Nr. 189. HbonnemeiitS'ßedlngangfli: MwnnementZ- PreiZ pränumermido! Lierteljährl. 3,Z0 Ml, monalL 1,10 Ml, wöchenllich 28 Big, frei WS Hau!. Einzelne Nummer ö Big. EomUagS. nummer mit illustrierter EmmtagS- Beilage.Die Neue Bell* 10 Big, Paft- Wonnement: 1.10 Marl pro Monat, Eingetragen in die Poft-ZeitunaS- BreiSIijie. Unter Kreuzband für Teutichland und Oesterreich- Ungarn 2,50 Marl, für das übrige Ausland « Marl pro Monat. Postabonnement« nehmen an: Belgien. Dänemark bolland. Italien, Luxemburg, Portugal, 'nien, Schweden und die Schwei«. 31. Jahrs. Die Insertion;-Lebilhi' beträgt für die scchSgespaltene Nolonel. zeile oder deren Ziuum M P>g„ für politische und gcwertichasrliche Bereins- und Versnmmlunge rinzcigeti SO P!g, „Aleine Anrcigen". das fettgedruikte Wort 20 Pfg, izulSssig 2 settgedruclte Wortes, sedes weitere Wort 10 Pfg, Stellengesuche und Schlnsstcllenan. zeigen das erste Wort 10 Psg„ jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch- 'taben zählen für zwei Worte, Itisernte ür die nächste tiluinnier inüjse» bis ; Uhr nachmittags in der Erpedilion abgegeben tvcrden. Die Expedinon ist bis 7 Uhr abends geössnct. ei1chei»t IZgllch. Verlinev VolksblÄkk. Telegramm- Adresse: „Swlaläcnioiirat Kerlin". Zentralorgan der rozialdemokratifchcn Partei Deutfchlands. Redaktion: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morinplatz, Nr. 1S8Z. Dienstag, den 14. Juli 1914. Expedition: SM. 68, Lindenstraasc 69. Fernsprecher: Amt Moritsplati. Nr. I.S8t. Die bedrohten vreaünoughts London, 10, Juli 1914.(Eig, Ber.) Die Veröffentlichung des Briefes des englischen Admirals Sir Per cy Scott, in dem dieser vor einigen Wochen des längeren dartat, daß die Entwickelung der Unterseeboote und der Flugfahrzeuge die Dreadnoughts und alle auf dem Wasser schwimmende Kriegsschiffe zu a l t e m E i s e n gemacht habe, hat in England eine lange und lebhafte Diskussion her- vorgerufen, die sobald nicht zu Ende kommen wird. Heute greift Sir Percy Scott in die Diskussion ein. um iu den Spalten der„Times" die Einwände zu widerlegen, die man gegen seine Ausführungen gemacht hat: „Viele Seeoffiziere haben geschrieben, daß sie mit mir über- einstimmen. Andererseits haben viele Kritiker gemeint, daß ich zu früh bin, daß ich als jetzt bestehende Tatsache angenommen habe, was in der Zukunst möglich ist, daß der Torpedo im Kriege enttäuscht hat und daß das Unterseeboot blind und langsam ist und leicht zerstört werden kann. Keiner meiner Kritiker hat in zufriedcnstcllerdcr Weise erklärt, was unsere Schlachtschiffe tun würden oder tun könnten, wenn wir mit einer Nation, die mit Unterseebooten gut ausgerüstet wäre, Krieg führten." Der Admiral geht dann einzeln auf die wichtigsten Ein» wände ein, die man ihni gemacht hat. So erwidert er dem Lord Sydenham, der erklärt hatte, daß der Torpedo im russisch-jopanischen Kriege nicht das geleistet habe, was man von ihm billigerweise erwartete: „Am ersten Abend nach der Kriegserklärung taten die Ja- paner mit Torpedos, die den jetzt gebrauchten sehr nachstanden, den russischen Schlachtschiffen genügend Schaden, um sie nach Port Arthur zu treiben, und die Drohung mit einem weiteren Torpedoangriss verhinderte diese Flotte, bei Nachtzeit wieder aus dem Hafen hervorzukommen." Viele Kritiker hatten ausgefühtt, daß das Unterseeboot eine sehr mchigelhaftc Waffe sei. Unter anderew könne man das Periskop schon von weitem sehen. Scott, verneint dies und zitiert aus dem Briefe eines englischen Seeoffiziers desseü Erfahrungen bei den letzten Flottenmanövern. Es heißt dort: „Während der letzten Manöver war ich in der Nordsee in einem Panzerkreuzer erster Ksasse. Wir vermuteten, daß Unter- seeboote in der Nähe waren, die verschiedene unserer Schiffe„in den Grund gebohrt" hatten etwa dort, wo wir am vorher- gehenden Tage gewesen waren. Wir schauten deshalb besonders scharf nach ihnen ans. Das Wetter war beinahe ruhig und fast klar und war für die Entdeckung der Unterseeboote ideal. Zu unserem Gram kam eins weniger als tOO Meter von uns an die Oberfläche und signalisiertc: Ich habe zwei Torpedos in Sie geschossen und erkläre Sie für aktionsunfähig." Dem Einwand, daß die Torpedoröhren der Unterseeboote fest sind und deshalb das genaue Zielen schwierig machen, be- gegnet Scott mit dem Hinweis, daß das Unterseeboot so dicht an sein Opfer herankommen kann, daß der Torpedo nicht gut vorbeigehen kann. Auf die Behauptung, daß Unterseeboote, wenn sie an die Oberfläche kommen, leicht durch Kanonenfeuer zerstört werden können, entgegnet der englische Admiral, daß die Unterseeboote nicht warten, bis sie als Zielscheibe benutzt werden kömien, daß sie vielmehr gleich untertauchen und eine günstigere Gelegenheit abwarten. Der Admiral Bacon hatte geschrieben:„Der Gedanke, Kauffahrteischiffe durch Untersee- boote anzugreifen, ist barbarisch." Sein Kamerad Scott meint dazu: „Jeder Krieg ist natürlich barbarisch, aber im Kriege be- absichtigt der Feind, seinen Gegner zu erdrücken; um dies zu bewerkstelligen, wird er ihn an der verwundbarsten Stelle an- greifen. Unsere verwundbarste Stelle ist unsere Nahrungsmittel- und Oelzufuhr. Das Unterseeboot hat eine neue Methode ein- geführt, um diese Zufuhr anzugreifen. Werden Gefühle der Menschlichkeit unseren Feind davon abhalten, diese Methode zu benutzen?" Das Wichtigste an dieser spannenden Debatte sind die Argumente für und gegen die großen Kriegsschiffe. Der Admiral Cleveland hatte dem Sir Percy Scott vorgehalten, daß er zwei wichtige Aufgaben der Schladstschisfe in Kriegs- zeiten vergessen habe, nämlich die Beschütznng der Zufuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen und die Blockade feindlicher Häfen. Daraus antwortet Scott: „Wenn Schlachtschiffe im Kriege versuchen sollten, die Häfen eines Feindes zu blockieren, der Unterseeboote besitzt, werden die Schlachtschiffe wahrscheinlich auf den Meeresgrund geschickt werden. Schlachtschiffe müssen sich von den Häfen eines Feindes, wenn dieser Unterseeboote hat, fernhalten." Ein anderer Einwand lautete: Wir müssen Schlachtschiffe und große Kreuzer haben, damit wir sie ausschicken können, um die Kolonien unseres Feindes wegzunehmen. Sir Percy Scott zeigt, daß es keinen Zweck habe, Schlachtschiffe auszu- schicken, wenn der Feind in seinen Kolonien Unterseeboote hat. Ein beliebtes Argument lautet: Wir müssen Schlacht- schiffe und Kieuzer haben, um unseren Handel auf hoher See beschützen zu können. Weshalb auf hoher See? fragt der eng- tische Admiral: der Feind brauchte sich ja nicht die Mühe zu geben: mit seinen Unterseebooten brauchte er nur an der Themsemündung oder vor anderen Häfen zu warten, bis die Schiffe wie die Eisenbahnzüge einführen. Von anderer Seite ist darauf hingewiesen worden, daß man die Schiffe voll- kommen gegen die Angriffe der Unterseeboote schützen kann, indem man cm den Eingängen der Häfen Minen legt. Dazu meint Sir Percy Scott, daß das Iftnenlegen eine lange Zeit in Anspruch nehme und daß die feindlichen Unterseeboote unterdessen nicht warten würden. Ein Seeoffizier schrieb:„Das Unterseeboot hat das Moment der dauernden Unsichtbarkcit eingeführt. Scheinwerfer sind zwecklos, die Kanone hilflos und das Unterseeboot kann außerhalb der Hafensperrung warten, lvenn es nicht durchbrechen kann. Dreadnoughts' werden nicht vom Ozean getrieben werden, sondern sie werden auf den Ozean hinausgetrieben werden. Als Antwort darauf liest man:„Aus diesen Bemerkungen geht hervor, daß unsere Dreadnougths nach der Kriegserklärung aus Furcht vor den Unterseebooten-hinaus auf die See fahren werden. Wenn das der Fall, so müssen sie von Zeit zu Zeit zurückkommen, um Kohlen einzuladen— und welch eine Ernte werden dann die Unterseeboote einheimsen! Ich glaube, es wäre besser, unsere Dreadnougths in einen Hafen einzuschließen, wenn wir einen.sicheren Hafen haben." Arme Dreadnougths! Noch vor kurzem waren sie der Stolz der Chauvinisten aller Länder und heute schreibt ihnen der englische Admiral, der am meisten zur Entwickelung ihrer Angriffskraft beigetragen hat, keine Bedeutung mehr zu. Ja, nach seiner Ansicht werden sie uns in Kriegszeitcn nur Sorgen bereiten. Sir Percy Scott glaubt nicht, daß sich der große Um- schwung, der sich im Seekriegswcsen vollzieht, die den Na- tioncn aufgebürdeten Rüstungslasten vermindern wird. Er glaubt im Gegenteil, daß die Herrschaft des Unterseebootes die Lasten noch vermehren wird. Den Beweis bleibt er uns allerdings schuldig. Er scheint nur die Rüstungsfabrikanten beschwichtigen zu wollen, auf deren Widerstand gegen die gekennzeichnete Entwickelung im Laufe der Diskussion mehr als einmal hingewiesen wurde. Mnter öem alten schwarzrotgoldenen öanner der Zreiheit". Koburger Wahlbetrachtungen von Konrad Haenisch. I. Koburg, 12. Juli. Von jeher habe ich es für geschmacklos und verkehrt gehalten, nach einem unbefriedigenden Wahlausfall laut über die diesmal ganz besonders hervorgetretene Schlechtigkeit der Feinde zu stöhnen, alle Schuld nur in dieser Schlechtigkeit zu suchen, und die Fehler, die etwa im eigenen Lager gemacht worden sind, möglichst der- schwinden zu lassen. Im Grunde genommen steht schließlich— von Gradunterschieden abgesehen— die bürgerliche Agitation immer und überall auf so ziemlich demselben tiefen Niveau, und es macht keinen allzu großen Unterschied aus, ob man sich in Berlin I mit dem Frei- sinn, im Westen mit den München-Gladbachern, in Mitteldeutschland mit den ReichSverbändlern und Nationalliberalen, oder im Osten mit den Junkern herumzuschlagen hat. Es sind immer nur der- schieden« Nummern desselben Fadens. Und wenn wir Niederlagen erleiden oder doch nicht fortschreiten in Kreisen, auf die wir Hoff- nungen gesetzt hatten, so liegt ein gewisser Teil der Schuld stets auch an uns selbst. DaS gilt auch für den Koburger Kreis, in dem leider— von anderen Dingen abgesehen— die Organisations- berhältnisse ganz im argen liegen. Was da in Jahren versäumt worden war, konnte natürlich in den kurzen Wochen des Wahlkampfes nicht wieder gutgemacht werden. Also: ich bin der letzte, der etwa alle Schuld an dem un- befriedigenden Wahlausfall vom 10. Juli den bösen Feinden in die Schuhe schieben möchte. Trotzdem muß ich sagen: ein Wahlkampf solchen Kalibers, wie er in Koburg in diesen letzten Wochen durch die Fortschrittliche Volks Partei geführt wurde, ist mir — trotz reicher Wahlkampferfahrungen in vielen Teilen Deutschlands — noch niemals vorgelomnien I Es ist einfach nicht wahr, wenn das«Berliner Tageblatt" in seiner Ausgabe vom Sonnabendabend behauptet, daß die Fortschrittler den Wahl- kämpf unter energischer Betonung ihrer Grundsätze geführt hätten- Von grundsätzlichen Dingen, von politischen Dingen überhaupt, ist gewiß hier und da in Reden freisinniger Führer wie Naumann und L i s z t gesprochen worden, in der allgemeinen Wahlagitation der Fortschrittler aber, besonders in der Kleinagitation, war von Politik überhaupt so gut wie gar nicht die Rede! Alle von unserer Seite unternommenen Versuche, die Fortschrittler dazu zu bewegen, sich mit uns auseinanderzusetzen über Fragen der Reichspolitik, über das Koalilionsrecht, die Zollpolitik, über Heeres» und Flottensragen, über die Dinge der auswärtigen Politik scheiterten. Immer wieder klangen uns in ewigem Einerlei die beiden ominösen Worte entgegen: Niederfüllbacher Stiftung! N i e d e r fü l l b a ch e r S t i st u n g I Nieder» füllbacher Stiftung! Nagelten wir die Fortschrittler auf ihre volksverräterischen Taten im Reichstage fest, so klang es uns entgegen:«Ja, ja... aber wie steht i h r zur Niederfüllbacher Stiftung 1' Fragten wir sie, welche Haltung sie einzunehmen gedächten in den zollpolitischen Kämpfen der nächsten Jahre, so hieß es wieder:«Ach was! Die Niederfüllbacher Stiftung.. Und so fort in« Unendliche! Auf ein« einfache Formel gebracht bestand die fortschrittliche Wahlagitation einfach in folgender Behauptung:«Wählt ihr unseren Arnold, so kommen die Niederfüllbacher Millionen aus Belgien nach Koburg, so können die Landessteuern um eine viertel bis eine halbe Million Mari jährlich erleichtert werden." Und diese ganze Agitation war nichts andere? als ein auf» gelegter Schwindel! Ernsthafte Politiker und Staatsrechts- kundige aller Parteien sind mit allen Regierungsstellen, mit dem gesamten Auswärtigen Amt und mit jedem verständigen Menschen darin absolut einig, daß der Reichstag in Sachen dieser nebelhaften Millionen aus des belgischen Leopold Nachlaß nichts, aber auch gar nichts tun kann. Die Belege für diese Auffaffung schlechterdings aller in Betracht kommenden Stellen liegen vor. Mit dem ReichstagSwahlkampf hatte daher die ganze Sache genau so wenig zu tun wie etwa die Frage nach der Bewohnbarkeit des Mars. Die ganze Agitation war also nichts anderes als ein Schwindel, der moralisch um keinen Deut höher stand, als etwa der bekannte Schwindel der spa- nischen Schatzgräber, auf den auch Jahr füv Jahr viele Dumme hereinfallen. Daß mein Urteil über diesen Schwindel und über die Rolle, die er im Wahlkamps spielte, nicht zu hart ist. möchte ich dem„Ber- liner Tageblatt" beweisen durch einige Sätze ans dem Leitartikel, in dem in ihrer Ausgabe vom Sonntag, den 12. Juli(Nr. 161) die scharf sozialistenfeindliche nationalliberalen„Koburger Zeitung" das Wahlergebnis würdigt; hier sind sie: „Die Niedcrfüllbacher Stiftung hat gesiegt! ... Es ist wirNich nicht schwer, die wahre Ursache dicses von keiner Partei erwarteten Ergebnisses zu finden. Hätte Herr Arnold zum erstenmal kandidiert, so würde man geneigt sein, in seiner Wahlziffer den Ausdruck eines ganz besonderen Vertrauens zu er- blicken. So aber hat er erst im Jahre 1906 mit Herrn Dr. Qnarck um das Reichstagsmandat gekämpft— und nur;>043 Stimmen erhalten, obwohl doch seine in der jetzigen Wahlagitaiion ge- rühmten Verdienste sicher auch schon damals, wo er gerade sein 2SjährigeS Jubiläum als Landtagsabgeordneter halte feiern können, bestanden haben. 3043 und heute 0612, also fast doppelt so viel! ISOS gab eS noch keine Steinachtalbahn und keine Niederfüllbacher Stiftung,— das ist dcö Räs e l« L ö s un g. Man rühmt den Bauern einen starken konservativen Geist nach, man weiß, daß sie nur mit Zweifel an die Dinge des Frei» sinns herantreten. Und doch haben sie scharenweise die national- liberale Fahne verlassen, um in das freisinnige Lager zu desertieren. Mit ihnen ging keine geringe Zahl Sozialdeniokraten... Dies alles hat nur das liebe Geld, haben nur die Niederfüllbacher Millionen zu st an de ge- bracht. Der Vorsitzende der nationalliberalen Partei Herr Professor Dr. Gebhardt hat in seiner gestrigen Ansprache an die Parteifreunde die Situation durchaus richlig gekennzeicknet, wenn er lonstatierte. daß die Narionalliberalen nicht Vein Freisinn unterlegen, sondern einem ganz plumpen Schwindel zum Opfer gefallen sind!" Das nationalliberale Blatt führt dann in einer besonderen um» kränzten.Ehrentafel" die Namen aller der Gemeinden des Koburger Landes ans,«welche nicht auf den Niedcrfüllbacher Leim gekrochen sind". Auf derselben politischen Höhe wie der Niederfüllbacher Schatz- gräberschwindel des Freisinns stand seine(in dem Zitat aus dem nationallibcralen Blatte erwähnte) durch und durch krähwinkelige Agitation mit der Steinachtalbahn— irgend einer gleichgüliigcn Lokalbahn, um deren Bau sich Herr Arnold als Präsident des eis Mann starken Koburger Landtages angeblich unsterbliche Verdienste erworben hat. Und angesichts dieser Agitationsmethoden, die, wie gesagt. den ganzen Wahlkampf durchaus beherrschten, wagte ein srcisiiiniges Flugblatt unmittelbar vor der Wahl zu behaupten, die Fortschrittlcr hätten den Wahlkampf geführt—«unter d e in alten schwarz-rot-goldcnen Banner der Freiheit!" ES ist zum Erbrechen! * Moralisch womöglich noch tiefer als Steinachtalbahnagitation und Schatzgräberschwindel stand die Propaganda, die die Fort- schrittlcr unter den blutarmen Hausindnstriellen des Koburger Landes führten, eine Propaganda, die auf den Say hinauslief:«Wählt ihr unseren Arnold, so braucht ihr künftig für eure Arbeiter keine Beiträge zur Kraiikeiiversichcrimg mehr zu bezahlen. Diese Last haben euch allein die verfluchten Sozialdemo- kraten aufgebürdet." Nun steht es ganz außer Zweifel, daß den armen kleinen Hausgewerbetreibenden der im Koburger Lande starl verbreilcten Spielware»« und Korbmacherindustrie die Bezahlung der Ber- sicherungsbeiträge überaus sauer wird. Diese armen Schlucker haben selbst oft nur Wochenverdienste von 15— 20 M. und wenn sie sich auch stolz«selbständige Fabrikanlen" nennen(der Freisinn nähr! diesen durch die Tatschen täglich Lügen gestraften Selbständigkeits- Wahn der armen Menschen mir den niedrigsten Mitteln einer skrupel- losen Demagogie!)— wen», sage ich, diese armen Leute silb auch stolz„selbständige Fabrikanten" nennen, so sind sie doch in Wahr- heit selbst nichts anderes als arme, ausgebeutete Proletarier. Ich war in diesen Wochen in solchen hausgewcrblichen Betrieben und kann nur sagen, daß das Elend, das der hier in seinen wider- lichsten Formen sich auswirkende Kapitalismus geschaffen hat, ganz unbeschreiblich ist, daß sich das Herz jedes fühlenden Menschen zusammenkrampfen müßte beim Anblick dieses namen- losen Jammers. Es ist deshalb auch selbstverständlich ganz ungerechtfertigt, daß. diese armen„Fabrikanten" einen großen Teil der Verficherungslassen tragen müssen. Bon Rechts wegen müßten diese Lasten r e st l 0 s den reichen Händlern, den sogenannten«Kauf- leuten", auferlegt werden, die aus dem Doppelelend der kleinen .Fabrikanten" und ihrer Arbeiter rotes Gold münzen. Dafür kämpft denn anch gerade die Sozialdemokratie— gegen den zähen Widerstand der fortschrittlichen Klassengenoffen dieser Kaufleute. Die Sozialdemokratie hat ja auch bekanntlich dem ganzen jainmer« vollen Pfuschwerk der ReichsbersicherungZordmmg den schroffsten Mderslaud entgegengesetzt und das Gesetz schlietzlicki einmütig abgelehnt, während die Liberalen beider Schattierungen ihm zustimmtenl Diesen völlig klaren Tatbestand verkehrten nun die Fort« schrittler in sein Gegenteil! Mit einer beharrlichen Ver« logenheit, wie ich sie selbst beim Reichsverband und bei den Zög- lingen der Münchcn-Gladbacher Jesuitenschule noch niemals erlebt habe, machten sie aus Schwarz Weiß und aus Weiß Schwarz. Selbst ein Mami wie der Reichs- und preußische Landtagsabgeordnete Rektor K o p s ch hatte die Stirn(das Stenogramm seiner Rede liegt mir vor!) den verstorbenen früheren Abgeordneten für Koburg, den Genossen Fritz Zietsch, indirekt für die bestehenden Mißstände ver- antwortlich zu macheu. Und das alles—„unter dem alten schwarz- rotgoldenen Banner der Freiheit'!