und Bayerns. Dies wird geschehen können, sobald die Deutschen überzeugt sein werden, daß man sie nicht zum besten haben will." .Der Franzose erspart sich nur allzu oft das Handeln, indem er träumt. Wir aber wollen handeln. Wir sind 200 französische und 200 deutsche Abgeordnete in unserer Bewegung und wir werden gegen die Lügen der großen Presse immer kämpfen, wenn sie falsche Nachrichten über die Vorgänge in Deutschland verbreitet. Wir werden ihr. mit unserer Unterschrift, sagen: Ihr lügt." .Wir werde« diese Geißel bekämpfen, die schlimmer als der Alkohol ist und die darin besteht, daß der Haß und die Aufregung Tropfen um Tropfen in das Gehirn unserer Zeitgenossen geträufelt wird." Nachdem Sembat seine Rede beendigt hatte, begab er sich noch nach seinem Wahlkreis auf Montmartre, wo im Festsaal einer Schule eine dichtgepretzte Menge einer Vorführung von Liedern aus der revolutionären Epoche beiwohnte. Auch hier, wo- das proletarische Element eine erdrückende Mehrheit hatte, fanden die auf die An- Näherung bezüglichen Stellen seiner Ansprache brausenden Applaus. ,» * Eine Siegesfeier Ser französischen Sozialöemokratie. Paris, 12. Juli.(Privattelegramm des„Vor- wärt s"). Hier fand heute anläßlich des Wahlsieges ein großes P a r t e i f e st statt. Zehntausende von Genossen vereinigten sich trotz strömenden RegenS im Pavillon Sous Bois, wo auf den Tri- bühnen fast alle Deputierten und die alten Parteiführer an- wesend waren und sprachen. Für das Internationale Bureau sprach A n s e e I e, für Belgien Wauters, für Holland Vliegen, für England die Genoffen Bruce Glasier, Kennedy und Smith, für Deutschland Genosse Georges W e i l l. Der Abzug der Heimziehenden gestaltete sich zu einer großartigen Demonstration gegen die dreijährige Di e n st z e i t._ huertas Rücktritt. Veracruz, 12. Juli. Nach Berichten aus wohlunter- richteten Kreisen soll Huertas Rücktrittsgesuch dem Kongreß in seiner morgigen Sitzung unterbreitet werden. Der neue Minister des Auswärtigen, C a r b a j a l, der wahrscheinlich� sein Nachfolger churd, erklärte, seiner Ernennung sei im Geheimen von Cärranza und den Ver- einigten Staaten zugestimmt worden. Der Zweck der Reise des englischen Admirals Cradock nach der Haupt- stadt soll sein, H u e r t a und seine Familie nach der Küste zu begleiten, wo sie sich wahrscheinlich auf ein britisches Kriegsschiff begeben werden. Die Mission öes Herrn Kühn. Die offiziösen Mitteilungen über das vermutliche Ergeb- nis des Wehrbeitrages haben das zuerst nur recht gering- fügige Interesse an der Ernennung des Reichsschatzsekrctärs zum Mitglied des preußischen Staatsministeriums beträchtlich verstärkt, und allgemein ist man jetzt geneigt, die Andeutung der„Kölnischen Volkszeitung", nach der neue und wich- tige Finanzvorlagen in Aussicht stehen sollen, ernster zu nehmen als noch vor wenigen Tagen. Diejenigen werden zwar getadelt, die ihrer Enttäuschung über das Resultat Aus- druck gegeben haben, denn es gehe ja genau so viel ein, wie von der Regierung in Ansatz gebracht worden sei, und wer darüber ein schiefes Maul ziehe, daß es nicht mehr gegeben, der diskreditiere unsere finanzielle Leistungsfähigkeit vor dem Auslande. Aber mit alledem kommt man doch nicht über die taffächliche Differenz zwischen dem Erträgnis des Wehr- beitrages und der auf ihn angewiesenen Ausgaben hinweg. Mag immerhin soviel Geld im Kasten klingen, wie zunächst berechnet worden war, so fehlen halt doch die 200 Millionen, die der Reichstag im Einverständnis mit der Regierung nach- träglich auf den Wehrbeitrag verwiesen hat, nachdem im Interesse der Besitzenden das Inkrafttreten der Vermögens- steuer um ein Jahr hinausgeschoben und die Erhebung des Reichsanteils an der Steuer auf den unverdienten Wert- Zuwachs in Fortfall gebracht worden war. Statt 1200 Mit- lionen gibt es 1000 Millionen, und für den Rest, der für die Jahre 1914 bis 1917 fehlt, muß anderweitig Deckung gesucht werden. Auch wer an neue Forderungen für Rüstungszwecke nicht glaubt oder sich den Anschein gibt, als glaube er nicht daran, der muß doch zugeben, daß die Frage neuer Steuern im Reich in der nächsten Zeit wieder cintnal akut wird, und wenn an- ders er bei der Regierung den Willen voraussetzt, endlich ein- mal aus dem Fortwursteln herauszukommen und auf sinanz- politischem Gebiete etwas Eittscheidendes zu tun, dem kann die Ankündigung von Vorlagen für die, wie die„Kölnische Volkszcitung" schrieb, die ganze Autorität einer starken Re° gierung eingesetzt werden tmiß, nicht mehr so unglaubhaft vorkommen. _ Das„Avancement" des Herrn Kühn hat somit schon seine politische Bedeutung, und es fragt sich nur noch, w i e es aus- gelegt werden soll. Der Staatssekretär der Finanzen wird niit der preußischen Regierung in engere und unmittelbarere Fühlung gebracht, und das kann sowohl heißen, daß dem preußischen Ministerium ein größeres Interesse und ein besseres Verständnis für die Anaelegenbe'ten des Reiches bei- gebracht werden soll, wie anderseits auch, daß man den Schatz- sekretär sozusagen unter preußische Aufsicht stellen und ihn für die„Bedürfnisse" dieses Staates empfänglicher machen Will. Wir müsien uns ja stets gegenwärtig basten, daß die ganze£ei&tees»*rK«3 nur ein sehr beschränktes Eiw'nli'bett fub'rt, und daß der Reichskanzler, dem die Staatssekretäre untersieordnet sind, Gesetzesvorlagen im Bundesrat formell weniastens mir in seiner Eigenschaft als Vertreter Preußens einbringt. Die Junker siiid nun in Sorge, daß die Absicht dahin gebe, das gute preußische Ministerium zu terrorisieren und den echtprenßischen Willen durch die Abkommandierung der Staatssekretäre zu verfälschen. Sie haben von jeher die Ab- hängigkeit des Reichskanzlers von den preußischen Jnstruk- tionen am stärksten unterstrichen und stellen auch jetzt wieder fest, daß der Kanzler auf dem Gebiete der Gesetzgebung als Reichsminister gar nichts zu sagen habe und nichts anderes als das Sprachrohr Preußens sei. Am liebsten möchten sie sich dabei auf den Boden der Vorstellungen zurückziehen, die sich Bismarck ursprünglich von dem Bundeskanzleramte ge- macht hat. als er noch damit umging, ans diesen Posten irgendeinen Beamten zu setzen, der seine, des preußischen Ministerpräsidenten und Ministers des Answärtigen Auf» träge zu vollziehen habe. Da das nicht gut angeht, suchen sie ihre Ansicht von der Unselbständigkeit des obersten Reichs- 'beamten mit gelegentlichen Auslassungen des ersten Kanzlers zu stützen, und wer ihre Abhandlungen liest, der könnte fast glauben, daß Bismarck nichts viel anders gewesen sei, als ein Handlanger des preußischen Ministeriums, auf dessen Zu- sammensetzung und Willensbildung er nicht den aller- geringsten Einfluß ausgeübt hätte. Daß er ganz nach Bedarf und Laune den Kanzler und den preußischen Ministerpräsi- deuten ausspielte, und daß ihm bei seiner überragenden Stel- lung weder von seinen Staatssekretären noch von feiten seiner preußischen Ministerkollegen ernsthafter Widerstand entgegen.» gesetzt wurde, wird ebenso verschwiegen, wie der Umstand, daß auch er, wenn es ihm zweckmäßig schien, Staatssekretäre zu preußischen Ministern ernannte. Das System der„S t a a t s e k r e t a r i s i e r u n g", um das scheußliche Wort zu gebrauchen, das bei einer Tagung des Preußenbundes geprägt wurde, ist keiner Erfindung neueren Datums, und es wird jetzt nur deshalb so stark kritisiert, weil die Konservativen mehr als zuvor in Preußen den Hort der Reaktion und— präziser ausgedrückt— einen Schutzwall gegen die Einführung direkter Reichs st euer n erblicken. Wenn Bethmann Hollweg mit einer Rückendeckung durch einen Haufen von Staats- sekretären im preußischen Ministerium austritt, dann besteht nach ihrer Meinung die Gefahr, daß Beschlüsse gefaßt werden, die, bei aller Wahrung der verfassungsrechtlichen Formen, doch nicht mehr den Geist Preußens, seiner Regierung und seines Landtags atmen. So sehr wir nun aber auch die Sorgen der Junker verstehen, so können wir sie doch nicht für begründet halten. Leider nicht. Wir glauben nicht daran, daß Bethmann Hollweg den kühnen Plan hat, den zaghast beschrittenen Weg direkter Besitzsteuern weiter zu gehen und Preußen für diese Absicht zu gewinnen. So viel Mut ist ihm nicht eigen. Verfolgt er wirklich weit- ausschauende finanzpolitische Absichten, so ist es sehr viel wahrscheinlicher, daß diese sich auf dem Gebiete der M y n o p o l e bewegen. Der Gedanke eines Spiritus- monoPols nimmt immer greifbarere Gestalt an, Herr Arendt offeriert eben jetzt freundlichst ein Zigaretten- Monopol, und die Zündholzfabrikanten ver- langen wieder dringend, daß man sie doch endlich enteignen möge. Man braucht also nur zuzugreifen, und die klerikale Nix Kafernenöramen. Habe mich, offen gestanden, nicht wenig geärgert über schlappe Haltung der Staatsanwaltschaft in Luxemburg- Prozeß. Art Rückzug vor frechem Frauenzimmer angetreten. Aber schlapp« Hal- tung schließlich verständlich bei Zivilbehörde, wenn Juristen auch Kavallerie vows Zivil. Wenn ich Vorsitzender, hätte Zeugen der Firma Löwh-Rosenberg ruhig sich ausquartieren lasten. Dann gesagt: Stillgestanden! Hacken zusammen! Jeder brave Preuße weiß, daß Kasernendramen Mumpitz. Gibt nur Kasernenkomödien, die jedes Jahr bei Geburtstag von S. M. von Mannschaften der Kompagnie unter Assistenz von Einjährigen aufgeführt werden. Schrumm! Aber um Objektivität des Gerichts zu beweisen, lasse quasi als Sachverständigengutachten Buch*) vorlesen, m dem wirk- licher Kenner deutschen Kasernenlebens— Hetzerin Luxemburg hat Kaserne nie von innen gesehen— Ding« schildert, wie wirklich sind! Gesehen mit Auge des Unparteiischen, nicht des Verhetzten. Schon Anführung weniger Stellen aus durchaus trefflichem Werke werden„VorwärtS"-Lesern zeigen, daß Gerede von Kasernendramen erstunken und erlogen ist. Auch behandelt Schicksal von einem Dutzend Rekruten, die zu schlesischem Grenadierregiment ausgehoben sind, und verfolgt sie während zwei Jahren strammen Militär- dienstes. Sympathischste Figur unter Mannschaften ist Karl Brendel, Sohn eines alten Soldaten und jetzigen Bauern. Ist schon vom Alten zu Hause vorgedrillt worden und weiß um preußischen Kommiß Bescheid. Rekruten sind beispielsweise auf Fahrt. nach Garnisonort, wachen morgens im Zuge auf: Die Frage— wo bin ich?