(Schluß folgt.) politische Ueberftcht. Gegen die Opfer des Charlottenburger Teukmals- Prozesses. Die ungerechte und drakonisch hohe Strafe von 6'/z Jahren Gefängnis gegen die vier Arbeiter, die das Kaiser-Friedrich-Denkmal mit den Worten«Rote Woche' bepinselt hatten, hatte die lebhafteste Empörung nicht nur sozialdemokratischer Kreise hervorgerufen. Wir berichteten, daß auch an uns von der Partei fernstehenden Kreisen Summen mit der Bitte eingeschickt waren, sie zugunsten der Familien- angehörigen der Opfer der Hetze gegen die Sozialdemokratie zu ver- wenden. Um für die einlaufenden Spenden eine einheitliche Stelle zu schaffen, teilte, ivie unsere Leser sich entsinnen, der Zentral- vorstand des Wahlvereins von Teltow-Beeskow mit, daß sein Kassierer solche Beiträge entgegennimmt und die Auszahlung der Unterstützung regeln werde. Wegen dieser Verössent- lichung sind jetzt Strafverfahren eingeleitet. Der Redakteur der„Fränkischen Volkstribüne' Genoffe Hacke und in den letzten Tagen die Genossen Max Groger als Sekretär und Alex P a g e l s als Kassierer des Wahlverems von Teltow-BeeSkow sind wegen„Aufforderung zu einer unerlaubten Sammlung' verhört worden. Es erübrigt sich ausführlich darzulegen, daß eine Straftat keineswegs vorliegt. Weder das Geben von Geldern für die Kinder der Opfer des Charlottenburger Urteils noch das Annehmen solcher Gelder und ihre Entgegenführung der Zweckbestimmung ist strafbar. Solche Handlungen waren nicht einmal unter dem Sozialistengesetz strafbar. Der Versuch einer Bestrafung für die Linderung der Lage der Frauen und Kinder der zu b>/z Jahren zu Unrecht Verurteilten ist für unseren Staat charakteristisch. Bei diieser Gelegenheit möchten wir darauf hinweisen, daß noch immer bürgerliche Preßorgane sich finden, die behaupten, der „Vorwärts" habe im März die Anpinselung des Denkmals als eine so ruchlose Tat bezeichnet, daß sie nur von Spitzeln ausgeführt sein können. Derartiges ist, wie unsere Leser wissen, dem„Vor- rnärts" nie eingefallen. Er hat mit vollem Recht am tS. März erklärt, die Tat sei ein bedauerlicher Unfug, weil Denkmäler unter öffentlichem Schutz stehen, die Personen, die unbedacht jene Tat bc- gangen haben, könnten aber als MildcrungSgrund sich darauf berufen, daß siedurchdiePolizeiprovoziertwar. Denn wäre das polizeiliche Verbot der Plakate nicht ergangen, so wäre wahrscheinlich niemand auf den Gedanken gekommen, durch Auf- schrift an einem Denkmal die Aufmerksamkeit auf die„Rote Woche" zu lenken. Und damit hatten wir völlig recht. Die Parteileitung von Groß-Berlin hatte eine Erklärung veröffentlicht, in der gesagt wurde:„Gewiffe Umstände legen den Verdacht nahe, daß man es mit der verächtlichen Tat eines Spitzels oder eines fanatischen Gegners unserer Partei zu tun hat." Im Anschluß hieran erfolgte unsere oben wiedcrgegebene Darstellung. Neue Nahrung dem Gefasel, der„Vorwärts" habe das Beschreiben des Denkmals für eine Spitzeltat gehalten, gibt eine Auslassung in der neuesten. Nummer der„Fackel". In ihr heißt es: verklungene Zeiten. Unsere Hagener Parteiorganisation begebt oni 14. Juli die Feier ihres Löjährigen Bestehens. Zu diesem Tage hat der Partei- iekretär des Kreises, Genosse Konrad Ludwig, eine Gedenkschrift verfaßt, die den Titel„Der Freiheit eine Gasse" trägt. In ihr sind eine Reih« recht interessanter Erinnerungen rniS der politischen Vergangenheit des KrciseS erwähnt, die zu der Gegenwart in mehr als einer Beziehung stehen. In die längst verklungene Zeit, wo der deutsche Liberalismus noch incht sein ganzes Heil in würdeloser Leiselreterei erblickte, führt uns die Einleitung der Broschüre zurück. Als 184g die National- verjainmlung vom Ministerium Brandenburg auseinandergejagt worden war, beschloß die liberale Hagener Stadtverordneten- Versammlung, ihren zu einer Gemeindevertreterkonferenz der Provinz Westfalen entsandten Vertretern folgende Instruktion mitzugeben: „Se. Majestät möge geruhen, die jetzige n Räte der Krone zu entlassen und sich mit einem volkstüm- lichen und deutschgesinnten Ministerium um- geben, die von der deutschen Nationalversammlung beschlossene Verfassung, vorbehaltlich der verfassungsmäßigen Revision, als rechtsverbindlich anzuerlennen.' Das waren immerhin Worte, die heute in keiner liberal be- herrschten Stadtväterversammlung mehr möglich wären, wo man durchweg eine höllische Angst vor der„Ileberschreitung der Kompetenzen" besitzt. Aber es waren nicht nur Worte, sonder» auch immerhin Taten, was die Liberalen von 1849, wenn auch vergeblich, der junkerlichen Reaktion entgegensetzten. Zur Unterdrückung des Aufstandes in Baden wurden von den preußischen Behörden alle Wehrmänner zu den Waffen gerufen. Eine Versammlung in Altenhagen, die von 3999 bis 4999 Personen besucht war, beschloß darauf, daß die Wehrmänner sich nicht einllciden lassen dürfen. Als die Einkleidung am 19. Mai auf einem großen Hagener Platze vor sich gehen sollte, trat einer der Wehrmänner, Ruhraufseher F u n ck e vor und frug den überwachenden Major, wozu die Einkleidung geschehen solle. Auf eine ausweichende Antwort erklärte Funcke, die preußische Fahne sei entehrt, sie alle wollten sich nur um die schwarz-rot-goldene scharen. Als darauf der Major Freiwillige vor die Front rief, traten nur zwei Schwelmer vor, die aber nicht eingekleidet, sondern von den Hagenern jämmerlich verprügelt wurden. Nach diesem Akt wurde über ganz Hagen, Jser- lohn und eine Anzahl ländlicher Kreise der B e l a g e r u n g s« zustand verhängt. Militär rückte von allen Seiten heran. Ein eigentlicher Kamps fand nicht statt, da die ungenügend bewaffneten Bürgerwehren gegen die Soldaten natürlich nichts untcrnehnien konnten. Beim Einzug der Truppen in Iserlohn wurde jedoch ein Offizier er- schössen, worauf das Militär furchtbare Rache nahm. 43 Bürger b�lieben tot auf dem Platze. Ein späterer Prozeß vor dem Schwurgericht in Wesel, das gegen mehr als«9 Angeklagte— unter ihnen C. W. Tölcke— verhandelte, endete mit der Freisprechung der Sünder. Die drei.Rädelsführer' waren rechtzeitig nach Amerika geflohen. Die Reaktionszeit vermochte nicht, bei den Hagener Liberalen den Kampfgeist völlig zu bannen, wenn auch Ende der fünfziger und und Anfang der sechziger Jahre schon eine Trennung unter ihnen bemerkbar wurde, die im wesentlichen auf die Arbeiterfrage zurückzuführen ist. So z. B. lehnte die Hagener Stadtverordneten- Versammlung e» 1VSS ab, einer amtlichen Aufforderung, städtische „Allgemein war man deshalb in der Partei auch sofort der Ueberzeugung, daß es sich um einen von Gegnern verübten„Liebes- dienst" handle, der der Sozialdemokratie in die Schuhe geschoben werden sollte. Davon war besonders auch die Parteileitung von Groß-Berlin so fest überzeugt, daß sie eine Belohnung für die Er- mittclung des oder der Täter aussetzte." Solche irreführenden Behauptungen sollte man unterlassen. Die Parteileitung von Groß-Berlin hat nie eine Belohnung für die Ermittelung der Täter ausgesetzt. Das tat die Polizei. Ebenso- wenig teilte man allgemein die Ansicht über eine Lockspitzeltat. Derartige Behauptungen nützen der Agitation nichts und sind ledig- lich geeignet, die mit Recht hellodernde Empörung über das Char- lottenburger Urteil herabzusetzen. Die neueste staatsanwaltliche Aktion möge von neuem werktätiges Eintreten für die Familienongehörigen der Opfer des Denkmalprozesses wachrufe». v. Hertling als Oberbachemit. Der bayerische Ministerpräsident, Graf v..Hertling, hält es mit seiner amilichen Stellung vereinbar, noch offener als vor einigen Tagen als Chef und Protektor der bachemitischen Klerikalen Bayerns aufzutreten. Sein Organ, die„Bayrische Staatszeitung', kommt in ihrem gestrigen Rundblick auf die Angelegenheit des Hirtenbriefes des Bischofs von Como zurück und bemerkt:„Die Staatszeitung ist nicht im Interesse einer Partei tätig gewesen. Bestimmend gewesen ist vielmehr die Absicht, die Anfmerksamkeit der zuständigen Amts- stellen im Vatikan darauf zu lenken, daß es im allgemeinen nicht der Hebung entspricht, daß ein beliebiger Bischof sich kritisch über Ver- Hältnisse eines Landes verbreitet, über die zu urteilen er nicht be- rufen ist.' Graf v. Hertling ist vorsichtig. Er wendet sich nur gegen den Bischof von Como und spricht nur diesem als einem„ b e« l i e b i g e n' Bischof das Recht ab, sich in die politischen Verhältnisse Deutschlands zu mischen. Aber hinter diesem Bischof steht der Papst — hält der Herr Staatsminister auch diesen nicht für berechtigt, über die politischen Verhältnisse Deutschlands zu urteilen uud den deutschen Katholiken von Rom aus politische Weisungen zu geben? So wenig sonst der bayerische Ministerpräsident dazu neigt, sich im Hintergrund zu halten, wird er diese Frage kaum verneinend be- antworten, denn er würde sich dadurch nach der katholischen Kirchen- lehre der Häresie, der Ketzerei, schuldig machen. Zur Stichwahl in Koburg. Der Vorstand der nationalliberalen Partei und der aus- gefallene Kandidat der Nationalliberalen haben im Wahlkreise Koburg ihre Wähler öffentlich aufgefordert, einmütig dem fortschrittlichen Kandidaten ihre Stimme zu geben. Das war vorauszusehen. Der sächsische Kriegsminister und die Soldaten- Mißhandlungen. Der sächsische Kriegsminister, Generalleutnant von Carlowitz, hat auf dem Bundestage der sächsischen Militärveveine in Meißen eine Rede gehalten, in der er auch die Soldatenmißhandlungen und die jüngsten Prozesse, die sich mit diesen Mißhandlungen de- schästigcn, erwähnt. Er sagte u. a.:„Ich leugne nicht, daß wir in der Armee eine Anzahl von Elementen haben, die wir je eher je lieber abstoßen möchten nach dorthin, woher sie gekommen sind. Ich leugne auch nicht, daß die Soldatenmitzhandluugen noch nicht mit Stumpf und Stiel ausgerottet sind, aber man sollte sich doch mehr vor maßlasen Uebcrtreibungen hüten und den guten Willxn der Heeresverwaltung, hier vollkommene Besserung herbeizuführen, nicht in Frage ziehen." Selbst ein bürgerliches Blatt, wie die„Verl. VolkSzettung', bemerkt zu diesem Erguß:„Den guten Willen der Heeresverwal- tung in allen Ehren! Aber mit dem Abstoßen der Soldatenmiß- handler will es nicht so gehen, wie es der neue sächsische Kriegs- minister wünscht. Sehr selten sind die Fälle, wo ein Untergebener, der Soldatenmißhandlungen selbst schwerer Art begangen hat, des- Gelder für die Veteranen von 1813 zu bewilligen, nachzukommen. Ihr Beschluß lautete: „In Erwägung, daß die Unterstützung der Veteranen so wesentlich eine Pflicht des ganzen Staates ist, für dessen Rettung sie Gut ibid Leben eingesetzt haben, daß darin eine Kommunallast nicht erkannt werden kann,... muß der Gemeinderat solche Be- ivilligungen aus der Kommunalkasse, wie sie der ganze Staat als Pflicht und würdigen Dank auch gegen die hiesigen Veteranen zu gewähren hat,— im Prinzip ablehnen.' Man erinnere sich, was in unseren Tagen bei ähnlichen Anlässen die tapferen Liberalen gegen unsere Genossen gewettert haben! Die Hagener liberalen Stadtverordneten bewilligten dann demonstrativ zur Vervollständigung ihres Beschlusses 199 Taler zu Händen eines privaten Komitees, das die Veteranen zu unterstützen unter- nahm. In dieser Zeit erschien auch im Inseratenteil der„Hagener Zeitung", eines heute gar frumben FortschrittSblatteS. täglich als Inserat die bekannte Strophe: Nicht Roß. nicht Reisige Sichern die steile Höh�, Wo Fürsten{lehn. Als die Regierung darauf der„Hagener Zeitung' auf den Leib rückt, es war gerade die Verordnung betreffend das Verbot von Zeitungen und Zeitschriften erlassen worden, blieb das Inserat aus und der Besteller, der oben erwähnte Herr Funcke erklärte öffentlich: „Es wird schon die Zeit kommen, wo man in den betreffenden Regionen unserer Strophe wieder ihren Wert gönnt; mag man für jetzt das obige Wörtlein„nicht' in.nur' umändern und weitersingen: Liebe des Vaterlands, Liebe des Bürgermanns Tun es allein nicht mehr: Nur noch das Heer.' Wie schon erwähnt, war es die Arbeiterschaft, die allgemach den Mannesinut aus den liberalen Gemütern austrieb und sie, ängstlich vor dem Anmarsch des Proletariats, in die Arme des schwert- führenden Junkertums jagte. Namentlich in Hagen vollzog sich die Scheidung zwischen Demokratie und Liberalismus bald, zumal Lassalles Lehren dort ihren Einzug hielten und den Arbeitern Er- kenntnis über ihre Klassenlage beibrachten. 1872 war es dann schon so weit, daß eine„liberale' Firma Fricke u. Hueck in der„Hagener Zeitung', ergrimmt über eine Arbeitseinstellung in ihrem Betriebe, folgendes Eingesandt losließ: „Nicht nur die Verwilderung, sondern auch die Ver« d u m m u n g nimmt durch die Agitation der Sozial- demokratie und deren Reden überhand. Am letzten Sonn- abend wurde in unserem Betrieb eine Aenderung der Arbeits- weife(soll wohl Abzug heißen) publiziert. Im blinden Eifer verließ man sofort die Fabrih zwang sogar die Bohrjungen von IS bis 18 Jahren, die Arbeit mit zu verlassen.... E S i st e i n wahrer Skandal, daß Arbeiter, denen man in KriegSzett Arbeit verschafft hat, glauben, baS Recht zu besitzen, in besserer, lebhafterer Geschästskonjunktur nach Belieben feiern zu dürfen.' Siehe da, wie hier vor mehr als vierzig Jahren die heutige KoaIitionSrechts„fteundschaft' der Rationalliberalen aufdämmert I In modernere politische Zeiten führt dann eine Erinnerung an die Wahlzeit 1996/7, wo das Zentrum als»reichsfeindlich' galt und halb zur Entlassung aus dem Heere bestraft wird. Die meisten Soldatenquäler dleiden der Armee nach Avbüßung ihrer Strafe er- halten, fo daß, wenn die Heeresleitung auch den guten Willen haben mag, die Soldatenmißhandlungen auszurotten, sie leider nicht den richtigen Weg betritt, diesem ihrem Willen den erhofften Erfolg zu sichern. Gegen die Militärmisihandlungen. Eine große Volksversammlung in Stuttgart im Firkusbau nahm am Sonntag Stellung zu dem Militärmißhandlungsprozetz gegen die Genossin Luxemburg. Das Referat hatte Genosse Dr. Paul 2 e v h- Frankfurt a. M., einer der Verteidiger der Ge- nossin Luxemburg, übernommen. Er schilderte kurz den bisherigen Verlauf des Prozesses. Unbeschreibliche Erregung durchzitterte die Riesenvcrsammlung bei der Mitteilung einiger Mißhandlungs- fälle aus dem entsetzlich großen Material, das den Verteidigern zur Verfügung gestellt worden ist. So wurden einem Soldaten die Haare an den Geschlechtsteilen versengt. Einem Soldaten wurde befohlen, einem Kameraden in den Mund zu spucken. Und er tat's! Ein Soldat wurde ge- zwungen, bis zur äußersten Erschöpfung am Ouerbaum zu hängen. Als er herabzufallen drohte, befahl ein Offizier, dem Soldaten den Gewehrlauf vor den After zu halten. Alte Leute nrußten bis zum Umfallen Kniebeuge und Ge- wehr st recken üben. Dann wurde ihnen gesagt:„Bedankt Euch bei dem und dem Rekruten!" So wurden die alten Leute systematisch zur Mißhandlung ungeschickter Re- k r u t e n aufgehetzt. Nicht e i n Prozent der Militärmißhand- lungen werden von der offiziellen Statistik erfaßt, lieber 30 000 Mißhandlungsfällc sind den Verteidigern im Luxemburg-Prozeß bereits unterbreitet worden, und täglich häuft sich noch das Material. An etlichen drastischen Fällen zeigte der Redner dann, wie rechtlos der gemeine Soldat ist, wie furchtbar die Strafen sind, die er zu gewärtigen hat, wenn er sich gegen die Subordination auflehnt, die solche Schmach ermöglicht; wie milde hingegen die Militärrichter sehr oft mit Soldatenschindern verfahren. Ein Soldat wurde wegen Achtungsverletzung und anderer kleiner Delikte, verursacht durch die Schikaniererei seitens eines Vor- gesetzten, zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Feldwebel zwang einen Soldaten, der den Oberschenkel gebrochen hatte und den der Feldlvcbel ftir einen Simulanten erklärte, durch schwere Mißhandlungen, sich vom Boden zu erheben und trotz wahnsinniger Schmerzen sich um einen Tisch zu schleppen. Ter Feldwebel erhielt dafür 5 Tage Mittelarrest.„Ein minderschlvercr Fall", sagten die Militärrichter. Ein Unteroffizier band einem Soldaten die Ohrmuschel so an die Schulter, daß das Ohr sich unter großen Schmerzen löste. Der Soldat kam ins Lazarett. Notdürftig geheilt entlassen, schlug derselbe Unteroffizier dem Soldaten auf die kaum geheilte Wunde, daß das Blut hervor- spritzte.„Ein minderschwerer Fall", sagten die Militärrichtcr. Der Unteroffizier wurde mit 21 Tagen Gefängnis bestraft.(Ungeheure Erregung, die sich in scharfen Zwischenrufen Luft zu machen sucht.) Der Redner schloß: Der Kampf gegen die Militärmißhand- luugen ist der Kampf gegen den Militarismus, ist der Kamps um die Befreiung des Menschengeschlechts überhaupt! Hinweg mit dem Kadavergehorsam! Hinweg mit dem Klassenstaat, der solche Zustände schafft! Was sie beim Militär verftlaven, müssen wir ftei machen! Was sie schänden, müssen wir adeln! Es darf keine Zeit geben, da deutsche Soldaten auf Vater und Mutter schießen! ES muß die Zeit kommen, da die deutschen Soldaten mit uns ein- stimmen in den Ruf: Es lebe die Freiheit! In stärkster Spannung folgte die Riesenversammlung den Ausführungen des Redners. Wild erregte EnttüstungSschreie wechselten ab mit tosendem Beifall, der sich zum Schluß zu einer brausenden, immer wieder einsetzenden Kundgebung des Em- Verständnisses mit dem Redner steigerte. in Opposition zur Regierung stand. Damals lagen im Hagen" Kreise, wo sich inzwischen die Sozialdemokratie stark entwickelt hatt� die Dinge so, daß von unseren Genossen mit dem Zentrum ein ausdrücklicher Vertrag über gegenseitige Stich' w a h l h i l f e abgeschlossen wurde. Die Tatsache ist ja bekannt, aber immerhin gerade jetzt erwähnenswert, weil das heute ach so nationale Zentrum darüber den Mantel der Vergessenheit decken möchte. In Hagen-Schwelm fand Stichwahl zwischen Sozialdemo- kratie und Freisinn, in Hamm-Soest zwischen Zentrum und Liberalen statt. Ueber die gegenseitige llnterstiitzung wurde in gemein« schaftlicher Sitzung im katholischen Vereins« hause in Unna verhandelt. Anwesend waren Vertreter der Zentrumspartei aus den Kreisen Hagen und Hamm-Soest, außer- dem das sozialdemokratische Wahlkomitee von Hamm-Soest und drei Herren aus Hagen-Schwelm: Konrad Ludwig, E. Sam und T h. S ch ü ck m a n n. Leiter der Verhandlungen war Genosse Bömelburg. Von den anwesenden Zentrumsvcrtretern seien genannt Pfarrer Sandhage und der Vorsitzende des Hagener Zentralwahlkomitces Weyer. In dieser Sitzung wurde bereits die gegenseitige Stichwahlhilfe vereinbart. Endgültig abgeschlossen wurde die Vereinbarung erst am 3. Februar, da das Zentrum vor- her nur eine stille Parole für Hagen geben wollte, womit unsere Genossen nicht einverstanden waren. Am 4. Februar 1997 wurde dann in Hagen-Schwelm folgendes Flugblatt verbreitet: Stichwahlparole der Z e n tr u m s p a rt ei deS Kreises Hagen-Schwelm. Unter Berücksichtigung des Verhaltens des Gesamtliberalismus gegenüber der Zentrümspartei erklärt sich das Wahlkreiskomitee der Zentrumspartei des Kreises Hagen-Schwelm außerstande, für den Kandidaten der Freisinnigen Volkspartei einzutreten. Es be- trachtet daher den Kandidaten der Sozialdemokratie in diesem Falle als das kleinere Uebel und überläßt den Zentrumswählern die Entscheidung. Eine anderweitige Parole ist nicht als maßgebend zu be« trachten. Das Wahlkreiskomitee der Zentrumspartei. I. A.: Weyer, Vorsitzender. Dieser Parole war die der Sozialdemokratie angepaßt. Da» ganze Abkommen fand dann Ausdehnung auf die Kreise Bielefeld- Wiedenbrück und Osnabrück. Das Resultat ist bekannt. In Hamm- Soest wurde mit unserer Hilfe der Zenttumsmann gewählt, ebenso in Osnabrück. In Bielefeld gelang es, Genossen Severins; mit Hilfe des Zentrums durchzubringen, während Genosse König gegenüber dem Freisinnigen Cuno noch einmal unterlag. Immerhin ist an den Stimmresultaten ersichtlich, daß auch in Hagen-Schwelm viele Zentrumsstimmen auf unseren Kandidaten entfielen. Das alles sind Erinnerungen ans berklungenen Zeiten. Ueber die Entwicklung des Liberalismus braucht, namentlich wenn an die Hurrawahl von 1997 erinnert wird, kein Wort mehr gesagt zu werden. Die Tage des Paktierens mit dem Zentrum sind ebenfalls endgültig vorüber. In ollen großen politischen Fragen steht die Sozialdemokratie allein. Es ist eine ihrer Ausgaben, das Brauch- bare aus dem Testament des wirklichen Liberalismus zu vollstrecken, eine andere, den Glauben an die Zentrumsdemokratie aus den Köpfen der christlichen Arbeiter zu verdrängen. Bei diesem Tun auf die Jahr« deS Werdens dieser klaren Situation zurückzublicken, ist keine unlohnende Sache. Sie schärft den Blick für die Kämpfe, die da kommen werden und zu ihrer siegreichen Besiehnng die ganze Kraft der Sozialdemokratie erfordern. Todesopfer des Militarismus. Wie aus Franlfurt gemeldet wird, sind dort beim Grenadier- regiment Nr. 12, das von dem durch die Zabernkrawalle„berühmt"» gewordenen Obersten von Reuter kommandiert wird, infolge eines ausgedehnten Marsches bei grober Hitze zwei Todesfälle und zahlreiche Erkrankungen vorgekommen. Da» Grenadierregiment Nr. 12 war am Sonnabend früh zu einer gröberen Felddienstübung aus- gerückt. Die Uebung zog sich trotz der grosten Hitze bis in die Mittagsstunden hin. Als das Regiment in die Stadt zurückkehrte, wurde in einem Wagen eine Anzahl marschunfähiger Leute, die infolge des heisten Wetters schlapp geworden waren, zurücktrans- portiert. An den Folgen sind zwei Leute des Regiments, ein Ein- jähriger und ein Grenadier, gestern nachmittag und heute vormittag gestorben. Außerdem sind mehr als 100 Soldaten erkrankt. Mlitärische Vorkehrungen in Italien. Die italienische Regierung hat den Reservejahrgang l 8 9 1 zu den Waffen einberufen. Ueber die Gründe dieser Maß- nähme sind verschiedene Gerüchte verbreitet. Am wahrscheinlichsten ist. daß dadurch Vorsorge gegen einen neuen Eisenbahner- a u s st a n d getroffen werden soll. Andererseits heißt es auch, daß die Regierung für ein etwaiges Eingreifen in Albanien gerüstet sein will._ der Mfstanü in Albanien. Rom, 13. Juli. Die Agenziec Stefam meldet aus Turazzo: Die Aufständischen haben gestern mittag Berat eingenommen. In der Umgebung von Berat besinden sich gegenwärtig an 50 000 völlig mittellose Flüchtlinge in der arößten Notlage. Die griechischen Banden sind bereits über den Distrikt Skrapar hinausgelangt. Ein Attentat auf Nasputin. Petersburg, 13. Juli. Der russische Mönch und Gesund- beter Gregori Ras Putin, der am Zarenhofe großen Tinfluß hatte, ist heute einem Attentat zum Opser gefallen. Eine Frau, deren Persönlichkeit noch nicht feststeht, stieß in dem Dorfe Prokowskoje bei Tjumen dem Priester einen DolchindenLeib. Die Frau, die sofort verhaftet wurde, lab an, daß sie die Absicht gehabt habe, den Jrrlehrer, der alle verführe, aus dem Wege zu schaffen. Die Berletzung, die Rasputin erlitten hat, ist sehr schwer. Die Ein- geweide sind zerrissen und das Ableben des Verwundeten wird stündlich erwartet._ Frankreich. Finanzielle Schwierigkeiten. Die französische Kammer arbeitet gegenwärtig mit Hochdruck. Tie hält vormittags und nachmittags Sitzungen ab. Der Regie- rung und den bürgerlichen Parteien ist vor allem darum zu tun, das Budget durchzupeitschen und die Kammer dann zu vertagen. Herr P o i n c a r s will nach Rußland reisen und die Kammer soll vorher in die Ferien gehen, damit nicht unvorgesehene Zwischen- .'alle in letzter Stunde einen Strich durch seine Reise machen. Die Debatten werden daher fast ausschließlich von unseren Genoffen l�führt: die Vertreter der bürgerlichen Parteien schweigen sich in calen Tonarten aus und die Vertreter der Regierung auch. � Die Schwierigkeit für die Regierung liegt in dem Riesen- Defizit. Es beträgt nicht weniger als eine Milliarde Frank. Unsere Genoffen Sembat, Thomo» und Bedouce klagten die Regierung in der letzten Sitzung an, daß dieses Defizit allein durch die dumme und eitle Politik des Imperialismus verursacht worden sei. Der Finanzminister NoulenS gab zu. daß das Defizit eine Milliarde betrage. Vierhundert Millionen davon würden durch die neuen Steuern und Abgaben gedeckt werden. Sind noch zu decken 600 Millionen! Und darüber wird der Kampf beginnen. Nicht nur um die Deckung dieser 600 Millionen, sondern um die dreijährige Dienstzeit, die Mutter de? Riesendefizits. Genosse Jaures sagt in der„Humanste": Der Minister wird sagen müssen: Es sind eine Milliarde neuer Steuern erforderlich. Dieser Tag, der nahe ist, wich die Frage der 3 Jahre aufs neue auf die Tagesordnung bringen. Und das wird der schwierige Moment sein, den unsere leitenden Personen zu überwinden haben werden. Stürmische Sitzung des Senats. Paris, 13. Juli. Der Senat beriet heute nachmittag einen Ge- setzentwurf, durch den der Kriegs- und der Marineminister zu ein- maligen Ausgaben für die Bedürfnisse der natio- nalen Verteidigung ermächtigt werden. Charles H u m- b e r t, der Berichterstatter der Hecreskommission, erklärte, daß wenn das Dreijahrgesetz dem Lande die notwendige Zahl gegeben habe, eine große Anstrengung doch nötig sei, um die materielle Or- ganisation zu verbessern. Er wies vor allem daraus hin, daß das Material der Fcldartillereie mehr und mehr gegenüber dem deut- schen ins Hintertreffen gerate. Der französischen Armee fehlten Offiziere, das Bedürfnis nach ihnen liege klar zutage und sei jetzt anerkannt. Charles Humbert kritisierte weiter sehr lebhaft die HeereSder- waltung und erklärte, daß die französische Industrie gewisse Gegen. stände dem Auslande in besserer Qualität liefere als dem Heere. lBewegung.) Es sei nicht genügend Geschützmunition vorhanden. Auch fehle es an anderen Ausrüstungsgegcnständen, darunter an zwei Millionen Paar Schuhen. Man verfüge gegenwärtig nicht über daS notwendige Material, um die Mosel oder den Rhein zu überschreiten. Die Befestigungen an den Forts zwischen Toul und Verdun seien seit 1876 nicht verbessert worden. Sie lönnten nur einen ungenügenden Widerstand leisten. Der Eindruck, den die Ein- nähme eines dieser Forts zu Anfang eine« Krieges auf das Land machen würde, sei nicht abzusehen. Humbert wies darauf hin, daß Deutschland im Gegenteil alle seine Werke an der Grenze in die Lage versetzt hätte, ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Befestigungen seien dort den Fortschritten auf dem Gebiete der Belagerungs- artillerie angepaßt worden. Metz würde nicht beschossen werden kön» neu, ehe nicht die erste Befestigungslinie, die 12 Kilometer davon entfernt sei, genommen wäre. Die vom Parlament geforderten Mil- lionen seien umsonst ausgegeben worden. lBewegung. Große Auf- regung.j Das Parlament werde alle unumgänglich notwendigen Opfer bringen. Man müsse die Organisation und die Denkweise der leitenden Stellen der Armee ändern. Die Kriegsminister wechselten zu häufig und seien über die ihnen unterstehenden Dienst- zweige schlecht unterrichtet. Humbert schloß: Der Minister müsse seine Pflicht erfüllen, da das Land, welches dem Heere alles gebe, was es von ihm fordere, das Recht habe, von der Heeresverwaltung zu fordern, daß sie ihrerseits alle notwendigen Opfer bringe. �Sehr gut! Lebhafter Beifall.) Kriegsmintster M e s s i m y erklärte darauf, daß er nicht auf die einzelnen von Humbert angeführten Tatsachen antworten werde. Man hätte ihn vorher benachrichfigen müssen. Clemen- ceau unterbrach den Kriegsminister und sagte, daß es indessen not- wendig wäre, darauf zu antworten, da das Land das Recht habe, zu wissen, ob das Geld gut oder schlecht ausgegeben werde. Es seien sehr schwere Tatsachen vorgebracht worden. Darauf müsse ge- antwortet werden. Kriegsminister Messimh erklärte, daß die Mehr- zahl der Tatsachen, einzeln für sich genommen, richtig sei, wenig- KeuS als Ausnahmen, aber nicht m der Art, wie sie dargestellt worden seien, t Zwischenrufe.) Elemente au unterbrach den Kriegsminister abermals und erklärte, der Senat könne nicht die Kredite bewilligen, ohne alle gewünschten Aufklärungen zu er- halten. Die Stimmung im Saale war unruhig, der Kriegsminister aufgeregt. Messimh erklärte, daß die französischen Ausgaben für die Ausrüstung stets geringer gewesen seien als die deutschen. Man dürfe die Heeresverwaltung nicht verantwortlich machen, da sie von der Finanzverwaltung Befehle erhalten habe. Clemenceau rief: Unter diesen Umständen ist keine Ordnung möglich. Wir wer- den weder geschützt noch regiert. Kriegsminister Messimh fiigte hinzu, daß mau sich bei allem Bedauern über die vorgebrachten Kritiken doch zu der heutigen Debatte beglückwünschen müsse. Das Land müsse wissen, daß es eine große Anstrengung machen müsse, um seine Ausrüstung zu verbessern. Die in dieser Hinsicht notwendigen Ausgaben würden zunehmen. Der fort- währende Wechsel in der Besetzung des Kriegsministeriums sei die Hauptursache des Uebels. Die Verwirklichung der Programme ver- lange eine andauernde und zähe Anstrengung. Humbert habe Recht gehabt, die Heeresverwaltung zu kritisieren. Es sei notwendig, die Kriegsverlvaltung zu reorganisieren. Messimh forderte vom Senat, das Programm der Regierung anzunehmen. Bei dem größten Teile des neuen Materiales seien die Prüfungen abgeschlossen und die Konzentration müsse sobald wie möglich beginnen. Mesfimy sagte zum Schluß, er übernehme die Verpflichtung, die Ausführung dieses Programmes so streng wie nur möglich zu überwachen, um die Verteidigung des Landes auf ihre höchste Stufe zu bringen. Darauf sagte Clemenceau: Seit 1870 habe er keiner so beunruhi- genden Parlamentssitzung beigeivohnt wie heute. Man müsse auf die Kritiken Humberts antworten. Dies sei für die Armee und das Land notwendig. Diese Dinge könnten nicht mit dem gewöhnlichen Laisser aller behandelt werden. Er zweifele nicht an dem Eifer der Mitarbeiter des Kriegsministers, aber die Ergebnisse, zu denen sie gelangten, seien beunruhigend. Clemenceau sagte: W � r weigern uns, heute die geforderten Kredite zu bewilligen. Das Parlament muß sich erheben und h a n n d e l n. Ich fordere vom Ministerpräsidenten, das Parlament in einigen Tagen zusammenzuberufen. Die Wahrheit muß unver- züglich bekannt werden. Das Land hat alles gegeben, was man von ihm für die nationale Verteidigung forderte. Der Kriegsminister muß uns vollständig die gegenwärtige Lage auseinandersetzen und uns die Mittel zur Besserung angeben. Die Diskussion mutz darum in einigen Tagen von neuem anfangen. Anstatt die Kredite ab- zulehnen, fordern wir einfach die Verschiebung der Abstimmung. Ministerpräsident Biviani entschuldigte sich damit, daß er überrascht worden sei. Der Senat könnte die Regierung zu Ausgaben während d�r Ferienzeit ermächtigen. Wenn diese Maßnahme nicht ange- nommen werde, so werde Viviani morgen sich dem Senat zur Ver. fiigung stellen, um ihm die Antwort der Regierung zu überbringen. Der Senat vertagte sich darauf auf morgen nachmittag um 2 Uhr. Das Bombenattentat. Paris, 13. Juli. In Stains bei Paris wurden zwei Russen namens Maharachwili und Wurenski verhaftet, die verdächtig sind, mit den kürzlich in Beaumont festgenommenen Russen Kiri- tschek und Trojanowsky in Verbindung zu stehen. Bei Maharach« wili wurden 600 Rubel in Gold sowie mehrere Revolver gefunden. Er soll gestanden haben, daß da» Geld aus einem von ihm und seinem Genossen in Rußland verübten Raube herrühre. Auf dem Bahnhofe des Pariser Vorortes ASniereS wurden zwei Bomben gefunden, die vollständig den bei Kiri tschek beschlagnahmten gleich find. filis öer Partei. Der Landesparteitag für das Herzogtom Braunschweig fand cnn Sonntag in Braunschweig statt. Er war beschickt von 91 Delegierten und durch einige Vertreter der Bezirks- und KreiS- vorstände. Der Parteivorstand war durch Genossen Pfannkuch vertreten. Der Mitgliederbestand der Parteiorganisation h o b sich infolg« des Wahlrechtskampfes und der Agitation in der roten Woche um 1723, von IL 233 Mitgliedern am Schluß des JahreS 1912/13 auf 13 966 am Schluß des Geschäftsjahres 1913/14, wovon 2278 weibliche sind. Gewerkschaftlich organisierte Arbeiter zählte das Herzogtum am 31. Dezember 1913 nach einer nicht voll- ständigen Aufnahme etwa 27 000. Die Einnahme der Bezirkskasie betrug einschließlich des Kaffenbcstandcs von 3076,14 M. 21 629,03 M., die Ausgabe 17 862,96 M., so daß ein Kassenbestand von 3676,08 M. vorhanden ist. An die Hauptkasse in Berlin wurden 7618,78 M. abgeliefert. Im Bezirk selbst ist in den Kreis-Ortskassen und in der Bezirks- lasse ein Barbestand von 26 968,30 M. vorhanden gegen 26 726,41 M. im Vorjahr. Das Parteiblatt, der„V o l k s fr e u n d", der im Jahre 1898: 4106, im Jahre 1902: 4314, 1906: 7442 Abonnenten zählte, erbaute sich im vorigen Jahr ein eigenes HauS, das vom Volksmunde sofort das„Rote Schloß" getauft wurde, im Gegensatz zu dem in der Nachbarschaft stehenden Regentenschloß. Abonnenten zählte das Parteiblatt Ende 1912/13: 16 643, Ende März 1913/14: 16 619. Auch im verflossenen Jahre wurde der„Volksfteund" gerichtlich in der üblichen Weise verfolgt. Zwei Redakteure, die Genossen Wagner und Mab heimsten wegen Beleidigung eines Land- tagSabgeordneten im WahlrechtSkampf drei bzw. zwei Monate Ge- fängnis ein. An Flugschriften wurden im Berichtsjahre verbreitet 441 600 Flugblätter, 49 460 Exemplare der Monatsschrift„Empor", 40 000 Volksfreundkalender. Die„Neue Zeit" wird in 78, die „Kleinheit" in 522, die„Kommunale Praxis" in 22, der„Wahre Jakob' in 4027 Exemplaren gelesen.— Versammlungen und Be- sprcchungen fanden insgesamt 991 statt. Bei den Stadtverordneten- und Gemeinde- ratswahlen hat die Partei nicht unbeträchtliche Erfolge erzielt. Es wurden 10 neue Mandate erobert. Die Zahl der Genossen als Gemeindevcrtrcter stieg von 162 aus 162. Davon sind in zehn Städten 39 Stadtverordnete und in 70 Gemeinden 123 Gemeinde- Vertreter. Die Maikasse hat eine Einnahme von 4892,31 M., eine Ausgabe von 38.46 M. und einen Bestand von 4363,86 M. Die Beteiligung an der Maifeier war durchaus nicht befriedigend, so daß die Meinung immer mehr Platz greift, daß es mit der bisherigen Art der Maifeier nicht weitergehen kann. Es wird Auf- Hebung der Maifeier gewünscht oder eine Verlegung der Feier in eine andere Zeit. Die Jugendorganisation hat leider noch nicht die wünschenswerte Ausdehnung im Herzogtum gefunden. Die„Ar- beiter-Jugend" zählt 860 Abonnenten. Die Lokalfrage macht in vielen Orten des Landes große'Schwierigkeiten. Genosse A n t r i ck besprach in seinem Referat nicht nur die Organisation und Agitation, sondern auch die politische Situation. — Zum Internationalen Kongreß wurde Genosse Antrick delegiert. — Neb er den Stand der Parteipresse und den errichteten Neubau berichtete eingehend Genosse S t e g m a n n, der Geschäftsführer des „Volksfreund". Dem Bericht schloß sich eine eingehende Debatte an. Folgende Resolution des Genossen G e n z e n wurde ein- stimmig angenommen: „Der Bezirksparteitag für das Herzogtum Braunschweig spricht der Reichstagsfraktion seine volle Zustim- mung für ihr Verhalten beim Schluß der letzten Reichstags« fession au« und erwartet von der Fraktion, daß sie ohne Rücksicht auf die Anpöbelungen von rechts auch für die Folge ihr Verhalten so einrichtet, wie es dem Klasseninteresse und der Anschauung der Arbeiterschaft und der Anschauung der übergroßen Mehrheit ent- spricht.' Eine Debatte über das„Hamburger Echo". Im Altonaer sozialdemokratischen Verein wurde vorige Woche i>K Debatte über das„Hamburger Echo", über deren Beginn wir bereits berichtet haben, fortgefetzt. Nachdem Genosse Thomas als Mitglied der Preßkommission bemängelt hatte, daß Genosse Dr. Herz sich mit seinen Beschwerden nicht zuerst an die In- stanzen gewandt habe, sprach Genosse S t e n g e l e namens der Re- daktion. Er wandte sich zunächst gegen den Vorwurf, daß das „Hamburger Echo" in Parteifragen nicht genügend Stellung nehme. Das„Hamburger Echo" habe vor allem das Prinzip, für die Ein- heit und Geschlossenheit nicht nur der sozialdemokratischen Partei, sondern der gesamten Arbeiterbewegung alle Kräfte aufzubieten. Bei wirklich entscheidenden Fragen nehme die Redaktion rücksichts- los und ohne Ansehen der Person Stellung. Dagegen mische sie sich nicht in irgendwelche Doktorfragen, die ein gelangtweiltes Menschenkind zu irgendeiner Zeit ausWerse und mit der sich andere gelangweilte Menschenkinder befassen. Gewiß, wir könnten jeden Tag Spalte über Spalts füllen mit Auseinandersetzungen über Parteifragen. Aber wir wollen es nicht. Wir ignorieren die Pro- dukte von Leuten, die zwar innerhalb der Sozialdenwkratie stehen, die aber wissentlich oder unwissentlich der Partei Steine in den Weg schleudern wollen. Wir haben keine Lust, diesen Leuten zu größerem Ruhme und zu Ausehen bei den Gegnern zu verhelfen. Die Behauptung des Genossen Dr. Herz, die Redaktion sei nicht einheitlich zusammengesetzt, treffe nicht zu. Deshalb sei auch der Nutzen einer Chefredaktion nicht einzusehen.„In dem Augenblick, wo uns ein Chefredakteur vorgesetzt werden sollte, wird meine Kündigung und wohl die aller meiner Kol- l e g en auf dem Tische des Geschäftsführers liegen. Nachdem man als guter Sozialdemokrat in einer demokratischen Gemeinschaft ge- lebt hat, läßt man sich nicht einen Monarchen aufzwingen. Einen Menschen mit dem rein formalen Titel Chefredakteur hinzusetzen, was hätte das für einen Zweck? Entweder ist der Chefredakteur ein ganz überlegener Geist, dann ist es nicht notwendig, ihn zum Chefredakteur zu machen, denn wenn in einer Körperschaft ein überlegener Geist vorhanden ist, wird er ohnehin die führende Rolle spielen, ohne daß er den Titel Chefredakteur hat. Oder eS gibt ein anderes: der Chefredakteur wird mit formalen Ausgaben be- traut, einem solchen Chefredakteur würde ich mich niemals unter- ordnen. Mit einem Manne, der bloß kommt und mir sagt, Sie dürfen über diese oder jene Sache nicht mehr als 26, 60 oder 76 Zeilen schreiben, würde ich keine zwei Tage zusammen jeru wollen. Einen Ersten unter Gleichen, einen überlegenen Geist, er- kennt jeder an, das ist selbswerständlich." Zum Schlüsse wandte sich Stengele gegen weitere Einzelheften der Kritik. Im weiteren Verlaufe der Debatte bestritt Dr. Herz, eine Chefredaktion empfohlen zu haben, bemängelte des weiteren die Haltung deS„Echos" in kommunalpolitischcn Fragen und wünschte,' daß das„Echo" den Kampfescharakter auf dem Gebiete der Reichs- und Kommunalpolitik schärfer zum Ausdruck bringe. Die weitere Debatte wurde vertagt. Sozialdemokraten sind mindern Rechts. Die Gemeinde Eichlinghofen bei Dortmund hat seit vielen Jahren eine Gemeindevertretung mit sozialdemokratischer Mehr- heit, und daß diese erhalten bleibt, dafür sorgt die Regierung. Die Gemeindevertretung arbeitet natürlich ganz im Sinne der Mehr- heit der Einwohner, aber die Regierung leistet Widerstand. AIS die Gemeindevertretung die dielfach eingeführte und gesetzlich zu- lässige Grundsteuer nach dem gemeinen Wert beschloß, versagte die Regierung die Zustimmung: für Eichlinghofen habe diese Steuer keinen Wert. Die Gemeindevertreter wählten jüngst einen Genossen zum stellvertretenden Vorsteher: wiederum versagte die Regierung ihre Bestätigung. Im Mai wählte die Gemeindevertretung zwei parteigenöffische Bergleute in die evangelische Schulkommisfion und zwei weitere Genossen in den Schulvorstand des Gescmrtschnl- Verbandes de? Amtes. Der Landrat von Hörde hat jetzt mitgeteilt, daß sämtlichen Gewählten die Bestätigung versagt worden sei, Wir nähern uns bedenklich asiatischen Zuständen! Ms Industrie und Handel. Die Krise. Essen, 13. Juli. jPrivattelegramm de»„Vor- w ä r t s".) Nach der Stillegung der Ruhrzechen folgt nunmehr die Stillegung anderer industrieller Werke. Nachdem vor einigen Monaten die dem„Phönix" zugehörenden Hochofenwerke „Kupferdreh" stillgelegt sind, läßt nun auch Deutsch-Luxem- bürg das Hochofenwerk„Schottland" in Steele an der Ruhr still- legen. Den Arbeitern des Werkes ist bereit« gekündigt worden. In drei Monaten sollen auch die S ch r a ub e n f abriken stillgelegt werden, die dem Werke angegliedert sind. Die HochschutzzSlle— bauernfeindlich! Die Landwirtschaftsgesellschaft der österreichischen Provinz Salzburg hat in einer Ein- gäbe zu der Erneuerung der Handelsverträge und zu den Getreide- zöllen Stellung genommen. Die von dem Generalsekretär Mahr, einem völlig unverdächtigen Agrarier, verfaßte Eingabe erklärt, daß die Bestrebungen auf Verringerung der Produktionskosten und Steigerung der Erträgnisse eine entsprechende Rentabilität wirk- samer sichern als die Zölle. Von dem Hinweis darauf, daß der Zoll- schütz weit mehr dem herrschaftlichen Großgrundbesitz zugute komme als dem Bauernstand, wird gesagt, daß er nicht ohne eine gewisse Berechtigung sei und es wird betont, daß es etwas ganz anderes ist, 66 ein kleiner Landwirt durch die Zölle ein paar Kronen gewinnt oder der Latisundienbesitzer Hunderttausende, wobei der kleine Land- Wirt noch durch den Kauf des zollverteuerten Saatguts und Futters mindestens wieder um den Zollgewinn gebracht wird. Bekanntlich be- steht unter den Bauern der österreichischen Alpenländer eine starke Bewegung gegen die Agrarwucherzölle, die von dem christlichsozialen Sezessionisteu, Abg. Reichsritter v. P a n tz, geführt wird und die sich besonders darauf beruft, daß die in staatlichem Auftrag veran» stalteten Erhebungen eines Professors an der Wiener Bodenkultur- Hochschule diese Wirkung der Hochschutzzölle erwiesen haben, aber eben deswegen ihre Ergebnisse nicht bekannt gegeben werden dürfe»! Soziales. Anteil am Trinkgelderfonds. 