— war in allen den gesunden und stischen Gesichtern zu lesen. Karl gab die militärische Er- klärung:„Auf dem Vormarsch nach B., wo ihr zwei fidele Jahre verleben sollt. Glücklich und zufrieden, wenn ihr eure Pflicht tut, und unserm schönen Dorf, das stolz auf seine Söhne ist. Ehre macht." sS. 1l.) Wackerer Kerl! So sieht nicht aufgehetztes Volk Soldatenleben entgegen, Zeit, in der man glücklich und zufrieden ist, geradezu fidelen Jahren! Zufriedenheit ergibt sich schon aus famosen Mcnagevcrhältnissen. Sozialistische Lügenbeutel behaupten, Essen in Kaserne manchmal so schlecht, daß selbst hungrige Mannschaften Napf mit Erbsen in Rinnstein gießen. Frecher Schwindel! Erste Mahlzeit in Kaserne wird geschildert: Nach einer halben Stunde wurde aufgestanden, und alles schleckte nach diesem delikaten Mahl Speck mit Erbsen.(S. 13.) Oder an anderer Stelle: Nach dem Dienst wurde das Essen geholt. Wie staunten die zum großen Teil nur an das SonntagS- fleisch gewohnten Leute über die vorzügliche Soldaten kost, die in riesigen Kesseln von den Köchen zubereitet wird. sS. 47Ü Läuft armseligen„VorwärtS"-Lesern nicht Wasser im Munde zusammen? Aber mit Kasernenkost nicht abgetan, Frau des Feld- webels macht sich außerdem Vergnügen, Rekruten aus eigener Küche aufzupäppeln: ♦) Deutsches Soldatenleben. Patriotischer Roman aus dem militärischen Leben der Gegenwart. Der Wirklich- keit nacherzählt von Robert von Bartsch, Haupt- mann im 3. Bad. Jnf.-Rgt. Markgraf Friedrich Wilhelm Nr. III. Mit 6 JllustrationSbeilagen und 200 Beilagen im Text. Verlag Wilhelm Köhler. Minden i, W. 122. Taufend! Presse deutet bereits an, wie gern Zentrum und Konservative bereit seien, bei der Schaffung von Monopolen positiv mit- zuarbeiten, wenn die Regierung nur darauf verzichte, Rück- sichten auf die Wünsche der Sozialdemokraten zu nehmen. Dafür aber wird im Schöße des preußischen Ministeriums fchon gesorgt werden, daß etwaige Monopolgesetzentwürfe, die an den Bundesrat gehen, sich von derartigen Rücksichten vollständig fernhalten, und deshalb haben wir unter keinem Betracht Veranlassung, an die Berufung des Herrn Kühn irgendwelche Hoffnungen zu knüpfen. Sie deutet auf neue Steuern, und werden uns damit schon an und für sich wenig erfreuliche Aussichten eröffnet, fo kann uns die Herbeiführung der größeren Intimität zwischen dem Schatzsekretär und dem preußischen Finanz- minister auch nicht einmal den kargen Trost gewähren, daß auf diesem Wege wenigstens eine gerechtere Verteilung der Lasten gesichert wird. Für die Befriedigung der finanziellen Bedüfnisse des Reichs mag die Staatssekretarisierung Preußens nicht ohne Vorteil sein, für die Erfüllung sozialer und demokratischer Forderungen bedeutet sie nichts, solange das preußische Wahlsystem in Kraft ist. Die /lusnahmestellung öer Sozialdemokratie. Zu den widerwärtigsten politischen Heucheleien gehört das Bestreben der reaktionären Parteien und oft auch der Regierung, allen Harmlosen und wenig Denkenden die Ueberzeugung beizubringen, die Sozialdemokratie nehm« dem Staate gegenüber eine.Ausnahme- stellung" ein und der Staat habe daher das Recht, die Partei oder ihre einzelnen Anhänger in bestimmten Fällen anders, selbst auf Kosten der Gesetzlichkeit, zu behandeln, als alle übrigen politischen Richtungen. Obgleich die Verbreiter dieser zweckdienlichen«Ueber- zeugung" ihrer logischen und staatsrechtlichen Unmöglichkeit innerlich bewußt sind, so ist es doch gegenüber den Rur-Gläubigen am Platze, diesen verfilzten Knoten aufzudrehen. Würde das Dogma von der.Ausnahmestellung' der Sozialdemokratie von seinen Anhängern lediglich durch die robusteste Begründung gestützt, die eS gibt: durch die Macht, fo wäre nichts dagegen einzuwenden. DaS Mäntelchen einer sogenannten sachlichen Begründung aber, das die heute noch in der Macht Lebenden hier wie immer ihrem nackten Interesse umzuhängen versuchen, muß ab- gestreift werden. Die Leutchen argumentieren immer wieder mit denselben Denk- fehlern. die nur auf die Oberflächlichen Eindruck machen könnten. folgendermaßen: Die Sozialdemokratie erstrebt eine neue Gesell- schaftSform, die nur durchgeführt werden kann, wenn die heutige StaatSform vernichtet wird. Sie ist also dem(augenblicklichen) Staate feindlich. Sie bekennt fich selbst zu dieser Staats« feindlichkeit. Folglich ist der heutige Staat berechtigt, dieser Partei oder ihren einzelnen Anhängern gegenüber, da wo eS ihm zur Erhaltung seiner Existenz dienlich erscheint, die sonst für alle geltenden Gesetze, Bestimmungen und öffentlichen Gewohnheitsbräuche zu durchbrechen. Der Kardinalfehler dieser Begründung liegt darin, daß die Sozialdemokratie selbst erklärt(und danach handelt), sie erstrebe die Umwandlung der Gesellschaftsform auf gesetzmäßigem Wege. Es ist kein Zweifel, daß jede Veränderung bestehender Gesetze, jede Neuschaffung von Ge- setzen, ja jede neu« polizeiliche oder ver» Wie die Stube neun erfuhr, war Adolf seit drei Jahren verheiratet und hatte eine treffliche Frau, die so manchem armen Soldaten aus der Küche der Kompagniemutter zu essen gegeben hatte. Bestätigt sich auch sofort. Siehe Zwiegespräch zwischen Feld- webel und Rekruten: „Sie sind zuletzt hier in der Stadt gewesen?" fragte er Waldau. „Jawohl, Herr Feldwebel, ich wohne schon lange hier." Adolf sah ihn an und sagte:„Aber dicker müssen Sie noch werden." „Ich bin nie stärker und eigentlich auch nie krank gewesen,' antwortete Heinz, der im ersten Augenblick erkannte, daß er hier jemanden gefunden, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte. „Na, ich empfehle Ihnen jedenfalls die Frau des Feldwebels der Kompagnie, die nimmt ihrem Mann die besten Bissen weg, um Rekruten zu mästen." Mit dankbarem Blick sah ihn Heinz an.(S. 48.) Wer nicht durch roten Antimilitarismus verhetzt, weiß, daß alle Feldwebelfrauen mütterlich sorgend um Rekruten bemüht sind. Feldwebel selber natürlich auch. Sozenpresse schildert Mutter der Kompagnie als wüsten Schinder, der teuflischen Gebrauch von seiner Allmacht zu machen pflegt— Gegenteil richtig! Feldwebel find liebevolle Naturen, lassen sogar Rekruten, die Heimweh haben, sich an ihrer breiten Brust ausweinen: Vertrauensvoll konnte sich jeder an die Kompagniemutter wenden und jeder tat es gern. Oft gelang es dadurch, diesem oder jenem Ungelegenheiten zu ersparen. Wer irgend- einen Kummer, namentlich das in der ersten Zeit sehr erklär- liche Heimweh hatte, fand bei der Kompagnie- mutier ein mitfühlendes Herz und wurde. wenn es gar zu schlimm war, der Kompagnie- mama Nummer zwei zugeführt, die dafür das beste Verständnis h a t te.