36 Mark Anteil am Trinkgelderfondis forderte gestern ein Kellner vor dem Gewerbegericht von der Inhaberin des HotelS „Esplanadc", der Deutschen Hotel-Aktiengesellschaft. Der Kläger hatte in dem Hotel gelernt und für den Sommer anderweit« Siel- lung angenommen. Er blieb jedoch nach beendeter Lehrzeit unter Zustimmung der Geschäftsleitung noch 18 Tage in der früheren Beschäftigung. Dafür erhielt er, wie bisher, neben Beköstigung eine Barentschädigung, entsprechend einem Monatsgehalt von 26 M. Den Trinkgelderanteil bekam er dagegen nicht, auch nicht, als er ihn bei seinem Austritt forderte. Der Trinkgelderfonds wird jede Woche ausgeschüttet. Den Anteil eines jeden Angestellten bemißt der Geschäftsführer nach dem„Wert" des Einzelnen. Hierüber werden bei Neuengagcments feste Abmachungen getroffen. Der Kläger hat seinen Anteil erst nach drei Wochen gefordert, mit ihm war eine bestimmte Vereinbarung nicht getroffen. Das Gericht sprach dem Kläger die Forderung zu. Sie sei als angemessen anzusehen und weil der Anteil allen Angestellten zu- steht, auch ihm zuzubilligen. Letzte Nachrichten. Annahme des Budgets in der französischen Kammer. Paris, 13. Juli. Die Kammer hat da» Budget in seiner G«. samtheit mit 386 gegen 132 Stimmen angenommen und sich auf morgen nachmittag vertagt. Referent: Reichstagsabgeordneter(Zeorx Ledebour. ===== Freie Aussprache.-= Arbeiter und Arbeiterinnen! 229/5» Erscheint in Massen! Vor Elndsrairei»: Friedrich©täffler. Spezialarzt Dr. med. Wockenfuß, Friedrlchstr. 125(Oranienb. Tor) für Syphilis, Harn* u. Frauenleiden- Ehrlioh-Hata-Kur(Dauer 12 Tage). Blutuntersuchung. 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Abends 8 Uhr: Die Reise um die Erde in 40 Tagen. Lebend! Die letzten veibiiehen Azteken! AGA die schwebende Jungfrau. Buddhas Geistertalel. Alles ohne Extra-Entree! Eintr. 50 PI. Kind. u. Sold. 25 PI. IV Neues Programm!-WM > Saliaret» die australische Tanzdiva Kaufmanns Veronacycle Truppe und eine Kette hervorragender Kunstkräfte! Entreeplatz wochentags M. O.OO. — Raachen eentattet!— Perzinan Paeagelen Kabarett Felles Caprice. Täglich 8'/. Uhr; Die LcibwÜHcherln. Die Amordragoner. Da« Be.tt'Napoleon«. Ah— da«fann' Ich. Neue Welt Arnold Scholz Ha«enheidc 108114 Heute Dienstag sowie täglich- Konzert und Vorstellung nnd Oberbayern mit vollständig neuer Alpendekoration. Bayrische Kapellen. Bayrische Madl. Entree 25 Pf. URANIA TaubenstraSe 48/49. 8 Uhr: Prof. Bjame W. Smith, Bergen: StreifzOge durch Norwegen, das Land d. Mitternachtssonne. ZOOLOG ischer Garten Täglich Gr. Militär-Konzert. Eintrittspreise-. Zoo 1 M., von b Uhr ab 50 Pf. Aqnar. 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Sommertheater, Urania' Wrangelstr, 1t, Nähe Köpenicker Str. Täglich crstklass. Varietevorslellung Im Garten 2000, im Saal 900 Sitzplätze Sonnabends FlciU I und Sonntags:«->"«1• Saal sür VereinSbälle kostenlos. kelcbsballen-Idealer. Stettlner Länger. Her ller�dMe�er. Genredild v. ZIez'««!. Ansang 8 Uhr, Sonntags ?>/, Ehr. Ad lS.Jult: Gast. spiel d. Uresdener Viktoria-Sänger. Th. Glocke, Berit». Druck u. Verl«G: BprwärtSjvuchdr. u.VerU>gSanftalt VauiSingerSCo..BerlrnSV/. Hrerzu 2 Beilage» u. UuterhaltungSbt. Zheater. Dienstag, den 14. Juli 1914. Ansang 4'/, Uhr. Voigt> Theater. Durch fremde Schuld. Anfang 5 Uhr. Passage-Theater. Rino-Varietä. Potsdamer Naturtheater. Alt. Potsdam. Ansang 7 Udr. Westen. Götterdämmerung. Ansang 8 Uhr. Urania. Streiszilge durch Norwegen. Schiller D. Die Zauberflöte. Berliner. Wie einst im Mai. Königgrä«er Strastr. Mr. Wu. Thalia. Wenn der Frühling kommt. Rose. Der Silberfönig. Metropol. Die Reise um die Erde in 40 Tagen. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Palaft-Theater. Variete und Licht- spiele. Berliner Prater-Theater. Grigri. Ansang S'l, Udr. Kleines. Der Klecks. Theater am Nollendoriplat-,. Der Juxbaron Theater au der Weidendammer Brücke. Der müde Theodor. Sustipielbaus. Die spanische Fliege. Friedrich. Wilhelmstädt. Theater. LeutnanlSliebchm. Luisen. In neues Glück. Ansang 3'/, Udr. Residenz. Die verflixt« Liebe. Admiralspalast. Im Tangoklud. Eines Rollendorf-Dheater. DaS Mirakel. Sternwarte, Jnoaltdenstr. 57—62 ftiedrlcb-VllbeInist.Ili. S'l, Uhr tgl. d. Opcrettenschlager: Leutnants liedLken. TheMinder WggrälzerZlreöe Täglich 8 Uhr: Be. tVn. Berliner Theater. Zum 281. Male. 8 Uhr: _ Wie einst im Mai. SÄe-öper. Schiller-Theater 8 Uhr: BieZauberflote 'Theater am Nollendorlplatz S. 8'/, Uhr: Der Juxbaron. Tbeater a. d. Weidendammerbrficke Täglich 8'/, Uhr. zum 131. Male. und 31. Juli zum leüten Male: _ Der müde Theodor. Schwank m. GesangS» u. Tanzeinlagen. Theater öes Westens. Anfang 7 Uhr. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag: (jötterdämmemng. nOSE=THEATEn Große Frankfurter Str. 132, 1 f| Der Silberkbnlg. II _J Ansang 8 Uhr. UT — Auf der Gartenbühne— Rund um die Spree. Gr. Revue. Vorher Konzert, Spezialitäten. Veranlw. Rednlteur: Ulbert Wach». Berlin. I» jercüenteil verantw.; öejfentMe pelifeehe Versawmlttngen. Seehster Wahlkreis. Heute Dienstag, den 14. Juli, abends 8�2 Uhr. in dtll„Dharus-Säleu" Müllerstrasse 142: Oeffentliehe Volks-Versammlung. Tagesordnung: Der Kampf gegen den WMsrizmus. Ein bewährtes Rezept gegen schnelles Ermüde» ist das Tragen von Continental- Absätzen. Sie ermöglichen einen leichten, elastischen Gang, der den Körper nicht ermüdet und nicht erschüttert. Verlangen Sie aber ausdrücklich von Ihrem Schuhmacher Absätze Continental. Hüten Sie sich vor Nachahmungen! 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Er verspricht, noch mehr nationale Arbeitersekretäre zu züchten, offeriert aber jetzt schon aus seiner reichen Auswahl allerhand Kräfte: „2Sir stellen überall da, wo eine Streikgefahr droht, unsere geschulten Redner auf Wunsch zur Verfügung. Diese, selbst aus Arbeiterkreisen hervorgegangen, sind am ersten in der Lage, ihre Kameraden über die großen Gefahren aufzuklären, welche die Arbeiterschaft durch Streiks erleiden müssen. Bisher ist es in den meisten Fällen, wo derartige Wünsche an uns gestellt wurden, gelungen, den wirtschaftlichen Frieden in den Betrieben.zu erhalten. Selbstverständlich gehören zur Ausführung vor- stehenden Programms große Mittel, doch hoffen wir diese aufzubringen, da ein jeder Arbeitgeber und Unternehmer das größte Jntereffe daran hat, daß der Friede in seinem Betriebe gefördert und erhalten wird." Wenn ein Unternehmer sich schämt, mit dem Verband der Ludwig und Genossen zu korrespondieren, kann er eine Deckadresse benutzen. Falls es nicht gewünscht wird, mit uns unter unserer Adreffe, also Reichsverband, zu korrespondieren, stellen wix ergebenst anHeim, die nachstehende Adreffe zu benutzen: Druckerei und Verlagsanstalt Teutonia, Berlin 11, Dessauer Straße 30. Die Tätigkeit des Reichsverbandes scheint uns eher eine „Existenzfrage" für die Kollegen des Herrn Ludwig zu sein, als eine solche für die Arbeitgeber. Denen müssen wir schon das Kompliment machen, daß sie für die Wahrung ihrer Interessen geschicktere Methoden haben als die des armseligen Reichsverbandes._ Serlin und UmgegenS. „Sauherdenton" bei der Sachse-Oper. Wie ün Vorjahre hat die Direktion der Schillertheater das Berliner Schillertheater O. an den Opernunternehmer Herrn Direk- tor Sa ch s e verpachtet. Herr Direktor Sachse befleißigt sich dem tech- nischen Personal gegenüber einer Tonart, die �weder in Knigges Umgang mit Menschen zu finden, noch mit der Stellung des Direk- tors als Lektor der Bortragskunst an der Universität zu Münster in Einklang zu bringen ist. Bei der Aufführung der„Zauberflöte" am 10. d. M., die durch die mitgebrachte eigene Dekoration des Herrn Sachse erhebliche technische Schwierigkeiten verursachte und in der auch ein häufiger Szenenwechsel stattfindet, der aber bei dem geschulten und ein- gearbeiteten technischen Personal des Schillertheaters glatt und ohne Störung bewältigt würde, glaubte Herr Sachse bei seiner Deko- ration doch einen unwesentlichen Fehler entdeckt zu haben. Von seiner Nervosität ließ Herr Sachse sich so weit hinreißen, das tech- nische Personal als„Ochsen" und„minderwertige Arbeiter" zu be- zeichnen. Damit nicht genug, ließ er in seinen Reden eine Auf- reizung durchblicken, indem er sagte:.Legt doch die Arbeit nieder; dann komme ich aus dem Affenkasten raus" usw.— Diese Ausdrücke sind wörtlich gebraucht von einem Operndirektor. Die Kritiken der Presse über den szenischen Teil sind so aus- gefallen, daß Herr Direktor Sachse allen Anlaß hätte, derartige Redensarten für sich zu behalten. Betriebe, in denen eine starke Organisation und Einigkeit vorhanden ist und wo ein jeder An- gestellte seine volle Pflicht und Schuldigkeit tut, lassen sich eine solche Umgangsform nicht bieten. Die Bühnenarbeiter haben bisher nichts unternommen, da ihnen von ihrer Organisation nahegelegt wurde, die Ausdrücke des Herrn Sachse nicht ernst zu nehmen. Sollte Herr Sachse indessen seine Umgangsform nicht ändern, so sind sie einschlössen, bei passender Gelegenheit mit dem Herrn eine Unterredung zu suchen, die ge- eignet ist, ihm ein angemesseneres Benehmen beizubringen. In der Fairik komprimierter Gase, Borsigwalde bei Berlin, sind Differenzen ausgebrochen. Weil sich die Arbeiter den Abzug eines halben Tagesverdienstes nicht gefallen lassen wollen(gewerbegericht- liche Klage schwebt), ist den Wochenlöhnern gekündigt worden. Etwaige Arbeitsangebote der Firmenteitung sind abzulehnen. Arbeiter- freundliche Blätter werden um Abdruck ersucht! Fabrikarbeiterverband. Groß-Berlin. Deutsches Neich. Der deutsche Tabakarbeiterverband im Jahre 1913. Seit Jahren wütet in der Tabakindustrie eine Verderb- liche Krise. Von jeher ist ja die Tabakindustrie mit Abgaben schwer belastet; aber die Steuergesetzgebung von 1303 mit ihrem Wertzoll von 40 Proz. auf ausländischen Tabak hat namentlich die Zigarren- industrie hart getroffen. Es ist bekannt, daß in den ersten beiden Jahren nach der Steuererhöhung die Regierung auf, Grund eines Reichstagsbeschlusses rund ti Millionen Mark an arbeitslose Tabak- arbeiter auszahlte. Damit war aber die Not unter den Tabak- arbeitern noch lange nicht beseitigt. Die Zahl der Arbeitslosen er- reichte in den Jahren 1312 und 1313 eine Höhe, wie sie selbst in den ersten Jahren nach dem Inkrafttreten der Wertsteuer nicht zu verzeichnet war; riesige Summen mußte der Verband an Arbeitslose auszahlen, so daß er sich genötigt sah, im vorigen Jahre aus dem Verbandstag zu Heidelberg eine wesentliche Einschränkung seiner eigentlichen Unterstützungsleistungen vorzunehmen. Außer- dem mutzten noch viele Tabakarbeiter bei verkürzter Arbeitszeit oder mit herabgesetztem Pensum arbeiten. Für die Verdienstmög- lichkeit kommt ferner noch in Betracht, daß der Wertzoll auch noch auf das zu verarbeitende Material seine verschlechternde Wirkung hatte. Die Tabakarbeiter hatten mit so viel beruflichen Hinder- nissen zu tun, wie nie zuvor. Es ist deutlich zu merken, Kitz die zuerst konsternierte Unternehmerschaft erst allmählich herausge- sunden hat, aus welche Art sie am besten die Lasten abwälzen kann. Die Verlegung der Betriebe wird immer umfangreicher. In manchen Städten, in denen früher die Zigarrenindustrie heimisch war, ist sie schon ganz verschwunden, in anderen geht es mit Riesenschritten bergab; selbst von jene« Gegenden, die sonst als Dorado für billige Arbeitskräste galten, werden die Betricve in weit abgelegene Gebiete verlegt. So findet man heute in Welt- vergessenen Dörfern der Vogesen, des Schwarzwaldes, der Rhön, des Thüringer Waldes usw. Zigarrepsabriken. Auch die Frauen- arbeit in der Tabakindustrie nimmt riesig zu. Es ist erklärlich, daß derartige Zustände ihre Wirkung aus die Organisation haben. Kein Verband hat wohl unter so schwie- rigen Verhältnissen zu arbeiten wie der Tabakarbeitervcrband. So ist es denn auch zu begreisen, wenn der Mitgliederbestand, der sich bis jetzt trotz alledem in steter Aufwärtsbewegung befand, einen Rückgang erfahren hat, und zwar um S438. Die Mitgliederzahl beträgt am Schluß des Berichtsjahres 31 713. Allgemein wurde angenommen, daß die vom Verbandstag m Heidelberg beschlossene Unterstützungseinschränkung dem Verbände viele Mitglieder kosten würde. Das ist glücklicherweise nicht der Fall gewesen, dem: im vierten Quartal, also nach dem Inkrafttreten der neuen Beschlüsse, ist der Mitgliederrückgang kaum stärker als in den vorausgegange- nen Quartalen. Ueberhaupt sind im Jahre 1313 nicht mehr Mit- glieder ausgeschieden als in den vorhergegangenen Jahren. Der Rückgang.ist durch erheblich weniger Eintritte zu erklären. Das liegt eben an den widerwärtigen Berufsverhältnissen. Wie sehr das der Fall ist, läßt sich dadurch beweisen, daß ge- rade die Zigarrenbranche, die am furchtbarsten unter der un- günstigen Konjunktur zu. leiden hatte, am stärksten am Mitglieder- rückgange, nämlich mit 6011, beteiligt war, während die Zigaretten- blanche ein Mehr von 567 Mitgliedern stellte. Der Entwickelungs- gang in der Tabakindustrie ist auch daraus zu erkennen, daß mehr männliche als weibliche Mitglieder verloren gingen, nämlich 2834 männliche und 2634 weibliche. Die Zahl der weiblichen Mitglieder betrug am Jahresschluß 15 443. Natürlich muß sich die ungünstige Konjunktur auch in den Kämpfen des Vorjahres widerspiegeln. Es sind 147 Kämpfe ge- führt worden, bei denen 500 Betriebe mit 13 675 Beschäftigten in Frage kamen; direkt beteiligt waren 11038 Arbeiter, davon 7733 weibliche. Obgleich nicht alle Bewegungen mit Arbeitseinstellungen verbunden waren, spricht es doch von reger gewerkschast- licher Arbeit, wenn ein Verband in so schweren Zeiten noch über ein Viertel seiner Mitglieder in den Kampf schicken kann. Es endeten 83 Bewegungen in 161 Betrieben mit 3175 Arbeitern mit vollem, 56 Bewegungen in 328 Betrieben mit 13 122 Arbeitern mit teilweisem und 8 Bewegungen in 11 Betrieben mit 378 Ar- beitern ohne Erfolg. Nach gewissenhafter Schätzung wurden für 8687 Arbeiter Lohnerhöhungen von 3406 M. pro Woche erzielt. Außerdem wurde für 1267 Arbeiter eine Verkürzung der Arbeits- zeit' um 3464 Stunden pro Woche erreicht. Andere Forderungen, wie. bessere sanitäre Verhältnisse, besseres Material, Ferien usw. wurden in einer Reihe von Betrieben durchgesetzt. Allerdings wären für die Tabakarbeiter mit ihrem im Verhältnis zu allen Arbeitern geringsten Durchschnittsverdienst und der längsten Ar- beitszeit noch andere Erfolge nötig. Die Tarifbewcgung des Verbandes hat im Berichtsjahre keinen Fortschritt gemacht, was ebenfalls auf die schlechte Konjunktur zurückzuführen ist; in keiner Industrie stehen wohl auch die Unter- nehmer dem Tarifgedanken so verständnislos gegenüber, wie gerade in der Zigarrenindustrie. Es bestanden am Schluß des Jahres 263 Tarife für 331 Betriebe mit 6175 Arbeitern gegen 270 Tarife für 1054 Betriebe mit 6135 Arbeitern am Schluß des Jahres 1312. Wünschen muß man, daß die nächsten Jahre der Tabak- industrie endlich einmal den ersehnten Ausschwung bringen, damit auch der Verband mit fester Hand an seinem Aufftieg arbeiten kann; daß er fähig ist, gewerkschaftliche Arbeit zu leisten, beweist der letzte Jahresbericht Wäre der Verband nicht innerlich kräftig, er hätte die furchtbaren Stürme der.letzten fünf Jahre nicht so relativ günstig überstanden._ Der Bäckerinnung in Linden bei Hannover wurde vom Ge- sellenausschuß eine Tarifvorlage unterbreitet. Nach langem Hin und Her beriefen die Jnnungsfiihrer eine Versammlung ein, zu der auch nach dem Gesetz der Gesellenausschutz geladen werden mußte. Die Versammlung beschloß jedoch, daß sich die Gesellen- Vertreter entfernen müssen und stimmte dann dafür, daß der Tarif abgelehnt und auch in keine Unterhandlungen eingetreten werde. Als der Altgeselle, nachdem ihm der Beschluß bekanntgegeben wurde, eine Erklärung in der Versammlung abgeben woflte, ergingen sich die Meister vom Backtrog in den unflätigsten Beschimpfungen, die sogar soweit ausarteten, daß ein Teil der Bäckermeister'mit er- hobcnen Stühlen auf die Gesellenvertrcter eindrangen. Der Ge- sellenausschuß mußte flüchten, um sich vor den toildgewordenen Jnuungsmeistern zu schützen. Nunmehr hat die Gehilfenorgani- sation die Sache in die Hand genommen und die Foxderungen an die einzelnen Meister versandt. Tarifabschluß mit den Brotfabriken im Wuppertal. Zwischen dem Zentralverband der Bäcker und Konditoren und der Brotfabrikantenvereinigung in Elberfeld wurde nach langen Unterhandlungen ein Lohn- und Arbeitstaris vereinbart, der bei einer 56stündigen wöchentlichen Arbeitszeit einen Miudestlohn von 31,50 M. vorsieht, und für die verantwortlichen Arbeiter einen solchen von 34 M. Die Arbeitswoche ist eine sechstägige. Die Arbeiten an gesetzlichen Feiertagen werden über den Wochenlohn hinaus mit dem Ueberstundenlohn von 65 Pf. pro Stunde per- gütet. Alle Arbeiter, die ein Jahr im Betriebe beschäftigt sind, erhalten 6 Tage Ferien unter Fortzahlung des Lohnes. Zur Schlichtung von Streitigkeiten, die aus dem Arbeits- und Tarif- Verhältnis entstehen, ist ein Tarisamt eingesetzt mit dem Gewerbe- gerichtsvvrsitzenden als Unparteiischen. Der Vertrag gilt bis 30. Juni 1317._ Arbeit für den Staatsanwalt. Zurzeit wittern die Behörden hinter jeder Handlung organisierter Arbeiter schwarze Pläne, die Hetze gegen das Koalitionsrecht wird von den Unternehmern damit begründet, daß die organisierten Ar- heiter die Nichtorganisierten in jeder Weise terrorisieren und brot- Kleines Feuilleton. Das Monopol auf den„Don Juan". Im Februar 1S12 erließ der Deutsche Bühnenverein, die Vereinigung der Theaterdirektoren, ein Preisausschreiben. 