(S. ö0.) Pardon! Muß mir erst Träne der Rührung unter Monokel wegwischen. Aber solche Idyllen, verehrte Genossin Luxem- bürg, spielen sich tagtäglich in deutschen Kasernen ab, nicht etwa Dramen! Muster eines Feldwebels entsprechen natürlich Korporale. Be- scheidener Verschlag, in dem Unteroffizier, von anvertrauter Mann- schaft nur durch Wandschirm getrennt, haust, sieht folgender- maßen aus: Eine peinliche Sauberkeit zeichnete den kleinen Raum aus. Der Tisch, mit dem blitzblanken Kaffeegeschirr, war mit einer bunten Decke belegt, was dem Ganzen em behagliches Aussehen verlieh. Auf dem Tisch standen die Bilder seiner Eltern. Die Mutter, der die Güte au» den Augen leuchtete, schien schon von den Ihren gegangen zu sein, denn ein frischer Kranz von Feld- blumen schmückte, wohl an einem Gedenktage, den einfachen Rahmen. Der Vater war eine stattliche und imponierende Er- scheinung, der richtige„Alte Soldat", wie er leider immer feltener wird. Er trug die Galauniform der Schloßgardekom- pagnie mit der hohen Grenadiermütze, den mit Tressen besetzten altpreußischen Rock mit rotem Umschlagkragen, weiße Knöpf- Hosen mit Gamaschen und da« alte Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett. Eine riesige Ordensschnalle, an deren Anfang das Eiserne Kreuz prangte, erregte die allgemeine Bewunderung. Ueber dem Bett hing die Photographie eineS Mädchens in einfachem, aber sehr geschmackvollem Kleid. Aus der Unterschrift: ..Charlotte, zur Erinerung an unseren Verlobungstag", ersahen sie, daß eS das Bild der Braut ihres Sergeanten sei. Es zeigte von einem recht guten Geschmack und die feinen Züge des Mad- waltungStechnische Bestimmung, wie sie jahraus jahrein von den Parlamenten, der Regierung, den kommunalen Kor- porationen vollzogen werden, Akte der»Staatsfeindlich- keit" sind, wenn man den Staat, der einfachsten Vernunft zu- wider, als etwas Starres, in sich Gleichbleibendes auffaßt. Jeden Dienstag wird von sämtlichen Angehörigen eines Staates an der„Zerstörung" des Staates, wie er am Montag bestand, gearbeitet— aber nur ein Idiot wird daraus den Schluß ziehen, sämtliche Bürger seien staatsfeindlich. Auch die Sozialdemokratie tut nicht? anderes, als mit allen Mitteln ihrer Macht, die sie gesetzlich zum Ausdruck bringen kann. an der Veränderung des Staates zu arbeiten. DaS„End- ziel", das sie persönlich im Auge hat, kann allen, die nicht zu ihr gehören, vollkommen gleichgültig sein. Wobei in Parenthese anzumerken wäre, daß das„Endziel" radikaler Zentrumsanhänger: Beugung deS Staates unter die Kirche, oder das„Endziel" Stramm- konservalivdenkender: Die Wiedererrichtung einer autokralischen Oligarchie, auch in ihren Ausmaßen der beabsichtigten Aenderung von dem sozialistischen„Endziel" nicht wesentlich verschieden find. Da nur durch den Kampf der Meinungen eine Auslese des für alle Brauchbaren sich vollzieht, so muß, nach dem Urteil der Vernunft, jeder Ueberzeugung von der fanatisch-religiösen bis zur atheistischen, von der agrnrisch-autokratischen bis zur anarchistischen, innerhalb der augenblicklichen Gesetzlichkeit— die sich ja gerade durch diesen Kampf fortwährend verändert— die vollkommen gleiche Möglichkeit der Betätigung gewährt werden. Alle» andere bedeutet die Vergewaltigung irgendwelcher Gruppen zugunsten anderer. Wer diese Vergewaltigung will, mag für sie eintreten. Denn auch das ist eine„Ueberzeugung", die das Recht hat, sich auszuleben. Aber er soll ihr nicht eine„logische" oder„ethische" Begründung umhängen, die dem Gedankenarsenal der Gegner entnommen ist und deshalb nichts andere« sein kann als Verlogenheit. Da die Sozialdemokratie ihrerseits längst eine Macht ist. die nicht mehr vollkommen vergewaltigt werden kann, so führt die aus der nackten Jntsressenpolitik geborene Lehre von ihrer„Ausnahme- stellung" naturgemäß zu den lächerlichsten Widersprüchen, in denen sich der bauernfängerische Unsinn tagtäglich auf daS kompakteste enthüll:. Während die Vertreter der Partei vollkommen gesetzmäßig den obersten Korporationen deS„Staates", dem Reichstag, den Land- tagen, den kommunalen Vertretungen angehören, erklärt man sie für unfähig, in der Aufsicht einer Dorfschule zu sitzen. Hunderte von Sozialisten arbeiten in, Deutschen Reich ständig an der Gesetz- g e b u n g mit— aber wenn einmal die Kunde käme, daß ein Sozialist als Richter über der Anwendung eben dieser Gesetze wache, so würden vermutlich sämtliche. StaatSerhaltenden" vor Schrecken vom Stuhle fallen. Alljährlich werden Tausende von Sozialdemokraten in das Heer eingestellt. Wenn sie fich aber das Einjährigenrccht errungen haben, so konstruiert man aus ihrer Ueberzeugung— die eine Ueberzeugung ist so gut als jede andere— eine Art„moralischer Minderwertigkeit", auf Grund deren sie dieses Recht wieder verlieren sollen. Und so, ohne Grazie, weiter. Logisch meine Herrn Rückwärtser, gedanklichen Dummköpfe und politischen Heuchler, wäre allein: die Sozialdemokratie aller politischen Rechte zu berauben und sie gleichzeitig aller staat- lichen Pflichten zu entbinden. Da« würde freilich die Revo- lution bedeuten. Da Euch aber davon die harten Tatsachen dringend abraten, so geschieht weiter nichts, als daß man im Kleinen versucht, was man im Großen leider I leider! nicht kann. Und so ist da» Dogma von der„Ausnahmestellung" der Sozialdemokratie nichts andere», als ein« der vielen Mittelchen für den Fang derer, die nicht alle werden— für die Partei selbst aber eine unerschöpf- liche Quelle wirkungsvollster Propaganda! Ka. chens wiesen darauf hin, daß sie besseren Kreisen angehörte. Das Bild war in dunkler Eiche mit einer Goldleiste gerahmt, darüber hingen die Bilder der drei Kaiser mit dem schönen, in Holz gebrannten Spruch der Kriegsartikel:„Die Treue ist die erste Pflicht des Soldaten." Jedenfalls ein kleine» Kunstwerk von seiner Braut.(S. 22.) Rufe alle gedienten Leute als Zeugen auf, ob ideale? Bild nicht Aussehen jedes UnteroffizierverschlagS in Armee treulich wieder- gibt.")' Wie Unteroffiziere, so natürlich Offiziere. Sozen sehn im ersten Stand« der Nation egal SimplizissimuSgestalten, feudal, exklusiv. näselnd, schnarrend, sich überhebend— kurz, durchaus ekelhafte Zeit- genossen. Klassisches Buch über deutsches Soldatenleben zeigt uns preußischen Leutnant wie in Wahrheit aussieht: Er ging vom ersten Tage ab von dem einen zu dem andern und fragte jeden nach seinem Namen, den Eltern, Geschwistern, dem Gewerbe, dem HeimatSort, dem heimischen Vieh, Schule, Alter, Handwerk usw. Er machte sich gewissenhaft über alles Notizen in das Rekrutenbuch. Al» wir fragten, warum dieses geschehe, erfuhren wir, daß der Herr Oberst diese Kenntnisse nach vier Wochen verlange, wa« dem Grafen, der mit keinem guten NamenSgedächtniS ausgestattet war, entsetzliche Qualen bereitete. Biel wichtiger aber war das wahre Interesse, das er für jeden seiner Leute hatte und die Annahme, der Herr Graf werde sehr von oben herab sein, zeigte sich im Gegenteil. Gerade weil er einem alten A d e ls g es ch l ech t angehörte, dessen große Besitzungen, Güter und Schlösser die Familie seit über b00 Jahren mit dem Landvolk in engen Verkehr gebracht hatte und er auf dem Gute seine« VaterS auf. gewachsen war, bis er in daS Kadettenkorps gesteckt wurde, hatte er Verständnis für das Empfinden seiner Leute.(S. 500 Alte Sache, daß preußischer Uradel sich tadellos in Empfinden gemeiner Leute hineinversetzen kann, ist noch Erbschaft aus Zeiten der Leibeigenschaft, und wäre direktes Unglück für Heer, wenn nach demokratischem Vorschlag jeder Plebejer Offizier werden könnte. Hätte lange nicht so viel Verständnis für das Empfinden der Mann- schaften wie Grafen, Freiherrn und Barone. Bin bereit. Aussage meinerseits durch Sachverständigeneid zu erhärten. Hauptmann ist in Buch von demselben Kaliber wie Leutnant, und so weiter hinauf alle Vorgesetzten tadellose, vornehme, humane Charaktere— wie in preußischer Wirklichkeit! Geht infolgedessen alles wie am Schnürchen und Dienstzeit umfaßt wirklich zwei „fidele Jahre". In Buch kommt alles vor: Turnen, Putzftunde, Appell, Schießstand, Parademarsch, Felddicnstübung, Manöver, alles von Helmspitze bis Fußlappen, aber auch nicht einmal wird Ohr- feige, Fußtritt, Hieb unters Kinn. Ueberanstrengung,„heiliger Geist", Selbstmord, Fahnenflucht oder ähnliches erwähn». Ella- tanter Beweis, daß all das nur in verseuchter Phantasie von Sozen existiert! Genügte also, dieses Buch in Verhandlung vorzulesen, Hörer weinten vor Rührung, wie schön deutsches Soldatenleben, Genossin Luxemburg würde eklig reingesenkt und rote Bande stände vor Oefsentlichkeit gerichtet da. Unterbreite deshalb Vorschlag gehör- samst S. E. dem Herrn KriegSminister und dem Herrn Staats- anwalt. Der konservative August. *) Anun d. SetzerS: Im Verschlag unseres Unteroffiziers lagen meist auf dem Tisch ein Spiel Karten und daS„Kleine Witzblatt". politisthe Uebersicht. Liberale Wiedergeburt. Die Freude der Fortschrittler über den Ausgang der Koburger Wahl ist groß, und das„Berliner Tageblatt" glaubt in ihr einen neuen Beweis für die Renaissance des Liberalismus erblicken zu dürfen. Einen neuen Beweis, denn die Wiedergeburt hat seiner Meinung nach schon bei den Wahlen von 1307 begonnen, das heißt also zu einer Zeit, wo dank der Paarung die Liberalen mit konservativer Unter- stützung in den Reichstag einzogen. Nun, uns kann's recht sein, wenn ein freisinniges Blatt solche Vorstellungen von der Neubelebung liberalen Geistes besitzt. Aber auf einen Umstand möchten wir die Hoffnungs- freudigen in aller Bescheidenheit doch aufmerksam machen. Daraus nämlich, daß der Liberalismus bei den Reichstags- Nachwahlen, die seit Jahresfrist vollzogen worden sind, bis zur Koburger, eigentlich keinen Anlaß zu besonderem Triumph hatte. In Zauch-Belzig, in Jerichow, in Borna-Pegau und in Stendal haben die Liberalen keineswegs günstig ab- geschnitten und im ersten Gang zum Teil recht beträchtliche Stimmenverluste zu verzeichnen gehabt. Dabei waren es zweimal die Nationalliberalen und zwei- ural die Fortschrittler, die den gemeinsamen liberalen Kandi- daten stellten. In Koburg aber läßt sich ebenfalls nicht un- eingeschränkt von einem großen Siege des Liberalismus sprechen, wenn man unter Liberalismus die beiden liberalen Parteien versteht. Der Fortschritt hat zwar sehr viel Stimmen gewonnen, aber die Nationalliberalen haben recht beträchtlich verloren, und wenn das„Berliner Tageblatt" diese eine Wahl überhaupt für so maßgebend ansieht, so läge es am Ende sehr viel näher, aus ihr den Schluß zu ziehen, daß die Fortfchrittliche Volkspartei dort Aussichten hat, wo sie gegen die Nationalliberalen kämpft, und dort Prügel be- zieht, wo sie mit ihnen gemeinsam für die Hochziele des Bürgertums in Stadt und Land eintritt. Aber wir wollen den Herren beileibe keine Lehren er- teilen: sie müssen selbst am besten wissen, was eine Wieder- geburt des Liberalismus ist, und wie sie sie herbeiführen können. Ein Ausweg für Herrn von Fsalkenhayn? Die„Franks. Z t g." veröffentlicht folgende Zuschrift: „Der Prozeß gegen Frau Rosa Luxemburg ist aus fach- liehen Gründen vertagt worden; wie die sozialdemokratische Presse in ihr eigenem Stil meint, auf den„Nimmermehrtag". Vielleicht hat sie damit recht? Vielleicht! Aber eS kommt immer anders, als man denkt. Möglicherweise scheitert die Weiter- führung dieses Prozesses nicht an sachlichen, sondern an Prozeß- rechtlichen Bedenken. Frau Luxemburg ist noch den übereinstimmenden Prozeß- berichten angeklagt, durch ihre Reden vom 7. März 1S14 die Offiziere, Unteroffiziere und(alten) Mannschaften des preußischen Heeres beleidigt zu haben, und diese Anklage ist dann auf Be» leidigung aller Angehörigen des preußischen Heeres ausgedehnt worden.„Verletzt" sind also alle diese früheren und jetzigen Mit- glieder der preußischen Armee. Nun schreibt der Z 22 ver Strafprozeßordnung als unverrückbare Grundlage gerechter, un- parteiischer Entscheidung,' betreffe sie Verurteilung oder Frei- sprechung, klar und deutlich vor: Ein Richter ist von der Ausübung des Richteramtes kraft Gesetzes ausgeschlossen, ... 3. wenn er mit dem Verletzten in gerader Linie verwandt, verschwägert oder durch Adoption verbunden, in der Seitenlinie bis zum dritten Grade verwandt oder bis zum zweiten Grade verschwägert ist, auch wenn die Ehe, durch welche die Schwägerschaft begründet ist, nicht mehr besteht. Alle Richter, also sowohl diejenigen der Beschlutzkammer, die da? Verfahren eröffnet hat, wie die Richter der verhandelnden Kammer sind kraft Gesetzes vom Richteramt in dieser Sache aus- geschlossen, wenn sie mit irgendeinem Angehörigen des preußi- schen Heeres in einer dieser sehr weit reichenden Verwandschaft- lichen oder schwägerlichen Verbindung stehen. DaS preußische Heer ist ein Aolksheer; die Wahrscheinlichkeit solcher Verbindungen ist also außerordentlich groß. Wenn also auch nur ein einziger dieser Richter in einer solchen Verbindung mit einem Angehörigen des preußischen Heeres steht, dann ist daS ganze Verfahren nichtig und die Revision müßte durchdringen; denn Z 377 setzt fest: Ein Urteil ist stets als auf einer Verletzung des Gesetzes beruhend anzusehen.... 2. wenn bei dem Urteil ein Richter ... mitgewirkt hat, welcher von der Ausübung des Richter- amteS kraft des Gesetzes ausgeschlossen war. Wenn also dies auch nur bei einem einzigen Richter zutrifft, so würde der ganze Prozeßverlauf ungültig sein, und es würde die Entscheidung vom Reichsgericht aufgehoben werden müssen; zu solchem Antrag ist sowohl die Staatsanwaltschaft wie die An- geklagte berechtigt. Aber auch beim Reichsgericht dürsten sich die- selben Schwierigkeiten ergeben. Wenn sich dort nicht sieben Richter finden, welche so gänzlich den preußischen HeereS-Angehörigen fremd gegenüberstehen, wie es das Gese� erfordert, dann kann beim Reichsgericht überhaupt keine Entscheidung zustande kommen, und der Prozeß bleibt liegen und immer liegen und, wie ei im Märchen heißt: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Ob Herr v. Falkenhayn auf diese Brücke treten wird? Eine ungültige Landtagstagung. Der außerordentliche Landtag vonMeiningen, zu dem die Abgeordneten mit Frack und Zylinder an das Schloßportal geladen sind, dürste für den ersten Landtags- Präsident und das Hofmarschallamt, die die Einladung er- gehen ließen, noch unvorhergesehene Folgen haben. Es steht nunmehr fest, daß nach Artikel 137 des Grundgesetzes die Abgeordneten nach einem Regierungswechsel vor der Huldigung der Stände im Landtag zusammentreten müssen, um dort die schriftliche Versicherung des Thronfolgers auf Einhalten der Verfassung entgegenzunehmen. Einem solchen Verlangen hätten auch unsere Genossen, da es verfassungsmäßig rechtlich war, zugestimmt. Gegen die Bestellung an das Portal in vorgeschriebenem Anzug haben die sozialdemokratischen Abgeordneten dadurch protestiert, daß sie dem Landtagspräsidenten mitteilten, sie würden an diesem verfassungswidrigen Akt nicht teilnehmen. Ohne die Teil- nähme unserer Genossen wird der Huldigungsakt aber ungültig, da nach dem Gesetz mindestens 16 Abgeordnete anwesend sein müssen; nach Abzug unserer Genossen sind es aber nur 15. Man kann gespannt sein, wie sich der Hof und das Land- tagspräsidium aus dieser Zwickmühle herausziehen. Der Majestätsbeleidigungsprozest deS„Simplicissimus". Die Verhandlung gegen die gesamte Redaktton de» „Simplieissimus" wegen angeblicher MajestStSbeleidigung ist auf den 3. Oktober vor dem Schwurgericht in München angesetzt worden. voröringen der Cpiroten. Durazzo, 11. Juli, abends. Meldungen aus dem Süden zu- folge rücken die Epiroten unaufhaltsam vor und haben bereits den Distrikt Skopar besetzt. Nach den Aussagen des heute hier eingetroffenen Präsekten von Valona bestehen die vor- rückenden Truppenteile aus re g u l ä r e n griechischen Mann- schaften. Berat und Valona seien stark gefährdet und könnten bald in die Hände der Griechen fallen. Die Aufständischen verweigern die Ausliefe- r u n g der in Albanien gefangenen holländischen Offi- ziere Verhulst und Reimers, bis ihre Forderungen erfüllt worden seien. Straßenbahnerstreik in Hollanö. Haag, 12. Juli. Die Straßenbahnange stell- t e n haben den G e n e r a l st r e i k erklärt. Deutsche Schande! Haag, 12. Juli. Zum Ersatz der ausständigen Straßenbahn- angestellten sind heute vormittag 100 Arbeitswillige aus Berlin bier eingetroffen. Sie wurden, als sie unter starker Polizei- licher Bedeckung nach dem Straßenbahndepot gebracht wurden, von den Ausständigen mit Pfeifen und Johlen empfangen. Der Straßenbahnverkehr kann nur teilweise aufrechterhalten werden. Ms Groß'öerlin. Sommerfeftwetter. Unsere Genossen im 4. und 6. Kreise und auch die Ge- nosien von Reinickcndorf-Ost, die gestern ihre Sommerfeste ab- hielten, haben günstiges Wetter gehabt. Zwar war die Hitze am Nachmittag arg drückend, so dauerte es doch nicht lange, waren die Festlokale in Treptow, in Weißensee und in Seebad Reinickendorf dicht gefüllt. Und für alle war etwas geboten, für groß und klein; gute Konzert- und Gesangsaufsüh- rungen bildeten überall die Hauptsache des Programms. Da- neben gaben unsere Turner, zum Teil auch Schwimmer, einen Beweis ihres Könnens. Viele Zehntausende fanden sich in den großen Vergnügungslokalen zusammen, und was unseren Sommerfesten den wirklichen Charakter verleiht, ist der Um- stand, daß alte Kampfgenossen in geselliger Weise zusammen- kommen und ihre Meinungen über frühere und bevorstehende Kämpfe austauschen. Genossen, die man bei der Größe der Berliner Bewegung jahrelang aus den Augen verloren hat, trifft man auf dem Sommerfest und manches angenehme und unangenehme Erlebnis wird wieder aufgefrischt. Unsere Arbeitersamariter hatten infolge der Hitze und der sich daran knüpfenden Ohnmachtsanfälle zu tun, um Er- frischungen zu reichen. Ernstliche Unfälle sind, soweit uns bekannt, nicht vorgekommen. ch- Der heißeste Sonntag in diesem Jahre dürfte der gestrige gewesen sein. Bereits um 9 Uhr vormittags zeigte das Thermometer 22 Grad, um gegen 1 Uhr mittags bis auf 36 Grad zu steigen. Alle diejenigen, die sich keine Sommer- reise erlauben können und die die ganze Woche schwer in Fabrik und Werkstatt fronen müssen und es nur ermöglichen konnten, zogen mit Kind und Kegel ins Freie. Eisenbahn und Dampfer machten Bombengeschäfte und noch am späten Nachmittage waren olle Dampfer dicht besetzt. An den Fluß- lausen, besonders an der Oberspree, Dahme, Müggel- und Wannsee, waren Hunderttausende von Menschen. Die Ufer waren dicht besetzt. Wo man nur an das Wasser heran- konnte, wurde ein„Freibad" eröffnet und Männlein und Weiblein, alt und jung erquickten sich im Wasser, das durch die tagelange Bestrahlung der Sonne eine ungewöhnlich hohe Temperatur aufwies. Ob dieser Hitze drückte die Polizei beide Augen zu und ließ die Badenden gewähren. Wer nicht badete, zog sich so weit wie möglich aus. Frauen liefen in Unterröcken oder gar nur in Hemden umher und die Kleinsten tummelten sich splitternackt. An den Bäumen baumelten Damen- und Herrenhosen. Röcke. Hüte und Stiefel lustig im Winde. Berlin war denn auch am Nachmittag fast wie ausgestorben. Erst gegen Abend trat etwas Abkühlung ein. Mehr Sicherheit für das Publikum beim Bau der Nord-Südbahn. Unsere Forderung, beim Bau der Nord-Südbahn größere Sicherheit für daS Publikum zu schaffen, scheint bei der Verkehrs- Polizei auf günstigen Boden gefallen zu sein. Sie hat der städtischen Tiefbauverwaltung nähegelegt, daß die vorgeschriebenen