10 000 M. sollte erhallen, wer die beste Uebersetzung des„Don Juan"-Textes einlieferte. Mozart hatte nämlich einen italienischen Text komponiert, leider aber existiert nicht bloß eine deutsche Uebersetzung, sondern etwa zwanzig, und davon sind reichlich ein halbes Dutzend an den verschiedenen Bühnen eingeführt. Das brachte aber mancherlei Unzuträglichkeiten mit sich: wenn z. B. in Leipzig eine Sängerin absagte und man sich einen Ersatz aus Dresden kommen lassen mußte, dann sang die Vertreterin im Duett einen Text, der mit den Worten ihres Partners durchaus nicht überein- stimmte. Diesem Zustand sollte das Preisausschreiben ein Ende machen. Die Bühnendirektoren mußten sich verpflichten, in Zukunft lediglich den preiszukrönenden Text aufzuführen. Im Mai d. I. verkündigten die Preisrichter, unter etwa 70 Bewerbern habe der frühere Kgl. Kammersänger Scheidemantel den Preis davongetragen. Gleich- zeitig erfuhr man auch, daß der neue Text mit der zugehörigen Klavierbearbeitung und Partitur bei Bote und Bock in Berlin er- scheinen werde— und daß Bote u.Bock einstweilen auch die 10000 M. bezahlen würden. jAußerdem geben sie noch extra 2000 M. für die Preisrichterl) Im Preisausschreiben war von diesem Modus nicht die Rede gewesen. Nach ihm mußte man annehmen, der Deutsche Bühnenverein sei der freundliche Spender. Natürlich werden in Zukunft alle Musiker und Sänger nur noch die Scheidemantelsche, d. h. die bei Bote u. Bock erscheinende.Don Juqn"-Ausgabe kaufen müssen, so daß alle anderen Ausgaben der Oper allmählich per- schwinden. Mit anderen Worten: Bote u. Bock werden in Zukunft nicht nur das Monopol am Text, sondern auch an der Musik des .Don Juan" haben, an der Musik, die seit mehr als 100 Jahren Volkseigentum ist! Dafür köniuen Bote und Bock die 12 000 M. ruhig blechen. Sie tun nicht einmal das: sie legen das Geld vorläufig bloß aus. Der deutsche Bühnenverein hat ihnen nämlich erlaubt, sie in Form von 21/ä Proz. Tantieme von jeder.Don Juan"-Aufführung wieder einzukassieren. Bote und Bock erheben also von einer Oper Tantiemen, die seit hundert Jahren frei ist. Von jeder.Don Juan"- Aufführung, denn daß in Zukunft nur noch der Scheidemantelsche, von Bote und Bock verlegte Text Verwendung findet, dafür sorgt der Deuffche Bühnenverein. Und das Publikum muß in Zukunft wieder Tantiemen für ein Werk zahlen, das schon ein Jahrhundert Volkseigentum war! Das schönste aber ist, daß die preisgekrönte Uebersetzung noch schlechter ist als die bisher eingeführten. Dies behauptet unter anderem Dr. Heuß in Nr. 26 der.Allgemeinen Mufik-Zeitung". Zum Beweise sei die Scheidemantelsche»Verbesserung" des bekannten Duetts: Reich' mir die Hand, mein Leben, Komm' auf mein Schloß mit mir l angeführt. Sie lautet: Dort reichst Du mir die Ha— and, Dort sagst Du fteudig ja l sich zu Herzen sa— and, «» D ja«chl Die Hutlosen. Man schreibt uns: In einem Gymnasium des Berliner Westens begannen die Schüler ohne Mützen zur Schule zu kommen. Am Wochenschluß bestieg der Herr Direktor persönlich das Podium und begann:.Das mit den fteideutschen Schillerkragen und den offenen Hälsen möge noch so hingehen, aber das künftig noch jemand ohne Mütze zur Schule kommt, sei hiermit strengstens verboten." Der besorgte Alte hat recht, denn was sollte werden, wenn die Jünglinge vor dem Herrn Lehrer nicht mehr die Mützen ziehen, sondern ihre Ehrerbietung nur noch durch ein Beugen des Kopfes andeuten werden? Muß da nicht in den kleinen dreckigen Hosenmätzen ein maßloses Persönlichkeitsgefühl erwachen? Jene Verordnung ist inzwischen mit Energie zur Durch« führung gelangt. Nur wenige rebellische Elemente regten sich. Ein kleiner Revolutionär, der trotzdem sein Haupt nicht bedeckt hatte, wurde vom verehrten Schulhaupt persönlich ertappt. Ein gewaltiges Wetter entlud sich über ihn, und der Kleine bekam einen derarttgen Schreck, daß sich seine Mutter am Nachmittag über allzu guten Stuhlgong ihres Lieblings beklagte. Jedenfalls ist der Aufruhr im Keime erstickt. Es handelt sich zufällig um ein humanistisches Gymnasium. Seit langen Zeiten streiten sie sich mit den Realanstalten herum, ob es gut sei, Latein und Griechisch zu lernen oder nicht. Sollten aber bei dieser würdigen Gelegenheit sich nicht ein- mal auch die ärgsten Gegner die Hand reichen und einmütig die Revolution bekämpfen...? Aehnliche Verbote hat die hutlose Mode übrigens auch ander« wärts gezeitigt. Die deutsche« Oberlehrer sind halt ein homogener Stand. Brennessel-Stosfe. In dem unglücklichen Nordischen Krieg, den Karl Xll. von Schweden 1700 gegen seine Nachbarn, Polen, Däne- mark und Rußland, unternahm, fiel einer seiner Dragoneroffiziere, I. B. Müller, in die Hände der Russen. Er wurde in der Nähe von Tobolsk im Gebiete der Ostjaken interniert und veröffentlichte dann 20 Jahre später in Berlin Erinnerungen an seine Gefangen- schast. Dort findet sich nun folgende interessante Stelle: Die Frauen wissen die Nesseln auf gleiche Weise wie den Flachs zu bearbeiten und ihre Leinlvand daraus zu wirken, deren sie sich zu Umhängen auf ihrer Lagerstelle bedienen, damit sie sich deS Sommers der Mücken erwehren. Sie brauchen die Leinwand auch, ungeachtet sie sehr steif i st, zu Hemden und Tüchern aus ihren Kopsen." In allerneuester Zeit nun sucht man auch bei uns die Fasern der Brennessel, die ja als anspruchloses Unkraut überall üppig gedeiht, zu Geweben zu verarbeiten. Man verwendet die große zweihäusige Nessel, deren Fasern eine große Aehnlichkeit mit denen des Hanfes besitzt. Früher suchte man sie durch Behandlung mfi Salzsäure aus dem Pflanzengewebe zu isolieren, doch wurden sie dadurch brüchig; ähnliche Mißstände zeigten sich beim Rösten. Nun ist es dem Chemiker Besenbruch gelungen, ein Verfahren ausfindig zu machen, durch das eine gewinnbringende Verwertung des Unkrautes gesichert ist. Ex erzielte damit Gewebe von ausfallender Festigkeit und Feinheit, die sich außerdem durch schönen Seidenglanz vorteil- hast auszeichnen. Ja Norddeutschland arbeitet bereits eine Spezial- fabrik mit einer täglichen Leistung von 2000 Kilograrmu. Humor und Satire. Wahres Geschichtche«. Im Kreisstädtchen£ saß der abendliche Stammtisch im .Güldenen Zepter" fröhlich beisammen. Herr Alois Kannegutz, der fich mit Glück aus kleinsten Verhältmge« heraus zum wohlhabende« Fabrikanten heraufgearbeitet hatre, ohne je seine nur spärliche Volksschulbildung zu verleugnen, benutzte eine Gesprächspause und sagte: .Meine Herren, ich führe einen neuen Artikel ein und möchte diesem gerne ein besonderes Warenzeichen geben, möglichst mit eiueni hübschen, fremdsprachlichen Motto. Können Sie mir einen Rat geben? Der Herr Pastor schlug ein deutsches Sprichwort vor:.Bete und arbeite." Der Amtsrichter meinte:„Ora et labora I" klinge gebildeter. Rein, hieß es, das sei ja schon was Uraltes. „kluuguam retrorsum!"(Niemals rückwärts.) Auch nichts. „Semper idem!"(Immer der gleiche.) Ach, bekannte Schnapsmarke. Es fiel niemanden was Gescheites ein; das Thema wurde verlassen. Aus dem Nachhausewege schloß sich gegen alte Gewohnheit der stets lustige Doktor T. Herrn Kamieguß an und brachte das Gespräch nochmals aus besagtes Warenzeichen; nach der Verabschiedung konnte man ein heiteres Lächeln seinen Mund umspielen sehen. Und siehe da: vier Wochen später erschien der neue Artikel deS Herrn Alois Kanneguß mit folgendem schönen, fremdsprachlichen Motto:„Mundus vult decipi!u(Die Welt will betrogen werden.) _(.Jugend'.) Notizen. — Die sogenannte Sophien-AuSgabe der Werke Goethes erhält noch einen Band, und zwar den 53. Reben einigen Jugendprodukten soll er Ergänzungen zu d.en Venezianischen grammen und eine Reihe Erotika enthalten, deren Nichtveröffent- lichung wir seinerzeit gerügt haben. — Die Reichs klein odien des seligen römischen Reiches deutscher Nation, die in Wien aufbewahrt werden, läßt man jetzt sür die Aachener Krönungsausstellung 1315 kopieren. Das kostet 173 000 Mark! Man sollte lieber die Originale und noch einigen ähnlichen Tand meistbietend versteigern. — Der Ehrendoktor gegen bar. DaS„Posener Tageblatt" gräbt aus einer großen Berliner Tageszeitung ein Inserat aus, wonach„Herren in achtunggebietender Position, deren Berufe aus akademischer Vorbildung beruhen, oder aber Männer mit wirklich gelehrten Verdiensten" den Ehrendoktyrtitel erlangen können. Das ist zwar ein starkes Stück, schadet dem Ehrendoktor- titel aber gar nichts, denn er ist durch Verleihung an allerlei Hans- wurste von Rang und Vermögen längst zu einer lächerlichen Ueber- flüssigkeit geworden. — 12318000 Telephonanschlüsse gibt es auf der Erde, davon in Amerika über zwei Drittel, nämlich 8 533 300, während Europa nur 3 153 000 aufweist. Demnach hätte in den Vereinigten Staaten jeder elfte, in Europa erst jeder 186. Mensch ein Telephon. — Die Lesfing-Hochschul« hat in Dr. Ludwig Lewin einen neuen Leiter bekommen. — E S bleibt beim Wasser. Der Brüsseler Bürger« meister hat den Brauereibesitzern die Erlaubnis verweigert, Manneken-Pis während des Nationalfestes als Bierfaß zu benutzen. ES sollen auch technische Schwierigkeiten sür das Verbot maßgebend gewesen sein; zweifellos aber wollte der Bürgermeister die Be- völkerung auch vor den Folgen der Gratissäuserei bewahre«. los machen. Wer rigoros und rücksichtslos vorgeht, dafür gibt ein uns zugesandter Urtasbrief wieder genügend Beweis. Er lautet: Reichsverband für das Steinsetz--, Pflasterer-- und Strasienbau-Gewerbe(E. V.). Postscheckkonto Leipzig 9155. Fernsprecher 7703. Leipzig-Gohlis, Datum des Poststempels. Landsberger Straße 32. Sehr geehrter Herr Kollege! Die auf beiliegender Liste verzeichneten Steinsetzer und Nammer find von den Reichsverbands-Mitgliedern auf keinen Fall einzustellen. Sollte dies bereits geschehen sein, so find dieselben sofort zu entlassen. Im Interesse der gegenseitigen Unterstützung der Arbeitgeber wird erwartet, daß vorstehendem Ersuchen strikte nachgekommen wird. Mt kollegialem Gruß! Reichsverband für das Steinsetz-, Pflasterer- und Straßenbaugewerbe(E. V.). Otto S ch w a b a ch, Vorsitzender. Entsberger, Geschäftsführer. Diesem Schreiben ist eine Liste beigefügt, der die Namen, die Wohnung und das Geburtsdatum von 18 streikenden Steinsetzern enthält. Die Unternehmer legen sich also gar keinen Zwang auf; vor einer Bestrafung scheinen sie sich ziemlich sicher zu fühlen. Was würde geschehen, wenn Arbeiter so vorgehen würden? Die Christlichen in Emden. In der alten Hafenstadt Emden haben sich seit einem Jahre die Gewerkschaftschristen eingenistet. Als der Deutsche Transport- arbeiterverband vorigen Sommer mit den Emdener Hafengewaltigen einen ernsten Strauß ausfocht, erschienen sie wie die Hyänen auf dem Schlachtfelde und verrieten die Interessen der freien Arbeiter schmählich. Die Unternehmer hatten bald erkannt, welch getreue Schildknappen sie in den Gewerkschaftschristen sich großziehen konnten. Die gesetzlich gewährleistete Koalitionsfreiheit wurde durch die Ausgabe von gelben Karten an die Christen illusorisch gemacht. Die übrigen Arbeiter erhielten andersfarbige Karten. Bei Ver- gebung der Arbeit wurden die Inhaber der gelben Karten in jeder Weise offen bevorzugt. Das war der erste Druck auf die Arbeiter, sich den Christen zu verschreiben. Wer als Mitglied des Transportarbeiteroerbandes bekannt war, dem wurde die Arbeits- karte entzogen. Ohne Karte gab es überhaupt keine Arbeit. Kein Staatsanwalt findet sich, der gegen eine so unerhörte Verrufs- erklärung einschreitet. Doch damit nicht genug. Wer seine Beiträge zur christlichen Organisation nicht bezahlt, um dem christlichen Joch zu entfliehen, muß damit rechnen, daß ihm seine Arbeitskarte ent- zogen wird. Charakteristisch ist auch der Anstellungsvertrag der Elcvator-Gesellschaft, nach dem sich die Arbeiter verpflichten müssen, dem Transarbeiterverbande nicht anzugehören. Tritt ein Arbeiter diesem Verbände trotzdem bei. so ist nicht nur das Arbeitsverhältnis beendet, sondern auch der wöchentlich einbehaltene Sparbetrag von einer Mark bis zu einer Summe von 50 M. geht dem Arbeiter ver- loren.— So machen sich die Christlichen in Emden zu Sklave« der Unternehmer l Wagenbaucrstreik in Mttncheii. Die Arbeiter der Karosserie- svöriken und Stellmachcreien stehen, bereits die elfte Woche im Streik. Die Unternehmer lehnten bisher jede Bemühung des Ge- Werbegerichts, Verhandlungen anzubahnen, brüsk ab und versuchen durch Inserate in den Provinzblättern Arbeitswillige nach München zu lotsen, bisher mit negativem Erfolg. Bei diesem Kampf in München handelt es sich nicht mehr darum, ein paar Pfennige Lohnaufbesserung zu erringen, sondern die Unternehmer wollen das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter und ihrerOrganisationen beiFest- legung der Lohn- und Arbeitsbedingungen illusorisch machen. ES ist deshalb Ehrenpflicht der Arbeiter'Deutschlands, den Kampf moralisch zu unterstützen und jedwedes Arbeitsangebot nach München strikte zurückzuweisen. Der Zuzug von Stellmachern, Metallarbeitern, Malern und Lackierern und Sattlern ist deshalb streng fern zu hakten. Nuslanö. Deutsch« Streikbrecher in Rotterdam. In Rotterdam befinden sich die Straßenbahner in einer Bewegung. Mit Hilfe der„Berliner Morgenpost" wurden hundert Streikbrecher in Berlin gesucht, die sich in einem Restanrant in der Linienstr. 112 melden sollten. Jetzt beschuldigt dieselbe.Morgenpost" die Direktion der Berliner Straßenbahn, daß sie bei der Vermittlung der Arbeitswilligen die Hand im Spiele habe, da sie in Berlin die einzige Gesellschaft sei, die üb« das erforderliche technisch durchgebildete Personal verfüge. Natürlich sind die von der.Morgenpost" ver- mittelten Streikbrecher kein durchgebildetes Personal, sondern dasselbe zusammengelaufene Material, auS dem Streilbrecher immer zu bestehen pflegen. Uebrigens wartet dieser Arbeitswilligen in Rotterdam ein recht warmer Empfang. Die Ankündigung des Magistrats, deutsche Arbeitswillige heranzuziehen, um dem Streik der Straßenbahnangestellten ein Ende zn machen, hat dort Ver- anlassung zu stürmischen Kundgebungen seitens der Bevölkerung ge- geben. Es ist zu befürchten, daß es zu blutigen Zusammenstößen kommt. Eine Anzahl deutscher Streikbrecher, die sich gestern auf den Straßenbahnwagen befand, mußte infolge der drohenden Haltung der Menge ihren Dienst einstellen. Wirtschaftlicher Wochenbericht. vie Hanöelsbeziehungen öes Reiches. Je näher der Zeitpunkt der Vertragserneuerung heranrückt, um so eitriger werden die Zahlen des Güteraustausches des Reiches inii den anderen Ländern studiert. Der neueste Jahrgang des Statistischen Jahrbuches für das Deutsche Reich bringt hierfür wertvolle Angaben, die beachtet zu werden verdienen. Bis jetzt wurden die halbfertigen Waren von den Rohstoffen nicht unter- schieden, wodurch das Gesamtbild etwa? verdunkelt wurde. Noch wichtiger ist es, daß der Verkehr mit verschiedenen Ländern nicht nach Warcngruppcn geteilt wurde, so daß es an einem zusammen- fassenden Bilde von Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und anderen Ländern mangelte. Beide Neuerungen auf dem Gebiet der Handelsstatistik sind zu begrüßen. Es stellte sich nämlich die Einfuhr in Milliarden Mark: Roh- Halb- Fabri- Nahrungs- Im stoffe fabrikate kate u.Gsmißmittel ganzen 1009.. 3.90 0.9 1.14 2.32 0.23 8.53 1910.. 4.23 1.0 1.22 2.21 0.27 8.93 1911.. 4.35 1.1 1.29 2.76 0.23 9.70 1912.. 4.82 1.2 1.41 2.94 0.26 10.69 1913.. 5.00 1.2 1.48 2.76 0.29 10.77 1909.. 1.02 0.72 4.17 0.66 0.01 6.59 1910.. 1.14 0.34 4.74 0.75 0.01 7.47 1911.. 1.22 0.87 5.22 0.78 0.01 8.11 1812.. 1.38 1.01 6.76 0.79 0.01 8.96 1913.. 1.52 1.14 6.39 1.03 0.01 10.10 Die Einfuhr von Rohstoffen im SpezialHandel ist von 1909 bis 1913 von 3,9 Milliarden auf 5 Milliarden, von halbfertigen Waren von 0,93 auf 1,24 Milliarden Mark angewachsen. Es handelt sich um ein Jahrfünft intensiver wirtschaftlicher Entwickelung, wenn M Rachfrage nach Rohstoffen und halbfertigen Material»« im hohe» Ratze fleftieiyu ist. Es sind in erster Linie mtnernitsche ' und fossile Rohstoffe und Oele, deren Gesamteinfuhrwert sich von 1909 bis 1913 von 0,78 auf 1,11 Milliarden erhöht hat, dann Handels- und Gewerbepflanzen, deren Einfuhr von 0,83 auf eine Milliarde gestiegen ist, und die wichtigsten Rohstoffe, die die Vieh- zucht liefert, wie Felle, Häute, Haare usw., mit einem Handels- wert von 799,3 und 1051,5 Millionen Mark. Fügt man noch die Cinftchr von Holz hinzu, die sich von 0,55 auf 0,63 Milliarden Mark erhöht hat, so ergibt sich, daß die auswärtige Land- und Forstwirtschaft mehr als die Hälfte der eingeführten Rohstoffe und zusammen mit den Mineralien 4 Fünftel der Rohstoffe liefert. Di« Ausfuhr von Rohstoffen ist von 1,02 auf 1,52 Milliarden gestiegen, so daß der Einfuhrüberschuß sich von 2,88 auf 3,48 oder um 0,9 Milliarden Mark erhöht hat. Dagegen ist die Ausfuhr von halbfertigen War« rascher als deren Einfuhr gestiegen, näm- lich von 0,7 auf 1,1 Milliarde, so daß der Einfuhrüberschuß sich von rund 0,2 auf 0,1 Milliarde vermindert hat. Immerhin führt Deutschland noch um rund 100 Millionen halbfertige Waren mehr ein— als aus. An Rohstoffen und Halbfabrikaten zusammen mangelt es dem Deutschen Reiche in der Höhe von rund 3,53 Milliarden Mark. Dafür führt das Reich Fabrikate mehr aus als ein, und zwar stellte sich in den Jahren 1909 bis 1913 die Einfuhr auf 1,14 und 1,48, die Ausfuhr auf 4,17.und 6,89 und der Ausfuhrüberschuh auf 3,03 und 4,91 Milliarden Mark. Damit deckt das Reich nicht allein den Einfuhrbedarf von Rohstoffen und Halbfabrikaten, sondern auch einen Teil, des Bedarfes von Nahrungs- Mitteln. Das Jahr 1913 darf aber nicht als Normaljahr betrachtet werden. Die Wirtschaftsstockung machte sich schon im Innern fühl- bar und die Industrie wie die Landwirtschaft suchten möglichst viel Waren nach dem Auslande abzustoßen, während der einheimische Konsum und daher auch die Einfuhr schon relativ gering war. Daher ist die Gesamtausfuhr um 1,1 Milliarde gestiegen, während die Einfuhr sich bloß um 80 Millionen erhöht hat. Die Schutz- zöllner werden sich wohl immer auf das.glänzende Resultat" von 1913 berufen. Es ist deshalb notwendig, sich dieses Resultat näher anzusehen. Sehr stark ist die Ausfuhr von Nahrungsmitteln gestiegen, und zwar gegenüber dem Vorjahre von 789,9 auf 1035,9 Millionen Mark oder um 246,5 Millionen Mark. Außerdem wurden Roh- stoffe um 135,6 und Halbfabrikate um 126,5 Millionen mehr als im Vorjahre ausgeführt, so daß ungefähr 45 Proz. der Mehr- ausfuhr auf diese Warengruppcn entfällt. Der Anteil der aus- geführten Fabrikate an dem Gesamtexport ist daher von 64,4 Proz. auf 63,3 Proz. gesunken, während der Anteil der ausgeffihrten Nahrungs- und Genußmittel sich umgekehrt von 3,8 Proz. auf 10,3 Proz. gehoben hat. Das Jahr 1913 war also besonders un- günstig in bezug auf den einheimische« Konsum; dagegen immer noch günstig für den Welthandel. Nimmt man die Fünfjahrsdurchschnitte von 1909/13, so ergibt sich dann eine Einfuhr von Rohstoffen von 4460,6 Millionen, der ein« Ausfuhr von 1256,4 Millionen gegenübersteht, dann eine Einfuhr von Halbfabrikaten von 1100,9 und eine Ausfuhr von 916,8 Millionen Mark, so daß der Einftlhrüberschuß 3204 und 184 Millionen beträgt, während sich der Exportüberschutz bei Fabrikaten auf 3950(5265— 1308) Millionen Mark stellt. Nach der Deckung des Einfuhrüberschusses an Rohstoffen und Halbfabrikaten bleibt ein Ausfuhrüberschuß von rund 560 Millionen Mark. Da der durchschnittliche Bedarf an Nahrungs- und Genußmitteln sowie an lebendigem Vieh die Ausfuhr um rund 2065,5 Millionen übersteigt, so könnte man mit dem Ausfuhrüberschuß von Fabrikaten rund ein Viertel der Nahrungs- und Genußmittel kaufen, die Deutschland mehr ein- als ausführt. Es ist bekannt, daß die Zahlungsbilanz des Reiches aktiv ist, .. h. daß nach Deutschland mehr Gold einströmt als ausgeführt wird. Auch die Verschuldung Deutschlands an das Ausland hat abgenommen. Der Einfuhrüberschuß an Nahrungsmitteln wird durch die im Auslände erhaltenden Zinsen, durch die Gewinne der Reedereien und ähnliches mehr ausgeglichen. Der Mehrwert wird zum Teil im Jnlande, zum Teil im Auslande akkumuliert und verbraucht. Die Kapitalausfuhr, die infolge der im Auslande höheren Profitraten geschieht, dient gleichzeitig dazu, um wenigstens einen Teil der Zinsen zu verbrauchen. Nun sehen wir zu, welche Länder das Reich mit Rohstoffen und Nahrungsmitteln versorgen und welche seine Fabrikate kaufen. Es stellt sich in Millionen Mark die Einfuhr Ausfuhr Rah- Roh- falb- ga6ri. mittA Roh- f a™' Fabri- Ah- fwffc l.abr,.....