Sicher. heitsmaßregcln genau beachtet und ihre Durchführung besser über- wacht werde. Die Verkehrspolizei hat der städtischen Bauverwal. tung aufgegeben, die Fahrbahn der Straßenbahn genügend abdecken zu lassen, so daß weitere Unfälle vermieden werden. Mngierte Raubanfällc. Dieser Tage stand ein Mädchen vor der Potsdamer Straf. kammer. welches beschuldigt war, einen Raubanfall erdichtet und eine Person falsch beschuldigt zu haben. Das Mädchen wollte, wie sie seinerzeit angab, auf dem Wege von Pfaueninsel bei Potsdam bis Wannsee. den sie angeblich zu Fuß zurücklegen mußte, weil sie den letzten Dampfer verpaßte, in der Nähe von Nikolskoe im Walde von einem gut gekleideten Manne angehalten, mißhandelt, ihrer Hand- taschc beraubt und dann von einer Böschung hinab in die Havel gestoßen worden sein. Vorübergehende fanden sie auch tatsächlich im Wasser, brachten sie zu einem Gastwirt und von dort nach dem Oberlin-Krankenhause in Nowawes T-ie hiesige Kriminalpolizei schöpfte von vornherein Verdacht, weil es ihr unwahrscheinlich schien, daß das Mädchen nach Arbeitsschluß noch allein den AuSflug gemacht habe. Sie rechnete damit, daß ihr Bräutigam, mit dem sie oft Streit und Zank hatte, dorthin begleitet habe und dieser eventuell als Täter in Frage komme. Die Nachforschungen nach dieser Richtung hin ergaben aber zweifelsfrei, daß dieser sie nicht begleitet hatte und für die Tat auch keineswegs in Frage kommen kann. Bei dem Ver- hör im Krankenhause bezichtete das Mädchen dem vernehmden Kriminalkommissar gegenüber, als es nicht mehr anders konnte, den Bräutigam als Täter. Jetzt konnte ihr aber da« Gegenteil nach- gewiesen werden. ES wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Bei der Zeugenvernehmung sagte ein vernommener Berliner Kri- minalkommissar au», daß nach seinen Erfahrungen mindestens 50 Proz. der Raubanfälle, soweit weibliche Personen als Angeber in Frage kommen, erdichtet seien. Das hat zur Folge, daß die Polizei den Raubanfällen von vornherein sehr skeptisch gegenüber- steht, waS andererseits leicht dazu führen kann, daß die Polizei bei wirklichen Raubcmfällen oft manches versäumen kann, was zur schnellen Aufhellung von Verbrechen nötig ist. Der„BortvärtS" in Ostekbke«. Sozialdemokratische Blätter sind in Oftelbien besonder? verhaßt. Im Märchenland der ostelbischen Junker will man die Aufklärung der proletarischen Landbevölkerung mit allen Mitteln aufhalten. Ein hübsches Stückchen wird uns ans dem Wahlkreise des Grafen Westarp berichtet. Ein Berliner Parteigenosse hatte sich entschlossen, seine Ferien in seiner Heimat, einem kleinen Orte in dem Westarpschen Wahlkreise, zuzubringen. Ohne seinen„Vorwärts" konnte er aber nicht existieren, und er ging deshalb zur Postagentur, um seinen „Vorwärts" sich zu bestellen. Der Postagenturverwalter, der zugleich den Posten deS Stadtkämmerers versieht, ist ob de» Begehrens unsere« Parteifreundes ganz entsetzt und fragt mit erstauntem Gesicht, warum er denn gerade diese Zeitung lesen wolle. Unser Genosse antwortet dem guten Manne ganz ruhig, das sei seine Tageszeitung, die er sonst immer lese.„Aber im ganzen Orte hält niemand eine solche Zeitung, und Sie wollen nun die Luft ver- Pesten?" erklärt in seinem patriotischen Eifer der Postgewaltige. Der lRann ging noch weiter und versuchte unseren Genossen zu be- wegen, doch eine andere Zeitung zu halten, seine Bemühungen waren aber vergebens. Das kleine Geschichtchen wirft ein Schlaglicht auf die ostelbischen Zustände, in welcher Weise die Leute im konservativen Sinne beein- flußt werden und was man sich alles herausnimmt. Und nun stelle man sich vor, in welcher Weise diejenigen beeinflußt werden, die abhängig sind._ Frau und Kind in de« Dod. Ein erschütterndes Familiendrama hat sich in der Nacht zum Sonnabend in Pankow abgespielt. In der Maxunilianstraße 8 vergiftete sich die 38 Jahre alte Ehefrau Margarete des Arbeiters A. mit Leuchtgas. Die Lebensmüde nahm auch ihr ein Jahr altes Kind mit in den Tod. Die Ursache des Dramas ist in Schwermut zu suchen. Frau A. lebte der fälschlichen Anficht, fie falle infolge ihres kränklichen Zustandes ihren Angehörigen allzusehr zur Last. Opfer des Badens. Leider hat das schöne Wetter auch mehrere ErtrinkungSfälle zur Folge. So ertrank im Krossinsee bei Wernsdorf ein junger Mann von IS Jahren und im Freibad Grünau bekam ebenfalls ein junger Man» von IS Jahren beim Baden einen Herzschlag, so daß er ertrank. Die Persönlichkeiten der Ertrunkenen konnten nicht festgestellt werden. Auch an anderen Stellen find Todesfälle, durch Baden hervor- gerufen, eingetreten. In seinem Berufe verunglückt ist der Maler Robert Heese aus der Fürbringer Str. 26. Heese war auf einem Grundstück in der Sophie-Charlotten-Straße in Charlottenburg mit dem Streichen der Fenster beschäftigt. Dabei rutschte Heese ab, durchschlug ein mangelhast abgedecktes Glasdach und fiel fünf Meter tief auf einen eisernen Träger. Mit zerschmettertem Arm und einer Kopfwunde wurde Heese auf einem zufällig bespannt dastehenden Rollwagen sofort nach dem Krankenhaus Westend gebracht. Aus der Selbstmordchronik. Arbeitslosigkeit und Nahrungssorgen haben wieder mehrere Personen in den Tod getrieben. Der 08 Jahre alte Wächter Her- mann Schulz vom Luisenufer 41 schoß sich auf dem Tempelhofer Feld eine Kugel in die rechte.Schläfe, die seinen sofortigen Tod herbeiführte.— Mit Leuchtgas vergiftet hat sich der 82 Jahre alte Arbeiter Friedrich Köhler aus der Manteuffelstr. 97. K., der kränklich war, konnte deshalb keine Beschäftigung finden. Der 28 Jahre alte Hausdiener Richard Krüger, der in einem Krankenhaus angestellt war, vergiftete sich in dem Spähnekeller des DesinfektionSraumeS mit Lysol, weil er entlassen worden war. — Unbekannt ist der Grund, der den 50 Jahre alten Diener Jo- Hann Gnoyke aus der Breite Straße 23 zu Schmargendorf zum Selbstmord veranlaßt hat. G-noyke entfernte sich von seiner Ar» beitsstelle, angeblich um etwas für sich einzukaufen, begab sich aber auf ein unbebautes Gelände in der Wisbyer Straße und vergiftete sich dort mit Lysol.— Unaufgeklärt ist auch der Selbstmord einer Näherin. Die 28 Jahre alte Näherin Elise Hobse aus der Arndt- straße 29 wurde seit ungefähr einer Woche vermißt. Als man jetzt ihre Behausung öffnete, fand man sie schon stark verwest, tot auf. Sie hatte sich mit Leuchtgas vergiftet. Ein schwerer Zusammenstoß zwischen einem Straßenbahnwagen der Linie Z und einem Autoomnibus der Hochbahngesellschaft er- eignet! sich gestern nachmittag in der Prenzlauer Allee Ecke Wichert- straße. Der Anprall war so stark, daß der Omnibus auf die andere Straßenseite geschleudert und die Elektrische aus den Schienen gehoben wurde. Personen wurden glücklicherweise nicht verletzt. Durch den Zusammenprall entstand eine längere Verkehrsstörung. Letzte Nachrichten. Ein rumänifch-bulgarischer Zwischenfall. Bukarest. 12. Juli.(Meldung der Agence Roumaine.) In der letzten Nacht ereignete sich im Dorfe Kujundschuk, zwei Kilo- Meter von der Grenze, ein neuerlicher Zwischenfall, der durch bulgarische Soldaten hervorgerufen wurde. Drei bulga- rische Grenzwächter hatten sich ohne Erlaubnis in dieses Dorf be- geben und wurden deshalb von den rumänischen Grenzwächtcrn aufgefordert, sich zurückzuziehen. Sie kehrten, mit ihren Gewehren bewaffnet, zurück, kamen mehr als einen Kilometer auf rumä- nisches Gebiet und schössen auf zwei rumänische Sol- daten, die schwer verwundet wurden. T-a sich in den letzten vierzehn Tagen ähnliche Zwischenfälle wiederholten und bc- reits fünf Opfer forderten, so zeigt sich die öffentliche Meinung in Rumänien auf ge regt und verlangt rasche und wirksame Maßnahmen, um die Wiederkehr ähnlicher Fälle zu verhindern. Kampf zwischen Zigeuncru. Eharolles, 12. Juli. Zwei Zigeuner st ämme von un- gefähr 120 Personen gerieten heute an den Ufern der Loire in einen Kampf. Etwa zehn Personen wurden verwundet, von denen zwei ihren Verletzungen erlagen. Den Gendarmen gelang es schließ- lich, die Parteien zu trennen. Die Suffragetten. Edinburgh, 12. Juli. Als heute der König und die Königin nach der Kathedrale zum Gottesdienst fuhren, warf eine Anhängerin des Frauen st immrechts einen G u m m i b a l l, an dem ein Schriftstück befestigt war, gegen den Königlichen Wagen. Der Ball fiel der Königin auf den Schoß, die ihn lachend zur Seite stieß, Die Frau wurde verhaftet, die Verhaftung jedoch nicht aufrecht er- halten._ Ueberschwemmung in China. Peking, 12. Juli. In der Provinz Huandun hat die Ueber- schwemmung unabsehbare Verheerungen angerichtet. Hundert- tausende von Einwohnern entbehren der notwendigsten Nahrungs- mittel. Das Elend wird täglich größer. Unter dem hungernden Volke machen sich Unruhen bemerkbar. ?n öer Einheit liegt öie Macht! Wehrlos wäre öle Arbeiterklasse, gäbe ihr nicht öie Zusammenfassung ihrer Kräfte Stärke unö Nacht. Darum ist es Pflicht jeöes slrbeiters, flch seiner polttijchea unö gewerksthaftlichen Organisation anzuschließen, um aktiv unö mit aller Energie teilzunehmen an öem großen Vefteiungstampse seiner Klasse. Tretet ein in öie sozialdemokratischen Wahlvereine, werdet Abonnenten des»vorwärts''. Seltrtttserklärungen zu öen Wahlvereinen weröen entgegengenommen im Serliner verbanösburean, Herlin SW 6$, Änöenflraße 2 I. Seflellungen auf öen �vorwärts" nehmen öie Hauptexpeöition, Herlin SW HS, Änöenflraße H9, sowie alle MalexpeöMonen entgegen. den 1». J»It t»1t. Anlang S Uhr. ipaffage, Theater,»ino-vartett. Potsdamer Naturtheater. Alt- Potsdam. Anlang 71), llhr. Weste«. Siegsried. Anlang 7» Ubr. Metropol. Die Reise mn die Erbe in 40 Tagen. Ansang« Uir. Urania. Zum Hochfirn der Jungfrau. Schiller O. Tannhäuser. Berliner. Wie einst im Mai. RöniagrSNer Straste. Mr. Nu. Tdnlia. Nenn derArühllng kommt. Theater an der Weidendammer Brücke. Der milde Theodor. Rose. Der Siwertöntg. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Palast. Theater. Barietä und Licht- spiele. Berliner Prater-Theater.»rigrt. Anlang 8�1, lldr. «leineS. Der Klecks. Theater am Nollendorfplatz. Der Juxbaron. Luftipirlbau». Die spanische Fliege. Friedrich-Wilhrlmftädt. Theater. LeuwantSlicbchen. Suiieu. In neues Glück. Walhalla. Der Hund von vaSker- ville. Folie» lkaprice. Amordragoner. Bett Napoleon«. Aniang Sllt Ubr. 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A.: Hermann Schmidt, Berltn-Reinickendors, Auguste-Lilioria-Allee St. iOSSSSSOSSSSSSSSoSvSSSSSSSSSSSSSSOSSOS»« !i)öut8ChörArdeiter-8Wgerdunli.! >otbek die einschlägige Literatur durchstöbert und das triegSgeschichtliche Material für unsere Denkschrift zusammengeschleppt. Alle» sehr nützlich und lobesam. Einen entsprechenden kriegShistorischen Aufputz muß unser opu» haben, das wird oben sehr gern gesehen und zeugt von tiefgründigem Studium. Also hole nur heran, was Du vom Bastillensturm und den späteren Pariser Straßenkämpfen, vom Julirummel 1830, vom Kampf gegen die rebellische Kanaille in Pari», Wien und Berlin Anno 1848, vom Dezemberstreich 1881 des dritten Napolium, von der Niederwerfung der Kommune 1871 ") Siehe„Vorwärts" Nr. 174(Wontagsblatt),„Strategie gegen den inneren Feind*. den wir in jenem Prozeß gegen Rosa Luxemburg kennen lernten, dann allerding» eine entscheidende Rolle. Vielleicht ist nichts be- zeichnender für das gegenwärtige Soidatenlebcn, als daß die bürgerliche Presse bluurengeschmückte Fenster und Kasernen in- stinktiv selber als einen Widerspruch empfindet. In einem freien Volk könnte von blumcngeschmücktcn Kasernen die Rede sein, sofern für ein solches Volk Kasernen überhaupt noch notwendig wären. In Preußen-Deutschland aber ist der Blumen- schmuck allerdings eine freche Lüge. Blumen in den Fenstern und im Innern unter Umständen der Befehl des sadistischen Unteroffiziers, aus einem Spucknapf saufen zu müssen! Der Widerspruch ist so grell, daß ihn selbst der Stumpfcste empsindcn mutz. Laßt ihr den Kasernen schon lieber das trostlos barbarische Aussehen, unter dem sie nun einmal überall bekannt sind. Eine häßliche Sache hat damit einen durchaus entsprechenden häßlichen Ausdruck ge- funden. Frömmigkeit unü Moöe. Darf sich die fromme Weiblichkert nach der neuesten Mode kleiden? Das Problem wird immer ernster. Die Kirche hat sich in den letzten Jahren wiederholt über die leichtfertigen Tendenzen der heutigen Mode entrüstet und Warnungen erlassen. In der Barnabitenkirchc in Brüssel, die ausschließlich die elegante Fröm- migkeit zur Klientel hat, erschien kürzlich ein Anschlag auf der Airchentür, der die Damen und jungen Mädchen dringend ersucht, „auS Achtung vor dem Gotteshaus in geschlossenen, hohen Kleidern" zu erscheinen. Keinesfalls könne gestattet werden, daß„Damen im Decollets" sich dem Altar nähern... ES scheint danach. daß die SonntagSmcsse in der Barnabitenkirchc bisher eher an einen Ballabend am preußischen Hofe gemahnte alS an ein Gotteshaus. Immerhin: die elegante Frömmigkeit ist in einem bösen Dilemma: Frömmigkeit oder Mode? Wem gehorchen: dem Schneider oder dem Beichtvater? Da» ist hier die Frage. Den Barnabiten aber kann man so unrecht nicht geben. Sebon Angelus SilcsiuS schrieb: Tie Tugend nackt und bloß Kann nicht vor Gott bestehn... And die heutige Mode... Der Geist tzepüebranüs. In einem der WahlkreiS-Leib- und Magenblätter de» Abge» ordneten von Heydebrand, im„Trebnitzer Anzeiger", ve- findet sich folgendes Inserat: In meinem Hause ist eine herrl. 1. Etage mit Keller, Hof, Boden. Stall»sw. zu vermieten. Sozialdemokraren ausgeschlossen. Vi. Vt'temeorolr» Schuhmachermeister, Ring 14, pr. Der Meister vom Dreibein und Knieriem hat ohne Zweifel Anwartschaft auf den Hoflieferanten titel de» unge- krönten König« von Preußen, denn von dessen Geist ist er ge- nirgend infiziert. Gefährliche duelltnallerei. Die französische Zeitung„Le Temp«* meldet aus Parma: Ein Pistolenduell, das zwischen zwei Mitgliedern der Aristokrarie von Parma ausgefochterr wurde, hat in ganz unerwarteter Weise geendigt. Di« Kugel de« einen Duellanten traf einen Arbeiter In den Kopf, der in einem an den Ort de« Duells angrenzenden Wirtschaftsgarten sein Frühstück verzehrte. Der Zustand dcS Per- wundeten ist sehr ernst. Da« hat noch gerade gefehlt, daß der Duellfexerei vernünftige Leute zum Opfer falle»! Wenn zwei Duellanten sich gegenseitig abschießen, so folgen sie damit nur dem natürlichen Gesetz. wonach die Unvernunft und die Unnatur sich schließlich selbst ausroiten. Trotzdem wird man das Duell au« sittlichen Gründen bekämpfen müssen, weil Standesvorurteile einzelne Personen wider ihren Willen und wider ihr Gewissen in ein Duell verwickeln können. In solchen Fällen ist zwar der Betreffende ein sirtlich minder» wertiger Mensch, ein Feigling; aber er bleibt immerbin ein Bedauernswerter. Nach diesem Vorfall in Parma aber muß das und von neueren Kämpfen gegen Aufstandsbcwegunge« son mili- tärischem Gesichtspunkte aus aufstöbern kannst. Vergiß vor allem die russischen Strafexpoditionen von 1006 usw. nicht. Wie gesagt, alles sehr schön und sehr gut, aber wir dürfen nicht vergessen, daß der innere Feind von heute etwas anders aussieht als der von Anno dazumal. Mit einer einfachen Kopie der Geschichte wird eS da wohl kaum abgehen; wir werden da in unserer Denkschrift wohl mit originellen, der heutigen Massenbewegung Rechnung tragenden Ideen antreten müssen. Und ich muß Dir» priori gestchen, wenn die Revoluzzer von heute ihre politischen, wirtschaftlichen und orga- nisatorischeir Machtinittel auszunutzen verständen, könnten wir doch manchmal in die Klemme geraten. Aber zum Glück scheinen die KerlS kaum zu ahnen, worin ihre Stärke liegt. Wenn wir dann einmal, fall« es nottun sollte, eingreifen müssen, heißt eS, wie Tu schon damals richtig sagtest, nach den Gesetzen rücksichtsloser Offen- sive schnell und derb zupacken, damit sie überhaupt nicht zur Bc- sinnung kommen. Dabei kann so ein bißchen Herauslocken der Bande sehr vorteilhaft für uns sein. Ta gibt eS eben hier einen Putsch und da einen Krawall, mit dem wir rasch fertig werden. Doch davon später ausführlicher. Zunächst sollst Du den Grund erfahren, weshalb Du bc- gnadeter Moltkejünger so lange meiner anregenden Gesellschaft beraubt warst. Eo wisse denn: Wir im Kriegsministerium, und vor allem wir in der Presseabteilung haben während der letzten Tage geradezu Kopf gestanden. Exzellenz wußte sich nicht zu fassen vor Wut. Boshafte Geister wollen ihn sogar schon in wehmütiger Betrachtung eines frischgebügeltcn Zylinder- Hutes gesehen haben. Und das alle« hat dieser gottverfluchlc Prozeß gegen die klein galizische hebräische Petrolöse Rosa Luxen:- bürg verursacht! Du hattest schon recht, wir haben in der letzten Zeit Pech mit unseren Prozessen. Der ostpreußische Remonte- Prozeß hat mit seinen gutgemeinten aber herzlich unverständigen Sachverständigengutachten die dortigen pserdezüchtenden Pachulkcn rabiat gemacht. Es hagelt jetzt nicht schlecht auf die Remonte- lnspektion im Kriegsministerium los. Da heißt es, wir wären dafür ins Kriegsministerium kommandiert, daß wir die politische Kon- stellation zu beachten hätten, jedenfalls müsse von uns au« alles ver- mieden werden, königstreue und staatSerhaltend« Elemente, wie eS die verehrten ostpreußischen Arbsen mit Spackvertilger sind, vor den Kopf zu stoßen. Nun frage ich Dich, Teuerster, wo nimmt man als Offizier gleich die nötige politische Schulung her. In Lichterfelde er- fährt man doch von Politik weiter nichts, al» daß Demokraten und Sozis eine gottverfluchte Rasselband« sind, die Hohenzollern und D. M. Offiziere aber die vornehmste Rolle im Staate spielen. Aus Kriegsschule wird derselbe Salat serviert, und während des Front- diensteS hörst Du im Kasino auch nichts anderes. Das bißchen staats- bürgerlich« Kenntnisse, das man für ein Kommando zum Hans- gebrauch nötig hat, eignet man sich notdürftig durch ZeitungSlcktüre D»e? auch auZ Gründen der offenMchen Sicherheit mit aller Energie bekämpf! werden. Schon die Gefahr der Möglichkeit, daß ein anderer Mensch, als die beiden Duellanten von einer Kugel getroffen werden kann, macht es notwendig, mit dem Duellwahnsinn raschenstens ein Ende zu machen. Da« Leben eines einzigen Arbeiter» wiegt mehr, als das von hundert Duellanten. Ein