„Im sttrne l?6ri* kate riingS. Europa. Afrika. Asien Amerika. Australien fwffc 2052 385 642 1430 255 kate 3 63 362 25 kate 1056 24 69 271 8 usw. tauch Vieh) 2053 66 232 822 16 statte 1139 5 S 181 5 kate 366 4080 6 143 51 96 10 349 1131 81 mittel 659 31 13 90 4. Als Rohstofflieferanten kommen in erster Linie Europa und Amerika in Betracht. Aus Europa kommen Rohstoffe für 2051,6 Millionen, aus Amerika für 1430 Millionen, zusammen für 3481 Millionen Mark(73 Proz. der gesamten Rohstoffeinfuhr); aus Afrika dagegen bloß für 385 Millionen Mark. Unter den einzelnen Ländern treten die Vereinigten Staaten mit 683,5 Millionen, Rußland mit 533,8, Oesterreich-Ungarn mit 318,4, Argentinien mit 259,4, Australien mit 234,9, England mit 271,7, Chile mit 198,8, Britisch-Jndicn mit 320,6, Frankreich mit 170,9, Italien mit 182,2 und Niederländisch-Jndien mit 155 Mil- lionen Mark besonders hervor, während die afrikanischen Kolonien im ganzen für 41,7 Millionen Mark Rohstoffe liefern. Deutschland ist somit im großen ganzen fast gänzlich auf die Zufuhr von Rohstoffen aus selbständigen Ländern, die zum Teil ökonomisch zu den deutschen Kolonien gehören mögen, aber politisch kaum je in ein Abhängigkeitsverhältnis vom Reiche zu bringen wären, an- gewiesen. Das Uebergewicht dieser politisch selbständigen Länder in der Versorgung Deutschlands mit Rohstoffen tritt noch schärfer hervor, wenn wir auch die Halbfabrikate mit hineinbeziehen. Halbfertige Waren führte Deutschland 1912 für 1296,8 Millnonen Mark ein; davon entfallen 843,3(also über drei Viertel) allein auf Europa, darunter auf England 271,1, Belgien 118,6, Frankreich 111,8 und Rußland 82,5 Millionen Mark. Diese vier Länder liefern also beinahe die Hälfte der Halbfabrikate. Daraus folgt, daß Deutschland im Interesse seiner i n d u- t r i e l l e n Entwickelung und der sicheren Ver- orgung seiner Industrie mit Roh st offen eine riedliche Politik treiben muß. Nie könnten irgend ivelche Kolonien die deutsche Industrie vom Auslande unabhängig machen, ebensowenig wie die Agrarzölle jemals die deutsche Land- Wirtschaft in den Stand setzen könnten, die steigende Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Auch Nahrungsmittel erhält Deutschlands in erster Linie aus Europa(für 1802 Millionen) und Amerika(für 821,9 Millionen Mark). Afrika lieferte nur für 66,3, Asien für 231,7 Millionen und Australien für 16,4 Millionen Mark. Vieh kommt fast aus- chließlich aus Europa. In der Versorgung mit Nahrungs- und Genutzmitteln steht Rußland mit 750 Millionen(mehr als ein Viertel der Gesamteinfuhr) an erster Stelle. Dann folgen die Vereinigten Staaten mit 296,9 Millionen, Oesterreich-Ungarn mit 211,5, die Niederlande mit 193, Brasilien mit 194, Argentinien mit 180 Millionen Mark usw. Die deutschen afrikanischen Kolonien liefern an das Reich Nahrungs- und Genußmittel im ganzen für 1,8 Millionen Mark und lebendes Vieh für 0,0... Auch in dieser Beziehung sind die Kolonien höchst wertlos. Was Rußlands Anteil an Deutschlands Getreideversorgung betrifft, so ist er sehr bedeutend. In den Jahren 1905/09'und 1910/13 lieferte Rußland 33,4 Proz. und 33,1 Proz. des eingeführten WeizenS, 78,5 und 83,0 Proz. der Gerste und 68,6 und 64,4 Proz. des Hafers. Auch 80 Proz. da» nach.Deutschland Roggens kommen aus Rußland. Man begreift, warum die Agrarier so gern einen Zollkrieg mit Rußland gesehen hätten. In seiner Ausfuhr von fertigen Waren ist das Reich wiederum in erster Linie auf Europa und Amerika angewiesen, wohin Fabrikate für 4080 bzw. 1130 Millionen von einer Gesamtfabrikaten- ausfuhr in der Höhe von 5788,4 Millionen Mark gehen. Diese beiden Weltteile kaufen somit Deutschland fast 90 Proz. seiner Fabrikate ab... Höchst beachtenswert ist es, daß vielleicht das kapitalistisch entwickelteste Land der Welt gleichzeitig der beste Kunde der deutschen Industrie ist. England kauft in Deutschland Fabrikate für 792 Millionen Mark. Die Vereinigten Staaten kaufen für 460,7 Millionen Mark. Seit dem Inkrafttreten des neuen Zolltarifs ist die Einfuhr aus Deutschland noch höher ge- stiegen. Fügt man noch die Ausfuhr von Fabrikaten nach Belgien hinzu, die sich auf 234,3 Millionen Mark beläuft, so erhalten wir, daß die drei kapitalistisch hochentwickelten Länder von Deutschland nicht weniger als für 1487 Millionen Mark oder ein Viertel aller ausgeführten Fabrikate kaufen. Es läßt sich leider nicht sagen, in welchem Umfange die Ausfuhr von Fabrikaten nach diesen Ländern gestiegen ist. Wahrscheinlich nicht unbedeutend. So ist beispielsweise die Ausfuhr nach England von Kinderspiel- zeug von 1910 bis 1913 von 20 auf 25,7 Millionen Mark gestiegen, von baumwollenen Handschuhen von 12,5 auf 15,6 Millionen an- gestiegen und so weiter. Es erweist sich somit, daß die b e st e n Kunden der Industrie die Industrieländer mit hochangewachsenen Bedürfnis sen sind. Dagegen ist der Handelsgewinn beim Verkehr mit wenig entwickelten Ländern höher, da hier der Händler häufig einen großen Teil des Mehrwerts an sich reißt, während die Produzentenorganislstionen (Kartelle, Genossenschaften) in den kapitalistisch entwickelten Ländern den Händler zu einem reinen Vermittler herabdrücken. Während also die Entwickelung der Industrie an und für sich die Pflegung guter Handelsbeziehungen zu industriellen Ländern fordert, streift der Händler in der Jagd nach einem hohen Gewinn durch die ganze Welt herum, setzt sich in Kolonien nieder und fordert ihre Unterdrückung, um die-wilde" Bevölkerung besser und sicherer aussaugen zu können. Die allgemeine Bedeutung der Ausfuhr nach den Kolonien ist sehr gering. Deutschland führte nach seinen afrikanischen Kolonien fertige Waren für 34 Millionen oder seines Fabrikatenexports aus'. Dagegen nach Frankreich Jür 370,3 Millionen Mark, nach Rußland für 445,1, der Schweiz für 336,3, Oesterreich- Ungarn für 504,4, nach den englischen afrikanischen Kolonien für 51,8 und nach Aegypten für 32,4, zusammen für 84,2 Millionen Mark, nach Indien usw. für 102 Millionen, nach Kanada für 43,4, nach Australien für 80,8 Millionen Mark. Die deutsche Industrie hat in fremden Kolonien einen besseren Markt als in den eigenen. Interessant ist es auch, daß das kleine Japan mehr fertige Waren in Deutschland bestellt als das große China. Nach Japan wurde für 79 Millionen ausgeführt, nach China bloß für 74 Mil- lionen Mark. Wiederum erweift es sich, daß ein sich entwickelndes Land einen steigenden Absatzmarkt für Jndustrieprodukte der anderen Länder darstellt. Die Notwendigkeit eines friedlichen inter- nationalen Güteraustausches ist also kein Phantom der Freihändler, sondern eine in der allgemeinen Entwickelung begründete Tatsache. Allein der subjektive Wille der Unternehmer tritt diesen Tendenzen entgegen, stört die allgemeine Richtung der Entwickelung. Auf einer gewissen Stufe der Wirtschaftsentwickelung werden eben die Eigentumsverhältnisse zu Fesseln der Produktivkräfte.... Den Hauptschwierigkeiten der Handelsvertragserneuerung be- gegnet das Reich bei den Verhandlungen mit Rußland, Oesterreich- Ungarn und den Vereinigten Staaten. Wie stellt sich der Handels- verkehr mit diesen Ländern?� ES wurdck ein- bezw. ausgeführt (in Millionen Mark): u-«-»,.«tÄf Ein« AuS- Ueberschuß Ein- Aus- lieber« fuhr fuhr der Eins, fuhr fuhr schuß Rußland... 1527.9 697,8 848,1 830.7 36,6 794.1 Oester.-Ungarn. 830,0 1035.3—205,3 257,8 37.4 220,4 Ver. Staaten.. 1586.0 697,6 888,4 297,0 30,8 266,2 Rohstoffe Fabrikate Einfuhr- Ausfuhr- Etnsnhr Aussuhr über- Einfuhr Ausfuhr über« schütz schütz Rußland... 533,8 127,0 406,8 68,4 445,1 376.7 Oesterr.- Ungarn 318,4 318,5 0.9 171,3 504,4 333,1 Ver. Staaten. 683,5 154,1 529,1 247.6 260,7 13,1 Die Vereinigten Staaten und Rußland liefern an Deutschland mehr Waren als sie von ihm erhalten. Um fast 800 Millionen Mark führt Rußland nach Deutschland Nahrungsmittel mehr ein als aus und ebenso Rohstoffe für 400 Millionen Mark. Ist Ruß- land somit an der Erhaltung des deutschen Marktes sehr inter- essiert, so nicht minder an der freien Ausfuhr von Rohstoffen nnd Nahrungsmitteln aus Rußland, ohne die seine Bevölkerung, noch seine Industrie existieren könnte. Insbesondere ober ist Rußland als Abnehmer deutscher Fabrikate wichtig. Da es hier fast nur als Käufer auftritt, so wird es nur dann für die Einfuhr deutscher Waren günstigere Bedingungen einräumen, wenn für seine Aus- fuhrartikel der Weg nach Deutschland freigemacht wird. Oesterreich- Ungarn hat immer weniger Nahrungsmittel frei zur Ausfuhr; dagegen ist es und besonders die Bereinigten Staaten daran interessiert, daß man die Ausfuhr von ihren Fabrikaten nach Deutschland nicht erschwert. Hier handelt es sich um Begünstigungen gegen Begünstigungen auf dem Gebiete der Industriewaren, wobei daneben die Agrarzölle selbstredend nicht aufgehört haben einen Stein des Anstoßes zu bilden. In den zollpolitischen Verhandlungen mit Ruhland aber sind sie der Hauptgegenstand des Streites. Hier erst tritt der Gegensatz zwischen Industrie und Landwirtschaft scharf hervor. Nur ein Teil der Agrarier, die ostelbischen Junker, sind an der Erhaltung des russischen Marktes interessiert; dagegen wünscht der weitaus größte Teil von ihnen, Rußland möglichst weit vom deutschen Getreidcmarkte zu halten, obgleich ohne russische Futtermittel die deutsche Viehzucht sich kaum entwickeln könnte. Dagegen ist die Industrie sowohl auf Rohstoffe auS Rußland als auch auf den Absatz von Fertigfabrikaten dorthin in hohem Maße angewiesen. Wird sich nun die Industrie aber auch diesmal von den Agrariern narren lassen? Die Einfuhr von Getreidezöllcn in Rußland wird den Agrariern wohl als Vorwand dienen, um die Handelsbeziehungen zwischen diesen Ländern zu verschlechtern. Es wird die Sache unserer Fraktion sein, die Regierung zu zwingen, Schritte zu unternehmen, die geeignet sind, umgekehrt den Handel mit Ruhland zu fördern.. �_ Sp. Grtskrankenkassentagung. Darmstadt, 12. Juli 1914. Die 21. Jahresversammlung des Hcnrptverbandes deutscher OrtSkrankenkassen begann heute vormittag im hiesigen Städtischen Saalbau. Die Tagung ist nicht so stark beschickt wie in früheren Jahren. Das dürfte hauptsächlich darauf zurückzuführen sein, daß der preußische Minister des Innern erst in den letzten Tagen eine Verordnung erließ, nach der Delegationen der OrtSkrankenkassen nur mit Zustimmung der Ausschüsse erfolgen dürfen, die Höchstzahl der Delegierten dürfe nur drei betragen. Zu dieser Verordnung wird der' Kongreß noch besonders Stellung nehmen. Man könne sie nicht ruhig hinnehmen, erklärte Vorstandsvorsitzender Fräßdorf, ZaZ Selbstbestimmungsrecht der Krankenkassen müsse geschützt werden. Der von ungefähr 450 Delegierten besuchte Kongreß wurde von Fräßdorf-Dresden eröffnet. In das Bureau werden außer Fräßdorf noch Knoblauch-Darmstadt und Scholem-Berlin(Arbeit- geber) als Vorsitzende gewählt, denen Starke-Dresden, Eberhardt» Darmstadt, Jscrlohn-Remscheid und Eichstädt-Weimar als Schrift- führer zur Seite stehen. Bei Festsetzung der Tagesordnung wurde die provisorisch auf. gestellte etwas abgeändert. Der Punkt-Aenderimg der Verbands- sotzung" wurde gestrichen, da eine Aenderung noch nicht unbedingt notwendig sei. Der Punkt.Versicherung der Hausgewerbetreiben- den" wurde der Tagesordnung neu hinzugefügt. Diese umsaht außerdem noch folgende Punkte:„Mitteilungen über dasBcrbands- »rgan„Ortskrankenkasse"",„Die unmittelbare Abgabe von Arzneien und Heilmitteln durch die Krankenkassen", Referent: Gräf-Fankfurt a. M. Ueber„Die Entwicklung des Kafsenbeamtcn- rechts seit dem Inkrafttreten der Reichsversichrrungsordnung" wird sich Iustizrat Dr. Mayer-Frankenthal verbreiten und„Die Stellung der Zwangskassen zu den Ersatzkassen" wird der Direktor der Orts- krankenkasse Halle a. S. behandeln. Ueber das Thema„Salvarsan- behandlung der Syphilis" wird Professor Dr. Herxhcimer-Frank- furt a. M. referieren.„Das Berliner Acrzteabkommcn vom 83. Dezember 1913" soll Rechtsanwalt Dr. Baum und„Das Ab- kommen mit den Bcrufsgenossenschafteu" Friitzdorf besprechen. Ferner sollen noch eine ganze Reihe praktischer Verwaltungsfragen erörtert werden. Der Vorsitzende des Verbandes, Landtagsabgeordneter Fräß- dorf-Dresden erstattete einen kurzen Geschäftsbericht. Die Tätigkeit des Vorstandes im verflossenen Jahre sei keine leichte gewesen. ODie Geschäfte seien so angewachsen, daß es not- wendig sei, eine Aenderung in der Erledigung der Geschäfte ein- treten zu lassen. Der Vorstand sei sich schlüssig geworden, ein eigenes Bureau mit einem besonderen Beamten einzurichten. (Bisher erledigte die Geschäfte die Ortskrankenkasse Dresden.) Die Gründung der eigenen Zeitung„Ortskrankenkasse" habe auch viel Arbeit gekostet. Der Kongreß werde die Wege zu zeigen haben, die zur weiteren Ausgestaltung und Verbreitung des Organs not- lvendig seien. Eine so große Organisation wie der Hauptverband deutscher Ortskrankenkassen müsse mit Leichtigkeit ein eigenes Organ unterhalten können. Im Berichtsjahre seien nicht nur die Ortskrankenkassen, sondern auch die Unterverbände und der Haupt- verband neu organisiert worden. Der Hauptverband könne mit Befriedigung aus das Resultat blicken. Er stehe heute stärker als je da. Nach Einführung des Zweiten Buchs der Reichsversiche- rungsordnung hätte die Zugehörigkeit zu Kassenverbänden von Arbeitgebern und Arbeitnehmern besonders beschlossen werden müssen. Das hätte zur Folge gehabt, daß einzelne Kassen wegen innerer Differenzen nicht mehr dem Hauptverband angehören, andererseits seien aber auch neue Kassen hinzugekommen. Die Zahl der Kassen, die dem Verband angeschlossen sind, sei von 504 im Vorjahre auf 373 im Geschäftsjahre 1913/14 zurückgegangen. Dies habe seine Ursache in der Vereinigung der betreffenden Kassen zu Allgemeinen Ortskrankenkassen. Tatsächlich ausgetreten aus dem Hauptverband wären nur wenige Kassen, was durch Zutritt anderer Kassen wieder wettgemacht worden sei. Die dem Hauptverband angeschlossenen Vereine zählten rund b Millionen Mitglieder gegen- über 4 799 999 zur Zeit der letzten Jahresversammlung. So sei der Mitgliederstand größer als je zuvor. Das erfülle mit Freude. Zweifellos müsse der Verband aber noch weiter ausgebaut werden. (Zustimmung.) An den Bericht schloß sich keine Diskussiorr. Fräßdorf folgerte daraus, daß die Versammlung mit der Tätigfeit des Vorstandes einverstanden ist. Die Verbandluoigen wurden dann auf Manko g vertagt. Der sHzialöemokratifche Lcmöes» Parteitag Sachsens trat am S«mtag im Bolkshause in Leipzig zusammen. N-be« den üblichen Punkten: Bericht des Landesvorstandes, Organisation, Kassenbericht und weiteren formalen Dingen enthält die Tages» ordnung auch ein Referat des Abg. U h l i g über die Tätigkeit der LandtagSsraktion und eins de» Abg. Fleißner über die sächsische Politik und den nächsten Wahlkampf. Außerdem liegen einige An- träge vor, die nach den vorausgegangenen Erörterungen in der sächsischen Parteipresse lebhafte Debatten erwarben lassen. Besonders ein Zwickauer Antrag auf Neueinteilung der vier sächsischen Agitationsbezirke in Verbindung mit der Neugründung eineS Parteiblattes in Plauen im Vogtlande dürste dazu Anlaß geben. Die vorige Landesversamm- lung beschloß gegen eine ansehnliche Minderheit im Prinzip die Blatigründung in Plauen. In dem letzten Beschluß ist zugleich gesagt, daß die Parteiinstanzen mit der Durchführung des Unter- nehmenH beauftragt werden. Die politische Notwendigfeit wurde von allen Seiten anerkannt, nur die Finanzierung bereitete Schwierigkeiten. Die Parteigenossen haben nun die ganze Frage nach allen Seiten eingehend geprüft und in einer erweiterten Sitzung, an der all« in Betracht kommenden Faktoren beteiligt waren, wurde einstimmig die Gründung des Blattes beschlossen, da das Leipziger Parteigeschäst die Finanzierung auf eigenes Risiko zu übernehmen sich bereit erklärte, nachdem das in erster Linie in Frage kommende Zwickauer Geschäft das abgelehnt hatte. Das Unternehmen ist nun gegründet, das neue Blatt soll vom 1. Ok- tober ab erscheinen. Nun hat sich in der Parteipresse ein mehr formeller Streit darüber entsponnen, ob die Parteiinftanzen diese Gründung ohne weiteres vornehmen durften, oder ob nicht die dies- jährige Landesvevsammlung zu befragen und ihre nochmalige Zu- sttmmung einzuholen gewesen wäre. Die Zahl der Parteimitglieder ist seit dem vorigen Jahre um beinahe 29 999 auf 177 59« gestiegen. Darunter be- finden sich 23 524 weibliche Mitglieder. Unter den 23 Kreisen be- findet sich nur noch einer mit unter 2999 Mitgliodrn.— Die Parteipresse hatte insgesamt 215 423 Abonnenten, ein Ge- ringes weniger, als im Vorjahr. Sozialdemokrattsche Gemeinde- Vertreter gibt es in Sachsen 2994.— Die gesamten Einnahmen der Kreisvereine betrugen inklusive der Kassenbestänbe vom vorigen Abschluß 936 981 M, der jetzige Kassenbestand 142 529 M. Genosse Li P inS ki-Leipzig eröffnete nachmittags kurz nach 4 Uhr den Landesparteitag mit begrüßenden Worten und einer kurzen Skizzierung der politischen Verhältnisse in Sachsen. Unsere Organisation fei vorbildlich, der Klassenkampf muß im„Probier- lande der Reaktion" mit aller Schärfe geführt werden, in keinem Lande ist die Reaktion so vereinigt, wie in Sachsen. Zu Vorsitzenden wurden die Genossen L i p i n s k i- Leipzig und Fleißner- Dresden einstimmig gewählt und die vor- geschlagene Tagesordnung sowie Geschäftsordnung glatt genehmigt. Das Referat über die Organisation erstattete für den Landesvorstand Genosse S i n d e r m a n n- Dresden. Er wies besonders eindringlich darauf hin, wie notwendig es ist, der Partei neue finanzielle Mittel zu verschaffen. Sachsen sei für das ganze Reich in der Partei bisher auch in dieser Beziehung vorbildlich gewesen und das möge auch so bleiben; um so mehr als die Aus- gaben infolge neuer nötiger Einrichtungen stets wachsen und auch die Zentralkass« in Berlin aus größere Einahmen aus den leistungsfähigen Organisationen rechnet. Hinzu komme, daß die Gegner immer größere Anstrengungen zur Bekämpfung der Sozialdemokratie machen und mit Leichtigkeit die dazu nötigen Geldmittel aufzubringen imstande sind. Sparen würden wir unter diesen Umständen an den bisherigen Ausgaben kaum können, also bleibe nichts übrig, als größere Einnahmen zu beschaffen. In der Jugendbewegung müsse dafür gesorgt werden, daß die über 13 Jahre alten Genossen mehr für die Partei und die Partei- arbeit herangezogen werden. Jetzt lasse das noch recht vielzu wünschen übrig. Beträchtliche Geldmittel würden der Partei durch die Ueber- handnahme der Sportvereine entzogen. Auf diese Dinge sei die Aufmerksamkett der Genossen zu lenken. Aus feinen Fall dürf» ten der Partei dadurch Kräfte für die Parteiarbeit entzogen wer- den. Die Avbeitereltern hätten die Pflicht, ihre Kinder von der bürgerlichen Jugendpflege fernzuhalten und sie in unserem Geiste zu erziehen. Redner ging dann näher auf die Plauener Blattfrage ein und legte dar, daß die Landesinstanzen durch- aus korrekt gehandelt hätten; er wandte sich scharf gegen die KritSer dieses Borgeheu». Kr gab schließlich eine von den Lande»- instanzen einstimmig beschlossene Erklärung ab, die den Sachver- halt kurz darlegt und ihr Vorgehen rechtfertigt. Dann erstattet der Landessekretär, Genosse U h l i g- Dresden den Kassenberich t, der gedruckt vorliegt und nun mündlich ergänzt wird. Die Richtigkeit der Rechnung wird von den Revi- soren festgestellt und Entlastung beantragt. Alle vorliegenden An- träge wurden genügend unterstützt. Um sechs Uhr werden die Verhandlungen auf Montag vertagt. Zur Strcikverordnung der sächsische« Regierung legen die Landesparteiinstanzen folgende Resolution vor: „Die Landesversammlung der sozialdemokratischen Partei Sachsens erhebt schärfsten Protest gegen die von der Re- gierung erlassene Streikverordnung, die zu einer völligen Ver- nichtung des Streik- und Koalitionsrechtes der Arbeiterklasse führen kann. Diese Streikverordnung ist das Produkt schlimmster K las sen po l i ti k zugunsten der Unter- nehmer und zum Schaden aller Arbeiter und Angestellten. Die Regierung zeigt damit unverkennbar, daß sie ein gefügiges Werk- zeug der besitzenden und herrschenden Klasse ist. Die Streik- Verordnung verschärst das System der Polizeiwillkür in Sachsen noch mehr, obwohl es bereits jetzt schon alle freiheitlichen Bestrebungen stark dehindert, zum Teil unmöglich macht. Die Landesversammlung verspricht daher im Namen der sächsischen Sozialdemokratie, den äußersten und schärf- sten Kamp f mit allen zu Gebote stehenden Mitteln gegen jede Beeinträchtigung des KoalitionSrechts und besonders gegen die Streikverordrmng zu führen. Sie rechnet dabei auf die energische Mithilfe der Gewerkschaften und der gesamten Arbeiter- klaffe." Die Verhandlungen wurden am Montag vormittag 19 Uhr fortgesetzt. Der öffentlichen Sitzung ging eine vertrauliche Be- sprechung voraus. Die hierbei geführte lebhaste Debatte, an der sich 17 Redner beteiligten, drehte sich im wesentlichen um Organi- sattonsfragen. Der Antrag auf baldige Einführung eine? beson- deren Wahlfonds für alle sächsischen Kreise wurde von Ver- tretern des Bezirks Chemnitz heftig bekämpft, von den Landes» instanzen aber nachdrücklichst befürwortet. Der Antrag wurde schließlich gegen 21 Stimmen angenommen. Den breitesten Raum der Erörterung nahm der Antrag auf Neueinteilung der Bezirke und die Gründung eines neuen Partei blattes in Plauen ein. Von einigen Ver- tretern des Zwickauer und Chemnitzer Bezirkes wurde den Landes- instanzen vorgeworfen, daß sie ihre Befugnisse überschritten hätten; gegen diese Borwürfe wurde entschieden Verwahrung eingelegt. Die große Mehrheit der Landesversammlung stimmte offenbar der Maßnahme der Landesinstanzen zu; denn ein Antrag, der das Gegenteil feststellen sollte, wurde nicht einmal genügend unterstützt. Der Antrag zur Neueinteilung der Bezirke wurde in einer all- gemeineren, nicht zwingenden Fassung angenommen. Danach sollen die Landesinstanzen in Erörterungen über die Frage eintreten. Der Antrag wegen Schaffung neuer Bestimmungen über die Auf- stellung von Landtagskandidatnren wurde abgelehnt; ein Antrag jedoch angenommen, der Sammeln von Material über behördliche und gerichtliche Maßnahmen in Sachen des VereinsgosetzeS, fordert. Dann erstattete Landtagsabgeordneter U h l i g ein fünfviertel- stündiges Referat über die Tätigkeit der LandtagSsraktion alS Er- gänzung des vorliegenden umfangreichen Berichtes. Anwesend sind 169 Delegierte, darunter 18 Landtag»- und 11 Reichstagsabgeordnete. Der Parteivorstand in Berlin ist durch Genossen Molkenbuhr vertreten. Nachmittags 144 Uhr wurden die Verhandlungen auf Dienstag vertagt, um einen Besuch der BuchgSweüboauSstelluny z« ermöglichen. 1 2. Generalversammlung öes Verbandes der Fabrikarbeiter Deutschlands. Stuttgart. 11. Juli 1914. Sechster BerhandlungStag. Die heute erledigte Beratung der Statuten endete mit An- nähme des von der Kommission vorgelegten Entwurfs. Ein Ver- such, für die Ziegeleiarbeiter eine besondere Vergünstigung im Statut festzulegen, fand keine Mehrheit. Mit der einstimmigen, per Akklamation vorgenommenen Wiederwahl des Vorstandes und des Ausschusses gab der VerbandStag feiner Leitung ein besonderes Vertrauensvotum, worüber der anwesende Vertreter der norwe- gischen Bruderorganisation, Genosse Mollensen, seine lebhafte Freude aussprach. Als Tagungsort für die nächste Generalver- sammlung wählten die Delegierten Bremen. Im Schlußwort hob Brey(Vorsitzender), hervor, daß die Verhandlungen über die Beschlüsse des Gewerkschaftskongresses gezeigt hätten, daß keine Neigung zu Konflikten vorhanden sei. Erweise sich die andere Seite ebenso ftiedfertig, dann werde der Friede nicht gestört. Zu ge- meinsamen Arbeiten finde man schon bald, in Wien, Gelegenheit. Zu neueil Arbeiten wendeten sich nun die Delegierten nach der Heimat. Die gute Arbeit des Verbandstages werde seine Ent- Wickelung fördern, das Gewicht der Organisation als Faktor im Wirtschaftsleben steigern.— Kräftig stimmten die Delegierten in das zum Schluß auf die Organisation ausgebrachte Hoch; dann sangen sie die Marseillaise. Das war der Ausklang der Tagung. H. verbanöstag öer Such- unö Stein- öruckereihilfsarbeiter. Leipzig, 11. Juli 1914. Letzter BerhandlungStag. Zu Beginn der SonnabendSsttzung wurden zunächst die Vor» standswahlen erledigt. Von 41 abgegebenen Stimmen erhielten die Vorsitzende Paula Thiede 35, der 2. Vorsitzende und Redakteur Puch er 23 und der Kassierer Lodahl 38 Stimmen. Die restlichen Stimmzettel blieben unbeschrieben. Der seitherige Vorstand ist somit wiedergewählt. Es wurde hierauf in die Beratung der Anträge allgemeiner Natur eingetreten, da die StatutenberawngSkommission ihre Ar- besten noch nicht beendigt hat. Zum Verbandsorgan liegen mehrere Anträge von München und Dresden vor, die eine bessere Ausge- staltuna der„Solidarität" wünschen. Der sozialen Gesetzgebung soll mehr Beachtung geschenkt werden, die laufenden Artikel über das Genossenschaftswesen möchten zugunsten leichtverständlicher Feuilletonartikel eingeschränkt werden, um den weiblichen Mit- gliedern mehr Rechnung zu tragen. Redakteur P u ch e r bittet, an den Genossenschaftsartikeln festzuhalten, denn es sei Pflicht der Gewerkschaften, für ein so wichtiges Gebiet wie die Genossen- schaftsbewegung und auch für die.Volksfürsorge" nach Kräften einzutreten; Feuilletons belehrender Nawr würden jetzt schon zur Genüge erscheinen. Der VerbandStag machte sich diese Auf- fassung zu eigen. Dresden wünscht für die Zukunft eine bessere und planmäßigere Agitation und wird durch Schulz- Leipzig in dieser Forderung unterstützt. Auf Antrag Dresden und München wird eine Statutenberatungskommission gewählt, in die jeder Gau vor Zusammentritt der Verbandstage einen Ver- treter entsendet. Die Einführung einer Sterbeunter- st ü tz u n g, wie sie von Magdeburg beantragt war, wurde ab- gelehnt. Im Namen der Statntenberatungskommission berichtete nunmehr Baumgartner- Berlin. Von kleinen Aen- derungen abgesehen, werden die Anträge des Vorstandes und der Gauleiterkonferenz angenommen unter Zugrundelegung der von München vorgeschlagenen Neufassung des Statuts. Die Unter- stützung auf der Reise ist künftig halb so hoch wie die Arbeitslosen- Unterstützung. Die Streikunterstützung kann nicht mehr 18, sondern nur noch 19 Wochen lang bezogen werden. Di« weiteren Aende- rnngen nehmen mehr ans die Bmwavnng Bezug. Damit waren die Arbeiten deS VerbandSkagest erTeMgl Genossin Thiede bezeichnete die Einmütigkeit, mit der trotz Meinungsdifferenzen die Geschäfte ihre Erledigung fanden, als ein bedeutungsvolles Zeichen für die kommenden Kämpfe unh schloß den Verbandstag mit einem Hoch auf die Organisation. Gerichtszeitung. Intimes aus einem Landratsamt. Das Schwurgericht in Halle a. S. verurteilte den Kreisaus- schußsekretär Karl Friedrich aus Bitterfeld wegen Verbrechens im Amt und Urkundenfälschung nach einwöchiger Verhandlung zu 3 Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust. Die Verhandlung deckte eine Lotterwirtschaft in der dem Landrat unterstellten Kreis krankenkasse auf und förderte einige niedliche Intimitäten aus einem Landrats- amtsbetrieb an den Tag. Der Angeklagte hatte von 1895 ab bis 1919 rund 46 999 M. aus den Kassengeldern sich angeeignet und dann Fälschungen in den Büchern vorgenommen. Die Geschäftsführung wurde von den Sachverständigen als eine derart lotterige bezeichnet, wie sie ihnen noch nie vorgekommen sei.„In meiner 49jährigen Amtszeit", sagte ein Sachverständiger,„ist mir eine derartige Unordnung in der Buchführung noch nicht vorgekommen." Nur durch eine gar zu weit getriebene Frechheit deS Angeklagten kam die Anklage ins Rollen. Im Jahre 1919 wurde bei einer unvermuteten Revision 46 999 M. Defizit entdeckt. Das Ver- fahren wurde aber mangels Beweise eingestellt. Der Angeklagte verpflichtete sich, das Defizit zu decken. Als er 29 999 M. zurück- gezahlt hatte, strengte er eine Zivilklage gegen den FiskuS auf Rückzahlung der 2Sst)9v M. an. Diese Kühnheit� veranlaßte eine genauere Prüfung. Man fand massenhafte Beweise, verhaftete den Angeklagten und klagte ihn an. Monatelang wurden Beträge nicht gebucht. Revisionen meist durch einen dem Kreissekretär unterstellten Beamten vorgenommen und selbstredend in ungenügendster Weise: es wurden nur die ein- getragenen Kolonnen nachgerechnet! Der Landrat, ein Freiherr von Bodenhausen, fand nie etwas in Unordnung: er ließ sich nur den von einem Unterbeamten festgestellten Betrag vorzählen! Zu dem Angeklagten hatte er volles Vertrauen, zumal� dieser ihn in der ersten Zeit seiner Amtstätigkeit in die Geschäfte eingeführt hatte. Wie konnte er seinem Lehrmeister mißtrauen, zumal dieser ein»echt nationaler" Mann war! In der Verhandlung wurde über die Tätigkeit des An- geklagten folgendes festgestellt: er war stramm national und agitierte bei der Reichs tags Wahl stets eifrig für den Kandidaten der ReichsHartei, Kommerzienrat Bauermeister. Bei allen Wahlen hat der Kassenschwindler Flugblätter gegen die Sozialdemokratie ausgearbeitet, die den großen Beifall aller Kreise und speziell auch den des Landrats fanden. Auf die Frage, ob er den Angeklagten mit der Flugblattverbreitung beaustragt habe, antwortete der L a n d r a t, es sei in den regierungstreuen Kreisen in Frage gestellt gewesen, ob man bei der Reichstagswahl dem Ansturm der Sozialdemokratie gewachsen sei. Deshalb seien sehr viele Flugblätter verfaßt worden. Allgemein habe man sich darüber geärgert, daß keins wirksam war und denNagelaufden Kopf traf. Da habe sich der Angeklagte angeboten und habe es auch in zufriedenstellender Weise er- l e d i g t. Die frechsten Spitzbuben sind eben immer die besten Sozialistenbekämpfer. Der Kreissekretär bekundete, daß er den Angeklagten getröstet habe mit dem Bemerken, der Landral'st ihm doch wohlgesinnt und werde ihm schon beistehen. Der Landrat habe auch angeordnet, daß vorläufig nichts an die Oeffentlichkcit kommen solle, und dabei geäußert, daß er wohl für den Riß werde bluten müssen. Im Ver» lauf der Beweisaufnahme kam noch zur Sprache, daß schon der Vorgänger deS Angeklagten ähnliche Unterschlagungen begangen und ein anderer Beamter Selbstmord verübt habe. Ein landrätlicher Musterbetrieb! „Bei' und arbeit'!" „Bei' und arbeit'", dies schöne Lied von Georg Herwegh, das seit länger denn 60 Jahren bei proletarischen Festlichkeiten vorgetragen oder gesungen wird, die„Internationale" von Portier und Diederich standen gestern wieder einmal als Angeklagte vor der 1. Strafkammer des Landgerichts Berlin I. Schon vor zwei Jahren wurde das Jugend-Liedcrbuch im Verlage der Buchhandlung Vorwärts G. m. b. H. Paul Singer der beiden Lieder wegen gerichtlich beschlagnahmt und die Genossen Bernhard Bruns als Leiter der Buch- Handlung und Hans Weber als der verantwortliche eichner für das Jugend-Liederbuch wegen Aufreizung zum lassenhaß angeklagt. Die 1. Strafkammer des Landgerichts Berlin I sprach die Angeklagten frei, beschloß aber die Beschlagnahme der beiden Lieder sowie die Ver- nichtung der zu ihrer Herstellung gedienten Formen und Platten. Gegen Genossen Fritz E b e r t wurde erst gestern als dritten Angeklagten verhandelt, da gegen ihn als Reichstagsmitglied das Verfahren während der Session geruht hatte. Er soll als Geschäfts» führer der Buchhandlung„Vorwärts G. m. b. H." mitschuldig an der.Aufreizung" sein. In der Verhandlung der Strafkammer be- aniragte Staatsanwaltschaftsrat Dr. Schindler das- selbe Urteil wie vor zwei Jahren zu fällen.— Der Verteidiger, RechtsanwaltDr. HugoHei neman n, wies nach, daß beide Lieder keinen aufreizenden Charakter haben. Beide Lieder, insbesondere „Bet' und arbeit'", werden seit vielen Jahren auf allen öffentlichen Arbeiterfestlichkeiten in Gegenwart der Polizei unbeanstandet gesungen oder vorgetragen. Plötzlich wurde in beiden Liedern Auf- reizung zum Klasienhoß entdeckt. Aber auch, wenn der Gerichtshof der Ansicht sein sollte, die Lieder seien objektiv aufteizend, so könne, ebensowenig wie das vorige Mal, eine Bestrafung des Angeklagten erfolgen, da der Angeklagte angesichts des Umstandes, daß beide Lieder viele Jahre unbeanstandet geblieben sind, unmöglich das Bewußtsein der Strafbarkeit durch Aufnahme der Lieder in das Jugend-Liederbuch haben konnte.— Nach längerer Beratung des Gerichtshofes verkündete der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Schmidt: Der Gerichtshof erachtet beide Lieder objektiv für ge- eignet, zum Klassenhatz aufzureizen. Da jedoch die Lieder viele Jahre unbeanstandet geblieben sind, so hat der Gerichtshof das Bewußtsein der Strafbarkeit bei dem Angeklagten verneint und ihn kostenlos freigesprochen. Dagegen ist auf Beschlagnahme der Lieder sowie zur Vernichtung der zur Herstellung gedienten Formen und Platten erkannt. Hriefkaften der Reöaktion. 9L K 100. 1. und 2. Die Pfändung ist möglich. Die Frau hat jedoch daS Jnteroentionsrecht. 3. Der Gerichtsvollzieher kann trotz Vorlegung der Zikchirnng pfänden. Zur Glaubhaftmachung gegenüber der Behörde würde die Rechnung und eine eidesstattliche Versicherung über die Identität genügen.— P. B. 44. Wir teilen Ihre Auffassung.— M. W. 15. 1. Ja. 2. Nein.— N. 0992 W. Zur Zahlung eines höheren Betrages erscheint die Gemeinde nicht verpflichtet.— H. Sch., Neckarstr. Wir halten Ihre Tochter für berechtigt, für die Dauer von 14 Tagen Fortzahlung des Lohnes zu beanspruchen unter Anrechnung des Kranlengcldes.— F. A. 2. Rein.— A. Xh. 2Z. 1. Das ist möglich. 2. An das Polizelprästdium. 3. 200 Mark. 4. Wenden Sie fich an ein Sieifebnreau, Unter dm Linden, wo kostenlos AuSIimft erteilt Todes-Anzeigen Allen Freunden, Verwandten und Bekannten die traurige Nach« richt, dag mein lieber Mann, unser guter Vater, der Dreherinvalide Ulbert Michaelis im Alter von 60 Jahren nach schwerem Leiden verstorben ist. Dies zeigen tiesbetrübt um stille Teilnahme bittend an Witwe Vaima Michaelis und Kinder, Utrechterstr. 17. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den IS. Juli, nach- mittags Z'j, Uhr, aus dem städti- schen Friedhose, von der Halle des St. Philippus-Apostel-Fried- hoscs in der Müller-, Ecke See« ftrafie aus statt. Sßgtb SozialdernokraliscIiErWalilverein Li 6. fierl. ReiebstagswaiM, 20. Abt. Bezirk 788a. Am Sonnabend, den 11. Juli, verstarb unser Genosse, der Dreher Ulbert Miehaelis, Utrechter Str. 17. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den IS. Juli, nach- mittags Uhr, von der Leichenhalle dcrPhilippus-Apostel- Gemeinde aus aus dem städtischen Friedhose in der Müllcrstraßc, Ecke Seestratzc statt. Um rege Beteiligung ersucht Ner Vorstand. Am 10. Juli d. I. verschied sonst unser Kollege und Mit- arbciter, der Schrisrsctzer Aldert Roemer im 49. Lebensjahre. 2695b Sein Andenken wird stets in liebevoller Erinnerung behalten Berlm. 13. Juli 1914. Ba» Gesamtpersonal der Universit&ts- Buchdruckerei von Gustav Schade(0. Francke). SozialdeinokratlseherWatilvereiii Heukölln. Am 11. Juli verstarb unser Parteigenosse Paul Kroll Bouchsstraße 51. 6. Bezirk. Ehre seinem Andenken! Die Einäscherung findet am Dienstag, den 14. Juli, nach- mittags 5 Uhr, im Krematorium zu Treptow, Kiesbolzstraße, statt. Um rege Betelligung ersucht 237/13 vor Vorstand. Deotseber Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Paul Kroll Bouchsstraße 51 gestorben ist. Die Einäscherung findet am Dienstag, den 14. Juli, nachmittags 5 Uhr, im Krematorium Baum- schulenweg statt. Ferner starb unser Mitglied, der Heiser Richard Krause Neukölln, Ziethcnstraße 75 am 11. Juli an Lungcnleiden. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 15. Juli, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des Gemeindc-Friedhoses in Neukölln, Mariendorser Weg, aus statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet 121/20 Gie Ortsverwaltung. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und schönen Kranzspenden bei der Be- erdigung meiner innig geliebten Frau und guten Mutter �.ntm Deskowski geb. Schönfeld sprechen wir hiermit unseren herzlichen Dank aus. Hermann Deskowski, Panla Deskowski. Allen Bekannten die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, unser guter Vater und Groß- vater, der Töpser 131A Ems! Allmann am 10. Juli nach langem Leiden ausgelitten hat. Die Beerdigung findet am heutigen Dienstag, den 14. Juli, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Paul-Gerhardt- Kirchhofes, Nordend, aus statt. In tiefer Trauer Anna Altmann geb. Altmann nebst Sohn und Tochter. Zentral-Verband der Töpfer n. BentSspossen Deutschlands. Filiale Ciroß-Berlln. Den Kollegen zur Kenntnis, daß am Freitag, den 10. Juli, der Kollege Eirnsl; Altmann (Bezirk Schönhauser Vorstadt) im Alter von 73 Jahren an Hcrzlähmung verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 14. Juli, nach. mittags 5 Uhr, von der Leichen. Halle des Paul-Gerhardt- Kirch- hoscs, Nordend, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 192/9_ Der Vorstand. Sonnabend, den 11. IM, früh 9 Uhr, entschlief sonst mein innig. geliebter Mann, guter Sohn, Bruder und Schwager WsIAonM.sng|vi* im 29. Lebensjahre. 26905 Im Namen der Hinterbliebenen blartlia Langer, geb. Roek, Tegel, Schlieperftr. 76. Die Beerdigung findet heute Dienstag, nachm. 4�/, Uhr, von der Leichenhalle in Tegel, Herms- dorser Straße, aus statt. Deutseber Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Nachruf! Den Mitgliedern zur Nach- richt, daß unser Kollege, der Arbeiter Friedrich Munlwitx am 7. ds. Mts. im Alter von 22 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke«: Den Mitgliedern serner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Autosührer Willi Wulf von der Firma Paul Rösler, Steglitz am 10. d. Mts. im Alter von 30 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke«: 66/14 Gie Bezirksverwaltung. Zentralverein der Bildbaoer Deutschlands. Verwaltung Berlin. Nachruf. Am Freitag, den 10. Juli, vir« starb unser Mitglied, der Holz- bildhauer Gustav Diedriehkeit nach langem schweren Leiden im Alter von 25 Jahren. Ehre seinem Andenken! 20/18 Der Borstand. Hiermit die traurige Nachricht, dag am Sonntagvormittag 10'/. Uhr meine liebe Frau und unsere gute Mutter 1694b Umma Ziepke g-b. Reinboth nach langem schweren Leiden sanft entschlasen ist.— DieS zeigen in tiefer Trauer ergebenft an Wihelm Ziepke nebst Töchtern. Die Beerdigung findet am Mittwochnachmitlag 4>/, Uhr von der Halle des Zentralsriedhoses in Friedrichsfelde aus statt. Am 11. d. Mts. entschlief sanst nach kurzem Leiden unser einziger Sohn 93/6 Richard Hinz im 28. Lebensjahre. Um stilles Beileid bitten Berlin, den 13. Juli 1914. Emdener Str. 6. Hermann Hinz und Frau Anna geb. Kirchbach. Die Beerdigung findet morgen Mittwoch, den 15. Juli, nach- mittags 3'Ii Uhr, von der Leichen- Halle des ZentrMriedhoses m Friedrichsselde aus statt. Am Sonnabend früh 4 Uhr verschied plötzlich und ganz un- erwartet im 27. Lebensjahre unsere herzensgute Tochter, liebe Schwester, Schwägerin und gute Tante M.uisa Mettner Wrangelstraße 83, infolge Unsalles. Um stille Teilnahme bitte» August Mettner. Auguste Mettner geb.Jllmaun. Karl Mettner. Paul Mettner und Kinder. Anna Mettner geb. John. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 16. Juli, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des Zentral-Friedhoses in Friedrichsselde, aus statt. Danksagung. Allen, welche sich bei der Beerdi- gung meines teuren Gatten, unseres lieben Vaters, Großvaters med Schwiegersohnes LpnsA Scheuer beteiligt haben, besten Dank dem Wahl- verem und allen sür die Kranzspenden und die Annonce, der Direktion und dem gesamten Personal der Berliner Bockbrauerei, Abt. II, dem Zentral- verband der deutschen Böttcher sowie Herrn Kar Schütte für seine trost» reichen Worte am Sarge. Witwe Msrlda Seheuer und Sohn nebst Enkelkind. V. Zldllei», Schwiegervater. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und schönen Blumenspenden bei der Be- erdigung meines�sieben Mannes und guten Vaters, sage ich hiermit allen Freunden und Bekannten, insbeson- dere dem Genossen Wieloch, dem Zentralverein der Bildhauer, der Firma M. Neidewitz, den Kollegen der Möbelfabrik Stern, Seliger u. Co., Romintenerstr. 35, dem Wahlverein ves 4. Wablkreises und den Sängern sowie den Mietern des Hauses Weis- bachstr. 8 herzlichsten Dank. Im Namen der trauernden Hinter- bliebenen: 2690b Witwe Anna Bachmauu und Tochter. Danksygung. Sage allen bei der Beerdigung meines Mannes Beteiligten aus diesem Wege meinen besten Dank. Witwe Elisabeth Eichholz. �«-ftisch-nd- Limonaden fo-- 5 wenn Sie sich diese aus Reichel's Limonaden-Extrakten auf einfachste Art bereiten. 