einziger Hammerschlag von ihm ist ein ehrenhaftes Werk; wogegen ein Schuß oder Säbelhieb im Duell unehrenhaft, verbrecherisch und blödsinnig zugleich ist._ Spiel und Sport. vom Schwimmen. Die Illustrierte Zeitschrift für körperliche Erziehung „Jugend und Spiel" enthält in der Nummer vom Juni 1914 folgende lesenswerte Darstellung über das Schwimmen von Ernst Zimmer: „Der Methode des Schwimmunterrichts im Wasser hat sich das in den letzten Jahren verbreitete System des Trocken- schwimmens als vorbereitende Uebung für den Schwimm- Unterricht überhaupt angegliedert. Diese Methode bietet allerdings wesentliche Vorteile nur dann, wenn der Uebende, freischwebend an einem Gerüst hängend, die vorbereitenden als auch die eigentlichen Schwimmbewegungen in der Luft ausführend, sich beim Neben derselben gut kontrolliert und korrigiert weiß. Dauernd gewissenhaftes Neben wird dann dem Lernenden beim Nebergang zum Unterricht im Wasser ein bedeutend leichteres Neberwinden der Anfangsklippen er» möglichen, als dies sonst der Fall ist. In Turnvereinen, wo der Schwimmunterricht zum Ressort des Arbeitsprogramms gehört, Pflegen die Turnwarte die Tempis der Schwimmbewe- gungen in Form von Freiübungen vornehmen zu lassen. Die allgemeine Schwimmlehrmethode sieht vornehmlich bei uns in Deutschland die Erlernung des Brustschwiimnens vor, eine Stilart, bei welcher das präzise Zusammenarbeiten aller beim Schwimmen in Anspruch genommenen Gliedmaßen von größter Wichtigkeit ist. Die Ausgangs- und Endposition ist bei dem Bruststil die gestreckte horizontale Lage des Körpers mit gestreckten und geschlossenen Armen und Beinen. Im Anfangsstadium des Wasserunterrichts befindet sich der Schüler an der Leine. Die Lage des Schwimmschülers auf dem Wasser sei so, daß die gespannte Leine in ihrer vertikalen Verlängerung das Rück- grat des Körpers treffe. Die Fußspitzen stehen auswärts und sind gegen die Längsachse des Körpers angezogen. Das Kinn liegt auf dem Spiegel des Wassers; neigt sich der Körper auf diese oder jene Seite, so ist der Schwimmgurt hieran schuld, der in diesem Falle vom Schüler entsprechend zurechtgezogen werden muß, bis eine einwandfreie wagerechte Lage her- gestellt ist. Es folgen nun die Armbewegungen bei richtiger und voll- kommen gestreckter Lage des Körpers in drei Tempi, und zwar: Auf das nicht zu langsam und auch nicht zu kurz aus- zusprechende„Eins!" werden die Handflächen mit den kleinen Fingern nach auswärts so gewendet, daß sie etwas höher als die Daumen zu stehen kontmen; gleichzeitig beginnen die voll- ständig gestreckten Arme dicht unter der Oberfläche des Wassers rechts und links seitwärts bis in die Verlängerung der Schultern zu streichen. Besonders beachtenswert ist hierbei die Geschlossenheit der Hand. Auf das nun in gleicher Folge wie„Eins" ausgesprochene„Zwei!" werden die gestreckten Arme etwas von der vertikalen Linie, die man sich von der Schulterlinie zum Grunde des Wassers gezogen denkt, nach abwärts gedrückt, bis die inneren Handflächen sich berühren. Es muß vermieden werden, die Arme während der seit- streichenden Bewegung nach abwärts zu senken, da demzufolge Kopf und Oberkörper des Uebenden im Wasser versinken. Nach der Vereinigung der Hände werden die Arme im Ellen- bogengelenk nach vorn gebeugt, die Daumen mit vorwärts gerichteten Fingerspitzen dicht vor das Kinn gebracht; auf „Drei!" folgt schnelles Vorwärtsstrecken der Arme, wobei der Körper wieder in seine ursprüngliche gestreckte Lage kommt. Es ist Aufgabe des Schwimmlehrers, dem Schüler allmählich die Zusammenfassung dieser drei Zeiträume in einen einzigen anzugewöhnen. Die Erlernung der Fußtempis wird erstlinig gleichfalls in drei Zeitabschnitten behandelt, nur sei dabei erwähnt, daß, falls dem Schüler die Gelegenheit benommen ist, die Schwimmtempi am Lande— entweder beim Turnen oder sonst irgendwo— zu erlernen, der Lehrer ihm am vorteil haftesten die elementarsten Bewegungen am Bandgurt bei bringt. Die Bewegungen sind natürlich die gleichen: Auf„Eins!" folgt dichtes Anhocken der Beine, auf „Zwei! Seitstoßen der Beine(möglichst weit gegrätscht)— die Füße verdrängen in vertikaler Lage das Wasser—, auf „Drei!" Schließen der Beine zur ursprünglichen Körperlage. Nach der getrennt anerworbenen Fähigkeit der Arm- und Beinbewegungen gehe nian zur Verbindung aller dieser Zeiten in eine einzige über. Gelingt es dem Lernenden, sich bei guter Jnnehaltung der Tempis über Wasser zu halten, so kann man unter Beigabe eines Korkgürtels zur Minderung der Anstrengung und Abhaltung vorzeitig eintretender Müdig- keit ihn versuchen lassen, sich selbst im Wasser vorwärts zu be- wegen. Es ist natürlich klar, daß bei jedem Schwimmtempo Bewegungserscheinungen auftreten, welche— abgesehen von der Förderung der Vorwärtsbewegung— einer solchen auch hindernd entgegenwirken. So kann seitens der Arme für die Vorwärtsbewegung nur das Oeffnen und Seitdrücken der- selben beitragen, alle anderen Bewegungen werden als för- dernd für die Fortbewegung nur unter Assistenz der Beine in Frage kommen. Das gleiche Verhältnis ergibt sich umgekehrt. Die Hauptantriebskraft ist die Beinarbeit; daher soll das Beintempo so breit als möglich, das Schließen derselben kräftigst ausgeführt werden. Die Arbeit der Arme, das Oeffnen derselben, soll ruhig, nicht überhastend und vor allem gleichmäßig ausgeführt werden. Auch die im Anhocken der Beine liegende negative Wir- kung verbietet ein ruckhaftes Ausführen dieser Bewegung. Häufig verlangen Schwimmlehrer von ihren Schülern ein ungemein starkes Anhocken der Beine— eine Forderung, deren Unrichtigkeit sich aus der Tatsache ergibt, daß durch eben dieses starke Anhocken die ganze Fläche der Oberschenkel dem Wasser eine bedeutendere Widerstandsbasis bietet, als dies sonst der Fall wäre. Es ist ferner unrichtig, mit dem Oeffnen der Arme den Oberkörper aus dem Wasser zu heben; der Rumpf soll ruhig liegen und darf sich bei stilgerechtem Schwimmen nur während des Abwärtsdrückens der Arme aus dem Wasser heben. Die Methode des Brustschwimmens ist, wenn auch körper- lich anstrengend, zweifellos die schönste aller auf dem Gebiete des Schwimmens vorhandenen Stilarten. Allerdings bedarf es zu ihrer restlosen Beherrschung dauernder Uebung, und es ist sehr schwierig, mit ihr große Schnelligkeiten zu erzielen oder längere Strecken zu bedecken." Sind auch die obigen Darlegungen mehr für Schwimm- warte bestimmt, so dürften auch Schwimmer manches daraus lernen können._ Fußball. Rüstig-Vorwärts 1. Mannschaft gegen Freie Turnerschaft Alt- Glienicke 1. Mannschaft 1:1, dieselben 2. Mannschaften S:2; Adler 3. Mannschaft gegen Herta 12 2. Mannschaft 5:2; Rapid-Mariendorf gegen Viktoria 6; 4; Spandau, Tharlottenburg kombiniert gegen Fichte III. 2: 1. Faustball. Eiche-Tegel gegen Zeuthen 1. Mannschaften 80: 72; dieselben 2. Mannschaften 89: 43. Raffball. Eiche-Tegel I gegen Zeuthen 11:2. Wetteraussichten für das mittlere Norddeutschland bis DienS- tag mittag: Ziemlich warm und schwül, vielfach heiter, aber der- änderlich. Im Küstengebiete mehr vereinzelte, im Süden weit ver- breitete Gewitter mit etwas Abkühlung. Ms aller Welt. das kriminaliftijche Talent im Fukunfts- staat. Vor dem Elberfelder Schöffengericht wurde dieser Tage gegen den früheren zweiten Geschäftsführer des Konsumvereins„Be- freiung" verhandelt. Der Mann ist des Diebstahls zum Schaden der ihm unterstellten Angestellten überführt, und zwar gelang die Ueberführung zwei Lagerhaltern, von denen einer bestohlen wurde. Der Bcstohlene, der als Zeuge geladen war, erörterte vor dem Ge- richt die Art der Entlarvung des Diebes, was den Vorsitzenden Richter zu der Bemerkung veranlaßt«: „Da haben Sie aber ein kriminalistisches Talent entwickelt, das Sie im Zukunftsstaate nicht nötig haben dürften." Dieser Richter hat offenbar vergessen, daß der„Zukunftsstaat", wie er sich ihn denkt, in feinen ersten Stadien noch mit allerlei lleberbleibseln des Klaffenstaates zu rechnen haben wird. Es ist ja zweifellos, daß viele heutige Staatsstützen, die der Sozialdemo- lraiie den Tod geschworen haben, sich mit Hurra auch in jede de- liebige andere Gesellschaftsordnung einfügen würden, die ihnen Profit und Karriere verspricht. Darf man doch sogar behaupten, daß das Bomvenschmeißen, wenn es gut bezahlt und mü Pensionsberechtigung verbunden würde, längst ein angesehener bürgerlicher Beruf wäre, den mancher gern ergreifen würde, der sich jetzt darauf beschränkt, Stinkbomben zu werfen. Solchen Renegaten wird man im.Zukunftsstaat" sehr auf die Finger passen müssen, und dafür sind kriminalistische Talente sehr wertvoll. Ganz davon zu schweigen, daß mit den Resten de» Verbrechertum» zu kämpfen sein wird, da» unser heutiger Staat und sein Strafsystem wäwr Wille» züchten. Zerstückelte Franenleiche. Im Donaukanal bei Wien wurde in einem Sack die Leiche einer Frau gefunden, der der Kopf, die Arme und die Beine fehlten. Im Rock der Frau wurde ein Zettel gefunden, welcher eine WohnungSadresse enthielt, die ein früherer Sanitätsdiener bewohnte. In dem Ofen deS Zimmers befanden sich noch Menschen- knochen. Der Sanitätsdiener Gustav Fasching wurde verhastet und hat bereits den Mord«ingestanden. Die Ermordete ist eine 70jährige Bettlerin, der er 140 ersparte Kronen raubte und sie dann ermordete. Gin majeftätsbeleidigender Jesuitenpater.' Der Jesuitenpater Ahmann hielt im November vorigen Jahres in Oberschlesien Missionepredigten ab; später wurden diese Predigten behördlich verboten. Jetzt ist gegen Atzmann ei» Steck- brief erlassen wordm, der damit begründet wird, daß der Regie- rungspräsident in Oppeln au» Milwaukee in Amerika eine An- sichtskarte bekam, die ein« Beleidigung des Kaiser» enthielt. Eine ähnliche Karte empfing auch ein Polizeirat in Beuchen. Der Ab- sender dieser Karte soll Aßmann sein. tSvavv Mark unterschlage«. Wegen Veruntreuungen in obengenannter Höhe verhastete die Hamburger Polizei den früheren Großkauftnann Friedrich Lembcke in Hamburg, über dessen Vermögen am Jahresanfang der Konkurs verhängt worden war. Gerettet! Aus Buenos Aires kommt folgende Nachricht: Die Passa- giere des argentinischen Dampfers„Mendoza" wurden alle an Bord des Dampfers„Mar del Plata" gebracht. Niemand ist um- gekommen. Wettrckord. Der französische Flieger L a p o r t e hat durch einen 9 Stun- den 16 Minuten dauernden Flug mit zwei Passagieren in der Um- gegend von Petersburg einen neuen Weltrekord aufgestellt. Explosion auf einem 5triegsschiffe. Aus Schanghai kommt die Nachricht: Bei einer heftigen Explosion an Bord des chinesischen Kanonenboote» �tsiengchi", die sich gestern Nacht in der Nähe von dem Arsenal von Kiangnan er- eignete, find 36 Marinekadetten getötet worden. Die Ursache de» Unglücks ist unbekannt. an. Das ist aber so dürftig, daß man, wie es mir jetzt in der Presse- abteilung geht, jeden Tag vor neuen Rätseln und Problemen steht. Für den Kameraden in der Front ist die Sache verteufelt einfach. Er ist auf S. M. vereidigt, der oberste Kriegsherr und dessen Militär- kabinett ist ftir ihn die höchste und einzige Instanz, der er verantwort- lich und von der er mit seinem Wohl und Wehe abhängig ist. Er braucht sich den Teufel um das Reichstagsgequassel, das Ragout von Parteien und die politische Konstellation zu kümmern. Und für Euch im Generalstab kommt die Politik auch nur in Betracht, soweit sie mit Euren genialen strategischen Plänen in Verbindung sieht. Aber wir hier im Kriegsministeriu» find die Prügeljungen der Politik. Und so geht es uns auch jetzt mit dem Prozesse gegen das holde Röschen.(Der Teufel möge sie lotweise holen; aber der wird sich bestens bedanken.) Die Sache lag doch verdammt klar; das Frauen- zimmer hatte in einer Hetzrede von Kasernendramen gesprochen, die bei uns an der Tagesordnung seien. Das war eine Beleidigung der herauskitzcln und ihnen einen Denkzettel geben, daß sie ihre Quadrat- schnauzen sobald nicht wieder aufmachen.— Wenn ich die Dinge von dieser Seite aus betrachte, sehe ich, daß es mit unserer Denkschrift allerhöchste Zeit wird. Wenn ich jetzt nur mehr Zeit für mich hätte. Aber wir sitzen im Kriegsministerium jetzt mächtig in der Bredouille und müssen stundenlang über die Bureauzeit schuften. Die Staatsanwaltschaft hat uns das Zeugenmaterial im Luxemburg-Prozeß überwiesen, und jetzt heißt es nun bei den Truppenteilen recherchieren lassen, ob da einmal ein Kerl verhauen oder geschliffen worden ist. Was bei solchen dienstlichen Recherchen herauskommt, weißt Du so gut wie ich. Da ist immer alles in Butter und von Mißhandlungen(ich wende das verwünschte Wort nur höchst ungern an) weiß von den Instanzen niemand nichts. Aber an Gerichtsstelle, vor den pedantischen Zivil- juristen, denen als Reserve- und Landwehroffizieren auch nicht wohl bei der Sache ist, kann die Geschichte doch anders kommen, und die Armee S. M. Exzellenz, der sich zum Prinzip gesetzt hat, scharf zu-! Kerls können Kasernengeheimnisse ausplaudern, die die Oeffentlichkeit zupacken erfährt es d-urch unsere Prcsseabteilung und läßt citis5!rne Strasantrog stellen. Die Justiz hätte dann weiter nichts zu tun, als zu verknacken, wie sie's ja schon in unzähligen Fällen getan hat. Da werden diese Paragraphenherren auf einmal kopfscheu und lassen sich von den mosaischen Rechts- verdrehern der Petroleum-Rosa reinlegen. Ein mehr als kriegsstarkes Bataillon von Zeugen soll aufmarschieren und beweisen, daß sie in der Kaserne gepiesackt worden sind, oder daß sie solche Dinge gesehen haben. Darob helle Verzweiflung beim Staatsanwalt, geheime Be- raiungen zwischen Kriegsministerium und Staatsanwaltschaft. Das Resultat ist ein alles andere als ehrenvoller Rückzug, denn etwas anderes ist die mühsam durchgedrückte Vertagung nicht. Ich weiß, daß Ihr in Eurer Generalstabsbude Heimsich nicht schlecht grient über den Neinfall von uns Karmoisinmißvergnügten in der Leipziger Straße. Aber die Geschichte ist blamabel für die ganze Zunft. Wenn wir erst über solche Zwirnsfäden wie rechtliche Bestimmungen, politische Situation und öffentliche Meinung zu stol- pern beginnen, wird die Sache oberfaul für uns. Es wird daher höchste Zeit, daß diesen demokratischen Zeitströmungen ein sehr fester Damm entgegengesetzt wird. Letzten Endes sind es ja nur die ver- dämmten Sozialdemokraten, die den ganzen Rummel machen. Mit dem zeitweiligen Gebelfere der Fortschrittsonkels würden wir schnell fertig werden. Wenn der Adjutant irgendeines großen Tieres so einem liberalen Zeitungsfritzen herablassend auf die Schulter klopft, ist der Mann ganz selig und wird militärfromm wie der Krieger- Vereinsvorsitzende von Posemuckel. Und es wäre noch zu erwägen, ob man nicht das krummbeinige Söhnchen des einen oder anderen mosaischen Kommerzienrats Reserveonkel werden lassen sollte. Der liberalen Militäropposition wäre dadurch sicherlich der Stachel ge- nommen. Aber die Roten, die verfluchten Roten! Wenn die Kerls doch mit ihrem Massenstreikzimmt recht bald Ernst machen wollten. Dabei könnte man sie, solange noch für uns Zeit ist, aus der Wolle mehr als nötig aufregen. Ich sage Dir, man cber, es ist eine ganz verfluchte Situation! Daß es in unseren Kasernen nicht zugeht wie in einem Pensionat höherer Ganse, weißt Du so gut wie ich. Wir haben beide als Rekrutenoffiziere und im Frontdienst Dinge mit ansehen müssen, die wir eigentlich nicht hätten sehen sollen. Was will man aber machen, wenn man nicht unliebsam auffallen will, und die Kerls ftir die Besichtigungen, Paraden usw. gedrillt sein sollen. Dein Häuptling liegt Dir die ganze Zeit auf der Pelle, der wird wieder vom Bataillons- kommandeur kujoniert, und so geht's die ganze Jnstanzenleiter rauf. Da nimmt man sich eben die Unteroffiziere an die Kandare, und die müssen aus den Kerls herausholen, was herauszuholen geht. Nach dem„Wie" kann man nicht immer fragen, wenn man auch auf- passen muß. daß die Sache nicht gar zu toll getrieben wird. Ontrc tkzuz: Es ist eben ein höllischer Widerspruch in unserer Ausbildungs- Methode. Man kann die Kerls nicht gleichzeitig zu guten Parade- soldaten und zu brauchbaren Feldsoldaten ftir den modernen Krieg machen. So drillt man eben drauflos, daß die Lappen fliegen. Na, und wo Holz gehackt wird, fallen Späne. Doch ich sehe, daß ich eine Epistel verbrochen habe, die länger ist als die St. Pauli an die Römer. Und das Wichtigste habe ich doch nicht geschrieben, weil einem der verdammte Luxemburg-Prozeß in einem fort durch den Schädel geht. Das Wichtigste nämlich ist, daß ich um unserer Denkschrift willen und aus anderen dienstlichen Gründen bei der politischen Abteilung des Polizeipräsidiums Informationen über die sozialdemokratische Bewegung eingeholt habe. Ich habe da am Alexanderplatz manches für unsere Arbeit Wertvolle er- fahren, werde auch in nächster Zeit dort noch einmal vorsprechen. Doch davon mündlich mehr. Schreibe mir, wenn Du einen Nachmittag für mich frei hast und habe ein wenig Mitleid mit Deinem schwer- geplagten Erich Vetter. Ernet- Kinöliche Gespräche. Der Knabe: Immer, wenn Nacht noch wie Sintflut rauscht und Schnarchen am Gitterbett sägt, schlägt eine Ahr und schlägt laut durch mein Blut das ein Pfühl überbsuscht. And ehe noch Schlagen verstummt, blitzt schon der Lampe Kreis und der Vater fährt heiß aus dem Schweiß und der Samowar summt. And lüpft mir Pupille dann kleinen Spalls wird Kaustür schon zugeknallt und von dem, der da ins Dunkel stürzt weiß ich nur dies: daß er mich liebt und daß man ihm jeden Kuß, den er mir gibt, vom Stundenlohn kürzt. Das Mädchew» Meine Mutter muß waschen geh». Ich bin allein in der Stube. Vater kommt schwarz aus der Grube und will meine Puppe sehn. Ich Hab ihm die Suppe gewärmt. Nach Tisch ist er eingeschlafen und wollt doch den Fränzi strafen, der mit dem Schießgewehr lärmt. Wohin bin ich mit einmal geschwellt? Ach, morgen ist Sonntag wieder.. Ich bin zuerst auf wenn Milchwagen schellt. And wenn sich Alleen grün breiten,« gehen wir alle aufs Kirmes-Feld und Mutter muß auf dem Löwen reiten. Paul Zech. Verantwortlicher Alfred Scholz, Neukölln. Für den Jnseratenteilverantw.: Th. Glocke, Berlin. Drucku. Verlag: VorwärtZBuchdruckerei tt. verlagSanftatt Paul Singer& Co., Berlin SlÄ