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Juli wird sie an den Wochentagen von 9 bis 3 Ilhr und an den Sonntagen von 9 bis 1 Ubr in den Räumen des Wahlbureaus der Stadt(Stralauer Straße 41/4S) öffentlich ausliegen. Sie kann dann kontrolliert werden. Das WahTbumm berichtet jetzt über die zur Fortschreibung der Wählerliste nötig gewesenen Arbeiten. Gering war die Mehrung der wahlfähigen Personen. Die Anfertigung von 93 III neuen Personenkarten für wahlfähig gewordene Personen und für weggezogene Wahlfähige) und die Aussonderung von 89 779 er- ledigten Pcrsonentarten(für verstorbene Wahlfähige und für weg- gezogene Wahlfähige) ergab einen Zugang von nur S341. Im vorhergehenden Jahr war allerdings das Erebnis noch ungünstiger. Angefertigt wurden da nur LI 279 neue Karten, ausgesondert aber LI 824 erledigte Karten, so daß ein Abgang von S4S herauskam. Durch mehrere Umstände wird die Zahl der in die Gemeinde- Wählerliste aufzunehmenden Personen noch geschmälert. Das Wahlrecht ruht zeitweilig bei Unterstützung aus öffentlichen Mit- teln, bei Bevormundung, bei Konkurs, bei Ehrverlust. Ganz außerordentlich zahlreich waren diesmal die bei dem Wahlbureau eingegangenen Meldungen über Unterstützte. Es wurden 9SSS2 solcher Meldungen gezählt gegenüber 68 162 im Vorjahr. Die starke Inanspruchnahme der Armenpflege wird sehr viele sonst wähl- fähige Personen um ihr Wahlrecht gebracht haben. Auch Steuer- restanten erleiden das Schicksal, aus der Gemeindewählerliste ge- strichen zu werden. Der Bericht des WahlburemjS sagt nicht, wie- viel Meldungen hierüber eingegangen sind. Mr 1914 kann die Gesamtzahl der Gemeindewähler Berlins jetzt noch nicht angegeben werden. Die Kontrolle und die daran sich anschließenden Berich- tigungen werden noch manche Aenderung bringen. In 1913 stan- den in der Liste 392 863 Wähler, wovon nur 771 zur ersten Klasse, 32 291 zur zweiten Klasse, aber 339 893 zur dritten Klasse gehörten. Die Summe aller für die Abgrenzung der drei Wählcrklasscn zusammongetvagencn Steuern beläuft sich diesmal auf fast 72� Millionen Mark. Der Durchschnittssatz ist 193 M. 42"/,«, Pf., da- nach gehören die Gemeindewähler mit Steuerleistungen bis zu dieser Höhe zur dritten Klasse. Gegenüber dem vorhergehenden Jahr zeigt sich hier eine kleine Verschiebung nach oben. Im Vor- jähr war die Summe der in Betracht kommenden Steuern 79% Millionen Mark, und die dritte Klasse reichte bis zu einer Steuer» leistung von 136 Mark 83�/,«, Pf. Dagegen ist die Grenze zwischen der zweiten und der ersten Klasse diesmal ein wenig herunter- gedrückt. Im vorigen Jahr zahlte der Mindcstbesteuerte der ersten Klasse 7489,98 1$., diesmal beginnt die erste Klasse mit 7189,39 M. Steuerleistung. Bezüglich der Wählerzahlen dürste durch diese Verschiebungen der Steuergrcnzen sehr wenig an dem Bild des Klassengegensatzes geändert werden, der in dem Dreiklasfensystem des Gemeindewahlrechts zum Ausdruck kommt. parteiangelegenheiten. Der Zahlabend im August findet nicht am 8, sondern am Mittwoch, den 3. August, für Groß- Berlin statt. Obcrschöncweide. Heute, abends 8 Uhr, im Wilhelminenhof: Mitgliederversammlung. Tagesordnung; Stellungnahme zun, Pariei- lag in Würzburg. Diskussion. Aufstellung zweier Kandidalen zum Parteitag. Spandau. Heute, abends 8'/« Uhr, findet bei Mollenhauer, See- ' burger Str. 26, die Generalversammlung des Wahlvcreins statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes und der Funktionäre. 2. Wahlen. 3. Bericht von der Kreisgeneralversnmmlung. 4. Ab- rechnimg von der Maifeier. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. Zossen. Heute Mitgliederversammlung. Abstimmung über den Wahlrechtsfonds.___ öerliner Nachrichten. Der Dahnbeamte, üer Arbeiter unö öer Mann im Zrack. Ein Sommerabend am Rüdesheimer Platz. Draußen an der Grenze zivischen Wilmersdorf und Friedenau. Die Ivetten grünen Rasenflächen mit ihren bunten Bluinenumrandungen locken allabendlich die Bewohner der Umgebung zu einem Rundgang ein. Da mitten in dem stilleil Abendfneden ein großer Menschenauflauf am Ausgang des Untergrundbahn- Hofes Rüdesheimer Platz. Und ich sehe noch, wie ein Beamter mit roher Gewalt einen Mann die Treppe hinaufstößt und auf die Straße setzt.... einen Arbeiter, und wie ich aus dem von ihm sorgfältig behüteten Handwerkzeug— Säge, Hobel und grüne Schürze... entnehme... ein Schreiner, der nach der angestrengten Arbeit des TageS in tropischer Sonnenglut anscheinend verschiedene zu viel hinter die Binde gegossen hat. Aber er ist keiner von den Unguten. Trotz der ihn, widerfahrenen schroffen und meinem Empfinden nach vollständig unvorschriftsmätzigen Behandlung durch die beiden Untergrundbahnbeamten entfaltete er vor deni zahlreichen - Publikum noch einen guten Humor. Man merkte eben, es war eine gute Seele... der Schreiner. Aber er fühlte sich in seinem Rechte gekränkt. In der Rechten hielt er krampfhaft eine Fahrkarte. Die hatte er sich am Schalter gekauft. Und nun sollte er nicht nach Hause fahren dürfen. Weit draußen nach Pankow. Oder sonst wo hin. Und wieder ging er die vielen Stein- stufen zum Untergrundbahnhof hinab. Ruhig und guten Gemütes. Aber da ereignete sich etwas Unerwartetes. D i e beiden Beamten faßten ihn am Hals, zer- rissen ihm den Nock und schlugen auf ihn ein. Oben aui der Steintreppe aber stand das sogenannte bessere Publikum und sah diesem Skandaltrauerspiel wollüstig wie ein Spanier einem barbarischen Stierkampfe oder wie einem harmlosen Kinodrama zu. Es ließ es zu, daß die beiden Beamten den durch den Alkohol, der an heißen Arbeits- tagen doppelt leicht berauscht, kraftlos gemachten Arbeiter die Treppe emporzuschleifen versuchten. Nur ein einziger fand den Mut, dieser Menschcnmißhand- lung ein Halt zuzurufen. Ist es ein Wunder, wenn bei einer solchen Behandlung selbst den Gutmütigsten und Humorvollsten der Humor aus- geht. Er müßte keine Ehre im Leibe habe«, wenn er sich das alles gefallen ließe. So dachte auch unser Schreiner und in der Not wehrte er sich tapfer gegen die beiden gegen ihn stürmenden Untergrnndbahnbeamten. Unser Schreiner befand sich dabei in einer ungeheuren Aufregung. Seine Lippen waren vor Erregung schon tiefblau und ein dicker weißer Schaum quoll ihm aus dem Munde. Und nun kam der„Herr Schutzmann''. Anstatt nun den Bezechten mit ein paar guten Worten nach der Polizeiwache zu führen, griff er ebenfalls derb zu und schubste den armen Schreiner so unsanft vor sich her. daß zahlreiche Herzhaftere lebhaft gegen eine solche Behandlung protestierten. Und ich kam zu der Erkenntnis: Zu einer individuellen Menschciibchandlung— und die sollte doch jeder Beamte, der mit dem Publikum häufig m Berührung kommt, wenn auch nur zu einem geringen Grade ausüben können— gehört eben mehr als zum Koinmißbrotessen. Der arme Schreiner aber rief der stumm und teilnahmlos zusehenden Menge die bittere Wahrheit zu: „Ihr schützt nur den Staat, den Menschen aber schützt ihr nicht." Hatte der Schreiner etwa nicht recht? Weil er des Guten zuviel getan, wollten ihn die Untergrund- bahnbeamten nicht nach Hause fahren lassen- Je nach Polizei- kommissar kann es einen hochnotpeinlichen Prozeß geben, in- dein all die hinreichend bekannten Paragraphen.. Beamten- beleidigung, Hausfriedensbruch, Widerstand gegen die Staats- gewalt(Untergrundbahnhos)... feindselig gegen den Schreiner aufmarschieren werden. * Auf dem Nachhausewege paradleren zahlreiche Erinne- ruugen an mir vorüber. Ich sehe Herren im Frack mit weißer Hemdenbruft, niit Lackschuhen und Zylinderhut und mit dem ewig klemmenden Monokel im Auge. Ich sehe sie mit ihren Stöcken und höre sie mit den schlimmsten Verbal- injurien gegen die Beamten der Untergrundbahn vorgehen. Sie greifen an... und sind nicht der angegriffene Teil. Sie werden nicht die hohen Steinstufen hinaufgeschleift. Und sie dürfen ruhig mitfahren. Und noch eins: Sind die„B a rk a V a l i e-r e", die mit den ersten Früh-Untergrundbahnzügen fahren, meist nicht noch stärker betrunken und unliebsamere Mitreisende als der stark �zum Humor neigende Schreiner am Untergrundbahnhof Rüdesheimer Platz? Aber... und das ist das Bedenkliche in seinem Ver- halten, daS war der Anlaß, daß aus dem Lustspiel ein Trauerspiel werden mußte... warum geht auch ein Schreiner- geselle nicht im Frack, im weißgcstärktcn Hemd, warum nicht in Lackschuhen und im glänzenden Zylinderhut, warum nicht mit einem Monokel im Auge zu und von seiner Arbeits- statte?_ Unser verdienrcr Polizeipräsident. Herr v. Jngow ist vom Verein für die Geschichte Berlins zum Ehrenmitglied gewählt worden und hat die Wahl an- genommen. In der Tat— die Verdienste des Herrn v. Jagow um die Geschichte Berlins sind unvergänglich. Die Ehren- Mitgliedschaft konnte keinen Würdigeren treffen. Nun noch her mit dem Marmordenkmal im Tiergarten. Die Militärwache am Monbijou. Seit acht Tagen besteht die stationäre Militärwache im Keller dcS Schlößchens Monbijou nicht mehr. Der Posten wird jetzt, um die Hohcnzolleriireliquien zu bewachen, die im Schloß Monbijou vergilben und verräuchern, von der Schloßwache am Lustgarten gestellt. Zu den Zeiten Friedrich Wilhelms IV., lange vor der Revo- lution, wurde in'.Monbijou ein großer Silberdiebstahl trotz aller militärischen Bewachung verübt. Der König sicherte damals öffent- lich den Dieben für die Rückgabe der gestohlenen Wertsachen völlige Straffreiheil zu— auch ein erbebendes Beispiel für preußische Justizpflege. Die Diebe zogen es aber in Borahnung kominender Ereignisse doch vor, dem Worte gerade dieses Preußenkönigs, der sogar den Verfassungseid gebrochen hat, nicht über den Weg zu trauen.___ Vom Wirken des Berliner Vormundschaftsaurtes. Die vom Vormundschaftsamt der Stadt Verlin geführte Be- rufsvoimundschafl besteht erst seit 2� Jahren; trotzdem ist soeben schon das 19 999. Mündel unter Vormundschaft gekommen. Wer aus Erfahrung weiß, welche Schwierigkeilen und Mühen nicht selten die Führung einer einzigen Vormundschaft mit sich bringt, wird sich eine annähernde Vorstellung davon machen können, welche Unzahl von Pflichten die gleichzeitige Fürsorge für viele Tausende von Mündeln in sich schließt. In den letzten 2>/« Jahren wurden durch das Wirken des Vormundschastsaints der Stadt Berlin aber auch 19 999 Berliner Bürger vor dem oftmals mühevollen Amte eines Vormundes bewahrt und konnten ihre Kräfte anderweit m den Dienst der Oesientlichkeit stellen. Das sriih« Eingreifen ärztlicher Fürsorge hat seine erfreuliche Einwirkung auf die Sterblichkeit der unehelichen Kinder nicht verfehlt. Ebenso müssen die finanziellen Ergebnisse der Berufsvormundschast als ganz außerordentlich günstige bezeichnet werden. Der Stadt Berlin zur Nachachtnng. Der Genieindevorstand von Treptow hat im Rathause eine Aufbewahrungsstelle für Verfügungen über Anordnung der Feuerbestattung eingerichtet, die allgemeinen Beifall ge- funden hat. Die Benutzung ist kostenfrei. Ueber die Auf- beivahrung wird eine Bescheinigung erteilt. Ausgeschlossen von der Aufbewahrung sind letztwillige Verfügungen, die außer der Anordnung der Feuerbestattung noch andere An- gelegenheiten regeln. Eine Gewähr für die formgerechte Ab- fassung der selbstgeschriebenen letzstvilligen Verfügungen kann der Gemeindevorstand durch die amtliche Aufbewahrung natürlich nicht übernehmen. Das Krematorium in Treptow wird nicht nur von Gerncindeangchörigen, sondern auch von Auswärtigen benutzt. Es ist das ansprechendste in Groß- Berlin. Die Stadt Berlin sollte von Treptow lernen. In der Stadtverordnetenversammlung ist bereits angeregt worden, im Rathause eine Stelle zu errichten, an der letztwillige Ver- fügungen über Feuerbestattungen niedergelegt werden können. Beisetzung der fünf Opfer der Einsturzkatastrophe in Lichtenberg. Unter außerordentlicher Beteiligung weiter BevökkerunqS kreise hat gestern vormittag die Beerdrgang der fünf Opfer der Einsturz- katastrophe bei der Knorr-Bremse-Aktiengesellschaft stattgefunden. Trotz der frühen Stunde— 9 Uhr hatten sich auf dem entlegenen Gemeindefriedhof in der Lückstratze in Lichtenberg, auf dem der Schleifer Eichholz und die Arbeiter Zingel, Jahn und Mex zur letzten Ruhe bestattet wurden, Tausende eingefunden, um an der Feier teilzunehmen. Vertreten waren auch die Angestellten, die kaufmännischen und technischen Leiter und die Werkmecher. Von der Direktion waren die Direktoren Vielmeker und Hildebrandt an- wesend. Den Lichtenberger Polizeipräsidenten vertraten Polizei- assessor Münk und Kriminalkommissar Baumann. Die vier reich mit Kranzspenden geschmückten schwarzen Särge wurden von der Kapelle durch ein Spalier der Arbeitskollegen der Verunglückten zur gemeinsamen Gruft getragen, die sich dicht neben den Gräbern der Opfer der Explosions katastrophe in den Rummels- burger Anilinwerken befindet. Den einzelnen Särgen folgten die Angehörigen der Verstorbenen. Herzergreifend war der Jammer der Frau und der vier unmündigen Kinder des Schleifers Eichholz. Eingeleitet wurde die Trauerfeier durch den Vortrag des Liedes„Zum Reich der Gräber" durch den Arbeitergesangverein der Fabrik. Dann hielt Pastor Kunzendorf-Lichtenberg den drei ersten Opfern eine tiefempfundene Gedächtnisrede. Die Trauer- rede für den jugendlichen katholischen Arbeiter Alex sprach Erz- Priester Kuhborn-Lichbcnberg. Mit dem Gesang der Lieder„Dort unten ist Friede" und„Wenn sich zwei Herzen scheiden" schloß die ergreifende Feier. Um 12 Uhr mittags wurde daS fünfte Opfer der Katastrophe, der Arbeiter Nowack auf dem Gemeindefriedhof in Wilhelmsberg zur letzten Ruhe bestattet. Dorthin wurden die Teilnehmer von dem Kirchhof in Lichtenberg mit Strahenbahn-Sonderwagen befördert, die die Direktion der Knorr-Bremse-Akticngesellschaft gestellt hatte. Die Trauerrede hielt der Ortsgeistliche; Gesänge des Fabrik- gescmgvcreinS eröffneten und beendeten die Feier. Tie Mordtat eines„Bcscsicncn". Gegen den Tischler Josef Plischka, der, wie mitgeteilt, im Juni d. I. seine Braut, die 29jähnge P r i e S k e, im Hause Königsberger Straße 26/27, wo sie mit ihrer Mutter, einer Lehrer- witwe. wohnte, durch mehrere Stiche ins Herz erdolcht hatte, ist jetzt die Vorimtersuchung wegen Mordes eröffnet worden. Alach dem Ergebnis der von dem Untersuchungsrichter, Landrichter Dr. M o d a, geleiteten Ermittelungen, scheim Plischka die Tat vorher geplant und mit voller Ueberlegung zur Ausführung gebracht zu haben, da in seinem Besitz außer dem Dolch ein Revolver und verschiedene Gifte, darunter eine größere Dosis Zyankali, gesunden wurden- In seiner Vernehmung hat P. erllärt, daß er sich aus Verzweiflung über die Treulosigkeit feiner Braut mit den Waffen und Giften habe selbst entleiben wollen. Vorher habe er ihr aber einen„Denkzettel" geben wollen, und zwar habe er beabfichligt, ihr die Nase abzuschneiden, um ihr auf diese Weise die Schönheit und die Hoffnung aus einen neuen Bräutigam zu nehmen. In der Aufregung habe er dann, als er die Prieske plötzlich kommen sah, blindlings drauflosgestochen. Vom Rechtsanwalt Harry Pincuö als Verteidiger des Plischka, ist geltend gemacht worden, daß P. ein krankhafter Phantast, der in seinem Heimatdorf Czersk in dem Rufe eines„vom Teufel Be« s e s s e n e n" gestanden habe. Wegen seines unheimlichen Gebarens sei er allgemein«Der Satan" genannt ivorden. So habe er, wie Zeugen angeben, oft des Nachts beim Vollmond den Friedhos aufgesucht, um dort die«Seelen zu erwecken"»md unter Verwendung eines angeblich im Jahre 1749 gednickt�ti Buches, D as 6. und 7. Buch Mosis", welches er von einer 94jnhrigen Frau aus Tuchel für 29 M. erstanden hatte, und Anwendung geweihter Kerzen und eines sog. Blulsteins die bösen Geister bannen wollen. Dann habe er an der Friedhofsmauer geheimnisvolle Kreise Le- zogen, die Asebe verbrannter Schlangen um sich gestreut und utter Murmeln geheimnisvoller Zauberformeln sich in den Arm gestochen und mit seinem eigenen Blut einen Vertrag niedergeschrieben, in dem er seine Seele dem Teufel verschrieb, wenn er es ihm ermög« liche, bis zu feinem siebzigsten Jahre gesund und im Reichtum zn leben. Nachdem er sich einige Zeit als Gesundbeter betätigt halte, war Plischka als Entfesselungskünstler, Degenschlucker und Bauchredner in den Varieiss beschäftigt. Voraussichtlich wird P. erst längere Zeit auf seinen Geffteszustand untersucht werden. Di« verräterische Maske. Um sich unkenntlich zu machen, war einer jener Schwindker. die eS auf Kinder und junge Burschen und Mädchen abgesehen haben, auf den Gedanken gekommen, eine schwarz« Augeniappp zu tragen. In vielen Fällen, wo Kinder und Laufburschen diesen Schwindlern ins Garn gegangen waren, indem sie ihnen ihre Pakete über- laffen hatten, während sie selbst vergeblich»ersuchten, einen ihnen übcrgebeven Brief zu bestellen, wieset, sie bei der Anzeige darauf hin, daß der Gauner eine schwarze Augenkappe getragen habe. Bei ihren Nachforschungen richtete die Kriminalpolizei deshalb auf dieses Merkmal ihr besonderes Augenmerk und hierdurch gelang es ihr auch, einen jungen Burschen festzunehmen, als er sich in verdächtiger Weise an Kinder heranzumachen versuchte. Der Berhaftete, der ganz gesunde Augen hat und die Klappe bald vor dem linken, bald vor dem rechten Auge trug, um sich unkenntlich zu machen, hat also durch diese„Vorsichtsmaßregel" gerade das Gegenteil erreicht. Der Schwindler würbe als ein 23 Jahre alter früherer Hausdiener Alfred Löwe entlarvt, der aus Lodz stammt. Wegen Schwindeleren dieser Art hatte er zuletzt in Somrenburg zwei Jahre Zuchthaus verbüßt._ Ein ungewöhnlich vrcistcr Automobtldiebstahl wurde in der Nacht zum Sonntag am Oranienburger Tor verübt. Ein Chauffeur der AutomobilvertriebSgefellschaft hielt mit feinem Wagen vor dem Haufe Elsasser Straße 44. Der Chauffeur fuchre für einen Augenblick ein Lokal auf. Trotzdem er durch das Schau- fenster des Lokals fortwährend nach der Benzinbroschke sah, war der Wagen plötzlich verschwunden. Der Wagen ist eine offene Kraft- droickike der N. A.-G. und trägt die Motornummer 6171 und die Fabriknummer 6931. Der Wagen ist marstallbraun lackiert und vrersitzrg. Auf seine Wiedererlangung hat die Firma eine hohe Be« lohnung ausgesetzt.__ Ein Zusammenstoß«iueS Lastwagens mit einem Straßenbahn- wagen hat sich am gestrigen Montagvormittng an der Ecke der Luisen- und Schumannstraße ereignet. Dort bog ei» Fuhrwerk der Firma Ed. Sarre aus der Borsigstraße kurz vor einem Straßenbahnwagen der Linie 31 auf das Gleis. Obwohl der Führer des Bahnwagens nach Kräften bremste, kam es doch zu einem Zufammenprall, der so heftig war, daß der Bahnwagen mit der Vorderachse a»S den Schienen geworfen und eines ver Pferde des Lastwagens verletzt wurde. Personen wurden glücklicherweise bei dem Zusammenstoße nictit verletzt. Der Bahirwagerr, an dem der Vorderperron»ingedrückr worden war, wurde durch einen nachfolgenden Triebwagen eingegleist. Der Selbstmord einrS Arbeitslosen rief gestern mittag in der KöSlmer Straße Aufsehe« hervor. Der 44 Jahr« alte Marren« mofficr Ernst Schol,. Kösliner Straße 18 wohnhaft, war lange Zeit arbeitslos und mußte infolgedessen in den letzten Tagen arge Not leiden. Nicht einmal das geringste zu essen hatte er. Der Acrmste wußte schließlich keinen anderen Ausweg mehr, als den Tod zu suchen. Gestern mittag stürzte er sich aus seiner im vierten Stock- werk belegenen Behausung aus die Straße hinab und blieb mit zerschmetterten Gliedern und schweren inneren Berletzungen liegen. Sterbend wurde der Lebensmüde in das Virchow-Kranlenhaus ein- geliefert. Ein schwerer Straßenunfall ereignete sich gestern nachmittag an der Potsdamer und Lützowstraßen- Ecke. Dorr wurde der Rad- fahrer Albert Franz aus der Borsigslraße von einer Kraitdroschke ersaßt und durch den Stoß unter den Schutzrahmen eines Straßen- bahnwagenS der Linie 67 geschleudert. Mit schweren inneren und äußeren Verletzungen wurde er in das Elisabeth-Krankenhaus in der Lützowstraße gebracht. Die Leitung der Brauerei Bötzow hat, wie wir gebeten werden mitzuteilen, bis vor 4 Wochen in den Händen des verstorbenen Kommerzienrats Julius Bötzow gelegen, da sein Bruder Hermann seit längerer Zeit krank ist.. Aufruf! Der Heizer Franz Krüger, angeblich am 15. Januar 1K85 zu Berlin geboren, ist in Amerika beim Brande eines Dampsers tödlich verunglückt. Seine Mutter, Frau Emma Krüger, welche Kcrsarstr. 10s— einer in Berlin und den Vororten unbekannten Straße— wohnen soll, bat sich nicht ermitteln lassen. Auch Nach- forschungen nack sonstigen Anverwandten waren ergebnislos. An- gehörige oder Personen, die zur Sache Auskunft geben können, werden ersucht, ibre Angaben dem Königlichen Polizeipräsidium Berlin, Abteilung II, zum Aktenzeichen X. 102. II. R. 14 schriftlich mitzuteilen oder im Zimmer 2SSo des Dienstgebäudes zu Protokoll zu erklären. Königliche Bibliothek. Wegen IlmzugS in die neuen Räume werden die Hauptbenutzungsstellen der Kgl. Bibliothek